Die Idylle von Red Gulch

Sandy war stockbesoffen. Er lag unter einem Azaleenbusch in fast derselben Stellung, in der er vor einigen Stunden dort hingesunken war. Wie lange genau er dort schon so lag, konnte er nicht sagen, es kümmerte ihn auch nicht; und wie lange er noch dort liegen würde, war völlig unbestimmt und unwichtig. Eine philosophische Gelassenheit, die seinem physischen Zustand entsprang, erfüllte vollkommen sein moralisches Dasein.

Der Anblick eines betrunkenen Mannes, und gerade dieses betrunkenen Mannes, war, wie leider gesagt werden muss, nichts so Neues in Red Gulch, um große Aufmerksamkeit zu erregen. Früher am Tage hatte ein lokaler Spaßmacher neben Sandys Kopf einen provisorischen Grabstein aufgerichtet, der die Inschrift trug: »Wirkungen von Mac Corkle’s Whisky – tötet noch auf dreihundert Fuß Entfernung« und eine Hand zeigte nach Mac Corkle’s Saloon hin. Aber dies war gleich den meisten lokalen Satiren rein persönlich und mehr eine Betrachtung über die schlechte Ursache, als das Unpassende der Wirkung. Außer der Einmischung dieses Witzbolds war Sandy von niemandem gestört worden. Ein streunender Maulesel hatte, seiner Bürde ledig, das kurze Gras neben dem liegenden Manne abgefressen und ihn dabei beschnüffelt und ein herrenloser Hund hatte mit jener tiefen Sympathie, welche diese Tiere für Betrunkene haben, Sandys staubige Stiefel abgeleckt und sich zu seinen Füßen zusammengerollt und lag nun da, mit einem Auge in die Sonne blinzelnd, in einem Zustand anscheinender Erschöpfung, der ein sinniges, hündisches Kompliment für den bewußtlosen Mann an seiner Seite war.

Indessen waren die Schatten der Fichten langsam zur andern Seite gewandert, bis sie auf der Straße fielen, und ihre Stämme bedeckten die offene Wiese mit einem Muster von schwarzen und gelben Parallelen. Kleine Wolken von rötlichem Staub, durch die Hufe des vorüberziehender Gespanne aufgewirbelt, verstreuten ihren schmutzigen Niederschlag über die die liegende Gestalt. Die Sonne sank tiefer und tiefer, und noch immer regte Sandy sich nicht. Doch jetzt wurde die Ruhe dieses Philosophen gestört, wie schon andere Philosophen gestört worden sind durch das Eindringen des unphilosophischen Geschlechtes.

Miss Mary, wie sie unter der Kinderschar bekannt war, die sie eben aus dem Blockschulhause hinter den Fichten entlassen hatte, machte ihren Nachmittagsspaziergang. Da sie einige besonders schöne Blüten an dem gegenüberliegenden Azaleenbusch bemerkte, überquerte sie die Straße, um sie zu pflücken – nicht ohne einige kleine Schauer von Abscheu und verschiedene schlangengleiche Windungen sich ihren Weg durch den roten Staub suchend. Und plötzlich stand sie vor Sandy!

Natürlich stieß sie den kleinen Stakkato-Schrei ihres Geschlechtes aus. Aber nachdem sie ihrer physischen Schwäche diesen Tribut gezollt, wurde sie tollkühn und stand einen Moment still – wenigstens sechs Fuß von diesem ausgestreckten Ungeheuer entfernt – ihren weißen Rock fluchtbereit mit der Hand zusammengerafft. Aber weder ein Laut, noch die leiseste Bewegung kamen von dem Busch. Mit einem ihrer kleinen Füße warf sie die Tafel mit der satirischen Bemerkung zu Sandy’s Häupten um und flüsterte: »Untiere«, eine Bezeichnung, die wahrscheinlich in diesem Augenblick die ganze männliche Bevölkerung von Red Gulch umfaßte. Denn Miss Mary, die sehr strenge Grundsätze ihr eigen nannte, hatte wahrscheinlich die demonstrative Galanterie, für welche der Kalifornier unter seinen Mitbrüdern so gerechter Weise berühmt ist, nicht gehörig gewürdigt und sich als Neuankömmling möglicherweise zu Recht den Ruf der »Hochnäsigkeit« erworben.

