Dick Boyles Geschäftskarte

Die zwischen Sage Wood und Dead Flat verkehrende Postkutsche wartete vor dem Stationsgebäude. Der Postwagen von Pine Barrens, an den sie Anschluß hatte, war mit seinen Durchgangsreisenden längst überfällig, und die Station war in stumpfsinnige Erwartung versunken. Selbst der Humor Dick Boyles, des Klinkenputzers aus Chicago – und bis jetzt des einzigen Reisenden, der die wartenden Müßiggänger unterhalten hatte, fing an seine Wirkung zu verfehlen, obgleich der Frohsinn des Spaßvogels nicht notgelitten hatte. Die Pferdeknechte hatten sich in die Stallungen zurückgeschlichen, der Posthalter und der Kutscher hatten ihre Unterhaltung auf abgerissene Grobheiten beschränkt, als ob jeder den andern für die Verzögerung verantwortlich machte. Ein einsamer Indianer, der in eine von der Intendantur gelieferte Wollendecke gehüllt und mit einem aufgelesenen Zylinderhut bedeckt war, drückte sich gegen die Mauer des Stationsgebäudes und schaute stumpfsinnig ins Leere. Das Posthaus selbst, ein langer weitläufiger Bau, der für Mensch und Tier unter einem einzigen eintönigen schuppenartigen Dach Unterkunft bot, gewährte nichts, was das Auge anzuziehen vermocht hätte. Noch weniger konnte man dies von der Aussicht rühmen: auf der einen Seite zwei Meilen dürrer Wüste, bis hin zu den verkümmerten, weit auseinander stehenden Kiefern, unter dem Namen »die Heide« bekannt; auf der andern eine scheinbar grenzenlose Flache, mit dunkleren Flecken von Beifußbüschen, die ausgebrannten Feuerstellen ähnlich sahen.

Dick Boyle näherte sich dem unbeweglichen Indianer, um an ihm, wenn möglich, ein Publikum zu finden. »Ihr scheint Euch nicht gerade viel daraus zu machen, ob Schule gehalten wird oder nicht, was, Lo?«

Der Indianer, der auf seinen aufwärts gekehrten Sohlen gekauert hatte, reckte sich mit einer geschmeidigen, tierähnlichen Bewegung und stand auf, Boyle bemächtigte sich eines Eckchens seiner Wolkendecke und musterte es kritisch. »Die Regierung verhätschelt Euch gerade nicht mit prima Ware, Lo! Der Agent hat Euch gewiß vier Dollars dafür berechnet, Unsre Firma hätte sie Euch für zwei Dollars siebenunddreißig Cents liefern können, und hätte noch ’ne Schachtel mit Perlen in den Kauf gegeben. So ‚was etwa!« Damit holte er aus seiner Tasche eine kleine Schachtel, die ein schimmerndes Perlenhalsband enthielt, und hielt sie vor dem Indianer empor.

Der Wilde, der ihn mit dem ergebenen Gleichmut eines durch ein niedriges Gewürm gestörten Menschen betrachtet, oder vielmehr an ihm vorbeigesehen hatte, änderte hier auf einmal seinen Gesichtsausdruck. Sein düsteres Antlitz nahm das Aussehen kindlich-eifriger Begierde an, und er streckte seine Hand nach dem Geschmeide aus. »Abwarten!« sagte Boyle, der einen Augenblick unschlüssig war. Dann rief er plötzlich aus: »Schön, nehmt es, und hiervon auch,« indem er eine Geschäftskarte aus der Tasche zog und sie ihm in das Band seines grobschlächtigen Zylinders steckte. »Da! zeigt dies Euren Freunden, und wenn Ihr was in unserer Branche nötig habt – «

Die Unterbrechung durch ein dröhnendes Gelächter, das vom Kutschbock des Postwagens her erklang, kam Boyle offenbar nicht unerwartet, denn er wandte sich gravitätisch um und ging auf die Kutsche zu, »Schon gut, Jungens! Ich habe mich mit dem edeln roten Mann verständigt, und der ›Stern des Reichs‹ verfolgt seinen Weg nach Westen. Unsre Firma wird ihm das Geschäft des ›Großen Vaters‹ ungefähr zum halben Preise besorgen, den sie in Washington dafür verlangen.«

Doch in diesem Augenblick kamen die Pferdeknechte aus den Stallungen herausgeeilt. »Sie kommt,« sagte der eine. »Dort hinter der einsamen Kiefer sieht man den Staub. Nach meiner Schätzung muß sie gleich hier sein.«

»Jawohl,« sagte der Postagent und kletterte auf den Kutschbock, um besser zu sehen, »aber verdammt will ich sein, wenn ich irgend was von Passagieren auf dem Verdeck sehen kann. Werden wohl umsonst gewartet haben.«

Wirklich konnte man, als die galoppierenden Pferde des herannahenden Fahrzeugs aus dem niederhangenden Nebel in der Ferne auftauchten, nur den einsamen Kutscher erblicken, der sein Gespann anfeuerte. Wenige Augenblicke später hielt der Wagen am untern Ende des Posthauses. »Möchte wissen, was los ist?« sagte der Postagent.

»Nichts! Nur ein klotziges Indianerscheusal auf der Kiefernheide,« sagte einer der Pferdeknechte. »Indianer führen ’nen Gespenstertanz auf – oder so was Ähnliches, und die Reisenden haben sich ‚rausstänkern lassen und den andern Weg eingeschlagen. Nur ein einziger wagt zu kommen und das ist ’ne Dame.«

»Eine Dame?« wiederholte Boyle.

»Ja,« erwiderte der Kutscher und blickte prüfend auf ein großes, anmutiges Mädchen, das unter Verzicht auf die artige Hilfeleistung des Posthalters ohne Beistand von dem Fahrzeug herabgehüpft war. »Eine Dame, und dazu die Tochter des Fortkommandanten! Sie hat Schneid, verlassen Sie sich drauf, ’s ist ein Span von dem alten Holz. Und all das bedeutet, mein Söhnchen, daß Sie ihr den Bocksitz abtreten werden, Fräulein Julia Cantire nimmt nicht mit weniger vorlieb, wenn ich um den Weg bin.«

Die junge Dame ging bereits geradenwegs und in sicherer Haltung auf die wartende Kutsche zu. Ihr aufrechter, selbstbewußter Gang, ihre tadellosen Handschuhe und Stiefelchen, sowie der geschmackvolle graue Staubmantel verrieten auf den ersten Blick die überlegene Weltdame. Eine wohlgeformte Adlernase, die ihren hübschen Mund kleiner erscheinen ließ; graue Augen, in deren Tiefen dann und wann ein feuchtes, helles Funkeln erschien; braune, scharfgezeichnete Augenbrauen und braune Löckchen, – das alles in der Umrahmung des silbergrauen Schleiers, der um ihren Nacken und unter ihrem ovalen Kinn durchgeschlungen war, erschien Boyle ungemein reizvoll. In ihren gedämpften Farben schien sie selbst dem schrecklichen Staub Harmonie zu verdanken. Wie er ihr erschien, war nicht so klar, denn sie schaute über ihn weg – er war ziemlich kurz geraten – , durch ihn hindurch – er war leicht zu durchschauen – und dann blieben ihre Augen auf dem Kutscher haften, als erkenne sie einen alten Bekannten in ihm.

»Guten Morgen, Herr Foster,« sagte sie und lächelte.

»Morgen, Fräulein. Wie ich höre, ist Ihnen so ’n Indianerscheusal auf der Heide aufgestoßen. Ich meine, die Mannsleute müßten sich in ein Mauseloch verkriechen, daß ’ne Dame sie aussticht.«

»Vermutlich glaubten sie nicht, daß ich aushalten würde, und einige hatten ihre Frauen bei sich,« erwiderte die junge Dame bescheiden, »außerdem sind es Leute aus dem Osten, die die Indianer nicht so gut kennen wie wir, Herr Foster.«

Der Kutscher errötete vor Vergnügen über diese Zusammenstellung, »Ja, Gnädige,« sagte er lachend, »die würden sich sogar von so einem Jammergestell wie der da droben« – er wies auf den Indianer, der sich unauffällig vom Postgebäude wegstahl – »ins Bockshorn jagen lassen. Und doch hat der Kerl die Geschäftskarte von dem Herrn hier in seinen Hut gesteckt – Herr Dick Boyle, der für die klotzige Firma Fletcher & Co. in Chicago reist,« flocht er ein, indem er sich plötzlich zur Höhe der Formen höflicher Vorstellung aufschwang. »Wenn in Gottes Namen ein bißchen skalpiert werden muß, so sieht’s eher danach aus, daß dies anderswo passiert, ha! ha!«

Fräulein Cantire nahm die Vorstellung und den Scherz mit höflicher aber kühler Zurückhaltung auf und kletterte leichtfüßig auf den Bock, als die Postsäcke und eine Menge Gepäck, das augenscheinlich den ausgekniffenen Reisenden gehörte, schleunigst nach der Kutsche geschafft wurden. Wäre seine hübsche Nachbarin nicht gewesen, so würde der Kutscher, wahrscheinlich seiner Überzeugung, daß sein Fahrzeug als ein »verfl – Gepäckkarren« diene, derben Ausdruck verliehen haben; doch so lächelte er nur voll Grimm, raffte seine Zügel auf und schwang seine Peitsche. Die Kutsche verschwand in dem Staub, der sich sogleich rings um sie erhob und sie hernach in der Entfernung nur wie eine Wolke erscheinen ließ. Dieser Staub umhüllte und verbarg auch für einen Augenblick den Indianer, als er von der Kutsche überholt wurde, doch tauchte er bei einer Biegung des Weges in beschleunigtem Schritt und mit eigentümlich lahmem Trott daraus auf. Diese Gangart behielt er so bei, bis er nach einer Stunde eine Gruppe von Felsen und niedrigem Gestrüpp erreicht hatte, die bisher wegen der Unebenheiten der scheinbar flachen Ebene unsichtbar gewesen und worein er jetzt eindrang und verschwand. Die Staubwolke, die die Kutsche andeutete, war, vermutlich um der gleichen Unebenheiten willen, längst aus dem Gesichtskreis verschwunden.

