Der Shylock von Barnow

Gerade dem alten, grauen Kloster der Dominikaner gegenüber steht das große, weiße Haus des Juden, hart an der Heerstraße, die von Lemberg nach Skala führt und das düstere Städtchen durchschneidet. Wer in einem der kleinen, schmutzigen Häuser des Ghetto geboren ist, wächst in Ehrfurcht und Bewunderung auf vor diesem Hause und seinem Besitzer, dem alten Moses Freudenthal. Dieses Haus und dieser Mann sind der Stolz von Barnow. Und Beide rechtfertigen auch, jedes in seiner Weise, diesen Stolz.

Da ist zuerst das Haus. Es ist, als wüßte es seinen Wert, so stolz und stattlich steht es da in seinem weißen, reinlichen Aufputz, mit der langen, glänzenden Fensterreihe des ersten Stockwerks, mit den bunten Kaufläden zu ebener Erde, zu beiden Seiten des mächtigen Thorwegs, der einladend geöffnet ist. Denn dieses Haus ist ein Einkehrhaus und die Edelleute wissen seine Vorzüge zu schätzen, wenn sie ins Bezirksamt oder zum Wochenmarkt in die Stadt kommen, und ebenso die Kavallerieoffiziere aus den Dörfern  der Umgegend, wenn sie die Langweile hereintreibt. Aber daneben ist das Haus auch ein Zinshaus, denn im ersten Stockwerk wohnen die vornehmsten Honoratioren von Barnow, der Bezirksrichter und der Arzt, zur Miete und daneben – noch alles Mögliche dazu. Denn es ist fast schwer zu sagen, was alles im Erdgeschoße zusammengedrängt ist. Da findet sich eine Lottokollektur und eine Assekuranz-Agentschaft für Vieh, Menschen und Getreide, eine Tuchhandlung und ein Spezereiwarenladen, eine Weinstube für die vornehmen Gäste und ein Branntweinschank für die Bauern. Und Kollekteur, Agent, Kaufmann und Wirt, dies Alles ist Moses Freudenthal.

Aber der alte, hochgewachsene Mann mit den düsteren Zügen ist noch weit mehr. Seine Familie ist seit Menschengedenken die vornehmste im Städtchen, sein Betständer in der »Schul’« steht der erste in der ersten Reihe. Wie nach seines Großvaters Tode sein Vater, so ist er nach seines Vaters Tode Vorstand der Gemeinde geworden, ohne daß er sich darum beworben, ohne daß es Jemand eingefallen wäre, ihn nicht zu wählen. Er gilt als der frömmste und ehrlichste Mann der Judenschaft. Und dazu sein Reichtum, sein ungeheurer Reichtum!

Seine Glaubensgenossen halten ihn für einen Millionär und sie haben Recht. Denn ihm gehört nicht nur das Haus mit all‘ dem, was d’rum und d’ran ist, auch mehrere Güter der Umgegend kann er mit größerem Rechte sein nennen, als die polnischen Barone und Edelleute, die auf ihnen sitzen. Und das  herrliche Gut Komorówka gehört vollends ihm, nachdem es die früheren Eigentümer, der kleine Graf Smólski und seine schöne Gemahlin Aurora, in wenigen Jahren vergeudet. Es ist ein schönes, großes Gut, und der Graf hatte nicht grundlos aus Verzweiflung den größten Rausch seines Lebens, als er es verlassen mußte.

Würde es euch nach all‘ dem wundern, wenn ihr hören würdet, daß Moses Freudenthal nicht nur der reichste und stolzeste, sondern auch der meist beneidete Mann des Ortes ist?! Aber dem ist nicht so. Fraget den ärmsten Mann in der Judenstadt, den Thoralehrer, der mit seinen sechs Kindern am Hungertuche nagt, oder den Wasserträger, der die Woche hindurch vom frühen Morgen bis zum späten Abend vom und zum Stadtbrunnen keucht, fragt sie, ob sie mit Moses tauschen wollen, und sie würden euch »Nein« sagen. Denn größer als dieses Mannes Reichtum ist sein Unglück.

Ihr könnt es ihm freilich nicht vom Gesicht ablesen, wenn ihr ihn so stolz und stattlich vor dem Thorwege seines Hauses stehen seht. Unter dem kleinen schwarzen Sammetkäppchen quillt das Haar silbergrau hervor; silbergrau und dünn sind auch die beiden langen Locken, die nach der Weise der Chassidim an den Wangen herabfließen. Aber die Gestalt ist noch kräftig und ungebeugt, und der seltsam geschnittene, talarähnliche Judenrock aus schwarzem Tuche kleidet sie stattlich genug. Der alte Mann steht fast bewegungslos da und sieht dem Anstreicher zu, der die Thüre des Branntweinladens mit frischer, giftgrüner Farbe überzieht  und Flasche, Glas und Bretze gelb und weiß darauf malt. Nur selten wendet er den Blick ab, um einem Grüßenden zu danken. Denn es ist heute wenig Leben auf der Gasse. Ein Haufe ruthenischer Bauern torkelt angetrunken zur Stadt hinaus; ein Edelmann fährt in leichter Britschka vorüber; einige arme Dorfgeher, welche die Woche über von Bauernhof zu Bauernhof gegangen und für Geld und Tücher Felle eingetauscht, ziehen mit der erhandelten Ware auf dem Rücken wieder ein. Die Last ist schwer und der Erlös gering, aber auf den bleichen, abgehärmten oder verschmitzten Gesichtern ruht doch ein Schimmer der Freude und des Stolzes. Denn wenige Stunden noch und sie sind nicht mehr elende, mit Lumpen bekleidete Schacherjuden, an denen der Bauer seinen Witz und seine Peitsche prüft, sondern stolze Fürsten, die jubelnd in ihrem Palaste die wonnige Braut empfangen – die Sabbathruhe.

Nur wenige Stunden noch, denn die Sonne neigt zum Untergang und der Freitag Nachmittag geht zu Ende. In den Häusern rüsten sie überall für den Ruhetag; die Gasse liegt im hellen Sonnenglanze verödet. Nur vom Amte her kommt der Bezirksrichter, der gelbe, magere Herr Lozinski, mit einem jungen Fremden den Weg herauf und bleibt einige Minuten plaudernd bei Moses stehen, ehe er die Treppe zu seiner Wohnung emporsteigt. Sie sprechen von den schlechten Zeiten, wie hoch das Agio stehe, und dann, wie schön sich diesmal der April anlasse. Und es ist auch heute ein so lieber, rechter Frühlingstag, wie ihn  dieses Land sonst kaum im Mai zu erleben pflegt. Die Gassen der Stadt sind bis auf einige Kotlachen in der Mitte des Ringplatzes getrocknet, die Luft weht fast sommerlich lau und im Garten der Mönche drüben blühen die Fruchtbäume und der Flieder. »Frühling! Frühling!« jauchzen die Christenkinder, die eben aus der Nachmittagsschule vorübereilen. »Es wird Frühling!« sagt der Herr Bezirksrichter, greift an den Hut und führt seinen Gast die Treppe empor. »Es wird Frühling!« wiederholt der alte Mann unten und streicht sich über die Stirn, als erwache er aus einem Traum … »es wird Frühling!«

»Ein merkwürdiger Mensch, der alte Moses!« plaudert oben der Bezirksrichter zu seinem Gaste, dem neuen Aktuar. »Ich weiß nicht, ein Sonderling. Man würde es ihm nicht ansehen; er weiß mehr vom Jus als der beste Advokat. Und denken Sie nur: er ist der reichste Mann im ganzen Kreise. Man spricht von mehreren Millionen. Und dabei plagt er sich die ganze Woche, als müßte er sein Essen für den Sabbath verdienen!«

»Ein Schmutzian, wie die Juden alle,« sagt der Aktuar und ringelt den Rauch seiner Cigarre in die Luft.

»Hm! doch nicht! Er ist wohlthätig, man muß sagen, sehr wohlthätig. Das macht ihm aber keine Freude und das Verdienen auch nicht. Und doch spekuliert er fortwährend. Für wen? ich bitte Sie, für wen?!«

»Hat er keine Kinder?« fragt der Andere.

»Ja freilich! Das heißt, wie man’s nimmt. Nach  seiner Auffassung hat er keine. Aber kennen Sie seine Geschichte noch nicht?! Die weiß ja alle Welt – da sieht man, daß Sie aus Lemberg kommen. Da haben Sie wohl auch nichts von der Tochter des Alten gehört, von der schönen Esther Freudenthal? Das ist ja ein ganzer Roman, den müssen Sie hören!« …

Der alte Mann, dessen Geschichte alle Welt kennt, lehnt unten noch immer an der Thür seines Hauses und sieht zu, wie die Blütenzweige im Klostergarten im Winde schwanken. Woran er wohl denken mag? An seine Geschäfte nicht. Denn seine Augen sind feucht geworden und um die Lippen zuckt es einen Augenblick wie verhaltener Schmerz. Er legt seine Hand über die Augen, als blende ihn das Sonnenlicht.

Dann richtet er sich auf und schüttelt das Haupt, als wollte er die trüben Gedanken mit abschütteln. »Beeilt Euch! es wird bald Sabbath!« ruft er dem Anstreicher zu und tritt näher heran, um die Arbeit zu besichtigen. Der kleine, buckelige Mann im abgeschabten polnischen Schnürrock ist eben mit den beiden Thürflügeln fertig geworden und hinkt nun mit dem Farbentopf an den Fensterladen. Im hellsten Zinnoberrot hatte diese Tafel einst in schöneren Tagen geprangt und in weißen Buchstaben war darauf jener schlichte Witz zu lesen gewesen, den man überall an den Schenkstuben der jüdisch-polnischen Städtchen findet: »Heute ums Geld, morgen umsonst!« Nun ist die Pracht längst dahin, die Worte sind unleserlich geworden, und emsig führt der Kleine den Pinsel mit dem saftigen  Grün darüber hin. »Wißt Ihr noch, Pani Moschko,« plaudert er dabei, »daß auch dies hier mein Werk ist?« Und er deutet auf das schmutzige Braunrot des alten Anstrichs.

