Die letzte Mohikanerin

Ich und der Stabsrittmeister a. D. und Gutsbesitzer Dokukin, bei dem ich im Frühjahr zu Besuch war, saßen eines schönen Morgens in Großvatersesseln und blickten träge zum Fenster hinaus. Die Langeweile war ganz fürchterlich.

»Pfui Teufel!« schimpfte Dokukin. »So langweilig ist es, daß ich mich selbst über den Besuch eines Gerichtsvollziehers freuen würde!«

– Soll man sich am Ende wieder schlafen legen? – fragte ich mich.

Und wir dachten über die Langeweile lange nach, so lange, bis wir durch die schon lange nicht gewaschenen, in allen Farben des Regenbogens schillernden Fenster eine kleine Veränderung im Kreislaufe der Welt gewahrten: der Hahn, der vor dem Tore auf einem Haufen vorjährigen Laubes gestanden und bald den einen, bald den anderen Fuß gehoben hatte (er wollte nämlich beide Füße zugleich heben), fuhr plötzlich zusammen und rannte, wie von einer Schlange gebissen, vom Tore weg.

»Jemand kommt gegangen oder gefahren…« versetzte Dokukin lächelnd. »Wenn uns der Teufel wenigstens Gäste bringen wollte… Das wäre immerhin lustiger…«

Der Hahn hatte uns nicht getäuscht. Im Tore zeigte sich zuerst ein Pferdekopf unter grünem Krummholz, dann das ganze Pferd und schließlich ein dunkler, schwerer Wagen mit unförmlichen Flügeln, die an die Flügel eines zum Auffliegen bereiten Käfers erinnerten. Der Wagen kam in den Hof, schwenkte schwerfällig um und rollte dröhnend und klirrend zu den Pferdestallungen. Im Wagen saßen zwei menschliche Gestalten: die eine schien weiblich, die andere, die etwas kleiner war, männlich.

»Hol der Teufel…« brummte Dokukin, mich mit erschrockenen Augen ansehend und sich die Schläfe kratzend. »Hab keinen Kummer gehabt, und nun haben mir die Teufel einen geschickt. Nicht umsonst sah ich heute im Traume einen Ofen.«

»Warum? Wer ist denn gekommen?«

»Meine liebe Schwester mit dem Herrn Gemahl, daß sie…«

Dokukin stand auf und ging einmal nervös durch das Zimmer.

»Es ist mir sogar kalt ums Herz geworden…« brummte er.

»Es ist zwar Sünde, für seine leibliche Schwester keine verwandtschaftlichen Gefühle übrig zu haben, aber glauben Sie mir: es wäre mir angenehmer, einem Räuberhauptmann im Walde zu begegnen, als sie zu empfangen. Sollen wir uns vielleicht verstecken? Timoschka kann ihr ja vorlügen, daß wir in die Kreisstadt zur Konferenz gefahren sind.«

Dokukin rief laut den Timoschka. Es war aber zu spät, um zu lügen und sich zu verstecken. Nach einer Weile tönten aus dem Vorzimmer Stimmen: eine weibliche Baßstimme tuschelte mit einem männlichen Tenor.

»Bring’ mir unten den Rockbesatz in Ordnung!« sagte die Baßstimme. »Wieder hast du die falsche Hose angezogen!«

»Die blaue Hose haben Sie dem Onkel Wassilij Antipytsch geschenkt, und die bunte ließen Sie mich für den Winter aufheben,« rechtfertigte sich der Tenor. »Soll ich den Schal Ihnen nachtragen oder hier lassen?«

Die Tür ging endlich auf, und ins Zimmer trat eine etwa vierzigjährige, großgewachsene, volle Dame in blauem Seidenkleide. Ihr rotbackiges, sommersprossiges Gesicht drückte soviel stumpfe Einbildung aus, daß ich sofort begriff, warum Dokukin sie nicht mochte. Der Dame folgte trippelnd ein kleines schmächtiges Männchen in buntem Röckchen, weiter Hose und Samtweste, – engbrüstig, bartlos, mit rotem Näschen. An seiner Weste baumelte eine goldene Uhrkette, die an ein Kettchen, an dem man die Lämpchen vor den Heiligenbildern aufzuhängen pflegt, erinnerte. In seiner Kleidung, seinen Bewegungen, seinem Näschen, in seiner ganzen komischen Figur lag etwas sklavisch Demütiges und Gedrücktes… Die Dame trat ins Zimmer, wandte sich, ohne uns anzublicken, zu den Heiligenbildern und begann sich zu bekreuzigen.

