Der rote Kreis

»Nun, Frau Warren, ich kann wirklich keinen Grund zu irgendwelcher Beunruhigung für Sie sehen, noch verstehe ich, weshalb ich, dessen Zeit wertvoll ist, mich in diese Angelegenheit mischen soll.« So sprach Sherlock Holmes und wandte sich wieder dem Briefordner zu, in welchen er die Aufzeichnungen über seine letzte Tätigkeit einreihte und registrierte.

Aber Frau Warren besaß die Beharrlichkeit und Schlauheit ihres Geschlechts. Sie ließ sich nicht beirren.

»Voriges Jahr halfen Sie einem meiner Mieter in einer schwierigen Frage«, sagte sie –»Herrn Fairdale Hobbs.«

»Ach ja – eine einfache Sache.«

»Und doch wird er nie aufhören, davon zu sprechen, – von Ihrer Güte, Herr Holmes, und wie Sie Licht in die dunkle Angelegenheit brachten. Ich erinnerte mich seiner Worte, als ich selbst jetzt auf einmal voll Zweifel und Sorge war. Ich weiß, Sie könnten, wenn Sie nur wollten.«

Holmes war der Schmeichelei zugänglich und auch – um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen – der Liebenswürdigkeit. Mit einem Seufzer der Ergebenheit legte er seine Feder auf den Tisch und schob den Stuhl zurück.

»Gut, Frau Warren, lassen Sie also Ihre Geschichte hören, Sie gestatten doch, daß ich rauche? Danke sehr! Watson – Zündhölzer! Sie fühlen sich unbehaglich, soviel ich verstanden habe, weil Ihr neuer Mieter in seinen Zimmern bleibt und Sie ihn nie sehen. Aber ich bitte Sie, Frau Warren, wenn ich Ihr Mieter wäre, würden Sie oft wochenlang nichts von mir sehen.«

»Zweifellos, Herr Holmes; aber hier liegen die Dinge anders. Es beängstigt mich. Ich kann aus Furcht nicht schlafen. Immer seinen raschen Schritt über mir hin- und hergehen zu hören, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, und niemals auch nur einen Schimmer von ihm zu sehen, – das ist mehr, als ich ertragen kann. Mein Mann ist so erregt darüber wie ich; aber er ist den ganzen Tag fort bei seiner Arbeit, während ich nie davon los komme. Was hat er zu verbergen? Was hat er getan? Außer dem Dienstmädchen bin ich ganz allein mit ihm im Hause, und das halten meine Nerven nicht mehr lange aus.«

Holmes beugte sich vor und legte seine langen, mageren Finger auf die Schulter der Frau. Wenn er wollte, konnte er eine beinahe hypnotische Kraft der Beruhigung ausüben. Der gequälte Ausdruck wich aus ihren Augen, und ihr aufgeregtes Gesicht zeigte allmählich wieder mehr Fassung. Sie setzte sich auf den Stuhl, welchen er ihr anbot.

»Wenn ich mich damit beschäftigen soll, muß ich jede Einzelheit wissen«, sagte er. »Überlegen Sie in Ruhe. Der kleinste Punkt ist vielleicht der wichtigste. Sie sagten, der Mann sei vor zehn Tagen gekommen und hätte Ihnen Wohnung und Verpflegung für vierzehn Tage vorausbezahlt?«

»Er fragte mich nach meinen Bedingungen. Ich sagte fünfzig Schilling die Woche. Es ist ein kleines Wohn- und Schlafzimmer im Giebel des Hauses, und volle Verpflegung.«

»Nun?«

»Er sagte: ›Ich zahle Ihnen fünf Pfund in der Woche, wenn Sie auf gewisse Bedingungen eingehen.‹ Ich bin eine arme Frau, Herr Holmes, und mein Mann verdient wenig; dies Geld bedeutet eine große Summe für uns. Er zog eine Zehnpfundnote heraus und hielt sie mir unter die Augen. ›Dasselbe können Sie für lange Zeit alle vierzehn Tage haben, wenn Sie die Bedingungen erfüllen‹, sagte er. ›Wenn nicht, so will ich nichts mehr mit Ihnen zu tun haben.‹«

»Worin bestanden diese Bedingungen?«

»Erstens wollte er einen Hausschlüssel haben. Das ist ganz in der Ordnung; viele Mieter haben Hausschlüssel. Ferner will er vollständig sich selbst überlassen bleiben und darf niemals und aus gar keinem Grund gestört werden.«

»Das ist doch wirklich nichts Merkwürdiges?«

»An und für sich nicht, Herr Holmes. Und doch ist seine Lebensweise ohne Sinn und Verstand. Er wohnt nun zehn Tage bei uns, und weder ich noch mein Mann oder das Mädchen haben je das Geringste von ihm erblickt. Wir können diesen schnellen Schritt ruhelos über uns hören, hin und her, hin und her. Nachts, morgens und abends; aber den ersten Abend ausgenommen, ist er nicht ein einziges Mal ausgegangen.«

»Oh, in der ersten Nacht ging er also aus?«

»Ja, Herr Holmes, und kam sehr spät zurück, als wir schon alle zu Bett waren. Als er die Zimmer mietete, hatte er mir schon gesagt, daß er das tun würde und mich gebeten, die Haustüre nicht zu verriegeln. Ich hörte ihn nach Mitternacht heimkommen.«

»Aber seine Mahlzeiten?«

»Auf seine besondere Anweisung hin müssen wir immer, wenn er läutet, die Mahlzeiten auf einen Stuhl vor seiner Türe setzen. Dann läutet er wieder, wenn er fertig ist, und wir nehmen die Sachen vom selben Stuhl wieder weg. Wenn er irgend etwas braucht, so schreibt er es in Druckbuchstaben auf einen Fetzen Papier und legt ihn zu dem Eßgeschirr.«

»In Druckbuchstaben?«

»Ja, Herr Holmes; in Druckbuchstaben, mit Bleistift. Nur das betreffende Wort, nicht mehr. Hier ist einer, den ich mitbrachte, um ihn Ihnen zu zeigen – Seife. Hier ein anderer – Zuendholz – Da ist der, den er am ersten Morgen herauslegte – Daily-Gazette. Ich lege ihm die Zeitung jeden Morgen auf sein Frühstücksbrett.«

»Wahrhaftig, Watson«, sagte Holmes, mit großem Interesse die Papierfetzen betrachtend, die die Hauswirtin ihm gegeben hatte, »das ist sicherlich ungewöhnlich. Zurückgezogenheit kann ich verstehen; aber warum Druckbuchstaben? Das geht so langsam. Warum schreibt er nicht in Kurrentschrift? Was bezweckt er damit?«

