Der Student.

Obgleich ich noch nicht regelrechter Student war, so wurde mir doch von einem Kreise vortrefflicher junger Leute, der Burschenschaft Frankonia, eine wohltuend warme Begrüßung. Dies verdankte ich meinen Kölner Freunden Theodor Petrasch und Ludwig von Weise, die vor mir die Universität bezogen, sich dieser Burschenschaft angeschlossen und ihren Verbindungsgenossen allerlei übertriebene Dinge von mir erzählt hatten. Nun war ich zu jener Zeit ein über die Maßen schüchterner Jüngling, so schüchtern in der Tat, daß ich mich nur bei meiner Familie und meinen intimen Freunden mit Behagen gehen ließ, während die Begegnung mit fremden Menschen mich gewöhnlich stumm machte, wenn nicht gar außer Fassung setzte. Meine Verlegenheit wurde um so schlimmer, da ich sogleich merkte, daß meine Kölner Freunde in der Frankonia, die zum großen Teil aus sehr tüchtigen jungen Leuten aus Norddeutschland bestand, mit mir besondere Parade machen wollten. Als ich nun über und über errötete und kaum ein Wort hervorzubringen wußte, wenn die Studenten mich anredeten, so war die Enttäuschung so groß, daß mein guter Petrasch mir dieselbe kaum verhehlen konnte. Ich werde nie das Gefühl der Hilflosigkeit vergessen, das mich überkam, als er mich dem damaligen Sprecher der Frankonia, Johannes Overbeck, vorstellte. Overbeck, ein geborener Hamburger, war ein hübscher junger Mann, mehrere Jahre älter als ich, von selbstbewußtem Wesen. Er studierte Archäologie und hatte schon ein Bändchen Gedichte drucken lassen. Alles dies imponierte mir gewaltig, und ich vermochte in der Unterhaltung mit ihm kaum über das notdürftigste Ja oder Nein hinauszukommen. Ich erschien mir selbst wie ein linkischer Landjunge, der sich in gebildeter Gesellschaft nicht zu benehmen weiß, und schämte mich gründlich. Es war eben das erstemal in meinem Leben, daß ich mit Leuten aus anderen Teilen Deutschlands zusammentraf und diese, besonders die Norddeutschen, hatten etwas Vornehm-Überlegenes in ihrem Wesen, dem ich mich nicht gewachsen fühlte. Im späteren Leben ist es mir noch oft beschieden gewesen, ähnliche Gemütszustände durchzumachen.

Meine unregelmäßige Stellung in der Studentenschaft erlaubte mir nicht, als vollberechtigtes Mitglied in die Frankonia einzutreten, aber ich wurde als ein sogenannter „Mitbummler“ der Verbindung angenommen und durfte an ihren gesellschaftlichen Versammlungen auf der „Kneipe“ teilnehmen, fast wie einer, der dazu gehörte. Da die Frankonia sich vor andern studentischen Vereinen durch einen feineren Ton auszeichnete und das massenhafte Biertrinken nicht zur Pflicht machte, so wurde meine Mäßigkeit mir nicht unbequem. Ich saß nun unter den muntern, gesprächigen und zum Teil recht geistvollen Gesellen lange als ein stiller, fast stummer Beobachter. Endlich kam auch meine Stunde.

Die „Kneipabende“ fanden häufig ihren Glanzpunkt in dem Vorlesen der sogenannten „Kneipzeitung“. Irgend ein Mitglied schrieb einen Aufsatz oder ein Gedicht, gewöhnlich satirischen oder sonstwie heitern Inhalts, und trug das Produkt der versammelten Gesellschaft vor.  Eine gute Kneipzeitung zu schreiben, war Gegenstand besondern Ehrgeizes, und nicht selten wurde auf diesem Felde recht Anerkennenswertes geleistet. Es machte sich ganz von selbst, daß ich als still zuschauender Mitbummler die Eigentümlichkeiten meiner neuen Freunde studierte, und ich schrieb dann eine Parodie von Auerbachs Kellerszene im Faust, in welcher ich die hervorragendsten Leute der Frankonia als handelnde Personen vorführte. Das Reimen wurde mir leicht, die Verse flossen bequem und nicht unmusikalisch, die Satire war gutmütig, aber treffend. Meinem Freunde Petrasch teilte ich mein Machwerk im Vertrauen mit. Er jauchzte vor Vergnügen und meinte, besseres sei in dieser Art noch selten geleistet worden. Das glaubte ich ihm nicht, und um keinen Preis hätte ich seinem Drängen nachgegeben, daß ich meine Arbeit bei dem nächsten Kneipabend vorlesen solle. Dann erbot er sich, die Vorlesung selbst zu übernehmen, und dieses gestattete ich nun unter der Bedingung, daß ich nicht als Verfasser genannt werde. Er versprach alles. Mein Herz klopfte mir bis in die Kehle, als ich die Vorlesungen mit anhörte, und ich fühlte mein Erröten, als eins übers andere mal die Gesellschaft in Gelächter und Beifall ausbrach. Der Erfolg war durchschlagend. Den Verfasser erklärte Petrasch nicht nennen zu dürfen, aber damit gab sich die Gesellschaft nicht zufrieden. An mich schien niemand zu denken. Petrasch, der auf meine Leistung so stolz war, als wäre sie seine eigene gewesen, winkte mir über den Tisch zu und flüsterte hörbar: „Darf ich es nicht sagen?“ Dies allein würde das Rätsel gelöst haben, hätte nicht ein anderes Mitglied der Gesellschaft das Manuskript erblickt und meine Handschrift erkannt. Nun gab es großen Jubel. Von allen Seiten stürzte man auf mich ein; des Umarmens war kein Ende, und Petrasch rief immer wieder: „Habe ich es Euch nicht gesagt?“

