Der Pfälzisch-badische Aufstand.

In Mainz angekommen, erfuhr ich von einem Mitgliede des dortigen demokratischen Vereins, daß Kinkel bereits durch die Stadt passiert sei, um nach der Pfalz zu gehen; der Mainzer Volksführer Zitz, der ein rhein-hessisches Korps organisiert habe, um den Pfälzern zu Hilfe zu ziehen und augenblicklich in Kirchheimbolanden stehe, könne mir wahrscheinlich näheres sagen. So machte ich mich denn zu Fuß nach Kirchheimbolanden auf den Weg, mein Gepäck in einem Tornister auf dem Rücken tragend. In der kleinen Stadt Kirchheimbolanden fand ich Zitz, einen hochgewachsenen stattlichen Mann, inmitten seiner, wie es schien, wohlausgerüsteten und auch einigermaßen disziplinierten Freischar. Das Lager machte keinen üblen Eindruck. (Zitz wurde wenige Jahre später in New York bekannt als Mitglied der Advokatenfirma Zitz und Kapp.) Nur hatte die Artillerie, die aus drei oder vier kleinen Böllern bestand, wie man sie zum Knallen bei Festlichkeiten gebraucht, etwas Spielzeugartiges. Von Zitz erfuhr ich, daß Kinkel nach Kaiserslautern, der revolutionären Hauptstadt der Pfalz, gegangen sei, um der dort sitzenden provisorischen Regierung seine Dienste anzubieten. So wanderte ich denn weiter nach Kaiserslautern. Dort fand ich auch sogleich Kinkel und Anneke, beide im besten Humor. Sie begrüßten mich herzlich und quartierten mich im Gasthof zum Schwan ein, wo ich vorläufig, wie Kinkel sagte, mich redlich nähren und einen guten pfälzischen Nachtschlaf genießen sollte; am nächsten Tage werde man mir schon etwas zu tun geben.

Am andern Morgen war ich früh auf den Beinen, erfrischt und tatendurstig. Mit besonderer Begierde beobachtete ich, wie ein in Aufstand befindliches Volk sich in der äußeren Erscheinung ausnahm. Ich fand, daß die Gäste im Wirtshaus ruhig frühstückten wie sonst. Ich hörte sagen, daß der Sohn des Schwanenwirts dieser Tage seine Hochzeit feiern werde, und daß große Vorbereitungen im Gange seien. Auf den Straßen ging es allerdings recht lebhaft zu – hier Leute, die ihre gewöhnlichen Geschäfte zu besorgen schienen, da Trupps von jungen Männern in bürgerlicher Kleidung mit Musketen auf den Schultern, die offenbar zu der in der Bildung begriffenen Volkswehr gehörten; dazwischen Soldaten in der bayerischen Uniform, die zum Volk übergegangen waren – und sogar Polizisten, leibhaftige Gendarmen in ihrer Amtstracht, mit dem Säbel an der Seite und augenscheinlich in der Ausübung der gewöhnlichen Funktionen des Sicherheitsdienstes. Nun waren meinem von Rheinpreußen hergebrachten Gefühl die Begriffe „Gendarm“ und „Freiheit“ unvereinbar, und es kostete dem Schwanenwirt einige Mühe, mich verstehen zu machen, daß diese Gendarmen sich auf die Reichsverfassung hätten einschwören lassen, nun der provisorischen Regierung dienten und überhaupt ganz gute Kerle seien. Überhaupt fand ich, obgleich unzweifelhaft die Führer ihre sehr sorgenvollen Stunden hatten, die Bevölkerung im ganzen in einer in hohem Grade gemütlich heiteren Stimmung, den Reiz des Augenblicks rückhaltlos genießend, scheinbar ohne sich viel mit dem Gedanken an das zu quälen, was der kommende Tag bringen werde. Das war eine allgemeine Sonntagsnachmittagslaune, ein wahrer Picknickhumor – äußerst liebenswürdig, aber wenig mit dem Bilde übereinstimmend, das ich mir von dem Ernst dieser revolutionären Situation gemacht hatte. Bald erkannte ich, daß diese fröhlich leichte Auffassung der Dinge mit dem des pfälzischen Volkscharakters wohl übereinstimmte.

Die Rheinpfalz ist ein von der Natur außerordentlich gesegnetes Ländchen, dessen landschaftliche Schönheit und dessen Erzeugnisreichtum wohl geeignet sind, in seiner Bevölkerung einen heiteren, lebenslustigen Sinn zu nähren. Diesen haben nun auch die Pfälzer seit Menschengedenken in hohem Grade besessen und gepflegt. Dazu sind sie ein intelligentes und leicht erregbares Völkchen, gutherzig und enthusiastisch, selbstbewußt und vielleicht auch ein wenig oppositionslustig. Wirklich arme Leute – Leute, denen das Nötige fehlte – gab es, damals wenigstens, einen kleinen Landesteil abgerechnet, in der Pfalz nur in sehr geringer Anzahl. Es war also keineswegs die Not, was die Pfälzer zum Revolutionieren erregte. Bei dem großen Völkerschacher auf dem Wiener Kongreß nach den napoleonischen Kriegen war die Rheinpfalz an das Königreich Bayern gefallen. Aber wie sie geographisch nicht mit Altbayern zusammenhing, so hatte sich dort auch kein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Königreich entwickeln wollen. Ein wirklicher bayerischer Patriotismus wollte in der Pfalz nicht wachsen. Als nun die bayerische Regierung auch altbayerische Beamte in die Pfalz schickte, um die Pfälzer regieren zu helfen, wurden die gegenseitigen Beziehungen noch unfreundlicher. Die „hungrigen Altbayern“, hieß es, würden nach der reichen Pfalz geschickt, um sich füttern zu lassen. Das Verhältnis war demjenigen, das zwischen der preußischen Rheinprovinz und Altpreußen bestanden hatte, nicht unähnlich. Die Pfälzer waren daher in beständiger Opposition gegen Altbayern, und diese Opposition würde hingereicht haben, sie in die Reihen der Liberalen zu treiben, wäre nicht das geweckte, lebhafte, aufgeklärte Völkchen von Natur aus zu einer liberalen Denkweise disponiert gewesen. Daß dieser Liberalismus bei den Pfälzern einen entschieden deutsch-nationalen Charakter trug, versteht sich von selbst. In der Tat hatte sich eine der berühmtesten nationalen Demonstrationen anfangs der dreißiger Jahre, das „Hambacher Fest“ auf pfälzischem Boden abgespielt, und unter den Führern der nationalen Bewegung gab es immer Pfälzer in vorderster Reihe.

Als nun der König von Bayern die von dem Frankfurter Nationalparlament gemachte Verfassung anzuerkennen verweigerte, brach in der Pfalz sofort die allgemeine Entrüstung in hellen Flammen aus. Es verstand sich bei den Pfälzern von selbst, daß, wenn der König von Bayern nicht deutsch sein wollte, die Pfalz aufhören müsse, bayerisch zu sein. Am 2. Mai wurde in Kaiserslautern eine große Volksversammlung abgehalten, in der alle liberalen Vereine der Pfalz vertreten waren. Diese Versammlung ernannte einen „Landesverteidigungsausschuß“ welcher den gefaßten Beschlüssen gemäß die Regierung der Provinz in die Hände nehmen und für die Organisierung einer bewaffneten Macht sorgen sollte. Die Stimmung der pfälzischen Bevölkerung war so einmütig, daß, mit Ausnahme einiger Beamten- oder Militärkreise und einiger Ortschaften, in denen eine altbayerisch gesinnte Geistlichkeit besonderen Einfluß ausübte, die Autorität des Ausschusses innerhalb der Landesgrenze so ziemlich allgemeine Anerkennung fand.

Die heillose Verworrenheit, welche die Weigerung des Königs von Preußen, die Reichsverfassung und die Kaiserkrone anzunehmen, über Deutschland gebracht hatte, trat nun kraß zutage. Wie schon erwähnt, forderte das Nationalparlament am 4. Mai durch Beschluß „die Regierungen, die gesetzgebenden Körper, die Gemeinden der Einzelstaaten, das gesamte deutsche Volk auf, die Verfassung des deutschen Reichs zur Anerkennung und Geltung zu bringen“. Da nun der König von Bayern die Reichsverfassung anzuerkennen verweigerte, so fühlten die Pfälzer mit vollem Recht, daß sie, indem sie sich gegen die bayerische Regierung erhoben, im Sinne des Beschlusses des Nationalparlamentes handelten, – in der Tat, daß sie einem Befehl der höchsten nationalen Autorität in Deutschland zu gehorchen suchten. Der Landesausschuß wandte sich also in durchaus logischer Weise durch die pfälzischen Abgeordneten im Nationalparlament an dieses und an die provisorische Reichszentralgewalt um Anerkennung und Schutz. Die Reichszentralgewalt, an deren Spitze, wie bekannt, der österreichische Erzherzog Johann stand, schickte darauf einen Reichskommissar, Dr. Eisenstuck, einen Altliberalen nach der Pfalz, um an Ort und Stelle „im Namen der Reichsgewalt alle zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Gesetze in jenem Lande erforderlichen Maßregeln zu ergreifen“, und insbesondere Fürsorge zu treffen, daß gewisse vom Landesausschusse gefaßten Beschlüsse wieder aufgehoben werden möchten. Der Reichskommissar erklärte auch die betreffenden Beschlüsse für aufgehoben, „bestätigte“ aber den „Landesausschuß für Verteidigung und Durchführung der deutschen Reichsverfassung“ und erklärte denselben für berechtigt, die Volkswehr zu organisieren, zu bewaffnen und auf die Reichsverfassung zu vereidigen, und „gegen gewaltsame Angriffe auf die Reichsverfassung in der Pfalz äußersten Falls selbständig einzuschreiten“. Damit war nun dem Erzherzog-Reichsverweser keineswegs gedient.

Der Erzherzog Johann war ursprünglich dadurch, daß er eine „Bürgerliche“ geheiratet, und daß er sich auch durch politisch freisinnige Äußerungen bei dem österreichischen Hofe mißliebig gemacht, in den Geruch liberaler Gesinnungen gekommen und bei dem großen Publikum populär geworden. Dies hatte ihm im Jahre 1848 die Wahl zum Amt des Reichsverwesers eingetragen. Es war nun nicht unnatürlich, daß ihn darauf der Wunsch und die Hoffnung erfaßte, er möge selbst die deutsche Kaiserkrone empfangen. Die Wahl des Königs von Preußen enttäuschte ihn gewaltig, und er machte seinem Unmut dadurch Luft, daß er dem Präsidium des Nationalparlaments sofort seine Abdankung von dem Reichsverweseramte ankündigte. Doch ließ er sich überreden, diese Abdankung vorläufig zurückzuhalten, und er tat dies denn auch um so williger, als er von dem österreichischen Hofe die dringende Weisung empfing, ein so wichtiges Amt, solange es bestehe, nicht fahren zu lassen, da er darin den dynastischen Interessen Österreichs sehr wichtige Dienste leisten könne. Das dynastische Interesse Österreichs wurde aber damals so verstanden, daß unter keiner Bedingung ein König von Preußen deutscher Kaiser werden, und daß überhaupt keine Konstituierung des deutschen Reichs, in der nicht die österreichische Gesamtmacht Platz fände und die Führerrolle spielte, zustandekommen dürfe. Die vom Nationalparlament gemachte Reichsverfassung war also dem österreichischen Hofe ein Greuel und ihre Einführung mußte mit allen Mitteln verhindert werden. Nun mag der Liberalismus des Erzherzogs Johann ursprünglich immer so echt gewesen sein – gewiß ist, daß ihm das monarchische Interesse im allgemeinen und das österreichische im besonderen viel mehr am Herzen lag als die Reichsverfassung und die deutsche Einheit.

Da stellte sich denn folgende wahrhaft groteske Lage der Dinge heraus: Das deutsche Nationalparlament hatte sich in der „provisorischen Zentralgewalt“, an deren Spitze der Reichsverweser Erzherzog Johann gestellt worden war, ein exekutives Organ gegeben, um seinem Willen Achtung zu verschaffen und seine Beschlüsse praktisch durchzuführen. Die bei weitem wichtigste seiner Willensäußerung bestand in der von ihm gemachten deutschen Reichsverfassung und der Wahl des Königs von Preußen als deutscher Kaiser. Der König von Preußen weigerte sich die Reichsverfassung als zu Recht bestehend anzuerkennen und die auf ihn gefallene Kaiserwahl anzunehmen. Das Nationalparlament forderte darauf nicht nur alle deutschen Regierungen, sondern auch die gesetzgebenden Körper und die Gemeinden der deutschen Einzelstaaten, ja das ganze deutsche Volk auf, die Reichsverfassung zur Anerkennung und Geltung zu bringen. Das Volk der Pfalz tat genau das, wozu das Nationalparlament das deutsche Volk aufforderte. Es stand für die Reichsverfassung auf gegen den König von Bayern, welcher der Reichsverfassung seine Anerkennung versagte. Ein von der Reichszentralgewalt in die Pfalz geschickter Reichskommissar fühlte sich durch eine Loyalität dem Nationalparlament gegenüber und durch die Logik der Umstände gezwungen, den pfälzischen „Landesausschuß für Verteidigung und Durchführung der Reichsverfassung“ zu bestätigen und zur Zurückweisung gewaltsamer Angriffe auf die Reichsverfassung für berechtigt zu erklären. Und was tat darauf der Reichsverweser, der zu dem Zwecke geschaffen worden und dessen oberste Pflicht darin bestand, den Willen des Nationalparlaments und besonders die Reichsverfassung zur Anerkennung und Geltung zu bringen? Er rief den Reichskommissar sofort zurück und schickte sich an, die Volksbewegung, die in Übereinstimmung mit dem Aufruf des Nationalparlaments zur Verteidigung und Durchführung der Reichsverfassung begonnen worden war, mit Waffengewalt zu unterdrücken. Und zu diesem Zweck wurden hauptsächlich preußische Truppen gewählt – Truppen desselben Königs, der im März 1848 feierlich versprochen hatte, sich an die Spitze der nationalen Bewegung zu stellen und Preußen in Deutschland aufgehen zu lassen, der dann zum Deutschen Kaiser gewählt worden und nun diejenigen tot zu schießen bereit war, die ihn tatsächlich zum Kaiser machen wollten.

Es ist zur Verteidigung dieser unerhörten Handlungsweise gesagt worden, daß dem Volksaufstand für die Reichsverfassung in der Pfalz und besonders demjenigen in Baden starke republikanische Tendenzen, „Umsturzgelüste“, beigemischt waren. Das ist richtig. Es ist aber ebenso wahr, daß, hätten die deutschen Fürsten in loyaler Weise, wie sie im März 1848 dem deutschen Volke das volle Recht gegeben hatten, von ihnen zu erwarten, die Reichsverfassung angenommen, sie alle republikanischen Bestrebungen in Deutschland brachgelegt haben würden. Das deutsche Volk würde im ganzen und großen zufrieden gewesen sein; ja es würde sich unzweifelhaft sogar einige Änderungen der Reichsverfassung im monarchischen Sinne haben gefallen lassen. Und es ist nicht weniger wahr, daß die Weise, in welcher die Machthaber nach so vielen schönen Versprechungen die Hoffnung des deutschen Volkes auf nationale Einigung zu vereiteln suchten, nur zu gut geeignet war, allen Glauben an die nationale Gesinnung und die Loyalität der Fürsten zu zerstören und die Meinung zu verbreiten, daß nur auf republikanischem Wege eine einheitliche deutsche Nation geschaffen werden könne. Die Haltung des Königs von Preußen sowie der Könige von Bayern, Hannover und Sachsen stellten den national gesinnten Deutschen vor die klare Alternative, entweder alle deutschen Einheitsbestrebungen und alles, was damit an nationaler Freiheit, Macht und Größe zusammenhing, vorläufig aufzugeben, oder dieselben auf dem Wege weiter zu führen, der von den Regierungen als revolutionär bezeichnet wurde. Die klägliche Geschichte Deutschlands während des nächsten Dezenniums hat schlagend bewiesen, daß diejenigen, welche die Situation im Jahre 1849 im Lichte dieser Alternativen auffaßten, sie richtig auffaßten.