»Bekreuzige du dich auch!« befahl sie ihrem Mann.

Das Männchen mit dem roten Näschen fuhr zusammen und begann sich zu bekreuzigen.

»Guten Tag, Schwester!« wandte sich Dokukin an die Dame, als jene mit dem Beten fertig war, und seufzte auf.

Die Dame lächelte solid und reichte ihre Lippen denen Dokukins.

Auch das Männchen bot seine Lippen dar.

»Gestatten Sie, daß ich vorstelle… Meine Schwester Olimpiada Jegorowna Chlykina… Ihr Gatte, Dossifej Andrejitsch… Und dieser da ist mein guter Bekannter…«

»Freut mich sehr,« sagte Olimpiada Jegorowna gedehnt, ohne mir die Hand zu reichen. »Freut mich sehr…«

Wir nahmen alle Platz. Eine Minute verging in Schweigen.

»Hast wohl den Besuch nicht erwartet?« begann Olimpiada Jegorowna, sich an Dokukin wendend. »Ich hatte auch gar nicht die Absicht, dich zu besuchen, lieber Bruder, da muß ich aber zum Adelsmarschall und bin unterwegs eingekehrt…«

»Warum fährst du zum Adelsmarschall?« fragte Dokukin.

»Warum ich hinfahre? Um mich über ihn zu beschweren!« sagte die Dame mit einem Blick auf ihren Gatten.

Dossifej Andrejitsch senkte die Aeuglein, zog die Beine unter den Stuhl ein und hüstelte verlegen in die hohle Hand.

»Warum willst du dich über ihn beschweren?«

Olimpiada Jegorowna seufzte.

»Er hat seinen Stand vergessen!« sagte sie. »Was soll ich tun? Ich habe mich schon bei dir beklagt, lieber Bruder, und auch bei seinen Eltern, war mit ihm beim Geistlichen P. Grigorij, damit er ihm eine Ermahnung erteile, habe auch selbst alle Mittel angewandt, nichts hat geholfen! Nun muß ich notgedrungen den Herrn Adelsmarschall bemühen…«

»Was hat er denn angestellt?«

»Nichts hat er angestellt, aber seinen Stand hat er vergessen! Er ist zwar still und respektvoll, trinkt auch nicht, aber was nützt das, wenn er an seinen Stand nicht denkt? Schau ihn nur an, wie er gebückt dasitzt, wie irgendein Bittsteller oder Kleinbürger. Sitzt denn ein Edelmann so? Sitz ordentlich! Hörst du?«

Dossifej Andrejitsch reckte den Hals, hob das Kinn, offenbar um sich ordentlich hinzusetzen, und blickte seine Frau scheu und ängstlich an. So blicken kleine Kinder, wenn sie sich einer Schuld bewußt sind. Als ich merkte, daß das Gespräch auf intime Familiendinge kam, erhob ich mich, um hinauszugehen. Die Chlykina merkte diese Bewegung.

»Macht nichts, bleiben Sie nur!« sagte sie, um mich zurückzuhalten. »Den jungen Leuten ist es nützlich, solches zu hören. Wir sind zwar nicht gelehrt, kennen aber das Leben besser als Sie. Wir wollen bei dir zu Mittag essen, lieber Bruder,« wandte sie sich an Dokukin. »Bei dir gibt es heute sicher nur Fleischspeisen, du hast wohl vergessen, daß heute Mittwoch ist…« Sie seufzte. »Laß uns bitte Fastenspeisen zurichten. Etwas anderes werden wir nicht essen, Bruder.«

Dokukin rief Timoschka herbei und bestellte Fastenspeisen.

»Und wenn wir gegessen haben, fahren wir zum Adelsmarschall…« fuhr die Chlykina fort. »Ich werde ihn flehentlich bitten, sich der Sache anzunehmen. Es ist seine Sache, aufzupassen, daß die Edelleute nicht liederlich werden.«

»Ist Dossifej liederlich geworden?« fragte Dokukin.

»Als ob du es zum erstenmal hörtest!« erwiderte Chlykina, die Stirne runzelnd. »Dir ist es übrigens ganz gleich… Auch du denkst nicht allzusehr an deinen Stand… Wir wollen aber den Herrn jungen Mann fragen. Junger Mann,« wandte sie sich an mich, »halten Sie es für gut, wenn ein Edelmann mit jedem Gesindel verkehrt?«

»Es kommt darauf an, mit wem,« sagte ich verlegen.

