Der Schuss

Wir lagen im Städtchen … Man kennt das Leben eines Armeeoffiziers: morgens Exer­zieren, Reitbahn; mittags zu Tisch beim Regimentskommandeur oder im jüdischen Wirtshaus; abends Punsch und Karten. Es gab in … kein einziges gastliches Haus, kein heiratsfähiges Mädchen; wir besuchten uns gegenseitig, wobei wir weiter nichts als un­sere Uniformen zu Gesicht bekamen.

In unserer Gesellschaft war nur ein einziger Nichtmilitär. Er zählte etwa fünfunddreißig Jahre, und wir hielten ihn folglich für sehr alt. Seine Erfahrung verlieh ihm viele Vor­züge, die er uns voraus hatte; zudem übten sein gewöhnlich düsteres, schroffes Wesen und seine böse Zunge einen mächtigen Einfluß auf unseren jungen Geist aus. Sein Schicksal umwob etwas Geheimnisvolles; er schien Russe, trug aber einen fremd­klingenden Namen. Einst hatte er bei den Husaren gedient und sogar recht erfolgreich; allein niemand kannte den Grund, der ihn bewogen hatte, seinen Abschied zu nehmen und sich in diesem elenden Städtchen niederzulassen, wo er ärmlich und verschwende­risch zugleich lebte. Er ging stets zu Fuß, in einem abgetragenen schwarzen Rock, hatte jedoch allzeit ein gastfreies Haus für sämtliche Offiziere unseres Regiments. Sein Mit­tagstisch bestand freilich nur aus zwei oder drei Gängen, die von einem ausgedienten Soldaten zubereitet wurden, aber der Champagner floß dabei in Strömen. Niemand wuß­te das Geringste über sein Vermögen oder seine Einkünfte, und niemand wagte es, ihn danach zu fragen. Er besaß Bücher, größtenteils Kriegsbücher, aber auch Romane. Gern gab er sie uns zum Lesen, ohne sie jemals zurückzufordern; dafür gab er selbst aber dem Eigentümer auch nie ein entliehenes Buch zurück. Seine Hauptbeschäftigung war Pisto­lenschießen. Die Wände seines Zimmers waren von Kugeln durchlöchert und sahen schier wie Bienenwaben aus. Eine prächtige Pistolensammlung bildete den einzigen Lu­xus der armseligen Lehmhütte, die er bewohnte. Es war kaum zu glauben, welche Kunstfertigkeit er erlangt hatte, und wenn er jemand von uns vorgeschlagen hätte, ihm eine Birne von der Mütze zu schießen, so hätte keiner aus unserem Regiment gezaudert, seinen Kopf hinzuhalten. Unsere Gespräche berührten oft den Zweikampf; Sylvio (so will ich ihn nennen) beteiligte sich niemals an ihnen. Auf die Frage, ob er schon einmal ein Duell gehabt habe, antwortete er kühl, das sei der Fall; er ging jedoch nicht auf Einzelheiten ein, und man merkte, daß derartige Fragen ihm unangenehm waren. So nahmen wir an, daß irgendein unglückliches Opfer seiner schrecklichen Kunst auf seinem Gewissen laste. Übrigens wäre uns nie auch nur der Gedanke gekommen, in ihm etwas wie Furchtsamkeit zu vermuten. Es gibt Menschen, deren äußere Erscheinung allein schon einen solchen Verdacht ausschließt. Da setzte uns alle ein unerwarteter Vorfall außerordentlich in Verwunderung.

Es begab sich einmal, daß etwa zehn Offiziere von unserem Regiment bei Sylvio speis­ten. Man trank wie gewöhnlich, das heißt – sehr viel; nach Tisch suchten wir den Haus­herrn zu überreden, eine Bank zu halten. Lange schlug er es uns ab; denn er spielte fast nie. Schließlich ließ er sich die Karten reichen, schüttete ein halbes Hundert Dukaten auf den Tisch, nahm Platz und gab die Karten. Wir umringten ihn, und das Spiel ging los. Sylvio hatte die Gewohnheit, während des Spiels völliges Schweigen zu wahren; niemals stritt er, und nie gab er Erläuterungen. Wenn sich der Pointierende einmal ver­rechnete, so pflegte er entweder die Differenz sofort von sich aus zu zahlen oder den Vorschuß zu notieren. Wir kannten dies bereits und hinderten ihn nicht, nach seiner Art zu schalten; unter uns befand sich aber ein Offizier, der erst kürzlich zu uns versetzt worden war. In seiner Zerstreutheit verrechnete sich dieser nun im Laufe des Spiels. Sylvio nahm die Kreide und glich die Rechnung aus, ganz wie er es gewohnt war. Der Offizier, der der Meinung war, jener habe sich versehen, machte Einwendungen. Sylvio fuhr schweigend fort, die Karten zu geben. Der Offizier verlor die Geduld, nahm die Bürste und wischte weg, was ihm zuviel notiert schien. Sylvio nahm die Kreide und schrieb es von neuem hin. Der Offizier, vom Weine, vom Spiel und vom Gelächter der Kameraden erhitzt, hielt sich für tief beleidigt, riß wütend den kupfernen Leuchter vom Tisch und warf ihn nach Sylvio, der dem Wurf gerade noch ausweichen konnte. Wir waren bestürzt. Sylvio erhob sich bleich vor Wut und sprach mit funkelnden Augen: »Mein Herr, wollen Sie uns bitte verlassen, und danken Sie Gott, daß dies in meinem Hause geschah.«

