Carl Schurz – Die ersten Jahre im Senat.

Als Carl Schurz am 4. März 1869 seinen Sitz im Bundessenat einnahm, hatte sich das Verhältnis des Oberhauses zur Exekutive höchst eigenartig gestaltet. Der heftige Konflikt zwischen Präsident Johnson und dem Kongreß hatte den Schwerpunkt des ganzen politischen Systems sehr zugunsten der gesetzgebenden Körperschaften verschoben, besonders aber dem Senat einen bis dahin unerhörten Einfluß verschafft. Dazu trug vor allem die Tenure-of-Office Akte bei. Dieses Gesetz bezog sich auf die große Klasse von Beamten, die der Präsident verfassungsgemäß mit Beirat und Beistimmung des Senats ernennt, und bestimmte, daß der Präsident solche Beamte nur absetzen könne, wenn der als Nachfolger Vorgeschlagene dem Senat genehm sei. Die Akte ermöglichte es den Senatoren, aus das Personal der Bundesbeamten einen größeren Einfluß als je zuvor auszuüben und so dem Präsidenten in jedem Zweige der Verwaltung sein Verhalten vorzuschreiben und, falls er sich nicht gutwillig fügte, seine Tätigkeit völlig lahm zu legen. Die Folgen waren weitreichend und höchst bedenklich. Da dem Präsidenten; die Hände gebunden waren und so jede einheitliche und bestimmte Leitung fehlte, war in der Verwaltung eine Demoralisierung eingerissen, wie sie nicht einmal die Zeiten des Krieges gesehen hatten. Der Senat aber trug eine Selbstüberhebung zur Schau, als verkörpere sich in ihm die Regierung. In der Erbitterung des Kampfes mit Andrew Johnson hatte man diese Ausnahmezustände kaum beachtet, aber sie fielen nicht nur bei der Freisprechung des in Anklagezustand versetzten Präsidenten schwer ins Gewicht, sondern veranlaßten auch den ersten definitiven Vorschlag zur Reform der Verwaltung. Bald nachdem Grant seinen Einzug in das Weiße Haus gehalten hatte, wurde nämlich die Frage, wie weit der Senat bei der Besetzung der Stellen in der bürgerlichen Verwaltung mitzusprechen habe, Gegenstand ernster Debatten.

In der Annahme, daß kein Grund mehr für die Beschränkungen vorhanden sei, die man den Machtbefugnissen seines Amtes unter seinem Vorgänger auferlegt hatte, schlug der Präsident die Aufhebung der erwähnten Akte vor. Das Repräsentantenhaus, das jeden Zuwachs der Macht des Senats mit begreiflicher Unruhe betrachtete, trat sofort mit Begeisterung für den Vorschlag des Präsidenten ein. Im Oberhaus machte sich dagegen eine starke Opposition geltend. Eine Anzahl der fähigsten republikanischen Senatoren hatten auf Grund verfassungsrechtlicher Erwägungen für jenes Gesetz gestimmt, das die Macht des Senats erweitern sollte, und sie waren also wenig geneigt, das Gesetz aufzuheben. Aber Grant erklärte, daß er fest entschlossen sei, überhaupt keine Veränderungen im Personal der Verwaltung vorzunehmen, bis er völlig freie Hand habe. Diese Haltung des Präsidenten übte einen starken Druck auf die Kongreßmitglieder aus, die auf ihren Anteil beim Ämterschacher gerechnet hatten und sich nun in ihren Hoffnungen getäuscht sahen, und so kam es, zumal die Republikaner dringend wünschten, Eintracht zwischen den gesetzgebenden Körperschaften und dem Staatsoberhaupte zu bewahren, daß man eine Gesetzvorlage zusammenflickte und annahm, die dem Präsidenten auf einem Umwege wieder die Macht erteilte, Zivilbeamte abzusetzen

Die Debatten über diese Frage, die sich durch den Monat März 1869 hinzogen, boten Carl Schurz Gelegenheit, sich gleich zu Anfang seines Amtes als Senator zu jenen Überzeugungen und Zielen zu bekennen, die seiner ganzen öffentlichen Laufbahn ihren Stempel ausdrücken und sie einzigartig in der Geschichte der amerikanischen Politik gestalten sollten. Er gab der festen Überzeugung Ausdruck, das dringendste Bedürfnis der Zeit sei die Abschaffung des Beutesystems und der Protektionswirtschaft des Kongresses und die Anstellung der Zivilbeamten auf Grund einer Prüfung. Und mit diesem Ziel vor Augen, brachte er am Ende des Jahres eine Vorlage ein, die einen umfassenden, weit über frühere Vorschläge hinausgehenden Plan zur Reform der Verwaltung enthielt. Bei der Befürwortung dieser Idee trat Carl Schurz in die engsten Beziehungen zu einer Gruppe von Senatoren, die einige der fähigsten Köpfe im öffentlichen Leben zu den Ihren zählte, darunter Trumbull, Thurman, Sumner und Bayard. Aber es verschworen sich damals verschiedene Umstände gegen die Verwirklichung einer durchgreifenden Reform. Ämtervergebung und Protektionssystem galten der Mehrzahl der Kongreßmitglieder als unentbehrliche Hilfsmittel zur Herrschaft der Partei, und die Herrschaft der Partei war ihnen die einzige praktische Methode zur Förderung patriotischer Zwecke. Präsident Grant machte zwar feinen mächtigen Einfluß zugunsten der Reform geltend und setzte im Jahre 1871 die Annahme einer Vorlage durch, der gemäß eine Kommission eingesetzt und ein System von Prüfungen vorgesehen wurde. Als jedoch diese Kommission endlich ihre Tätigkeit begann, hatten sich einige der Hauptverfechter der Idee mit der Regierung überworfen, und die Entfremdung zwischen diesen Männern und dem Präsidenten bot den reformfeindlichen Kongreßmitgliedern Gelegenheit, das neue System zeitweilig dadurch lahm zu legen, daß sie die nötigen Geldbewilligungen verweigerten. Das Gesetz blieb jedoch bestehen und bildete die Grundlage für« die gedeihliche Weiterentwicklung in späteren Jahren.

Dieselben Anschauungen und politischen Überzeugungen, aus denen Schurz’ Eifer für die Reform der Verwaltung erwuchs, machten seine feindliche Stellung der Regierung gegenüber unvermeidlich. Seine ganze Auffassung von öffentlichen Fragen war hoch erhaben über das niedrige Spiel persönlicher und parteipolitischer Interessen. Kontroversen, bei denen es sich in erster Linie um den Wettkampf ehrgeiziger Führer handelte, waren nicht nach seinem Geschmack, ebensowenig das Organisieren von »Maschinen« zum Stimmenfang, wenn dabei die. Prinzipien und wichtigen Fragen, für die man den Wähler gewinnen wollte, ganz außer acht gelassen wurden. Vielleicht ging er in der Gleichgültigkeit gegen solche Erwägungen für einen Staatsmann in einer Demokratie zuweilen zu weit; aber gerade das verlieh seiner Stellung als Senator eine ungewöhnliche Würde und Bedeutung. Gleich bei seinem ersten Auftreten in der Debatte fesselte er durch den hohen Gehalt seiner Reden, verbunden mit formvollendeter Sprache und beredtem Vortrag, die Aufmerksamkeit seiner Kollegen und des zahlreichen Publikums, das sich in den Galerien einzustellen pflegte. Jede seiner großen Reden zeigte. die literarischen Vorzüge eines abgeschlossenen Essays über den zur Verhandlung stehenden Gegenstand, und seine Beweisgründe verfehlten nie ihren Eindruck aus diejenigen seiner Zuhörer, die eines weiten historischen und philosophischen Ausblicks fähig waren. Obgleich ihm schneidende Satire zu Gebote stand, wenn es verkehrte Theorien oder verwerfliche Pläne zu geißeln galt, so vermied er doch persönliche Ausfälle und maßlose Schmähungen. Die Folge davon war, daß er sich selbst bei entschiedenen Gegnern bald größeren Respekt errang, als Sumner, der allgemein als Führer des Senats galt, je hatte gewinnen können. Das Eigenartige von Schurz’ Redegabe trat besonders deutlich in seinen großen Reden über die »Rekonstruktion« und über die versuchte Annektierung von Santo Domingo hervor.

Im Frühling des Jahres 1869 standen acht der elf Sezessionsstaaten wieder in normalen Beziehungen zu der Bundesregierung und befanden sich politisch in den Händen der Republikaner, denen der Kongreß durch die Erteilung des Wahlrechts an die befreiten Sklaven und durch die gegen zahlreiche Weiße dekretierte Wahlrechtsentziehung die Herrschaft gesichert hatte. Die übrigen drei Staaten, Virginien, Mississippi und Texas, taten die zur Wiederaufnahme nötigen Schritte, und im Winter 1869-70 hatte der Kongreß über ihre Wiederzulassung zu entscheiden. Es machten sich nun in den politischen und sozialen Zuständen des Südens allmählich die Schwierigkeiten fühlbar, die sich aus der Neuordnung der Verhältnisse ergaben. Gerade die einflußreichste Klasse der Südstaatler, diejenige, die durch höhere Bildung, Reichtum und gesellschaftliche Stellung zur Führerschaft berufen war, hatte durch die Bestimmungen des vierzehnten Amendements alle politischen Rechte verloren (siehe Carl Schurz: Lebenserinnerungen II, 465). Die politische Leitung der Schwarzen, die eben erst von Sklavenketten befreit, sich den Problemen einer »freien« Existenz gegenübersahen, war vielfach in den Händen von Abenteurern aus dem Norden, die als radikale Agitatoren zu Reichtum und Ansehen zu gelangen hofften. Gegen die Herrschaft von Nordstaatlern und Schwarzen, die verschwenderisch, korrupt und unfähig war, lehnten sich nun die Weißen im Süden auf und bekämpften sie durch Geheimbünde, Schreckens- und Gewalttaten. Unter den Geheimbünden war der Ku-Klux-Klan der bedeutendste. Der Zweck des Klaus, der bei Nacht in phantastischer Vermummung sein Wesen trieb, war, überall Schrecken zu verbreiten und so die Neger bei der Arbeit zu halten und zum Fernbleiben von der Wahlurne zu zwingen, die politischen Abenteurer aus dem Norden wieder dorthin zurückzuschrecken und die Verräter an der Sache der Konföderation auszurotten. Es wurden Drohbriefe ausgestreut, die mit allerlei schrecklichen Emblemen (Totenköpfen usw.) geschmückt waren. Einer Warnung von dem Häuptling einer Loge (»Höhle«), der der Großzyklop hieß, folgte leicht eine Gewalttat. Wer sich verhaßt oder unbequem gemacht hatte, wurde bei Nacht von vermummten Reitern aus dem Hause geholt und mit der Pferdepeitsche gezüchtigt, und wenn er sich weigerte, von seinem Werke abzustehen oder die Gegend zu verlassen, schreckte man nicht vor dem Morde zurück. Viele Gegenden hatten grausige Geschichten vom Ku-Klux und seinen Taten zu erzählen, und die Unfähigkeit der Staatsregierungen, die Unruhen zu unterdrücken, bewies die Schwäche des neuen politischen Regimes.

