Der schwarze Peter

 

Ich habe meinen Freund Sherlock Holmes nie in einer besseren Verfassung des Körpers und Geistes gesehen als im Jahre 1895. Seine zunehmende Berühmtheit brachte ihm eine ungeheuere Kundschaft. Ich kann jedoch, ohne indiskret zu werden, die Persönlichkeiten aus den höchsten Kreisen, welche unser bescheidenes Heim in der Bakerstraße aufsuchten, nicht einmal andeutungsweise bezeichnen. Holmes lebte aber, wie alle großen Künstler, nur seiner Kunst, und, abgesehen vom Fall des Herzogs von Holdernesse, habe ich ihn selten eine größere Summe für seine unschätzbaren Dienste verlangen hören. Er war so wenig materiell veranlagt – oder vielmehr, er war so eigensinnig – daß er häufig Mächtigen und Reichen seinen Beistand versagte, wenn ihm ihre Fälle nicht paßten, während er für die Angelegenheiten irgend eines armen Klienten oft wochenlang angestrengt arbeitete, wenn sie jene eigenen Umstände und Verwickelungen zeigten, die seine Einbildungskraft reizten und seinen Scharfsinn anspornten.

In diesem denkwürdigen Jahr 1895 hatten eine Menge der eigentümlichsten und absonderlichsten Fälle seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, von der berühmten Aufklärung des plötzlichen Todes des Kardinals Tosca – eine Untersuchung, die er auf ausdrücklichen Wunsch des Papstes betrieben hatte – bis hinunter zu der Festnahme Wilsons, des bekannten Kanarienzüchters, wodurch aus dem Osten Londons ein wahrer Schandfleck beseitigt wurde. Auf diese beiden Fälle folgte die Tragödie von Woodmans Lee, jene dunkele Geschichte vom Tode des Kapitäns Peter Carey. Eine Niederschrift der Taten Sherlock Holmes‘, die gerade diese ungewöhnliche und auffallende Begebenheit nicht enthielte, würde nicht vollständig sein.

Während der ersten Juliwoche war mein Freund so häufig und so lange von Hause weg gewesen, daß ich merkte, er müsse etwas Wichtiges vorhaben. Aus der Tatsache, daß in dieser Zeit mehrere handfeste Kerle ankamen und nach Kapitän Basil fragten, entnahm ich, daß Holmes irgendwo in einer seiner zahlreichen Verkleidungen und unter einem falschen Namen arbeitete. Er hatte nämlich in den verschiedenen Teilen Londons mindestens fünf kleine Schlupfwinkel, wo er sich umkleiden und seine gefürchtete Persönlichkeit verheimlichen konnte. Er hatte mir nichts von seinem Vorhaben gesagt, und ich pflegte nicht, Vertrauen zu erzwingen. Das erste Anzeichen, aus dem ich auf seine Tätigkeit schließen konnte, war ganz ungewöhnlicher Art. Er war vor dem Frühstück fortgegangen, und als ich am Tische saß, trat er ins Zimmer, den Hut auf dem Kopf und einen riesigen Speer wie einen Regenschirm unter dem Arm.

»Heiliger Himmel, Holmes!« rief ich. »Du bist doch nicht etwa mit diesem Ding in London umherspaziert?«

»Ich bin damit zu einem Schlächter gefahren und wieder zurück.«

»Zu einem Schlächter?«

»Ja, und ich bringe einen guten Appetit mit. Körperliche Uebungen vor dem Frühstück sind zweifellos sehr wertvoll. Aber ich wette mit dir, daß du nicht raten wirst, worin meine Uebung bestanden hat.«

»Das will ich lieber gar nicht versuchen.«

Er schüttelte sich vor Lachen, als er sich den Kaffee eingoß.

»Wenn du in Allardyce’s Metzgerladen einen Blick hättest werfen können, so würdest du nach dem Hof zu ein totes Schwein an einem Haken an der Decke haben hängen sehen, das fortwährend hin- und herpendelte, und dazu einen Herrn in Hemdärmeln, der mit diesem Instrument wütend darauf losstach. Diese energische Person war ich. Und ich habe zu meiner Befriedigung festgestellt, daß ich auch bei der äußersten Kraftanstrengung das Schwein nicht mit einem einzigen Stich durchbohren kann. Vielleicht versuchst du’s auch ‚mal?«

»Um alles in der Welt nicht. Aber wozu hast du das getan?«

»Weil es mir indirekt mit dem Geheimnis von Woodmans Lee in Zusammenhang zu stehen schien. – Ah, Herr Hopkins, ich erhielt gestern abend Ihre Drahtnachricht und erwartete Sie. Kommen Sie her und frühstücken Sie mit uns.«

Unser Besucher war ein ungeheuer lebhafter Mann von etwa dreißig Jahren. Er trug einen einfachen Anzug, man konnte an seiner strammen Haltung aber doch sehen, daß er an Uniformen gewöhnt war. Ich erkannte in ihm sofort den jungen Polizeiinspektor Stanley Hopkins wieder, auf dessen Zukunft Holmes große Hoffnungen setzte, und der seinerseits wie ein Schüler die wissenschaftlichen Methoden des berühmten Dilettanten mit Bewunderung und Hochachtung hörte und verfolgte. Hopkins hatte die Stirne in Falten gezogen und zeigte sich sehr niedergeschlagen.

»Nein, danke, Herr Holmes. Ich habe schon gefrühstückt, ehe ich herkam. Ich bin die Nacht in der Stadt geblieben, nachdem ich gestern abend bei Ihnen war, um Ihnen Bericht zu erstatten.«

»Und was hatten Sie mir zu berichten?«

»Fehlschläge, lauter Fehlschläge.«

»Sie haben keine Fortschritte gemacht?«

»Gar keinen.«

»Ei, ei! Da muß ich mir die Sache ‚mal ansehen.«

»Ich wünschte bei Gott, daß Sie’s täten, Herr Holmes. Es ist meine erste größere und aussichtsreichere Sache, und ich komme nicht weiter. Seien Sie so gut und helfen Sie mir.«

»Glücklicherweise kenne ich schon den Tatbestand und habe auch den Bericht über die erste Untersuchung ziemlich sorgfältig studiert. Nebenbei bemerkt, was haben Sie aus dem Tabaksbeutel gemacht, den man auf dem Schauplatz des Verbrechens gefunden hat? Bietet der keinen Anhaltspunkt?«

Hopkins sah meinen Freund überrascht an.

»Er gehörte doch dem Ermordeten, die Anfangsbuchstaben seines Namens standen innen drin. Er ist aus Seehundsfell – und sein Besitzer ein alter Seemann.«

»Er hatte aber selbst keine Pfeife.«

»Allerdings nicht; eine Pfeife haben wir nicht gefunden; er war auch nur ein ganz schwacher Raucher und hat den Tabak nur für seine Freunde gehabt.«

»Ohne Zweifel. Ich erwähne es auch nur, weil ich ihn zum Ausgangspunkt meiner Untersuchung gemacht haben würde, wenn ich den Fall aufzuklären gehabt hätte. Jedoch, mein Freund Dr. Watson kennt die Sache noch gar nicht, und auch ich würde die Ereignisse gerne noch einmal in der richtigen Folge und im Zusammenhang hören. Erzählen Sie uns also die Geschichte kurz noch einmal.«

Hopkins nahm ein Blatt Papier aus der Tasche.