Wir waren über die Folgen nicht im Zweifel und sahen unseren neuen Kameraden be­reits als toten Mann. Der Offizier bemerkte beim Hinausgehen, er sei bereit, für die Be­leidigung Genugtuung zu geben, ganz wie es dem Herrn Bankhalter beliebe. Das Spiel schleppte sich noch einige Minuten hin; doch da wir spürten, daß es dem Hausherrn nicht mehr nach Spielen zumute war, hörte einer nach dem anderen auf; und wir mach­ten uns auf den Heimweg, wobei wir über den bevorstehenden Urlaub plauderten.

Tags darauf fragten wir bereits in der Reitbahn, ob der arme Leutnant noch am Leben sei, als er selbst in unsere Mitte trat; wir richteten an ihn die gleiche Frage. Er erwiderte, daß er von Sylvio noch keinerlei Nachricht habe. Dies verwunderte uns. Wir begaben uns zu Sylvio und fanden ihn auf dem Hofe, wie er Kugel auf Kugel in ein am Tor ange­heftetes As hineinsetzte. Er empfing uns wie immer, ohne den gestrigen Vorfall auch nur mit einem Worte zu erwähnen. Drei Tage vergingen; der Leutnant war immer noch am Leben. Erstaunt fragten wir uns: Ob sich Sylvio wirklich nicht schießen will? Und Sylvio schoß sich nicht. Er begnügte sich mit einer leicht hingeworfenen Erklärung, und die Sache war erledigt.

Dies war seinem Ansehen bei uns jungen Leuten außerordentlich abträglich. Denn Mangel an Mut wird von jungen Menschen am allerwenigsten verziehen, die in der Tapferkeit gewöhnlich die höchste der menschlichen Tugenden und eine Entschuldi­gung für alle nur erdenklichen Fehler sehen. Nach und nach fiel jedoch alles der Vergessenheit anheim, und Sylvio gewann seinen früheren Einfluß zurück.

Indessen brachte ich es nicht mehr fertig, ihm wieder so wie vordem zu begegnen. Von Natur mit romantischer Phantasie ausgestattet, hatte ich mich früher viel stärker als alle anderen angezogen gefühlt von diesem Menschen, dessen Leben mir ein Rätsel und der mir der Held einer irgendwie geheimnisvollen Geschichte zu sein schien. Er hatte mich gern; wenigstens unterließ er nur mir gegenüber sein gewohntes Lästern und verstand von allerlei Dingen treuherzig und höchst liebenswürdig zu sprechen. Aber nach jenem unglückseligen Abend wollte mir der Gedanke, daß seine Ehre befleckt und durch eigene Schuld nicht reingewaschen sei, wollte mir dieser Gedanke einfach nicht aus dem Kopfe gehen und hinderte mich daran, mit ihm wie früher zu verkehren; es war mir peinlich, ihn anzusehen. Sylvio war viel zu klug und erfahren, um dies nicht zu merken und nicht auch den Grund zu erraten. Es schien ihm nahezugehen; wenigstens fiel es mir ein paarmal auf, daß er sich mit mir aussprechen wollte; doch ich wich derartigen Ge­legenheiten aus, und Sylvio zog sich von mir zurück. Seitdem sah ich ihn nur noch in Gegenwart meiner Kameraden, und unsere früheren offenen Gespräche hatten ein Ende.

