Die krumme Janet

Reverend Murdoch Soulis war seit vielen Jahren Pastor der Gemeinde Balweary, eines im Tale des Dule gelegenen Haidedorfes. Ein strenger, freudlos blickender, alter Mann, der Schrecken seiner Hörer, hauste er während der letzten Jahre seines Lebens in dem kleinen, einsamen Pfarrhause am Fuße des Hanging Shaw, ohne Verwandte, Diener oder irgendwelche menschliche Gesellschaft. Trotz der eisernen Gesetztheit seiner Züge war sein Blick wild, unsicher und voller Furcht; und wenn er in privater Ermahnung die Zukunft des unbußfertigen Sünders schilderte, schien sein Auge die Stürme der Zeit zu durchdringen und die Schrecken der Ewigkeit zu schauen. Viele junge Leute, die sich mit seiner Hilfe auf das heilige Abendmahl vorbereiteten, wurden von seinen Reden zu panischer Furcht aufgerüttelt. Insbesondere hatte er eine Predigt über Petrus I, Vers 5 und 8, »Der Teufel ist ein brüllender Löwe«, in der er sich selbst übertraf, sowohl durch den grauenerregenden Gegenstand wie durch das Furchtbare seines Gebarens auf der Kanzel, und die er an jedem ersten Sonntag nach dem 17. August hielt. Die Kinder wurden dabei von Krämpfen befallen, die alten Leute dagegen sahen mehr als gewöhnlich orakelhaft drein und ließen den ganzen Tag über allerlei Andeutungen fallen von der Art, wie Hamlet sie zu mißachten liebte. Das Pfarrhaus selbst lag neben den Wassern des Dule zwischen einigen dichten Bäumen; es war auf der einen Seite überschattet von dem hängenden Shaw selbst und bot nach der anderen Seite einen Blick auf zahlreiche, kalte Haidehügel, die sich hoch gegen den Himmel abhoben, und die bereits zu einer sehr frühen Zeit von Mr. Soulis Amtsdauer während der Abenddämmerung von allen, die sich auf ihre Vorsicht etwas einbildeten, gemieden wurden. Ja, die Gevattern, die sich in dem Dorfgasthause versammelten, pflegten bei dem Gedanken, spät in der Nacht an jenem unheimlichen Ort vorbei zu müssen, den Kopf zu schütteln. Um ganz genau zu sein, gab es dort eine Stelle, die mit besonderer Scheu betrachtet wurde. Das Pfarrhaus lag zwischen der Landstraße und den Wassern des Dule, mit je einem Giebel nach jeder Seite, während die Rückwand nach dem fast eine halbe Meile entlegenen Kirchdorf Balweary blickte und die Vorderfront samt einem kahlen, von einer Dornenhecke eingefaßten Garten den Raum zwischen Fluß und Straße einnahm. Das Haus hatte zwei Stockwerke mit je zwei geräumigen Zimmern. Es grenzte nicht unmittelbar an den Garten, sondern an einen Hohlweg oder Gang, dessen eines Ende auf die Straße führte und dessen andere Mündung durch hohe Weiden und Ellern, die den Fluß umsäumten, begrenzt wurde. Dieser gemauerte Gang erfreute sich unter den jüngeren Gemeindemitgliedern von Balweary eines ganz besonders schlimmen Rufes. Der Pastor pflegte dort häufig nach Anbruch der Dunkelheit auf und ab zu wandeln und mitunter in der Inbrunst seiner stummen Gebete laut zu stöhnen; und wenn er von Hause fort und die Pfarrhaustür verschlossen war, wagten nur die tollkühnsten der männlichen Schuljugend klopfenden Herzens an jenem verrufenen Ort Räuber und Gendarm zu spielen.Die Atmosphäre des Grauens, die hier in der Tat einen Gottesmann von fleckenlosem Charakter und reinster Orthodoxie umgab, war ganz allgemein die Ursache von Staunen und Neugier unter den wenigen Fremden, die durch den Zufall oder durch Geschäfte in jene unbekannte, weltfremde Gegend geführt wurden. Aber sogar in der Gemeinde selbst gab es viele Leute, die nichts von den seltsamen Begebenheiten wußten, die das erste Amtsjahr Mr. Soulis‘ auszeichneten, und unter den besser Unterrichteten gab es einige, die von Haus aus zurückhaltend waren und andere, die vor jenem besonderen Gegenstand zurückschreckten. Nur hin und wieder erwärmte sich einer der älteren Männer über seinem dritten Glase Schnaps hinreichend, um Mut zu fassen und der Ursache des seltsamen Aussehens sowie des einsiedlerischen Lebens des Geistlichen nachzugehen.

