Die Flucht.

In scharfem Trabe ging es durch die Nacht dahin. Noch höre ich den kräftigen Ruf, „Boom op!“, den Hensel erschallen ließ, so oft wir eine Chausseezollstätte mit Schlagbaum erreichten. Durch Oranienburg, Teschendorf, Löwenberg flogen wir ohne Aufenthalt. Aber als wir uns dem Städtchen Gransee, acht deutsche Meilen von Spandau, näherten, wurde es nur zu offenbar, daß unsere guten Braunen bald zusammenbrechen würden, wenn wir ihnen nicht kurze Rast und Erfrischung gönnten. So wurde denn an einem Wirtshause bei Gransee eine halbe Stunde gehalten und gefüttert. Dann weiter.

Als das Tageslicht heraufstieg, konnte ich mir Kinkel zum erstenmal genauer anschauen. Wie hatte er sich verändert, den ich noch vor wenig mehr als einem Jahr als jugendfrischen, blühenden Mann gesehen! Das kurzgeschorene Haar war grau gesprenkelt, die Gesichtsfarbe fahl, die Haut pergamentartig, die Wangen mager und schlaff, die Nase spitz und die Züge scharf eingefurcht. Wäre er mir unversehens begegnet, ich würde ihn schwerlich erkannt haben. „Sie haben dir schlimm mitgespielt,“ sagte ich.

„Ja,“ antwortete er, „es war hohe Zeit, daß du mich herausholtest. Noch ein paar Jahre und ich würde ausgebrannt, verkohlt, an Leib und Seele verheert gewesen sein. Kein Mensch, der es nicht erlitten hat, weiß, was die Isolierhaft bedeutet und die Erniedrigung, wie ein gemeiner Verbrecher behandelt zu werden. Aber nun,“ setzte er heiter hinzu, „nun beginnt ja wieder ein menschliches Leben.“

Und dann beschrieb er in seiner launigsten Weise, wie zu dieser Stunde im Zuchthaus zu Spandau die Entdeckung würde gemacht werden, daß Kinkel wie ein Vogel seiner Zelle entflogen sei, und wie ein Aufseher mit verstörtem Gesicht zu dem Direktor Jeserich stürzte, und wie dieser und die Inspektoren und das ganze Beamtenpersonal die Köpfe zusammenstecken und dann nach der höheren Behörde laufen würden; dann würden sie sich bei den Torwächtern erkundigen und von einem Wagen hören, der zwischen zwölf und eins durch das Potsdamer Tor gerasselt sei, und dann würde schleunigst ein Trupp berittener Konstabler zusammengerafft werden, um uns wie toll über Nauen nach Hamburg nachzujagen, während wir unsern Freunden in Mecklenburg Besuch machten. „Ich wünschte nur,“ bemerkte Hensel besorgt, „wir kämen etwas schneller vom Fleck.“

Es war schon heller Tag, als wir den mecklenburgischen Grenzpfahl begrüßten. Sicher fühlten wir uns da noch keineswegs, wenn auch ein wenig sicherer als auf preußischem Gebiet, denn in Mecklenburg war die Polizei harmloser. Aber der Trab unserer Pferde wurde langsamer und langsamer. Eines davon schien im höchsten Grade ermattet zu sein. So mußten wir denn am ersten mecklenburgischen Wirtshause, das wir fanden, in Dannenwalde, wieder Rast machen. Hensel wusch die Pferde mit warmem Wasser. Das half ein wenig, aber nur für kurze Zeit. In dem Städtchen Fürstenberg mußten wir zu längerer Ruhe ausspannen, weil die Braunen nicht mehr weiter konnten. Erst nachmittag, nach einer Fahrt von mehr als dreizehn deutschen Meilen, erreichten wir Strelitz, wo wir an dem Stadtrichter Petermann einen begeisterten Freund und Beschützer hatten, der bereits in der vorhergegangenen Nacht an der Aufstellung der Relais beteiligt gewesen war.

Petermann empfing uns mit einer Freude, die mich fürchten ließ, er werde sich nicht enthalten können, das glückliche Ereignis aus den Fenstern den Vorübergehenden zu verkünden. In der Tat vermochte er sich’s nicht zu versagen, sofort einige Freunde herbeizuholen[1]. Bald gab’s ein reichliches Mahl mit heiterm Gläserklang, währenddessen ein Wagen mit frischen Pferden vorfuhr. Dann nahmen wir von dem braven Hensel einen herzlichen Abschied. Seine beiden schönen Braunen hatten sich niedergelegt, sobald sie in den Stall kamen – einer, wie wir später erfuhren, um nicht wieder aufzustehen. Ehre seinem Andenken!

Petermann begleitete uns auf der weiteren Fahrt, die nun mit ununterbrochener Schnelligkeit vonstatten ging. In Neubrandenburg sowie in Teterow wechselten wir die Pferde, und kurz nach sieben Uhr am nächsten Morgen, den 8. November, erreichten wir das Gasthaus zum weißen Kreuz an der Neubrandenburger Chaussee bei Rostock. Petermann holte sofort Moritz Wiggers herbei, der nun die ganze Sorge für uns übernahm. Ohne Verzug schickte er uns in Begleitung des Kaufmanns Blume in einer Droschke nach dem zwei Meilen entfernten Hafen- und Badeort Warnemünde, wo wir in dem Wöhlertschen Gasthause abstiegen. Petermann, überglücklich, daß sein Teil der abenteuerlichen Fahrt so gut gelungen war, wendete sich nach Strelitz zurück. Auf der Reise hatten wir uns angewöhnt, Kinkel mit dem Namen Kaiser und mich mit dem Namen Hensel anzureden, und unter diesen Namen wurden wir in der Herberge einquartiert.

Wiggers hatte uns Warnemünde als einen Platz von patriarchalischen Einrichtungen und Sitten geschildert, wo es eine Polizei nur dem Namen nach gäbe, und wo die Ortsobrigkeit, wenn man uns entdecken und die preußische Regierung unsere Verhaftung verlangen sollte, zuerst darauf bedacht sein würde, uns aus der Gefahr zu helfen. Dort, meinte er, würden wir sicher sein, bis eine gute Fahrgelegenheit oder ein besseres Asyl bereit sein würde. Von Warnemünde aus sah ich zum erstenmal in meinem Leben das Meer. Ich hatte mich lange danach gesehnt, aber der erste Anblick war mir eine Enttäuschung. Der Horizont erschien mir viel enger und die Wellen, die, vom Nordostwind gepeitscht, weißköpfig heranstürzten, viel kleiner, als ich sie mir in meiner Phantasie vorgemalt hatte. Ich sollte die See noch besser kennen und mit größerer Achtung und höherem Genuß betrachten lernen. Übrigens waren wir auch damals wenig zum Naturgenuß gestimmt. Kinkel hatte zwei, ich drei Nächte im Wagen auf der Landstraße zugebracht. Wir fühlten uns bis aufs äußerste erschöpft, suchten bald unser Zimmer auf und sanken fast willenlos dem Schlaf in die Arme. Ich hatte noch Bewußtsein unserer Lage genug, um meine Pistolen unters Kopfkissen zu legen, und Herr Blume erzählte nachher, ich habe, als er sich während unseres sechsstündigen Schlafes leise in mein Zimmer geschlichen, sofort die Augen geöffnet, „Werda“ gerufen und meine Schießgewehre ergriffen, worauf er schleunigst davongegangen sei. Es war wohl so, aber ich erinnerte mich dessen nicht.

Am nächsten Tage traf Wiggers wieder bei uns ein. Er verkündete uns, es liege nur eine Brigg auf der Reede – wir sahen sie vor uns auf den Wellen tanzen –, die aber noch nicht segelfertig sei. Sein Freund, der Kaufmann und Fabrikherr Ernst Brockelmann, halte es auch für besser, uns auf einem seiner eigenen Schiffe über See zu schaffen, und bis dieses zur Abfahrt bereit sein werde, uns in seinem eigenen Hause zu beherbergen. So verließen wir denn das Gasthaus, bestiegen die Jolle eines Warnemünder Lootsen und, den scharfen Nordost im Segel, flogen wir über die breite Bucht den Warnowfluß hinauf. An einem Gehölze landeten wir und bei einem nahen Dorfe fanden wir Brockelmann mit seinem Wagen.