Kehren wir nun zur Pfalz nach der Abberufung des Reichskommissars Eisenstuck zurück. Zuerst wurden mit kleinen Truppenkörpern Versuche gemacht, der pfälzischen Bewegung Einhalt zu tun. Da dies jedoch nicht gelang und unterdes auch durch den Aufstand des Volkes und der Armee in Baden die Lage der Dinge viel ernster geworden war, so fing die preußische Regierung an, ein paar Armeekorps mobil zu machen und sich auf einen förmlichen Feldzug vorzubereiten. Es waren gerade diese Vorbereitungen, die durch die verschiedenen Aufstandsversuche in den preußischen Westprovinzen hatten verhindert werden sollen. Die Pfalz blieb nun mittlerweile eine Zeitlang unangegriffen, und das gutmütige, zu sanguinischen Anschauungen geneigte Völkchen sah in dieser zeitweiligen Ruhe ein Zeichen, daß die Fürsten, auch der König von Preußen, sich doch scheuten, einen offenen Waffengang zu unternehmen, weil sich für die große Sache der deutschen Einheit und Freiheit wahrscheinlich die anderen Völkerschaften ebenso begeistern würden wie die Pfälzer und die Badenser. Man gab sich daher gern dem Glauben hin, daß die Erhebung ebenso heiter enden werde, wie sie begonnen hatte; und dies erklärt die Tatsache, daß die lustige Stimmung inmitten der revolutionären Ereignisse, die ich als Picknickhumor beschrieb, eine gute Weile vorhielt. Nicht wenige der Führer wiegten sich auch in diese Vertrauensseligkeit ein, und als nun der „Landesausschuß“ gar den offiziellen Titel einer „provisorischen Regierung“ annahm, da freute man sich des Gefühls, daß nun die „Fröhliche Pfalz, Gott erhalts“ der bayerischen Wirtschaft für immer ledig sei und als hübsche kleine Republik und Bestandteil des großen deutschen Freistaates sich fortan werde ersprießlich selbst regieren können.

Die Verständigeren und Weitersehenden verhehlten sich jedoch nicht, daß, wie die Dinge sich nun einmal gestaltet hatten, es sich hier um einen Entscheidungskampf mit einer antinationalen und antiliberalen Reaktion handle, die bei dieser Gelegenheit ihre ganz wohlorganisierte Macht, wenn nötig, bis zu den letzten Reserven, aufbieten werde, und daß dieser Macht gegenüber sich die Hülfsmittel der Pfalz und Badens bedenklich gering ausnahmen. In der Pfalz hatte allerdings eine kleine Zahl bayerischer Soldaten sich für die „Sache des Volkes“ erklärt, – d. h. die hatten sich von den Mitgliedern oder Emissären des Landesausschusses auf die Reichsverfassung einschwören lassen und dann an Stelle der Offiziere, welche die Eidesleistung verweigerten, ihre Unteroffiziere zu Offizieren erwählt. Aber ihrer waren nur wenige Hunderte. Außerdem verfügte die provisorische Regierung über die Bürgerwehren der pfälzischen Städte, die natürlich nur zum lokalen Dienst tauglich und nur schlecht bewaffnet waren; dann über das rhein-hessische Korps unter Zitz, 6–700 Mann stark, über ein ähnliches Korps unter Blenker, der sich später in Amerika einen Namen machte, und schließlich über die in größerem Maßstabe erst zu organisierenden Volkswehren. Es würde wahrscheinlich nicht schwer gewesen sein, in der Pfalz ein aus rüstigen jungen Leuten bestehendes Armeekorps von 20–25000 Mann zu bilden, wäre die provisorische Regierung mit dem nötigen Kriegszeug versehen gewesen. Freiwillige meldeten sich in Menge; aber da man ihnen keine Musketen in die Hände geben, sondern sie nur darauf verweisen konnte, sich so gut es ging mit Sensen und Spießen zu bewaffnen, so verliefen sich viele davon. Ein Versuch, Musketen von Belgien einzuführen, mißlang, da man naiverweise die Ladung durch preußisches Gebiet den Rhein herauf hatte kommen lassen, wo sie natürlich von den wachsamen Preußen abgefaßt wurde. Eine Überrumpelung der in der Pfalz gelegenen Festung Landau, die bedeutende Vorräte enthielt, schlug ebenfalls fehl. So blieb denn der Waffenmangel eine der drückendsten Sorgen der provisorischen Regierung.

Diese bestand aus durchaus ehrenwerten, wohlmeinenden, braven Männern, denen man es nicht übel anrechnen darf, daß sie den Schwierigkeiten ihrer Situation, welche nur ein eminentes Genie, verbunden mit höchster Tatkraft, hätte überwinden können, nicht gewachsen waren. Ebensowenig gelang es ihnen, gerade solche Leute, wie sie eine so gewaltige Arbeit erfordert, in ihren Dienst zu ziehen. Den Oberbefehl über die bereits bestehenden und noch zu organisierenden Streitkräfte gaben sie zuerst einem ehemaligen Kommandeur der Bürgergarde in Wien, Fenner von Fenneberg, – einem Mann, der sich zum professionellen Revolutionär entwickelt hatte und seine Zeit hauptsächlich damit zubrachte, in bissigem Gerede andern die Schuld zuzuschreiben, wenn nichts geleistet wurde. Später schrieb er ein Buch, um die Unfähigkeit der provisorischen Regierung nachzuweisen, bei welcher Gelegenheit er seine eigene aufs schlagendste dokumentierte. Fenneberg mußte bald abtreten, und das Kommando ging dann provisorisch an eine Militärkommission über, die hauptsächlich aus ehemaligen preußischen Offizieren bestand, wie Techow, Schimmelpfennig, Anneke und Beust. Diese waren durchweg sehr tüchtige Leute, aber mehr geeignet für die Führung bereits fertiger Truppenkörper im Felde, als für die Schöpfung einer Armee in einem Lande, dessen Bevölkerung dem an stramme Disziplin und rasches Gehorchen gewöhnten preußischen Offizier nicht recht verständlich war und auch diesen mit seinem kurz angebundenen Wesen nicht besonders sympathisch fand. Doch leistete diese Kommission alles, was von ihr erwartet werden konnte. Mittlerweile aber engagierte die provisorische Regierung um schweres Geld, die Summe von 10000 Gulden, die Dienste eines alten polnischen Generals namens Sznayde, dem nachgesagt wurde, daß er eigentlich Schneider heiße. Offiziere, die in den großen polnischen Befreiungskämpfen gefochten hatten, erschienen damals noch von dem Nimbus des revolutionären Heldentums umflossen. Die volkstümliche Legende schrieb ihnen nicht allein außerordentliche Tapferkeit, sondern auch alle möglichen militärischen Talente und eine besondere Kenntnis aller Geheimnisse der Kriegskunst zu. Es war, als würde an den Sammelplätzen der polnischen Flüchtlingschaft, besonders in Paris und in der Schweiz, ein Vorrat von Feldherren auf Lager gehalten, um gelegentlich in irgend einem Teile der Welt an vorkommende revolutionäre Unternehmungen abgesetzt zu werden. Unter diesen polnischen Offizieren gab es unzweifelhaft Männer von bedeutenden Fähigkeiten, wie Dembinsky, Bem, Mieroslawksi und andere, – aber auch viel wertloses oder abgestandenes Material. Wie nun die provisorische Regierung der Pfalz auf den General Sznayde verfallen war, weiß ich nicht. Er soll in dem polnisch-russischen Kriege von 1830 und 1831 ein recht tapferer Reiteroffizier gewesen sein; aber im Jahre 1849 hätte man schwerlich einen General finden können, der zum Kommandeur der pfälzischen Volkswehren schlechter gepaßt hätte. Er war ein sehr dicker und sehr schwerfälliger alter Herr, dessen Aussehen vermuten ließ, daß er Messer und Gabel viel mehr zu handhaben liebte als den Säbel, und dem es um seine Nachtruhe offenbar mehr zu tun war als um wildes Kriegsgetümmel. Auch konnte er das sehr wenige, das er zu sagen hatte, auf Deutsch kaum oder gar nicht verständlich machen. Das Feld der Wirksamkeit, auf welches er sich versetzt sah, war ihm wildfremd. Seine Leistungen als Organisator des Volksheeres bestanden hauptsächlich darin, daß er die Tätigkeit der Militärkommission behinderte. Die Folge war, daß, während die provisorische Regierung es an Aufrufen, Verordnungen und Befehlen nicht fehlen ließ, die meisten davon ohne Ausführung blieben. Nach etwa sechswöchentlicher Arbeit hatte man in der Pfalz nicht mehr als 7–8000 Mann zum großen Teil schlecht bewaffneter und durchaus schlecht disziplinierter Truppen.

In Baden war man viel besser bestellt. Die gesamte Infanterie und Artillerie sowie der größte Teil der Kavallerie des Großherzogtums Baden hatten sich der Volksbewegung angeschlossen und präsentierten ein wohlausgerüstetes Armeekorps von etwa 15000 Mann. Zugleich war die Festung Rastatt mit ihren Waffen-, Munitions- und Montierungsvorräten in die Hände der Aufständischen gefallen. Neugebildete Organisationen konnten also bequem mit dem Nötigen versehen werden, und so hätte sich dort ohne allzu große Schwierigkeit eine mehr oder minder schlagfähige Armee von 40–50000 Mann herstellen lassen. Freilich hatten sich, mit wenigen Ausnahmen, die Offiziere zum Großherzog gehalten und von ihren Truppen getrennt. Aber ihre Stellen waren mit avancierten Unteroffizieren besetzt worden, und unter diesen gab es tüchtige Leute in hinreichender Anzahl, um unter den Liniensoldaten die Disziplin einigermaßen aufrecht zu halten. So erschien denn der badische Aufstand in ziemlich stattlicher Rüstung.

Aber die pfälzischen und badischen Führer hätten von vornherein mit der Tatsache rechnen müssen, daß die äußerste Anstrengung der Kräfte der beiden kleinen Länder nicht hinreichen konnte, der vereinigten Macht der deutschen Fürsten, oder selbst Preußen allein, die Spitze zu bieten. Es gab keine Hoffnung des Erfolges, wenn sich nicht die Volkserhebung über Baden und die Pfalz hinaus auf das übrige Deutschland ausbreitete. Zu diesem Ende hätten die beiden provisorischen Regierungen alle nur einigermaßen marschfähigen Leute über die Grenzen werfen sollen, um die Truppen und die Bevölkerung der benachbarten Staaten, zuerst die von Hessen und Württemberg, in die aufständische Bewegung hineinzuziehen und, im Falle des Gelingens, auf dieselbe Weise immer weiter vorzudringen. Ein junger badischer Offizier, Franz Sigel, der von der provisorischen Regierung zum Major avanciert worden war, erkannte dies klar genug und riet zur Invasion von Württemberg. Die provisorische Regierung erlaubte ihm eine Bewegung auf hessisches Gebiet mit schwachen Kräften. Aber er wurde bald zurückbefohlen. Zu einem offensiven, propagandistischen Vorgehen konnten sich die provisorischen Regierungen von Baden und der Pfalz nicht entschließen. Sie sahen nicht, daß defensives Erwarten der feindlichen Streitkräfte die unfehlbare Niederlage der Volkstruppen und das totale Fehlschlagen der Erhebung bedeutete. Sie klammerten sich noch immer an die Hoffnung, daß die preußische Regierung doch noch im letzten Augenblick von einem tatsächlichen Angriff auf die Verteidiger der Reichsverfassung zurückschrecken, oder, wenn nicht, daß die preußische Landwehr sich weigern werde, auf ihre für das gemeinsame Recht aufgestandenen Brüder zu schießen. Was die Landwehr nun auch getan haben möchte, hätte ein mit kühner Entschlossenheit und Siegesmut vordringendes Volksheer sie auf ihrem eigenen Boden aufgesucht und so an ihre Sympathie appelliert – man könnte schwerlich von ihr erwarten, daß sie sich für eine ängstlich zurückhaltende und anscheinend sich selbst aufgebende Sache opfern werde. Aber wie klar dies auch zurzeit den badischen und pfälzischen Führern hätte sein sollen, die provisorischen Regierungen beharrten darauf, innerhalb der Landesgrenzen den Angriff zu erwarten.

Ich kann mich nicht rühmen, die Situation damals so klar durchschaut zu haben wie später. Freilich hatte ich eine Ahnung davon; aber dann tröstete ich mich mit dem Gedanken, die Führer, viel ältere Leute als ich, müßten doch besser wissen, was zu tun sei; und schließlich hielt mich mein hoffnungsvoller Jugendmut aufrecht, der mir wieder und wieder sagte, eine so gerechte Sache, wie die unsrige, könne unmöglich untergehen. Schon am Tage nach meiner Ankunft in Kaiserslautern hatte ich mich in eins der Volkswehrbataillone, die organisiert wurden, als Soldat wollen einreihen lassen. Aber Anneke riet mir, damit nicht zu eilig zu sein, sondern mich ihm anzuschließen; da er Chef der pfälzischen Artillerie sei, so könne er mir eine meinen Fähigkeiten mehr angemessene Stellung verschaffen. In der Tat brachte er mir ein paar Tage darauf ein Leutnantspatent, das er mir von der provisorischen Regierung erwirkt hatte, und so wurde ich Aide-de-Camp im Stabe des Artilleriechefs. Kinkel fand Verwendung als einer der Sekretäre der provisorischen Regierung. Die pfälzische Artillerie bestand nur aus den Böllern der rheinhessischen Freikorps, aus einem halben Dutzend ähnlicher kleiner Kanonen, von denen man sagte, sie würden im Gebirgskriege recht nützlich sein, und aus einer später von der badischen provisorischen Regierung erstandenen Sechspfünderbatterie. Das Wirkungsfeld des Artilleriechefs und seines Stabes war also ein sehr beschränktes, und ich ließ mir’s gefallen, bis zum Ausbruch der Feindseligkeiten auch in politischen Angelegenheiten beschäftigt zu werden. So hatte ich zuweilen bei Volksversammlungen mitzuwirken, welche man zur Anfeuerung des patriotischen Eifers veranstaltete; und einmal wurde mir sogar der Auftrag, als Kommissar der provisorischen Regierung die Verhaftung eines katholischen Pfarrers zu bewerkstelligen, der seinen Einfluß in seiner Gemeinde – einem großen Bauerndorf von etwa 3000 Einwohnern – offen dazu benützte, die jungen Leute von dem Eintritt in die Volkswehr abzuhalten. Dies galt nun für eine Art von Hochverrat an der neuen Ordnung der Dinge. Da der Pfarrer für desperat genug gehalten wurde, sich dem Verhaftsbefehl der provisorischen Regierung gegenüber zur Wehr zu setzen, so wurde mir eine Abteilung Volkswehr von etwa 50 Mann mitgegeben, um mir bei der Ausführung meines Auftrags Hülfe zu leisten. Diese bewaffnete Macht sah allerdings nicht sehr achtunggebietend aus. Der sie kommandierende Leutnant war in gewöhnlichen Zivilkleidern, aber mit einem befiederten Kalabreserhut, einer schwarz-rot-goldenen Schärpe und einem Säbel ausgestattet. Bei der Mannschaft gab es nur eine einzige militärische Uniform, und zwar die eines französischen Nationalgardisten, der aus Straßburg herübergekommen war, um das Revolutionsvergnügen in der Pfalz mitzumachen. Die übrigen Leute trugen ihre bürgerlichen Kleider etwa mit einem Federschmuck auf dem Hut. Musketen fanden sich in der Truppe weniger als ein Dutzend; darunter einige mit alten Feuersteinschlössern. Der Rest der Bewaffnung bestand aus Spießen und geradegestellten Sensen. Ich selbst zeichnete mich als Regierungskommissar durch eine über Schulter und Brust geworfene schwarz-rot-gelbe Schärpe und einen Schleppsäbel aus. Außerdem trug ich im Gürtel eine Pistole ohne Munition. So ausgerüstet, marschierten wir über Land dem Dorfe zu, in dem der hochverräterische Pfarrer sein Unwesen trieb. In der Nähe des Dorfes angelangt, machten wir Halt, und da unter meinen Leuten niemand war, der in dem Dorfe Bescheid wußte, so wurden drei Mann ohne Waffen vorausgeschickt, um die Lage des Pfarrhauses auszukundschaften. Zwei von ihnen sollten, um es zu beobachten, dort bleiben, und der dritte zu uns zurückkehren, um der Expedition als Wegweiser zu dienen. So geschah es.

Als ich an der Spitze meiner bewaffneten Macht in das Dorf einmarschierte, fand ich die Straßen wie ein Bild stillen Friedens. Es war ein schöner, sonniger Sommernachmittag. – Die männliche Bewohnerschaft, Ackerbauer, arbeitete auf dem Felde. Nur einige alte Leute und kleine Kinder ließen sich an den Türen der Häuser oder an den Fenstern sehen, unsern abenteuerlichen Aufzug mit blöder Verwunderung anstarrend. Ich muß gestehen, daß ich mir einen Augenblick recht sonderbar vorkam. Aber meine amtliche Pflicht ließ mir keine Wahl. Rasch wurde mit einer Abteilung meiner Truppe das Pfarrhaus umzingelt, damit mir mein Hochverräter nicht etwa durch eine Hintertür entwischen könne. Die Hauptmacht blieb in Reih und Glied auf der Straße stehen. Ich selbst klopfte an die Tür des Hauses und befand mich bald in einer einfachen, aber behaglich ausgestatteten Stube dem Pfarrer gegenüber. Er war ein noch junger Mann, etwa 35 Jahre alt, kräftige untersetzte Gestalt, wohlgebildeter Kopf mit lebhaften, klug blitzenden Augen. Ich suchte eine strenge, martialische Miene anzunehmen und machte ihn sofort in kurzen Worten mit meinem Auftrag bekannt, legte ihm, wie ich gehört und gelesen hatte, daß es beim Verhaften üblich sei, die Hand auf die Schulter und nannte ihn meinen Gefangenen. Zu meinem Erstaunen brach er in ein helles Lachen aus, das echt schien.