Aber Moses denkt wohl an Wichtigeres und blickt kaum auf. »So?« sagt er dann gleichgültig.

»Ei freilich!« fährt das Männchen eifrig fort. »Erinnert Ihr Euch nicht mehr? Vor fünfzehn Jahren war’s und gerade an einem so schönen Tage wie heute, da hab‘ ich’s gemalt. Das Haus war noch neu und ich noch ein junger Bursch. ›Ich bin zufrieden mit Euch, Janko!‹ habt Ihr damals gesagt. Ihr seid vor dem Thore gestanden, ich glaube gar, an derselben Stelle und neben Euch Eure kleine Esterka. Heilige Jungfrau! was war das Kind schön! Und wie lieb es gelacht hat, wie so ein weißer Buchstabe nach dem andern auf dem roten Grund herauskam! Es hat auch gleich gefragt, was sie bedeuten, das liebe Kind! Und drei Theresienzwanziger habt Ihr mir für die Arbeit gegeben. Ich weiß es noch ganz genau. Ich hab‘ damals gedacht: ›Janko! das ist deine letzte Arbeit in Barnow.‹ Denn der alte Herr von Polanski hat mich nach Krakau schicken wollen, in die Malerschule. Aber er hat bald selbst nichts gehabt und sogar später seine Tochter Jadwiga aus Not und Durst verkaufen müssen, und so bin ich ein Anstreicher geblieben. Ja, der Mensch denkt und … Teufel! der Alte ist fort und ich lüge da nur mich selber laut an wie ein Narr. Der Jud‘ zählt gewiß wieder seine Millionen …«

Aber Janko irrt. Moses Freudenthal zählt in  diesem Momente seine Schätze nicht. Und ungezählt gäbe er sie vielleicht hin, könnte er dadurch die Thatsache aus seinem Leben streichen, durch die er ärmer und elender geworden ist, als der Bettler vor seiner Thüre. Er hat sich in die große dämmerige Wohnstube geflüchtet, in die kein Sonnenstrahl und kein Menschenlaut dringt. Hier darf er sich in den Sorgenstuhl werfen und aufschluchzen aus tiefstem Herzensgrund, ohne daß ihn die Leute fragen, was ihm fehle, hier darf er sein Haupt beugen und sein Haar zerwühlen und die Hände vor das Antlitz pressen. Er weint nicht, er betet nicht, er flucht nicht, aber zischend, wie ein schriller Wehelaut, klingt es immer wieder durch das öde Gemach: »Wie lieb das Kind gelacht hat!« …

So sitzt er lange in der Dämmerung. Dann erhebt er sich und richtet den Blick nach oben, nicht wie ein Flehender – nein! wie ein Mann, der sein gutes Recht fordert. »Mein Herr und Gott!« ruft er, »ich flehe nicht, daß sie wiederkomme, denn durch meine Knechte ließe ich sie von meiner Schwelle jagen; ich flehe nicht, daß sie wiederkomme, denn durch meine Knechte ließe ich sie von meiner Schwelle jagen; ich flehe nicht, daß sie glücklich werde, denn sie hat zu viel gesündigt an Dir und mir; ich flehe nicht, daß sie elend werde, denn sie ist mein Fleisch und Blut; ich flehe nur, daß sie sterbe, damit ich meinem einzigen Kinde nicht fluchen muß, daß sie sterbe, mein Herr und Gott, sie oder ich! …«

Und oben schließt der Bezirksrichter seine Erzählung: »Was aus der hübschen Kleinen geworden ist, weiß man nicht. Man denkt nicht mehr an sie; auch der Alte scheint die Geschichte vergessen zu haben.

Denn sie sind ein herzloses Volk, diese Juden, Einer wie der Andere …«

Es ist Dämmerung geworden im Städtchen, aber Licht in dem Herzen seiner Bewohner. Das düstere winkelige Ghetto strahlt im Glanze von tausend Kerzen und tausend frohen Menschenangesichtern. Wie ein gewöhnliches, natürliches Ereignis und doch zugleich wie eine geheimnisvolle, wonnige Offenbarung ist der Sabbath eingezogen in die Herzen und in die Stuben, und hat alles Dunkel und alle Ärmlichkeit der Wochentage aus ihnen verscheucht. Heute ist jede Kammer erleuchtet und jeder Tisch gedeckt und jedes Herz selig. Der Thoralehrer hat des Hungers vergessen, der Wasserträger der harten Arbeit, der Dorfgeher des Hohnes und der Schläge, und der reiche Wucherer der Prozente. Heute sind Alle gleich und Alle gläubige, fröhliche, demütige Söhne eines Vaters. Das dürftige Talglicht im Thonleuchter und die Wachskerze im silbernen Kandelaber bescheinen dasselbe Bild. Die Töchter des Hauses und die kleinen Knaben sitzen still da und sehen der Mutter zu, die nach altem schönem Brauch ihren Segen über die Sabbathlichter spricht, der Vater langt vom Bücherbrett das mächtige Gebetbuch und giebt es seinem ältesten Knaben, daß er es ihm bis zum Thore der Synagoge nachtrage. Dann treten sie auf die Gasse; die Männer gehen mit den Männern, die Weiber mit den Weibern, wie es die strenge Sitte fordert. Sie sprechen nicht viel mit einander und das wenige ernst und ruhig.

Heute wird keine Klage laut und kein Jubelruf, denn in ihrem Innern ist es Sabbath, tiefer, heiliger Gottesfriede …

Auch in dem großen weißen Hause gegenüber dem Kloster strahlen die Sabbathlichter. Aber eine fremde Hand hat sie entzündet und kein frommer Frauenmund spricht den Segen über sie. In der guten Stube prangt das feinste Linnen auf den Tischen und reicher schwerer Hausrat an den Wänden, doch kein frohes Kinderlachen klingt darin und kein liebes Wort. Nur die vielen Kerzen knistern leise im Verbrennen und das giebt einen traurigen Ton.

Aber der alte Mann, der nun im Festtagsgewand in die Stube tritt, ist der Einsamkeit und dieser Töne schon seit Jahren gewohnt, seit langen, ewig langen fünf Jahren. Früher freilich hat er oft um sich blicken und lauschen müssen, ob die liebe Stimme nicht wieder klinge. Denn ein solcher Abend war es ja, da sein Kind von ihm gegangen. Heute jedoch schreitet er rasch durch die Stube, nimmt das schwere, ledergebundene Buch vom Brette und verläßt eilig das Haus. Oder fürchtet er gerade heute die Geister der Erinnerung, die ihm aus allen Ecken und Enden der einsamen, lichtbestrahlten Stube aufsteigen müssen?!

Wenn dem so, dann ist es thöricht, ihnen entfliehen zu wollen, Moses Freudenthal! Sie heften sich an deine Fersen und sie umschwirren dein Haupt, magst du noch so rasch dahineilen durch die engen, dämmerigen Gäßchen. Sie klingen in deinen Ohren, magst du es auch versuchen, mit den Begegnenden zu plaudern, sie stehen  vor deinen Augen, magst du auch noch so gläubig aufblicken zu den Weihetäfelchen an den Pfosten des Gotteshauses! Und wie du durch die Reihen schreitest und dich auf deinen Sitz niederlassest, da schlagen sie vollends die Flügel über deinem Haupte zusammen und sie blicken dich an aus den Lettern deines Buches und sie rufen dir zu aus den Stimmen der Beter! …

»Jubelt vor Gott! Brechet aus in Freude, in Jubelklang und Sang. Er richtet die Welt nach seinem Rechte, die Völker nach Gerechtigkeit!«

»Und den Einzelnen?« schreit es in dem unglücklichen Mann auf, »den Einzelnen – zermalmt er!« Seine Augen ruhen auf den Zeilen des Buches, seine Lippen flüstern die Worte des Gebetes, aber er betet nicht, er kann nicht beten! Wie ein Gespenst erwacht sein ganzes Leben und drängt sich vor sein Auge, wie ein Gespenst und doch in quälender Greifbarkeit und Lebendigkeit …

»Wer nicht mehr beten kann,« hat ihm sein alter Vater oft gesagt, und er muß heute der Worte gedenken, »den soll man wegweisen von dem Angesichte des Ewigen.« Noch weiß er sich des Tages ganz genau zu entsinnen, da er es vernommen. Damals war er ein Knabe von dreizehn Jahren gewesen und hatte eben zum ersten Male die Betriemen anlegen dürfen, zum Zeichen, daß er in den Bund der Männer getreten. An jenem Tage war ihm das Leben aufgegangen, nicht weich und feenhaft, wie den Glücklichen dieser Erde, sondern hart und nüchtern, wie den anderen Söhnen seines Volkes. Wie alle die Anderen  hatte auch er allmählich gelernt, um zweier Dinge willen zu leben: um zu beten und um Geld zu verdienen. Und als er siebenzehn Jahre alt geworden, da hatte ihn sein Vater in seine Stube gerufen und ihm dort kurz und kühl gesagt, in drei Monate werde er heiraten und Chaim Grünstein’s Rosele sei seine Braut. Er kannte das Mädchen nicht, er hatte es vorher nur zweimal gesehen, und recht angeschaut hatte er es eigentlich nie. Aber der Vater hatte für ihn gewählt und so war es ihm recht gewesen. Und nach drei Monaten war das Rosele sein Weib …

Horch! Jubelnd, sehnend, herzergreifend beginnt nun der Vorbeter das uralte Sabbathlied: »Lecho daudi likras kalle.« Und im stürmischen Chor stimmen die Anderen ein: »Lecho daudi likras kalle« – komm‘, o Freund, der Braut entgegen, den Sabbath laßt uns fröhlich empfangen!

