Der verspätete Pass

Ein großes Bierlokal an der Friedrichstraße, Berlin, nachmittags. An hundert runden Tischen saßen rauchend und trinkend Gentlemen; hier und da und über­all flitzten weiß beschürzte Kellner herum und trugen schäumende Krüge zu den Dürstenden.
Um einen Tisch in der Nähe des Haupteingangs scharte sich ein halbes Dutzend leb­hafter junger Burschen – amerikanische Studenten – und tranken auf den Abschied eines Jungen aus Yale, der auf der Durchreise ein paar Tage in der deutschen Hauptstadt ver­bracht hatte.
„Aber warum nur brichst du deine Tour mittendrin ab, Parrish?“ fragte einer der Stu­denten. „Ich wollte, ich hätte dein Glück. Warum willst du denn unbedingt nach Hause fahren?“
„Ja,“ sagte ein anderer, „was ist der Grund? Vielleicht willst es uns ja erklären, es sieht nämlich ein bisschen verrückt aus. – Heimweh?“
Eine mädchenhafte Schamröte leuchtete in Parrishs frischem jungen Gesicht auf, und nach kurzem Zögern gestand er, dass genau das seine Sorge war.
„Ich war vorher noch nie von zuhause weg,“ sagte er, „und jeden Tag werde ich immer einsamer. Ich habe seit Wochen keinen Freund mehr gesehen, und das war fürchterlich. Ich glaubte, ich könnte es durchstehen, aus purem Stolz, aber als ich euch Jungs gesehen habe, hat mir das den Rest gegeben. Es ist mir wie der Himmel vorgekommen und ich kann diese freundlose Trostlosigkeit nicht länger aushalten. Wenn ich Gesellschaft hätte – aber die habe ich ja nicht, deshalb hat es keinen Sinn. Sie haben mich immer Miss Nancy genannt, als ich noch klein war, und ich glaube, das bin ich immer noch – mädchenhaft und furchtsam und das alles. Ich sollte wirklich lieber ein Mädchen sein! Ich kann es nicht mehr aushalten, ich fahre heim.“
Die Jungs scharten sich gutmütig um ihn und versichertem ihm, dass er den Fehler sei­nes Lebens mache; und einer von ihnen sagte, er sollte sich vor der Rückreise wenigs­tens noch St. Petersburg anschauen.
„Hört auf!“ sagte Parrish flehentlich. „Das war mein größter Traum, und ich werfe ihn weg. Erzählt mir nichts mehr davon, denn ich bin aus Wasser gemacht und komme gegen niemandes Überzeugungskünste an. Ich kann nicht alleine reisen, ich glaube, ich würde sterben.“ Er schlug sich gegen seine Brusttasche und fügte hinzu: „Hier drin ist meine Versicherung gegen einen Meinungswandel. Ich habe eine Fahrkarte für den Schlafwagen nach Paris gekauft, und ich fahre heute Abend. Und jetzt trinkt – diesen auf mich – schenkt euch ein – und diesen für den Heimweg!“
Man sagte sich Lebewohl, und Alfred Parrish wurde seinen Gedanken und seiner Ein­samkeit überlassen. Aber nur für einen Augenblick. Ein stämmiger Mann mittleren Alters mit einem lebhaften geschäftsmäßigen Gebaren und einer entschlossenen, selbst­sicheren Miene, die auf eine militärische Ausbildung hindeutete, kam geschäftig vom Nachbartisch herüber und setzte sich neben Parrish und fing an mit konzentriertem In­teresse und Ernsthaftigkeit zu reden. Seine Augen, sein Gesicht, seine Person, seine ganze Erscheinung schienen Energie zu verströmen. Er war voller Druck wie ein Dampfboot bei einem Rennen – man konnte förmlich seine Überdruckventile zischen hören. Er streckte seine Hand offen aus und schüttelte Parrish herzlich und sagte sehr überzeugend und energisch: „Das dürfen Sie nicht tun, wirklich nicht. Das wäre ein sehr großer Fehler. Sie würden es immer bereuen. Lassen Sie es sich gesagt sein, ich bitte Sie, tun Sie es nicht – tun Sie es nicht!“
Es lag so eine freundliche Note darin und eine so offenkundige Aufrichtigkeit, dass es das verzagte Gemüt des jungen Mannes aufheiterte, und eine verräterische Feuchtigkeit zeigte sich in seinen Augen, eine unwillkürliche Bestätigung, dass er berührt und dank­bar war. Der aufmerksame Fremde bemerkte dieses Zeichen sofort, war mit dieser Ant­wort recht zufrieden und nutzte seinen Erfolg ohne noch auf eine gesprochene zu warten: „Nein, tun Sie es nicht; es wäre ein Fehler. Ich habe alles gehört, was gesagt wurde – Sie müssen entschuldigen – ich saß so nahe daran, dass es sich nicht vermeiden ließ. Und es bekümmerte mich, mir vorzustellen, dass Sie Ihre Reise abbrechen würden, wenn Sie sich doch wirklich wünschten, St. Petersburg zu sehen, wo Sie sich doch praktisch schon in Sichtweite davon befinden! Überlegen Sie sich’s noch mal – ah, Sie müssen es sich einfach noch mal überlegen – man ist sehr schnell dort und sehr schnell wieder zurück – und denken Sie nur, was für eine Erinnerung das sein wird!“
Dann fuhr er fort und entwarf ein Bild von der russischen Hauptstadt und ihren Wundern, das Alfred Parrish das Wasser im Munde zusammenlaufen und ihn in seiner gehobenen Stimmung vor Sehnsucht aufschreien ließ. Dann – „Natürlich müssen Sie St. Petersburg sehen – Sie müssen einfach! Wirklich, es wird ein Vergnügen für Sie sein – ein Vergnügen! Ich weiß es, weil ich die Stadt so gut kenne wie meinen eigenen Ge­burtsort in Amerika. Zehn Jahre – seit zehn Jahren kenne ich sie Da können Sie jeden dort fragen; sie werden es Ihnen bestätigen; sie kennen mich alle – Major Jackson. Sogar die Hunde kennen mich. Fahren Sie hin; oh, Sie müssen fahren; Sie müssen wirklich.“
