Die Lage im Süden nach dem Krieg

Der Amtsantritt des neuen Präsidenten Andrew Johnson änderte zunächst nichts am Ton seiner Äußerungen betreffs Behandlung der Rebellen. In Washington, wie früher in Nashville, war der Inhalt seiner Rede der, daß »Brandstiftung, Raub und Mord Frevel wären, aber Hochverrat ein noch weit schlimmerer Frevel«. Und dieser Frevel des Hochverrates müsse »gebührend bestraft, die Hauptverräter müssen gehängt und die übrigen eingekerkert werden«. Damit wollte er, wie er später mehrfach zugab, sagen, daß ihre großen Pflanzungen vom Staate sequestriert, aufgeteilt und an kleine Farmer verkauft werden sollten. Kurz, man hatte Grund zu befürchten, daß unter der Regierung Andrew Johnsons das Vaterland eine Reihe von blutigen Prozessen erleben würde, ehe die politische und soziale Rekonstruktion der Südstaaten in Angriff genommen werden konnte. In Unterredungen mit mir, und mehr noch mit Männern in hohen öffentlichen Ämtern, deutete er verschiedentlich an, daß er einverstanden und bereit sei, den Negern einen Anteil an der Rekonstruktion ihrer Staaten zu gewähren, aber es blieb bei diesen unbestimmten Andeutungen. Er schien noch keinerlei Entschluß gefaßt zu haben.

Um so größer war die Überraschung, als am 29. Mai 1865 zwei Proklamationen des Präsidenten erfolgten. Die eine, eine Amnestie, machte der befürchteten Politik des Hängens und der Ausbeutung der politischen Verbrecher ein Ende. Die andere ernannte provisorisch einen Gouverneur für Nord-Carolina, der tunlichst bald Vorschriften zur Zusammenberufung eines ausschließlich aus unionstreuen Abgeordneten bestehenden Konvents erlassen sollte, zwecks Änderung und Verbesserung der Verfassung des genannten Staates und mit der Vollmacht, alle Maßregeln ergreifen zu können, welche der treugesinnten Bevölkerung von Nord-Carolina ermöglichen, die verfassungsmäßige Verbindung ihres Staates mit der Bundesregierung wieder herzustellen usw. Die Proklamation verfügte weiter, daß »bei der Wahl zu irgendeinem Konvent kein Wähler stimmberechtigt und kein Abgeordneter wählbar ist, der nicht vorher den vorgeschriebenen Treueid geleistet hat, und der nicht auch nach den im Jahre 1861 – vor den sogenannten Verordnungen der Sezession – geltenden Bestimmungen ein stimmberechtigter Wähler von Nord-Carolina ist«. Der von den bezeichneten Wählern gewählte Konvent, oder die später, kraft der von dem Konvent amendierten Staatsverfassung, gewählte Legislatur sollte dann Vollmacht haben, dauernde Bestimmungen über Wähler und Wahlfähigkeit zu öffentlichen Ämtern zu erlassen.

Und wer waren die loyalgesinnten Leute, denen so schwerwiegende Beschlüsse anvertraut wurden? Es waren nicht nur Leute, die während des Krieges der Rebellion ihre Unterstützung versagt und den Vereinigten Staaten ihre Treue bewahrt hatten, sondern auch solche, welche die Rebellion offen unterstützt hatten und sich nur später durch den in der Amnestieproklamation verlangten Treueid reinigten und frei ausgingen. Die Amnestie schloß allerdings verschiedene Gruppen von Leuten, die in dreizehn Abschnitten der Proklamation näher bezeichnet waren, von ihren Wohltaten aus. Es waren meistens Leute, die, ehe sie an der Rebellion teilnahmen, eine amtliche Stellung in der Regierung der Vereinigten Staaten eingenommen oder ein ähnliches Amt bei der Regierung der Konföderation bekleidet hatten, aber auch alle Teilnehmer an der Rebellion, deren gesamtes Vermögen über zwanzigtausend Dollars betrug. Die also Ausgeschlossenen bildeten ohne Zweifel den intelligentesten und einflußreichsten Teil der Bevölkerung; in der Proklamation war deshalb auch vorgesehen, daß von ihnen jeweilig ein direktes Gnadengesuch an den Präsidenten gerichtet werden könnte, dem eine möglichst weitgehende Erwägung und Gewährung zugesichert wurde. Die Gesuche kamen denn auch sofort zu Tausenden und wurden mit der versprochenen Weitherzigkeit gewährt. Es war jedoch durchaus unwahrscheinlich, daß die Ausgeschlossenem durchweg Leute von bewährtem Ansehen und Einfluß in ihren Gemeinden, nun plötzlich ihren Einfluß auf die Menge, die ihrer Führerschaft zu folgen gewohnt war, einbüßen würden.

Die Amnestieproklamation, welche dem Lande und der ganzen Welt den Beweis lieferte, daß der Sieg der Union von keinem blutigen Racheakt befleckt werden sollte, erregte im Norden – außer bei einigen Extremen – allgemeine Befriedigung. Die Proklamation über die Rekonstruktion des Staates Nord-Carolina erregte jedoch allerlei Zweifel und Besorgnis, denn es wurde darin nicht ein bloßes Experiment, sondern eine Regel für die Rekonstruktion aller anderen Staaten erblickt. Sie beschränkte das Wahlrecht auf die Weißen. Unter den Weißen im Süden gab es nur eine sehr kleine Anzahl, die, nachdem die Verordnungen der Sezession Gesetzeskraft erlangt hatten, sich nicht der Rebellion angeschlossen hatten. Die verhältnismäßig wenigen unionstreuen Bürger gehörten nicht den einflußreichen Klassen an, und unter diesen wenigen waren nur ganz vereinzelte Vertreter der Antisklaverei. Es war also klar, daß die Mehrzahl der Wähler in den auf diese Weise rekonstruierten Südstaaten aus Männern bestehen würde, die an der Rebellion teilgenommen und sich dann durch Leisten des Treueides die Stimmberechtigung verschafft hatten, und daß diese Mehrzahl unter dem Einfluß derselben Männer stehen würde, deren ruchloses Vorhaben gewesen war, die Union zu vernichten, um auf der Grundlage der Sklaverei ein Reich zu gründen. Die Erwartung war nicht unbegründet, daß diese Männer, wenn sie direkt oder indirekt mit der Regierungsmacht betraut würden, die Abschaffung der Sklaverei formell wohl annehmen, aber keinerlei Mühe sparen würden, die Sklaverei tatsächlich möglichst zu erhalten.

Ich machte also wieder von dem Vorrecht Gebrauch, das mir Präsident Johnson verliehen hatte, und schrieb ihm von der Besorgnis seiner Freunde über die Stellung, die er in der Nord-Carolina-Proklamation eingenommen hatte. Seine Antwort war eine telegraphisch ausgesprochene Bitte, ihn, so bald ich könnte, im Weißen Hause aufzusuchen. Ich reiste sofort ab.

Auf dem Wege nach Washington hatte ich ein Erlebnis, welches von psychologischem Interesse sein dürfte. Ich fuhr von Bethlehem nach Philadelphia, von wo ich den Nachtzug nach Washington nehmen wollte. In Philadelphia verbrachte ich den Abend bei meinem vertrauten Freunde Dr. Tiedemann, dem Sohne des bedeutenden Professors der Medizin in Heidelberg und Bruder jenes Obersten Tiedemann, dessen Adjutant ich 1849 bei der Belagerung von Rastatt gewesen war. Tiedemanns Gattin war eine Schwester von Friedrich Hecker, dem bekannten deutschen revolutionären Führer, der in unserem Kriege hervorragende Dienste als Offizier der Union leistete. Meine Freunde hatten im Bürgerkriege zwei Söhne verloren. Frau Tiedemann, eine sehr intelligente Dame mit lebhafter Phantasie, trug schwer an dem Verlust. Sie lernte damals einen Kreis von Spiritisten kennen, und es wurden ihr »Kundgebungen« ihrer Söhne übermittelt, die sie so rührten, daß sie eine gläubige Anhängerin des Kreises wurde. Ihr Gatte selbst, obwohl er einer philosophischen Schule angehörte, die auf derlei Dinge mißachtend herabsieht, konnte sich eines gewissen rührseligen Interesses an den angeblichen Mitteilungen seiner verstorbenen Söhne nicht erwehren und gestattete, daß in seinem Familienkreise mit Eifer spiritistische Experimente gemacht wurden. Gerade heute abend sollte eine »Séance« stattfinden. Die eine Tochter, ein bildschönes, temperamentvolles Kind von fünfzehn Jahren, hatte auffallendes Talent zum Medium gezeigt. Ein Kreis wurde um den Tisch gebildet, und wir gaben uns die Hände. Plötzlich begann sie heftig zu zittern, ihre Finger bewegten sich krampfhaft, sie ergriff einen ihr dargebotenen Bleistift und schrieb wie von unwiderstehlicher Macht getrieben in zuckenden Bewegungen die Mitteilungen auf, welche die gerade anwesenden Geister ihr auftrugen. An jenem Abend hatten mehrere der Familie bekannte Verstorbene indes nichts weiter zu verkünden, als daß sie »in höheren Sphären lebten«, »glücklich wären«, »oft bei uns wären«, »uns alles Glück wünschten« u. dgl. m.

Endlich wurde ich gebeten, doch auch einen Geist herbeizurufen, und ich entschied mich für Schiller. Ein paar Minuten lang blieb die Hand des Mädchens regungslos; dann schrieb sie, der Geist Schillers sei anwesend und frage nach meinem Begehr. Ich bat, er möge als Beweis einen oder mehrere Verse aus seinen Dichtungen anführen. Da schrieb das Mädchen die deutschen Worte:

»Ich höre rauschende Musik, das Schloß ist von Lichtern hell. Wer sind die Fröhlichen?«

Wir waren alle sehr verwundert. Die Verse hatten einen Schillerschen Klang, aber im Augenblick konnte sich niemand besinnen, wo sie vorkamen. Plötzlich fiel mir der letzte Akt von Wallensteins Tod ein. Der betreffende Band Schillers Werke wurde herbeigeholt, und meine Vermutung bestätigte sich. Im stillen fragte ich mich, ob dieses sehr intelligente, aber durchaus nicht leselustige Kind eine so ernste Dichtung wie Wallensteins Tod gelesen haben könnte; und wenn das der Fall war, weshalb ihr gerade diese außer dem Zusammenhang ganz unverständlichen Verse im Gedächtnis haften geblieben waren. Als die Séance beendet war, fragte ich sie, was sie von »Wallensteins Tod« wisse, und sie – deren Wahrhaftigkeit außer Zweifel war – antwortete, sie habe nie eine Zeile dieser Dichtung gelesen.

Aber es sollte etwas noch Merkwürdigeres kommen. Da Schillers Geist nichts mehr sagen wollte, rief ich den Geist Abraham Lincolns herbei. Nach einigen Minuten schrieb das Mädchen, er sei gegenwärtig. Ich fragte, ob er wisse, in welcher Absicht Präsident Johnson mich nach Washington berufen habe. Die Antwort lautete: »Er wünscht, daß Sie eine wichtige Reise für ihn unternehmen«. Ich fragte, wohin. Antwort: »Das wird er Ihnen morgen sagen«. Ich fragte weiter, ob ich die Reise denn unternehmen würde. Antwort: »Ja, verfehlen Sie ja nicht, es zu tun.« – Ich darf hier wohl einschalten, daß ich selbst damals noch nicht die entfernteste Ahnung hatte, daß es sich um eine Reise handele. Das Naheliegendste war, anzunehmen, der Präsident wolle den Inhalt meiner Briefe mit mir besprechen.

Ich fragte nun, ob der Geist Lincolns mir noch etwas mitzuteilen habe. Antwort: »Ja, Sie werden einst Senator der Vereinigten Staaten sein.« Dies erschien mir denn doch so abenteuerlich, daß ich mein Lachen kaum unterdrücken konnte. Ich fragte aber weiter: »Für welchen Staat?« Antwort: »Missouri.« Dies war noch geheimnisvoller und stachelte meine Neugierde aufs höchste an. Die Mitteilungen brachen jedoch hier ab. Nichts hätte zu jener Zeit unwahrscheinlicher sein können, als daß ich Senator der Vereinigten Staaten für den Staat Missouri würde. Mein Wohnsitz war in Wisconsin, und dahin zurückzukehren, war meine feste Absicht. Ich hatte nie daran gedacht, von Wisconsin nach Missouri zu ziehen, und es lag nicht die geringste Veranlassung vor, es je zu tun. Aber ich will nun meiner Erzählung vorgreifen und schon hier erwähnen, daß ich zwei Jahre später mit einem ganz unerwarteten geschäftlichen Anerbieten überrascht wurde, das meine Übersiedelung nach St. Louis notwendig machte, und daß ich im Januar 1868 vom Staate Missouri zum Senator erwählt wurde. Da fiel mir die spiritistische Séance bei Tiedemanns wieder ein, die ich inzwischen vergessen hatte, und ich hätte mich in Hinsicht darauf auch nicht auf mein Gedächtnis verlassen, wenn mir die Sache nicht von Freunden, die sie miterlebt, bestätigt worden wäre.