»Ich habe mir hier ein paar Daten notiert, aus denen Sie die Laufbahn des Ermordeten ersehen können. Peter Carey wurde 1845 geboren – stand also im Alter von fünfzig Jahren. Er war ein äußerst verwegener Robben- und Walfischjäger. Im Jahre 1883 war er Kapitän des Walfischdampfers »Sea Unicorn« aus Dundee. Auf diesem hat er mehrere erfolgreiche Reisen gemacht und sich im folgenden Jahre, 1884, zurückgezogen. Dann hat er ein paar Jahre größere Landreisen unternommen, und schließlich ein kleines Grundstück: Woodmanns Lee bei Forest Row in Sussex gekauft. Dort hat er sechs Jahre gelebt, und dort ist er gerade heute vor acht Tagen gestorben.

»Es war ein sonderbarer Mann, dieser Kapitän. Gewöhnlich war er ein strenger Puritaner – ein wortkarger, finsterer Mensch. Sein Haushalt bestand aus seiner Frau und einer Tochter von zwanzig Jahren und zwei Dienstmädchen, die sehr häufig wechselten, denn ihre Stellung war nie sehr angenehm und zuweilen unerträglich. Er war ein periodischer Säufer, und wenn er in seinem Stadium war, gebärdete er sich wie der leibhaftige Teufel. Er hat dann öfter mitten in der Nacht Frau und Tochter zum Haus hinausgejagt und sie im Garten geschlagen, sodaß durch ihr Schreien die ganze Nachbarschaft aufgeweckt worden ist.

»Er war einmal wegen eines Angriffs auf den alten Ortsgeistlichen angeklagt, der gerufen worden war, um ihm wegen seines Benehmens Vorstellungen zu machen. Kurzum, Herr Holmes, im ganzen Umkreis existierte kein gefährlicherer Kerl als Peter Carey, und ich habe mir sagen lassen, daß er schon ebenso gewesen ist, als er sein Schiff befehligte. Er war in der Handelsflotte unter dem Namen ›Der schwarze Peter‹ bekannt, der ihm nicht nur wegen seiner dunkelbraunen Gesichtsfarbe und wegen seines riesigen schwarzen Bartes beigelegt worden war, sondern auch wegen seiner wilden Sinnesart, die ihn zum Schrecken seiner Umgebung machte. Ich brauche kaum zu sagen, daß er von allen seinen Nachbarn verwünscht und gemieden wurde, und daß ich kein einziges Wort des Mitleids für ihn aus Anlaß seines schrecklichen Todes gehört habe.

»Sie werden auch von der Kajüte gelesen haben, Herr Holmes, aber Ihr Freund wird es nicht wissen. Der Kapitän hatte sich nämlich, ein paar hundert Meter vom Wohnhaus entfernt, eine kleine hölzerne Hütte hergestellt, die er stets als seine Kajüte bezeichnete und worin er zu schlafen pflegte. Das kleine Häuschen bestand aus einem einzigen Raum, der nur sechzehn Fuß lang und zehn Fuß breit war. Den Schlüssel dazu hatte er immer in der Tasche; er machte das Bett selbst, machte selbst rein, und es durfte ihm niemand über die Schwelle kommen. An zwei Seiten sind kleine Fensterchen, die verhängt waren und nie geöffnet wurden. Eins lag nach der Straße zu, und wann die Leute des Nachts Licht im Zimmer sahen, machte einer den anderen darauf aufmerksam, und man wunderte sich, was der schwarze Peter wohl drin machte. Dieses Fenster, Herr Holmes, ist, wie sich aus der Beweisaufnahme ergeben hat, auch der einzige schwache Anhalt, den wir haben.

»Sie werden sich erinnern, daß zwei Tage vor dem Mord in der Nacht um zwei Uhr ein Steinmetz, namens Slater, der von Forest Row kam, stehen geblieben ist, als er an dem Grundstück vorüber ging und noch Licht sah. Er schwört, daß der Schatten eines Männerkopfes deutlich an dem Fenstervorhang zu erkennen war, daß es aber keinesfalls der Peter Careys war, den er gut kannte. Es war zwar auch ein bärtiger Kopf, aber dieser Bart war kurz und ganz anders als derjenige des Kapitäns. Das ist seine bestimmte Angabe, aber der Mann hatte vorher zwei Stunden im Wirtshaus gesessen, und außerdem ist die Entfernung von der Straße bis zum Fenster ziemlich groß. Im übrigen war das am Montag, und das Verbrechen ist am Mittwoch passiert.

»Am Dienstag befand sich Peter Carey in einer der furchtbarsten Stimmungen, er trank schrecklich und war wie ein wildes Tier. Er strich um das Haus herum, und die Weiber flüchteten, als sie ihn kommen hörten. Spät am Abend ging er hinunter in seine Kajüte. Um zwei Uhr nachts hörte seine Tochter, die bei offenem Fenster schlief, einen entsetzlichen Schrei aus dieser Richtung. Da es jedoch nichts Ungewöhnliches war, daß er in seinem Rausch schrie und lärmte, achtete sie nicht weiter darauf. Am Morgen sah eines der Mädchen, daß die Tür seiner Kajüte offen stand; es hatten aber alle eine so fürchterliche Angst vor dem Mann, daß es bis zum Mittag dauerte, ehe sich jemand hinunter wagte, um nachzusehen. Als sie durch die offene Tür guckten, bot sich ihnen ein Anblick, daß sie schreckensbleich ins Dorf flohen. In einer Stunde war ich zur Stelle, um den Tatbestand aufzunehmen.

»Nun, wie Sie wissen, Herr Holmes, habe ich leidlich starke Nerven, aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich zusammenfuhr als ich in die Hütte trat. Ein Schwarm grauer Stubenfliegen und blauer Schmeißfliegen summte, als ob ein Harmonium gespielt würde, und Fußboden und Wände sahen aus wie in einem Schlachthaus. Er hatte das Ding Kajüte genannt, es machte auch wirklich den Eindruck einer Kajüte, denn man konnte sich recht gut auf ein Schiff versetzt fühlen. Sie war tatsächlich so ausgestattet wie ein Kapitänszimmer, an den Wänden standen Bänke und Koffer, hingen Land- und Seekarten und ein Bild der ›Sea Unicorn‹, und auf einem Wandbrett stand eine Reihe gebundener Schiffsjournale. Mitten zwischen all‘ diesen Sachen hing an einer Wand der Kapitän selbst. Das Gesicht war furchtbar verzerrt und entstellt, und sein mächtiger struppiger Bart starrte steif in die Höhe. Durch seine breite Brust war eine eiserne Harpune gejagt und steckte noch tief in der Wand. Er war aufgespießt wie ein Käfer auf einem Karton. Selbstverständlich, war er vollkommen tot, und war es schon von dem Augenblick an gewesen, wo er jenen gellenden Schrei ausgestoßen hatte.