„Mich verhaften wollen Sie?“ rief er. „Das ist nicht übel. Sie sind offenbar Student. Ich bin auch Student gewesen. Ich kenne das. Die ganze Geschichte ist ja nur ein Witz. Trinken Sie eine Flasche Wein mit mir.“ Dabei öffnete er die Stubentür und rief einem Dienstmädchen zu, sie möge Wein bringen.

Es verdroß mich, daß er in mir sogleich den Studenten entdeckt hatte, und daß ihm der Ausdruck amtlicher Autorität in meinen Mienen nicht imponieren wollte. „Machen Sie sich fertig, Herr Pastor“, entgegnete ich in möglichst strengem Ton. „Dies ist kein Spaß. Sie haben in Ihrer Gemeinde die Organisation der Volkswehr verhindert. Solch verräterisches Treiben kann die provisorische Regierung nicht dulden. Im Namen der provisorischen Regierung habe ich Sie verhaftet. Sie müssen mit. Machen Sie keine Umstände. Ihr Haus ist von Soldaten umzingelt. Zwingen Sie mich nicht, Gewalt zu brauchen!“

„Gewalt! Das möchte ich sehn!“ rief er, und in seinen Augen flammte etwas auf wie Zorn und Herausforderung. Aber er bezwang sich und fuhr in ernstem, aber ruhigem Ton fort: „So große Eile hat es doch wohl nicht, daß Sie nicht noch ein Wort anhören könnten. Da kommt das Mädchen mit dem Wein, und wenn ich doch fort muß, erlauben Sie mir noch ein Glas mit Ihnen zu trinken, auf Ihr Wohl. Es ist ja richtig; ich habe meine armen Bauernburschen nicht in die Volkswehr wollen eintreten lassen, um sich für nichts und wieder nichts totschießen zu lassen. Sie denken doch auch nicht, daß dieser kopflose Aufstand gewinnen kann. In wenigen Tagen werden die Preußen Ihre provisorische Regierung über die Grenze gejagt haben. Wozu denn dieser Unsinn, der noch vielen Leuten das Leben kosten kann?“ Dabei zog er den Pfropfen aus der Flasche und schenkte zwei Gläser voll. Ich hatte nicht Zeit zu überlegen, ob ich, durstig wie ich war, mit meinem Gefangenen trinken sollte oder nicht, als ich die Glocke des nahen Kirchturms heftig anschlagen hörte, und dann immer heftiger und rascher. Das konnte nichts anderes sein als Sturmgeläute. Hatten die Bauern von der ihrem Pastor drohenden Gefahr Wind bekommen und rief diese Sturmglocke sie zu seinem Schutze zusammen? Der Pfarrer schien die Sache sogleich zu verstehen. Ein schlaues Lächeln flog über seine Züge.

„Wie viel Mann haben Sie denn da draußen?“ fragte er.

„Genug“, antwortete ich.

Ich öffnete das Fenster und sah, wie von allen Seiten Bauern herbeikamen mit Dreschflegeln, Heugabeln und Knütteln bewaffnet. Meine Leute standen noch in Reih und Glied auf der Straße. Einige von ihnen fingen an, sich ein wenig ängstlich nach den herbeieilenden Bauern umzusehen. Ich befahl dem Leutnant, unsere Mannschaft mit dem Rücken gegen das Haus zu stellen und niemanden herein zu lassen. Im Falle eines Angriffs solle er die Tür bis aufs äußerste verteidigen. Ich wies ihn an, denselben Befehl den Leuten zu schicken, welche die Hintertür des Pfarrhauses bewachten. Die Menge der herzueilenden Bauern schwoll immer mehr an. Drohende Ausrufe ließen sich hören. Die Situation wurde offenbar bedenklich. Ob die Handvoll Volkswehrleute dem großen Haufen fanatischer Bauern gewachsen sein würde, schien sehr fraglich.

Der Pfarrer lächelte noch immer. „Meine Pfarrkinder lassen sich für mich totschlagen“, sagte er. „Es scheint mir, daß Ihre bewaffnete Macht in der Gewalt dieser Bauern ist.“

Da schoß mir ein glücklicher Gedanke durch den Kopf. „Jedenfalls sind Sie, Herr Pastor, in meiner Gewalt“, antwortete ich, indem ich meine Pistole aus dem Gürtel zog und den Hahn spannte. Der Pfarrer würde noch mehr gelächelt haben, hätte er gewußt, daß die Pistole nicht geladen war. Er hielt sie offenbar für gefährlich und sein Lächeln verschwand plötzlich. „Was wollen Sie von mir?“ fragte er.

„Ich will“, sagte ich mit einer äußerlichen Kaltblütigkeit, die ich innerlich nicht fühlte, „ich will, daß Sie unverzüglich an dieses Fenster treten und ihre Bauern recht eindringlich ermahnen, sofort ruhig nach Hause zu gehen. Sie werden hinzusetzen, daß Sie mit der Regierung Geschäfte im Interesse Ihrer Gemeinde haben, daß Sie in Beleitung Ihres Freundes hier, das bin ich, nach der Stadt gehen werden, um diese Geschäfte abzumachen, und daß diese bewaffneten Volkswehrmänner dazu gekommen sind, Sie unterwegs gegen alle Gefahr und Belästigung zu schützen. Während Sie diese Rede an die Bauern halten, stehe ich mit dieser Pistole hinter Ihnen. Machen Sie Ihre Sache gut, Herr Pastor. Die provisorische Regierung wird es Ihnen anrechnen.“

Der Pfarrer sah mich einen Augenblick verdutzt an und lächelte wieder; aber es war ein verlegenes Lächeln. Die Pistole in meiner Hand gefiel ihm augenscheinlich nicht. Dann trat er wirklich ans Fenster und wurde von den Bauern mit lauten Ausrufen empfangen. Er gebot Ruhe und sagte genau das, was ich ihm vorgeschrieben hatte. Er machte seine Sache vortrefflich. Die Bauern gehorchten ihm ohne Zaudern, und es wurde still auf der Straße. Der Pfarrer und ich tranken nun unsere Flasche Wein in aller Gemütlichkeit. Bei eintretender Dämmerung verließen wir das Haus durch die Hintertür und wanderten miteinander über Land der Stadt zu, wie zwei alte Freunde, in heiterem Gespräch, die bewaffnete Macht ein paar hundert Schritte hinter uns. Unterwegs spielte ich mit meiner Pistole, indem ich sie in die Luft warf und mit der Hand wieder auffing. „Nehmen Sie sich doch in acht“, sagte der Pfarrer, „die Pistole könnte losgehen.“

„Unmöglich, Herr Pastor“, antwortete ich. „Sie ist ja gar nicht geladen.“

„Was“, rief er, „nicht geladen? Und ich – na, das ist ein kapitaler Spaß!“

Wir blickten einander an und brachen beide in helles Gelächter aus. Ich berichtete der provisorischen Regierung, wie der Pfarrer mir und meinen Leuten aus der Patsche geholfen, und er wurde sehr glimpflich behandelt und bald wieder nach Hause geschickt. Man hatte auch an viel wichtigere Dinge zu denken.

Der Angriff, den die fröhlichen Pfälzer, wenigstens viele davon, so lange für unwahrscheinlich gehalten hatten, kam nun wirklich. Am 12. Juni rückte eine Abteilung preußischer Truppen über die Grenze. Wären die Flüche, die das sonst so gutmütige Völkchen den Preußen entgegenschleuderte, alle Kanonenkugeln gewesen, so hätte das preußische Korps schwerlich standhalten können. Aber die wirklichen Streitkräfte, über welche die provisorische Regierung der Pfalz gebot, waren so gering und befanden sich in einem so wenig schlagfertigen Zustande, daß an eine erfolgreiche Verteidigung des Landes nicht zu denken war. Man mußte daher ein Zusammentreffen mit den Preußen vermeiden; und so kam es, daß die erste militärische Operation, an der ich teilnahm, in einem Rückzug bestand.

Einige Tage vorher hatte mein Chef, der Oberstleutnant Anneke, mich instruiert, zu jedem Augenblick marschbereit zu sein, was mir nicht schwer fiel, da mein Gepäck sehr bescheiden war. Es wurde mir auch ein Pferd zugewiesen, ein hübsches, hellbraunes Tier; und da ich das Reiten noch nicht verstand, so schickte mich Anneke in eine Reitbahn, wo ein Reitmeister mich aufsitzen hieß, mir in kurzen Worten den Schluß mit den Beinen und die Handgriffe der Führung erklärte, worauf er mit seiner Peitsche auf das Pferd einhieb, das in ziemlich wilden Sätzen mit mir umhersprang, bis ich seiner mächtig wurde. „So“, sagte der Reitmeister, „jetzt haben Sie genug für diese Gelegenheit. Das andere lernen Sie schon auf dem Marsch.“ Ich wurde auch mit einer Kavalleriereithose ausgestattet, die so schwer mit Leder besetzt war, daß sich nur mit Mühe darin zu Fuß gehen ließ. Der Reitmeister hatte Recht gehabt. Die fortwährende Übung im aktiven Dienst machte mich bald zu einem sattelfesten und nicht ungeschickten Reiter.

Obgleich der Einmarsch der Preußen und der Befehl zum Rückzuge der pfälzischen Truppen von den Wohlunterrichteten schon mehrere Tage erwartet worden, so hatten diese Ereignisse doch die Wirkung, die gemütliche Verwirrung, die seit dem Ausbruch des Aufstandes in Kaiserslautern geherrscht hatte, bedeutend zu erhöhen und zu einer recht ungemütlichen zu machen. Des Befehlens und Anordnens und Widerrufens von Befehlen war kein Ende, und das Durcheinander wuchs von Stunde zu Stunde, bis es endlich zum wirklichen Aufbruch kam. Wenn ich nicht irre, war es in der Nacht vom 13. auf den 14. Juni. Mit unserer Artillerie gab’s allerdings nicht viel Schwierigkeit, da sie, wie schon erzählt, aus sehr wenigen Stücken bestand. Um zwei Uhr nachts stiegen wir zu Pferde. Ein Nachtmarsch ist fast immer eine trübselige Geschichte, besonders aber ein Nachtmarsch rückwärts. Doch muß ich gestehen, daß mich das dumpfe Rollen der Räder auf der Straße, das summende und schnurrende Geräusch der Marschkolonne, das leise Schnauben der Pferde und das Klirren der Säbelscheiden in der Finsternis als etwas besonders Romantisches berührte. Darin fand ich viel Sympathie bei der Frau meines Chefs, Mathilde Franziska Anneke, einer noch jungen Frau von auffallender Schönheit, vielem Geist, großer Herzensgüte, poetisch feurigem Patriotismus und ausgezeichneten Charaktereigenschaften, die ihrem Mann auf diesem Zuge zu Pferde begleitete. Ich erinnere mich noch des gemeinsamen Entzückens, als wir in jener Nacht bei einem Wirtshause an der Straße vorüberritten, wo einige Freischärler, bärtige Gesellen in schwarzen befiederten Filzhüten und phantastisch ausgeschmückten Blusen, die Kugelbüchsen über die Schultern gehängt, sich bei dem matten Schein einer Kerze um die Wirtin drängten, die ihnen Wein einschenkte. Das Bild hätte eine Illustration zu Schillers Räubern vorstellen können. Überhaupt gab es unter unsern Kriegsvölkern malerische Effekte in Fülle. Da der bei weitem größte Teil der pfälzischen Volkswehr nicht uniformiert war und jeder Soldat mit Ausnahme der Waffen, so ziemlich für seine eigene Ausstattung zu sorgen hatte, so fand der individuelle Geschmack verführerischen Spielraum. Manche der Leute bestrebten sich, als Krieger möglichst wild und schreckhaft auszusehen, und so ließen sie nicht allein dem Bartwuchs alle erdenkliche Freiheit, sondern bedeckten ihre Hüte mit Federn, unter denen die roten besonders beliebt waren, trugen Überwürfe in schreienden Farben, und steckten, wenn sie deren habhaft werden konnten, mörderisch blinkende Dolche oder Jagdmesser in ihre Gürtel. So gab es denn unter uns Wallensteinslagergestalten genug, die fürchterlich erschienen wären, hätten sie nicht gar so gutmütige Gesichter gehabt.

Mit Sonnenaufgang nach diesem ersten Nachtmarsch fanden wir uns bei Frankenstein in einem scharf eingeschnittenen Tal zwischen mittelhohen Bergrücken, wo wir quer über die Straße nach Neustadt eine Defensivstellung einnahmen. Ein kalter Morgen bringt unter solchen Umständen ein Gefühl durchaus unromantischer Nüchternheit mit sich, und ich machte die Erfahrung, daß dann ein warmer Trunk, sei der Kaffee auch noch so dünn, und ein Stück Brot zu den großen Wohltaten des Lebens gehört. Die Preußen drängten nicht scharf nach, und wir blieben den Tag über durchaus ungestört bei Frankenstein im Biwak. Am 15. und 16. Juni wurden die pfälzischen Truppen bei Neustadt an der Hardt und Edesheim zusammengezogen. In dieser reichen Gegend bezeugte uns die Dorfbevölkerung ihre freundliche Gesinnung vorzüglich damit, daß sie an den Türen vieler Häuser große Eimer voll Wein und dabei blecherne Schöpflöffel aufstellte, damit die vorüberziehenden Truppen sich daran laben möchten. Der geleerte Eimer wurde gewöhnlich sofort durch einen vollen ersetzt. Dort sah ich auch zum erstenmal den damaligen Freischarenführer und Obristen Blenker, der später in der ersten Periode des Rebellionskrieges in den Vereinigten Staaten als Brigadegeneral viel von sich reden machte. Er war eine ausnehmend stattliche, martialische Gestalt und vortrefflicher Reiter, und wie er, glänzend ausstaffiert, an der Spitze seines Stabes dahersprengte, imponierte er mir gewaltig. Der Anblick mehrerer wohlbewaffneter Bataillone erfrischte einigermaßen den durch den Rückzug getrübten Mut unserer Truppen, und es erscholl hier und da der Ruf, daß man nun die „sakermentschen Preußen“ erwarten solle. Aber der Rückzug wurde doch fortgesetzt und die Pfalz ohne Schwertstreich gänzlich aufgegeben. Am 19. Juni gingen wir, etwa 7 bis 8000 Mann stark, bei Knielingen über den Rhein auf badisches Gebiet und marschierten nach Karlsruhe.

Unser Einzug in die saubere, geschniegelte Hauptstadt des Großherzogtums Baden brachte unter den Einwohnern eine Sensation hervor, die dem pfälzischen Korps von Freiheitskämpfern keineswegs schmeichelhaft war. Die an das schmucke großherzogliche Militär gewöhnten Karlsruher Bürger schienen das Malerische und Romantische in dem Aussehen der pfälzischen Truppen durchaus nicht zu würdigen, sondern eher geneigt zu sein, ihre Türen und Läden zu schließen und ihre Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen, wie man sich vor einer Räuberbande zu retten sucht. Wenigstens trugen die Gesichter vieler der Leute, die unseren Einmarsch beobachteten, unverkennbar den Ausdruck entschiedenen Widerwillens und ängstlicher Besorgnis. Wir trösteten uns mit dem Gedanken, der auch recht kräftigen Ausdruck fand, daß die Einwohnerschaft dieser Residenzstadt hauptsächlich aus Hofgesinde und Beamtenvolk bestehe und daß sie im Grunde des Herzens gut großherzoglich gesinnt sei und die Revolution grimmig hasse, wenn auch manche davon in den letzten Wochen die Republikaner gespielt hätten. Übrigens war der Wunsch der Karlsruher, die pfälzischen Gäste möglichst bald los zu sein, so groß, daß man diesen nicht einmal Gelegenheit gab, den furchtsamen Seelen zu beweisen, was für ehrliche und friedliebende Menschen unter diesen wilden Bärten, roten Federbüschen und dolchgespickten Gürteln versteckt waren. Noch am demselben Tage wurden uns Lager außerhalb der Stadt angewiesen und schon am 20. Juni marschierten wir nordwärts zur Unterstützung der badischen Armee, die unterdessen ins Gedränge gekommen war.