Ich habe hier nur meine Erfahrung wiedergegeben und möchte keinerlei Erklärung versuchen. Die Anhänger des Spiritismus werden darin einen abermaligen Beweis für ihre Lehre erblicken, und es ist in der Tat einer der schlagendsten, die mir je vorgekommen sind. Die im ersten Bande meiner Lebenserinnerungen enthaltene Schilderung meiner Erfahrungen mit der Hellseherin in Paris ist ja der obigen sehr ähnlich, nur sollten dort nicht »Geister« mitgewirkt haben. Daß in den beiden von mir erzählten Fällen Betrug gewaltet haben sollte, ist nicht anzunehmen; es liegt daher der Schluß nahe, daß auf den menschlichen Geist geheimnisvolle, uns dem Wesen nach noch unbekannte Mächte einwirken können. Die Wissenschaft legt ihnen die Namen »Telepathie« oder »Suggestion« oder »spiritistische Manifestation« bei, die wohl interessante Probleme zu erkennen geben, uns aber über das Wesen dieser Mächte vollständig unaufgeklärt lassen. Es geht damit wie mit einer andern Kraft, die vor ein paar Jahrhunderten den Namen Zauberei erhalten hätte, und die jetzt unsere vertraute Dienerin geworden ist, ich meine die Elektrizität. Wir sehen da auch die Naturkraft und ihre Wirkungen; wir können diese Kraft beherrschen und sie zu allerlei praktischen Dingen brauchen, aber was sie eigentlich ist, wissen wir nicht.

Präsident Johnson sagte mir bei unserer Begegnung, er habe mit großem Interesse meine Briefe gelesen und erwäge reiflich die darin ausgesprochenen Gedanken. In einer Hinsicht freilich habe ich seine Absichten vollständig mißverstanden. Seine Nord-Carolina-Proklamation sollte keine allgemeingültige Regel für die Rekonstruktion der »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« abgeben. Es sollten nur Übergangsbestimmungen sein, und die Lage der Dinge in Nord-Carolina schien ihm für dieses Experiment gerade besonders geeignet. Betreffs der Golfstaaten war er in Zweifel und nicht ohne Sorge. Er wünschte, daß die Beziehungen dieser Staaten zu der allgemeinen Bundesregierung so bald wie möglich wiederhergestellt werden möchten, wußte aber nicht, ob das mit genügender Sicherheit für die unionstreue Bevölkerung wie für die emanzipierten Sklaven ausführbar sei. Deshalb bat er mich, jene Staaten zu bereisen und ihm über alles, was ich für wichtig hielte, zu berichten und ihm zugleich Vorschläge zu machen, die nach meinen Beobachtungen zur Ausführung zu empfehlen seien. Der Bitte fügte er viele mir sehr schmeichelhafte Ausdrücke des Vertrauens zu meiner Einsicht und zu meinem Charakter hinzu und sprach sehr angelegentlich die Hoffnung aus, daß ich seine Bitte nicht abschlagen werde. Mir machte er den Eindruck eines Menschen, der unter dem Druck der Verhältnisse gegen den eigenen Wunsch und Willen einen wichtigen Schritt getan hat, der ihn jetzt beunruhigt.

Die Bitte des Präsidenten kam mir außerordentlich überraschend. Ich begriff nicht, warum er gerade mich zu dieser heikeln Mission ausersehen hatte. Überdies war die Aussicht, zwei bis drei Monate der heißesten Jahreszeit in den Golfstaaten zubringen zu müssen, mir keineswegs anziehend. Die ganze Sache kam mir etwas merkwürdig vor, und ich bat daher den Präsidenten, mir ein paar Tage Bedenkzeit zu gewähren, womit er sich einverstanden erklärte. Ich ging nun zum Kriegssekretär Stanton, der damals noch im Amte war, um zu erfahren, ob er dem Präsidenten die Sache vorgeschlagen habe. Er versicherte, daß er nichts davon wisse, ja, daß er eben so überrascht sei, wie ich selbst, redete mir aber dringend zu, sofort anzunehmen. Auf den Präsidenten, sagte er, wirkten allerhand ungünstige Einflüsse ein und das, was ihm am meisten not tue, sei, die Wahrheit zu hören. Ich sprach auch mit Chief Justice Chase darüber, der mir sagte, nach seiner Meinung biete sich mir Gelegenheit, dem·Vaterlande einen wertvollen Dienst zu leisten, und daß ich nicht daran denken dürfe, abzulehnen. Es fiel mir jedoch auf, daß keiner von beiden die geringste Andeutung machte in bezug auf die Berichte, die sie von mir erwarteten oder wünschten. Andern Tags teilte ich Johnson mit, daß ich bereit sei, die Reise anzutreten. Damit zwischen uns alles ganz klar wäre, kam ich noch einmal darauf zurück, daß nach meiner Ansicht seine Rekonstruktionspolitik unzweckmäßig und gefährlich sei, daß aber, falls meine Beobachtungen in den Südstaaten mir bewiesen, daß ich im Irrtum sei, ich dies freimütig eingestehen und keine falsche Scham mich davon zurückhalten würde. Einzig und ausschließlich solle es meine Pflicht sein, ihm den wirklichen Stand der Dinge mitzuteilen. Der Präsident erklärte sich für vollständig befriedigt und wiederholte seinen Ausdruck vollsten Vertrauens. Der Kriegssekretär gab mir einen Offizier eines New Yorker Freiwilligen-Regiments, Hauptmann Orlemann, einen tüchtigen und liebenswürdigen Herrn, als Begleiter mit und ordnete an, daß alle Offiziere in den Golfstaaten mir, wo irgend möglich und erwünscht, Hilfe und Unterstützung angedeihen lassen sollten. So ausgerüstet machte ich mich auf die Reise.

Niemals werde ich meinen ersten Eindruck von Charleston vergessen. Am frühen Morgen liefen wir in den Hafen ein. Wir passierten Fort Sumter, von dem nach der Bombardierung nur noch ein unförmlicher Trümmerhaufen übrig war, und da lag die Stadt vor unseren Blicken ausgebreitet: links eine Reihe mehr oder weniger eleganter Wohnungen, rechts ein enggebautes Hafenviertel. Im Hafen lagen nur wenige kleine Segelschiffe und Dampfer. Wir machten an einer verfallenen Landungsbrücke von Zwergpalmenholz fest. Auf den Quais war keine Menschenseele zu sehen. Die Packhäuser und Lagerschuppen schienen verödet. Es gab kaum ein Gebäude, das nicht deutliche Spuren der Geschosse unserer Truppen zeigte.

Weiter oben in der Stadt kamen wir durch einen Teil des sogenannten »verbrannten Bezirks«; es sah dort wie ein riesiger Friedhof aus, auf welchem zerfallene Mauern und hochragende, geschwärzte Schornsteine die Grabdenkmäler waren, die von den malerischen Trümmern des Doms überragt wurden. Endlich erreichten wir das Charleston-Hotel, ein großes Gebäude, mit hohem Säulenportikus. Von diesem Portikus aus waren nach dem Inkrafttreten der Sezessionsverordnungen vor einer jubelnden Menge die ersten Reden gehalten, die der Unionsregierung wilden Trotz boten und den Erfolg der südstaatlichen Unabhängigkeitsbewegung als absolut sicher hinstellten. Das Charleston-Hotel war der Versammlungsort der Reichen und der Führer der Gesellschaft in Charleston gewesen. Zur Zeit meines Dortseins wurde es von einem neuen Wirt, einem der bekannten Stetsons aus New York, deren Name mit Astor House verknüpft ist, geleitet. Er hatte das Gebäude so gut wie möglich wieder instand setzen lassen, aber überall an Wänden und Decken sah man viele frischverputzte Stellen, und die bedienenden Neger wußten aufregende Geschichten von der Wirkung der Yankee-Artillerie zu erzählen. Im ganzen machte auch das Hotel einen trostlos verödeten Eindruck.

Wie ich erfuhr, belebte sich das Geschäft in der Stadt langsam. In den Hauptverkehrsstraßen waren oder wurden verschiedene Gebäude wieder instand gesetzt, und von Einwanderern aus dem Norden wurden Läden eröffnet. Man sah überhaupt einem größeren Zuzug von Unternehmungsgeist und Kapital aus den Nordstaaten entgegen, aber diese Aussicht gefiel den meisten Bewohnern von Süd-Carolina gar nicht. Der Gedanke, daß Charleston möglicherweise eine »Yankeestadt« werden sollte, empörte den alten süd-carolinischen Stolz. Ich wurde einem alten hochangesehenen Herrn vorgestellt, der mir in einer langen Unterredung auseinandersetzte, daß er zu denen gehöre, welche die Erfordernisse der gegenwärtigen Situation voll anerkennen und sich ihnen zu unterwerfen bereit seien. Er gab zu, daß materielle Hilfe nötig sei, um den Südstaatlern wieder aufzuhelfen, aber, setzte er hinzu, nie könnte Süd-Carolina, ohne sich zu demütigen, den Norden um finanzielle Unterstützung bitten. Er war sich nicht einmal klar darüber, ob Süd-Carolina Geldunterstützung vom Norden annehmen dürfe, wenn sie angeboten wurde. Eigentlich, fand er, nein. Ebensowenig glaubte er, daß ein Bewohner von Süd-Carolina von seinem Landbesitz irgend etwas an einen Nordstaatler verkaufen würde. Der Staatenstolz würde es ihm verbieten. Süd-Carolina würde sich eher an Europa wenden, dort Geld aufnehmen gegen hypothekarische Sicherheit und so das eigene Geschick lenken. Der alte Herr fühlte sich offenbar als Verkörperung von Süd-Carolina und gab seinen Ansichten mit einem natürlichen Ernst und einer vom widrigen Geschick unberührten Würde und Hoheit – ja, ich möchte sagen, mit einer gewissen Herablassung – Ausdruck, die geradezu rührend war. Der greise Patrizier, der so stolz redete, war, wie mir gesagt wurde, in bitterster Not, und viele seiner Mitbürger waren gezwungen, zum Lebensunterhalt Rationen von den Bundestruppen anzunehmen.

Meine Reise führte mich nun ins Innere auf Shermans ehemaliger Marschroute. Seine Spuren waren in Süd-Carolina furchtbar. Meilenweit glich die Straße einem breiten schwarzen Streifen von Verwüstung. Hecken und Zäune waren verschwunden, hier und dort zeigten schwärzliche Trümmerhaufen, aus denen vereinzelt noch Schornsteine phantastisch emporragten, die Stellen an, wo behagliche Wohnstätten gestanden hatten; die Felder waren von dichtem Unkraut überwachsen, nur hin und wieder sah man eine kümmerliche kleine Anpflanzung von Baumwolle oder Mais, welche von Negersquattern angebaut war. In der Stadt Columbia, der politischen Hauptstadt des Staates, stand um ein dichtes Gewirr von schwärzlichen und verkohlten Trümmern nur ein spärlicher Kranz von Häusern, derart hatte ein wütendes Feuer in den Geschäfts- und Wohnhäusern der Stadt aufgeräumt.

Kein Teil des Südens, den ich damals bereiste, hatte so von der Zerstörung des Krieges gelitten, wie Süd-Carolina, der Staat, den der Soldat der Nordstaaten für den ganzen Krieg verantwortlich machte, und den er demgemäß bestrafen wollte. Aber auch in den Teilen, die nicht unmittelbar vom Kriege berührt worden waren, war Elend und Not groß. Die Südstaaten hatten Papiergeld der Konföderation in Händen, welches die Regierung der Sezession ohne alle Sicherheit ausgegeben und gezeichnet hatte; dieses Geld war beim Zusammenbruch der Konföderation natürlich ganz und gar wertlos. Nur wenigen wohlhabenden Leuten war es gelungen, durch die Bedrängnisse des Krieges hindurch geringe Mengen von Gold und Silber zu retten, die aber alles in allem nur wenig ausmachten. Die Bevölkerung der Südstaaten war also bei Beendigung des Krieges tatsächlich ohne gesetzliches Zahlungsmittel zur Vermittlung von Geschäften. Um die Lücke zu füllen, kam Geld aus den Vereinigten Staaten, aber dieses war natürlich nicht umsonst zu haben und mußte durch eine Gegenleistung, sei es an Waren, sei es an Arbeit, erkauft werden. Diese Gegenleistung war den Südstaatlern sehr schwer, ja, fast unmöglich. Vier Jahre lang hatten sie ihre ganze produktive Kraft darauf verwandt, außer der Befriedigung ihrer täglichen Lebensbedürfnisse, die Mittel zur Fortsetzung des Krieges und zur Erhaltung ihrer Regierung zu schaffen, und da sie außerdem viele Verluste durch Zerstörung ihres Eigentums erlitten hatten, waren sie furchtbar verarmt. Sie hatten also keinen verfügbaren Besitz und brauchten ihre sämtlichen Arbeitskräfte für die Anforderungen des Tages; und da ihr Haupterwerb der Ackerbau war, so waren ihnen diese Arbeitskräfte durchaus unentbehrlich.

