Die Folgen von Lincolns Ermordung

Der Friede, der auf die im Kapitulation der Armeen der Konföderierten im April 1865 folgte, war kein ungetrübter. Es war auch nicht zu erwarten, daß die leidenschaftliche Fehde, die vier Jahre lang den Norden und den Süden zu mörderischem Kampfe gegeneinander getrieben hatte, nun plötzlich einem Wiederaufflammen des gemeinsamen Nationalgefühls und der gegenseitigen Liebe Platz machen würde. Die Wunden, die der Bürgerkrieg geschlagen, waren noch zu frisch. Der Soldat der Südstaaten kehrte unter dem Druck der erlittenen Niederlage, abgehärmt, mit zerfetzten Kleidern und wundgelaufenen Füßen heim und fand sein Haus in Trümmern, seine Familie fast verhungert, die Gegend ringsumher verwüstet und verarmt, sein ganzes Volk in bitterster Not und Sorge um die Zukunft. Der dumpfe Groll, den der Südländer gegen, die »grausame Invasion« in das südliche Gebiet durch die »Söldlinge des Nordens« im Herzen trug, brach zuweilen in wilden Ausdrücken hervor.

Im Norden hingegen war überall viel Jubel über die wiederhergestellte Union. Der langersehnte Tag, wo Johnny comes marching home, war endlich da. Nacheinander kehrten die Regimenter wettergebräunter, triumphierend strahlender Krieger an die Orte zurück, woher sie ausmarschiert waren, und wurden mit Jubel und Ehrenbezeigungen jeglicher Art empfangen. Die Schilderungen, der Gefahren, denen sie getrotzt, der tapferen Taten, die sie vollbracht, und der Siege, die sie erkämpft hatten, gaben jeder geselligen Zusammenkunft einen Grundton des Triumphes. Jedoch von den vielen Johnnies, die in den Krieg gezogen, waren viele nicht wieder heimgekehrt. Es gab entsetzlich viele Eltern, die ihre Söhne, Frauen, die ihre Männer, Kinder, die ihre Väter verloren hatten. Und so wurden auch Stimmen laut, welche Entrüstung äußerten und Rachsucht schürten. Sie sprachen von dargebrachten Opfern und von Sorgen und Leid, das die Daheimgebliebenen erlitten; sie sprachen von den räuberischen Einfällen der Rebellen aus Kanada, z. B. auf St. Albans, und von den Verschwörungen und Plänen der Rebellen, New York und Chicago niederzubrennen oder Blattern und andere ansteckende Krankheiten in unserem Volke zu verbreiten; sie erzählten schaurige Geschichten von dem grausigen, gespensterhaften Aussehen der Soldaten, welche die Schrecken der Gefangenschaft in Andersonville überstanden hatten, und vor allem erzählten sie empört von der feigen Ermordung des guten, geliebten Präsidenten Lincoln durch Rebellenhände, einem unsühnbaren Verbrechen!

Die Ermordung Lincolns war wirklich in jener kritischen Zeit ein nationales Unglück von der größten Tragweite. Bei ruhiger Überlegung mußte man sich sagen, daß die Untat, wie sich auch später herausstellte, nur von einer kleinen Schar halb wahnsinniger Fanatiker aus der untersten Gesellschaftsklasse ausgeführt sein konnte, von Leuten, die ebensowenig sittliche Grundsätze als gesunden Menschenverstand besaßen. Denn nichts lag für einen Einsichtigen mehr auf der Hand, als daß dieses Verbrechen den Südstaatlern in ihrer Not absolut nicht helfen konnte und nur dazu dienen würde, ihre siegreichen Gegner noch mehr gegen sie aufzubringen. Das bekannte phantastische Wesen des »hübschen, jungen amerikanischen Schauspielers«, John Wilkes Booth, des Organisators und Anführers des Mordanschlags hätte die öffentliche Meinung wohl überzeugen können, daß diese ebenso törichte wie abscheuliche Tat nur die Ausgeburt eines kranken Hirns sein konnte. Aber die öffentliche Meinung war erregt; leidenschaftliches Gefühl hatte die Oberherrschaft. Eine schnelle Rache erreichte den Mörder Lincolns. Der Tod Booths war so theatralisch, wie er selbst nur hätte wünschen können. Nach einer rasenden Flucht über den Potomac nach Virginia, während welcher sein auf der Reise gebrochenes Bein ihm die furchtbarsten Qualen bereitete, wurde er am Abend des 23. April in der Tabakscheune eines virginischen Farmers von seinen Verfolgern entdeckt. Man rief ihm zu, sich zu ergeben; aber er lehnte nicht nur ab, sondern forderte mit der Flinte in der Hand seine Verfolger zum Kampf heraus. Die Scheune wurde in Brand gesteckt, und im flackernden Schein der Flammen empfing er trotzig die Kugel, die seinem Leben ein Ziel setzte. In dem Tagebuch, das er als vermeintlich wichtige öffentliche Persönlichkeit geführt hatte, erörterte er grübelnd und in krankhaftem Gedankengange die Frage, warum er wie ein Wild gehetzt würde, während Brutus und Wilhelm Tell als Helden der Weltgeschichte gefeiert würden. Die übrigen Mitglieder der Verschwörung wurden ergriffen, verhört und, wie erwartet wurde, verurteilt.