Wir sahen einen hochgewachsenen, kräftigen Fünfziger vor uns, mit grauem Haupthaar und Backenbart, aber frischer Gesichtsfarbe und jugendlich lebhaft in Ausdruck und Bewegung. Er begrüßte uns mit freudiger Herzlichkeit, und nach den ersten Minuten waren wir wie alte Freunde. In ihm erkannten wir das wahre Bild des „selbstgemachten“ Mannes im besten Sinne des Wortes, – eines Mannes, der seines eigenen Glückes Schmied gewesen, der mit Selbstgefühl auf das blicken kann, was er geleistet hat, und in seinen Erfolgen die Inspiration weiteren Strebens und eines unternehmenden und opferwilligen Gemeingeistes findet. Seine natürliche Menschenfreundlichkeit, die das Recht eines jeden auf die Anerkennung seines wahren Wertes und auf eine entsprechende Chance des Fortkommens würdigte, hatte ihn von Jugend auf zu einem Liberalen, und nach der achtundvierziger Revolution zu einem Demokraten gemacht. Seine Grundsätze und Theorien hatte er, soweit sich ihm die Möglichkeit bot, praktisch betätigt, und er war daher weit und breit als ein Freund und Fürsprecher der Armen und Bedrückten bekannt, besonders aber von seinen Arbeitern, die er in großer Zahl als Fabrikherr beschäftigte, wie ein Vater verehrt und geliebt. Er konnte, als er uns sein Haus als Zufluchtsort anbot, wohl sagen, daß er Arbeiter genug habe, die sich auf seinen Wunsch im Notfalle für uns schlagen und unser Asyl lange genug halten würden, um uns Zeit zum Entwischen zu geben. Indes würde es dazu nicht kommen, da die Beherbergung der Herren Kaiser und Hensel als Gäste seines vielbesuchten Hauses kein Aufsehen mache, und da, selbst wenn unser Geheimnis von seinen Leuten geahnt würde, es unter diesen keine Verräter gäbe. Kurz, er könne für alles einstehen.

So fuhren wir denn in Brockelmanns Wagen nach seinem in der Mühlentorvorstadt gelegenen Hause. Nun begannen für uns einige Tage der Ruhe und des eigentlichsten Schlaraffenlebens. Brockelmann, seine würdige Gattin, die älteste Tochter, deren vortrefflicher Bräutigam, der Kaufmann Schwarz und der kleine Freundeskreis, der ins Vertrauen gezogen war, überschütteten uns mit den liebenswürdigsten Aufmerksamkeiten. Wie könnte ich die Sorge beschreiben, mit der die Hausfrau Kinkels verwundete Hände wusch, verband und pflegte! Und nun die nach den mecklenburgischen Begriffen von Gastfreundschaft unentbehrlichen ersten Frühstücke, und zweiten Frühstücke, und womöglich noch dritten Frühstücke, und Mittagessen, und Nachmittagskaffees mit Kuchen, und Soupers, und „Bissen vorm Schlafengehen“, und „Nachtmützen“, die von morgens früh bis zu später Nacht in unglaublich kurzen Zeiträumen aufeinander folgten! Und die Abendgesellschaften mit Strömen von Wein, während deren Wiggers zuweilen mit meisterhafter Hand Beethovensche Sonaten spielte, die Kinkel an die musikalische Sprache seiner Johanna erinnerten. Und die Überraschung, als bei einer unverfänglichen Gelegenheit Brockelmann von einem Musikkorps im Hause die allgemeine Revolutionshymne, die Marseillaise, spielen ließ! Und die Spaziergänge zum Luftschöpfen im Garten bei später Nacht, wenn das Gesinde zu Bett war!

Freilich wurde dabei die sehr ernste Seite unserer Lage nicht vergessen. Brockelmann ließ eines seiner eigenen Fahrzeuge, einen Schoner von etwa 40 Last, der sich als guter Segler erprobt hatte, für uns bereit machen. Die „Kleine Anna“, so hieß der Schoner, empfing eine Ladung Weizen für England, die man möglichst schnell an Bord schaffte, und Sonntag, den 17. November, wurde als Tag der Abfahrt bestimmt, wenn sich bis dahin der noch immer wehende starke Nordostwind gelegt haben würde. Mittlerweile ging die Nachricht von Kinkels Flucht durch die Zeitungen und erregte allenthalben das größte Aufsehen. Unsere Freunde in Rostock unterrichteten sich mit größter Sorgfalt von allem, was über die Sache gedruckt, gesagt und gerüchtweise gemunkelt wurde. Den von der preußischen Regierung gegen Kinkel erlassenen und in den Blättern veröffentlichten Steckbrief brachten sie uns zum Tee mit, und er wurde unter großer Heiterkeit mit allerlei unehrerbietigen Randglossen vorgelesen. Von meinem Anteil an Kinkels Befreiung wußten damals die Behörden und das Publikum noch nichts. Besonderes Vergnügen machten uns die Zeitungsberichte, die Kinkels Ankunft an den verschiedensten Orten zu gleicher Zeit anzeigten. Der freisinnige Pastor Dulon in Bremen, einem richtigen Instinkt folgend, beschrieb in seinem Blatt mit großer Umständlichkeit, wann und wie Kinkel durch Bremen passiert und zu Schiff nach England gefahren sei. Einige meiner Freunde berichteten sein Eintreffen in Zürich und in Paris. Eine Zeitung brachte sogar einen ausführlichen Bericht über ein Bankett, das Kinkel von deutschen Flüchtlingen in Paris gegeben worden, und von der Rede, die er dabei gehalten habe. So blieb nichts unversucht, um die preußische Polizei zu verwirren und irrezuleiten.

Es kamen aber auch Schreckschüsse beunruhigender Art. So empfing Wiggers am 14. November einen Brief aus der Gegend von Strelitz, ohne Unterschrift und von unbekannter Hand geschrieben, der so lautete: „Beschleunigen Sie die Versendung der Ihnen anvertrauten Waren; es ist Gefahr im Verzuge.“ Wahrscheinlich war von den Behörden unsere Spur zwischen Spandau und Strelitz entdeckt und von dort weiter verfolgt worden. Dann meldete sich am Freitag den 15. November, ein Fremder bei Wiggers, der sich für den Gutsbesitzer Hensel ausgab und fragte, ob Kinkel, den er von Spandau nach Strelitz gefahren, noch in Rostock sei. Wiggers hatte uns zwar von Hensel in Ausdrücken des höchsten Vertrauens sprechen hören, aber er besorgte, der Fremde möge nicht der richtige Hensel, sondern ein Spion sein. So stellte er sich denn erstaunt über die Voraussetzung, daß Kinkel in Rostock sein könne, versprach aber, Erkundigungen einzuziehen, und bestellte den Fremden wieder zu sich auf den nächsten Tag. Der Vorfall wurde uns sofort berichtet, und die Beschreibung des Aussehens des Mannes überzeugte uns, daß der Fremde wirklich der brave Hensel sei. Er war, wie er Wiggers sagte, nach Rostock gekommen, nur um seine Herzensangst um unsere Sicherheit zu beschwichtigen. Kinkel und ich wünschten sehr, ihn zu sehen und dem treuen Freunde noch einmal die Hand zu drücken; aber Wiggers, der durch die Warnung von Strelitz ernstlich besorgt worden war, riet dringend zur äußersten Vorsicht und versprach uns, Hensel, der bis zum 18. in Rostock bleiben wollte, unsere Grüße zu überbringen, nachdem wir die offene See erreicht haben würden.

