Die drei Garridebs

Vielleicht war es eine Komödie, vielleicht war es auch eine Tragödie. Einen Mann kostete sie seinen Verstand, mich ein paar Tropfen Blut und einen weiteren Mann die Strafe des Gesetzes. Auf jeden Fall gab es dabei ein gewisses komödiantisches Element. Aber urteilen Sie selbst.

Ich erinnere mich an dieses Datum noch ganz genau, denn im selben Monat hatte Holmes den Ritterschlag abgelehnt für gewisse Dienste, auf die ich vielleicht eines Tages zurückkommen werde. Ich erwähne dies nur beiläufig, denn als Partner und Vertrauter bin ich verpflichtet, besonders sorgfältig jegliche Indiskretion zu vermeiden. Holmes hatte einige Tage im Bett zugebracht, wie er es von Zeit zu Zeit zu tun pflegte, aber an diesem Morgen war er erschienen mit einem Dokument auf Kanzleipapier in der Hand und einem amüsierten Zwinkern in seinen sonst so ernsten grauen Augen.

»Hier ist eine Gelegenheit, wie Sie ein wenig Geld verdienen können, mein Freund Watson,« sagte er. »Haben Sie schon einmal den Namen Garrideb nennen hören?«

Ich gab zu, dass ich es nicht hatte.

»Nun, wenn Sie einen Garrideb beibringen können, ist ein hübsches Sümmchen für Sie drin.«

»Warum?«

»Das ist eine lange Geschichte – ziemlich seltsam übrigens. Ich glaube nicht, dass wir in all unseren Erforschungen menschlicher Verwicklungen jemals über etwas Einzigartigeres gestolpert sind. Der Bursche wird gleich hier sein, um sich unserem Kreuzverhör zu stellen, deshalb möchte ich auf die Sache nicht näher eingehen, bevor er da ist. Aber einstweilen ist das der Name, den wir brauchen.«

Das Telefonbuch lag auf dem Tisch neben mir, und ich blätterte es ohne große Zuversicht durch. Doch zu meiner Verblüffung gab es diesen merkwürdigen Namen an der richtigen Stelle. Ich stieß einen Triumpfschrei aus.

»Hier haben wir’s, Holmes! Hier steht er!«

»Garrideb, N.« las er, »136 Little Ryder Street, W. – Tut mir Leid, dass ich Sie enttäuschen muss, mein lieber Watson, aber dies ist unser Klient selbst. Das ist die Anschrift auf seinem Brief. Wir brauchen einen anderen dieses Namens.«

Mrs. Hudson war mit einer Visitenkarte auf einem Tablett hereingekommen. Ich nahm die Karte und warf einen Blick darauf.

»Aber hier ist er ja!« rief ich verblüfft. »Der hier hat andere Initialen. John Garrideb, Rechtsanwalt, Moorville, Kansas, USA.«

Lächelnd blickte Holmes auf die Karte. »Leider müssen Sie sich nochmal ins Zeug legen, Watson,« sagte er. »Dieser Gentleman ist ebenfalls schon in die Geschichte verwickelt, obwohl ich bestimmt nicht erwartet habe, ihn schon heute früh kennenzulernen. Aber er ist sicher in der Lage, uns eine Menge zu erzählen über das, was ich wissen möchte.«

Einen Augenblick später stand er im Zimmer. Mr. John Garrideb, Rechtsanwalt, war ein kleiner, kräftiger Mann mit einem runden, glattrasierten Gesicht von frischer Farbe, das so typisch ist für viele amerikanische Geschäftsleute. Er wirkte pummelig und ziemlich kindlich, so dass man den Eindruck eines ziemlichen jungen Mannes mit einem breiten Lächeln hatte. Seine Augen waren faszinierend. Selten habe ich bei einem Menschen Augen gesehen, die ein stärkeres Innenleben erkennen ließen, sie waren sehr hell, sehr aufmerksam und reagierten auf jede gedankliche Wendung. Er sprach mit amerikanischem Akzent, allerdings ohne jegliche sprachliche Überspanntheit.

»Mr. Holmes?« fragte er und blickte zwischen uns hin und her. »Ah, ja! Die Bilder von Ihnen sind Ihnen nicht unähnlich, Sir, wenn ich so sagen darf. Ich glaube, Sie haben von meinem Namensvetter einen Brief erhalten, Mr. Nathan Garrideb, nicht wahr?«

»Bitte setzen Sie sich doch,« sagte Sherlock Holmes. »Wir werden eine Menge zu besprechen haben, könnte ich mir vorstellen.« Er nahm die Bögen Kanzleipapier in die Hand. »Sie sind natürlich, der Mr. John Garrideb, der in diesem Schreiben erwähnt wird. Aber offensichtlich halten Sie sich schon seit längerer Zeit in England auf.«

»Wie kommen Sie darauf, Mr. Holmes?« Mir schien, als ob ich einen plötzlichen Argwohn in diesen ausdrucksvollen Augen lesen konnte.

»Ihr ganzes Äußeres ist englisch.«

Mr. Garrideb lachte gezwungen. »Ich habe schon von Ihren Tricks gelesen, Mr. Holmes, aber ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zu ihrem Ziel werden könnte. Woraus schließen Sie das also?«

»Der Schnitt Ihres Rockes, die Spitzen Ihrer Schuhe – könnte jemand daran zweifeln?«

»Nun gut, ich wußte ja gar nicht, dass ich schon wie ein waschechter Brite aussehe. Aber meine Geschäfte führten mich schon vor einiger Zeit hier herüber, und deshalb ist, wie Sie sagen, fast meine ganze Garderobe schon aus London. Doch ich glaube, Ihre Zeit ist kostbar, und wir sind nicht beisammen, um über den Schnitt meiner Socken zu reden. Warum reden wir also nicht über die Papiere, die Sie in der Hand halten?«

Irgendwie hatte Holmes unseren Besucher aus der Fassung gebracht, dessen pummeliges Gesicht nun einen weit weniger liebenswürdigen Ausdruck zeigte.