Das Gebüsch, das ihn aufnahm, bildete die Einfassung einer Senke, die von der Ebene aus ganz versteckt lag. Dieser folgte es einige Meilen weit durch einen verschlungenen, muldenähnlichen Grund mit niedrigen Bäumen und Knieholz, und es bildete einen Unterschlupf für Wölfe, Präriewölfe, hin und wieder auch Bären, deren halbmenschliche Fußstapfen einen Fremden hätten täuschen können. Sie machten jedoch den Indianer nicht irre, der immer noch emsig dahintrabte und nur anhielt, um eine andre, weit häufigere Fußspur zu untersuchen, die glatten Eindrücke von Mokassins mit ihren einwärts gewandten Zehen. Das Dickicht wurde dichter und ungangbarer, je weiter er kam, doch glitt er aalglatt durch Dickicht und Dunkel, das jetzt auch von andern schattenhaften Gestalten belebt schien, Gestalten so unwirklich und unfaßbar wie sonnenbeschienene Blätter im Winde, doch seltsam menschenähnlich. Indem er weiter eilte, wurde er auf einmal ein Glied dieses schattenhaften Zugs, der sich bei näherer Prüfung als eine Reihe Indianer erwies, die in dem gleichen unermüdlichen Trab hintereinander herliefen. Das Gehölz und das Knieholz waren voll von ihnen; und alle bewegten sich, wie er getan hatte, in paralleler Richtung mit der verschwindenden Kutsche. Bisweilen war durch die offenen Stellen ein nacktes bemaltes Glied, ein Federbusch oder ein Streifen von einer bunten Wolldecke zu erblicken, doch weiter nichts. Und gleichwohl dehnte sich nur wenige hundert Ellen davon klanglos, regungslos die dämmerige, schweigende Ebene.

Mittlerweile arbeitete sich die Postkutsche nach Art aller menschlichen Erfindungen, unbekümmert um alles was außerhalb ihres Wirkungskreises lag, in Staub gehüllt von der Hochebene herab und begann eine bewaldete Talschlucht zu gewinnen, die den tiefsten Punkt der eben beschriebenen Senkung bildete, längs der jener schattenhafte Zug langsam vorwärts drang, kaum eine Meile rückwärts und seitwärts von dem Fuhrwerk. Fräulein Julia Cantire, die der Staubwolke auf der Ebene furchtlos getrotzt hatte, wie es der Tochter eines Soldaten ziemte, stellte sich nunmehr aufrecht hin und reckte sich; ihr hübscher Kopf tauchte einer Gottheit gleich aus der umhüllenden Silberwolke auf. Wenigstens dachte das Herr Boyle, der auf den Rücksitz Verbannte, obgleich ihre Unterhaltung und ihre Aufmerksamkeiten hauptsächlich dem Kutscher und dem Postagenten galten. Als er einmal in seiner kecken Weise eine Bemerkung an sie gerichtet hatte, war diese von ihr mit ausgesuchter, doch wenig einladender Höflichkeit aufgenommen worden, die ihn von ferneren Versuchen abschreckte, doch ohne daß seine gute Laune dadurch gelitten hätte oder daß er sich darüber geärgert hätte, welches Vergnügen seine beiden männlichen Gefährten über diese Abfertigung an den Tag legten. Es ist allerdings anzunehmen, daß Fräulein Julia gewisse Klassenvorurteile hegte und einen "Klinkenputzer" – oder Handlungsreisenden – kaum als passendere Gesellschaft für eine Majorstochter ansah als einen gewöhnlichen Hausierer. Doch wahrscheinlicher war, daß Herrn Boyles Ruf als Spaßmacher, als Erzähler von witzigen Anekdoten und lustiger Bruder mit ihrem weiblichen Ideal hoher, erhabener Männlichkeit nicht übereinstimmte. Der Mann, der ›den Tisch zum Wiehern bringt‹, pflegt insgeheim von dem schöneren Geschlecht abscheulich gefunden zu werden, zu schweigen von den andern auf der Hand liegenden Gründen, aus denen die Julias die Merkutios nicht lieben!

Aus solcherlei Ursachen sah sich Dick Boyle gezwungen, sich stillschweigend auf dem Rücksitz mit der reichen Beobachtungsgabe zu begnügen, die die Natur ihm verliehen hatte. Bei der Einfahrt in die Talschlucht hatte er bemerkt, welchen Umweg die Kutsche dorthin gemacht hatte; er hatte bereits einen besseren Weg ausgedacht, der an der Stelle in die Senkung münden würde, wo – ohne daß er es wußte – die Indianer schon hineingedrungen waren, und von da einen Weg durch das wirre Gestrüpp, der die Entfernung um einige Meilen abkürzen sollte. Aber mittlerweile hatten sie die etwas steile und schwierige Hinauffahrt auf der andern Seite der Talschlucht begonnen. Das Fahrzeug war indes kaum ein paar Ellen geklommen als es anhielt. Dick Boyle blickte um sich und sah Fräulein Cantire eben absteigen. Sie hatte den Wunsch geäußert, den Rest des Aufstiegs zu Fuß zu machen, und die Kutsche sollte auf der Höhe auf sie warten. Foster hatte sie aufs zuvorkommendste gebeten, sich Zeit zu lassen – »es habe keine Eile!« Boyle blickte ein wenig sehnsüchtig hinter ihrer anmutsvollen Gestalt drein, die von ihrer eingeengten Lage auf dem Bock befreit, graziös zwischen den Bäumen am Weg hindurchschlüpfte; gerne hätte er sich ihr angeschlossen, aber sogar seine gute Laune hielt nicht stand gegenüber ihrer Gleichgültigkeit. Bei einer Biegung der Straße verloren sie sie aus dem Gesicht, und während der Kutscher und der Postagent sich in eine Auseinandersetzung über die zweifelhafte Wegspur vertieften, beobachtete Boyle schweigend die Umgebung. Plötzlich stieß er einen leisen Ruf aus und ließ sich ruhig von der Rückseite der hinaufkeuchenden Kutsche auf den Erdboden gleiten! Sein Tun wurde jedoch alsbald von dem Kutscher bemerkt, der schnell seinen Fuß auf die Bremse setzte und den Wagen anhielt.

»Was ist los?« brummte er.

Boyle aber gab keine Antwort, sondern lief einige Schritte zurück und fing an, eifrig den Boden abzusuchen.

»Was verloren?« fragte Foster.

»Was gefunden,« sagte Boyle und las einen kleinen Gegenstand auf. »Sehen Sie her! Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht die Karte ist, die ich diesem Indianer vor vier Stunden in der Station gegeben habe!« Und er hielt die Karte empor.

»Na, Söhnchen,« entgegnete Foster ernsthaft, »wenn Sie sich drücken und sich an Fräulein Cantire hängen wollen, warum sagen Sie’s nicht gleich? Die Geschichte zieht nicht!«

»Tatsache!« fuhr Boyle eifrig fort, »’s ist dieselbe Karte, die ich in seinen Hut gesteckt habe – da ist der Schmutzfleck in der Ecke. Wie zum Teufel kam sie – kam er hierher?«

»Fragen Sie ihn doch selber,« sagte Foster höhnisch, »wenn er irgendwo um den Weg ist.«

»Aber ich sage, Foster, das alles gefällt mir nicht. Fräulein Cantire ist allein, und – «

Doch ein schallendes Gelächter von seiten Fosters und des Postagenten unterbrach ihn. »Es stimmt also,« sagte Foster. »Das ist Ihr bester Pfeil! Heben Sie ihn auf! Erzählen Sie ihr’s doch! Sagen Sie ihr, daß sich da noch ein weiteres Indianerscheusal herumtreibt; daß diese blutdürstigen alten "Wolldeckenflöhe" auf dem Kriegspfad sind und Sie den letzten Tropfen Ihres Bluts vergießen wollen, um sie zu schützen! Das wird sie erweichen, und sie behandelt Sie gut! Schieben Sie ab!«

Die Pferde eilten unter Fosters Peitsche vorwärts und ließen Boyle stehen, der halb und halb geneigt war, in das Gelächter einzustimmen und doch das Gefühl nicht loswerden konnte, daß seiner Entdeckung eine ernste Bedeutung beizumessen sei. Zweifellos war es dieselbe Karte, die er dem Indianer gegeben hatte. Allerdings konnte dieser Indianer sie einem andern gegeben haben, aber durch wessen Vermittlung war sie schneller hierhergelangt als die Kutsche auf der gleichen Straße, und doch gänzlich unbemerkt? Einen Augenblick überkam ihn der lustige Gedanke, Fosters Rat buchstäblich zu befolgen und seine Entdeckung Fräulein Cantire mitzuteilen; er hätte eine witzige Geschichte daraus machen können, die er einem andern Mädchen mit Genuß erzählt hätte; ihr aber wollte er sich nicht aufdrängen und dann zweifelte er auch wieder, ob die Entdeckung zum Scherzen geeignet wäre. Wenn wirklich etwas Ernstes dahinter war, warum sollte er sie erschrecken? Er beschloß jedoch auf der Straße und in geziemendem Abstand von ihr zu bleiben, bis sie zur Kutsche zurückkäme; sie konnte nicht weit weg sein. Mit diesem Vorsatz ging er langsam weiter, indem er dann und wann halt machte, um zurückzusehen.

Mittlerweile verfolgte die Kutsche ihren schwierigen Weg, der noch durch eine auffallende Nervosität der Pferde erschwert wurde, die nur mühsam auf der Wegspur zu halten waren.

