Die exakte Wissenschaft von der Ehe

„Wie ich dir schon gesagt, habe,“ sagte Jeff Peters, „in die Perfidie der Frauen habe ich noch nie viel Vertrauen gehabt. Als Partner oder Mitstreiter bei einer Gaunerei im besten Sinne kann man ihnen einfach nicht trauen.“

„Sie verdienen dieses Kompliment,“ sagte ich. „Ich glaube, sie werden völlig zu Recht das ehrbare Geschlecht genannt.“

„Warum auch nicht?“ sagte Jeff. „Sie haben den anderen Teil der Menschheit dazu gebracht, für sie entweder Gaunereien zu begehen oder Überstunden zu schieben. Im Geschäftsleben funktionieren sie aber nur solange, bis entweder ihre Gefühle oder ihre Frisur durcheinander gebracht werden. Dann wünscht du dir einen, plattfüßigen, kurzatmigen Mann mit rotblondem Backenbart, fünf Kindern und einer Hypothek an ihrer Stelle.

Da war zum Beispiel mal diese Witwe, die ich und Andy Tucker engagierten, um uns bei dem Ding mit einem kleinen Eheanbahnungsinstitut zu helfen, das wir in Cairo drehten.

Wenn du genug Kapital für Reklame hast – sagen wir eine Rolle so dick wie ein Deichselloch – dann kannst du aus dem Eheanbahnungsgeschäft eine Menge Geld rausholen. Wir hatten ungefähr 6.000 Dollar, und die wollten wir in zwei Monaten verdoppeln, das ist ungefähr die Zeit, in der ein Projekt wie unseres ohne allzu viele Formalitäten betrieben werden kann.

Wir verfassten eine Anzeige, die so lautete:

‚Charmante Witwe, attraktiv, häuslich, 32 Jahre alt, Besitz 3.000 Dollar in bar und wertvolles Immobilienvermögen auf dem Land, würde sich gerne erneut vermählen. Würde ein unbemittelten Mann mit großem Herzen einem vermögenden vorziehen, da sie die Erfahrung gemacht hat, daß wirkliche Tugenden am häufigsten in den einfacheren Kreisen anzutreffen ist.

Auch ältere Herren willkommen oder solche ohne äußere Vorzüge, wenn sie vertrauenswürdig, ehrlich und in der Lage sind, das Eigentum zu verwalten und das Geld umsichtig zu investieren.

Briefanschrift.

Einsames Herz

zu Händen von Peters & Tucker, Ehevermittler, Cairo, Illinois.‘

‚So weit, so schlimm,‘ sage ich, als wir unser literarisches Machwerk vollendet hatten. ‚Und wo ist jetzt die Lady?‘

Andy bedenkt mich mit einem seiner Blicke voll stiller Verwunderung.

‚Jeff,‘ sagt er, ‚mir scheint, du hast deinen Realitätssinn bei deiner Kunst verloren. Warum sollte es eine Lady geben? Wenn sie in der Wallstreet verwässerte Aktien verkaufen, würdest du dann eine Meerjungfrau darin erwarten? Was hat eine Eheanzeige mit einer Lady zu tun?‘

‚Hör mal zu,‘ sage ich. ‚Du kennst meinen Grundsatz, Andy, daß bei all meinen illegitimen Verstößen gegen den Buchstaben des Gesetzes die verkaufte Ware existieren und sichtbar und vorzeigbar sein muß. Auf diese Weise und durch das sorgfältige Studium von städtischen Verordnungen und Eisenbahnfahrplänen habe ich mir immer allen Ärger mit den Polizei vom Leibe gehalten, den man sonst nicht einmal mit einem Fünf-Dollar-Schein und einer Zigarre aus der Welt hätte schaffen können.Also, um den Plan auszuführen, müssen wir in personam eine bezaubernde Witwe präsentieren können oder etwas Vergleichbares mit oder ohne die Schönheit, das Erbe und allem Zubehör, wie es im Katalog und den Revisionsgründen steht, oder wir werden uns vor dem Friedensrichter wiederfinden.‘

‚Nun gut,‘ sagt Andy nachdenklich, ‚vielleicht ist es tatsächlich sicherer, falls die Postverwaltung oder das Friedensrichteramt versuchen sollten, Ermittlungen gegen unsere Agentur einzuleiten. Aber wo,‘ fragt er, ‚könntest du wohl eine Witwe finden, die Zeit an einen Heiratsplan verschwenden würde, bei dem es gar keine Heirat gibt?‘

Ich sagte Andy, daß ich glaubte, genau die Richtige zu kennen. Ein alter Freund von mir, Zeke Trotter, der auf einer Jahrmarktschau Sodawasser zapfte und Zähne zog, hatte ein Jahr zuvor sein Weib zur Witwe gemacht, weil er ein Mittelchen des alten Doktors gegen Verdauungsstörungen getrunken hatte anstelle des Franzbranntweins, mit dem er sich sonst immer zu besaufen pfegte. Ich hatte öfters bei ihnen vorbeigeschaut, und ich glaubte, wir könnten sie dazu bewegen, mit uns zusammenzuarbeiten.