»Geduld! Geduld, Mr. Garrideb!« sagte mein Freund mit besänftigender Stimme. »Dr. Watson wird Ihnen bestätigen, dass diese kleinen Abschweifungen von mir am Ende durchaus einen gewissen Zusammenhang mit der betreffenden Angelegenheit haben können. Aber warum hat Mr. Nathan Garrideb Sie eigentlich nicht begleitet?«

»Warum hat er Sie überhaupt in diese Sache mit hineingezogen?« fragte unser Besucher plötzlich ärgerlich werdend. »Was zum Donnerwetter haben Sie damit zu schaffen. Dies ist eine geschäftliche Angelegenheit zwischen zwei Gentlemen, und einer davon muss unbedingt einen Detektiv mit hinziehen! Ich war heute Morgen bei ihm, und er erzählte mir von diesem Streich, den er mir gespielt hat, und deshalb bin ich hier. Aber ich fühle mich trotzdem nicht wohl dabei.«

»Mit Ihnen hat das nichts zu tun, Mr. Garrideb. Seinerseits war es einfach Eifer, Ihr Ziel zu erreichen – das, wie ich es sehe, für Sie beide gleichermaßen von entscheidender Bedeutung ist. Er wußte, dass mir die Mittel zur Verfügung stehen, an Informationen zu gelangen, und deshalb war es doch nur natürlich, dass er sich an mich gewandt hat.«

Die ärgerliche Miene unseres Besuchers hellte sich allmählich wieder auf.

»Gut, das ist natürlich etwas anderes,« sagte er. »Als ich heute Morgen bei ihm war, sagte er mir nur, dass er sich an einen Detektiv gewandt habe. Ich fragte nur nach Ihrem Namen und kam gleich hierher. Ich möchte nicht, dass sich die Polizei in diese Privatangelegenheit einmischt. Aber wenn es Ihnen genügt, uns dabei zu helfen, den Mann zu finden, kann es nicht schaden.«

»Gut, so verhält es sich tatsächlich,« sagte Holmes. »Und nun, Sir, da Sie schon einmal da sind, würden wir am besten gerne einen klaren Bericht aus Ihrem Munde hören. Mein Freund hier weiß noch gar nichts über die Details.«

Mr. Garrideb musterte mich mit einem nicht allzu freundlichen Blick.

»Muss das denn sein?« erkundigte er sich.

»Wir arbeiten immer zusammen.«

»Nun gut, es gibt keinen Grund, das Ganze als Geheimnis zu behandeln. Ich werde Ihnen die Tatsachen so kurz wie möglich schildern. Wenn Sie aus Kansas wären, müsste ich Ihnen nicht erklären, wer Alexander Hamilton Garrideb war. Er machte ein Vermögen mit Immobilien und danach an der Weizenbörse in Chicago. Und er gab es wieder aus für den Kauf von so viel Land, dass eine von Ihren Grafschaften hineinpassen würde. Es lag am Arkansas River, westlich von Fort Dodge. Es ist Weideland, Waldland, Ackerland, Land mit Bodenschätzen, eben jede Art von Land, das seinem Besitzer Dollars einbringt.

Er hatte weder Kinder noch Verwandte, und wenn, habe ich nie davon gehört. Aber er setzte einen gewissen Stolz in die Wunderlichkeit seines Namens. Das brachte uns zusammen. Ich hatte mein Anwaltsbüro in Topeka, und eines Tages suchte mich ein alter Mann auf. Und es amüsierte ihn königlich, einen anderen Mann seines Namens kennenzulernen. Es war sein Steckenpferd und er war wild entschlossen herauszufinden, ob es auf der Welt noch mehr Garridebs gab. ‚Finden Sie mir noch einen anderen!«‘ sagte er. Ich sagte ihm, dass ich ein beschäftigter Mann sei und es mir nicht leisten könne, in der Welt herumzureisen und Garridebs zu suchen. ‚Aber genau das werden Sie tun!‘ sagte er. ‚Wenn sich die Dinge entwickeln, wie ich es geplant habe.‘ Ich glaubte, er mache Scherze, aber wie ich bald entdecken sollte, waren seine Worte ganz und gar ernst gemeint.

Denn knapp ein Jahr später starb er, und er hinterließ ein Testament. Es war das merkwürdigste Testament, das jemals im Staate Kansas abgefasst worden war. Sein Vermögen wurde in drei Teile geteilt, und ich sollte einen davon bekommen unter der Bedingung, dass ich zwei Garridebs auftreiben würde, die sich das Übrige teilen sollten. Es sind fünf Millionen Dollar für jeden, wenn’s klappt, aber wir kommen da nicht ran, bis wir nicht alle drei beisammen sind.

Das war eine so große Chance, dass ich meine Kanzlei aufgab und mich auf die Suche nach weiteren Garridebs machte. In den Vereinigten Staaten gibt es nicht einen einzigen. Ich kämmte alles genau durch, aber es gelang mir nicht, einen Garrideb aufzutreiben. Dann versuchte ich es in der alten Welt. Tatsächlich gab es den Namen im Telefonbuch von London. Vor zwei Tagen suchte ich ihn auf und setzte ihm die ganze Angelegenheit auseinander. Aber er ist ein allein stehender Mann, wie ich auch, mit weiblichen Verwandten, aber keine Männer. Im Testament steht, es müssen drei erwachsene Männer sein. Wie Sie sehen, haben wir noch einen Platz frei, und wenn Sie helfen könnten, ihn zu besetzen, würden wir Ihnen sehr gerne Ihr Honorar zahlen.«

»Tja, Watson,« sagte Holmes lächelnd, »ich sagte ja, die Geschichte wäre ziemlich merkwürdig, nicht wahr? Ich hätte eigentlich gedacht, Sir, Sie würden den naheliegenden Weg beschreiten und in den Trauerspalten der Zeitungen inserieren.«

»Das habe ich getan, Mr. Holmes. Aber keine Antworten.«

»Ach du liebe Zeit! Nun, wir haben hier sicherlich ein höchst kurioses kleines Problem. Ich werde mich in meinen Mußestunden damit befassen. Nebenbei, es ist doch seltsam, dass Sie gerade aus Topeka kommen. Ich stand einmal in Briefaustausch mit jemandem dort – er ist mittlerweile gestorben – Dr. Lysander Starr, 1890 hat er als Bürgermeister amtiert.«

»Guter alter Dr. Starr!« sagte unser Besucher. »Sein Name hat immer noch einen guten Klang. – Gut, Mr. Holmes, ich nehme an, alles, was wir tun können, ist, Ihnen Bericht zu erstatten und Sie darüber auf dem Laufenden zu halten, wie wir vorankommen. Ich schätze, Sie werden in ein oder zwei Tagen etwas von uns hören.« Mit dieser Versicherung verbeugte sich unser amerikanischer Besucher und verließ uns.