Alfred Parrish zitterte vor Erregung. Er würde fahren. Das sagte sein Gesicht so deut­lich, wie wenn er es ausgesprochen hätte. Dann – senkte sich der alte Schatten wieder, und er sagte sorgenvoll: „Oh, nein – nein, es hat keinen Sinn; ich kann nicht, ich würde vor Einsamkeit sterben.“
Der Major sagte erstaunt: „Die – Einsamkeit! Aber warum denn, ich werde natürlich mit Ihnen fahren!“
Das kam beunruhigend überraschend. Und es war nicht ganz angenehm. Die Dinge entwickelten sich zu schnell. War das eine Falle? War dieser Fremde ein Gauner? Wo­her kam sein uneigennütziges Interesse an einem reisenden und ihm völlig unbekannten Burschen? Dann blickte er in das offene, gewinnende und strahlende Gesicht des Majors und schämte sich. Und er wünschte sich, er wüsste, wie er aus diesen Schwulitäten wieder herauskommen könnte, ohne die Gefühle dieses einfallsreichen Menschen zu verletzen. Aber in diplomatischen Dingen war er nicht gewandt, und er ging die Sache mit bewusstem Ungeschick und wenig Selbstvertrauen an. Er sagte mit ziemlich übertriebener Selbstlosigkeit: „Oh nein, nein, Sie sind wirklich zu freundlich; Ich könnte – ich könnte Ihnen nicht erlauben, sich meinetwegen solche Umstände zu machen –“
„Umstände? Um nichts in der Welt, mein Junge; ich fahre heute Abend sowieso; ich nehme den Express um neun. Kommen Sie! Wir fahren zusammen. Sie werden nicht eine Minute allein sein. Kommen Sie schon – sagen Sie ja!“
Die Ausrede hatte also nicht verschlagen. Was nun? Parrish war entmutigt: es schien ihm, dass er mit keiner Ausflucht, die sich seine schwache Erfindungsgabe ausdenken konnte, sich jemals aus diesen Fallstricken befreien würde können. Und doch musste er noch einen weiteren Versuch wagen, und er tat es; und noch bevor er seine neue Ausre­de beendet hatte, dachte er, sie würde unwiderleglich sein: „Ah, aber leider ist das Glück gegen mich, und es ist unmöglich. Sehen Sie hier“ – und er zog seine Fahrkarten heraus und legte sie auf den Tisch. – „Ich habe schon die Fahrkarten nach Paris, und ich kann sie und die Gepäckscheine natürlich nicht gegen solche nach St. Petersburg umtauschen und würde das Geld verlieren. Und selbst wenn ich mir das leisten könnte, wäre ich ziemlich knapp bei Kasse, wenn ich mir die neuen Fahrkarten gekauft hätte – denn das ist alles, was ich an Bargeld noch bei mir habe“ – und er legte eine Fünfhundert-Mark Banknote auf den Tisch.
Augenblicklich hatte der Major die Fahrkarten und Gepäckscheine an sich genommen und war aufgesprungen und sagte begeistert: „Gut! Alles in Ordnung und sicher. Sie werden die Fahrkarten und Gepäckscheine für mich umtauschen; sie kennen mich alle – jeder hier kennt mich. Bleiben Sie ruhig sitzen; ich bin gleich wieder zurück.“ Dann er­griff der die Banknote und fügte hinzu, „die werde ich mitnehmen, denn die neuen Fahr­karten werden vielleicht ein kleines Aufgeld kosten“ – und im nächsten Augenblick stürzte er zur Tür hinaus.

II

Alfred Parrish war wie gelähmt. Das war alles so plötzlich geschehen. So plötzlich, so tollkühn, so unglaublich, so unmöglich. Sein Mund stand offen, aber seine Zunge wollte ihm nicht gehorchen; er versuchte zu rufen „Haltet ihn!“, aber seine Lungen waren leer, er wollte ihn verfolgen, aber seine Beine weigerten sich etwas anders zu tun als zu zittern; sie gaben unter ihm nach und ließen ihn auf den Stuhl zurückfallen. Seine Kehle war trocken, er keuchte und schluckte vor Entsetzen, in seinem Kopf drehte sich alles. Was sollte er tun? Er wusste es nicht. Eines schien allerdings klar zu sein – er musste sich zusammenreißen und versuchen, diesen Mann einzuholen. Natürlich würde der Mann den Fahrpreis nicht zurück bekommen, aber würde er die Fahrkarten deshalb wegwerfen? Nein, er würde bestimmt zum Bahnhof gehen und sie jemandem zum halb­en Preis verkaufen; und zwar heute noch, denn morgen würden sie nach den deutschen Bestimmungen wertlos sein. Diese Überlegungen gaben ihm Hoffnung und Kraft, und er erhob sich, um die Verfolgung aufzunehmen. Aber er machte nur ein paar Schritte, dann fühlte er eine plötzliche Schwäche und wankte zu seinem Stuhl zurück, kraftlos vor Furcht, dass seine Bewegung bemerkt worden sein könnte – denn die letzte Runde Bier war auf seine Rechnung gegangen und noch nicht bezahlt, und er hatte keinen Pfennig mehr. Er war gefangen – nur der Himmel wusste, was geschehen würde, wenn er ver­suchte, seinen Platz zu verlassen. Er war ängstlich, aufgeschreckt und niedergedrückt; und er konnte nicht genug Deutsch, um seinen Fall darzulegen und um Hilfe und Nach­sicht zu bitten.
Dann begannen seine Gedanken ihn zu peinigen. Wie konnte er nur so ein Narr gewesen sein? Was hatte ihn geritten, so einem offenkundigen Abenteurer zuzuhören? Und da kommt auch schon der Kellner! Er vergrub sich in der Zeitung – zitternd. Der Kellner ging vorüber. Das erfüllte ihn mit Dankbarkeit. Die Zeiger der Uhr schienen stillzu­stehen, und doch konnte er seine Augen von ihnen nicht lösen.
Zehn Minuten schleppten sich vorüber. Und wieder der Kellner! Und wieder verbarg er sich hinter der Zeitung. Der Kellner blieb stehen – anscheinend eine Woche lang – und ging dann weiter.