So fanden wir, trotz aller Gemütlichkeit, doch nicht geringe Beruhigung in der Nachricht, daß der Nordostwind sich gelegt habe, daß die „Anna“ bereits bei Warnemünde vor Anker liege, und daß alles zu unserer Abfahrt am 17. November bereit sei. Wiggers hat im Jahrgange 1863 der Leipziger „Gartenlaube“ diese Abfahrt sehr lebhaft und anziehend beschrieben.[2]

An einem frostigen Sonntagmorgen segelten wir mit unserer bewaffneten Begleitung, die unsere Freunde aus zuverlässigen Leuten zusammengesetzt und so stark gemacht hatten, daß sie, wie Wiggers sagte, „einem nicht ungewöhnlich mächtigen Angriff der Polizei hätte widerstehen können“, in zwei Booten über die Bucht nach dem Ankerplatz der „Anna“. An Bord angekommen, gab Herr Brockelmann dem Kapitän, der über den so unerwarteten zahlreichen Besuch sehr erstaunt war, seine Instruktionen. „Sie nehmen diese beiden Herren“, sagte er, auf Kinkel und mich deutend, „mit nach Newcastle. Bei Helsingör segeln Sie, ohne anzulegen, vorbei und zahlen den Sundzoll auf der Rückreise. Bei ungünstigem Winde setzen Sie lieber das Schiff an der schwedischen Küste auf Strand, als daß Sie nach einem deutschen Hafen zurückkehren. Paßt Ihnen der Wind nach einem andern Hafen der englischen oder schottischen Ostküste besser, als nach Newcastle, so segeln Sie dorthin. Es kommt nur darauf an, daß Sie möglichst schnell nach England kommen. Ich werde es Ihnen gedenken, wenn Sie meine Ordres pünktlich ausführen.“ Der Kapitän – Niemann war sein Name – mag diese Instruktion mit einiger Bestürzung angehört haben, aber er versprach, sein Bestes zu tun.

Einige unserer Freunde blieben bei uns, bis der kleine Schleppdampfer, welcher der „Anna“ vorgespannt war, uns eine kurze Strecke in die offene See hinausbugsiert hatte. Dann kam der Abschied. Wie Wiggers erzählt, warf sich Kinkel schluchzend an seine Brust und sagte: „Ich weiß nicht, soll ich mich freuen über meine Rettung, oder soll ich trauern, daß ich wie ein Verbrecher und Ausgestoßener mein teures Vaterland fliehen muß!“ Dann stiegen unsere Freunde in den kleinen Dampfer, und dankbaren Herzens riefen wir ihnen Lebewohl zu. Zum letzten Abschied feuerten sie ein Salut mit ihren Pistolen und dampften dann nach Warnemünde zurück, wo, wie Wiggers erzählt, die ganze Gesellschaft das gelungene Rettungswerk mit einem höchst fröhlichen Mahle feierte.

Kinkel und ich blieben an der hintern Schanzkleidung des Schiffes stehen und sahen dem Dampfer nach, der unsere guten Freunde davontrug. Dann ruhten unsere Blicke auf der heimatlichen Küste, bis der letzte Streifen davon in der Abenddämmerung verschwunden war. So nahmen wir stillen[3] Abschied vom Vaterlande. In unserer wortkargen Unterhaltung tauchte mehr als einmal die Frage auf: „Wann werden wir wohl zurückkehren?“ Daß eine siegreiche Volkserhebung uns zurückführen werde, hofften wir beide mit Zuversicht. Es war eine Hoffnung, von heißem Wunsche geboren und von sanguinischen Einbildungen genährt. Was würden wir wohl dem Propheten geantwortet haben, der uns in jenem Augenblicke gesagt hätte, daß ich zuerst, mehr als zehn Jahre später, den deutschen Boden wieder betreten werde, aber dann als Gesandter der Vereinigten Staaten von Amerika auf meiner Rückreise von Spanien nach meinem neuen Vaterlande, und daß Kinkel warten müsse, bis ihm, nach einem Kriege zwischen Preußen und Österreich, der ehemalige Prinz von Preußen, dann König und Präsident des norddeutschen Bundes, das Tor der alten Heimat durch eine Amnestie würde aufgeschlossen haben!

Wir verließen das Deck erst, als es dunkel geworden war. Die Kajüte des Schoners war sehr klein. Ihr erster Anblick schon hatte mir eine Illusion zerstört. Ich hatte vorher nur einmal ein Seeschiff gesehen, – nämlich eine Brigg, die zur Zeit, als ich noch das Gymnasium besuchte, von Holland den Rhein heraufgebracht worden war und bei Köln ankerte. Aber dieses Seeschiff konnte ich damals nur von außen anschauen. Meine Vorstellung von dem Innern eines solchen Schiffs hatte ich aus den Seeromanen und Beschreibungen von Seekriegen geschöpft, die ich als Knabe gelesen; und so stand mir die Hauptkajüte eines Schiffs vor Augen als ein geräumiges Gemach, mit Möbeln wohl ausgestattet und die getäfelten Wände mit geschmackvoll gruppierten Flinten, Pistolen und kurzen Handschwertern geschmückt. Von all diesem erblickte ich in der Kajüte der „Kleinen Anna“ nichts. Diese maß der Schiffsbreite nach, zwischen den an den Seiten befindlichen Schlafkojen, kaum mehr als acht Fuß, und in der andern Richtung nicht über sechs. Sie war so niedrig, daß Kinkel aufrechtstehend mit dem Scheitel die Decke erreichte. In der Mitte stand ein kleiner, an den Fußboden festgeschraubter Tisch und dahinter ein mit schwarzem Haartuch überzogenes Sofa, das Kinkel und ich nebeneinander sitzend vollständig ausfüllten. Über dem Tische hing eine Lampe von der Decke herab, die nachts den Raum spärlich beleuchtete. Die Schlafkojen, die in der Eile für uns hergerichtet wurden, waren ein paar Fuß über den Boden erhaben und offen, so daß wir, wenn wir zu Bett lagen, einander sehen konnten. Diese Einrichtungen erschienen allerdings sehr verschieden von denen der stolzen Ostindienfahrer und Fregatten, die ich in meinen Büchern so anschaulich und verlockend beschrieben gefunden; aber nach der ersten Ernüchterung, und als ich bedachte, daß dies doch eigentlich ein sehr kleines Seeschiff sei, fand ich sie ebenso praktisch wie einfach.

Kapitän Niemann, den seines Herrn plötzlicher Befehl so unerwartet aus seiner Winterruhe aufgestört hatte, wußte wohl zuerst nicht recht, was er aus den beiden sonderbaren Gästen auf der „Kleinen Anna“ machen sollte. Einer unserer Freunde, die uns an Bord gebracht, hatte ihm durch dunkle Andeutungen Ursache gegeben zu vermuten, daß wir ein paar bankerotte Kaufleute seien, durch unglückliche Umstände gezwungen, das Weite zu suchen. Aber, wie er uns später erzählte, er konnte diese Theorie doch nicht recht zusammenreimen mit der Hochachtung und der warmen, ja enthusiastischen Anhänglichkeit, mit deren Beweisen unsere Begleiter uns überhäuft hatten. Indes er beruhigte sich damit, daß Herr Brockelmann ihm befohlen hatte, für die Herren Kaiser und Hensel alles zu tun, was in seinen und in seiner Leute Kräften stehe, – im Notfalle sogar sein Schiff an irgend einer nichtdeutschen Küste auf den Strand zu setzen. Wäre der Notfall eingetreten, so würde er das auch redlich getan haben. Immerhin sorgte er für uns aufs beste. Die Schiffsmannschaft bestand, außer dem Kapitän, aus sieben Mann, den Steuermann, den Koch und den Schiffsjungen eingerechnet. Frau Brockelmann hatte uns mit Nahrungsmitteln, worunter eine gebratene mit Äpfeln gefüllte Gans sich besonders auszeichnete, reichlich versehen; aber die Fähigkeit des Schiffskochs war äußerst beschränkt. Glücklicherweise waren die Gäste leicht zu befriedigen.