Holmes hatte sich eine Pfeife angezündet, und eine Weile lang saß er mit einem seltsamen Lächeln da.

»Nun?« fragte ich schließlich.

»Ich wundere mich Watson – ich wundere mich bloß!«

»Über was?«

Holmes nahm die Pfeife aus dem Mund.

»Ich habe mich gefragt, Watson, was in aller Welt hat diesen Mann dazu gebracht, uns ein solches Lügengeschwätz aufzutischen. Beinahe hätte ich ihn das auf den Kopf zu gefragt – denn manchmal ist der brutale Frontalangriff die beste Strategie –, aber ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es besser ist, ihn in dem Glauben zu lassen, dass er uns zum Narren gehalten hat. Er ist ein Mann mit einem englischen Rock, der an den Ellenbogen abgewetzt ist und mit Hosen, die an den Knien ausgebeult sind, wozu man sie ein Jahr lang getragen haben muss, und doch ist er nach diesem Schreiben und nach seinem eigenen Bericht ein amerikanischer Provinzler, der erst kürzlich in London angekommen ist. Und es gab auch keine Anzeigen, in den Trauerspalten. Wie Sie wissen, entgeht mir da nichts. Sie sind mein bevorzugtes Operationsgebiet, wenn es darum geht, einen Vogel aufscheuchen, und so einen Fasan würde ich niemals übersehen haben. Ich habe auch niemals einen Dr. Lysander Starr aus Topeka gekannt. Fassen Sie bei ihm hin, wo Sie wollen, alles ist falsch an ihm. Ich glaube, dieser Bursche ist wirklich Amerikaner, aber sein Akzent hat sich abgeschliffen in den Jahren, in denen er in London weilte. Was spielt er also für ein Spiel, und was für ein Motiv liegt hinter seiner grotesken Suche nach irgendwelchen Garridebs? Es lohnt sich, dem etwas Aufmerksamkeit zu schenken, denn wenn dieser Mann ein Lausbube ist, dann ist er sicher ein ziemlich ausgekochter und einfallsreicher. Jetzt müssen wir herausfinden, ob unser Briefschreiber ebenso falsch ist. Rufen Sie ihn gleich mal an, Watson.«

Ich tat es und hörte am anderen Ende ein dünne, zittrige Stimme.

»Ja, ja, ich bin Mr. Nathan Garrideb. Ist Mr. Holmes zu sprechen? Ich würde sehr gerne mal mit ihm sprechen.«

Mein Freund nahm den Hörer, und ich hörte das übliche abgehackte Zwiegespräch.

»Ja, er ist gerade da gewesen. Soviel ich verstanden habe, kennen Sie ihn nicht… Wie lange? … Zwei Tage nur! … Ja, ja, natürlich, das ist eine äußerst bestechende Aussicht. Werden Sie heute Abend zu Hause sein? Ich nehme an, Ihr Namensvetter wird nicht zugegen sein. … Sehr gut, wir werden kommen, ich würde es nämlich vorziehen, die Unterhaltung ohne ihn zu führen … Dr. Watson wird mich begleiten. … Ihrem Brief habe ich entnommen, dass Sie nicht oft ausgehen. …. Gut, wir werden so gegen sechs bei Ihnen sein. Sie brauchen das nicht gegenüber dem amerikanischen Anwalt zu erwähnen. … Sehr gut. Auf Wiedersehen!«

Es war die Dämmerung eines lieblichen Frühlingsabends, und selbst die Little Ryder Street, eine der kleineren Nebenstraßen der Edgeware Road, nur einen Steinwurf vom alten Tyburn Tree mit seinen bösen Erinnerungen entfernt, leuchtete golden und wunderbar in den schräg einfallenden Strahlen der untergehenden Sonne. Das Haus, dem wir zustrebten, war ein großes, altmodisches Gebäude aus der frühen Georgianischen Periode mit einer glatten Backsteinfassade, die im Erdgeschoss nur von zwei tiefen Erkerfenstern unterbrochen wurde. Unser Klient lebte in diesem Erdgeschoss, und die tief herunter reichenden Fenster erwiesen sich als die Frontseite eines riesigen Raumes, in dem er seine wachen Stunden zubrachte. Als wir an dem kleinen Messingschild vorbeikamen, das den kuriosen Namen trug, deutete Holmes darauf.

»Schon ein paar Jahre alt, Watson,« bemerkte er und wies mich auf die verfärbte Oberfläche hin. »Jedenfalls ist es sein richtiger Name, und das ist bemerkenswert.«

Das Haus hatte eine gemeinsame Treppe, und im Treppenhaus waren einige Namen angeschrieben, von denen einige auf Büros hinwiesen und andere auf Privaträume. Diese waren keine Wohnungen im herkömmlichen Sinne, sondern wohl eher die Bleiben alleinstehenden Bohemiens.

Unser Klient öffnete uns selbst die Tür und entschuldigte sich dafür, dass die Hausmeisterin das Haus um vier Uhr verlassen habe. Mr. Nathan Garrideb erwies sich als ein sehr großer, zappliger Mann mit krummem Rücken, ausgemergelt und kahlköpfig, etwas über sechzig Jahre alt. Sein Gesicht war leichenblass mit dem ungesunden Teint eines Mannes, dem körperliche Übung fremd war. Große runde Brillengläser und ein kleiner vorstehender Ziegenbart verliehen ihm zusammen mit seiner gebeugten Haltung den Ausdruck von spähender Neugierde. Der allgemeine Eindruck jedoch war liebenswürdig, wenn auch exzentrisch.

