Der Narr von Fünfgabel

Er lebte einsam für sich. Ich glaube nicht, daß diese Eigentümlichkeit dem Wunsche entsprang, sich mit seiner Narrheit den übrigen Bewohnern des Lagers möglichst fernzuhalten; auch ist es nicht wahrscheinlich, daß die vereinte Weisheit von Fünfgabel imstande gewesen wäre, ihn in die Verbannung zu treiben. Ich habe vielmehr den Ein­druck, daß er dieses zurückgezogene Leben ganz aus freier Wahl führte – einer Wahl, längst getroffen, ehe das Lager sich erlaubte, an seinen geistigen Fähigkeiten Kritik zu üben. Er hatte einen großen Hang zu schwermütiger Schweigsamkeit, und ungeachtet seiner kräftigen äußern Erscheinung hörte man ihn stets über seine schlechte Gesundheit klagen. Bekannte erklärten sich seine Vereinsamung daraus, daß diese ihm bessere Ge­legenheit bot, Medikamente in großen Quantitäten zu konsumieren.

Durch das Postamt dämmerte den Bürgern von Fünfgabel zuerst die Zerrüttung seines Geistes auf. Lange Zeit nämlich war er der einzige Mann im Lager, der mit jeder Brief­post nach Hause schrieb, und seine Briefe waren stets an dieselbe Person – ein Frauenzimmer – adressiert. Die Ordnung, nach der sich die Hauptkorrespondenz des Lagers richtete, war aber die gerade entgegengesetzte. Es kamen zwar viele Briefe an – die meisten zeigten eine weibliche Handschrift -, aber nur sehr wenige wurden beant­wortet.

Die Leute nahmen sie gleichgültig oder als ein unvermeidliches Übel hin. Nur wenige öffneten und lasen die Briefe gleich und dann mit einem schlecht unterdrückten dünkel­haften Lächeln; andere überflogen sie mit unverhohlener Ungeduld. Die meisten Epis­teln begannen mit »Mein teurer Gatte«, und viele wurden gar nicht von der Post abge­holt.

Der Umstand, daß der einzige regelmäßige Briefschreiber von Fünfgabel nie eine Ant­wort erhielt, war unerhört und wurde zuletzt allgemein bekannt. Als daher auf der Post ein Kuvert ankam, das den Stempel der unbestellbaren Briefe trug und an den Narren – unter dem etwas höflichem Titel Cyrus Hawkins – adressiert war, entstand eine fieberhafte Aufregung. Ich weiß nicht, wie das Geheimnis bekannt wurde, aber bald wußte das ganze Lager, daß das Kuvert die zurückgeschickten Briefe des Narren enthielt. Das war der erste Beweis seiner geistigen Schwäche. Denn ein Mann, der fortfuhr an eine Frau zu schreiben, die nicht antwortete, mußte ein Narr sein. Ich glaube, Hawkins ahnte, daß seine Narrheit dem Lager bekannt war, aber er nahm seine Zuflucht zu Symptomen von Erkältung und Fieber, die sich plötzlich bei ihm zeigten; doch gelang es ihm mit Hilfe von drei Flaschen indianischen »Gramstillers« und zwei Schachteln Pillen das Übel glücklich abzuwenden. Jedenfalls nahm er nach Verlauf einer Woche die Feder wieder zur Hand und setzte seine briefstellerische Tätigkeit mit der ganzen früheren Zähigkeit fort. Von jetzt an hatten die Briefe eine andere Adresse.

In jenen Tagen herrschte in den Goldgräbereien allgemein der Glaube, das Glück be­günstige vorzugsweise die Narren und die Dummköpfe. Und als Hawkins am Hügel- abhang, nicht weit von seiner einsamen Hütte, auf eine »Tasche«* stieß, erregte das nur wenig Erstaunen. »Er wird alles wieder in das nächste Loch versenken«, sagten die Leu­te, um die Methode anzudeuten, nach der die Besitzer eines sogenannten »Nigger­glücks« ihr Geld wieder flüssig zu machen pflegten. Zu jedermanns Erstaunen unterließ es Hawkins, nachdem er etwa achttausend Dollar aus dieser Tasche genommen und sie erschöpft hatte, nach einer anderen zu muten. Geduldig wartete das Lager ab, was er mit seinem Geld machen werde. Als aber bekannt wurde, daß er für die achttausend Dollar einen Wechsel zugunsten »jenes Frauenzimmers« gekauft hatte, kostete es die größte Anstrengung zu verhüten, daß die allgemeine Entrüstung nicht die Form eines persönli­chen Angriffs annahm. Einige Zeit nachher raunte man sich zu, der Wechsel sei ebenso zurückgeschickt worden wie die Briefe, und er schäme sich, sein Geld auf dem Postamte wieder in Empfang zu nehmen.

»Es wäre keine üble Spekulation«, meinte ein weitsichtiger Finanzmann, »nach dem Osten zu gehen, für einige Hunderte ein hübsches Mädel anzuwerben, damit sie sich aufdonnere und die Hexe vorstelle, um auf diese Weise die achttausend Dollar festzu­machen.«

Ich muß bemerken, daß wir von Hawkins‘ schöner Unbekannten stets als »der Hexe« re­deten, ohne daß wir, glaub‘ ich, auch nur die mindeste Berechtigung zu diesem Epithe­ton hatten.

Daß der Narr sich schließlich aufs Spielen verlegte, erschien durchaus angemessen. Daß er von Zeit zu Zeit einen hohen Einsatz gewann, galt – gemäß der oben erwähnten volkstümlichen Anschauung vom Glück der Narren und Dummköpfe – ebenfalls für sei­nem Zustande ganz entsprechend. Daß er jedoch die Pharaobank, die Herr John Hamlin in Fünfgabel aufgestellt hatte, sprengte und eine Summe, die auf zehn- bis zwanzig­tausend Dollar geschätzt wurde, davontrug, am folgenden Tage aber nicht zurückkam, um das Geld an demselben Tische wieder zu verlieren, das schien in der Tat un­glaublich. Ein Tag nach dem anderen verstrich, ohne daß irgend etwas von der Art der Anlage des neuerworbenen Kapitals bekannt geworden wäre.

»Wenn er sich untersteht, es wieder der Hexe zu schicken«, sagte ein hervorragender Bürger, »so muß durchaus etwas in der Sache geschehen! Es heißt den guten Ruf des Lagers zugrunde richten – dieses Verschleudern von Geld an Leute, die nicht hier an­sässig sind und es nicht einmal haben wollen!«

»Das ist ein Beispiel von Verschwendung«, sagte ein andrer, »das wenig besser ist als Schwindel.« Einige Männer, die hörten, daß Hawkins achttausend Dollar nach Hause spediert habe, schickten flugs ihren sauern Verdienst ebenfalls heim. »Und wenn man bedenkt, daß es mit den achttausend schließlich doch nur eine Komödie war, daß sie vermutlich jetzt unverzinst in der Wechselbude von Adams & Komp. liegen…! Nun, ich behaupte, hier liegt ein Fall vor, den der Sicherheitsausschuß behandeln sollte!«

Als jede Wahrscheinlichkeit geschwunden schien, daß Hawkins‘ Narrheit sich wieder­holen würde, erreichte die Besorgnis über den Verbleib des Geldes einen so hohen Grad, daß sich ein Komitee aus vier Bürgern konstituierte, die ihm unerwartet, aber allem Anscheine nach ganz von ungefähr einen Besuch abstatteten. Nachdem man einige höfliche Redensarten ausgetauscht, und jede der beiden Parteien einem leisen Tadel wider die ungünstige Jahreszeit Ausdruck verliehen, rückte Tom Wingate dem Gegenstande näher.

»Hast John Hamlin neulich abend mal ordentlich gerupft, nicht wahr? Er behauptet, du würdest ihm keine Gelegenheit geben, sich zu revanchieren. Ich sagte, du wärst ein so verdammter Narr – sagt‘ ich nicht so. Dick?« fuhr der pfiffige Wingate fort, indem er an einen der Verbündeten appellierte.

»Jawohl«, antwortete Dick lebhaft. »Du sagtest, zwanzigtausend Dollar schmisse man nicht so mir nichts dir nichts über Bord. Du sagtest, Cyrus werde von seinen Kapitalien einen vernünftigeren Gebrauch machen«, fügte Dick, auf eigne Faust lügend, hinzu. »Was du über die Anlage des Geldes bemerktest, dessen erinnere ich mich nicht mehr«, fuhr er fort, sich mit gelassener Gleichgültigkeit an seinen Freund wendend.

