Die einsame Radfahrerin

Vom Jahre 1894–1901 einschließlich war Sherlock Holmes ein außerordentlich beschäftigter Mann. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß es kaum einen irgendwie schwierigen Fall von öffentlichem Interesse gab, zu dem er während dieses Zeitraums nicht zugezogen worden wäre. Außerdem spielte er auch noch in Hunderten von oft sehr verzwickten und außergewöhnlichen privaten Angelegenheiten eine hervorragende Rolle. Viele überraschende Erfolge und nur einige wenige unvermeidliche Mißerfolge waren das Resultat dieser langen Periode mühseliger, unablässiger Tätigkeit. Da ich sämtliche Fälle notiert und bei vielen selbst mitgewirkt habe, fallt es mir natürlich nicht leicht, eine richtige Auswahl zur Veröffentlichung zu treffen. Ich will jedoch meinem alten Grundsatz treu bleiben und solchen Fällen den Vorzug geben, die mehr infolge der scharfsinnigen und dramatischen Lösung als durch die Schwere des Verbrechens selbst ein weiteres Interesse beanspruchen können. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, will ich jetzt die Geschichte des Fräuleins Violet Smith, der einsamen Radfahrerin von Charlington, erzählen. In dieser Angelegenheit wurden durch unsere Untersuchung eigentümliche begleitende Umstände ans Licht gebracht, welche zu einem ganz unerwarteten tragischen Ende führten. Wenn auch in Anbetracht der Verhältnisse mein Freund gerade diejenigen Fähigkeiten, derentwegen er berühmt wurde, nicht voll zur Geltung bringen konnte, so gehört doch dieser Fall infolge der begleitenden Nebenumstände mit zu den bemerkenswertesten.

Aus meinem Tagebuch geht hervor, daß wir am Sonnabend, den 23. April 1895, zum ersten Male den Besuch des Fräulein Smith erhielten. Holmes war er, wie ich mich erinnere, äußerst unangenehm, weil er damals in ein sehr dunkles Problem, die absonderliche Verfolgung des bekannten Tabakkönigs John Vincent Harden, vertieft war. Mein Freund, der Konzentration der Gedanken über alles schätzte, war stets ungehalten, wenn seine Aufmerksamkeit von dem Gegenstande, der ihn gerade beschäftigte, durch irgend etwas anderes abgelenkt wurde. Und doch mußte er, wenn er nicht unhöflich werden wollte, was seiner Natur zuwider war, die Erzählung des jungen hübschen Mädchens ruhig anhören, das noch in später Abendstunde zu uns in die Bakerstraße kam und uns um Rat und Beistand bat. Es war vergeblich, die junge Dame darauf aufmerksam zu machen, daß seine Zeit bereits voll und ganz in Anspruch genommen sei; sie war mit dem festen Entschluß gekommen, uns ihre Geschichte vorzutragen, und würde, bevor sie das getan hätte, nur mit Gewalt zu entfernen gewesen sein. So sah sich Holmes denn gezwungen, unserem schönen Eindringling einen Stuhl anzubieten und ihn zu ersuchen, uns zu erzählen, was ihn bedrücke.

»Wenigstens kann es sich bei Ihnen um keine Gesundheitsstörung handeln,« sagte er, nachdem er sie scharf betrachtet hatte; »bei einer so kühnen Radfahrerin gibt’s keine Körperschwäche.«

Sie sah erstaunt auf ihre Füße, und ich konnte an ihren Schuhen sehen, daß sie an einer Stelle durch die Reibung am Pedal etwas abgeschabt waren.

»Allerdings radle ich ziemlich viel, Herr Holmes, und das steht auch in einem gewissen Zusammenhang mit meinem heutigen Besuch bei Ihnen.«

Mein Freund nahm die bloße Hand der Dame in die seinige und untersuchte sie mit so viel Aufmerksamkeit und so wenig Gefühl wie ein Kenner eine Warenprobe.

»Sie werden entschuldigen,« sagte er, indem er sie losließ, »aber in meinem Beruf darf man nichts außer acht lassen. Ich war beinahe versucht, anzunehmen, daß Sie Schreibmaschine schreiben, aber es kommt offenbar vom Klavierspielen. Siehst du die plattgedrückten Fingerspitzen, Watson, die bei beiden Berufsarten charakteristisch sind? Aber das Gesicht zeigt einen geistigen Zug,« – er drehte es zart gegen das Licht – »den Maschinenschreiberinnen gewöhnlich nicht haben. Diese Dame ist also wohl Musiklehrerin.«

»Jawohl, Herr Holmes, ich gebe Klavierunterricht.«

»Auf dem Lande, soviel aus Ihrer Gesichtsfarbe hervorgeht.«

»Jawohl, mein Herr; in der Nähe von Farnham, an der Grenze von Surrey.«

»Eine schöne Gegend, die interessante Erinnerungen in mir wachruft. Watson, entsinnst du dich noch, daß wir dort in der Nähe den Schmied Stamford gefaßt haben? Nun, Fräulein Violet, was ist Ihnen bei Farnham denn passiert?«

Die junge Dame gab folgende klare und ruhige Schilderung:

»Mein Vater lebt nicht mehr, Herr Holmes. Er hieß James Smith und war Kapellmeister am alten Königlichen Theater. Meine Mutter und ich hatten weiter keine Verwandte als einen Onkel Ralph Smith. Dieser ist vor fünfundzwanzig Jahren nach Afrika ausgewandert, und wir haben seit jener Zeit kein Wort von ihm gehört. Unser Vater ließ uns in großer Armut zurück, aber eines Tages erfuhren wir, daß in der »Times« ein uns betreffender Aufruf gestanden habe. Sie können sich unsere Aufregung denken, denn wir glaubten, es habe uns jemand ein Vermögen ausgesetzt. Wir gingen sofort zu dem in der Zeitung namhaft gemachten Vertreter. Dort trafen wir zwei Herren, Herrn Carruther und Herrn Woodley, die zu Besuch aus Südafrika in der Heimat weilten. Sie sagten uns, mein Onkel sei ein Freund von ihnen gewesen und vor einigen Monaten ganz arm in Johannesburg gestorben; er hätte sie noch kurz vor seinem Tode beauftragt, sich nach seinen Verwandten umzusehen, und sie vor Not zu schützen. Es kam uns sonderbar vor, daß sich Onkel Ralph, der sich zu seinen Lebzeiten nie um uns gekümmert hatte, noch um unser Wohlergehen nach seinem Tode solche Sorge machen sollte. Herr Carruther klärte jedoch die Sache dahin auf, daß mein Onkel damals erst den Tod meines Vaters in Erfahrung gebracht und dadurch nun ein gewisses Verantwortlichkeitsgefühl gehabt hätte.«

»Entschuldigen Sie,« sagte Holmes; »wann fand diese Unterredung statt?«

»Vergangenen Dezember – vor vier Monaten.«

»Bitte, fahren Sie fort.«

»Herr Woodley machte auf mich einen höchst unangenehmen Eindruck. Er hatte ein gemeines, pausbäckiges Gesicht mit rotem Schnurrbart und glattgescheiteltem Haupthaar und warf mir die ganze Zeit über freche Blicke zu. Er kam mir vollkommen häßlich und widerwärtig vor – und ich fühlte bestimmt, daß Cyril von einer solchen Bekanntschaft nichts würde wissen wollen.«

»Aha, Cyril heißt er!« sagte Holmes lächelnd.