Über die Art und Weise, wie die Dinge im Süden zu behandeln seien, war die Meinung der republikanischen Partei im Kongresse geteilt; alle Gruppen stimmten jedoch darin überein, daß die drei Staaten, um wieder in den Bund zugelassen zu werden, das fünfzehnte Amendement zur Verfassung annehmen müßten, nach dem das Wahlrecht der Bürger der Vereinigten Staaten weder von dem Bunde, noch von den Einzelstaaten auf Grund der Rasse, Farbe oder früheren Sklaventums verweigert oder beschränkt werden dürfe. Dieselbe Bedingung legte man auch dem Staate Georgia auf, dessen »konservative«, d. h. demokratische Legislatur durch die Ausschließung der Neger von den gesetzgebenden Körperschaften den rekonstruierten Staat einer weitern »Rekonstruktion« unterworfen hatte. Als aber die Radikalen im Kongreß es versuchten, ganz unverhohlen ein Projekt durchzudrücken, das unter Mißachtung der Staatsverfassung die Amtsdauer des republikanischen Gouverneurs und der republikanischen Legislatur von Georgia zu verlängern bestimmt war,vereinigten sich die »gemäßigten« republikanischen Senatoren mit den Demokraten und vereitelten den Plan.

Carl Schurz stellte sich voll Eifer auf die Seite der Gemäßigten. Es konnte ihn zwar nichts in dem festen Glauben wankend machen, daß die Rekonstruktion aus dem Wege der Erteilung des Wahlrechts an die Neger die einwandfreieste Politik gewesen sei, aber er verwarf den Standpunkt, daß die Erhaltung der Macht der republikanischen Partei in den wieder aufgenommenen Staaten das fortgesetzte Eingreifen der Bundesregierung rechtfertige Die· vielfachen politischen und sozialen Unruhen im Süden betrachteten rabiate Parteimänner als Beweis des alten Geistes der Rebellion unter den Weißen und der feindseligen Absicht, den Ausbau der republikanischen Partei in den rekonstruierten Staaten mit Gewalt zu verhindern. Louisiana und Georgia waren in der Präsidentenwahl von 1868 der Partei verloren gegangen. Tennessee und Virginien hatten 1869 »konservative«, d. h. demokratische Staatsregierungen gewählt. Die sich derartig kundgebenden Tendenzen rechtfertigten nach der Ansicht der Radikalen jeden Grad der Strenge, um die Herrschaft der Republikaner in den andern Staaten aufrecht zu erhalten.

Carl Schurz hielt eine solche Auffassung für höchst bedenklich. Während der langen Debatten, welche im Frühjahr 1870 über die Zustände in Georgia und über die Gesetze zur Durchführung der Bundesgesetze in den Südstaaten stattfanden, legte er seinen prinzipiellen Standpunkt über die Lage der Dinge im Süden dar. Wie jede Rebellion in der Weltgeschichte, so, meinte er, müsse auch diese ihr Nachspiel haben, und die Unruhen und die Gesetzlosigkeit im Süden seien nur Begleiterscheinungen eines solchen. Sie entsprängen viel tiefer liegenden Ursachen als der Parteipolitik, sie seien Anzeichen jener Nachgärung, die voraussichtlich alle Südstaaten würden durchmachen müssen. Die richtige Behandlung einer solchen Situation könne nur wie die eines Fiebers sein: nicht radikale oder drastische Mittel, sondern sorgfältige Beobachtung und Vorsicht in der Überwachung des Verlaufs, bis endlich die Zeit ihr linderndes Werk getan habe. Die »tiefgewurzelten Gewohnheiten und Anschauungen der Südstaatler« müßten sich umwandeln, und derartige Umgestaltungen könnten sich nur langsam vollziehen. Nichts aber werde eine Wiederherstellung gesunder Zustände mehr verzögern als ein Vorgehen, das nur das Parteiinteresse im Auge habe und gegen die Verfassung verstoße. Denn das werde nur den Einfluß der schlechtesten Elemente im Süden verstärken und eine unheilvolle demokratische Reaktion heraufbeschwören. Wessen die Zeit vor allem bedürfe, sei die vollständige Loslösung der »südlichen Frage« von jeglicher Parteipolitik: die Bundesregierung. müsse den rekonstruierten Staaten die Lösung ihrer eigenen Probleme überlassen. Der wichtigste positive Schritt, den der Kongreß tun könne und müsse, bestehe in der Beseitigung aller Beschränkungen, die viele der tüchtigsten Südstaatler noch immer von der Beteiligung am politischen Leben ausschlössen.

In seiner Stellung zur »südlichen Frage« verriet Carl Schurz tiefe Unzufriedenheit mit der Art und Weise, wie das Wahlrecht der Neger praktisch zur Anwendung kam, und mit der Tätigkeit der republikanischen »Parteimaschine« in den rekonstruierten Staaten und anderswo. Gegen Ende des Jahres 1870 wurde diese Mißstimmung durch den aufsehenerregenden Verlauf der politischen Entwicklung in Missouri dem ganzen Lande bekannt. Die Spaltung der Republikaner hatte sich hier schon in dem Wahlkampfe offenbart, der Schurz den Sitz im Bundessenat verschaffte, sie kam aber 1870 bei der Frage zum vollen Ausdruck ob die äußerst strengen Gesetze, die den früheren »Rebellen« das Wahlrecht nahmen, aufgehoben werden sollten. Schon längst hatte die ursprüngliche Rechtfertigung für diese Gesetze ihre Kraft verloren, und ihr Hauptwert lag darin, daß sie gewissenlosen Republikanern ein Mittel boten, die Herrschaft der Partei in der Leitung der Einzelstaaten und Kommunen aufrechtzuerhalten. Die liberalen Elemente der Partei forderten sofortige Abschaffung des ganzen Systems, aber die Radikalen, die die Parteiorganisation in der Hand hatten, widersetzten sich dieser Forderung, und durch geschickte und gewissenlose Handhabung der Masse der eben durch das fünfzehnte Amendement geschaffenen Negerstimmen verschafften sie sich im Staatskonvent die Majorität.

Carl Schurz hielt das Vorgehen der Radikalen unter jedem Gesichtspunkte für verwerflich. Es förderte eine Politik der Aufreizung und Ächtung unter den Weißen, wo ihm Versöhnung und Eintracht geboten schienen. Es verband die eben erst zum Stimmrecht zugelassenen Neger mit einer Bewegung, die jede Möglichkeit freundschaftlicher Beziehungen zwischen ihnen und der besseren Klasse der Weißen ausschloß und sie in dauernder Abhängigkeit von gewissenlosen politischen Ränkeschmieden erhielt. Es legte endlich in der Art, wie die Radikalen im Konvent eine blindergebene Majorität zusammengebracht hatten, jenes System parteipolitischer Kniffe bloß, das für Schurz der Gegenstand besonderen Abscheus war. Infolgedessen ging er mit dem festen Vorsatz in den Konvent, der die Kandidaten aufstellen und das Wahlprogramm festsetzen sollte, wenn nötig, seine Verbindung mit der republikanischen Parteiorganisation zu lösen. Dort geißelte er die Radikalen erbarmungslos, freilich aber, ohne großen Eindruck auf die gut organisierte Majorität zu machen. Der Antrag der »Liberalen«, in den Wahlaufruf einen Satz aufzunehmen, der sich für die sofortige Beseitigung aller Wahlrechtsbeschränkungen aussprach, wurde abgelehnt. Daraufhin hielten die Liberalen, unter Führung von Carl Schurz und Gratz Brown, einen neuen Konvent und nahmen ein Programm an, das die sofortige Beseitigung der oben erwähnten Verkürzung des Stimmrechts forderte. Sie stellten Gratz Brown als Kandidaten für den Gouverneurposten auf und trugen, von den Demokraten unterstützt, im Staate den Sieg davon.

In diesem Wahlkampf in Missouri fanden die Radikalen unbedingte Unterstützung bei der Regierung. Diese übte allen ihr zur Verfügung stehenden Druck auf die Bundesbeamten im Staate aus und zwang sie, die »gute Sache« mit Opfern an Geld und Zeit zu fördern. Präsident Grant sprach in einem Briefe an den Steuereinnehmer von St. Louis die Überzeugung aus, daß Schurz und Brown nur darauf hinarbeiteten, die Demokraten ans Ruder zu bringen, und er forderte den Adressaten dringend auf, die regulären Parteikandidaten zu unterstützen Obschon durch den Spruch einer so hohen Autorität aus der Partei ausgestoßen, behauptete Carl Schurz doch konsequent, er sei ein treuer Vertreter der republikanischen Grundsätze, derselben Grundsätze, die die Radikalen verleugnet hätten. Am 15. Dezember 1870, als die Lorbeeren seines in Missouri erfochtenen Sieges noch frisch waren, schilderte er in einer Rede im Senat die Geschichte der »liberalen« Bewegung aufs eindrucksvollste. Er verwies auf den Satz des Aufrufs zu den nationalen Wahlen von 1868, für den er selbst verantwortlich war, und der für die Beseitigung der Beschränkung des Stimmrechts eintrat, und zeigte, daß die Liberalen ganz im Geiste der republikanischen Prinzipien gehandelt hatten und der Präsident sich im Irrtum befand, wenn er das Gegenteil behauptete. Dieser Beweisführung schloß sich dann eine tiefgehende und beredte Darlegung der bestehenden politischen Zustände an, und der Schluß der Rede machte es klar, wie gering der Redner jede Verpflichtung gegen die Partei schätzte, wenn sie Treue gegen einen bloßen Namen, gegen Traditionen und Organisation bedeute, nicht aber Treue gegen ein wirkliches, lebendiges Prinzip. Die beiden alten Parteien hatten seiner Meinung nach die ihnen gestellten Ausgaben gelöst, und wenn die Republikaner ihre Partei zusammenhalten wollten, müßten sie sich eine fortschrittliche Reform zur Aufgabe machen, wenn auch die neuen Fragen noch nicht klar und deutlich formuliert seien.