Selbstredend gab Wingate hierauf gar keine Antwort, sondern sah den Narren an, der sich mit bekümmerter Miene sanft die Knie rieb. Nach einigem Schweigen wandte er sich wie flehend an seinen Besuch und sagte:

»Hat jemals einer von euch so ein Zittern in den Beinen gehabt – so eine Art Schütteln vom Knie abwärts? …

Etwas«, fuhr er, sich an seinem Thema erheiternd, fort, »etwas, das wie Fieberschauer beginnt, und doch kein Fieberschauer ist… So ein Gefühl von Schwäche hier herum, eine Art Empfindung, als ob man auf dem Fleck sterben müßt‘! … Wo Wrightsche Pillen gar nichts dagegen vermögen… und Chinintropfen ebenfalls nicht.«

»Nein!« sagte Wingate bündig, für sich und seinen Alliierten. »Nein, nie so etwas ge­habt… Aber du sprachst von der Anlage deiner Kapitalien.. «

»… Und wo euch zugleich all die Zeit über der Magen in Unordnung ist?« fragte Hawkins, unter Wingates Blicken errötend und sich wie ein schiffbrüchiger Matrose an seine Planke mit verzweifelter Zähigkeit an sein Thema anklammernd.

Wingate antwortete nicht, sondern warf seinen Beigeordneten vielsagende Blicke zu. Hawkins hatte offenbar bemerkt, daß seine geistigen Unzulänglichkeit aufgefallen war, denn er sagte entschuldigend: »Nicht wahr, ihr spracht von der Anlage meines Gel- des – ?«

»Jawohl«, versetzte Wingate so rasch, daß er Hawkins fast den Atem von den Lippen wegnahm, »jawohl, von dem Gelde, das – «

»Ich in Raffertys Graben angelegt…« ergänzte schüchtern der Narr.

Die Delegierten vermochten nur einander einige Augenblicke lang voller Bestürzung anzustarren. »Raffertys Graben« – das einzige notorisch verunglückte Unternehmen in Fünfgabel! Raffertys Graben – der unpraktische Plan eines äußerst unpraktischen Mannes! Raffertys Graben – der lächerliche Einfall, Wasser nach einer Stelle zu schaf­fen, wo es nicht hinzubringen war und wo man es nicht nötig hatte! Raffertys Graben – der das Vermögen und die Hoffnungen von Rafferty und zwanzig unglückse-ligen Ak­tionären in seinen schlammigen Tiefen begraben hatte!

»Und dort steckt es – dort?!« fragte Wingate nach einer dumpfen Pause. »Also dort! Jungens, jetzt ist mir die ganze Geschichte klar. Darum also ging der zerlumpte Pat Raf­ferty gestern in einem neuen Anzuge hinunter nach San Francisco! Darum also ist seine Frau mit ihren vier Krabben in einer schönen Kutsche nach Sacramento gefahren! Dar­um also haben seine zehn Arbeiter, die sonst keinen roten Heller zu sehen kriegen, ges­tern abend Billard gespielt und Austern gespeist! Das also ist die Quelle, aus der das Geld kam, um die lange Anzeige über die neue Emission von Grubenaktien zu bezahlen, die gestern in den »Times« stand! Darum also waren in dem Magnolia-Hotel gestern die sechs Fremden gebucht! Seht ihr‘s nun, Jungens – und der Narr, dessen Geld das alles bewirkt hat: Da sitzt er!«

Der Narr saß schweigend da.

Die Gesandten erhoben sich, ohne ein Wort weiter zu sagen.

»Du hast wohl niemals indianische Kräuterpillen eingenommen?« wandte sich Hawkins schüchtern an Wingate.

»Nein!« brüllte Wingate, die Tür aufreißend.

»Alle Leute, die das Universalmittel gebraucht haben, sagen mir – alle sagen sie mir, dieses Universalmittelchen bewirke ganz unfehlbare Kuren… als ich vorige Woche zu dem Spezereihändler kam, war sein ganzer Vorrat ausverkauft.«

Aber schon hatten Wingate und seine entrüsteten Freunde sich entfernt und die Tür vor dem Narren und seinen Leiden dröhnend ins Schloß geworfen.

Nach einem halben Jahr war die ganze Geschichte vergessen; das Geld war vertan und der Graben von einer Gesellschaft Bostoner Kapitalisten angekauft, die dazu angefeuert worden waren durch die glühenden Schilderungen eines Touristen aus den östlichen Staaten, der eine Nacht betrunken in Fünfgabel zugebracht hatte. Ich glaube, Hawkins‘ geistiger Zustand wäre in Zukunft von der Kritik unbehelligt geblieben, wenn nicht ein eigentümliches Ereignis die Aufmerksamkeit von neuem auf ihn gelenkt hätte.

II

Während eines aufregenden politischen Feldzuges zu einer Zeit, da die Wogen der Par­teileidenschaft sehr hochgingen, beehrte der jährzornige Hauptmann Mac Fadden von Sacramento Fünfgabel mit einem Besuche. Bei einer hitzigen Debatte in der »Präri­enrose« kam es zwischen dem Hauptmann und dem ehrenwerten Calhoun Bung- starter zu einem Wortwechsel, der mit einer Herausforderung endete. Der Hauptmann stand in dem Rufe, ein Duellant von Profession und ein niefehlender Schütze zu sein. Auch war er unpopulär, und man verdächtigte ihn, von der Opposition zu einem unheilbringenden Zweck herübergeschickt zu sein; überdies war der Hauptmann ein Fremdling im Lager. Zu meinem Bedauern muß ich sagen, daß dieser letzteren Eigenschaft in Fünfgabel nicht die Unverletzlichkeit und Heiligkeit anhaftete, wie sie unter anderen Nomaden gebräuchlich ist. Es entstand daher eine gewisse kleine Bedenklichkeit, als der Hauptmann sich an die Menge wandte und fragte, wer bereit sei, als sein Sekundant zu fungieren. Zum Erstaunen aller und zur Entrüstung vieler trat der Narr vor und bot sich dafür an. Ich weiß nicht, ob Hauptmann Mac Fadden ihn aus freien Stücken gewählt hätte; aber in Ermanglung eines bessern sah er sich genötigt, seine Dienste anzunehmen.

Das Duell fand niemals statt! Sämtliche Präliminarien waren vereinbart, der Ort be­stimmt, die Duellanten mit ihren Sekundanten pünktlich auf dem Platze; eine Unter- brechung von außen her trat nicht ein, von einer Auseinandersetzung oder Entschuldi­gung war nicht die Rede – aber das Duell fand nicht statt.

Man kann sich leicht denken, daß diese Tatsachen, die sämtlich dem Lager bekannt waren, in der ganzen Gemeinde ein Fieber von Neugier und Aufregung erzeugten.

Die Duellanten sowie der Chirurg und der eine Sekundant hatten am folgenden Tage die Stadt verlassen. Nur der Narr blieb zurück und bot allen Fragern die Stirn, indem er sich bei seiner Ehre verpflichtet erklärte, sich über die Sache nicht auszulassen – kurz, er be­trug sich mit konsequenter, aber nichtsdestoweniger empörender Narrheit.

Erst nach Verlauf eines halben Jahres ließ sich Oberst Starbottle, der Sekundant Cal­houn Bungstarters, in einem wesentlich durch das gesellige Gläschen herbeigeführten, schwachen Augenblicke zu einer Erklärung herbei. Ich würde den Parteien nicht gerecht werden, wollte ich diese Erklärung nicht mit des Obersten eignen Worten wiedergeben. Beiläufig muß ich bemerken, daß die charakteristische Würde des Oberst Starbottle fort­während durch gewisse Reizmittel gehoben wurde und daß ihm durch diesen Prozeß aller Sinn für Humor verlorenging.