Die junge Dame errötete und lachte.

»Ja, Herr Holmes; Cyril Morton ist sein Name, er ist Ingenieur, und wir wollen uns Ende des Sommers verheiraten. Ach Gott, wie bin ich nur auf ihn zu sprechen gekommen? Was ich sagen wollte, Herr Woodley erschien mir äußerst hassenswert, dagegen war mir Herr Carruther, obwohl viel älter, nicht unsympathisch. Er war ein dunkler, blasser Mann mit glattrasiertem Gesicht und von ruhigem Temperament; er hatte gute Manieren und ein angenehmes Lächeln. Er erkundigte sich nach unseren Verhältnissen, und als er erfuhr, daß wir arm seien, machte er mir den Vorschlag, seiner einzigen, zehnjährigen Tochter Musikunterricht zu erteilen. Ich sagte ihm, daß ich meine Mutter nicht gerne allein lassen möchte. Darauf erwiderte er, daß ich sie alle Sonnabend besuchen könnte. Er bot mir hundert Pfund fürs Jahr, gewiß eine noble Bezahlung. Ich willigte schließlich ein und ging hinunter nach Chiltern Orange, ungefähr sechs Meilen von Farnham entfernt. Herr Carruther war Witwer und hatte zur Führung des Haushaltes eine sehr achtbare ältere Name, Frau Dixon, in seine Dienste genommen. Die Tochter war ein recht liebenswürdiges Kind, und alles schien gut zu gehen. Herr Carruther war sehr gut gegen mich, er war selbst auch musikalisch, und wir haben sehr schöne Abende zusammen verlebt. Jeden Sonnabend ging ich nach Hause zu meiner Mutter in die Stadt.

»Die erste Trübung erfuhr mein Glück durch die Ankunft des Herrn Woodley. Er kam zu Besuch auf eine Woche, aber ach! mir wurde sie länger als drei Monate. Er war ein schrecklicher Mensch, ein furchtbarer Prahlhans bei allen Leuten, aber bei mir am allermeisten. Er machte mir häßliche Liebeserklärungen, renommierte mit seinem Reichtum, wenn ich ihn heiratete, würde ich die herrlichsten Diamanten in ganz London bekommen, und eines Tages endlich, als ich ihm sagte, daß ich nichts mit ihm zu schaffen haben wollte, nahm er mich in seine Arme – er war riesig stark – und schwor, daß er mich nicht eher loslassen würde, bis ich ihm einen Kuß gegeben hätte. Als Herr Carruther ins Zimmer trat und ihn von mir losriß, wandte er sich gegen seinen eigenen Gastgeber, indem er ihn zu Boden schlug und mißhandelte. Wie Sie sich denken können, war damit der Besuch zu Ende. Herr Carruther entschuldigte sich am folgenden Tage bei mir und versicherte mir, daß ich nie wieder einer derartigen Beschimpfung ausgefetzt sein würde. Seit damals habe ich Herrn Woodley nicht wieder gesehen.

»Nun kommt erst die eigentliche Veranlassung zu meinem heutigen Besuch bei Ihnen, Herr Holmes. Ich fahre nämlich jeden Sonnabend vormittag mit dem Rad nach der Station Farnham, um den Stadtzug 12 Uhr 22 zu erreichen. Der Weg von Chiltern Grange ist sehr einsam, besonders ein Teil, der über eine Meile zwischen der Charlingtoner Heide auf der einen und den großen Wäldern von Charlington Hall auf der anderen Seite hindurchführt. Hier ist es eine wahre Seltenheit, wenn man einem Fuhrwerk oder einem Menschen begegnet; erst wenn man auf die Höhe von Crooksbury kommt, wird die Straße etwas lebhafter. Vor zwei Wochen passierte ich diese Strecke, und als ich mich zufällig umdrehte, erblickte ich hinter mir einen Mann, der auch auf einem Rad saß. Er schien in mittleren Jahren zu sein und hatte einen kurzgeschnittenen schwarzen Bart. Vor Farnham schaute ich mich noch einmal um, der Mann war jedoch verschwunden, und so dachte ich später gar nicht mehr an die Geschichte. Zu meiner größten Ueberraschung sah ich jedoch auf der Rückfahrt am Montag den Mann wieder und zwar genau an derselben Stelle, und ebenso wieder am folgenden Sonnabend und Montag. Er blieb immer in derselben Entfernung und belästigte mich in keiner Weise, aber die Sache kam mir doch eigentümlich und unheimlich vor. Ich erzählte es Herrn Carruther; es schien ihm auch auffallend, und er tröstete mich damit, daß er Pferd und Wagen bereits bestellt hätte, so daß ich künftighin diese einsamen Wege nicht mehr allein zu machen brauchte.

»Der Wagen sollte diese Woche kommen, aber aus irgend einem Grunde wurde er nicht geliefert, und ich mußte wieder nach der Station radeln. Das war heute morgen. Wie Sie sich denken können, hielt ich auf der Charlingtoner Heide Umschau, und wahrhaftig, der Mann war wieder da, genau wie die vorhergehenden Male. Er kam mir nie so nahe, daß ich sein Gesicht deutlich sehen konnte, aber sicher war es ein Unbekannter. Er trug einen dunklen Anzug und eine Tuchmütze. Das einzige, was ich richtig sehen konnte, war sein dunkler Bart. Ich hatte heute weniger Angst, war vielmehr neugierig und fest entschlossen, herauszukriegen, wer er sei und was er wolle. Ich fuhr ganz langsam, da fuhr er auch so langsam. Ich hielt ganz an, er ebenfalls. Nun wollte ich ihm eine Falle stellen. Der Weg macht eine scharfe Biegung, ich fuhr rasch um die Ecke ‚rum, sprang ab und wartete. Er sollte nun schnell ebenfalls herumsausen und an mir vorüberkommen, ohne vorher halten zu können. Aber er ließ sich nicht sehen. Ich fuhr zurück und guckte um die Ecke. Ich konnte die Straße eine Meile weit überblicken, er war jedoch nirgends zu entdecken. Das plötzliche Verschwinden wurde dadurch noch rätselhafter, daß an dieser Stelle kein Seitenweg abging, den er benutzt haben könnte.«

Holmes rieb sich vergnügt die Hände.

