Die Entführung aus der Klosterschule

 

Obwohl wir in unserem bescheidenen Heim in der Bakerstraße schon manchen Besucher in recht dramatischer Weise hatten kommen und gehen sehen, kann ich mich an kein plötzlicheres und merkwürdigeres Auftreten erinnern als es das des Herrn Dr. Thorneycroft Huxtable war, da er zum ersten Male bei uns erschien. Zuerst kam seine Visitenkarte, die zu klein erschien, um alle seine akademischen Grade und Würden fassen zu können, nach wenigen Sekunden trat er selbst ein – so fest, pomphaft und würdevoll, als ob er die verkörperte Kraft und Selbstzucht wäre. Und doch war, als er kaum die Türe hinter sich geschlossen hatte, seine erste Tat die, daß er gegen den Tisch taumelte und umfiel. So lag denn seine majestätische Gestalt regungslos der Länge nach auf unserem Zimmerteppich.

Wir sprangen auf und starrten einen Moment, sprachlos vor Ueberraschung, auf dieses gewaltige Wrack, das einem unvorhergesehenen, plötzlichen Sturm weit draußen auf dem Ozean des Lebens zum Opfer gefallen zu sein schien. Dann holte Holmes rasch ein Kissen, um es ihm unter den Kopf zu legen, und ich brachte Branntwein, womit ich seine Lippen benetzte. Das totenblasse Gesicht zeigte die Spuren schwerer Sorge, die dicken Wassersäcke unter den geschlossenen Augen waren schwarzblau wie Blei, um den offenen Mund spielten schmerzliche Züge. Er war nicht rasiert und nicht gekämmt. Kragen und Hemd deuteten darauf hin, daß der arme Mann, der vor uns gebrochen am Boden lag, eine lange Reise hinter sich hatte.

»Was ist’s, Watson?« fragte mich Holmes.

»Vollkommene Erschöpfung – möglicherweise bloß Hunger und Müdigkeit,« antwortete ich, während ich den schwachen Puls fühlte.

»Er hat eine Rückfahrkarte von Mackleton in Nord-England,« sagte Holmes, indem er sie aus der Westentasche herauszog. »Es ist jetzt noch nicht ganz zwölf Uhr. Er muß sehr früh aufgebrochen sein.«

Die faltigen Augenlider fingen zu zucken an, und bald blickte ein Paar offener, grauer Augen zu uns empor. Im nächsten Augenblick war der Mann wieder auf den Beinen, und die starke Röte in seinem Gesicht verriet seine Scham.

»Verzeihen Sie diese Schwäche, Herr Holmes, ich bin etwas übermüdet. – Danke Ihnen. Wenn ich ein Glas Milch und ein Stückchen Zwieback bekommen könnte, würde ich rasch wieder wohl sein. Ich bin persönlich gekommen, um Sie dazu zu bewegen, mit mir zurückzufahren. Ich befürchtete, daß Sie ein Telegramm von der Dringlichkeit meines Falles nicht hinreichend überzeugen würde.«

»Wenn Sie sich ganz erholt haben –«

»Ich fühle mich wieder vollkommen wohl. Ich begreife gar nicht, wie ich, so schwach sein konnte. Ich bitte Sie, Herr Holmes, mit dem nächsten Zug mit mir nach Mackleton zu kommen.«

Mein Freund schüttelte den Kopf.

»Mein Kollege Dr. Watson wird mir bestätigen, daß wir gegenwärtig sehr stark beschäftigt sind. Ich habe noch mit den Ferrersschen Dokumenten zu tun, außerdem steht in Kürze die Abergavennyer Mordaffäre zur Verhandlung; es könnte mich also nur eine außergewöhnlich wichtige Angelegenheit zu einer Reise veranlassen.«

»Richtig!« rief unser Besucher und schlug die Hände überm Kopf zusammen. »Haben Sie denn noch nichts von der Entführung des einzigen Sohnes des Herzogs von Holdernesse gehört?«

»Was! des ehemaligen Ministerpräsidenten?«

»Gewiß. Wir hatten versucht, es tot zu schweigen, aber der »Globe« hat in der gestrigen Abendnummer Andeutungen gebracht. Ich glaubte, es wäre Ihnen schon zu Ohren gekommen.«

Holmes streckte seinen langen dünnen Arm aus und nahm den Band mit ›H‹ aus seiner Enzyklopädie vom Bücherbrett.

»›Holdernesse, sechster Herzog, Dr. juris, Dr. philosophiae u.s.w., Professor, Staatsrat, Baron Beverley, Graf von Carston‹ – um Gottes willen – was für eine Menge Titel! – ›Lord Hallamshire seit 1900. Verheiratet mit Edith, der Tochter des Freiherrn von Appledore 1888. Erbe und einziges Kind Lord Saltire. Grundbesitz ungefähr zweihundertfünfzigtausend Morgen groß. Bergwerke in Lancashire und Wales. Adressen: Carlton House Terrace; Holdernesse Hall, Hallamshire; Carston Castle, Bangor, Wales. Lord der Admiralität, 1872; Staatssekretär –‹ Das genügt, der Mann ist sicher einer der hervorragendsten Bürger!«

»Der hervorragendste und vielleicht auch der reichste. Ich weiß wohl, Herr Holmes, daß Sie nicht um des Geldes, sondern um der Sache willen arbeiten, aber ich will Ihnen doch sagen, daß Seine Hoheit mir schon angedeutet hat, demjenigen, der den Aufenthaltsort seines Sohnes ausfindig macht, fünftausend Pfund, und demjenigen, der ihm die Räuber seines Kindes namhaft machen kann, weitere tausend Pfund auszahlen zu wollen.«

»Das ist ein fürstliches Angebot,« sagte Holmes. »Ich denke, Watson, wir begleiten Herrn Direktor Huxtable nach dem Norden zurück. Und nun, Herr Doktor, können Sie mir, wann Sie Ihre Milch verzehrt haben, gütigst erzählen, wann und wie sich die Sache zugetragen hat, und schließlich auch, was Dr. Huxtable von der Klosterschule in Mackleton mit der Sache zu tun hat, und warum er erst nach drei Tagen – so lange haben Sie sich nicht rasiert – kommt, um meine Dienste in Anspruch zu nehmen.«

Unser Besucher bekam nach dem kleinen Imbiß wieder glänzende Augen und rote Wangen. Nachdem er sich in Positur gesetzt hatte, begann er seine Schilderung des Vorfalles.

»Zuerst muß ich Ihnen mitteilen, meine Herren, daß die Klosterschule eine Vorbereitungsanstalt ist, die ich gegründet habe, und der ich nun vorstehe. ›Huxtables Commentar des Horaz‹ wird Ihnen von früher vielleicht noch bekannt sein. Die Klosterschule ist bei weitem das beste und vornehmste Vorbereitungsinstitut in England. Lord Leverstoke, der Graf von Blackwater, der Baron Soames haben mir alle ihre Söhne anvertraut. Aber als mir vor drei Wochen der Herzog von Holdernesse seinen Sekretär Herrn James Wilder schickte, um mit mir über die Aufnahme des jungen zehnjährigen Lord Saltire, seines einzigen Sohnes und Erben, verhandeln zu lassen, glaubte ich mit meiner Schule auf der Höhe des Ruhmes angelangt zu sein. Ich ahnte nicht, daß es das Vorspiel zu meinem größten Unheil sein sollte.

»Am ersten Mai, dem Anfang des Sommerhalbjahrs, kam der Knabe an. Er war ein reizender Junge und gewöhnte sich schnell ein. Ich will Ihnen nicht verschweigen – ich glaube mich dadurch keiner Indiskretion schuldig zu machen, und Mangel an Zutrauen ist in einem solchen Falle sehr verkehrt – daß er sich zu Hause nicht recht wohl fühlte. Es ist ein offenes Geheimnis, daß der Herzog mit seiner Gemahlin nicht glücklich gelebt hat und die Ehe mit beiderseitiger Einwilligung geschieden worden ist, worauf die Herzogin in Südfrankreich ihren Wohnsitz genommen hat. Diese Trennung ist vor noch nicht langer Zeit erfolgt, und der Junge hing sehr an seiner Mutter. Er wurde nach ihrer Abreise ganz melancholisch und träumerisch, und aus diesem Grunde wünschte der Herzog, sein Kind in meine Obhut zu geben. Nach vierzehn Tagen war der Junge bei uns denn auch schon wie zu Hause und augenscheinlich vollkommen zufrieden.

»Zum letzten Male sahen wir ihn in der Nacht zum dreizehnten Mai – also in der vergangenen Montagsnacht. Sein Zimmer lag im zweiten Stock und grenzte an ein anderes größeres Zimmer, wo zwei Jungen schliefen. Dieselben haben jedoch nichts gehört und gesehen. Daraus geht sicher hervor, daß der junge Saltire nicht auf dem richtigen Weg an jener Kammer vorbeigekommen ist. In seinem Schlafzimmer stand aber das Fenster offen, und darunter ist ein starker Efeustamm. Wenn wir auch am Boden keine Fußspuren finden konnten, so ist doch klar, daß er nur auf diesem Wege ins Freie gelangt sein kann.

»Sein Fehlen wurde am Dienstagmorgen um sieben Uhr bemerkt. Sein Bett war benutzt worden. Er hatte sich vor dem Gehen vollständig angezogen, und zwar seine gewöhnlichen Schulkleider, eine blaue Jacke und dunkelgrüne Hosen. Im Zimmer war keine Spur von einer zweiten Person zu finden, außerdem würde Schreien, wie überhaupt jeder stärkere Lärm in dem Nebenzimmer gehört worden sein, denn der ältere der beiden darin schlafenden Knaben schläft nur sehr leicht.

»Als mir das Verschwinden des jungen Lord gemeldet worden war, versammelte ich sofort sämtliche Schüler, Lehrer und Diener, um über die Sache zu beraten. Wir kamen dabei zu dem Schluß, daß Lord Saltire nicht allein geflohen sein könne. Herr Heidegger, der den Unterricht im Deutschen erteilte, wurde gleichfalls vermißt. Sein Zimmer lag ebenfalls in der ersten Etage, am Ende des Hauses, und mündete auf denselben Flur. Er hatte auch im Bett gelegen, war aber offenbar nur notdürftig bekleidet weggegangen, weil sein Hemd und seine Strümpfe noch auf dem Boden lagen. Er hatte sich zweifellos an dem Efeu hinuntergelassen, denn wir konnten unten auf dem Rasen seine Spuren sehen. Sein Rad, das er in einem kleinen Schuppen in der Nähe aufbewahrte, war auch fort.