»Ich kenne Ihre Methoden, Herr Holmes, und brachte sie zur Anwendung. Ehe ich irgend etwas anrühren ließ, untersuchte ich sehr sorgfältig den Boden draußen und im Zimmer, fand aber keine Fußspuren.«

»Das heißt, Sie sahen keine?«

»Ich versichere Ihnen, es waren keine da.«

»Mein lieber Hopkins, ich habe schon manches Verbrechen untersucht, aber noch nie gefunden, daß eins von einem fliegenden Wesen verübt worden ist. So lange die Verbrecher sich noch auf zwei Beinen bewegen, müssen sie auch irgendwelche Abdrücke, Kritze, kleine Abschabungen oder sonstige winzige Spuren hinterlassen, die ein erfahrener, scharfer Beobachter entdecken kann. Ich kann nicht glauben, daß dieser blutbefleckte Raum keinerlei Fährte aufweisen soll, die uns weiterhelfen könnte. Wenn ich den Untersuchungsbericht verstanden habe, haben Sie freilich verschiedene Sachen übersehen.«

Der junge Inspektor suchte den ironischen Ausführungen meines Freundes auszuweichen.

»Es war allerdings töricht von mir, Sie nicht gleich zuzuziehen, Herr Holmes. Das läßt sich jetzt aber nicht mehr ändern. Jawohl, es war noch manches im Zimmer, was eine spezielle Beachtung erfordert hätte. Erstens die Harpune, womit der tödliche Stoß ausgeführt worden ist. Sie ist von der Wand heruntergerissen worden. Zwei andere hingen noch dran, und für die dritte war die leere Stelle zu sehen. Der Schaft trug die eingebrannte Aufschrift: ›Sea Unicorn, Dundee‹. Daraus war zu entnehmen, daß der Mörder in der Wut gehandelt und die erste beste Waffe ergriffen hatte, die ihm in die Hand gekommen war. Der Umstand, daß das Verbrechen um zwei Uhr nachts begangen worden ist und Peter Carey noch vollständig angezogen war, ließ darauf schließen, daß der Mörder zu Besuch bei ihm gewesen ist, was auch mit Bestimmtheit daraus hervorgeht, daß eine Flasche mit Rum und zwei gebrauchte Gläser auf dem Tisch standen.«

»Gewiß,« sagte Holmes. »Ich halte beide Folgerungen für zulässig. Waren außer dem Rum noch andere Spirituosen im Zimmer?«

»Jawohl; auf einem Schiffskoffer stand ein Krug mit Kornbranntwein und Whisky. Dies kommt aber für uns nicht weiter in Betracht, weil er noch voll und nicht gebraucht war.«

»Immerhin ist es nicht ohne Bedeutung,« bemerkte Holmes. »Erzählen Sie aber nur erst weiter von solchen Dingen, die Ihnen für die Untersuchung des Falles von größerer Wichtigkeit zu sein scheinen.«

»Auf dem Tisch lag dieser Tabaksbeutel.«

»An welcher Stelle?«

»In der Mitte. Er war von grobem Seehundsfell und wurde mit einem Lederriemen zugebunden. Innen stand P.C., und es war ungefähr eine halbe Unze starker Schiffstabak drin.«

»Ausgezeichnet! Wissen Sie noch mehr?«

Stanley zog ein schmutziggraues Notizbuch aus der Tasche. Der Einband war sehr abgenützt und das Papier vergilbt. Auf der ersten Seite standen die Anfangsbuchstaben J.H.N. und die Jahreszahl 1883. Holmes nahm es in die Hand und prüfte es in seiner Weise, während ihm Hopkins und ich über die Schultern guckten. Auf der zweiten Seite stand gedruckt: C.P.R., und dann folgten mehrere Blätter mit Zahlen. Es kamen noch Ueberschriften wie Argentinien, Costa Rica, Sao Paulo, und unter jeder derselben befanden sich Schriftzeichen und Ziffern.

»Was fangen Sie damit an?« fragte Holmes.

»Es scheinen Listen von Börsenpapieren zu sein. Ich dachte mir, das J.H.N. seien die Anfangsbuchstaben des Namens eines Maklers, und das C.P.R. diejenigen des Kunden.«

»Versuchen Sie’s ‚mal mit Canadian Pacific Railway (Canadische Pacific-Bahn).

Hopkins fluchte leise und schlug sich aufs Bein.

»Was für ein Tor bin ich gewesen!« rief er. »Natürlich heißt’s so. Dann haben wir also nur noch die Bedeutung des J.H.N. herauszubringen. Ich habe schon die alten Maklerverzeichnisse nachgesehen, kann aber aus dem Jahre 1883 keinen Namen finden, dessen Initialen diesen entsprechen. Aber ich fühle doch, daß das die wichtigste Spur ist, die ich habe. Diese Buchstaben könnten auch den Namen des Mörders bedeuten, halten Sie das nicht auch für möglich, Herr Holmes? Ueberdies würde die Einsichtnahme in ein solches Dokument, das ein Verzeichnis so vieler Wertpapiere enthält, auch, vorläufig wenigstens, die Mordtat überhaupt erklärlich machen.«

Holmes konnte man am Gesicht ablesen, daß er durch diese neue Wendung der Dinge vollständig aus dem Geleise gekommen war.

»Ich muß Ihre beiden Vermutungen zugeben,« sagte er nach einer Weile. »Ich muß eingestehen, daß dieses Notizbuch, das im Protokoll nicht erwähnt ist, meine Annahme etwas beeinträchtigt. Ich hatte mir eine Theorie gebildet, in die das Buch nicht hineinpaßt. Haben Sie schon Schritte getan, um eines der hier notierten Papiere ausfindig zu machen?«

»Es wird jetzt gerade an den Banken Nachfrage darüber gehalten; ich fürchte freilich, daß das vollständige Register der Aktionäre dieser südamerikanischen Werte sich in Amerika befindet und einige Wochen hingehen, ehe wir Nachricht bekommen.«

Holmes hatte die Einbanddecke des Notizbuches mit der Lupe betrachtet.

»Hier ist irgend ein Flecken,« sagte er.

»Gewiß, ein Blutflecken. Ich erzählte Ihnen doch, daß ich das Buch vom Boden aufgehoben habe.«

»War der Blutflecken oben oder unten?«

»Auf der Seite, die den Boden berührte.«

»Daraus geht natürlich hervor, daß das Buch heruntergefallen ist, nachdem das Verbrechen geschehen war.«

»Allerdings, Herr Holmes. Ich habe diesen Umstand auch berücksichtigt und vermutet, daß es der Mörder bei der eiligen Flucht verloren hat. Es lag nahe an der Türe.«

»Von den Papieren selbst ist wohl keins im Besitz des Ermordeten gefunden worden?«

»Nein.«

»Glauben Sie aus irgend einem Grunde, daß Raub vorliegen könnte?«

»Nein, Herr Holmes. Es schien nichts berührt zu sein.«

»Weiß der Himmel! Es ist ein interessanter Fall. Da war doch auch noch ein Messer, nicht wahr?«

»Ja, ein Dolchmesser, das noch in der Scheide steckte. Es lag zu seinen Füßen, und Frau Carey hat es als ihres Mannes Eigentum erkannt.«

Holmes überlegte einen Augenblick.

»Gut,« sagte er schließlich, »ich muß doch mitkommen und mir alles selbst einmal ansehen.«

Hopkins stieß einen Freudenschrei aus.