Das Verschwinden meiner anderen dichterischen Erzeugnisse aus jener Zeit ist mir eine Beruhigung. Aber ich gestehe, diese „Kneipzeitung“ möchte ich gern noch einmal wiedersehen, denn sie hat mir zur Zeit einen unschätzbaren Dienst geleistet. Ihr Erfolg weckte mein Selbstvertrauen. Sie machte den befangenen Landjungen, der auf dem besten Wege war, eine lächerliche Figur zu spielen, plötzlich zu einer sehr respektierten Person in seiner Umgebung. Meine Schüchternheit im Verkehr mit den neuen Kameraden hörte bald auf, meine Zunge zu lähmen, und es bildeten sich höchst angenehme und förderliche Freundschaftsverhältnisse, von denen später noch die Rede sein wird. Viel Zeit konnte ich allerdings meinen Freunden während jenes ersten Universitätsjahres nicht widmen, denn das noch zu bestehende Maturitätsexamen, von dem meine ganze Zukunft abhing, schwebte wie ein drohendes Gespenst vor mir und ließ mir keine Ruhe. Neben den geschichtlichen und philologischen Vorlesungen, die ich bei Aschbach und Ritschl hörte, hatte ich mir alles, was in der Oberprima gelehrt wurde, im Wege des Selbstunterrichts anzueignen; und mit Ausnahme der Mathematik und der Naturwissenschaften gelang mir dies, allerdings mit vieler Arbeit, aber doch ohne wesentliche Schwierigkeiten. Endlich, im September 1847, kam die gefürchtete Krisis, und ich reiste nach Köln, von den angstvollen Gebeten meiner Familie und den wärmsten Wünschen meiner Freunde begleitet. Alles ging vortrefflich. Auch begünstigte mich das  Glück ein wenig. Ich wußte das ganze sechste Buch der Iliade auswendig herzusagen, und es traf sich, daß der Examinator im Griechischen mich gerade aus diesem Buch übersetzen ließ. So konnte ich denn den Text beiseite legen und das mir aufgegebene Stück ohne einen Buchstaben anzusehen ins Deutsche übertragen, was nicht wenig Aufsehen erregte. Meine schriftstellerischen Aufsätze, deutsche und lateinische, sowie meine Leistungen in andern Fächern gefielen so gut, daß man mir meine Schwäche in der höhern Mathematik und den Naturwissenschaften nicht anrechnete. Als die Prüfung vorüber war, und ich das Zeugnis der Reife empfing, gab mir der Regierungskommissar, der mir früher furchtbar wie das dunkle Schicksal erschienen, einen besonders warmen Händedruck mit seinen Wünschen für mein ferneres Wohlergehen auf den Weg.

Triumphierend kam ich nach Bonn zurück. Nun erst konnte ich in der Universität regelrecht immatrikuliert werden und stand dann als vollgültiger, ebenbürtiger Student unter meinen Genossen. Mit neuer Begeisterung und nun auch mit einem Gefühl der Sicherheit gab ich mich meinen philologischen und geschichtlichen Studien hin und dachte mit größerer Ruhe an meine Zukunft, in der meine Phantasie mir eine Professur der Geschichte an einer Universität und eine schöne literarische Tätigkeit vormalte. Ich hoffte, den schlimmsten Stürmen des Lebens entronnen zu sein und einer ruhigen Laufbahn entgegen zu gehen, die allem, was ich an Ehrgeiz besaß, vollständig genügen würde. Wie wenig ahnte ich damals die sonderbaren Schicksale, die so bald all meine Zukunftspläne zerstören und mich in so ganz andere Bahnen werfen sollten! Der heitere Sinn, den mir die gütige Natur geschenkt, und die genügsame Genußfähigkeit, die meine Jugendjahre mir anerzogen, machten mich für den Reiz des freien Studentenlebens in hohem Grade empfänglich. Auch war mir das Glück wieder besonders günstig gewesen, indem es mich sogleich bei meinem Eintritt in die akademische Welt mit dem allerbesten Kreise von jungen Männern in freundliche Berührung gebracht hatte.

Friedrich Spielhagen sagt in seinen Memoiren, daß die Burschenschaft Frankonia „unter den studentischen Verbindungen jener Zeit zweifellos die vornehmste“ gewesen sei. Das war sie in der Tat. Freilich zählte sie unter ihren Mitgliedern keine Söhne hochadeliger Häuser, noch auch Leute von ungewöhnlichem Reichtum. Wenigstens galt der Reichtum für nichts. Um so stärker war in ihr ein geistig vornehmer Ton und ein ernstes wissenschaftliches Streben vertreten, und ich glaube, keine der damaligen studentischen Gesellschaften hatte so viele Jünglinge aufzuweisen, die später als tüchtige Menschen auf ihren verschiedenen Lebenswegen bekannt geworden sind. So traf ich dort zusammen mit Johannes Overbeck, der sich als Archäologe hohe Auszeichnung gewann; von dem gesagt werden sollte, daß er das beste Buch über Herkulanum und Pompeji geschrieben habe, ohne jemals dort gewesen zu sein, und der schließlich an der Leipziger Universität als Professor der Archäologie glänzte; mit Julius Schmidt aus Eutin, der, ohne die regelmäßige Gymnasialbildung genossen zu haben, sich in den vordersten Rang der Astronomen durcharbeitete und, nachdem er der  Welt eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten von seltener Vortrefflichkeit geschenkt, vor wenigen Jahren als Direktor der Sternwarte in Athen starb; – mit Karl Otto Weber aus Bremen, einem Jüngling von sprudelndem Geist und unwiderstehlichem Liebreiz des Gemütes, dessen ausgezeichnete Leistungen als Mediziner ihm später eine Professur in Heidelberg gewannen, und der durch eine diphtheritische Ansteckung, die er sich bei einer Operation in einem desperaten Falle zuzog, seinen Tod gefunden hat, wie ein Held auf dem Schlachtfelde fallend; – mit Ludwig Meyer, der dazu bestimmt war, sich als Irrenarzt und Direktor verschiedener Anstalten rühmlich hervorzutun und dann einen Lehrstuhl an der Universität Göttingen einzunehmen; mit Adolph Strodtmann, der als Biograph Heines, als Verfasser einer Reihe von literargeschichtlichen Schriften und als Übersetzer Vortreffliches gesleistet hat, und von dem im Laufe dieser Erzählung noch oft die Rede sein wird; – mit Friedrich Spielhagen, in dem wir trotz seines etwas verschlossenen und seltsamen Wesens schon damals einen bedeutenden, sittlich und geistig hoch angelegten Menschen erkannten, und der später als Stern erster Größe unter die Romandichter des Jahrhunderts trat; – und mit einer weiteren Reihe von ebenso geistvollen wie liebenswürdigen jungen Leuten von ernstem Streben, die in der Folge zu ehrenvollen, wenn auch weniger hervorragenden Stellungen emporstiegen.

In diese Burschenschaft Frankonia wurde ich nun nach bestandenem Maturitätsexamen als vollberechtigtes Mitglied aufgenommen und fühlte mich, nachdem ich meine Schüchternheit überwunden, heimisch darin. Obgleich in dieser Gesellschaft fleißig und mit ernstem Zielbewußtsein gearbeitet wurde, so war ihr doch alle griesgrämige, kopfhängerische Stubenhockerei fremd, und es fehlte nicht an jugendlichem Übermut. Freilich brach dieser Übermut nicht, oder doch nur selten in denjenigen Exzessen aus, die sonst für das deutsche Studentenleben als charakteristisch gelten. Es gab allerdings einige unter uns, die im Biertrinken Erkleckliches zu leisten vermochten. Aber das Biertrinken wurde keineswegs als eine Kunst gepflegt, in deren Ausbildung man eine Ehre gesucht hätte. Noch weniger hatte der Mäßige von seinen Freunden Mißachtung oder Spott zu befürchten. Mäßigkeit war vielmehr die Regel, und wer diese Regel zu oft oder zu stark verletzte, mußte sich einen Verweis von den Vorstehern der Verbindung gefallen lassen und sogar der Ausschließung gewärtig sein. Ebensowenig nahmen wir an dem Duellunfug teil, in dem die studentischen Korps ihrem Ruhm suchten. Ich kann mich nur zweier Fälle erinnern, in denen, während ich zu der Verbindung gehörte, ein Frankone auf die Mensur ging, und diese Fälle rechneten wir uns keineswegs zur Ehre an.