Es waren nur sechzig Meilen bis zu der kleinen Stadt, wo sie lebte. Ich schwinge mich also auf den Illinois Central und finde sie immer noch in dem selben Häuschen mit denselben Sonnenblumen und Hähnen am Waschzuber stehen. Mrs. Trotter passte hervorragend zu unserer Anzeige, nun ja, vielleicht mit Ausnahme der Schönheit, des Alters und der Vermögenswerte. Aber sie sah passabel und tadellos aus, und es war ein Tribut an Zekes Andenken, ihr den Job zu geben.

‚Ist das auch ein ehrliches Geschäft, was Sie da vorhaben, Mr. Peters,‘ fragte sie mich, als ich ihr sagte, was wir wollten.

‚Mrs. Trotter,‘ antwortete ich, ‚Andy Tucker und ich haben ausgerechnet, daß in diesem weiten und unlauteren Land ungefähr 3.000 Männer sich aufgrund unserer Anzeige bemühen werden, sich ihre holde Hand, das angeblich vorhandene Geld und ihren Besitz zu sichern. Von diesen werden voraussichtlich etwa dreißig mal hundert Ihnen im Gegenzug, falls sie Sie gewinnen sollten, nur den Kadaver eines trägen, geldgierigen Faulenzers, eines Versagers im Leben, eines Schwindlers und verachtenswerten Glücksuchers zu bieten haben.

Ich und Andy,‘ sagte ich, ’schlagen vor, diesen Plünderen der Gesellschaft mal eine ordentliche Lektion zu erteilen.‘ Und ich fuhr fort: ‚Ich und Andy konnten uns nur mit großer Mühe enthalten, unserer Unternehmung den Namen die Große Moralische und Ewig Übelwollende Heiratsagentur zu geben. Genügt Ihnen das?‘

‚Ja, Mr. Peters,‘ sagte sie. ‚Ich hätte mir denken können, daß Sie nichts Schändliches vorhaben. Aber was wird meine Aufgabe dabei sein? Werde ich diese 3.000 Tunichgute, von denen Sie reden, persönlich zurückweisen müssen, oder kann ich sie en gros rausschmeißen?‘

‚Ihre Aufgabe,‘ sagte ich, ‚wird praktisch eine Sinekure sein. Sie werden in einem ruhigen Hotel wohnen und nichts zu tun haben. Andy und ich werden die ganze Korrespondenz und das Geschäftliche erledigen.

Natürlich werden einige der leidenschaftlicheren und stürmischeren Freier, die sich eine Fahrkarte leisten können, nach Cairo kommen, um ihre Bewerbung persönlich zu betreiben. In diesem Fall werden Sie möglicherweise in die Verlegenheit kommen, sie persönlich rauszuschmeißen. Wir zahlen Ihnen 25 Dollar die Woche und das Hotel.‘

‚Geben Sie mir fünf Minuten,‘ antwortet Mrs. Trotter, ‚um meine Puderquaste zu holen und den Hausschlüssel bei der Nachbarin abzugeben, und Sie können mein Gehalt laufen lassen.‘

Ich fuhr mit Mrs. Trotter nach Cairo, und brachte sie in einem Familienhotel unter, weit genug entfernt von meinem und Andys Quartier, um keinen Argwohn zu erregen, und doch leicht erreichbar. Und dann sagte ich Andy Bescheid.

‚Fabelhaft,‘ sagte Andy. ‚Und nun, da dein Gewissen beruhigt ist, was die Greifbarkeit und die Nähe des Köders angeht, und um aufs Thema zurückzukommen, nehme ich doch an, daß wir schnell einen Fisch an die Angel kriegen werden.‘

‚Wir begannen nun, unsere Anzeige in Zeitungen im ganzen Land zu setzen. Und wir veröffentlichten nur eine einzige Anzeige. Mehr hätten wir nicht einsetzen können, ohne so viele Angestellte und onduliertes Büropersonal einstellen zu müssen, daß der Postminister durch das Kaugummischmatzen ernstlich gestört worden wäre.

