Die Große Post (General Post Office)

 

Zu den interessantesten, wenn ich mich so ausdrücken darf, londonhaftesten Vergnügungen, die man sich hier schaffen kann, gehört ein Abendbesuch in der großen Halle des Postamts, St. Martin’s le Grand. Ein besonderer Vorzug dieses Schauspiels ist seine Leichtzugänglichkeit und der Umstand, daß es, wie ein glänzendes Feuerwerk, in wenigen Minuten vorüber ist.

Der günstigste Zeitpunkt ist Freitagabend, zehn Minuten vor sechs. Erfahrungsmäßig überflügelt der Postbetrieb des vorletzten Wochentages alle anderen. Die Handelswoche schließt mit Beziehung auf die Post nicht am Sonnabend sondern bereits am Freitag ab. Eben weil die hunderttausend Firmen der vereinigten drei Königreiche wie des benachbarten Kontinents am Sonnabend früh noch Abschlußbriefe erwarten, bevor die Stille des Sonntags sich zwischen den Geschäftslärm zweier Wochen schiebt, eben deshalb steigert sich hier am Orte die merkantile Freitagstätigkeit und nimmt ihren letzten Anlauf für die Woche mit verdoppelter Kraft.

Es ist also Freitag. Wir halten die festgesetzte Stunde pünktlich inne und treffen uns 5 ½ in einem Kaffeehause von Ludgate Hill. Von hier bis zur Post ist keine fünf Minuten Wegs, und wir haben noch Zeit vollauf, einen Blick in die «Times» zu werfen, deren einzelne Blätter auf den Marmortischen zerstreut umherliegen. Eine Begrüßung, ein Händeschütteln mit diesem und jenem Bekannten, dann brechen wir auf, um rechtzeitig bei unserem Schauspiel einzutreffen.

An St. Paul vorbei biegen wir in die breite Straße St. Martin’s le Grand ein und haben das stattliche Postgebäude mit seinem säulengetragenen Portikus unmittelbar zur Rechten vor uns. Der Zeiger auf dem erleuchteten Zifferblatt weist auf zehn Minuten vor 6. Das war getroffen. Wir treten rasch in die große Halle, drin wir bereits Hunderte von Zuschauern zu gleichem Zwecke versammelt finden. Die Bühne, auf der die ganze Szene binnen wenigen Minuten aufgeführt werden soll, liegt in voller Breite vor uns. Ein wesentliches Element derselben ist die solide Wandkulisse, die den Bühnenraum nach hinten zu abschließt. Fünf mächtige Säulen erheben sich im Hintergrunde und teilen die Kulissenwand in vier Riesenrahmen, von denen die zwei mittleren um diese Stunde dunkel und geschlossen sind, während sich das ganze bunte Treiben der immer näher rückenden Szene vor dem ersten und vierten Rahmen abspielt. Nr. I ist das Zeitungsfenster, Nr. IV der Briefkasten; das Zeitungsfenster aber hat die Dimensionen eines Torwegs, und der Briefkasten ist wie eine Hochzeitslade aus der guten alten Zeit. Vor dem einen wie vor dem andern steht ein alter Herr in langem roten Rock und dirigiert die AuFührung mit seinem spanischen Rohr, das er wie einen Taktstock handhabt.

Wir haben noch acht Minuten; die ersten vier davon gehören dem Zeitungsfenster. Massenhaft und von allen Seiten schleppt man den Stoff herbei, und wie große Leinwandstücke, die vorn und hinten von den Schultern des Trägers herabhängen, werden die Zeitungsballen mit geschicktem Ruck auf das tischartige Fensterbrett geschleudert. Kleinere Pakete werden wie Bälle behandelt, und ohne daß der Überbringer auch nur die Halle beträte, vielmehr halb noch von der Straße aus, wirft er den Zeitungsball in das weitoffene Fenster hinein. Wirft er fehl, so schadet es nichts; trifft er gar einen der beiden hemdsärmlichen Burschen, die, wie die wilden Männer auf dem Wappenschilde, rechts und links in der Fensteröffnung stehen, so lacht das Publikum, und die wilden Männer lachen mit; von dienstlicher Beleidigtheit keine Spur. Die Hemdsärmlichen ihrerseits machen sich’s ebenfalls bequem, und mit Geflissentlichkeit jede bückende Bewegung vermeidend, harken sie, wie Croupiers, die das Geld über den Tisch ziehn, mit ihren vorgestreckten Beinen alle die Pakete zusammen, die, statt ins Zimmer hineinzufliegen, vorn auf das Fensterbrett fielen oder von vorsichtigeren Seelen darauf niedergelegt wurden.

Noch vier Minuten bis sechs. Vor dem Fenster Nr. I wird es stiller, aber ein immer wachsendes Leben drängt sich jetzt der großen Lade zu. Die clerks und Lehrlinge stürzen atemlos herbei mit briefgefüllten Papierkörben auf dem Kopf oder mit Briefbeuteln jeder Farbe und jeden Stoffs in der Hand. Dazwischen das verlegene Mädchen aus der Provinz, das ängstlich hin und her läuft, nicht weiß, wo ihr bekritzeltes Kuvert mit der Penny-Marke hingehört, und nie und nimmer begreifen würde, daß ihr Brief, einmal mit hinabgestoßen in jenen finstern Orkus, jemals eine Chance haben könnte, lebendig und unversehrt in ihrem heimatlichen Dorfe wieder aufzutauchen. Noch zwei Minuten. «Gentlemen, go on», ruft der Rotrock am Briefkasten, schwingt seinen Taktstock und ermuntert durch freundliche Blicke, sich tapfer zu halten und die Ellbogen da zu gebrauchen, wo Rücksicht und Anstand doch nur als Schwäche und Ängstlichkeit gedeutet werden würden. Der Zeiger setzt ein – der erste Schlag. Noch fünf Sekunden gehören all den Hunderten, die jetzt wie ein dicker Knäuel vor dem Kasten stehn. «Go on, gentlemen», klingt es noch einmal, alle Hälse werden länger, jeder müht sich, die rechte Hand zum Wurfe freizubekommen, und im nächsten Moment fliegen Hunderte von Briefen durch die Luft und fallen wie Schneeflocken oder Herbstblätter in die Tiefe des Kastens hinab. Verloren der, der seinem Stern und seiner Geschicklichkeit mißtraute. Der sechste Schlag verklingt, und mit einem Krach – so stark und plötzlich, als ob Marlenchens Mutter den Deckel der Apfelkiste niederschlüge – schließt sich die Lade, und vor das Zeitungsfenster fliegt das Brett und versagt den Eingang. Einige Unglückliche, die den Moment verpaßten, stehen jetzt da mit offenem Mund und können’s nicht fassen. Die Zuschauermenge aber, die im letzten Augenblick mit angehaltenem Atem dem Schauspiel folgte, atmet wieder auf, lächelt über die eigne Teilnahme und Aufregung und verläuft sich in den Straßen, während hinter der Szene die Bienentätigkeit der «Sortierer» beginnt.

 

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