Weitere zehn Minuten der Qual – und noch mal der Kellner; dieses Mal wischte er den Tisch ab und schien einen Monat dafür zu brauchen; blieb dann zwei Monate stehen und ging schließlich weg.
Parrish fühlte, dass er einen weiteren Besuch nicht aushalten würde; er musste es darauf ankommen lassen; er musste Spießruten laufen; er musste entkommen. Aber der Kell­ner stand fünf Minuten lang in der Nähe herum – scheinbar Monate und Monate, wobei Parrish ihn verzweifelt beobachtete und fühlte, wie die Gebrechen des Alters in ihm hochkrochen und sein Haar ergraute.
Schließlich schlenderte der Kellner davon – hielt an einem Tisch, kassierte die Zeche, schlenderte weitere, kassierte noch eine Zeche, schlenderte weiter – Parrishs flehender Blick war die ganze Zeit auf ihn gerichtet, sein Herz pochte heftig, sein Atem ging in schnellen kurzen Stößen der Angst gemischt mit Hoffnung.
Der Kellner blieb wieder stehen, um zu kassieren, und Parrish sagte sich, jetzt oder nie! Und er ging auf den Ausgang zu. Ein Schritt – zwei Schritte – drei – vier – er näherte sich der Tür – fünf – seine Beine zitterten unter ihm – kamen da hinter ihm nicht schnelle Schritte? – der Gedanken ließ sein Herz zusammenschrumpfen – sechs Schritte – sieben, und er war draußen! – acht – neun – zehn – elf – zwölf – da kamen ihm Schritte hinterher! – er bog um die Ecke und nahm die Beine in die Hand, um zu fliehen – eine Hand legte sich schwer auf seine Schulter, und alle Kräfte verließen seinen Kör­per!
Es war der Major. Er stellte keine Fragen. Er zeigte keine Überraschung. Er sagte in sei­ner forschen, heiteren Art: „Zum Teufel mit diesen Leuten, sie haben mich aufgehalten; deshalb war ich so lange weg. Am Fahrkartenschalter sitzt ein neuer Mann, er kannte mich nicht und wollte die Fahrkarten nicht umtauschen, weil es gegen die Vorschriften ist; ich musste also erst meinen alten Freund aufspüren, den großen Mogul – den Bahnhofsvorsteher, wissen Sie – ha, da, Droschke! Droschke! – springen Sie rein, Parrish – zum russischen Konsulat, Kutscher, und fahren Sie zu! – also, wie ich schon sagte, das alles kostete Zeit. Aber jetzt ist alles in Ordnung und geregelt; Ihr Gepäck ist noch mal gewogen und neu aufgegeben worden, die Fahrkarte und die Schlafwagenreservierung sind umgetauscht, und ich habe die Bescheinigungen dafür hier bei mir in der Tasche; auch das Wechselgeld – ich werde es für Sie aufbewahren. Fahren Sie zu, Kutscher, fahren Sie zu; lassen Sie sie nicht einschlafen!“
Der arme Parrish versuchte sein Bestes, um zu Wort zu kommen, während die Droschke immer weiter von der beschwindelten Bierhalle fort raste, zu guter Letzt schaffte er es und verlangte, sofort zurückzufahren und seine kleine Zeche zu bezahlen.
„Ach, kümmern Sie sich nicht darum,“ sagte der Major sanft; „das ist schon alles in Ordnung, sie kennen mich dort, jeder kennt mich – ich werde das das nächste Mal, wenn ich wieder in Berlin bin, begleichen – los, Kutscher, los – wir haben nicht mehr viel Zeit.“
Sie erreichten das russische Konsulat kurz nach Dienstschluss und stürmten hinein. Es war niemand mehr da bis auf einen Büroangestellten. Der Major legte seine Karte auf den Schreibtisch und sagte auf Russisch: „Nun denn, wenn Sie bitte für den Pass dieses jungen Mannes für Petersburg so schnell wie möglich ein Visum ausstellen –“
„Aber, lieber Herr, ich bin dazu nicht ermächtigt, und der Konsul ist gerade gegangen.“
„Gegangen wohin?“
„Aufs Land, wo er wohnt.“
„Und er wird zurück sein –“
„Nicht vor morgen.“
„Donnerwetter! Oh, gut, sehen Sie, ich bin Major Jackson – er kennt mich, jeder kennt mich. Sie stellen das Visum selbst aus; sagen Sie ihm, Major Jackson habe Sie darum gebeten; das geht schon in Ordnung.“
Aber es würde furchtbar und verhängnisvoll vorschriftswidrig sein; der Angestellte ließ sich nicht überzeugen und wurde fast ohnmächtig bei dieser Vorstellung.