Der Raum war so sonderbar wie sein Bewohner. Er sah aus wie ein kleines Museum. Er war gleichermaßen breit wie tief, mit Bücherschränken und Vitrinen überall und überfüllt mit Sammlerstücken geologischer und anatomischer Art. Schaukästen mit Schmetterlingen und Motten flankierten die Eingangstür. Ein großer Tisch in der Mitte war übersät mit allen Arten von Bruchstücken, zwischen denen der hohe Messingauszug eines lichtstarken Mikroskops herausragte. Während ich so herum schaute, war ich überrascht von der Vielseitigkeit der Interessen dieses Mannes. Hier stand eine Kiste mit Münzen aus dem Altertum. Dort war eine Vitrine mit Werkzeugen aus Feuerstein. Hinter dem großen Tisch stand ein großer Schrank mit fossilen Knochen. Oben auf ihm aufgereiht eine Reihe von Gipsschädeln, unter denen Schilder standen mit Namen wie ‚Neanderthal‘, ‚Heidelberg‘, ‚Cro-Magnon‘. Es war klar, dass er viele Gebiete studierte. Wie er so vor uns stand, hielt er ein Stück Chamoisleder in der Hand, mit dem er gerade eine Münze poliert hatte.

»Syracus – beste Periode,« erklärte er und hielt sie hoch. »Zum Ende hin haben sie sich stark verschlechtert. Zu ihrer besten Zeit halte ich sie für unübertrefflich, wenn auch einige die alexandrinische Schule bevorzugen. Sie können sich dort hinsetzen, Mr. Holmes. Bitte erlauben Sie mir nur, diese Knochen wegzuräumen. Und Sie, Sir – ah, ja, Dr. Watson – wenn Sie wohl die Güte hätten, die japanische Vase einfach beiseite zu stellen. Um mich herum sehen Sie hier meine bescheidenen Interessen am Leben und an der Natur. Mein Doktor macht mir immer Vorhaltungen, weil ich nie ausgehe, aber warum sollte ich ausgehen, wenn ich doch so vieles habe, was mich hier hält? Ich kann Ihnen versichern, dass die angemessene Katalogisierung eines dieser Schränkchen mich gut drei Monate in Anspruch nimmt.«

Holmes blickte sich neugierig um.

»Heißt das, dass Sie das Haus überhaupt nie verlassen?«

»Hin und wieder fahre ich zu Sotheby’s oder Christie’s in die Stadt. Aber sonst verlasse ich nur sehr selten meinen Räume. Ich bin nicht allzu kräftig, und meine Forschungen nehmen mich sehr in Anspruch. Aber Sie können sich sicher vorstellen, Mr. Holmes, was für ein schrecklicher Schock – angenehm, aber schrecklich – es für mich war, als ich von diesem unvergleichlich großen Vermögen hörte. Es braucht nur noch einen weiteren Garrideb, um die Sache zum Abschluß zu bringen, und sicherlich werden wir noch einen finden. Ich habe einen Bruder gehabt, aber er ist tot, und weibliche Verwandte kommen nicht in Frage. Aber es muss ganz bestimmt noch andere Garridebs auf der Welt geben. Ich habe gehört, dass Sie sich mit außergewöhnlichen Fällen befassen, und deshalb habe ich mich mit Ihnen in Verbindung gesetzt. Selbstverständlich hat dieser amerikanische Gentleman ganz Recht, und ich hätte zuerst seinen Rat einholen sollen, aber ich wollte nur das Beste tun.«

»Ich denke, Sie haben sehr klug gehandelt,« sagte Holmes. »Aber wollen Sie tatsächlich Ländereien in Amerika übernehmen?«

»Sicher nicht, Sir. Nichts könnte mich dazu verleiten, meine Sammlung im Stich zu lassen. Fünf Millionen Dollar war die erwähnte Summe. Es gibt gegenwärtig ein Dutzend Exemplare auf dem Markt, die die Lücken in meiner Sammlung füllen würden, die ich mir aber nicht kaufen kann, bloß weil sie ein paar hundert Pfund kosten. Stellen Sie sich nur vor, was ich mit fünf Millionen Dollar anfangen könnte. Ja, ich habe den Grundstock für eine Sammlung von nationaler Bedeutung. Ich werde der Hans Sloane meiner Zeit sein.«

Seine Augen schimmerten hinter den großen Brillengläsern. Es war überdeutlich, dass Mr. Nathan Garrideb keine Mühen scheuen würde, einen Namensvetter ausfindig zu machen.

»Ich bin nur gekommen, um Sie kennenzulernen, und es gibt keinen Grund, warum ich Sie noch länger von Ihren Studien abhalten sollte,« sagte Holmes. »Ich ziehe es vor, persönlich mit meinen Klienten zu verkehren. Es gibt nur noch einige wenige Fragen, die ich Ihnen stellen muss, denn ich habe ja schon Ihre sehr klare Schilderung in der Tasche, und die weißen Stellen habe ich ausgefüllt, als mich dieser amerikanische Gentleman besuchte. Wenn ich es richtig sehe, war Ihnen seine Existenz bis zu dieser Woche unbekannt.«

»So ist es. Er suchte mich letzten Dienstag auf.«

»Hat er Ihnen von unserer Unterredung heute etwas erzählt?«

»Ja, er kam direkt von Ihnen wieder zu mir. Er war sehr verärgert gewesen.«

»Warum sollte er verärgert sein?«

»Er schien zu denken, dass ein ungünstiges Licht auf seine Ehre gefallen sei. Aber er war sehr fröhlich, als er von Ihnen zurückkehrte.«

»Schlug er irgend etwas Besonderes vor?«

»Nein, Sir, das hat er nicht getan.«

»Hat er zu irgendeinem Zeitpunkt Sie um Geld gebeten?«

»Nein, Sir, niemals.«

»Sie sehen keinen möglichen Gegenstand, auf den er ein Auge geworfen haben könnte?«

»Keinen, abgesehen von dem, den er anführte.«

»Haben Sie ihm von unserer telefonischen Verabredung erzählt?«

»Ja, Sir, das habe ich.«

Holmes war in Gedanken versunken. Ich konnte sehen, dass er verwirrt war.