Bewohner der Hauptstadt, denen so viel Zerstreuung geboten wird, haben keine Vorstel­lung von manchen Eindrücken, die Land- oder Kleinstadtbewohnern so vertraut sind, wie zum Beispiel das Warten auf den Posttag: dienstags und freitags pflegte unsere Regi-roentskanzlei voll von Offizieren zu sein; der eine erwartete Geld, dieser Briefe, jener Zeitungen. Die Pakete wurden gewöhnlich sogleich an Ort und Stelle geöffnet, man teilte sich die Neuigkeiten mit, und die Kanzlei bot ein höchst belebtes Bild. Sylvio erhielt seine Post an unser Regiment adressiert und fand sich gewöhnlich ebenfalls dort ein. Einmal händigte man ihm ein Paket aus, das er mit dem Ausdruck größter Unge­duld entsiegelte. Als er den Brief überflog, blitzten seine Augen. Die Offiziere be­merkten nichts; denn jeder war mit den eigenen Briefen beschäftigt. »Meine Herren«, sagte Sylvio zu ihnen, »die Umstände erfordern meine unverzügliche Abreise; ich fahre noch diese Nacht; ich hoffe. Sie werden mir die Bitte nicht abschlagen, ein letztes Mal bei mir zu speisen. Auch Sie erwarte ich«, fuhr er zu mir gewandt fort, »ich erwarte Sie ganz bestimmt.« Mit diesen Worten eilte er hinaus; auch wir entfernten uns, nachdem wir übereingekommen waren, uns bei Sylvio zu treffen, und ein jeder ging seines Weges.

Zur festgesetzten Stunde kam ich zu Sylvio und fand bei ihm schon fast das ganze Re­giment vor. Sein gesamtes Hab und Gut war bereits gepackt; es blieben nur die nackten, zerschossenen Wände. Wir setzten uns zu Tisch; der Hausherr war in außerordentlicher Stimmung, und bald übertrug sich seine Heiterkeit auf die ganze Gesellschaft; alle Augenblicke knallten Pfropfen, ununterbrochen schäumten und sprudelten die Gläser; und wir wünschten dem Scheidenden mit allem erdenklichen Eifer eine glückliche Reise und alles Gute. Erst spät am Abend erhoben wir uns von der Tafel. Als nun ein jeder seine Mütze hervorsuchte und Sylvio sich von allen verabschiedete, ergriff er mich bei der Hand und hielt mich zurück, als ich gerade gehen wollte. »Ich möchte mit Ihnen noch sprer chen«, sagte er leise. Ich blieb.

Die Gäste waren gegangen; wir beide waren allein, saßen einander gegenüber und zündeten schweigend unsere Pfeifen an. Sylvio war in gedrückter Stimmung; keine Spur mehr von seiner krampfhaften Ausgelassenheit. Die düstere Blässe, die funkelnden Augen und die dichten Rauchschwaden, die er aus dem Munde blies, verliehen ihm so recht das Aussehen eines Dämons. Nach einigen Minuten brach Sylvio das Schweigen.

»Vielleicht werden wir uns nie wieder sehen«, sagte er zu mir; »bevor wir voneinander Abschied nehmen, möchte ich mit Ihnen noch über etwas sprechen. Sie haben gewiß be­merkt, daß ich die Meinung anderer wenig beachte; allein ich habe Sie gern und fühle, daß es mir peinlich wäre, in Ihrem Geiste einen falschen Eindruck zu hinterlassen.«

Er machte eine Pause und schickte sich an, seine ausgerauchte Pfeife wieder zu stopfen; ich schwieg unterdessen mit gesenktem Blick.

»Es kam Ihnen seltsam vor«, fuhr er fort, »daß ich von diesem betrunkenen Tollkopf R… keine Genugtuung gefordert habe. Sie werden zugeben, daß sein Leben, da ich ja das Recht hatte, die Waffe zu wählen, in meiner Hand lag, während meins fast unge­fährdet war. Ich könnte nun meine Mäßigung allein meiner Großmut zuschreiben; doch ich will nicht lügen. Wenn ich R… hätte bestrafen können, ganz ohne mein Leben zu riskieren, so hätte ich ihm um nichts in der Welt verziehen.«

Ich blickte Sylvio erstaunt an. Dieses Geständnis brachte mich vollends in Verwirrung. Sylvio fuhr fort:

»Jawohl! Ich habe nicht das Recht, mich dem Tode auszusetzen. Vor sechs Jahren be­kam ich eine Ohrfeige, und mein Feind ist noch am Leben.«

In mir war ein starkes Interesse wach geworden. »Sie haben sich mit ihm nicht ge­schossen?« fragte ich. »Gewiß haben die Umstände Sie voneinander getrennt?«

»Ich habe mich mit ihm geschossen«, antwortete Sylvio, »und sehen Sie, hier ist das Andenken an unser Duell.«

Sylvio erhob sich und nahm eine rote, betreßte Mütze mit goldener Troddel (was die Franzosen ‚bonnet de police‘ nennen) aus einem Karton; er setzte sie auf; sie war einen Zoll oberhalb der Stirn durchschossen.