»Er war zwei Jahre bei mir in Stellung und mit den besten Empfehlungen gekommen; aber er war ein mürrischer, verschlossener Mann, weder bei seinen Kollegen, noch bei seinen Schülern sehr beliebt. Von den Flüchtlingen war keine Spur zu sehen, und heute am Donnerstag morgen wissen wir noch ebenso wenig wie wir am Dienstag wußten. In Holdernesse Hall wurde natürlich sofort angefragt. Es liegt nur wenige Meilen von Mackleton entfernt, und wir glaubten, daß der Junge in einer plötzlichen Anwandelung von Heimweh nach Hause zu seinem Vater gelaufen wäre; aber kein Mensch hatte dort etwas von ihm gesehen oder gehört. Der Herzog ist aufs höchste erregt – und was mich anbelangt, so sind Sie ja eben selbst Zeuge meines Zustandes gewesen und haben gesehen, wie nervös und hinfällig ich infolge der Aufregung und der schweren Verantwortung geworden bin. Wenn Sie je Ihre ganze Kraft einsetzen, so flehe ich Sie an, es jetzt zu tun, denn einen lohnenderen Fall werden Sie kaum im Leben wieder bekommen.«

Holmes hatte den Bericht des unglücklichen Schulmannes mit äußerster Spannung angehört. Die tiefen Falten auf seiner Stirne zeigten, daß es keiner besonderen Mahnung bedurfte, um seine ganze Aufmerksamkeit auf ein Problem zu konzentrieren, das, abgesehen von dem großen materiellen Interesse, so recht seiner Vorliebe für das Verwickelte und Außergewöhnliche entsprach. Er nahm sein Taschenbuch heraus und machte sich ein paar Notizen.

»Es war ein großer Fehler, daß Sie nicht eher zu mir gekommen sind,« sagte er dann in strengem Ton. »Die Aufklärung wird dadurch bedeutend schwieriger für mich. Es müßte zum Beispiel sonderbar zugehen, wenn der Efeu und der Rasenplatz einem erfahrenen Beobachter keinen Anhaltspunkt liefern sollte.«

»Mich trifft keine Schuld, Herr Holmes. Seine Hoheit wünschte durchaus, jeden öffentlichen Skandal zu vermeiden. Er fürchtete, daß seine unglücklichen Familienverhältnisse dadurch an den Tag kämen; und davor hatte er eine große Scheu.«

»Aber offiziell ist doch wohl eine Untersuchung eingeleitet?«

»Allerdings. Sie hat aber zu keinem Ergebnis geführt. Es fand sich gleich eine Spur. Wir erhielten alsbald die Nachricht, daß auf einer benachbarten Bahnstation ein Knabe und ein jüngerer Herr, die einen Frühzug benützt hätten, gesehen worden seien. Und vergangene Nacht wurde gemeldet, daß die beiden in Liverpool aufgetaucht seien, aber mit unserer Sache gar nicht in Beziehung ständen. Nach einer schlaflosen Nacht bin ich in meiner Verzweiflung und Bedrängnis mit dem ersten Zug schnurstracks zu Ihnen gefahren.«

»Ich vermute, daß man die falsche Spur verfolgt und darüber die örtliche Untersuchung vernachlässigt hat?«

»Ja, diese hat man vollständig außer acht gelassen.«

»Auf diese Weise hat man drei Tage verloren. Die ganze Sache ist furchtbar verkehrt angefaßt worden.«

»Das fühle ich auch und gebe es unumwunden zu.«

»Und doch müßte sich das Problem lösen lassen. Ich freue mich, bald einen näheren Einblick in die Angelegenheit tun zu können. Haben Sie irgend einen Zusammenhang zwischen dem fehlenden Schüler und dem deutschen Lehrer herstellen können?«

»Absolut nicht.«

»War der Junge in der Klasse dieses Lehrers?«

»Nein; meines Wissens haben die beiden kein Wort miteinander gewechselt.«

»Das ist allerdings sehr sonderbar. Hatte der Knabe ein Fahrrad?«

»Nein.«

»Fehlte sonst irgend ein Rad?«

»Nein.«

»Wissen Sie das genau?«

»Jawohl.«

»Nun, Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, daß der deutsche Lehrer im Dunkel der Nacht davongefahren ist und den Jungen im Arm gehabt hat?«

»Gewiß nicht.«

»Wie denken Sie sich denn die ganze Sache?«

»Vielleicht hat er das Rad nur zum Schein mit weggenommen, es dann irgendwo verborgen und ist doch mit dem Knaben zu Fuß fortgegangen.«

»Das ist nicht unmöglich; freilich wäre es immerhin eine eigentümliche Art der Täuschung, nicht wahr? Standen noch mehr Fahrräder in dem Schuppen?«

»Verschiedene.«

»Sollte er dann nicht lieber zwei versteckt haben, wenn er glauben machen wollte, sie seien per Rad entflohen?«

»Man sollte es wohl annehmen.«

»Natürlich würde er das getan haben. Die Theorie, daß er dadurch eine Irreführung beabsichtigt habe, stimmt also nicht. Außerdem ist ein Rad kein Gegenstand, der sich so leicht verbergen oder vernichten läßt. Nun noch eine Frage. Hat der Junge am Tage vor seinem Verschwinden Besuch gehabt?«

»Nein.«

»Hat er auch keine Briefe bekommen?«

»Ja, einen.«

»Von wem?«

»Von seinem Vater.«

»Pflegen Sie die Briefe an Ihre Zöglinge zu öffnen?«

»Nein.«

»Woher wissen Sie dann, daß der Brief von seinem Vater war?«

»Weil der Umschlag das Wappen des Herzogs trug, und weil die Adresse, wie ich an der Handschrift sah, von ihm selbst geschrieben war.«

»Wie lange vorher hatte er keine Briefe erhalten?«

»Mehrere Tage nicht.«

»Ist je ein Brief aus Frankreich an ihn gekommen?«

»Nein, niemals.«

»Sie werden an meinen Fragen merken, worauf ich hinaus will. Entweder ist der Junge mit Gewalt entführt worden, oder er ist freiwillig gegangen. Im letzteren Fall muß von außen aus ihn eingewirkt worden sein, denn ein Knabe von zehn Jahren tut so etwas nicht aus eigenem Antrieb. Wenn er nun keinen Besuch gehabt hat, so muß diese Einwirkung schriftlich ausgeübt worden sein. Aus diesem Grund erkundige ich mich nach seinem Briefwechsel.«

»Ich fürchte, daß ich Ihnen darüber wenig sagen kann. Soviel mir bekannt ist, war der Vater sein einziger Korrespondent.«

»War das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ein herzliches?«

»Seine Hoheit ist gegen niemanden besonders freundlich. Er wird vollständig von den großen politischen Fragen in Anspruch genommen und hat für die gewöhnlichen menschlichen Regungen nichts übrig. Aber in seiner Art war er gegen den Knaben immer gut.«

»Trotzdem waren die Sympathien des Kindes auf Seiten der Mutter?« »Ja.«

»Sagte er das selbst?«

»Nein.«

»Der Herzog doch nicht?«

»Gott behüte, auf keinen Fall.«

»Woher wissen Sie’s dann?«

»Ich habe ein paar vertrauliche Unterredungen mit dem Sekretär des Herzogs, Herrn Wilder, gehabt und in deren Verlauf über die Herzensneigung des jungen Lords Aufschluß bekommen.«

»Ich verstehe. Ist übrigens der letzte Brief des Herzogs, nachdem der Junge fort war, in seinem Zimmer gefunden worden?«

»Nein; er hatte ihn mitgenommen. – Ich glaube, Herr Holmes, es ist Zeit, daß wir aufbrechen.«

»Ich will einen Wagen bestellen. In einer Viertelstunde werden wir Ihnen zu Diensten sein. Falls Sie nach Hause telegraphieren, Herr Direktor, so tun Sie nur so, als ob wir noch die Spur in Liverpool weiter verfolgen wollten. Unterdessen werde ich in aller Stille ganz in Ihrer Nähe arbeiten, und möglicherweise gelingt es zwei so alten Spürhunden wie Dr. Watson und mir, die Fährte Ihrer zwei Flüchtlinge doch noch auszuschnüffeln.«

Gegen Abend erreichten wir das Heim des Herrn Huxtable; es war schon dunkel, als wir die berühmte Anstalt betraten. Im Hausflur auf einem Tisch lag eine Visitenkarte, und der Diener flüsterte seinem Herrn etwas ins Ohr, worauf uns dieser sehr erregt mitteilte, daß der Herzog und sein Sekretär, Herr Wilder, im Sprechzimmer warteten.

»Kommen Sie mit, meine Herren,« fuhr er dann fort, »ich werde Sie sogleich vorstellen.«

Ich kannte natürlich die Bilder des berühmten Staatsmannes sehr wohl, aber er sah in Wirklichkeit ganz anders aus. Er war ein schlanker, stattlicher Herr mit langem, aristokratischem Gesicht und einer Nase von seltener Krümmung und Länge; seine Kleidung war sehr sorgfältig. Die kreideweiße Gesichtsfarbe trat durch den langen, hellroten Vollbart noch stärker hervor. Er sah uns streng an. Neben ihm stand sein Privatsekretär, ein blutjunger Mann, klein und gewandt, mit klugen hellblauen Augen und lebhaftem Gesichtsausdruck. Er eröffnete auch sofort die Unterhaltung; sein Ton war schneidend und bestimmt.