»Vor fünfzig Jahren, als Mr. Soulis zuerst nach Balweary kam, war er noch ein junger Mann – ein forscher Bursch, wie die Leute sagen – ganz voller Buchgelehrsamkeit und großartig im Auslegen der Heiligen Schrift, aber, wie man’s bei einem so jungen Menschen ja auch nicht anders erwarten kann, ohne richtige, praktische Erfahrung in der Religion. Die jungen Leute, die waren natürlich ganz weg von seinen Talenten und seinem vielen Reden; aber was so alte, vorsichtige, ernste Männer und Weiber waren, die sorgten sich so sehr um den jungen Mann, daß sie für ihn und die Gemeinde beteten; denn von ihm glaubten sie, daß er einer von jenen sei, die sich selbst betrügen, und von der Gemeinde, daß sie wahrscheinlich übel mit ihm dran wäre. Das war noch vor den Tagen der Lauen im Herrn – Gott strafe sie –; aber die schlimmen Dinge sind wie die guten – beide wachsen recht hübsch langsam, Stück für Stück, und es hat auch damals schon Leute gegeben, die da meinten, der Herrgott hätte die gelehrten Professoren ganz verlassen, und die Burschen, die bei ihnen das Studieren anfingen, wären besser und gescheiter in ihrem Torfmoor hocken geblieben, wie ihre Voreltern das in den Zeiten der Bedrängnis taten, mit ’ner Bibel unter ihrer Achsel und dem Geist des Gebets im Herzen. Eins war sicher: Mr. Soulis war viel zu lange auf der Universität geblieben. Er sann und trachtete nach vielen Dingen, außer denen, die wahrhaft not tun. Er hatte einen Haufen Bücher bei sich – mehr, als man je zuvor im Pfarrhaus beieinander gesehen hatte; – und eine saure Müh machte es dem Boten, sie hierher zu tragen; alle waren sie nahe daran, irgendwo in dem Teufelsmoor zwischen hier und Kilmackerlie zu ersaufen. Es waren zwar Bücher der Gottesgelahrtheit, oder hießen doch so; aber die ernsten Leute sahen alle nicht ein, weswegen er so viele brauchte, wo sich doch das ganze liebe Gotteswort in der Falte eines Plaids herumtragen läßt. Da saß er nun den halben Tag und fast die halbe Nacht lang – was doch kaum anständig ist – und tat schreiben, nicht mehr und nicht weniger; und zuerst fürchteten wir alle, er würde seine Predigten herunterlesen; aber dann kam es heraus, daß er selber neue Bücher schrieb, und das schickt sich für jemanden in seinen Jahren und von seinem bißchen Erfahrung doch bestimmt nicht.

Nun mußte man ihm aber ein altes, ehrbares Weibsbild finden, um ihm das Pfarrhaus in Ordnung zu halten und sein bißchen Essen zu kochen; und man nannte ihm ein altes Frauenzimmer – Janet M’Clour war ihr Name – und ließ ihn dann seiner Wege gehen, so daß er tat, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Zwar waren auch viele da, die ihm von der Janet abrieten, denn sie war den besten Leuten in Balweary mehr als anrüchig. Lange vorher hatte sie von ’nem Dragonerkerl ’nen Balg bekommen; seit rund dreißig Jahren war sie nicht an den Tisch des Herrn getreten; und die Kinder hatten gesehen, wie sie bei Dunkelwerden ganz allein auf Keys Loan herumstrich, was für ’ne gottesfürchtige Frauensperson ein recht seltsamer Ort ist, und dabei hatte sie in einem fort vor sich her gemurmelt. Na, wie dem auch sei, der Gutsherr selbst war der erste, der dem Pastor von der Janet sprach; und damals machte man noch manchen Umweg, um der Herrschaft zu gefallen. Wenn die Leute ihm sagten, daß Janet sich dem Teufel verschrieben hätte, so war das in des Herrn Pastors Augen nur ein Stück Aberglauben, und wenn sie ihm dann mit der Bibel und der Hexe von Endor kamen, so trommelte er’s in ihre Schädel hinein, daß die Zeiten heute vorbei wären und daß der Teufel jetzt durch Gottes Gnade in Ketten läge.