»In dem Bewußtsein, daß ich mich an Männer von Ehre wende«, begann der Oberst, seine Brust über den Schenktisch in der Wirtsstube zur »Prärienrose« beugend, »gebe ich mich der Hoffnung hin, daß es nicht nötig sein wird, mich wider den Vorwurf der Leichtfertigkeit zu verteidigen, wie ich das unlängst in Sacramento tun mußte, als ich mich dort gelegentlich zu einer Erklärung dieser delikaten Sache herbeiließ – ä-ä verteidigen dadurch, daß ich das betreffende Individuum persönlich zur Rechenschaft zog – ä! Ich glaube nicht«, fügte der Oberst hinzu, sein Likörglas mit einer anmutigen Geste höflicher Bitte leicht in der Luft schwenkend, »ich glaube nicht, daß ich mich, so­weit ich die anwesende Gesellschaft kenne, hier zu einem ähnlichen Verfahren genötigt sehen werde. Sicherlich nicht, meine Herren, in der Heimat des Herrn Hawkins, des – ä Ehrenmanns, der Herrn Mac Fadden vertrat, dessen Betragen – auf Hüfte, meine Her­ren! – über alles Lob erhaben ist – verdammt!«

Offenbar zufrieden mit dem Ernst und der achtungsvollen Aufmerksamkeit seiner Zuhö­rer, ließ Oberst Starbottle ein nachsichtiges und süßes Lächeln über seine Züge gleiten, schloß, wie um seine wandernden Gedanken zurückzurufen, träumerisch die Augen und fuhr fort: »Da der Ort, den wir gewählt, nicht weit von der Behausung des Herrn Hawkins lag, kamen die Parteien überein, sich dort zu treffen, was auch pünktlich um halb sieben geschah. In Erwägung des kühlen Morgens dehnte Herr Hawkins als liebenswürdiger Wirt die Gastfreiheit seines Daches auf eine Flasche Bourbon Whiskey aus, an der sich sämtliche Herren beteiligten – mit Ausnahme meiner Person. Der Grund meiner Enthaltsamkeit dürfte hinlänglich bekannt sein. Ich habe es mir nämlich zur un­abänderlichen Gewohnheit gemacht, statt des Whiskey Kognak zu trinken – ein Wein­glas voll in einer Tasse starken Kaffees, unmittelbar nach dem Aufstehen. Das belebt die inneren Funktionen, meine Herren, ohne irgendeine verdammte Störung der Nerven zu verursachen.«

Der Kellner hinter dem Schanktisch, an den der Oberst als an einen Sachverständigen diese Information gerichtet hatte, nickte zustimmend mit dem Haupte, und der Oberst fuhr unter atemlosem Schweigen fort: »Nach zwanzig Minuten hatten wir den Ort er­reicht. Die Distanzen waren abgemessen, die Waffen geladen – als Herr Bungstarter mir im Vertrauen die Mitteilung machte, daß er unwohl und in schweren Nöten sei! Eine Beratung mit Herrn Hawkins ergab die Tatsache, daß auch Hauptmann Mac Fadden sich auf einer entlegenen Stelle des Feldes leidend und in schweren Nöten befand. Die Sym­ptome waren derart, daß ein Medikus sie für »choleraartig« erklärt haben würde. Ich sage, erklärt haben würde; denn nach einigem Suchen stellte sich heraus, daß der Chir­urg ebenfalls in – ä Nöten war und sich – mit Bedauern muß ich‘s sagen – über den Zwischenfall in unziemlicher Weise ausließ. Er war der Ansicht, daß den Herren irgend­ein starkwirkendes Medikament beigebracht worden sei. Als ich Herrn Hawkins davon Mitteilung machte, erinnerte er sich, daß die geleerte Flasche Whisky mit Medizin ge­füllt gewesen, die er, da sie bei ihm ihre Wirkung versagt, für unwirksam gehalten und daher vergessen hatte. Seine vollkommene Bereitwilligkeit, beiden Parteien gegenüber persönlich die Verantwortung zu übernehmen, seine aufrichtige Betrübnis über die un­glückseligen Folgen dieses Mißgriffs, sowie endlich die Besorgnis über den Zustand seines eigenen Organismus an dem – ä – eine Medizin mit so merkwürdigen Eigen­schaften völlig zuschanden geworden – kurz: sein ganzes Benehmen legitimierte ihn in jeder Hinsicht als Ehren- und Biedermann! Da nach Verlauf einer Stunde die Herren Duellanten vollständig erschöpft und überdies von dem Wundarzt, der über seinen eigenen Zustand in eine ebenso egoistische wie unvernünftige Besorgnis geraten, im Stich gelassen worden waren, kamen Herr Haw- kins und ich überein, unsere Leute nach Markleville zu schaffen. Dort wurde nach einer ferneren Konferenz mit Herrn Hawkins in freundschaftlicher Weise ein für beide Teile ehrenvoller und durch die tiefste Verschwiegenheit vor Profanation geschützter Ausgleich aller schwebenden Schwierig­keiten getroffen… Ich darf wohl glauben«, fügte der Oberst, um sich blickend und sein Glas niedersetzend, hinzu, »daß bis jetzt noch kein Ehrenmann etwas anderes als seine hohe Befriedigung über dieses Resultat ausgedrückt hat.«

Vielleicht lag es an den Manieren des Obersten, aber was auch das Lager über die Rolle dachte, die Hawkins bei dieser Affäre gespielt, freimütige Kritik wurde sehr wenig ge­übt. Nach einigen Wochen war die Geschichte vergessen, ausgenommen natürlich der Teil, der auf Hawkins‘ Rechnung kam. Dieser lebte als ein Glied der bereits sehr langen Kette seiner Torheiten im Gedächtnis der Leute fort – bis die alten Narrheiten neu­erdings in den Hintergrund gedrängt werden sollten.

*

Es war ein Jahr später. In dem »Tunnel zum flammenden Stern« war eine sehr wertvolle Erzader entdeckt worden – in demselben Hügel, auf dem Hawkins wohnte. Man bot ihm eine hohe Summe für einen Teil seines Landes auf der Hügelspitze. Wie sehr man auch an seine Narrheit gewöhnt war, so vernahm man doch mit Erstaunen, daß er das An­erbieten auf das allerentschiedenste zurückwies. Der Grund, den er dafür angab, erregte geradezu Bestürzung – er wollte bauen!

Ein Haus zu errichten auf einem Grunde, der sich zum Bergbau eignete, war wirklich wider alle Vernunft; überhaupt zu bauen, wenn man schon ein eignes Dach hatte, war eine närrische Verschwendung; aber ein Haus in dem von Hawkins geplanten Stil zu bauen war einfach Wahnsinn!

Und doch verhielt es sich so. Die Pläne waren entworfen und das Bauholz zu dem neuen Hause bereits an Ort und Stelle geschafft, während der betreffende Stollen »Zum flammenden Stern« abgeteuft wurde. Die Lage war sehr malerisch; das Haus selbst wurde in einem Stil und mit einer Gediegenheit gebaut, die bis dahin in Fünfgabel nicht bekannt gewesen. Die anfangs sehr skeptischen Bürger versammelten sich während der Stunden der Erholung und des Müßiggangs kopfschüttelnd an der Baustelle. Mit jedem Tage sah man das Gebäude, im Rotwelsch von Fünfgabel das »Narrenhaus« genannt, sich höher erheben zwischen den grünen Eichen und den dichten Föhrengruppen auf Hawkins‘ Hügel – gleichsam als wäre es ein natürlicher Bestandteil der Landschaft selbst.

Endlich war es fertig. Und nun ging Hawkins daran, es zu möblieren, und zwar mit einem Luxus und einer Verschwendung, die mit seiner bisher an den Tag gelegten Ver­rücktheit durchaus harmonierten. Teppiche, Sofas, Spiegel und schließlich gar ein Piano – es war das einzige in der ganzen Grafschaft und mit großen Kosten von Sacra- mento herübergeschafft – hielten die Neugierde fortwährend im Stadium der Fieberhitze. Noch mehr; es waren Dinge und Schmuckgegenstände darunter, von denen einige verheiratete Sachverständige erklärten, sie eigneten sich nur für Frauen. Als das Haus vollständig möbliert war – zwei Monate hindurch war die wißbegierig grübelnde Aufmerksamkeit des Lagers in Atem gehalten worden – schloß Herr Hawkins die Vordertür zu, steckte den Schlüssel in die Tasche und zog sich still zurück unter sein bescheideneres Dach un­ten am Hügelabhang.

Ich habe es nicht für nötig gehalten, dem scharfsichtigen Leser all die Vermutungen mit­zuteilen, die während der Erbauung des Hauses in Fünfgabel an der Tagesordnung waren. Einige davon lagen sozusagen auf der Hand. Daß »die Hexe« sich den Narren durch verschmitzte Sprödigkeit und systematische Schweigsamkeit endlich vollständig unterjocht habe und das neue Haus zum ehelichen Daheim des (seltbstverständlich) un­glücklichen Paares bestimmt sei, war natürlich die vorherrschende Ansicht. Aber als das luxuriöse Nest nach Verlauf einer angemessenen Zwischenzeit noch immer leer blieb, drängte sich dem allgemeinen Bewußtsein die beunruhigende Überzeugung auf, daß der Narr zum drittenmal betrogen worden sei. Als zwei Monate verstrichen und noch immer keine Aussicht war auf eine Herrin für das neue Haus, da ward die öffentliche Meinung so erregt, daß, wenn »die Hexe« schließlich doch noch angelangt wäre, man die Hochzeit durch öffentlichen Skandal verhindert hätte. Aber es erschien niemand, der der Vorstellung einer berechtigten Bewohnerin entsprochen hätte, und alles Fragen, zu welchem Zweck Hawkins ein Haus gebaut habe, das er weder vermiete noch selbst bewohne, war fruchtlos; man vermochte keine Auskunft aus ihm herauszulocken. Die Gründe, die er angab, wurden als zu unbestimmt und unbefriedigend, ja als leere Ausflüchte befunden. Er sagte, es hätte keine Eile mit dem Umzug, und der Wunsch sei wohl natürlich, ein Quartier frei und ganz zu seiner Aufnahme bereit zu finden an dem Tage, da er wirklich übersiedle.