»Ich kam bereits heute früh in Ihre Wohnung, Herr Direktor, leider zu spät, um Ihre Reise nach London zu verhindern. Ich hörte, daß der Zweck derselben war, Herrn Sherlock Holmes den Fall zu übergeben. Seine Hoheit ist ungehalten darüber, daß Sie diesen Schritt getan haben, ohne vorher seine Einwilligung einzuholen.«

»Als ich erfuhr, daß die Polizei eine falsche Fährte verfolgte –«

»Seine Hoheit ist durchaus nicht der Ansicht, daß die polizeiliche Spur falsch ist.«

»Aber sicher, Herr Wilder –«

»Sie wissen sehr wohl, Herr Direktor, daß Seine Hoheit in erster Linie jeden öffentlichen Skandal vermieden haben will. Er wünscht, so wenig Menschen wie möglich ins Vertrauen zu ziehen.«

»Die Sache ist ja leicht wieder gutzumachen,« antwortete schüchtern Herr Huxtable; »Herr Holmes kann morgen mit dem ersten Zug gleich wieder nach London zurückkehren.«

»Das werde ich schwerlich tun, Herr Direktor,« versetzte Holmes ganz sanftmütig. »Die nordische Bergluft ist sehr kräftigend und angenehm, und ich beabsichtige daher, einige Tage auf dem Moor zu verleben und mir nach meinem Belieben die Zeit zu vertreiben. Ob ich freilich bei Ihnen wohne oder im Gasthaus, darüber haben Sie natürlich zu entscheiden.«

Ich merkte, daß sich der unglückliche Direktor in der größten Verlegenheit befand. Zum Glück kam ihm der Herzog selbst zu Hilfe. Mit tiefer, starker Stimme sagte er:

»Ich muß Herrn Wilder beistimmen, daß es besser gewesen wäre, Herr Direktor Huxtable, wenn Sie mich vorher gefragt hätten. Da Herr Holmes jedoch bereits ins Vertrauen gezogen ist, würde es töricht sein, wenn wir seine Dienste nicht benutzen wollten. Sie brauchen nicht ins Gasthaus zu gehen, Herr Holmes, ich würde mich vielmehr freuen, wenn Sie mit mir nach Holdernesse Hall kommen und dort mein Gast sein wollten.«

»Ich danke Eurer Hoheit. Im Interesse meiner Nachforschungen halte ich es aber für zweckmäßiger, hier zu bleiben, wo die Sache passiert ist.«

»Ganz wie Sie wollen, Herr Holmes. Herr Wilder und ich sind selbstverständlich gerne bereit, Ihnen jede gewünschte Auskunft zu erteilen.«

»Ich werde Sie wahrscheinlich später im Schloß besuchen müssen,« erwiderte Holmes. »Jetzt möchte ich Sie nur noch fragen, ob Sie sich selbst bereits eine Meinung darüber gebildet haben, wie das plötzliche geheimnisvolle Verschwinden Ihres Sohnes wohl zu erklären ist?«

»Nein, ich habe noch keine.«

»Entschuldigen Sie, wenn ich einen für Sie peinlichen Punkt berühre, ich kann jedoch nicht umhin. Glauben Sie, daß die Herzogin ihre Hand dabei im Spiel hat?«

Der Minister zögerte begreiflicherweise etwas.

»Ich glaube nicht,« sagte er endlich.

»Die andere einleuchtende Erklärung würde dann sein, daß das Kind geraubt oder entführt ist, um ein Lösegeld zu erpressen. Ist noch keine derartige Aufforderung an Sie ergangen?«

»Nein.«

»Noch eine Frage, Euere Hoheit. Soviel ich verstanden habe, haben Sie Ihrem Sohne am Tage vor der unheilvollen Nacht einen Brief geschrieben.«

»Nein, am Tag vorher.«

»Jawohl, aber der Brief ist an diesem Tage angekommen?«

»Ja.«

»Stand vielleicht irgend etwas darin, was den Jungen zu einem solchen Schritt veranlaßt haben könnte?«

»Nein, durchaus nicht.«

»Haben Sie den Brief persönlich zur Post gegeben?«

An Stelle des Herzogs erwiderte sein Sekretär, indem er erregt ins Wort fiel:

»Seine Hoheit pflegt überhaupt keine Briefschaften persönlich aufzugeben. Der Brief lag mit anderen auf seinem Arbeitstisch, und ich habe die Sachen selbst befördert.«

»Wissen Sie genau, daß dieser Brief dabei war?«

»Jawohl; ich habe ihn bemerkt.«

»Wieviele Briefe haben Euere Hoheit an jenem Tage geschrieben?«

»Zwanzig bis dreißig; ich habe eine sehr umfangreiche Korrespondenz. Doch, ist das nicht nebensächlich?«

»Nicht ganz,« sagte Holmes.

»Ich habe aus eigenem Antrieb,« fuhr der Herzog fort, »der Polizei geraten, ihre Aufmerksamkeit nach Südfrankreich zu richten. Ich habe schon erwähnt, daß ich zwar nicht glaube, daß die Herzogin eine solche Tat unterstützt, aber der Junge hatte die absonderlichsten Ideen, sodaß es nicht ausgeschlossen erscheint, daß er auf Anstiftung und mit Hilfe dieses Deutschen zu ihr geflohen ist. Ich glaube, Herr Direktor, daß wir nun ins Schloß zurückkehren können.«

Ich konnte Holmes ansehen, daß er gerne noch mehr Fragen gestellt hätte, aber der Herzog hatte auf diese unerwartete Art das Gespräch plötzlich abgebrochen. Ich fand es begreiflich, daß seiner hoch aristokratischen Natur die Erörterung seiner intimsten Familienverhältnisse mit einem Fremden sehr unangenehm war, und daß er fürchtete, jede neue Frage könnte neues Licht in die dunklen Schatten seiner sorgfältig verheimlichten persönlichen Angelegenheiten bringen.

Als der Herzog und sein Sekretär abgefahren waren, machte sich mein Freund sofort mit dem ihm eigenen Eifer an die Arbeit.

Zunächst wurde eine gründliche Untersuchung der Schlafkammer des Jungen vorgenommen; sie hatte jedoch weiter kein Ergebnis, als die Ueberzeugung in uns zu festigen, daß er nur durch das Fenster entkommen sein konnte. Auch die Besichtigung des Zimmers des deutschen Lehrers lieferte keine neuen Anhaltspunkte. Er war ebenfalls an dem starken Efeugeranke durch das Fenster hinuntergeklettert, denn wir sahen einen Zweig, der unter seinem Gewicht abgebrochen war, und als wir mit der Laterne den Boden absuchten, fanden wir einen Eindruck auf dem Rasen, wo der Lehrer niedergesprungen war. Das war aber auch die einzige sichtbare Spur dieser rätselhaften nächtlichen Flucht.

Holmes ging dann allein weg und kam erst um elf Uhr wieder. Er hatte sich eine genaue Generalstabskarte von der Gegend verschafft und brachte sie mit in mein Zimmer, wo er sie auf meinem Bett ausbreitete. Nachdem er dann das Licht zurechtgestellt hatte, beugte er sich mit der Pfeife darüber und bezeichnete mir gelegentlich interessante Punkte mit der rauchenden Bernsteinspitze.

»Dieser Fall übersteigt die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit, Watson,« sagte er. »Er hat entschieden eigentümliche begleitende Umstände. Wir müssen zuerst die Oertlichkeit genau studieren, das ist für unsere späteren Nachforschungen von größter Wichtigkeit.

»Sieh ‚mal hierher. Dieses dunkele Viereck ist die Klosterschule. Ich will eine Stecknadel dahin stecken. Diese Linie hier bedeutet die Hauptstraße. Sie läuft, wie du siehst, von Westen nach Osten und läßt die Schule links liegen, und ungefähr eine Meile weit zweigt sich kein Seitenweg oder Pfad davon ab. Wenn die zwei Leute überhaupt eine Straße benutzt haben, so muß es unbedingt diese gewesen sein.«

»Allerdings.«

»Infolge eines günstigen Zufalls sind wir nun über die Vorgänge auf dem in Betracht kommenden Teil dieser Straße während der fraglichen Nacht ziemlich genau unterrichtet. An der Stelle, wo ich mit der Pfeife hindeute, stand von zwölf bis sechs ein Gendarm Wache. Es ist, wie du sehen kannst, der erste Kreuzweg nach Osten. Der Mann erklärt nun, daß er seinen Posten keinen Augenblick verlassen hat und mit Bestimmtheit weiß, daß weder ein Knabe noch ein Mann vorbeigekommen ist; er hätte sie unbedingt sehen müssen. Ich habe heute abend selbst mit ihm gesprochen, und er hat einen durchaus glaubwürdigen Eindruck auf mich gemacht. Sie könnten sich nun westwärts gewandt haben. An diesem Teil des Weges befindet sich ein Wirtshaus, der ›Rote Ochse‹, dessen Besitzerin krank zu Bett lag. Diese hatte nach Mackleton zum Arzt geschickt, der aber zu einem anderen Fall über Land geholt war und darum erst am Morgen ankam. Die Familie war die ganze Nacht auf und wartete, und es hat stets jemand am Fenster gestanden und die Straße entlang nach dem Doktor geguckt. Die Leute behaupten ebenfalls, keinen Menschen gesehen zu haben. Wenn ihre Aussage richtig ist, können wir auch die Flucht nach dieser Richtung ausschalten und überhaupt konstatieren, daß die Flüchtlinge gar keine Straße benutzt haben.«

»Aber sie hatten doch ein Rad,« warf ich ein.

»Ganz recht. Wir werden gleich darauf zu sprechen kommen. Fahren wir nur in unserem Gedankengang fort. Wenn die beiden die Landstraße vermieden haben, müssen sie sich nach Norden oder Süden gewandt haben. Soviel steht fest. Wir wollen diese zwei Möglichkeiten gegen einander abwägen. Südlich von hier erstreckt sich eine weite Fläche urbaren Landes. Diese Felder sind durch Mauern von einander abgegrenzt, die den Gebrauch eines Fahrrades ziemlich unmöglich machen. Diese Annahme können wir also auch fallen lassen. Es bleibt nun bloß noch die nördliche Richtung zu berücksichtigen. Nach dieser Seite zieht sich ein kleiner Hain hin, und jenseits desselben breitet sich ein großes Moor aus, das Lower Gill Moor, das allmählich nach Norden ansteigt. Hier, an der einen Seite dieses öden Landstrichs, liegt Holdernesse Hall, der Straße nach zehn Meilen von hier entfernt, aber über das Moor sind es nur sechs. Dieses Moorland ist sehr unfruchtbar, und nur einige wenige Bauern leben hier von der Schaf- und Rindviehzucht. Bis hinauf auf die Chesterfielder Chaussee bilden diese wenigen Säugetiere und größere Mengen Flugwildes die gesamte Bewohnerschaft dieser Einöde. Dort befindet sich neben ein paar Häuschen und einer Wirtschaft eine Kirche. Unsere Nachforschungen müssen sich zweifellos in dieser Richtung, nach Norden hin bewegen.«

»Aber das Rad?« warf ich wieder ein.

»Nun,« sagte Holmes etwas pikiert, »ein guter Radfahrer braucht nicht absolut eine Landstraße. Im Moor gibt es viele Pfade, und außerdem war Vollmond. Halt! was soll das bedeuten?«

Es klopfte heftig an die Türe, und im nächsten Moment stand Direktor Huxtable in unserem Zimmer. Er hielt eine blaue Mütze in der Hand.