Nun, als es sich so im Dorfe herumsprach, daß Janet M’Clour als Dienstbote aufs Pfarrhaus sollte, waren die Leute recht außer sich über alle beide, sie und ihn; und einige von den Gevatterinnen hatten nichts Besseres zu tun, als zu der Janet hinzulaufen und ihr alles vorzuwerfen, was sie von ihr wußten, von dem Soldatenbalg angefangen bis zu John Tamsons zwei Kühen. Die Janet war nicht gerade sehr fix mit der Zunge; auch ließen sie die Leute gewöhnlich ihre eigenen Wege gehen und sie die Leute nicht minder, mit kaum einem »Schön guten Abend« oder »Guten Tag«; aber wenn sie sich’s in den Kopf setzte, dann hatte sie ’ne Zunge, um selbst den Müller taub zu machen. Diesmal war sie nun auch nicht faul; in ganz Balweary gab’s keine alte Klatschgeschichte, die sie an jenem Tage nicht irgend jemandem unter die Nase hielt, und man konnte ihr kein Ding vorwerfen, ohne als Entgelt gleich zwei zu hören zu bekommen, bis die Gevatterinnen die Janet zuguterletzt packten, ihr die Kleider vom Leibe rissen und sie durch das ganze Dorf stießen bis an den Dule heran, um herauszubekommen, ob sie ’ne Hexe wäre; ob sie schwimmen oder untergehen würde. Das Frauenzimmer schrie, daß man es bis zum Hanging Shaw herauf hörte, und kämpfen tat sie wie ihrer Stücke zehn. Manch eine von den Gevatterinnen trägt noch ein Abzeichen ihrer Nägel bis ans Lebensende mit sich herum; und wer kommt da, grad als die Sache am hitzigsten ist, auf daß seine Sünden bestraft werden, des Weges? Der neue Herr Pastor!

»Weiber,« sagt er (und er hatte eine großartige Stimme), »ich befehle euch im Namen des Herrn, gebt sie frei!«

Janet rannte auf ihn los – sie war schon halb verrückt vor Angst – und klammerte sich an ihn und bat ihn um Christi willen, sie von den Klatschbasen zu retten; und die, für ihr Teil, erzählten ihm alles, was sie wußten, und vielleicht sogar noch ’n bißchen mehr.

»Weib,« sagt er zu Janet, »ist das wahr?«

»So wahr der Herrgott mich sieht,« sagt sie, »so wahr der Herr mich erschaffen hat, kein Wort davon. Bis auf das Kind,« sagt sie, »bin ich mein Lebtag ein ehrbar Weib gewesen.«

»Willst du,« sagt Mr. Soulis, »im Namen Gottes hier vor mir, seinem unwürdigen Diener, dem Teufel und seinen Werken abschwören?«

Nun, es scheint, daß sie, wie er das so fragte, zu grinsen anfing, so daß alle, die es sahen, es mit der Angst bekamen, und man konnte ihre Zähne im Munde nur so klappern hören. Aber da half ihr nun gar nichts, für das eine oder das andere mußte sie sich entscheiden, und Janet hob die Hand hoch und schwur vor ihnen allen dem Teufel und seinen Werken ab.

»Und jetzt,« sagt Mr. Soulis zu den Gevatterinnen, »macht, daß ihr nach Hause kommt, alle miteinander, und betet, das Gott euch verzeihen möge.«

Und er reichte Janet den Arm, ob sie auch wenig mehr als ihr Hemd an hatte, und führte sie durch das ganze Dorf bis an ihr eigenes Haus wie eine richtige große Dame; und ihr Lachen und Weinen war ein Skandal, wert, daß man ihn hörte.

