Die Kindsmörderin und die Scharfrichterin

Zu den berühmten Rechtsfällen gehört der nachstehende, nicht wegen seiner kriminalis­tischen Verwicklungen und schwierigen Rechtsfragen, denn die Geschichten und die Entscheidung sind sehr einfach, sondern durch den besonderen Umstand, welcher die Entdeckung veranlaßte, und durch andere, welche die Strafe begleiteten und den Vorfall ins Gebiet des Märchenhaften versetzen.
Helene Gillet war ein liebenswürdiges junges Mädchen, geachtet von allen, welche sie kannten, um ihres Charakters und ihres sittlichen Benehmens willen. Auch ihre Eltern standen in Achtung. Der Vater war königlicher Kastellan zu Bourg-en-Bresse.
Im Oktober des Jahres 1624 verbreitete sich das Gerücht, Helene Gillet sei schwanger. Die klugen Frauen sahen viele verdächtige Zeichen. Jedermann sprach davon, nur nicht zu ihr selbst und nicht in den Kreisen ihrer Eltern.
Nach einiger Zeit waren alle diese Zeichen einer Schwangerschaft wieder verschwunden, und jetzt ward in allen Gesellschaften zu Bourg von nichts anderem gesprochen als von diesem auffälligen Verschwinden. Das Ge?üster ward so laut, daß es endlich auch den Kriminalgerichten in der Art zu Ohren kam, daß sie sich für verp?ich­tet hielten, handelnd einzuschreiten.
Sie ließen Helene Gillet durch einige Hebammen untersuchen. Die Hebammen er­klärten, eine Geburt habe stattgefunden, und Helene habe wahrscheinlich etwa vor vierzehn Tagen ein Kind zur Welt gebracht. Sie ward auf dieses Zeugnis sofort in Verhaft genommen.
Helene machte schüchtern, aber doch freiwillig ein Geständnis. Ein junger Mann, der in der Nachbarschaft wohnte und ihren jüngern Geschwistern im Schreiben und Rechnen Unterricht gab, habe sich in sie verliebt gehabt. Sie hätte seinen Zudringlichkeiten mit Ernst widerstanden. Der Verliebte aber habe in Liebeswahnsinn und wilder Begier, zu seinem Ziele zu gelangen, eine Magd ihrer Eltern bestochen. Dieses p?ichtvergessene Mädchen schloß ihn in ihre Schlafkammer ein. Überrascht, erschrocken bei seinem plötzlichen Vorspringen, verlor Helene die Besinnung. Sie wollte sich gegen ihn nach Kräften gewehrt haben, aber Angst und weibliche Schamhaftigkeit verschlossen ihr die Kehle, so daß sie nicht um Hilfe rief. Sie war der Gewalt des Ungestümen erlegen. Aber sie leugnete, davon schwanger geworden zu sein und ein Kind zur Welt gebracht zu haben.
Ihr eigenes Geständnis, zusammengehalten mit den Zeugnissen der Hebammen, be­wirkte eine starke Vermutung wider das junge Mädchen. Doch wäre sie wahrscheinlich vorläu?g freigesprochen worden, da kein corpus delicti vorlag.
Ihre Freunde hofften, sie selbst blieb traurig und schweigsam. Da ging ein Soldat an dem Garten des Kastellans vorüber spazieren. Die Bewegungen eines Raben lockten sei­ne Aufmerksamkeit an. Am Fuße einer Mauer war eine Grube, und der vom Spa­ziergänger aufgescheuchte Rabe kreiste immerfort um diese Stelle und schoß, sobald der Soldat sich anscheinend entfernt hatte, wieder dahin herab, wo er vorhin gesessen. Der Soldat gab genau acht und sah, daß das Tier etwas Weißes aus der Erde vorzuzerren suchte. Es war ein Stück Leinwand, welches immer länger wurde. Der Soldat sprang nun hinzu, scheuchte den Vogel fort und zog selbst an der Leinwand. Er mußte indes die lose Erde fortscharren, um sie freizubekommen, und fand nunmehr nicht allein die Lein­wand, sondern auch die Gebeine eines augenscheinlich erst vor kurzem geborenen Kindes, welches in dieselbe gewickelt waren. Er machte bei den Gerichten Anzeige, welche sofort den Körper und seine Hülle aufnehmen ließen.