»Ich danke Ihnen, Herr Holmes. Sie nehmen mir wirklich einen Stein vom Herzen.«

»Vor acht Tagen würde ich’s leichter gehabt haben,« antwortete Holmes. »Aber auch jetzt dürfte mein Besuch noch nicht ganz fruchtlos sein. Watson, falls du Zeit hast, würde es mir recht sein, wenn du mich begleitetest. Wenn Sie einen Wagen bestellen wollen, Herr Hopkins – in einer Viertelstunde werden wir fertig sein zur Abfahrt nach Forest Row.«

*

Einige Meilen fuhren wir durch die Ueberreste einst gewaltiger Wälder, einen Teil des großen Sachsenwaldes, der diese Eroberer so lange aufgehalten und den Briten sechzig Jahre als Bollwerk gedient hatte. Weite Strecken desselben sind abgeschlagen, und hier sind die ersten Eisenwerke entstanden, und mit dem Holz der Bäume ist das erste Erz geschmolzen worden. Diese Lager wurden infolge der Ausbeutung der reicheren Felder des Nordens stillgelegt und jetzt zeigen nur noch die verwüsteten Waldungen und die großen Löcher in der Erde die Arbeit vergangener Zeiten. Hier stand auf einer Lichtung am Fuße eines grünen Hügels ein langes, niedriges, steinernes Haus in der Nähe eines Feldwegs. Näher am Weg und auf drei Seiten von Bäumen und Buschwerk umgeben war ein kleines Häuschen, dessen Tür und eines der Fenster wir von dem Weg aus sehen konnten. Es war der Schauplatz des Mordes!

Hopkins führte uns zunächst ins Wohnhaus, wo er uns einer Frau mit grauem Haar, der Witwe Carey, vorstellte. Ihr abgehärmtes Gesicht mit tiefen Furchen und die rotgeränderten Augen, in deren Tiefen noch der Schrecken zu erkennen war, erzählten von den Jahren der Mißhandlung und des Kummers, die sie erduldet hatte. Neben ihr stand die Tochter, ein blasses, blondes Mädchen, das uns trotzig anblickte, während sie sagte, daß sie über den Tod ihres Vaters froh sei und die Hand segne, die ihn durchbohrt habe. Es waren schreckliche Familienverhältnisse, in die wir einen Einblick erhielten, und wir fühlten eine wahre Erleichterung, als wir wieder draußen im Sonnenschein waren und auf dem Pfad, den der Ermordete getreten hatte, nach seiner Kajüte zuschritten.

Diese Hütte war eine der einfachsten Behausungen. Die Wände waren von Holz, das Dach war bloß geschindelt, neben der Tür war ein Fensterchen und ihr gegenüber noch eins. Hopkins zog den Schlüssel aus der Tasche und wollte aufschließen, als er plötzlich inne hielt und eine gewisse Spannung und Ueberraschung zeigte.

»Es ist jemand an der Tür gewesen,« sagte er. Das war allerdings eine unbestreitbare Tatsache. Im Holz zeigten sich Einschnitte, Schrammen und Kritze, die noch so neu aussahen, als ob sie eben erst gemacht worden wären. Holmes hatte das Fenster untersucht.

»Es hat auch jemand hier einzudringen versucht. Wer es auch gewesen sein mag, es ist ihm jedenfalls nicht gelungen, einen Eingang zu finden. Es muß ein trauriger Einbrecher gewesen sein.«

»Die Sache ist von größter Wichtigkeit,« sagte der Inspektor; »ich möchte beschwören, daß diese Spuren gestern abend noch nicht da waren.«

»Vielleicht ein neugieriger Einwohner aus dem Dorf,« bemerkte ich.

»Sehr unwahrscheinlich. Die wagen meistenteils nicht einmal das Grundstück zu betreten, geschweige denn sich einen Weg in die Kajüte zu erzwingen. Wie denken Sie darüber, Herr Holmes?«

»Ich denke, daß uns Fortuna sehr hold ist.«

»Meinen Sie, daß der Betreffende wiederkommen wird?«

»Das ist wahrscheinlich. Er erwartete, die Tür offen zu finden. Er versuchte, das Schloß mit einer Federmesserklinge aufzubringen, was aber nicht ging. Was wird er nun machen?«

»Nächste Nacht mit einem passenderen Werkzeug wiederkommen.«

»Das glaube ich auch. Es wird also unsere Schuld sein, wenn wir ihn nicht in Empfang nehmen. Einstweilen will ich mir die Kajüte von innen betrachten.«

Die Blutspuren waren aufgewischt, aber die Einrichtung des kleinen Raumes stand noch genau so wie in der Nacht, als das Verbrechen geschehen war. Zwei Stunden lang untersuchte Holmes jedes Ding mit größter Aufmerksamkeit, aber ich sah an seinem Gesicht, daß er trotzdem keinen Erfolg hatte. Nur ein einzigesmal unterbrach er seine mühevolle Arbeit.

»Haben Sie von diesem Wandbrett etwas fortgenommen, Hopkins?«

»Nein, absolut nichts.«

»Aber es ist etwas weggenommen. In der Ecke hier ist weniger Staub als sonst. Es hat vielleicht ein Buch an dieser Stelle gelegen, es kann auch eine Schachtel gewesen sein. Ich kann hier übrigens weiter nichts ausrichten. Wir wollen ein paar Stunden im Wald spazieren gehen, Watson, und die Blumen betrachten und dem Gesang der Vögel lauschen. Wir werden Sie später wieder hier treffen, Herr Hopkins, und dann zusammen abwarten, ob wir mit dem Herrn, der in der vergangenen Nacht hier gewesen ist, nicht in engere Fühlung treten können.«

*

Es war elf Uhr vorbei, als wir unsere Empfangsvorbereitungen trafen. Hopkins war dafür, die Türe offen zu lassen, aber Holmes war der Meinung, daß dies bei dem Fremden Verdacht erregen würde. Das Schloß war ganz einfach, und man brauchte nur ein starkes Messer, um den Riegel zurückzuschieben. Holmes schlug auch vor, nicht drinnen zu warten, sondern draußen in den Büschen vor dem hinteren Fenster. Auf diese Weise könnten wir unseren Mann beobachten und sehen, ob er Licht machen würde, und was er bei seinem heimlichen nächtlichen Besuch eigentlich suchte.

Es war ein langes, trübsinniges Warten, aber wir fühlten doch etwas von der Spannung, die der Jäger empfindet, wenn er in der Nähe der Quelle liegt und auf das durstige Wild lauert. Was für ein wildes Wesen mochte es sein, das im Dunkel der Nacht herbeischleichen würde? Sollte es ein schrecklicher Tiger sein mit furchtbaren Zähnen und Krallen, der nur nach hartem Kampfe zu überwältigen wäre, oder ein harmloser Schakal, der nur Schwachen und Wehrlosen gefährlich werden konnte?

Schweigend und auf alles gefaßt steckten wir unter den Büschen. Anfangs brachten uns die Schritte vereinzelter Dorfbewohner und der Schall von Stimmen aus dem Oertchen ein wenig Zerstreuung. Allmählich blieben aber auch diese kleinen Unterbrechungen aus und es trat vollkommene Stille ein. Nur der Schlag der Turmuhr von der Kirche des Dörfchens verriet uns, daß die Zeit verging. Und durch das Blätterwerk, das uns bedachte, rieselte ein feiner Regen auf uns nieder. Es hatte halb drei geschlagen, als wir vom Gartentor her einen scharfen Laut hörten. Es mußte jemand die Türe zugeschlagen haben. Dann war längere Zeit wieder alles ruhig, sodaß ich schon fürchtete, es wäre ein trügerisches Geräusch gewesen. Da vernahmen wir auf der anderen Seite des Häuschens Fußtritte und kurz darauf ein metallisches Kratzen und Klingen. Der Mann versuchte das Schloß zu erbrechen! Diesmal war er geschickter oder sein Instrument besser, eine Feder schnappte ein, und die Tür knarrte. Es wurde ein Streichholz angezündet, und im nächsten Augenblick sahen wir ein stetes Licht im Innern der Hütte. Durch den dünnen Vorhang konnten wir alles beobachten, was in der Kajüte vorging.