„Nun gut, dann werde ich Ihnen sagen, was wir machen,“ sagte der Major. „Hier sind die Stempelmarken und die Gebühr – stellen Sie das Visum morgen früh aus und schi­cken Sie es mit der Post.“
Zweifelnd sagte der Angestellte: „He – gut, vielleicht macht er es, und so –“
„Vielleicht? Er wird es machen! Er kennt mich – jeder kennt mich.“
„Sehr gut,“ sagte der Angestellte, „ich werde ihm ausrichten, was Sie gesagt haben.“ Er sah verwirrt aus und in gewissem Maße unterwürfig und fügte eingeschüchtert hinzu: „Aber – aber – wie Sie ja wissen, werden Sie vierundzwanzig Stunden früher an der Grenze sein. Und es gibt dort keine Unterbringungsmöglichkeit für einen so langen Auf­enthalt.“
„Wer wird den warten? Ich nicht, wenn sich der Hof noch selber kennt.“
Der Angestellte war vorübergehend gelähmt und sagte: „Sicherlich wollen Sie es nicht nach Petersburg geschickt bekommen, mein Herr!“
„Und warum nicht?“
„Während der Eigentümer an der Grenze wartet, fünfundzwanzig Meilen entfernt? Das würde ihm unter diesen Umständen nichts nutzen.“
„Warten – zum Teufel! Wer hat denn gesagt, dass er wartet?“
„Aber wirklich, Sie wissen doch sicher, dass sie ihn an der Grenze aufhalten werden, wenn er keinen Pass bei sich hat.“
„Das werden sie nicht! Der Chefinspektor kennt mich – wie alle. Ich übernehme die Verantwortung für den jungen Mann. Sie schicken es einfach direkt nach Petersburg – Hôtel d’Europe, zu Händen Major Jackson; sagen Sie dem Konsul, er braucht sich keine Sorgen zu machen, ich übernehme alle Risiken.“
Der Angestellte zögerte und wagte noch einen Einwand: „Sie müssen bedenken, mein Herr, dass die Folgen gerade jetzt besonders ernst sind, seit der neue Erlass in Kraft ge­treten ist.“
„Was für Folgen?“
„Zehn Jahre Sibirien für einen Aufenthalt in Russland ohne Pass.“
„Mm – verdammt noch mal!“ Das sagte er auf Englisch, denn die russische Sprache ist nur ein schwaches Hilfsmittel in geistigen Notlagen. Er grübelte einen Moment lang, ge­wann sein forsches Wesen zurück und fasste auf Russisch zusammen: „Oh, das ist schon in Ordnung – adressieren Sie ihn nach St. Petersburg und schicken Sie ihn ab! Ich werde es schon auf die Reihe bringen. Sie kennen mich dort alle – alle Amtspersonen – jeder.“

III

Der Major stellte sich als liebenswerte Reisegefährte heraus, und der junge Parrish war ganz eingenommen von ihm. Das Gespräch mit ihm war Sonnenschein und Regenbogen und hellte alles um ihn herum auf und war fidel, fröhlich und heiter. Er war die Gefällig­keit in Person und wusste wie man etwas anpackte, und wann und was die beste Weise war. So wurde die lange Reise zu einem märchenhaften Traum für den jungen Mann, der für viele Wochen so einsam und verlassen und ohne Freunde gewesen war. Schließlich näherten sich die beiden Reisenden der Grenze, Parrish sagte etwas von Pässen; und fügte hinzu, als ob ihm noch etwas eingefallen war: „Übrigens, was ich noch sagen wollte, ich kann mich nicht erinnern, dass Sie meinen Pass aus dem Konsulat mitgenom­men haben. Aber das haben Sie doch, oder?2
„Nein, er kommt per Post,“ sagte der Major behaglich.
„K—kommt – per – Post!“ keuchte der junge Bursche. Und alle fürchterlichen Sachen, die er über die Schrecken und Katastrophen von Besuchern Russlands ohne Pass gehört hatte, stiegen vor seinem entsetzten geistigen Auge auf und ließen ihn bis in die Lippen erbleichen. „Oh, Major – oh, meine Güte, was wird nur aus mir werden! Wie konnten Sie nur so etwas tun?“
Der Major legte dem Jungen beruhigend die Hand auf die Schulter und sagte: „ Machen Sie sich keine Sorgen, mein Junge, sorgen Sie sich kein bisschen. Ich passe schon auf Sie auf, und ich werde es nicht zulassen, dass Ihnen irgend etwas geschieht. Der Chef­inspektor kennt mich, und ich werde ihm alles erklären, und alles wird in Ordnung sein – Sie werden sehen. Sie sollten sich deswegen nicht im Geringsten beunruhigen – ich bringe das alles schon in Ordnung, nichts leichter als das.“
Alfred zitterte, und das Herz rutschte ihm in die Hose, aber er tat, was er konnte, um sein Elend zu verbergen und tapfer auf die freundlichen Beruhigungen und Versi­cherungen des Majors zu reagieren.
An der Grenze stieg er aus und stand am Rande der großen Menschenmenge und wartete voller Angst, während der Major sich einen Weg durch die Menge bahnte, um „dem Chefinspektor alles zu erklären.“ Es erschien ihm eine grausam lange Wartezeit, aber schließlich erschien der Major wieder. Er erklärte fröhlich: „Verdammt noch mal, sie haben einen neuen Inspektor, und ich kenne ihn nicht!“
Alfred sank gegen einen Stapel Koffer mit einem verzweifelten „Ach, du meine Güte, du meine Güte, ich hätte es wissen müssen!“ und sackte lahm und hilflos zu Boden, aber der Major richtete ihn wieder auf,setzte ihn auf eine Kiste und setzte sich neben ihn, ihn mit dem Arm stützend und flüsterte ihm ins Ohr: „Machen Sie sich keine Sorgen, mein Junge – es geht schon alles in Ordnung; Sie müssen mir nur vertrauen. Der Unterinspektor ist so kurzsichtig wie ein Maulwurf. Ich habe ihn beobachtet, deshalb weiß ich es. Und jetzt sage ich Ihnen, was wir machen. Ich werde gehen und meinen Pass registrieren lassen, dann wartete ich dort drüben innerhalb des Gitters, wo Sie die Bau­ern mit ihren Tragekörben sehen. Sie kommen dahin, und ich werde mich mit dem Rücken ans Gitter lehnen und Ihnen meinen Pass durch die Stäbe zustecken. Dann schließen Sie sich der Menge an und legen ihn vor und vertrauen auf die Vorsehung und diesen Maulwurf. Hauptsächlich auf den Maulwurf. Sie kommen ganz sicher durch – nur keine Angst.“
„Aber, ach, du meine Güte, du meine Güte, Ihre Beschreibung und meine stimmen doch nicht mehr überein als – “
„Oh, das geht schon in Ordnung – der Unterschied zwischen fünfundfünfzig und neun­zehn – das ist für diesen Maulwurf überhaupt nicht erkennbar – machen Sie sich keine Sorgen, es wird sich herausstellen, dass ich goldrichtig liege.“
Zehn Minuten später wankte Alfred auf den Zug zu, einem Zusammenbruch nahe, aber er hatte den Maulwurf erfolgreich getäuscht und war dankbar wie ein Hund ohne Steuermarke, der der Polizei entkommen ist.