Der Rabe hatte das fehlende oorpus delicti angezeigt. Die Untersuchung ward aufs neue gegen Helene aufgenommen. Das tote Kind war in ein Frauenhemde gewickelt. Das Hemde war, was die Güte der Leinwand, Größe und Zuschnitt anlangt, völlig den Hemden gleich, welche Helene Gillet trug. Ja noch mehr, es war wie alle ihre Hemden mit einem H. G. gezeichnet.
Helene leugnete; dennoch hielten die Richter die Indizien für naheliegend und dringend genug, um ein Urteil zu fällen. Unter dem Publikum war damals nur eine Stimme ge­wesen: Helene ist schwanger. Die Hebammen hatten eidlich erhärtet, alle Merkmale deuteten darauf hin, daß sie vor vierzehn Tagen niedergekommen sei. Es war ungefähr ebenso lange her, daß man allgemein und ebenso bestimmt im Publikum die Wahrneh­mung gemacht hatte, daß die Anzeichen der Schwangerschaft plötzlich wieder verschwunden waren. Helene selbst hatte eingeräumt, daß sie vor mehreren Monaten wider ihren Willen von einem Manne überwältigt worden war. Sie hatten den Tag, wo der junge Mann sie zu seinem Willen gezwungen, genau angegeben, und die von den Hebammen bestimmte Zeit, wo sie geboren haben mußte, ?el gerade auf neun Monate nach jenem für sie verhängnisvollen Tage.
Nun war ein totes Kind, unfern der Wohnung ihrer Eltern, in der Erde verscharrt ge­funden worden. Es war in ein Hemde gewickelt, welches unstreitig eins der ihrigen war. Dieser Zusammenhang dringender Indizien war so folgerecht, daß er den Richtern als Beweis des begangenen Verbrechens galt.
So stark und dringend diese Vermutungen indes waren, so waren es doch im Sinne des Gesetzes nur Vermutungen. Man konnte ihnen Gegenvermutungen und Möglichkeiten entgegenstellen, welche ihre Kraft wenigstens zu schwächen imstande waren. Ob sie von dem Verteidiger ausgesprochen wurden oder nur die des Berichterstatters waren, wird uns nicht mitgeteilt. Es war nur ein Gerücht, was Helene für schwanger erklärte. Der Augenschein konnte trügen; ihre veränderte Farbe, ihr matter Blick, ihre veränderte Gestalt konnten andere Gründe gehabt haben. Auch der Bericht der Hebammen, die nur von etwas Gewesenem sprachen, konnte auf Täuschung beruhen, die in solchen Fällen wohl vorkommt. Andere natürliche Ursachen konnten einen Zustand hervorgebracht haben, der die Anzeichen einer überstandenen Geburt verriet. Zudem waren sie mit dem bestimmten Vorurteil des Publikums, Helene sei schwanger gewesen, an die Untersu­chung gegangen. Daß Helene geständlich von einem Manne genotzüchtigt worden, machte die Präsumtion, daß sie davon schwanger geworden, nicht zu einer notwendigen; denn der Beischlaf war nur einmal vollzogen worden, und dazu war es ein gewaltsamer gewesen, der nur in den seltenern Fällen eine Schwangerschaft zur Folge hat. Auch ein anderes Weib konnte heimlich geboren und ihr Kind an der Gartenmauer verscharrt haben. Dringender war allerdings das Indizium, daß der kleine Körper in eins von He­lenes Hemden gewickelt vorgefunden wurde. Aber es war möglich, daß die wahre Mut­ter, um den Verdacht von sich abzulenken, das Hemde einer andern gestohlen haben konnte, welche schon im Gerede stand, schwanger zu sein; dergleichen Er?ndungen, um ein Verbrechen zu verbergen, waren nicht ungewöhnlich.
Die Richter hielten die Angeschuldigte indes für überwiesen und sprachen am 6. Febru­ar 1625 das Urteil, daß Helene Gillet wegen verheimlichter Schwangerschaft und Kindesmordes mit dem Schwerte vom Leben zum Tode zu bringen sei.