Nun kamen die Männer aus dem Kriege heim und fanden ihr ganzes Wirtschaftssystem auf den Kopf gestellt. Ihr ganzes Dasein war bislang auf Sklavenarbeit begründet gewesen. Sie waren die Sklaverei gewohnt, hatten an ihre Rechtmäßigkeit fromm geglaubt, und sie als ein notwendiges Weltgesetz betrachtet. Während des Krieges waren in den nicht direkt berührten Gegenden viele Neger auf den Pflanzungen geblieben und hatten ruhig ihre Arbeit weiter verrichtet. Sie hatten wohl unbestimmte Kunde von »Mas’r Linco1n’s« Emanzipations-Proklamation erhalten, aber sie wußten nicht recht, was das bedeute, und zogen vor, ruhig bei der Arbeit zu bleiben und das Weitere abzuwarten. Aber als der Krieg zu Ende war, begriffen sie bald sehr gut, was Emanzipation bedeutete. Der Neger fühlte sich als freier Mann, und der Weiße in den Südstaaten sah sich nun vor die Frage gestellt, wie der Neger als freier Mann zu behandeln sei. Den meisten war diese Frage voller Schwierigkeiten. Viele, sonst sehr ehrenhafte und wohlgesinnte Leute, bekannten mir gegenüber mit einer gewissen hilflosen Bestürzung, daß es ihnen ganz unmöglich sei, den Gedanken zu fassen, daß ihre früheren Sklaven jetzt freie Leute seien; und doch mußten sie sich je eher je lieber mit der Tatsache abfinden, wenn sie in diesem Jahre überhaupt das Feld bestellen und Ernte halten wollten.

Manche erkannten freimütig diese Notwendigkeit an und überlegten aufrichtig, wie sie ihr begegnen sollten; aber dann stießen sie sich gleich an einer Unmenge von alteingewurzelten Vorurteilen, die sich in ihrem Ideenkreis zu hartnäckigen Überzeugungen verdichtet hatten. Sicherlich, meinten sie, würde ein Neger niemals ohne körperliche Zwangsmaßregeln Arbeit tun; sicherlich würde ein Neger niemals das Wesen eines Arbeitsvertrages begreifen lernen usw. Ja, sie wollten gewiß »sich mit der Situation abfinden«, sie wollten wohl anerkennen, daß der Schwarze ein freier Mann sei, aber könne man nicht irgend eine Gewaltmaßregel einführen, die den Schwarzen zur Arbeit zwänge? Natürlich war Leuten mit solchen Ansichten die Lage außerordentlich erschwert, da sie von der Nutzlosigkeit ihrer, wenn auch noch so ehrlich gemeinten Versuche von vornherein überzeugt waren. Aber selbst wenn sie den Versuch machten und erfuhren, daß der Schwarze sich auch ohne Zwang zur Arbeit bewegen ließ, störten sie manchmal Dinge, die einen an freie Arbeiter gewöhnten Arbeitgeber ganz und gar nicht stören würden. Davon sind mir selbst viele Beispiele vorgekommen.

Ein Pflanzer aus Georgia z. B. beschwerte sich laut darüber, daß einer seiner Schwarzen verweigert habe, sich eine Tracht Prügel geben zu lassen, und damit habe dieser Mensch doch zur Genüge bewiesen, daß er für die Freiheit noch nicht reif sei. Ähnliche Aussprüche wurden dann stets mit der Behauptung erhärtet, daß der Südländer den Schwarzen verstehe und ihn zu behandeln wisse, was der Nordländer nicht könne und nie lernen würde. In mancher Hinsicht war dies richtig, in anderer nicht. Als Sklaven verstand der Südstaatler den Schwarzen besser zu nehmen als der Nordstaatler, daraus folgte aber nicht, daß er ihn nun auch als freien Mann besser verstehen und behandeln könne. Und hierauf kam es an. Es war vielleicht von den südstaatlichen Sklavenhaltern oder überhaupt von der dortigen Gesellschaft zu viel verlangt, daß sie gleich ein richtiges Urteil über die neue Ordnung der Dinge haben sollten. Der plötzliche Umsturz des ganzen Arbeitssystems eines Landes, der sich so unvorbereitet und ohne Übergang vollzieht, ist eine so kolossale Umwälzung, daß er den Menschen wohl die Sinne verwirren kann. Einen gerechten Beurteiler hätte es nicht überraschen sollen, daß viele Südstaatler, wenigstens eine Zeitlang, an der Ansicht festhielten, daß dem Grundbesitzer auch das schwarze Menschen-Material, welches den Grund bebaute, gehören müsse. Irgend eine Äußerung der Willensfreiheit seitens eines Schwarzen war in seinen Augen eine Insubordination, die sträflicher Empörung gleichkam, und das geringste Abgehen von den Ansichten und dem Geschmack seines Arbeitgebers galt bei einem Schwarzen für eine unleidliche Unverschämtheit. Auch muß immer wieder betont werden, daß die Ernte des Sommers die Beihilfe der schwarzen Arbeitskraft notwendig bedingte, und das verfehlte natürlich nicht, die nervöse Unruhe der südstaatlichen Gesellschaft noch zu vermehren.

Ebenso natürlich war aber auch eine gewisse Unruhe der Negerbevölkerung des Südens zu jener Zeit. Ich habe bereits erwähnt, daß während des Bürgerkrieges die Mehrzahl der Sklaven ruhig auf den Pflanzungen bei der Arbeit blieben. Hätten sie das nicht getan, so hätte die Sezession kein Jahr bestehen können. Es war ein eigentümliches Bild: ein Volk von Sklaven, das willig Sklavenarbeit tat, um eine Regierung und ein Heer zu unterstützen, die für die Erhaltung dieser ihrer Sklaverei kämpften und wirkten. Es wurden die rührendsten Geschichten erzählt von Haussklaven, die ihren Herren in den Krieg folgten oder die zu Hause zurückgebliebenen Familien in Gefahr schützten. Einzelne Neger entliefen wohl von den Pflanzungen und traten in das Unionsheer ein, aber nirgends trat eine Bewegung zutage, die irgendwie den Charakter eines Aufstandes oder einer Empörung der Sklaven gegen ihre Herren hatte. Und auch nach dem Sturz der Konföderation, als die Emanzipation rechtskräftig und allgemein geworden war, rächten sich nirgends die Schwarzen für die in der Sklaverei erduldeten unmenschlichen Grausamkeiten. Von keiner Rasse oder Klasse von Menschen sind je beim Übergang von der Sklaverei zur Freiheit so wenig Racheakte verzeichnet. Manche Schwarze benutzten freilich die neugewonnene Freiheit dazu, die Pflanzungen zu verlassen, um sich frei zu ergehen und sich zu amüsieren, besonders in der Nähe des Unionsheeres. Einige verließen die Arbeit, weil ihre Arbeitgeber sie mißhandelten oder sonst ihr Mißtrauen erregten. So kam es, daß in manchen Teilen des Südens die Straßen von obdachlosen Schwarzen wimmelten.

Es ist mir indessen nicht bekannt geworden, daß sie geradezu schlimme Ungesetzlichkeiten begangen hätten. Hier und da wurde ein Schwein oder ein Huhn gestohlen, aber außer diesen kleinen Diebereien hörte man von keinem ernstlichen Vergehen. Die schwarzen Landstreicher waren durchaus gutmütig. Sie drängten sich an die Militärposten heran, um etwas mehr von ihrer »Freiheit« zu erfahren und auch, um etwas zu essen zu bekommen, wenn sie hungerten. Dann feierten sie auch Trinkfeste mit Gesang und Tanz und ihre sogenannten camp meetings, religiöse Versammlungen mit besonderem Programm. Unter anderen Umständen wären all diese Dinge an sich harmlos gewesen, aber in dieser Zeit war ihre Wirkung geradezu verhängnisvoll. Jene Neger verließen die Pflanzungen gerade, als ihre Kraft am nötigsten war, um die Ernte des Sommers zu sichern, und die Ernte war mehr als sonst nötig, um die ganze Bevölkerung vor dauernder Not und dauerndem Elend zu bewahren. Die Weißen machten die heftigsten Anstrengungen, um die verstreuten Schwarzen durch Zwang wieder in die Pflanzungen zurückzuführen, und von überall her drang die Kunde von blutigen Mißhandlungen der Schwarzen. Ich habe selbst dergleichen Fälle geprüft und in traurigen Spitälern schwarze Männer und Frauen gesehen, denen die Ohren abgeschnitten, die Körper mit Messerstichen verwundet, mit Peitschen und Knüttelhieben blutig geschlagen, oder mit Schrotschüssen gespickt waren. Zahlreiche Neger wurden auf der Landstraße oder auf dem Felde tot aufgefunden entweder erschossen, oder an Baumästen aufgehängt. Vielerwärts waren die Schwarzen von panischem Schrecken beseelt und die Weißen gegen sie bis zur Krankhaftigkeit gereizt. Diese Zustände blieben auf kleine Gebiete beschränkt, aber sie konnten leicht um sich greifen. Solch gefährlicher Zündstoff war im Süden genug aufgehäuft, und manchmal hatte es den Anschein, als ob nur die Gegenwart der Unionstruppen den Aufstand im Zaum hielte. Was hätte geschehen können, wenn diese stets zum Eingriff bereite Kriegsmacht nicht zügelnd zur Stelle gewesen wäre, läßt sich nicht ausdenken.

Die Vermittlung der Union zwischen den Weißen und den Schwarzen im Süden war außerordentlich wichtig, nicht nur zur Verhütung von heftigen Zusammenstößen, sondern auch um die ehemaligen Herren und die ehemaligen Sklaven auf den Weg friedlichen Zusammenarbeitens als Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu bringen. Dies war sehr schwierig. Nordstaatler, die nach dem Süden gekommen waren, um Pflanzungen zu kaufen oder zu pachten, hatten den riesigen Vorteil, die schwarzen Arbeiter mit barem Gelde lohnen zu können, was diese natürlich vorzogen. Die Südstaatler, die durch den Krieg fast von allem entblößt waren, konnten nur zukünftige Bezahlung in Aussicht stellen, und zwar bestand diese meistens in einem Teil der Ernte selbst. Während einige Pflanzer im Aufstellen von Arbeitsverträgen gerecht oder gar großmütig waren, nahmen andere die Unkenntnis der Neger wahr und banden sie an Vertragsbedingungen, die dem Arbeitnehmer fast gar nichts zugestanden, oder gar ihn zwangen, bei seinem Arbeitgeber Schulden zu machen und so in eine noch schlimmere Abhängigkeit zu verfallen als vorher. Eigentümlich ist auch, daß viele der Vertragsformulare, die von ehemaligen Sklavenhaltern entworfen waren, Klauseln enthielten, welche mit einer Wiedereinsetzung der Sklaverei rechneten. Unter den Negern herrschte naturgemäß großes Mißtrauen gegen die Pflanzer bei jedem Vertrag, den sie schlossen, fürchteten sie, daß ihre Rechte als freie Staatsbürger angetastet oder sie sonst übervorteilt würden. Um dieses Mißtrauen zu beschwichtigen und oftmals, um ihnen ihr Recht zu sichern, bedurften die Neger eines Beraters, zu dem sie Vertrauen hatten, und von dem sie Schutz erwarten konnten. Andrerseits bedurften die weißen Arbeitgeber einer hilfreichen und anerkannten Macht, welche den Schwarzen gute und richtige Anweisungen betreffs ihrer Pflichten als freie Männer geben und sie auf den Weg des Fleißes und der Ordnung zurückführen würde, wenn sie, die keinen rechten Begriff von dem zwingenden Wesen eines Vertrages hatten, vertragsbrüchig wurden oder sonst sich widersetzlich geberdeten.