»Endlich haben wir eine Spur!« rief er. »Gott sei Dank! Endlich haben wir seine Fährte gefunden! Das ist seine Mütze.«

»Wo ist sie gefunden worden?«

»In einem Zigeunerwagen. Die Zigeuner sind am Dienstag hier durchgekommen und kampierten im Moor. Die Polizei hat sie aufgespürt und die Karawane durchsucht, wobei man dies gefunden hat.«

»Wie haben sie sich über diesen Besitz ausgewiesen?«

»Sie haben Ausflüchte gemacht und gelogen – gesagt, sie hätten sie Dienstag morgen im Moor gefunden. Die Schurken wissen, wo er ist! Sie sitzen glücklicherweise sicher hinter Schloß und Riegel. Die Furcht vor Strafe oder das Geld des Herzogs wird schon alles aus ihnen herausbringen, was sie wissen.«

Als Huxtable hinaus war, sagte Holmes: »Dieser Umstand beweist wenigstens die Richtigkeit unserer Theorie, daß wir nur in der Richtung des Lower Gill Moors Erfolge zu erwarten haben. Die Polizei hat weiter nichts getan, als diese Zigeuner verhaftet. Sieh, Watson! Hier läuft ein Wassergraben durch das Moor; er ist hier auf der Karte eingezeichnet. An einigen Stellen erweitert er sich zu Morasten, hauptsächlich zwischen Holdernesse Hall und der Schule. Bei dieser trockenen Witterung ist es nutzlos, sonst nach Fußspuren zu suchen, aber dort ist es durchaus nicht aussichtslos. Ich werde dich morgen ziemlich früh wecken, und dann wollen wir zusammen versuchen, ein bißchen Licht in diese geheimnisvolle Sache zu bringen.«

Der Tag brach gerade an, als ich die lange, hagere Gestalt meines Freundes an meinem Bett erblickte. Er war vollständig angekleidet und offenbar schon draußen gewesen.

»Ich habe mir bereits den Rasenplatz und den Fahrradschuppen angesehen, und auch schon einen Spaziergang durch das kleine Wäldchen gemacht. Im Zimmer nebenan steht eine Tasse Kakao für dich bereit, Watson. Ich bitte dich, dich zu beeilen, denn wir haben heute viel vor.«

Seine Wangen warm gerötet und seine Augen glänzten vor Freude, wie sie der Meister empfindet, der sich seiner Aufgabe gewachsen fühlt. Dieser tatkräftige, muntere Mann schien ein ganz anderer zu sein als der in sich gekehrte Träumer in der Bakerstraße. Als ich seine geschmeidige Erscheinung betrachtete, die Lebhaftigkeit und die Energie seines Ausdrucks sah, fühlte ich, daß wirklich eine schwere Arbeit unserer harrte.

Und doch fing unser Werk gleich sehr unglücklich an. Mit den schönsten Hoffnungen wanderten wir über das schmutzigbraune Moor mit den unzähligen Pfaden, bis wir an den Rand des breiten, hellgrünen Sumpfes kamen, der zwischen uns und Holdernesse Hall lag. Wenn der Knabe sich heimwärts gewandt hatte, mußte er hier durchgekommen sein und Spuren hinterlassen haben. Wir konnten aber weder von ihm, noch von dem deutschen Lehrer die geringste Fährte entdecken. Verstimmt ging mein Freund am Rande des Sumpfes hin und prüfte aufmerksam jeden Eindruck auf dem mit Moos bewachsenen Boden. Aber nur Schafe und einige Rinder hatten hier ihre Hufe abgedrückt, von menschlichen Spuren war nichts zu sehen.

»Das ist die erste Enttäuschung,« sagte Holmes, indem er mißmutig über das weite Moor schaute. »Dort drüben liegt noch ein anderer Morast. Hallo! was ist das?«

Wir waren auf einen schmalen, schwarzen Pfad gekommen, auf dem wir deutlich die Fährte eines Fahrrades sahen.

»Hurra!« rief ich. »Wir haben’s.« Doch Holmes schüttelte den Kopf und machte eher ein verwundertes als ein erfreutes Gesicht.

»Ein Rad sicherlich, aber nicht das Rad,« sagte er. »Ich kenne zweiundvierzig verschiedene Radspuren. Diese ist von einem Dunlopreifen, der an zwei Stellen geflickt ist. Heidegger hatte aber eine Palmer-Pneumatik, die parallele Rinnen hinterläßt. Es kann also nicht Heideggers Fährte sein.«

»Vielleicht die des Jungen?«

»Das wäre nicht unmöglich. Wir haben aber bis jetzt noch gar nicht nachweisen können, daß der Junge ein Rad mitgenommen hat. Diese Spur führt allerdings, wie du sehen wirst, von der Schule herwärts.«

»Ich glaube eigentlich eher, nach ihr hin.«

»Nein, nein, mein lieber Watson. Den tiefsten Eindruck macht immer das Hinterrad, auf dem das Gewicht des Fahrers ruht. An verschiedenen Stellen, wo das Hinterrad die Spur des Vorderrads durchkreuzt hat, läßt sich nun beobachten, daß die eine Spur tiefer ist als die andere. Der Radfahrer ist zweifellos in der Richtung von der Schule her gekommen. Es mag nun mit unseren Nachforschungen in Zusammenhang stehen oder nicht, jedenfalls wollen wir die Spur rückwärts verfolgen, ehe wir weiter gehen.«

Als wir ein paar hundert Meter zurückgewandert waren, wurde der Pfad trocken, und unsere Spur hörte natürlich auf. Wir gingen trotzdem auf demselben Pfad noch ein Stück weiter zurück und kamen an eine feuchte Stelle, wo ein Wässerchen lief. Hier fanden wir wieder die alte Fährte, wenn auch durch eine große Menge Hufspuren von Kühen beinahe verwischt. Dann hörte sie wieder auf. Der Pfad führte direkt nach dem kleinen Wald vor der Schule. Das Fahrrad mußte entschieden dorther gekommen sein. Holmes setzte sich auf einen Stein und versank, das Kinn auf die Hand gestützt, in tiefes Nachdenken. Ich hatte zwei Zigaretten aufgeraucht, ehe er sich erhob. Dann sagte er endlich:

»Allerdings kann ein geriebener Kerl die Spur seines Rades verändern, um die Polizei zu täuschen. Mit einem solchen Verbrecher zu tun zu haben, würde ich stolz sein. Doch, darauf wollen wir jetzt nicht weiter eingehen, sondern wieder nach unserem Sumpf zurückkehren, denn wir haben dort noch viel zu untersuchen.«

Wir fuhren mit unserer systematischen Besichtigung fort und wurden für unsere Ausdauer bald belohnt. Rechts durch den höher gelegenen Teil des Moors schlängelte sich ein feuchter Pfad. Als wir in dessen Nähe kamen, stieß Holmes einen Freudenschrei aus. Mitten durch lief die geriefte Fährte eines Palmerreifens.

»Hier ist Herr Heidegger durchgefahren!« rief er frohlockend. »Meine Berechnung scheint doch richtig zu sein, Watson.«

»Ich gratuliere.«

»Wir sind aber noch lange nicht am Ziel. Laß uns nun dieser Spur nachgehen. Sie wird, fürchte ich, nicht sehr weit führen.«

Dieser Teil des Moors war jedoch von schwachen, feuchten Vertiefungen durchzogen, sodaß wir die Fährte, obgleich wir sie häufig verloren, doch immer wieder fanden.

»Siehst du,« sagte Holmes, »daß der Mann hier zweifellos sein Tempo beschleunigt hat? Das steht sicher fest. Betrachte dir ‚mal diesen Eindruck, wo man beide Räder unterscheiden kann. Das eine hat genau so tief eingeschnitten wie das andere. Das ist nur dann der Fall, wenn jemand sich stark auf die Lenkstange beugt, wie es bei rascher Fahrt geschieht. Bei Gott! er muß gestürzt sein.«

Wir sahen eine breite, unregelmäßige Fährte, die ein paar Meter lang die Spur verdeckte, einige Fußtapfen, und dann tauchte die alte Radfährte wieder auf.

»Er scheint ausgerutscht zu sein,« sagte ich.

Holmes hielt mir einen abgebrochenen Zweig blühenden Stechginsters hin. Zu meinem Schrecken bemerkte ich, daß die gelben Blüten rote Blutflecken zeigten. Auch auf dem Weg und an dem Heidekraut waren schwarze Flecken von geronnenem Blut.

»Schlimm!« rief Holmes. »Schlimm! Bleib stehen, Watson! Keinen unbedachten Schritt! Was muß ich daraus entnehmen? Er wurde verwundet und fiel zu Boden, stand wieder auf, sprang wieder aufs Rad und fuhr weiter. Aber von anderen Personen sind keine Spuren da, nur von einigem Vieh hier neben dem Pfad. Er wird doch nicht etwa von einem Bullen aufgespießt worden sein? Nein, das ist nicht möglich! Aber das Fehlen von menschlichen Fußspuren kann ich mir nicht erklären. Wir müssen weiter, Watson. Da wir zwei Fährten haben, können wir nicht mehr fehlgehen.«

Unsere Suche dauerte nicht lange. Die Radspur zeigte allmählich sehr eigentümliche Biegungen und Krümmungen. Plötzlich, als ich nach vorne sah, fiel mein Auge auf einen glänzenden Gegenstand in den dicken Ginsterbüschen. Es war ein Fahrrad, das eine Pedal war verbogen, und vorne war die ganze Maschine schrecklich mit Blut besudelt. Zur Seite des Rades lag der unglückliche Radler. Er war ein großer Mann mit einem Vollbart und einer Brille, deren eines Glas herausgeschlagen war. Die Todesursache war ein furchtbarer Schlag auf den Kopf gewesen, wodurch die Schädeldecke teilweise zertrümmert war. Daß er sich mit einer solchen Wunde noch hatte fortbewegen können, sprach für seine Zähigkeit und Manneskraft. Er hatte Schuhe an, aber keine Strümpfe, und unter dem offenen Rock guckte das Nachthemd hervor. Es war ohne Zweifel der deutsche Lehrer. Holmes drehte die Leiche behutsam herum und untersuchte sie aufmerksam. Dann setzte er sich daneben nieder und dachte eine Zeitlang angestrengt nach. Ich konnte aber an den Falten seiner Stirn erkennen, daß diese fürchterliche Entdeckung seiner Meinung nach unsere Nachforschung nicht besonders förderte.