„Ich hab’s Ihnen ja gesagt,“ sagte der Major glänzend aufgelegt. „Ich wusste, dass es glatt gehen würde, wenn Sie nur auf die göttliche Fügung vertrauten wie ein kleines, treuherziges Kind und nicht versuchten, seinen Plan zu verbessern – das klappt immer.“
Zwischen der Grenze und Petersburg bemühte sich der Major, wieder Leben in seinen jungen Reisegefährten und seinen Kreislauf wieder in Gang zu bringen, ihn aus seiner Verzagtheit herauszuholen und ihm wieder das Gefühl zu geben, dass das Leben eine Freude und lebenswert war. Und so erreichte der junge Bursche die Stadt guter Dinge und marschierte in Hochform ins Hotel und trug seinen Namen ein. Aber anstatt ihm die Zimmernummer zu nennen blickte in der Angestellte an der Rezeption nur durch­dringend an und wartete. Die Major kam ihm sofort zur Hilfe und sagte herzlich: „Alles in Ordnung – Sie kennen mich ja – tragen Sie ihn ein, ich übernehme die Verant­wortung.“
Der Angestellte blickte ernst drein und schüttelte den Kopf. Der Major fügte hinzu: „Das geht schon in Ordnung, er wird in vierundzwanzig Stunden hier sein – er kommt per Post. Hier ist meiner, und seiner wird postwendend folgen.“
Der Angestellte war vor Höflichkeit und Ehrerbietung, aber er blieb hart. Er sagte auf Englisch: „Ich wünschte, ich könnte Sie unterbringen, Major, und wenn ich es könnte, würde ich es bestimmt tun; aber ich habe keine Wahl, ich muss ihn bitten zu gehen; ich kann nicht zulassen, dass er noch länger hier im Hause bleibt.“
Parrish begann zu schwanken und gab einen Stöhnen von sich; der Major fing ihn auf, hielt ihn mit einem Arm fest und sagte eindringlich zu dem Angestellten: „Kommen Sie schon, Sie kennen mich doch – jeder kennt mich hier – lassen Sie ihn nur eine Nacht bleiben, und ich gebe Ihnen mein Wort –“
Der Angestellte schüttelte den Kopf und sagte: „Aber Major, Sie gefährden mich, Sie gefährden das ganze Haus. Ich – ich hasse es, so etwas zu tun, aber ich – ich muss die Polizei rufen.“
„Halt, tun Sie das nicht. Kommen Sie mein Junge und machen Sie sich bloß keine Sorgen – das kommt schon alles wieder in Ordnung. He da, Kutscher! Springen Sie rein, Parrish. Zum Palast des Generals der Geheimpolizei – fahren Sie zu, Kutscher! Lassen Sie sie laufen! Lassen Sie sie fliegen! Da fahren wir jetzt hin, und machen Sie sich bloß keinen Kummer. Fürst Bossloffsky kennt mich, kennt mich wie seine Westentasche, er wird die Dinge gleich für uns regeln.“
Sie rasten durch die belebten Straßen und kamen vor dem Palast an, der hell erleuchtet war. Aber es war halb neun; der Türwächter sagte, der Fürst schicke sich gerade an, zum Abendessen zu gehen und könne niemanden empfangen..
„Aber mich wird er empfangen,“ sagte der Major hartnäckig und überreichte seine Karte. „Ich bin Major Jackson. Schicken Sie sie hinein; das geht alles in Ordnung.“
Unter Protest wurde die Karte hinein geschickt, und der Major und sein Heimatloser warteten einige Zeit in einem Empfangszimmer. Endlich wurden sie gerufen und in ein prächtiges Privatbüro geführt und und vor den Fürsten gebracht, der dort prachtvoll ausstaffiert und stirnrunzelnd wie eine Gewitterwolke stand. Der Major trug ihren Fall vor und bat um einen Aufschub von vierundzwanzig Stunden, bis der Pass eintreffen würde.
„Oh, unmöglich!“ sagte der Fürst in fehlerlosem Englisch. „Ich wundere mich, dass Sie so etwas Verrücktes getan haben, wie diesen Burschen ohne einen Pass ins Land zu bringen, Major, ich wundere mich wirklich; das bedeutet zehn Jahre Sibirien, und da ist gar nichts zu machen – ergreift ihn! Stützt ihn!“ denn der arme Parrish befand sich schon wieder auf dem Weg zum Boden. „Hier – schnell, gebt ihm das. Da – nehmen Sie noch einen Schluck; das ist Cognac, wie finden Sie das, mein Junge? Jetzt fühlen Sie sich besser, armer Bursche. Legen Sie sich aufs Sofa. Wie dumm war es doch von Ihnen Major, ihn in solch furchtbare Schwierigkeiten zu bringen.“
Der Major bettete den Jungen mit seinen starken Armen auf die Liege und schob ihm ein Kissen unter den Kopf und flüsterte ihm ins Ohr: „Sehen Sie so verdammt krank aus, wie Sie nur können! Schauspielern Sie um Ihr Leben; er ist ergriffen, das sehen Sie ja; irgendwo in ihm drin hat er ein weiches Herz; stöhnen Sie und sagen ‚Oh, Mama, Mama‘; das wird ihn so sicher umhauen wie eine Pistolenkugel.“
Parrish war schon dabei dies aus einem angeborenen Impuls sowieso zu tun, und so kam es prompt und mit großer, bewegender Ernsthaftigkeit aus ihm heraus, und der Major flüsterte: „Großartig! Noch mal; die Bernhardt hätte es nicht besser machen können.“
Teils durch die Beredsamkeit des Majors und teils durch das Elend des Jungen wurde das Ziel schließlich erreicht; der Fürst kapitulierte und sagte: „Sie sollen Ihren Willen haben; obwohl Sie eine ernste Lektion verdient haben, und die sollen Sie auch bekom­men. Ich gebe Ihnen genau vierundzwanzig Stunden. Wenn der Pass dann nicht da ist, kommen Sie mir nicht mehr unter die Augen; das bedeutet dann Sibirien ohne Aussicht auf Begnadigung.“
Während der Major und der junge Bursche vor Dankbarkeit überströmten, klingelte der Fürst einige Soldaten herbei und befahl ihnen auf Russisch, diese beiden Leute zu be­gleiten und den jüngeren in den nächsten vierundzwanzig Stunden keinen Moment aus den Augen zu lassen; und wenn der Junge nach Ablauf der Frist keinen Pass vorweisen könne, sollten sie ihn in den Kerkern von St. Peter und Paul einsperren und Bericht erstatten.