»Was die Kreaturen nur haben mögen?« sagte der erzürnte Foster, indem er die Zügel anzog, um das Sattelpferd in das Gleis zurückzureißen.

»Sieht aus, als wenn sie was witterten, Bären oder Indianerponys,« gab der Postagent zu bedenken.

»Indianerponys?« wiederholte Foster geringschätzig.

»Tatsache! Indianerponys machen ’n Pferd toll, grad‘ wie wilde Pferde!«

»Wo sind denn Ihre Indianerponys?« fragte Foster ungläubig.

»Weiß nicht,« sagte der Postagent einfach.

Doch jetzt scheuten die Pferde wieder plötzlich vor einem Gebüsch, daß die Kutsche vollständig nach rechts aus dem Gleis wich. Zum Glück gerieten die Pferde auf einen wenig befahrenen Nebenweg, der ziemlich gut war, so daß Foster die Zügel nachlassen konnte, um nötigenfalls nach einiger Zeit wieder in den Hauptweg einzulenken. Er brauchte einige Augenblicke, um die volle Herrschaft über die erschreckten Tiere wieder zu erlangen, und da ihre Nervosität mit der Entfernung von dem Dickicht abgenommen hatte und der Waldweg weniger steil, wenn auch gewundener als die ordentliche Straße war, so entschied er sich dafür, darauf zu bleiben, bis er den Gipfel erreichte, wo er wiederum auf die Landstraße gelangen und seine Reisenden erwarten würde. Oben angelangt, standen die beiden Männer auf dem Bock auf und schauten mit einer Angst, die sie voreinander zu verbergen suchten, hinab in die Talschlucht nach den zurückgebliebenen Fußgängern.

»Hoffentlich ist Fräulein Cantire nicht durch ’nen ähnlichen Schreck vom Pfad verscheucht worden,« sagte der Postagent zweifelnd.

»Die nicht! Sie hat zu viel Grütze und Mutterwitz dafür, wenn nicht dieser ›Klinkenputzer‹ sie eingeholt und seine Geschichte von dem Indianer bei ihr angebracht hat.«

Dies waren die letzten Worte, die die Männer sprachen. Denn in diesem Augenblick krachten zwei Büchsenschüsse aus dem Dickicht neben der Straße; zwei so wohlgezielte Schüsse, daß die beiden Männer, tödlich getroffen, auf dem Fleck zusammenbrachen. Noch einen Moment hingen sie über dem Spritzleder, bevor sie auf die Rücken der Pferde hinüberrollten. Doch auch hier blieben sie nicht lange, denn gleich darauf wurden sie von einem halben Dutzend schattenhafter Gestalten gefaßt und mit den abgesträngten Pferden ins Dickicht geschleppt. Dann machte sich ein ganzer Schwarm über die Kutsche her, daß diese ganz darunter verschwand und hin und her schwankte wie ein Kadaver unter einem Rudel gefräßiger Wölfe. Doch so rasch als er gekommen war zerstreute sich der Schwarm auf ein geheimnisvolles Signal in alle Winde, und die Kutsche blieb leer zurück, ledig alles dessen, was ihr Leben und Zweck verliehen hatte – ein bloßes Gerippe am Wege. Der Nachmittagswind blies durch ihre offenen Türen und die horizontalen Strahlen der untergehenden Sonne blitzten und leuchteten in ihren Fenstern, als ob an die Ruine noch Feuer gelegt worden wäre. Doch bald schwand auch dieser letzte Schein von Leben und ließ die verlassene Kutsche als ein kaltes, lebloses Gespenst auf der dämmernden Ebene zurück.

Eine Stunde später erklang dort flüchtiger Hufschlag und das Klirren von Zaumzeug, und aus der Ebene jagte ein Geschwader von Reitern hervor, die sich um das verlassene Fuhrwerk drängten. Einige Augenblicke schien es, als wollten auch sie es umzingeln und besetzen, gerade wie die andern getan hatten, und Wald und Dickicht ringsum durchstöbern. Doch dann jagten sie ebenso plötzlich auf ein Zeichen von dannen und folgten der Spur des bereits verschwundenen Schwarms.

*

Fräulein Cantire machte von dem Vorschlag, »sich nicht zu beeilen«, in echt weiblicher Auffassung ausgiebigen Gebrauch. Sie pflückte einige wilde Blumen und etliche Beeren im Unterholz, nahm einige Vogelnester mit einer gesunden jugendlichen Neugier in Augenschein und ließ sich sogar Zeit, ein paar feuchte Strähne ihres seidenen Haars mittels eines Gegenstandes zu ordnen, den sie aus dem kleinen Strickbeutel holte, der kokett von ihrem Gürtel herabhing. Es dauerte richtig etliche zwanzig Minuten, ehe sie wieder auf der Straße auftauchte; der Wagen war augenscheinlich in einer Biegung des langen gewundenen Aufstiegs verschwunden, aber gerade vor ihr war dieser schreckliche Mensch, der Klinkenputzer aus Chicago. Sie war nicht eitel, aber sie hegte keinen Zweifel, daß er da auf sie wartete. Ausweichen gab es nicht, aber seine Begleitung konnte wenigstens abgekürzt werden, und so fing sie an, ihre Gangart geflissentlich zu beschleunigen.

Boyle, dessen Sorge um ihre Sicherheit dadurch insgeheim erleichtert wurde, begann ebenfalls lebhaft vorwärts zu schreiten, ohne sich umzublicken. Darauf war Fräulein Cantire nicht gefaßt gewesen; es sah so lächerlich aus, als ob sie ihm nachliefe! Sie zögerte darum ein wenig, doch da sie nun beinahe Seite an Seite mit ihm war, sah sie sich genötigt, weiterzugehen. »Ich glaube, Sie täten gut, sich zu beeilen, Fräulein Cantire,« sagte er, als sie an ihm vorbeiging. »Ich habe die Kutsche seit einiger Zeit aus den Augen verloren und glaube, sie warten schon auf uns auf der Höhe.«

Das behagte Fräulein Cantire indes keineswegs. An der Seite dieses schrecklichen Menschen dahin zu wandern und atemlos hinter der Kutsche drein zu klettern – aller Welt gegenüber wie ein vertieftes und selig verspätetes Ausflüglerpaar, das war wirklich zu viel! »Vielleicht könnten Sie vorauslaufen und ihnen sagen, ich käme nach, so rasch ich könne,« versuchte sie vorzuschlagen.

»Es würde mir an den Kragen gehen, wollte ich ohne Sie vor Foster erscheinen,« sagte er lachend. »Sie müssen wohl oder übel ein bißchen schneller machen.«

Aber der jungen Dame widerstrebte es, sich so von einem Klinkenputzer treiben zu lassen. Sie schickte sich an, zurückzubleiben und senkte ihre Brauen drohend. »Lassen Sie mich Ihre Blumen tragen,« sagte Boyle, der bemerkt hatte, daß es ihr schwer fiel, ihren Rock und den Blumenstrauß gleichzeitig zu halten.«

»Nein, nein!« lehnte sie diesen neuen Annäherungsversuch ab. »Danke sehr, aber sie sind wirklich das Halten nicht wert, ich will sie wegwerfen. Da!« setzte sie hinzu und warf sie energisch in den Staub.

Aber sie hatte nicht mit Boyles unverwüstlicher Laune gerechnet. Dieser artige Narr beugte sich zu Boden, las sie tatsächlich wieder auf und eilte ihr nach! Doch sie lief, was sie konnte, um ohne seine Begleitung zu der Kutsche zu gelangen, der ordinäre Kerl würde sie ihr sicher mit einem Witz überreichen! Dann ging sie wieder langsamer, denn sie wurde allmählich müde, auch konnte sie keine Spur von der Kutsche entdecken. Der Klinkenputzer dahinten ging ebenfalls langsamer und hielt sich in ehrerbietiger Entfernung, wie ein Diener oder einer der Reiter ihres Vaters. Gleichwohl versetzte dies sie nicht in bessere Laune, und nachdem sie ihn bis‘ zu sich hatte herankommen lassen, sagte sie ungeduldig: »Ich verstehe nicht, warum Herr Foster es für nötig gehalten hat, jemand zu senden, der nach mir sehen sollte.«

»Hat er auch nicht,« gab Boyle einfach zurück. »Ich bin ausgestiegen, um etwas aufzulesen.«

»Um etwas aufzulesen?« erwiderte sie ungläubig.

»Ja. Das da.« Und er hielt die Karte hin. »’s ist die Karte unsrer Firma.«

Fräulein Cantire lächelte ironisch. »Sie sind gewiß Ihrem Hause treu ergeben.«

»Nun, ja,« entgegnete Boyle gutgelaunt. »Sehen Sie, mein Grundsatz ist: halb getan, ist nichts getan. Und was ich auch tue, ich bin gewillt, meine Augen offen zu halten.«

Trotz ihres Vorurteils konnte Fräulein Cantire sehen, daß diese nötigen Sinneswerkzeuge, wenn auch recht schalkhaft, doch ehrlich aussahen.

»Jawohl, mir entgeht nicht so leicht etwas. Zum Beispiel dieser Staubmantel, den Sie tragen, Fräulein Cantire, dieses Genre führen wir nicht, noch sonst jemand westwärts Chicago; der kommt von Boston oder New York, und ist für die dortigen Bedürfnisse gefertigt! Aber Ihr Hut – und er ist ebenfalls hochelegant, da Sie ihn selbst garniert haben – ist nur gewöhnliche Dutzendware, die wir in Pine Barrens für viereinhalb Cents das Stück netto liefern können. Doch Sie haben gewiß gegen fünfundzwanzig Cents auf der Agentur dafür bezahlt!«

Seltsam genug, daß diese geschäftsmäßige Abschätzung ihres Kostüms die junge Dame nicht so aufbrachte, wie anzunehmen gewesen wäre. Im Gegenteil, aus irgend welchem geheimen weiblichen Beweggrund erheiterte und interessierte sie das Benehmen des Ellenreiters. Es würde ihr Spaß machen, ihren Freunden zu erzählen, was so ein Klinkenputzer unter Liebenswürdigkeit verstand, und den jungen Schwerenöter aus Westpoint [Fußnote] damit zu necken, der kürzlich bei ihnen eingetroffen war. Übrigens entsprach die Abschätzung der Wahrheit. Major Cantire war auf seinen Sold angewiesen, und Fräulein Lantire hatte sich genötigt gesehen, den Hut den Vorräten der Verwaltung zu entnehmen.