»Der Fall ist von ganz besonderer Art,« sagte er. »Wieviel Zeit lag wohl dazwischen – ich meine zwischen Ihrer Fahrt um die Ecke und Ihrer Umkehr, wo niemand mehr zu sehen war?«

»Zwei oder drei Minuten.«

»In dieser Zeit kann er also nicht auf der Straße außer Sehweite gekommen sein, und Seitenwege, sagen Sie, gibt’s dort nicht?«

»Nein.«

»Dann muß er auf einem Fußpfad nach der einen oder anderen Seite entkommen sein.«

»Nach der Seite der Heide ist es ausgeschlossen, denn da müßte ich ihn gesehen haben.«

»Wenn das alles unmöglich ist, so bleibt nur der eine Ausweg nach Charlington Hall zu. – Haben Sie noch weitere Angaben zu machen?«

»Nein, Herr Holmes. Ich möchte nur noch bemerken, daß ich sehr bestürzt war und mich nicht eher beruhigen werde, bis ich Ihren erfahrenen Rat und Ihren Beistand habe.«

Holmes verharrte eine Zeitlang in Schweigen.

»Wo wohnt Ihr Bräutigam?« fragte er endlich.

»In Coventry, er ist bei der Midland-Elektrizitätsgesellschaft in Stellung.«

»Sollte er nicht vielleicht Sie haben überraschen wollen?«

»Oh, Herr Holmes. Und ob ich den nicht erkannt hätte!«

»Haben Sie sonst noch Verehrer gehabt?«

»Ja, einige – ehe ich Cyril kennen lernte.«

»Und seitdem weiter keinen?«

»Wenn Sie den schrecklichen Woodley nicht so nennen wollen, nein.«

»Sonst wissen Sie von keinem?«

Unsere hübsche Klientin wurde etwas verlegen.

»Gestehen Sie’s nur, Fräulein Smith,« sagte Holmes, »wer hat Sie außerdem noch verehrt?«

»Ach, es ist vielleicht bloß Einbildung von mir; aber manchmal schien mir’s, als ob mein Prinzipal, Herr Carruther, sich stärker für mich interessiere. Wir sind ziemlich viel zusammen, ich begleite ihn abends immer auf dem Klavier. Er hat zwar nie etwas geäußert, er ist ein gebildeter Mann – aber ein Mädchen fühlt’s schon heraus.«

»Aha!« rief Holmes und machte ein ernstes Gesicht. »Was führt er für ein Leben?«

»Er ist reich.«

»Und hat keine Wagen und Pferde?«

»Wenigstens gibt er sich den Anstrich größerer Wohlhabenheit. Er geht wöchentlich zwei- bis dreimal zur Stadt. Er ist an südafrikanischen Minenwerten stark interessiert.«

»Setzen Sie mich sofort in Kenntnis, wenn sich die Angelegenheit weiter entwickelt, Fräulein Smith. Ich habe gegenwärtig sehr viel zu tun, werde mir jedoch die Zeit nehmen, in Ihrer Sache Nachforschungen anzustellen. Tun Sie aber inzwischen keinen Schritt, ohne mich vorher zu benachrichtigen. Adieu, hoffentlich haben Sie uns nur Gutes zu berichten.«

»Es ist ganz natürlich, daß ein solches Mädchen umworben wird,« sagte Holmes und tat nachdenklich einen Zug aus der Pfeife, »daß es aber auf dem Rad und auf einsamen Landstraßen geschieht, ist doch auffallend. Zweifellos ist’s ein stiller Liebhaber. Der ganze Fall scheint mir an sich weniger interessant, Watson, er bietet aber eigentümliche Begleitumstände, die allerhand Anregung zum Nachdenken geben.«

»Das Merkwürdigste ist, daß sich der Mann nur an der einzigen Stelle gezeigt hat, nicht wahr?«

»Gewiß. Wir müssen damit beginnen, die Pächter von Charlington Hall ausfindig zu machen. Dann müssen wir auskundschaften, woher die Freundschaft zwischen Carruther und Woodley stammt, sie scheinen doch grundverschiedene Charaktere zu sein. Wie kamen sie beide dazu, sich so sehr um Ralph Smiths Verwandte zu kümmern? Noch eins. Was ist das für ein sonderbarer Hausherr, der für eine Erzieherin das doppelte des üblichen Gehaltes zahlt und sich kein Pferd hält, obwohl er sechs Meilen vom Bahnhof wohnt? Das ist sonderbar, Watson – höchst sonderbar!« »Du willst also hinunter gehen?«

»Nein, mein Lieber, das kannst du tun. Vielleicht ist es doch nur eine unwichtige Sache, und ich kann meine bedeutungsvolle Untersuchung deswegen jetzt nicht unterbrechen. Montag in der Frühe kannst du in Farnham sein. Du mußt dich dann in der Nähe der Charlingtoner Heide verbergen, aufpassen, was sich ereignet, und nach eigenem Ermessen vorgehen. Wenn du dann noch über die Inhaber von Charlington Erkundigungen eingezogen hast, fährst du zurück und erstattest mir Bericht. Und nun eher kein Wort mehr über die Sache, bis wir einen soliden Untergrund gefunden haben, auf dem wir weiter bauen können.«

Wir wußten, daß die Dame Montag morgen mit dem Zug 9 Uhr 50 von der Waterloobrücke abfahren würde; ich nahm also den früheren Zug um 9 Uhr 13 Minuten. Von Farnham gelangte ich ohne Schwierigkeiten nach der Charlingtoner Heide. Der Schauplatz des Abenteuers der jungen Dame war gar nicht zu verfehlen. Auf der einen Seite des Weges breitete sich weithin die Heide aus, auf der anderen zog sich ein Wäldchen mit stattlichen Bäumen hin, welches von alten Taxussträuchern umgeben war. In diesen großen Park führte ein Haupteingang aus Stein. Die Steine waren von Moos überzogen, und die Pfeiler zeigten noch verwitterten heraldischen Schmuck. Außer dieser Einfahrt bemerkte ich noch mehrere Lücken in dem Heckenzaun und schmale Pfade, auf denen man den Wald erreichen konnte. Die Gebäude selbst waren von der Straße aus nicht zu sehen, aber die ganze Umgebung zeugte von dem Verfall dieses Besitztums.

Das weite Heideland war mit goldenen Ginsterblüten übersäet, die in dem herrlichen Frühlingssonnenschein erglänzten. Hinter einem dieser Büsche stellte ich mich so auf, daß ich den Eingang nach dem Schloß und ein gutes Stück der Landstraße nach beiden Richtungen übersehen konnte. Sie war anfangs vollkommen menschenleer, aber bald gewahrte ich einen Radfahrer. Er fuhr nach der Seite, von der ich gekommen war. Er hatte einen dunklen Anzug an, und ich konnte auch den schwarzen Bart unterscheiden. Als er auf Charlingtoner Gebiet kam, sprang er von seiner Maschine ab, schob sie durch eine Lücke im Zaun und entschwand meinen Blicken.