Während sie so da stand, bemerkte sie, daß die einfallenden, glühenden Sonnenstrahlen Sandy’s Kopf zu einer, wie sie meinte, ungesunden Temperatur erhitzten und daß sein Hut neben ihm lag. Diesen aufzuheben und ihn auf sein Gesicht zu legen, war eine Tat, die einigen Mut erforderte, um so mehr, da die Augen des Mannes geöffnet waren. Aber sie tat es und trat danach sofort den Rückzug an. Aber als sie sich noch einmal besorgt umblickte, mußte sie feststellen, daß Sandy den Hut wieder abgeworfen hatte und aufrecht da saß und irgend etwas vor sich hin murmelte.

In den stillen Tiefen seines Gemütes war Sandy tatsächlich davon überzeugt, daß die Strahlen der Sonne heilsam und gesund seien. Von Kindesbeinen an hatte er sich strikt geweigert, sich mit einer Kopfbedeckung niederzulegen. Seiner Ansicht nach trug niemand ständig einen Hut, außer unvernünftige Narren, die keiner Heilung mehr fähig waren. Und er betrachtete es als sein unabänderliches Recht, ohne Kopfbedeckung zu bleiben, wenn es ihm beliebte. Dies war der Zustand seines inneren Bewußtseins. Leider war der äußere Ausdruck desselben sehr unbestimmt und beschränkte sich auf die Wiederholung einzelner Worte: »Sonn’nschein is gut. Wo isser er hin, eh? Was is mit der Sonne los?«

Miss Mary blieb stehen und aus der sicheren Entfernung frischen Mut schöpfend, fragte sie ihn, ob er irgend etwas brauche.

»Was is los? Wo isser hin?«, wiederholte Sandy mit grölender Stimme.

»Stehen Sie auf, Sie schrecklicher Mensch«, sagte Miss Mary jetzt ganz empört, »stehen Sie auf und gehen Sie nach Hause!«

Sandy erhob sich schwankend. Er war sechs Fuß groß, und Miss Mary zitterte. Er stolperte einige Schritt weiter, dann stand er still.

»Wozu soll ich nach Hause gehen?« fragte er plötzlich mit großem Ernst

»Gehen Sie, und nehmen Sie ein Bad!« erwiderte Miss Mary und betrachtete sein schmutziges Äußeres mit sichtlichem Mißfallen.

Zu ihrem grenzenlosen Entsetzen entledigte Sandy sich plötzlich seiner Kleider, warf sie auf den Boden, zog die Stiefel aus und stürzte pfeilgeschwind den Hügel hinabzum Fluß hin.

»Guter Gott! – der Mann wird ertrinken!« rief Miss Mary und rannte mit echt weiblicher Inkonsequenz zum Schulhaus zurück und schloß sich ein.

Beim Abendessen fragte Miss Mary ihre Wirtin, die Frau des Hufschmiedes, ganz ruhig, ob ihr Mann jemals betrunken gewesen sei.

»Abner«, erwiderte Frau Stidger nachdenklich, »lassen Sie mich überlegen, seit der letzten Wahlversammlung ist Abner nicht mehr voll gewesen.«

Miss Mary hätte am liebsten gefragt, ob er bei solchem Zustande es vorziehe, in der Sonne zu liegen und ob ein kaltes Bad ihm wohl geschadet haben würde, aber dies hätte eine Erklärung nötig gemacht, die sie vermeiden wollte. So begnügte sie sich, ihre großen grauen Augen erstaunt auf die rotwangige Frau Stidger zu richten – ein hübsches Exemplar des südwestlichen Blumenflors, und dann ließ sie den Gegenstand fallen.