Der nächtliche Besucher war ein junger, dünner, schwächlicher Mensch mit einem schwarzen Schnurrbärtchen; das seine blasse Gesichtsfarbe noch stärker hervortreten ließ. Er konnte nicht viel über zwanzig Jahre zählen. Ich habe nie jemanden gesehen, der solche Furcht und solchen Schrecken ausstand; er klapperte mit den Zähnen und zitterte am ganzen Leibe. Er war gut gekleidet und trug eine Joppe, Kniehosen und eine Tuchmütze. Wir sahen, wie er sich ängstlich umschaute. Dann steckte er die Kerze in eine Flasche, stellte sie auf den Tisch und verschwand in einer Ecke des Zimmers. Als er wieder auftauchte, hatte er ein großes Buch, einen Band aus der Reihe der Schiffsjournale, die auf dem Wandbrett standen. Er lehnte sich auf den Tisch und blätterte hastig in dem Band, bis er die Stelle fand, die er suchte. Dann erhob er die zorngeballte Faust, machte das Buch wieder zu, stellte es an seinen Platz zurück und löschte das Licht aus. Als er sich kaum zum Gehen gewandt hatte, erwischte ihn Hopkins an der Schulter. Er stieß einen Schrei des Entsetzens aus, als er merkte, daß er verhaftet war. Die Kerze wurde wieder angezündet, und wir konnten unseren erbarmungswürdigen Gefangenen nun zitternd und bebend in der Gewalt des Polizeibeamten sehen. Er sank auf einen Koffer nieder und blickte uns hilflos an.

»Nun, Sie sauberer Bursche,« sagte Hopkins, »wer sind Sie, und was suchen Sie hier?«

Der Mann knickte zusammen. Als er sich endlich von seinem Schrecken erholt hatte und gefaßt genug war, um sprechen zu können, antwortete er:

»Sie sind vermutlich Geheimpolizisten? Sie glauben, ich stehe in Beziehung zu dem an Peter Carey begangenen Mord? Ich versichere Ihnen, daß ich unschuldig bin.«

»Darüber sprechen wir später,« erwiderte Hopkins. »Vorerst, wie heißen Sie?«

»John Hopley Neligan.«

Ich bemerkte, wie Holmes und Hopkins rasche Blicke wechselten.

»Was tun Sie hier?«

»Kann ich privatim und im Vertrauen zu Ihnen sprechen?«

»Nein, ganz gewiß nicht.«

»Warum sollte ich Ihnen dann überhaupt etwas sagen?«

»Wenn Sie keine Antwort geben, wird’s Ihnen vor Gericht schlecht bekommen.«

Der junge Mann suchte erst auszuweichen, aber bald bequemte er sich zu einer Aussage.

»Nun gut, ich will’s Ihnen erzählen,« begann er. »Warum sollte ich’s nicht? Freilich ist mir der Gedanke widerwärtig, daß dieser alte Skandal wieder aufgerührt werden soll. Haben Sie je von Dawson und Neligan gehört?«

An Hopkins‘ Gesicht konnte ich sehen, daß es seinerseits nicht der Fall war; dagegen zeigte mein Freund Holmes ein lebhaftes Interesse.

»Sie meinen die Bankfirma,« sagte er. »Sie machten mit einer halben Million Pfund Bankerott, ruinierten die meisten Familien in der ganzen Grafschaft Cornwall, und Neligan wurde flüchtig und verschwand.«

»Jawohl, und dieser Neligan war mein Vater.«

Endlich erfuhren wir etwas Positives. Freilich bestand noch eine große Kluft zwischen einem durchgebrannten Bankier und dem mit seiner eigenen Harpune aufgespießten Kapitän. Wir lauschten alle gespannt den Worten des jungen Mannes.

»Der Hauptbeteiligte war mein Vater. Dawson hatte sich zurückgezogen. Ich zählte damals erst zehn Jahre, war aber doch alt genug, um all‘ die Schande und den Schrecken zu empfinden. Es wurde stets behauptet, mein Vater hätte die sämtlichen Papiere gestohlen und dann die Flucht ergriffen. Das ist nicht wahr. Er glaubte, wenn ihm die nötige Zeit gelassen würde, sie zu verwerten, würde noch alles gut gehen und jeder Gläubiger voll befriedigt werden können. Ehe der Verhaftungsbefehl erlassen wurde, fuhr er in seiner kleinen Yacht nach Norwegen ab. Ich erinnere mich noch sehr wohl jener letzten Nacht, als er von meiner Mutter Abschied nahm. Er ließ uns ein Verzeichnis der Papiere, die er mitnahm, zurück und schwor, daß er bei seiner Rückkehr seine Ehre gerettet haben würde, und daß niemand, der ihm Vertrauen geschenkt hätte, geschädigt werden sollte. Aber wir haben kein Wort wieder von ihm gehört. Die Yacht und er selbst waren verschollen. Meine Mutter und ich glaubten, daß sie am Meeresgrunde lägen, samt allen Papieren, die er mitgenommen hatte. Wir hatten aber einen vertrauten Freund, einen Geschäftsmann, und dieser entdeckte vor einiger Zeit, daß einige dieser Papiere meines Vaters auf dem Londoner Geldmarkt auftauchten. Sie können sich unser Erstaunen denken. Ich verwendete Monate darauf, ihre Spur zurückzuverfolgen; endlich nach vielen Mühen machte ich ausfindig, daß der Besitzer dieser Hütte, Kapitän Peter Carey, der ursprüngliche Verkäufer war.

»Ich zog natürlich Erkundigungen nach dem Mann ein und fand, daß er Kommandeur eines Walfischfängers gewesen, welcher gerade um dieselbe Zeit, wo mein Vater nach Norwegen gefahren war, aus den arktischen Gewässern zurückkommen mußte. In jenem Herbst war es sehr stürmisch, und lange Zeit wehten Südwinde. Meines Vaters Jacht kann also sehr leicht nach Norden verschlagen worden und dort mit Kapitän Careys Schiff zusammengetroffen sein. Wenn sich das so verhielt, was war aus meinem Vater geworden? Auf jeden Fall würde ich von Kapitän Carey erfahren können, wie die Papiere auf den Markt gekommen waren, und dadurch nachzuweisen imstande sein, daß sie mein Vater nicht veräußert, und also keinen persönlichen Vorteil bei ihrer Mitnahme im Auge gehabt hatte.

»Ich kam mit der Absicht hierher, den Kapitän aufzusuchen, aber um dieselbe Stunde fand er gerade sein grauenvolles Ende. Ich las dann eine Beschreibung seiner Kajüte, woraus ich erfuhr, daß die alten Schiffsbücher darin aufbewahrt seien. Da kam mir der Gedanke, daß ich nur in dem Bericht über die Ereignisse auf der »Sea Unicorn« im Monat August 1883 nachzulesen brauchte, um vielleicht das Geheimnis meines Vaters zu enthüllen. Ich versuchte vorige Nacht, die Journale in die Hand zu bekommen, brachte aber die Tür nicht auf. Heute nacht versuchte ich’s nochmals, und es gelang mir; aber die Blätter, die über jenen Monat Auskunft geben müßten, sind aus dem Buch herausgerissen. Im Augenblick, als ich gehen wollte, haben Sie mich dann festgenommen.«

»Ist das alles?« fragte Hopkins.