Solch kühle und ideologische Auffassung der Parteitreue konnte natürlich nur das Mißtrauen bestärken, womit die beutelüsternen, intoleranten Parteigänger Carl Schurz betrachteten. Verschiedene Umstände hatten dahin gewirkt, daß der Präsident Ende des Jahres 1870 sehr unter dem Einfluß von Männern dieses Schlages stand.

Die großmütige und unabhängige Stellung, die Schurz in der Politik von Missouri eingenommen hatte, war nicht die einzige Veranlassuug für die Ungnade Grants. Das Verhalten des Senators gegenüber den Versuchen des Präsidenten, Santo Domingo zu annektieren, hatte nicht wenig dazu beigetragen.

Unter grober Mißachtung alles diplomatischen Brauches hatte der Privatsekretär des Präsidenten, General Babcock, der sich im Sommer 1869 zur Erledigung anderer Angelegenheiten in Santo Domingo aufhielt, dort ein Abkommen durchgesetzt, das die Annektierung dieser Republik vorsah. Als das Kabinett davon erfuhr, weigerte es sich entschieden, einem solchen Projekt seine Zustimmung zu geben, und der Minister des Äußern bot seine Demission an. Trotzdem widmete sich Grant mit mehr Mut als Klugheit der schwierigen Aufgabe, die Annektierung zu erzwingen. Ohne sich weiter um die Stimmung der anderen Kabinettsmitglieder zu bekümmern, bestimmte er durch dringende persönliche Vorstellungen den Minister des Äußern, im Amte zu bleiben und die nötigen Schritte zu tun, um den Verhandlungen Babcocks die amtliche Sanktion zu verleihen. Infolgedessen wurde auch wirklich unmittelbar vor der Kongreßeröffnung im Dezember 1869 ein Vertrag unterzeichnet. Der Präsident nahm es nun auf sich, vom Senat, dessen Zustimmung verfassungsgemäß nötig war, die Genehmigung des Vertrages zu erlangen. In dem ursprünglichen Abkommen war ein wirklich origineller Zug der Diplomatie Babcocks die feste Zusage gewesen, der Präsident werde seinen ganzen persönlichen Einfluß in die Wagschale werfen, um für das Projekt der Annektierung bei den Mitgliedern des Kongresses Stimmung zu machen und es auf diese Weise durchzusetzen. Im Sinne dieser Zusage fing der Präsident sofort eine Reihe von Unterredungen mit Senatoren an, die sich bis zur Entscheidung der Frage fortspannen.

Während dieser Session starb Fessenden, ein wichtiges Mitglied des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, und Charles Sumner setzte als Vorsitzender des Komitees schleunigst die Wahl Schurz’ an Stelle des verstorbenen Senators durch. Dank der intimen Freundschaft die, Sumner mit Schurz verband, gestalteten sich diese näheren Beziehungen sehr angenehm, und Schurz’ reiche und vielseitige Erfahrungen im Ausland und sein weiter Ausblick waren in der Behandlung internationaler Fragen von großem Werte. Dieser Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten war der einzige, dem Schurz während seines Amtes als Senator dauernd angehörte. Vorübergehend war er allerdings auch Mitglied des Komitees für Militärangelegenheiten, für Pensionen und für Territorialverwaltung; augenscheinlich aber bot sich ihm in diesen keine Tätigkeit, die ihn genügend befriedigt hätte, um eine Wiederwahl,zu betreiben.

Über den Versuch, den Grant bei ihm machte, um ihn für sein Lieblingsprojekt zu gewinnen, erzählt Carl Schurz selbst: »Bei einem Abendempfang, den der Schriftführer des Senats gab, traf ich Präsident Grant. Ich war etwas überrascht, als der Präsident vom andern Ende des Zimmers auf mich zukam und zu mir sagte: »Herr Senator, Sie suchen mich ja gar nicht im Weißen Hause auf, und ich möchte doch schon lange mit Ihnen sprechen« Das Einzige, was ich darauf erwidern konnte, war, daß ich sehr bedauere, die Gelegenheit zu einer Unterhaltung mit ihm versäumt zu haben, aber ich wisse, er sei ein vielbeschäftigter Mann, dessen Zeit man nicht mit rein förmlichen Besuchen in Anspruch nehmen dürfe. Er wiederholte dann, daß ihm viel daran liege, mich zu sprechen. Ob ich ihn nicht recht bald einmal am Abend aufsuchen wolle. Ich stellte mich ihm sofort zur Verfügung und ging am nächsten Abend in das Weiße Haus. Er empfing mich in der Bibliothek und lud mich zu sich auf das Sofa. Und dann ging er gleich auf die Sache ein, die ihm am Herzen lag. »Wie ich höre, sind Sie Mitglied des Senatsausschusses, der den Vertrag mit Santo Domingo zu beraten hat, sagte er, und ich sähe es gern, wenn Sie für den Vertrag einträten. Wollen Sie das nicht tun?« Ich hielt es für das Beste, auf eine so unumwundene Aufforderung nicht mit Umschweifen zu antworten, sondern ganz offen zu sprechen. Ich versicherte ihm, es würde mir eine aufrichtige Freude sein, der Regierung, wann und wo immer ich das vor meinem Gewissen verantworten könne, meine Unterstützung zu leihen, aber in diesem besonderen Falle müsse ich zu meinem Bedauern gestehen, daß ich nicht nach seinem Wunsche handeln könne, da es meine auf richtige Überzeugung sei, daß das gegen die wahren Interessen des Landes verstoße. Dann führte ich einige meiner Hauptgründe an, die in kurzem auf das folgende hinausliefen: der Erwerb und Besitz solcher tropischer Länder mit einer ganz fremdartigen, nicht assimilierbaren Bevölkerung würde dem ganzen Wesen unserer republikanischen Regierungsform äußerst nachteilig sein; er würde die Rassenprobleme, mit denen wir schon zu kämpfen hätten, noch bedeutend erschweren; diese Tropenländer könnten ihrer klimatischen Verhältnisse wegen nie vorwiegend mit Menschen germanischer Abstammung besiedelt werden; unser Staatenbund könne es nicht auf sich nehmen, sie einfach mit Waffengewalt zu beherrschen, ohne seine eigentlichsten Lebensprinzipien aufs Bedenklichste zu gefährden, während anderseits nicht daran zu denken sei, der eingeborenen Bevölkerung einen Anteil an der Regierung unseres Landes zu gewähren; zu den Schwierigkeiten, mit denen wir unter den bestehenden Verhältnissen in den Südstaaten zu kämpfen hätten, würden uns noch größere und langwierigere erwachsen; und demgegenüber biete der Plan absolut nichts, was all diese Nachteile aufwöge. Außerdem aber hätten mich Unterredungen mit Mitgliedern des Senats überzeugt, daß der Vertrag keine Aussicht habe, die zur Bestätigung nötige Zweidrittelmehrheit zu erlangen, und ich bedaure aufrichtig, daß sich die Regierung einer Niederlage aussetze, die mir unvermeidlich erscheine.

Ich hatte mit dem Feuer aufrichtiger Überzeugung gesprochen, und zuerst hörte mir der Präsident mit augenscheinlichem Interesse zu und sah mich dabei an, als ob die Einwände, die ich gegen den Vertrag vorbrachte, ihm ganz neu wären und Eindruck auf ihn machten. Aber nach kurzer Zeit merkte ich, wie er die Augen im Zimmer umhergehen ließ, und mir wurde zweifelhaft, ob er mir überhaupt noch zuhörte. Als ich zu Ende gesprochen hatte, saß er ein paar Minuten lang schweigend da. Ich verhielt mich natürlich auch still und wartete auf eine Entgegnung. Endlich sagte er in ganz ruhigem Ton, als ob nichts vorgefallen wäre: »Nun, dann werden Sie hoffentlich für die Bestätigung von Herrn Jones stimmen, den ich für einen Gesandtschaftsposten vorgeschlagen habe.«

Dem Senator Sumner machte Grant um Neujahr 1870 einen Besuch und bat ihn, für die Ratifizierung des Vertrages mit Santo Domingo einzutreten. Dieses Überraschende und höchst ungewöhnliche Vorgehen brachte den sonst nicht leicht zu verwirrenden Senator ganz außer Fassung; er gab eine ausweichende Antwort, erklärte aber doch gleichzeitig, er sei »regierungsfreundlich«. Der Präsident hörte von der Antwort wohl nur diesen Ausdruck oder erinnerte sich seiner allein, denn er behauptete später immer, der Senator habe ihm seine Unterstützung versprochen. Aber Sumner gelangte sehr bald zu der Überzeugung, daß die Annektierung der Negerrepublik durchaus nicht wünschenswert sei. Schurz hatte, wie wir zeigten, schon bei der ersten Andeutung· des Projektes energisch dagegen opponiert, und nun unterstützte er Sumner auf das wärmste und eifrigste in dessen Bemühungen, die Ratifizierung des Vertrages zu verhindern. Viele Jahre später, als Schurz eines Abends eben das Hotel Arlington in Washington verlassen wollte, blieb er vor dem Hause Sumners, das jetzt den östlichen Teil des »Annexes« des Hotels bildet, stehen und sagte zu seinem Begleiter, indem er auf die Fenster des ersten Stockwerkes wies: »Ach, wie viele lange Abende habe ich dort oben mit Sumner in seinem Arbeitszimmer gesessen! Dort war es, wo wir die Pläne schmiedeten, die Grants Annektierungsprojekt zum Scheitern brachten.« Obgleich Sumner infolge seines großen Rufes und seines heftigen persönlichen Zerwürfnisses mit Grant der eigentliche Rufer im Streite gegen die Annektierung war, so hatte doch Carl Schurz den Löwenanteil an der sorgfältigen Ausarbeitung der Pläne, die zur Niederlage des Präsidenten führten.