Die Unglücklichen kehrten mit ihren Bewachern ins Hotel zurück, aßen unter ihren Augen zu Abend, blieben in Parrishs Zimmer, bis der Major sich zur Ruhe begab, nach­dem er den bekümmerten Parrish aufgemuntert hatte. Dann schloss sich ein Soldat zu­sammen mit Parrish ein, und der andere streckte sich draußen vor der Tür aus und schlief bald ein.
Aber Alfred Parrish schlief nicht. Sobald er mit dem ernsten Soldaten allein war, schwand seine mechanische Fröhlichkeit dahin, sein wieder hergestellter Mut begann sei­ne unterstützenden Gase zu verlieren und auf das normale Maß zu schrumpfen und sein armes kleines Herz auf die Größe einer Rosine zusammenzuschrumpeln. Innerhalb von dreißig Minuten war er wieder auf dem harten Boden der Realität; Kummer, Elend, Furcht, Verzweiflung konnten nicht schlimmer sein. Bett? Bett war nichts für einen wie ihn; Bett war nichts für die Verdammten, die Verlorenen! Schlaf? Er gehörte nicht zu den Kindern Israels, er konnte nicht im Feuer schlafen! Er konnte nur auf und ab gehen. und er konnte nicht nur, er musste. Und er tat es eine Stunde lang. Und trauerte und weinte und erschauderte und betete..
Dann traf er tief betrübt seine letzten Verfügungen und bereitete sich, so gut er konnte, darauf vor, sich in sein Schicksal zu fügen. Als letztes schrieb er einen Brief: „Liebste Mutter, – wenn Dich diese traurigen Zeilen erreichen, wird Dein armer Alfred nicht mehr sein. Nein, schlimmer noch, weit schlimmer! Durch meinen eigenen Fehler und meine Dummheit bin ich in die Hände eines Gauners oder eines Verrückten gefallen; ich weiß nicht, was von beidem, aber in jedem Falle ist mir klar, dass ich verloren bin. Man­chmal denke ich, er ist ein Gauner, aber meistens glaube ich, dass er nur verrückt ist, denn ich weiß, er hat ein freundliches, gutes Herz und er strengt sich bestimmt so sehr an, wie sich jemand nur anstrengen kann, um mich aus den Schwierigkeiten herauszuho­len, in die er mich gebracht hat.
Ich wenigen Stunden werde ich einer in einer namenlose Horde sein, die sich unter der Peitsche durch die verschneiten einsamen Weiten Russlands schleppt auf dem Weg in das Land der Geheimnisse und des Elends und der Vergessenheit – Sibirien! Ich werde nicht lebend dorthin kommen; mein Herz ist gebrochen und ich werde sterben. Gib ihr mein Bild und bitte sie, es im Gedenken an mich aufzubewahren und so zu leben, dass sie mich zu vorbestimmten Zeit in dieser besseren Welt treffen kann, wo es keine Heirat und kein Eheversprechen gibt und wo es keine Trennung mehr gibt und Sorgen niemals auftreten. Gib meinen gelben Hund Archie Hale und den anderen Henry Taylor; meinen Blazer vermache ich Bruder Will und mein Angelzeug und die Bibel.
Es gibt keine Hoffnung für mich. Ich kann nicht entkommen; der Soldat steht da mit sei­nem Gewehr und lässt mich keinen Moment aus den Augen, er blinzelt nur, sonst be­wegt sich nichts an ihm, gerade so als ob er tot wäre. Ich kann ihn nicht bestechen, der Verrückte hat mein Geld. Mein Kreditbrief befindet sich in meinem Koffer, und wird niemals kommen – ich weiß, er wird nie kommen. Oh, was wird nur aus mir werden! Bete für mich, liebste Mutter, bete für Deinen armen Alfred. Aber nutzen wird es nichts.“

IV

Am Morgen sah Alfred abgezehrt und erschöpft aus, als der Major sich bei ihm zu einem frühen Frühstück einfand. Sie gaben ihren Bewachern etwas zu essen, zündeten sich Zigarren an und der Major plauderte munter darauflos, und unter seinem magischen Einfluss wurde Alfred allmählich und dankbar wieder hoffnungsvoll, spürbar fröhlich und fast wieder glücklich.
Aber er wollte das Haus nicht verlassen. Schwarz und drohend hing Sibirien über ihm, und sein Appetit auf Sehenswürdigkeiten hatte sich verflüchtigt, er konnte die Schande nicht ertragen, Straßen, Galerien und Kirchen zu besichtigen flankiert von zwei Solda­ten, und alle hielten an und starrten auf ihn und redeten über ihn – nein, er würde drinnen bleiben und auf die Post aus Berlin und auf sein Schicksal warten. So blieb der Major den ganzen Tag galant bei ihm auf dem Zimmer, wobei der eine Soldat steif und bewegungslos mit dem Gewehr über der Schulter an der Tür stand und der andere draußen auf einem Stuhl döste. Und den ganzen Tag lang spann der treue Veteran sein Garn über Feldzüge, beschrieb Schlachten, spulte mit unerschöpflicher Energie, Lebens­freude und Entschlossenheit explosive Anekdoten ab und hielt die Lebensgeister des verängstigten Studenten wach. Der lange Tag neigte sich dem Ende zu und die beiden gingen, gefolgt von ihren Bewachern, in den großen Speisesaal hinunter und nahmen ihre Plätze ein.
„Die Spannung wird jetzt bald ein Ende haben,“ seufzte der arme Alfred.