Zu diesem Zweck wurde das »|Freedmen’s Bureau« errichtet, eine Organisation von Zivilbeamten, die mit den nötigen Bureaugehilfen über den ganzen Süden verteilt wurden und dafür Sorge tragen sollten, daß den befreiten Schwarzen ihr Recht gewahrt wurde, und die andrerseits als Vermittler zwischen ihnen und den weißen Arbeitgebern fungieren sollten. Der Gedanke war sehr glücklich zu nennen, und die Einrichtung an deren Spitze General A. O. Howard stand, tat in vielen Fällen schätzenswerte Dienste. Es hätte in dieser Hinsicht noch mehr geschehen können, und mehrere schlimme Mißerfolge hätten sich vermeiden lassen, wenn man in der Wahl der Agenten vorsichtiger gewesen wäre. Die zu erfüllenden Aufgaben setzten vor allen Dingen vollkommenste Lauterkeit der Gesinnung, ein vernünftiges Urteil, Klugheit und Takt voraus. Viele der Angestellten besaßen diese Eigenschaften, aber andere gaben denen, die sie um Rat angingen, solche feierlichen Tiraden von unreifen Ansichten zum Besten, daß bei den Schwarzen ganz irrige Annahmen erweckt, bei den Weißen Zorn und Ärgernis erregt, und nicht selten sogar die ehrlichen Absichten der Vermittler selbst in Frage gezogen wurden. In verschiedenen Gegenden fand ich, daß sowohl Weiße wie Schwarze sich zur Vermittlung mit größerem Vertrauen an höhere Offiziere gewandt hatten als an die Beamten des Freedmen’s Bureau.

Die gespannte Lage wurde durch Dazwischentreten der Unionsmacht wohl etwas gemildert, aber doch nicht so viel, wie zum Gefühl absoluter Sicherheit nötig war. Die schwierige Frage der Arbeits-Verteilung, die durch den Rassenhaß noch erschwert wurde, war die schlimmste Sorge, aber doch nicht die einzige. Der Unterschied im Wesen der Kultur einer freien und einer aus Sklaverei begründeten Gesellschaft, die langen heftigen Kämpfe um die Frage der Sklaverei, und der vier Jahre dauernde Bürgerkrieg – während welchem die kämpfenden Parteien nicht nur durch entgegengesetzte Interessen und Gefühle sondern auch durch eine Ländergrenzlinie getrennt waren –, hatten den Norden und den Süden einander ganz entfremdet. Der Angriff der nordstaatlichen Heere auf die südlichen Staaten war vom größten Teil der südlichen Weißen sehr übel vermerkt worden; in ihren Augen glich er einer feindlichen Invasion, und die Besetzung des Südens durch nordstaatliche Truppen erschien wie eine feindliche Eroberung. Vielen älteren Leuten, die, ehe sich der Kampf um die Sklaverei so furchtbar zugespitzt hatte, die traditionelle unionstreue Gesinnung gepflegt hatten, war der Gedanke an die Wiederherstellung der Union sehr sympathisch, und sie fanden sich verhältnismäßig gut damit ab. Anders stand es um die jüngeren Leute, die in der heißen Atmosphäre des politischen Kampfes um die Sklaverei aufgewachsen waren, und denen die Drohung des Abfalls von der Union als einzige Möglichkeit, die Sklaverei zu retten, ganz geläufig. gewesen war. Sie hatten das Band der Union stets als hemmende Fessel betrachtet, deren man sich entledigen müsse, und der Gedanke, mit dem »Feinde«, mit dem verhaßten Yankee, »wiedervereinigt«“ zu werden, war ihnen höchst widerwärtig. Selbstredend bezieht sich das Gesagte nicht auf die »armen« Weißen, die außer ihrer Feindschaft gegen die Neger gar kein ausgesprochenes Gefühl und Streben hatten, sondern die Entwicklung der Ereignisse mit stumpfer Gleichgültigkeit über sich ergehen ließen; es gilt vielmehr von den jungen Südländern der höheren und mittleren Klassen, deren Gespräche man auf den Straßen, in Hotels und im öffentlichen Verkehr hörte.

Diese litten sehr unter dem Gefühl der Niederlage, aber sie wollten allgemein zeigen, daß ihr Mut ungebrochen sei. Ein geflügeltes Wort bei ihnen war, der Süden sei wohl »überwältigt«, aber nicht »besiegt«. Sie behaupteten, der Krieg habe, Mann gegen Mann, nur die größere Kriegstüchtigkeit des Südländers dem Nordländer gegenüber bewiesen, und die Sache der südlichen Unabhängigkeit sei nur für den Augenblick verloren und werde an einem künftigen Tage in neuer Kraft und Blüte wiedererstehen. Ihnen war der südliche Unionsfreund, der während des Krieges zum Bunde gehalten hatte, ein schwarzer Verräter, dem der Aufenthalt im Süden überhaupt nicht gestattet werden dürfte. In vielen Gegenden mußten denn auch südstaatliche Anhänger der Union geradezu grausame Verfolgung erdulden; sie mußten sogar für ihr Leben fürchten, wenn sie nicht unter dem unmittelbaren Schutze des Bundesheeres standen. Als nach Beendigung des Krieges zum ersten Male in Savannah und Mobile der 4. Juli, das Nationalfest der Union, gefeiert werden sollte, fanden sich Teilnehmer eigentlich nur unter den Schwarzen, die von wilden Rotten von Weißen wütend angegriffen wurden. Alle öffentlichen Kundgebungen zu Ehren der Fahne oder der Unionsregierung wurden als absichtliche Beleidigungen der Südstaatler hingestellt.

Derartige Gesinnungen und Gefühle der »Unbesiegten« fanden in der südstaatlichen Presse einen aufgeregten und aufreizenden Widerhall; auch Geistliche aller Sekten waren ihre Träger und in noch höherem Maße die Frauen. Ein Bischof der Episkopalkirche hatte im Sprengel Alabama allen seinen Geistlichen befohlen, die Fürbitte für den Präsidenten der Vereinigten Staaten aus der Liturgie fortzulassen, und als ihm ihre Wiedereinführung nach dem Kriege nahegelegt wurde, weigerte er sich unter der Begründung, daß er um Fortsetzung einer Militärherrschaft kein Bittgebet sprechen könne, und ferner auch, daß er, durch die Aufnahme der Fürbitte, sich für den Fall einer Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Südstaaten unmöglich machen würde.

Der Einfluß, den die Anschauungen und Gefühle der Frauen in den Südstaaten auf die Männer ausübten, war sehr bedeutend; ich darf wohl eine selbsterlebte Probe davon erzählen. In einem Hotel in Savannah saß mir an der Table d’hote eine Dame in tiefer Trauer gegenüber. Sie war offenbar fein gebildet, mittleren Alters, aber noch hübsch und von angenehmem Gesichtsausdruck. Ein junger Leutnant in der Uniform der Union setzte sich neben mich, und ich merkte, daß ihm die Dame einen sehr mißvergnügten Blick zuwarf. Sie wurde unruhig, kämpfte offenbar mit einer wachsenden Erregung und ihre kurzen Worte an den Kellner ließen erkennen, daß sie ihre Mahlzeit rasch zu beenden wünschte. Da streckte sie die Hand nach einer etwas entfernt stehenden Schale Mixed Pickles aus. Sofort erhob sich der junge Leutnant diensteifrig und reichte sie ihr mit einer höflichen Verbeugung. Wie von einem giftigen Gewürm gestochen, zog die Dame ihre Hand plötzlich zurück, ihre Augen funkelten ihn an und im Tone tiefster Verachtung sagte sie zornig: »Denken Sie etwa, eine Frau aus den Südstaaten würde eine Schüssel Pickles aus einer Hand annehmen, die noch vom Blute ihrer Landsmänner trieft?« Darauf verließ sie hastig den Tisch, während der arme Leutnant ganz verblüfft und bis über die Ohren rot ein paar Worte der Entschuldigung stammelte und versicherte, er habe es nicht böse gemeint.

Über die drollige Verquickung einer Schale Pickles mit diesem gepfefferten Ausbruch des südlichen Patriotismus mußte ich unwillkürlich lächeln, aber der ganze Vorfall entbehrte eines wehmütigen Ernstes nicht und war kein günstiges Zeichen für ein baldiges Wiedererwachen des Gefühls der nationalen Zusammengehörigkeit. War dies allgemein die Stimmung der Frauen im Süden – und meine weiteren Reisen bestätigten es – so standen wir damit einem feindseligen Elemente gegenüber, dessen Einfluß sich nicht berechnen ließ, und gegen das Vernunftgründe machtlos waren. Ich will damit keineswegs sagen, daß es nicht im Süden angesehene und gebildete Frauen gegeben hätte, welche anerkannten, daß das wahre Interesse der Südstaaten darin läge, die gesetzlich geregelten Ergebnisse des Krieges in gutem Glauben anzunehmen und sich mit der neuen Ordnung der Dinge bestmöglichst abzufinden. Ich will nur sagen, daß der natürliche Hang des weiblichen Geschlechts, sich bei Abwägung von Umständen und Interessen von Gefühlen und Impulsen beherrschen zu lassen, zu jener Zeit im Süden mit überraschender Kraft zu Tage trat. Dies war allerdings zu erwarten in einem Lande, wo heiße Sonnenglut die Glut des Temperaments noch steigert, eines Temperaments, das im freundlichen Verkehr besonders anziehend ist, im Kampfe aber um so heftiger werden kann.

Die Frauen der Südstaaten hatten durch den Bürgerkrieg viel mehr als ihre Schwestern in den Nordstaaten gelitten. Das damalige geflügelte Wort, das Heer der Konföderation hätte sich aus allen männlichen Bürgern »von der Wiege bis zum Grabe« rekrutiert, war fast buchstäblich wahr. Fast jeder kriegstüchtige Weiße stellte sich oder wurde zum Kriegsdienst gepreßt. Der Verlust an Menschenleben – nicht im Verhältnis zu den auf den Kriegslisten geführten Leuten, sondern im Verhältnis zu der ganzen weißen Bevölkerung – war im Süden viel beträchtlicher als im Norden. Nur wenige Familien waren nicht betroffen, und es gab nur wenige Frauen, die nicht den Verlust eines Vaters, eines Gatten, eines Bruders oder eines Freundes zu beklagen hatten. In den Gegenden, wo militärische Operationen stattgefunden hatten, war das Eigentum schwer geschädigt, und wenn in den Augen der Militärs diese Schädigung notwendig erschien, so galt sie in den Augen der darunter Leidenden für mutwillig, grausam, teuflisch. Die Unterbrechung, die der Industriebetrieb des Landes durch den Krieg erlitten hatte, der Ausschluß jedweden Imports durch die Blockade und die Notwendigkeit, das Heer im Felde zu erhalten, hatten allen Klassen der Bevölkerung schmerzliche Opfer und Entbehrungen auferlegt. In Richmond hatte es sogenannte Brotaufstände »bread riots« gegeben. Das Salz war so spärlich vorhanden, daß die Lehmfußböden der Räucherkammern abgekratzt wurden, um die Ablagerungen des aus dem Pökelfleisch herabgetropften Salzwassers zu retten und wieder zu benutzen Das Mehl war die ganze Zeit hindurch sehr knapp. Kaffee und Tee waren unerschwinglich. Von manchen kleinen Genußmitteln, die fast zu täglichen Bedürfnissen geworden sind, waren viele nicht mehr zu haben. Mütter mußten alte Flickenbeutel durchsuchen, wenn sie Kleider für ihre Kinder machen wollten. Damen, die in glänzenden Verhältnissen gelebt hatten, waren nicht nur genötigt, ihre Kleider zu kehren und umzuarbeiten und ganz unmoderne Hüte zu tragen, sondern mußten auch, um Genießbares zu essen zu bekommen, glücklichere Freunde aufsuchen, welche sich zeitig mit Lebensmitteln versehen hatten. Und als endlich der Krieg vorüber, und die Blockade aufgehoben war, und die gewohnten Nahrungs- und Genußmittel wieder in Sicht kamen, da ward im Süden die Armut erst recht fühlbar, denn nur wenige Leute in besonders bevorzugter Stellung hatten Geld. Der Süden war gänzlich seiner baren Münze beraubt und stand den Trümmern seines Wohlstandes gegenüber. Sollte noch größeres und dauerndes Elend vermieden werden, so mußte mit der Wiederherstellung dieses zerstörten Wohlstandes schleunigst begonnen werden. Und dabei war die männliche Bevölkerung vom Kriege dezimiert, die Mehrzahl der Einwohner fast mittellos und das traditionelle Arbeitssystem vollständig vernichtet. In der Tat eine hoffnungslose Lage. Und die Frau in den Südstaaten, deren Herz von dem trostlosen Leid der jüngsten Vergangenheit und den Sorgen der traurigen Gegenwart schwer war, machte den »grausamen Yankee« für all dies mutwillig über sie gebrachte Weh verantwortlich.