Oft sah man ihn an Sommerabenden, eine Zigarre rauchend, sich auf der Veranda erge­hen. Ja, es wird sogar berichtet, das Haus sei eines Nachts von der Dachstube bis zum Keller glänzend erleuchtet gewesen. Ein Nachbar, der diese Illumination zuerst bemerkt, habe durch eins der offenen Fenster des Empfangszimmers den Narren in einem eleganten Gesellschaftsanzug auf einem Sofa wahrgenommen – mit einer Miene, als mache er einer großen Gesellschaft die Honneurs. Und doch konnte, wie der Zeuge spä­ter feierlich bekundete, kein Zweifel darüber obwalten, daß, abgesehen von dem Besitzer, das Haus an jenem Abend völlig menschenleer gewesen war.

Als diese neue Geschichte bekannt wurde, stellten einige praktische Köpfe die Vermu­tung auf, Herr Hawkins habe sich, zukünftige Eventualitäten ins Auge fassend, lediglich in der Rolle des Herrn vom Hause üben wollen.

Andere jedoch zogen es vor zu glauben, es spuke in dem Hause, und der phantasiereiche Redakteur des »Telegraphen von Fünfgabel« gab seinen Lesern mit berufsmäßiger Ge­wissenhaftigkeit eine romantische Legende zum besten: Hawkins‘ Feinsliebchen sei eines frühen Todes gestorben, und er empfange jeden Abend den Besuch ihres Geistes in diesem elegant möblierten Mausoleum.

Der Umstand, daß man so häufig in mondhellen Nächten des Narren hohe Gestalt auf der Veranda auf und ab gehen sah, lieh dieser Erzählung eine gewisse Glaubwürdig­keit – bis ein ganz unerwarteter Zwischenfall alle Mutmaßungen in eine neue Bahn lenkte.

III

Um diese Zeit war ein Tal in der Nähe von Fünfgabel wegen seiner wilden großartigen Naturschönheit als Ziel von Vergnügungsreisen sehr in Mode gekommen. Bekannte Touristen, die es besucht hatten, erklärten laut, seine nackten Felsen hätten weit mehr Kubikmeter Höhe und seine Wasserfälle eine ungleich bedeutendere Tiefe als alle, die sie je gesehen. Korrespondenten der verschiedensten Zeitungen hatten es in schwung­vollen, mit ungewöhnlichen, aber hochpoetischen Zitaten geschmückten Berichten verherrlicht. Männer und Frauen, die sich noch nie an einem Sonnenuntergang, einem Baume oder einer Blume erfreut hatten – die noch nie die Anmut und Bedeutung des gelben Sonnenlichts zu schätzen gewußt, noch nie die Poesie einer Mittsommernacht, die sie doch oft genug in Hemdsärmeln oder Tüllkleidern genossen, empfunden hatten – eilten Tausende von Meilen herbei, um die Tiefe der Wasserfälle und der Abgründe abzuschätzen, die Höhe der Felsen zu berechnen, ihre Bemerkungen zu machen über den erstaunlichen Umfang dieser riesigen Bäume und sich dann mit wunderbarer Selbst­gefälligkeit einzubilden, sie bewunderten die Natur. In Übereinstimmung mit den Schwächen und Geschmacksrichtungen dieser Besucher hatten die merkwürdigsten und hervorragendsten Punkte des Tales bald Namen nach verschiedenen, teils lebenden, teils verstorbenen Berühmtheiten erhalten. Da gab es einen »Spitzentaschentuchwasserfall«, einen »Sympathietränenkatarakt«, einen »Ausrufungspunkt des Erstaunens«, ein »Tal der stillen Anbetung« usw. Nicht lange, und am Fuße der Katarakte kollerten leere Sodawasserflaschen, und um die bestaubten Wurzeln der Riesenbäume lagen fettige Zeitungsblätter und Überreste von Schinkensemmeln herum. In Fünfgabel selbst aber durchzogen jetzt häufig sorgfältig rasierte Herren mit untadeligen Krawatten und elegante Damen mit zarten Blumengesichtern in ganzen Kolonnen auf munteren Maultieren und bestaubten Zeltern die einzige lange Straße.

Da geschah es eines Tages – es war etwa ein Jahr nach der Erbauung von »Hawkins‘ Narrenhaus« – daß eine ungewöhnlich fröhliche Kavalkade das ganze Tal in Aufregung versetzte. Es waren »Schulmamsells«, Lehrerinnen öffentlicher Schulen in San Francisco, welche die Ferien zu einem Ausfluge benutzten, keine strengblickenden bebrillten Minerven oder keusche, mit langen Matronengewändern angetane und bewaff­nete Pallas-Athenen, sondern – zur großen Gefahr für die geistige Ruhe des Lagers sehr menschliche, sehr liebenswürdige und sehr schelmische Frauenzimmerchen. Wenigstens war das die Meinung der Männer, die in den Goldgruben und Tunnels am Hügelabhang arbeiteten; und als die jungen Damen im Interesse der Wissenschaft und der von ihnen unterrichteten heranwachsenden Generation sich entschlossen, zwei oder drei Tage in Fünfgabel zuzubringen, um verschiedene Minen, besonders aber den Stollen »Zum flammenden Stern« eingehend untersuchen zu können, entstand eine große Aufregung unter der männlichen Bevölkerung. In allen Hütten wurden die alten Kleider einer sorg­fältigen, wenngleich hoffnungslosen Musterung unterworfen, und in den Läden entstand plötzlich allgemeine Nachfrage nach fertigen Anzügen, am meisten verlangt wurden saubere Hemden und der Barbier.

Inzwischen ritten die Schulmeisterinnen durch das Städtchen mit der überlegenen Un­erschrockenheit und unverschämten Dreistigkeit, die diesem Geschlecht eigen sind, wenn es massenweise auftritt – ganz freimütig die schönen Köpfe und männlichen Gestalten bewundernd, die schüchtern aus den Gruben, hinter den Erzkarren und an der Mündung der Stollen auftauchten, um die weibliche Invasion mitanzusehen. Ja, es wird sogar berichtet, Jenny Forester hatte, unterstützt und ermutigt von sieben anderen ebenso schamlosen jungen Geschöpfen, dem blühenden Herkules von Fünfgabel, einem gewissen Tom Flynn aus Virginia, ganz frei und offen mit ihrem Schnupftuch zugewinkt, wodurch der gutmütige, aber nicht allzu geistreiche Riese in eine solche Verwirrung geraten sei, daß er noch geraume Zeit nachher nichts anderes zu tun gewußt habe, als verschämt an seinem blonden Schnurrbart zu zupfen.