Anfangs ließ sich die Seereise recht lustig an. Eine leichte Brise schwellte die Segel, und das Schiff glitt mit sanfter Bewegung durch die nur wenig erregte Flut. Aber gegen Morgen wurden Wind und See lebhafter, und als es Zeit zum Aufstehen war, meldete sich Kinkel seekrank. Der Wind blies immer heftiger, die See wogte immer höher, und Kinkel wurde immer kränker. Er raffte sich zusammen, um aufs Deck zu steigen, suchte aber bald wieder seine Koje auf. Ich bemühte mich ihn aufzumuntern – umsonst. Nach einigen Stunden argen Leidens wurde er ganz verzweifelt in seiner Qual. Er fühlte, daß er sterben müsse. Er hatte Lust, den Kapitän zu bitten, daß er ihn im nächsten Hafen absetzen möge. Diese Marter erschien ihm unerträglich. War er dem Gefängnisse entronnen, um hier jetzt so elend zu verenden?

Nun ist es eine Eigentümlichkeit der Seekrankheit, daß der Gesunde die Leiden des Kranken nicht würdigt, und der Kranke die behagliche Gleichgültigkeit des Gesunden herzlos und gar empörend findet. So ging es auch uns. Ich fühlte mich vollkommen wohl. Je mehr die „Kleine Anna“ sich in dem Wellenschlag hin und her und auf und nieder schwang, um so heiterer war mir zumute. Ich spürte dabei eine Eßlust, die selbst den Leistungen unseres Schiffskochs aufrichtige Anerkennung spendete. Dieses Wohlbehagen konnte ich Kinkel nicht ganz verhehlen, obgleich ich seine Leiden, die wahrscheinlich durch die Schwächung seiner Nerven infolge des langen Gefängnislebens bedeutend erhöht worden waren, innig bedauerte. Ich dachte, ich könne ihn aufrichten, indem ich mich über seine Todesbefürchtungen ein wenig lustig machte. Aber das wollte durchaus nicht fruchten. Da Kinkel allen Ernstes glaubte, es ginge ihm ans Leben, so klangen ihm meine scherzhaften Bemerkungen wie gefühllose Leichtfertigkeit, und ich mußte bald wieder einen ernsteren Ton anschlagen, um ihn zu beruhigen.

In diesem Zustande passierten wir Helsingör, die Sundzollstätte, und damit die letzte Stelle, die uns hätte möglicherweise gefährlich werden können, und liefen ins Kattegatt ein. War die See im Sunde schon wild gewesen, so wurde sie im Kattegatt noch wilder. Der Wind schien abwechselnd aus allen Himmelsgegenden zu blasen, und wir kreuzten zwei Tage lang zwischen der flachen vorspringenden Landzunge von Dänemark, dem Skagen, und den hochaufragenden Felsenküsten von Schweden und Norwegen, bis wir das geräumigere Becken des Skagerrack gewinnen konnten. Aber auch da, und als wir endlich uns in der offenen Nordsee befanden, dauerte das „schmutzige Wetter“, wie unsere Seeleute es nannten, beharrlich fort. Zuweilen wurde der Wind so heftig, daß Kapitän Niemann ihn als einen wirklichen Sturm anerkannte. Wie eine Nußschale hüpfte die „Kleine Anna“ auf den zornigen Gewässern. Die See wusch beständig über das Deck, und das Schiff ächzte unter den furchtbaren Schlägen der darauf einstürzenden Wogen. Wenn Kinkel meiner nicht bedurfte, hielt ich mich beständig auf dem Deck auf, und um nicht über Bord geschleudert zu werden, ließ ich mich an den hinteren Mast festbinden. So gewann ich denn einen lebhaften Eindruck von der gewaltigen, ewig wechselnden Großartigkeit des Meeres, das mir beim ersten Anblick von Warnemünde aus nicht hatte imponieren wollen. Nun bezauberte mich der Anblick dergestalt, daß ich mich nur schwer davon losreißen konnte, und jede Minute, die ich in der Kajüte zubringen mußte, erschien mir wie ein unersetzlicher Verlust.

Kinkel blieb mehrere Tage seekrank, lernte jedoch nach und nach einsehen, wieviel Seekrankheit ein Mensch vertragen kann, ohne zu sterben. Allmählich verschwand sein Leiden; er stieg mit mir aufs Deck, würdigte die Poesie der Meerfahrt und verzieh mir dann, daß ich an den tödlichen Charakter seiner Seekrankheit nicht hatte glauben wollen.

Das böse Wetter währte unausgesetzt zehn Tage und Nächte lang fort. Zuweilen machte die Wut der Elemente das Kochen unmöglich. Höchstens konnte dann noch etwas Kaffee bereitet werden, und sonst lebten wir von Zwieback, kaltem Fleisch und Heringen. Aber wie blieben guten Mutes und genossen nicht wenig den Humor unserer Lage. Zwei Szenen haben sich mir besonders lebhaft eingeprägt. Die eine wiederholte sich jeden Morgen während der stürmischen Zeit. Kurz nach Tagesanbruch kam der Steuermann in die Kajüte herab, um uns unseren Kaffee zu bringen, während wir noch in den Kojen lagen. Wenn nun die See so recht wütend an die Schiffswände donnerte und auf das Deck niederschmetterte, so daß man sein eigen Wort kaum hören konnte, und wenn dann die „Kleine Anna“ wie toll auf und ab sprang und hin und her rollte, so daß wir uns wohl festhalten mußten, um nicht aus den Betten zu fallen, so stand der brave Seemann in seinem Ölanzug, oft von Wasser triefend, entweder vor Kinkel oder vor mir, spreizte die Beine weit aus, faßte mit einer Hand krampfhaft den kleinen am Boden befestigten Tisch, balancierte in der andern mit erstaunlicher Kunst eine große Schale Kaffee, ohne einen Tropfen zu verschütten, und schrie uns aus Leibeskräften an, um uns zu sagen, das Wetter sei immer noch schlecht und heute könne wohl nichts Ordentliches gekocht werden; wir müßten vorliebnehmen. – Dreißig Jahre später, als ich Minister des Innern in der Regierung der Vereinigten Staaten war, besuchte ich während der Präsidentschaftskampagne von 1880 die Stadt Rondout am Hudson, um dort eine Rede zu halten. Nach der Versammlung kreuzte ich den Hudson auf der Dampffähre, um auf der gegenüberliegenden Station Rheinbeck den Eisenbahnzug nach New York zu nehmen. Im Abenddunkel trat auf der Fähre ein Mann zu mir und sprach mich auf Deutsch an.

„Entschuldigen Sie,“ sagte er, „daß ich Sie anrede. Ich möchte wissen, ob Sie mich noch kennen.“

Ich bedauerte, mich nicht zu entsinnen.

„Erinnern Sie sich nicht“, sagte er, „des Steuermanns auf der „Kleinen Anna“, Kapitän Niemann, auf der Sie und Professor Kinkel im November 1850 von Rostock nach England fuhren?“

„Was?“ rief ich aus. „Ob ich mich des Steuermanns erinnere, der morgens immer mit der Kaffeebowle in der Kajüte stand und so köstliche Tänze aufführte?“

„Ja, und Sie machten immer so spaßige Bemerkungen darüber, wenn man sich in dem Spektakel einmal verstehen konnte. Der Steuermann war ich.“ Ich war sehr erfreut, und wir schüttelten uns kräftig die Hände. Ich fragte, wie es ihm ginge, und er antwortete: „Recht gut.“

Ich lud ihn ein, mich einmal in Washington zu besuchen, was er versprach. Ich hätte die Unterhaltung gern fortgesetzt, aber wir waren unterdessen am östlichen Ufer des Hudson angekommen, mein Eisenbahnzug dampfte heran, und in wenigen Minuten war ich auf dem Wege nach New York. Der Steuermann hielt sein Versprechen nicht, mich in Washington zu besuchen, und ich habe ihn nie wiedergesehen.