Es kann nicht wundernehmen, daß sie bei ihrem leidenschaftlichen Gemüt, während die frischen Wunden noch brannten, es ablehnte, von unserer Seite irgend einen Rechtfertigungsgrund für den Krieg anzuhören, und daß sie in den heftigsten Ausdrücken ihren gekränkten und empörten Gefühlen Luft machte. Und es ist ebenfalls natürlich, daß ihre Empfindungen die Beziehungen zwischen den Männern des Südens und des Nordens stark beeinflußte. Ein Nordstaatler konnte nicht darauf rechnen, in irgend einem gesellschaftlichen Kreise des Südens willkommen zu sein. Die Männer mochten ihn mit einer gewissen geschäftsmäßigen Achtung behandeln, aber die Damen ließen ihn sicher mit solch raffinierter Kühle ablaufen, daß er, wenn’s hoch kam, die Empfindung haben konnte, geduldet zu sein, meistens aber sich als unwillkommenen Eindringling fühlte. Dies war sehr bedauerlich, denn es erschwerte die freundliche Annäherung zwischen Norden und Süden zu einer Zeit, wo eine solche Annäherung viel Schaden hätte verhindern können. In der Tat bedurfte es vieler Jahre, um in dem gesellschaftlichen Verkehr zwischen Norden und Süden einen befriedigenden Grad von Herzlichkeit wiederherzustellen. Noch heute, vierzig Jahre nach dem Bürgerkriege, wird der Besucher des Südens gewisse Fragen aus jener Zeit geschickt vermeiden müssen, wenn er seine südstaatlichen Freundinnen, die sonst so lebhaft, sympathisch und anziehend sind, bei guter Laune erhalten will.

Während ich so von Staat zu Staat reiste, teilte ich Präsident Johnson meine Beobachtungen und die Schlüsse mit, die ich aus ihnen zog. Ich war nicht nur peinlich besorgt, ihm die Lage wahrheitsgetreu zu schildern, sondern ich veranlaßte auch unsere Offiziere die Beamten der Freedmen’s-Bureaus im Süden und hervorragende Südstaatler, mir ihre Ansichten und Erfahrungen mitzuteilen. Eine Fülle wichtigen Beweismaterials kam da zusammen, welches um so schwerwiegender war, als es von Männern unantastbaren Charakters herrührte, die hohe öffentliche Ämter bekleideten, und unter denen Republikaner und Demokraten, ehemalige Abolitionisten und ehemalige Anhänger des Prinzips der Sklaverei vertreten waren. Diese Berichte, in denen Enthusiasten, kühle Geschäftsleute, Optimisten, Schwarzseher und Spötter zu Worte kamen, sandte ich ebenfalls alle an den Präsidenten. Der Historiker jener Zeit wird kaum wertvolleres und zuverlässigeres Material finden als jene Berichte, die im wesentlichen über die Hauptpunkte derselben Meinung waren. Mit den dort ausgesprochenen Ansichten stimmten im allgemeinen meine eigenen Beobachtungen und Erwägungen vollständig überein.

Während der ersten sechs Wochen meiner Reise im Süden erhielt ich keine einzige Mitteilung weder vom Präsidenten noch von irgend einem Mitgliede der Regierung, aber aus den Zeitungen und den Gesprächen im Publikum erfuhr ich, daß der Präsident Maßregeln ergriffen hatte, um den »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« eine eigene Regierung zu gewähren, d. h. er ernannte »provisorische Gouverneure« und wies sie an, Konvente wählen zu lassen. Die Wahlen sollten nach dem Plan der Nord-Carolina-Proklamation geleitet werden; Wähler sollten die »loyalen« weißen Staatsbürger sein, von denen eine erdrückende Mehrheit erst Anhänger der Rebellion gewesen war und später den vorgeschriebenen Treueid geleistet hatte. Auf derselben Basis sollten die provisorischen Gouverneure die ganze Verwaltungsmaschinerie baldmöglichst wieder in Gang bringen. Als ich mich Anfang Juli vom Präsidenten verabschiedete, um mich auf meine politische Forschungsreise zu begeben, versicherte er mir, wie bereits erwähnt, daß die Nord-Carolina-Proklamation nicht als ein endgültiger Beschluß zur Rekonstruktion angesehen werden sollte, sondern daß sie nur ein Versuch sei. Ehe er weiter ginge, wolle er abwarten und erwägen und der Zweck meiner Reise sollte sein, ihn während dieses »Abwartens und Erwägens« mit Auskunft und Rat zu unterstützen. Wäre dies nicht die Verabredung gewesen, so würde ich die anstrengende, mühevolle und undankbare Reise gar nicht unternommen haben. Nun aber blieb es nicht beim »Abwarten und Erwägen«; im Gegenteil, der Präsident nahm die Rekonstruktion der Südstaaten eiligst in Angriff, ohne die Folgen zu bedenken.

Jeder wohlgesinnte Staatsbürger wünschte natürlich eine möglichst baldige Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Beziehungen der »jüngst an der Rebellion beteiligten« Staaten zu der nationalen Regierung. Aber ehe jene Staaten in all ihre Rechte der Selbstregierung innerhalb der Union wiedereingesetzt wurden, war die Union verpflichtet, sich gewisser Ehrenschulden zu erinnern. Eine sehr bedeutende war diejenige gegen die Träger des Unionsgedankens die in den Tagen der Not und Gefahr treu zur Republik gehalten hatten. Sie konnten wohl beanspruchen, daß sie nicht der überwiegenden Mehrzahl ihrer Landsleute schutzlos preisgegeben würden – wenigstens nicht, solange noch vom Kriege her Rachegedanken und Rachegefühle heiß loderten. Ferner hatte die Regierung eine Schuld gegen die Schwarzen, die unserem Heere 200000 Mann Soldaten gestellt hatten zu einer Zeit, als unsere Anwerbungen nur schwache Erfolge zeitigten. Wir hatten ihnen die Freiheit versprochen zu einer Zeit, wo jenes Versprechen dem Kriege der Union einen bedeutenden sittlichen Charakter verlieh und den europäischen Mächten die Möglichkeit nahm, zugunsten unserer Gegner, wie einige wünschten, Partei zu ergreifen. Nicht nur wichtige Staatsgründe, sondern die Ehre der Republik selbst schien zu verlangen, daß das Geschick der emanzipierten Sklaven nicht in die Hände der einzelnen Staatsregierungen gelegt würde, wenn diese Regierungen aus ihren ehemaligen Herren bestanden und ihnen nicht die geringste Garantie für die Anerkennung ihrer Freiheit geleistet wurde. Jeder vorurteilslose Beobachter mußte aber zugeben, daß, wenn die politische Rekonstruktion der »jüngst an der Rebellion beteiligten« Staaten in einer Selbstverwaltung nach dem Plane der Nord-Carolina-Proklamation erfolgen sollte, zu jener Zeit sicherlich die ganze gesetzgebende und ausübende Macht in die Hände von Leuten gelangen würde, die von einer auf freier Arbeit basierenden Gesellschaft keine Ahnung hatten. Die Folgen hiervon machten sich in der täglichen Erfahrung geltend.

Viel Verdruß wäre allen Teilen erspart worden, wenn die Bundesregierung gleich nach Beendigung des Krieges den früheren Sklavenhaltern deutlich zu verstehen gegeben hätte, daß, wie schwierig auch die Einführung der freien Arbeit in den Südstaaten sei, diese Schwierigkeit eben überwunden werden müßte, und daß die »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« unter keinen Umständen ihre verfassungsmäßige Stellung in der Union als selbstverwaltende Staaten wieder einnehmen würden, bis jene Schwierigkeiten überwunden wären, und das System der freien Arbeit ständig in den Südstaaten eingeführt sei. Dann wären vor dem ehrlichen und verheißungsvollen Bestreben der Südstaatler die verwickelten Fragen und Schwierigkeiten, die sie vorher für unüberwindlich gehalten hatten, dahingeschwunden. Aber sobald Präsident Johnson zu verstehen gab, daß er den Südstaaten ohne solche Vorbereitung ihre Rechte der Selbstverwaltung wieder einzuräumen beabsichtige, lebte unter den Vertretern der Sklaverei die Hoffnung wieder auf. Von Mund zu Mund ging das Wort, daß die Südstaaten bald wieder Herren ihrer eigenen Angelegenheiten sein würden, und daß dann trotz der Emanzipationsedikte dem Neger seine richtige Stellung angewiesen werden sollte. Es wurde aus dieser Erwartung kein Hehl gemacht. Der provisorische Gouverneur von Süd-Carolina gab offen zu, daß die Bewohner seines Staates im stillen noch damit rechneten, daß die Sklaverei wieder eingeführt werden könnte. Bei den Wahlen zu den konstituierenden Konventen der verschiedenen Staaten meldeten sich viele Kandidaten, welche auf Grund treuer Dienste im Heer der Konföderierten das Volksvertrauen zu besitzen vorgaben, und erklärten freimütig, daß sie im Herzensgrunde gegen die Abschaffung der Sklaverei wären, sie aber anerkannt hätten und auch anderen rieten, sie anzuerkennen, weil es die einzige Möglichkeit sei, wieder zur Selbstverwaltung zu gelangen. Habe man diese jedoch erst wieder, so würde man, d. h. die Weißen des Staates, die Sache schon nach eigenem Belieben regeln können. Daher wurde warm empfohlen, den Präsidenten in seinen Rekonstruktionsplänen zu unterstützen.

Von verschiedenen Seiten wurde mir mitgeteilt, daß die Pflanzer alles daran setzten, ihre Sklaven auf den Pflanzungen festzuhalten, damit, wenn die erhoffte Wiedereinführung der Sklaverei Gesetz würde, sie keine Schwierigkeiten hätten, ihre Sklaven zu identifizieren und als ihr Eigentum zu beanspruchen. Die Fälle, wo Freigelassene die sich gegen solche Maßregeln auflehnten, ermordet oder verstümmelt wurden, mehrten sich in erschreckender Weise. An einigen Stellen ließen Gemeinde- und Provinzräte, welche die Wiedereinführung der Sklaverei voraussahen, die Neger unter die schärfste polizeiliche Aufsicht stellen und nahmen ihnen fast vollständig das freie Verfügungsrecht über die eigene Person und über den eigenen Besitz, sowie das Recht der Bewegungsfreiheit, welches sonst jeder Bürger genießt. Um dies zu ermöglichen, erließen sie Bestimmungen, die in mancher Hinsicht mit den früheren Sklavereigesetzen identisch waren. Der Unterschied zwischen der durch diese Bestimmungen geschaffenen Zwangslage und der ehemaligen Sklaverei war nur sehr gering. Daher war es auch begreiflich, daß der Plan der Nordländer, Schulen für die Schwarzen zu errichten, lebhaften Widerspruch erfuhr. Wenn sie nicht unter dem unmittelbaren Schutz der Unionstruppen standen, wurden die Schulgebäude in Brand gesetzt und die Lehrer vertrieben. Die Lage wurde kurz und bündig in einem Bericht gekennzeichnet, den mir Oberst Samuel Thomas, Assistent im Freedmen’s Bureau für Mississippi, erstattete: »Die Weißen sehen die Schwarzen kraft natürlichen Rechtes als ihr Eigentum an. Sie geben wohl zu, daß die Beziehungen zwischen Herren und Sklaven durch den Krieg und durch die Emanzipationsproklamation des Präsidenten zerstört worden sind, aber sie haben doch ein tief eingewurzeltes Gefühl, daß im großen und ganzen der Schwarze dem Weißen gehöre, und wann und wo sich Gelegenheit bietet, behandeln sie die Schwarzen je nachdem wie es ihnen Interesse, Leidenschaft oder Laune des Augenblicks eingibt.« Bei jedem Schritt fand ich hierfür Beweise, und das Schlimmste war, daß ich mir sagen mußte, unter den obwaltenden Umständen sei dies ebenso natürlich, wie es bedauerlich, ja verhängnisvoll war.