Am verwegensten von allen Touristinnen betrug sich Fräulein Milly Arnot, Oberlehrerin an einer San Franciscoer Elementarschule. Sie entschlüpfte ihren Gefährtinnen am folgenden Nachmittag, um einen Plan auszuführen, der in ihrem kecken, abenteuerli­chen Köpfchen gereift war. Mit wunderbarem, ihrem Geschlecht eigen- tümlichem In­stinkte, dem keine Neigungen und Geheimnisse des menschlichen Herzens verborgen bleiben, hatte sie die Geschichte von Hawkins‘ Narrheit und seinein Narrenhause ver­nommen, und das Verlangen hatte sie ergriffen, in die Mysterien dieses Prachtbaues einzudringen. An dem Unterholz am Fuße des Berges entlanggehend, richtete sie es so ein, daß sie nicht bloß den Stollen »Zum flammenden Stern«, sondern auch die mitten am Abhang belegene Hütte Cyrus Hawkins‘ zwischen sich und den großen dicken Bäu­men behielt, und gelangte, dank ihren vorsichtigen Zickzackmärschen, unbemerkt auf den Gipfel. Vor ihr erhob sich schweigend, feierlich und regungslos der Gegenstand ih­res Suchens. Fast hätte sie, vermöge der den Frauen so natürlichen Inkonsequenz, jetzt den Mut verloren. Es befiel sie eine plötzliche Angst vor all den glücklich über­standenen Gefahren – wie Bären, Taranteln, Schlangen, betrunkenen Männern usw. Heftig pochte ihr Herz, und einen Augenblick glaubte sie, wie sie sich später ausdrück­te, »ihr letztes Stündlein hätte geschlagen«. In diesem Glauben wahrscheinlich las sie drei große Steine auf, die sie kaum zu heben vermochte, um damit auf weite Entfer­nungen zu werfen, nahm sie zwei Haarnadeln zwischen die Lippen und brachte sorgfäl­tig mit beiden Händen zwei losgegangene Flechten ihrer prachtvollen bläulich­schwarzen Mähne wieder in Ordnung, die beim Auflesen der Steine herabgefallen waren. Dann fühlte sie in die Taschen ihres leinenen Staubmantels, ob ihr Visitenkarten­täschchen, ihr Taschentuch, ihr Notizbüchelchen und ihr Riechfläschchen noch vor­handen wären, und als sie sie richtig an Ort und Stelle fand, nahm sie eine Miene ge­lassener vornehmer Gleichgültigkeit an, schritt die Stufen der Veranda hinan und zog, obschon sie wußte, daß niemand aufmachen werde, gravitätisch an der Glocke der Vordertür. Nachdem sie eine angemessene Zeit gewartet hatte, ging sie auf der das Haus einschließenden Veranda umher und untersuchte die geschlossenen Jalousien der Fens­ter, bis sie eine fand, die dem Druck ihrer Hand nachgab. Nun machte sie wieder halt, um ihr kokett sitzendes Hütchen vor der spiegelgleichen Fläche des tief herabreichenden Schiebefensters, das ihre schöne Gestalt widerspiegelte, zurechtzurücken. Dann öffnete sie das Fenster und trat ins Zimmer.

Obgleich schon lange verschlossen, erfüllte das Haus doch ein Duft von Neuheit und frischem Anstrich, der gar nichts gemein hatte mit dem üblichen Modergeruch der von Geistern besuchten Häuser. Die farbigen Teppiche, die hell tapezierten Wände, die glän­zenden Wachstuchdecken waren ganz und gar unvereinbar mit der Vorstellung von einem Gespenst. Mit kindlicher Neugier begann sie das schweigsame Haus zu untersu­chen. Anfangs zaghaft, öffnete sie die Türen mit einem heftigen Ruck und trat dann von der Schwelle zurück, um bei einem etwa notwendig werdenden Rückzuge einen guten Vorsprung zu haben. Als sie sich dann überzeugt hatte, daß sie völlig allein war und für ihre persönliche Sicherheit nichts zu befürchten hatte, ward sie kühner. In einem der Zimmer, dem größten, befanden sich frische Blumen in einer Vase- augenscheinlich waren sie erst an diesem Morgen gepflückt; was aber noch viel merkwürdiger war – die Krüge und Gießkannen schienen erst vor kurzem mit frischem Wasser gefüllt. Durch diese Entdeckung wurde Fräulein Milly auf einen anderen eigentümlichen Umstand auf­merksam, daß nämlich das Haus frei war von Staub – dem aufdringlichsten und eindringlichsten aller Besucher von Fünfgabel.

Die Fußböden und Teppiche waren gefegt, Stühle und andere Möbel sorgfältig abge­wischt und abgestaubt. Wurde das Haus wirklich von einem Geiste besucht, so teilte dieser augenscheinlich durchaus nicht die bekannte, seinen Kollegen eigentümliche Gleichgültigkeit gegen Verfall und Moder. Und doch hatte offenbar noch niemals je­mand in den Betten geschlafen. Selbst die Federn des Stuhles, auf dem sie saß, knirsch­ten in ihrer Neuheit, und die Türen zum Alkoven öffneten sich mit dem Widerstreben, das durch Firnis und frischen Anstrich entsteht. Trotz der heiteren Sauberkeit und den warmen Farben der Möbel und Dekorationen vermißte man in den Zimmern gänzlich die Behaglichkeit, die man in bewohnten Räumen empfindet.

Wie Fräulein Milly später gestand, überkam sie das Verlangen, die Sachen durchein­ander zu schieben und auf den Kopf zu stellen, und als sie das Gesellschaftszimmer wiedererreicht hatte, konnte sie diesem Wunsche kaum mehr widerstehen. In besonders große Versuchung führte sie ein Piano, das stumm und geschlossen an der Wand stand. Sie wollte es aufmachen, um den Namen des Fabrikanten zu erfahren. Als das ge­schehen war, meinte sie, es läge doch nichts Böses darin, wenn sie einmal den Ton ver­suchte. Sie tat es, indem sie das eine ihrer kleinen Füßchen auf das nachgiebige Pedal setzte. Aber Fräulein Milly war eine zu gute Klavierspielerin und eine zu große Mu­sikenthusiastin, um auf halbem Wege stehenzubleiben. Sie versuchte den Ton von neu­em – diesmal so kräftig, daß das ganze Haus von einer einzigen Tonwelle erfüllt schien. Dann hielt sie inne und lauschte. Die leeren Räume schienen in ihr früheres Schweigen zurückgesunken zu sein. Sie trat auf die Veranda hinaus – ein Specht klopfte auf einem benachbarten Baume, und das Rollen eines Karrens in der Felsenkluft unter dem Hügel tönte schwach zu ihr herauf. Niemand war zu sehen, weder in der Nähe noch von ferne.

Beruhigt kehrte Fräulein Milly in das Gemach zurück. Sie ließ ihre Finger wieder über die Tasten gleiten – hielt inne, erfaßte eine Melodie, die ihr durch den Sinn ging, spielte sie halb und ließ dann alle Vorsicht fahren. Ehe fünf Minuten verflossen waren, hatte sie sich vollständig vergessen. Der leinene Staubmantel wurde beiseite geworfen, der Stroh­hut auf das Piano geschleudert, die weißen Händchen entblößt, und während eine Sträh­ne ihres Haares ihr auf die Schulter herabfiel, trieb sie mit vollen Segeln auf einem Mee­re musikalischer Erinnerungen.

Sie hatte vielleicht eine halbe Stunde gespielt, da erscholl, als sie gerade einen sehr schwierigen Symphoniesatz beendet hatte und die Hände auf den Tasten ruhen ließ, von draußen ganz deutlich und unverkennbar Beifallsklatschen. Augenblicklich stieg ihr das Feuer der Scham und Entrüstung in die Wangen; sie sprang auf und flog ans Fenster – gerade noch früh genug, um ein Dutzend Gestalten in blauen und roten Flanellhemden rasch zwischen den Bäumen verschwinden zu sehen.

Fräulein Millys Entschluß war sofort gefaßt. Ich glaube, bereits angedeutet zu haben, daß es ihr unter dem Stachel der Erregung durchaus nicht an Mut gebrach; und als sie gelassen Handschuhe, Hut und Staubmantel wieder an sich nahm, wäre es für einen schüchternen, verlegenen oder unerfahrenen Vertreter meines Geschlechts vielleicht nicht so ganz gefahrlos gewesen, ihr allein zu begegnen.

Sie machte das Piano zu, und nachdem sie alle Fenster und Türen wieder sorgfältig ge­schlossen und das Haus seiner früheren Verlassenheit und Vereinsamung zurückgege­ben hatte, schritt sie die Veranda hinab und begab sich direkt nach der Hütte des Narren Cyrus Hawkins, deren Lehmschornstein eine Viertelmeile weiter unten aus dem Laub­werk hervorragte.

Die Tür wurde auf ihr eindringliches Klopfen geöffnet, und der Narr von Fünfgabel stand vor ihr.

Fräulein Milly hatte den Mann, der diesen unglückseligen Namen trug, nie gesehen, und als er halb aus Höflichkeit und halb vor Erstaunen etwas zurücktrat, geriet sie einen Augenblick in Verwirrung.

Er war hochgewachsen, schwarzbärtig und von feinem Gliederbau. Über den von Gram und schlechter Gesundheit etwas hohl gewordenen Wangen leuchteten ein Paar graue, sehr große, sehr sanfte, aber unaussprechlich traurige und schwermütige Augen. Das war sicherlich nicht die Art von Mann, den zu finden Fräulein Milly erwartet hatte; und sobald sie die erste Verlegenheit überwunden, war es, seltsam genug, gerade dieser Um­stand, der ihre Entrüstung erhöhte und ihren verletzten Stolz noch mehr stachelte. Nichtsdestoweniger änderte diese Erzheuchlerin mit dem ihrem Geschlecht eigentüm­lich raschen Erfassen der Situation augenblicklich ihre Taktik.