Nach einer Viertelstunde tauchte wieder ein Radfahrer auf. Ich merkte bald, daß es unsere junge Dame war, die vom Bahnhof kam. Ich sah, wie sie sich umschaute, als sie den Wald erreichte. Im nächsten Moment stürzte der Mann aus seinem Versteck hervor, schwang sich aufs Rad und fuhr hinter ihr her. Weit und breit waren die beiden die einzigen Lebewesen. Das anmutige Weib saß kerzengerade auf ihrem Bycicle, während der Mann hinter ihr sich tief auf die Lenkstange herunterbeugte und sehr unsicher fuhr. Plötzlich machte sie unvermutet kehrt und fuhr beherzt auf ihn los! Er drehte sein Rad jedoch ebenso rasch herum und raste in eiliger Flucht davon. Sofort wandte sie sich wieder um und kam stolz erhobenen Hauptes wieder die Straße herauf, ohne sich weiter um ihren stillen Trabanten zu kümmern. Auch er fuhr wieder zurück und in angemessener Entfernung hinter ihr her. Als sie um die Krümmung herum waren, verlor ich sie aus dem Gesicht.

Ich blieb noch in meinem Versteck, und das war sehr gut, denn kurz darauf fuhr der Mann wieder langsam zurück. Er bog in das Eingangstor ein und stieg dann ab. Ein paar Minuten konnte ich ihn noch sehen. Er hatte die Hände in der Höhe und schien seine Krawatte in Ordnung zu bringen. Alsdann setzte er sich wieder auf, fuhr auf dem Parkweg weiter nach dem Schloß zu und entschwand in dem dichten Unterholz meinen Blicken. Ganz hinten in der Ferne konnte ich die altersgrauen Gebäude mit den schwarzgeräucherten Schornsteinen sehen.

Immerhin glaubte ich, ein ganz gutes Tagewerk getan zu haben und wanderte wohlgemut nach Farnham. Ein Agent am Orte vermochte mir wer Charlington Hall keine Auskunft zu geben, sondern verwies mich an eine bekannte Adresse in Pall Mall. Dort sprach ich auf dem Heimweg vor und wurde von dem Vertreter der Firma höflich empfangen. Ich könnte Charlington Hall für diesen Sommer leider nicht mehr vermietet bekommen. Es sei vor ungefähr einem Monat einem gewissen Herrn Williamson überlassen worden, einem ehrwürdigen älteren Herrn. Ueber die Verhältnisse desselben könne er mir zu seinem Bedauern keine nähere Auskunft geben, weil er über die Privatangelegenheiten seiner Kunden nicht sprechen dürfe.

Holmes hörte den langen Bericht, den ich ihm an jenem Abend abstattete, aufmerksam an. Das erwartete Lob blieb indessen aus. Im Gegenteil, sein strenges Gesicht nahm einen noch strengeren Ausdruck an, als er Punkt für Punkt mit mir durchging, was ich getan hatte und was ich nicht getan hatte.

Dein Versteck, mein lieber Watson, war schlecht gewählt, du hättest dich hinter den Taxuszaun stellen müssen, dann würdest du diese interessante Persönlichkeit aus der Nähe gesehen haben. Aber so hast du einige hundert Meter entfernt gestanden und kannst mir nun weniger sagen als Fräulein Smith. Sie glaubt, es ist ein Unbekannter; ich bin fest überzeugt, daß es ein Bekannter ist. Warum sollte er denn sonst so ängstlich darauf bedacht sein, von ihr ja nicht gesehen zu werden? Du sagst, er beugte sich auffallend tief auf die Lenkstange herunter. Das hatte doch auch nur den Zweck, sich nicht erkennen zu lassen. Du hast deine Sache wirklich merkwürdig schlecht gemacht. Du willst ausfindig machen, wer er ist, und läßt ihn ruhig in seine Wohnung zurückkehren und gehst zu einem Häuseragenten in London!«

»Was sollte ich denn tun?« rief ich ziemlich erregt.

»Ins erste beste Wirtshaus gehen. Da erfährt man solche Sachen. Da hättest du alle Namen vom Herrn bis zum Spülmädchen herunter erfahren. Williamson! Das sagt mir gar nichts. Wenn er ein älterer Mann ist, kann er nicht so gewandt vom Rad auf- und abspringen und diesem kräftigen Mädchen entfliehen. Was haben wir nun durch deine Expedition eigentlich gewonnen? Die Ueberzeugung, daß die Erzählung der Dame auf Wahrheit beruht. Die hatte ich auch vorher. Daß zwischen dem Radfahrer und dem Schloß eine Verbindung besteht. Daran habe ich ebensowenig gezweifelt. Daß der Mieter Williamson heißt. Wozu soll uns das nützen? Nun, nun, mein lieber Herr, tu‘ nicht so beleidigt. Bis zum nächsten Sonnabend können wir nicht viel unternehmen, und inzwischen kann ich selbst ein paar Recherchen anstellen.«

Am nächsten Morgen bekamen wir einen Brief von Fräulein Smith, worin sie kurz und klar angab, was ich gesehen hatte. Die Hauptsache war jedoch die Nachschrift: –

»Ich glaube sicher, daß Sie mein Vertrauen rechtfertigen, Herr Holmes. Ich muß Ihnen mitteilen, daß meine Stellung hier sehr schwierig geworden ist. Mein Herr hat mir nämlich tatsächlich einen Heiratsantrag gemacht. Ich bin überzeugt, daß seine Neigung tief und echt ist. Meine Antwort können Sie sich denken. Er nahm meine Weigerung sehr ernst, aber doch auch sehr artig auf. Sie werden sich vorstellen können, daß unser Verhältnis etwas gespannt ist.«

»Unsere junge Freundin befindet sich in einer nicht beneidenswerten Lage,« sagte Holmes, als er den Brief zu Ende gelesen hatte. »Ihr Fall zeigt sich bereits von einer interessanteren Seite und entwickelt sich womöglich noch weiter, als ich ursprünglich annahm. Ich wäre daher nicht abgeneigt, einen gemütlichen Tag auf dem Land zu verleben. Ich will also gleich heute nachmittag hinunterfahren und sehen, ob die eine oder andere meiner Vermutungen sich bestätigt.«

Holmes‘ gemütlicher Tag hatte einen merkwürdigen Abschluß. Er kam spät in der Nacht in der Bakerstraße an und hatte eine geschwollene Lippe und eine blaue Beule auf der Stirn; er war überhaupt so übel zugerichtet, daß sein eigener Zustand eines polizeilichen Eingreifens bedurft hätte. Seine Erlebnisse machten ihm jedoch ungeheuren Spaß, und er lachte herzlich, als er sie erzählte.