Diese badische Armee hatte die Nordgrenze des Großherzogtums gegen den Reichsgeneral Peuker verteidigt. Gerade beim Ausbruch der Feindseligkeiten erhielt auch sie ihren Polen, den General Mieroslawski, zum Oberkommandeur. Er war ein noch junger Mann, hatte im letzten polnischen Aufstand Fähigkeit und Bravour bewiesen, besaß aber keine Kenntnis der örtlichen Verhältnisse und konnte nicht deutsch sprechen. Jedenfalls war er dem alten Sznayde weit vorzuziehen. Am 20. Juni gingen die Preußen bei Philippsburg von der Pfalz aus über den Rhein und kamen so der badischen Armee in den Rücken. Mieroslawski wendete sich mit einer raschen Bewegung gegen sie, hielt sie durch einen entschlossenen Angriff bei Waghäusel fest und führte dann einen geschickten Flankenmarsch aus, welcher ihn zwischen den Preußen und den Peukerschen Reichstruppen durchführte und mit dem pfälzischen Korps und den vom Oberlande herankommenden badischen Reserven in Verbindung brachte. Das Gefecht bei Waghäusel war für die badischen Truppen keineswegs ein unrühmliches. Wir hörten den Kanonendonner, als wir über Bruchsal heranmarschierten, und bald gingen auch Gerüchte von einem großen über die Preußen erfochtenen Siege um. Die weitere Nachricht, daß Mieroslawski auf dem Rückzuge sei, die württembergische Grenze entlang, und daß wir seine Flanke zu decken hätten, störte uns wenig in dem Glauben an den „Sieg bei Waghäusel“, dessen Früchte, wie es hieß, durch den „Verrat“ des Dragonerobersten, der den geschlagenen Feind verfolgen sollte, verloren gegangen seien. Am 23. Juni rückten wir nach Ubstadt vor, und dort empfingen wir die Kunde, daß wir am nächsten Morgen mit dem preußischen Vortrab zusammentreffen und uns zu schlagen haben würden. Die Aufträge, die ich von meinem Chef empfing, hielten mich bis nach Einbruch der Dunkelheit zu Pferde, und es war spät, als ich mein Quartier im Wirtshaus zu Ubstadt erreichte. Mein Chef hatte sich schon zur Ruhe gelegt. Von allen Seiten hörte ich das Schnarchen der Schlafenden. Nur die Wirtstochter, eine stramme Jungfrau von 25 Jahren und sehr resolutem Wesen, schien noch geschäftig zu sein. Ich bat sie um einen Bissen Brot und eine Lagerstätte und erhielt beides mit einem kräftigen Sprüchlein über die „verfluchten Preußen“, die in dem „badischen Ländle“ nichts zu tun hätten, und die wir tüchtig durchklopfen und dann heimschicken sollten. Nun erwartete ich die feierliche Stimmung „am Abend vor der Schlacht“, von der ich hier und da gelesen hatte. Aber sie kam nicht. Ich schlief sogleich ein, nachdem ich mich auf mein Lager hingestreckt hatte.

Auch am andern Morgen, dem „Morgen vor der Schlacht“, wollte mir nicht feierlich zumute werden. Es schien mir fast, als ob über solche „Stimmungen“ sehr viel Unwirkliches phantasiert würde. In meinem späteren Leben habe ich die Erfahrung gemacht, daß sie allerdings vorkommen, aber doch nur ausnahmsweise. Gewöhnlich wenden sich die Gedanken am Morgen vor der Schlacht einer Menge von Dingen prosaischer Natur zu, unter denen das Frühstück eine nicht unwichtige Stelle einnimmt. So ging es uns auch an jenem Morgen in Ubstadt. Wir waren beizeiten im Sattel und sahen bald in einiger Entfernung vor unserer Front blinkende Lanzenspitzen auftauchen, die sich uns mit mäßiger Schnelligkeit näherten. Dies bedeutete, daß die Preußen eine oder mehrere Schwadronen Ulanen als Plänkler vorgeschickt hatten, denen die Infanterie und Artillerie demnächst zum Angriff folgen würden. So verschwanden denn die Ulanen, nachdem sie aus ihren Karabinern einige Schüsse abgegeben, die von unserer Seite erwidert wurden, und dann entwickelte sich immer lebhafter das Geknatter des Infanteriefeuers. Bald wurden auch auf beiden Seiten Geschütze aufgefahren und die Kanonenkugeln flogen mit ihrem eigentümlichen Sausen herüber und hinüber, ohne viel Schaden zu tun. Anfangs war meine Aufmerksamkeit gänzlich in Anspruch genommen durch die Befehle, die mein Chef mir zu überbringen oder auszuführen gab. Aber nachdem unsere Artillerie postiert war und wir ruhig zu Pferde in ihrer Nähe hielten, hatte ich Muße genug, mir meine Gedanken und Gefühle zum Bewußtsein kommen zu lassen. Ich erlebte da wieder eine Enttäuschung. Ich war zum erstenmal „im Feuer“. Ganz ruhig fühlte ich mich nicht. Die Nerven waren in nicht gewöhnlicher Erregung. Aber diese Erregung war weder die der heroischen „Kampfesfreude“, noch die der Furcht. Da die feindlichen Geschütze zunächst ihr Feuer auf unsere Artillerie richteten, so sauste eine Kanonenkugel nach der anderen dicht über unsere Köpfe, wo wir standen. Ich fühlte zuerst eine starke Neigung, wenn ich dies Sausen recht nahe über mir hörte, mich zu ducken; aber es fiel mir ein, daß sich dies für einen Offizier nicht schicke, uns so blieb ich denn stramm aufrecht. Ebenso zwang ich mich, nicht zu zucken, wenn eine Musketenkugel dicht bei meinem Ohr vorbeipfiff. Die Verwundeten, die vorübergetragen wurden, erregten mein lebhaftes Mitgefühl; aber der Gedanke, daß mir im nächsten Augenblick ähnliches passieren könne, kam mir nicht in den Sinn. Ich sah ein Volkswehrbataillon, welches gegen eine feindliche Batterie geführt worden war, in Unordnung zurückkommen und sprengte, einem plötzlichen Impuls gehorchend, hinüber, um das Bataillon ordnen und wieder vorführen zu helfen, – war aber auch ganz zufrieden, als ich bemerkte, wie der Bataillonsführer dies selbst besorgte. Als nun später mein Chef mich wieder mit Befehlen hin und herschickte, verging mir das bewußte Empfinden ganz, und ich dachte an nichts als den auszuführenden Auftrag und den Gang des Gefechts, wie ich ihn beobachten konnte. Kurz, ich fühlte wenig oder nichts von jenen stürmischen, unwiderstehlichen Erregungen, die ich mir als unzertrennlich von einer Schlacht gedacht hatte, glaubte jedoch die Überzeugung gewonnen zu haben, daß ich mich unter ähnlichen Umständen immer werde anständig benehmen können.

Übrigens war das Gefecht bei Ubstadt eine verhältnismäßig geringfügige Affäre, – von unserer Seite nur dazu bestimmt, den Feind eine kurze Weile in seinem Vormarsch aufzuhalten, bis sich die badische Armee wieder in unserem Rücken geordnet haben könne, und uns langsam auf diese zurückzuziehen. Bei Ubstadt wurde diese Instruktion in ziemlich ordentlicher Weise ausgeführt. Daß sich solche Dinge nicht mit hastig zusammengerafften und schlecht disziplinierten Volkswehren ebenso regelrecht vollbringen lassen, wie mit geschulten Linientruppen, versteht sich von selbst. Am nächsten Tage hatten wir ein ansehnliches Gefecht mit der preußischen Vorhut bei Bruchsal, welches wieder mit einem Rückzuge endete, diesmal aber nicht in gleicher Ordnung. Wie das bei Volksaufständen nicht selten ist, fingen die aufgeregten Leute an, den unglücklichen Verlauf des Unternehmens dem „Verrat“ irgend eines Führers zuzuschreiben, und bei dieser Gelegenheit erhob sich dieser Schrei gegen den armen General Sznayde, der auf dem Rückzug bei Durlach plötzlich von einer Rotte meuterischer Freischärler umringt und vom Pferde gerissen wurde. Er verschwand dann vom Schauplatze der Aktion, und die pfälzischen Truppen wurden dem badischen Armeekommando unterstellt.

An der Murglinie, den linken Flügel an die Festung Rastatt angelehnt, nahm das vereinigte badisch-pfälzische Heer seine letzte Defensivstellung und schlug sich am 28., 29. und 30. Juni teilweise recht brav, wenn auch erfolglos. Am Nachmittag des 30. Juni schickte mich mein Chef mit einem Auftrage, Artilleriemunition betreffend, in die Festung Rastatt und instruierte mich, ihn im Fort B, einer der großen Bastionen, von denen man das Gefechtsfeld draußen übersah, zu erwarten; er werde bald nachkommen. Ich entledigte mich meines Auftrags, begab mich an den von Anneke bestimmten Platz, band mein Pferd an die Laffete eines Festungsgeschützes und setzte mich auf den Wall nieder, wo ich, nachdem ich das Gefecht eine Zeitlang beobachtet hatte, trotz dem Kanonendonner fest einschlief. Als ich erwachte, war die Sonne am Untergehen. Ich fragte die umstehenden Artilleristen nach Anneke, aber niemand hatte ihn gesehen. Ich wurde unruhig und bestieg mein Pferd, um die Stadt zu verlassen und meinen Chef draußen aufzusuchen. Am Tore angekommen, empfing ich von dem wachhabenden Offizier die Nachricht, daß ich nicht mehr hinauskönne; unser Hauptkorps sei gegen Süden zurückgedrängt worden und die Festung von den Preußen vollständig eingeschlossen. Ich galoppierte nach dem Hauptquartier des Festungskommandanten auf dem Schloß und erfuhr dort die Bestätigung des Gehörten. Der Gedanke, in der Stadt bleiben zu müssen und Preußen ringsumher, traf mich wie ein unheilvolles Schicksal. Ich konnte mich nicht drein ergeben und fragte immer wieder, ob denn da gar kein Ausweg sei, bis endlich ein dabeistehender Offizier mir sagte: „Mir ist gerade so zu Mut, wie Ihnen. Ich gehöre auch nicht hierher und habe an allen Punkten versucht, durchzubrechen, aber es war umsonst. Wir müssen uns eben fügen und hier bleiben.“ Von Anneke fand ich keine Spur. Er hatte entweder die Stadt längst verlassen oder war vielleicht gar nicht hereingekommen.

Nachdem ich alle Hoffnung des Entkommens aufgegeben, meldete ich mich bei dem Gouverneur der Festung, Oberst Tiedemann. Er war ein schlanker, hochgewachsener Mann mit feinen, regelmäßigen Zügen und einem kühnen, entschlossenen Gesichtsausdruck. Sohn des Geheimrats Tiedemann, eines berühmten Professors der Medizin an der Heidelberger Universität, hatte er eine gute Erziehung genossen. Schon früh war er seiner Neigung zum Soldatenleben gefolgt und Offizier in der griechischen Armee geworden. Die badische Revolution fand ihn zu Hause und die provisorische Regierung vertraute ihm das Kommando der Festung Rastatt an. Er empfing mich freundlich und attachierte mich seinem Stab. Es wurde mir bei einem Konditor namens Nusser, dessen Haus am Marktplatz stand, Quartier angewiesen. Mein Wirt und seine Gattin, offenbar Bürgersleute vortrefflichen Charakters, großer Herzensgüte und guter Lebensart, hießen mich herzlich willkommen, stellten mir ein freundliches Schlafzimmer zur Verfügung und baten mich, Gast an ihrem Tisch zu sein. Auch mein Bursche Adam, ein junger pfälzischer Volkswehrmann, der glücklicherweise mir in die Festung gefolgt, darin zurückgeblieben und mit mir zusammengetroffen war, fand im Hause behaglich Platz.

Alles dies ließ sich angenehm genug an. Aber als mein Wirt und Adam mich allein gelassen hatten und ich in der Stille meines Zimmers mir meine neue Lage ruhig überdachte, wurde mir das Herz recht schwer. Daß unsere Sache, wenn nicht ein Wunder geschah, verloren war, konnte ich mir nun nicht mehr verhehlen. Und was ein solches Wunder hätte sein mögen, konnte selbst meine jugendliche Hoffnungsfreudigkeit sich nicht mehr vorstellen. Übergehen der preußischen Landwehren zum Volksheer? Das wäre nur möglich gewesen am Anfange des Feldzuges, wenn überhaupt. Nach einer Reihe von Niederlagen war diese Möglichkeit geschwunden. Ein großer Sieg der Unsrigen im Oberlande? Undenkbar, da der Rückzug von der Murglinie unzweifelhaft unsere Streitmacht mehr durch Demoralisation schwächen mußte, als sie durch Zuzug verstärkt werden konnte. Große Siege der Ungarn im Osten? Aber die Ungarn waren weit entfernt und die Russen im Anzuge gegen sie. Eine neue Volkserhebung in Deutschland? Aber der revolutionäre Impuls hatte sich offenbar erschöpft. Da saßen wir denn in einer Festung, von den Preußen eingeschlossen. Eine längere Verteidigung der Festung konnte unserer Sache nicht mehr dienen, – oder nur insofern, als sie bewies, daß ein Volksheer auch Mut besitzen und der militärischen Ehre Rechnung tragen kann. Aber unter allen Umständen konnte die Festung sich nur eine beschränkte Zeit halten. Und dann? Kapitulation. Und dann? Wir würden den Preußen in die Hände fallen. Nun war der Oberbefehlshaber der preußischen Truppen in Baden der „Prinz von Preußen“, in welchem damals niemand den später so populären und gefeierten Kaiser Wilhelm I. vermutete. Er galt zu jener Zeit für den schlimmsten Feind aller freiheitlichen Bestrebungen. Das allgemein geglaubte Gerücht, daß er es gewesen sei, der am 18. März 1848 in Berlin den Befehl gegeben habe, auf das Volk zu schießen, hatte ihm im Volksmunde den Titel „der Kartätschenprinz“ eingetragen. Die Aufregung der Massen gegen ihn war während jener Märztage in der Tat so stark, daß der König für gut hielt, ihn auf einige Zeit nach England zu schicken, und daß diese Reise in einer Weise ausgeführt wurde, die einer sehr eiligen Flucht nicht unähnlich sah. Daß er im Jahre 1849, als seinem Bruder Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone angeboten wurde, zu denen gehörte, die eine günstige Erwägung dieses Anerbietens empfahlen, und daß, wäre er statt seines Bruders König von Preußen gewesen, die Krisis wahrscheinlich eine den deutschen Einheitsbestrebungen ersprießlichere Lösung gefunden haben würde, wußte man damals noch nicht. Auch würde eine solche Kunde schwerlich geglaubt worden sein, denn man hielt den Prinz von Preußen für einen ehrlichen und durchaus unverbesserlichen Absolutisten, der standhaft daran glaubte, daß die Könige von Gott eingesetzt und nur Gott Rechenschaft schuldig seien; daß das Volk nichts mit den Geschäften der Regierung zu tun haben dürfe; daß eine Auflehnung gegen die Königsgewalt einer direkten Beleidigung Gottes gleichkomme, und daß es eine gebieterische Pflicht der Gewalthaber sei, über ein solches Verbrechen die erdenklich schwerste Strafe zu verhängen. So erschien der Prinz von Preußen dem Volke auch als ein fanatischer Soldat, dem die preußische Armee ein Herzensidol war – der in ihr das Schwert Gottes, das Bollwerk der Weltordnung sah; in dessen Augen ein preußisches Landeskind, das gegen die preußische Armee kämpfte, ein unsühnbares, dem Elternmorde an Fluchwürdigkeit nicht nachstehendes Verbrechen beging, und von dem ein solcher Verbrecher keine Gnade erwarten dürfe. Wir geborenen Preußen hatten also, wenn wir in die Hände des Prinzen Wilhelm fielen, die beste Aussicht, standrechtlich erschossen zu werden – besonders diejenigen, die, wie ich, gerade in den militärdienstpflichtigen Jahren standen. Und dabei erinnerte ich mich, daß ich kurz vor der Siegburger Affäre vor der königlichen Aushebungskommission hatte erscheinen müssen, welche, indem sie meine Eingabe um Zulassung als „Einjährig-Freiwilliger“ willkürlich übersah, mich für ein Kürassierregiment bestimmte, mit Aussicht auf baldige Einberufung. Für mich würde es also gewiß keine Nachsicht geben. – Mit diesen schweren Gedanken ging ich zu Bette. Aber dennoch schlief ich gesund und wachte nicht auf bis am hellen Morgen.

Die Pflichten, die der Gouverneur mir zuwies, als ich mich wieder bei ihm meldete, waren nicht schwer. Ich hatte zu gewissen Stunden oben auf der höchsten Galerie des Schloßturmes mit einem Fernrohr versehen den Feind zu beobachten und von dem, was ich sah, Meldung zu machen. Dann sollte ich periodisch gewisse Wälle und Tore abgehen und die Wachtposten inspizieren, schließlich noch solche Dinge tun, die der Gouverneur, wenn ich eben zur Hand war, mir auftragen mochte. Um mir das nötige äußere Ansehen zu geben, wurde ich mit der Uniform eines regulären badischen Infanterieleutnants ausgestattet, die den abenteuerlich kostümierten pfälzischen Freischärler in einen recht anständig erscheinenden Offizier verwandelte und mir ein bis dahin kaum geahntes militärisches Gefühl gab.

Es gelang dem Obersten Tiedemann in der teils aus Volkswehren, teils aus regulären badischen Soldaten bestehenden Garnison ziemlich gute Zucht zu halten. Nur einmal, soviel ich mich erinnern kann, beobachtete ich eine ernstliche Störung der Ordnung. Einige Soldaten glaubten, einen Spion entdeckt zu haben, und bald stürzte eine wütenden Rotte hinter dem armen Menschen her, der sich durch die Flucht zu retten suchte, aber nach wenigen Schritten unter Steinwürfen und Säbelhieben zusammenstürzte. Das Ganze war das Werk eines Augenblicks. Die Offiziere, die zufällig herzukamen, darunter auch ich, konnten allerdings die Soldaten bald wieder zur Ruhe bringen, aber das Opfer nicht mehr retten.