»Ich bin gekommen«, sagte sie mit einem Lächeln, das unendlich gefährlicher war als ihre würdevolle Strenge, »ich bin gekommen, Sie wegen einer großen Freiheit, die ich mir soeben genommen, um Verzeihung zu bitten. Wie ich glaube, gehört das Haus da oben auf dem Hügel Ihnen. Ich fand Gefallen an seinem Äußern, so daß ich meine Freundinnen hier allein ließ«, fuhr sie listig fort, indem sie eine leichte Handbewegung machte, als ob sie auf eine Schar furchtloser Amazonen deute, die draußen ihrer Befehle harrte und bereit wäre, jede mögliche Beleidigung, die einer von ihnen widerfahren könnte, sofort zu rächen, »und daß ich die Kühnheit hatte, es zu betreten. Als ich es wirklich unbewohnt fand, war ich bedauerlicherweise so keck, mich hinzusetzen und einige Augenblicke am Piano zu phantasieren, während ich auf meine Freundinnen wartete.«

Hawkins sah sie mit seinen schönen Augen an. Vor ihm stand ein sehr hübsches Mäd­chen mit freimütigen, vor Erregung leuchtenden, grauen Augen, mit roten, ein klein wenig sommersprossigen Wangen, die unter dem Blick seiner Augen leicht erglühten, mit einer kurzen scharlachroten Oberlippe, die sich, als sie in ihrer nervösen Aufregung rasch Atem holte, gleich einem Rosenblatt über eine Reihe kleiner weißer Zähne zurücklegte. Das alles sah er mit Ruhe und Gelassenheit an, ohne daß sein Puls sich beschleunigt hätte.

»Ich wußte es«, sagte er einfach. »Ich hörte Sie, als ich ’nauf kommen tat.«

Fräulein Milly war wütend über seine Mißhandlung der Sprache und seine Kälte, noch mehr aber über den Verdacht, daß er ein aktives Mitglied ihrer unsichtbaren Claque ge­wesen sei.

»Ah!« sagte sie, noch immer lächelnd, »dann glaube ich, daß ich Sie gehört…«

»Ich glaube nicht«, unterbrach er sie ernsthaft. »Bin nicht lange dageblieben. Ich sah die Jungens um das Haus herumlungern, und anfangs wollte ich kommen, um Sie zu war­nen; aber sie versprachen, sich ruhig zu verhalten, und Sie sahen so in Ihre Musik ver­sunken aus, daß ich nicht das Herz hatte, Sie zu stören, und fortging. Hoffentlich«, setz­te er ernst hinzu, »haben sie sich nicht laut gemacht, als sie Sie spielen hörten. Sie sind so übel nicht, die Burschen vom >Flammenden Stern<, wenn sie zuweilen auch ein wenig grob auftreten … Aber sie würden Ihnen ebensowenig etwas zuleide tun wie einem – einem Kätzchen«, fuhr Herr Hawkins fort und errötete, denn er schien zu ahnen, wie wenig schmeichelhaft sein Vergleich war.

»Nein, nein!« sagte Fräulein Milly und wurde über sich, den Narren und die gesamte männliche Bevölkerung des Lagers plötzlich sehr ärgerlich. »Nein! Ich habe mich sehr töricht benommen, und wenn Sie mich beleidigt hätten, so wäre es eine verdiente Strafe gewesen. Aber ich bin nur gekommen, mich bei Ihnen zu entschuldigen. Sie werden alles finden, wie Sie es verlassen hatten. Adieu!«

Sie wandte sich, um zu gehen. Herr Hawkins wurde verlegen.

»Ich würde Sie gebeten haben, Platz zu nehmen«, sagte er nach einigem Zögern, »wenn dieser Ort für eine Dame nicht unpassend wäre. Aber ich hätte es dennoch tun sollen. Ich weiß nicht, was mich davon abgehalten hat. Mir ist nicht wohl, Fräulein. Zuweilen ist mir der Kopf ganz benebelt – das kommt von den Gräben, Fräulein, – und dann ist mir, als wäre ich nicht ganz bei Troste.«

Augenblicklich war Fräulein Arnot voller Mitgefühl – ihr gutes Frauenherz war gerührt.

»Kann ich – kann etwas dagegen geschehen?« fragte sie schüchterner, als sie vorhin gesprochen hatte.

»Nein – Sie müßten denn etwas von diesen Pillen verstehen.«

Er zog ein Schächtelchen mit einem halben Dutzend Pillen hervor.

»Ich habe die Anweisung vergessen – mir scheint, ich vergesse jetzt überhaupt sehr viel – , es sind Kräuterpillen. Wenn Sie je welche eingenommen haben, werden Sie sich er­innern, daß die rechte Dosis acht Stück ist. Hier sind jedoch nur sechs. Aber vielleicht haben Sie nie welche gebraucht«, fügte er entschuldigend hinzu.

»Nein!« erwiderte Milly kurz.

Sie hatte in der Regel einen scharfen Sinn für das Lächerliche, und ich weiß nicht, wie es kam, daß Herrn Hawkins‘ Absonderlichkeiten sie nur peinlich berührten.

»Wollen Sie mir erlauben, Sie bis an den Fuß des Hügels zu begleiten?« fragte er nach einer zweiten verlegenen Pause.

Fräulein Arnot begriff sofort, daß ihr ein solcher Akt in den Augen der Welt die Verzei­hung für ihr Vergehen erwirken würde. Sie könnte einem ihrer unsichtbaren Be­wunderer begegnen – oder gar ihren Gefährtinnen – und wie rasch ihre Launen auch wechselten, immerhin war sie Frau und verachtete daher nicht vollständig das Urteil der Welt. Sie begann süß zu lächeln und willigte ein, und im nächsten Augenblick waren die beiden im Schatten des Waldes verschwunden.

Gleich manchen anderen scheinbar bedeutungslosen Vorgängen in einem Leben ohne große Wechselfälle war auch dieser entscheidend. Wie sie erwartet hatte, begegneten sie zwei oder drei von den Männern, die vorhin Beifall geklatscht und die, wie sie meinte, recht einfältig und verlegen aussahen; auch begegnete sie ihren Gefährtinnen, die etwas besorgt nach ihr gesucht hatten und in der Tat über ihre Begleitung sehr erstaunt schienen. Wie sie sich einbildete, waren sie ein klein wenig neidisch auf ihren augen­scheinlichen Erfolg. Ich befürchte, daß Fräulein Arnot bei Beantwortung der an sie gerichteten ängstlichen Fragen nicht ganz der Wahrheit die Ehre gab, sondern, ohne es gerade bestimmt zu behaupten, sie glauben machte, sie hätte sich diesen schwachmütigen Riesen bereits vollständig unterjocht und ihn triumphierend gezwungen, sich ihr zu Füßen zu legen. Nachdem sie diese Geschichte zwei- oder dreimal erzählt hatte, kam sie schließlich dahin zu glauben, daß sie nicht ganz unbegründet war; hieraus entstand dann der unbestimmte Wunsch, sie möchte wirklich zur Wahrheit werden, um aus diesem Wunsche wieder das ebenso unbestimmte Verlangen, die Entwicklung der Dinge zu beschleunigen. Sie ließ sich nicht Zeit darüber nachzudenken, ob auch der Narr seine Rechnung dabei finden werde. Daß es ihn aber von seiner Narrheit kurieren würde, davon war sie völlig überzeugt. Es gibt in der Tat wenige Männer und Frauen, die nicht glauben, daß sogar eine hoffnungslose Liebe zu ihnen mehr zur Glückseligkeit des Liebenden beiträgt als eine erwiderte Neigung zu einer anderen.