»So ’ne kleine körperliche Uebung ist für mich immer ein Hochgenuß,« fing er an. »Du weißt, daß ich eine gewisse Kenntnis des guten alten englischen Sports, des Boxens besitze. Manchmal kommt sie einem zu statten. Zum Beispiel heute. Ohne sie würde ich eine sehr kümmerliche Rolle gespielt haben.«

Ich bat ihn, mir zu erzählen, was vorgefallen sei. »Ich suchte jene Kneipe auf, die ich deiner Beachtung schon empfohlen hatte, und zog dort vorsichtig Erkundigungen ein. Ich saß am Schenktisch, und der Wirt war sehr mitteilsam und gab mir jede gewünschte Auskunft. Williamson ist ein Mann mit weißem Bart und lebt allein mit kleiner Dienerschaft. Es geht das Gerücht, daß er Geistlicher ist, oder doch gewesen ist. Aber ein paar Vorfälle während seines kurzen Aufenthaltes im Schlosse erscheinen mir sehr wenig geistlich. Ich habe schon in einem Bureau für Kirchensachen nachgefragt und die Auskunft erhalten, daß ein Mann dieses Namens im Amt gewesen ist, aber eine äußerst dunkle Karriere hinter sich hat. Der Wirt sagte mir ferner, daß am Ende der Woche gewöhnlich Besucher nach dem Schloß kommen – ›eine feine Gesellschaft, Herr‹ – und ein Herr mit rotem Schnurrbart, namens Woodley, sei stets dort. Wir waren in unserer Unterhaltung gerade so weit gediehen, als dieser Herr selbst eintrat; er hatte nebenan in der Schenkstube gesessen und Bier getrunken und die ganze Unterredung mit angehört. Wer ich wäre, was ich wünschte? Was ich mit diesen Fragen bezweckte? Die Worte quollen nur so aus seinem Munde, und seine Ausdrücke waren ziemlich kräftig. Sie endigten in einer wüsten Schimpferei, und zum Schluß versetzte er mir einen Faustschlag, den ich nicht mehr ganz parieren konnte. Die paar nächsten Minuten waren köstlich. Ich hatte einen regelrechten Kampf gegen einen wüsten Raufbold. Du siehst, wie ich daraus hervorgegangen bin. Herr Woodley mußte in einem Wagen nach Hause gefahren werden. Damit endete meine Landpartie, und ich muß zugeben, daß dieser Tag, so erfreulich er auch fönst für mich war, nicht viel mehr Zweck gehabt hat als der deinige.«

Der Donnerstag brachte uns einen zweiten Brief unseres Schützlings.

»Sie werden nicht weiter überrascht sein, Herr Holmes,« schrieb sie, »wenn ich Ihnen mitteile, daß ich die Stelle bei Herrn Carruther verlasse. Selbst das hohe Gehalt kann mich für meine Leiden nicht entschädigen. Am Sonnabend komme ich hinauf nach London und werde nicht wieder zurückkehren. Herr Carruther hat sein Gefährt bekommen, und somit sind die Gefahren des einsamen Weges, wenn überhaupt je welche bestanden haben, nun vorüber.

»Die besondere Veranlassung zum Aufgeben meines Dienstes ist nicht nur das gespannte Verhältnis mit Herrn Carruther, sondern die Wiederankunft jenes verhaßten Mannes, des Herrn Woodley. Er war immer häßlich, jetzt sieht er aber noch schrecklicher aus, als je, er scheint einen Unfall erlitten zu haben, er ist ganz entstellt. Ich sah ihn am Fenster, glücklicherweise bin ich ihm nicht begegnet. Er hat lange mit Herrn Carruther verhandelt, der danach einen sehr erregten Eindruck machte. Woodley muß sich in der Nachbarschaft aufhalten, denn er hat nicht hier geschlafen, und trotzdem sah ich ihn heute morgen bereits im Garten umherschleichen. Er ist mir widerwärtiger, als ein wildes Tier. Ich verabscheue und fürchte ihn mehr, als ich es in Worten ausdrücken kann. Wie kann Herr Carruther einen solchen Menschen nur eine Minute dulden? Nun, alle meine Bekümmernis wird am Sonnabend aufhören.«

»Ich will’s hoffen, Watson,« sagte Holmes in ernstem Tone. »Das arme Weib wird von Gaunern umlauert, und wir haben die Pflicht, dafür zu sorgen, daß ihr auf ihrer letzten Reise nichts passiert. Wir müssen uns, glaube ich, die Zeit nehmen und Sonnabend morgen zusammen hinunterfahren, damit diese merkwürdige Angelegenheit am Ende nicht noch schief geht.«

Ich muß zugeben, daß ich der Sache bis jetzt kein großes Gewicht beigelegt hatte, sie war mir mehr komisch und töricht als gefährlich vorgekommen. Daß ein Mann auf ein schönes Mädchen wartet und es verfolgt, ist nichts Unerhörtes, und wenn er so wenig Mut hatte, daß er es nicht einmal anzureden wagte, sondern bei seiner Annäherung floh, so war er kein sehr zu fürchtender Angreifer. Der scheußliche Woodley war freilich ein anderer Kerl, immerhin jedoch hatte auch er sie, mit Ausnahme des einen Mals, nicht belästigt, und bei seinem zweiten Besuch im Hause Carruthers ihr gar keine Beachtung geschenkt. Der Radfahrer gehörte zweifelsohne zu jener Gesellschaft, von der der Wirt gesprochen hatte, aber über seine Persönlichkeit und seine Beziehungen wußten wir noch so wenig wie vorher. Erst der Ernst in Holmes‘ Benehmen und die Tatsache, daß er einen Revolver einsteckte, als wir weggingen, rief in mir das Gefühl wach, daß hinter diesen eigentümlichen Vorgängen doch eine Gefahr lauern könnte.

Einer regnerischen Nacht folgte ein heiterer Morgen. Die Heidelandschaft mit dem blühenden Ginster tat unseren Augen, die der grauen schmutzigen Straßen und Häuser Londons müde waren, außerordentlich wohl. Holmes und ich marschierten die breite, sandige Landstraße entlang und schlürften die frische Morgenluft und freuten uns an dem Gesang der Vögel und dem Duft des Frühlings. Von einer Anhöhe aus konnten wir das verfallene Schloß erblicken, das über die alten Eichen hervorragte, die aber trotz ihres hohen Alters noch jünger waren als das Gebäude, welches sie umgaben. Holmes deutete den langen Weg hinunter, der sich wie ein rötlichgelbes Band zwischen der braunen Heide und dem jungen Grün des Waldes dahinschlängelte. Ganz in der Ferne bemerkten wir einen dunklen Fleck, es war ein Fuhrwerk, das sich in der Richtung auf uns zu bewegte, Holmes war sehr unwillig.

»Ich wollte eine halbe Stunde vor ihr ankommen,« rief er aus. »Wenn das ihr Wagen ist, muß sie mit einem früheren Zug fahren wollen. Ich fürchte, Watson, sie wird eher an Charlington vorbeikommen, ehe wir dort sein können.«

Sobald wir den Hügel überschritten hatten, konnten wir das Gefährt nicht mehr sehen. Wir beschleunigten unsere Schritte dermaßen, daß meine sitzende Lebensweise bald dagegen protestierte und mich nötigte zurückzubleiben. Holmes lief jedoch immer voran, er hatte unerschöpfliche Kraftvorräte, von denen er zehren konnte. Seine elastischen Beine machten nicht eher Halt, bis er plötzlich, ungefähr hundert Meter vor mir, stehen blieb und verzweifelt die Hände emporrang. Im selben Augenblick kam ein leerer Wagen um die Krümmung des Weges und rasselte uns entgegen; das Pferd lief einen leichten Galopp, und die Zügel schleiften auf dem Boden.