In diesem Moment gingen zwei Engländer vorüber und einer sagte. „Wir werden heute Abend also keine Post aus Berlin kriegen.“
Parrish verschlug es den Atem. Die Engländer setzten sich an einen Nebentisch, und der zweite sagte: „Ganz so schlimm ist es nicht.“ Parrish atmete auf. „Es gibt neuere tele­graphische Nachrichten. Das Unglück hat den Zug nicht wesentlich aufgehalten. Er wird nur mit einer dreistündigen Verspätung hier ankommen.“
Dieses Mal sank Parrish nicht zu Boden, denn der Major sprang zu ihm hin. Er hatte zugehört und sah kommen, was geschehen würde. Er tätschelte Parrish den Rücken, hob ihn von seinem Stuhl hoch und sagte fröhlich: „Kommen Sie schon, mein Junge, es gibt absolut keinen Grund zur Sorge. Ich weiß einen Ausweg. Kümmern Sie sich nicht mehr um den Pass; soll er eine Woche zu spät kommen, wenn er will, wir brauchen ihn nicht.“
Parrish war zu krank, um ihm zuzuhören; die Hoffnung war weg, Sibirien war da; er be­wegte sich mit Beinen aus Blei, aufrecht gehalten vom Major, der ihn zur Ame­rikanischen Gesandtschaft führte und auf dem Weg dorthin mit der Versicherung ermu­tigte, dass auf seine Empfehlung hin der Gesandte keinen Augenblick zögern würde, ihm einen neuen Pass auszustellen.
„Diese Trumpfkarte hatte ich die ganze Zeit noch im Ärmel,“ erkläre er. „Der Gesandte kennt mich – kennt mich sogar sehr gut – wir haben uns angefreundet als wir viele Stunden zusammen unter einem Haufen Verwundeter in Cold Harbor lagen; seitdem sind wir dicke Freunde, im Geiste, obwohl wir uns nicht oft persönlich getroffen haben. Kopf hoch, Junge, alles sieht ausgezeichnet aus! Ich komme mir so eingebildet vor wie ein Pfau. Da sind wir schon, und unsere Sorgen haben ein Ende! Wenn wir überhaupt je wirklich welche hatten.“
Neben der Tür war das Warenzeichen der reichsten, freiesten und mächtigsten Republik aller Zeiten angebracht, die runde Holzscheibe, auf der der Adler seine Schwingen aus­breitete, den Kopf zwischen den Sternen und in seinen Klauen lauter altmodisches Kriegsmaterial; bei diesem Anblick traten Alfred Tränen in die Augen, der Stolz auf sein Land schwoll in seinem Herzen, „Hail Columbia“ brauste in seiner Brust auf, und alle seine Ängste Sorgen waren verschwunden; denn hier war er sicher! Keine Macht der Welt würde es wagen, diese Schwelle zu überschreiten und Hand an ihn zu legen!
Aus Gründen der Sparsamkeit bestehen die Gesandtschaften der mächtigsten Republik in Europa aus anderthalb Räumen im neunten Stockwerk, wenn das zehnte schon belegt ist, und die Ausstattung besteht aus einem Gesandten oder Botschafter mit dem Gehalt eines Bremsers, einem Legationssekretär, der zur Bestreitung seines Lebensunterhalts Zündhölzer verkauft und Kessel flickt, einer Angestellten zum Übersetzen und für allge­meine Aufgaben, Bildern von amerikanischen Liniendampfern, einer Lithographie des amtierenden Präsidenten, einem Schreibtisch, drei Stühlen, einer Kerosinlampe, einer Katze, einer Uhr und einem Spucknapf, auf dem das Motto eingraviert ist „In God we trust.“
Gefolgt von ihrer Eskorte stieg die Gesellschaft dort hinauf. Am Schreibtisch saß ein Mann und schrieb mit einem Nagel auf Packpapier amtliche Dinge. Er stand auf und drehte sich um; die Katze kletterte herunter und verzog sich unter den Schreibtisch; die Angestellte zwängte sich in die Ecke mit der Wodka-Karaffe, um Platz zu machen, die Soldaten quetschten sich mit geschulterten Gewehren an die Wand neben sie. Alfred strömte im Gefühl der Rettung über vor Glückseligkeit. Der Major schüttelte dem Be­amten herzlich die Hand und ratterte ihren Fall leicht und flüssig herunter und bat um den ersehnten Pass.
Der Beamte forderte seine Gäste auf, Platz zu nehmen und sagte: „Nun, ich bin nur der Gesandtschaftssekretär, und ich würde nicht gerne einen Pass ausstellen, solange der Botschafter sich auf russischem Boden befindet. Das übersteigt meine Kompetenzen bei weitem.“
„In Ordnung, rufen Sie ihn.“
Der Sekretär lächelte. „Das ist leichter gesagt als getan. Er hat Urlaub und ist irgendwo weit weg in der Wildnis.“
„Grro-ßer Gott!“ entfuhr es dem Major.
Alfred stöhnte auf; die Farbe wich aus seinem Gesicht, und er begann langsam in seinen Kleidern zusammenzusacken. Der Sekretär sagte verwundert: „Also wirklich, worüber regen Sie sich so auf, Major? Der Fürst hat Ihnen vierundzwanzig Stunden gegeben. Schauen Sie auf die Uhr; es ist alles in Ordnung; sie haben noch eine halbe Stunde; der Zug wird gleich da sein; der Pass wird pünktlich eintreffen.“
„Mann, es gibt Neuigkeiten! Der Zug hat drei Stunden Verspätung! Das Leben und die Freiheit dieses Jungen werden von Minute zu Minute weniger, und wir haben nur noch dreißig! In einer halben Stunde ist er so gut wie tot und verdammt in alle Ewigkeit! Bei Gott, wir müssen den Pass haben!“
„Oh, ich sterbe, ich weiß es!“ jammerte der Bursche, und verbarg sein Gesicht in seinen Armen auf dem Schreibtisch. Im Sekretär ging eine schnelle Änderung vor sich, mit sei­ner Gemütsruhe war es vorbei, Aufregung flammte in seinem Gesicht und den Augen auf, und er rief aus: „Ich sehe die ganze Grausamkeit der Situation, aber, Gott steh uns bei, was kann ich tun? Was schlagen Sie vor?“
„Zum Henker, geben Sie ihm einfach den Pass!“
„Unmöglich! Völlig unmöglich! Sie wissen nichts über ihn; vor drei Tagen, hatten Sie noch nie etwas von ihm gehört; wir haben absolut nichts in der Hand, womit wir ihn identifizieren könnten. Er ist verloren, verloren – es gibt keine Möglichkeit, ihn zu retten.“
Der Junge stöhnte wieder und schluchzte auf. „Oh Gott, oh Gott, es ist das letzte von Wert für Alfred Parrish!“
Eine weitere Veränderung ging in dem Sekretär vor.