Wir deponierten 2.000 Dollar auf einer Bank auf Mrs. Trotters Namen und gaben ihr das Sparbuch, damit sie es vorzeigen konnte, falls irgendwer die Ehrlichkeit und den guten Glauben der Agentur in Frage stellen sollte. Ich wußte, Mrs. Trotter war ehrlich und verläßlich und es war ohne jedes Risiko, es ihr zu überlassen.

Diese eine Anzeige bescherte uns so viel Arbeit, daß wir zwölf Stunden am Tag Briefe beantworten mussten.

Pro Tag kamen ungefähr hundert Briefe. Ich hatte keine Ahnung gehabt, daß es in diesem Land so viele großherzige, leider aber mittellose Männer gab, die bereit waren, eine charmante Witwe zu freien und die Last, ihr Geld zu investieren, auf sich zu nehmen.

Die meisten von ihnen gaben zu, daß sie dazu neigten, grundsätzlich Backenbärte zu tragen, und daß sie ihre Arbeit verloren hätten und von aller Welt verkannt würden. Aber alle von ihnen waren überzeugt, daß sie rammelvoll mit Zärtlichkeit und männlichen Qualitäten wären, und daß die Witwe das Geschäft ihres Lebens machen würde, wenn sie sie zum Manne bekäme.

Jeder Bewerber erhielt eine Antwort von Peters & Tucker des Inhalts, daß die Witwe tief beeindruckt sei von seinem ehrlichen und interessanter Brief, und mit der Bitte um ein weiteres Schreiben mit näheren Angaben zur Person und wenn möglich mit einer Fotografie. Peters & Tucker informierten den Bewerber des weiteren, daß ihre Bearbeitungsgebühr für die Aushändigung dieses zweiten Schreibens an ihre hübsche Klientin zwei Dollar betrüge, die beigefügt werden sollten.

Und hier können Sie die schlichte Schönheit unseres Plans sehen. Über 90 Prozent dieser häuslichen, uns völlig fremden Edelmänner brachte das Geld irgendwie zusammen und schickte es uns. Das war schon alles. Abgesehen davon, daß ich und Andy einen Haufen Arbeit damit hatten, die Umschläge aufzuschlitzen und das Geld herauszunehmen.

Einige wenige Klienten sprachen persönlich vor. Wir schickten sie zu Mrs. Trotter, und sie erledigte den Rest. Nur drei oder vier kamen zurück und gingen uns um Fahrgeld an.

Als dann auch noch die Briefe aus den entfernteren ländlichen Gebieten eintrafen, nahmen Andy und ich ungefähr 200 Dollar pro Tag ein.

Eines Nachmittags, als wir alle Hände voll zu tun hatten und ich die Ein- und Zwei-Dollar-Scheine in Zigarrenkisten stopfte und Andy vor sich hin pfiff ‚Für sie werden keine Hochzeitsglocken läuten‘, kommt ein kleiner glatt rasierter Mann hereingeschneit und läßt den Blick über die Wände schweifen, als ob er auf der Spur von ein oder zwei verschollenen Gainesborough-Gemälden wäre. Als ich ihn sah, keimte Stolz in mir auf, weil wir unser Geschäft auf diesem Niveau führten.

‚Wie ich sehe, haben Sie eine Menge Post heute,‘ sagte der Mann.

Ich ergriff meinen Hut. ‚Kommen Sie,‘ sagte ich. ‚Wir haben Sie schon erwartet. Ich werde Ihnen die Ware zeigen. Wie ging es Teddy [gemeint: Präsident Theodore Roosevelt], als Sie Washington verließen?‘

Ich brachte ihn ins Riverview-Hotel und machte ihn mit Mrs. Trotter bekannt. Dann zeigte ich ihm ihr Sparbuch mit den 2.000 Dollar.

‚Scheint alles in Ordnung zu sein,‘ meinte der Bundesagent.

‚So ist es,‘ sagte ich. ‚Und falls Sie nicht verheiratet sind, könnte ich Sie hier lassen, um ein wenig mit der Dame zu plaudern. Über die zwei Dollar wollen wir nicht reden.‘

‚Danke,‘ sagte er, ‚wenn ich es nicht wäre, dann vielleicht. Guten Tag, Mr. Peters.‘

Nach drei Monaten hatten wir etwas über 5.000 Dollar eingenommen, und es wurde langsam Zeit aufzuhören. Wir hatten eine Menge Beschwerden bekommen; und Mrs. Trotter schien ihrer Tätigkeit überdrüssig zu werden. Eine ganze Menge Freier hatten bei ihr vorgesprochen und ihr schien das nicht zu gefallen.

Wir beschlossen also, unsere Zelte abzubrechen, und ich ging zu Mrs. Trotters Hotel, um ihr den Lohn für die letzte Woche auszuzahlen, Lebewohl zu sagen und ihr Bankguthaben zu kassieren.