Am nächsten Tage schrieb sie ihrer liebsten Freundin nach Boston:

»Ich glaube, ich finde den betrunkenen Teil dieser Bevölkerung hier noch am wenigsten unausstehlich. Natürlich meine ich damit die Männer, Liebste; ich wüßte aber nichts, was die Frauen erträglich machen könnte.«

In weniger als einer Woche hatte Miss Mary diese Episode vergessen, abgesehen davon, daß sie bei ihren Nachmittagspromenaden fast unwillkürlich eine andere Richtung einschlug. Sie bemerkte aber, daß jeden Morgen ein frischer Strauß Azaleenblüten zwischen den Blumen auf ihrem Schreibpulte lag. Dies war weiter nicht auffallend, da ihre kleine Schar, die ihre Vorliebe für Blumen kannte, ihr täglich frische Anemonen, Lupinen und Flieder brachte; aber selbst bei näherm Erkundigen erklärten alle, nicht zu wissen, wie die Azaleen dahin kämen. Nach einigen Tagen wurde Johnny Stidger, dessen Pult dem Fenster am nächsten stand, plötzlich von wahren Lachkrämpfen befallen, welche die Ordnung der Klasse zu zerstören drohten. Alles, was die Lehrerin aus ihm herausbringen konnte, war, es habe jemand »durchs Fenster geguckt.« Empört und ärgerlich verließ sie ihre kleine Schar, um den Störenfried zur Rede zu stellen. Als sie um die Ecke des Schulhauses bog, stand sie gerade dem einstigen Trunkenbold gegenüber, der jetzt vollkommen nüchtern war und unsagbar betreten und schuldbewußt aussah.

In ihrer jetzigen Stimmung ließ es Miss Mary sich nicht entgehen, aus diesem Umstand auf echt weibliche Art Nutzen zu ziehen. Aber es war doch etwas verwirrend zu sehen, daß »das Untier«, trotz einiger leiser Zeichen seiner früheren Ausschweifungen, sehr gut, ja hübsch aussah, wirklich eine Art blonder Samson war, dessen strohfarbenes, reiches Haar und seidiger Bart anscheinend noch nie in Berührung gekommen waren mit einem Rasiermesser oder einer Delilaschere. Die scharfe Zurechtweisung, die Miss Mary auf der Zunge lag, erstarb auf ihren Lippen, und sie begnügte sich damit, seine gestotterte Entschuldigung mit hochmütiger Miene und hochgerafften unbeschmutzten Röcken entgegenzunehmen. Als sie in das Schulzimmer zurückkam, fiel ihr Blick auf die Azaleen, die ihr eine ganze Geschichte offenbarten. Und sie mußte lachen und die Kinder lachten mit, und sie waren alle glücklich, ohne zu wissen warum.

Es war an einem heißen Tage, nicht lange nach jener Begegnung, daß zwei kurzbeinige Knaben an der Schwelle des Schulhauses mit einem Eimer Wasser, den sie in ihrem Amtseifer von der Quelle geholt haten, verunglückten und daß Miss Mary mitleidsvoll das Gefäß ergriff und selbst zur Quelle ging. Am Fuß des Hügels fiel ein Schatten über ihren Weg und ein Arm befreite sie geschickt, aber sanft von ihrer Bürde. Miss Mary war zugleich verlegen und ärgerlich. »Wenn Sie nur mehr davon für sich selbst herbeitrügen«, sagte sie zu dem Arm im blauen Hemdsärmel, ohne aber die Augen zu seinem Eigentümer zu erheben, »es wäre besser für Sie.« In dem unterwürfigen Schweigen, welches folgte, bereute sie das Gesagte, und an der Tür dankte sie ihm so lieblich, daß er stolperte. Hierüber mußten die Kinder lachen und Miss Mary lachte mit ihnen, so herzlich, daß ihre blassen Wangen sich leicht röteten. Am nächsten Tage war heimlich eine Tonne neben die Tür gestellt worden und jeden Morgen hatte sie sich eben so heimlich wieder mit frischem Quellwasser gefüllt.

Übrigens erwies man der jungen, ausgezeichneten Person, mit Namen Miss Mary, noch andere stillschweigende Aufmerksamkeiten. »Bill, der Gotteslästerliche«, der Kutscher der Slumgullion-Postkutsche, weit und breit bekannt wegen seiner »Galanterie«, indem er dem schönen Geschlecht stets den Platz neben sich auf dem Bock anbot, erlaubte sich solches doch nicht gegenüber Miss Mary und zwar aus dem Grunde, »weil er wußte, was sich zieme und daß er gewohnt sei, auf Rangunterschiede zu pfeifen«, und so überließ er ihr den halben Wagen zur eigenen Benutzung. Jack Hamlin, ein Spieler, der einmal in tiefem Schweigen mit der jungen Lehrerin ein Stück Weges gefahren war, warf einem seiner Genossen eine Karaffe an den Kopf, weil dieser es sich unterstanden hatte, ihren Namen in einer Bar zu nennen. Die aufgeputzte Mutter eines kleinen Schülers, dessen Vater man nicht kannte, hatte oft in der Nähe des Tempels dieser strengen Vestalin geweilt, ohne je zu wagen, die heiligen Hallen zu betreten, und sich damit begnügt, die Priesterin von ferne anzubeten.