»Haben Sie irgendwelche Exemplare von großem Wert in Ihrer Sammlung?«

»Nein, Sir. Ich bin kein reicher Mann. Es ist eine gute Sammlung, aber keine sehr wertvolle.«

»Haben Sie Angst vor Einbrechern?«

»Nicht im Mindesten.«

»Wie lange leben Sie schon hier?«

»Fast fünf Jahre.«

Holmes Verhör wurde unterbrochen von einem gebieterischen Klopfen an der Tür. Kaum hatte sie unser Klient geöffnet und schon platzte der amerikanische Rechtsanwalt aufgeregt in den Raum.

»Hier haben wir’s!« rief er und schwenkte ein Papier über seinem Kopf. Ich dachte mir, dass ich es Sie sofort wissen lassen müsste. Meinen Glückwunsch, Mr. Nathan Garrideb! Sie sind jetzt ein reicher Mann. Unser Geschäft ist zu einem glücklich Ende gebracht worden und alles ist gut. Und was Sie betrifft, Mr. Holmes, können wir nur sagen, wie Leid es uns tut, Ihnen unnötige Ungelegenheiten bereitet zu haben.«

Er überreichte das Papier an unseren Klienten, der nur da stand und auf eine angestrichene Anzeige starrte. Holmes und ich beugten uns vor, um es über seine Schulter hinweg zu lesen.

Sie lautete folgendermaßen:

HOWARD GARRIDEB

HERSTELLER VON LANDMASCHINEN

Garbenbinder, Mähmaschinen, Dampf- und Handpflüge, Sähmaschinen, Eggen, Farmwagen, Bockwagen und Geräten aller Art. Kostenvoranschläge für Artesische Brunnen.

Anfragen Grosvenor Buildings, Aston

»Großartig!« keuchte unser Gastgeber. »Das ist unser dritter Mann.«

»Ich habe Nachforschungen in Birmingham aufgenommen,« sagte der Amerikaner, »und mein Gewährsmann dort, schickte mir diese Anzeige aus einer Lokalzeitungen. Wir müssen uns ranhalten und die Sache zu Ende bringen. Ich habe diesem Mann geschrieben und ihm mitgeteilt, dass Sie ihn morgen Nachmittag um vier Uhr in seinem Büro aufsuchen werden.«

»Sie möchten, dass ich ihn besuche?«

»Was sagen Sie, Mr. Holmes? Meinen Sie nicht auch, es wäre klüger?

Ich als umherziehender Amerikaner mit einer wunderlichen Geschichte. Warum sollte er glauben, was ich ihm erzähle? Aber Sie sind Engländer mit soliden Referenzen, ihnen wird er zuhören müssen. Wenn Sie es wünschen würde ich mit mit kommen, aber ich habe morgen sehr viel zu tun, und ich könnte nachkommen, falls Sie in irgendwelche Schwierigkeiten geraten sollten.«

»Nun, ich bin schon lange nicht mehr so weit gereist.«

»Kein Problem, Mr. Garrideb. Ich habe schon unsere Eisenbahnverbindungen herausgesucht. Sie fahren um zwölf und sollte kurz nach zwei dort sein. Dann können Sie schon am selben Abend wieder zurück ein. Alles, was Sie zu tun haben, ist diesen Mann zu besuchen, ihm die Angelegenheit zu erklären und eine eidesstattliche Versicherung seiner Existenz zu erhalten. Bei Gott!« fügte er hitzig hinzu, »wenn Sie mal überlegen, dass ich den ganzen Weg aus der Mitte Amerikas hierher gekommen bin, dann ist es doch sicher nicht zu viel verlangt, wenn Sie hundert Meilen weit fahren sollen, um die Sache zum Abschluß zu bringen.«

»Ganz recht,« sagte Holmes. »Ich glaube, was dieser Gentleman sagt, ist wahr.«

Mr. Nathan Garrideb zuckte die Achseln mit einer untröstlicher Miene. »Gut, wenn Sie darauf bestehen, werde ich fahren,« sagte er. »Es ist sicher schwer für mich, Ihnen irgend etwas abzuschlagen, wo Sie doch einen solchen Hoffnungsglanz in mein Leben gebracht haben.«

»Dann ist das also beschlossene Sache,« sagte Holmes, »und zweifellos werden Sie mir so bald wie möglich einen Bericht zukommen lassen.«

»Dafür werde ich sorgen,« sagte der Amerikaner. »Gut,« fügte er hinzu mit einem Blick auf seine Uhr, »ich muss weiter. Ich werde morgen vorbeikommen und Sie zum Bahnhof bringen. Begleiten Sie mich, Mr. Holmes? Nun gut, dann auf Wiedersehen, und möglicherweise haben wir morgen Abend gute Nachrichten für Sie.«

Ich bemerkte, dass sich das Gesicht meines Freundes aufhellte, als der Amerikaner den Raum verlassen hatte, und der Ausdruck von grüblerischer Ratlosigkeit war daraus verschwunden.

»Ich wünschte, ich könnte mir einmal Ihre Sammlung ansehen, Mr. Garrideb,« sagte er. »In meinem Beruf können alle Arten von ausgefallenen Kenntnissen einmal nützlich werden, und dieser Raum ist ein wahres Lagerhaus davon.«

Unser Klient strahlte vor Vergnügen, und seine Augen glänzten hinter den großen Brillengläsern.