»Pflegen Sie auch sonst Damen, die Sie auf der Reise treffen, solche Aufklärungen zu erteilen?« fragte sie.

»Keineswegs!« erwiderte Boyle. »Gerade in diesem Punkt hat man seine Augen offen zu halten. Die meisten wären nicht davon erbaut, und man pflegt nicht einen etwaigen Kunden vor den Kopf zu stoßen. Aber bei Ihnen ist es etwas andres.«

Fräulein Cantire schwieg. Sie wußte nur zu gut, daß es bei ihr etwas andres war, aber es verlangte sie nicht nach seiner plumpen Bestätigung. Einige Augenblicke eilte sie allein voran, als er sie auf einmal anrief, worauf Sie sich ungeduldig umkehrte. Er untersuchte sorgfältig die Straße zu beiden Seiten. »Entweder haben mir unsern Weg verloren,« sagte er, indem er sie einholte, »oder die Kutsche ist irgendwo ausgebogen. Diese Gleise sind nicht frisch, und da sie alle nach der gleichen Richtung führen, so rühren sie alle von der Kutsche her, die letzte Nacht hinaufgefahren ist. Unsre Gleise sind’s nicht: es fiel mir ohnehin auf, daß mir die Kutsche bisher nicht zu Gesicht bekommen haben.«

»Und nun?« sagte Fräulein Cantire ungeduldig.

»Müssen wir zurückgehen, bis wir sie wieder finden.«

Die junge Dame runzelte die Stirn. »Warum nicht den Weg bis vollends zum Gipfel verfolgen?« sagte sie schnippisch. »Ich werde sicherlich …« Doch sie hielt plötzlich inne, als sie sein ernstes Gesicht und seine scharfen, beobachtenden Augen gewahrte. »Warum können wir nicht wie bisher weiter gehen?«

»Weil man erwartet, daß wir zur Kutsche zurückkommen. So lauten die ›Befehle‹, und wie Sie wissen, sind Sie eines Soldaten Tochter!« Er sagte dies lachend, aber in seinem Wesen lag eine gewisse feste Entschlossenheit, die Eindruck auf sie machte. Als er nach einer Pause hinzusetzte, »wir müssen zurückgehen und suchen, wo die Gleise ausbiegen,« gehorchte sie schweigend.

Einige Zeit suchten sie im Gehen nach den Spuren des vermißten Fahrzeugs. Eine gewisse Spannung und ein neues Gefühl des Vertrauens auf Boyles Urteilskraft verwischte die Verdrießlichkeit der jungen Dame und machte sie natürlicher. Sie lief ihm in jugendlichem Eifer voraus, untersuchte den Boden, folgte höchst lebhaft einer falschen Fährte und gestand ihre Schlappe mit einem reizenden Lachen ein. Und wirklich war sie es, die, nachdem sie ihre Schritte zehn Minuten rückwärts gelenkt, die abbiegende Wagenspur mit einem backfischmäßigen Triumphruf fand. Boyle, der ihre Bewegungen mit nicht weniger Interesse verfolgt hatte als ihre Entdeckung, schaute ein wenig beunruhigt drein, als er die tiefen Eindrücke bemerkte, die durch die widersetzlichen Pferde hervorgerufen worden waren. Fräulein Cantire bemerkte die Veränderung in seinem Gesichtsausdruck; noch vor zehn Minuten würde sie nicht darauf geachtet haben. »Ich meine, wir täten gut, der neuen Spur zu folgen,« sagte sie fragend, als er zu zögern schien.

»Gewiß,« sagte er rasch, wie wenn er schnell zu einem Entschluß gelangte. »Das ist das sicherste.«

»Was glauben Sie, was geschehen ist? Der Boden sieht sehr stark aufgewühlt aus,« sagte sie in einem zutraulichen Ton, der ganz neu an ihr war.

»Wahrscheinlich ist ein Pferd gestrauchelt, und sie haben den alten Weg als den leichteren eingeschlagen,« sagte Boyle schnell. Innerlich glaubte er zwar nicht daran, doch er wußte, daß wenn irgend was Ernsthaftes sie bedroht hätte, die Kutsche auf der Straße gewartet haben würde. »Der Weg ist für uns bequemer, wenn auch vermutlich ein wenig länger,« fügte er sofort hinzu.

»Sie nehmen alles so vergnügt auf, Herr Boyle,« sagte sie nach einer Pause.

»Das gehört zum Geschäft, Fräulein Cantire,« bemerkte er. »Einer von meinem Beruf muß sich darauf verlegen.«

Sie wünschte, er hätte das nicht gesagt, gab aber dessen ungeachtet ein bißchen schelmisch zur Antwort: »Aber Sie machen doch keine Geschäfte mit der Postkutschengesellschaft oder mit mir, wenn ich auch gestehen muß, daß ich vorhabe, künftig meine Hüte von Ihrer Firma zu Engrospreisen zu beziehen.«

Doch bevor er antworten konnte, tönte der Schall zweier Flintenschüsse, durch die Entfernung gedämpft, von dem Höhenzug über ihnen herab. »Da!« rief Fräulein Cantire lebhaft. »Hören Sie’s?«

Sein Angesicht war dem fernen Höhenzug zugewandt, und zwar namentlich deshalb, damit sie nicht in seinen Augen zu lesen vermöchte. Sie fuhr erregt fort: »Das kommt von der Kutsche, um uns die Richtung zu zeigen, verstehen Sie nicht?«

»Ja,« entgegnete er mit einem munteren Lachen, »und es bedeutet: Hop! Hop! ordentlich ausgeschritten; wir haben das Warten satt, wir sollten sehen, daß wir vorwärts kommen.«

»Warum antworten Sie nicht mit Ihrem Revolver?« fragte sie.

»Hab‘ keinen,« sagte er.

»Sie haben keinen?« wiederholte sie mit ungespielter Überraschung. »Ich dachte, die Herren Reisenden führten stets einen bei sich. Aber vielleicht verträgt es sich nicht mit Ihrem Evangelium des guten Humors.«

»Genau so ist’s, Fräulein Cantire,« sagte er lachend; »Sie haben’s erraten.«

»Nun,« sagte sie zögernd, »sogar ich habe einen Derringer bei mir, einen ganz kleinen, wissen Sie, den ich in meinem Strickbeutel mit mir führe. Hauptmann Richards hat ihn mir geschenkt.« Damit öffnete sie ihren Strickbeutel und zeigte eine hübsche Pistole mit Elfenbeingriff. Doch der Ausdruck freudiger Überraschung, den sein Gesicht annahm, verschwand rasch, als sie den Hahn spannte und die Pistole erhob. Schnell ergriff er sie beim Arm.

»Nein, bitte, nicht, Sie können das Ding vielleicht noch brauchen – ich meine, der Knall könnte nicht weit genug reichen. Es ist trotz allem ein sehr nützliches Spielzeug, wirkt aber nur auf kurze Entfernungen,« Er behielt die Pistole in der Hand, als sie weiter gingen. Fräulein Cantire entging dies nicht, so wenig als die Freude, die er gezeigt hatte, als sie die Waffe zum Vorschein gebracht, und seine Unruhe, als sie im Begriff gewesen, sie nutzlos abzufeuern. Sie war ein kluges Mädchen und freimütig gegen die, denen sie Vertrauen schenkte. Und sie fing an, diesem Fremden zu vertrauen. Ein Lächeln glitt über ihre ovale Wange.

»Ich glaube wirklich, Sie haben vor irgend etwas Furcht, Herr Boyle,« sagte sie, ohne aufzuschauen. »Was ist’s? Sie haben’s doch nicht mit diesem Indianerschreck zu tun?«

Boyle kannte keine falsche Scham. »Ich glaube, so ist’s,« gab er ebenso offen zurück. »Sehen Sie, ich verstehe mich nicht so gut auf Indianer, wie Sie – und Foster.«

»Schön, auf mein und Fosters Wort ist hier nicht das Geringste von ihnen zu befürchten. Die Indianer hier herum sind lediglich erwachsene Kinder, grausam und zerstörungswütig, wie die Kinder meist; aber sie kennen zur Zeit ihre Herren, und die alten Tage des Drauflosskalpierens sind vorbei. Die einzige anderweitige Kinderneigung, der sie fröhnen, ist das Stehlen. Und dabei stehlen sie nur, was sie wirklich brauchen: Pferde, Flinten und Pulver. Eine Kutsche kann ohne weiteres fahren, wo ein Munitionswagen oder ein Auswandererwagen es nicht kann. Also ist Ihr Musterkoffer bei Foster ganz sicher.«

Boyle fand es nicht nötig zu widersprechen. Vielleicht dachte er an etwas andres.

»Ich habe im Sinn,« fuhr Fräulein Cantire geheimnisvoll fort. »Ihnen noch etwas zu sagen. Vertrauen gegen Vertrauen: da Sie mir Ihre Geschäftsgeheimnisse verraten haben, will ich Ihnen eins von unsern verraten. Bevor wir Pine Barrens verließen, befahl mein Vater, daß eine kleine Schutzwache von Reitern sich bereit halte, zu jener Kutsche zu stoßen, wenn die Wache haltenden Kundschafter es für nötig erachteten. Somit beruht, wie Sie sehen, der Ruf von meinem Mut ein wenig auf Täuschung.«

»Das folgt nicht daraus,« sagte Boyle voll Bewunderung, »denn Ihr Vater muß geglaubt haben, daß Gefahr vorhanden sei, sonst würde er diese Vorsichtsmaßregeln nicht getroffen haben.«

»O, das geschah nicht meinetwegen,« sagte das junge Mädchen schnell.