Es sind so viele Fälle bekannt, wo die Gerichte im alten Frankreich durch dringende In­dizien sich täuschen ließen und ein ungerechtes Bluturteil sprachen, daß es uns zur Genugtuung gereicht, auch einen Fall zu berichten, wo sie auf minder starke Anzeichen ein gerechtes Urteil fällten. Sie verurteilten wenigstens kein unschuldiges Mädchen. Nach dem Urteilsspruch bekannte Helene, sie sei allerdings infolge der Gewalttat des jungen Mannes schwanger geworden; aber Furcht vor ihren Eltern und eine unüberwind­liche Scham hätten ihr den Mund verschlossen. Sie habe sich ihrer Mutter entdecken wollen, aber das furchtbare Bekenntnis von einem Tage zum andern verschoben. So sei die Zeit unter unaussprechlicher Angst verstrichen, bis sie, ihr selbst unerwartet, in einer Nacht von den Geburtswehen überrascht worden sei. Sie habe nicht Kräfte genug gehabt, um aufzustehen und jemand um Hilfe zu rufen. Auch sei ihre Schlafkammer zu weit abgelegen gewesen, als daß die übrige Familie ihr Ächzen und Winseln hätte hören können. Sie habe daher allein, ohne allen Beistand und in der entsetzlichsten Todesangst ein Kind zur Welt gebracht.
Als sie aus ihrer Besinnungslosigkeit wieder zu sich gekommen, habe sie ihr Kind gese­hen, aber kein Leben in demselben bemerkt. Dies habe sie bewogen, alles zu verbergrn, um ihre Ehre zu retten. Sie habe den Leichnam in ein Hemd gewickelt und ihn an der angegebenen Stelle im Garten verscharrt. Sie beteuerte bei allem, was ihr heilig, daß sie ihr Kind nicht umgebracht, und wollte auf dieses Bekenntnis leben und sterben.
Das Parlament zu Dijon bestätigte das vom Kriminalgericht zu Bourg gefällte Urteil am 12. Mai 1625; denn auch wenn das Parlament die Richtigkeit des nachträglichen Be­kenntnisses in allen seinen Teilen annahm, so bestimmte doch ein Edikt aus den Zeiten Heinrichs II., daß jedes Mädchen schon wegen verheimlichter Schwangerschaft und Nie­derkunft als Kindesmörderin bestraft werden solle, auch wenn sie behaupte, das Kind tot zur Welt gebracht zu haben. Helene konnte sich aber um so weniger mit der Unkenntnis dieses Gesetzes entschuldigen, da dieses Edikt auf königlichen Befehl viermal des Jah­res verlesen wurde.
Die Stadt Bourg und die ganze Umgegend war vom innigsten Mitleiden für die Un­glückliche erfüllt. Das Publikum glaubte ihrer Aussage. Es sah in dem anmutigen ein­undzwanzigjährigen Mädchen, dessen Ruf bis dahin völlig unbescholten war, nur das Opfer eines frechen Wüstlings und begriff nicht, oder wollte nicht begreifen, daß ein Widerstand ohne Sieg und ein Schweigen, um den Ruf vor den Menschen zu bewahren, zu einem Verbrechen werden könne, welches nur durch Blut zu sühnen sei.
Der Tag der Hinrichtung war schon bestimmt. Helene betrat das Schafott, blaß, zitternd und von der ganzen furchtbaren Bedeutung des Auftritts durchschauert, aber doch gefaßt und vorbereitet auf den Tod. Nicht so der Scharfrichter. Die allgemeine Meinung im Pu­blikum hatte auch auf ihn eingewirkt. Sein Amt schien ihm heute eine Mordtat zu sein. Er hatte am Tage vorher gebeichtet und das Abendmahl genommen. Jetzt beim Anblick des lieblichen, in sein Schicksal ergebenen Opfers, vielleicht auch beim Anblick der un­willigen Menge, welche das Schafott umgab, ergriff ihn eine entsetzliche Unruhe; er zitterte, rang und wand die Hände, erhob die Arme gen Himmel, ?el auf seine Knie, sprang in die Höhe und ?el wieder auf die Erde. Er ?ehte Helenen an, sie möge ihm vergeben, was er ihr anzutun gezwungen werde, und wie halb gestört bat er wieder die Geistlichen, sie möchten ihm des unschuldigen Opfers Segen verschaffen.
Diesem erschütternden Auftritte sollte ein noch furchtbarerer folgen. Helene betete zum letzten Male und kniete auf dem Sandhaufen nieder. Der Scharfrichter rief laut, er wün­sche an ihrer Stelle zu sein. Rasch indes ergriff er das Schwert, hieb, fehlte, und statt den Hals zu treffen, verwundete er sie nur an der linken Schulter. Das getroffene, blutende Mädchen ?el auf die rechte Seite. Nun warf der unglückliche, entsetzte Mann das Richtschwert von sich und bat die Umstehenden ?ehentlich, sie möchten ihn töten. Das Volk geriet wirklich in Aufruhr; man brüllte, schimpfte ihn, und ein Steinregen ?og gegen seinen Kopf.