In jener Nacht gab’s viele ernste Leute, die mit ihrem Gebet gar nicht fertig werden konnten; als dann aber der Morgen kam, überfiel die ganze Gemeinde Balweary eine solche Furcht, daß die Kinder sich versteckten und selbst die Mannsbilder nur hinter der Haustüre hervorzugucken wagten. Denn da kam Janet das Dorf hinunterspaziert – sie oder doch ihr Ebenbild, das konnte kein Mensch wissen – mit ganz schiefem Hals und dem Kopf auf der einen Seite, wie jemand, der gehängt worden ist, und mit einem Grinsen ums Maul, wie eine nicht hergerichtete Leiche. Mit der Zeit gewöhnten sich die Leute ja daran, und einige starrten ihr sogar ins Gesicht, um herauszubekommen, was mit ihr los wäre; aber von dem Tage an konnte Janet nicht mehr wie eine christliche Frauensperson reden, sondern schnatterte und klapperte mit den Zähnen, als hätte sie ein paar Scheren im Maul; und auch der Name Gottes kam von da an nicht mehr über ihre Lippen. Manchmal, da versuchte sie es ja, ihn auszusprechen, aber es ging nicht. Die Leute, welche das meiste wußten, redeten am wenigsten; niemals aber gaben sie dem Ding da den Namen Janet M’Clour; denn die alte Janet, so wie sie’s erzählten, briet bereits in der tiefsten Hölle. Aber der Herr Pastor war nicht zu belehren und nicht zu halten; er predigte von nichts anderem als von der Grausamkeit der Leute, die der Janet einen Schlagfluß verursacht hätten; ja, er schlug die Kinder, die sie neckten; und noch in derselben Nacht holte er sie hinauf ins Pfarrhaus und wohnte mit ihr da ganz alleine unter dem Hanging Shaw.

Nun, die Zeit ging vorüber, und die Müßigeren unter uns fingen an, leichtfertiger von der ganzen schwarzen Angelegenheit zu denken. Von dem Herrn Pastor hatte man eine gute Meinung; immer noch saß er bis spät in die Nacht bei seiner Schreiberei, ja, die Leut konnten bis zwölf Uhr den Schein seiner Kerze über dem Dulefluß sehen. Er schien mit sich selbst auch noch genau so zufrieden und so selbstsicher wie zuvor, wenn auch jedermann sehen konnte, daß er abmagerte. Und Janet kam und ging, und hatte sie früher nicht viel geredet, so hatte sie jetzt Grund genug, um noch weniger zu schwatzen. Aber sie war schauerlich anzusehen, und um den ganzen Balweary Pfarracker hätte keiner ihr über den Weg laufen mögen.

Da kam gen Ende Juli eine Spanne Wetter, wie wir es in der ganzen Gegend noch nicht erlebt hatten; es war drückend und heiß und unlustig; die Herden konnten den Schwarzen Berg nicht mehr hinauf, die Kinder waren zu müde, um zu spielen; und dabei war es auch stürmisch, mit Stößen von heißem Wind, der in den Tälern nur so rumorte, und mit kleinen Schauern, die niemandem nichts nützten. Wir glaubten, es würde am nächsten Tage ein Gewitter geben, aber der Morgen kam und der übernächste Morgen, und immer noch das gleiche, unheimliche Wetter, hart für die Menschen und hart fürs Vieh. Von allen, die es in den Knochen spürten, war keiner so übel dran wie Mr. Soulis; er konnte weder schlafen noch essen, erzählte er den Kirchenältesten; und wenn er nicht an seinem langen, langen Buch schrieb, dann stieg er in der ganzen Gegend umher, wie einer, den der Teufel reitet, und das in einer Zeit, wo jede Kreatur froh war, zu Haus bleiben zu können.