Seltsames Weben in der Seele eines Volkes! Auf die Gottheit und allein auf diese überträgt es alle Glut und alle Sinnlichkeit seines Herzens und seines Geistes. Demselben Volke, welches einst das Hohe Lied gedichtet, den ewigen Hymnus der Liebe, und die Geschichte der Ruth, die schönste Idylle der Weiblichkeit, demselben Volk ist in der tausendjährigen Nacht, Bedrückung und Ruhelosigkeit die Ehe ein Geschäft geworden, geschlossen, um Geld zu erwerben und um die Auserwählten Gottes nicht aussterben zu lassen. Und sie ahnen nicht einmal den entsetzlichen Frevel, der darin liegt.

Auch Moses Freudenthal nicht. Er hat sein Weib hoch gehalten alle Tage ihres Lebens, wie auch sie ihm treu zur Seite gestanden in Freud‘ und Leid. Es war Segen auf seinen Werken, und was er begann, glückte. Mit rastlosem Eifer studierte er die Sprache der Christen und die deutschen Gesetze; der dreißigjährige Mann lernte wie ein Knabe. Nicht die Geldgier allein trieb ihn, auch ein stolzes Streben nach Ehre und Wissen. Und dieses Wissen trug seine Früchte, er wurde reich, sehr reich. Die Edelleute und die Offiziere kamen in sein Haus und beugten sich vor seinem Gelde; aber durch seinen Stolz und seine Ehrlichkeit zwang er sie, sich auch vor ihm selbst zu beugen. Damals beneideten sie ihn alle, und wenn er vorüberging, dann zischelten sie einander zu: »Das ist der glücklichste Mensch im ganzen Kreise.«

Aber war er es wirklich?! Warum war dann seine Stirne so häufig umdüstert, warum weinte dann das Rosele, wenn es allein war, als wollte ihm das Herz brechen?! Auf dem Glücke dieser beiden Menschen, die sich erst allmählich in gegenseitige Achtung hineingewöhnt, lag ein schwerer Schatten: ihre Ehe blieb kinderlos. Und weil eine fremde Hand sie zusammengefügt, weil sie einander doch in tiefster Seele fremd gegenüberstanden, darum konnten sie es nicht verwinden und fanden in sich kein Gegengewicht gegen diesen Schmerz. Der stolze Mann trug sein Weh verschlossen in der Brust und sah fast unbewegt zu, wie sein Weib dahinwelkte. Wenn seine Leute von Trennung sprachen, dann schüttelte er das Haupt, aber sein Mund fand auch kein Wort der Liebe für die Unglückliche. So vergingen lange Jahre. Aber  eines Abends – es war im Winter – als er in die Stube trat und seinem Weibe den »guten Abend« bot, da erwiderte sie seinen Gruß nicht leise, wie gewöhnlich, da blickte sie ihn nicht scheu und gedrückt an, wie sonst, da eilte sie ihm entgegen, da preßte sie sich in seine Arme, als hätte sie jetzt erst das Recht, an seinem Herzen zu ruhen. Überrascht, dann in seligem Ahnen blickte er ihr in das erregte, hocherrötende Antlitz. Dann ergriff er ihre Hand, zog sie auf den Sitz neben sich nieder und lehnte ihr Haupt an seine Brust. Ihre Lippen bebten, aber sie fanden beide kein Wort für ihre Seligkeit, kein armes Menschenwort! …

»Lobet Gott den Allgelobten!« tönt die Stimme des Vorbeters in die Träume des Brütenden. Und die Gemeinde erwidert: »Gelobt sei Gott, unser Herr, der da schaffet den Tag und schaffet die Nacht, der da wälzet das Licht vor die Finsternis und die Finsternis vor das Licht, Er, der Allmächtige, der Beständige, der Gott der Heerscharen!«

»Gelobt sei Gott!« … Mit welchen Gefühlen hatte Moses Freudenthal mit eingestimmt in diesen Ruf an jenem Sabbathabend vor zweiundzwanzig Jahren, an dem er zum ersten Mal als Vater das Haus Gottes betreten! Wie hatte sein Herz geblutet und gejauchzt, wie hatte er geweint vor Freude und Schmerz! Denn wohl war ihm ein Töchterlein geboren worden, aber sein Weib war gestorben an der späten, schweren Geburt. Ergeben und ohne Klage hatte sie die ungeheuren Schmerzen ertragen und selbst in ihren letzten Stunden noch ging ein leises Lächeln über das verblaßte Antlitz, so oft sie die Stimme der Neugeborenen vernahm. Und in jenen qualvollen Stunden hatten sich auch die Herzen der Gatten gefunden, die fremd geblieben in den langen Jahren ihrer Ehe. Er allein verstand es, warum sein Weib sagen konnte: »Nun kann ich zufrieden sterben,« und sie allein verstand es, warum er sich immer wieder über ihre Hand beugte und schluchzte: »Verzeih‘, Rosele, verzeih!« – »Das Kind,« flüsterte sie, »gieb Acht auf das Kind!« Dann zuckte sie zusammen und war tot. Und am nächsten Morgen trugen sie sie hinaus zum »guten Orte«. Er aber zerriß seine Kleider und streifte die Schuhe von seinen Füßen und saß sieben Tage und sieben Nächte auf dem Estrich des Totenzimmers, wie es Trauerbrauch ist in Israel. Er weinte nicht; trocken und glanzlos starrte sein Auge in die Flamme des Totenlichts, das die Woche über brennen muß, damit die heimatlose Seele eine Ruhestatt habe auf Erden, ehe ihr Gott ihren Platz weist. »Er spricht mit der Toten,« flüsterten scheu seine Verwandten, als er immer und immer wieder vor sich hin murmelte: »Nun hätte alles gut werden können und nun bist Du tot!« Aber in milden Thränen löste sich sein Schmerz, als sie ihm das Kind brachten und fragten, wie es heißen solle. »Esther,« erwiderte er, »Esther, wie meine Mutter.« Lange hielt er sein Töchterchen auf den Armen und seine Thränen fielen auf das kleine Antlitz. Dann gab er es der Wärterin zurück und war von da ab gefaßt und ruhig. So  ging die Trauerzeit vorüber. Rastlos und emsig, wie kaum vorher ging er an seine Geschäfte. Ein neuer Geist schien über den Mann gekommen, jeder Tag brachte kühne Unternehmungen und neue waghalsige Pläne. Was kein Anderer versucht hätte, er wagte es, und das Glück blieb ihm treu. Nun führte er auch seinen Lieblingswunsch aus, kaufte den Platz gegenüber den Dominikanern und begann da ein großes Haus zu bauen. So vergingen die Tage in ruheloser Arbeit, des Abends aber saß er stundenlang an der Wiege seines Kindes und blickte in die weichen, noch unausgebildeten Züge. Und in den ersten Monaten hörte die Wärterin oft – es ward ihr fast unheimlich dabei – wie er sich sogar des Nachts erhob, in der Kinderstube niederkauerte und lange Zeit stumm und bewegungslos im Dunkel auf die Atemzüge des schlafenden Kindes horchte. Die Tage wurden zu Monaten und Jahren, die kleine Esther wuchs heran und ward sehr klug und schön. Sie sah dem Vater ähnlich, hatte sein schwarzes, gelocktes Haar, die hohe Stirn und die festen geschlossenen Lippen, aber fremd und rührend standen in diesem trotzigen Kindergesichte die sanften blauen Augen der Mutter. Oft und viel mußte der Vater in diese hellen Kinderaugen blicken. Und in solchen Momenten umfaßte er wohl auch sein Töchterchen und preßte es an sein Herz und gab ihm tausend süße Schmeichelnamen; sonst wies der ernste, verschlossene Mann dem Kinde wenig seine fast wahnsinnige Liebe. Als Esther fünf Jahre alt geworden, zogen sie aus dem engen Hause  in der Judenstadt in das große, weiße Haus gegenüber dem Kloster. Von da ab begann auch Moses für die Erziehung seines Kindes zu sorgen; in seiner Weise freilich oder richtiger, in der althergebrachten Weise. Esther lernte kochen, beten und rechnen; so wußte sie genug für das Haus, für den Himmel und für das Leben. Und was hätte ihr auch der Vater noch außerdem lehren lassen sollen? Das Deutsche etwa? Sprechen konnte sie es, das Lesen und Schreiben schien ihm, wie allen Juden in Barnow, für ein Mädchen unnützer Luxus. Er hatte es gelernt, um seine Geschäftsbriefe zu schreiben und das bürgerliche Gesetzbuch zu verstehen; seine Tochter bedurfte keines von beiden. Oder konnte sie etwa durch größeres Wissen besser und glücklicher werden? »Wenn ein jüdisch Kind gut beten kann,« geht das Wort unter diesen verdüsterten Menschen, »so braucht es nichts anderes, um gut und heiter zu sein!« Und doch sollte die kleine Esther noch das Deutschlesen lernen und viel, viel mehr dazu! …

»Es war eine schwache Stunde!« murmelt der Mann und erhebt sich mit den Anderen zu dem langen Gebete, das man stehend sprechen muß, »eine schwache, thörichte Stunde! Weh‘ mir, daß ich nachgegeben, und Fluch dem, der mich dazu verführt!«