»Zu spät, Watson; zu spät!« rief Holmes, als ich keuchend an ihn heran kam. »’n Esel war ich, daß ich nicht mit dem früheren Zug rechnete! ’s ist Entführung, Watson – Entführung! Mord! Gott weiß was noch! Versperr‘ den Weg! Halt‘ das Pferd auf! So ist’s recht. Nun spring ’nein, wir wollen sehen, ob ich die Folgen meiner eigenen Dummheit noch gut machen kann.«

»Als wir im Wagen saßen, drehte Holmes um, gab dem Pferd einen Schlag mit der Peitsche, und wir sausten zurück. Als wir um die Kurve herum waren, lag die ganze Strecke offen vor uns. Ich ergriff Holmes beim Arm.

»Dort ist der Mann!« rief ich.

Ein einsamer Radfahrer kam auf uns zu. Der Kopf hing vorn herunter, und der Rücken war so stark gekrümmt, als ob er seine ganze Kraft zum Treten brauchte. Er raste wie ein Rennfahrer. Plötzlich erhob er sein bärtiges Gesicht, erblickte uns in ziemlicher Nähe, sprang vom Rad und blieb stehen. Der pechschwarze Bart stand in eigentümlichem Kontrast zu der Blässe seines Gesichts und seine Augen leuchteten wie bei einem Fieberkranken. Er starrte bald uns an, bald den Wagen. Dann zeigte sich ein Staunen in seinen Zügen.

»He da! Halt!« rief er uns zu und wollte uns mit dem Fahrrad den Weg versperren. »Wo haben Sie den Wagen her? Halten Sie still!« schrie er, und zog eine Pistole hervor. »Halten Sie still, oder, bei Gott, ich schieß‘ Ihr Pferd zusammen.«

Holmes warf mir die Zügel in den Schoß und sprang herunter.

»Sie sind der Mann, den wir suchen. Wo ist Fräulein Violet Smith?« fragte er ruhig und bestimmt.

»Das frage ich Sie auch. Sie sind in ihrem Wagen. Sie müßten wissen, wo sie ist.«

»Der Wagen begegnete uns unterwegs. Es saß aber niemand drin. Wir fuhren zurück, um der jungen Dame Hilfe zu bringen.«

»Barmherziger Himmel! Barmherziger Himmel! was soll ich anfangen?« schrie der Fremde verzweiflungsvoll. »Sie haben sie geraubt, der verdammte Woodley und der elende Pfaffe. Kommen Sie, lieber Mann, kommen Sie mit, wenn Sie wirklich ihr Freund sind. Helfen Sie mir, wir woll’n sie retten, und wenn mich’s das Leben kosten sollte.«

»Er lief wie wahnsinnig, die Pistole in der Hand, nach einer Lücke in dem lebenden Zaun. Holmes rannte hinter ihm her, und ich hinter Holmes – das Pferd ließ ich am Wege grasen.

»Hier sind sie durchgekommen,« sagte mein Freund, indem er auf verschiedene Fußspuren auf dem feuchten Pfade deutete. »Hallo! Halt! Wer liegt dort im Gebüsch?«

Es war ein junger Bursche von ungefähr siebzehn Jahren in der Kleidung eines Stallknechts mit ledernen Hosen und Gamaschen. Er lag auf dem Rücken mit angezogenen Knien und einer klaffenden Kopfwunde. Er war besinnungslos, gab aber noch Lebenszeichen von sich. Ein Blick auf seine Wunde sagte mir, daß der Knochen nicht getroffen war.

»Was ist Peter, mein Stallknecht,« rief der Fremde. »Er hat sie gefahren. Die Halunken haben ihn vom Wagen heruntergerissenpp und niedergeschlagen. Laßt ihn liegen, ihm können wir doch nicht mehr helfen, aber vielleicht können wir sie noch vor dem Schlimmsten bewahren, was einem Weib passieren kann.«

Wir rasten den Waldpfad hinunter und hatten das Strauchwerk vor dem Haus erreicht, als Holmes anhielt.

»Sie sind nicht ins Haus gegangen. Hier ist ihre Fährte, links hier – an den Lorbeerbüschen entlang! Ich hab‘ mir’s gleich gedacht!«

Während er sprach, drangen aus dem dichten grünen Buschwerk vor uns gellende Angstschreie eines Weibes an unser Ohr – Schreie, aus denen Wut und Schrecken zu hören war. Sie endigten plötzlich auf ihrem Höhepunkt in gurgelnden Lauten, wie wenn jemand gewürgt wird.

»Hierher! Hierher!« rief uns der Fremde zu, »sie sind in der Kegelbahn!« Er stürzte durch die Büsche. »Ah, die feigen Hunde! Folgen Sie mir! Zu spät! zu spät! Bei Gott, zu spät!«

Wir standen plötzlich auf einem hübschen grünen Rasenplatz, der von ehrwürdigen Bäumen eingefaßt war. Am anderen Ende desselben, unter einer mächtigen Eiche, erblickten wir eine eigentümliche Gruppe von drei Menschen: ein taumelndes, fast ohnmächtiges Weib mit einem Taschentuch um den Mund gebunden Ihr gegenüber stand ein brutal aussehender junger Kerl mit rotem Schnurrbart, breitspurig, den einen Arm in die Seite gestemmt, mit dem anderen eine Reitpeitsche schwingend; seine ganze Haltung zeigte Triumphieren. Dazwischen stand ein älterer Herr mit grauem Bart. Er trug einen schwarzen Priesterrock über einem hellen Sommeranzug und hatte offenbar eben die Trauung vollendet, denn, als wir auf der Bildfläche erschienen, klappte er gerade sein Gebetbuch zu, klopfte den Bräutigam kräftig auf die Schulter und gratulierte ihm in jovialer Weise.

»Sie sind getraut worden!« rief ich.

»Kommen Sie!« schrie unser Führer, »kommen Sie!« Er stürzte über den Rasen, Holmes und ich hinter ihm her. Als wir näher kamen, wankte die Name an den Baumstamm, um sich daran festzuhalten. Der Expriester Williamson machte eine höhnische Verbeugung, und der Renommist Woodley schritt uns frohlockend entgegen.

»Du kannst deinen Bart abnehmen, Bob,« sagte er zu unserem Verbündeten. »Ich kenne dich zur Genüge. Nun, du und deine Genossen, ihr kommt gerade recht; darf ich euch Frau Woodley vorstellen?«

Die Antwort unseres Führers war sehr merkwürdig. Er riß den schwarzen Bart, womit er sich unkenntlich gemacht hatte, herunter, und warf ihn zur Erde. Darunter kam ein langes, bleiches, glattrasiertes Gesicht zum Vorschein. Dann zog er seinen Revolver hervor und hielt ihn auf den jugendlichen Schurken, der auf ihn zukam und drohend die Reitpeitsche! schwang.