Endlich kam ich wieder mit dem Präsidenten in Berührung. Ende August kam ich nach Vicksburg Mississippi, und besuchte das Hauptquartier des Generalmajors Slocum, der das Departement Mississippi kommandierte. Der General war in großer Verlegenheit wegen einer kürzlich erlassenen Proklamation des provisorischen Gouverneurs des Staates, W. L. Sharkey, der die Bevölkerung des Staates aufrief, besonders solche, die zum Militärdienst taugen und militärische Zucht kennen gelernt haben, sowie auch die männliche Jugend des Staates, die sich durch ihre Tapferkeit ausgezeichnet hat, so bald wie Möglich in jedem Bezirk Freiwilligenkompagnien zu bilden, mindestens eine Kompagnie Kavallerie und eine Infanterie, um im Staate Leben und Besitz zu schützen und die Ordnung aufrechtzuerhalten. Dies bedeutete natürlich nichts mehr und nichts weniger, als daß unter der Führerschaft eines der »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« eine große bewaffnete Militärmacht organisiert wurde, die aus Leuten bestand, welche erst kürzlich als Soldaten der Konföderation ihre Waffen gestreckt hatten. Zwei Tage vor meiner Ankunft in Vicksburg hatte General Slocum schon eine allgemeine Ordre erlassen, in welcher er die unter seinem Oberbefehl stehenden Offiziere anwies, in ihren Distrikten keinerlei solche militärischen Verbände, wie in Sharkeys Proklamation vorgesehen waren, zu dulden. Die Gründe, die General Slocum für dieses Vorgehen in seiner Order angab, waren triftig. Die Truppen der Vereinigten Staaten, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung, zur Ausführung der Gesetze des Kongresses und der Bestimmungen des Kriegsministeriums nach dem Staate Mississippi gesandt worden waren, hatten ihre Aufgabe in versöhnlichem und nachgiebigem Geiste und mit merkwürdig gutem Erfolge gelöst. Mit der Angabe, davon nicht befriedigt zu sein, berief nun der provisorische Gouverneur, ohne mit dem Kommandeur des Departements Rücksprache zu nehmen, dieselben Soldaten, die eben aus einem gegen die Bundesregierung geführten Kriege heimgekehrt waren, zu einer Militärtruppe zusammen, welche »unabhängig von der gegenwärtigen militärischen Behörde und an Macht den in den Südstaaten diensttuenden Truppenkörpern der Vereinigten Staaten überlegen« sein sollte. Die Ausführung dieses Planes hätte sofort heftige Zusammenstöße verursacht, besonders wenn die Truppen der Union aus Schwarzen bestanden. Der Gouverneur nannte Verbrechen und Unruhen als Grund für die Organisation der Freiwilligen in den Südstaaten; es war aber erwiesen, daß gerade Leute der Gesellschaftsklasse, welche die Freiwilligen stellte, jene Verbrechen begangen, jene Unruhen gutgeheißen hatte. Der Oberbefehlshaber der Occupationsarmee wünschte ebenso sehr wie jeder gute Bürger den Tag herbei, wo mit Sicherheit die Unionstruppen zurückgezogen werden konnten, aber das Herannahen dieses Tages wurde »nicht dadurch beschleunigt, daß man jetzt die jungen Leute in den Südstaaten bewaffnete«.

General Slocum, der nebenbei bemerkt, kein früherer Antisklavereimann, sondern ein Demokrat war, hatte augenscheinlich Recht. Er zeigte mir Berichte seiner Offiziere, welche im wesentlichen seine Order schon vorwegnahmen. Der General wünschte jedoch zu wissen, ob der Präsident Sharkeys Handlungsweise veranlaßt oder gebilligt hatte. Er bat mich, es in Erfahrung zu bringen, und ich telegraphierte an Präsident Johnson folgendes: General Slocum hat eine Order erlassen, welche die Organisation der freiwilligen Miliz dieses Staates verbietet. Solche Organisation würde eine sehr verkehrte Maßnahme sein. Nach allem, was ich sehe und beobachte, bin ich überzeugt, daß die öffentliche Ordnung und Sicherheit nur auf dem von General Slocum eingeschlagenen Wege erhalten werden können. Ich sende heute per Post die Order General Slocums und einen ausführlichen Bericht über die Sache.

Die Organisation der Freiwilligenmiliz welche auf eine Wiederaufstellung und Wiederbewaffnung eines Teiles der konföderierten Armee hinauslief, und welche angeblich zum Schutze der Unionsfreunde und der Rechte der befreiten Sklaven dienen sollte, war im Staate Mississippi zu einer Zeit, wo die Unionsfreunde die bestgehaßten Leute waren und die Wiederaufhebung der Sklavenemanzipation glühend gewünscht wurde, sein absoluter Unsinn. Ich konnte daher unmöglich annehmen, der Präsident sei einverstanden, wie auch Gouverneur Sharkey ihm die Sache vorgestellt haben mochte. Als ich durch Jackson, die Hauptstadt des Staates, kam, hatte ich mit Sharkey eine lange Unterredung. Ich hatte von ihm den Eindruck eines angenehmen alten Herrn, dem das Wohl der Union aufrichtig am Herzen lag, der aber wohl nicht stark genug war, um sich dem Einfluß der ihn umgebenden Leute zu entziehen. Diese wollten soviel wie möglich das System der Sklaverei erhalten, und zu diesem Ende betrieben sie die Abberufung der Bundestruppen aus den Südstaaten. Er gab zu, daß all die »Frevel«, über die er sich beklagte, tatsächlich gegen Neger und unionsfreundlich gesinnte Leute begangen worden waren und daß, wenn die Bundestruppen zurückgezogen würden, im Staate Mississippi kein Nordstaatler mehr seines Lebens sicher wäre. Aber zugleich wünschte er dringend, daß die Bundestruppen zurückgezogen würden, um Platz, für die Freiwilligen zu schaffen Es schien mir unmöglich, daß ein so wenig logisch denkender Mann, Einfluß über den Präsidenten gewinnen konnte. Desto mehr überraschte es mich, als ich auf meiner Dampferfahrt den Mississippi hinunter, von Vicksburg nach New Orleans, am 1. September, 2 Uhr nachmittags, plötzlich aus meiner Kajüte heraufgerufen wurde, um vor Baton Rouge ein Telegramm von Präsident Johnson in Empfang zu nehmen, das ich wörtlich anführen will.

Washington, D. C. 30. August 1865.

Herrn Generalmajor Schurz, Vicksburg, Mississippi.

Ich nehme an, daß General Slocum keine Order erlassen wird, welche die von Gouverneur Sharkey getroffenen Dispositionen zur Wiederherstellung der Regierung des Staates stören, ohne daß er erst die Bundesregierung zu Rate zieht und ihr seine Gründe auseinandersetzt. Man glaubt, daß es möglich ist, in jedem Staate eine Bürger- oder Freiwilligenmiliz zu organisieren, welche Verbrechen unterdrücken, die Ordnung aufrechterhalten und der Zivilgewalt des Staates und der Vereinigten Staaten Nachdruck verleihen kann. Dies würde auch der Bundesregierung ermöglichen, das Heer zu verringern und die Okkupationstruppen aus den Südstaaten zurückzuziehen, was das Budget der Regierung; wesentlich entlasten würde. Eine Gefahr kann in einer solchen Organisation von Bürgern nicht erblickt werden, da die Bundestruppen zur Stelle sind und die geringste aufständische Bewegung sofort unterdrücken können. Ein besonderer Zweck des Planes ist, die Bevölkerung der Südstaaten sich persönlich an der Verteidigung des Staates und der Union beteiligen zu lassen. Washington hat ausdrücklich erklärt, das Volk oder die Miliz sei das Heer der Verfassung oder das Heer der Vereinigten Staaten; es muß daher, sobald wie irgend angängig, der ursprüngliche Plan der Regierung wieder aufgenommen und so viel wie möglich nach den Grundsätzen der erhabenen Freiheitsurkunde, die uns von den Gründern der Republik überliefert worden ist, ausgeführt werden. Das Volk muß selbst mit seiner Regierung betraut werden, und wenn ihm Vertrauen erwiesen wird, so wird es meines Erachtens auch in gutem Glauben handeln und bald seine verfassungsmäßigen Beziehungen mit allen die Union bildenden Staaten wiederherstellen. Der Hauptzweck der Sendung des Generalmajor Carl Schurz nach dem Süden war, soviel wie möglich die Politik zu unterstützen, welche die Regierung befolgt hat, um das ehemalige Verhältnis der Südstaaten zur Bundesregierung wiederherzustellen. Diese Unterstützung ist hoffentlich geleistet worden. Die Proklamation über die Wiedereinsetzung der Staatsregierungen verlangt, daß das Militär den provisorischen Gouverneur bei der Ausübung seiner in der Proklamation näher bezeichneten Pflichten unterstützt; es ist aber in keiner Weise befugt, sich einzumischen oder dem Gouverneur in der Ausübung dieser Pflichten Hindernisse in den Weg zu legen, wenigstens nicht ohne der Regierung von der beabsichtigten Einmischung Mitteilung zu machen.«

Andrew Johnson President U. S.

Sobald ich in New Orleans ankam, telegraphierte ich meine Antwort. Da der Präsident offenbar annahm, ich habe General Slocum angewiesen, seine Order zu erlassen, meinte ich, es mir selbst schuldig zu sein, dem Präsidenten mitzuteilen, daß die Order schon gegeben war, ehe ich den General gesprochen hatte, daß ich sie aber entschieden billigte. In einigen Landgegenden war schon eine Landmiliz organisiert worden, mußte aber wegen der offenen Feindseligkeiten gegen Unionsfreunde und gegen Freigelassene unterdrückt werden. In Vicksburg hatte eine Anzahl Unionsfreunde erklärt, daß, wenn General Slocums Maßnahmen keine Unterstützung fänden, sie sofort den Staat verlassen würden. Einer der Gründe, die Sharkey für Errichtung einer Freiwilligenmiliz angab, war der, daß sich die Bevölkerung weigerte, unserer Kriegsmacht in der Unterdrückung von Verbrechen behilflich zu sein. Und doch richtete sich sein Aufruf gerade an diejenigen Bevölkerungsklassen, welche den Truppen ihre Hilfe versagten. Das war ein so kränkendes Verfahren, daß kein General, dem die Würde seiner Regierung am Herzen lag, es sich gefallen lassen konnte. Das Bestehen von großen bewaffneten Massen, die nicht unter militärischem Kommando standen, mußte notwendig zu Konflikten führen. So sehr ich für Sparsamkeit in bezug auf Staatsgelder war, mußte ich doch sagen, daß die Verhältnisse zurzeit ein Sparen durch Verringern der südstaatlichen Garnisonen nicht gestatteten. Ich war fest davon überzeugt, daß der Präsident das einsehen würde, wenn er an Ort und Stelle wäre. Die Unionsfreunde und die Freigelassenen bedürften absolut einer schützenden Macht. Ihre Sicherheit erforderte geradezu, daß Slocum öffentlich unterstützt und Sharkey öffentlich gerügt würde. Nach des Präsidenten eigenen Worten hatte ich verstanden, daß seine Maßnahmen erst ein Versuch seien und meine Sendung nur Beobachtungen und Berichte bezwecke. Ich hatte mich genau nach dieser Annahme gerichtet und suchte den Präsidenten mit zuverlässiger Auskunft zu unterstützen, da ich nicht glauben konnte, daß es die Absicht des Präsidenten sein könnte, seine schützende Hand von der unionsfreundlich gesinnten Bevölkerung und von den befreiten Sklaven zurückzuziehen, ehe ihre Rechte und ihre Sicherheit feststanden. Ich bat ihn dringend, General Slocums Verfahren nicht zu mißbilligen und mir seine Absichten in bezug auf die Freiwilligenmiliz in Mississippi mitzuteilen.

Am nächsten Tage, dem 2. September, nachdem ich mit Generalmajor Canby, dem Kommandeur des Departements Louisiana, einem besonders kühlen, vernünftigen und vorsichtigen Manne, gesprochen hatte, telegraphierte ich abermals, wie folgt an den Präsidenten:

»General Canby autorisiert mich, mitzuteilen, daß die Organisation von Freiwilligenkompagnien in verschiedenen Orten seines Departements versucht wurde, daß er sich aber genötigt gesehen habe, sie wieder aufzulösen, weil sie der persönlichen Rache fröhnten und überhaupt gegen Maßnahmen und Interesse der Regierung handelten. Sheridan hat in Texas eine Order erlassen des nämlichen Inhalts wie die des Generals Slocum.«

Darauf erhielt ich am 6. September ein Telegramm, welches nur kurz den Empfang meiner »Depesche vom 30. letzten Monats«, « womit vermutlich mein Brief aus Vicksburg gemeint war, bestätigte. Dann nichts mehr. Kein Wort über die Absichten des Präsidenten, kein Wort der Zustimmung oder Mißbilligung meines Verhaltens. Aber inzwischen hatte ich in einer in New Orleans erscheinenden Zeitung eine kurze Meldung aus Washington gefunden des Inhalts, daß der Präsident sehr unzufrieden mit mir wäre und es besonders tadelte, daß ich an die Zeitungen geschrieben hatte, statt an ihn zu berichten. Diese Meldung glaubte ich vom Weißen Hause aus inspiriert. Ich schrieb also sofort an den Präsidenten und erinnerte daran, daß ich den Auftrag zu dieser Reise nach dem Süden nicht gesucht, sondern ihn nur angenommen habe, weil ich glaubte, dem Vaterlande einen Dienst erweisen zu können. Den Vorwurf, ich hätte an die Zeitungen und nicht an den Präsidenten geschrieben, wies ich als einfach in sich zerfallend zurück. Dem Präsidenten hatte ich eine Reihe ausführlicher Berichte gesandt, einer einzigen Zeitung allerdings daneben einige Briefe. Dies war aber schon vor meiner Abreise, bei den Reisevorbereitungen, mit dem Kriegssekretär verabredet worden. Die für mich ausgesetzte Entschädigung – das Gehalt eines »Clerk« im Kriegsministerium – war durchaus ungenügend zur Bestreitung der Reisekosten, zu welchen noch viele Extraausgaben hinzukamen, wie z. B. eine hohe Extraprämie auf meine Lebensversicherung. Daher mußte ich mit vollem Einverständnis und voller Billigung des Kriegssekretärs noch nebenher etwas verdienen, um meine Reise finanziell zu ermöglichen. Meine Briefe an die Zeitung enthielten selbstredend keine Amtsgeheimnisse, sondern nur Reiseerlebnisse, Anekdoten, Bilder der Verhältnisse in den Südstaaten und Betrachtungen darüber, Dinge, die in einem amtlichen Bericht nicht soweit ausgeführt werden konnten; und zwar hatte ich dies alles anonym geschrieben, so daß meinen Ausführungen jeder amtliche Anstrich genommen war. Ich schloß damit, daß ich meinte, ein Recht auf Schutz gegen solche Beschuldigungen zu haben, wie jene Zeitungsmeldung sie enthielt.