Über dem Hanging Shaw im Schatten von Black Hill liegt ein kleiner eingefriedeter Grund mit einem eisernen Gitter; es scheint, daß er in alten Zeiten der Kirchhof von Balweary war und von Papisten geweiht, ehe denn das himmlische Licht über dem Reiche leuchtete. Das war nun Mr. Soulis‘ Lieblingsaufenthalt; dort saß er und dachte sich seine Predigten aus, und es war auch wirklich ein schattiges Plätzchen. Als er nun eines Tages durch den wüsten Teil von Black Hill schritt, sah er zuerst zwei und dann vier und schließlich sieben Krähen rund um den alten Friedhof flattern. Sie flogen tief und schwer und krächzten im Fluge, und es war Mr. Soulis klar, daß etwas sie aufgescheucht haben mußte. Ihm war nicht so leicht bange zu machen, darum ging er auch schnurstracks auf das Gitter los. Und was fand er da? Einen Mann oder doch so was ähnliches, der drinnen im Kirchhof auf einem Grabe saß. Er war sehr groß und schwarz wie die Hölle, und seine Augen waren seltsam anzusehen. Mr. Soulis hatte schon manches liebe Mal von schwarzen Männern erzählen hören, aber an diesem hier war etwas Fremdartiges, das ihm Furcht einjagte. Heiß wie ihm war, spürte er einen kalten Angstschauer bis ins Mark hinein, aber er redete ihn trotzdem forsch an und fragt: »Mein Freund, seid Ihr fremd an diesem Orte?« Und der schwarze Mann antwortete kein Wort, sondern machte sich auf die Beine und stolperte auf die jenseitige Mauer zu, und die ganze Zeit über sah er den Pastor an, und der Pastor starrte zurück, bis der Schwarze in der nächsten Minute über die Mauer rüber war und auf den Schatten der Bäume zulief. Mr. Soulis, warum, wußte er selber kaum, rannte hinter ihm drein; aber er war schon ganz alle von seinem Spaziergang und von dem heißen, ungesunden Wetter, und wenn er auch noch so sehr rannte, so konnte er doch nur einen Augenblick lang den Schwarzen zwischen den Birken laufen sehen, bis er den Berg hinunter war, und da sieht er von neuem, wie der Andere laufend, springend und rennend über den Dule-Fluß rüber im Pfarrhaus verschwindet.

Mr. Soulis war nun nicht besonders entzückt, den schauerlichen Kerl so mir nichts, dir nichts mit dem Balweary Pfarrhaus umspringen zu sehen; und er rannte nur um so schneller und mit nassen Schuhen über den Bach und den Gang hinauf; im ganzen Garten hat er sich umgeschaut, aber nirgends war da ein schwarzer Mann zu sehen. Am anderen Ende des Ganges drückt er ein bißchen ängstlich, wie das ja ganz natürlich war, die Klinke runter und ging ins Pfarrhaus; und da vor seinen Augen stand Janet M’Clour mitsamt ihrem schiefen Kopf und freute sich obendrein gar nicht, ihn zu sehen. Und da fiel es ihm ein, daß er immer schon, seitdem er sie zum ersten Male zu Gesicht bekommen hatte, dasselbe kalte, gräuliche Gefühl gespürt hatte.

»Janet,« sagt er, »hast du einen schwarzen Mann gesehen?«

»Einen schwarzen Mann?« fragt sie. »Gott steh uns bei! Ihr seid nicht gescheit, Herr Pastor. Es gibt keinen schwarzen Mann in ganz Balweary.«

Aber sie redete nicht deutlich, müßt ihr wissen, sondern winselte und wieherte nur so vor sich hin, wie’n Ponny, daß ’nen Zaumzeug im Maule hat.

»Nun,« sagt er, »Janet, wenn das kein schwarzer Mann war, dann habe ich den Versucher selbst gesehen.«

Und er setzte sich wie einer, der’s Fieber hat, und seine Zähne klapperten ihm im Kopfe.

»Pfui, pfui,« sagt sie, »schämt Euch, Herr Pastor«, und sie gab ihm einen Tropfen Schnaps, den sie immer bei sich hatte.