Als ich ankam, fand ich sie weinend wie ein Kind, das nicht zur Schule gehen will.

‚Aber, aber,‘ sagte ich, ‚was ist denn los? Ist Ihnen jemand dumm gekommen? Oder haben Sie Heimweh?‘

‚Nein, Mr. Peters,‘ sagte sie. ‚Ich werde es Ihnen sagen. Sie waren immer ein Freund von Zeke, und es macht mir nichts aus. Mr. Peters, ich habe mich verliebt. Ich liebe diesen Mann so sehr, daß ich es nicht ertragen kann, ihn nicht zu bekommen. Er ist genau der ideale Mann, den ich mir immer vorgestellt habe.‘

‚Dann nehmen Sie ihn doch,‘ sagte ich. ‚Das heißt, wenn die Zuneigung gegenseitig ist. Erwidert er denn Ihre Gefühle?‘

‚O ja, das tut er,‘ erwidert sie. ‚Aber er ist einer jener Gentlemen, die auf die Anzeige hin bei mir vorsprachen, und er würde mich nicht heiraten, wenn ich ihm nicht die 2.000 Dollar gebe. Er heißt William Wilkinson.‘ Dann verfiel sie wieder in ihr Klagen und die Hysterie ihrer Verliebtheit.

‚Mrs. Trotter,‘ sagte ich, ‚es gibt niemanden, der für die Liebe einer Frau mehr Verständnis hätte als ich. Und nebenbei waren Sie die Lebensgefährtin eines meiner besten Freunde. Wenn es nur bei mir läge, würde ich sagen, nehmen Sie diese 2.000 Dollar und den Mann Ihrer Wahl und werden Sie glücklich.

Wir könnten uns das leisten, weil wir diesen Trotteln, die Sie heiraten wollten, über 5.000 Dollar abgeknöpft haben. Aber,‘ fügte ich hinzu, ‚Andy Tucker muß noch gefragt werden. Er ist ein guter Mann, aber in geschäftlichen Dingen sehr penibel. In finanziellen Dingen ist er mein gleichberechtigter Partner. Ich werde mit Andy sprechen und sehen, was sich machen läßt.‘

Ich gehe also in unser Hotel zurück und lege Andy die Sache vor.

‚So was Ähnliches habe ich die ganze Zeit schon kommen sehen,‘ sagte Andy. ‚Du kannst nicht darauf vertrauen, daß eine Frau zu Dir hält bei einem Plan, bei dem ihre Gefühle und Neigungen eine Rolle spielen.‘

‚Es ist eine traurige Sache, Andy,‘ sage ich, ‚daran zu denken, daß wir der Grund waren, daß einer Frau das Herz gebrochen wurde.‘

“Das ist es,‘ sagte Andy, ‚und ich sage Dir, was wir machen werden, Jeff. Du bist immer ein Mann mit einem weichen und großen Herzen und Gemüt gewesen. Vielleicht bin ich zu hart und materiell und argwöhnisch gewesen. Diesmal werde ich Dir entgegenkommen. Geh zu Mrs. Trotter und sage ihr, sie soll die 2.000 Dollar von der Bank abheben und diesem Mann geben, in den sie vernarrt ist, und glücklich werden.‘

Ich sprang auf und schüttelte Andy fünf Minuten lang die Hand, und dann ging ich zurück zu Mrs. Trotter und sagte es ihr, und sie weinte jetzt so vor Freude wie sie zuvor vor Sorge geweint hatte.

Zwei Tage später packten Andy und ich, um abzureisen.

‚Würdest Du nicht gerne mal rübergehen und Mrs. Trotter sehen, bevor wir abfahren?‘ fragte ich ihn. ‚Sie würde Dich mächtig gerne kennenlernen und Dir ihre Wertschätzung und ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.‘

‚Ich glaube nicht,‘ sagte Andy. ‚Wir sollten uns besser beeilen, damit wir den Zug noch kriegen.‘

Ich schnallte mir gerade unser Kapital in einem Geldgürtel um, in dem wir es zu transportieren pflegten, als Andy eine Rolle großer Scheine aus der Tasche zog und mich bat, sie zum Rest zu tun.

‚Was ist das?‘ fragte ich.

‚Das sind Mrs. Trotters zweitausend,‘ erklärte Andy.

‚Wie kommst Du dazu?‘ fragte ich.

‚Sie gab sie mir,‘ sagte Andy. ‚Ich hab sie abends dreimal pro Woche besucht, seit mehr als einem Monat.‘

‚Dann bist Du William Wilkinson?‘ fragte ich.

‚Ich war es,‘ sagte Andy.

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