»Er wünscht seine Handschrift zu verbergen.«

»Aber warum? Was kann es ihm schaden, wenn seine Wirtin ein Wort in seiner Schrift liest? Doch mag es sein, wie du sagst. Aber warum nur immer diese einzelnen Wörter?«

»Ich kann es mir nicht erklären.«

»Hier öffnet sich ein weites Feld für vernünftige Überlegung. Die Worte sind mit einem gewöhnlichen, stumpfen, violettgefärbten Bleistift geschrieben. Du kannst sehen, baß das Papier hier an der Seite abgerissen wurde, nachdem das Wort schon geschrieben war; das S von Seife ist teilweise mit abgerissen worden. Schlau, Watson, nicht?«

»Aus Vorsicht?«

»Natürlich. Es war irgendein Zeichen auf dem Papier, ein Fingerabdruck, irgend etwas, das Aufklärung über die Persönlichkeit des Mieters hätte geben können. – Sie sagten, Frau Warren, daß der Mann von mittlerer Größe war, dunkelhaarig und einen Bart trug. Wie alt ist er wohl?«

»Ziemlich jung, – nicht über dreißig.«

»Gut. Können Sie mir sonst noch Mitteilungen über ihn machen?«

»Er sprach ein gutes Englisch, Herr Holmes, und doch hielt ich ihn seiner Aussprache nach für einen Ausländer.«

»Und er war gut gekleidet?«

»Sehr elegant gekleidet, Herr Holmes, – ganz Gentleman. Dunkler Anzug, nichts Auffälliges.«

»Er gab keinen Namen an?«

»Nein, Herr Holmes.«

»Und erhielt nie Briefe oder Besuche?«

»Keine.«

»Aber Sie oder das Dienstmädchen betreten doch morgens seine Zimmer?«

»Nein, Herr Holmes, er bedient sich ganz selbst.«

»Wahrhaftig! Das ist wirklich merkwürdig. Wie verhält sich’s mit seinem Gepäck?«

»Er hatte einen großen, brauen Koffer bei sich, sonst nicht».«

»Von großem Nutzen kann uns das alles nicht sein. Ist wirklich nichts aus dem Zimmer herausgekommen, – absolut nichts?«

Die Hauswirtin zog einen Briefumschlag aus ihrer Tasche; aus ihm schüttelte sie zwei angebrannte Zündhölzer und einen Zigarettenstummel auf den Tisch.

»Sie lagen auf seinem Servierbrett heute morgen. Ich brachte sie mit, weil mir erzählt worden war, daß Sie große Sachen aus kleinen Dingen herauslesen können.«

Holmes zuckte mit den Schultern.

»In diesem Fall wohl kaum«, sagte er. »Die Zündhölzer haben natürlich dazu gedient, die Zigarette anzuzünden. Das läßt sich aus der Kürze des verbrannten Teils erkennen. Um eine Pfeife oder Zigarre anzuzünden, braucht man ein halbes Streichholz. Aber hier, – der Zigarettenstummel ist wirklich merkwürdig. Der Herr trug Voll- und Schnurrbart, sagten Sie?«

»Jawohl, Herr Holmes.«

»Das verstehe ich nicht. Dies hier kann nur ein glattrasierter Mann geraucht haben. Was meinst du, Watson, selbst dein bescheidener Schnurrbart wäre versengt worden.«

»Ein Röhrchen?« vermutete ich.

»Nein, nein; das Ende ist verkaut. Halten sich nicht vielleicht zwei Personen in Ihren Zimmern auf, Frau Warren?«

»Nein, Herr Holmes. Er ißt so wenig, daß ich mich oft wundere, wie jemand dabei bestehen kann.«

»Nun, wir müssen abwarten, bis wir mehr Material beieinander haben. Allem nach haben Sie keinen Grund zur Klage. Sie haben Ihre Miete erhalten, und er ist kein lästiger, wenn auch ein ungewöhnlicher Mieter. Er bezahlt Sie gut, und wenn er in Verborgenheit leben will, so geht Sie das ja nichts weiter an. Wir haben keine Veranlassung, uns in sein Privatleben einzumischen, solange wir nicht Ursache haben anzunehmen, daß ein verbrecherischer Grund für sein Verhalten vorliegt. Ich habe mich der Sache angenommen und ich werde sie nicht aus dem Gesicht verlieren. Berichten Sie mir, wenn sich irgend etwas Neues ereignet, und verlassen Sie sich auf meinen Beistand, wenn er nötig werden sollte.« –

»In dieser Sache sind einige interessante Punkte, Watson«, bemerkte er, als die Hauswirtin uns verlassen hatte. »Es kann ganz gewöhnliche Überspanntheit sein; es kann aber auch etwas sehr viel Ernsteres sein, als es an der Oberfläche erscheint. Das erste, was einem auffällt, ist die offensichtliche Möglichkeit, daß die Person, welche jetzt die Zimmer inne hat, eine ganz andere ist als diejenige, welche sie mietete.«

»Woraus schließt du das?«

»Nun, abgesehen von dem Zigarettenstummel, – ist es nicht auffallend, daß der einzige Ausgang des Mieters stattfand unmittelbar nachdem er die Zimmer gemietet hatte? Er kam zurück, – oder jemand kam zurück, – als keine Zeugen mehr um den Weg waren. Was beweist uns, daß diejenige Person, welche zurückkam, die gleiche war, welche fortging? Dann weiter: der Mann, der die Zimmer mietete, sprach gut Englisch. Der andere dagegen schreibt mit Druckbuchstaben ›Zündholz‹ anstatt ›Zündhölzer‹. Ich kann mir vorstellen, daß das Wort einem Wörterbuch entnommen wurde, das nur die Einzahl, aber nicht die Mehrzahl angibt. Der kurze Stil sollte den Mangel an Kenntnis der englischen Sprache verbergen. Ja, Watson, genug Gründe zu dem Verdacht, daß hier eine Vertauschung der Mieter stattgefunden hat.«