»Jawohl, das ist alles.« Er schlug die Augen nieder, als er antwortete.

»Sie haben gar nichts mehr zu sagen?«

Er zögerte.

»Nein; nichts weiter.«

»Vor der gestrigen Nacht sind Sie nicht hier gewesen?«

»Nein.«

»Wie stellen Sie sich dann dazu?« schrie Hopkins unseren Gefangenen an und hielt ihm das verräterische Notizbuch mit seinen Initialen auf der ersten Seite und dem Blutflecken auf dem Einband unter die Nase.

Der unglückliche Mann brach ganz zusammen. Er verbarg das Gesicht in seinen Händen und zitterte entsetzlich.

»Wo haben Sie das her?« stöhnte er. »Ich wußte nicht, wo es geblieben war. Ich dachte, ich hätt’s im Gasthaus verloren.«

»Das genügt,« sagte Hopkins strenge. »Was Sie etwa sonst noch zu sagen haben, können Sie vor Gericht sagen. Sie gehen jetzt mit mir zur Polizeiwache. Herr Holmes, ich danke Ihnen und Ihrem Freund bestens, daß Sie mit mir herunter gekommen sind, um mir zu helfen. Wie sich’s nun herausgestellt hat, würde Ihre Gegenwart nicht nötig gewesen sein, und ich würde den Fall auch ohne Sie zu diesem gedeihlichen Ende geführt haben; aber nichtsdestoweniger bin ich Ihnen dankbar. Im Hotel Brambletye habe ich für die Nacht Zimmer für Sie reservieren lassen; wir wollen nun zusammen hinuntergehen ins Dorf.«

»Nun, Watson, wie denkst du über den Fall?« fragte mich Holmes, als wir nach kurzem Nachtschlaf zurückfuhren.

»Ich sehe, daß du nicht befriedigt bist.«

»O ja, mein lieber Watson, ich bin vollkommen befriedigt. Trotzdem will mir die Hopkinssche Methode nicht gefallen. Ich habe mich in ihm getäuscht. Ich hätte Besseres von ihm erwartet. Man muß sich immer nach einer anderen Möglichkeit umsehen und die eine gegen die andere abwägen. Das ist die erste Regel bei jeder kriminellen Untersuchung.«

»Und welches ist die andere Möglichkeit in diesem Falle?«

»Die Spur, die ich verfolgt habe. Es kommt vielleicht nichts dabei ‚raus. Das kann ich vorläufig nicht wissen. Aber ich werde trotzdem in dieser Richtung weiter gehen bis zum Schluß.«

In der Bakerstraße fanden wir mehrere Briefe vor. Er nahm einen davon, öffnete ihn rasch und fing befriedigt zu lächeln an.

»Fein, Watson. Die andere Möglichkeit entwickelt sich schon weiter. Hast du Depeschenformulare? Du kannst gleich ein paar Telegramme für mich schreiben. ›Summer, Schiffsagent, Ratcliff Highway. Schicken Sie mir drei Mann, müssen morgen vormittag um zehn hier sein. – Basil.‹ So heiße ich in jener Gegend. Nun die nächste: ›Inspektor Hopkins, 46 Lord Street, Brixton. Kommen Sie morgen zum Frühstück um halb zehn. Wichtig. Erbitte telegraphische Rückantwort, wenn unmöglich. – Holmes.‹ Ja, Watson, dieser verfluchte Fall hat mir schon zehn Tage keine Ruhe gelassen. Hiermit ist er nun für mich erledigt, und morgen werden wir voraussichtlich das letztemal von ihm hören.«

Genau um die angegebene Zeit erschien Inspektor Hopkins. Dann setzten wir uns zu dem ausgezeichneten Frühstück nieder, das uns Frau Hudson zurecht gemacht hatte. Der junge Beamte war in guter Stimmung ob seines Erfolgs.

»Glauben Sie wirklich, daß Ihre Lösung richtig ist?« fragte ihn Holmes.

»Ich könnte mir gar keine vollständigere Lösung denken.«

»Auf mich hat sie diesen Eindruck nicht gemacht.«

»Das wundert mich, Herr Holmes. Wie soll man sich’s besser wünschen?«

»Deckt Ihre Erklärung tatsächlich jeden Punkt in dieser Mordaffäre?«

Zweifellos. Der junge Neligan ist gerade am Tage des Verbrechens im Brambletye-Hotel angekommen. Er gab an, Golf spielen zu wollen. Er mietete ein Parterrezimmer, wo er beliebig ein- und ausgehen konnte. In jener Nacht begab er sich nach Woodmans Lee, suchte Peter Carey in seiner Kajüte auf, fing Streit mit ihm an und tötete ihn mit der Harpune. Dann floh er, entsetzt über seine Tat, eiligst hinaus, verlor das Notizbuch, das er mitgebracht hatte, um den Kapitän über die verschiedenen Papiere zu befragen. Sie haben vielleicht bemerkt, daß einige der Nummern des Verzeichnisses angestrichen waren. Die bezeichneten Papiere sind in London ausfindig gemacht worden, während sich alle übrigen vermutlich noch im Besitz des Kapitäns befanden; diese wollte sich der junge Neligan, wie er selbst sagt, aneignen, um seines Vaters Gläubiger zu befriedigen. Nach seiner Flucht wagte er sich nicht gleich wieder an die Hütte heran, endlich aber faßte er den Entschluß dazu, um sich die nötige Einsicht zu verschaffen. Das ist doch alles sicherlich sehr einfach und klar.«

Holmes lächelte und schüttelte den Kopf.

»Die Sache scheint mir nur einen Haken zu haben, Hopkins, sie ist nämlich schlechterdings unmöglich. Haben Sie ‚mal versucht, einen Körper mit einer Harpune zu durchbohren? Nein? Ja, ja, mein lieber Herr, das ist aber gerade sehr wichtig. Mein Freund Watson wird Ihnen sagen können, daß ich einen ganzen Morgen auf diese Uebung verwandt habe. Es ist keine leichte Sache und erfordert einen starken und erfahrenen Arm. Dieser Stoß ist jedoch mit solcher Gewalt ausgeführt worden, daß die Spitze des Instruments sogar noch tief in die Wand gedrungen ist. Glauben Sie, daß dieser bleiche Jüngling einer solchen Tat fähig ist? Halten Sie ihn für den Mann, der bis tief in die Nacht mit dem schwarzen Peter Rum zechen kann? Waren es seine Umrisse, die zwei Nächte vorher auf dem Vorhang gesehen worden sind? Nein, nein, Hopkins; wir müssen uns nach einem anderen, gefährlicheren Mann umsehen.«

Das Gesicht des Inspektors war während dieser Ausführungen meines Freundes länger und immer länger geworden. Alle seine ehrgeizigen Hoffnungen sanken dahin. Aber er wollte seine Stellung wenigstens nicht ohne Kampf aufgeben.