O, wie du da frevelst, Moses Freudenthal! Wie dich das Unglück auch geläutert und dich dein eigen Herz erkennen gemacht, noch immer kannst du es nicht erfassen, daß es eine Sünde gewesen, als du deinem Kinde das Licht und die Welt verschließen gewollt,  und daß du recht gethan, als du in jener Stunde gestattet, daß ein Anderer sie ihm erschließe. O wie du frevelst, alter Mann, wie du dein Herz verhärtest in Selbstsucht und Unverstand, wenn du weiter sprichst: »Das war mein und ihr Unglück! Denn von da ab ward ihr Sinn verstrickt und abwendig gemacht mir und meinem Gotte! O Fluch, Fluch jener Stunde!«

Das aber war vor dreizehn Jahren gewesen, an einem milden, hellen Sommerabend. Auf den Häusern und Plätzen lag das Mondlicht und der Staub der Straße glänzte weit hinaus, wie mattes Silber. Moses Freudenthal saß auf der Steinbank vor seinem Hause und brütete vor sich hin. Es war ihm seltsam weich zu Mute; er mußte immer wieder, ohne daß er es wollte, seiner Jugend und seines verstorbenen Weibes gedenken. Ihm zur Seite saß sein neunjähriges Töchterchen und blickte mit weit geöffneten Augen hinaus in die Mondnacht. Da kam ein Mann die Gasse herauf und blieb vor den Beiden stehen. Moses erkannte ihn nicht sogleich, aber die kleine Esther sprang auf und jubelte: »Onkel Schlome! Das ist schön, daß du zu uns kommst!« Nun erkannte auch Moses den späten Gast und stand befremdet auf. Was wollte Schlome Grünstein bei ihm und woher kannte sein Kind den »Meschumed?« Er war sein Jugendgespiele und der Bruder seines Weibes, aber seit zwanzig Jahren und darüber hatte Moses kein Wort mit ihm gesprochen. Denn mit einem »Meschumed«, mit einem Abtrünnigen vom Glauben, darf der Fromme keine Gemeinschaft haben  und ein solcher Abtrünniger war Schlome in den Augen des Ghetto. Und doch war der bleiche, kränkliche Mann mit den weichen, träumerischen Zügen immer Jude geblieben, lebte still und friedlich unter den Anderen und nützte seinen Reichtum zu Werken des Segens und der Barmherzigkeit. Aber der Makel und der Name klebten ihm aus seiner Jugendzeit unauslöschlich an.

Da war es ihm seltsam ergangen. Der Vater hatte den schüchternen und tiefsinnigen Knaben, der nur in seinen Büchern lebte und da allein Witz und Scharfsinn zeigte, zum Rabbi bestimmt. Schlome war damit zufrieden, studierte sich fast um seine Gesundheit und übertraf bald seine Lehrer. Denn in dem schwachen Knaben loderte eine verzehrende Sehnsucht nach Wissen und Erkenntnis. Diese Sehnsucht ward sein Verderben und der Fluch seines Lebens. Durch Geld und flehentliche Bitten bewog er den christlichen Schulmeister des Ortes, ihm heimlich, in späten Nachtstunden, das verbotene, verhaßte Hochdeutsch zu lehren und die »Christenweisheit«. Von der letzteren aber wußte der Schulmeister selbst nicht allzu viel und half sich damit, daß er seinem ungestümen Schüler, kaum daß dieser lesen konnte, alle Bücher aus der Klosterbibliothek zuschleppte, deren er nur immer habhaft wurde. So las der heranreifende Jüngling die seltsamsten und wirrsten Dinge bunt durcheinander und legte sie sich oft seltsam genug zurecht. Da kam ihm auch eines Tages ein Buch in die Hände, das ihn dem Wahnsinn nahe brachte. Die Form und der  Ton dieses Buches waren ihm wohlbekannt und vertraut, mahnten sie doch an die heilige Thora, aber der Geist, der durch diese Blätter zog, war ein anderer und – dem Jüngling erstarrte das Blut – ein milderer und sanfterer. Denn dieses Buch war das neue Testament. Wie Frühlingsluft wehte es ihn daraus an und doch sträubte sich sein Haar vor Entsetzen. Das also war die Götzenlehre der Christen und so hatte jener Mann gelebt und gewirkt, den seine Väter gekreuzigt und von dessen Bilde man ihn noch jetzt in Haß und Verachtung das Antlitz abzuwenden gelehrt! Der Schlag war zu heftig, Schlome verfiel in gefährliche Krankheit und lag lange Wochen in schwerem Fieber. Oft und viel weinte und sprach der Bewußtlose von dem bleichen Nazarener und dem Kreuz und jenem Buche. Entsetzt hörten es die Eltern und die Nachbarn; sie forschten nach dem Zusammenhang und entdeckten endlich die heimlichen Studien. Bald ging das unheimliche Gerücht durch das Ghetto, Schlome habe Christ werden wollen und sei dafür von Gott mit Wahnsinn gezüchtigt worden. Aber der Jüngling genas und ging wieder unter seinen Glaubensgenossen einher, noch scheuer, noch bleicher, noch gedrückter als vorher. Was in seinem Innern tobte und kämpfte, erfuhr niemand, aber jedes Kind in der Judengasse nannte ihn den »Meschumed« und wußte zu erzählen, daß er seinem Vater mit heiligem Eide geschworen, Jude zu bleiben, wenn dieser ihm dagegen Zweierlei gestatte: alle Bücher zu kaufen und zu lesen, die er wollte, und – unvermählt zu bleiben. Und  er hielt seinen Schwur, auch nachdem ihn der Tod seiner Eltern reich und unabhängig gemacht. So verging sein Leben in dem engen, finstern Ghetto. Er hatte nur einen Freund, das war David Blum, der Krankenpfleger, gleichfalls ein unglücklicher Mensch mit seltsamen Schicksalen. Aber diesen Freund gewann er spät und verlor ihn bald: David Blum starb, ob an den Folgen des Nervenfiebers, ob an gebrochenem Herzen, es war kaum zu entscheiden. Der »Meschumed« betrauerte ihn sehr und dieser Tod riß eine tiefe Wunde in sein ohnehin so freudenarmes Leben; ihm war’s, als wäre da ein Stück seines eigenen Herzens zur frühen Gruft gesunken. Und doch war nicht bloß Beider Schicksal, sondern auch Beider Natur grundverschieden gewesen: David stark und hochstrebend, aber spröde und phantastisch und darum für immer gebrochen, als ihn einmal die Hand des Schicksals traf; Schlome schwach und milde, ein Dulder, den das Schicksal beugen, doch nicht zermalmen konnte. So lebte er fort, mitten unter den Menschen und dennoch entsetzlich einsam; selbst die Armen nahmen die Wohlthaten nur zögernd aus seiner Hand. Und doch liebte er alle Menschen und am meisten die Kinder, die Einzigen, welche diese Liebe erwiderten, obwohl auch sie aus Furcht vor den Eltern nur selten mit ihm verkehren durften. Die kleine Esther, das einzige Kind seiner verstorbenen Schwester, liebte er vollends fast abgöttisch und auch sie hing inniger an ihm, als an dem ernsten, verschlossenen Vater.