»Aber zu welchem Zweck denn?«

»Ja! Hier liegt eben unsere Aufgabe. Es gibt ein Feld für unsere Nachforschungen, das sich schon oft als ertragreich erwiesen hat.« Damit holte er das große Buch herunter, in welches er täglich die »Seufzerecken« der zahlreichen Londoner Zeitungen einreihte. »Himmel!« sagte er, indem er die Blätter umwandte, »welcher Chor von Seufzern, Notschreien und Bitten! Welche Ansammlung sonderbarer Geschehnisse! Aber sicherlich der wertvollste Jagdgrund für denjenigen, welcher sich für das Ungewöhnliche interessiert! Dieser Mann ist allein und kann durch Briefe nicht erreicht werden, ohne daß das strenge Geheimnis, an dem ihm so viel liegt, durchbrochen werden müßte. Wie kann ihn irgendeine Nachricht oder Botschaft von außerhalb erreichen? Ohne Zweifel durch eine Anzeige in einer Zeitung. Ich wüßte keinen anderen Weg, und glücklicherweise haben wir es hier mir mit einer einzigen Zeitung zu tun. Hier sind die Ausschnitte aus der Daily Gazette der letzten vierzehn Tage. ›Dame mit schwarzer Boa in Fürst’s Schlittschuhklub –‹ das können wir überspringen. ›Jimmy, du wirst das Herz deiner Mutter brechen‹ – das gehört auch nicht hierher. ›Wenn die Dame, welche im Omnibus nach Brirton ohnmächtig wurde‹ – sie interessiert mich nicht. ›Täglich sehnt sich mein Herz‹ – Hoffnungsloses Gestöhne! Ah, dies hier scheint besser zu passen. Höre einmal: ›Sei geduldig. Werde Mittel und Wege finden, dich zu benachrichtigen. Inzwischen diese Zeitung. – G.‹ Dies erschien zwei Tage, nachdem Frau Warrens Mieter eingezogen war. Es klingt wahrscheinlich, nicht wahr? Der Unbekannte versteht Englisch, wenn er es auch nicht schreiben kann. Wir wollen sehen, ob wir die Spur noch weiterhin verfolgen können. Ja, hier ist etwas – drei Tage später. ›Treffe erfolgreiche Abkommen. Geduld und Vorsicht. Die Wolken werden vorüberziehen. – G.‹ Danach nichts mehr eine ganze Woche lang. Dann kommt eine viel bestimmtere Nachricht. ›Der Weg klärt sich. Wenn ich Gelegenheit habe, dann Signalbotschaft; erinnere an verabredete Zeichen eins A, zwei B usw. Du wirst bald von mir hören – G.‹ Das war in der gestrigen Zeitung und heute steht nichts drin. Es paßt alles recht gut auf Frau Warrens Mieter. Wenn wir noch ein wenig warten, Watson, so zweifle ich nicht, daß die Sache verständlicher wird.«

So war es auch; als ich am nächsten Morgen das Wohnzimmer betrat, stand mein Freund vor dem Kamin, den Rücken gegen das Feuer und auf den Zügen ein Lächeln vollständiger Befriedigung.

»Wie findest du das, Watson?« rief er, indem er die Zeitung vom Tisch aufnahm. ›Hohes, rotes Haus mit weißer Steinfassade. Dritter Stock. Zweites Fenster rechts. Nach Einbruch der Dämmerung. – G.‹ Das ist deutlich genug. Ich denke, wir machen nach dem Frühstück einen kleinen Forschungsgang durch Frau Warrens Wohnviertel. – Ah, Frau Warren! Welche Neuigkeiten bringen Sie uns heute morgen?«

Unsere Kundin war plötzlich in heftiger Bewegung ins Zimmer gestürzt, was auf eine neue und wichtige Entwicklung der Dinge schließen ließ.

»Es ist ein Fall für die Polizei, Herr Holmes!« schrie sie. »Ich will nichts mehr damit zu tun haben! Er soll machen, daß er aus meinem Haus kommt. Ich wäre direkt zu ihm hinaufgegangen, um ihm das zu sagen; doch dachte ich, es wäre höflicher, erst Ihre Meinung zu hören. Aber ich bin am Ende meiner Geduld, wenn es bis zur Mißhandlung meines alten Mannes kommt.«

»Herr Warren mißhandelt?«

»Wenigstens recht roh behandelt!«

»Aber wer behandelte ihn roh?«

»Das möchten wir ja gerade wissen! Es war heute morgen, Herr Holmes. Herr Warren ist Aufseher in der Fabrik von Morton und Waylight in Tottenham. Er muß vor sieben Uhr aus dem Haus gehen. Nun, heute früh war er noch keine zehn Schritte die Straße heruntergegangen, als ihn zwei Männer von hinten überfielen, ihm einen Rock über den Kopf warfen und ihn in eine Kutsche schoben, die am Straßenrand hielt. Sie fuhren eine Stunde mit ihm herum, dann öffneten sie den Schlag und stießen ihn hinaus. Er lag auf der Straße, so betäubt und verwirrt, daß er nicht sah, was aus der Kutsche wurde. Als er sich aufrappelte, bemerkte er, daß er sich auf der Hampsteader Heide befand; so nahm er einen Omnibus und liegt nun zu Hause auf dem Bett, während ich direkt zu Ihnen gelaufen bin, um Ihnen alles zu berichten.«

»Sehr interessant«, sagte Holmes. »Konnte er das Äußere dieser Männer erkennen? Hörte er sie sprechen?«

»Nein; er ist ganz verwirrt. Er weiß nur, daß er wie durch Zauber in den Wagen gehoben und wie durch Zauber wieder auf die Straße gesetzt wurde. Zwei Leute waren sicher bei ihm, vielleicht auch drei.«

»Und Sie bringen diesen Angriff in Verbindung mit Ihrem Mieter?«

»Wir leben jetzt fünfzehn Jahre in diesem Haus, und nie ist etwas derartiges passiert. Ich habe genug von dem Menschen. Geld allein tut’s auch nicht. Ehe der Tag herum ist, muß er mir aus dem Haus.«

»Warten Sie noch ein wenig, Frau Warren; überstürzen Sie nichts. Ich habe allmählich den Eindruck, als sei diese Angelegenheit sehr viel wichtiger, als es zuerst den Anschein hatte. Es ist mir jetzt ganz klar, daß Ihrem Mieter irgendeine Gefahr droht. Es ist mir auch klar, daß seine Feinde, die in der Nähe Ihrer Haustüre auf ihn lauerten, Ihren Mann in dem dunstigen Morgenlicht für ihn hielten. Als sie ihren Fehlgriff entdeckten, ließen sie ihn frei. Was sie getan haben würden, wenn es kein Fehlgriff gewesen wäre, das können wir nur vermuten.«

»Was soll ich denn tun, Herr Holmes?«

»Ich habe große Lust, Ihren Mieter zu sehen, Frau Warren.«

»Ich weiß nicht, wie sich das machen ließe, es sei denn, Sie brechen die Türe ein. Ich höre ihn immer auf- und zuschließen, wenn er seine Mahlzeiten von dem Stuhl hereinholt.«

»Er muß das Servierbrett von dem Stuhl wegnehmen. Gewiß könnten wir uns irgendwo verbergen und ihn dabei beobachten.«

Die Hauswirtin überlegte einen Augenblick.