Die Aufgabe wäre eine leichte gewesen, wenn es sich bei Ratifizierung des Vertrages lediglich um diese Einzelfrage gehandelt und nicht allgemeine Fragen der Parteipolitik mit hineingespielt hätten. Anfangs erklärten sich nur wenige Senatoren bestimmt zugunsten der Annektierung, und die Mehrzahl der Republikaner verhielt sich gleichgültig, mit einer Neigung zur Opposition. Aber auf diese ursprünglich gleichgültige Stimmung verfehlte nun der große Ernst, mit dem der Präsident seinen Plan betrieb, seine Wirkung nicht. Erst ein Jahr war verflossen, seit Andrew Johnson das Weiße Haus verlassen hatte, und viele Republikaner bebten mit Entsetzen vor dem Gedanken an einen neuen Konflikt mit dem Staatsoberhaupte zurück. Sie fürchteten die Gefahr der Annektierung von Santo Domingo weniger als den Bruch zwischen der republikanischen Partei und ihrem offiziellen Führer. Und so gaben schließlich Parteirückfichten bei den meisten republikanischen Senatoren den Ausschlag Gegen derartige Erwägungen mit Erfolg anzukämpfen, war Carl Schurz nicht eigentlich der Mann. Seine ganze Art zu denken machte es ihm unmöglich, den Parteigedanken als solchen richtig einzuschätzen. Dennoch errangen er und Sumner mit Hilfe der Demokraten den Sieg; am 29. Juni 1870 lehnte der Senat die Ratifizierung mit 28 gegen 28 Stimmen ab; zur Annahme wäre eine Zweidrittelmehrheit erforderlich gewesen.

Grant war zwar über dieses Ergebnis äußerst aufgebracht, aber gab die Schlacht noch keineswegs verloren. Bei Eröffnung der folgenden Session des Kongresses, im Dezember 1870, trat er in seiner Jahresbotschaft dringend für die Annektierung ein und schlug vor, die Frage durch eine vom Senat und Repräsentantenhaus in gemeinsamer Tagung angenommene Resolution zu entscheiden, wie man das seinerzeit mit Texas getan hatte, oder aber zum Zweck neuer Vertragsverhandlungen eine Kommission zu ernennen. Während des Sommers war es dem Präsidenten gelungen, seinen Einfluß auf die zu verstärken, die ihn schon früher unterstützt hatten, und gleichzeitig hatte er seinem, tiefen Groll gegen Sumner, den er für die Verwerfung des Vertrages vornehmlich verantwortlich machte, unverhohlenen Ausdruck geliehen. Bei Sumner hatte sich in gleichem Maße tiefe Verachtung für Grant festgesetzt, und wenn er dieses Gefühl auch nicht frei aussprach, so war es doch ein öffentliches Geheimnis. Als daher die Frage der Annektierung in der Jahresbotschaft von 1870 wieder angeregt wurde, machte man sich auf einen heftigen Zusammenstoß zwischen Sumner und der Regierung gefaßt, und der ließ denn auch nicht lange auf sich warten.

Morton, einer der Führer der Getreuen des Präsidenten, brachte im Senat den Antrag ein, eine Kommission zu ernennen, die Santo Domingo besuchen und über die dort herrschenden Zustände berichten sollte. Nach den Versicherungen, die Morton seinem Kollegen Sumner gab, sollte dieser Antrag nur dazu dienen, die ganze Frage mit Anstand aus der Welt zu schaffen und dem Präsidenten die Demütigung einer offenen Niederlage zu ersparen. Aber Sumner wies den Gedanken, den Antrag ohne Einspruch durchgehen zu lassen, mit Entrüstung zurück, und eine heftige Rede, die mit den Worten begann: »Der dem Senat vorliegende Antrag verpflichtet den Kongreß zu einem blutigen Tanze«, führte zum offenen und unheilbaren Bruch mit dem Präsidenten. Diese Rede, die von den beleidigendsten Unterstellungen gegen Grant und seine Ratgeber strotzte, war den besonneneren Freunden Sumners sehr peinlich. Sie lenkte die Aufmerksamkeit von der Hauptfrage ab, in der sich die öffentliche Meinung der Opposition zuneigte, und auf die persönliche Feindschaft zwischen Grant und Sumner hin. Und hier vermochten es alle Künste boshafter Beredsamkeit nicht, dem schweigsamen Kriegshelden die Liebe und Zuneigung des Volkes zu entfremden. Die Debatte über den Antrag drehte sich hauptsächlich um Sumners persönliche Beweggründe und sein Verfahren, und es wurde ihm von den Freund en des Präsidenten, besonders von Zachariah Chandler und Roscoe Conkling, übel mitgespielt.

In Temperament und Selbstbeherrschung ganz von Sumner verschieden, war Carl Schurz durch die Wendung, die dieser Austausch von persönlichen Ausfällen der Sache gegeben hatte, aufs peinlichste berührt. Er befürchtete schlimme Folgen sowohl für seinen Kollegen, als für die vorliegende Frage. Während der Vertrag dem Senat vorlag, hatte Carl Schurz in einer offenen Aussprache mit Grant erfahren, wie zähe dieser an dem Plane der Erwerbung Santo Domingos festhielt. Der Bann, den Grant im Wahlkampfe von 1870 über die »Liberalen« in Missouri verhängt hatte, war eine öffentliche Erklärung, daß der Präsident denjenigen seine Gunst entziehen werde, die wie Schurz, seinen Plänen aus Santo Domingo ihre Unterstützung verweigerten. In einer Anzahl von Staaten bot sich vielversprechende Gelegenheit, die Entschließungen der Senatoren durch den mittels der Parteiorganisation ausgeübten Druck der Regierung zu beeinflussen. Unter solchen Umständen hegte Carl Schurz ernste Befürchtungen, es könnte trotz der gegenteiligen Versicherungen Mortons plötzlich wieder der Plan der Annektierung auftauchen. Einer solchen Gefahr ließ sich am sichersten dadurch begegnen, wenn man die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Hauptfrage zurücklenkte. Dies versuchte Schurz am 11. Januar 1871 in einer tiefdurchdachten Rede im Senat. Er vermied sorgfältig alle nicht zur Sache gehörigen Fragen, die Sumners heftiger Ausfall in die Debatte eingeführt hatte, und beschränkte sich im wesentlichen auf den einen Gegenstand der Annektierung von Santo Domingo. Das war charakteristisch für Schurz’ überlegene Art, die öffentliche Meinung zu bilden und zu leiten.

Das Hauptargument für seine Rede fand Schurz in allgemeinen Erwägungen, die eine Gebietserweiterung in den Tropen unratsam erscheinen ließen. Gleich als die Annektierung von Santo Domingo zuerst angeregt wurde, hatte Schurz instinktiv gefühlt, daß ganz abgesehen davon, ob überhaupt eine Gebietsvermehrung wünschenswert sei, die geographische Lage dieses Landes zur Verwerfung des Projektes führen müsse. Diesen Grundgedanken führte er nun weiter aus, indem er, mit weitem Blick und nach großen Gesichtspunkten die Geschichte der Menschheit überschauend, nachwies, daß die Tropen der Entwicklung einer höheren Kultur ungünstig sind, daß sie politische und soziale Zustände erzeugen, in denen unfehlbar die Extreme von Sklaverei und Despotismus vorherrschen müssen. Alle-Schwierigkeiten, die den Vereinigten Staaten aus der Sklaverei erwachsen seien, ließen sich auf die natürliche Tendenz des Südens zurückführen, die politischen Zustände und Methoden der Tropen zu begünstigen. Die Völker Europas hätten im Laufe der Geschichte ohne Unterlaß, aber vergebens danach getrachtet, in wärmeren Landesstrichen, als denen der Heimat, sich Macht und Einfluß zu sichern. Ein romantischer Zug nach dem Süden habe manch glückliches Volk ins Verderben gelockt. Und mit Worten, wie nur der sie findet, der unter dem Einfluß der Ideale und Traditionen groß geworden ist, die der deutschen Volksbewegung von 1848 zugrunde lagen, führte Schurz als warnendes Beispiel die Geschichte seines Vaterlandes an. In den lieblichen Gefilden Italiens hat das deutsche Kaiserreich seine Lebenskraft erschöpft; auf der Jagd nach südlichen Phantomen hat es seine glänzenden Hoffnungen auf nationale Einheit verscherzt. In der Umarmung dieser lieblichen Zauberin des Südens hat, so zu sagen, das deutsche Kaiserreich seine Manneskraft verloren. Als näher liegendes und unmittelbar anwendbares Beispiel der zu vermeidenden Gefahren verwies er auf die Erfahrungen Englands in Indien, auf die Frankreichs in Mexiko und schließlich auch auf die Frankreichs und Spaniens in Santo Domingo selbst und schloß mit den Worten: »Lassen Sie sich nicht auf derlei Projekte ein; spielen Sie nicht mit Dingen, die die Zukunft dieser großen Nation vergiften können. Hüten Sie sich vor den Tropen!«

Diese Rede erntete großen Beifall und vielseitiges Lob. In späteren Jahren hielt Carl Schurz sie selbst für eine der drei besten, die er im Senat gehalten hatte. Ihre Wirkung auf seine Kollegen aber stand selbstredend in keinem Verhältnis zu ihrem Werte. Mortons Antrag wurde von beiden Häusern mit großer Majorität angenommen, und demgemäß ging eine Kommission nach Santo Domingo ab und erstattete einen der Annektierung günstigen Bericht. Aber Grant, der endlich einsah, daß die öffentliche Meinung nicht auf seiner Seite stand, verzweifelte an dem Erfolg seines Unternehmens. Wie wir sehen werden, war er früher als seine Gegner bereit, die Sache ganz fallen zu lassen.