Hiermit war aber das Volk nicht vollständig befriedigt. Allgemein war der Glaube verbreitet, daß das abscheuliche Verbrechen aus einer Verschwörung der Führer der südstaatlichen Partei hervorgegangen sei, und daß es daher überhaupt der Sezession zur Last gelegt, untersucht und bestraft werden müsse. Sogar General Grant, der besonnene, vorurteilslose Mann, scheint dieser Ansicht gewesen zu sein, denn er telegraphierte an General Ord, den derzeitigen Kommandanten in Richmond, er möge Richter Campbell und einige andere angesehene Männer verhaften lassen, sowie auch alle auf Ehrenwort entlassenen Offiziere, sofern sie nicht den Treueid leisteten. Ord überredete ihn freilich, diesen Befehl zurückzuziehen, aber er bestand darauf, daß äußerste Strenge walten müsse, solange noch der Meuchelmord bei den Rebellen an der Tagesordnung sei. In einer Proklamation des Präsidenten Johnson hieß es, die Ermordung Lincolns und der Mordanschlag auf Seward und andere wären von Jefferson Davis »angeregt und unterstützt«, unter Beihülfe seiner Agenten in Kanada, Jacob Thompson, des ehemaligen Ministers des Innern unter Buchanan, und Clement E. Clay, eines ehemaligen Senators der Vereinigten Staaten aus Alabama. Eine Belohnung von 100 000 Dollars wurde für die Ergreifung Jefferfon Davis’, eine solche von 25 000 Dollars für die Ergreifung der anderen beiden ausgeschrieben. Jefferson Davis wurde am 10. Mai 1865 von einer Abteilung Kavallerie eines Michigan-Regiments ergriffen. Es wurde erzählt, er habe in Gewändern seiner Gattin verkleidet, flüchten wollen, aber seine schweren Kavalleriestiefel hätten ihn verraten. Diese Geschichte, die, wie sich später herausstellte, zum Teil auf Erfindung beruhte, erzählte man sich mit Behagen im Norden, wo Jefferson Davis stets als die Verkörperung aller hassenswerten Elemente der Sezession galt. Man freute sich allgemein, daß er obendrein lächerlich gemacht wurde. Aber eigentlich war die Verhaftung von Jefferson Davis eine sehr ernste Sache; einige besonnene und weitblickende Männer hielten sie sogar für ein Unglück. Lincoln selbst hatte bekanntlich gewünscht, daß bei dem Sturz der Konföderation ihr Oberhaupt nicht in seine Hände fallen möchte. Es war sogar damals eine diesbezügliche und anscheinend beglaubigte Lincoln-Anekdote im Umlaufe, die ich erzählen will.

Nachdem Lee die Waffen gestreckt hatte, fragte ein Freund den Präsidenten, ob es in Erwägung aller Umstände nicht besser sein würde, Jefferson Davis über die Grenze entkommen zu lassen. Als Antwort erzählte ihm Lincoln die Geschichte eines streng abstinenten Methodistenpredigers im Westen, dem an einem heißen Tage ein Glas kaltes Wasser mit etwas Kognak angeboten wurde. Er entgegnete, daß er den geringen Zusatz von Alkohol durchaus nicht mißbilligen würde, wenn er nur ohne sein Mitwissen hinzugefügt würde.