»Ja, Herr Holmes, es ist eine Kofferkammer gegenüber. Ich könnte vielleicht einen Spiegel aufhängen, und wenn Sie hinter der Türe stehen – «

»Großartig!« sagte Holmes. »Wann ißt er zu Mittag?«

»Um ein Uhr, Herr Holmes.«

»Doktor Watson und ich werden zur rechten Zeit dort sein. Für jetzt, Frau Warren, auf Wiedersehen!« –

Um ½ l Uhr befanden wir uns vor Frau Warrens Haus, einem hohen, schmalen, gelben Backsteinhaus in der Großen Ormestraße, einem schmalen Durchgang auf der Nordostseite des Britischen Museums. Da es nahe einer Straßenkreuzung steht, so sieht man von ihm aus die Howestraße hinunter, mit ihren anspruchsvolleren Gebäuden. Holmes deutete mit einer Schulterbewegung nach einem derselben, einem großen, eleganten Mietshaus.

»Sieh‘ dorthin, Watson!« sagte er. »›Hohes, rotes Haus mit weißer Steinfassade.‹ Das ist sicher die Signalstation. Wir kennen den Ort, und wir kennen den Code; so wird unsere Aufgabe einfach sein. Im Fenster hängt ein Schild ›Zu vermieten‹; das Stockwerk scheint leer zu sein, und der Verbündete hat Zutritt dazu. – Nun, Frau Warren, wie steht’s?«

»Ich habe alles bereit für Sie. Wollen Sie, bitte, Ihre Stiefel unten im Vorplatz lassen und mit mir heraufkommen; ich will Ihnen den Ort zeigen.«

Es war ein vortreffliches Versteck, welches sie vorbereitet hatte. Der Spiegel war so angebracht, daß wir aus unserer dunkeln Ecke die gegenüberliegende Türe doch sehr deutlich sehen konnten. Kaum hatte uns Frau Warren verlassen, als ein fernes Klingelzeichen ankündigte, daß unser geheimnisvoller Nachbar geläutet hatte. Alsbald erschien die Hausfrau mit dem Brett, setzte es auf den Stuhl neben der verschlossenen Türe und verschwand dann wieder, schwer auftretend. In dem Türwinkel zusammengedrückt, ließen wir kein Auge von dem Spiegel. Plötzlich, als die Schritte der Frau nur noch von ferne zu hören waren, drehte sich der Schlüssel im Schloß, die Türklinke bewegte sich, und zwei schmale Hände fuhren eilig heraus und nahmen das Brett vom Stuhl weg. Aber sofort wurde es wieder abgestellt, und ich konnte einen kurzen Augenblick lang ein schönes, dunkles Köpfchen sehen, welches mit entsetzten Augen nach der halboffenen Kammertüre blickte. Dann wurde die Zimmertüre zugeworfen, der Schlüssel drehte sich wieder, und alles war still. Holmes zupfte mich am Ärmel, und wir stahlen uns wieder die Treppe hinunter.

»Ich will heute abend noch einmal vorbeikommen«, sagte er zu der erwartungsvollen Hauswirtin. »Ich meine, Watson, wir sprechen über diese Dinge besser in unserer eigenen Wohnung.«

»Wie du gesehen hast, hat meine Vermutung gestimmt«, sagte er aus der Tiefe seines Klubsessels heraus. »Es hat ein Austausch der Mieter stattgefunden. Was ich aber nicht voraussah, war, daß wir eine Frau vorfinden würden – und keine gewöhnliche Frau, Watson!«

»Sie sah uns.«

»Sie sah etwas, was sie beunruhigte. Das stimmt. – Die Zusammenhänge sind mir ganz klar: Ein Paar sucht in London Schutz vor einer sehr drohenden, großen Gefahr. Der Maßstab für die Gefahr ist die Strenge der Vorsichtsmaßregeln. Der Mann, der irgendwelche Geschäfte zu erledigen hat, wünscht die Frau inzwischen in absoluter Sicherheit zu wissen. Das ist keine leichte Aufgabe, und doch hat er sie in so origineller Weise gelöst, daß selbst die Hausfrau, welche die Frau mit Nahrung versorgte, nichts von ihrer Anwesenheit wußte. Es ist klar, daß die Benützung von Druckbuchstaben den Zweck hatte, die Entdeckung des Geschlechts des Bewohners der Zimmer aus der Handschrift zu verhindern. Der Mann kann die Frau nicht besuchen, ohne den Feinden den Weg zu ihr zu weisen. Da er keine direkte Verbindung mit ihr hat, so nimmt er seine Zuflucht zu der ›Seufzerecke‹ einer Zeitung. Soweit ist alles klar.«

»Aber was liegt dem allem zugrunde?«

»Ach ja, Watson – praktisch, wie gewöhnlich! Was liegt dem allen zugrunde? Frau Warrens wunderliche Befürchtungen rechtfertigen sich immer mehr und geben, je länger wir uns damit beschäftigen, das Bild eines ernsten Falls. So viel ist sicher: daß es keine gewöhnliche Liebesgeschichte ist. Wir haben das angstvolle Gesicht der Frau gesehen. Wir haben von dem Überfall auf Herrn Warren gehört, der unzweifelhaft dem Mieter gegolten hat. Alles beweist, daß es sich um eine Sache auf Leben oder Tod handelt. Der Angriff auf Herrn Warren beweist ferner, daß die Feinde, wer sie auch immer sein mögen, nichts von dem Austausch des männlichen Mieters gegen den weiblichen wissen. Es ist eine sonderbare und komplizierte Geschichte, Watson.«

»Willst du dich noch länger damit befassen? Was kannst du dabei gewinnen?«

»Gewiß nicht viel. Aber der Fall interessiert mich. Als du noch deinen Beruf als Arzt ausübtest, hast du dich auch mit gewissen Fällen beschäftigt ohne einen Gedanken an Entlohnung.«

»Zu meiner Weiterbildung, Holmes.«

»Weiterbildung hört nie auf, Watson. Auch dies hier ist ein lehrreicher Fall. Es ist dabei weder Geld noch Ruhm zu ernten, und doch kann ich nicht ruhen, ehe ich eine Lösung gefunden habe. Bei Einbruch der Dunkelheit werden wir eine Stufe weiter in unseren Nachforschungen sein.«

Als wir zu Frau Warren zurückkehrten, hing der düstere Winterabend wie ein dichter grauer Vorhang in den Londoner Straßen, durchbrochen einzig von den gelben Vierecken der beleuchteten Fenster und den verschwommenen Lichtkreisen der Gaslaternen. Als wir aus Frau Warrens verdunkeltem Wohnzimmer auf die Straße spähten, fiel uns ein schwacher Lichtschein auf, welcher aus der Richtung des bewußten Hauses in der Howestraße zu kommen schien.