Unterdessen hatte die Diskussion die Scheidelinie zwischen den Freunden und Gegnern der Exekutive unter den Republikanern im Kongreß schärfer gezogen und denen, die die Politik, des Präsidenten verurteilten, reichliche Munition für den kommenden Kampf geliefert.

Bei der Eröffnung des 42. Kongresses, im März 1871, wählten die republikanischen Senatoren in der Vorversammlung Cameron an Sumners Stelle zum Vorsitzenden des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten. Dieser Schritt – die Nichtwiederwahl des Vorsitzenden eines wichtigen Ausschusses ohne dessen Einwilligung – war ein höchst ungewöhnliches Verfahren, und Sumner erblickte darin einen von der Regierung eingegebenen Racheakt. In Wirklichkeit hatten auch andere Einflüsse mitgewirkt, die jedoch zurzeit noch im Dunkel blieben. Carl Schurz sowie andere Senatoren, darunter sogar einige, die in der Regel zur Regierungspartei hielten, protestierten mit großer Wärme gegen die Verdrängung Sumners, jedoch vergebens.

Während derselben Session erklärte sich Grant, durch Morton und andere eifrige Anhänger angespornt, für die Verwendung von Bundestruppen zur Unterdrückung der Ku-Klux-Unruhen. Diese Politik unterstützte Sumner rückhaltlos, denn sie schien ihm nur eine neue Phase der alten Antisklavereibewegung, die so lange sein ganzes Denken ausgefüllt hatte. Schurz, obgleich nicht weniger Freund der Schwarzen, war ein weitblickender Staatsmann und hatte seit 1865 die »südliche Frage« gründlich studiert, sich einen offenen Sinn bewahrt und selbst inzwischen im Süden seinen Wohnsitz aufgeschlagen. Mit dem Stimmrecht der Neger hatte er in Missouri praktische Erfahrungen gesammelt, und es entging ihm nicht, welche bedeutende Rolle bloße Parteirücksichten bei der Förderung des Planes der Regierung gegen die Ku-Klux-Unruhen spielten. Und so sah er sich zu einer Handlungsweise gezwungen, die von der seines Freundes Sumner abwich. Nahezu alle andern republikanischen Senatoren der Grant feindlichen Gruppe stimmten mit Schurz überein. Bis dahin war Sumner wegen seiner hervorragenden Stellung wenigstens nominell der Führer dieser Gruppe gewesen, nun aber fiel diese Leitung, soweit überhaupt von einer solchen die Rede sein konnte, Carl Schurz zu.

Ende März 1871 war Santo Domingo zum letzten Male Gegenstand einer großen Debatte. Sumner hatte dem Senat eine Reihe von Resolutionen unterbreitet, in denen die Verwendung der Flotte, in Verbindung mit Babcocks Besuchen sowohl als mit späteren Vorgängen unter dem Präliminarabkommen, mißbilligt wurde. Dies berührte den wundesten Punkt im Verhalten des Präsidenten; denn unter wirklich naiver Mißachtung alles diplomatischen und internationalen Brauches hatten Grant, Marineminister Robeson, Babcock und mehrere Marineoffiziere tatsächlich mit den Waffen Besitz von Santo Domingo genommen und Haiti gegenüber kriegerische Schritte getan, und dies einzig und allein auf Grund der erhofften Ratifizierung des Vertrages. Schurz’ Rede über die Resolutionen war eine äußerst wirkungsvolle Darlegung des Völkerrechts Morton, der, wie er dies wiederholt in der Debatte mit Schurz tat, von der Voraussetzung ausging, daß es letzterem bei seiner deutschen Herkunft an genauerer Kenntnis der amerikanischen Geschichte mangele, machte den Versuch, Carl Schurz durch Anspielungen auf Ereignisse im Anfang des mexikanischen Krieges ein Bein zu stellen. Aber was er darüber Vortrag, verriet eigene ungenügende Vorkenntnisse. Und so war es Schurz ein Leichtes, ihm eine gründliche und für alle, mit Ausnahme des Abgeführten, belustigende Niederlage zu bereiten. Sumners Resolutionen gingen selbstverständlich nicht durch, aber ihr Hauptzweck war erreicht, und die allgemeine Aufmerksamkeit auf verschiedene sehr unüberlegte Handlungen der Exekutive gelenkt.

Mit Bezug auf die Ku-Klux-Frage, welche im Frühjahr 1871 das Hauptthema der Debatten bildete, gab sich bei den Radikalen, sobald sie ihrem Vorgehen die Unterstützung des Präsidenten gesichert hatten, der feste Vorsatz kund, sie zum Prüfstein der Parteitreue zu machen, und so die Aufstellung und Wiederwahl Grants im Jahre 1872 durchzusetzen Die berüchtigte Ku-Klux-Akte wurde am 20. April 1871 Gesetz. Sie gab nicht nur den Bundesgerichten umfassende Jurisdiktion in der Ahndung der Gewalttaten, sondern erteilte auch dem Präsidenten das Recht, über Distrikte, in denen der Ku-Klux sein Wesen oder vielmehr sein Unwesen trieb, den Belagerungszustand zu verhängen, die Habeas-corpus-Akte aufzuheben und die Unruhen durch Militärgewalt zu unterdrücken. Tatsächlich lief das auf die Aufstellung der Theorie hinaus, daß der Süden sich wieder, wie im Jahre 1861, im Zustande der Insurrektion gegen die Autorität der Bundesregierung befinde. Die Radikalen behaupteten, die ausgedehnte Organisation des Ku-Klux bedeute ein Wiederaufleben der großen Rebellion, und die republikanische Partei müsse unter der Leitung des Mannes, der die Rebellen im Felde überwältigt habe, verhüten, daß diese nun durch Schliche der Verschwörung ihrer Sache zum Siege verhülfen.

Carl Schurz opponierte dieser Gesetzesvorlage aufs energischste. Seine Beweisführung war die gleiche wie bei den weniger drastischen Vorlagen (siehe oben) des vorhergehenden Jahres. Er war der Ansicht, daß man die Zahl des Ku-Klux gewaltig übertreibe und den Zweck dieser Verbindung aufs krasseste entstelle. Die Ausschreitungen, die man dem Geheimbunde in die Schuhe schiebe, seien nichts Neues, sondern einfach Symptome der allgemeinen Störung der Verhältnisse, die sich aus der sozialen Umwälzung im Süden ergebe, und sie seien weder so zahlreich noch so bedenkenerregend wie die, welche nach der Kapitulation im Jahre 1865 stattgefunden hätten. Die Mißbräuche unter der Regierung der Rekonstruktion hätten die Übel gesteigert und ihre Heilung verzögert, aber die Zeit werde wieder geordnete Zustände schaffen. Die Lage der Dinge rechtfertige keineswegs die Gesetzesvorlage mit ihrer übertriebenen Zentralisation, ihrer rücksichtslosen Mißachtung der Rechte der Einzelstaaten und ihrer »neuen Doktrin der konstruktiven (d. h. als existierend angenommenen) Rebellion, die der erste Schritt zu einer Doktrin des konstruktiven Hochverrates sei.«

Auf die schroffe und beharrliche Forderung der Befürworter dieser Maßregel, ihre Annahme zum Prüfstein der Treue gegen die republikanische Partei zu machen, gab Schurz die unumwundene, nicht zu mißdeutende Antwort: »Ich stehe in der republikanischen Partei als ein unabhängiger Mann«. Er erklärte kategorisch, er werde nicht mit der Partei durch dick und dünn gehen; er sei ein »liberaler« Republikaner. Und das politische Glaubensbekenntnis der Liberalen laute: »Wir wünschen Frieden und Versöhnung überall. Wir wünschen die Beseitigung aller politischen Rechtsverkürzungen und die Aufrechterhaltung der lokalen Selbstregierung, soweit sich dies irgend mit der bestehenden Konstitution verträgt. Wir wünschen, daß die mit dem Bürgerkriege verknüpften Fragen endgültig gelöst werden, um sobald als möglich den neuen Aufgaben der Gegenwart und Zukunft freien Raum zu schaffen.«

Diese Erklärung hatte eine nicht mißzuverstehende Bedeutung. In ihr warf eine politische Bewegung ihren Schatten voraus, die sich auf derselben Bahn bewegte, wie die kurz zuvor in Missouri zum Siege gelangte, und die gegen die Politik und die Männer der republikanischen Regierung gerichtet war. Sie wies auf eine Neuordnung der Parteigrenzen und ganz besonders auf eine kräftige Opposition gegen die Wiederaufstellung Grants zum Präsidentschaftskandidaten hin. Unter den Republikanern im Senat war die Gruppe der unbedingten Gegner der Regierung klein, nur Schurz, Ferry, Trumbull und Tipton zählten dazu. Unter den Zeitungsredakteuren und andern einflußreichen Parteimitgliedern war dagegen die Unzufriedenheit mit Grant weitverbreitet; besonders sprachen Greeley, Horace White, Halstead, Samuel Bowles ihre Meinung unumwunden und mit nachhaltiger Wirkung aus.