Das war der Mann, der in jener Mondnacht  zur Steinbank kam, auf der Moses Freudenthal und sein Kind saßen. »Ich habe mit Euch zu sprechen, Schwager,« sagte er, als dieser ihn kalt und fragend ansah. Und dann, nachdem das Kind auf seine Bitte zur Ruhe gegangen, wiederholte er noch einmal: »Ich habe mit Euch zu sprechen, Vieles und Wichtiges. Setzt Euch nur neben mich, Ihr dürft’s jetzt schon wagen, es ist keine lebendige Seel‘ mehr auf der Gasse …« Moses setzte sich zögernd. »Es ist wegen des Kindes,« begann der »Meschumed«. »Die Sache drückt mir schon lang auf dem Herzen, und da ich eben vorüberging und Euch erkannte, mochte ich’s nicht länger aufschieben. Seht, Schwager, Euer Kind wächst herrlich heran. Sie wird einmal sehr schön werden, aber, was noch mehr, sie ist schon heute sehr gut und so klug, daß es für ihre Jahre zum Verwundern ist. Ihr wißt es kaum, was für Fragen das Kind stellt und wie eigen es sich alles in seinem Kopf zurechtlegt; Ihr wißt es kaum, Schwager!« – »Und woher wißt Ihr’s?« unterbrach ihn Moses und die Stimme klang hart und scharf. »Habe ich Euch gestattet …« Aber der Andere erhob abwehrend seine Hand. »Laßt das, ich bitte Euch, laßt das! Ich könnte Euch trotzig erwidern, daß Esther meiner Schwester Kind ist und daß ich gutes Recht und guten Grund habe zur Sorge und Liebe für Eure Tochter. Aber ich kann und will nicht so sprechen; Trotz und Zorn haben uns lange genug getrennt. Und selbst wenn Ihr mir sagtet, daß ich Eurem Hause fremd sei, fremd oder durch eigne Schuld entfremdet, ich  würde nichts darauf erwidern. Denn um Jemand lieb zu haben, dazu bedarf man nicht des Rechtes der Verwandtschaft, und die Welt ist nicht so reich an Liebe, daß man sie sich verbitten müßte. Aber – Ihr meint doch etwas Anderes! Ihr fürchtet Gefahr für Euer Kind, wenn es mit mir verkehrt. Was Ihr jedem Eurer Diener gestattet, das glaubt Ihr mir nicht gestatten zu dürfen. Und so muß ich Euch fragen: Schwager, haltet Ihr mich für weniger gut, als den letzten Eurer Diener?!« Er hielt inne, doch Moses erwiderte nichts. Es hatte den harten Mann eigen berührt, als er nun wieder die Stimme vernahm, die einst in seiner Jugendzeit so gut und treu zu ihm gesprochen. Aber er schüttelte es ab, und als Schlome seine Frage wiederholte, erwiderte er kalt und ernst: »Meine Diener sind fromm und halten fest an dem Glauben der Väter.« Er sprach die Worte vor sich hin und blickte nicht auf, sonst hätte er den Schmerz und die Bitterkeit sehen müssen, die um des Andern Lippen zuckten. Aber es war kein bitteres Wort, das von diesen Lippen kam. »Seht, Moses,« sagte er tief aufatmend, »es steht ein gutes Wort geschrieben: ›An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!‹ Und mein Leben liegt klar vor Euren, wie vor Aller Augen. Ich war furchtbar einsam, gemieden und weltverloren, aber aus ganzer Seele habe ich mich gemüht, dieses Leben anzuknüpfen an das der Anderen um mich her. Ich habe mich gemüht, es so nützlich zu machen, als es nach dem, was einmal geschehen, noch werden konnte. Ihr seid der erste Mensch – und Ihr werdet  der einzige bleiben – dem ich es sage, daß ich mir bewußt bin, mein Mögliches in dem gethan zu haben, was man Wohlthun nennt und was doch nur Menschenpflicht heißen sollte. Ich habe deshalb freilich kein glückliches und gutes Leben gelebt, aber richtet Ihr, Schwager, richtet Ihr, ob es auf Frevel und Thorheit weist?« Moses strich mit der Hand über Stirn und Augen, als müßte er sich auf die Antwort besinnen. Dann sagte er milder: »Über ein ganzes Leben richten und gerecht richten, das kann kein Mensch, das kann nur der allwissende Gott. Ich will glauben, daß es so ist, wie Ihr sprecht, und wohl Euch, wenn es so ist. Dann könnt Ihr ruhig der Stunde harren, wo Gott Euch richtet. Aber« – unterbrach er sich und fuhr dann fast scheu fort – »glaubt Ihr auch an Gott?!« – »Ja!« erwiderte Schlome und erhob sein Haupt, »ja! ich glaube an ihn. Ich habe ihn in meiner Knabenzeit gesucht und gewähnt, er sei ein Gott des Zornes und der Rache und nur einem Volke das Licht und der Hort; ich habe ihn in meiner Jünglingszeit gesucht und gewähnt, er sei ein Gott der Liebe und des Erbarmens und doch nur Denen gnädig, die ihn verehren in bestimmter Form und Satzung. Später aber habe ich ihn gefunden und erkannt; er ist kein Gott des Zornes und kein Gott des Erbarmens, er ist ein Gott der Gerechtigkeit und der Notwendigkeit. Er ist und ist Allen, auch Denen, die ihn leugnen!« Er hatte sich erregt erhoben, und als er so im Mondlicht vor Moses stand, überkam es diesen seltsam; ihm wars, als leuchte das Antlitz des Mannes. Er  wußte nicht, wie ihm geschah, er mußte auf das Bild des Gekreuzigten blicken, das drüben im Klostergarten stand und sich in dem hellen Lichte scharf abhob vom dunklen Nachthimmel. »Und Der dort?« mußte er fragen und erschrak fast, als er es gesprochen. – »Der dort,« erwiderte der Meschumed und die Stimme klang wunderbar wehmütig und weich, »der dort war ein edler und großer Mensch, vielleicht der beste, der je auf Erden gewandelt. Aber er ist tot und sein Geist ist erstorben, erstorben auch in Jenen, die ihn ihren Erlöser nennen! Die Thörichten – nur durch sich selber wird der Mensch erlöst, durch sich und in sich …« Er hielt inne, auch Moses schwieg. So saßen die beiden Männer eine Weile stumm neben einander, Jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Dann fragte Moses: »Und was wollt Ihr mit dem Kinde?« – »Ich will sein Lehrer werden,« erwiderte Schlome, »denn ich habe es sehr lieb gewonnen in den seltenen Stunden, wo ich es sprechen durfte. Und glaubt mir, das ist kein gewöhnliches Kind! O wäre es doch ein Knabe! habe ich oft denken müssen und doch gleich wieder, – Ihr wißt vielleicht, warum – es ist gut, daß es ein Mädchen ist. Denn in diesem Kinde lebt ein großer Hunger nach Wissen und ein seltsames Ahnen des Lichts …« Aber abwehrend unterbrach ihn der Andere: »Ihr träumt, Schlome! Esther ist kaum neun Jahre alt, und ich, der Vater, habe nie dergleichen bemerkt.« – »Weil Ihr es nicht sehen wollt,« war die Antwort, »oder, verzeiht mir, nicht sehen könnt! Ihr haltet es für Träumerei oder Narrheit,  oder meint, es sei Kinderart so. Ich aber weiß, was es heißt, solches Sehnen im einsamen jungen Herzen zu tragen. Glaubt mir, es wäre Frevel, ließet Ihr all‘ das verkommen, was da emporkeimt. Und darum bitte ich Euch: erlaubt, daß ich Esthers Lehrer werde!« Und wieder war es lange still unter den Männern. Dann endlich erwiderte Moses: »Ich kann nicht, Schwager, ich darf nicht, auch wenn ich wollte. Nicht Euretwegen muß ich so sprechen; von Euch will ich alles Gute glauben und ebenso von dem, was Ihr das Kind lehren würdet. Aber es paßt nicht für meine Tochter. Sie soll ein einfach jüdisch Kind bleiben; ich will es so und es wird so sein. Was soll sie Fremdes erfahren, was ihr Herz sehnsüchtig machen kann und traurig? Mein Kind soll ein frommes, schlichtes Weib werden; es ist das Beste für sie und darum eben will ich es so. Daß sie einen reichen, angesehenen Mann bekommt, dafür hab‘ ich gesorgt.« – »Ja!« erwiderte der Meschumed und zum ersten Mal in dieser Unterredung klang seine Stimme bitter und herbe, »ja! Ihr seid sehr reich und habt Recht: so habt Ihr auch für einen reichen Eidam gesorgt. Das Mädchen ist nun neun Jahre alt; in sechs, sieben Jahren werdet Ihr ihm den reichsten und frömmsten Jüngling in der Runde aussuchen, oder auch einen Wittwer, wenn der noch reicher und frömmer ist. Sie wird ihn freilich nicht kennen, aber das thut ja nichts, dazu hat sie nach der Hochzeit Zeit genug! Dann wird sie ihn vielleicht fürchten oder hassen oder er wird ihr gleichgültig sein. Aber auch das thut nichts! Denn wozu braucht ein jüdisch Weib die Liebe?! Doch nur, um Gott zu lieben und seine Kinder und – o daß ich’s nicht vergesse! – sein bischen Reichtum!« – »Ich verstehe Euch nicht,« sagte Moses zögernd, wie erstaunt. – »Ihr versteht mich nicht?« rief der Andere und erhob sich erregt. »So könnt Ihr sprechen? Ihr?! O Schwager – denkt an meine Schwester!« Moses Freudenthal zuckte auf wie ein Wild, das ein Schuß ins Herz getroffen. Er wollte zürnend erwidern, er wollte den fremden Mahner wegweisen von der Schwelle. Aber er konnte es nicht. Er mußte sein Haupt beugen vor dem Blicke des verachteten, gemiedenen Mannes; er mußte nach langem Kampfe leise, tief aufatmend, sagen: »Es war nicht meine Schuld!« – »Nein,« sprach der Meschumed und seine Stimme klang wieder mild und ruhig, »nein, es war nicht Eure, es war Eures und meines Vaters Schuld. Aber was Ihr an Eurem Kinde thut, das lastet auf Euch, nur auf Euch!« Und als der erschütterte Mann nichts zu erwidern vermochte, fuhr er fort: »Verhärtet nicht Euer Herz, auf daß Ihr nicht frevelt. Denkt an das Wort, das geschrieben steht: ›Gebet zu trinken Denen, die es dürstet!‹ Schwager, darf ich Eurem dürstenden Kinde das Licht und das Leben zeigen?!« Auch darauf hatte dieser nichts zu erwidern vermocht, aber am nächsten Tage ging die seltsame, fast unglaubliche Kunde durch die Gasse, Moses Freudenthal habe sich mit Schlome, dem Meschumed, versöhnt und ihm sogar sein einziges Kind anvertraut.

Das war die Stunde, deren sich der einsame, alte Mann in der Synagoge erinnert, der er aus tiefster Seele geflucht. Und die Erinnerung an diese Sunde folgte ihm auch, als er sich nun mit den anderen Betern erhob und hinaustrat in die lichte Frühlingsnacht. Die engen Gassen waren voll Leben; aus den Fenstern fiel heller Lichtglanz; in den Hausthüren standen die Kinder und die Mädchen und erwarteten ihre Eltern. Der unglückliche Mann malte es sich in grausamer Selbstqual aus, wie schön es wäre, wenn er mit dem Eidam und der Tochter nach Hause ginge und nun daheim die Enkel jubelnd den Großvater empfingen. Jedes Kinderlachen, jeder Willkommgruß ging wie ein Schwert durch sein Herz. Ach, er war doch vielleicht nicht allzusehr zu verdammen, wenn er da innehielt und dumpf und leise vor sich hinsprach: »Wenn Gott gerecht ist, dann wird er den treffen, der das Herz meines Kindes bethört hat, und den, der sein Ohr geöffnet hat für das Wort des Verführers!«

Da fühlte er seine Schulter berührt und wandte sich um und wich dann entsetzt zurück, als hätte er ein Gespenst erblickt. Seine Brust keuchte, seine Augen glühten, seine Hand ballte sich zur Faust. Vor ihm stand der Mann, dem er geflucht, ein kranker, greiser, gebrochener Mann – Schlome, der »Meschumed«.

»Ich muß Euch sprechen!« sagte er zu Moses, »ich habe einen Brief …«

Aber dieser zuckte wild auf in Zorn und Schmerz: »Schweigt, Elender! Ich will nichts hören! …«

Die Leute sammelten sich um die beiden Männer.