»Nicht Ihretwegen?« wiederholte Boyle.

Fräulein Cantire stutzte, indem sie aufs niedlichste errötete und aufs anmutigste auflachte. »Da, jetzt ist’s heraus! Nun könnte ich ebenso gut die ganze Geschichte erzählen. Aber ich darf Ihnen trauen, Herr Boyle.« (Sie blickte ihn mit klaren, durchdringenden Augen an.) »Schön,« sagte sie wiederum lachend, »Sie werden bemerkt haben, daß wir eine Menge Gepäck für Reisende mit uns führten, die nicht mitfuhren! Nun, diese Reisenden hatten nie die Absicht, mitzufahren und hatten auch kein Gepäck! Verstehen Sie? Diese unschuldig aussehenden schweren Koffer enthielten Karabiner und Patronen von unserm Posten fürs Fort Taylor« – sie machte einen spöttischen Knix gegen ihn – »und standen unter meiner Aufsicht! Und,« fügte sie bei, während sie sich über sein Erstaunen freute, »wie Sie sahen, brachte ich sie sicher bis zu der Poststation durch und habe sie dann mit weniger Aufhebens und Tumult in jener Kutsche untergebracht, als dies bei einer Beförderung unter Bedeckung von seiten der Intendantur der Fall gewesen wäre.«

»Und sie waren in jener Kutsche?« wiederholte Boyle geistesabwesend.

»Waren? Sie sind es noch!« sagte Fräulein Cantire.

»Dann bringe ich Sie je eher je besser wieder zu Ihrem Schatz zurück,« sagte Boyle lachend. »Weiß Foster davon?«

»Natürlich nicht! Denken Sie, ich würde es irgend jemand sagen, der hier zu Hause ist? Vielleicht weiß ich ebenso gut wie Sie, wann und wem ich etwas anzuvertrauen habe,« sagte sie boshaft.

Welcher Art Boyles Gedanken auch sein mochten, jedenfalls war er von Bewunderung für das junge Mädchen erfüllt. Die mädchenhaft einfache und vertrauende Art ihrer Eröffnung schien so wenig zu dem Eindruck von Zurückhaltung und Unnahbarkeit zu stimmen, den er noch vor kurzem von ihr empfangen hatte, als die mädchenhafte Art ihrer Auseinandersetzung und ihres Betragens jetzt in entzückendem Gegensatz zu ihrer großen Gestalt, ihrer Adlernase und ihrer aufrechten Haltung stand. Herr Boyle war, wie untersetzte Leute meist, geneigt, die Vorzüge der Körpergröße zu überschätzen.

Eine Weile gingen die beiden schweigend weiter. Der Aufstieg war verhältnismäßig bequem, aber ein Umweg, und Boyle konnte erkennen, daß dieser neue Abweg sie noch beträchtliche Zeit bis zum Gipfel kosten würde, Fräulein Cantire ließ schließlich den Gedanken, den er hegte, laut werden. »Ich möchte wissen, was die Leute veranlaßt hat, hier abzubiegen? Und wie hätten wir, wenn Sie nicht so findig gewesen wären, ihre Spuren zu entdecken, sie finden können? Doch,« fügte sie mit echt weiblicher Logik hinzu, »deshalb haben sie natürlich diese Schüsse abgefeuert.«

Boyle entsann sich jedoch, daß die Schüsse aus einer andern Richtung gekommen waren, stellte ihre Folgerung aber nicht richtig. Trotzdem sagte er leichthin: »Vielleicht könnte selbst Foster einen Indianerschreck gehabt haben.«

»Er müßte allmählich ›befreundete‹ oder ›Regierungsansiedlungsleute‹ besser kennen,« sagte Fräulein Cantire, »dennoch ist etwas daran. Wissen Sie,« setzte sie lachend bei, »obwohl ich nicht Ihre scharfen Augen habe, so verfüge ich doch über einen scharfen Geruchsinn, und ich habe ein oder das andre Mal geglaubt, ich röche Indianer! Dieser eigenartige Geruch ihrer Lager, mit nichts sonst zu vergleichen, den man selbst an ihren Ponys gewahr wird! Ich gewöhnte mich, darauf zu achten, als ich einen davon ritt: alle Wartung war nicht im stande, ihn zu beseitigen.«

»Ich darf wohl kaum annehmen, daß die Schärfe oder Stärke dieses Geruchs Ihnen anzeigt, ob die Indianer feindlich oder freundlich gegen Sie gesinnt sind?« fragte Boyle sarkastisch.

Obwohl diese Bemerkung Boyles einen Rückfall in seine Sucht nach schlechten Witzen bedeutete, geruhte Fräulein Cantire doch, sie mit einem Lächeln aufzunehmen, worauf Boyle, der sich durch ihre Sicherheit und die Nähe ihres Ziels erleichtert fühlte, weiteren sinnreichen Zeitvertreib zu Tage förderte, bis sie nach Verlauf einer Stunde wiederum auf der Hochebene standen.

Aber da war keine Spur von der Kutsche, dagegen sah man ihr frisches Gleis entlang dem Rand des Hohlwegs bis zur Kreuzung mit der Straße, wo sie hingelangen mußten, und wohin die Kutsche unzweifelhaft zurückgekehrt war. Herr Boyle holte tief Atem. Sie waren jetzt verhältnismäßig sicher vor jedem plötzlichen Überfall. Nach etwa zehn Minuten sah Fräulein Cantire das Dach des vermißten Fuhrwerks über den verkümmerten Büschen an der Kreuzung der Landstraße aufragen. »Wären Sie so gut, diese alten Blumen jetzt wegzuwerfen,« sagte sie mit einem Blick auf die Trophäen, die Boyle noch trug.

»Warum?« fragte er.

»O, sie sind zu lächerlich. Bitte, tun Sie’s!«

»Darf ich nicht eine behalten?« fragte er, zum ersten Male mit einem Anklang von menschlicher Schwäche in seiner Stimme.

»Wenn es Ihnen Vergnügen macht,« sagte sie etwas kühl.

Boyle wählte ein kleines Myrtenreis aus und warf die andern Blumen gehorsam fort.

»Nein, wie lächerlich!« rief sie.

»Was ist lächerlich?« fragte er, indem er seine Augen mit einem leichten Erröten zu den ihren erhob. Aber er sah, daß sie ihre Augen gespannt in die Ferne richtete.

»Ei, es scheinen keine Pferde an der Kutsche zu sein!«

Er schaute gespannt hin. Durch eine Lücke in dem Buschwerk konnte er jetzt ganz deutlich das Fahrzeug erblicken, das leer und ohne Pferde einsam dastand. Er blickte eilig umher; auf der einen Seite gewährten ein paar Felsen Deckung nach der Seite des durchfurchten Höhenrandes hin; auf der andern dehnte sich die Ebene. »Setzen Sie sich hin und rühren Sie sich nicht, bis ich zurückkomme,« sagte er rasch. »Hier, nehmen Sie!« Er gab ihr ihre Pistole zurück und lief schnell auf die Kutsche zu. Es war keine Einbildung, da stand sie leer, verlassen; ihre gesenkte Deichsel und die zerschnittenen Stränge erwiesen nur zu klar, in welch angstvoller Hast sie verlassen worden war!

Ein leichter Schritt hinter ihm bewirkte, daß er sich umkehrte. Es war Fräulein Cantire, blaß und außer Atem, den gespannten Derringer in der Hand. »Wie unvorsichtig von Ihnen, ohne eine Waffe!« keuchte sie zur Erklärung.

Dann starrten sie beide auf die Kutsche, die leere Ebene und aufeinander! Nach ihrem ermüdenden Aufstieg, ihrem langen Umweg, ihrer gespannten Erwartung und ihrer lebhaften Neugierde machte dies leere nutzlose Gefährt, das man ihnen offenbar in ihrer, wie ihnen deuchte, äußersten Verlassenheit hinterlassen, einen scheußlich höhnischen Eindruck, der sich ihnen unwillkürlich gleicherweise aufdrängte. Und da ich die menschliche Natur schildere, bin ich gezwungen, zu sagen, daß sie beide in einen Lachanfall ausbrachen, der für den Augenblick jede andre Äußerung unterdrückte, »Es war zu lieb von ihnen, wenigstens die Kutsche zurückzulassen,« sagte Fräulein Cantire noch schwach, als sie ihr Taschentuch von ihren feuchten, lustigen Augen entfernte. »Aber was mag sie veranlaßt haben, fortzulaufen?«

Boyle gab keine Antwort, sondern untersuchte eifrig die Kutsche. In diesen kurzen anderthalb Stunden hatte sich der Staub der Ebene dick auf sie gelegt und jeden verdächtigen Schmutz- oder Blutfleck, der die schreckliche Wahrheit hätte ahnen lassen, völlig verdeckt. Selbst der schwache Eindruck des mokassin-beschuhten Indianerfußes war durch die später gekommenen Pferdehufe der Kavalleristen zertrampelt worden. Diese waren’s, die zuerst Boyles Aufmerksamkeit fesselten; aber er hielt sie für Spuren, die durch das Ausschlagen der abgeschirrten Kutschpferde entstanden sein möchten.

Nicht so seine Gefährtin! Sie untersuchte sie näher und richtete plötzlich ihr frisches, lebhaftes Antlitz auf, »Schauen Sie,« sagte sie, »unsre Leute sind hier gewesen und haben ihre Hand im Spiel gehabt – mag es sein wie es will.«

»Unsre Leute?« wiederholte Boyle verständnislos.