»Ich habe immer gehört, Sir, dass Sie ein sehr intelligenter Mann sind,« sagte er. »Ich könnte Sie herumführen, wenn Sie Zeit haben.«

»Leider habe ich das nicht. Aber diese Exemplare sind so gut beschriftet und klassifiziert, dass Sie kaum Ihre persönliche Erklärung benötigen. wenn ich vielleicht morgen hereinschauen könnte, ich nehme an, Sie haben keine Einwände, wenn ich sie mir anschaue?«

»Überhaupt nicht. Sie können sehr gerne kommen. Die Tür wird natürlich verschlossen ein, aber Mrs. Saunders ist bis um vier im Untergeschoss und wird sie mit ihrem Schlüssel hereinlassen.«

»Gut, zufällig bin ich morgen Nachmittag frei. wenn Sie Mrs. Saunders informieren könnten, wäre das sehr nett. Übrigens, wer ist eigentlich Ihr Hausverwalter?«

Unser Klient war erstaunt über diese unerwartete Frage.

»Holloway and Steele in der Edgeware Road. Warum?«

»Wenn es um Häuser geht, bin ich auch so etwas wie ein Archäologe,« sagte Holmes lachend. »Ich habe mich gefragt, ob dieses Haus aus der Queen Anne-Periode oder aus der georgianischen stammt.«

»Aus der georgianischen ohne Zweifel.«

»Tatsächlich? Ich hätte gedacht, ein wenig früher. Aber, das kann ja sehr leicht festgestellt werden. Gut, auf Wiedersehen, Mr. Garrideb, ich wünsche Ihnen allen erdenklichen Erfolg bei Ihrer Birmingham-Reise.«

Die Hausverwalter waren nicht weit weg, aber sie hatten schon geschlossen, so kehrten wir in die Baker Street zurück. Erst nach dem Abendessen kam Holmes wieder auf das Thema zu sprechen.

»Unser kleines Problem nähert sich seiner Lösung,« sagte er. »Zweifellos haben Sie sie sich schon selbst ausgemalt.«

»Ich werde von vorne bis hinten einfach nicht schlau daraus.«

»Das vordere Ende ist sicher klar genug, und das hintere sollten wir morgen zu Gesicht bekommen. Ist Ihnen denn an dieser Anzeige nichts Merkwürdiges aufgefallen?«

»Das Wort Pflug war falsch geschrieben.«

»Oh, das ist Ihnen also aufgefallen? Watson, Sie werden wirklich immer besser mit der Zeit. Ja, es war schlechtes Englisch aber gutes Amerikanisch. Der Drucker hat es so gesetzt, wie er es bekommen hat. Und dann die Bockwagen. Das ist auch Amerikanisch. Und artesische Brunnen sind bei ihnen weitaus geläufiger als bei uns. Es war eine typische amerikanische Anzeige, die aber vorgab von einer englischen Firma zu sein. Was schließen Sie daraus?«

»Ich kann nur vermuten, dass dieser amerikanische Anwalt sie selbst plaziert hat. Zu welchem Zweck, das kapiere ich einfach nicht.«

»Nun, es gibt verschiedene Erklärungen. Jedenfalls wollte er dieses gute alte Fossil unbedingt nach Birmingham bekommen. Das ist schon mal ganz klar. Ich hätte ihm sagen können, dass er sich da auf ein völlig aussichtsloses Unterfangen eingelassen hat, aber auf den zweiten Blick schien es mir besser zu sein, die Bühne frei zu machen und ihn reisen zu lassen. Morgen, Watson – nun, morgen wird für sich selbst sprechen.«

Schon früh war Holmes aufgestanden und ausgegangen. Als er um die Mittagszeit zurück kam, bemerkte ich, dass sein Gesicht sehr ernst war.

»Dies ist eine ernstere Sache als ich erwartet hatte,« sagte er. »Das sollten Sie wissen, obwohl ich weiß, dass es für Sie nur ein zusätzlicher Grund sein wird, sich kopfüber in die Gefahr zu stürzen. Ich sollte meinen Watson jetzt aber wirklich kennen. Aber die Sache ist gefährlich, und das sollten Sie wissen.«

»Nun, das ist nicht die erste Gefahr, die wir geteilt haben, Holmes. Und ich hoffe, es wird nicht die letzte sein. Was ist die besondere Gefahr dieses Mal?«

»Wir haben es mit einem sehr harten Fall zu tun. Ich habe die wahre Identität von Mr. John Garrideb, Rechtsanwalt, herausgefunden. Er ist kein anderer als ‚Killer‘ Evans, ein Mann von einem üblen, mörderischen Ruf.«

»Ich fürchte, jetzt bin ich auch nicht schlauer.«

»Ah, es ist ja auch nicht Teil Ihrer Berufspflichten einen tragbaren Newgate- Kalender in ihrem Gedächtnis mit sich herum zu tragen. Ich war in der Stadt, um unseren Freund Lestrade im Yard zu sprechen. Dort mag ein gelegentliches Bedürfnis nach fantasievoller Intuition bestehen, aber in puncto Sorgfalt und Methodik macht ihnen niemand in der Welt etwas vor. Mir kam die Idee, dass wir auf die Spur unseres amerikanischen Freundes vielleicht in ihrem Archiv finden könnten. Und prompt grinste mir sein Pummelgesicht aus der Porträtgalerie der Ganoven entgegen. ‚James Winter, alias Morecroft, alias Killer Evans‘, stand darunter.« Holmes zog einen Umschlag aus der Tasche. »Ich habe mir ein paar Punkte aus seinem Strafregister aufgeschrieben: Alter vierundvierzig. Geboren in Chicago. Hat in den Staaten nachweislich drei Männer niedergeschossen. Durch politischen Einfluss dem Zuchthaus entgangen. Kam 1893 nach London. Schoss im Januar einen Mann beim Kartenspiel in der Waterloo Road nieder. Der Mann starb, aber es wurde nachgewiesen, dass er den Streit angefangen hatte. Der Tote wurde identifiziert als Rodger Prescott, berüchtigt als Fälscher und Falschmünzer in Chicago. Killer Evans wurde 1901 entlassen. Seitdem stand er unter polizeilicher Überwachung, hat aber soweit bekannt ein ehrbares Leben geführt. Ein sehr gefährlicher Mann, der für gewöhnlich Waffen trägt und bereit ist, sie auch zu gebrauchen. Das ist unser Vogel, Watson – ein sportlicher Vogel, wie Sie zugeben müssen.«