Mitten in einem leidenschaftlichen Ausbruch von Mitleid, Ärger und Hoffnungslosig­keit hielt er inne, beruhigte sich und fragte mit einem gleichgültigen Tonfall, mit dem man sonst aufs das Wetter zu sprechen kommt, wenn man kein anderes Gesprächsthema hat, „Ist dies Ihr Name?“
Der Junge schluchzte ein Ja.
„Woher kommen Sie?“
„Bridgeport.“
Der Sekretär schüttelte den Kopf – schüttelte ihn noch mal – und murmelte etwas vor sich hin. Nach einem einer kurzen Pause: „Sind Sie dort auch geboren?“
„Nein, in New Haven.“
„Aah.“ Der Sekretär blickte den Major an, der konzentriert mit leerer, ausdrucksloser Miene zuhörte, und deutete mehr an als es auszusprechen, „Dort steht der Wodka, falls die Soldaten durstig sind.“ Der Major sprang auf, schenkte ihnen ein und nahm ihren Dank entgegen. Die Befragung ging weiter.
„Wie lange haben Sie in New Haven gelebt?“
„Bis ich vierzehn war. Vor zwei Jahren bin ich zurückgekommen, um Yale zu beziehen.“
„Als Sie dort lebten, ich welcher Straße haben Sie gewohnt?“
„Parker Street.“
Mit einem vagen Schimmer des Begreifens in den Augen sah der Major den Sekretär fragend an. Der Sekretär nickte, und der Major goss wieder Wodka ein.
„Welche Hausnummer?“
„Es hatte keine.“
Der Junge saß aufrecht da mit einem Mitleid erregenden Ausdruck, der sagte „Warum quälen Sie mich mit diesen albernen Dingen, wo ich doch auch ohne sie schon elend genug dran bin?“
Unbekümmert fuhr der Sekretär fort: „Was für eine Art von Haus war das?“
„Backstein – zweistöckig.“
„Grenzte es direkt an den Bürgersteig?“
„Nein, es hat einen kleinen Vorgarten.“
„Eisenzaun?“
„Nein, Holzlatten.“
Wieder schenkte der Major Wodka aus – ohne Aufforderung – diesmal bis an den Rand gefüllt; und sein Gesicht hatte sich aufgehellt und war nun voller Leben.
„Was sieht man, wenn man durch die Tür geht?“
„Einen schmalen Flur; am Ende eine Tür und noch eine Tür auf der rechten Seite.“
„Sonst noch was?“
„Einen Kleiderrechen.“
„Das Zimmer auf der rechten Seite?“
„Der Salon.“
„Teppich?“
„Ja.“
„Was für eine Art von Teppich?“
„Ein altmodischer Wilton.“
„Bilder?“
„Ja – eine Jagdgesellschaft zu Pferde.“
Der Major warf einen Blick auf die Uhr – nur noch sechs Minuten! Er drehte sich zum Krug um, und während er eingoss, sah er den Sekretär an und dann – fragend – auf die Uhr. Der Sekretär nickte; der Major verdeckte die Uhr für einen Augenblick mit seinem Körper und stellte die Zeiger um eine halbe Stunde zurück; dann erfrischte der die Männer – mit doppelten Rationen.
„Das Zimmer über der Diele und dem Kleiderrechen?“
„Esszimmer.“
„Ofen?“
„Feuerrrost.“
„Gehörte das Haus Ihrer Familie?“
„Ja.“
„Gehört es ihr immer noch?“
„Nein; es wurde verkauft, als wir nach Bridgeport zogen.“
Der Sekretär machte eine kleine Pause und sagte dann, „Hatten Sie einen Spitznamen unter Ihren Spielkameraden?“
Der Junge errötete langsam und senkte die Augen. Er schien mit sich für einen oder zwei Augenblicke zu kämpfen, dann sagte er bedrückt, „Sie nannten mich Miss Nancy.“
Der Sekretär dachte eine Weile nach und grub eine weitere Frage aus: „Irgendwelche Ver­zierungen im Esszimmer?“
„Hm, j – nein.“
„Keine? Überhaupt keine?“
„Nein.“
„Zum Teufel! Ist das nicht ein bisschen komisch? Denken Sie nach!“
Der Junge dachte angestrengt nach; der Sekretär wartete leicht hechelnd.
Der gefährdete Heimatlose blickte traurig auf und schüttelte den Kopf.
„Denken Sie nach – denken Sie nach!“ rief der Major eifrig besorgt – und schenkte wieder Wodka ein.
„Kommen Sie schon!“ sagte der Sekretär. „Nicht mal ein Bild?“
„Oh ja doch! Aber Sie fragten nach Verzierungen.“
„Ah! Was hielt Ihr Vater davon?“
Sein Gesicht wurde wieder rot. Der Junge schwieg.
„Reden Sie,“ sagte der Sekretär.
„Reden Sie!“ rief der Major, und seine zitternde Hand goss mehr Wodka neben die Gläser als hinein.
„Ich – ich kann Ihnen sagen, was er meinte,“ murmelte der Junge.
„Schnell! Schnell!“ drängte der Sekretär. „Raus damit; wir haben keine Zeit zu verlieren – Heimat und Freiheit oder Sibirien und Tod, das hängt von der Antwort ab.“
„Oh, haben Sie doch Mitleid! Er ist ein Geistlicher, und –“
„Macht nichts; raus damit, oder –“
„Er sagte, es wäre der höllischste Alptraum, den er jemals gesehen hätte!“
„Gerettet!“ rief der Sekretär aus und ergriff seinen Nagel und einen Blankopass. „Ich identifiziere Sie; ich habe in dem Haus gewohnt, und ich habe dieses Bild selber gemalt!“
„Oh, kommen Sie in meine Arme, mein armer geretteter Junge!“ rief der Major. „Wir werden Gott auf ewig dankbar sein, dass er diesen Künstler erschaffen hat! – Wenn er es war.“

 

 

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