»Es ist wahrhaftig schwer zu sagen, was man nun tun soll, Watson,« sagte er endlich. »Ich selbst neige dazu, unsere Untersuchung fortzusetzen, denn wir haben schon soviel Zeit verloren, daß wir jede Stunde ausnützen müssen. Andererseits haben wir die Pflicht, die Polizei von unserem Fund in Kenntnis zu setzen und dafür zu sorgen, daß man sich der Leiche dieses unglücklichen Mannes annimmt.«

»Diese Nachricht könnte ich ja übermitteln.«

»Aber ich brauche deine Gesellschaft und deine Hilfe. Warte ‚mal. Dort drüben sticht jemand Torf. Hol‘ ihn her, er kann dann die Polizei hierher führen.«

Ich brachte den Bauern herüber, und Holmes händigte ihm eine Notiz an Direktor Huxtable ein.

»Nun, Watson,« fuhr er dann fort, »wir haben heute morgen zwei Spuren aufgefunden; eine von einer Palmer- und eine von einer Dunlop-Pneumatik. Die erste Fährte ist für uns erledigt, und, ehe wir die zweite weiter verfolgen, wollen wir uns erst einmal richtig klarzumachen suchen, was wir wirklich wissen, und das Wesentliche vom Nebensächlichen und Zufälligen trennen.«

»In erster Linie muß ich dir sagen, daß der Junge ganz sicher freiwillig gegangen ist. Er ist durchs Fenster entflohen, entweder allein oder in Begleitung einer zweiten Person. Daran ist nicht zu zweifeln.«

Ich stimmte ihm bei.

»Gut, nun wollen wir uns zu dem unglücklichen Lehrer und seinem Schicksal wenden. Der Knabe war vollständig angekleidet, als er floh. Er hat also vorher gewußt, was er wollte. Der Lehrer dagegen ist ohne Strümpfe fortgeeilt, hat also keine Zeit gehabt und kurz entschlossen gehandelt.«

»Zweifellos.«

»Warum ist er fortgegangen? Weil er vom Schlafzimmerfenster aus den Schüler hat fliehen sehen, weil er ihn einholen und zurückbringen wollte. Er nahm sein Rad, fuhr hinter dem Jungen her und fand bei dieser Verfolgung den Tod.«

»So könnte es scheinen.«

»Nun komme ich zum wichtigsten Punkt. Am natürlichsten würde es sein, daß ein Mann, der einen kleinen Jungen verfolgt, hinter ihm her läuft, weil er weiß, daß er ihn so bald einholen kann. Der Deutsche tut das nicht; er bedient sich des Rades. Ich habe erfahren, daß er ein ausgezeichneter Radler war. Er würde nicht zu diesem Mittel gegriffen haben, wenn er nicht gesehen hätte, daß auch der Junge schnellgehende Hilfsmittel auf seiner Flucht zur Verfügung hatte.«

»Das andere Rad.«

»Lass‘ uns erst weiter schließen. Die Leiche liegt fünf Meilen von der Schule – der Tod ist, wohlgemerkt, nicht durch eine Kugel herbeigeführt worden, die möglicherweise ja auch ein Junge abschießen kann, sondern durch einen wuchtigen Schlag von einem starken Mannesarm. Der Knabe muß also einen Gefährten auf seiner Flucht gehabt haben. Diese Flucht ist eine sehr eilige gewesen, denn ein guter Radfahrer hat fünf Meilen gebraucht, ehe er die Flüchtlinge eingeholt hat. Wir untersuchen das Gelände am Tatort. Was finden wir? Nur ein paar Hufspuren von Rindern, sonst nichts. Ich habe die ganze Umgegend in einem weiten Umkreis durchforscht, aber innerhalb fünfzig Metern ist kein Weg. Irgend ein anderer Radfahrer konnte kein Interesse an der Ermordung haben. Uebrigens waren auch keine Spuren eines Menschen zu sehen.«

»Holmes,« rief ich, »so ist’s unmöglich!«

»Wunderbar!« antwortete er. »Eine sehr richtige Bemerkung. Es ist unmöglich, wie ich es darstelle, also muß meine Beweisführung in irgend einer Hinsicht nicht ganz richtig sein. Nun denke selbst ‚mal darüber nach. Kannst du mir einen falschen Punkt darin angeben?«

»Könnte er sich nicht durch einen Sturz die Verletzung zugezogen haben?«

»Auf weichem Sumpfboden, Watson?«

»Dann weiß ich auch nicht.«

»Nur nicht gleich den Mut verloren! Wir haben schon schwierigere Probleme gelöst. Wir haben wenigstens genug Material, wir müssen’s nur richtig verwerten. Komm‘ jetzt, nachdem die Palmerspur abgetan ist, wollen wir uns nach der anderen von dem Rad der Firma Dunlop umschauen und sehen, was wir dabei für ein Resultat finden.«

Wir nahmen jene Spur wieder auf und verfolgten sie vorwärts. Aber nach kurzer Zeit kamen wir an einen Graben, jenseits dessen das Moor allmählich in eine sanft ansteigende Heidelandschaft überging, wo wir keine Spuren mehr erwarten konnten. Von der Stelle, wo wir zum letztenmal die Fährte des geflickten Dunlopreifens sahen, konnte sie ebensowohl nach Holdernesse Hall hinüberführen, dessen stattliche Türme wir einige Meilen links emporragen sahen, wie hinauf nach dem kleinen Dörfchen an der Chesterfielder Chaussee.

Als wir in die Nähe des verheißungsvollen Wirtshauses mit einem Kampfhahn über dem Eingang kamen, stieß Holmes plötzlich einen Schrei aus und erfaßte meine Schulter, um nicht hinzufallen. Er hatte sich den Fuß vertreten. Er humpelte beschwerlich nach der Tür zu, in der ein stämmiger, dunkeler Mann stand und eine Tonpfeife rauchte.

»Wie geht’s, Herr Hayes?« redete ihn Holmes an.

»Wer sind Sie denn, und woher wissen Sie meinen Namen?« antwortete der Wirt, indem Argwohn aus seinen listigen Augen blitzte.

»Ei! er steht ja über Ihrer Tür. Und den Besitzer eines Hauses zu erkennen, ist nicht schwer. Haben Sie nicht irgend ein Fuhrwerk?«

»Nein, das hab‘ ich nicht.«

»Ich kann kaum mit dem Fuß auftreten.«

»Dann lassen Sie’s doch bleiben.«

»Aber ich kann nicht richtig gehen.«

»Dann hüpfen Sie doch.«

Herrn Hays Benehmen war nicht gerade entgegenkommend und höflich, aber Holmes nahm es merkwürdig gut hin.

»Schauen Sie her, lieber Mann,« sagte er. »Die Geschichte kommt mir jetzt wahrhaftig sehr ungelegen. Ich muß weiter und weiß nicht, wie ich fortkommen soll.«

»Ich weiß auch nicht,« erwiderte der grobe Wirt.

»Die Sache ist sehr dringend. Ich gebe Ihnen einen Sovereign, wenn Sie mir ein Rad verschaffen; wenn ich auch nur mit dem einen Bein treten kann, so komme ich doch noch rascher und bequemer weiter als zu Fuß. Der Wirt spitzte die Ohren.

»Wo woll’n S’e denn hin?«

»Nach Holdernesse Hall.«

»Wohl zum Herzog selbst?« sagte der Wirt, indem er höhnisch auf unsere mit Dreck bespritzten Hosen blickte.

»Er wird denn doch froh sein, wenn wir kommen.«

»Warum?«

»Weil wir ihm Nachricht von seinem Sohn bringen.«

Der Wirt fuhr sichtlich zusammen.

»Was, Sie sind ihm auf der Spur?«

»Er ist in Liverpool gesehen worden. Man hofft, ihn jede Stunde wiederzubekommen.«

Da veränderte sich das Gesicht des Wirtes wieder und er wurde rasch vergnügt.

»Ich hab‘ ebensowenig Grund, dem Herzog wohlgesinnt zu sein, wie die meisten anderen Leute,« sagte er. »Ich war früher sein Leibkutscher, aber er hat mich furchtbar schlecht behandelt. Auf die Verdächtigung eines verlogenen Getreidehändlers hin hat er mich gleich ’nausgeworfen. Aber ich freue mich doch, daß der junge Lord in Liverpool gesehen worden ist, und will Ihnen behilflich sein, diese Botschaft zu übermitteln.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Holmes. »Wir wollen aber erst etwas essen. Dann können Sie das Rad herbringen.«

»Ich hab‘ kein Rad.«

Holmes zeigte ihm das Goldstück.

»Mann, ich sage Ihnen doch, daß ich keins Hab‘. Ich will Ihnen aber ein Paar Pferde geben.«

»Schön,« antwortete Holmes. »Wir wollen die Sache nach dem Essen abmachen.«

Als wir allein in der Küche waren, bemerkte ich, wie erstaunlich schnell meines Freundes Fußverstauchung geheilt war. Es war im Dunkelwerden, und wir hatten seit dem frühen Morgen nichts gegessen; brauchten aber trotzdem ziemlich viel Zeit, ehe wir mit unserem Mahl fertig waren. Holmes war in Gedanken versunken und ging ein paarmal ans Fenster und sah sich um. Man blickte in einen schmutzigen Hof. In der gegenüberliegenden Ecke befand sich eine Schmiede, worin ein Geselle an der Arbeit war. Auf der anderen Seite befanden sich die Ställe. Holmes hatte sich nach seinen Exkursionen wieder auf seinen Platz gesetzt, aber plötzlich sprang er auf und rief mit lauter Stimme:

»Wahrhaftig, Watson, ich glaub‘, ich hab’s ‚raus! Ja, ja, so ist’s. Erinnerst du dich noch, Watson, daß du heute Spuren von Kühen gesehen hast?«

»Jawohl, mehrere.«

»Wo?«

»Nun, allenthalben. Im Sumpf und auf dem Pfad und auch in der Nähe der Stelle, wo der arme Heidegger den Tod gefunden hat.«

»Allerdings. Nun sag‘ mir ‚mal, Watson, wieviel Kühe hast du eigentlich auf dem Moor gesehen?«

»Nicht eine einzige, so weit ich mich entsinnen kann.«

»Sonderbar, Watson, daß man überall Rinderspuren sieht und keine Kühe, sehr sonderbar, Watson, wie?«

»O ja, das ist freilich merkwürdig.«

»Nun, denk‘ ‚mal nach, mein Lieber! Kannst du dir diese Spuren noch richtig vorstellen?«

»Jawohl.«

»Kannst du dich noch erinnern, daß diese Fährten zuweilen dieses Bild zeigten« – er legte eine Anzahl Brotkrumen in folgender Weise zusammen – : : : : : – »und manchmal so aussahen – : · : · : und verschiedentlich wieder so – . · . · . · . – kannst du dich noch darauf besinnen?«

»Nein, so genau habe ich sie nicht beobachtet.«

»Aber ich. Ich könnte darauf schwören. Wir können jedoch zurückgehen und nachsehen, wenn du willst. Wie verblendet bin ich doch gewesen, daß ich daraus keine Schlüsse gezogen habe!«

»Ja, was willst du denn daraus folgern?«

»Weiter nichts, als daß es eine komische Kuh gewesen sein muß, die Schritt geht, Trab läuft und Galopp rennt. Bei Gott, Watson, das war kein dummer Bauer, der eine solche Täuschung ausgedacht hat! Die Luft scheint rein zu sein, wenn wir von dem Burschen in der Schmiede absehen. Wir wollen uns hinausschleichen und sehen, was wir entdecken können.«

In dem baufälligen Stall standen zwei struppige Pferde. Holmes hob bei dem einen den Hinterhuf auf und mußte laut lachen.