»Aber was spielt er für ein Spiel?«

»Nun, das fängt an, sich von selbst zu erklären. Ich war bei den Hausverwaltern. Unser Klient wohnt dort, wie er sagte, seit fünf Jahren. Ein Jahr lang vor seinem Einzug war die Wohnung nicht vermietet. Der Vormieter war im ein ungebundener Gentleman namens Waldron. Im Büro erinnerten sie sich noch gut an Waldrons Erscheinung. Plötzlich war er verschwunden und hatte nichts mehr von sich hören lassen. Er war ein großer Mann mit Bart mit finsteren Gesichtszügen. Nun, Prescott, der Mann, den Killer Evans erschoss, war nach Scotland Yard ebenfalls ein großer Mann mit Bart. Ich denke, als Arbeitshypothese nehmen wir einmal an, dass Prescott, der amerikanische Verbrecher, früher einmal in derselben Wohnung gelebt hat, die unser nichts ahnender Freund nun seinem Museum gewidmet hat. So bekommen wir schließlich eine Verbindung.«

»Und die nächste Verbindung?«

»Nun, wir müssen uns jetzt aufmachen und danach suchen.«

Er nahm einen Revolver aus der Schublade und reichte ihn mir.

»Ich habe mein altes Lieblingsschießeisen bei mir. Wenn unser Freund aus dem Wildem Westen versuchen sollte, seinem Spitznamen gerecht zu werden, müssen wir darauf vorbereitet sein. Ich gebe Ihnen noch eine Stunde für ein kleines Mittagsschläfchen, Watson, und dann, denke ich, wird es Zeit für unser Ryder Street -Abenteuer.«

Es war gerade vier Uhr, als wir in Mr. Nathan Garridebs kurioser Wohnung ankamen. Mrs. Saunders, die Hausmeisterin, wollte gerade gehen, aber sie ließ uns ein ohne zu zögern, denn die Tür schloss sich mit einem Schnappriegel und Holmes versprach, dafür zu sorgen, dass alles sicher war, bevor wir wieder gingen. Kurz darauf fiel die Haustür ins Schloss, ihr Barrett schwebte am Fenster vorbei und wir wussten, dass wir nun im Erdgeschoss alleine waren. Holmes unterzog die Räumlichkeiten einer schnellen Untersuchung. In einer dunklen Ecke gab es einen Schrank, der ein wenig von der Wand abstand. Hinter den zwängten wir uns und mit Flüsterstimme entwarf mir Holmes seinen Plan.

»Er wollte unseren liebenswürdigen Freund unbedingt aus diesem Raum kriegen – das ist ganz klar, und, da der Sammler niemals ausging, war einige Planung nötig, um das zu bewerkstelligen. Die ganze Garrideb-Erfindung diente offensichtlich keinem anderen Zweck. Watson, ich muss sagen, darin liegt schon ein gewisser teuflischer Einfallsreichtum, selbst wenn der absonderliche Name des Mieters einen Ansatzpunkt bot, den er kaum erwartet haben konnte. Er hat seinen Plan mit bemerkenswerter Abgefeimtheit ausgeklügelt.«

»Aber worauf war er aus?«

»Nun, das herauszufinden sind wir hier. Es hat absolut nichts mit unserem Klienten zu tun, soweit ich die Lage überblicke. Es ist etwas, das in Verbindung steht, zu dem Mann, den er ermordet hat – ein Mann, der vielleicht sein Komplize gewesen ist. Es gibt ein verbrecherisches Geheimnis in diesem Raum. So sehe ich das. Zuerst dachte ich, unser Freund hätte vielleicht etwas in seiner Sammlung, das viel wertvoller war, als er wußte – etwas, das der Aufmerksamkeit eines Schwerverbrechers wert war. Aber die Tatsache, dass Rodger Prescott, der allen in übler Erinnerung geblieben ist, einmal diese Räume bewohnt hat, deutet auf einen tiefer liegenden Grund hin. Und nun, Watson, können wir uns nur in Geduld üben und sehen, was die nächste Stunde bringen wird.«

Und diese Stunde ließ nicht lange auf sich warten. Wir verzogen uns weiter in den Schatten, als wir hörten, wie die Haustür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Dann erklang das scharfe metallische Schnappen eines Schlüssels, und der Amerikaner war im Zimmer. Behutsam schloss er die Tür hinter sich, blickte sich scharf um, um zu sehen, ob alles sicher war, warf seinen Mantel ab und ging auf den Tisch mitten im Raum zu, zielstrebig wie ein Mann, der genau weiß, was er zu tun hat und wie er es tun tun hat. Er schob den Tisch zur Seite, hob den Teppich an, auf dem er gestanden hatte und rollte ihn vollständig auf. Dann holte er ein Stemmeisen aus der Innentasche, kniete sich nieder und bearbeitete energisch die Dielenbretter. Bald hörten wir das Geräusch rutschender Bretter, und einen Augenblick später hatte sich in den Bodenbrettern eine quadratische Öffnung aufgetan. Killer Evans riss ein Streichholz an, zündete einen Kerzenstumpf an und entschwand unseren Blicken.

Unsere Stunde war gekommen. Holmes berührte mein Handgelenk als Zeichen, und wir stahlen uns zu der offenen Falltür hin. So vorsichtig wir uns auch bewegten, musste der alte Boden unter unseren Füßen geknackt haben, denn sofort tauchte der Kopf unseres Amerikaners bange um sich blickend aus der Öffnung auf. Sein Gesicht wandte sich uns zu mit einem Aufblitzen verwirrter Wut, die sich allmählich zu einem ziemlich verschämten Grinsen abmilderte, als er erkannte, dass zwei Pistolen auf seinen Kopf gerichtet waren.