Es gibt jetzt wohl kein zivilisiertes Volk mehr, in dem die aufgeklärteste öffentliche Meinung nicht das Duell als ein Überbleibsel der Barbarei vergangener Zeitalter ansieht und verurteilt. Während man eine ungewöhnlich tiefe Ehrenkränkung oder eine Schmach, die einer Verwandten oder Freundin zugefügt worden ist, vielleicht noch als eine Entschuldigung des Zweikampfs mit dem Degen oder der Pistole gelten läßt, so erkennt man das Duell doch nicht mehr als eine wirkliche Ehrenrettung, noch auch als einen Beweis wahren Mutes an, und der  gewohnheitsmäßige Duellant, der sich durch häufige Rencontres in den Verdacht bringt, die Gelegenheit zum Streit mutwillig aufzusuchen, erwirbt sich eher den Ruf eines rohen wenn nicht gar verbrecherischen Raufboldes als den eines Helden. Der wahre Gentleman hat aufgehört, sich der Anrufung der Organe des Gesetzes zum Schutz seiner eigenen oder der Seinigen Ehre zu schämen, wenn diese Ehre eines Schutzes bedürfen sollte, und mit Recht hat man angefangen, die Ehre desjenigen verdächtig zu finden, der zu ihrer Verteidigung die gesetzlose Gewalttat den von dem Gesetz gebotenen Mitteln vorzieht. Diese Anschauungsweise bildet sich unwiderstehlich zur öffentlichen Meinung der gesitteten Menschheit aus.

In welchem Lichte steht nun dieser öffentlichen Meinung gegenüber derjenige Teil der „gebildeten Jugend“ auf den deutschen Universitäten da, der nicht etwa gelegentlich zur Rettung wirklich gekränkter Ehre zu dem Duell seine Zuflucht nimmt, sondern das Duell als eine Art von gesellschaftlicher Unterhaltung kultiviert und in der Zahl der ohne irgendwelchen ernstlichen Grund ausgefochtenen Zweikämpfe eine Auszeichnung sucht? Die auf den Universitäten üblichen Vorsichtsmaßregeln haben „die Paukerei“ insofern gefahrlos gemacht, als dabei gewöhnlich nur eine blutige Schramme auf dem Gesicht herauskommen kann. Sich so zu schlagen, erfordert daher nicht mehr Kühnheit, als sich einen Zahn ausziehen zu lassen; vielleicht gar nicht einmal so viel. Eine wahrhafte Mutprobe kann ein solches Duell somit gewiß nicht genannt werden. Die Veranlassung dazu besteht höchst selten in etwas anderem als einer läppischen Zänkerei, mutwillig herbeigeführt nur um eine Herausforderung zu provozieren. Und der Student, der auf diese Weise sein Gesicht mit einem Netz von garstigen Schmarren verunstaltet hat, will dann als ein Held gelten, der tapferer und besser ist als andere, die auf verständigere Art ihre Jugend genießen und den Aufgaben des Lebens gerecht zu werden suchen. Man will das Studentenduell durch die Behauptung verteidigen, daß dadurch unziemliche Streitigkeiten verhütet und gemeine Prügeleien verpönt werden. Aber diese Verteidigung erscheint sofort als völlig haltlos, wenn man auf die Hochschulen anderer Länder blickt, wo das Duell unbekannt, und wo die gemeine Prügelei ebenso selten ist wie auf den deutschen Universitäten – und in der Tat die unziemliche Zänkerei noch viel seltener, denn eine unziemlichere Zänkerei kann es kaum geben, als die mutwillige, durchaus grundlose, die unter den deutschen Korpsburschen üblich ist, um Duelle herbeizuführen.

Auch will man behaupten, daß durch das Duell bei den jungen Leuten das Ehrgefühl angeregt werde. Was für ein Ehrgefühl? Ist es ehrenhaft, ohne den geringsten vernünftigen Grund einen Zweikampf auszufechten? Ist es ehrenhaft, durch ein mutwillig ausgesprochenes beleidigendes Wort irgend jemand zum Duell zwingen zu wollen? Ist es ehrenhaft, diejenigen mit Verachtung zu behandeln, die nicht willig sind, sich um nichts zu schlagen? Diese Anregung des sogenannten Ehrgefühls, die in der Tat auf nichts anderes als die Anregung einer flachen, kindischen Ruhmredigkeit, einer rohen „Renommisterei“ hinausläuft, ist tatsächlich nur die Pflege eines falschen Ehrbegriffes, einer  groben Selbsttäuschung, welche der Jugend nur gefährlich werden kann, indem sie gerade die sittlichen Anschauungen verwirrt, deren Klarheit die wesentlichste Grundbedingung für den Charakter des wahren Gentleman ausmacht. Eine solche Anregung des Ehrgefühls, die nur in einer sehr wohlfeilen Äußerlichkeit besteht, läßt zu leicht vergessen, daß der sittliche Mut des Mannes, der für das, was er als wahr und recht erkennt, unerschrocken, unbeugsam und uneigennützig in den Kampf der Meinungen und Interessen eintritt, hoch erhaben steht über allen Glorien der Mensur und allen Heldentaten des Klopffechters. Und man hat nur zu oft die Erfahrung gemacht, daß die kampflustigsten Studenten gerade dieses echten und höheren Mutes bar, im spätern Leben die servilsten Augendiener wurden, dabei aber immer noch mit den Schmarren im Gesicht als Zeichen ihrer Tapferkeit paradierten. Es hat sich auf natürlichste Weise in dieser Klasse jenes grundsatzlose „Strebertum“ ausgebildet, das in dem Wettbewerb um Stellung und Beförderung sich nicht auf das eigene Wissen und Können, sondern auf gesellschaftliche Verbindung und die Protektion der Mächtigen verläßt und so, was es an Erfolg gewinnt, an Charakter verlieren muß.