Die Belagerung sollte uns auch größere Aufregungen bringen. Eines Morgens, kurz nach Tagesanbruch, wurde ich durch einen starken Knall auf der Straße dicht unter meinem Fenster geweckt. Indem ich aufsprang, kam mir der Gedanke, die Preußen möchten während der Nacht in die Stadt gedrungen sein, und es gäbe nun einen Straßenkampf. Ein zweiter Knall gerade über dem Hause und das prasselnde Geräusch schwerer Körper, die auf das Dach fielen, belehrte mich, daß die Festung beschossen werde, und daß eine Granate soeben den Schornstein meines Quartiers umgestürzt habe. So kam denn auch Schuß auf Schuß und Explosion auf Explosion, bald von dem Donner der Festungsgeschütze beantwortet. Ich eilte schnell nach dem Hauptquartier auf dem Schloß, und da bot sich meinen Augen ein jämmerlicher Auftritt. Der Schloßhof füllte sich schnell mit Bürgersleuten, darunter sehr viele Frauen und Kinder, die instinktiv in der Nähe des Befehlshabers vor dem drohenden Unheil Schutz suchten. Die meisten von den Erwachsenen und sogar einige der Kinder schleppten Betten oder Kisten oder allerlei Hausgerät auf ihren Köpfen oder unter den Armen. So oft nun eine Granate schnurrend über den Schloßhof flog oder in der Nähe explodierte, warfen die armen Menschen, von jähem Schreck überwältigt, alles, was sie trugen, zu Boden und drängten sich schreiend und händeringend den Gebäuden zu. Trat dann ein Augenblick der Ruhe ein, so nahmen sie ihre Habseligkeiten wieder auf; aber sobald eine neue Granate dahersauste, wiederholte sich die Szene. Da gab es denn viel für die Stabsoffiziere des Gouverneurs zu tun, um die Leute zu beruhigen und, so weit es ging, sie zeitweilig in den bombenfesten Kasematten unterzubringen. Unterdessen erschollen die Kirchenglocken und eine Menge von Frauen mit ihren Kindern, auch nicht wenige Männer, rannten über den Markt nach der Hauptkirche, wo sie unter lautem Weinen und jammervollem Händeringen Gott um Schutz anflehten.

Die Beschießung war übrigens nicht sehr ernstlich gemeint, dauerte nur wenige Stunden und richtete nicht viel Schaden an. Einige von ihr verursachte Feuersbrünste wurden schnell gelöscht. Die Preußen beabsichtigten wahrscheinlich nur, uns anzudeuten, daß die Übergabe der Festung nicht gar zu lange aufgeschoben werden dürfe, wollten wir größere Unannehmlichkeiten vermeiden. So wurden wir nur aus Feldgeschützen und einigen Mörsern beschossen. Das schwere Belagerungsgeschütz sollte wohl erst kommen, wenn es nötig würde, mit den wirksamsten Gewaltmitteln die Festung zur Übergabe zu zwingen. Der Gouverneur und die Besatzung zogen vor, sich fürs erste noch zu wehren; und so wurde am nächsten Tage ein Ausfall gemacht, um die Beschießungsbatterie zu vertreiben, und die den Ausfall kommandierenden Offiziere berichteten uns nachher, daß die Mörser wirklich von den Unsrigen genommen und vernagelt worden seien.

Sonst ereignete sich wenig von Bedeutung. Mit den höheren Offizieren der Garnison kam ich als Mitglied des Stabes wohl in Berührung, aber da ich noch ein sehr junger Mensch war, so wurde diese Berührung doch keine intime. Die Hauptfiguren, deren ich mich erinnere, waren Oberst Biedenfeld, ein strammer alter Soldat, wenn ich nicht irre früher badischer Hauptmann, der nun in der Festung die reguläre Infanterie kommandierte; Oberst Böhning, ein alter, weißlockiger, ehrwürdig aussehender Freischärler, der einen Teil der Volkswehren unter sich hatte; Major Heilig, der Artilleriechef, ein etwa 6½ Fuß großer, schlanker Mann von höchst gewinnendem, ehrlich-gutmütigem Gesichtsausdruck; Oberstleutnant Otto von Corvin, ein auffallend hübscher Mann von einigen dreißig Jahren, ehemaliger preußischer Leutnant, der, wie ich glaube, ebenfalls nur durch Zufall in der Festung zurückgehalten worden war, und Major Mahler, ehemaliger badischer Leutnant, ein junger, lustiger Infanterieoffizier, der, wie es das Schicksal später fügte, nach Jahren in Amerika unter meinem Kommando für die Union kämpfen und bei Gettysburg fallen sollte.

Die liebste meiner Pflichten war die Observation von der Höhe des Schloßturmes aus. Ich hatte von dort einen herrlichen Ausblick, – nach Osten tief in die Berge hinein, in welchen Baden-Baden liegt: über das lachende Rheintal mit seinen üppigen Feldern und Weingärten, seinen schattigen Wäldern und den Kirchtürmen seiner unter Obstbäumen verborgenen Dörfer, – nach Süden das blühende Tal vom Schwarzwald begrenzt, nach Norden in die sich breit ausdehnende Ebene hinunter, nach Westen bis ins Elsaß jenseits des Rheins mit blauen Berglinien in der Ferne. Wie schön war dies alles! Die Natur, wie liebevoll in ihrer reichen, freigiebigen Güte! Und da lag nun in all dieser scheinbar so friedlichen Herrlichkeit „der Feind“, der uns eng und fest umzingelt hielt. Da sah ich seine Postenketten regelmäßig abgelöst und seine Reiterpatrouillen emsig hin und her schwärmend, und uns so scharf beobachtend, damit nur ja kein Menschenkind von uns da drinnen ihnen entschlüpfen möchte. Da sah ich des Feindes Batterien bereit, auf uns Tod und Verderben zu speien. Da sah ich seine Lager wimmelnd von vielen Tausenden von Menschen, von denen viele, ja wahrscheinlich eine große Mehrheit, so dachten wie wir und dasselbe wünschten wie wir, vielleicht Nachbarskinder aus meinem heimatlichen Dorfe darunter – und doch alle auf der Obern Geheiß jede Stunde bereit, uns die tödliche Kugel in die Brust zu schießen. Und auf alles dies floß in jenen Sommertagen des Himmels schönes Sonnenlicht so warm und friedlich strahlend herab, als wäre da nichts als Glück und Harmonie. Alles dies so grausam unnatürlich und doch so wahr!

Das war ein sonderbares Leben in der belagerten Festung. Da es mit Ausnahme des einen Ausfalls keine Kampfaufregung gab, so machten wir Soldaten mechanisch Tag für Tag unsere Dienstroutine durch und die Bürgersleute gingen den Geschäften nach, die ihnen dieser fremdartige Zustand noch übrig gelassen, alle in dumpfer Besorgnis das Schicksal erwartend, das nicht abgewendet werden konnte. Die Welt da draußen lag weit, weit von uns in unermeßlicher Entfernung. Da saßen wir zwischen unsern Mauern und Wällen abgeschlossen von der ganzen Menschheit, als hätten wir nicht zu ihr gehört. Kein Ton von ihr drang zu uns herein, als nur etwa ein ferner Trommelschall oder Trompetensignale des uns umzingelnden Feindes. Wohl tauchten zuweilen geheimnisvolle Gerüchte unter uns auf, von denen niemand wußte, woher sie kamen. Unsere Truppen, hieß es einmal, sollten einen großen Sieg im Oberlande erfochten haben und die Preußen vor sich her treiben. Dann war in Frankreich eine neue Revolution ausgebrochen und habe ganz Deutschland in frische Bewegung gesetzt. Dann hatten die Ungarn die vereinigten österreichischen und russischen Armeen aufs Haupt geschlagen und waren bereit ihre siegreichen Heere mit den deutschen Revolutionären zu verbinden. Ja, einmal drängten sich gar die höheren Offiziere unserer Besatzung auf den Observationsturm, weil man wirklich in der Richtung des Oberlandes anhaltenden Kanonendonner gehört habe, der sich beständig nähere; und nun wollten sie die Staubwolken unserer heranmarschierenden Kolonnen erspähen. Aber der eingebildete Kanonendonner verstummte, alles blieb still, und man sank in das dumpfe Gefühl des dem Schicksal Verfallenseins zurück. Zuweilen versuchte man auch, sich zu vergnügen und versammelte sich in den Weinstuben – denn die Festung war noch immer mit Wein versehen. Dann gab es wohl einen Anlauf zur Lustigkeit, aber es blieb bei dem Anlauf, denn es war, als stände hinter jedem Stuhle das dunkle Gespenst der unabwendbar nahenden Katastrophe.

Da kam eines Tages – es war in der dritten Woche der Belagerung – ein preußischer Parlamentär in die Festung, der mit einer Aufforderung zur Übergabe zugleich die Nachricht brachte, daß die badisch-pfälzische Armee längst auf schweizerisches Gebiet übergetreten sei und damit aufgehört habe, zu existieren; daß kein bewaffneter Insurgent mehr auf deutschem Boden stehe, und daß das preußische Oberkommando irgend einem Vertrauensmann, den die Besatzung von Rastatt hinausschicken möchte, um sich von diesen Tatsachen zu überzeugen, zur Ausführung dieses Auftrages Freiheit der Bewegung und sicheres Geleit gewähren wolle. Dieses Ereignis verursachte gewaltige Aufregung. Sofort versammelte der Gouverneur in dem Hauptsaale des Schlosses einen großen Kriegsrat, bestehend, wenn ich mich recht erinnere, aus allen Offizieren der Besatzung vom Kapitän aufwärts. Nach stürmischer Beratung wurde beschlossen, das Anerbieten des preußischen Oberkommandos anzunehmen, und Oberstleutnant Corvin empfing den Auftrag, die Lage der Dinge draußen zu erforschen und, falls er sie den Angaben des preußischen Parlamentärs entsprechend fände, um eine möglichst günstige Kapitulation für die Besatzung von Rastatt zu unterhandeln.

Der Saal im Schloß, in welchem jener große Kriegsrat gehalten worden, war mir während der Belagerung immer zugänglich gewesen, und eines der großen, mit gelbem Seidendamast überzogenen Sofas, die den Hauptteil seiner Möblierung ausmachten, war mein gewöhnlicher Ruheplatz, wenn ich, von meiner Observation auf dem Schloßturm oder von meiner Runde durch die Festungswerke ermüdet zurückkam. Ich hatte mir dieses Sofa ausgewählt, weil ich von ihm einen besonders günstigen Blick auf ein Deckengemälde genoß, das für mich ein eigentümliches Interesse hatte. Es war eine allegorische Darstellung, in welcher wahrscheinlich irgend ein Zähringer, ein Vorfahr der badischen Fürstenfamilie, als Jupiter, oder Mars, oder Apollo figurierte. Der Gegenstand des Bildes zog mich daher nicht an. Aber ich fand darin eine weibliche Figur, irgend eine Göttin, deren Gesicht mich lebhaft an Betty erinnerte; und wenn ich von meinem Sofa hinaufschaute, so blickten mich Bettys Augen gütig an. Kein Wunder also, daß ich mich auf diesem Sofa gern ausstreckte und mich, unsere schlimme Lage zeitweilig vergessend, in wachen Träumen wiegte, bis mir die Augen im Schlaf zufielen.

So kam ich auch am zweiten Morgen nach Corvins Abreise, nachdem ich während der vorhergehenden Nacht die Runde gemacht, im grauen Dämmerlicht in den Saal und legte mich auf mein gelbdamastenes Sofa zu kurzer Ruhe. Ich hatte wohl nur wenig geschlafen, als ich von dem Geräusch schwerer Schritte, rasselnder Säbel und verworrener Stimmen geweckt wurde. Aus dem, was ich sah und hörte, schloß ich, daß Corvin von seiner Sendung zurückgekehrt war, und daß der große Kriegsrat sich wieder versammelte. Der Gouverneur trat ein, gebot Ruhe und ersuchte Corvin, der an seiner Seite stand, vor der ganzen Versammlung seinen Bericht mündlich abzustatten. Corvin erzählte also, er sei, von einem preußischen Offizier begleitet, bis an die Grenze der Schweiz gefahren und habe sich an Ort und Stelle überzeugt, daß es in Baden keine Revolutionsarmee, ja keinen Widerstand irgendwelcher Art gegen die preußischen Truppen mehr gäbe. Die Revolutionsarmee sei auf das schweizerische Gebiet übergetreten und habe natürlich an der Grenze ihre Waffen und ihre ganze kriegerische Ausrüstung abgeben müssen. Auch im übrigen Deutschland sei, wie er sich durch die Zeitungen unterrichtet habe, keine Spur von revolutionärer Bewegung mehr übrig. Überall Unterwerfung und Ruhe. Selbst die Ungarn seien durch die russische Intervention in große Bedrängnis geraten und würden bald unterliegen müssen. Kurz, die Besatzung von Rastatt sei gänzlich verlassen und könne von keiner Seite auf Entsatz hoffen. Und schließlich, setzte Corvin hinzu, sei ihm im preußischen Hauptquartier angekündigt worden, daß das preußische Oberkommando die Übergabe der Festung auf Gnade oder Ungnade verlange und sich auf keinerlei Bedingungen einlassen werde.

Eine tiefe Stille folgte dieser Rede. Jeder der Zuhörer fühlte, daß Corvin die Wahrheit gesprochen. Endlich nahm jemand – ich erinnere mich nicht, wer – das Wort und stellte einige Fragen. Dann gab es ein Gewirre von Stimmen, in welchem man einige Hitzköpfe von „Sterben bis zum letzten Mann“ und dergleichen sprechen hörte, bis der Gouverneur einem ehemaligen preußischen Soldaten, der in der Pfalz Offizier geworden war, Gehör verschaffte. Dieser sagte, er sei so bereit wie irgendeiner, unserer Sache seinen letzten Blutstropfen zu opfern, und wir Preußen, wenn wir in die Hände der Belagerungsarmee fielen, müßten wahrscheinlich so wie so sterben. Aber er rate die sofortige Übergabe der Festung an. Tue man’s heute nicht, so werde man es morgen tun müssen. Man solle nicht die Bürger der Stadt mit ihren Weibern und Kindern auch noch einer Hungersnot und einer weitern Beschießung aussetzen, und alles dies umsonst. Es sei Zeit, ein Ende zu machen, was auch mit uns geschehen möge. – Es ging ein Gemurmel durch den Saal, daß dieser Mann vernünftig gesprochen; und so wurde denn der Beschluß gefaßt, daß Corvin noch einmal versuchen solle, für die Offiziere und Mannschaften der Besatzung im preußischen Hauptquartier günstige Bedingungen zu erwirken. Wenn er aber nach gemachtem Versuch die Unmöglichkeit einsehe, solche Bedingungen zu erhalten, so solle er für die Übergabe auf Diskretion die nötigen Bestimmungen abschließen. Als wir den Saal verließen, fühlten wohl die meisten von uns, daß an etwas anderes als an eine Kapitulation auf Gnade oder Ungnade kaum zu denken sei.

Es war ein schöner Sommertag. Nachmittags stieg ich noch einmal auf den Observationsturm, auf welchem ich so manche Stunde zugebracht hatte. Die herrliche Landschaft lag still vor mir im heitern, warmen Sonnenschein. Sie erschien mir sogar schöner als je zuvor. Es war mir, als müßte ich von ihr einen letzten Abschied nehmen. „Wir Preußen müssen ja wahrscheinlich so wie so sterben.“ Diese Worte klangen mir in den Ohren, und ich war von ihrer Wahrheit überzeugt. Und zu diesen Preußen gehörte auch ich. Ich erinnere mich noch lebhaft der Gedanken, welche mir da auf dem Schloßturm durch den Kopf gingen. Eine Erinnerung drängte sich mir immer wieder auf, wie vor einigen Jahren mein Vater in Köln mit mir den Professor Pütz besuchte, dessen Liebling ich war; wie der Professor seine Hand auf meine Schulter legte und lächelnd zu meinem Vater sagte: „Ein hoffnungsvoller Junge!“ – und wie stolz dann mein Vater mit dem Kopf nickte und mich ansah. „Mit dem hoffnungsvollen Jungen ist es jetzt wohl aus“, sagte ich nun zu mir selbst. Viele der kühnen Träume von großer, segensreicher Wirksamkeit, denen ich mich früher hingegeben, fielen mir wieder ein, und es schien mir doch recht hart, aus der Welt gehen zu müssen, ehe ich etwas Tüchtiges und Würdiges darin geleistet hätte. Ein Gefühl tiefen Bedauerns kam über mich – nicht meinethalben allein, sondern auch für meine Eltern, die so viel von mir erwartet, denen ich die Stütze ihres Alters sein sollte, und die nun all ihre Hoffnungen zertrümmert sähen. Schließlich blieb mir nichts übrig als der Vorsatz, wenn es denn zu Ende gehen müsse, dem Schicksal mit Mut und Würde ins Auge zu sehen.