»Ja! – Reiter von dem Militärposten, die Schutzwache, von der ich Ihnen sagte. Dies sind die Spuren der gewöhnlichen Kavalleriehufeisen, nicht von Fosters Gespann, noch von Indianerponys, die niemals beschlagen sind! Sehen Sie nicht?« fuhr sie eifrig fort, »Unsre Leute haben Wind gekriegt und sind hierher galoppiert, die Höhe entlang, sehen Sie!« fuhr sie fort und wies auf die Hufspuren, die von der Ebene kamen. »Sie sind einem Indianerangriff zuvorgekommen und haben alles gerettet!«

»Aber wenn es wirklich die Schutzwache war, von der Sie gesprochen haben, mußten die Leute doch wissen, daß Sie hier sind, und haben Sie,« er wollte sagen: »im Stich gelassen,« hielt aber inne, indem er bedachte, daß es ihres Vaters Soldaten waren.

»Sie wußten, daß ich für mich selbst sorgen könne und ihrer Pflichterfüllung nicht im Wege zu stehen wünschte,« sagte das junge Mädchen, indem es ihm mit einer raschen Regung von Berufsstolz ins Wort fiel, wie er zu ihrer Adlernase und ihrer großen Gestalt zu passen schien. »Und wenn sie das wußten,« fügte sie hinzu, sich zu einem boshaften Lächeln herbeilassend, »dann mußten sie weiter, daß ich unter dem Schutz eines tapferen Unbekannten stand, für den sich Herr Foster verbürgte! Nein!« fügte sie mit einer Art blinden, ergebenen Vertrauens hinzu, das Boyle zugleich mit einer geringschätzigen Gebärde gewahrte, die sie nie zuvor gezeigt hatte, »’s ist alles in schönster Ordnung und durchaus vorschriftsmäßig, Herr Boyle, und wenn die Leute ihre Arbeit getan haben, werden sie schon zurückkommen.«

Aber vielleicht war doch Boyles männlicher Verstand verläßlicher als Fräulein Cantires weibliches Zutrauen und ihre angeborene Disziplin, denn plötzlich begriff er in Zeit eines Augenblicks den wirklichen Hergang! Die Indianer waren zuerst dagewesen; sie hatten die Kutsche geplündert und waren beim Erscheinen der Schutzwache mit Beute und Gefangenen auf und davongegangen, beim Erscheinen der Schutzwache, die sie jetzt natürlich mit einer Wut verfolgte, die durch die Annahme angestachelt wurde, ihres Befehlshabers Tochter befinde sich unter den Gefangenen. Diese Erkenntnis war schrecklich, doch wenigstens ein Trost, soweit es das junge Mädchen anging. Aber sollte er sie aufklären? Nein! Besser, sie behielt ihr Vertrauen auf den raschen Triumph der Soldaten – und deren eilige Rückkehr.

»Ich glaube, Sie haben recht,« sagte er heiter, »und wir wollen dankbar sein, daß Sie in der leeren Kutsche wenigstens ein halbwegs anständiges Obdach bis zur Rückkehr der Soldaten haben werden. Unterdessen will ich ein wenig auf Kundschaft gehen.«

»Ich will Sie begleiten,« sagte sie.

Aber Boyle bewies ihr so lebhaft die Notwendigkeit, zurückzubleiben, um die Ankunft der Soldaten zu erwarten, daß sie, da sie auch noch durch ihre lange Kletterei erschöpft war, gehorsam einwilligte, während er, trotzdem er die Wahrheit ahnte, nicht an die Rückkehr der Plünderer glaubte und seine Gefährtin für gesichert hielt.

Er begab sich auf das nächste Dickicht zu, wo, wie er richtig annahm, der Hinterhalt gelegt worden war, und wohin sich die Indianer zweifellos zuvörderst mit ihrer Beute zurückgezogen hatten. Er erwartete, einige Anzeichen oder Spuren ihres Raubs zu finden, die sie in ihrer Eile hätten zurücklassen müssen, und er hatte mehr Erfolg, als er voraussetzte. Wenige Schritte in das Dickicht brachten ihn geradeswegs zu einem Anblick, der seine schlimmsten Annahmen übertraf, zu Fosters Leiche! Und nahebei lag der Leichnam des Postagenten, Beide waren offenbar von dem Platz, wo sie gefallen, in das Dickicht geschleppt, skalpiert und halb entkleidet worden. Nichts wies auf einen nachherigen Kampf; sie mußten schon tot gewesen sein, als man sie hierher brachte.

Boyle war weder ein hartherziger, noch ein übertrieben empfindsamer Mensch. Sein Beruf hatte ihm genug Gefahren zu Wasser und zu Land gebracht; er hatte oft andern schätzbaren Beistand geleistet, doch sein Mitgefühl hatte nie die Oberhand über seine Entschlossenheit und seinen Verstand gewonnen. Wohl ging ihm das Los dieser beiden zu Herzen und freudig würde er für ihre Rettung gekämpft haben, aber Gedanken über den Tod lagen seinem Naturell fern und so trat ihm in allererster Linie das Groteske des Anblicks vor Augen, wie ihn die unglücklichen Opfer von Gewalttaten nur zu oft zu bieten pflegen. Er nahm nichts von einem Todeskampf in den leeren Augen der beiden Männer wahr, die scheinbar in der glücklichen Entrücktheit von Betrunkenen auf dem Rücken lagen, eine Täuschung, die noch vermehrt wurde durch ihr wirres, unordentliches Haar, das von dem geronnenen Blut, das jedoch seine Blutfarbe verloren hatte, zu einer starren Masse verklebt war. Er dachte nur an das ahnungslose Mädchen, das in der einsamen Kutsche saß, und zog eiligst die beiden tiefer in das Gebüsch hinein. Dabei entdeckte er einen geladenen Revolver und eine Likörflasche, die unter ihnen lagen, und verwahrte sie schnell. Wenige Schritte weiter lagen die begehrten Waffen- und Munitionskisten, deren Deckel erbrochen waren und deren Inhalt fehlte. Mit ingrimmigem Lächeln sah er, daß seinen eigenen Musterkoffern ein gleiches widerfahren, entdeckte jedoch mit Vergnügen, daß die Indianer, während die mehr ins Auge fallenden Kinkerlitzchen ihr kindisches Verlangen auf sich gezogen, einen schweren schwarzen Merinoschal übersehen hatten. Er konnte dazu dienen, Fräulein Cantire gegen den Abendwind zu schützen, der sich bereits über der kalten, rauhen Ebene erhob. Da ihm ferner einfiel, sie möchte nach ihrer heißen Wanderung Wasser brauchen, beschloß er, sich nach einer Quelle umzusehen, und es gelang ihm denn auch, nahe bei der Stätte des Hinterhalts ein armseliges Rinnsal zu entdecken. Aber er hatte kein Gefäß außer der Likörflasche, deren Inhalt er am Ende weggoß und durch reines Wasser ersetzte, ein heldenhaftes Opfer für einen Reisenden, der die Erquickung eines kräftigen Schlucks zu schätzen wußte. Dann machte er sich auf den Rückweg und kam gerade aus dem Dickicht heraus, als sein schnelles Auge einen Schatten erblickte, der sich vor ihm nahe dem Boden hinbewegte, ein Anblick, der ihm das Blut heiß durch die Adern jagte.

Es war die Gestalt eines Indianers, der auf Händen und Knieen auf die Kutsche zukroch, kaum vierzig Ellen entfernt. Zum ersten Male an diesem Nachmittag wich Boyles gelassene Heiterkeit einer blinden und wilden Wut. Doch selbst jetzt war er so vernünftig, zu bedenken, daß ein Pistolenschuß das Mädchen aufschrecken würde, und diese Waffe für den äußersten Fall aufzusparen. Einen Augenblick lang kroch er gerade so still und verstohlen vorwärts wie der Wilde; dann warf er sich mit einem plötzlichen Sprung auf ihn, stieß ihm, bevor er einen Schrei ausstoßen konnte, Kopf und Schulter auf die Felsen, so daß das Skalpiermesser, das der Indianer zwischen den Zähnen hielt, aus seiner zerschmetterten Kinnlade herausfuhr. Boyle nahm es zur Hand, immer sein Knie auf dem Rücken des Mannes, aber der niedergestreckte Körper regte sich nicht mehr, abgesehen von einem leichten Zucken der unteren Gliedmaßen. Der Stoß hatte dem Indianer das Genick gebrochen. Boyle legte den starren Mann, dessen Kopf schlaff zur Seite hing, auf den Rücken, und dabei erkannte er den "befreundeten" Indianer von der Station wieder, dem er die Karte gegeben hatte.

Als er sich erhob, begann ihm schwindelig zu werden. Der ganze Vorgang hatte sich in wenig Sekunden abgespielt und war von der einsamen Insassin der Kutsche nicht einmal bemerkt worden. Mechanisch spannte Boyle seinen Revolver, doch der Mann vor seinen Füßen regte sich nicht mehr. Auch zeigte sich nichts Verdächtiges in dem umliegenden Dickicht. Dieser Spion und Verräter war von den Raubgesellen zurückgelassen worden, damit er nach der Station zurückkehre und jedem Argwohn die Spitze abbreche; er hatte in der Nähe gelauert, doch mangels einer Schußwaffe nicht gewagt, das Paar zusammen anzugreifen.