Dies war die Ansicht über das Duell, die zu meiner Zeit in der Burschenschaft Frankonia vorherrschte, und es ist gewiß, daß es uns dabei nicht an Ehr- und Selbstgefühl fehlte. Solche Grundsätze verhinderten uns jedoch keineswegs, die Leibesübung zu pflegen, die der Fechtboden bietet, und nicht wenige von uns wären fähig gewesen, sich auch auf der Mensur Respekt zu verschaffen. Ich muß sogar gestehen, daß mir die Fechtschule besonderes Vergnügen machte, und Spielhagen rühmt mir in seinen Memoiren nach, daß ich „eine ebenso gewandte wie wuchtige Klinge führte“. Die Versuchung, mit der erlernten Kunst gelegentlich im Zweikampf einen Unverschämten abzustrafen, lag nahe, aber ich freue mich, dieser Versuchung gewissenhaft widerstanden zu haben. Übrigens trat mir diese Versuchung auch nur einmal recht unmittelbar in den Weg. Eines Abends rannte mich auf dem Markt ein angetrunkener Korpsbursch an, offenbar mit der Absicht, mich zu einer Forderung zu provozieren. Einen Augenblick hatte ich mich zu überwinden, gewann aber dann Besonnenheit genug, ihm ruhig ins Gesicht zu sehen und zu sagen: „Ach, lassen wir doch diese Kinderei!“ Das schien ihn zu verblüffen, denn ohne ein weiteres Wort trollte er sich von dannen.

Sonst übten wir nach Herzenslust die Gebräuche und genossen die Vergnügungen, die dem deutschen Studentenleben eigentümlich sind. Wir trugen mit Stolz unsere Verbindungsfarben auf unseren Mützen und Bändern. Wir „kneipten“ mit Maß und sangen. Wir hatten unsere Kommerse und gingen durch die üblichen Zeremonien mit gebührlicher Feierlichkeit. Wir schoben Kegel und machten unsere Ausflüge nach den umliegenden Dörfen, und es war keine gelehrte Ziererei, sondern eine wirkliche Belustigung, wenn bei solchen Gelegenheiten einige von uns, die ihren Homer besonders fleißig studiert hatten, sich auf Griechisch in homerischen Versen unterhielten, die sie in launiger Weise auf das anwendeten, was man eben tat oder beobachtete. Auch „Spritztouren“ weiter den Rhein hinauf und in die reizenden Nebentäler  erlaubten wir uns, und gesegnet sei das Andenken der Wirte, die nicht engherzig auf der sofortigen Bezahlung ihrer Rechnungen bestanden, gesegnet vor allem das Andenken des biederen Nathan in St. Goarshausen, im Schatten der Loreley, der jeden Frankonen bei sich aufnahm und hegte und pflegte, als wär er sein eigenes Kind. Und wie schwelgten wir in der Poesie der jugendlichen Freundschaften, die mehr als alles andere die jungen Jahre so glücklich machten. Der gereifte Mann soll sich niemals der idealen Schwärmerei schämen, die ihn einst den Arm um die Schulter des Freundes legen und von unzertrennlicher Brüderlichkeit träumen ließ. So werde ich mich auch der Tränen nicht schämen, die ich so reichlich wie irgend ein anderer vergoß, wenn am Schluß des Semesters einzelne Mitglieder unseres Kreises auf Nimmerwiederkehr davonziehen mußten, und wenn dann beim Abschiedstrunk die Gläser zum letzten Male erklangen und das Lied gesungen wurde:

„Wohlauf noch getrunken
Den funkelnden Wein!
Ade nun ihr Lieben,
Geschieden muß sein!“

Ich erinnere mich mehr als eines Abschiedes, bei dem die letzten Strophen des Liedes vor Schluchzen nicht mehr hervorwollten. Noch jetzt kann ich dieses Lied nicht hören, ohne daß es mir mit tiefer Rührung das Herz ergreift, denn ich sehe noch die lieben Gesellen vor mir, wie sich beim Scheiden ihre Augen füllten und sie einander wieder und wieder in die Arme fielen. O diese sorglose, sonnige, idealisch schwärmerische Jugendzeit mit ihren Freunden und Freuden! Wie schnell wurde sie mir von dem bittern Ernst des Lebens überschattet!

Es war am Anfang des Wintersemesters von 1847/48, daß ich den Professor Gottfried Kinkel kennen lernte – eine Bekanntschaft, die für mein späteres Leben von sehr großer Bedeutung werden sollte. Kinkel hielt Vorlesungen über Literatur und Kunstgeschichte, von denen ich eine besuchte. Ebenso nahm ich teil an einem von ihm geleiteten Kursus rhetorischer Übungen. Dies brachte uns in nähere persönliche Berührung. Kinkel war am 11. August 1815 geboren, also zur Zeit, als ich ihm nahe kam, 32 Jahre alt. Er war der Sohn eines evangelischen Pfarrers in Oberkassel am Rhein; und ebenfalls für die theologische Laufbahn bestimmt, studierte er an den Universitäten von Bonn und Berlin. Im Jahre 1836 ließ er sich an der Bonner Universität als Privatdozent der Kirchengeschichte nieder, machte wegen geschwächter Gesundheit 1837 eine Reise nach Italien, wo er sich dem Studium der Kunstgeschichte hingab, und wurde nach seiner Rückkehr Hilfsprediger der evangelischen Gemeinde in Köln. Dahin reiste er jeden Sonntag von Bonn aus, um seine Predigten zu halten, die sich durch einen seltenen rednerischen Schwung auszeichneten. Inzwischen war auch seine Dichtergabe, die durch persönliche Berührung mit Simrock, Wolfgang Müller, Freiligrath und andern beständig neue Anregung empfangen, zur Geltung gekommen. Besonders sein romantisches Epos „Otto der Schütz“ gewann ihm einen bedeutenden Namen. In Köln lernte er die geschiedene Gattin des Buchhändlers Matthieux  kennen, eine Frau von außergewöhnlichen Geistesgaben. Auf einer Rheinfahrt, bei welcher der Kahn umschlug, rettete er sie aus den Wellen, und bald darauf, im Jahre 1843, heiratete er sie. Diese Verbindung mit einer geschiedenen katholischen Frau würde die Stellung des evangelischen Theologen unhaltbar gemacht haben, wäre dieselbe nicht schon durch seine ausgesprochene freisinnige Richtung untergraben gewesen. So gab denn Kinkel die Theologie auf und wurde 1846 an der Universität Bonn als außerordentlicher Professor der Kunst- und Kulturgeschichte angestellt.