Dann ging Mr. Soulis in sein Studierzimmer zu seinen vielen Büchern. Das ist ’nen langes, niedriges, finsteres Zimmer, zum Umkommen kalt im Winter und nicht einmal im Sommer sonderlich trocken, denn das Pfarrhaus liegt dicht am Fluß. Da setzte er sich also hin und dachte an alles, was er so erlebt hatte, seit er nach Balweary gekommen war, an seine Heimat und an die Zeit, als er noch ein Bub war und vergnügt über die Haide sprang; und der schwarze Kerl da ging ihm wie so’n Lied im Kopfe ‚rum. Er versuchte zu beten, aber die Worte fielen ihm nicht ein; und es heißt auch, daß er an seinem Buche schreiben wollte, aber da ging es ihm auch nicht besser. Es gab Zeiten, in denen er glaubte, der Schwarze stände neben ihm, und der Schweiß brach ihm aus allen Poren, so kalt wie Brunnenwasser, und dann wieder kam er zu sich selbst wie ein richtiger Christenmensch und fürchtete sich vor nichts mehr.

Das Ende vom Liede war, daß er zum Fenster schritt und in den Dule-Fluß hinunterstarrte. Die Bäume wuchsen da unheimlich dicht, und das Wasser unterhalb des Pfarrhauses ist tief und schwarz; und da stand Janet und wusch mit hochgerafften Röcken die Wäsche. Sie hatte dem Pastor den Rücken zugekehrt, so daß er zuerst gar nicht wußte, wen er vor sich hatte. Dann drehte sie sich um und zeigte ihm ihr Gesicht; und Mr. Soulis hatte dasselbe kalte Angstgefühl, das er schon zweimal an jenem Tage gespürt hatte, und er erinnerte sich an das, was die Leute sagten, daß Janet schon lange tot wäre und daß hier ein Gespenst in ihrem Leichnam umginge. Er zog sich ein bißchen zurück und beobachtete sie scharf. Sie stampfte und hieb auf die Wäsche los und summte so vor sich her, und – der Herr stehe uns bei! – es war ein gräuliches Gesicht! Mal sang sie lauter, aber es gibt keinen Menschen, vom Weibe geboren, der da hätte sagen können, welches ihre Worte waren; und mal guckte sie so von seitwärts an sich herunter, aber es war nichts da, das sie hätte sehen können. Da lief wieder ein Schauer durch des Pastors Knochen, und das war eine Warnung des Himmels. Aber Mr. Soulis machte sich Vorwürfe, daß er so schlecht von einem alten, unglücklichen Frauenzimmer dachte, das niemand außer ihm selbst zum Freunde hatte; und er sprach so’n kleines Gebet für sich selbst und eins für sie und trank ein bißchen kaltes Wasser – denn sein Magen drehte sich bei dem Gedanken an Essen um – und ging im Dämmerlicht zu seinem kahlen Bett hinauf.

Das war eine Nacht, wie ganz Balweary sie nie und nimmer vergessen wird, die Nacht zum siebzehnten August siebenzehnhundertundzwölf. Es war vorher schon heiß gewesen, wie ich ja gesagt habe, aber diese Nacht war heißer denn alle anderen. Die Sonne ging hinter gar schaurig aussehenden Wolken unter; es wurde so finster wie in der Hölle selbst; kein Stern, kein bißchen Wind; man konnte nicht die Hand vor Augen sehen, und selbst die alten Leute warfen die Decken von ihren Betten zurück und schnappten nur so nach Luft. Mit allem, was ihm so im Kopfe herumging, war es nicht sehr wahrscheinlich, daß Mr. Soulis viel schlafen würde. Er lag also wach und warf sich in den Kissen herum, und das gute, kühle Bett brannte ihn bis auf die Knochen, und mal hörte er die Glocken schlagen und mal einen Köter draußen auf der Haide heulen, wie wenn jemand im Sterben liegt; mal glaubte er, Geister schrien hinter ihm drein, und mal sah er Gespenster im Zimmer. Da meinte er, daß er wohl krank sein müßte; und krank war er auch – aber was für eine Krankheit er hatte, das ahnte er nicht. Zum Schluß wurde es ihm aber klarer im Kopfe; er setzte sich also in seinem Hemde im Bette aufrecht, und fing wieder an, an den schwarzen Mann und an Janet zu denken. Wie es kam, wußte er nicht – vielleicht war die Kälte an seinen Füßen dran schuld – aber mit einemmal wußte er ganz genau, daß die beiden irgendwas miteinander hatten, und daß entweder einer von beiden oder alle beide Gespenster waren. Und gerade in dem Augenblick kam von Janets Kammer her, die neben der seinen lag, ein Stampfen wie von Männern bei einer Rauferei, gefolgt von einem lauten Knall, und dann heulte ein Wind rings um die vier Wände des Hauses, und dann war wieder alles still wie das Grab.