»Sie können aber nicht leugnen, Herr Holmes, daß Neligan in jener Nacht dort gewesen ist. Das beweist doch das Notizbuch. Ich glaube immerhin, zu einer Anklage genug Beweismaterial zu haben, selbst wenn Sie eine Lücke in die Kette reißen können. Außerdem habe ich meinen Mann in der Hand, wo haben Sie aber Ihren gefährlicheren Kerl?«

»Ich glaube, er kommt eben die Treppe herauf,« erwiderte Holmes. »Ich denke, Watson, du tust gut, deinen Revolver in greifbare Nähe zu legen.« Er stand auf und legte ein beschriebenes Papier auf einen Seitentisch. »Nun kann’s losgehen,« sagte er.

Wir hörten rauhe Männerstimmen draußen, und gleich machte auch Frau Hudson die Türe auf und meldete, daß drei Männer nach Kapitän Basil fragten.

»Lassen Sie sie, einen nach dem anderen, ‚reinkommen,« sagte Holmes.

Zuerst trat ein kleiner Mann mit roten Backen und blondem Bart herein. Holmes nahm einen Brief aus der Tasche.

»Wie heißen Sie?« fragte er.

»James Lancaster.«

»Es tut mir leid, Lancaster, aber der Posten ist besetzt. Hier haben Sie zehn Schilling für Ihre Bemühung. Gehen Sie dort ins Nebenzimmer und warten Sie ’n paar Minuten.«

Der Zweite war ein langer, ausgemergelter Mann mit spärlichem Haarwuchs und von fahler Gesichtsfarbe. Sein Name war Hugh Pattins. Er wurde gleichfalls abgewiesen, bekam seinen halben Sovereign und den Befehl zu warten.

Der dritte Bewerber war eine auffallende Erscheinung. Er hatte ein wildes Bulldoggesicht, wüstes Kopf- und Barthaar und unter einem Paar dichter, vorstehender, buschiger Brauen dunkle, funkelnde Augen. Er grüßte und hielt nach Seemannsart die Mütze in der Hand.

»Ihr Name?« fragte Holmes.

»Patrick Cairns.«

»Harpunierer?«

»Jawohl, Herr. Sechsundzwanzig Reisen.«

»Dundee, vermutlich?«

»Jawohl, Herr.«

»Und bereit, eine Entdeckungsreise mitzumachen?«

»Jawohl.«

»Wieviel Löhnung?«

»Acht Pfund den Monat.«

»Könnten Sie gleich eintreten?«

»Jawohl; jederzeit.«

»Haben Sie Ihre Papiere bei sich?«

»Jawohl, Herr.« Er zog ein Bündel zerrissener und fettiger Briefschaften aus der Tasche. Holmes warf einen flüchtigen Blick hinein und gab sie ihm zurück.

»Sie sind der richtige Mann, den ich brauche,« sagte er dann. »Dort auf dem kleinen Tisch liegt Ihr Vertrag. Unterzeichnen Sie, und die Sache ist abgemacht.«

Der Seemann stapfte durchs Zimmer und nahm die Feder in die Hand.

»Soll ich meinen Namen hierhin setzen?« fragte er, als er sich über den Tisch beugte.

Holmes beugte sich über seine breiten Schultern und legte beide Hände auf den gewaltigen Nacken.

»So ist’s gut,« sagte er.

Ich hörte Eisen klirren und ein Gebrüll wie das eines wütenden Bullen. Holmes faßte den Seemann von hinten um den Leib; im nächsten Moment wälzten sich beide auf dem Fußboden herum. Er hatte so riesige Körperkräfte, daß er trotz der Handschellen, womit ihm Holmes so geschickt die Fäuste zusammengebunden hatte, meinen Freund sehr schnell überwältigt haben würde, wenn ihm Hopkins und ich nicht zu Hilfe gekommen wären. Erst als ich ihm die Mündung des Revolvers an die Schläfe drückte, merkte er endlich, daß weiterer Widerstand vergeblich sei. Wir banden ihm noch die Füße mit einem Strick zusammen und erhoben uns dann atemlos vom Kampfplatz.

»Ich muß Sie wirklich um Entschuldigung bitten, Hopkins,« begann Holmes; »das Rührei wird unterdessen kalt geworden sein. Na, das übrige wird Ihnen umso besser schmecken, schon bei dem Gedanken, daß Sie Ihren Fall zu einem so triumphierenden Ende gebracht haben.«

Hopkins war sprachlos vor Staunen.

»Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, Herr Holmes,« platzte er endlich heraus, ganz rot im Gesicht. »Mir scheint, ich habe mir vom Anfang an Schwachheiten eingebildet. Ich sehe ein, ich hätte nie vergessen sollen, daß ich der Schüler bin und Sie der Meister. Denn selbst jetzt noch, wo ich sehe, was Sie getan haben, verstehe ich nicht, wie Sie es angefangen haben, und was es bedeuten soll.«

»Nun ja,« meinte Holmes gutmütig, »wir werden alle erst durch Erfahrung klug, und Sie können aus diesem Fall die Lehre für sich ziehen, daß man nie die andere Möglichkeit aus dem Auge verlieren darf. Sie waren so von der Schuld des jungen Neligan überzeugt, daß Sie an Patrick Cairns, den wirklichen Mörder Peter Careys, nicht denken konnten.«

Hier fiel ihm der Seemann mit seiner rauhen Stimme ins Wort.

»Herr,« rief er, »ich will mich nicht beklagen, daß Sie mich in dieser Weise behandelt haben, aber ich verlange, daß Sie die Dinge beim rechten Namen nennen. Sie haben gesagt, daß ich Peter Carey ermordet hatte, das ist nicht wahr, ich habe ihn totgeschlagen. Das ist ’n Unterschied. Sie glauben mir vielleicht nicht, denken vielleicht, ich will Ihnen was weismachen, aber…«

»Durchaus nicht,« versetzte Holmes. »Erzählen Sie nur, was Sie zu sagen haben.«

»’s ist bald erzählt, und, bei Gott, wahr. Ich kannte den ›Schwarzen Peter‹, und als er das Messer hervorholte, stieß ich ihm eine Harpune durch den Leib, denn ich wußte, daß es galt: er oder ich. So war’s. Sie nennen’s Mord; meinetwegen, ob ich mit dem Strick um den Hals sterbe, oder mit dem Messer des ›Schwarzen Peter‹ im Leib, ist einerlei.«

»Wie sind Sie denn zusammen gekommen?« fragte Holmes.

»Ich will’s Ihnen vom Anfang an erzählen. Richten Sie mich aber erst ’n bißchen in die Höhe, damit ich leichter sprechen kann. Es war 1883 im August. Peter Carey war Kapitän der ›Sea Unicorn‹, und ich war Harpunierer. Als wir aus dem Eis heraus und heimwärts fuhren, stießen wir auf ein kleines Boot, das von den starken Südwinden nach Norden getrieben war. Es war nur noch ein Mann drin – ’n Landbewohner. Die Mannschaft hatte gefürchtet, es würde scheitern, und war nach der norwegischen Küste geflohen. Ich glaube, sie sind alle untergegangen. Also, wir nahmen den Mann an Bord, und der Kapitän verhandelte lange mit ihm in der Kajüte. Sein ganzes Gepäck war ein kleines Kistchen gewesen. Soviel ich weiß, ist sein Name nie genannt worden, und in der zweiten Nacht war er schon für ewig verschwunden. Es wurde bekannt gemacht, daß er entweder selbst über Bord gegangen, oder in dem schweren Wetter, das wir hatten, über Bord gespült worden wäre. Nur einer wußte, wie’s zugegangen war, und das war ich, denn ich hatte mit eigenen Augen gesehen, wie ihn der Kapitän in einer finstern Nacht, zwei Tage bevor wir die Feuer der Shetlandinseln sichteten, an den Beinen gepackt und über die Reeling geworfen hatte.