Seinen Vorlesungen verlieh die interessante Persönlichkeit des Professors sowie sein fesselnder Vortrag einen besonderen Reiz. Kinkel war ein auffallend schöner Mann, von regelmäßigen Gesichtszügen und von herkulischem Körperbau, über sechs Fuß groß, strotzend von Kraft. Unter seiner von schwarzem Haupthaar beschatteten breiten Stirn leuchtete ein Paar dunkler Augen hervor, deren Feuer selbst durch die Brille, die er damals durch seine Kurzsichtigkeit zu tragen gezwungen war, nicht gedämpft wurde. Mund und Kinn waren von einem schwarzen Vollbart umrahmt. Kinkel besaß eine wunderbare Stimme – zugleich stark und weich, hoch und tief, gewaltig und rührend in ihren Tönen, schmeichelnd wie die Flöte und schmetternd wie die Posaune, als umfaßte sie alle Register der Orgel. In späteren Jahren hat man ihm vorgeworfen, daß in dem Gebrauch, den er von dieser Stimme machte, eine gewisse affektierte Effekthascherei zu bemerken sei. Das mag so gewesen sein, nachdem seine Kräfte angefangen hatten abzunehmen. Aber zu der Zeit seiner vollsten Jugendblüte, als ich ihn zuerst hörte, war es gewiß nicht so. Da klang diese Stimme wie eine Naturkraft, die von selbst aus ungesehenen Quellen entsprang und ohne Anstrengung und Absicht ihre Wirkung hervorbrachte. Ihm zuzuhören war ein musikalischer Genuß und ein intellektueller zugleich. Eine durchaus ungesuchte, natürliche und daher ausdrucksvolle und graziöse Gestikulation begleitete die Rede, die in gehaltvollen, wohlgeordneten und häufig poetisch angehauchten Sätzen dahinfloß und auch trockenen Gegenständen einen anziehenden Reiz verlieh.

Als sich nun Kinkel erbot, seine Schüler in die Kunst des Redens einzuweihen, ergriff ich diese Gelegenheit des Lernens mit Begierde. Er hielt uns keine theoretischen Vorlesungen über Rhetorik, sondern begann sofort damit, uns bedeutende Muster vorzuführen, zu erklären und uns daran zu üben. Als solche Muster wählte er unter anderen größere rednerische Passagen aus den Dramen Shakespeares, und so wurde mir die Aufgabe, die berühmte Leichenrede des Marcus Antonius in Julius Cäsar in ihrer Bedeutung zu erklären, die beabsichtigten Effekte und die Mittel, mit welchen diese erreicht werden sollten, darzulegen und schließlich die ganze Rede deklamatorisch, oder vielmehr rednerisch, vorzutragen. Mit meiner Lösung dieser Aufgabe sprach Kinkel seine Zufriedenheit aus und lud mich dann ein, ihn in seinem Hause zu besuchen. Sogleich folgte ich dieser Einladung, und trotz meiner noch immer nicht ganz überwundenen Schüchternheit entwickelte sich bald zwischen dem Lehrer und dem Schüler ein freundschaftliches Verhältnis. Es war in der Tat nicht schwer, sich mit Kinkel einzuleben.  Er besaß in hohem Maße die heitere Ungebundenheit des Rheinländers. Er liebte es, den Professor beiseite zu legen und im Familien- und Freundeskreise sich in zwangloser Fröhlichkeit gehen zu lassen. Er leerte sein Glas Wein, lachte über einen guten, oder auch gar einen schlechten Spaß herzlich und laut, zog aus allen Lebensverhältnissen soviel Freude, wie daraus zu ziehen war, und grämte sich möglichst wenig, wenn sich ihm das Schicksal unfreundlich erwies. So fühlte man sich bald vertraut und heimisch in seiner Gesellschaft. Gegner hatte er freilich auch. Diese rechneten es ihm als Charakterfehler an, daß er „eitel“ sei. Aber wer ist das nicht – jeder in seiner Weise? Eitelkeit ist die gewöhnlichste und natürlichste aller Charakterschwächen, und zugleich auch die unschädlichste und verzeihlichste, wenn sie unter dem Einflusse eines gesunden Ehrgeizes steht. Ins Maßlose getrieben, wird sie lächerlich und straft sich selbst. So hat’s mich eine lange Lebenserfahrung gelehrt.

Nichts hätte anmutender sein können, als Kinkels Familienleben. Frau Johanna war durchaus nicht schön. Ihre mittelgroße Figur war breit und platt; Hände und Füße, wenn auch nicht besonders groß, doch unzierlich geformt; die Gesichtsfarbe dunkel; die Züge grob und ohne weiblichen Reiz. Dazu verstand sie gar nicht, sich zu kleiden. Ihre Kleider waren gewöhnlich ein wenig zu kurz, so daß ihre breiten Füße, die fast immer in weißen Strümpfen steckten und mit gekreuzten Schuhbändern geschmückt waren, mehr als wünschenswert Aufmerksamkeit auf sich zogen. Aber aus ihren stahlblauen Augen strahlte eine dunkle Glut, die auf Ungewöhnliches deutete. In der Tat, der Eindruck des Unschönen verschwand sofort, wenn sie zu sprechen anfing. Auch dann schien sie zuerst noch von der Natur vernachlässigt zu sein; denn ihre Stimme hatte etwas Heiseres und Trockenes. Aber was sie sagte, pflegte den Zuhörer sofort zu fesseln. Nicht allein sprach sie über viele Gegenstände höherer Bedeutung mit tiefem Verständnis, großem Scharfsinn und auffallender Klarheit, sondern sie wußte auch gewöhnlichen Dingen, alltäglichen Vorkommnissen, durch ihre lebendige, geistvolle Darstellungsgabe ein eigentümliches Interesse zu verleihen. Und immer ließ sie das Gefühl zurück, daß hinter dem, was sie sagte, noch ein großer Reichtum von Kenntnissen und Gedanken aufgespeichert sei. Dazu besaß auch sie den munteren rheinischen Humor, der allen Dingen gern ihre scherzhafte Seite abgewinnt und unter allen Umständen das Genießbare des Lebens hervorsucht. Sie hatte eine ungemein gründliche musikalische Bildung genossen und spielte das Klavier mit Meisterschaft. Ich habe Beethovensche und Chopinsche Kompositionen selten so vollendet wiedergeben hören wie von ihr. Man konnte von ihr sagen, daß sie die Grenzlinie, die den Dilettantismus von der wahren Künstlerschaft scheidet, weit überschritten hatte. Sie komponierte ebenso reizend, wie sie spielte. Obgleich ihre Stimme kein Klangmetall besaß und sie im Singen die Töne scheinbar nur andeuten konnte, sang sie doch mit ergreifender Wirkung. Sie verstand wirklich die Kunst, ohne Stimme zu singen.

Wer nun diese beiden äußerlich so verschiedenen Menschen in ihrem häuslichen Leben beisammen beobachtete, der mußte den Eindruck  empfangen, daß sie aneinander ihre herzliche Freude hatten und die Kämpfe des Lebens mit einer Art von herausfordernder Heiterkeit zusammen durchkämpften. Noch stärker wurde dieser Eindruck, wenn man ihr Glück über die Kinder sah, mit denen ihre Ehe gesegnet war. Auch bildete das Kinkelsche Haus den Mittelpunkt eines Kreises geistesverwandter Menschen, deren gesellige Stunden an geistvoller Fröhlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Es waren dies durchweg Männer und Frauen von freisinniger Denkart auf dem religiösen wie dem politischen Gebiet, die denn auch ihre Meinungen mit kecker Ungebundenheit auszusprechen liebten. An Stoff fehlte es in jenen Tagen nicht.