»Dort bewegt sich etwas«, flüsterte Holmes, mit angespannter Aufmerksamkeit durch die Fensterscheibe spähend. »Ja, ich kann einen Schatten sehen. Jetzt wieder! Er hat eine Kerze in der Hand. Jetzt beugt er sich zum Fenster hinaus; er will sich überzeugen, ob sie auf dem Posten ist. Jetzt gibt er Zeichen. Zähle, Watson, damit wir uns nachher gegenseitig kontrollieren können. Ein einziges Zeichen, – das ist gewiß A. Weiter! Wieviel hast du? Neunzehn. Ich auch. Das heißt T. ›At‹ also! Noch einmal T.«

Und nun folgten E-N-T-A. Wir waren verblüfft. Benützten sie eine Chiffre?

»Das kann doch nicht alles sein, Watson? ›Attenta‹ gibt keinen Sinn. Es gibt auch keinen Sinn, wenn man es in zwei oder drei Worte teilt. – Jetzt geht es wieder los. Was soll das heißen? ›Atte‹ –, wie? Dieselbe Botschaft noch einmal? Sonderbar, Watson, sehr sonderbar! Jetzt ist es wieder aus. ›At‹ nun wiederholt er sie zum drittenmal. ›Attenta‹ dreimal! Wie oft will er das Wort wiederholen? Aber jetzt scheint wirklich Schluß zu sein. Er hat sich vom Fenster zurückgezogen. Wofür hältst du das alles, Watson?«

»Für eine Signalbotschaft, Holmes.«

Mein Freund fing plötzlich an zu kichern. »Und nicht einmal schwierig zu entziffern«, sagte er. »Das ist natürlich Italienisch! Das ›A‹ am Schluß bedeutet, daß die Botschaft an eine Frau gerichtet ist. ›Hüte dich! Hüte dich! Hüte dich!‹ Was hältst du davon, Watson?«

»Ich glaube, du hast das Rechte getroffen.«

»Kein Zweifel daran! Es ist eine recht dringende Botschaft, – dreimal wiederholt, um sie noch eindringlicher zu machen. Aber wovor soll sie sich hüten? Einen Augenblick – er kommt wieder ans Fenster.«

Wieder sahen wir die schwachen Umrisse eines vorgebeugten Mannes und das Flackern der kleinen Flamme. Diesmal kamen die Zeichen schneller, so schnell, daß es schwer war, nachzuzählen.

»›Pericolo‹ – ›Pericolo‹ –; was heißt das? Gefahr, nicht, Watson? Ja, Himmel, es ist ein Warnungssignal! Jetzt kommt es wieder: ›Peri‹ – Hallo was mag das –«

Das Licht war plötzlich erloschen, das schwach erleuchtete Fensterviereck war verschwunden, und das dritte Stockwerk des Mietshauses bildete ein dunkles Band um das hohe Gebäude, zwischen den Reihen erleuchteter Fenster. Der letzte Warnungsruf war unterbrochen worden. Wie und durch wen? Diese Frage entstand gleichzeitig in uns beiden. Holmes wandte sich mir lebhaft zu.

»Es wird ernst, Watson«, rief er. »Irgendeine Teufelei geht dort vor sich! Wie könnte eine solche Botschaft sonst auf diese Weise endigen? Ich sollte die Polizei darauf aufmerksam machen – jedoch, wir dürfen unsere Beobachtungen jetzt nicht unterbrechen.«

»Soll ich zur Polizei laufen?«

»Wir müssen erst selbst etwas klarer in der Sache sehen. Vielleicht findet alles eine ganz harmlose Erklärung. Komm‘, Watson, wir wollen hinübergehen und sehen, was zu tun ist.«

Als wir eilig der Howestraße zuschritten, blickte ich zurück nach dem Haus, welches wir soeben verlassen hatten. Da, am Giebelfenster, konnte ich die schwachen Umrisse einer Gestalt, einer weiblichen Gestalt erkennen, welche unverwandt, starr in die Nacht hinausblickte und mit atemloser Angst auf die Wiederholung der unterbrochenen Botschaft wartete.

Am Eingang zu dem großen Mietshaus lehnte ein Mann, in Schal und Mantel gehüllt. Als das Licht der Vorhalle auf unsere Gesichter fiel, richtete er sich auf.

»Holmes«, rief er.

»Wahrhaftig, Gregson!« sagte mein Gefährte, als er dem Detektiv von Scotland Yard die Hand schüttelte. »Was tun Sie hier?«

»Wahrscheinlich dasselbe wie Sie«, sagte Gregson. »Doch kann ich mir nicht denken, woher Sie etwas davon wissen.«

»Verschiedene Fäden, die zum selben Knoten führen. Ich habe soeben die Signale aufgefangen.«

»Signale?«

»Ja, vom Fenster aus. Sie brachen plötzlich ab. Wir kamen herüber, um die Ursache kennenzulernen; doch da die Sache sicher in Ihren Händen ruht, sehe ich keinen Grund, mich einzumischen.«

»Warten Sie ein wenig!« rief Gregson eifrig. »Ich muß Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen! Ich habe mich stets stärker gefühlt, wenn ich Sie an meiner Seite wußte. Dies hier ist der einzige Ausgang des Gebäudes. So haben wir ihn ganz sicher.«

»Wen – ihn?«

»Nun, diesmal sind wir Ihnen über, Herr Holmes, das müssen Sie zugeben.« Er stieß mit seinem Stock scharf gegen den Boden, worauf ein Mann aus einer Taxe stieg, welche auf der gegenüberliegenden Seite der Straße hielt, und auf uns zu kam. »Darf ich Sie Herrn Sherlock Holmes vorstellen?« sagte Gregson. »Dies ist Herr Leverton von Pinkertons Detektivinstitut in Amerika.«

»Der Held der geheimnisvollen Kellergeschichte auf Long Island?« sagte Holmes. »Herr Leverton, ich freue mich sehr, Sie kennen zu lernen.«

Der Amerikaner, ein stiller, junger Mann mit glattrasiertem, scharfgeschnittenem Gesicht errötete bei diesen lobenden Worten. »Ich bin auf der größten Fährte meines Lebens, Herr Holmes«, sagte er. »Wenn ich Georgiano fangen könnte –«

»Wie, Georgiano, vom ›Roten Kreis‹?«

»Oh, hat er auch europäischen Ruf? In Amerika wissen wir viel von ihm. Wir wissen, daß er an der Spitze von fünfzig Mördern steht, und doch wissen wir nichts Bestimmtes, um ihn fassen zu können. Ich folgte seiner Spur von Neuyork herüber und bin nun seit einer Woche in London hinter ihm her, auf irgendeinen Grund lauernd, um ihn fassen zu können. Herr Gregson und ich folgten ihm bis hier in dieses große Haus. Und da es nur diesen einen Ausgang hat, so kann er uns nicht entwischen. Drei Leute haben inzwischen das Haus verlassen, doch ich kann schwören, daß er nicht darunter war.«

»Herr Holmes erzählt von Signalen«, sagte Gregson.