Es dauerte eine Weile, bis Boyle seinen gewohnten Gleichmut wiederfand. Dann kehrte er kaltblütig zu der Quelle zurück, "reinigte sich von dem Indianer," wie er es grimmig sich selbst gegenüber bezeichnete, bürstete seine Kleider, nahm den Schal und die Flasche zu sich und kehrte zu der Kutsche zurück. Es begann bereits zu dunkeln, doch der Glühschein des Westhimmels drang ungehindert durch die Fenster der Kutsche und die Stille berührte ihn höchst unheimlich. Zu seiner großen Erleichterung sah er indes, als er die Türe öffnete, Fräulein Cantire steif in einer Ecke sitzen. »Ich bedaure, daß ich so lange brauchte,« sagte er, sich entschuldigend, »aber …«

»Sie haben sich Zeit gelassen,« fiel sie mit der Stimme einer gekränkten Dulderin ein. »Ich mache Ihnen keine Vorwürfe; aber alles lieber, als in diese langweilige Kutsche eingesperrt zu sein, der gütige Himmel weiß wie lang!«

»Ich pürschte nach Wasser,« sagte er demütig, »und habe Ihnen welches gebracht.«

»Und ich sehe, Sie hatten Gelegenheit, sich zu waschen,« sagte sie ein wenig neidisch. »Wie Sie aussehen! Wie neugeboren! Doch was ist mit Ihrer Halsbinde los?«

Rasch nach dem Hals greifend, fand er, daß sich seine Binde im Kampf gelockert und verschoben hatte, und er errötete, teils weil dem pünktlichen Manne diese Unordnung peinlich war, teils weil er fürchtete, sich dadurch zu verraten.

»Und was ist das?« fuhr sie, auf den Schal deutend, fort.

»Eines meiner Muster, das vermutlich aus der Kutsche geholt und bei der Umladung übersehen worden ist,« sagte er leichthin. »Ich dachte, es möchte Sie warmhalten.«

Sie blickte zweifelnd darauf und legte es beiseite. »Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß Sie mit solchen Sachen offen umherziehen,« sagte sie vorwurfsvoll.

»Doch. Man darf keine Gelegenheit zum Geschäft versäumen, wissen Sie,« erklärte er.

»Und Sie haben diese Reise nicht sehr einträglich gefunden,« sagte sie trocken. »Sie sind sicherlich mit Leib und Seele bei Ihrem Geschäft!« Dann fügte sie ungeduldig hinzu: »’s ist schon vollständig Nacht – wir können doch nicht hier im Dunkeln sitzen bleiben.«

»Wir können ja eine der Wagenlaternen hereinnehmen, das geht ganz gut, denn wenn wir eine außen an der Kutsche lassen, genügt es, Ihren Beschützern hierher zu leuchten.«

Beim Schein der Wagenlaterne, die er anzündete und hereinbrachte, wurde ihr gleich wohler zu Mute und sie beobachtete ihn neugierig. Sein Gesicht war gerötet und seine Augen schauten auffallend glänzend. Einen Menschen umzubringen hat nun einmal, wenn man dieses Handwerk nicht gewöhnt ist, die leidige Folge, daß es den Blutumlauf beschleunigt.

Doch Fräulein Cantire hatte bemerkt, daß die Flasche nach Whisky roch. Der arme Mensch hatte sich wahrscheinlich nach den Mühen des Tages gestärkt.

»Dieser lange Aufenthalt ist Ihnen wohl recht unerwünscht?« sagte sie, um ihn auszuhorchen.

»Nicht im geringsten,« gab er zurück. »Würden Sie vielleicht gerne ein Spielchen machen? Ich habe Karten bei mir. Wir können den Mittelsitz als Tisch benützen und die Laterne an dem Fenstergurt aufhängen.«

Zunächst zeigte Boyle ihr einige Kartenkunststückchen und wußte ihr durch das geheimnisvolle Verschwinden eines gezogenen Buben ein flüchtiges Interesse abzugewinnen. Dann spielten sie Euchre, [Fußnote] wobei Fräulein Cantire aufs anmutigste bemogelte und Herr Boyle schmachvoll Spiel auf Spiel verlor. Dann unterlag Fräulein Cantire ein- oder zweimal der Schwäche, ihre Karten vor den Mund zu halten, um ein unbezwingliches Gähnen zu verbergen, und ihre blaugeäderten Augenlider wurden schwer, weshalb Boyle vorschlug, sie möchte sich’s in der Ecke der Kutsche mit soviel Kissen als sie wolle, und mit dem verachteten Schal bequem machen, indes er um die Kutsche herum patrouillieren und nach der Schutzwache ausschauen wolle. Als er kurz darauf nach ihr sah, fand er sie zu seiner Freude fest eingeschlafen und nahm befriedigt seinen Wachdienst wieder auf.

Er befand sich in einiger Entfernung von der Kutsche, als ein leise stöhnender Laut in dem Dickicht an sein Ohr schlug, der mehr und mehr anschwoll, bis er in ein langes Geheul ausklang, das von der dunkeln Ebene herüber Erwiderung fand. Er erkannte die Stimmen von Wölfen und sofort war ihm die widerliche Ursache ihrer Gegenwart klar. Sie hatten die Leichname gewittert, und er bedauerte nun, daß er sein eigenes Opfer so nahe der Kutsche gelassen hatte. Er wandte sich eben nach ihr, als ihre Türe aufflog und Fräulein Cantire auf ihn zugestürzt kam. Ihr Gesicht war aschfahl, ihre Augen blickten wild vor Angst und ihre große schlanke Gestalt erbebte in Zuckungen, als sie sich wie wahnsinnig an die Aufschläge seines Rockes hing, als ob sie sich in seinen Falten verbergen wolle, und atemlos keuchte: »Was ist’s? O! Herr Boyle, retten Sie mich!«

»Es sind Wölfe,« sagte er eilig. »Aber Sie brauchen keine Angst davor zu haben. Sie waren vollständig in Sicherheit, wo Sie waren. Erlauben Sie, daß ich Sie zurückführe.«

Aber sie blieb wie festgewurzelt stehen und hängte sich immer noch verzweifelt an seinen Rock. »Nein, nein!« sagte sie, »ich wage es nicht! Ich hörte diesen schrecklichen Schrei im Schlaf, und als ich hinausschaute, erblickte ich ein furchtbares Geschöpf, Augen und Zunge gelb, und ein widerlicher Hauch traf mich, als es gerade unter mir zwischen den Rädern durchglitt. Ach! Was ist das?« Und sie sank in nervösem Schreck wieder gegen ihn.

Boyle legte mit einer gewissen kraftvollen Überlegenheit seinen Arm um sie, und sie schien sich unter seinem Schutz sicher zu fühlen und unterwarf sich ihm dankbar, indem sie noch ein Schluchzen unterdrückte. »Es ist keine Gefahr vorhanden,« wiederholte er zuversichtlich. »Wölfe sind kein angenehmer Anblick, ich weiß, aber sie hätten Sie nicht angefallen. Die Bestie spürt nur ein Aas auf der Ebene, und Sie haben ihr vielleicht mehr Schrecken eingejagt, als sie Ihnen. Lehnen Sie sich an mich,« fuhr er fort, als ihr Schritt schwankte, »in der Kutsche wird Ihnen gleich besser sein.«

»Und Sie werden mich nicht wieder allein lassen?« sagte sie ängstlich.

»Nein!«

Er stützte sie bei dem Gang zur Kutsche mit ernster Freundlichkeit – Herr über sie und noch mehr über sich, wenn man bedenkt, daß ihr schönes aufgelöstes Haar sich ihm an Wange und Schulter legte, daß er dessen Duft einatmete, und daß ihr geschmeidiger herrlicher Körper dem seinen ganz nahe kam. Er half ihr wieder in die Kutsche, baute ihr mittels der Kissen und des Schals ein Ruhebett auf dem Rücksitz auf und nahm dann geduldig seinen alten Platz wieder ein. Allmählich sah man die Farbe in ihr Gesicht zurückkehren, soweit es nicht durch ihr Taschentuch verborgen war.

Dann hob eine zaghafte Stimme unter dem Tuch hervor eine Entschuldigung zu stammeln an. »Ich schäme mich so, Herr Boyle, ich konnte wirklich nichts dafür! Aber es kam so plötzlich – und es war so schrecklich. Ich würde mich nicht gefürchtet haben, wenn es wirklich ein Indianer mit einem Skalpiermesser gewesen wäre, anstatt dieser Bestie! Ich weiß nicht, warum ich es tat, aber ich war allein, und glaubte tot zu sein und Sie wären auch tot, und die Wölfe kamen, um mich zu fressen! Das tun sie nämlich, wie Sie wissen, Sie haben es ja eben selbst gesagt! Vielleicht habe ich nur geträumt. Ich weiß nicht, was Sie von mir denken müssen – ich hatte keine Ahnung, daß ich solch ein Feigling bin!«

Aber Boyle widersprach entrüstet. Gewiß: wenn er im Schlaf gelegen und vordem nichts von der Art der Wölfe gewußt hätte, wäre er ebenso in Schrecken versetzt worden. Sie müsse versuchen, wieder einzuschlafen, sie würde sicherlich dazu im stande sein, und er werde sich nicht von der Kutsche rühren, bis sie erwachte oder die Reiter kämen. Sie wurde augenblicklich ruhiger und nahm das Taschentuch von einem lächelnden, wenn auch noch bebenden Mündchen; dann kam der Umschlag, und ihre müden, erschöpften Nerven fanden endlich Ruhe. Boyle beobachtete, wie die Schatten um ihre langen Wimpern stärker wurden, bis sie sanft auf dem schwachen Rot lagen, das der Schlaf ihren Wangen einhauchte; ihre zarten Lippen öffneten sich, und schließlich atmete sie mit der Regelmäßigkeit des Schlummers.

So schlief sie, und er, der ihr schweigend gegenüber saß, träumte – den alten Traum, der zu fast allen guten und wahren Menschen einmal im Leben kommt. Er regte sich kaum, bis die Dämmerung die öde Ebene mit opalem Licht übergoß und den Horizont wieder sichtbar machte, als er aus seinem Traum mit einem Seufzer und danach einem Lachen erwachte. Dann horchte er nach dem Klang fernher ertönenden Hufschlags und schlüpfte geräuschlos aus der Kutsche. Eine geschlossene Reiterabteilung jagte heran. Er erhob sich schnell, um ihr entgegenzugehen, und brachte sie durch ein Winken mit der Hand in einiger Entfernung von der Kutsche zum Halten. Als die Abteilung deployierte, sah er sich zwölf Mann regulärer Kavallerie und einem blutjungen Offizier gegenüber.