Die Revolte, die infolge der Ausstellung und Anbetung des sogenannten „heiligen Rocks“ in Trier unter den Katholiken ausgebrochen war und die deutsch-katholische Bewegung hervorgebracht hatte, stand noch in Blüte und gab auch unter den Protestanten dem Drang nach Denk- und Lehrfreiheit neue Anregung. Auch auf dem politischen Felde wehte ein scharfer Luftzug. Die traurige Selbstironie, die öde Kannegießerei vergangener Tage hatte dem Streben Platz gemacht, klar gesteckte Ziele ins Auge zu fassen, und auch dem Glauben, daß dieselben erreichbar seien. Man fühlte das Kommen großer Veränderungen, wenn man auch nicht erkannte, wie nahe es schon bevorstand. In dem Kinkelschen Kreise nun hörte ich manches klar ausgesprochen, was mir bis dahin nur mehr oder minder nebelhaft vorgeschwebt hatte. Ein Rückblick auf den damaligen politischen Geistes- und Gemütszustand der Klasse von Deutschen, zu denen ich gehörte, mag dazu dienen, deren Haltung in den Bewegungen, die dem Jahre 1848 vorangingen, verständlich zu machen.

Das patriotische Herz verweilte gern bei der Erinnerung an das heilige römische Reich deutscher Nation, das einst in seiner Blüte der bekannten Welt Gesetze vorgeschrieben. Aus dieser Erinnerung entsprang dann jene Kyffhäuserromantik mit ihren Zukunftsträumen von der Wiedergeburt deutscher Macht und Herrlichkeit, die für die Jugend einen so poetischen Reiz hatte. Mit Scham gedachte man der Zeit der nationalen Zerissenheit und des öden Absolutismus nach dem dreißigjährigen Kriege, als deutsche Fürsten, alles nationalen Gefühles bar, stets bereit standen, den Interessen und dem Ehrgeiz des Auslandes zu dienen, ja ihre eigenen Untertanen zu verkaufen, um mit dem Erlös den Luxus ihrer liederlichen Hofhaltung zu bestreiten; und mit gleicher Scham der Rheinbundsperiode, als eine Reihe deutscher Fürsten, die von Bayern, Sachsen und Württemberg an der Spitze, bloße Vasallen Napoleons wurden; als ein Teil Deutschlands dazu diente, den andern Teil dem verhaßten Fremdling zu Füßen zu legen, und als der Kaiser des hoffnungslos zerfallenen Reiches im Jahre 1806 seine Krone niederlegte und deutscher Kaiser und deutsches Reich auch dem Namen nach aufhörten zu sein.

Dann kam nach langer, leidenvoller Erniedrigung die große Volkserhebung gegen die napoleonische Zwingherrschaft im Jahre 1813, und mit ihr die Geburt des neuen deutschen Nationalgefühls. An dieses Nationalgefühl appellierte das berühmte Manifest von Kalisch, in dem der König von Preußen in Verbindung mit dem russischen Kaiser das  deutsche Volk zu den Waffen rief und ihm zugleich eine neue und wehrhafte nationale Einigung und Beteiligung des Volkes an dem Geschäfte des Regierens in konstitutionellen Formen in Aussicht stellte. Die Wiedergeburt eines einigen deutschen Nationalreichs, Aufhören der absoluten Willkürherrschaft durch Einführung volkstümlicher Regierungsinstitutionen im Innern – das war das Versprechen des preußischen Königs, wie das Volk es verstand –, das war die Hoffnung, mit der das Volk in den Kampf ging, den es dann mit begeistertem Heldenmut und einer Opferwilligkeit ohne Grenzen siegreich durchkämpfte.

Aber mit dem Siege kam wieder eine Periode bitterer Enttäuschung. Gegen eine einheitliche Reichsverfassung Deutschlands erhob sich nicht nur die Eifersucht des außerdeutschen Europa, sondern auch die Souveränitätsgelüste der kleineren deutschen Fürsten, besonders derer, die als Mitglieder des Rheinbundes in ihrem Range erhöht worden waren; und dazu die selbstsüchtig intrigierende Politik Österreichs, das mit seinen außerdeutschen Besitzungen einen außerdeutschen Ehrgeiz hatte, oder vielmehr von einem außerdeutschen Eigennutz inspiriert wurde. Und diese österreichische Politik wurde geleitet von dem Fürsten Metternich, dem jede Regung deutschen Patriotismus ebenso fremd war, wie er jeden freiheitlichen Gedanken haßte und das Volk als solches fürchtete. So brachten denn die Friedensschlüsse dem deutschen Volk nicht annähernd den verdienten und gehofften Lohn für seine Opfer, und aus dem Wiener Kongreß, der, um Europa auf unabsehbare Zeit eine feste Gestalt zu geben, den Völkerschacher im großen betrieb, ging für die deutsche Nation nichts hervor, als ein Allianzvertrag zwischen den deutschen Staaten, „der deutsche Bund“, mit seinem Organ, dem „Bundestag“, einer Versammlung der Bevollmächtigten der verschiedenen Regierungen ohne die geringste Spur einer Vertretung der Stände oder des Volks. Von einer Garantie und Verwirklichung bürgerlicher Rechte, Preßfreiheit, Versammlungsrecht, öffentlicher Rechtspflege war nicht die Rede. Im Gegenteil, der Bundestag, ohnmächtig als eine Vertretung der Nation nach außen, entwickelte sich nur zu einer gegenseitigen Versicherungsgesellschaft absolutistischer Regierungen, zu einer zentralen Polizeibehörde für die Unterdrückung jeder nationalen oder freiheitlichen Regung im Innern.

Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., hatte unzweifelhaft die in den Tagen der Not und des nationalen Aufschwungs gemachten Versprechen ehrlich gemeint. Aber seine beschränkte Hausvaternatur, sich selbst eines redlichen Willens bewußt, war leicht geneigt, eine möglichst unbeschränkte Autorität seinerseits als notwendig für das Heil der Welt anzusehen. Jedes Streben im Volke nach freien Staatseinrichtungen stellte sich ihm als ein Angriff auf diese absolute Autorität und somit als ein revolutionärer Exzeß dar, und die bloße Äußerung des Wunsches, daß die 1813 gemachten Versprechungen erfüllt werden sollten, war ihm, da er darin eine rebellische Anmaßung des Untertanen sah, Grund genug, diese Erfüllung aufs Ungewisse hinauszuschieben. So wurde er, unbewußt vielleicht, zum Werkzeuge Metternichs, des bösen Genius Deutschlands. Das Ergebnis war eine Periode stupider Reaktion, eine Periode von Ministerkonferenzen zur Vereinbarung despotischer  Maßregeln, von grausamen Demagogenverfolgungen, barbarischen Preßknebeleien, brutaler Polizeiwillkür, zuweilen unterbrochen von liberalen Anläufen in einigen der kleineren Staaten, denen dann noch empörendere Repressionsmaßregeln von Bundes wegen zu folgen pflegten. Und darüber schwebte der Bundestag, die angebliche Verkörperung deutscher Einheit, als wirkliche Verkörperung der bundesmäßig organisierten Polizeiwillkür. So waren die Opfer und der Heldenmut des deutschen Volkes in dem Kampf um nationale Unabhängigkeit belohnt, so die schönen Verheißungen des Jahres 1813 erfüllt worden. Es war eine Zeit tiefster Entwürdigung. Selbst der Franzose, der die Wucht der deutschen Waffen gefühlt, verspottete, nicht ohne Grund, die klägliche Demütigung des Siegers. Der Deutsche war versucht, sein Vaterland zu verachten. Er ironisierte sich selbst.

Die Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. im Juni 1840 erweckte neue Hoffnungen. Er war als Mann von Geist bekannt und hatte als Kronprinz schöne Erwartungen erregt. Man hielt ihn für unfähig, die starre Politik seines Vaters weiterzuführen. Es war auch gerade damals, als die Bedrohung der Rheingrenze durch das französische Ministerium Thiers das deutsche Nationalgefühl wieder einmal mächtig aufbrausen machte, und dann das von millionenstimmigem Chor gesungene Lied „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein!“, wie dreißig Jahre später die „Wacht am Rhein“, den Franzosen drohend entgegenschallte. In der Tat schienen des neuen Königs erste Äußerungen und die Berufung bedeutender Männer zu hohen Stellen die Hoffnung zu ermutigen, daß er ebenso national gesinnt sei wie der patriotischste Teil des deutschen Volkes, und daß die liberalen Strömungen der Zeit in ihm Verständnis und Würdigung finden würden. Eine neue Enttäuschung folgte. Sobald die Forderung hervortrat, daß nun endlich das alte Versprechen der Einführung einer Repräsentationsverfassung erfüllt werden sollte, änderte sich des Königs Ton. Diese Forderung wurde schroff von ihm zurückgewiesen und die Zensur mit erneuter Strenge gegen die Presse gehandhabt. Friedrich Wilhelm IV. war von einem mystischen Glauben an die absolute Königsgewalt von Gottes Gnaden erfüllt. Er hegte romantische Phantasien, die ihn für manche der politischen und sozialen Institutionen des Mittelalters mehr einnahmen als für die Forderungen der Neuzeit. Er hatte Einfälle, aber keine Überzeugungen; Launen, aber keine echte Willenskraft; Witz, aber keine Weisheit. Er besaß den Ehrgeiz, etwas Bedeutendes tun zu wollen, um seinen Namen in die Weltgeschichte zu zeichnen. Aber während er sich und das Volk über allerlei Projekte unterhielt, wollte er doch im wesentlichen alles beim alten lassen. Er glaubte dem Volke den Schein eines Anteils an der Regierung bieten zu können, ohne jedoch die Allgewalt seiner Krone im geringsten zu schmälern. Aber diese Versuche endeten wie alle ähnlichen, von andern Monarchen zu andern Zeiten gemachten. Das Scheinbare und Ungenügende, das er gab, diente nur dazu, bei dem Volke das Verlangen nach dem Wesenhaften und Zulänglichen zu verstärken und zu erhitzen. Revolutionen beginnen oft mit Scheinreformen. Die Provinziallandtage, die der König berief in der Erwartung, daß sie sich bescheiden auf die  ihnen vorgeschriebenen Aufgaben beschränken würden, petitionierten heftig um erweiterte Vertretung des Bürger- und Bauernstandes und um Preßfreiheit. Die 1842 eingerichteten „ständischen Ausschüsse“, welche die Stelle einer einheitlichen Volksvertretung einnehmen, aber nur sehr beschränkte Befugnisse haben sollten, machten die Nichterfüllung des alten Versprechens einer wirklichen Repräsentationsverfassung nur um so fühlbarer und dem Volksgeiste klarer. Das Experiment des Scheinbar-Gebens und Alles-Behaltens konnte nur kläglich mißlingen. Die Petitionen der Provinziallandtage um Preßfreiheit, Schwurgericht und Landesverfassung wurden immer dringlicher. Es half nichts, daß die königliche Regierung diese Petitionen ärgerlich zurückwies, daß sie die Zensur noch mehr verschärfte, daß sie, um die schon erwähnten liberalen religiösen Bewegungen zu dämpfen, die Schulen unter die strengste Kontrolle stellte und frommgläubige Lehrer und entsprechende Lehrbücher an die Stelle von freisinnigeren setzte; daß sie die Lehrfreiheit der Universitäten verkümmerte und selbst die Richter durch Disziplinargesetze zu unterjochen suchte. Die Unzufriedenheit wurde allmählich so allgemein, der Sturm der Petitionen so heftig, das Widerstreben des Volkes gegen den Polizeidespotismus, wie er sich in einzelnen Konflikten, in Köln und Königsberg, betätigte, so drohend, daß die alte Parade der absoluten Königsgewalt nicht mehr ausreichen wollte und ein neuer Schritt auf dem Wege liberaler Neuerung durchaus notwendig schien.

So entschloß sich denn König Friedrich Wilhelm IV. den „Vereinigten Landtag“, eine aus den Mitgliedern der sämtlichen Provinziallandtage bestehende Versammlung, auf den 11. April 1847 nach Berlin zu berufen. Aber es war wieder das alte Spiel. Diese Versammlung sollte ein Parlament vorstellen und doch keines sein. Ihre Berufung sollte für immer ganz von dem Belieben des Königs abhängen. Ihre Befugnisse wurden auf das ängstlichste beschränkt. Sie sollte keine Gesetze machen und keinerlei bindende Beschlüsse fassen können. Sie sollte dem König nur als „Beirat“ bei seinen Entschließungen dienen und ihre Wünsche ihm gegenüber nur im Wege der Petition ausdrücken. In der Rede, mit welcher der König den „Vereinigten Landtag“ eröffnete, erklärte er nachdrücklich, dies sei nun das Äußerste, zu dem er sich verstehen werde; er könne nie und nimmer das Eindrängen eines „beschriebenen Blatts Papier“, einer geschriebenen Konstitution, zwischen Fürst und Volk zugeben; daß Volk selbst wolle nicht das Mitregieren von Repräsentanten; die Vollgewalt der Könige dürfe nicht gebrochen werden; „die Krone solle nach den Gesetzen Gottes und des Landes und nach eigener freier Bestimmung herrschen; sie könne und dürfe nicht nach dem Willen von Majoritäten regieren“; und er, der König, würde die Versammlung nie berufen haben, hätte er nur den geringsten Zweifel gehegt, daß ihre Mitglieder „ein Gelüst hätten nach der Rolle sogenannter Volksrepräsentanten“. Dies sollte nun ausgesprochenerweise die Erfüllung, „und mehr als die Erfüllung“ der in der Zeit der Not gegebenen Versprechungen darstellen.