»Ich nehme wie gewöhnlich an, daß er ein gut Teil mehr weiß wie wir.«

In wenigen kurzen Worten erzählte Holmes, was wir beobachtet hatten. Der Amerikaner schlug die Hände zusammen vor Verdruß.

»Er hat Wind von uns bekommen!« rief er.

»Wieso meinen Sie?«

»Nun, anders läßt es sich nicht erklären. Hier ist er und gibt seinen Verbündeten Zeichen, – es sind verschiedene von seiner Bande in London. Dann, gerade als er im Begriff ist, ihnen mitzuteilen, daß Gefahr droht, bricht er plötzlich ab. Was kann das anderes bedeuten, als daß er uns vom Fenster aus entdeckt hat, oder sonstwie erfahren, wie drohend die Gefahr ist und sich eiligst davon gemacht hat, um ihr zu entgehen. Wozu raten Sie, Herr Holmes?«

»Daß wir sofort hinaufgehen und selbst nachsehen.«

»Aber wir haben keine Vollmacht zu seiner Verhaftung.«

»Er hält sich unter verdächtigen Umständen in unbewohnten Räumen auf«, sagte Gregson. »Das genügt für den Augenblick. Wenn wir ihn erst am Kragen haben, so wird Neuyork uns schon helfen, ihn festzuhalten. Ich nehme die Verantwortung seiner Verhaftung auf mich.«

Unsere amtlichen Detektivs sind häufig Stümper in Sachen des Verstands, doch nie, wenn es sich um persönlichen Mut handelt.

Ruhig und geschäftsmäßig stieg Gregson die Treppe hinauf, um diesen gefährlichen Mörder festzunehmen, als handelte es sich um eine Treppe im Gerichtsgebäude. Der Mann von Pinkertons Detektivinstitut hatte versucht, sich vorzudrängen, aber Gregson hielt ihn mit dem Ellbogen zurück.

Die Glastüre zum dritten Stockwerk stand halb offen. Gregson stieß sie auf. Drinnen war alles still und dunkel. Als das Licht heller wurde, hielten wir alle vor Überraschung den Atem an. Auf dem Fußboden waren frische Blutspuren, welche bis zu einer geschlossenen Türe führten. Gregson riß sie auf und ließ den vollen Schein seiner Lampe vor sich herfallen, während wir gespannt über seine Schultern blickten.

Mitten auf dem Fußboden des leeren Raumes lag in einem breiten Kreis von Blut der Körper eines riesigen Mannes. Das glattrasierte, gebräunte Gesicht war schauerlich verzerrt, das Haupt von einem unheimlichen feuchten roten Band umgeben. Die Knie waren hinaufgezogen und die Hände in Todesangst gespreizt; aus seinem starken, braunen Hals ragte das Heft eines tief in den Körper gestoßenen Messers. Der Riese mußte bei diesem schrecklichen Stoß wie ein gefällter Ochse zusammengebrochen sein. Neben seiner rechten Hand lag ein furchtbarer, zweischneidiger Dolch mit Horngriff auf dem Boden und daneben ein schwarzer Lederhandschuh.

»Bei Gott! Es ist der schwarze Georgiano selbst«, schrie der Amerikaner. »Irgend jemand ist uns zuvorgekommen.«

»Hier liegt die Kerze auf dem Fenstersims, Herr Holmes«, sagte Gregson. »Aber was haben Sie im Sinn?«

Holmes war ans Fenster getreten. Er hatte die Kerze angezündet und bewegte sie durch das offene Fenster vor und zurück. Dann blies er sie aus und warf sie auf den Boden.

»Ich denke, das wird uns helfen«, sagte er. Er trat in tiefe Gedanken versunken zu den andern, während diese die Leiche untersuchten.

»Sie sagten, drei Leute hätten das Haus verlassen, während Sie unten warteten«, sprach er endlich. »Sahen Sie sie genau?«

»Jawohl.«

»War ein Mann dabei, etwa dreißig Jahre alt, mit schwarzem Bart und von mittlerer Größe?«

»Ja; er war der letzte, der an mir vorbeiging.«

»Das ist der Mann, den Sie suchen, vermute ich. Ich kann Ihnen seine genaue Beschreibung beschaffen, und außerdem hat er musterhafte Fußspuren hinterlassen. Das genügt zunächst.«

»Nicht ganz, Herr Holmes, unter den vielen Millionen in London.«

»Vielleicht nicht. Deshalb hielt ich es für das Beste, die Dame zu Ihrer Hilfe herbeizurufen.«

Wir alle wandten uns bei diesen Worten um. Da, in der Türöffnung stand eine große schöne Frau, – die geheimnisvolle Bewohnerin von Frau Warrens Giebelzimmern. Langsam schritt sie vorwärts, das Gesicht bleich und von Angst und Furcht entstellt, die Augen mit entsetztem Blick auf den dunklen Körper am Boden geheftet.

»Sie haben ihn getötet!« flüstert« sie. »Oh, Dio mio, sie haben ihn getötet!« Dann holte sie tief Atem und sprang mit einem Freudenschrei in die Luft. In die Hände klatschend tanzte sie im Zimmer umher; ihre Augen funkelten vor Entzücken und tausend wohlklingende italienische Ausrufe entströmten ihren Lippen. Es war merkwürdig und schrecklich zu sehen, wie die Frau bei einem solchen Anblick halb verrückt vor Freude war. Plötzlich hielt sie inne und sah uns fragend an.

»Aber Sie? Sie gehören zur Polizei, nicht wahr? Sie haben Giuseppe Georgiano getötet, nicht wahr?«

»Wir gehören zur Polizei, Madame.«

Sie blickte suchend in die dunkeln Winkel des Zimmers.

»Aber, wo ist Gennaro?« fragte sie. »Mein Mann, Gennaro Lucca? Ich bin Emilia Lucca, und wir sind von Neuyork. Wo ist Gennaro? Er rief mich doch soeben von diesem Fenster aus, und ich eilte herüber, so schnell ich konnte.«

»Nicht er, sondern ich rief Sie«, sagte Holmes.

»Sie! Wie konnten Sie das?«

»Ihr Signalkode war nicht schwierig, Madame. Ihre Anwesenheit hier war wünschenswert. Ich wußte, daß ich nur die Zeichen für Vieni zu geben brauchte und Sie würden sogleich kommen.«

Die schöne Italienerin blickte scheu auf meinen Gefährten.