Meine erste Regung war, meine Mission niederzulegen und heimzukehren. Dann erwog ich jedoch, daß die Pflicht gegen das Allgemeinwohl, welche ich übernommen, mich zwang, meine Aufgabe, so gut ich konnte, zu erledigen, wenn ich nicht geradezu vom Präsidenten zurückgerufen wurde. Zunächst also beschloß ich, mit meinem Forschen und Fragen fortzufahren und eine Antwort auf meinen Brief abzuwarten. Ich war über die erlittene Behandlung außer mir. Ich hatte die Reise auf besonderen, dringenden Wunsch des Präsidenten unternommen; sie war mir ein schweres Opfer, denn ich wollte gerade in meine westliche Heimat zurückkehren, als mich der Präsident berief. Meine Reise nach dem Süden in der heißesten Jahreszeit war außerordentlich beschwerlich und angreifend. Ich mußte Hunderte von Meilen in wackligen Eisenbahnwagen über abgenutzte, schon anfangs schlechte und jahrelang nicht reparierte Geleise in einer Geschwindigkeit von zehn oder bestenfalls fünfzehn Meilen die Stunde bei einer Temperatur von 80 bis 90 Fahrenheit zurücklegen. Wo Eisenbahnen überhaupt fehlten, fuhr ich – gewöhnlich nachts, um die glühende Tageshitze zu vermeiden – in Wagen, meist Equipagen der alten südstaatlichen Aristokratie, die aus dem Glanz der besseren Tage zum Postdienst degradiert worden waren. Traurig sahen die früher eleganten Gefährte aus; die Polsterung war zerrissen, die Laternen waren verschwunden, das mit Bindfaden zusammengebundene Geschirr bildete durch fortwährendes Reißen eine arge Geduldsprobe. Besonders lebhaft erinnere ich mich einer Nachtfahrt in Alabama auf einer furchtbaren Straße durch ausgedehnte Wälder. Als Postwagen diente uns wieder einmal eine ehemalige herrschaftliche Kutsche; aus dem zerschlissenen Atlaspolster quoll das Roßhaar in widerlichen Klumpen hervor, die Sprungfedern waren so schwach geworden, daß jeder Stoß auf der schlechten Straße uns von unseren Sitzen emporschnellte, und das alte Geschirr riß so oft und mit so schadenfrohem Knirschen, daß unsere Geduld gänzlich und unsere Geschicklichkeit im Geschirrflicken beinahe ganz versiegte. Glücklicherweise hatten wir vor dem Verlassen der letzten Station bemerkt, daß die Wagenlaternen fehlten und uns mit mehreren Paketen Talglichte versorgt. Nun stolperte abwechselnd mein Begleiter, Hauptmann Orlemann, und ich selbst mühsam durch den stockfinstern Wald vor dem Wagen her und beleuchteten mit unseren Kerzen den Weg, damit Baumwurzeln, Baumstümpfe, tiefe Löcher und sonstige verderbenbringende Hindernisse möglichst entdeckt und vermieden würden. Inzwischen schalt und fluchte unser Kutscher, ein sechzehn bis siebzehnjähriger weißer Bursche, der sich kaum auf dem Bock halten konnte, und erzählte dann wieder in begeisterten Tönen, ein wie herrlicher Wagen der unsrige in seiner Glanzzeit, und wie vornehm und elegant seine Besitzer gewesen seien, die jetzt ihre Equipage als Postfuhrwerk vermieten müßten und so arm seien, daß sie den Wagen nicht einmal instand halten könnten.

Solche Reisen waren in der Tat höchst beschwerlich, aber kaum schlimmer als die glühend heißen Nächte, die ich in den elenden Dorfwirtshäusern jener Zeit im Kampf mit giftigen Mosquitoschwärmen, wenn nicht gar mit noch widerlicheren Insekten, zubringen mußte. Die Unbehaglichkeiten des Lagerlebens waren im Vergleich mit diesen Wirtshäusern höchster Komfort und Luxus gewesen. Das Ende vom Liede war, daß bei meiner Ankunft in New Orleans meine Kraft fast versiegte, und ich einen schweren Fieberanfall hatte – von dem sogenannten break bone fever – der seinem Namen alle Ehre macht. In der Erwartung, daß ich das Übel in einer anderen Gegend meines Distrikts besser bekämpfen könnte, verließ ich New Orleans und reiste nach Mobile, um mich auch über die Verhältnisse in Süd-Alabama zu unterrichten. Nach New Orleans zurückgekehrt, sandte ich einen ergänzenden Bericht an den Präsidenten und reiste dann auf Anraten meines Arztes, da das Fieber hier nicht weichen wollte, nordwärts. In Natchez und in Vicksburg machte ich Halt, um wichtige Auskünfte einzusammeln. In Natchez sah ich ein bedeutsames Bild. Ich kam an einem der großen Häuser vorbei, welche vor dem Kriege Sommerwohnungen der Pflanzeraristokratie jener Gegend gewesen waren. Das Haus war, wie die meisten dieser Wohnungen, in ganz verwahrlostem Zustande; die Fensterläden hingen aus den Angeln, die Fensterscheiben waren zerbrochen und Hof und Garten verwildert. Vor dem Hause bemerkte ich frisch aufgehäuftes Brennholz und unfern davon einen alten Mann, der mit einer Axt einen großen Baum mit herrlicher Krone fällte. Ein gewisser Adel in seiner Erscheinung lenkte meine Aufmerksamkeit auf ihn. Er hatte ein vornehmes Antlitz, langes, weißes Haar, schmale, zarte Hände. Seine Kleider waren, wenn auch abgetragen, ursprünglich von feinem Schnitt gewesen und einem Tagelöhner nicht angemessen. Mein Begleiter kannte ihn nicht. Ich richtete also an ihn selbst die Frage, wem das Haus gehöre. »Es gehört mir,« entgegnete er. Ich fragte mit ein paar entschuldigenden Worten weiter, weshalb er diesen herrlichen Baum schlage. »Ich muß leben,« erwiderte er mit wehmütigem Lächeln. »Meine Söhne sind im Kriege gefallen. Meine Dienstboten haben mich verlassen. Ich verkaufe jetzt Brennholz an die vorüberfahrenden Dampfer.« Er schwang wieder seine Axt, offenbar um das Gespräch abzubrechen. Ein teilnehmendes Wort lag mir auf der Zunge, aber ich unterdrückte es. Ein Blick auf die ruhige Würde seines Antlitzes sagte mir, daß Mitleid ihn verletzen würde, – besonders das Mitleid eines siegreichen Gegners.

In Vicksburg hörte ich von General Slocum, daß Gouverneur Sharkey selbst, nach reiflicher Überlegung, seinen Plan der Organisation einer Staats-Freiwilligenmiliz als zu gefährlich aufgegeben habe.

In Washington angelangt, meldete ich mich sofort im Weißen Hause. Der Privatsekretär des Präsidenten schien überrascht von meinem Besuch. Er meldete mich beim Präsidenten, der heraussagen ließ, er sei beschäftigt. Ich fragte, wann der Präsident mich wohl empfangen könnte. Das konnte sein Sekretär nicht sagen, da des Präsidenten Zeit jetzt außerordentlich in Anspruch genommen sei. Ich verließ das Vorzimmer, sprach aber am andern Morgen wieder vor. Der Präsident war noch immer beschäftigt. Nun bat ich den Sekretär, dem Präsidenten zu unterbreiten, daß ich von einer vier Monate langen, auf eigenen Wunsch des Präsidenten unternommenen Reise zurückgekehrt sei, daß ich es für meine Pflicht halte, mich gehorsamst zur Stelle zu melden, und daß ich ihm verbunden sein würde, wenn er mich wissen ließe, ob und wann er mich zu diesem Zweck empfangen wolle. Der Privatsekretär ging zum Präsidenten hinein und brachte den Bescheid zurück, daß ich in etwa einer Stunde empfangen werden solle. Zur bestimmten Zeit wurde ich vorgelassen. Der Präsident empfing mich sehr kühl und sah verdrießlich aus. Ich sagte, ich sei von der seinem Wunsche gemäß angetretenen Reise zurückgekehrt und sei bereit, außer den schon eingesandten Berichten ihm nunmehr noch alle Auskunft zu geben, die ich hätte erlangen können. Dann trat ein längeres Stillschweigen ein. Endlich erkundigte sich der Präsident, wie es mir ginge. Ich dankte für die Nachfrage und sprach die Hoffnung aus, daß es dem Präsidenten auch gut ginge. Er sagte, es gehe ihm gut. Dann abermaliges Stillschweigen. Ich unterbrach es, indem ich sagte, daß ich meine Briefe aus dem Süden durch einen längeren Bericht zu ergänzen wünschte, in welchem ich meine Erfahrungen und Ansichten in eine geschlossenere Form bringen möchte. Der Präsident blickte auf und sagte, diese Mühe brauche ich mir um seinetwillen nicht zu machen. Ich entgegnete, es sei absolut keine Mühe, und ich betrachte es als meine Pflicht. Darauf entgegnete er nichts. Das Stillschweigen begann peinlich zu werden, also empfahl ich mich.

Präsident Johnson wollte augenscheinlich mein Zeugnis über die Verhältnisse im Süden unterdrücken. Ich beschloß sofort, daß ich das nicht zugeben wolle. Ich hatte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit versucht, die Verhältnisse im Süden richtig zu beurteilen. Ich hatte mich weder von politischen Erwägungen noch von vorgefaßten Meinungen irgendwie beeinflussen lassen. Ich hatte der Wahrheit gemäß und mit größter Genauigkeit berichtet, was ich gesehen und erkannt hatte, und es schien mir, daß das Vaterland ein Recht darauf habe, diesen meinen wahrheitsgetreuen Bericht zu hören.

Meine Freunde in Washington waren über den auffallenden Wechsel in Präsident Johnsons Haltung sehr verschiedener Meinung. Einige erzählten mir, daß während des Sommers das Weiße Haus von gesellschaftlich sehr hochstehenden Männern und Frauen aus den Südstaaten geradezu belagert worden war. Diese hatten dem Präsidenten erzählt, das einzige störende Element im Süden sei eine Schar fanatischer Abolitionisten, welche den Negern die gefährlichsten Dinge in den Kopf setzten. Sie sagten, alles würde gut gehen, wenn er nur so bald wie möglich die Selbstverwaltung der südlichen Staaten, wie er sie in der Nord-Carolina-Proklamation niedergelegt habe, wiederherstellen wolle; er sei ein großer Mann, und auf ihn blickten sie als auf ihren Retter. Nun meinten meine Freunde, daß Johnson, der vor dem Kriege von der sklavenhaltenden Pflanzeraristokratie mit offenkundiger Verachtung behandelt worden war, der weltmännischen Gewandtheit dieser selben Aristokratie nicht zu widerstehen vermocht hatte, als ihre Mitglieder ihn demütig bittend und seiner Eitelkeit schmeichelnd umringten.

Nach einer anderen Ansicht hatte Seward, der nach Lincolns Tode Staatssekretär geblieben war, seine ganze Beredsamkeit darangesetzt, um Johnson zu überzeugen, daß nun nichts mehr zu tun übrig bleibe, als die Union wiederherzustellen, indem man »die jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« sofort in ihr altes Verhältnis zur Union wieder aufnähme. Die ehemaligen Sklavenhalter würden durch diesen Beweis von Vertrauen ermutigt werden, und man könnte ihnen dann getrost die Anerkennung und den Schutz der emanzipierten Sklaven anvertrauen. Daß Seward dem Präsidenten in dieser Weise geraten habe, war wohl anzunehmen. Es war nicht nur die im Publikum allgemein verbreitete Meinung, sondern deckte sich auch mit Sewards eigentümlichen Ansichten in der Sklavereifrage. Schon beim Ausbruch der Sezessionsbewegung hatte er die Frage der Sklavenemanzipation entschieden zurückgewiesen, trotz ihrer offenbaren Wichtigkeit im Bürgerkriege und trotz des Einflusses, den sie unfehlbar auf Ansicht und Haltung der europäischen Mächte haben mußte. So konnte er jetzt auch vielleicht in dem ungeduldigen Verlangen, formell die Union wiederherzustellen, die nationale Ehrenschuld vergessen, die darin bestand, die Rechte der befreiten Sklaven und die Sicherheit der südstaatlichen Unionsfreunde zu wahren. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß beide genannten Einflüsse für die Handlungsweise Johnsons bestimmend waren.