Lincolns Scharfblick entging es nicht, daß die Gefangennahme von Jefferson Davis die Regierung der Vereinigten Staaten in eine böse Verlegenheit bringen würde. Das Volk würde sicher darauf bestehen, daß der Anführer der Rebellion wegen Hochverrats vor Gericht gebracht und verurteilt würde. Sein Verbrechen war in den Südstaaten begangen. Wurde aber in den Südstaaten ein Verfahren gegen ihn eingeleitet, so stand schon vorher fest, daß sich kein Gerichtshof finden würde, der ihn oder irgendeinen andern Anführer der Sezession wegen Hochverrats verurteilen würde, es sei denn, daß der Gerichtshof ganz aus Negern bestände, und auch dann war die Sache noch zweifelhaft. Ein Militärgericht würde zweifellos auf »schuldig« erkennen; aber es war bedenklich, nach Schluß des Krieges von einem Militärgericht eine politische Sache, ja, die bedeutendste politische Sache des Jahrhunderts entscheiden zu lassen. Das wäre mehr im Sinne eines despotisch regierten Staates der alten Welt, als unserer jungen neuweltlichen Republik gewesen.

Die Ermordung Lincolns, an der die Führer der Rebellion beteiligt gewesen sein sollten, sowie die unbestimmten Befürchtungen, die Republik sei gefährdet, ermöglichten nunmehr das Einsetzen eines Militärgerichts. Dem Volke wäre es ungeheuerlich erschienen, wenn die Anführer der Rebellen und besonders Jefferson Davis, der Inbegriff aller Greuel der Rebellion, der »Erzverräter«, wie er genannt wurde, leer ausgehen sollte, nachdem die Soldaten im Felde und ihre Angehörigen zu Hause schon so lange nach der Melodie von ,,John Brown’s Soul« gesungen hatten: »Hang Jeff Davis on a sour apple tree.«

Jede nur halbwegs schickliche oder tunliche Art, ihn vor Gericht zu bringen, erschien daher annehmbar. Allerdings, als ruchbar wurde, daß nicht nur ein Militärgericht eingesetzt war, sondern auch, daß die Verhandlungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt werden sollten, da konnten einsichtsvolle Männer nur besorgt das Haupt schütteln. Auch mir war die Sorge stets gegenwärtig, wie wohl die ganze zivilisierte Welt das Verhalten unserer Republik aufnehmen würde, und unter dem Drucke dieser Sorge entschloß ich mich, an Präsident Johnson zu schreiben. Bei meinem Austritt aus dem Militärdienst und nach den großen Paraden der Potomac-Armee und der Armeen des Westens in Washington hatte ich dem Präsidenten meine Aufwartung gemacht, und er hatte sich damals sehr vertraulich mit mir über die Tagesereignisse unterhalten und mich gebeten, ihm über Dinge, die mir wichtig erschienen, jederzeit zu schreiben. In einem längeren Schreiben wies ich nunmehr darauf hin, daß durch Einsetzung eines geheimen Gerichts zweifellos die Sache der Regierung schwer geschädigt werden würde.