»Nun, ich war ruhig und wartete, was kommen würde. Als wir in Schottland landeten, wurde die Sache einfach vertuscht; kein Mensch fragte genauer nach. Ein Fremder war infolge eines Unfalles umgekommen, wer hatte ein Interesse daran? Kurz darnach gab Peter Carey das Seeleben auf, und es hat lange Jahre gedauert, ehe ich seinen Aufenthaltsort ausfindig machen konnte. Ich vermutete, daß er die Tat des kleinen Kistchens halber begangen hätte, um den Inhalt an sich zu bringen, und wünschte nun eine Entschädigung für mein Schweigen.

»Durch einen Seemann, der ihn in London getroffen hatte, erfuhr ich, wo er war. Ich ging hinunter, um einen Druck auf ihn auszuüben. Die erste Nacht war er ziemlich vernünftig und bereit, mir soviel zu geben, daß ich nicht mehr auf See zu fahren brauchte. Wir kamen überein, am übernächsten Abend alles fertig zu machen. Als ich wiederkam, war er aber dreiviertel betrunken und hatte sehr schlechte Laune. Wir saßen zusammen und tranken und erzählten lange Geschichten und Heldentaten, aus alten Zeiten. Aber je mehr er trank, desto weniger gefiel mir sein Gesicht. Ich ersah mir jene Harpune an der Wand als Waffe aus und nahm mir vor, sie zu gebrauchen, ehe ich mich von ihm niederstechen ließe. Endlich fuhr er auf mich los, scheltend und fluchend, mit wildfunkelnden Augen und griff nach einem großen Messer. Bevor er’s aber aus der Scheide gezogen hatte, steckte schon die Harpune in seinem Leib. Himmel! was stieß er für’n Schrei aus! Und sein Gesicht werde ich noch im Traum sehen! Das Blut spritzte um mich herum. Ich lauschte einen Moment. Alles war ruhig. Ich faßte mir nochmal ein Herz. Ich schaute mich um. Das Kistchen, das ich sofort erkannte, stand auf dem Wandbrett. Ich hatte genau soviel Anrecht drauf als Peter Carey. Ich nahm’s also mit und verließ das Häuschen. In meiner Dummheit ließ ich meinen Tabaksbeutel auf dem Tisch liegen.

»Nun kommt das Merkwürdigste an der ganzen Geschichte. Ich war kaum draußen, als ich Schritte hörte. Ich verbarg mich im Gebüsch. Es schlich sich jemand an die Hütte, ging ’nein, stieß ’n Schrei aus, als wenn er ’nen Geist gesehen hätte, und lief fort, so rasch ihn seine Beine trugen. Wer er war und was er wollte, weiß ich nicht. Ich meinesteils wanderte zehn Meilen zu Fuß, erreichte in Tunbridge Wells den Zug und fuhr nach London.

»Sobald ich dann Gelegenheit hatte, untersuchte ich das Kistchen, es war aber kein Geld drin, sondern nur Papiere, die ich nicht zu verkaufen wagen durfte. Ich hatte nun meine Stütze am schwarzen Peter verloren und stand ohne einen Pfennig in London. Es blieb mir also nichts weiter übrig, als wieder in meinem Beruf ein Unterkommen zu suchen. Ich las die Anzeige, daß Harpunierer gesucht würden, und zwar gegen hohen Lohn. Ich ging zum Agenten, der mich hierher schickte. Was ist alles, was ich aussagen kann, und ich wiederhole, daß ich den schwarzen Peter getötet habe, und dafür kann mir die Behörde dankbar sein, weil ich ihr dadurch das Geld für’n Strick gespart habe.«

»Ein recht klarer Tatbestand,« sagte Holmes und zündete sich seine Pfeife an. »Ich halte es nun fürs beste, Herr Hopkins, wenn Sie Ihren Gefangenen möglichst bald an einen sicheren Ort bringen. Dieses Zimmer ist nicht als Zelle eingerichtet, und Herr Patrick Cairns nimmt einen verhältnismäßig zu großen Teil des Teppichs für sich in Anspruch.«

»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Holmes,« antwortete Hopkins, »Aber ich habe auch jetzt noch nicht begriffen, wie Sie zu diesem Resultat gekommen sind.«

»Einfach dadurch, daß ich von Anfang an das Glück hatte, die richtige Spur zu finden. Es ist leicht möglich, daß mich das Notizbuch, wenn ich etwas davon gewußt hätte, ebenso wie Sie abgelenkt und auf eine falsche Fährte geführt haben würde. Aber alles, was ich erfahren hatte, wies nach der einen Richtung: Die bewunderungswerte Kraft, die Geschicklichkeit im Gebrauch einer Harpune, der Rum, der seehundslederne Tabaksbeutel mit dem schweren Tabak – das alles deutete auf einen Seemann hin, und zwar auf einen alten Walfischfänger. Ich war überzeugt, daß die Buchstaben P.C. in dem Beutel nur auf einer zufälligen Uebereinstimmung beruhten, aber nicht Peter Carey bedeuteten, weil er nur selten rauchte, und keine Pfeife in seiner Kajüte gefunden wurde. Erinnern Sie sich noch, daß ich fragte, ob außerdem Whisky und Kornbranntwein im Zimmer gewesen sei? Sie antworteten, ja. Welcher Landbewohner würde Rum trinken, wenn er diese letzteren Spirituosen haben könnte? Das konnte nur ein Seemann tun.«

»Und wie haben Sie ihn gefunden?«

»Lieber Herr, dieses Problem war sehr einfach geworden. Wenn es ein Seemann war, konnte es nur einer sein, der mit Peter Carey auf der »Sea Unicorn« gewesen war. Soviel ich in Erfahrung bringen konnte, war er auf keinem anderen Schiff gefahren. Ich zog drei Tage lang telegraphisch in Dundee Erkundigungen ein und stellte die Namen der Besatzung der »Sea Unicorn« im Jahre 1883 fest. Als ich unter den Harpunierern den Namen Patrick Cairns fand, war meine Untersuchung nahezu vollendet. Ich dachte mir, daß der Mann in London sein und gerne eine Zeitlang außer Landes gehen würde. Ich hielt mich dann einige Tage in Westend auf, ersann eine arktische Expedition, suchte unter günstigen Bedingungen Harpunierer, die unter Kapitän Basil dienen wollten – und hatte das Ergebnis, das Sie ja kennen.«

»Wunderbar!« rief Hopkins. »Wunderbar!« »Sie müssen nun sobald als möglich die Freilassung des jungen Neligan erwirken,« sagte Holmes. »Ich glaube, Sie dürfen sich ruhig bei ihm entschuldigen. Das Kistchen muß ihm ausgeliefert werden; freilich sind die Papiere, die Peter Carey veräußert hat, für immer verloren. Draußen steht die Droschke, Herr Hopkins; Sie können Ihren Mann nun fortschaffen. Wenn Sie meiner zur Gerichtsverhandlung bedürfen, meine und Dr. Watsons Adresse wird irgendwo in Norwegen sein – ich werde sie Ihnen später genauer mitteilen.«

 

 

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