Wie rein auch Grants Beweggründe und Absichten sein mochten, so war seine tatsächliche Leitung der Regierungsgeschäfte nichts weniger als einwandfrei. Die Rücksicht auf Freunde und Verwandte hatte ihn dazu verleitet, eine ungewöhnlich große Anzahl von Stellen mit völlig Unfähigen Beamten zu besetzen, die sowohl ihm als sich selbst Unehre machten. Seine Erkenntlichkeit gegen die Kongreß-Mitglieder, die für seine Santo Domingo-Politik eingetreten waren, hatte zur Folge, daß in einer Anzahl von Staaten das Personal der Bundesbeamten zu einem Werkzeug herabgewürdigt wurde, dessen Zweck die Förderung einer rein persönlichen Interessenpolitik war. So übten beispielsweise Morton in Indiana, Conkling in New York, Chandler in Michigan, Cameron in Pennsylvanien und Butler in Massachusetts, dank der ihnen vom Präsidenten gewährten Verfügung über die Beamtenstellen, eine wahrhaft autokratische Gewalt aus. In den rekonstruierten Staaten des Südens wurde die Gunst der Regierung zur Aufrechterhaltung geradezu schreiender Mißbräuche benutzt. In New Orleans waren so, in Verbindung mit Streitigkeiten innerhalb der republikanischen Partei, ein Zollkutter und Bundestruppen ganz offen zur Förderung der Interessen der Gruppe verwandt worden, die die Gunst des Zolleinnehmers Casey, eines Schwagers von Grant, genoß. In Anbetracht der in der KuKlux-Akte verkörperten Politik drängte sich vielen Republikanern die Besorgnis auf, man hege die Absicht, die Wahl Grants im Jahre 1872 durch Wiedereinsetzung einer Militärverwaltung im Süden zu bewerkstelligen.

Unter diesen Umständen war es begreiflich, daß die im öffentlichen Leben stehenden Männer während der Kongreßferien eifrige Umschau hielten nach den ihrer Seite günstigen Chancen und nach Blößen, die sich der Gegner gegeben hatte, um beides als Munition in dem kommenden Wahlkampfe zu verwerten. Carl Schurz blieb in enger Fühlung mit allen Liberalgesinnten und arbeitete eifrig an einem Plan, um die Wiederwahl Grants zu verhindern.

Als der Kongreß im Dezember 1871 wieder zusammentrat, brannten beide republikanischen Gruppen im Senat darauf, jeden sich bietenden Anlaß zu parlamentarischen Kämpfen im Fraktionsinteresse auszunützen. Gleich im Anfang der Session bot sich Sumner und Schurz eine günstige Gelegenheit, die Regierung, wie schon früher einmal, wegen ihres Verhaltens gegenüber fremden Mächten anzugreifen. Es handelte sich um den Verkauf von Waffen, die im Herbst und Winter 1870 in großen Mengen nach Frankreich gegangen waren. Sobald es im Lande bekannt worden war, daß die Regierung Waffen an Frankreich liefere, hatte sich begreiflicherweise der amerikanischen Bürger deutscher Abkunft eine große Erregung bemächtigt, überall wurden Versammlungen abgehalten und Resolutionen angenommen und Carl Schurz persönlich fast unter einer Lawine von Briefen, Protesten und Resolutionen begraben, die ihn drängten, die Regierung im Senate wegen des Waffenverkaufs zur Rede zu stellen. Den Geist dieser Kundgebungen kennzeichnen deutlich folgende Sätze aus einer von ihnen, die ihm mit Tausenden von Unterschriften von Bürgern aus Wisconsin zuging.

»In Anbetracht der Tatsache, daß das deutsche Volk im Bürgerkriege sich nicht mit dem bloßen Ausdruck der Teilnahme für die Vereinigten Staaten begnügt, sondern den Kredit der Republik durch den Ankauf von Obligationen in großer Menge gehoben, und aus diese Weise dazu beigetragen hat, die Mittel zur erfolgreichen Bekämpfung der Rebellion aufzubringen, und daß ferner fast jeder waffenfähige Deutschamerikaner damals dem Aufrufe des Präsidenten Folge leistete und unter die Waffen trat, sprechen wir, als Männer deutscher Abkunft und freie Bürger der amerikanischen Republik, unsere Mißbilligung aus, daß dieselben Waffen, die wenigstens zum Teil mit unserm Gelde gekauft und von uns im Rebellionskriege getragen worden sind, jetzt nach Frankreich geschickt werden, um dort dazu zu dienen, unsere Brüder und Verwandten zu töten.«

Carl Schurz aber gab diesem Drängen nicht nach, denn er fürchtete bei der anmaßenden Haltung der regierungsfreundlichen Majorität im Senat ernstliche internationale Verwicklungen. Um jedoch die Einstellung der Verkäufe zu bewirken und so die Quelle einer bedenklichen Erregung zu verstopfen, wandte er sich an den Kriegsminister und bat ihn, wenn auch nur mit Rücksicht auf die innerpolitischen Folgen, den Beschwerden abzuhelfen. Aber er predigte tauben Ohren, denn der Minister gab ihm bei verschiedenen Besprechungen immer die gleiche Antwort: die Regierung habe ein Recht, Waffen an amerikanische Bürger zu verkaufen; er wisse nichts davon, daß die Waffen in die Hände von französischen Agenten gelangten, und er sehe keinen Grund, die Verkäufe einzustellen. Erst als Schurz die Hilfe des Ministers des Auswärtigen in Anspruch nahm, waren seine Bemühungen von Erfolg gekrönt, und er erhielt von beiden Ministern eine dahin gehende formelle Mitteilung. Damit war die Sache scheinbar erledigt, aber bei weiterem Nachforschen hatten sich dann für Sumner und Schurz Tatsachen ergeben, die auf Mißbrauch der Amtsgewalt und Bestechung im Kriegsministerium und auf grobe Vernachlässigung der Pflichten deuteten, die der Republik als neutraler Macht oblagen, und so schritt man denn zum Angriff.

Sumner brachte also eine Resolution ein, die eine Untersuchung bezüglich des Verkaufs von Waffen an Frankreich verlangte, und begründete dann am 13. Februar seinen Antrag in längerer Rede. Aber er war mit den Einzelheiten der Sache nicht genügend vertraut, und während er den Vorwurf, daß das Verhalten der Regierung Tadel verdiene, klar genug machte, erbrachte er den Beweis seiner Behauptung doch nicht in genügend eindrucksvoller Weise. Carl Schurz hatte ursprünglich gar nicht beabsichtigt, sich hervorragend an der Debatte zu beteiligen. Als aber die Eideshelfer der Regierung, Morton, Carpenter, Conkling und andere, zur Verteidigung des Kriegsministeriums herbeieilten, rief Sumner in schwerer Bedrängnis Carl Schurz dringend zu Hilfe. Vom 15. Februar bis Ende des Monats ruhte auf diesem nun fast ohne Unterbrechung die Bürde einer äußerst heftigen politischen Debatte. Am 19. und 20. Februar erreichte der Kampf seinen Höhepunkt, und Carl Schurz hatte den Sieg errungen.

In seiner Rede am 15. Februar führte Schurz vor allem aus, daß ihm seit jenen Bemühungen im vergangenen Jahre, die Waffenverkäufe an Frankreich zu verhindern, vieles bekannt geworden sei, was das Verhalten der Regierung in ein noch weit ungünstigeres Licht stelle. Nicht nur Waffen seien durch Zwischenhändler an eine der kriegführenden Mächte verkauft, sondern auch Munition für den Verkauf fabriziert worden; die Verhandlungen seien durch die Hände eines Mannes gegangen, der als Agent der französischen Regierung bekannt war; große Summen Geldes seien dabei auf geheimnisvolle Weise verschwunden. All dies habe nur einen schon früher gehegten Verdacht verstärkt; für das Verhalten der Regierung gebe es nur die ein e Erklärung, daß dem Ganzen irgendein »Geschäftchen« zugrunde liege, daß irgend jemand seine amtliche Stellung zu persönlichem Vorteile gemißbraucht habe. Denn sonst sei es ja unbegreiflich, wie die Regierung etwas habe tun können, was sie in ihren Beziehungen zu einer fremden Macht kompromittieren und das gute Verhältnis trüben müsse, das zwischen ihr und einer großen, achtbaren und patriotischen Klasse der Bevölkerung bestehe. Es herrsche im Lande der Eindruck, daß irgendwo eine »militärische Clique« sitze, die einen ungesunden, weitreichenden, korrupten und gefährlichen Einfluß auf die Regierung ausübe. Dieser Eindruck nehme stetig an Stärke zu, und ob nun ein solcher Verdacht begründet sei oder nicht, so werde die geforderte Untersuchung Licht in der Sache schaffen und damit den besten Interessen des Landes und der Ehre des amerikanischen Namens dienen.

Morton betonte in seiner Erwiderung am 16. Februar besonders, daß die ganze Agitation nur in Szene gesetzt sei, um bei den Deutschen in Amerika gegen Grant und die republikanische Partei Stimmung zu machen. Aber man werde seinen Zweck nicht erreichen. Denn die Deutschen im Lande seien intelligente und gebildete Leute, die sich ganz unabhängig ihre eigene Meinung bildeten und die amerikanische Politik, die Ziele und das Wesen der Regierung ausnehmend wohl verstünden. »Die Deutschen hier im Lande gehören niemand zu eigen. Sie lassen sich von niemand in die Tasche stecken, und wäre sie noch so groß. Sie lassen sich nicht als Tauschobjekt behandeln. Sie lassen sich nicht nach der Laune und dem Einfall von politischen Machern von einer Partei zur andern führen. Sie stehen treu zu ihren Prinzipien, und man bringt sie von der Vertretung dieser Prinzipien nicht dadurch ab, daß man ihnen weis macht, die Regierung habe durch den gesetzwidrigen Verkauf von Waffen während des vergangenen Krieges bis zu einem gewissen Grade zur Unterstützung Frankreichs beigetragen.«

Die Debatte verursachte große Aufregung und brachte ein zahlreiches Publikum auf die Galerien. Am 19. Februar hielt Conkling eine sorgfältig ausgearbeitete Rede, in der er die Regierung verteidigte und Sumner und Trumbull angriff. Die ganze Koterie des Weißen Hauses hatte sich eingefunden, um Zeuge der Niederlage der Regierungsgegner zu sein. In langer Reihe zählte er die Beweggründe auf, die zur Einbringung der Resolution und der Rede Sumners geführt hätten, und brandmarkte sie als Beweise eines Mangels an Patriotismus. Aber der Hauptgrund, weshalb die regierungsfreundliche Majorität die Untersuchung mit so außerordentlicher Unruhe betrachtete, wurzelte, wie schon angedeutet, nicht so sehr in Erwägungen internationaler Natur als vielmehr in dem Wunsche, die Republikaner auf alle Fälle am Ruder zu erhalten, und in der Furcht, die deutschen Stimmen der Partei verloren gehen zu sehen. Das führte Conkling auch dazu, gegenüber der von Schurz erwähnten »militärischen Clique« von einer »Senatorenclique« zu sprechen, die nicht die Franzosen, sondern die demokratische Partei mit Munition versehen und, unter republikanischer Flagge segelnd, das Schiff der republikanischen Partei zum Scheitern bringen wolle. Aber die Deutschen würden sich von niemand täuschen, nasführen oder verhandeln lassen; sie hätten zu viel für die Erhaltung der Nation getan, als daß sie das Land so bald wieder der Partei ausliefern sollten, die es an den Rand des Verderbens gebracht hätte. Die Deutschen und alle andern Bürger von gesundem Menschenverstande wüßten, daß die Agitation für eine dritte Partei und jeder Abfall von der republikanischen nur die Unterstützung der Demokraten bedeuten könne, und daß eine solche Kalamität zu ihrer Empfehlung etwas mehr verlange, als die Beschwerden und Empfindlichkeiten von Individuen.