Mr. Soulis, der fürchtete sich aber weder vor Mensch noch Teufel. Er nahm also sein Feuerzeug, steckte eine Kerze an und war mit drei Schritten neben Janets Kammertür. Die war nicht verschlossen, und er stieß sie auf und guckte ganz unverzagt ins Zimmer hinein. Es war ein großer Raum, so groß wie der des Herrn Pastors selbst, und ganz voll schweren, alten, festen Hausrats, denn andere Sachen besaß der Pastor gar nicht. Da standen ein großes, vierpfostiges Bett mit alten Vorhängen und ein schöner Schrank ganz aus Eiche, der voll von des Herrn Pastors geistlichen Büchern steckte und dort aufgestellt war, um außer Weges zu sein; und ein paar Kleidungsstücke Janets lagen am Boden herum. Aber von Janet selbst war nichts zu sehen, und von einem Streite auch nichts. So spazierte Mr. Soulis denn schnurstracks hinein (und ich kenn‘ wenige, die es ihm nachgemacht hätten) und blickte sich ringsum und lauschte. Aber da war nichts zu hören, weder drinnen im Pfarrhaus selbst, noch in der Gemeinde Balweary, und nichts zu sehen, außer den vielen Schatten, die um die Kerze tanzten. Und dann fing ganz plötzlich des Herrn Pastors Herz an wie wild zu klopfen und stand dann wieder stockstill, und ein kalter Wind blies ihm durch die Haare. Und ach, welch eine schlimme Sache mußte der arme Mann da sehen! Dort hing Janet an dem alten Eichenschrank an einem Nagel: ihr Kopf lag ganz auf ihrer Schulter, die Augen waren ganz starr und die Zunge hing ihr zum Halse heraus, und ihre Absätze baumelten glatt zwei Fuß über dem Estrich.

»Gott verzeih uns allen!« dachte Mr. Soulis; »die arme Janet ist tot.«

Er trat also ’nen Schritt näher auf die Leiche zu; und dann donnerte sein Herz nur so gegen seine Rippen. Denn durch welchen verdammten Spuk ziemt es sich wohl kaum für einen Menschen zu sagen aber da hing sie an einem einzigen Nagel, an einem einzigen Wollfaden von der Art, mit der sie sonst des Pastors Strümpfe stopfte.

Es ist eine furchtbare Sache, des Nachts ganz allein zu sein mit solchen Schrecken der Finsternis; aber Mr. Soulis war stark im Herrn. Er drehte sich also um und ging seines Weges aus dem Zimmer hinaus und schloß die Türe hinter sich zu; und Schritt für Schritt ging’s, schwer wie Blei, die Treppe hinunter; und dann stellte er den Leuchter auf den Tisch am Fuße der Treppe. Er konnte nicht beten und er konnte nicht denken, er troff nur so von kaltem Schweiß, und nichts konnte er hören, außer dem Poch-poch-poch seines eigenen Herzens. Da mag er nun wohl eine Stunde oder vielleicht auch zwei gestanden haben, wie lange, das merkte er wohl kaum, als er ganz plötzlich einen leichten, unheimlichen Schritt über sich hörte. Füße gingen in dem Zimmer auf und ab, in dem die Leiche hing, dann wurde die Türe geöffnet, obwohl er genau wußte, daß er sie verschlossen hatte, und es war ihm, als spähe die Leiche über das Treppengeländer auf ihn, wie er so dastand, hinab.