Das andere mir noch gegenwärtige Bild war ernster in seiner unfreiwilligen Komik. Während wir auf der Nordsee von stürmischen Winden umhergetrieben wurden, war der Himmel stets von dichtem Gewölk bedeckt, so daß keine regelrechte Observation gemacht werden konnte, um zu bestimmen, wo wir uns befänden. Der Kapitän suchte allerdings mit der sogenannten toten Berechnung auszuhelfen, welche auf die Messung der Fahrgeschwindigkeit mit dem Log und Mutmaßung in bezug auf das Abtreiben von der gesteuerten Richtung gegründet ist. Aber nachdem das nun einige Tage so gegangen war, erklärte uns Kapitän Niemann ganz offen, er wisse nicht mehr recht, wo er sei. Nun sahen wir ihn oft sinnend über seiner Seekarte am kleinen Tisch in der Kajüte sitzen, und da uns die Sache auch anging, so versuchten wir, ihm rechnen zu helfen. Da Kinkel, nachdem er seine Seekrankheit überwunden hatte, und ich den ganzen Tag trotz des Unwetters auf dem Deck zubrachten und das Abtreiben des Schiffes von seinem Kurs beobachteten, so bildeten wir uns eine Meinung darüber, die der Kapitän denn auch mit großem Respekt anhörte. So kam der Kapitän oft des Nachts in die Kajüte herunter und breitete unter der Lampe seufzend seine Seekarte aus. Dann steckten Kinkel und ich unsere Köpfe aus den Schlafkojen hervor, indem wir uns krampfhaft an irgend einen festen Gegenstand festklammerten, um nicht herauszufallen; und in dieser Stellung auf die Seekarte blickend diskutierten wir mit dem Kapitän, der mit Zirkel und Bleistift in der Hand auf dem kleinen Sofa eingeklemmt saß, geographische Länge und Breite, Stärke des Windes, Strömung des Wassers usw. Schließlich vereinigten wir uns auf einen Punkt, an dem das Schiff zurzeit sein müsse, und dieser Punkt wurde dann feierlichst auf der Karte mit dem Bleistift verzeichnet. Dann löste der Navigationsrat sich auf, der Kapitän stieg wieder aufs Deck, und Kinkel und ich krochen in unsere Kojen zurück, um zu schlafen.

Nach dem zehnten Tage unserer Fahrt klärte sich endlich der Himmel und die erste regelrechte Observation zeigte, daß unsere Berechnungen nicht gar so falsch gewesen waren, und daß drei oder vier weitere Tage uns an die englische Küste bringen würden. So steuerten wir denn fest auf den Hafen von Newcastle los. Kinkel hatte unterdessen seinen guten Humor ganz wiedergewonnen und ließ sich nicht gern an seine Ausbrüche seekranker Verzweiflung erinnern. Wir waren sehr guter Dinge, freuten uns aber doch von Herzen, als wir den ersten Streifen Land über dem Horizont emporragen sahen. Da warf sich plötzlich der Wind nach Süden, und der Kapitän erklärte, daß wir bei diesem Winde nur durch langwieriges Kreuzen den Hafen von Newcastle erreichen könnten. Der Navigationsrat trat also wieder zusammen, und wir beschlossen, in nördlicher Richtung nach Leith, dem Hafen von Edinburg, zu steuern. Das geschah, und am nächsten Abend erblickten wir die mächtigen Felsen, die den Eingang zum Hafen von Leith bewachen. Da fiel der Wind zu unserem lebhaften Ärger und die Segel hingen schlaff. Kinkel und ich zitierten zu unserem Troste allerlei Verse aus dem Homer, wie die zornigen Götter durch die boshaftesten Streiche den herrlichen Dulder Odysseus von der Erreichung seines geliebten Ithaka abhielten, wie er aber zuletzt, während er schlief, durch sanfte Lüfte dem heimatlichen Gestade zugeführt wurde. So geschah es uns auch. Nachdem wir verdrießlich schlafen gegangen waren, erhob sich eine leichte Brise, die uns mit unmerklicher Bewegung dem ersehnten Hafen zutrieb, und als wir am nächsten Morgen erwachten, lag die „Kleine Anna“ vor Anker.

Nun erst erfuhr der gute Kapitän Niemann, was für Passagiere er unter den Namen Kaiser und Hensel übers Meer gebracht hatte. Er gestand uns, die Sache sei ihm von Anfang an etwas unheimlich erschienen, sprach aber in herzlichster Weise seine Freude darüber aus, daß er, wenn auch unwissentlich, das seinige zu Kinkels Entkommen beigetragen habe. Kinkel und ich waren ungeduldig, ans Land zu gehen. Glücklicherweise hatte uns Brockelmann nicht allein an seinen Korrespondenten in Newcastle Briefe gegeben, sondern auch an den in Leith, einen Kaufmann namens Mac Laren. Diesem wünschten wir uns sogleich zu präsentieren. Aber der Kapitän erinnerte uns daran, daß der Tag unserer Ankunft ein Sonntag war, an dem ein schottischer Kaufmann gewiß nicht in seinem Kontor zu treffen sein werde; und er wisse nicht, wie wir das Wohnhaus finden könnten. Das sahen wir ein. Indes hatten wir die „Kleine Anna“ mit ihrer winzigen Kajüte und ihrem Teergeruch gründlich satt. Wir beschlossen daher, so gut es ging, Toilette zu machen und ans Land zu steigen, um, wenn wir auch am Sonntag unseren schottischen Freund nicht erreichen könnten, uns wenigstens die Stadt Edinburg anzusehen. Auch hofften wir, in irgend einem Hotel Unterkunft zu finden.

Es war ein schöner, sonniger Wintermorgen. Welche Lust war es, als wir die Hauptstraße von Leith hinaufwanderten, zu fühlen, daß wir nun wieder festen Boden unter den Füßen hatten und als freie Menschen jedem ins Antlitz schauen durften! Endlich alles überstanden, alle Gefahren glücklich vorüber, keine Verfolgung mehr, ein neues Leben vor uns! Es war über alle Beschreibung herrlich. Wir hätten jauchzen und springen mögen, besannen uns aber und wanderten in raschem Gang aus der Hafenstadt in die Straßen von Edinburg hinauf. Diese Straßen sahen recht sonntäglich aus. Die Kaufläden waren geschlossen, kein Fuhrwerk störte die Stille, die Leute gingen schweigend daher, wahrscheinlich zur Kirche. Doch bemerkten wir bald, daß manche der Vorübergehenden uns mit einer Art Verwunderung anblickten, und es währte nicht lange, bis ein Trupp von Knaben sich um uns sammelte und uns mit spöttischem Lachen verfolgte. Wir blickten einander an und wurden gewahr, daß unsere äußere Erscheinung allerdings sonderbar genug gegen die der sauberen Kirchengänger abstach. Kinkel trug seinen großen Bärenpelzrock, der ihm beinahe bis zu den Füßen reichte. Sein Bart, den er, wie früher, voll wachsen lassen wollte, befand sich in dem Stadium der Entwicklung, in welchem er einem rauhen Stoppelfeld ähnlich sah, – und in jener Zeit gehörte in Schottland unter den anständigen Leuten ein Vollbart noch zu den Unmöglichkeiten. Seinen Kopf bedeckte eine Forstbeamtenmütze. Regelrechte Hüte besaßen wir nicht. Ich war in einen langen braunen Überrock mit weiten Ärmeln und einer mit hellblauem Flanell gefütterten Kapuze gekleidet – ein Kleidungsstück, das ich mir in der Schweiz aus meinem großen Soldatenmantel hatte anfertigen lassen. Meine Kopfbedeckung bestand in einer sonderbar geformten schwarzen Samtkappe. Indem wir uns gegenseitig betrachteten, kamen wir zu dem Bewußtsein, daß wir an einem Sonntagmorgen auf den Straßen der schottischen Hauptstadt recht seltsame Figuren machten, und über das Erstaunen der frommen Kirchengänger und den Spott der Jugend wunderten wir uns nicht mehr. Indes war der Sache nicht abzuhelfen, und so schlenderten wir ruhig weiter, ohne uns um die Gefühle der Eingeborenen weiter zu kümmern.