»Gut, gut,« sagte er kaltblütig, als er aus dem Loch herauskletterte. »Ich schätze, Sie sind mir über, Mr. Holmes. Haben mein Spiel durchschaut, nehm ich an, und haben mich von Anfang an für dumm verkauft. Gut, Sir, ich werde es Ihnen geben; Sie haben mich geschlagen und –«

Blitzartig hatte er einen Revolver aus seiner Brusttasche gerissen und zwei Schüsse abgefeuert. Ich spürte ein plötzliches heißes Sengen, als ob ein glühend heißes Eisen an meinen Schenkel gepresst worden wäre. Krachend zog Holmes ihm seine Pistole über den Schädel. Verschwommen sah ich, wie er mit blutigem Gesicht ausgestreckt auf dem Boden lag und Holmes ihn nach Waffen durchsuchte. Dann spürte ich die drahtigen Arme meines Freundes um mich und er führte mich zu einem Stuhl.

»Sie sind doch nicht verletzt, Watson? Um Gottes Willen, sagen Sie, dass Sie nicht verletzt sind!«

Es war eine Verwundung wert – es war viele Verwundungen wert – die Tiefe der Loyalität und Zuneigung zu erfahren, die hinter dieser kalten Maske lagen. Für einen Moment waren die klaren, harten Augen getrübt und die festen Lippen zitterten. Dieses eine Mal erhaschte ich den Blick auf ein großes Herz, das ebenso groß war wie sein Gehirn. All meine Jahre im bescheidenen, wenn auch zielstrebigen Dienst erfuhren in diesem Augenblick der Offenbarung ihren Höhepunkt.

»Es ist nichts, Holmes. Ist bloß ein Kratzer.«

Er hatte mit seinem Taschenmesser meine Hosen aufgeschnitten.

»Sie haben Recht,« rief er mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung aus. »Es ist ziemlich oberflächlich.« Sein Gesicht wurde hart wie Stein als er auf unseren Gefangenen blickte, der sich mit benommenem Gesicht aufsetzte. »Bei Gott, dass ist auch für Sie gut. wenn Sie Watson getötet hätten, wären Sie nicht mehr lebend aus diesem Raum herausgekommen. Und jetzt, Sir, was haben Sie zu Ihren Gunsten zu sagen?«

Er hatte nichts zu seinen Gunsten zu sagen. Er saß nur da und machte ein finsteres Gesicht. Ich stützte mich auf Holmes‘ Arm und zusammen blickten wir in den kleinen Keller hinunter, der unter der geheimen Klappe lag. Er wurde noch von der Kerze erleuchtet, die Evans mit sich hinunter genommen hatte. Unser Blick fiel auf verrostete Maschinen, große Papierrollen, einen Haufen Flaschen, und, sauber auf einem kleinen Tisch aufgeschichtet, eine Anzahl von säuberlichen kleinen Bündeln.

»Ein Druckerpresse – eine Geldfälscher-Werkstatt,« sagte Holmes.

»Ja, Sir,« sagte unser Gefangener, langsam und schwankend kam er wieder auf die Beine und ließ sich in einen Sessel fallen. »Der größte Geldfälscher, den London jemals gesehen hat. Das ist Prescotts Maschine, und die Bündel auf dem Tisch sind zweitausend von Prescotts Banknoten, jede hundert Pfund wert, mit denen man überall bezahlen kann. Betrachten Sie es als ein Geschäft und lassen Sie mich abhauen.«

Holmes lachte.

»Solche Dinge tun wir nicht, Mr. Evans. In diesem Land gibt es kein Schlupfloch mehr für Sie. Sie haben Prescott erschossen, nicht wahr?«

»Ja, Sir, und ich habe fünf Jahre dafür bekommen, obwohl er es war, der auf mich angelegt hat. Fünf Jahre – wo ich doch eigentlich einen Orden so groß wie ein Suppenteller verdient hätte. Kein lebender Mensch hätte eine Prescott-Note von der der Bank von England unterscheiden können, und wenn ich ihn nicht aus dem Spiel genommen hätte, würde er London damit überflutet haben. Ich war der einzige Mensch auf der Welt, der wußte, wo seine Werkstatt war. Ist es denn so verwunderlich, dass ich unbedingt an diesen Ort rankommen wollte? Und ist es verwunderlich, dass, als ich diesen verrückten Trottel von einem Käfersammler mit dem komischen Namen fand, der genau darauf hockte und das Zimmer nie verließ, mein Bestes tat, um ihn von da weg zu kriegen. Es wäre kinderleicht gewesen, aber ich bin ein weichherziger Bursche, der keine Schießerei anfangen kann, wenn der andere nicht auch eine Kanone hat. Aber sagen Sie, Mr. Holmes, was habe ich Unrechtes getan? Ich habe diese Werkstatt nie benutzt. Ich habe diesem alten Zausel kein Haar gekrümmt. Wobei haben Sie mich erwischt?«

»Nur für versuchten Mord, soweit ich sehen kann,« sagte Holmes. »Aber das geht uns nichts an. Das ist die Sache der nächsten Instanz. Was wir wollten waren nur Sie selbst. Watson, rufen Sie bitte den Yard an. Es wird für sie nicht ganz unerwartet sein.«

Das waren also die Tatsachen über Killer Evans und seine bemerkenswerte Erfindung der drei Garridebs. Später hörten wir, dass unser armer alter Freund den Schock über seine zerstobenen Träume nie mehr überwunden. Als sein Luftschloss zusammenbrach, begrub es ihn unter seinen Trümmern. Das letzte, was wir von ihm hörten, war, dass er in einem Pflegeheim in Brixton lebt. Es war ein großer Tag für den Yard, als Prescotts Werkstatt entdeckt wurde, denn, obwohl sie wussten, dass sie existierte, hatten sie es nach dem Tod dieses Mannes nicht geschafft herauszufinden, wo sie war. Evans hatte der Allgemeinheit tatsächlich einen großen Dienst erwiesen und bewirkt, dass einige hochrangige Kriminalpolizisten nun wieder ruhiger schlafen konnten, denn der Geldfälscher bildet eine Klasse für sich als Gefahr für die Öffentlichkeit. Sie hätten ihn sicher gerne für einen Orden in der Größe eines Suppentellers vorgeschlagen, von der der Verbrecher gesprochen hatte, aber eine undankbare Geschworenenbank nahm einen weniger wohlwollenden Standpunkt ein, und der Killer kehrte wieder in jenes Schattenreich zurück, aus dem er gerade erst aufgetaucht war.

 

 

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