»Sie wissen«, fuhr Sylvio fort, »daß ich im …ten Husarenregiment gedient habe. Auch mein Charakter ist Ihnen bekannt; ich bin gewohnt, der Erste zu sein, doch in jungen Jahren war das geradezu eine Leidenschaft von mir geworden. Zu unserer Zeit war toller Übermut in Mode: ich war der erste Tollkopf in unserer Armee. Wir prahlten mit Trin­ken: ich habe sogar den berühmten Burzow, den Denis Dawydow besungen, unter den Tisch getrunken. Duelle ereigneten sich in unserem Regiment alle Augenblicke;

bei jedem war ich dabei, sei es als Sekundant oder als Duellant. Die Kameraden vergöt­terten mich, und die Regimentskommandeure – die unablässig wechselten – betrachte­ten mich als ein unvermeidliches Übel.

Ich genoß gelassen (oder nicht gelassen) meinen Ruhm, als zu uns ein junger Mann aus reicher, vornehmer Familie (ich will seinen Namen nicht nennen) versetzt wurde. Mein Lebtag bin ich noch keinem so glänzenden Glücksprinzen begegnet! Stellen Sie sich vor: Jugend, Geist, Schönheit, tollste Fröhlichkeit, sorglosester Mut, klingender Name, unendlich viel Geld, das ihm nie ausging, und Sie ermessen, welchen Eindruck er bei uns hervorrufen mußte. Meine Vorrangstellung war völlig erschüttert. Von meinem Ruhme verführt, begann er meine Freundschaft zu suchen; doch ich begegnete ihm eisig, und er zog sich ohne jegliches Bedauern von mir zurück. Nun fing ich an, ihn zu hassen. Seine Erfolge im Regiment und in der Gesellschaft von Frauen brachten mich vollends zur Verzweiflung. Ich suchte nunmehr Streit mit ihm; er antwortete auf meine Epigramme wiederum mit Epigrammen, die mir stets überraschender und schärfer als die meinigen erschienen und die natürlich lustiger waren: er scherzte, wo ich gehässig war. Als ich ihn schließlich einmal auf einem Balle bei einem polnischen Gutsbesitzer als Gegenstand der Aufmerksamkeit aller Damen – besonders der Hausherrin selbst, zu der ich in Beziehungen stand – antraf, flüsterte ich ihm irgendeine platte Grobheit ins Ohr. Er fuhr auf und gab mir eine Ohrfeige. Wild griffen wir zu den Degen; die Damen fielen in Ohnmacht; man riß uns auseinander, und in der gleichen Nacht noch fuhren wir zum Duell hinaus.

Es war beim Morgengrauen. Ich stand mit meinen drei Sekundanten am vereinbarten Platze. Voll unsäglicher Ungeduld erwartete ich meinen Gegner. Die Frühlingssonne war aufgegangen, und es begann schon wärmer zu werden. Da bemerkte ich ihn in der Ferne. Er kam zu Fuß, in Uniform mit Degen, in Begleitung eines Sekundanten. Wir gingen ihm entgegen. Er näherte sich uns und hielt dabei seine mit Kirschen gefüllte Mütze in der Hand. Die Sekundanten maßen zwölf Schritt ab. Ich sollte als erster schießen; aber in mir kochte eine derartige Wut, daß ich mich nicht auf die Sicherheit meiner Hand verlassen konnte; so trat ich ihm, um Zeit zum Abkühlen zu gewinnen, den ersten Schuß ab; mein Gegner willigte nicht ein. Es wurde beschlossen, zu losen: Nummer eins fiel auf ihn, den ewigen Liebling des Glücks. Er zielte und durchschoß mir die Mütze. Nun war die Reihe an mir. Sein Leben war endlich in meiner Hand; be­gierig blickte ich ihn an, bemüht, auch nur einen Schatten von Unruhe an ihm zu entde­cken. Er stand vor meiner Pistole, suchte sich die reifen Kirschen aus der Mütze hervor und spie die Kerne aus, die bis zu mir flogen. Sein Gleichmut machte mich toll. Was habe ich schon davon, dachte ich, ihm das Leben zu nehmen, wenn es ihm überhaupt nichts wert ist? Ein boshafter Gedanke blitzte in mir auf. Ich senkte die Pistole. – ‚Sie haben jetzt, wie es scheint, eben keine Lust zum Sterben‘, sprach ich zu ihm; ‚denn Sie geruhen zu frühstücken; ich möchte Sie dabei auf keinen Fall stören…‘ – ‚Sie stören mich nicht im geringsten‘, entgegnete er, ’schießen Sie ruhig, doch übrigens ganz nach Ihrem Belieben; der Schuß bleibt Ihnen; ich stehe Ihnen stets zu Diensten. ‚Ich wandte mich an die Sekundanten und erklärte, ich gedächte heute nicht zu schießen;