Solange nun das frugale Frühstück, das wir noch an Bord der „Kleinen Anna“ eingenommen hatten, keinen neuen Hunger aufkommen ließ, unterhielten wir uns vortrefflich. Wir sahen das berühmte Scott-Denkmal und einige imposante Gebäude und gingen dann auf die Burg hinauf, wo uns der erste Anblick von Soldaten in dem prächtigen schottischen Hochlandkostüm zuteil wurde. Auch genossen wir von dort aus nach Herzenslust die wundervolle Aussicht über die Stadt und ihre malerische Umgebung. Kurz, wir fanden Edinburg über die Maßen schön. Unterdessen war aber die Mittagsstunde längst vorübergegangen, und wir begannen zu fühlen, daß das Anschauen auch der herrlichsten Aussicht nicht satt macht. Gebieterisch regte sich das Verlangen nach einer soliden Mahlzeit. So stiegen wir denn von dem Kastell herunter und sahen uns ernstlich nach einem Gasthof oder wenigstens einem Speisehaus um. Aber umsonst. Wir fanden allerdings Gebäude genug, die ihrem Aussehen nach Gasthäuser oder Restaurationen hätten sein können, aber nirgends eine offene Tür. Ein paarmal versuchten wir einzutreten, aber vergeblich. Nun kam uns unsere Unkenntnis der englischen Sprache äußerst ungelegen. Weder Kinkel noch ich verstanden das mindeste davon. Wir besannen uns, was für englische Worte wir wohl zu Verfügung haben mochten und fanden nur zwei: „Beefsteak“ und „Sherry“. Einige der Vorübergehenden redeten wir auf Deutsch und auch auf Französisch an, aber alle Gefragten antworteten uns nach langem, erstauntem Anstarren in einer uns durchaus unverständlichen Zunge. Zuweilen jedoch schienen sie, wenn wir unsere beiden englischen Worte „Beefsteak“ und „Sherry“ ausgesprochen hatten, mit den Händen nach der Hafenstadt Leith hinunterzudeuten. Unsere Lage wurde immer bedenklicher. Die Sonne neigte sich bereits dem Untergange zu. Von dem langen Umherwandern waren wir recht müde geworden, und der Hunger fing an, uns ernstlich zu quälen. Es schien uns nichts übrig zu bleiben, als an Bord der „Kleinen Anna“ zurückzukehren und dort eine Mahlzeit und ein Nachtquartier zu suchen.

So wanderten wir denn wieder dem Hafen zu. Plötzlich bemerkten wir in der Hauptstraße von Leith an einem großen Hause, dessen Front mit der Inschrift „Black Bull Hotel“ geschmückt war, eine offene Tür. Sogleich traten wir ein. Unmittelbar von der Türe führte eine Treppe in das obere Stockwerk hinauf. Diese stiegen wir hinan und erreichten einen geräumigen Vorplatz mit verschiedenen Türen, von denen eine halb offen stand. Durch diese blickten wir in einen kleinen von einem Kaminfeuer behaglich erhellten Salon. Ohne langes Bedenken traten wir ein, setzten uns zu beiden Seiten des Kamins in bequeme Armstühle nieder, zogen die Klingelschnur und erwarteten die weiteren Fügungen des Schicksals. Nach wenigen Minuten erschien in der Tür ein Mann in schwarzem Frack mit weißer Halsbinde und einer Serviette über dem Arm – offenbar ein Kellner. Als er die beiden fremdartigen Gestalten am Kamin sitzen sah, durch das rötlich flackernde Licht des Feuers vielleicht noch abenteuerlicher in ihrer Erscheinung gemacht, fuhr er zurück und stand einen Augenblick stumm und unbeweglich da mit großen Augen und halbgeöffnetem Munde. Wir konnten uns des Lachens nicht enthalten, und wie er uns lachen sah, so lächelte er auch, aber mit einem zweifelvoll ängstlichen Gesichtsausdruck. Dann sprachen wir unsere beiden englischen Worte aus: „Beefsteak – Sherry“. Der Kellner stammelte eine Antwort, die uns durchaus unverständlich war, und zum Zeichen dessen zuckten wir die Achseln. Er schob sich darauf hinterwärts zur Türe hinaus und verschwand.

Bald kam er wieder mit einem andern Manne, auch in Frack und weißer Halsbinde, der uns den Eindruck eines Oberkellners machte, denn es war etwas wie Autorität in seiner Miene. Beide starrten uns an und wechselten einige Worte unter sich. Wir lachten, und der neue Ankömmling lächelte ebenfalls. Dann sagte er uns etwas auf Englisch, das wie eine Frage klang. Wir antworteten ihm auf Deutsch und dann auf Französisch, daß wir ein Mittagessen und ein Nachtquartier wünschten, aber er schüttelte den Kopf wie einer, der nicht verstand. So blieb uns denn nichts übrig als wieder „Beefsteak – Sherry“ zu sagen. Darauf nickte der Oberkellner, und beide verließen das Zimmer. Nach einer Weile trat ein dritter Mann ein, der nicht einen Frack, sondern einen schwarzen Gehrock trug. In dem Ausdruck seines Gesichts war noch mehr Autorität, als in dem des Oberkellners, und wir schlossen, das müsse der Wirt sein. Er betrachtete uns mit einer Art von Kennerblick und sprach dann zu uns in offenbar freundlichem Tone. Da wir aber wiederum kein Wort verstanden, so wiederholten wir unsere Rede von Beefsteak und Sherry und machten ihm durch Gebärden verständlich, daß wir hungrig seien. Zugleich hatte Kinkel den glücklichen Einfall, in die Tasche zu greifen und einige Goldmünzen hervorzuholen, die er dem Wirte auf der flachen Hand zeigte. Dieser lächelte schmunzelnd, machte eine kleine Verbeugung und entfernte sich.

Nach einer Weile brachte der Kellner, den wir zuerst gesehen hatten, ein paar brennende Kerzen auf silbernen Leuchtern und breitete ein Tischtuch über den runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. Nachdem er in gutem Stil zwei Gedecke gelegt, erschien er wieder mit einer Suppenschüssel, die er vor einem der Gedecke niedersetzte. Nun nahmen wir vergnüglich Platz. Darauf hob der Kellner den silbernen Deckel von der Suppenschüssel mit mächtigem Schwunge auf, deutete mit dem Zeigefinger in die offene Schüssel und sagte langsam und nachdrücklich, indem er bei jeder Silbe dem Inhalt der Schüssel mit dem Finger einen Stoß zu geben schien: „Ox-tail-soup!“ Dann blickte er uns triumphierend an und trat hinter Kinkels Stuhl. Dies war meine erste Lektion im Englischen. Nun konnten wir nach der Ähnlichkeit mit den deutschen Wörtern uns wohl denken, was „ox“ und was „soup“ bedeutete; aber die Bedeutung des Wortes „tail“ wurde uns erst klar, als wir den Inhalt der Schüssel auf unsern Tellern erblickten. Wir fanden die Suppe köstlich, und damit war unser englischer Wortschatz um ein wertvolles Stück bereichert. Der Wirt war vernünftig genug gewesen, sich in der Ausführung unseres Wunsches nicht auf „Beefsteak“ und „Sherry“ zu beschränken, sondern uns ein vollständiges Mittagessen vorsetzen zu lassen, dem wir denn auch nach der langen Seefahrt und dem hungrigen Sonntagsspaziergang in der schottischen Hauptstadt alle Ehre erwiesen.

Wir waren, wieder am Kamin sitzend, mit unseren Nachtischzigarren beschäftigt, als der Wirt seinen Besuch wiederholte und uns mit freundlicher Miene etwas sagte, das wie die Frage klang, ob uns das Mittagessen gut geschmeckt habe, oder, was wir nun weiter wünschten. Durch allerlei sinnreiche Gebärden gaben wir ihm zu verstehen, daß wir Feder, Tinte und Papier haben wollten, um Briefe zu schreiben, und daß es dann unser Wunsch sein werde, zu Bett zu gehen. In allen Dingen wurde uns willfahren. Wir fügten nun den Briefen, die wir während der letzten beiden Tage auf dem Schiff an die Unsrigen in der Heimat geschrieben, noch mehrere hinzu. Es war ein unbeschreiblich glückliches Gefühl, daß wir uns nun den Lieben gegenüber wieder mit voller Freiheit aussprechen durften. Kinkel lud Frau Johanna zu einem Wiedersehen in Paris ein und schrieb dann auch einen langen Brief an meine Eltern, in dem er ihnen allerlei Gutes von mir sagte.