Mit solchen kleinen Unterbrechungen ging das einförmige Leben der jungen Schullehrerin dahin, blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, kurze Dämmerungen und sternenhelle Nächte zogen über Red Gulch dahin. Miss Mary liebte ihre Spaziergänge durch die stillen, schönen Wälder. Vielleicht glaubte sie mit Frau Stidger, daß der balsamische Duft der Nadelhölzer »ihrer Brust gut tue«, denn es war tatsächlich so, daß ihr leichter Husten seltener kam, ihr Schritt kräftiger wurde; vielleicht auch hatte sie die Lehre gelernt, welche die geduldigen Fichtenbäume nie müde werden, lauschenden wie achtlosen Ohren zu wiederholen. Eines Tages hatte Miss Mary ein Picknick auf dem Buckeye Hill arrangiert und die Kinder mitgenommen. Fern zu sein von der staubigen Straße, den zerstreut liegenden Hütten, den ockergelben Gräben, dem Getöse der nie stillstehenden Maschinen, dem billigen Flitterstaat in den Schaufenstern, dem aufdringlichen Glanz von Farbe und buntem Glas und dem dünnen Firnis, den sich die Barbarei an solchen Orten zulegt – welch‘ eine unendliche Erquickung war schon dies allein! Als sie die letzten Haufen von Felsgeröll und Lehmaushub hinter sich gelassen und die letzte hässliche Schlucht durchquert hatten – wie öffnete der Wald da seine duftigen, grünen Hallen, sie zu empfangen! Wie die Kinder sich an das Herz der gütigen Mutter Natur warfen, sie liebkosend und die Luft mit ihrem Jubel erfüllend und wie selbst Miss Mary, dieses Muster der Wohlanständigkeit, die stets so eigen mit ihren fleckenlosen Röcken und schneeweißen Kragen und Manschetten war, dies alles vergaß und gleich einer Wachtel mit ihrer kleinen Schar umherrannte, bis sie, springend, lachend, atemlos mit einer gelösten Flechte ihres braunen Haares und den runden Hut am Band um ihren Hals hängend, plötzlich und heftig inmitten des Waldes auf den unglücklichen Sandy stieß.

Die Erklärungen, Entschuldigungen und die nicht allzu kluge Unterredung, welche folgten, sollen hier nicht wiederholt werden. Es schien indessen fast, als hätte sich zwischen Miss Mary und diesem ehemaligen Trunkenbold eine gewisse Vertrautheit eingestellt. Genug, daß er bald als einer der Partie aufgenommen wurde, daß die Kinder mit jener schnellen Auffassung, welche die Vorsehung den Wehrlosen gibt, ihn als einen Freund erkannten und mit seinem blonden Haar und seidig weichen Schnurrbart spielten und sich noch andere Freiheiten erlaubten – wie es die Wehrlosen zu tun pflegen. Und als er unter einem Baum ein Feuer machte und sie in andere Geheimnisse der Waidmannskunst einweihte, kannte ihre Bewunderung keine Grenzen. Nachdem zwei glückliche Stunden in diesen fröhlichen Spielen verbracht waren und die junge Schullehrerin sich dann auf einem kleinen Hügel niedergelassen, Kränze aus Waldblumen windend, fand sich Sandy zu ihren Füßen liegend und träumerisch in ihr Antlitz blickend, fast in derselben Stellung, in der er gelegen hatte, als sie sich zuerst begegneten.

Auch war die Ähnlichkeit keine gezwungene. Die Schwachheit einer leichtlebigen, sinnlichen Natur, welche eine Art träumerischer Aufregung im Genuß von geistigen Getränken gefunden, fand nun, wie zu fürchten ist, eine solche Berauschung in der Liebe.