Ich blieb auf dem Geländer der Turmgalerie sitzen, bis die Sonne untergegangen war, als hätte ich zu guter Letzt noch an der schönen Welt mich satt sehen wollen. Dann stieg ich hinab und meldete mich beim Gouverneur, ob er noch Befehle für die Nacht habe. „Heute nacht sollte jeder meiner Offiziere auf den Wällen sein“, sagte er. „Ich fürchte, die Leute wissen, daß wir uns morgen ergeben, und werden ihre Posten verlassen. Das sollte nicht sein.“ Ich war froh, etwas zu tun zu haben, das meine Gedanken beschäftigte. Auf den Wällen war allerdings viel Geräusch und Verwirrung. Viele der Leute hielten es für überflüssig, sich noch um den Dienst zu kümmern, da morgen doch alles vorbei sein werde. Es gab auch viel Lärmens in den Schänken der Stadt, denn der Soldat wollte sich zuletzt noch einmal ein Gutes antun. Aber die Ermahnungen, welche die Offiziere den umherlaufenden oder zechenden Leuten werden ließen, fanden doch keine böswillige Widersetzlichkeit. Die Zahl derjenigen, die ihre Pflicht taten, war groß genug, um den nötigsten Dienst zu versehen und die Ordnung leidlich aufrecht zu erhalten.

Gegen Tagesanbruch streckte ich mich, von Müdigkeit übermannt, im großen Schloßsaal noch einmal auf mein gewohntes Sofa, und nach einigen Stunden tiefen Schlafs wachte ich mit dem Gedanken auf: „Heute wirst du gefangen und vielleicht morgen schon totgeschossen.“ Ich nahm von der Betty im Deckengemälde Abschied und ging dann nach dem Hauptquartier, wo ich hörte, daß Corvin nichts habe ausrichten können, und daß die Übergabe auf Gnade oder Ungnade beschlossen sei. Um 12 Uhr mittags sollten die Truppen aus den Toren marschieren und draußen auf dem Glacis der Festung vor den dort aufgestellten Preußen die Waffen strecken. Die Befehle waren bereits ausgefertigt. Ich ging nach meinem Quartier am Marktplatz, um meinen letzten Brief an meine Eltern zu schreiben. Ich dankte ihnen darin für alle Liebe und Sorge, die sie mir erwiesen, und bat sie, mir zu verzeihen, wenn ich ihnen ihre Ergebenheit jemals übel vergolten oder ihre Hoffnungen getäuscht hätte. Ich sagte ihnen, ich habe meiner ehrlichen Überzeugung folgend, für die Sache des Rechts und des deutschen Volks die Waffen ergriffen, und daß, wenn es mein Los sein sollte, sterben zu müssen, es ein ehrenhafter Tod sein werde, dessen sie sich nicht zu schämen brauchten. Diesen Brief übergab ich dem guten Herrn Nusser, meinem Wirt, der mir mit Tränen in den Augen versprach, ihn der Post zu übergeben, sobald die Stadt wieder offen sein werde.

Unterdessen nahte die Mittagsstunde. Ich hörte bereits die Signale zum Antreten auf den Wällen und in den Kasernen, und ich machte mich fertig, zum Hauptquartier hinaufzugehen. Da schoß mir plötzlich ein neuer Gedanke durch den Kopf.

Ich erinnerte mich, daß ich vor wenigen Tagen auf einen unterirdischen Abzugskanal für das Straßenwasser aufmerksam gemacht worden war, der bei dem Steinmauerer Tor aus dem Innern der Stadt unter den Festungswerken durch ins Freie führte. Er war wahrscheinlich ein Teil eines unvollendeten Abzugssystems. Der Eingang des Kanals im Innern der Stadt befand sich in der Fortsetzung eines Grabens oder einer Gosse, nahe bei einer Gartenhecke, und draußen mündete er in einem von Gebüsch überwachsenen Graben an einem Welschkornfelde. Sobald diese Umstände zu meiner Kenntnis gekommen waren, hatte ich daran gedacht, daß, wenn die inneren und äußeren Mündungen dieses Kanals nicht scharf bewacht würden, Kundschafter sich durch ihn ein- und ausschleichen könnten. Ich machte Meldung davon, aber sogleich darauf kam die Unterhandlung mit dem Feinde, die Sendung Corvins und die Aufregung über die bevorstehende Kapitulation, die mir die Kanalangelegenheit aus dem Sinne trieben. Jetzt im letzten Moment vor der Übergabe kam mir die Erinnerung wie ein Lichtblitz zurück. Würde es mir nicht möglich sein, durch diesen Kanal zu entkommen? Würde ich nicht, wenn ich so das Freie erreichte, mich bis an den Rhein durchschleichen, dort einen Kahn finden und nach dem französischen Ufer übersetzen können? Mein Entschluß war schnell gefaßt – ich wollte es versuchen.

Ich rief meinen Burschen, der zum Abmarsch fertig geworden war. „Adam“, sagte ich, „Sie sind ein Pfälzer und ein Volkswehrmann. Ich glaube, wenn Sie sich den Preußen ergeben, so wird man Sie bald nach Hause schicken. Ich bin ein Preuße, und uns Preußen werden sie wahrscheinlich totschießen. Ich will daher versuchen davonzukommen, und ich weiß wie. Sagen wir also Adieu!“

„Nein“, rief Adam, „ich verlasse Sie nicht, Herr Leutnant. Wohin Sie gehen, gehe ich auch.“ Die Augen des guten Jungen glänzten von Vergnügen. Er war mir sehr zugetan.

„Aber“, sagte ich, „Sie haben nichts dabei zu gewinnen, und wir werden vielleicht große Gefahr laufen.“ „Gefahr oder nicht“, antwortete Adam entschieden, „ich bleibe bei Ihnen.“

In diesem Augenblicke sah ich draußen einen mir bekannten Artillerieoffizier namens Neustädter vorübergehen. Er war wie ich in Rheinpreußen zu Hause und hatte früher in der preußischen Artillerie gedient.

„Wo gehen Sie hin, Neustädter?“ rief ich ihm durchs Fenster zu.

„Zu meiner Batterie“, antwortete er, „um die Waffen zu strecken.“

„Die Preußen werden Sie totschießen“, entgegnete ich. „Gehen Sie doch mit mir und versuchen wir, davon zu kommen.“

Er horchte auf, kam ins Haus und hörte meinen Plan, den ich ihm mit wenigen Worten darlegte. „Gut“, sagte Neustädter, „ich gehe mit Ihnen.“ Es war nun keine Zeit zu verlieren. Adam wurde sofort ausgeschickt, um einen Laib Brot, ein paar Flaschen Wein und einige Würste zu kaufen. Dann steckten wir unsere Pistolen unter die Kleider und rollten unsere Mäntel auf. In dem meinigen, einem großen, dunkeln, mit rotem Flanell gefütterten Radmantel, den ich erst kürzlich aus geliefertem Zeug mir hatte machen lassen, verbarg ich einen kurzen Karabiner, den ich besaß. Die Flaschen und Eßwaren, die Adam brachte, wurden auch so gut es ging verpackt. Unterdessen begann die Besatzung in geschlossenen Kolonnen über den Markt zu marschieren. Wir folgten der letzten Kolonne eine kurze Strecke, schlugen uns dann in eine Seitengasse und erreichten bald die innere Mündung unseres Kanals. Ohne Zaudern schlüpften wir hinein. Es war zwischen ein und zwei Uhr nachmittags am 23. Juli.

Der Kanal war eine von Ziegelsteinen gemauerte Röhre, etwa 4–4½ Fuß hoch und 3–3½ Fuß breit, so daß wir uns darin in einer unbehaglichen gehuckten Stellung befanden und, um uns fortzubewegen, halb gehen, halb kriechen mußten. Das Wasser auf dem Boden reichte uns bis über die Fußgelenke. Als wir weiter in das Innere des Kanals vordrangen, fanden wir in regelmäßigen Entfernungen enge Luftschachte, oben mit eisernen Gittern und Rosten verschlossen, durch die das Tageslicht herabkam und den sonst finsteren Kanal fleckweise erhellte. An solchen Stellen ruhten wir einen Augenblick und streckten uns aus, um das Rückrat wieder in Ordnung zu recken. Wir hatten unserer Berechnung nach ungefähr die Mitte der Länge des Kanals erreicht, als ich mit dem Fuße an ein kurzes im Wasser liegendes Brett stieß, das sich quer zwischen die Wände des Kanals einklemmen ließ, so daß es uns als eine Art von Bank zum Niedersitzen dienen konnte. Auf dieser Bank, die unsere Lage ein wenig behaglicher machte, drückten wir uns zusammen zu längerer Ruhe.

Bis dahin hatte die beständige Bewegung, zu der wir genötigt gewesen, uns kaum zur Besinnung kommen lassen. Jetzt, auf der Bank sitzend, hatten wir Muße, unsere Gedanken zu sammeln und über das, was nun weiter zu tun sei, Kriegsrat zu halten. Ich hatte während der Belagerung oft Gelegenheit gehabt, mir die unmittelbare Umgebung der Festung genauer anzusehen, und kannte daher das Terrain, in welchem der Kanal draußen mündete, ziemlich gut. Ich schlug meinem Genossen vor, daß wir auf der Bank bis gegen Mitternacht sitzen bleiben sollten, um dann den Kanal zu verlassen und zuerst die Deckung eines nahen mit Welschkorn bepflanzten Feldes zu suchen. Von da würden wir, wenn der Himmel klar wäre, einen kleinen Teil des Weges nach Steinmauern, einem etwa eine Stunde von Rastatt entfernten am Rhein gelegenen Dorfe überblicken können – wenigstens hinreichend, um uns zu vergewissern, ob wir uns ohne unmittelbare Gefahr aus dem Welschkornfelde herauswagen dürften. Und so würden wir denn, von Zeit zu Zeit Deckung suchend und den Weg vor uns rekognoszierend, hoffen können, lange vor Tagesanbruch Steinmauern zu erreichen und dort einen Kahn zu finden, der uns auf das französische Ufer hinüberbrachte. Dieser Plan wurde von meinen Genossen gutgeheißen.

Während wir so miteinander zu Rate gingen, hörten wir über uns allerlei dumpfes Getöse wie das Rollen von Fuhrwerken und den dröhnenden Tritt großer Menschenmassen – woraus wir schlossen, daß nun die Preußen in die Festung einzögen und die Tore und Wälle besetzten. Als es etwas stiller geworden war, vernahmen wir den Klang einer Turmuhr, welche die Stunden schlug. Unsere Bank befand sich nämlich in der Nähe eines der Luftschachte, so daß das Geräusch der obern Welt unschwer zu uns drang. Gegen neun Uhr abends fing es an zu regnen, und zwar so stark, daß wir das Klatschen des herabströmenden Wassers deutlich unterscheiden konnten. Zuerst schien uns das schlechte Wetter der Ausführung unseres Fluchtplanes günstig zu sein. Bald aber kam uns die Sache in einem ganz anderen Lichte vor. Wir fühlten nämlich, wie das Wasser in unserm Kanal stieg und bald mit großer Heftigkeit, wie ein Gießbach, hindurchschoß. Nach einer Weile überflutete es die Bank, auf welcher wir saßen, und reichte uns in unserer sitzenden Stellung bis an die Brust. Auch gewahrten wir lebendige Wesen, die mit großer Rührigkeit um uns her krabbelten. Es waren Wasserratten. „Wir müssen hinaus“, sagte ich zu meinen Genossen, „oder wir werden ertrinken.“ So verließen wir denn unser Brett und drangen vorwärts. Kaum hatte ich ein paar Schritte getan, als ich in der Finsternis mit dem Kopf gegen einen harten Gegenstand stieß. Ich betastete ihn mit den Händen und entdeckte, daß das Hindernis in einem eisernem Gitter bestand. Sofort kam mir der Gedanke, daß dieses Gitter dort angebracht worden sei, um während einer Belagerung alle Kommunikation durch den Kanal zu verhindern. Dieser Gedanke, den ich meinen Gefährten sofort mitteilte, brachte uns der Verzweiflung nahe. Aber als ich das Gitter mit beiden Händen ergriff, wie wohl ein Gefangener an den Eisenstäben seines Kerkerfensters rüttelt, gewahrte ich, daß es sich ein wenig hin- und herbewegen ließ, und eine weitere Untersuchung ergab, daß es nicht ganz bis auf den Boden reichte, sondern etwa anderthalb bis zwei Fuß davon abstand. Wahrscheinlich war es so eingerichtet, daß es aufgezogen und heruntergelassen werden konnte, um so den Kanal zum Reinigen zu öffnen und dann wieder zu schließen. Glücklicherweise hatte während der Belagerung niemand von diesem Gitter gewußt oder daran gedacht, und so war uns die Möglichkeit des Entkommens geblieben. Freilich mußten wir, um unter dem Gitter durchzuschlüpfen, mit dem ganzen Körper durch das Wasser kriechen; aber das hielt uns nicht ab. So drangen wir denn rüstig vor, und als wir glaubten, nahe bei der Mündung des Kanals angekommen zu sein, hielten wir einen Augenblick an, um unsere Kraft und Geistesgegenwart für den gefährlichen Moment des Hinaustretens ins Freie zu sammeln.

Da schlug ein furchtbarer Laut an unsere Ohren. Dicht vor uns, nur wenige Schritte entfernt, hörten wir eine Stimme „Halt Werda!“ rufen, und sogleich antwortete eine andere Stimme. Wir standen still wie vom Donner gerührt. In kurzer Zeit vernahmen wir ein anderes „Halt Werda!“ in etwas größerer Entfernung. Dann wieder und wieder denselben Ruf immer entfernter. Es war offenbar, daß wir uns unmittelbar bei der Mündung des Kanals befanden, daß draußen eine dichte Kette von preußischen Wachtposten stand, und daß soeben eine Ronde oder Patrouille bei dieser Kette vorüber passiert war. Leise, mit angehaltenem Atem, schlich ich noch ein paar Schritte vorwärts. Da war denn wirklich die Ausmündung des Kanals, von so dichtem Gebüsch überwachsen, daß sie in der dunklen Regennacht fast so finster blieb wie das Innere. Aber mich geräuschlos aufrichtend, konnte ich doch die dunkeln Gestalten eines preußischen Doppelpostens dicht vor mir erkennen, so wie auch das Feuer von Feldwachen in einiger Entfernung. Hätten wir nun auch, was unmöglich schien, unbemerkt ins Freie gelangen können, so wäre doch offenbar der Weg nach Steinmauern uns verschlossen gewesen.

Leise, wie wir gekommen, duckten wir uns in unseren Kanal zurück und suchten dort für den Augenblick Sicherheit. Glücklicherweise hatte der Regen aufgehört. Das Wasser war freilich noch hoch, aber es stieg doch nicht mehr. „Zurück zu unserer Bank!“ flüsterte ich meinen Gefährten zu. Wir krochen unter dem Gitter durch und fanden unser Brett wieder. Da saßen wir denn, dicht aneinandergedrängt. Unsere Beratung über das, was nun zu tun sei, hatte eine gewisse Feierlichkeit. Der Worte gab es wenige, des ernsten Nachdenkens viel. Ins Feld hinaus konnten wir nicht – das war klar. Längere Zeit im Kanal bleiben auch nicht, ohne die Gefahr, bei mehr Regen zu ertrinken. Es blieb also nichts übrig, als in die Stadt zurückzukehren. Aber wie konnten wir in die Stadt zurück, ohne den Preußen in die Hände zu fallen? Nachdem wir diese Gedanken flüsternd ausgetauscht, trat eine lange Pause ein. Endlich unterbrach ich das Schweigen: „Essen und trinken wir etwas; vielleicht kommt dann Rat.“ Adam packte unsere Vorräte aus, und da wir seit der Frühstückszeit des vorigen Tages – denn Mitternacht war längst vorüber – nichts genossen hatten, so fehlte es nicht an Hunger und Durst. Unser Brot war allerdings naß geworden, aber es schmeckte uns doch; ebenso die Würste. Wir erinnerten uns beizeiten, daß wir nicht den ganzen Vorrat aufzehren durften, denn wir wußten ja nicht, woher sonst die nächste Mahlzeit kommen würde. Übrigens quälte uns auch der Durst mehr als der Hunger. Seit ungefähr zwölf Stunden waren unsere Füße im Wasser gewesen und daher eisig durchkältet. Dieser Umstand, verbunden mit der Aufregung, hatte uns das Blut zu Kopf getrieben. Adam öffnete nun eine der beiden Flaschen, die er für uns gekauft, und es fand sich, daß sie Rum statt Wein enthielt. Obgleich ich gegen alles, was Branntwein hieß, immer eine starke Abneigung gehabt, so trank ich doch wie auch meine Gefährten, in gierigen Zügen, und es schien, als bliebe das Gehirn völlig klar dabei.

Nachdem wir unsere Mahlzeit beendigt, nahm Adam das Wort. „In der Stadt habe ich eine Base“, sagte er. „Ihr Haus ist nicht weit vom Eingang des Kanals. Um dahin zu kommen, brauchen wir nur durch ein paar Gärten zu gehen. Wir könnten uns da in der Scheune verbergen, bis sich etwas Besseres findet.“

Dieser Vorschlag fand Beifall, und wir beschlossen, den Versuch zu machen. In demselben Augenblicke stieg in mir ein höchst niederschlagender Gedanke auf. Ich erinnerte mich, daß wir während der Belagerung dicht bei dem Eingang des Kanals einen Wachtposten gehabt hatten. War dieser Posten von den Preußen ebenfalls besetzt worden, so saßen wir in dem Kanal zwischen zwei feindlichen Schildwachen. Ich teilte meinen Gefährten meine Befürchtung mit. Was war zu tun? Vielleicht hatten die Preußen diesen Posten noch nicht besetzt. Vielleicht konnten wir uns vorbeischleichen. Auf alle Fälle – nichts blieb uns übrig als der Versuch durchzuschlüpfen.