»Alte Eisen, aber frisch aufgelegt – alte Eisen und neue Nägel. Dieser Fall ist einzig. Lass‘ uns hinübergehen in die Schmiede.«

Der Geselle arbeitete weiter, ohne uns zu beachten. Ich sah, wie Holmes mit seinen Blicken auf dem Boden unter den umherliegenden Eisen- und Holzstücken eifrig suchte. Plötzlich hörten wir einen schweren Schritt, und hinter uns stand der Wirt. Er schaute uns wütend an, in seinem finsteren Gesicht zuckte es vor Zorn, und in der Hand hatte er ein kurzes Stück Eisen mit einem schweren Knopf. Er kam in einer Weise auf uns zu, daß ich recht froh war, meinen Revolver in der Tasche zu haben.

»Ihr verfluchten Spione!« schrie er uns an. »Was macht ihr hier?«

»Ei, Herr Hayes,« antwortete Holmes kaltblütig, »man möchte fast glauben, Sie fürchteten, daß wir etwas finden könnten.«

Mit großer Anstrengung bezwang der Mann seine Wut und zeigte ein erzwungenes Lachen. Er sah dabei jedoch noch gefährlicher aus als vorher.

»In meiner Schmiede werden Sie nichts Verdächtiges finden,« sagte er. »Aber trotzdem bin ich kein Freund von Leuten, die ohne meine Erlaubnis alles durchstöbern, und es ist mir am liebsten, wenn Sie möglichst bald Ihre Rechnung bezahlen und machen, daß Sie fortkommen.«

»Schön, Herr Hayes – nichts für ungut,« erwiderte Holmes. »Wir haben uns nur Ihre Pferde angesehen, aber ich hoffe, daß ich wieder gehen kann. Es ist wohl nicht zu weit.«

»Nur zwei Meilen. Den Weg rechts.« Er guckte mit finsteren Blicken hinter uns her, bis wir sein Gehöft verlassen hatten.

Wir gingen aber nicht weit auf der bezeichneten Straße. Sobald wir um die Ecke herum waren, sodaß uns der Wirt nicht mehr sehen konnte, blieb Holmes stehen.

»In diesem Wirtshaus hat man uns warm gemacht,« sagte er dann, »Jeden Schritt weiter werde ich kühler. Nein, nein; ich muß noch einmal dahin zurück.«

»Ich bin fest überzeugt,« antwortete ich, »daß dieser Hayes alles weiß. Ich habe im Leben keinen Kerl gesehen, der sich so verraten hätte.«

»Ah! einen solchen Eindruck hat er auf dich gemacht, wirklich? Die Pferde, die Schmiede. Es ist sicher ein interessanter Ort dieser ›Kampfhahn‹. Ich hoffe, daß wir ihn ein anderesmal in einer weniger aufdringlichen Weise besichtigen können.«

Hinter uns zog sich eine lange Straße am Fuße eines Hügels hin. Wir waren vom Wege abgegangen und wanderten querfeldein nach Holdernesse Hall zu. Als ich zufällig emporblickte, sah ich einen Radfahrer rasch die Landstraße herunter kommen.

»Bück‘ dich, Watson!« rief Holmes und drückte mich gleichzeitig nieder. Wir hatten uns kaum so verborgen, daß er uns nicht erkennen konnte, als er an uns vorbeisauste. In einer Staubwolke bemerkte ich für einen Moment ein blasses, erregtes Gesicht – ein Gesicht, in dem jeder einzelne Zug Schrecken und Furcht verriet: der Mund stand weit offen und die vorgetretenen Augen stierten gerade aus. Es erschien mir wie eine Karrikatur des flinken kleinen Wilder, den wir am gestrigen Abend gesehen hatten.

»Der Sekretär des Herzogs!« rief Holmes. »Komm‘, Watson, wir wollen hinter ihm her und sehen, was er macht. Wir kletterten von Fels zu Fels, bis wir nach ein paar Augenblicken einen Punkt gefunden hatten, von dem aus wir den Eingang zum Wirtshaus überblicken konnten. Wilders Fahrrad war an die Mauer daneben gelehnt. Um das Haus herum war kein Mensch zu sehen, auch an den Fenstern zeigte sich kein Gesicht. Langsam sank die Dämmerung hernieder, und nachdem es dunkel geworden war, bemerkten wir im Hofe des Wirtshauses die Lichter zweier Wagenlaternen, und kurz danach hörten wir den Hufschlag der Pferde. In rasendem Tempo fuhr ein Geschirr nach Chesterfield zu.

»Was hältst du davon, Watson?« flüsterte mir Holmes zu.

»Es macht den Eindruck einer Flucht.«

»In dem Fuhrwerk saß, so weit ich sehen konnte, nur ein einzelner Mann. Doch war es sicher nicht Herr Wilder, denn er steht ja dort im Eingang.«

In der Mitte eines hellen Lichtscheines, der durch die Haustür fiel, konnte man die dunkele Gestalt des Sekretärs erkennen; er steckte den Kopf hinaus und starrte in die Nacht. Er wartete offenbar auf jemanden. Dann hörte man Tritte auf der Straße, sah eine zweite Person in dem Lichtschein; die Tür wurde zugemacht, und alles war wieder finster. Nach etwa fünf Minuten wurde in einem Zimmer des ersten Stockwerks eine Lampe angezündet.

»Der ›Kampfhahn‹ scheint eigentümliche Gäste zu haben,« meinte Holmes.

»Das Schanklokal liegt auf der anderen Seite.«

»Ganz recht. Das sind sogenannte Logiergäste. Was in aller Welt mag dieser Wilder um diese späte Stunde in einer solchen Kneipe zu schaffen haben, und wer mag sein Gefährte sein, der mit ihm dort zusammen trifft? Komm‘, Watson, wir müssen’s wirklich wagen und uns die Geschichte etwas in der Nähe betrachten.«

Wir schlichen uns zusammen auf die Straße und krochen hinüber nach dem Eingang zum Wirtshaus. Das Rad stand noch an der Mauer. Holmes steckte ein Streichholz an und hielt es an das Hinterrad; und ich hörte ihn leise lachen, als er die Reparatur und den Reifen von Dunlop gewahr wurde. Gerade über uns befand sich das erleuchtete Fenster.

»Ich muß entschieden einen Blick durch die Scheiben werfen, Watson. Wenn du dich bückst und an der Mauer festhältst, glaube ich’s fertig zu bringen.«

Im nächsten Moment stand er auf meinen Schultern. Er war jedoch kaum oben, als er auch schon wieder unten war.

»Komm‘, mein Lieber,« sagte er. »Wir haben heute lange genug gearbeitet, und ich glaube, auch genug erreicht. Es ist noch ein tüchtiger Marsch nach der Schule, und je früher wir uns auf den Weg machen, um so besser.«

Während unserer mühseligen Wanderung über das Moor sprach er kein Wort, er ging auch nicht in die Klosterschule, als wir ankamen, sondern zunächst nach der Station Mackleton, wo er einige Depeschen aufgeben konnte. Spät in der Nacht hörte ich ihn noch den Direktor Huxtable trösten, der durch das traurige Ende seines Lehrers tief erschüttert worden war, und noch später kam er ebenso munter und kräftig in mein Zimmer, wie er am Morgen beim Aufbruch gewesen war. »Es geht alles gut, lieber Freund,« sagte er zu mir. »Ich verspreche dir, daß wir vor morgen abend das Geheimnis aufgedeckt haben.«

*

Am nächsten Morgen um elf Uhr wandelten wir durch die berühmte Taxusallee von Holdernesse Hall. Wir wurden durch den prächtigen Elisabetheingang in das Arbeitszimmer des Herzogs geführt.

Dort fanden wir Herrn Wilder. Er war bescheiden und höflich, aber in seinen Augen und Zügen lag noch eine Spur des Schreckens von der vorhergehenden Nacht.

»Sie wünschen Seine Hoheit zu sprechen? Es tut mir leid; aber der Herzog ist tatsächlich durchaus nicht wohl. Er ist durch die tragische Neuigkeit von gestern sehr aufgeregt worden. Wir erhielten am Nachmittag ein Telegramm von Direktor Huxtable, worin er uns Ihre Entdeckung mitteilte.«

»Ich muß aber den Herzog sehen, Herr Wilder.«

»Er ist noch in seinem Schlafzimmer.«

»Dann will ich ihn dort sprechen.«

»Ich glaube, er liegt sogar noch zu Bett.«

»So will ich ihn dort sprechen.«

Das kalte und unerschütterliche Wesen meines Freundes mochte dem Sekretär wohl sagen, daß es nutzlos sei, weitere Einwendungen zu machen.

»Also gut, Herr Holmes; ich werde ihm sagen, daß Sie hier sind.«

Nach etwa einer halben Stunde trat der Minister herein. Sein Gesicht war leichenähnlicher als je zuvor, er ging niedergebeugt und machte mir einen viel älteren Eindruck als am ersten Tage. Er begrüßte uns höflich und setzte sich an seinen Schreibtisch, sodaß sein roter Bart auf die Tischplatte herabhing.

»Nun, Herr Holmes?« begann er.

Mein Freund faßte jedoch den Sekretär scharf ins Auge, welcher neben dem Stuhl seines Herrn stand.