Nachdem wir zu schreiben aufgehört, führte uns der Kellner in ein geräumiges Schlafgemach mit zwei Himmelbetten, deren Größe uns in Erstaunen setzte. Nicht allein der Länge, sondern auch der Quere nach hätten wir Sechsfüßigen ein Übermaß von Platz darin gefunden. Welche Wollust nach den vierzehn Nächten in den sargartigen Kojen der „Kleinen Anna“! Am nächsten Morgen nach einem vortrefflichen Frühstück verabschiedeten wir uns von dem Wirt des Black Bull Hotel mit stummem Lächeln und Händedruck, aber mit aufrichtiger Dankbarkeit, und es blieb uns ein Gegenstand der Verwunderung, was der freundliche Schotte wohl von seinen unheimlich sonderbaren Gästen gedacht haben mag, die so plötzlich, ohne Gepäck und ohne ein anderes verständliches Wort als beefsteak oder sherry, in einem seiner Zimmer auftauchten, und warum er uns nicht sofort die Türe wies.

Nun gingen wir nach der „Kleinen Anna“ im Hafen zurück und dann in Begleitung unseres Kapitäns nach dem Geschäftshause des Kaufmanns Mac Laren. In diesem fanden wir einen sehr zuvorkommenden, angenehmen Mann, der geläufig Deutsch sprach. Er war von Brockelmann von allem unterrichtet worden, was er über Kinkel und mich wissen sollte, begrüßte uns mit großer Herzlichkeit, bestand darauf, unser Gepäck sofort von der „Anna“ nach seinem Wohnhause bringen zu lassen und sich uns ganz zu widmen, so lange wir in Edinburg bleiben möchten. Von dem guten Kapitän Niemann nahmen wir in Mac Larens Kontor Abschied. Ich habe ihn nie wiedergesehen, erfuhr aber nach Jahren, daß er auf der Nordsee in einem schweren Wintersturm mit seinem Schiff untergegangen sei.

Nachdem wir uns bei einem Hutmacher und in einem Kleiderladen ein anderen Menschen ähnliches Aussehen verschafft hatten, ließen wir uns von Mr. Mac Laren die Merkwürdigkeiten Edinburgs zeigen, dinierten abends in seiner Familie und fuhren nachts nach London weiter.

Dort waren wir von Brockelmann an das Bankhaus Hambro & Sohn empfohlen, und der Chef des Hauses stellte uns sofort einen seiner Angestellten zur Seite, einen Frankfurter namens Heinrich Verhuven, der uns während unseres Aufenthaltes seine ganze Zeit widmen sollte. Verhuven war ein äußerst gefälliger und angenehmer Begleiter, und in seiner Gesellschaft jagten wir nun mehrere Tage lang, von früh morgens bis spät abends, von einer Sehenswürdigkeit zu der andern. Auf diese Weise entgingen wir auch den Besuchern, die in großer Zahl in unserm Hotel, dem London Coffee House, ihre Karten abgaben. Auch die Karte von Charles Dickens fanden wir darunter. Seine Bekanntschaft hätten wir sehr gern gemacht und erwiderten seinen Besuch, leider ohne ihn zu Hause zu finden. Auch bei meiner späteren Anwesenheit in London bin ich ihm nie begegnet.

In jenen Tagen empfing ich auch den ersten Eindruck der englischen Sprache, und zwar einen Eindruck, der mir jetzt, nachdem ich diese Sprache habe besser kennen lernen, kaum noch erklärlich ist. Der berühmte Tragöde Macready gab eine Reihe von Darstellungen Shakespearescher Charaktere. Wir sahen ihn in Macbeth und Heinrich VIII. Obgleich ich die gesprochenen Worte nicht verstand, so war ich doch mit den Stücken hinreichend vertraut, um dem Dialog folgen zu können. Aber ich konnte zu keinem Genuß kommen, denn die unreinen Vokale und die Zischlaute, ja der ganze Klang und Tonfall der englischen Sprache fielen mir so unmusikalisch, so widerlich ins Ohr, daß ich dachte, eine solche Sprache würde ich niemals erlernen. Und in der Tat hat dieser unangenehme erste Eindruck mich, auch als ich später in London wohnte, lange davon abgehalten, ihr Studium ernstlich in Angriff zu nehmen.

Da Kinkel in London einen Brief von Frau Johanna empfing, in dem sie den Tag ihres Eintreffens in Paris bestimmte, so begaben wir uns nach einigen Tagen höchst anstrengenden Vergnügens auf den Weg nach der französischen Hauptstadt. Das Wiedersehen der durch hartes Schicksal so lange getrennten Gatten war mir eine kaum geringere Freude als ihnen selbst. Aber mit dieser Freude brachte unsere Ankunft in Paris mir auch eine schwere Bürde, und diese Bürde bestand in meiner plötzlichen „Berühmtheit“. Obgleich ich schon in Rostock, Edinburg und London im kleinen Freundeskreise Lobsprüche sehr warmer Art empfangen hatte, so setzte mich doch das, was ich in Paris über die durch die Befreiung Kinkels erregte Sensation erfuhr, in Erstaunen und Verlegenheit. Während Kinkel und ich auf dem Meere schwammen und in der Kajüte der „Kleinen Anna“ mit Kapitän Niemann Navigationsrat hielten, war es allgemein bekannt geworden, daß ich, ein junger Student von Bonn, bei Kinkels Erlösung in leitender Weise tätig gewesen sei. Natürlich waren die Einzelheiten des Abenteuers für das große Publikum noch im Dunkeln. Solches Dunkel ist bekanntlich der Sagenbildung günstig; und so überboten sich die freisinnigen Zeitungen in Deutschland in romantischen Geschichten, als deren alleiniger Held ich herhalten mußte. Die beliebteste und am meisten geglaubte dieser Geschichten ließ mich, wie einst Blondel vor dem Kerkerturm des Richard Löwenherz, durch Gesang – diesmal nicht mit der Laute des Troubadours, sondern mit einer Drehorgel begleitet – die Aufmerksamkeit meines gefangenen Freundes auf mich ziehen und so das Fenster seiner Zelle entdecken und dann auf wunderbare Weise sein Entkommen bewirken. Eine andere Sage brachte mich mit einer preußischen Prinzessin in Verbindung, die auf geheimnisvolle und für sie selbst gefährliche Weise meinem Unternehmen Vorschub geleistet habe. Manche Blätter legten ihren Lesern meine Biographie vor, die natürlich zum großen Teil aus phantastischen Ausschmückungen bestand, da es von meinem jungen Leben fast gar nichts zu erzählen gab. Ich wurde sogar zum Gegenstand dichterischer Ergüsse gemacht, die meine „Tat“ in allen Tonarten verherrlichten. Über meine Eltern ergoß sich, wie sie mir schrieben, eine Flut von Glückwünschen, die zum großen Teil von ganz unbekannten Personen kamen.