Des Scharfrichters Frau stand auch auf dem Schafott, Sie hatte einen bösen Ausgang vermutet, weil sie das innere Widerstreben kannte, mit welchem er gerade in diese Exe­kution ging. Sie sah, daß es sich hier vielleicht um sein Leben, gewiß um den Ruf seiner Tüchtigkeit, um sein Amt handle. Während sie ihm mit kurzen, eindringlichen Worten Mut zusprach, stürzte sie auf Helenen zu, hob sie auf, überredete sie, dem Unwiderru?i­chen sich in Ruhe zu fügen, und brachte sie wieder dahin, daß das unglückselige Ge­schöpf sich abermals freiwillig nach dem Sandhaufen schleppte, niederkniete und ihren Hals dem Schwerte darbot.
Auch dieser Auftritt sollte indes durch die folgenden noch überboten werden. Das ent­setzliche Weib reichte ihrem Manne das Schwert wieder hin: »Nun tu deine Schuldig­keit!« Er nahm es, holte aus und führte den Streich entweder mit geschlossenen Augen oder blind vor Schreck. Er fehlte zum zweiten Male. Von neuem Grauen und gerechter Furcht ergriffen, schleuderte er das Schwert von sich und stürzte vor dem Gebrüll des zähneknirschenden Volkes vom Schafott herunter und in eine Kapelle, welche dicht daneben war. Vielleicht hätte sie ihm als Asyl gedient, wenn nicht das Volk durch die Handlungsweise seiner Frau auf das äußerste empört worden wäre.
Das weibliche Ungeheuer fühlte sich berufen, das Werk, das ihrem Manne mißlungen war, auszuführen. Zwar hatte sie nicht die Kraft, das Richtschwert zu schwingen; aber zum Tode bringen wollte sie wenigstens das Opfer. Sie ergriff die Leine, mit der Helene festgebunden war, und schlang sie ihr um den Hals. Jetzt wehrte sich das arme Mäd­chen, sie war ja nicht zum Strange verurteilt; das Weib schlug sie mit den Fäusten auf Nacken und Brust, um sie zu betäuben. Fünf- bis sechsmal versuchte sie die Schlinge zuzuziehen, um Helenen zu erwürgen. Aber das Volk schleuderte einen Hagel von Steinen nach ihr. Getroffen, selbst schon blutend, betäubt, wollte sie doch ihr Opfer nicht lassen. Sie schleppte das halbtote Mädchen bei deren langen Haaren von der Stelle fort an den anderen Rand des Schafotts. Hier zog sie eine lange Schere aus der Tasche. Da sie den Hals nicht abschneiden konnte, stach sie ihr damit in die Kehle, in den Hals, ins Gesicht und versetzte ihr neun bis zehn Wunden.
Die Wut des Volkes war nicht mehr zu bändigen. Die Leute kletterten von allen Seiten auf das Gerüst und erstürmten das Schafott. Das gemarterte arme Wesen ward den Händen seiner Peinigerin entrissen. Diese, von Faust- und Knittelschlägen getroffen, sank zu Boden. Man stampfte sie mit Füßen, man warf sich auf sie, und in wenigen Augenblicken war sie erschlagen. Dasselbe Schicksal traf ihren Mann, den man aus der Kapelle hervorriß. Auf der Stelle tödlich getroffen, stürzte er in seinem Blute an den Stufen des Schafotts nieder.
Auch Helene Gillet ward vom Schafott heruntergetragen – es war niemand in der Stadt, der sie hinrichten konnte – und in den Laden eines Wundarztes gebracht. Er fand viele, aber keine tödlichen Wunden, Als sie wieder zum Bewußtsein gekommen, waren ihre ersten Worte: »Ich wußte wohl, daß mir Gott beistehen würde.«
Die Parlamentsakten von Dijon, dem diese Nachrichten entnommen sind, enthalten keine Nachricht, was die außerordentliche Angst des Scharfrichters und was die rasende Wut seines Weibes verursacht habe. Ein Scharfrichter jener Zeit, in der die Krimmalge­setze mit Blut geschrieben waren, war gewiß oft in die peinliche Lage versetzt, Unschul­dige hinzurichten oder solche, für die sein Herz, wenn er eins hatte, mitleidsvoll schlug. War die Teilnahme für das arme Opfer vielleicht schon von der Ahnung begleitet, daß er, in ihr den Liebling des Volkes tötend, der Rache desselben verfallen sollte? Was aber machte das Weib zur Furie und Kannibalin? Angst, daß der Mann um seinen Ruf und sein Amt komme? Menschenhaß oder die Erinnerung an ähnliche Verbrechen, welche sie selbst vielleicht in ihrer Jugend begangen? Wir ?nden nur eine Vermutung ausge­sprochen: daß sie, aus einem Henkergeschlechte stammend, jene kannibalische Wut als Familienerbteil mit auf die Welt gebracht hatte, und diese Vermutung scheint uns die wahrscheinlichste; nur daß dieses Henkergeschlecht ein weiter verbreitetes in jenem Lande ist, wenn wir die Furienfamilien von der Bartholomäusnacht bis zu den Tagen des Terrorismus ins Auge fassen.