Die Mitschuldigen Booths wurden von einem zu diesem Zwecke errichteten Militärgerichte verurteilt und büßten ihre Tat am Galgen. Das war ein durchaus gerechtfertigtes Verfahren. Aber in bezug auf Jefferson Davis stellte sich bald heraus, wie richtig Abraham Lincolns Instinkt gewesen war, als er in seiner humorvollen Weise dem Wunsche Ausdruck gab, der Anführer der Konföderation möge »ohne sein Mitwissen« entkommen. Als Flüchtling hätte er unserer Republik im Auslande wenig Schaden zufügen können, und seine Macht, daheim einen bösen Einfluß auszuüben, wäre erheblich verringert worden. Sein Prestige als Staatsmann und Volksführer hatte sowieso unter dem gänzlichen Mißlingen des Krieges, der in dem Volke der Südstaaten so oft schmeichlerische Hoffnung auf Erfolg erweckt hatte, gelitten; auch hatte er, während er noch am Ruder war, oft die abfällige Kritik bedeutender Männer der Konföderation erregt durch seinen Dünkel, sein Begünstigungssystem, seine Empfindlichkeit, seine launische Zu- und Abneigung, seine Rachsucht, kurz durch seine »Querköpfigkeit«. Viele der erlittenen Mißerfolge wurden, oft nicht ganz mit Unrecht, ihm zur Last gelegt. Als Flüchtling wäre seine Bedeutung infolgedessen gleich Null gewesen. Aber nun war er eingekerkert, er, der große Vertreter einer »verlorenen Sache«! Durch die Ungeschicklichkeit irgendeines Subalternbeamten war er sogar kurze Zeit gefesselt worden. Da erschien er, der im Kerker und in Ketten schmachtete, als ein Märtyrer, der für sein Volk Qual und Schande von einem erbarmungslosen, rachsüchtigen Feinde erduldete. Dieser Nimbus, diese Märtyrerkrone verliehen ihm einen erheblichen Einfluß auf Verstand und Gemüt der Südstaatler. Diesen Einfluß gebrauchte er nicht in der freimütigen, hochherzigen Weise General Lees, um seine Freunde zu einem loyalen Sichabfinden mit den veränderten Verhältnissen und einer patriotischen Hingabe an die wiederhergestellte Republik zu ermuntern, sondern vielmehr, um einen mehr oder minder versteckten Groll gegen die Union zu nähren. Er erregte bei ihnen eher ein mißmutiges Brüten über vergangene Enttäuschungen als eine heitere Betrachtung der sich neu bietenden Möglichkeiten. Er war das Bild eines verbitterten Menschen, der nun auch wünscht, daß alle anderen verbittert sein möchten. In den Augen aller vorurteilslosen Beobachter hat er sich somit, trotz all seiner unleugbaren guten und zum Teil sogar glänzenden Eigenschaften, nicht als wahrhaft großer Mensch gezeigt.

Der Beweis von Jefferson Davis’ Mitschuld an der Ermordung Lincolns, auf den Präsident Johnson seine öffentlich ausgesetzte Belohnung für das Ergreifen des gestürzten Führers stützte, erwies sich später als nicht stichhaltig. Es ist nicht unmöglich, daß zu der Zeit, als die Konföderation schon endgültig erschüttert und ihre Führer ganz verzweifelt waren, Jefferson Davis einen Plan gekannt und vielleicht auch gebilligt hat, wonach Lincoln entführt und als Geisel festgehalten werden sollte; aber daß er irgendwie an Booths Mordanschlag teilhatte, ist weder erwiesen noch wahrscheinlich. Nach zweijähriger Gefangenschaft in der Festung Monroe wurde er unter der Anklage des Hochverrats vor die Schranken des United States Circuit-Court in Richmond, Virginia, geladen und dann gegen Bürgschaft auf freien Fuß gesetzt. Seine Hauptbürgen waren Horace Greeley, der ehemalige Apostel der Antisklaverei, Gerrit Smith und Cornelius Vanderbilt. Wie vorauszusehen war, wurde das Verfahren nicht wieder aufgenommen und im Dezember 1868 für ihn und all seine Anhänger eine »Amnestie für das Verbrechen des Hochverrats« erlassen. Die einzige Strafe, die sie erlitten, war, daß ihnen, dem vierzehnten Amendement zur Bundesverfassung gemäß, die Berechtigung verloren ging, je ein öffentliches Amt in den Vereinigten Staaten zu bekleiden.

In Anbetracht der Umstände kann also nicht mit Recht behauptet werden, daß Jefferson Davis und die anderen südstaatlichen Führer schlecht behandelt worden wären. Im Gegenteil, die Nachsicht, welche die siegreiche Regierung ihnen gegenüber walten ließ, sucht in der Geschichte ihresgleichen. Das Geschrei nach »angemessener Bestrafung der Verräter« verlor sich bald, und Jefferson Davis konnte noch ein viertel Jahrhundert ungestört auf seiner Pflanzung im Staate Mississippi verleben. Hier hegte und nährte er andauernd seinen Groll und Zorn gegen das »ungerechte Schicksal«, aber sein etwas fragwürdiges Helden- und Märtyrertum trug ihm dennoch die blinde Ergebenheit eines großen Teils jener Bevölkerung der Südstaaten ein, zu deren Unglück und Elend er so viel beigetragen hatte.

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