Nun war das Lob, das meine Eltern mir spendeten, und die Dankbarkeit, die Frau Kinkel mir in ihrem und ihrer Kinder Namen aussprach, mir eine wirkliche und große Genugtuung. Aber die Überschwenglichkeiten, die ich in den deutschen Blättern zu lesen und in unserm ausgedehnten und täglich wachsenden Bekanntenkreise in Paris zu hören bekam, beunruhigten mich ernstlich. Das, was ich getan hatte, war mir nie als etwas gar so Absonderliches vorgekommen, daß es all diesen Lärm verdient hätte. Dann war mir auch stets der Gedanke gegenwärtig, daß ohne Brunes kühne Entschlossenheit im entscheidenden Augenblicke all mein Bemühen vergeblich gewesen wäre, und von Brune, der in jenen Tagen einer scharfen Untersuchung unterworfen war, durfte ich nicht sprechen, ohne ihn in gefährlicher Weise zu kompromittieren. So fühlte ich mich denn, indem ich meinen „Heldenruhm“ über mich ergehen ließ, wie einer, der sich’s gefallen läßt, mit fremden Federn geschmückt zu werden; und dieses Gefühl war mir in hohem Grade peinlich. Dazu kam noch, daß ich in jeder Gesellschaft, in der ich mich zeigte, ein übers andere Mal gefragt wurde: „Wie haben Sie denn diesen kühnen Streich ausgeführt? Erzählen Sie!“ Da ich nun nicht erzählte, weil ich nicht die ganze Wahrheit sagen durfte, so wurden neue Geschichten erfunden, die womöglich noch phantastischer waren als die alten. Dies wurde mir nachgerade so drückend, daß ich gar nicht mehr in Gesellschaft gehen mochte, und diejenigen, die zu mir kamen und mich mit Fragen bestürmten, fast unfreundlich abwies. So ist denn meine erste Erfahrung in der Rolle eines interessanten und populären Menschen keineswegs eine sehr lockende gewesen. Ich war in ernstlichem Zweifel, ob nicht die Bürde den Genuß überwog. Diese Erfahrung hat sich in meinem Leben mehr als einmal wiederholt.

Um nun die Erzählung dieser Episode zum Abschluß zu bringen, bleibt noch einiges über die weiteren Schicksale derjenigen nachzutragen, die bei der Befreiung Kinkels hauptsächlich tätig waren. Am Tage nach Kinkels Flucht aus Spandau fiel sogleich der Verdacht der Mitwirkung auf Brune. Er wurde unverzüglich gefangen gesetzt und eine Untersuchung über ihn angeordnet. Anfangs konnte man ihm nichts nachweisen; aber dann – so wurde berichtet – sperrte man mit ihm einen Polizeiagenten ein, den er nicht als solchen erkannte, und dem er unvorsichtigerweise seine Geschichte anvertraute. Er wurde darauf vor Gericht gestellt und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Nachdem er diese Strafe abgebüßt, zog er mit seiner Familie nach dem heimatlichen Westfalen, wo er mit seinem Gelde, das nicht entdeckt worden war, seiner Familie einen behaglichen Haushalt gründen konnte und unter seinen Landsleuten geachtet lebte. Als ich im Jahre 1888 von Amerika aus Deutschland besuchte und mein Aufenthalt in Berlin einige Aufmerksamkeit auf mich zog, empfing ich einen Brief, den ein Freund Brunes in seinem Auftrage an mich geschrieben hatte. Es hieß darin, daß Brune zurzeit Pförtner in einem großen Eisenwerk in Westfalen sei, daß es ihm gut gehe, obgleich er anfange, die Beschwerlichkeiten seines hohen Alters zu fühlen, und daß er gern wissen möchte, wie ich mich befände. Ich antwortete sogleich, gab ihm über mich die gewünschte Auskunft und bat um sein Bild. Derselbe Freund schrieb mir wieder, Brune habe sich über meinen Brief sehr gefreut, aber er sei in seinem Alter noch eigensinniger geworden, als er es früher gewesen; er habe sich nie wollen photographieren lassen und sei auch jetzt nicht dazu zu bewegen. Ich wünschte lebhaft, Brune noch einmal zu sehen, und beabsichtigte ihn zu besuchen. Aber verschiedene Umstände machten die bereits vorbereitete Reise zu meinem großen Leidwesen unmöglich. Im Jahre 1891 empfing ich in Amerika einen Brief von Brunes Tochter, worin sie mir den Tod ihres tapferen Vaters meldete.

Da die Spandauer Teilnehmer an der Befreiung Kinkels sich zu sehr über das Gelingen des Wagestücks freuten, als daß sie diese Freude hätten ganz für sich behalten können, so wurde auch Krüger in die Untersuchung verwickelt und vor Gericht gezogen. Es wurde berichtet, daß er in den Gerichtsverhandlungen meine Einkehr in seinen Gasthof bereitwillig zugestanden habe mit dem Bemerken, es sei sein Geschäft, anständig aussehende Fremde, die voraussichtlich ihre Rechnung bezahlen könnten, in sein Haus aufzunehmen. Er könne dabei nicht immer genau untersuchen, wer diese Fremden seien, und was sie beabsichtigten. So sei z. B. sogleich nach der Revolution in Berlin am 18. März 1848 ein sehr stattlich aussehender Herr mit einigen Freunden in seinem Gasthofe abgestiegen. Die Herren seien in großer Aufregung und Eile gewesen, und er habe manches Außergewöhnliche in ihrem Benehmen bemerkt. In großer Hast seien sie wieder abgereist, wie er gehört habe, nach England. Es sei ihm nicht einen Augenblick eingefallen, ihnen die Gastlichkeit seines Hauses als Unbekannten zu verweigern. Erst später habe er erfahren, daß der vornehmste dieser Herren Se. Königliche Hoheit der Prinz von Preußen gewesen sei. – Diese Erzählung, mit dem stillen Lächeln vorgetragen, das Krüger eigen war, soll das anwesende Publikum in die heiterste Laune versetzt haben, der sich selbst der Gerichtshof nicht ganz entziehen konnte. – Krüger wurde freigesprochen, lebte ruhig in Spandau fort und starb in den siebziger Jahren, von seinen Mitbürgern allgemein geachtet.

Poritz, Leddihn und Hensel gingen ebenfalls frei aus, da man keine Beweise gegen sie aufbringen konnte. Poritz und Hensel starben nicht viele Jahre nach den hier erzählten Ereignissen. Leddihn sah ich im Jahre 1888 in Berlin wieder. Er wohnte schon längere Zeit dort, war ein wohlhabender Bürger geworden und bekleidete die geachtete Stellung eines Stadtverordneten. Drei Jahre später meldeten die Zeitungen seinen Tod.

Ich habe diese Geschichte, deren Gegenstand in jenen Tagen sehr viel von sich reden machte, so niedergeschrieben, wie sie mir in der Erinnerung steht; und da dieses Haupterlebnis meiner Jugend sich natürlich in mein Gedächtnis sehr scharf einprägte, so glaube ich, daß die Erzählung, den wesentlichen Inhalt der angeführten Gespräche nicht ausgenommen, wahrheitsgetreu ist.

Ich habe bereits erwähnt, daß anfangs der sechziger Jahre Moritz Wiggers in der Leipziger Gartenlaube eine ausführliche Erzählung der Befreiung und Flucht Kinkels veröffentlichte. Aber das machte den mehr oder minder phantastischen Legenden, die darüber erzählt wurden, kein Ende. Im Gegenteil, es ist seither fast kein Jahr vergangen, während dessen ich nicht von verschiedenen Gegenden Deutschlands Zeitungsblätter und Briefe empfangen hätte, die darüber wunderlich ausgeschmückte Geschichten enthielten. Und noch immer kommen von Zeit zu Zeit Zuschriften von Unbekannten, die mir berichten, ihre Väter hätten ihnen erzählt, daß sie mich zu jener Zeit irgendwo gesehen oder mir gar bei dem Befreiungsabenteuer beigestanden hätten.

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, ehe das Zuchthaus in Spandau abgebrochen wurde, erfreuten mich einige Spandauer Bürger mit einem photographischen Bilde, welches das Gebäude und die anliegende Straße sowie Kinkels Kerkerzelle darstellte. Und mehr als fünfzig Jahre nach dem Ereignis empfing ich einen von mehreren Deutschen, darunter einem Reichstagsmitgliede, gezeichneten Gruß auf einer Ansichtspostkarte mit dem Bilde des Gasthauses „Zum weißen Kreuz“ bei Rostock, auf dem die „Kinkelsecke“ markiert war. So lebt die Sage noch.

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