Ich machte mich mit äußerster Sorgfalt an meinen allgemeinen Bericht. Meine Angaben waren stets durch anliegende Beweise erhärtet; Aussagen meiner Zeugen wurden in ihren eigenen Worten wiedergegeben. Ich vermied sorgfältigst jegliche Übertreibung und bemühte mich, nur gemäßigte und nüchterne Ausdrücke anzuwenden. Es gereicht mir zur Genugtuung, sagen zu können, daß von meinen Angaben nie eine einzige völlig widerlegt werden konnte. Von meinen Schlußfolgerungen und Vorschlägen kann ich nicht mit Sicherheit dasselbe sagen; denn sie waren Sache, nicht der Erfahrung, sondern des Urteils. Und in jener Zeit standen wir einer von so schwierigen und verwickelten Problemen starrenden Lage gegenüber, daß jede vorgeschlagene Lösung, mochte sie noch so logisch und gerecht erscheinen, die Gefahr in sich barg, in der Praxis verderblich zu wirken. Unter der loyalen Bevölkerung war die Ansicht fast allgemein, die »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« müßten bald in ihre verfassungsmäßigen Funktionen wieder eingesetzt werden. Über die Bedingungen aber, unter welchen das zu geschehen hätte, gingen die Ansichten weit auseinander. Wäre es nicht ebenso töricht als unehrenhaft gewesen, heute Negersklaven zu befreien und sie sogar als Soldaten der Republik zu verwenden, und morgen sie schutzlos denen zu überantworten, die sie in der Sklaverei gehalten hatten und sie weiter in Frondienst zu halten wünschten? Aber wie sollte man sie schützen und dauernd schützen? Einige wohlgesinnte Männer schlugen ganz ernstlich vor, angesichts der Feindschaft zwischen der weißen und der schwarzen Rasse, die Neger irgendwo an einen passenden und sicheren Ort zu deportieren und sie so vor Schaden zu bewahren. Aber dieser Plan mußte aus triftigen Gründen als unausführbar aufgegeben werden. Die Neger zunächst durch Militärmacht zu schützen, schien annehmbar und gerecht; den militärischen Schutz jedoch unbegrenzt auszudehnen, wäre nicht nur schwer auszuführen, sondern auch den Grundsätzen unserer Regierung entgegen gewesen und hätte gefährliche Mißbräuche erzeugt. Die andere Möglichkeit war, den freigelassenen Sklaven durch Verleihung des Wahlrechts Gelegenheit zu geben, sich selbst zu schützen und als wahlberechtigte Bürger eine gewisse Macht in der Regierung auszuüben. Ein schwerwiegendes Bedenken gegen diesen Plan lag in der allgemeinen Unwissenheit der schwarzen Bevölkerung. Man erwartete aber, daß sich im Laufe der Zeit ihre Stimmen auf die verschiedenen politischen Parteien verteilen würden. Ferner meinte man, daß die Unwissenheit der Schwarzen nicht wesentlich schlimmere Folgen haben könnte als die der großen Masse der südstaatlichen weißen Wähler, und daß dem Übel vielleicht durch irgendeine Bildungsvorschrift für Wähler, die auf Schwarze und Weiße gleich anwendbar wäre, begegnet werden könnte. Jedenfalls glaubte man, daß die bösen Folgen der Wahlrechtserteilung an die Schwarzen schließlich nicht so gefährlich sein würden, als die Folgen sonstiger ausführbarer Maßnahmen zum Schutze der freigelassenen Sklaven.

Im letzten Absatz meines Berichts stellte ich dem Präsidenten in höflichster Form anheim, dem Kongreß vorzuschlagen, eine oder mehrere Kommissionen zur Untersuchung der Verhältnisse und zur Berichterstattung darüber nach den Südstaaten zu senden, ehe endgültige und unumstößliche Beschlüsse gefaßt würden. Das fertige Schriftstück sandte ich am 22. November an den Präsidenten und bat zugleich um Erlaubnis, es veröffentlichen zu dürfen, und zwar auf eigene und alleinige Verantwortung und in einer Weise, welche die Annahme, der Präsident billige es, oder auch nur einen Teil davon, ganz ausschlösse. Auf diese Bitte erhielt ich niemals eine Antwort. Ich hätte sie nie ausgesprochen, wenn ich nicht befürchtet hätte, daß mein Bericht aus irgendeine Weise unterdrückt werden sollte. Später zeigte sich, daß man einen anderen Ausweg gefunden hatte. Der Kongreß wurde im folgenden Dezember eröffnet. Sofort machte die republikanische Mehrheit gegen Präsident Johnsons Rekonstruktionsplan Opposition. Noch ehe die Botschaft des Präsidenten verlesen worden war, beschloß das Haus der Repräsentanten auf Antrag des Abgeordneten Thaddeus Stevens aus Pennsylvania, daß eine aus Mitgliedern beider Häuser bestehende Kommission eingesetzt werden sollte zur Untersuchung und Prüfung der Verhältnisse in den »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten«. Diese Kommission sollte dann darüber berichten, ob nach ihrer Ansicht jene Staaten, alle oder einzelne, Anspruch darauf hätten, in einem der beiden Häuser des Kongresses vertreten zu werden. Diesem Beschluß stimmte der Senat dann zu. So nahm der Kongreß die Angelegenheit der Rekonstruktion der Südstaaten selbst in die Hand, was nach der Verfassung vollkommen berechtigt war.

Am 12. Dezember beschloß der Senat auf Antrag Sumners, daß der Präsident dem Senate u. a. auch eine Abschrift meines Berichtes vorlegen sollte. Acht Tage später tat er es, aber er fügte ihm einen Bericht des Generals Grant über dieselbe Sache bei. Die beiden Berichte begleitete eine kurze Botschaft des Präsidenten, welche verkündete, daß die Rebellion unterdrückt sei, daß Friede im ganzen Lande herrsche, daß »soweit angängig« die Gerichtshöfe der Vereinigten Staaten wiedereingesetzt, die Postanstalten wiedererrichtet und die Steuern eingezogen worden seien; verschiedene jener Staaten hätten ihre Verwaltung reorganisiert, und zwar mit Erfolg; das Amendement zur Verfassung, in welchem die Sklaverei aufgehoben wurde, sei von fast allen jenen Staaten ratifiziert worden, und in den meisten die Gesetzgebung zum Schutz der Freigelassenen in Vorbereitung; hier und dort sei allerdings die »demoralisierende Wirkung des Krieges« noch in »gelegentlichen Unruhen« zu spüren, die aber auf gewisse Gegenden beschränkt und im Abnehmen begriffen seien; kurz, im ganzen könne die Sachlage verheißungsvoll und weit über Erwarten gut genannt werden. Meinen Bericht übermittelte er, ohne irgendein Wort der Erläuterung, aber er lenkte die Aufmerksamkeit nachdrücklich auf den General Grants.

Der Bericht des Generals kam allen sehr überraschend, war aber leicht zu erklären. Am 22. November hatte der Präsident meinen Bericht erhalten. Am 27. November begab sich Grant mit Einwilligung des Präsidenten auf eine »Inspektionsreise durch einige der Südstaaten«. Zweck derselben war, »die augenblickliche Disposition der Truppen in Augenschein zu nehmen« und auch »so gut wie möglich die Gefühle und Absichten der Bürger jener Staaten in bezug auf die Bundesregierung kennen zu lernen«. Am 12. Dezember verlangte der Senat Mitteilung meines Berichts. Grants Bericht war vom 10. Dezember datiert und wurde zugleich mit dem meinigen am 17. Dezember dem Senat vorgelegt. Die Annahme lag nahe, daß Johnson es so eingerichtet habe, damit die Wirkung meines Berichts abgeschwächt würde. Wenn das zutraf, war die Sache sehr geschickt gemacht. Grant war zu jener Zeit auf dem Gipfel der Beliebtheit. Seit Lincolns Tode war er in den Augen des Volkes bei weitem die imposanteste und interessanteste Figur. Er hatte den gefürchteten Gegner Lee gezwungen, die Waffen zu strecken, und wurde deshalb allgemein der »Retter der Union« genannt. Ihm wurde im höchsten Maße das eigentümliche Vorrecht der Kriegshelden zuteil, daß die Menge ihnen alle möglichen Tugenden und Fähigkeiten zuschreibt. Sein Wort mußte also sehr überzeugend wirken. In diesem Falle jedoch erwies sich der Mißkredit, den sich Johnson bereits zugezogen hatte, als zu stark; selbst der beliebte Kriegsheld konnte ihn nicht überwinden.

Es ist mehr als wahrscheinlich, daß Grant, dessen Erfahrung in der Politik gering war, sich unbewußt von dem Präsidenten hatte benutzen lassen. Sein Bericht war zweifelsohne ganz aufrichtig und ehrlich. Er gab sogar freimütig zu, er sei sehr schnell durch Virginia gereist, habe kaum irgend jemanden eingehend gesprochen, habe sich nur einen Tag in Raleigh, Nord-Carolina, zwei in Charleston, Süd-Carolina und je einen in Savannah und Augusta, Georgia, aufgehalten. Einer der Schlüsse, zu denen er gelangte, war »daß die Mehrzahl der einsichtigen Männer in den Südstaaten die gegenwärtige Lage in gutem Glauben anerkenne«. Daß die Mehrzahl der einsichtigen Männer, die ihm aus seinen eiligen Besuchen in Raleigh, Charleston, Savannah und Augusta dies gesagt und ihr Bestes getan hatten, alles in möglichst günstigem Lichte darzustellen, um die Rekonstruktion des Staates und die Wiederherstellung seiner Selbstverwaltung zu beschleunigen, und daß Grant, der hochherzige Optimist, sich diese Ansichten zu eigen machte, ist außer Frage. Aber er gab auch offen zu, daß er »weder unter den Staatsangestellten noch unter den Bürgern der Südstaaten Leute gefunden hätte, die es für praktisch ausführbar hielten, jetzt das Militär aus den Südstaaten zurückzuziehen, weil sowohl die Weißen als auch die Schwarzen den Schutz der Bundesregierung bedurften«. Er ging sogar so weit, zu sagen, »in irgend einer Form ist das Freedmen’s Bureau noch unumgänglich notwendig, bis das Gesetz wieder hergestellt und ihm Geltung verschafft ist, so daß den Freigelassenen ihre Rechte und vollständiger Schutz gesichert sind«. Und ferner sagte er, »es ist nicht zu erwarten, daß Ansichten, welche in den Südstaaten jahrelang geherrscht haben, von einem Tag auf den andern geändert werden können, Und deshalb bedürfen die Freigelassenen noch einige Jahre lang nicht nur schützender Gesetze, sondern auch der sorgenden Beihilfe derer, auf deren guten Rat sie sich verlassen können«. Eigentlich entfernten sich also Grants Ansichten über das, was praktisch ausführbar war, nicht so sehr von den Meinigen. Johnsons Freunde und Parteigänger stellten es aber entschieden so dar, als ob er die schleunige Wiedereinsetzung der »jüngst an der Rebellion beteiligten Staaten« in ihre Selbstverwaltungsrechte und Funktionen befürworte Dies wurde dann auch der allgemeine Eindruck, wahrscheinlich sehr gegen seinen Wunsch und Willen. Mein Bericht wurde nach seiner Veröffentlichung als »Dokument der Exekutive« im ganzen Lande bekannt. Eine wahre Flut von zustimmenden und beglückwünschenden Briefen strömte von allen Seiten auf mich ein. Es mag mir verziehen werden, wenn ich, nachdem ich mein damaliges Werk rückblickend kritisch geprüft habe, es heute selbst verdienstvoll finde und das ausspreche. Ich bin weit davon entfernt, zu sagen, daß nicht ein anderer die Aufgabe viel besser erfüllt hätte als ich, aber ich bin überzeugt, daß dieser Bericht das Beste ist, was ich je in öffentlichen Angelegenheiten geschrieben habe. Der schwächste Teil daran ist der über das Wahlrecht der Neger, nicht daß der Gedanke an sich falsch wäre, aber er läßt verschiedene, sehr wichtige Gesichtspunkte außer acht. Ihre große Wichtigkeit ist später offenbar geworden. Aber davon seinerzeit mehr. Hier möchte ich nur noch sagen, daß meines Erachtens derjenige, der die Geschichte jener Zeit aufmerksam betrachtet und studiert, meine Schilderung der Verhältnisse in den Südstaaten nach Beendigung des Krieges wohl der Beachtung wert finden wird.

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