Der Meschumed trat näher heran und wiederholte: »Ich muß Euch sprechen. Beschimpft mich, aber hört mich. Sie ist …«

Aber weiter kam er nicht. Wie ein gehetztes Wild eilte Moses hinweg, durch die engen Gassen und über den Marktplatz, bis er vor seinem Hause stand. Halb ohnmächtig sank er auf die Steinbank am Thore. Hier harrte er, bis sein Atem ruhiger ging, bis seine Pulse minder heftig schlugen. Da war’s ihm, als würde irgendwo über ihm sein Name genannt. Im ersten Stockwerk waren die Fenster erleuchtet und weit geöffnet; lautes Lachen klang herab. Die Frau Bezirksrichter hatte heute ihren Empfangsabend. Und nun hörte er’s noch einmal, ganz vernehmlich: sein Name, dann eine stürmische Lachsalve. Aber der alte Mann achtete nicht darauf, er ging in seine Stube und schob Speise und Trank, die ihm die alte Dienerin vorsetzte, von sich. »Sie ist tot,« klang es unablässig in seinen Ohren und in seinem Herzen, »gewiß – sie ist tot!« So saß er voll wilder, dunkler, streitender Gedanken in der einsamen, lichterfüllten Stube. Es war sehr still um ihn; nur die vielen Kerzen knisterten leise im Verbrennen und das gab einen traurigen Ton …

*

Die Frau Bezirksrichter hatte heute ihren Empfangsabend. Im Nebenzimmer spielten die Herren Whist und Tarock, vielleicht auch ein kleines, harmloses Hazardspielchen. Im Salon saßen die Damen um  den großen Theetisch, hielten mächtige Tassen in den Händen, aßen sehr viel Backwerk und unterhielten sich sehr gut. Nur die dicke Frau des dicken Güterdirektors ärgerte sich. Sie hatte sonst, als die Vornehmste in dieser Gesellschaft, den Ton angegeben; für heute war ihr von der Frau des k.k. Hungerleiders, des neuen Aktuars, das Szepter entrissen worden. Denn Frau Emilie kam aus der Hauptstadt, aus Lemberg und hatte die neuesten Moden und Skandalgeschichten mitgebracht. Zum Danke erzählte man ihr die Geschichten des Städtchens, namentlich die der gerade abwesenden Damen. Aber das war nach einiger Zeit erschöpft, es fehlten eben nur wenige. Da kam Frau Emilie auf den glücklichen Einfall, zu fragen, was es denn mit der merkwürdigen Geschichte sei, von der heute der Herr Bezirksrichter ihrem Gatten erzählt habe. »Das kann ich ihnen aus bester Quelle berichten,« erwiderte die Frau Bezirksrichter eifrig. »Wir wohnen schon zwölf Jahre in dem Hause, es ist Alles unter meinen Augen geschehen. Es ist sehr interessant, sogar ein hübscher Husarenoffizier kommt darin vor – so etwas hätten Sie sogar kaum in Lemberg hören können.«

Und sie erzählte: »Also, Sie wissen, es handelt sich um die Esterka, die Tochter des Alten. Als wir hierher zogen, war sie zehn Jahre alt, hübsch groß für dies Alter, mit schwarzen Haaren und großen blauen Augen. Man bekam sie wenig zu sehen, zu hören war sie fast gar nicht; sie saß den ganzen langen Tag und oft bis in die Nacht hinein über den Büchern. Meine Malvina war beiläufig im gleichen Alter und lud sie häufig ein, mit ihr zu spielen. Aber das kleine, hochmütige Judenmädel wollte nichts davon wissen, so vernarrt war sie ins Lernen. An dieser Narrheit war freilich auch ein närrischer Mensch schuld, ihr Onkel Grünstein. Ein wüster, unheimlicher Mensch, weder Jud‘ noch Christ, ganz gottlos – man sagt, er soll Tote beschwören können. Wahrhaftig, Tote aus den Gräbern! – das war der Lehrer der Esterka. Er muß sie wirklich saubere Sachen gelehrt haben, nach drei Jahren war sie ebenso närrisch und ebenso gottlos wie er. So war sie zum Beispiel einmal im Hochsommer, im August, an einem sehr schwülen Nachmittage bei uns. Sie war nämlich im Sticken ganz geschickt und half meiner Malvina eine Arbeit fertig machen. Da ziehen sich die Wolken zusammen, ein furchtbares Gewitter bricht los; es donnert, blitzt und hagelt, als sollte die Welt untergehen. Meine Kleine, die Gottlob eine christkatholische Erziehung genossen hat, fängt laut zu beten an, aber die Jüdin bleibt ganz ruhig. ›Esther,‹ frag‘ ich, ›fürchtest Du Dich nicht vor dem Strafgericht Gottes?‹ – ›Das ist ja das Gewitter gar nicht,‹ erwidert der Naseweis. – ›Nun, und was ist denn der Blitz Anderes?‹ – ›Die Entladung der Elektrizität,‹ ist die Antwort. – ›Also fürchtest Du Dich nicht vor dem Blitz?‹ – ›O ja, weil wir keinen Blitzableiter am Hause haben!‹ Derlei gottlose Reden darf ich aber nicht aufkommen lassen, wenn die Malvina zuhört, darum rufe ich streng: ›Du bist ein gottloses Kind; merke Dir’s, der liebe Gott lenkt den Blitz!‹ – ›Warum hat dann,‹ fragt  das kecke Ding darauf, ›der Blitz im vorigen Sommer auf freiem Felde den Berisch Katz getroffen, den armen Dorfgeher? Er war ein sehr frommer Mann und seine Kinder hungern jetzt.‹ Darauf sag‘ ich nichts mehr, aber am nächsten Tag, wie ich dem alten Moses begegne, erzähle ich ihm das ganze Gespräch. ›Das Kind hat schon eine schöne Bildung,‹ meine ich zum Schlusse, ›und wenn es so fortgeht, kann es noch schöner werden.‹ – ›Es wird nicht so fortgehen,‹ erwidert er finster, ›ich war schon lange entschlossen, der Sache ein Ende zu machen und das Gestrige macht das Gefäß überlaufen.‹ Und richtig – er hat Wort gehalten. Alle Bücher nahm er der Esther weg und setzte sie in den Laden, Düten zu drehen und Zucker zu wägen; den Schlome aber jagte er aus dem Hause.

Das war so im Sommer vor neun Jahren. Und im Herbste, an einem Sabbath Nachmittag kommt die Esther zu meiner Tochter und bittet und weint und fleht, man möge ihr ein deutsches Buch leihen, sonst müsse sie sterben. Denn der Alte hatte ihr alle Bücher weggenommen und hielt sie außerdem so streng, daß sie sich auch unmöglich welche verschaffen konnte. Aber den Umgang mit uns gestattete er ihr. Das war ihm natürlich eine Ehre und er wußte auch, daß ich eine Frau von Grundsätzen bin. Also wie gesagt, die Kleine fleht und weint und klagt so herzbeweglich, daß ich gerührt werde. Und so leihe ich ihr denn, was wir so an deutschen Büchern zufällig im Hause haben: Heines Reisebilder, Klopstocks Messiade, Kaiser Joseph  von Louise Mühlbach, den neuen Pitaval, Eichendorffs Gedichte und die Romane von Paul de Kock. Und das las sie alles, wie ein hungriger Wolf ein Lamm verschlingt, im Laden, wenn der Vater ausging und dann Nachts. Nur beim ersten Roman von Paul de Kock war sie anfangs stutzig und brachte mir das Buch zurück – ich möchte ihr etwas Anderes heraussuchen. Aber ich hatte just keine Zeit und sagte ihr: ›Lies nur, es wird Dir schon gefallen‹. Und richtig gefiel’s ihr, denn den zweiten Roman brachte sie schon nicht zurück, und als sie den dritten verdaut hatte, wollte sie nur diesen Schriftsteller lesen. Damit konnte ich dienen, wir haben die Gesamtausgabe. Sie verschlang den Winter über die hundertachtzig Bändchen. Denn, ich bitte Sie, diese Judenmädel haben ja im Grunde alle gar kein moralisches Gefühl!«

Die Damen stimmen eifrig bei. Nur die Frau des Güterdirektors nicht. Denn diese Frau ist sehr dick, und geistreich ist sie auch nicht, aber sie hat ein braves Herz. »Das war nicht recht!« spricht sie sehr laut und sehr ernst. »Sie haben da eine schwere Schuld auf sich geladen!«

Die Frau Bezirksrichter blickt sie erstaunt an. Wäre sie nicht eine höfliche Frau, eine Frau von Welt und die Hausfrau dazu, sie würde spöttisch lächeln und mit den Achseln zucken. So aber begnügt sie sich, entschuldigend zu sagen: »Mon Dieu! es handelt sich ja nur um eine Jüdin!«

»Nur eine Jüdin!« wiederholt der Chorus der Andern laut und leise. Auch wird viel gekichert.