Aber Conkling begnügte sich nicht damit, die Reinheit der Beweggründe anzuzweifeln, die zur Einbringung der Sumnerschen Resolution geführt hatten; er ging kühn zum Angriff über und beantragte ein Amendement, das auf Grund eines alten Spionagegesetzes aus dem Jahre 1799 eine Untersuchung gegen die (nicht mit Namen genannten) Senatoren verlangte. Daß jenes Gesetz auf seine Gegner Anwendung finde, unterlag nach ihm keinem Zweifel. Hatten sie denn nicht in dem Augenblicke, wo die Alabamastreitfrage mit England zur Entscheidung stand, wo in einer andern Frage der deutsche Kaiser als Schiedsrichter angerufen war, unter unbegründeten Vorwänden die Ehre der Regierung angegriffen und sie einer groben Verletzung ihrer Neutralitätspflichten beschuldigt? Waren sie nicht in Briefwechsel mit französischen Offizieren und Agenten getreten, um sich mit dem nötigen Beweismaterial zu versehen?

Sobald Conkling seine Rede beendet hatte, bat Carl Schurz zur sofortigen Erwiderung ums Wort, aber es wurde ein Antrag auf Vertagung angenommen und so die Fortsetzung der Debatte auf den nächsten Tag verschoben. Frau Schurz, die Conklings Rede mit angehört hatte, war sehr niedergeschlagen und sprach auf dem Heimweg ihrem Gatten die Befürchtung aus, er werde nicht imstande sein, die Rede zu widerlegen. Er suchte ihr Mut zuzusprechen und widmete dann den Abend bis spät in die Nacht hinein dem nochmaligen sorgfältigen Studium des Materials, das sich auf den Fall bezog, und der Vorbereitung seiner Argumente zur Beantwortung der Rede seines Gegners. Aber er konnte seine Frau nicht überreden, ihn am nächsten Tage in den Senat zu begleiten. Bei seiner Ankunft im Kapitol fand er in den Gängen des Sitzungssaales des Senats eine so große Menschenmenge, daß er sich nur mit Mühe durchdrängen konnte. Als Schurz das Wort erteilt war, beantragte Fenton, die Türen des Saales zu öffnen, um so den Damen Zutritt zu gestatten, die auf den Galerien keinen Raum mehr gefunden hatten. Der Antrag wurde angenommen, und in wenigen Minuten war jedes Sofa besetzt und jeder Zollbreit des Stehraumes gefüllt. Dieses Publikum war für den Redner eine Quelle der Anregung und Begeisterung; und niemals in seinem Leben hat Carl Schurz mit solch zwingendem Nachdruck, solchem Feuer und solch durchschlagender Wirkung gesprochen wie an diesem Tage.

In seiner Rede gab Schurz zunächst ironisch zu, daß die »Senatorenclique« existiere, und daß es ihren »Umtrieben« zuzuschreiben sei, wenn der Plan der Annektierung von Santo Domingo vereitelt und grobe Mißstände in der Verwaltung des New Yorker Zollamtes aufgedeckt und abgeschafft worden seien. Dann wandte er sich dem eigentlichen Thema zu, das sich ihm in drei Fragen darstellte: Hat die Regierung die ihr als neutraler Macht erwachsende Verpflichtung erfüllt, keine Waffen an jemand zu verkaufen, der als Agent einer kriegführenden Macht bekannt war? Verträgt sich, was geschehen ist, mit den Landesgesetzen? Ist der Verdacht begründet, daß bei diesem Geschäft Bestechungen vorgekommen sind? Auf diese drei »klaren Fragen« gäben nun die Tatsachen folgende Antwort: Das Artillerie- und Zeugdepartement hat an einen Advokaten in einem kleinen Ort im Staate New York – nicht an eine Waffenfirma! – große Mengen Gewehre verkauft, und als dessen Vertreter war ein Waffenhändler, Remington, tätig, dem man sich wenige Monate früher geweigert hatte, Waffen zu verkaufen, da er als Agent der französischen Regierung bekannt war. Diese Waffen wurden verkauft im Widerspruch gegen die gesetzliche Bestimmung, daß nur im Heer oder in der Miliz der Vereinigten Staaten nicht mehr verwendbare Waffen veräußert werden dürften. Aus den in Frankreich von Gerichtswegen angestellten Erhebungen ergibt sich, daß große Summen verausgabt worden sind, die weder dem Verkäufer der Waffen, den Vereinigten Staaten, noch dem Agenten der französischen Regierung, Remington, zugeflossen sind, also auf eine zu persönlichem Vorteile mißbrauchte amtliche Tätigkeit deuten.

Zur Entkräftigung des Vorwurfs, daß die Untersuchung dazu angetan sei, eine etwaige Entschädigungsklage Deutschlands gegen die Vereinigten Staaten zu begründen, verwies Schurz sehr geschickt auf die Ausführungen Mortons, der mit triumphierender Miene erklärt hatte, daß Bismarck sich mit einem Lachen über die ganze Geschichte hinweggesetzt und bemerkt habe, er könne die Waffen, statt sie mit 15% Aufschlag von den Zwischenhändlern zu erwerben, umsonst an den Ufern der Loire auflesen. Daß aber die deutsche Regierung in dem Augenblicke, wo der Kaiser seines Amtes als Vorsitzender des Schiedsgerichtes in dem mit England anhängigen Streite über die Insel San Juan walten solle, durch etwaige Enthüllungen dieser Untersuchung sich in einem Amerika ungünstigen Sinne beeinflussen lassen könne, sei eine beleidigende Unterstellung, und andrerseits sei die Befürchtung abenteuerlich und unstichhaltig, daß durch die vorgeschlagene Untersuchung die Aussichten der Vereinigten Staaten vor dem Genfer Schiedsgericht in betreff der Alabama-Ansprüche präjudiziert werden könnten. Als ob nicht ganz Europa und die offizielle Welt aus den Verhandlungen vor den französischen Gerichten alle diesen Fall begleitenden erschwerenden Umstände kennten?

Nachdem Carl Schurz so die Notwendigkeit der Untersuchung nachgewiesen und die dagegen vorgebrachten politischen Einwürfe entkräftet hatte, ging er zu der in Conklings Amendement enthaltenen Drohung über. Das Gesetz von 1799 verhänge Gefängnis und Geldstrafe über amerikanische Bürger, die irgendwie mit einem Vertreter einer fremden Macht in mündlichem oder schriftlichem Verkehr stehen, durch den entweder Maßnahmen der Regierung der Vereinigten Staaten vereitelt oder ein Einfluß auf das Verhalten jener fremden Macht ausgeübt werde. Und dies Gesetz versuche man auf zwei amerikanische Senatoren anzuwenden, die – wie er in stolzer Bescheidenheit erklärte – dem Lande nicht ganz unbekannt seien, deren Laufbahn der Beweise des Patriotismus nicht ermangle, deren einziges Ziel es sei, Mißbräuche in der Verwaltung und Gesetzesübertretungen zu untersuchen Vor diese Senatoren trete ein Wortführer der Regierung und schwenke dräuend das Gesetz, das von Geldstrafe und Gefängnis spreche. Wer in vollem Ernst gegen die Gewalthaber auftrete mit dem unerschütterlichen Entschlusse, Betrügereien aufzudecken und Gesetzesübertretungen zu ahnden, dem eröffne sich also durch »die regierenden Gewalten« die Aussicht auf den Kerker. Er müsse gestehen, er habe nicht geglaubt, daß sich die Regierung in solch verzweifelter Lage befinde.

Dann kam Schurz auf den Vorwurf der Gegner zurück, die Resolution sei dazu bestimmt, die deutschen Bürger bei den nächsten Wahlen zu beeinflussen. Er verwies nochmals darauf, wie er zur kritischen Zeit der großen Erregung über die Waffenverkäufe alles getan habe, um die Gemüter zu beschwichtigen. Wenn also in der Stimmung der deutschen Wähler sich ein Umschwung vollzogen habe, so sei dies nicht der Agitation zuzuschreiben, sondern dem von ihm gerügten Vorgehen der Regierung.

»Hätte ich damals gewußt, was ich jetzt über die Angelegenheit weiß, – und ich sage ganz offen, daß ich damals nur wußte, es würden Waffen verkauft und gingen in ganzen Schiffsladungen nach Frankreich –, ich hätte vielleicht anders gehandelt.