und damit war der Zweikampf beendet. Ich nahm meinen Abschied und zog mich in dieses Städtchen zurück. Seitdem ist nicht ein Tag vergangen, an dem ich nicht an meine Rache gedacht hätte. Jetzt ist meine Stunde gekommen…« Sylvio zog den Brief, den er am Morgen erhalten, aus der Tasche und gab ihn mir zu lesen. Jemand (an­scheinend sein Bevollmächtigter) schrieb ihm aus Moskau, die ‚bewußte Person‘ wolle in Kürze ein junges, schönes Mädchen heiraten.

»Sie werden erraten«, sprach Sylvio, »wer diese ‚bewußte Person‘ ist. Ich reise nach Moskau. Wir wollen einmal sehen, ob er vor seiner Hochzeit den Tod ebenso gleichgül­tig hinnehmen wird wie damals, als er ihn Kirschen essend erwartete!« Bei diesen Worten erhob sich Sylvio, warf seine Mütze auf den Boden und fing an, wie ein Tiger im Käfig auf und ab zu gehen. Regungslos hatte ich ihm zugehört; seltsame, einander widersprechende Gefühle bewegten mich.

Der Bediente trat ein und meldete, daß die Pferde bereit stünden. Sylvio drück­te mir kräftig die Hand; wil gaben uns den Abschiedskuß. Er stieg in den Wagen; auf dem zwei Koffer lagen, einer mit Pistolen, der andere mit seinen Habseligkeiten. Wir verabschiedeter uns noch einmal, und die Pferde jagten los.

II

Einige Jahre darauf zwangen mich meine häuslichen Verhältnisse, mich auf einem arm­seligen Landgut im Kreise N … niederzulassen. Ich befaßte mich mit Landwirtschaft und seufzte dabei im stillen ständig meinem früheren bewegten und sorglosen Leben nach. Am schwersten konnte ich mich daran gewöhnen, die Frühlings- und Winter­abende in völliger Einsamkeit zu verbringen. Bis Mittag ließ sich die Zeit noch irgend­wie totschlagen, indem ich mit dem Dorfältesten schwatzte, zu den einzelnen Arbeits­stellen hinfuhr oder die neuen Einrichtungen beaufsichtigte; sobald es aber zu dämmern begann, wußte ich überhaupt nicht mehr, was tun. Die wenigen Bücher, die ich in den Schränken und in der Vorratskammer gefunden hatte, kannte ich bereits auswendig. Alle Märchen, deren sich die Beschließerin Kirilowna nur irgend entsinnen konnte, waren mir schon erzählt. Die Lieder der Bauernweiber langweilten mich. Ich nahm mir die ungesüßten Fruchtschnäpse vor, aber ich bekam von ihnen Kopfweh; ja, ich gebe zu, daß ich fürchtete, ein Trinker aus Hoffnungslosigkeit, das heißt ein völlig hoffnungs­loser Trinker zu werden, wofür ich in unserem Landkreis schon genug Beispiele gese­hen hatte. In meiner näheren Umgebung gab es keine Nachbarn, außer zwei oder drei dieser Hoffnungslosen, deren Unterhaltung vornehmlich aus Aufstoßen und Seufzen bestand. Die Einsamkeit war da noch erträglicher. Zu guter Letzt beschloß ich, möglichst früh schlafen zu gehen und möglichst spät Mittag zu essen; so verkürzte ich den Abend und verlängerte den Tag; »und siehe da, es war sehr gut«.

Vier Werst von mir entfernt lag ein reiches Gut, das der Gräfin B… gehörte; es lebte aber nur der Verwalter dort, während die Gräfin ihr Gut nur einmal, im ersten Jahr ihrer Ehe, besucht hatte und dann auch nicht länger als einen Monat geblieben war. Jedoch im zweiten Frühling meines Einsiedlerlebens verbreitete sich das Gerücht, daß die Gräfin mit ihrem Gatten den Sommer über auf ihr Landgut käme. Sie trafen in der Tat Anfang Juni ein.