Und »nur eine Jüdin!« tönt auch eine ernste tiefe Mannesstimme in den Weiberdiskant. Das Spiel im Nebenzimmer ist beendet, die Herren sind zu den Damen getreten. »Sie sind in schwerem Unrecht, Frau Direktor.« Es ist der Arzt des Städtchens, der so gesprochen, ein hochgewachsener, stattlicher Mann. Er ist selbst Jude. Man haßt ihn wegen seines Glaubens, man fürchtet ihn wegen seines Sarkasmus. Aber seiner Stellung wegen muß man ihn dennoch in dieser Gesellschaft dulden, die er aufsuchen muß, weil er keine andere hat in dem kleinen, armseligen Landstädtchen. »Sie sind im Unrecht,« wiederholt er. »Sie können sich noch immer nicht von dem Vorurteil Ihrer deutschen Heimat emanzipieren, das auch im Juden den Menschen sieht. O! daß Sie sich noch immer nicht in die hiesigen Anschauungen schicken können!«

»Spotten Sie nur,« meint die Hausfrau eifrig. »Deshalb behaupte ich doch: es ist in den ungebildeten Jüdinnen sehr wenig moralisches Gefühl!«

»Ja!« ist die trockene Antwort, »besonders wenn man sie durch Paul de Kock bildet. Aber ich bitte, lassen Sie sich nicht stören, fahren Sie fort.«

Und die Frau Bezirksrichter fährt fort:

»Ja, wo bin ich nur geblieben?! Richtig! – Also im nächsten Frühjahr war sie mit meinem ganzen Kock fertig. Andere deutsche Bücher hatte ich auch nicht mehr. Da bat sie mich so lange, bis ich für sie in der Leihbibliothek in Tarnopol abonnierte. Ich that es nicht gerne, es machte viele Scherereien, aber sie bat so sehr, mein Gott, ich hätte ein Marmorherz  haben müssen. Und da las sie alle Bücher nach dem Katalog durch, von About bis Zschokke. Der Alte hatte keine Ahnung davon, er hat es auch nie erfahren. Sie las nämlich nur des Nachts in ihrem Zimmer. Aber ihren Augen schadete diese Anstrengung nicht. Sie hatte die schönsten, klarsten Augen, groß, blau, blau wie der Himmel. Und der Wuchs wie eine Königin, schlank, stolz und doch üppig. Kurz, sie war ein hübsches, wunderhübsches Mädchen. Aber überspannt und verderbt, eine Romannärrin. Als ihr der Alte – sie war sechzehn Jahre alt – einen Bräutigam aussuchte, einen Sohn vom Moschko Fränkel in Chorostkow, einen ganz gesunden Judenjungen in ihrem Alter, da erklärte sie, sie wollte lieber sterben, als ihn heiraten. Aber unser Freudenthal unten ist kein Mensch, der mit sich spaßen läßt. Die Verlobung wurde dennoch gefeiert und die schöne Esther saß beim Feste, bleich und zitternd wie eine Totkranke. Sehen Sie, ich habe gerade kein butterweiches Herz, aber wie ich mir damals so die Esther ansah – ich war hinuntergegangen, weil ich auf die Ceremonie neugierig war – da hatte ich fast Mitleid mit dem Mädel. ›Warum zwingen Sie Ihre Tochter?‹ fragte ich den Alten. Aber der wurde fast grob und erwiderte: ›Verzeihen Sie, aber das verstehen Sie nicht; das ist bei uns ganz anders wie bei Ihnen. Bei uns ist das Ei nicht klüger als die Henne. Und dann kennen wir auch gottlob die Dummheiten von Liebe und dergleichen nicht. Bei uns gehört nur zweierlei zur Ehe: Gesundheit und Geld. Und das  ist hier vorhanden. Die Esther hat insoweit ihren Willen, als die Hochzeit erst in einem Jahre stattfinden wird. Bis dahin wird sie sich fügen lernen. Es ändert sich Manches in einem Jahre.‹

Das Wort des Alten ist wahr geworden; es hat sich wirklich Manches in dem einen Jahre geändert, besonders was die hübsche Esterka betrifft, aber in ganz anderem Sinne, als er es gemeint hatte. Sehen Sie, unser Doktor da hält mich für eine Judenfeindin, aber dennoch bin ich gerecht und sage: das Mädchen, obwohl innerlich verderbt, hatte sich bis dahin äußerlich sehr brav gehalten. Und doch war die Versuchung sehr groß gewesen. Im ganzen Kreise kannte man sie, im ganzen Kreise nannte man sie nur die ›schönste Jüdin.‹ Das Einkehrhaus und die Weinstube unten hatten damals mehr Gäste, als dem Besitzer lieb war. Wenn die jungen Edelleute zum Bezirksamt kamen, so hielten sie nicht einen, sondern drei Gerichtstage; die ledigen Beamten vom Gericht und Steueramt saßen in der Weinstube ihre Amtsstunden ab, und erst die Husarenoffiziere – nun, die hatten dort gar ihre beständige Garnison. Alle kümmerten sich um die Esther, aber sie um Keinen. Sie traf selten mit den Gästen zusammen, dafür sorgte der Vater. Begegnete sie ihnen zuweilen, so erwiderte sie höflich ihren Gruß. Aber all die plumpen und feinen Schmeicheleien prallten an ihr ab, als wäre sie taub, und wollte ihr Einer ungebührlich begegnen, so kam er kurios weg. Davon weiß der junge Baron Starsky ein Lied zu singen – Sie kennen ihn vielleicht – der lange blonde Mensch, dem die merkwürdige Geschichte mit der Gräfin Jadwiga Bortynska passiert ist. Nun, dem begegnete sie einmal, als er eben angetrunken aus der Weinstube kam. Er wird an diese Begegnung denken, er verdankt ihr die schallendste Ohrfeige seines Lebens.

Aber seit ihrer Verlobung wurde das anders. Nicht etwa, als ob sie gegen alle freundlicher geworden wäre. Aber gegen Einen wurde sie es, mehr als notwendig. Dieser Eine war der Rittmeister Graf Géza Szapany von den Württemberg-Husaren. Er war kein gewöhnlicher Mann, dieser Rittmeister, wahrhaftig! Hoch, schlank, mit dunklen Haaren, interessanten, schwarzen Augen und einem allerliebsten Schnurrbärtchen. Ich schmeichle ihm nicht, unsere Freundin Hortensia wird es bestätigen, sie hat ihn auch gekannt …«

Frau Hortensia, die Gattin des Bezirksadjunkten, eine üppige Blondine, wird blutrot und wirft ihrer »Freundin«, der Hausfrau, einen giftigen Blick zu. Dann sagt sie möglichst gleichgültig: »Ich erinnere mich, er war ein hübscher Mann.«

»Hübsch?« fragt die Erzählerin. »Schön war er, sehr schön. Und so interessant! Und das feine Benehmen! Ich sage Ihnen, der verstand sich auf die Frauen, er hatte freilich auch schon genug Erfahrung. Auch die schöne Esterka wußte er bald zu fangen. Er näherte sich ihr fast scheu; er machte ihr kein Kompliment, das wirkte gerade. Und im Übrigen war sie ja, wie gesagt, innerlich verderbt  und überspannt. Nun, und die Geschichte entwickelte sich. Zuerst einzelne Begegnungen, dann viele, zuerst wenige Worte, dann viele, zuerst ein Kuß, dann unzählige … Es war sehr lustig!«

Auch der Gesellschaft kommt es so vor. Die Damen kichern und die Herren lachen. Nur eine Dame kichert nicht: die brave, dicke, deutsche Frau in der Sophaecke. »Sie scheinen die Geschichte nicht so heiter zu finden?« fragt sie ihr Nachbar, der Arzt.

»Nein!« erwidert sie, »es ist ja im Grunde traurig, das arme Mädchen war ja nur ein Opfer!«

»Ja!« sagt der Arzt und seine Stimme vibriert, »sie war ein Opfer! Aber nicht ein Opfer des schönen Rittmeisters, auch nicht das unserer lieben Hausfrau da. Die Sache liegt tiefer, viel tiefer. Wie das Zwielicht unheimlicher ist als die Nacht, so ist die halbe Bildung verderblicher als die Unwissenheit. Die Unwissenheit und die Nacht halten das Auge umfangen und fesseln den Fuß an die Scholle; das Wissen und der Tag öffnen das Auge und lassen uns fröhlich vorwärts schreiten; das halbe Wissen aber und das Zwielicht nehmen uns halb die Binde vom Auge, und lassen uns ins Ungewisse schreiten und – straucheln! Armes Kind! vom reinen Quell hat man sie zurückgerissen, aber es dürstete sie und sie trank aus der Lache. Armes Kind! Sie …«

Aber ein ziemlich deutliches Gähnen macht den Sprecher verstummen. Denn die dicke Frau ist eine brave Frau, aber geistreich ist sie nicht und unverständliche  Reden hört sie nicht gerne an. Die Frau Bezirksrichter aber erzählt inzwischen weiter:

»So wußte Graf Géza sie bald zu Allem zu bewegen. Und als er nach Marburg in die Garnison versetzt wurde, da folgte sie ihm auch dorthin. Als Moses an einem Freitag Abend – es war g’rad so wie heute – nach Hause kam, da fand er das Nest leer. Da war nun ein Gepolter unten, ein Schreien, Weinen und Suchen – es ist nicht mit Worten zu beschreiben. Mein Mann war unten; der Moses hat gerast wie ein wildes Tier; es sind fünf Jahre her, aber ich werde die Nacht nicht vergessen …

Auch in den nächsten Tagen war es sehr unheimlich. Sie machten es gerade so, als ob die Esther gestorben wäre. Die Läden und die Weinstube wurden gesperrt, die Bilder im Hause schwarz verhangen, die Spiegel gegen die Wand gekehrt. In einer Ecke ihres Zimmers brannte durch sieben Tage und sieben Nächte ein kleines Licht, und eben so lange saß der Moses barfuß, mit zerrissenem Gewande, auf der Diele dieses Zimmers. Ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber die Juden sollen sogar am Sonntag darauf die Totentruhe leer auf den Friedhof getragen und dort ein leeres Grab geschlossen haben. Am achten Tage aber stand Moses auf und ging ruhig seinen Geschäften nach. Ich bitte Sie – so ein Jud‘! Er kam sogar am selben Tage zu uns, den Zins zu fordern; ich erkannte ihn kaum, er war während der Woche grau geworden. Er war ganz ruhig und gefaßt und jetzt scheint er seine Tochter ganz vergessen zu haben.

Dem Juden ist ja bekanntlich sein Geld lieber als sein Kind!«

»Und hat man nie wieder etwas von der Esther gehört?« fragt die dicke Frau.