Als wir unsere Bank verließen, um den Rückmarsch anzutreten, hörten wir die Turmuhr draußen drei schlagen. Ich ging voraus und erreichte bald den letzten Luftschacht. Ich nahm die Gelegenheit wahr, um mich aufzurichten und ein wenig zu strecken, wobei mir etwas geschah, das auf den ersten Augenblick ein Unglück schien. Ich hatte meinen kurzen Karabiner bei dem gebückten Gehen durch den Kanal als eine Art von Krücke gebraucht. Indem ich mich aufrichtete, fiel mir der Karabiner ins Wasser und machte ein großes Geräusch. „Holla!“ rief eine Stimme just über mir. „Holla! In diesem Loch steckt was! Kommt hierher!“ Und in demselben Augenblicke kam ein Bajonett, wie eine Sondiernadel, von oben herunter durch das Gitter, welches das Luftloch deckte. Ich hörte es, wie es an die eisernen Stäbe des Gitters anstieß, und wich der Spitze desselben durch rasches Bücken aus. „Nun schnell hinaus!“ flüsterte ich meinen Genossen zu, – „oder wir sind verloren.“ Mit wenigen hastigen Schritten erreichten wir das Ende des Kanals. Ohne uns umzusehen, sprangen wir über eine Hecke in den nächsten Garten und gewannen in schnellem Lauf einen zweiten Zaun, der ebenso überstiegen wurde. Atemlos blieben wir dann in einem Felde hoher Gartengewächse stehen, um zu horchen, ob uns jemand folge. Wir hörten nichts. Es ist wahrscheinlich, daß das Fallen meines Karabiners ins Wasser die Aufmerksamkeit der Wachtposten in der unmittelbaren Umgebung auf sich gezogen und von der Mündung des Kanals abgewendet hatte. So mag unser Entrinnen durch den zuerst unglücklich aussehenden Zufall erleichtert worden sein.

Als Adam sich an unserm Halteplatz orientierte, fand er, daß wir uns dicht bei dem Hause seiner Base befanden. Wir setzten über einen Zaun, der uns noch von dem zu diesem Hause gehörenden Garten schied, wurden aber da von dem lauten Gebell eines Hundes begrüßt. Um ihn zu besänftigen, opferten wir den letzten Rest unserer Würste. Das Tor der Scheune fanden wir offen, gingen hinein, streckten uns auf dem an der einen Seite aufgehäuften Heu aus und fielen bald in tiefen Schlaf.

Aber diese Ruhe sollte nicht lange währen. Ich wachte jählings auf und hörte die Turmuhr sechs schlagen. Es war heller Tag. Adam hatte sich bereits erhoben und sagte, er wolle nun ins Haus zu seiner Base gehen, um anzufragen, was sie für uns tun könne. Nach wenigen Minuten kehrte er zurück und die Base mit ihm. Ich sehe sie noch vor mir – eine Frau von etwa dreißig Jahren, mit blassem Gesicht und weit geöffneten, angstvollen Augen. „Um Gotteswillen“, sagte sie, „was macht ihr hier. Hier könnt ihr nicht bleiben. Heute Morgen kommen preußische Kavalleristen als Einquartierung. Die werden gewiß in der Scheune nach Futter und Streu für ihre Pferde suchen. Dann finden sie euch und wir sind allesamt verloren.“ „Aber nehmt doch Vernunft an, Base“, sagte der gute Adam. „Wo können wir denn jetzt hin? Ihr werdet uns doch nicht ausliefern!“

Aber die arme Frau war außer sich vor Angst. „Wenn ihr nicht geht“, antwortete sie entschieden, „so muß ich es den Soldaten sagen, daß ihr da seid. Ihr könnt nicht verlangen, daß ich mich und meine Kinder für euch unglücklich mache.“

Es wurde noch mehr geredet, aber umsonst. Wir hatten keine Wahl – wir mußten die Scheune verlassen. Aber wohin? Die Frau zeigte uns durch das geöffnete Scheunentor einen von hohem und dichtem Gebüsch überwachsenen Graben auf der andern Seite des Hofes, in welchem wir uns verstecken könnten. Unsere Lage wurde verzweifelt. Da standen wir, alle drei in badischer Uniform, sofort als Soldaten der Revolutionsarmee zu erkennen. Und nun sollten wir keinen andern Zufluchtsort haben als das einen Graben deckende Gebüsch, mitten in einer Stadt, die von feindlichen Truppen wimmelte! Natürlich zögerten wir, die Scheune zu verlassen, obgleich das auch ein gefährlicher Aufenthalt war; doch bot sie uns ein Dach über dem Kopf, und vielleicht ließ sich darin ein gutes Versteck finden. Noch hofften wir, die Base werde sich erbitten lassen. Sie ging ins Haus, da sie die Ankunft der Einquartierung jeden Augenblick erwartete. Nach etwa einer halben Stunde kehrte sie zurück und sagte, die Kavalleristen seien gekommen und säßen gerade beim Frühstück. Jetzt könnten wir den Hof passieren, ohne von ihnen gesehen zu werden. Sie bestand mit solcher Entschiedenheit darauf, daß wir uns in unser Schicksal ergeben mußten. So liefen wir denn über den Hof nach dem überwachsenen Graben, der an der entgegengesetzten Seite durch einen hohen Bretterzaun von einer Straße geschieden war. Es regnete wieder in Strömen und in der unmittelbaren Umgebung schien sich niemand zu regen. So konnten wir denn mit einiger Sicherheit unsern neuen Zufluchtsort untersuchen. Wir fanden, daß an dem Ende des Grabens, nach dem Garten zu, Brennholz über Mannshöhe aufgestapelt war, ein hohles an der uns zugekehrten Seite offenes Viereck bildend. Bis zu diesem Viereck konnten wir durch den von dem Gebüsch gedeckten Graben schleichen, und in dem so geschlossenen Raum waren wir so ziemlich vor den Blicken derjenigen geschützt, die etwa vorübergehen mochten. Dort setzten wir uns auf Holzblöcken nieder.

Aber was sollte nun aus uns werden? Das Unbehagen unserer erbärmlichen Lage, wie wir, bis auf die Haut durchnäßt, da saßen, würden wir schon gern ertragen haben, hätte sich nur die geringste Aussicht des Entkommens geboten. Der treue Adam, sonst so gutmütig, war heftig aufgebracht über das Benehmen seiner Base. Neustädter sah unsere Lage für hoffnungslos an und fragte, ob es nicht besser sei, unserer Not damit ein Ende zu machen, daß wir uns freiwillig bei den Soldaten im Hause als Gefangene meldeten. Und ich muß gestehen, daß auch mein sonst so sanguinisches Temperament eine harte Probe zu bestehen hatte. Doch raffte ich meinen Mut zusammen, und wir beschlossen dann, bis aufs äußerste auszuhalten und dem Glück zu vertrauen. So saßen wir denn, eine Stunde nach der andern auf das Schicksal wartend, im beständig herabströmenden Regen, auf unsern Holzblöcken, wahre Jammergestalten. Gegen Mittag hörten wir Schritte im Garten nahe bei unserm Versteck. Vorsichtig blickte ich aus der offenen Seite des Brennholzvierecks heraus und sah vom Hause herkommend einen Mann mit einer Säge in der Hand. Nach seinem Aussehen und der Säge, die er trug, schloß ich, daß er ein Arbeiter sei; und da die Arbeiter durchweg der revolutionären Sache günstig waren, so zauderte ich nicht, ihm zu vertrauen. Ich warf einen Holzspan nach ihm, der ihn am Arme traf, und als er stillstand, zog ich seine Aufmerksamkeit auf mich mit einem leisen Husten. Er sah mich und trat zu uns. In aller Schnelligkeit erklärte ich ihm unsere Lage und bat ihn, uns ein sicheres Unterkommen zu schaffen und auch etwas zu essen, da unser letzter Bissen verzehrt sei. Mein Vertrauen hatte mich nicht getäuscht. Er versprach zu tun, was nötig sei. Dann ging er fort, kehrte aber schon in einer halben Stunde zurück und zeigte uns hart bei dem aufgeschichteten Brennholz einen großen offenen Schuppen. An dem Ende des Schuppens, das uns am nächsten lag, befand sich ein kleiner geschlossener Verschlag, in welchem wahrscheinlich die Arbeiter ihre Werkzeuge verwahrten, und über diesem Verschlag unter dem Dach des Schuppens ein kleiner mit Planken verkleideter Söller. „Ich will eine dieser Planken losbrechen“, sagte der Arbeitsmann. „Ihr könnt dann über das Brennholz unters Dach hineinsteigen und euch dort niederlegen. Ich werde bald wiederkommen und euch etwas zu essen bringen.“

Wir folgten seinem Rat, und es gelang uns, unbemerkt in den kleinen Raum unter dem Dach hineinzuschlüpfen. Unser Gemach war gerade groß genug, daß wir drei bequem darin nebeneinander liegen konnten. Der Boden, auf dem wir uns ausstreckten, war gedielt und mit zollhohem weißem Staube bedeckt. In diesem Staub lagen wir nun mit unsern nassen Kleidern. Aber wir fühlten uns wenigstens vorläufig sicher. Es war ungefähr ein Uhr nachmittags, als wir unser neues Asyl bezogen. Wir warteten ruhig, bis unser Freund uns den nötigen Mundvorrat bringen würde, um dann mit ihm weitere Rettungspläne zu überlegen. Nun hörten wir die Turmuhr zwei Uhr schlagen, und drei, und vier, aber unser Mann kam noch immer nicht zurück. Kurz nach vier Uhr wurde es in dem Schuppen unter uns sehr lebhaft. Aus dem Sprechen und Rufen und Poltern, das wir hörten, schlossen wir, daß ein Trupp Reiter gekommen und damit beschäftigt sei, den Schuppen zur zeitweiligen Unterbringung von Kavalleriepferden einzurichten. Die Pferde kamen bald an und auf allen Seiten schwärmte es von Soldaten. Durch die Ritzen der Bretterwände unseres Dachraumes konnten wir sie deutlich sehen. Unsere Lage wurde nun wieder eine äußerst kritische. Wäre es einem der Soldaten eingefallen, den Verschlag zu untersuchen und nachzusehen, was es in dem Dachraum geben möchte, so war unsere Entdeckung unvermeidlich. Irgend ein Geräusch, ein Husten oder Niesen unsererseits würde uns verraten haben. Wir gaben uns Mühe, möglichst leise zu atmen und sehnten uns nach der Nacht. Die Nacht kam, und wir waren noch unentdeckt, aber der Freund, auf dessen Beistand wir rechneten, hatte sich noch immer nicht wieder gezeigt.

Wir fingen an, recht hungrig und durstig zu werden und hatten weder einen Bissen noch einen Schluck. Der Rest unseres Branntweins war auf dem eiligen Lauf von dem Kanal nach dem Hause der Base verloren gegangen. Nun lagen wir still wie Tote. Nach und nach wurde es ruhiger im Schuppen, und bald hörten wir einige Leute schnarchen, andere von Zeit zu Zeit umhergehen, – wahrscheinlich die Stallwache. Wir fürchteten uns, selbst zu schlafen, obgleich wir sehr erschöpft waren; schließlich aber verständigten wir uns mit leisem Geflüster dahin, abwechselnd zu schlafen und zu wachen und den jeweiligen Schläfer zu wecken, wenn er zu schwer atmete. So ging die Nacht vorüber und der Morgen brach an, aber unser Helfer kam noch immer nicht. Mittag, Nachmittag, Abend – der ganze zweite Tag dahin –, aber von unserm Freunde keine Spur. Da lagen wir still und steif, von feindlichen Soldaten umgeben, und mit jedem Augenblick schien die Aussicht auf Hülfe immer mehr zu schwinden. Der Durst fing an uns sehr zu quälen. Glücklicherweise setzte während der Nacht wieder ein starker Regen ein. Über meinem Kopf befand sich im Dache ein gebrochener Ziegel und durch das Loch, klein wie es war, tröpfelte das Regenwasser herab. Ich fing etwas davon in der hohlen Hand auf und gewann so einen erquickenden Trunk. Meine Gefährten folgten meinem Beispiel. Wieder wurde es Morgen und unsere Hoffnung auf die Rückkehr unseres Freundes sank und sank. Die Turmuhr schlug Stunde nach Stunde, und keine Hülfe. Unsere Glieder begannen von dem starren Liegen zu schmerzen, und doch konnten wir kaum wagen, unsere Lage zu ändern. Drei Tage und zwei Nächte waren wir nun ohne Nahrung gewesen und ein ungewohntes Gefühl der Schwäche trat ein. So kam die dritte Nacht. Alle Hoffnung auf das Kommen unseres Freundes war nun dahin. Wir erkannten die Notwendigkeit, selbst einen neuen Versuch zu unserer Rettung zu machen, ehe unsere Kräfte gänzlich schwanden. Wir sannen und sannen, ohne ein Wort zu sprechen, als höchstens: „Er kommt nun nicht mehr.“

Endlich tauchte in mir ein neuer Gedanke auf. Als wir während dieser dritten Nacht die Soldaten unter uns kräftig schnarchen hörten, flüsterte ich meinem Nachbar zu, indem ich meinen Mund seinem Ohr nahe brachte:

„Neustädter, haben Sie nicht, als wir über das Brennholz kletterten, ein kleines Häuschen bemerkt, das etwa fünfzig Schritt von hier steht?“ „Ja“, sagte Neustädter.

„Da muß ein armer Mann wohnen“, fuhr ich fort, – „wahrscheinlich ein Arbeiter. Einer von uns muß zu ihm ins Haus gehen und zusehen, ob er uns helfen kann. Ich würde gern selbst hingehen, aber ich müßte über Sie wegklettern – Neustädter lag der Öffnung in der Bretterwand am nächsten – und das möchte Geräusch geben. Sie sind ohnehin der Kleinste und Leichteste von uns. Wollen Sie es versuchen?“

„Ja.“

Ich hatte noch etwas Geld; man hatte uns nämlich kurz vor der Kapitulation unsere Löhnung ausbezahlt. „Nehmen Sie meinen Geldbeutel“, flüsterte ich, „und geben Sie dem Mann der in dem Häuschen wohnt, zehn Gulden davon, oder soviel er will. Sagen Sie ihm, er solle uns etwas Brot und Wein, oder auch nur Wasser schaffen und sich so bald als möglich erkundigen, ob die preußische Postenkette noch um die Festung herum steht. Sind die Posten eingezogen, so können wir morgen nacht noch einmal den Versuch machen, durch den Kanal fortzukommen. Gehen Sie jetzt und bringen Sie uns ein Stück Brot mit, wenn Sie können.“

„Gut.“

In einer Minute war Neustädter leicht und leise wie eine Katze durch das Loch in der Bretterwand verschwunden. Mein Herz schlug fast hörbar während seiner Abwesenheit. Ein falscher Tritt, ein zufälliges Geräusch konnte ihn verraten. Nach weniger als einer halben Stunde kam er zurück, ebenso leicht und lautlos wie er gegangen war, und streckte sich neben mir aus.

„Es ist alles gut gegangen“, flüsterte er. „Hier ist ein Stück Brot – alles was sie im Hause hatten. Und hier ist auch ein Apfel, den ich im Vorbeigehen von einem Baum gepflückt habe. Aber ich glaube, er ist noch grün.“

Das Brot und der Apfel waren schnell unter uns verteilt und mit Gier verzehrt. Dann berichtete Neustädter mit seinem Mund an meinem Ohr, er habe in dem kleinen Häuschen einen Mann und dessen Frau gefunden; der Mann, dem er die zehn Gulden gegeben, habe ihm fest versprochen, uns Nahrung und auch die gewünschte Kunde über den Stand der Dinge außerhalb der Festung zu bringen.

Das erfrischte unsere Lebensgeister, und beruhigt schliefen wir abwechselnd bis zum hellen Morgen. Nun erwarteten wir jeden Augenblick unseren Befreier. Aber eine Stunde nach der andern verging und er kam nicht. Waren wir wieder getäuscht? Endlich gegen Mittag hörten wir jemanden in dem Verschlage dicht unter uns geräuschvoll herumrumoren, als schöbe er schwere Gegenstände von einer Ecke in die andere; dann ein leichtes Husten. Im nächsten Augenblick erschien ein Kopf in der Öffnung unserer Bretterwand und ein Mann stieg zu uns herein. Es war unser neuer Freund. Er schob einen Korb vor sich her, der anscheinend mit Handwerkszeug gefüllt war, aus dessen Tiefe aber bald zwei Flaschen Wein, ein paar Würste und ein großer Laib Brot hervorgelangt wurden. „Da ist etwas für Hunger und Durst“, sagte unser Freund leise. „Ich bin auch um die Stadt herum gewesen. Die preußischen Wachtposten sind nicht mehr draußen. Ich will euch gern helfen. Sagt mir nur was ich tun soll.“

Ich bat ihn nun, nach Steinmauern zu gehen und sich dort nach einem Kahn umzusehen, der uns in der kommenden Nacht über den Rhein bringen könne. Dann solle er gegen Mitternacht in dem Welschkornfelde nahe bei dem Steinmauerner Tor uns erwarten. Das Signal werde ein Pfiff sein, den er beantworten solle, um dann mit uns zusammenzutreffen und uns nach der Stelle zu führen, wo der Kahn liege. Seiner Frau sollte er sagen, daß sie um 11 Uhr nachts etwas zu essen für uns bereit haben möge.