Die Ankunft eines reichen Nachbarn bildet für Landbewohner eine bedeutsame Ange­legenheit. Die Gutsbesitzer und ihr Gesinde unterhalten sich darüber wohl schon zwei Monate vorher und noch drei Jahre danach. Was mich betrifft, so muß ich gestehen, daß die Nachricht von der Ankunft der jungen und schönen Nachbarin mich außerordentlich berührte; ja, ich brannte vor Ungeduld, sie zu sehen, und begab mich deshalb am ersten Sonntag ihrer Anwesenheit nach Tisch zum Dorfe…, um mich den erlauchten Herr­schaften als nächster Nachbar und untertänigster Diener vorzustellen,

Der Lakai führte mich ins Kabinett des Grafen und ging, mich anzumelden. Das geräu­mige Kabinett war mit allem erdenklichen Luxus ausgestattet; rings an den Wänden standen Bücherschränke und auf jedem eine Bronzebüste; über dem Kamin aus Marmor hing ein breiter Spiegel; der Fußboden war mit grünem Tuch bezogen und mit Teppi­chen belegt. Da ich in meinem armseligen Winkel allem Luxus entwöhnt war und schon lange keinen fremden Reichtum mehr gesehen hatte, schüchterte mich all dies ein, und ich erwartete den Grafen mit einem gewissen Bangen, wie ein Bittsteller aus der Pro­vinz, der auf das Erscheinen des Ministers wartet. Die Tür tat sich auf, und herein trat ein Mann von schöner Gestalt, der wohl zweiunddreißig Jahre zählen mochte. Der Graf kam auf mich zu mit offenem und freundlichem Gesichtsausdruck; ich suchte Fassung zu gewinnen und schickte mich an, mich vorzustellen, indes er kam mir zuvor. Wir nahmen Platz. Seine ungezwungene und liebenswürdige Unterhaltung zerstreute bald meine verwirrte Schüchternheit; schon begann ich, mein gewohntes Gleichgewicht wiederzugewinnen, als plötzlich die Gräfin eintrat, und meine Verwirrung war ärger denn zuvor. Sie war in der Tat eine Schönheit. Der Graf stellte mich vor; ich wollte un­gezwungen erscheinen, doch je mehr ich mich bemühte, ein zwangloses Wesen an den Tag zu legen, desto linkischer kam ich mir vor. Um mir Zeit zu lassen, mich zu sammeln und an die neuen Bekannten zu gewöhnen, fingen sie ein Gespräch mitein­ander an, wobei sie mit mir wie mit einem guten Nachbarn und ohne Zeremonien ver­fuhren. Ich schritt unterdessen auf und ab und betrachtete die Bücher und Bilder. Ich bin kein Kenner von Gemälden, und doch zog eines meine Aufmerksamkeit besonders an. Es stellte irgendeine Landschaft aus der Schweiz dar; jedoch nicht die Malerei ließ mich erstaunen, sondern der Umstand, daß das Bild von zwei Kugeln durchschossen war, von denen eine auf der anderen gesessen hatte. »Ein guter Schuß, da«, sagte ich, zum Grafen gewandt. – »Ja«, entgegnete er, »ein sehr beachtlicher Schuß. – Sind Sie auch ein guter Schütze?« fuhr er fort. – »Ich denke schon«, antwortete ich, erfreut, daß das Gespräch endlich einen mir vertrauten Gegenstand berührte. »Bei dreißig Schritt Abstand gibt’s bei mir auf eine Spielkarte keinen Fehlschuß, selbstverständlich nur aus vertrauten Pis­tolen.« – »Wirklich?« sagte die Gräfin mit einem Gesichtsausdruck größter Aufmerk­samkeit; »und du, mein Freund, triffst du denn eine Karte auf dreißig Schritt?