»Jawohl,« sagte er, »ich bin Bob Carruther und werde diesem Weibe Recht verschaffen, und wenn ich dafür an den Galgen kommen sollte. Ich hab‘ dir gesagt, was ich tun würde, wenn du Gewalt anwendetest, und, bei Gott, ich halte mein Wort!«

»Du kommst zu spät. Sie ist meine Frau!«

»Nein, deine Witwe.«

Ein Schuß krachte, und durch Woodleys Weste spritzte das Blut hervor. Er drehte sich im Kreis herum und fiel mit einem lauten Aufschrei zur Erde; sein ekelhaftes rotes Gesicht wurde schrecklich blaß. Der Alte im Talar brach in eine Flut von Schimpfreden und Flüchen aus, wie ich sie noch nie gehört hatte. Er zog ebenfalls einen Revolver, aber, bevor er ihn in Schußhöhe brachte, sah er Holmes Waffe auf sich gerichtet.

»Genug,« sagte mein Freund, ganz kaltblütig. »Legen Sie das Ding fort! Heb’s auf, Watson! Setz‘ es ihm auf die Stirn! Danke dir. Sie, Carruther, geben Sie Ihren Revolver auch her. Wir wollen keine Gewalttätigkeiten weiter. Kommen Sie, geben Sie ’n mir!«

»Wer sind Sie denn?«

»Mein Name ist Sherlock Holmes.«

»Heiliger Himmel!«

»Sie haben schon von mir gehört, wie ich merke. Ich will die offizielle Polizei vertreten, bis sie selbst hier ist. Hier, Sie!« rief er einem Knecht zu, der erschreckt auf den Platz geeilt war. »Kommen Sie her, und reiten Sie so schnell wie möglich mit diesem Zettel nach Farnham.« Er kritzelte rasch einige Worte auf ein Blatt aus seinem Notizbuch. »Dieses Papier geben Sie dem Polizeiinspektor. Bis zu seinem Eintreffen bleiben Sie alle unter meiner Bewachung.«

Mit seinem entschlossenen und energischen Auftreten beherrschte Holmes die ganze Szene, und die Menschen waren alle Puppen in seiner Hand. Williamson und Carruther mußten den verwundeten Woodley ins Haus schaffen, und ich reichte dem erschreckten Weibe den Arm. Der Verletzte wurde auf sein Bett gelegt, und ich untersuchte ihn auf Holmes‘ Bitte. Als ich ihm darüber berichten wollte, fand ich ihn in dem alten Speisezimmer, seine beiden Gefangenen saßen vor ihm.

»Er wird durchkommen,« sagte ich.

»Was!« schrie Carruther und sprang vom Stuhl auf. »Dann will ich erst ’nauf und ihm den Rest geben. Soll dieses Mädchen, dieser Engel, sein Lebtag an diesen rohen Woodley gekettet sein?«

»Darüber brauchen Sie sich nicht aufzuregen,« sagte Holmes. »Aus zwei gewichtigen Gründen ist diese Ehe unter allen Umständen ungültig. Erstens dürfen wir wohl die gesetzliche Berechtigung des Herrn Williamson anzweifeln.«

»Ich bin ordiniert,« schrie der alte Schurke.

»Aber auch wieder abgesetzt.«

»Einmal Priester, immer Priester.«

»Ich glaube kaum. Wie steht’s mit der Licenz?«

»Die hatten wir. Ich habe sie hier in der Tasche.«

»Dann haben Sie sie durch List bekommen. Aber auf jeden Fall, eine erzwungene Heirat ist keine Heirat; übrigens ist es ein sehr schweres Verbrechen, wie Sie einsehen werden. Wenn ich nicht irre, werden Sie ungefähr zehn Jahre Zeit haben, über die Sache nachzudenken. Was Sie anbelangt, Carruther, so hatten Sie Ihren Revolver besser in der Tasche gelassen.«

»Das wird mir allmählich auch klar, Herr Holmes, als ich mir aber überlegte, was ich all für Vorsichtsmaßregeln angewandt hatte, um dieses Mädchen zu beschirmen – ich liebte sie, Herr Holmes, und habe erst dieses einzigemal erfahren, was Liebe ist – brachte mich der Gedanke, sie in der Gewalt dieses Mannes zu wissen, ganz von Sinnen, denn er ist der roheste und großsprecherischste Patron in ganz Südafrika, ein Mensch, dessen Name von Kimberley bis nach Johannesburg einen schrecklichen Klang hat. Ja, Herr Holmes, Sie werden es kaum glauben, aber vom ersten Augenblick an, wo diese Dame in meinen Diensten stand, habe ich sie nicht ein einzigesmal dieses Haus, wo diese Schurken auf der Lauer lagen, passieren lassen, ohne ihr auf meinem Rad zu folgen und zu sehen, daß ihr kein Leid geschehe. Ich hielt mich stets in einiger Entfernung und trug einen Bart, damit sie mich nicht erkennen sollte, denn sie ist ein gutes und wohlanständiges Mädchen, das nicht bei mir in Stellung geblieben sein würde, wenn sie gewußt hätte, daß ich ihr auf der Landstraße nachfuhr.«

»Warum sagten Sie ihr nichts von der Gefahr?«

»Weil sie mich dann verlassen haben würde und ich das nicht ertragen zu können glaubte. Wenn sie mich auch nicht lieben konnte, so gereichte es mir doch zur Beruhigung, ihre liebliche Gestalt zu sehen und ihre wohlklingende Stimme zu hören.«

»Sie nennen das Liebe, Herr Carruther,« sagte ich, »ich möchte es Selbstsucht nennen.«

»Mag sein, die beiden Begriffe gehen ineinander über. Wie dem auch sei, ich konnte sie nicht fortlassen. Außerdem war es bei einer solchen Nachbarschaft gut für sie, daß sie einen Menschen hatte, der sich um sie kümmerte. Als dann das Telegramm kam, wußte ich, daß sie nun energisch vorgehen würden.«

»Was für ein Telegramm?«

Carruther zog eine Depesche aus der Tasche.

»Dieses hier,« sagte er.

Es lautete kurz und bündig: – Der Alte ist tot.

»Hm! Jetzt sehe ich,« sagte Holmes, »wie die Gurken hängen, und verstehe, warum sie diese Botschaft zu raschem Handeln anspornte. Aber, während wir warten, erzählen Sie mir, was Sie noch wissen.«

Der alte Kujon im Priesterrock fing wieder furchtbar zu schimpfen an.

»Bei Gott!« rief er, »wenn du uns verrätst, Carruther, werde ich dir dasselbe tun, was du Woodley getan hast. Ueber das Weib kannst du winseln, soviel du willst, das ist deine Sache, wenn du aber gegenüber deinen Helfershelfern hier zu offen wirst, dann kann dir’s sehr übel bekommen.«

»Ehrwürden brauchen sich nicht so aufzuregen,« sagte Holmes und zündete sich eine Zigarette an. »Der Fall liegt ganz klar, und ich frage Sie nur aus privater Neugier nach einigen Einzelheiten. Sollte es Ihnen aber unangenehm sein, mir zu antworten, so will ich Ihnen die Sache aufdecken, und Sie können dann sehen, was Sie von Ihren Geheimnissen noch übrig behalten. Erstens, Sie drei – Sie, Carruther und Woodley – sind zusammen aus Afrika gekommen.«

»Das ist die erste Lüge,« rief der Alte; »ich habe bis vor zwei Monaten keinen von diesen beiden gekannt und bin nie im Leben in Afrika gewesen. Die Einleitung ist also schon falsch, Sie überschlauer Herr!«

»Er sagt die Wahrheit,« bemerkte Carruther.