Ich glaube, daß Sandy selbst eine dunkle Vorstellung davon hatte. Ich weiß, er sehnte sich danach, etwas Großes zu tun – einen Bären zu erlegen, einen Wilden zu skalpieren, oder sich selbst in irgend einer Weise für die junge Lehrerin mit dem blassen Antlitz und den großen grauen Augen zu opfern.

Da ich Sandy sehr gern als Helden darstellen möchte, so kostet es mich Mühe, meine Hand in diesem Moment anzuhalten und nur die Überzeugung, daß fast nie im Leben gerade zu solcher Zeit eine derartige Episode geschieht, läßt mich von der Einführung derselben abstehen. Und ich glaube, daß auch meine schönste Leserin, die sich erinnert, wie in einer wirklichen Krisis stets irgend ein uninteressanter Fremder, oder ein unromantischer Schutzmann es ist und nicht Adolphus, der zur Hilfe kommt, mir das Fortlassen solcher romantischen Begebenheit verzeihen wird.

So saßen die beiden ungestört in der stillen Waldeinsamkeit. – Die Spechte schwatzten über ihren Köpfen, die Stimmen der fernab spielenden Kinder drangen lieblich zu ihnen. Was sie sprachen, war sehr unwesentlich. – Was sie dachten – es möchte vielleicht interessanter gewesen sein – kam nicht zur Sprache. Die Spechte erfuhren nur, daß Miss Mary eine Waise war und wie sie ihres Oheims Haus verlassen und nach Kalifornien kam wegen ihrer Gesundheit und um unabhängig zu sein und daß Sandy auch eine Waise war und nach Kalifornien ging, um Zerstreuung und Aufregung zu finden, wie er ein wildes Leben geführt, jetzt aber sich zu bessern bemühe und noch andere Details, welche von dem Gesichtspunkt der zuhörenden Spechte unzweifelhaft als recht einfältig und reine Zeitverschwendung erschienen. Aber mit solchen Nichtigkeiten wurde der Nachmittag hingebracht und als die zerstreuten Kinder wieder alle beisammen waren, damit der Heimweg angetreten werden konnte und Sandy am Saume des Waldes, ehe sie die Nähe der Niederlassung erreichten, mit einem Zartgefühl, welches die Schullehrerin wohl verstand und würdigte, ruhig von ihnen Abschied nahm, schien es Miss Mary, als sei dies der kürzeste Tag ihres mühseligen Lebens gewesen.

Als der lange, trockene Sommer alles bis auf die Wurzeln verdorrt und sein Ende erreicht hatte, war auch das Schuljahr in Red Gulch – um einen örtlichen Ausdruck zu gebrauchen – ‚verdorrt‘. Am nächsten Tage würde Miss Mary frei sein und wenigstens für einige Zeit würde Red Gulch sie nicht wiedersehen. Sie saß allein im Schulhause, ihre Wange ruhte auf ihrer Hand, ihre Augen waren halb geschlossen, in einem jener wachen Träume, denen sie sich – ich fürchte zum Schaden der Schuldisziplin – in letzter Zeit öfter hingab. In ihrem Schoße lagen eine Menge von Moosen, Farnen und anderen Waldandenken. Sie war davon und von ihren eigenen Gedanken so in Anspruch genommen, daß sie ein leises Klopfen an der Tür überhörte, oder es verwebte sich vielleicht mit der fernen Erinnerung an das Pochen der Spechte im Walde. Als das Klopfen lauter wurde, sprang sie auf, während ein warmes Erröten ihre blassen Wangen übergoß und öffnete die Tür. Auf der Schwelle stand eine Frau, deren überhebliche, geradezu verwegene Aufmachung einen auffallenden Gegensatz bildete zu ihrem schüchternen, unsichern Wesen

Miss Mary erkannte mit einem Blick die zwielichtige Mutter ihres kleinen, namenlosen Schülers. Vielleicht hatte sie sich in ihrer Erwartung getäuscht, vielleicht war es nur Stolz; aber als sie die Fremde kühl zum Eintritt aufforderte, zupfte sie unbewußt ihre weißen Stulpen und ihren Kragen zurecht und raffte ihr züchtiges Kleid noch fester zusammen. Aus diesem Grunde ließ wohl die verlegene Frau ihren auffallenden bunten Sonnenschirm nach kurzem Zögern geöffnet draußen neben der Tür im Staub stehen und setzte sich auf das andere Ende einer langen Bank. Ihre Stimme klang heiser, als sie zu reden begann.