»Zum Beispiel mit dem Kaufmann Gussjew. Ich lasse diesen Gussjew nicht über die Schwelle, er aber spielt mit ihm Dame und nimmt bei ihm zuweilen auch einen Imbiß ein. Ziemt es sich für ihn, mit einem Schreiber auf die Jagd zu gehen? Worüber kann er mit einem Schreiber reden? Wenn Sie es wissen wollen, mein Herr, so darf so ein Schreiber sich gar nicht erlauben, in seiner Gegenwart auch nur einen Ton von sich zu geben, geschweige denn zu sprechen!«

»Ich habe einen schwachen Charakter…« flüsterte Dossifej Andrejitsch.

»Ich werde dir schon den Charakter zeigen!« drohte die Frau, mit dem Siegelring gegen die Stuhllehne klopfend. »Ich werde dir nicht erlauben, unsere Familie zu beschmutzen! Du bist zwar mein Mann, ich werde dich aber blamieren! Das mußt du begreifen! Ich habe dich ja zu einem Menschen gemacht! Seine Familie, mein Herr, das Chlykinsche Geschlecht ist ein heruntergekommenes Geschlecht, und wenn ich, eine geborene Dokukina, ihn genommen habe, so muß er das schätzen und fühlen! Er kommt mir auch gar nicht billig zu stehen, mein Herr, wenn Sie es wissen wollen! Was kostete es mich, ihm ein Amt zu verschaffen! Fragen Sie ihn bloß! Wenn Sie es wissen wollen, so kostete mich das Examen für den ersten Dienstrang allein dreihundert Rubel! Und warum bemühe ich mich so? Glaubst du etwa, daß ich mich deinetwegen so abplage, du Maulaffe? Bilde es dir ja nicht ein! Mir ist es nur um unseren Namen zu tun! Wäre nicht der Name, so wärst du bei mir schon längst in der Küche verfault, wenn du es wissen willst!«

Der arme Dossifej Andrejitsch hörte zu, schwieg und fuhr zusammen, – ich weiß nicht, ob vor Angst oder Scham. Auch beim Mittagessen gab ihm seine strenge Gattin keine Ruhe. Sie ließ ihn nicht aus den Augen und verfolgte jede seiner Bewegungen.

»Tu dir Salz in die Suppe! Wie hältst du den Löffel?! Schiebe die Salatschüssel zur Seite, sonst schmeißt du sie mit dem Aermel um! Zwinkere nicht mit den Augen!«

Er aber aß mit größter Eile und zuckte unter ihren Blicken zusammen wie ein Kaninchen unter den Blicken einer Riesenschlange. Er aß mit seiner Frau die Fastenspeisen und schielte begehrlich nach unseren Koteletts.

»Sprich das Tischgebet!« sagte ihm die Frau nach dem Essen. »Bedanke dich beim Bruder!«

Nach dem Essen begab sich die Chlykina ins Schlafzimmer, um etwas auszuruhen. Als sie draußen war, fuhr sich Dokukin in die Haare und begann auf- und abzugehen.

»Was bist du für ein unglücklicher Mensch, mein Bester!« sagte er, schwer atmend, zu Dossifej. »Ich habe kaum eine Stunde mit ihr gesessen und bin schon ganz kaput; wie bist du erst dran, der du bei ihr Tag und Nacht sein mußt! … Ach! Ein Märtyrer bist du, ein unglücklicher Märtyrer! Ein Kind von Bethlehem, ein von Herodes erschlagenes!«

Dossifej zwinkerte mit den Aeuglein und sagte:

»Sie ist allerdings streng, doch ich muß für sie Tag und Nacht zu Gott beten, – denn ich empfange von ihr nichts als Liebe und Wohltaten.«

»Ein verlorener Mensch!« sagte Dokukin und winkte mit der Hand. »Einst hat er aber Reden in den Adelsversammlungen geschwungen und eine neue Säemaschine erfunden! Zugrunde gerichtet hat die Hexe den Menschen! Du lieber Gott!«

»Dossifej!« erklang die Baßstimme. »Wo steckst du denn? Komm her, vertreibe mir die Fliegen!«

Dossifej Andrejitsch fuhr zusammen und eilte auf den Fußspitzen ins Schlafzimmer…

»Pfui Teufel!« rief ihm Dokukin nach und spuckte aus.

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