Allgemeine Enttäuschung und erhöhte Unzufriedenheit folgten dieser Verkündigung. Aber die von dem Könige gemachte Konzession bedeutete  doch viel mehr, als er selbst wohl berechnet hatte. Wer mit absoluter Gewalt regieren will, der darf keine öffentliche Diskussion der Politik und Handlungen der Regierung durch Männer gestatten, die dem Volk näher stehen. Der Vereinigte Landtag konnte allerdings nicht beschließen, sondern nur debattieren. Aber daß er debattieren konnte, und daß diese Debatten tagtäglich durch getreue Zeitungsberichte in die Intelligenz des Landes übergingen, das war eine Neuerung von unberechenbarer Tragweite. Die Haltung des Vereinigten Landtages, auf dessen Bänken sich manche Männer von ungemeiner Fähigkeit und freisinnigen Grundsätzen zusammenfanden, war durchaus würdig, besonnen und maßvoll. Aber der Kampf gegen den Absolutismus begann sogleich, und das Volk folgte ihm mit erregter Teilnahme. Es geschah, was in der Weltgeschichte schon oft geschehen ist: jeder Schritt vorwärts brachte dem Volke die Notwendigkeit weiterer Schritte vorwärts zu lebhafterem Bewußtsein. Und als nun der König, sich der wachsenden Bewegung entgegenstemmend, die gemäßigsten Forderungen des Vereinigten Landtags mit schroffen Worten abschlug und die Versammlung „ungnädig“ entließ, da war die öffentliche Stimmung durch die Regierung selbst in die Bahn gelenkt worden, in der revolutionäre Gedanken wachsen. Einzelne revolutionäre Köpfe hatte es zwar schon lange gegeben. Aber in ihrer Isolierung hatten sie als Träumer gegolten und konnten nur geringe Gefolgschaft gewinnen. Jetzt aber verbreitete sich in weiten Kreisen das Gefühl, daß ein wirkliches Gewitter im Anzuge sei, wenn auch fast niemand die Schnelligkeit seines Kommens voraussah. Früher hatte man sich über das aufgeregt, was Thiers und Guizot in den französischen Kammern, oder Palmerston und Derby im englischen Parlament, oder gar was Hecker, Rotteck und Welcker in der kleinen badischen Landesversammlung sagten. Jetzt lauschte man mit nervöser Begierde jedem Wort, das im Vereinigten Landtag des bedeutendsten deutschen Staates von den Lippen Camphausens, Vinckes, Beckeraths, Hansemanns und anderer liberaler Führer fiel, und es lag ein Gefühl in der Luft, als ob dieser Vereinigte Landtag in seiner Stellung und Aufgabe der französischen Nationalversammlung des Jahres 1789 nicht ganz unähnlich sei. Im Kinkelschen Kreise waren diese Dinge oft Gegenstand lebhafter Besprechung.

Wir Studenten brachten diesen Ereignissen wohl weniger klares Verständnis, aber nicht geringeres Interesse entgegen, als die älteren Leute. Die Burschenschaft hatte ja auch ihre politische Tradition. In den Jahren unmittelbar nach den Befreiungskriegen hatte sie in erster Linie den Ruf nach der Erfüllung der gegebenen Versprechungen erhoben. Sie hatte mit Eifer den nationalen Sinn gepflegt, wenn dieser Eifer auch zuweilen in eine töricht-übertriebene Deutschtümelei ausartete. In den sogenannten Demagogenverfolgungen hatte sie eine ansehnliche Zahl der Opfer gestellt. Die politische Tätigkeit der alten Burschenschaft war allerdings von den jüngeren Verbindungen nicht fortgesetzt worden; aber „Gott, Freiheit, Vaterland“ war doch die Devise geblieben; man trug das verbotene schwarz-rot-goldene Band noch unter der Weste, und viele Mitglieder der neuen burschenschaftlichen Verbindungen erkannten es als ihre Pflicht an, der Tradition getreu, sich  von allem, was in der politischen Welt vorging, wohl unterrichtet zu halten und daran einen regen Anteil zu nehmen. So fanden denn die liberalen Bewegungen der Zeit in uns begeisterungsfähige Parteigenossen, wenn auch wir jungen Leute über das, was praktisch zu tun sei, nicht besonders klare Rechenschaft zu geben wußten.

Im Verfolg meiner Studien hatte ich mich mit großem Eifer auf die Geschichte Europas zur Zeit der Reformation geworfen. Ich dachte daraus in der Zukunft als Professor der Geschichte meine Spezialität zu machen. Die großen Charaktere jener Periode zogen mich mächtig an, und ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, einige davon dramatisch zu gestalten. So entwarf ich denn den Plan einer Tragödie, deren Hauptfigur Ulrich von Hutten sein sollte, und fing an, einzelne Szenen davon auszuarbeiten. Am Anfang des Wintersemesters 1847–48 hatte ich einen jungen Studenten aus Detmold kennen lernen, der zwar nicht in die Frankonia eingetreten war, aber sich doch als „Mitkneipant“ zu der Verbindung hielt. Er hieß Friedrich Althaus. Mehr als irgend ein anderer Mensch meiner Bekanntschaft entsprach er der Vorstellung, die man sich von einem idealen deutschen Jüngling macht. Er war eine durchaus reine und edle Natur und dazu reich mit geistigen Gaben ausgestattet. Da wir so ziemlich dieselben Studien verfolgten, so fanden wir uns leicht. Wir wurden eng miteinander befreundet, und diese Freundschaft ist lange über die Universität hinaus gleich warm geblieben. Ihm vertraute ich mein Huttengeheimnis an, und er ermutigte mich, meinen Plan auszuführen. Glücklich waren die Stunden, wenn ich ihm vorlas, was ich geschrieben und er mir darüber sein gewöhnlich viel zu günstiges Urteil gab. So verging der größte Teil des Winters in angeregten, genußreichen und auch ersprießlichen Bestrebungen. Da kam plötzlich ein gewaltiger Schicksalssturm, der mich wie so viele andere mit unwiderstehlicher Macht aus allen vorausgeplanten Bahnen riß.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

<< Auf dem Gymnasium in Köln.Das Jahr der Revolution. >>
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]