« – »Bei Gelegenheit«, entgegnete der Graf, »müssen wir’s mal ausprobieren. Seinerzeit habe ich nicht übel geschossen; nun hab‘ ich aber schon vier Jahre keine Pistole mehr in die Hand genommen.« – »Oh, in diesem Falle möchte ich wetten«, bemerkte ich, »daß Ew. Erlaucht schon auf zwanzig Schritt eine Karte nicht treffen; denn Pistolenschießen verlangt tägliche Übung. Das weiß ich aus Erfahrung. In unserem Regiment galt ich als einer der besten Schützen. Einmal geschah es, daß ich einen ganzen Monat lang keine Pistole anrührte; denn meine eigenen befanden sich in Reparatur. Was meinen Ew. Erlaucht? Als ich dann zum ersten Male wieder schoß, fehlte ich auf fünfundzwanzig Schritt eine Flasche viermal hintereinander. Wir hatten einen Rittmeister – ein Witzbold und Spaßvogel; er war zufällig dabei und sagte zu mir: ‚Mein Lieber, deine Hand will sich gewiß nicht gegen eine Flasche erheben.‘ Nein, Ew. Erlaucht, man darf nicht aus der Übung kommen, sonst verlernt man’s eben. Der beste Schütze, dem ich je begegnet, schoß jeden Tag mindestens dreimal vor Tisch. Dies war ihm, genau wie das Gläschen Wodka, zur Gewohnheit geworden.« Der Graf und die Gräfin freuten sich, daß ich ins Reden gekommen. »Und wie schoß er denn?« fragte mich der Graf. – »Sehen Ew. Erlaucht, wenn er beispielsweise bemerkte, daß sich eine Fliege an die Wand setzte – Sie lachen, Gräfin? Es ist wahr, bei Gott! – … wenn er eine Fliege bemerkte, so schrie er: ‚Kuska, die Pistole!‘ – Und Kuska brachte ihm die geladene Pistole. Krach! und die Fliege war in die Wand gequetscht!« – »Das ist ja erstaunlich!« sagte der Graf; »und wie hieß er denn?« – »Sylvio, Ew. Erlaucht.« – »Sylvio!« rief der Graf, von seinem Platz aufspringend; »Sie kannten Sylvio?« – »Wie sollte ich ihn nicht kennen, Ew. Erlaucht; wir waren doch Freunde; wir hatten ihn in unserem Regiment wie einen Kameraden aufgenommen; nun habe ich freilich schon an die fünf Jahre nichts mehr von ihm gehört. Ew. Erlaucht haben ihn also auch gekannt?« – »Ich hab‘ ihn gekannt, und sogar recht gut. Hat er Ihnen nicht… aber nein; ich denke, wohl nicht; hat er Ihnen nicht von einer sehr merkwürdigen Begebenheit erzählt?« – »Ew. Erlaucht meinen doch nicht etwa die Ohrfeige, die ihm auf einem Balle „“gendein Tollkopf versetzte?« – »Und hat er Ihnen den Namen des Tollkopfs genannt?« – »Nein, Ew. Erlaucht, er hat ihn nicht genannt… Ach, verzeihen Ew. Erlaucht«, fuhr ich fort, die Wahrheit erratend,»…ich wußte ja nicht… Waren Sie es etwa?…« – »Ich war’s«, antwortete der Graf und zeigte sich äußerst verstimmt, »und dies durchschossene Bild ist ein Andenken an unsre letzte Begegnung…« – »Ach, Liebling«, sagte die Gräfin, »erzähl um Gottes willen nicht diese Geschichte; ich fürchte mich, auch nur] davon zu hören.« – »Nein«, erwiderte der Graf, »ich will alles erzählen; er weiß, wie ich seinen Freund beleidigt; er soll auch wissen, wie sich Sylvio an mir gerächt.« Der Graf rückte mir einen Sessel heran, und ich vernahm die folgende, mich lebhaft interessierende Erzählung:

– Vor fünf Jahren habe ich geheiratet. Den ersten Monat, the honeymoon, verbrachte ich hier auf diesem Gute. Diesem Haus verdanke ich die schönsten Augenblicke meines Lebens und zugleich auch eine meiner schwärzesten Erinnerungen.

Eines Abends waren wir zusammen ausgeritten; das Pferd meiner Frau war ein wenig störrisch geworden sie ängstigte sich, übergab mir die Zügel und ging zu Fuß heim; so ritt ich denn voraus. Auf dem Hofe bemerkte ich einen Reisewagen; man sagte mir, in meinem Kabinett sitze ein Herr, der seinen Namen nicht nennen wolle und lediglich vorgebracht habe, daß ihn ein Anliegen zu mir führe. Ich betrat das bezeichnete Zimmer und sah im Dunkel einen staubbedeckten Mann mit einem Barte; er stand hier am Ka­min. Ich schritt auf ihn zu, wobei ich mich bemühte, mich seiner Gesichtszüge zu ent­sinnen. »Du erkennst mich nicht, Graf?« sprach er mit bebender Stimme. – »Sylvio!« schrie ich auf, und ich gestehe, daß ich spürte, wie mir plötzlich die Haare zu Berge stiegen. »Jawohl«, fuhr er fort, »nun kommt mein Schuß dran; ich bin einzig und allein zu dem Zweck hierher gereist, meine Piste leerzuschießen; bist du bereit?« Aus seiner Seitentasche ragte die Pistole hervor. Ich maß zwölf Schritt ab, stellte mich dort in der Ecke auf und bat ihn, nur möglichst schnell zu schießen, eh‘ nieine Frau heimkehre. Er zögerte – und bat um Licht. Man brachte die Kerzen. Ich verschloß die Tür und ordnete an, niemanden hereinzulassen; nochmals bat ich ihn, zu schießen. Er zog die Pistole her­vor und zielte… Ich zählte die Sekunden… Ich dachte an sie… Eine schreckliche Minute verrann! Sylvio ließ den Arm sinken: »Ich bedaure, daß meine Pistole nicht mit Kirschkernen geladen ist… Eine Kugel ist schwerer. Mir will es immer scheinen, daß dies kein Duell, sondern ein Mord ist: ich bin nicht gewohnt, auf Unbewafinete zu schießen. Fangen wir noch mal von vorn an; werfen wir das Los, wer den ersten Schuß hat.« Mir drehte es im Kopf… Ich glaube, ich wollte nicht darauf eingehen… Doch schließlich luden wir noch eine Pistole; wir rollten zwei Zettel zusammen; er legte sie in seine Mütze, die ich einst durchschossen; abermals zog ich Nummer eins. »Du hast verteufeltes Glück, Graf«, sagte er mit einem Lächeln, das ich nie vergessen werde. Ich entsinne mich nicht mehr, wie mir geschah und wieso er mich dazu bringen konnte… Je­denfalls schoß ich und traf dieses Bild hier. (Der Graf deutete mit dem Finger auf das durchschossene Gemälde; sein Gesicht brannte feuerrot; die Gräfin war weißer als ihr Tüchlein; ich selbst konnte einen Ausruf nicht unterdrücken.)

Ich schoß – fuhr der Graf fort – und hatte, Gott sei Dank, gefehlt; darauf begann Sylvio… (er war in diesem Augenblick wirklich schrecklich anzusehen) begann Sylvio, auf mich zu zielen. Plötzlich wird die Tür geöffnet, Mascha fliegt herein und wirft sich mir wimmernd an den Hals. Ihre Anwesenheit gab mir meinen ganzen Mut wieder. »Aber Liebling«, sagte ich zu ihr, »siehst du denn nicht, daß wir scherzen? Wie hast du dich bloß erschreckt? Geh, trink ein Glas Wasser und komm dann zu uns; ich will dir einen alten Freund und Kameraden vorstellen.« – Mascha glaubte mir indes immer noch nicht. »Sagen Sie, spricht mein Mann die Wahrheit?« fragte sie, zu Sylvio gewandt, der schrecklich anzusehen war; »ist’s wahr, daß Sie beide scherzen?« – »Er pflegt immer zu scherzen, Gräfin«, gab ihr Sylvio zur Antwort; »erst hat er mir im Scherz eine Ohrfeige versetzt, dann hat er mir im Scherz diese Mütze durchschossen, und im Scherze hat er eben an mir vorbeigeschossen; jetzt hab‘ ich auch mal Lust zum Scherzen…« Mit diesen Worten wollte er auf mich zielen… In ihrer Gegenwart! Mascha warf sich ihm zu Füßen. – »Steh auf, Mascha, schäm dich!« schrie ich rasend; »und Sie, mein Herr, wollen Sie wohl aufhören, ein armes Weib zu verhöhnen? Werden Sie nun endlich schießen oder nicht?« – »Ich werde nicht schießen«, erwiderte Sylvio, »ich bin befriedigt; ich habe deine Verwirrung, deine Verzagtheit gesehen, hab‘ dich gezwungen, auf mich zu schießen; das genügt mir. Du wirst mich in Erinnerung behalten. Ich überlasse dich deinem Gewissen.« Hiermit wollte er hinausgehen, blieb aber in der Tür nochmals stehen, richtete seinen Blick auf das von mir durchschossene Bild, schoß darauf, fast ohne zu zielen, und verschwand. Meine Frau lag ohnmächtig am Boden; meine Leute wagten nicht, ihn aufzuhalten, und starrten ihn entsetzt an; er trat auf die Freitreppe hin­aus, rief seinen Kutscher und rollte davon, eh‘ ich wieder recht zu Verstand gekommen war. –

Der Graf schwieg. So erfuhr ich das Ende jener Geschichte, deren Anfang mich einst derart in Erstaunen versetzt. Ihrem Helden bin ich nicht wieder begegnet. Man erzählt sich, daß Sylvio beim Aufstand Alexander Ypsilantis eine Abteilung Hetäristen ange­führt habe und in der Schlacht bei Sculeni gefallen sei.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]