Da packte er wieder den Leuchter (denn ohne Licht konnte er nicht sein) und ging so leise wie er gekommen war schnurstracks aus dem Pfarrhaus hinaus an das andere Ende des Ganges. Es war immer noch stockfinster; die Flamme der Kerze brannte, als er den Leuchter auf den Boden setzte, so klar und ruhig wie in einem Zimmer; nichts rührte sich, außer den Wassern des Dule, die das Tal hinunter weinten und seufzten, und jenem unheimlichen Schritt, der drinnen im Pfarrhaus die Treppe hinab tapste. Er kannte den Tritt wohl, es war Janets; und mit jedem Schritt, den er näher kam, fraß er sich tiefer in seine Eingeweide. Und er empfahl seine Seele dem, der sie erschaffen und in seine Hut genommen hatte: »und oh Herr,« sagte er, »gib mir Kraft heute Nacht, Krieg zu führen gegen die Mächte des Bösen.«

Derweilen war der Schritt durch den Gang auf die Tür zu gekommen; er hörte, wie eine Hand die Mauer entlang glitt, als ob das gräßliche Wesen sich seinen Weg ertastete. Die Äste rauschten und schlugen gegeneinander, ein langer Seufzer kam über den Berg herüber, die Flamme der Kerze wurde ausgeblasen und da stand der Leib der krummen Janet mitsamt ihrem Frieskleide und ihrer schwarzen Haube, mit dem Kopf auf der einen Schulter und dem Grinsen auf ihrem Gesicht – lebendig, hätte man meinen mögen – tot wie Mr. Soulis wohl wußte – auf der Schwelle des Pfarrhauses.

Es ist ’ne seltsame Sache, daß die Seele des Menschen in einem so gebrechlichen Leibe wohnt, aber der Pastor gewahrte jenes Ding, und sein Herz brach nicht.

Sie blieb nicht lange da; sie bewegte sich bald wieder und kam langsam auf die Stelle zu, wo Mr. Soulis unter den Bäumen stand. Die ganze Glut seines Leibes, alle Kraft seines Geistes leuchtete ihm aus den Augen. Es war, als ob sie reden wollte, doch fehlte es ihr an Worten, und sie machte mit der linken Hand ein Zeichen. Da kam ein Windstoß wie das Fauchen einer Katze; die Kerze erlosch, die Äste kreischten wie Menschen und Mr. Soulis wußte, daß die Sache nun, lebend oder tot, ein Ende nehmen müßte.

»Hexe, Vettel, Teufelin!« schrie er, »ich beschwöre dich bei der Macht Gottes, hebe dich hinweg – wenn du tot bist, ins Grab – bist du verdammt, dann in die Hölle!«

Und in dem gleichen Augenblick traf des Herrn Hand vom Himmel her das Grauen auf der Stelle, wo es stand; der alte, tote, verfluchte Leib des Hexenweibes, der so lange kein Grab gefunden und von Teufeln gejagt worden war, flammte auf wie ein Funke und sank, ein Aschenhaufen, auf den Boden nieder; der Donner folgte, Schlag auf dröhnenden Schlag, ihm nach stürzte der klatschende Regen, und Mr. Soulis setzte über die Gartenhecke hinweg und rannte, Schrei über Schrei ausstoßend, auf das Dorf zu.

Am nämlichen Morgen sah John Christie den schwarzen Mann, Glock sechs, an Muckle Cairn vorbeigehen; noch vor acht passierte er das Posthaus in Knockdow, und kurze Zeit darauf sah ihn Sandy M’Lellan, wie er von Kilmackerlie die Hügel entlang schlich. Es ist wohl kaum ein Zweifel, daß er es war, der so lange in Janets Körper gehaust hatte; aber nun war er endlich vertrieben, und seither hat uns der Teufel in Balweary nie wieder geplagt.

Aber für den Herrn Pastor war’s eine harte Prüfung; lange, lange lag er zu Bett und redete irr; und von jener Stunde an wurde er der Mann, als den Ihr ihn heute kennt.

 

 

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