»Doch, einmal. Aber es ist ungewiß. Der kleine Lieutenant Szilagy – Sie kennen den läppischen Lügner! – der auf Urlaub in Ungarn war, erzählt, er habe den Grafen mit der Esther in einer Loge im Pester Nationaltheater gesehen. Aber der Kleine lügt immer. Und dann kann es auch ein anderes hübsches Mädchen gewesen sein«.

»Wissen Sie, meine Damen«, nimmt nun Frau Emilie, die gebildete Lembergerin, das Wort, »wissen Sie, an was mich die Geschichte erinnert hat?! An ein sehr lustiges Theaterstück, das ich einmal in Lemberg gesehen habe. Es ist aus dem Englischen, von einem gewissen … o diese englischen Namen …«

»Vielleicht Shakespeare?« hilft ihr der Arzt.

»Shakespeare,« wiederholt der Bezirksrichter, »das ist ein ziemlich bekannter Dichter.«

»Ja, ein recht hübsches Talent!« meint der Doktor, ernst wie ein Grab.

»Richtig, Shakespeare!« fährt Frau Emilie fort, »und das Stück heißt: ›Der Kaufmann von Venedig‹. Da kommt ein Jud‘ vor – er heißt Shylock – dem auch seine Tochter entführt wird und dem auch sein Geld lieber ist als sein Kind! Und da schlage ich nun vor, wir nennen den Freudenthal von heute ab nicht mehr bei seinem Namen, sondern« – die Sprecherin macht eine Kunstpause – den »Shylock von Barnow!«

Und der Aktuar ist stolz auf seine geistreiche Frau, und die Herren lachen und die Damen kichern und selbst die dicke Direktorsfrau lächelt:

»Ha! ha! ha! Der Shylock von Barnow!«

*

Am nächsten Morgen lachten sie nicht mehr. Sie lachten auch fürderhin nie mehr über den Shylock. Sie nicht und kein anderer Mensch.

Dieser Morgen, der Sabbathmorgen, hatte etwas Entsetzliches mit seinem fahlen Lichte beschienen. Es war ein nasser, nebeliger, unfreundlicher Morgen. Nach Mitternacht hatte der Wind, der sich erst leise, dann immer stärker erhoben, Wolken zusammengetrieben, schwere, schwarze Wolken, die den Mond verhüllten und sich herabsenkten auf das öde Gelände. Dann hatte der Wind geschwiegen, und die Wolken waren immer schwerer herabgesunken und hatten endlich als dichter, kalter Nebel die Ebene bedeckt und das düstere Städtchen.

In den kleinen Häusern schlief alles. Kein Schritt tönte in den engen Gassen. Nur die Hunde wachten in den Hofräumen und der Nachtwächter vor dem Rathause. Dieser würdige Beamte schlief gegen seine Gewohnheit nicht, weil ihn die Hunde nicht schlafen ließen. Diese bellten unaufhörlich. Zuerst die Hunde am Eingang des Städtchens, dann der riesige Hofhund der Dominikaner, endlich der schwarze »Britan« des Moses Freudenthal. Daraus schloß der erfahrene Mann, daß wahrscheinlich ein fremder Mensch durch die Gasse gehe, an dem Kloster vorüber und  auf das Haus des Juden zu. Aber es fiel ihm nicht ein, nachzusehen. Der Nebel machte die Nacht sehr dunkel, die Gassen schlüpfrig. Und der Beamte der Stadt blieb in seiner Nische vor dem Rathause. »Der Britan bellt laut genug,« tröstete er sich, »der Jude wird es hören.«

Er täuschte sich nicht. Man hörte im Hause des Freudenthal das wütende Gebelle. Die alte Dienerin erwachte davon und erhob sich, um nachzusehen oder den Knecht zu wecken. Als sie an dem Zimmer des Herrn vorüberging, sah sie einen Lichtschein durch die Thürspalte fallen, und auf das Geräusch ihrer Schritte trat der alte Moses selbst heraus. Er war angekleidet; er hatte offenbar noch nicht die Ruhe gesucht, obwohl es gegen die zweite Morgenstunde ging. Auch sah er sehr angegriffen aus. »Geht wieder zur Ruhe,« sagte er der alten Frau, »ich will selbst nachsehen.«

In diesem Augenblick schlug der Hund noch einmal laut an, dann verwandelte sich das Gebell in freudiges Gewinsel. Man hörte, wie das mächtige Tier hin und her sprang und an der Thür kratzte. Es hatte den Ankömmling offenbar erkannt und suchte nun zu ihm zu kommen.

Der alte Mann war totenbleich. »Wer mag das sein?« murmelte er. Dann ging er schwankenden Schrittes auf den Hausflur. Die Dienerin wollte ihm folgen. »Zurück!« rief er ihr heftig zu. Eine Kerze nahm er nicht mit, es war ja Sabbath. So tastete er im Dunkel auf das Hausthor zu.

Die Dienerin blieb stehen und horchte. Sie hörte, wie der Hund dem Herrn entgegensprang und dann wieder auf das Thor zu mit demselben stürmischen Freudengewinsel. Dann hörte sie, wie Moses rief, wer draußen sei. Es blieb Alles still; nur der Hund bellte kurz auf. Moses rief noch einmal. Da kam eine Antwort von draußen. Die Dienerin verstand das Wort nicht; ihr klang es wie ein Weheruf. Der alte Mann mußte das Wort verstanden haben. Er öffnete das Thor, trat hinaus und schlug den Flügel hinter sich zu. Der Hund war wohl mit hinausgeschlüpft; die Dienerin hörte nun nur noch gedämpft sein durchdringendes Gebelle.

Dann ward Moses‘ Stimme hörbar; er sprach sehr laut und heftig. Wie ein Schelten klang es und dann wie eine feierliche Verwünschung oder Beschwörung. Aber den Sinn der Worte konnte die alte Frau nicht fassen … Kein sterbliches Ohr hat die Worte vernommen, die Moses Freudenthal zu dem Wesen gesprochen, das in jener unheimlichen Nacht an seine Thüre gepocht.

Nach einer bangen Minute hörte die alte Frau den Thorflügel knarren, Moses kehrte zurück. Er kehrte allein zurück; auch der Hund war draußen geblieben. Dann war es einen Augenblick still, und darauf hörte die Dienerin einen schweren Fall. Sie ergriff eine Kerze – was kümmerte sie in ihrer Todesangst die fromme Satzung? – und eilte zum Thore. Da lag Moses Freudenthal, ohne Regung, bleich wie ein Toter. Als sie sein Haupt erhob, röchelte er leise auf.

Die alte Frau begann ein durchdringendes Jammergeschrei.  Der Knecht, die anderen Diener des Hauses erwachten und kamen herbei. Sie halfen den Herrn emporheben und auf sein Lager betten. Dann eilte man zum Bezirksarzt, der ja in nächster Nähe wohnte, im ersten Stockwerk. Er ließ dem Kranken zur Ader und schüttelte bedenklich den Kopf. Den alten Mann hatte ein Schlaganfall getroffen.

Die Dienerin jammerte, die Knechte standen ratlos umher, der Arzt mühte sich um den Kranken; so vergingen die Stunden bis zum Morgen. An das fremde Wesen vor dem Thore dachte Niemand.

Als der Tag graute, wurde heftig an das Thor geklopft. Der Nachtwächter stand draußen und mehrere Leute, die schon so früh zu Markte gekommen. Sie hatten eine Tote vor dem Thore gefunden, ein ärmlich gekleidetes, abgezehrtes, junges Weib. Der schwarze Britan lag neben der Leiche und winselte und leckte ihr die Hände. Wenn sich ihr Jemand nähern wollte, knurrte er drohend auf.

Der Bezirksarzt trat heraus und beugte sich über die Tote. Er legte noch prüfend die Hand auf ihr Herz; es schlug nicht mehr. Dann blickte er in das starre, bleiche Antlitz. Und er kannte dieses Antlitz. Tief erschüttert richtete er sich empor. Er befahl, daß man die Leiche ins Totenhaus trage. Dann ging er wieder zu dem Kranken, der ohne Besinnung dalag.

Am nächsten Tage begrub man die Esther Freudenthal. Man wußte nicht, welchen Glaubens sie gewesen, ob sie Jüdin geblieben, ob sie Christin geworden. Auch ihr Onkel Schlome, der in wahnsinnigem, fassungslosem  Schmerze an ihrer Leiche kauerte, wußte es nicht. Daher begrub man sie, wo man die Selbstmörder begräbt. Sie war aber Hungers gestorben.

In ihren Kleidern fand man nur ein Päckchen Briefe. Sie hatten alle dieselbe Unterschrift: Géza. Der letzte, welcher den Poststempel eines kleinen ungarischen Städtchens trug, lautete: »Ich will Dir’s ehrlich sagen: ich bin der Geschichte satt! Ich bin jetzt hier, bleibe hier und rate Dir nicht, mich aufzusuchen. Mein Wachtmeister, der Koloman, hat mir versprochen, sich Deiner anzunehmen. Du gefällst ihm. Gefällt er Dir nicht, so geh‘ heim.«

Sie war heimgegangen. –

Der alte Moses starb nicht an den Folgen jener Nacht. Er lebte noch lange; er überlebte seinen Schwager und viele glückliche, gesegnete Menschen. Ein düsterer, einsamer, unheimlicher Mensch, so wankte er dem Grabe zu. Als er starb, weinten nur die Klagefrauen, die dazu gemietet waren. Sein großes Vermögen vermachte er dem Wunderrabbi von Sadagóra, dem heftigsten Feinde des Lichts, dem eifrigsten Verfechter des alten, finstern Glaubens.

Das ist die Geschichte vom Moses Freudenthal, den sie den »Shylock von Barnow« nannten.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

Nach dem höheren Gesetz >>
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]