Das Volk hatte Helenen freigemacht. Mit tausend Stimmen rief es: Sie ist unschuldig. Die tausend Stimmen stießen aber das einmal gefällte rechtskräftige Urteil nicht um. Es stand fest auf dem Papier; das Parlament wäre nach der Strenge der Gesetze verp?ichtet gewesen, einen andern Scharfrichter herbeizuholen und aufs neue die Todesstrafe an ihr vollziehen zu lassen; denn es stand geschrieben, sie solle mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht werden. Wohl herrschte im Mittelalter der Glaube, daß, wenn der Scharfrichter zwei- oder dreimal Fehlschläge tue und der Verbrecher noch lebe, das Gottesurteil über das Menschenurteil gehe und dem Sünder sein Leben geschenkt sei; aber kein Gesetzbuch hat diesen Glauben aufgenommen.
Noch weniger hatte das Parlament ein Recht, Helenen zu begnadigen; es hatte nicht ein­mal eine Aufforderung oder einen Beruf dazu, wegen der merkwürdigen und er­schütternden Umstände um Begnadigung einzukommen. Der Antrag auf Gnade war, wo er damals erfolgte, ein rein zufälliger. Die Selbständigkeit der alten aus dem Volke her­vorgegangenen Urteilssprüche wurde auch in den nicht mehr volkstümlichen gelehrten Gerichten und Parlamenten dergestalt anerkannt, daß es selbst bei Bluturteilen keiner höhern Bestätigung bedurfte.
Auch Helene Gillet hätte bluten müssen ohne das Zusammentreten zufälliger Umstände. Das Parlament hätte ein neues Schafott bauen, einen neuen Scharfrichter verschreiben und das Mädchen, nachdem sie von ihren Wunden geheilt oder vielleicht auch nicht ge­heilt gewesen, hinaufführen lassen müssen, um sie doppelt und dreifach hinzurichten. Aber gerade am Tage nach jenen Mordszenen traten die gewöhnlichen Parlamentsferien ein. Alle Sitzungen und Geschäfte blieben ausgesetzt, nachdem noch am Abende vorher Helene, bis auf weitere Verordnung, der Bewachung durch einen Gerichtsdiener über­geben worden war.
Diese Zwischenzeit benutzten ihre Freunde, um ihre Begnadigung bei Hofe zu erwirken. Es war eine sehr günstige Zeit dazu, denn durch ganz Frankreich wurde das Beilager der Prinzessin Henriette, der Schwester des Königs Ludwig XIII., mit König Karl I. von England festlich begangen. Die Bittsteller fanden beim König Gehör. Das pikante Schicksal der armen Büßerin interessierte am Hofe, und es erfolgte im Mai 1625 nicht allein eine Begnadigung, sondern eine vollständige Abolition des Gerichtsverfahrens. Es hieß darin: »in Betracht der Schwäche und Unerfahrenheit ihres Geschlechts und Alters; in Erwägung, daß die Todesangst, welche sie erlitten, und die ihr zugefügten körperli­chen Leiden die zuerkannte Todesstrafe beinahe überwogen; auch daß ihre alten Eltern, die als Leute von Ehre und guter Familie bekannt seien, wohl verdienten, mit weiterer Schande und Schmach verschont zu werden; desgleichen in Erwartung, sie werde ihr künftiges Leben mit Dank gegen Gott, Fürbitte für das königliche Wohlsein und Aus­übung guter Werke verbringen: aus diesen Gründen, und weil die Vermählung der in­nigstgeliebten königlichen Schwester, jetzigen Königin von England, uns besonders hoch erfreut hat, wollen wir aus königlicher Macht und Gewalt usw. besagter Helene Gillet vollkommene Begnadigung angedeihen lassen, auch die wider sie geschehene Un­tersuchung und das gesprochene Todesurteil für nicht geschehen und gesprochen erklä­ren und ihre bürgerliche Ehre vollkommen wiederherstellen.«

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