»Ich würde in der Abwesenheit des Herrn Wilder freier sprechen können, Hoheit.«

Der Sekretär wurde noch einen Ton weißer und warf meinem Freund einen bösartigen Blick zu.

»Wenn Eure Hoheit wünschen –«

»Ja, ja; es ist besser, wenn Sie gehen. Nun, Herr Holmes, was haben Sie mir mitzuteilen?«

Mein Freund wartete, bis sich hinter dem abtretenden Sekretär die Tür geschlossen hatte, dann antwortete er:

»Herr Huxtable hat meinem Kollegen Doktor Watson und mir die Mitteilung gemacht, daß Euere Hoheit eine Belohnung in diesem Falle ausgesetzt hätten. Ich möchte das von Ihnen selbst bestätigt haben.«

»Gewiß, Herr Holmes.«

»Sie belief sich, wenn ich recht unterrichtet bin, auf fünftausend Pfund für denjenigen, der Ihnen angeben kann, wo sich Ihr Sohn aufhält?«

»Sehr richtig.«

»Und weitere tausend Pfund demjenigen, der Ihnen die Person oder die Personen namhaft macht, die ihn verborgen halten?«

»Jawohl.«

»Darunter sind doch sicher nicht nur diejenigen verstanden, die ihn entführt haben, sondern auch diejenigen, die ihn jetzt eventuell festhalten?«

»Allerdings, natürlich,« rief der Herzog ungeduldig. »Wenn Sie Ihre Sache gut machen, werden Sie sich bei mir nicht über Knauserei zu beklagen haben.«

Mein Freund rieb sich die mageren Hände und zeigte eine Begehrlichkeit, die mich überraschte, weil ich seine Anspruchslosigkeit kannte.

»Ich glaube, Ihrer Hoheit Scheckbuch liegt dort auf dem Tisch,« sagte er weiter. »Es würde mich freuen, wenn Sie mir einen Wechsel auf sechstausend Pfund ausstellten. Sie können das Geld der Länder-Bank in der Oxforderstraße in London überweisen, wo ich mein Konto habe.«

»Soll das ein Scherz sein?« antwortete der Herzog, der sich in seinem Stuhl in die Höhe gerichtet hatte und Holmes streng und starr ansah. »Die Sache ist kaum zu einem Ulk geeignet.«

»Allerdings nicht, Hoheit. Ich bin nie im Leben ernster gewesen als jetzt.«

»Was wollen Sie denn also damit sagen?«

»Ich will damit sagen, daß ich die Belohnung verdient habe. Ich kenne den Aufenthaltsort Ihres Sohnes und kenne auch, wenigstens teilweise, die Leute, die ihn festhalten.«

Des Herzogs Bart erschien noch röter und sein Gesicht noch bleicher.

»Wo ist er?« fragte er mit zitternder Stimme.

»Er ist oder war wenigstens vergangene Nacht im Wirtshaus zum Kampfhahn, ungefähr zwei Meilen von Ihren Toren entfernt.«

Der Herzog sank in seinen Stuhl zurück.

»Und wen beschuldigen Sie? – wer hält ihn versteckt?«

Holmes‘ Antwort auf diese Frage lautete ganz überraschend. Er ging rasch ein paar Schritte nach vorne und klopfte den Herzog leicht auf die Schulter.

»Sie,« sagte er dann. »Und nun darf ich Euere Hoheit wohl um den Scheck bitten.«

Nimmermehr werde ich die Erscheinung des Herzogs vergessen, als er aufsprang und um sich griff wie jemand, der in einem Abgrund versinkt. Dann setzte er sich mit großer Selbstbeherrschung wieder nieder und verbarg das Gesicht mit seinen Händen. Es dauerte verschiedene Minuten, ehe er sprechen konnte.

»Wieviel wissen Sie?« fragte er endlich, ohne den Kopf emporzuheben.

»Ich habe Sie gestern abend zusammen gesehen.«

»Weiß es noch jemand außer Ihrem Freund?«

»Ich habe es niemandem gesagt.«

Der Herzog ergriff mit zitternder Hand eine Feder und schlug das Scheckbuch auf.

»Ich werde mein Wort halten, Herr Holmes. Ich bin im Begriff Ihre Anweisung auszuschreiben, wenn mir auch Ihre Auskunft nicht sehr angenehm klingt. Als ich die Belohnung aussetzte, dachte ich nicht im entferntesten daran, daß die Sache eine derartige Wendung nehmen sollte. Aber Sie und Ihr Freund sind doch verschwiegene Leute, Herr Holmes?«

»Ich verstehe Euere Hoheit nicht recht.«

»Dann will ich’s Ihnen deutlicher sagen, Herr Holmes. Wenn Sie beide allein den Vorfall kennen, so liegt kein Grund vor, daß ihn andere erfahren. Zwölftausend Pfund bin ich Ihnen schuldig, nicht?«

Holmes lächelte und schüttelte den Kopf.

»Euere Hoheit, ich habe die Befürchtung, daß sich die Angelegenheit schwerlich so leicht regeln läßt. Wir müssen, den Tod des Lehrers noch in Berücksichtigung ziehen.« »Davon hat James nichts gewußt. Dafür können Sie ihn nicht verantwortlich machen. Das ist die Tat des rohen Gesellen, den er unglücklicherweise in seinen Dienst genommen hatte.«

»Ich stehe auf dem Standpunkt, Euere Hoheit, daß jemand, der sich eines Verbrechens schuldig macht, moralisch auch die Schuld an einem anderen trägt, das sich aus dem ersten entwickelt.«

»Moralisch, Herr Holmes. Insofern haben Sie zweifellos recht. Aber sicherlich nicht in den Augen des Richters. Ein Mann kann nicht verurteilt werden wegen eines Mordes, bei dem er nicht zugegen war, und den er ebenso sehr mißbilligt und verabscheut wie Sie selbst. Gleich, nachdem er die Untat erfahren hatte, hat er mir ein volles Geständnis abgelegt, einen solchen Schauder und solche Gewissensbisse empfand er darüber. Er hat keine Minute verloren, um mit dem Mörder vollständig zu brechen. Oh, Herr Holmes, Sie müssen ihn retten – müssen ihn retten! Ich beschwöre Sie, retten Sie ihn!« Der Herzog hatte alle Herrschaft über sich verloren. Er lief wie wahnsinnig im Zimmer umher und rang verzweifelt die Hände. Endlich wurde er wieder Herr seiner selbst und setzte sich zum zweitenmal an den Schreibtisch. »Ich rechne es Ihnen hoch an, daß Sie hierher gekommen sind, ehe Sie irgend einem anderen etwas gesagt haben,« fuhr er fort. »So können wir wenigstens miteinander beraten, auf welche Weise wir diesen schrecklichen Skandal am besten unterdrücken.«

»Allerdings,« antwortete Holmes. »Dazu gehört jedoch, daß wir ganz offen zu einander sprechen, Hoheit. Ich habe die Absicht, Ihnen nach besten Kräften zu helfen; um das jedoch zu können, muß ich alle Verhältnisse bis ins kleinste kennen. Ich weiß, daß Sie Herrn Wilder in Schutz nehmen wollen, und daß er nicht der Mörder ist.«

»Nein; der Mörder ist entkommen.«

Holmes lächelte.

»Euere Hoheit haben wahrscheinlich noch nichts von dem bescheidenen Ruf gehört, dessen ich mich erfreue, sonst würden Sie nicht glauben, daß man mir so leicht entschlüpft. Herr Hayes ist auf meine Veranlassung gestern abend um elf Uhr in Chesterfield verhaftet worden. Ich habe von dem Ortspolizeiinspektor, ehe ich heute morgen die Klosterschule verließ, ein diesbezügliches Telegramm bekommen.«

Der Herzog lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah meinen Freund starr vor Erstaunen an.

»Sie scheinen fast übermenschliche Fähigkeiten zu besitzen,« sagte er nach einer Weile. »Hayes ist also wirklich festgenommen? Ich bin sehr froh, das zu hören, falls es nicht auf James‘ Schicksal einen ungünstigen Einfluß ausübt.«

»Ihres Sekretärs?«

»Nein, Herr; meines Sohnes.«

Darüber mußte nun Holmes staunen.

»Ich gestehe, daß mir diese Enthüllung vollkommen neu ist, Hoheit. Ich muß Sie ersuchen, sich näher darüber auszusprechen.«

»Ich will Ihnen nichts verheimlichen. Ich stimme mit Ihnen darin überein, daß absolute Offenheit in der verzweifelten Lage, in die wir durch James‘ Torheit und Neid geraten sind, noch das Beste und Klügste ist. Als blutjunger Mensch, Herr Holmes, liebte ich, wie man nur einmal im Leben lieben kann. Ich bot der Dame die Heirat an, sie schlug es aber aus, weil eine solche Verbindung mich in meiner Karriere schädigen könnte. Wenn sie am Leben geblieben wäre, würde ich nie eine andere zur Frau genommen haben. Sie starb jedoch und hinterließ mir dieses einzige Kind, das ich aus Liebe zu ihr gepflegt und versorgt habe. Der Welt gegenüber konnte ich die Vaterschaft nicht anerkennen; ich gab ihm aber eine sehr gute Erziehung, und als er herangewachsen war, habe ich ihn zu mir genommen. Er erfuhr mein Geheimnis und hat seitdem stets auf seine Ansprüche an mich und auf seine Gewalt gepocht, daß er einen Skandal provozieren könne, der mir furchtbar sein würde. Seine Gegenwart war auch an dem Unglück meiner Ehe mit schuld. Einen besonderen Haß hatte er vom ersten Augenblick an gegen meinen jüngeren Sohn und rechtmäßigen Erben. Sie werden mich vielleicht fragen, warum ich James unter diesen Umständen zu Hause behalten habe. Das geschah nur darum, weil ich seiner Mutter Gesicht in ihm wiedersah, und dieser teueren Erinnerung zuliebe duldete ich alles. Ich fand nicht die Kraft, ihn fortzuschicken. Aber ich fürchtete, er möchte Artur – das ist Lord Saltire – ein Leid antun, und deshalb brachte ich den Kleinen zu seiner eigenen Sicherheit zu Huxtable auf die Schule.