»Ich hörte, daß Sie morgen fortreisen und ich konnte Sie nicht gehen lassen, ohne Ihnen für Ihre Güte gegen meinen Tommy zu danken.«

Tommy sei ein guter Knabe und verdiene mehr als die unzulängliche Erziehung, die sie ihm angedeihen lassen könne, erwiderte Miss Mary.

»Dank Ihnen, vielen Dank, Miss!« rief die Fremde unter ihrer Schminke, welche in Red Gulch ihre »Kriegsbemalung« genannt wurde, errötend und in ihrer Verlegenheit und versuchte, näher zu der Schullehrerin hinzurücken. »Ich danke Ihnen, Miss, für den Ausspruch! Und wenn ich auch seine Mutter bin, es gibt in der Welt keinen herzigeren, besseren und lieberen Jungen als ihn. Und ist es auch nicht zu viel, wenn ich sage, daß es aber auch keine liebere, bessere, engelgleichere Lehrerin gibt als die seinige.«

Miss Mary, welche kerzengerade hinter ihrem Schreibpult saß, ein Linial über ihre Schulter haltend, öffnete ihre großen grauen Augen weit bei diesen Worten, erwiderte aber nichts.

»Es schickt sich nicht für eine wie mich, Ihnen Komplimente zu machen«, fuhr sie hastig fort, »das weiß ich; eben so, daß es sich nicht für mich schickt, am hellen Tage hierher zu kommen, aber ich bin hier, um Sie um einen Gefallen zu bitten – nicht für mich, aber für meinen Liebling.«

Ermutigt durch einen Blick in den Augen der jungen Schullehrerin und ihre mit lila Handschuhen bedeckten Hände zwischen die Knieen legend, die Finger nach unten, fuhr die Frau mit leiser Stimme fort:

»Sehen Sie, Miss, es gibt niemanden, von dem der Junge irgend etwas erwarten könnte, außer mir, und ich bin nicht die geeignete Person, um ihn großzuziehen. Schon im letzten Jahr dachte ich daran, ihn nach Frisco in die Schule zu geben, aber als die Rede davon war, es käme eine neue Lehrerin her, wartete ich, bis Sie eintrafen und da sah ich, daß alles recht sei und ich meinen Knaben noch etwas länger bei mir behalten könnte. Ach, Miss, er hat Sie so lieb und wenn Sie hören würden, wie er in seiner allerliebsten Weise von Ihnen spricht, wenn er Sie um das bitten könnte, was ich von Ihnen erflehen will, Sie würden es ihm nicht abschlagen.«

»Es ist natürlich«, fuhr sie schnell fort mit einer Stimme, die seltsam schwankte zwischen Stolz und Demut, »es ist ganz natürlich, daß er Sie liebgewonnen hat, Miss, denn als ich seinen Vater kennen lernte, war dieser ein Gentleman – und der Knabe muß mich früher oder später doch vergessen – und deshalb will ich Ihnen darüber nichts vorweinen. Denn ich kam, Sie zu bitten, meinen Tommy – Gott segne ihn, den besten, liebsten Jungen auf Erden! ihn – ihn – mit sich zu nehmen.«

Sie war aufgestanden, hatte des jungen Mädchens Hand ergriffen und war vor ihr auf die Knie niedergesunken.

»Ich habe genug Geld und es soll alles Ihnen und ihm gehören. Bringen Sie ihn auf eine gute Schule in Ihrer Nähe, damit Sie nach ihm sehen können und helfen Sie ihm, daß – daß – daß er seine Mutter vergißt. Tun Sie mit ihm, was Sie wollen. Das Schlechteste, was Sie für ihn tun können, wird immer noch eine Wohltat sein gegen das, was er hier bei mir lernen könnte. Nur bringen Sie ihn fort von hier, aus diesem sündigen Leben, fort von diesem schrecklichen Ort, dieser Heimat der Schande und des Kummers. Sie werden es, ich weiß, Sie werden es tun; nicht wahr? Sie werden, Sie können, Sie dürfen nicht nein sagen. Machen Sie ihn so gut, so rein und sanft wie Sie selbst es sind; und wenn er erwachsen ist, nennen Sie ihm den Namen seines Vaters – den Namen, der seit Jahren nicht über meine Lippen gekommen ist – den Namen von Alexander Morton, hier nur als Sandy bekannt! Miss Mary! – ziehen Sie Ihre Hand nicht fort! Miss Mary, sprechen Sie zu mir! Sie werden meinen Knaben doch nehmen? Wenden Sie Ihr Antlitz nicht von mir ab! Ich weiß, es sollte wohl nicht auf meines gleichen blicken. Miss Mary! mein Gott, hab Erbarmen! – sie verläßt mich!«