»Ich weiß nicht, woher Sie das alles wissen«, sagte sie. »Wie konnte Giuseppe Georgiano –«; sie hielt inne, und dann plötzlich erstrahlte ihr Gesicht in Stolz und Entzücken. »Jetzt verstehe ich! Mein Gennaro! Mein herrlicher, prächtiger Gennaro, der mich sicher vor Schaden und Gefahr bewahrt hat, – er tat es mit seiner eigenen starken Hand, er tötete das Ungeheuer! O Gennaro, wie herrlich bist du! Kann eine Frau je eines solchen Mannes wert sein?«

»Nun, Frau Lucca«, sagte der prosaische Gregson, indem er seine Hand so wenig zart auf den Arm der Frau legte, als ob sie ein betrunkener Matrose wäre. »Es ist mir noch nicht ganz klar, wer oder was Sie sind; aber so viel weiß ich, daß wir Sie vor Gericht brauchen.«

»Einen Augenblick, Gregson«, sagte Holmes. »Ich glaube, daß dieser Dame ebensoviel daran gelegen ist, uns aufzuklären, als uns, etwas Näheres zu erfahren. Sie können sich denken, Frau Lucca, daß Ihr Mann wegen des Todes des Mannes, der hier liegt, zur Rechenschaft gezogen werden wird. Ihre Aussage wird als Zeugnis dienen. Wenn Sie aber glauben, daß er aus andern als verbrecherischen Gründen gehandelt hat, dann können Sie ihm vielleicht nicht besser dienen, als indem Sie uns die ganze Geschichte erzählen.«

»Jetzt, wo Georgiano tot ist, fürchten wir nichts mehr«, sagte die Dame. »Er war ein Teufel und ein Ungeheuer, und kein Richter in der ganzen Welt wird meinen Mann dafür bestrafen, daß er ihn getötet hat.«

»In diesem Fall«, sagte Holmes, »schlage ich vor, daß wir hier alles liegen lassen, wie wir es gefunden haben, die Türe abschließen und mit der Dame in ihr Zimmer gehen. Eine Meinung können wir uns erst bilden, wenn wir gehört haben, was sie uns zu erzählen hat.«

Eine halbe Stunde später saßen wir alle vier in dem kleinen Wohnzimmer der Signora Lucca und lauschten der Erzählung der erschütternden Ereignisse, von deren Abschluß wir Zeugen geworden waren. Sie sprach fließend, aber fehlerhaft. Um der Deutlichkeit willen will ich ihren Bericht in gute Form bringen.

»Ich bin geboren in Posilippo bei Neapel«, sagte sie. »Mein Vater war Augusto Barelli, ein Advokat und früher Abgeordneter der Gegend. Gennaro war bei meinem Vater angestellt, und ich verliebte mich in ihn, wie es nicht anders möglich war. Er hatte weder Geld noch Stellung – nur seine Schönheit, Stärke und Tatkraft, – so verbot mir mein Vater den Verkehr mit ihm. Wir flohen miteinander, heirateten in Bari, verkauften meine Schmucksachen, um die Überfahrt nach Amerika bezahlen zu können. Das war vor vier Jahren und seither lebten wir in Neuyork.

Das Glück war uns anfangs hold. Es gelang Gennaro, einem italienischen Herrn einen Dienst zu erweisen. Er stand ihm gegen einige Straßenräuber bei an einem Ort, genannt Bowery, – und erwarb sich dadurch einen mächtigen Freund. Sein Name war Tito Castalotte, und er war der Hauptteilhaber der großen Firma Castalotte und Zamba, des größten Früchteimportgeschäfts in Neuyork. Signor Zamba ist leidend, und unser neuer Freund herrschte unumschränkt in dem Geschäft, welches mehr als 300 Leute beschäftigt. Er gab meinem Mann eine Anstellung, machte ihn zum Vorstand einer Abteilung und bewies ihm auf jede Weise sein Wohlwollen. Signor Castalotte war Junggeselle; er sorgte für Gennaro wie für einen Sohn, und auch wir liebten ihn, als wäre er unser Vater. Wir hatten ein kleines Haus in Brooklyn gemietet, und unsere Zukunft schien gesichert, als die düstere Wolke an unserem Himmel erschien.

Eines Abends, als Gennaro von der Arbeit zurückkam, brachte er einen Landsmann mit. Sein Name war Georgiano, und er kam auch von Posilippo. Er war ein sehr großer Mann, wie Sie ja gesehen haben, denn Sie sind vor seiner Leiche gestanden. Aber nicht nur sein Körper war der eines Riesen, alles an ihm war riesenhaft, absonderlich und furchterregend. Seine Stimme dröhnte wie Donnergroll in unserem kleinen Haus; es war kaum genug Platz für die lebhaften Bewegungen seiner langen Arme, wenn er sprach. Seine Gedanken, seine Gemütsbewegungen, seine Leidenschaften, alles war übertrieben und ungeheuerlich. Er sprach oder vielmehr brüllte mit solcher Gewalt, daß wir andern nur still sitzen und den Schwall seiner Worte über uns strömen lassen konnten. Seine Augen funkelten und hielten jedermann im Bann. Er war ein wunderbarer und schrecklicher Mann. Ich danke Gott, daß er tot ist!

Er kam wieder und wieder. Doch merkte ich deutlich, daß Gennaro so wenig Freude an seiner Gegenwart hatte wie ich. Mein armer Mann saß bleich und still dabei, wenn unser Besuch seine endlosen Reden über Politik und soziale Fragen hielt. Gennaro sagte nichts; doch konnte ich in seinem Gesicht lesen, was ich nie zuvor darin gesehen hatte. Anfangs hielt ich es für Abneigung; dann allmählich merkte ich, daß es mehr als Abneigung war. Es war Furcht, tiefe, geheime, zitternde Furcht. In der Nacht, da ich mir darüber klar wurde, legte ich meine Arme um seinen Hals und flehte ihn an, bei seiner Liebe zu mir und bei allem, was ihm teuer war, mir nichts zu verheimlichen und mir zu sagen, weshalb dieser große Mann sein Gemüt so sehr verdüstere.