»James kam mit diesem verruchten Hayes, einem meiner Bauern, in Berührung, weil er die Verwaltung führte. Dieser Kerl war ein Schurke von Anfang an, aber merkwürdigerweise wurde James doch vertraut mit ihm. Er hatte immer eine Vorliebe für schlechten Umgang. Als James entschlossen war, Lord Saltire zu entführen, bediente er sich dieses Menschen zur Ausführung seines Planes. Sie werden sich erinnern, daß ich an jenem letzten Tage an Artur geschrieben hatte. Nun, James öffnete den Brief und legte einen Zettel bei, worauf er Artur bat, in einem nahegelegenen Wäldchen mit ihm zusammenzutreffen. Er mißbrauchte den Namen der Herzogin, und veranlaßte auf diese Weise das Kind, zu kommen. An jenem Abend radelte James hinunter – ich erzähle Ihnen alles so, wie er mir’s selbst eingestanden hat – und sagte zu Artur, der sich wirklich eingefunden hatte, daß seine Mutter Sehnsucht nach ihm hätte und auf dem Moor auf ihn wartete; wenn er um Mitternacht wieder in den Wald ginge, würde er einen Mann mit einem Pferd bereit finden, der ihn zu ihr bringen wollte. Der arme Junge fiel darauf herein. Er stellte sich an dem bestimmten Orte ein und traf diesen elenden Hayes mit einem Ponny. Artur stieg auf, und sie ritten zusammen los. Sie scheinen nun, wie James erst gestern erfahren hat, verfolgt worden zu sein, wobei Hayes den Verfolger mit dem Stock so wuchtig über den Kopf geschlagen hat, daß der Mann infolge der Verletzung gestorben ist. Hayes brachte Artur dann in sein Logierhaus, den ›Kampfhahn‹, wo er im oberen Stock in ein Zimmer eingeschlossen wurde, und sich Frau Hayes seiner annahm; sie ist eine gute Frau, muß sich aber ihrem brutalen Manne vollkommen fügen.

»So, Herr Holmes, stand die Sache, als ich Sie vor zwei Tagen zum erstenmal sah. Sie werden mich hier fragen, was für einen Beweggrund James zu dieser Handlungsweise hatte. In dem Haß gegen meinen Erben war viel Unvernunft und Fanatismus. In seinem Sinn sollte er selbst der Erbe meiner Besitzungen sein, und er empfand die gesetzlichen Bestimmungen, die es unmöglich machen, als sehr ungerecht. Er hatte aber auch noch ein bestimmtes Motiv. Er bestand darauf, daß ich das Testament umstoßen sollte, was seiner Ansicht nach wohl in meiner Macht stände. Er wollte einen Druck auf mich ausüben – Artur mir wiederbringen, wenn ich das Testament änderte und ihm dadurch die Möglichkeit gäbe, seine Erbschaft antreten zu können. Er wußte genau, daß ich nun und nimmer die Hilfe der Polizei gegen ihn in Anspruch nehmen würde. Ich muß hervorheben, daß er mir das zumuten wollte, in Wirklichkeit ist er nicht dazu gekommen, denn es ging zu schnell, und er fand nicht die Zeit, seine Pläne in die Tat umzusetzen.

»Was alle seine bösen Absichten zum Scheitern brachte, war Ihre Auffindung von Heideggers Leiche. Bei dieser Kunde wurde James von Schrecken erfüllt. Sie erreichte uns, als wir gestern in diesem Zimmer zusammensaßen. Direktor Huxtable hatte telegraphiert. James war so von Sorge und Aufregung überwältigt, daß mir mein Verdacht, den ich immer gehabt hatte, augenblicklich zur Gewißheit wurde und ich ihn zur Rede setzte. Er legte freiwillig ein volles Geständnis ab und bat mich nachher, sein Geheimnis nur noch drei Tage zu bewahren, um seinem elenden Genossen Gelegenheit zu geben, seine Person in Sicherheit zu bringen. Ich gab seinen Bitten nach, wie ich immer nachgegeben habe. James fuhr sofort nach dem Wirtshaus, um Hayes zu warnen und ihm die Mittel zur Flucht zu geben. Ich konnte bei Tage nicht hingehen, ohne zu Redereien Veranlassung zu geben, aber sobald es Nacht geworden war, eilte ich hin, um meinen lieben Jungen zu sehen. Ich traf ihn wohl und munter, aber über alle Maßen entsetzt über die Bluttat, deren Zeuge er gewesen war. In Anbetracht meines Versprechens, wenn auch gegen meinen Willen, gab ich meine Einwilligung, den Jungen noch drei Tage unter der Obhut der Frau Hayes zu lassen, denn es war unmöglich, die Polizei von seinem Aufenthalt zu benachrichtigen, ohne gleichzeitig den Mörder zu verraten, und dieser konnte nicht bestraft werden, ohne meinen unglücklichen James mit ins Verderben zu ziehen.

»Sie baten mich um Offenheit, Herr Holmes, und ich habe Ihren Wunsch erfüllt und Ihnen alles ohne Umschweife und Heimlichkeit erzählt. Nun seien Sie Ihrerseits ebenso freimütig gegen mich.«

»Das will ich,« sagte Holmes. »In erster Linie fühle ich mich verpflichtet, Euere Hoheit darauf aufmerksam zu machen, daß Sie sich selbst in eine recht üble Lage gebracht haben. Vom gesetzlichen Standpunkt aus betrachtet, haben Sie sich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht, indem Sie einem Mörder mit zur Flucht verholfen haben, denn es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß das Geld, welches James Wilder seinem Komplizen zur Flucht übergeben hat, aus Ihrer Tasche gekommen ist.«

Der Herzog nickte zustimmend.

»Dieser Punkt ist nicht leicht zu nehmen. Aber eine noch schwerere Schuld haben Sie durch das Benehmen Ihrem jüngeren Sohne gegenüber meiner Meinung nach auf sich geladen. Sie lassen ihn drei Tage in einer solchen Räuberhöhle.«

»Nach feierlichen Versprechungen –«

»Was für einen Wert haben Versprechungen bei solchem Volk wie dieses? Wer bürgt Ihnen dafür, daß er nicht wieder weggelockt wird? Um Ihrem schuldigen älteren Sohn einen Gefallen zu tun, haben Sie Ihren unschuldigen jüngeren Sohn einer ungeheueren und unnötigen Gefahr ausgesetzt. Das war sehr unrecht von Ihnen.«

An eine solche Tonart, noch dazu in seinen eigenen Gemächern, war der stolze Lord von Holdernesse nicht gewöhnt.

Seine hohe Stirn wurde rot vor Zorn, aber sein Gewissen hieß ihn schweigen.

»Ich will Ihnen beistehen, aber nur unter einer Bedingung. Sie müssen Ihrem Diener klingeln und mich ihm die Befehle geben lassen, die ich für gut halte.«

Ohne ein Wort zu sagen, drückte der Herzog auf den Knopf der elektrischen Klingel. Ein Lakai trat ein.

»Sie werden sich freuen, zu hören, daß Ihr junger Herr wiedergefunden ist,« sagte Holmes zu ihm. »Seine Hoheit wünscht, daß sofort ein Wagen nach dem »Kampfhahn« abgeht, um den Lord Saltire nach Hause zurückzubringen.«

Als der Diener hocherfreut hinausgegangen war, fuhr Holmes fort: »Nachdem wir nun die Zukunft sichergestellt haben, können wir das Vergangene in Ruhe erörtern. Ich bin kein Beamter und habe also keine Veranlassung, alles, was ich weiß, aufzudecken. Was Hayes betrifft, kann ich weiter nichts tun. Er gehört an den Galgen, und ich würde keine Hand rühren, ihn zu retten. Was er offenbaren wird, kann ich nicht sagen. Ich bin aber überzeugt, daß Euere Hoheit ihm zu verstehen geben könnte, daß Schweigen auch in seinem eigensten Interesse liegt. Nach Ansicht der Polizei hat er den Knaben entführt, um ein Lösegeld zu erpressen. Wenn sie selbst nichts weiter herausbringt, so habe ich keinen Grund, ihren Gesichtskreis zu erweitern. Ich möchte Euere Hoheit nur noch darauf aufmerksam machen, daß die weitere Anwesenheit des Herrn Wilder in Ihrer Familie nur Unglück über Sie bringen kann.«

»Das begreife ich, Herr Holmes, und es ist schon abgemacht, daß er mich für immer verlassen und in Australien sein Glück versuchen soll.«

»Wenn das der Fall ist, würde ich Ihnen raten, da Sie ja selbst die Schuld an Ihrem ehelichen Unglück seiner Gegenwart zugeschrieben haben, soweit es möglich ist, der Herzogin entgegenzukommen und sie wieder in die früheren Rechte einzusetzen und die alten Beziehungen, die so unglücklich unterbrochen waren, wieder herzustellen.«

»Auch dies habe ich schon in die Wege geleitet, Herr Holmes. Ich habe heute morgen bereits an die Herzogin geschrieben.«

»Dann können wir Ihnen, glaube ich, gratulieren. Wir können uns aber gleichzeitig auch selbst beglückwünschen, daß unsere kleine Reise nach dem Norden so schöne Erfolge gezeitigt hat. Ueber etwas möchte ich gerne noch Aufschluß haben. Dieser Hayes hatte seine Pferde mit Eisen beschlagen, die die Abdrücke von Rinderhufen gaben. Hat er diesen ausgezeichneten Kniff von Herrn Wilder gelernt?«

Der Herzog besann sich einen Augenblick und machte ein ganz erstauntes Gesicht. Dann öffnete er eine Türe und führte uns in ein großes Zimmer, das wie ein Museum eingerichtet war. Er zeigte uns einen Glasschrank in einer Ecke und deutete auf einen beschriebenen Zettel, dessen Inhalt lautete:

»Diese Eisen wurden beim Umgraben in der Nähe von Holdernesse Hall gefunden. Sie sind für Pferde gemacht, haben auf der unteren Seite aber einen gespaltenen Eisenbeschlag, wie ihn Rinder tragen, um Verfolger in der Fährte zu täuschen. Sie haben wahrscheinlich einem der plündernden Raubritter des Mittelalters gute Dienste geleistet.«

Holmes machte die Glastür auf und strich mit dem feuchten Finger über die Eisen. Der Finger zeigte Spuren von frischem Schmutz.

»Ich danke Ihnen,« sagte er, als er den Vorhang wieder vorschob und die Glastür des Schrankes schloß. »Das ist der zweite, höchst interessante Gegenstand, den ich hier im Norden gesehen habe.«

»Und der erste?«

Holmes faltete als Antwort seinen Scheck zusammen und legte ihn sorgfältig in sein Notizbuch. »Ich bin kein reicher Mann,« sagte er, während er das Buch zärtlich in der Hand hielt und dann in der Tiefe seiner inneren Tasche verschwinden ließ.

 

 

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