»Falls Sie Fräulein Cantire suchen,« sagte er in ruhigem, geschäftsmäßigem Tone, »sie ist in voller Sicherheit in der Kutsche und schläft. Sie weiß noch nichts von den Vorgängen und glaubt, Sie seien es gewesen, die alles weggeschleppt haben, um es vor den Indianern zu retten. Sie hat eine recht böse Nacht hinter sich, wenn man ihre Ermüdung und ihren Schreck mit den Wölfen bedenkt, und ich hielt’s für das Beste, ihr die Wahrheit so lang als möglich vorzuenthalten, und ich möchte Ihnen raten, sie ihr schonend beizubringen.« Dann erzählte er kurz die Geschichte ihrer Erlebnisse, wobei er nur sein persönliches Zusammentreffen mit dem Indianer überging. Ein neu erwachter Stolz, vielleicht das Ergebnis seiner Wache, schloß ihm den Mund.

Der junge Offizier blickte ihn mit so viel Höflichkeit an, als man für einen Zivilisten übrig hat, der sich in die Ausführung einer militärischen Unternehmung mengt. »Ich bin gewiß, Major Cantire wird Ihnen höchst verbunden sein, wenn er davon erfährt,« sagte er höflich, »und da wir gedenken, die Kutsche unverzüglich anzuschirren und nach Station Sage Brush zu führen, werden Sie Gelegenheit haben, ihm selbst zu berichten.«

»Ich werde nicht mit der Kutsche nach Sage Brush zurückkehren,« bemerkte Boyle ruhig. »Ich habe bereits zwölf Stunden Zeit – und ebenso mein Gepäck – auf diesem Ausflug verloren, und ich meine, es wäre nicht zu viel verlangt, wenn ich um eines Ihrer Pferde bis zur nächsten Station bitte, um die talwärtsfahrende Postkutsche zu erreichen. Ich kann’s schaffen, wenn ich sofort losreite.«

Boyle hörte, wie ein Intendanturbeamter, den er einmal in der Agentur getroffen hatte, dem Offizier seinen (Boyles) Namen nannte, wobei er seinen Vornamen in Dickerchen verketzerte und ihn als einen Klinkenputzer aus Chicago bezeichnete, was ein allgemeines Schmunzeln erregte.

»Sollen Sie haben, mein Herr,« sagte der Offizier in einem familiären Ton, der merklich von dem bisherigen abstach. »Sie können das Pferd nehmen, denn ich glaube, die Indianer haben sich bereits an Ihren Mustern schadlos gehalten. Machen Sie ihn beritten, Sergeant!«

Die beiden Männer schritten auf die Kutsche zu, Boyle blickte einen Augenblick durchs Fenster auf die Gestalt von Fräulein Cantire, die noch mitten in ihrem Haufen Kissen friedlich schlummerte, und wandte sich dann ruhig ab. Einen Augenblick später galoppierte er auf einem der Dienstpferde über die öde Fläche dahin.

*

Fräulein Cantire erwachte plötzlich beim Klang einer vertrauten Stimme und sah erstaunt bekannte Gesichter vor sich. Als ihr der Offizier dann erzählte, wie er die Indianer verfolgt und ihnen ihren Raub wieder abgejagt hatte, wobei er indes die Ermordung Fosters und des Postagenten vorsichtig verschwieg, verdüsterte sich ihr Gesicht und ihre hübsche Stirne zog sich kraus. »Aber Herr Boyle sagte mir davon nichts,« sagte sie, indem sie sich aufrichtete. »Wo ist er?«

»Bereits auf dem Rücken eines unsrer Pferde unterwegs zur nächsten Station. Wünschte die talwärts fahrende Post einzuholen und sich vermutlich eine neue Musterkiste zu verschaffen, da die braven Leute sich mit seinen Tressen und Bändern ausstaffiert haben. Sagte, er habe genug Zeit bei diesem Ausflug eingebüßt,« erwiderte der junge Offizier lachend, »Ein kecker Musterreiter. Hoffentlich hat er Sie nicht belästigt?«

Fräulein Cantire fühlte ihre Wangen erröten und biß sich auf die Lippen. »Ich habe ihn sehr gütig und fürsorglich gefunden, Herr Ashford,« sagte sie kalt, »Er war möglicherweise der Ansicht, die Schutzwache hätte etwas früher zu der Kutsche stoßen und mir all dies ersparen können; aber er war viel zu wohl erzogen, um irgend etwas darüber gegen mich zu bemerken,« fügte sie trocken mit einem leichten Rümpfen ihrer Adlernase hinzu.

Gleichwohl kränkten Boyles letzte Worte sie tief. Nur so auf und davon zu gehen, ohne ihr Lebewohl zu sagen oder auch nur zu fragen, wie sie geschlafen habe! Daß er Zeit eingebüßt hatte, war ja nicht zu leugnen, vielleicht war er auch ihrer Gesellschaft überdrüssig und dachte mehr an seine kostbaren Muster als an sie! Sah ihm ganz ähnlich, Hals über Kopf hinter einer Bestellung herzurennen!

Sie war halb und halb geneigt, den jungen Offizier zurückzurufen und ihm zu erzählen, wie Boyle ihr Kostüm auf der Straße kritisiert hatte. Aber Ashford war zur Zeit mit seinen Leuten vollauf um einen bebuschten Felsenvorsprung beschäftigt, der indes noch in Hörweite lag. »Ich könnte beschwören, daß hier kein toter Indianer war, als wir gestern herkamen! Wir haben den ganzen Ort, noch dazu bei Tageslicht, nach einer Spur abgesucht. Der Indianer muß von irgendwem in der vergangenen Nacht erschlagen worden sein.«

»Herr Leutnant, das hat kein andrer getan als Dick Boyle. Es sieht ihm ganz ähnlich, daß er der jungen Dame nichts davon gesagt hat, um sie nicht zu erschrecken. Das ist einer, der weiß, wann er seinen Mund zu halten – und wann er ihn aufzutun hat.«

Fräulein Cantire sank in ihre Ecke zurück, als der Offizier sich umwandte und auf die Kutsche zuschritt. Der Vorgang in der vergangenen Nacht hellte sich vor ihr auf: Herrn Boyles lange Abwesenheit, sein gerötetes Gesicht, sein verschobenes Halstuch, seine erzwungene Fröhlichkeit. Sie war beschämt, erstaunt, verwirrt und zugleich von Bewunderung erfüllt! Und dieser Held hatte ihr gegenübergesessen und den ganzen Rest der Nacht hindurch geschwiegen!

»Sagte Herr Boyle etwas von dem Angriff eines Indianers in der vergangenen Nacht?« sagte Ashford. »Haben Sie etwas gehört?«

»Nur die Wölfe hörte ich heulen,« sagte Fräulein Cantire. »Herr Boyle war zweimal weg.«

Sie war seltsam verschlossen, durch diese Nachahmung seines Verhaltens ihrem abwesenden Helden das höchste Lob zollend.

»Dort im Gebüsch liegt der Leichnam eines erschlagenen Indianers,« hob Ashford an.

»O bitte, sagen Sie nichts mehr, Herr Ashford,« unterbrach ihn die junge Dame, »sondern lassen Sie uns sogleich diesen schrecklichen Ort verlassen. Lassen Sie die Pferde anspannen! Ich kann es nicht aushalten.«

Doch die Pferde waren schon angeschirrt und nach Postillonsart von den Reitern bestiegen. Der Wagen war zum Abfahren bereit, als Fräulein Cantire plötzlich »Halt!« rief. Ashford ritt an den Kutschenschlag und sah, wie die junge Dame auf Händen und Füßen den Boden der Kutsche absuchte. »O Gott! Ich habe etwas verloren. Es muß mir entfallen sein, als ich eine Weile zu Fuß ging,« sagte sie atemlos, mit hochroten Wangen. »Sie müssen unbedingt warten und mir gestatten, daß ich zurückgehe und danach suche. Ich werde nicht lange brauchen. Sie wissen ja, daß wir ›keine Eile‹ haben.«

Ashford staunte, als Fräulein Cantire wie ein Schulmädchen aus der Kutsche hüpfte und den Pfad hinablief, auf dem sie und Boyle sich vergangene Nacht der Kutsche genähert hatten. Sie war noch nicht weit gegangen, als sie zu den verwelkten Blumen kam, die er auf ihren Befehl weggeworfen hatte. »Hier herum muß es sein,« murmelte sie. Plötzlich stieß sie einen Freudeschrei aus und hob die Geschäftskarte auf, die Boyle ihr gezeigt hatte. Dann blickte sie verstohlen um sich, wählte unter den weggeworfenen Blumen einen Myrtenzweig aus, verbarg ihn in ihrem Mantel und lief erglühend zu der Kutsche zurück. »Danke! Ich hab’s gefunden,« rief sie Ashford mit einem verwirrten Lächeln zu und sprang in den Wagen.

Die Kutsche fuhr ab und Fräulein Cantire holte, als sie sich unbeobachtet wußte, die Myrte aus ihrem Mantel, wickelte sie sorgsam in ihr Taschentuch und legte sie in ihren Strickbeutel. Dann holte sie die Karte hervor, las ihren trocken-praktischen Inhalt immer wieder durch, untersuchte die beschmutzten Ecken, reinigte sie sorgfältig und hielt sie eine Weile, ins Leere starrend, regungslos in der Hand, um sie dann langsam zu ihren Lippen zu heben. Hierauf rollte sie sie spiralförmig zusammen, öffnete Haken und Öse ihres Kleides und steckte sie sachte in ihren Busen.

Und Dick Boyle, der nach der fernen Poststation galoppierte, wußte nicht, daß der erste Schritt zu einer Verwirklichung seines tollen Traums getan war!

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