Ich gab dem Manne noch etwas mehr Geld; er versprach alles zu tun, was ich verlangt, und verschwand wieder wie er gekommen war. Nun hielten wir ein königliches Mahl, während dessen unsere gute Laune es uns sehr schwer machte, die nötige Stille zu bewahren. Um so länger schienen uns die folgenden Stunden. Sie waren so voll von Hoffnung und Besorgnis. Gegen zwei Uhr hörten wir das Knattern einer Gewehrsalve in einiger Entfernung.

„Was ist das?“ flüsterte Neustädter. „Da erschießen sie wohl einen.“

Mir schien es auch so. Wir nahmen es als eine Andeutung des Schicksals, das uns bevorstände, wenn wir gefangen würden. In der Tat aber begann, wie wir später erfuhren, das Erschießen erst einige Tage nachher.

Gegen drei Uhr erhob sich ein geräuschvolles Getreibe in dem Schuppen unter uns. Die Reiter machten sich offenbar zum Abzuge bereit. Aber kaum waren sie fort, als eine andere Truppe von dem Schuppen Besitz nahm. Wie wir aus den zu uns heraufdringenden Gesprächen schließen konnten, war es eine Abteilung Husaren. Gegen Abend schien sich eine große Menge zu versammeln, und wir unterschieden auch weibliche Stimmen darunter. Dann erklang eine Trompete, die Walzerweisen spielte, wozu die lustige Gesellschaft tanzte. Dies war uns nicht unlieb, denn wir erwarteten, daß nach einem solchen Vergnügen, bei dem es nicht ohne tapferes Trinken abging, unsere Husaren nur um so tiefer schlafen würden. Gegen neun Uhr zerstreute sich die Menge und es würde alles still geworden sein, hätte nicht einer der Husaren eine Rastatter Maid auf dem Platze zurückgehalten. Das Pärchen stand oder saß dicht bei unserm Versteck und jedes der gewechselten Worte konnten wir verstehen. Die Unterhaltung war sehr gefühlvollen Charakters. Er beteuerte ihr, daß sie reizend sei, daß sie sogleich beim ersten Blick sein Herz in Flammen gesetzt habe, und daß er sie liebe. Sie antwortete, er möge sie mit seinen schlechten Späßen in Ruhe lassen; aber er merkte vielleicht, daß sie wirklich nicht in Ruhe gelassen sein wollte, und so fuhr er fort, dasselbe Thema in allerlei kühnen und blumenreichen Redewendungen zu variieren. Endlich schien sie denn auch geneigt, alles zu glauben, was er ihr sagte. Gerne würden wir gelacht haben, hätten wir lachen dürfen. Als aber dieses sonst so interessante Gespräch gar kein Ende nehmen wollte, fing ich an besorgt zu werden, es möge bis Mitternacht dauern, und so werde uns die Husarenliebe einen bedenklichen Strich durch die Rechnung machen. Es war uns also eine große Erleichterung, als das Paar endlich gegen zehn Uhr davonging, und wir wünschten ihm den Segen des Himmels.

Nun zählten wir die Minuten, da der entscheidende Augenblick nahte. Mit dem Glockenschlage elf kroch Neustädter aus der Öffnung in der Plankenwand, trat auf das aufgeschichtete Brennholz und erreichte mit einem leichten Sprung den Boden. Ich folgte ihm. Meine Beine waren durch das viertägige, bewegungslose Liegen sehr steif geworden, und als ich meinen Fuß auf den Holzhaufen setzte, fielen mehrere Scheite mit großem Geräusch zur Erde. Einen Augenblick später hörte ich in geringer Entfernung den Tritt einer Patrouille. Ich hatte noch eben Zeit, meinem treuen Adam zuzuflüstern, daß er zurückbleiben solle, bis die Patrouille vorübergegangen sei, um uns dann zu folgen. Es gelang mir, zur Erde zu springen und mich zu verbergen, ehe die Patrouille um die Gasse bog. Ich fand Neustädter in dem Häuschen und Adam kam nach einigen Minuten. „Die Patrouille ging ruhig vorüber“, sagte er. „Im Schuppen wurde so laut geschnarcht, daß man kaum ein anderes Geräusch hören konnte.“

Die Frau unseres Freundes in dem Häuschen hatte eine köstliche Rindfleischsuppe mit Reis für uns bereit. Nachdem diese, das gesottene Fleisch und gebratene Kartoffeln unsere Kräfte gestärkt, machten wir uns auf den Weg durch die Gärten nach dem Kanal. Es war eine helle Mondnacht und wir hielten uns vorsichtig im Schatten der Hecken, um nicht gesehen zu werden. Dies gelang, bis wir an dem Graben hart bei der Mündung des Kanals ankamen. Da erwartete uns ein neuer Schrecken. Ein Wachtposten marschierte auf und ab jenseits der Mündung, kaum dreißig Schritt davon entfernt. Wir hielten an und duckten uns hinter der Hecke. Hier war nur eins zu tun. Wie der Mann uns den Rücken kehrte und nach der andern Seite ging, schlüpfte einer von uns vorsichtig in den Kanal. Die beiden anderen gerade so nachher. In wenigen Minuten waren wir dort versammelt. Wir krochen behutsam vorwärts und stießen auch wieder auf unsere alte Bank, wo wir ein wenig ausruhten. Dann unseren Weg verfolgend, fanden wir das Gitter in seinem alten Zustande, krochen durch und sahen bald vor uns einen hellen Schein durch dunkles Blätterwerk dringend, der uns zeigte, daß der Ausgang ins Feld vor uns lag. Wir standen nochmals still, um unsere Pistolen fertig zu machen – ob sie nach der Durchnässung hätten abgefeuert werden können, ist fraglich –, denn nach allem, was wir gelitten, waren wir nun nötigenfalls zum Äußersten entschlossen, um uns den Weg zu bahnen. Aber der Ausgang war frei, die Postenkette verschwunden. Das Welschkornfeld lag vor uns. Ein leiser Pfiff von unserer Seite wurde sogleich beantwortet, und unser Mann trat aus dem Korn hervor.

Er berichtete uns, daß die Bahn frei sei. Wir schritten rüstig vorwärts, und in weniger als einer Stunde hatten wir das Dorf Steinmauern erreicht. Unser Freund führte uns an das Rheinufer und zeigte uns einen Kahn, in dem ein Mann fest schlafend lag. Er wurde schnell geweckt, und unser Freund kündigte ihm an, wir seien die Leute, die über den Rhein gesetzt werden sollten. „Das kostet fünf Gulden“, sagte der Bootsmann, der sich auf meine Frage, wo er her sei, als einen Koblenzer zu erkennen gab. Ich reichte ihm den verlangten Lohn und bot auch noch etwas Geld unserem braven Führer an. „Ihr habt mir schon genug gegeben“, sagte dieser. „Was ihr noch habt, braucht ihr wohl selbst. Ich heiße Augustin Löffler. Vielleicht sehen wir uns im Leben noch einmal wieder. Gott behüt euch!“ Damit schüttelten wir einander die Hände zum Abschied. Wir Flüchtlinge stiegen in den Kahn, und unser Freund wanderte nach Rastatt zurück. Viele Jahre später, als ich Minister des Innern in der Regierung der Vereinigten Staaten war, empfing ich eines Tages von Augustin Löffler einen Brief aus einem kleinen Ort in Kanada. Er schrieb mir, er sei nicht lange nach der Revolutionszeit aus Deutschland ausgewandert, und es gehe ihm gut in seiner neuen Heimat. Er habe in einer Zeitung gelesen, ich sei einer von den drei jungen Leuten, die er in jener Julinacht 1849 von Rastatt an den Rhein geführt habe. Ich antwortete ihm, drückte meine Freude über den Empfang seines Briefes aus und bat ihn, wieder zu schreiben, habe aber seither nichts wieder von ihm gehört.

Nach kurzer Wasserfahrt setzte uns der Bootsmann in einem dichten Weidengebüsch ans Land. Es war zwischen zwei und drei Uhr morgens, und da das Gebüsch unwegsam schien, so beschlossen wir, auf alten Baumstumpen sitzend, dort das Tageslicht zu erwarten. In der Morgendämmerung brachen wir auf, um das nächste elsässische Dorf zu suchen. Bald aber entdeckten wir, daß wir auf einer Insel gelandet waren. Wir fanden ein kleines Haus, das ungefähr in der Mitte der Insel stand und das Häuschen eines badischen Zollwächters zu sein schien. So waren wir also noch in „Feindesland“, und der Bootsmann aus Koblenz hatte uns getäuscht. Das Häuschen war dicht verschlossen, die Fensterladen sowohl wie die Türe. Wir horchten, aber drinnen rührte sich nichts. Ein rascher Lauf über die kleine Insel überzeugte uns, daß diese, uns drei ausgenommen, menschenleer sei. Wir begaben uns nun an das dem Elsaß zugekehrte Ufer und, als eben die Sonne aufging, sahen wir drüben zwei Männer einhergehen, die wir bald als französische Douaniers erkannten. Wir riefen ihnen übers Wasser zu, daß wir Flüchtlinge seien und dringend wünschten, hinüber geholt zu werden. Ohne sich lange bitten zu lassen, bestieg einer der Douaniers, ein biederer Elsässer, einen kleinen Nachen und brachte uns auf elsässischen Boden. Unsere Waffen gaben wir den Zollbeamten ab und versicherten ihnen unter beiderseitigem Lachen, daß wir sonst nichts Steuerpflichtiges aus Rastatt mitgebracht hätten. Als ich mich nun wirklich in Freiheit und Sicherheit wußte, war mein erster Impuls, nach dem viertägigen Schweigen oder Flüstern, einmal laut zu schreien. Meinen Schicksalsgenossen war es ebenso zumute, und so schrien wir denn nach Herzenslust, zum großen Erstaunen der Douaniers, die uns für toll halten mochten.

Wir waren bei einem kleinen Dorf, Münchhausen genannt, gelandet. Die Douaniers sagten uns, daß sich in dem nahen Städtchen Selz viele deutsche Flüchtlinge befänden, und dahin wendeten wir unsere Schritte. Unterwegs blickten wir einander im hellen Sonnenlichte an und fanden, daß wir schauderhaft aussahen. Vier Tage und Nächte hatten wir mit durchnäßten Kleidern in Wasser, Schlamm und Staub gewatet und gelegen. Unsere Haare waren von Schmutz aneinander geklebt und unsere Gesichter kaum zu erkennen. Am nächsten Bach genossen wir dann den unbeschreiblichen Luxus einer Wäsche, und so, zu menschlicher Erscheinung hergestellt, erreichten wir bald das Wirtshaus in Selz.

Die dort anwesenden Flüchtlinge aus Baden, von denen keiner in Rastatt gewesen war, hießen uns willkommen und wollten unsere Abenteuer hören. Aber vorerst stand unser Verlangen nach einem Zuber warmen Wassers, einem Frühstück und einem Bett. Alles dies erhielten wir. Ich schlief vierundzwanzig Stunden mit geringer Unterbrechung. Dann machte ich die Flüchtlingsgesellschaft im Wirtshause mit den Umständen unseres Entkommens aus der Festung bekannt. Von ihnen erfuhr ich dann auch zum erstenmal, daß Kinkel in einem der Gefechte bei Rastatt vor dem Beginn der Belagerung von den Preußen gefangen worden sei. Er hatte sich, nachdem wir die Pfalz verlassen und er also in Verbindung mit der pfälzischen provisorischen Regierung nicht mehr tätig sein konnte, einem Volkswehrbataillon angeschlossen und als gemeiner Soldat die Muskete in die Hand genommen. Als Kämpfender wollte er das Schicksal des Revolutionsheeres teilen. In einem Gefechte an der Murglinie wurde er durch eine feindliche Kugel am Kopfe verwundet, stürzte zu Boden und fiel den angreifenden Preußen in die Hände. Nun, hieß es, habe man ihn mit der gefangenen Besatzung in eine der Rastatter Kasematten gesteckt, um ihn von einem Kriegsgericht aburteilen und dann erschießen zu lassen. Diese Nachricht erschütterte mich tief, so daß ich der wiedergewonnenen Freiheit kaum froh werden konnte.

Am Tage nach unserer Ankunft in Selz erschien im Wirtshause ein Gendarm im Auftrage des Maire, um unsere Namen zu erfahren und auch, ob wir zu bleiben, oder, wenn nicht, wohin wir zu gehen beabsichtigten. „Wir wollen nach Straßburg gehen“, antwortete ich aufs Geratewohl. Der Maire fertigte uns darauf eine Art von Laufpaß aus mit der Anweisung, daß wir uns in Straßburg sofort auf der dortigen Präfektur melden sollten. Ein drückendes Gefühl kam über mich, daß ich nun wirklich ein Heimatloser, ein Flüchtling sei und unter polizeilicher Überwachung stehe. Nachdem ich meinen Eltern geschrieben und ihnen meine Rettung mitgeteilt hatte, machten wir uns ohne weiteren Aufenthalt nach Straßburg auf den Weg. Mein eigentliches Reiseziel war die Schweiz, wo, wie ich hörte, Anneke, Techow, Schimmelpfennig und andere Freunde sich befanden.

Wäre ich ein paar Tage länger in Selz geblieben, so würde ich in demselben Wirtshaus, in dem ich eingekehrt, meinen Vater gesehen haben. Dies ging so zu: Wie bereits erwähnt, schrieb ich am Tage der Übergabe von Rastatt, in der Erwartung, daß ich mit der Besatzung würde gefangen werden, einen Brief an meine Eltern, den ich meinem Hauswirt zur Besorgung anvertraute. Dieser Brief traf meine Eltern wie ein Donnerschlag, und sofort machte mein Vater sich auf, um womöglich seinen Sohn noch einmal zu sehen. In Rastatt angekommen, meldete er sich bei dem preußischen Kommandanten der Festung, von dem er hoffte, über mein Schicksal Kunde zu erhalten. Der Kommandant empfing ihn freundlich genug, wußte ihm aber nach einiger Nachfrage nichts weiteres zu sagen, als daß mein Name nicht auf den Listen der Gefangenen stehe. Erstaunt darüber, bat mein Vater um die Erlaubnis, die Kasematten, in denen die Gefangenen gehalten wurden, nach mir zu durchforschen. Diese Erlaubnis erhielt er, und ein Offizier begleitete ihn auf der angstvollen Suche. Von Kasematte zu Kasematte gingen sie, drei Tage lang, und Mann für Mann fragten sie die Gefangenen nach mir, aber alles umsonst. Mich fanden sie nicht, und obgleich manche sich meiner erinnerten, wußte doch niemand über mich Auskunft zu geben. Niemand hatte mich bei der Waffenstreckung gesehen. Auch auf Kinkel traf mein Vater im Gefängnis. „Was?“ rief dieser aus. „Auch Karl hier? O weh, ich glaubte ihn sicher in der Schweiz!“ In stillem Schmerz drückten die Männer sich die Hände.

Nachdem mein Vater so vergeblich nach mir geforscht, dämmerte ihm eine Hoffnung auf, ich möchte doch vielleicht entkommen sein. Von Bürgersleuten in Rastatt hörte er, es seien mehrere Flüchtlinge aus Baden drüben überm Rhein in Selz. Von diesen möchte einer imstande sein, über mich Nachricht zu geben. Wenige Stunden später war mein Vater in dem Wirtshaus in Selz, in dem die Flüchtlinge verkehrten. Dort nannte er seinen Namen; und nun erfuhr er die ganze Geschichte meiner Flucht, und wie ich noch vor wenigen Tagen in Selz gewesen und nach Straßburg abmarschiert sei, mit der Absicht, von dort sofort weiter zu gehen, wohin, wisse man nicht, wahrscheinlich nach der Schweiz. Mein Vater brach in Freudentränen aus und rief ein übers andre Mal: „Der Schwerenotsjunge! Nun muß ich schnell heim, um es der Mutter zu erzählen.“ Und da er kaum hoffen durfte, mich in Straßburg noch zu finden, und erwartete, bald aus der Schweiz von mir zu hören, so kehrte er ohne Verzug nach Bonn zurück. Einer der badischen Flüchtlinge, die meinen Vater im Wirtshause zu Selz gesehen und ihm die Auskunft über mich gegeben hatten, erzählte mir dies alles einen Monat später in der Schweiz, und er konnte sich dann noch selbst seiner Rührung kaum erwehren, als er mir die Freude meines Vaters beschrieb.

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