Die beiden Senatoren loben die Deutschen gar sehr –freilich nicht mehr als sie verdienen. Wer ihnen zugehört hat, muß zu dem Schlusse kommen, daß sie den Deutschamerikanern gewaltig den Hof machen. (Lachen.) Ich meine aber, ihr Hofmachen hätte größeren Wert gehabt, wenn diese beiden Senatoren, deren Wort bei der Regierung so schwer wog, zurzeit der Waffenverkäufe hingegangen wären und ihre flammende Beredsamkeit und ihren gewaltigen Einfluß dafür verwandt hätten, dem Unfug ein Ende zu machen; denn ihre Macht war weit größer als die meine oder die des Senators von Massachusetts (Sumner), die wir schon damals als regierungsfeindlich galten. Ja, sie machen den Deutschen tüchtig den Hof, aber nicht über Gebühr. Sie sagen, die Deutschen sind freiheitsliebende, intelligente, patriotische Leute, was alles wahr ist. Die Deutschamerikaner lieben die Freiheit, sie sind republikanischen Grundsätzen treu ergeben, aber ich möchte den Senatoren doch sagen, daß sie einer andern Sache nicht minder ergeben sind, und das ist die Sache einer »ehrlichen Verwaltung.«

Beide Senatoren haben sich bemüßigt gesehen, den Senat wissen zu lassen, daß niemand im Lande die deutschen Bürger dieser Republik zu eigen habe. Das ist allerdings wahr, und ich bin stolz darauf, denn ich bin selbst einer, und mich hat gewiß niemand zu eigen. (Gelächter.)

Nein, niemand darf sich ein Verfügungsrecht über die deutschamerikanischen Bürger anmaßen. Kein Politiker, kein Senator, nicht einmal der Präsident der Vereinigten Staaten, aber am allerwenigsten die Klasse von Berufspolitikern, die sich krampfhaft an die Rockschöße der herrschenden Gewalt hängt, durch welchen Schmutz sie diese auch schleifen möge. (Applaus in den Galerien.) Am allerwenigsten jene Klasse von Politikern, die immer bereit ist, jeden Mißbrauch zu vertuschen, jedes Unrecht zu verteidigen, wenn die Bloßlegung der Schäden, wäre sie auch dem Gemeinwohle noch so nützlich, der Regierung mißfallen oder der Partei nachteilig sein könnte. Am allerwenigsten jene Klasse von Politikern, die dem Parteiinteresse alles opfert: Wahrheit und Recht und Gerechtigkeit und Ehre und das gemeine Beste.

Nein, die Deutschen sind niemandes Eigentum, und ich sage es mit Stolz. Wie ein Mann haben sie das Räubernest von Tammany in New York bekämpft, und ich bin gewiß, man wird sie in geschlossener Schlachtreihe beim Kampf gegen jedes Tammany sehen, sei es klein oder groß, wo immer und auf welcher Seite sie eins finden mögen.«

Den Schluß der großen Rede vom 20. Februar 1872 bildete der feierliche Protest gegen den Versuch, durch den Druck der Parteidisziplin die freie Meinungsäußerung und die unabhängige Überzeugung des einzelnen zu unterdrücken.

»Das Knallen mit der Parteipeitsche hat in unsern Tagen seine Macht verloren. Das öde Parteigeschwätz liegt dem Volke brechenerregend im Magen. Wenn Sie glauben, daß die Bewegung, die stetig im ganzen Lande wächst und zunimmt, eine Intrige politischer Macher ist, so werden Sie bald Ihren Irrtum erkennen. Es ist ein Erwachen des Volksgewissens. Es ist der Protest gegen die gar zu weitherzige politische Moral und den Geist der Korruption, die in den Zeiten des Krieges und großer politischer Erregung entstanden sind und sich zu voller Blüte entwickelt haben. Es ist eine ernste Erhebung für ehrliche und makellose Verwaltung, Die läßt sich nicht durch Parteidisziplin einschüchtern, nicht durch Strafgesetze außer Fassung bringen. Heute ist sie vielleicht nur eine leichte Bewegung; versuchen Sie es, sich ihr entgegenzustemmen, und Sie werden sie morgen zu einer großen sittlichen Revolution angewachsen sehen. Was auch andere tun mögen, ich habe mein Los gewählt. Dieser Sache ist mein Herz geweiht, und mit ihr will ich siegen oder fallen.«

Das Publikum in der Kammer und auf den Galerien war schließlich bei jedem »Schlager« in lauten Beifall ausgebrochen, und der Vorsitzende hatte Mühe gehabt, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Nach Schluß der Rede machte die Mehrzahl des Publikums ihrer Begeisterung in allen erdenklichen Demonstrationen Luft, ehe sie sich anschickte, den Saal zu verlassen, und der Senat war gezwungen, die Sitzung auf eine Viertelstunde zu unterbrechen. Als der Redner eben die letzten Worte sprach, erreichte Frau Schurz, die es schließlich vor Unruhe nicht mehr zu Hause gelitten hatte, den Sitzungssaal und versuchte vergeblich hineinzukommen. Einen Augenblick später fing die Menge an herauszuströmen, und Sumner, der einige Freunde suchte, traf Frau Schurz im Foyer, streckte ihr beide Hände entgegen und rief: »Oh, Madame, ich gratuliere. Ihr Mann hat eben die größte Rede gehalten, die der Senat in zwanzig Jahren gehört hat.« »Meine beste Rede«, meinte Carl Schurz, als er einige Jahre später mit dem Biographen Sumners darüber sprach, »meine beste Rede war es nun freilich nicht, denn der Gegenstand selbst war verhältnismäßig unbedeutend, aber mein größter parlamentarischer Triumph im Senat war es unzweifelhaft.«

Um die Wirkung von Schurz’ ungewöhnlicher Redegabe abzuschwächen, die alle Zeitungen des Landes feststellten und anerkannten, konzentrierten die Gegner ihr Feuer fast ausschließlich auf ihn und seine persönlichen Ziele. Morton schilderte ihn als einen Mann, der nur darauf ausgehe die Stimmen der deutschen Wähler auf die Seite der Demokraten hinüberzuziehen, und wiederholte mit besonderem Nachdruck Schurz’ öffentliche Erklärung, daß er unter keinen Umständen für Grant stimmen werde. Conkling kam nochmals auf die Unterstellung zurück, daß Schurz, um den guten Namen der Regierung zu schädigen, mit einem Spion oder Sendling einer fremden Macht in geheimem Einverständnis gehandelt habe. In volltönenden und provozierenden Worten beschuldigte der effekthascherische New Yorker Senator Carl Schurz, er habe sich mit seinem persönlichen Mute gebrüstet, sich feige Anspielungen auf Bestechlichkeit des Präsidenten herausgenommen und versucht, diejenigen, die solche Insinuationen mit Entrüstung zurückgewiesen, durch lauten und ominösen Hinweis auf ihnen drohende Gefahren einzuschüchtern.

Conkling war unverkennbar in einem Zustand äußerster Gereiztheit und setzte sich einer prompten und gründlichen Abfuhr aus. »Wenn ich gestern irgend etwas gesagt oder getan habe, was wie Sichbrüsten aussah«, erklärte Carl Schurz, »so bitte ich den Senat aufrichtig um Verzeihung; denn es lag nicht in meiner Absicht, mir das ausschließliche Vorrecht meines ehrenwerten Kollegen von New York anzumaßen. Wenn ich irgend etwas gesagt oder getan habe, was wie Prahlerei aussah, so lassen Sie mich Sie versichern, daß es nicht die Bemerkung war, »selbst wenn mir tausend wie er gegenüberständen, so würde ich nicht zittern«, denn das würde ich nicht als schlagenden Beweis des Mutes ansehen.«

Carpenter kam immer wieder auf die Beschuldigung zurück, daß Schurz seine Pflichten als Patriot verletzt habe. Indem er nachzuweisen versuche, daß die Regierung sich in ihrem Verhalten gegen eine auswärtige Macht eines Unrechtes schuldig gemacht habe, verrate er, daß für ihn nicht der Wahrspruch gelte: »My country, right or wrong!« (Fürs Vaterland, ob im Recht oder im Unrecht.) Schurz versicherte, daß auch für ihn der Wahrspruch gelte, nur mit dem Zusatze »if right, to be kept right; if wrong, to be set right« (Fürs Vaterland, ob im Recht oder im Unrecht; wenn im Recht, dann beim Recht zu erhalten, wenn im Unrecht, dann zum Recht zu führen).

Soweit die eigentliche Frage in Betracht kam, hatte das glänzende, zwei Wochen dauernde Duell geringe Resultate. Der Senat ernannte einen Untersuchungsausschuß, aber Sumner lehnte aus Gesundheitsrücksichten die ihm naturgemäß zufallende Mitgliedschaft ab, und die regierungsfreundliche Majorität sorgte dafür, daß auch Schurz nicht Mitglied wurde. Man gestattete ihm jedoch, die Zeugen zu vernehmen. Im Mai reichte dann der Ausschuß einen Bericht ein, der die Beamten von aller Schuld in bezug auf den Waffenverkauf an Frankreich frei sprach. Obgleich Carl Schurz zugeben mußte, daß die Zeugenaussagen nicht belastend genug waren, um die Schuld rechtskräftig zu erweisen, so fühlte er doch, daß der Mißerfolg nur der feindlichen Haltung des Ausschusses den Anklägern gegenüber zuzuschreiben sei. Sein ganzes Leben lang blieb er bei der Überzeugung, daß das Verhalten des Kriegsministeriums inkorrekt und ungesetzlich gewesen sei, und daß der ganzen Sache unerlaubter Gelderwerb unter Mißbrauch der Amtsgewalt zugrunde gelegen habe.

Diese Debatte vermehrte Schurz’ Ruf als Redner beträchtlich. Schon vorher hatte er als einer der Führer des Senats in der ernsten Diskussion großer Probleme und allgemeiner Fragen gegolten, jetzt hatte er sich einen Platz unter denen errungen, deren scharfe und flinke Klinge der Gegner im Fechterstreit der Debatte mit Recht fürchtete. Conkling hat niemals wieder mit Schurz gesprochen, denn dieser hatte mit seinem Sarkasmus dessen Eitelkeit eine ebenso schmerzliche Wunde geschlagen, wie Blaine, der ihn einmal mit einem Puter verglich. Die Haltung der regierungsfreundlichen Presse während und nach der Debatte legte ein klares, wenn auch feindseliges Zeugnis für die hervorragende Stellung ab, die sich der Senator von Missouri errungen hatte. Von allen Seiten richteten sich mit verdoppeltem Eifer geschickte und boshafte Verleumdungen gegen ihn, aber dabei gab man doch grollend und widerwillig zu, daß seine Leistungen im Senat erstaunlich gewandt und wirkungsvoll gewesen seien.

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