Miss Mary hatte sich erhoben und in dem Zwielicht sich ihren Weg zum offenen Fenster hin ertastet. Sie stand dort, gegen den Rahmen gelehnt, ihre Augen auf die letzten rosigen Farbtöne gerichtet, die am westlichen Himmel verglommen Etwas von dem rötlichen Lichte lag noch auf ihrer jungen, reinen Stirn, ihren weißen, gefalteten Händen; aber es verschwand nach und nach. Die Bittende hatte sich auf den Knieen ihr nachgeschleppt.

»Ich weiß, Sie brauchen Zeit zum Überlegen, ich will die ganze Nacht hier warten, ich kann nicht gehen, bis Sie zu mir gesprochen haben. O, schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab. Sie werden es tun! – ich seh es in Ihrem lieben Antlitz – solch ein Antlitz, wie ich es in meinen Träumen erschaut. Ich lese es in Ihren Augen, Miss Mary! – Sie werden meinen Knaben nehmen!«

Der letzte rote Lichtstrahl schwebte höher und erfüllte Miss Marys Augen mit einem Widerschein seiner Glorie, dann leuchtete er noch einmal auf und erstarb. Die Sonne war untergegangen über Red Gulch. In das Zwielicht und das Schweigen hinein sagte Miss Marys angenehme Stimme:

»Ich werde den Jungen nehmen. Schicken Sie ihn mir heute Abend her!«

Die glückliche Mutter hob den Saum von Miss Marys Kleid an ihre Lippen. Sie würde gern ihr flammendes Gesicht in die Falten des jungfräulichen Gewandes gedrückt haben, aber sie wagte es nicht. Sie stand langsam auf.

»Weiß – dieser Mann, was Sie vorhaben?« fragte Miss Mary plötzlich.

»Nein, es kümmert ihn auch gar nicht. Er hat das Kind nie gesehen, er weiß gar nichts von ihm.«

»Gehen Sie zu ihm – noch heute – auf der Stelle! Sagen Sie ihm, was Sie getan haben! Sagen Sie ihm, ich habe sein Kind genommen und sagen Sie ihm – er darf es niemals – niemals wieder sehen. Wo es auch sei, er darf nicht kommen, wohin ich es auch mit mir nehme, er darf uns nicht folgen! Jetzt gehen Sie, bitte – ich bin erschöpft und – habe noch viel zu tun.«

Sie gingen zusammen zur Tür, auf der Schwelle wandte sich die Frau um.

»Gute Nacht.«

Sie würde Miss Mary zu Füßen gesunken sein, doch im selben Augenblick öffnete das junge Mädchen die Arme und zog die sündige Frau einen Moment an ihre Brust; dann schloß sie die Tür hinter ihr und verriegelte sie.

Mit einem Gefühl großer Verantwortlichkeit nahm »Bill, der Gotteslästerliche«, am nächsten Morgen die Zügel der Pferde der Slumgullion-Post­kutsche, denn die junge Schullehrerin befand sich ja unter seinen Passagieren. Als sie die Landstraße erreichten, hielt er, einer lieblichen Stimme aus dem »Innern des Wagens« gehorchend, plötzlich an und wartete ehrerbietig, während »Tommy« auf Miss Marys Gebot heraushüpfte.

»Nicht von dem Busch, Tommy – vom nächsten.«

Tommy klappte sein neues Taschenmesser auf und nachdem er einen Zweig von einem großen Azaleenbusch abgeschnitten, kehrte er damit zu Miss Mary zurück.

»Alles in Ordnung jetzt?«

»Alles in Ordnung.«

Und die Tür der Postkutsche schloß sich vor der Idylle von Red Gulch.

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