Er erzählte mir, und mein Herz gefror beim Zuhören vor Entsetzen zu Eis. Mein armer Gennaro war in seinen jungen und hitzigen Tagen, als die ganze Welt sich gegen ihn verbündet zu haben schien und er halb verrückt war über die Ungerechtigkeiten des Lebens, einer Gesellschaft in Neapel beigetreten, genannt ›Der rote Kreis‹, welche mit den alten Carbonari verbündet waren. Die Schwüre und Geheimnisse dieser Bruderschaft waren fürchterlich. Wer einmal aufgenommen war, konnte nie wieder davon loskommen. Als wir nach Amerika geflohen waren, dachte Gennaro, auch dieser Gesellschaft für immer entflohen zu sein. Wer beschreibt sein Entsetzen, als er eines Tages auf der Straße demselben Mann begegnete, der ihn in den Bund eingeführt hatte, dem Riesen Georgiano, dem Mann, welcher in Süditalien den Namen ›der Tod‹ führte, denn seine Hände trieften von Blut. Auf der Flucht vor der italienischen Polizei war er nach Neuyork gekommen und hatte auch in seiner neuen Heimat bereits eine Filiale der schrecklichen Gesellschaft gegründet. All dies erzählte mir Gennaro und zeigte mir eine Aufforderung, welche er am selben Tage erhalten hatte. Sie enthielt die Nachricht, daß an einem gewissen Tag eine Loge abgehalten würde, und den strengen Befehl, daran teilzunehmen. Über dem Ganzen war ein roter Kreis gezeichnet.

Das war eine schlimme Sache, aber es sollte noch schlimmer kommen. Schon seit längerer Zeit hatte ich beobachtet, daß Georgiano, wenn er, was jetzt regelmäßig geschah, des Abends zu uns kam, viel mit mir sprach; und selbst wenn er seine Worte an meinen Mann richtete, so verfolgte er mich mit seinen durchbohrenden Raubtierblicken. Ich hatte in ihm erweckt, was er Liebe nannte, – die Liebe eines Wilden, einer Bestie. Eines Abends war Gennaro noch nicht zu Hause, als er kam. Er stürzte herein, preßte mich in seine mächtigen Arme, bedeckte mich mit Küssen und flehte mich an, mit ihm zu gehen. Ich sträubte mich und schrie, als Gennaro eintrat und mir zu Hilfe eilte. Georgiano mißhandelte meinen Mann furchtbar und floh aus dem Haus, um es nie wieder zu betreten. In dieser Nacht hatten wir uns einen Todfeind gemacht.

Wenige Tage später war die Zusammenkunft. Gennaro kehrte davon zurück mit einem Gesicht, welches mir sagte, daß sich etwas Gräßliches ereignet haben mußte. Es war schlimmer als alles, was wir uns hätten vorstellen können. Die Gesellschaft bezog ihr Vermögen aus Erpressungen an reichen Italienern. Wenn diese das Geld verweigerten, so wurden sie mit Gewalttaten bedroht. Auch an unseren lieben Freund und Wohltäter Castalotte schienen sie in dieser Weise herangetreten zu sein; er hatte sich geweigert und die Sache der Polizei übergeben. Es wurde nun beschlossen, ein solches Beispiel an ihm zu statuieren, daß jedem künftigen Opfer die Lust zu ähnlichem Handeln vergehen sollte. Bei der Zusammenkunft wurde nun beschlossen, ihn mit seinem ganzen Haus mit Dynamit in die Luft zu sprengen. Durch das Los sollte bestimmt werden, wer die Tat auszuführen hatte. Gennaro sah unseres Feindes Gesicht mit grausamem Lächeln auf sich gerichtet, als er seine Hand in den Beutel steckte. Ohne Zweifel war die Sache irgendwie vorher zurecht gemacht worden, denn als mein Mann die Hand zurückzog, lag darin der verhängnisvolle Befehl zum Mord. Er mußte seinen besten Freund töten, oder er setzte sich selbst der Rache seiner Gefährten aus. Es gehörte zu ihren grausamen Satzungen, diejenigen, welche sie fürchteten oder haßten, nicht nur selbst, sondern alle, die sie liebten, mit dem Tode zu bedrohen. Gennaro wußte das und war halb wahnsinnig vor Furcht.

Diese ganze Nacht saßen wir beisammen, die Arme umeinander geschlungen und uns gegenseitig tröstend und Mut zusprechend. Am nächsten Abend sollte das Verbrechen ausgeführt werden. Am Nachmittag waren mein Mann und ich auf dem Wege nach London, aber nicht ohne unseren Wohltäter vorher gewarnt und die Polizei von allem in Kenntnis gesetzt zu haben, um sein Leben für die Zukunft gesichert zu wissen. Das übrige wissen Sie selbst, meine Herren. Wir wußten, daß die Bande wie unser Schatten hinter uns her sein würde. Georgiano hatte auch noch seine Privatgründe zur Rache, und wir wußten, wie unbarmherzig, schlau und unermüdlich er sein konnte. Die wenigen ruhigen Tage, welche wir hier hatten, benützte mein Geliebter, um mir einen Zufluchtsort auszusuchen, an dem mich keinerlei Gefahr erreichen konnte. Er selbst mußte frei sein, um ungehindert mit der amerikanischen und italienischen Polizei in Verbindung bleiben zu können. Ich weiß selber nicht, wo und wie er lebte. Durch eine Zeitung ließ er mir ab und zu kurze Nachrichten zukommen. Aber einmal, als ich durch das Fenster blickte, sah ich zwei Italiener, welche das Haus bewachten; es war mir sofort klar, daß Georgiano irgendwie unseren Versteck ausfindig gemacht hatte. Endlich teilte mir Gennaro durch die Zeitung mit, daß er mir von einem gewissen Fenster aus Zeichen geben würde. Als die Zeichen endlich kamen, waren es nur Warnungen, welche plötzlich abbrachen. Jetzt ist es mir ganz klar, daß er Georgiano ganz in seiner Nähe wußte und daß er, Gott sei Dank!, bereit war, ihm den gebührenden Empfang zuteil werden zu lassen.

Und nun, Signori, frage ich Sie, ob wir irgend etwas von den Gerichten zu fürchten haben, oder ob irgendein Richter auf Erden meinen Gennaro für das verurteilen könnte, was er getan hat?«

»Herr Gregson«, sagte der Amerikaner zu dem englischen Detektiv, »ich kenne Ihre britischen Ansichten nicht, aber ich vermute, daß die amerikanischen Gerichte dem Gemahl dieser Dame außerordentlich dankbar sein werden.«

»Sie muß mich jetzt zum Chef begleiten«, antwortete Gregson. »Wenn sich bestätigt, was sie gesagt hat, so glaube ich kaum, daß sie oder ihr Mann viel zu fürchten haben werden. – Aber was mir noch ganz unverständlich ist, Herr Holmes! Wie zum Kuckuck kamen Sie dazu, sich mit dieser Sache zu befassen?«

»Schlußfolgerung, Gregson, Schlußfolgerung! Immer nach der alten Schule! Für dich, Watson, ist diese Geschichte ein neuer Beitrag zu deiner Sammlung. Übrigens ist es noch nicht acht Uhr und im Covent Garden Theater wird eine Wagneroper gespielt! Wenn wir uns beeilen, kommen wir noch recht zum zweiten Akt.«

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