»Also gut, zwei von Ihnen sind herübergekommen. Seine Ehrwürden ist auf heimatlichem Boden gewachsen. Sie zwei kannten Ralph Smith. Sie wußten, daß er nicht mehr lange leben würde. Sie kundschafteten aus, daß seine Nichte die Erbin seines Vermögens war. Ist’s so – he?«

Carruther nickte und Williamson fluchte.

»Sie war zweifellos die nächste Anverwandte, und Sie wußten, daß er kein Testament machen würde.«

»Er konnte ja weder lesen noch schreiben,« warf Carruther dazwischen.

»Sie reisten also beide herüber und spürten das Mädchen auf. Sie kamen dahin überein, daß sie einer heiraten und der andere einen Anteil von der Beute bekommen sollte. Auf irgend eine Weise wurde Woodley zu ihrem Gatten bestimmt. Wie geschah das?«

»Wir spielten auf der Reise Karten um sie, und er gewann.«

»Ich verstehe. Sie nahmen die junge Dame in Ihre Dienste, und Woodley sollte ihr da den Hof machen. Sie erkannte, daß er ein gemeiner Trunkenbold war, und wollte nichts mit ihm zu tun haben. Mittlerweile verliebten Sie sich selbst in das Mädchen, und ihre Abmachung wurde dadurch über den Haufen geworfen. Sie konnten den Gedanken, daß sie dieser rohe Kerl zur Frau bekommen sollte, nicht langer ertragen.«

»Nein, bei Gott, das konnte ich nicht mehr!«

»Sie gerieten in Streit. Er ging wütend aus Ihrem Hause und beschloß, auf eigene Faust vorzugehen.«

»Es ist verblüffend, Williamson,« rief Carruther bitter lachend aus, »wir brauchen dem Herrn nicht mehr viel zu erzählen. Jawohl, wir zankten uns, und er schlug mich nieder. Das beruht jedoch auf Gegenseitigkeit. Darauf verlor ich ihn aus den Augen. Damals hat er dann diesen ausgestoßenen Pater hier aufgegabelt. Ich erfuhr, daß sie hier an der Straße, wo das Mädchen nach der Station vorbei mußte, gemeinschaftlich ein Haus bewohnten. Ich bewachte sie daher, denn ich wußte, wo der Wind herkam. Von Zeit zu Zeit besuchte ich, sie, denn ich wollte gerne wissen, was sie zu machen gedächten. Vor zwei Tagen brachte mir Woodley das Telegramm, worin uns der Tod von Ralph Smith mitgeteilt wurde. Er fragte mich, ob ich mich noch an unserem Geschäft beteiligen wollte. Ich sagte nein. Er fragte dann weiter, ob ich das Mädchen heiraten und ihm seinen Anteil geben wollte. Ich antwortete ihm, daß ich das herzlich gern tun würde, daß sie mich aber nicht haben wollte. Er erwiderte darauf: ›Laß uns sie nur erst heiraten, nach Verlauf von ein paar Wochen wird sie die Sache schon mit anderen Augen ansehen.‹ Ich entgegnete ihm, daß ich von Gewalt nichts wissen möchte. Darauf ging er fort, der elende Bube, fluchend und schwörend, daß er sie doch bekommen würde. Sie verließ mein Gaus Ende dieser Woche und ich ließ sie mit dem Wagen nach der Bahn bringen. Ich fühlte aber dennoch eine solche innere Unruhe, daß ich auf dem Rad dahinter herfuhr. Sie hatte jedoch einen großen Vorsprung, und ehe ich sie einholen konnte war das Unglück bereits geschehen. Ich merkte es erst, als ich Sie beide Herren in ihrem Wagen zurückfahren sah.«

Holmes stand von seinem Stuhl auf und warf den Stummel seiner Zigarette in den Kamin. »Ich bin ganz vernagelt gewesen, Watson,« sagte er dann. »Du berichtetest mir damals, daß du den Radfahrer gesehen hättest, wie er deiner Ansicht nach in dem Gebüsch seine Krawatte in Ordnung gebracht hätte; das allein hätte mir alles sagen müssen. Immerhin können wir uns zu dem merkwürdigen und in mancher Einsicht einzigartigen Falle gratulieren. Dort kommen drei Gendarmen, und der kleine Kutscher ist zu meiner Freude auch dabei; es ist also zu erwarten, daß er sowohl wie der interessierte Bräutigam von den heutigen Abenteuern keinen dauernden Schaden haben wird. Ich denke, Watson, du gehst in deiner Eigenschaft als Arzt zu Fräulein Smith und sagst ihr, daß wir ihr, wenn sie sich soweit erholt hat, gerne das Geleit zu ihrer Mutter geben. Wenn sie sich noch nicht kräftig genug fühlt, wollen wir an den jungen Elektrotechniker bei Midland depeschieren, und du wirst sehen, daß sie dann bald vollständig gesund sein wird. Was Sie betrifft, Herr Carruther, so glaube ich, daß Sie Ihr mögliches getan haben, um Ihre Schuld zu sühnen, die Sie durch Teilnahme an diesem bösen Plan aus sich geladen hatten. Hier haben Sie meine Karte, wenn Ihnen mein Zeugnis bei Gericht von Nutzen sein kann, stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.«

*

Im Strudel unseres bewegten Lebens ist es mir oft schwer gefallen – der Leser wird es wahrscheinlich schon bemerkt haben – meine Erzählungen gut abzurunden und am Schluß die nötigen Mitteilungen nicht zu vergessen, die man erwarten kann. Bei der Fülle unserer Fälle find jedoch bei jedem einzelnen die handelnden Personen, sobald die Entscheidung vorüber ist, schnell aus meinem Gedächtnis entschwunden. Am Ende meiner Aufzeichnungen über diesen Fall finde ich jedoch folgenden Nachtrag: Fräulein Smith hat tatsächlich ein großes Vermögen geerbt und ist jetzt die Gattin Cyril Mortons, des älteren Teilhabers von Morton und Kennedy, der bekannten Elektrizitätsgesellschaft in Westminster. Williamson und Woodley sind wegen Körperverletzung und Entführung angeklagt worden, dieser hat zehn, jener sieben Jahre bekommen. Ueber das Schicksal Carruthers habe ich keine Notiz, aber ich glaube sicher, weil Woodley als gewalttätiger Mensch bekannt war, hat der Gerichtshof sein Vergehen mild beurteilt und einige Monate Gefängnis als ausreichende Sühne angesehen.

»Sie nennen das Liebe, Herr Carruther,« sagte ich, »ich möchte es Selbstsucht nennen.«

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