Die Kritiker des Lagers waren, wie der Leser sich leicht denken kann, mit ihrem Urteil schnell fertig. Als man herausgefunden, daß Fräulein Milly nicht die Hexe war, die un­ter der Maske eines hübschen Mädchens aufgetreten, um das Lager im allgemeinen und den Narren im besondern zu täuschen, war man sich klar darüber, daß die sofortige Vereinigung des Narren mit der schönen Schulmamsell dem gewöhnlichen gesunden Menschenverstande entspreche. Das eigentümliche Glück, das Hawkins gehabt, war durchaus im Einklang mit der vom Lager aufgestellten Theorie des Glückes. Daß er, nachdem die Hexe nicht eintraf, in seinem eigenen Hause auf eine Goldader stoßen mußte, ohne sich erst die Mühe des Mutens zu nehmen, erschien diesen Kasuisten als wunderbares, aber unvermeidliches Naturgesetz. Um dieser fatalistischen Wahrschein­lichkeitstheorie die Krone aufzusetzen, tat Fräulein Milly beim Besteigen des Lincoln­berges einen Fall und verrenkte sich den Fuß. Infolgedessen war sie genötigt, nach der Abreise ihrer Gefährtinnen noch einige Wochen im Hotel zurückzubleiben. Während dieser Zeit widmete Hawkins ihr eine höfliche, wenn auch etwas groteske Aufmerksamkeit. Als sich nach Verlauf einer angemessenen Zeit noch immer keine unmittelbare Aussicht auf eine Bewohnerin des neuen Hauses bot, vollzog sich ein merkwürdiger Umschlag in der öffentlichen Meinung über Herrn Hawkins. Die Hexe wurde jetzt als eine Heilige, als eine langmütige Märtyrerin der Schwäche und Unbeständigkeit des Narren betrachtet. Daß er, nachdem er auf ihren Wunsch das neue Haus erbaut, plötzlich wankelmütig geworden; daß sein Zölibat nur das Resultat war der ihm zur Gewohnheit gewordenen langjährigen Praxis, erst feige Anträge zu machen und dann in schamloser Weise zurückzutreten, und daß er jetzt dieses Spiel auch mit der hilflosen Schulmeisterin versuche – das war den Bürgern des Lagers vollkommen klar. Nicht minder klar aber war ihnen, daß seine Versuche um jeden Preis vereitelt werden mußten. Fräulein Milly sah sich plötzlich von einer rauhen Ritterlichkeit umgeben, die amüsant gewesen wäre, wenn sie nicht auch zuweilen ihre Unannehmlichkeiten gehabt hätte, und die ohne die fast abergläubische Hochachtung, mit der sie ihr entgegengebracht wurde, etwas impertinent gewesen wäre. Täglich kam der eine oder andere aus dem Lager ins Hotel, um sich nach dem Befinden der schönen Patientin zu erkundigen.

»Ist Hawkins heute hier gewesen?« fragte Tom Flynn mit erkünstelter Ruhe und Gleich­gültigkeit, indem er sich über Fräulein Millys Schaukelstuhl auf der Veranda lehnte. Fräulein Milly war genötigt, mit einem schwachen Erröten ihrer Wangen die Frage zu verneinen.

»Nun, er hat sich gestern auf einem Felsen den Fuß verstaucht«, fuhr Flynn mit scham­loser Unwahrhaftigkeit fort. »Sie müssen sich jedoch keine Gedanken darüber machen, Fräulein Arnot. Morgen wird er zu Ihnen herüberkommen; inzwischen hat er mich be­auftragt, Ihnen dieses Bukett und diese Probe Erz als einen Beweis seiner Hochachtung zu überreichen.«

Herr Flynn legte die Blumen, die er mit Rücksicht auf eine solche Eventualität unter­wegs gepflückt hatte, vor sie hin und präsentierte ihr achtungsvoll ein Stück Goldquarz, daß er am Morgen aus seiner eigenen Goldwäscherei genommen hatte.

»Sie dürfen sich nicht an Hawkins‘ Manieren stoßen, Fraulein Milly«, sagte ein anderer Goldgräber. »Es gibt keinen trefflicheren Mann im ganzen Lager als diesen Cyrus Hawkins! Aber er versteht nicht mit Damen umzugehen, wie es in der großen Welt Brauch ist… Er hat sich nicht so viel in der feinen Gesellschaft bewegt wie wir anderen«, fügte er mit der weltmännischen Behaglichkeit eines Chesterfield hinzu; »aber er meint es gut.«

Gleichzeitig suchten ein paar andere menschenfreundliche Goldgräber Herrn Hawkins davon zu überzeugen, daß es seine Pflicht sei, der Kranken alle möglichen Aufmerk- samkeiten zu erweisen.

»Es geht nicht an, Hawkins«, erklärten sie, »daß wir dieses Mädel da nach San Fran­cisco zurückkehren und erzählen lassen, als sie krank und allein gewesen, hätte der einzige Mann in Fünfgabel, unter dessen Dach sie geruht, und an dessen Tische sie gesessen« – dies letztere wurde als eine verzeihliche rhetorische Übertreibung betrachtet – »sie ganz und gar vernachlässigt; das darf nicht geschehen. So etwas ist nicht Sitte hier in Fünfgabel.«

Dann stürzte der Narr fort nach dem Tale und wurde von Fräulein Milly mit einer ge­wissen Zurückhaltung empfangen, die jedoch schließlich tiefem Erröten, vermehrter Lebhaftigkeit und leicht verzeihlicher Koketterie weichen mußte.

Und so schwanden die Tage hin. Mit Fräulein Millys Gesundheit wurde es besser, mit ihrem Herzen schlimmer. Herrn Hawkins‘ Verlegenheit wuchs von Tag zu Tage, und im Lager lächelte man, rieb sich die Hände und harrte der nahenden Lösung.

Und die Lösung kam, aber vielleicht nicht in der Weise, wie das Lager sie sich vorge­stellt hatte.

IV

Es war an einem herrlichen Julinachmittage, als eine Gesellschaft von Touristen aus dem Osten nach Fünfgabel hineingeritten kam. Sie hatten soeben das Wundertal »abge­tan«, und da sich einige Kapitalisten unter ihnen befanden, wurde es für ratsam erachtet, ihrer Erfahrung von dem bloß Malerischen in der Natur einen gehörigen Einblick in die praktischen bergbaulichen Hilfsquellen Kaliforniens hinzuzufügen. Soweit war alles nach Wunsch gegangen. Die Wassermenge, die im Fall herabstürzte, war dank des spä­ten Eintritts des Frühjahrs – sehr groß; in den Schluchten neben den höchsten Gipfeln war noch etwas Schnee zurückgeblieben. Sie waren um einen der größten Bäume herum und über den hingestreckten Stamm eines anderen geritten. Zu sagen, sie wären entzückt gewesen, würde dem Enthusiasmus dieser Herren und Damen nur einen schwachen Ausdruck verleihen, berauscht wie sie waren von der Champagner spendenden Gastfreundschaft der Wirte, der vollständigen Neuheit der Landschaft und der tro­ckenen, erheiternden Luft des Tales. Zwei oder drei hatten sich schon bereit erklärt, hier zu leben und zu sterben, ein anderer hatte für die Presse in den östlichen Staaten einen glühenden Bericht verfaßt, in dem alle anderen Landschaften der alten und neuen Welt mit souveräner Verachtung behandelt wurden. Unter diesen Umständen konnte mit Fug und Recht erwartet werden, daß auch Fünfgabel seine Schuldigkeit tun und auf die Fremden in seiner Art einen gleich günstigen Eindruck machen werde. Zu diesem Zwe­cke waren von hervorragenden San Franciscoer Kapitalisten Briefe dorthin gesandt worden. Unter der geschickten Leitung eines ihrer Agenten wurden die Reisenden an die Hand genommen und ihnen gezeigt, »was gesehen werden sollte«; sie wurden sorg­fältig zurückgehalten von allem, was sie nicht bemerken durften, um sie in seliger und begeisterter Stimmung zu erhalten. Und so waren der Kirchhof des Lagers, von dessen Insassen nur zwei eines natürlichen Todes gestorben waren, die elenden zerfallenen Hütten am Hügelabhang mit ihren hohläugigen, vertierten und verzweifelten Bewohnern, die Tag um Tag sich für einen so erbärmlichen Lohn abplagten, daß im Osten ein sich selbstachtender Arbeiter ihn höhnisch zurückgewiesen hätte, von dem Programm der Besucher ausgeschlossen, keineswegs jedoch die Werke und Maschinen der Gesellschaft des Stollens »Zum flammenden Stern« – war es doch der »hochgebildete Direktor« dieser Gesellschaft, der von San Francisco die geheime Weisung erhalten hatte, für die Fremden »das Geeignete« zu tun. Deshalb wurden wert- volle Haufen von Erz gezeigt und die länglich-runden Goldbarren – bereit zur Einschiffung – scherzweise den Damen angeboten, die sie aufheben und ohne fremde Hilfe forttragen konnten. Sogar der Stollen selbst, finster, verhängnisvoll und gefahrdrohend wie er war, bildete eine Nummer auf dem Programm, und nach der erhabenen Ausdrucksweise eines Zeitungskorrespondenten »wurde der Reichtum von Fünfgabel und die eigentümliche Anziehungskraft, die der Ort auf Kapitalisten aus dem Osten ausübte, über allen Zweifel erhaben festgestellt«.

Und dann ereignete sich ein kleiner Zwischenfall, von dem ich als unparteiischer Zu­schauer so frei bin zu sagen, daß er auf niemand in der Welt irgendwelche Anziehungs­kraft ausübte, den ich jedoch, da der Held dieser wahrhaftigen Geschichte damit in Be­ziehung steht, nicht überge hen kann.

Einige etwas mehr praktische und nüchterne Männer von der Gesellschaft hatten ent­deckt, daß gewisse Galerien in dem Stollen »Zum flammenden Stern« nur sparsam und unvollständig ausgebaut und gestützt waren – vermutlich wegen der hohen An­forderungen, welche die lockende Jahresdividende machte – und deshalb unsicher, gefahrvoll und zu meiden waren. Nichtsdestoweniger entstand, gerade als in dunklen Winkeln die Champagnerstöpsel knallten und begeisterte Stimmen und fröhliches La­chen durch die halberleuchteten Gänge und Galerien schallten, plötzlich ein geheimnis­volles Schweigen. Ein paar Lichter eilten rasch vorbei in der Richtung nach einer fernen Stelle der Galerie, dann vernahm man ein paar kurze scharfe Befehle und ein unheilver­kündendes Rollen. Einige der Besucher erblaßten – eine Frau sank in Ohnmacht.

Es war etwas geschehen. Was?

»Nichts« – der Redner sagte das rasch, aber mit unsicherer Stimme. Einer der Herren hätte, als er eine »Probe« aus der Wand loszubrechen versuchte, eine Stütze wegge- schlagen. Es hätte sich eine »Höhlung« gebildet – der Herr wäre von der nachstürzenden Erde erfaßt und bis an die Schultern begraben worden. Es wäre alles in Ordnung – in einem Augenblick würde man ihn wieder herausschaffen – nur erfordere es große Vor­sicht, um zu verhüten, daß die »Höhlung« sich nicht erweitere… Nein, Name nicht be­kannt… Es wäre der kleine Herr… der Mann jener lebhaften Dame mit den schwarzen Augen. »He! Holla da! … Haltet sie… Um Gottes willen nicht dort hinaus… Sie stürzt hinunter in den Schacht… Sie ist des Todes!«

Aber die lebhafte Dame war schon fort. Mit starren Augen und flehenden Gebärden suchte sie die Dunkelheit zu durchdringen; mit Händen und Füßen bemühte sie sich, die dicke Finsternis zu überwinden, unter unzusammenhängendem Rufen und Flehen folgte sie den vor ihr hereilenden Irrlichtern und drängte sich rasch vor. Sie rannte über trügerischen Grund, rannte vorüber an gähnenden Abgründen, an den abzweigenden Ga­lerien und Gewölben, rannte wild, verzweiflungsvoll, blindlings weiter – rannte zuletzt dem Narren von Fünfgabel in die Arme.

»O retten Sie ihn!« rief sie, seine Hand erfassend. »Sie wissen hier Bescheid – Sie kennen diesen gefahrvollen Ort… bringen Sie ihn mir zurück, sagen Sie mir, wo ich hin­gehen, und was ich tun soll, ich beschwöre Sie! … Rasch, rasch, er stirbt… Kommen Sie!«

Er hob seine Augen zu den ihren, ließ mit einem plötzlichen Aufschrei Seil und Brech­eisen, die er in der Hand hielt, fallen und taumelte gegen die Mauer.

»Anna!« rief er langsam und rang nach Luft, »bist du es?«

Sie erfaßte seine beiden Hände, brachte ihr Gesicht mit den starr blickenden Augen nahe vor das seine und sank mit den Worten: »Großer Gott, Cyrus!« vor ihm auf die Knie.

Er versuchte seine Hand, die sie leidenschaftlich flehend preßte, loszumachen.

»Nein, nein! Cyrus, du wirst mir vergeben – du wirst die Vergangenheit vergessen!… Gott hat dich heute hierhergeschickt. .. du wirst mit mir kommen… du wirst, du mußt ihn retten!«

»Retten – wen?« rief Cyrus mit hohler Stimme.

»Meinen Mann!«

Der Schlag war so unvermittelt, so gewaltig, so überwältigend, daß sie es sogar durch ihre eigene stärkere und selbstsüchtigere Seelenangst hindurch auf dem Gesicht des Mannes bemerkte und tiefes Mitleid mit ihm fühlte.

»Ich glaubte… du… wüßtest… es…!« stammelte sie.

Er antwortete nicht, er sah sie nur mit starren blöden Augen an. Dann schreckte sie das Geräusch ferner Stimmen und hin und her eilender Füße wieder zu leidenschaftlichem Leben auf. Noch einmal erfaßte sie seine Hand.

»O Cyrus! Höre mich! Hast du mich all diese Jahre hindurch wirklich geliebt, dann wirst du mich jetzt nicht von dir weisen! … Du muß ihn retten! Du kannst es! Du bist tapfer und stark – du warst es immer, Cyrus!… Du wirst ihn retten, Cyrus, um meinet­willen – um der Liebe willen, die du zu mir empfindest! Du wirst es – ich weiß es! … Gott segne dich!«

Sie erhob sich, wie um ihm zu folgen, blieb aber auf einen gebieterischen Wink von ihm stehen. Er nahm Seil und Brechstange auf – so langsam, so bedächtig, daß sich in der Todesangst ihrer Ungeduld und Unruhe der Augenblick zu einer grausamen Unendlich­keit auszudehnen schien. Dann wandte er sich um, hob ihre Hand an seine Lippen, drückte langsam einen Kuß darauf, sah sie noch einmal an – und war verschwunden.

Er kehrte nicht zurück. Denn als sie nach einer halben Stunde den halb bewußtlosen, at­menden Körper ihres Mannes vor sie hinlegten, der abgesehen von seiner Erschöpfung und einigen leichten Beulen ganz gesund und unverletzt war, erfuhr sie zugleich, daß die schlimmsten Befürchtungen in Erfüllung gegangen waren. Als sie ihn befreiten, hatte sich eine zweite Höhlung gebildet. Sie hatten kaum Zeit gehabt, den hilflosen Kör­per ihres Mannes wegzureißen, als auch die kräftige Gestalt seines Retters, Cyrus Hawkins, von der nachstürzenden Erdschicht gepackt und niedergeschmettert wurde.

Zwei Stunden lag er, zerquetscht und mit gebrochenen Gliedern, quer über der Brust einen schweren Balken, geduldig und bei vollem Bewußtsein. Zwei Stunden lang hatten sie um ihn herum gearbeitet, wild vor Verzweiflung, voll Hoffnung, mit dem Willen von Göttern und der Kraft von Riesen. Nach Verlauf dieser Zeit kamen sie an einen auf­rechtstehenden Pfosten, dessen unteres Ende auf dem über der Brust des Unglücklichen liegenden Balken ruhte. Man rief nach Äxten, und schon wurde eine geschwungen, als sich die Stimme des sterbenden Mannes vernehmen ließ:

»Haut den Pfosten nicht um!«

»Warum nicht?«

»Mit ihm würde die ganze Galerie einstürzen.«

»Wie das?«

»Es ist einer der Grundpfeiler meines Hauses.«

Die Axt entsank den Händen des Arbeiters, der sich mit kreidebleichem Gesicht nach seinen Kameraden umwandte. Sie befanden sich tatsächlich in der obersten Galerie, und die Höhlung hatte sich gerade unter dem neuen Hause gebildet. Nach einer Pause sagte der Narr noch schwächer als vorher: »Die Dame – rasch!«

Sie brachten sie herbei – ein gebrochenes, halb ohnmächtiges Geschöpf mit bleichem Gesicht und strömenden Augen. Sie traten zurück, als sie ihr Gesicht über den Sterbenden neigte.

»Es wurde für dich gebaut, Anna, mein Liebling«, sagte er in hastigem Flüstertone, »und hat da eben auf dich und mich gewartet all diese lange Zeit… Es ist auf deinen Namen eingetragen, Anna, und du mußt… drin wohnen … mit ihm!… Er wird nichts dagegen haben, daß ich euch stets so nahe sein werde… denn es steht… auf meinem Grabe!«

Und er hatte recht. Als er einige Minuten später hinübergegangen war, trugen sie ihn nicht weg, sondern saßen mit einer Fackel zu seinen Füßen und einer am Kopf bei ihm. Und am nächsten Tag mauerten sie die Galerie wie eine Gruft zu, aber sie kennzeichne­ten die Stelle überhaupt nicht, wohl im Vertrauen auf das Monument, das strahlend schön über ihm emporwuchs im Sonnenschein.

Denn sie sagten: »Dies ist kein Sinnbild für den Tod, die Düsternis und die Sorge, wie es bei anderen Denkmälern der Fall ist, sondern es stellt ein Zeichen für das Leben, das Licht und die Hoffnung dar, weswegen jedermann wissen soll, daß derjenige, der darun­ter begraben liegt, ein Narr war!«

 

 

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