Der Münzdiebstahl oder Sherlock Holmes in München

Eine Kriminalgeschichte

Der Zug hielt im Münchner Bahnhof. Aus dem Coupé zweiter Klasse stieg ein Mann mit energischem, aber glattrasiertem Gesichte. Er faßte einen dicken Menschen ins Auge, der nach Bier roch, einen Havelock trug und auf dessen Hute ein Gemsbart schaukelte.

Der Glattrasierte sagte: »Sie sind der Münchner Kriminalschutzmann Schmuttermaier.«

»Jawoi«, sagte dieser, »aba woher wissen Sie…?«

Der Glattrasierte lächelte.

»Bier, Havelock, Gemsbart«, sagte er.

Schmuttermaier verbeugte sich und fragte: »Und Sie san da…?«

»Sherlock Holmes«, erwiderte der Glattrasierte.

»Der berühmte Detektiv«, murmelte Schmuttermaier. Und dann sagte er: »Also mir soll’n mitanand die Münzdiab außabringa.«

»Hm«, sagte Sherlock Holmes; »übrigens fahren wir sofort an den Tatort. Unterwegs erzählen Sie mir, was Sie bis jetzt getan oder gefunden haben.« Fünf Minuten später saßen sie in einer Droschke.

»Was haben Sie schon getan?« wiederholte Sherlock Holmes.

»Was mir to hamm?« fragte Schmuttermaier.

»Ja.«

»Also zuerscht«, sagte Schmuttermaier, »zuerscht hamm mir uns g’wundert, net? Nacha hamm mir de Sach‘ ins Aug‘ g’faßt, und nacha hamma recherchiert.«

»Und das Ergebnis?«

»Net viel«, sagte Schmuttermaier. »Seh’n S‘, Herr Kollega, i hab sofort die Meinung g’habt, daß der Täter, vulgo der Diab, no amal kimmt. Also hamm mir, der Schandarm Scheiblhuaba und i, mir hamm uns hinter da Münz versteckt. Richtig, nach Zwölfi kimmt a Mensch daher und bleibt steh‘, schaugt ganz verdächtig umanand und druckt si hinter an Mauervorsprung. Mir, der Scheiblhuaba und i, raus aus’m Versteck und pack’n den Kerl. Aba, leider, es is ein pensionierter Major g’wesen, der wo im Hofbräuhaus war und hier bloß verbotenerweise das Wasser abgeschlagen hat. No, aufg’schrieb’n hamm ma ’n natürli aa, weil dös ja unsere eigentliche Aufgabe is, net wahr, aba da Münzdiab, leider, war er nicht. No, hernach hab‘ ich mir gedacht, daß der Lump, vulgo der Diab, sich aufbringt durch einen verdächtigen Aufwand, und folgedessen hab‘ ich den städtischen Abortfrauen befohlen, sofort eine Anzeige zu machen, falls ein Mann aus dem Volke für zehn Pfennige, anschtatt für ein Fünferl sich aufsperren laßt.

Und nacha hab‘ i die menschenleeren Gegenden, also de Pinakothek und de Glyptothek im Aug‘ behalten, weil vielleicht dort hinter an Bild oder hinter a Figur dös gestohlene Geld versteckt werd. Es hat si aba bis jetzt überhaupts niemand dort sehg’n lass’n. Oha!« Schmuttermaier hielt inne, weil der Wagen mit einem Ruck zum Stehen gebracht war.

»Mir san ja scho da«, sagte er und stieg aus. Sherlock Holmes folgte ihm, nicht ohne nach allen Seiten hin aufmerksame Blicke zu werfen.

Sie standen jetzt über dem trockenen Bachbette. Im Schlamme waren Spuren von riesigen Stiefeln zu sehen, die kreuz und quer liefen.

Sherlock lächelte und sagte dann: »Ah, da war ja der Polizeipräsident schon da!«

„Jawoi«, entgegnete Schmuttermaier, »aba woher wissen Sie dös?«

Sherlock deutete auf die riesigen Fußtapfen.

»Der Dieb hat die Spuren nicht hinterlassen,« sagte er. »Ein Dieb ist vorsichtig. Ein gewiegter Kriminalbeamter war es auch nicht; der ruiniert nicht den Tatort. Also war es Ihr Polizeipräsident.«

»Is scho wahr«, sagte Schmuttermaier im höchsten Erstaunen. »Er is mit die Wasserstiefeln…«

»Gehen wir selbst hinunter«, sagte Sherlock und stieg in das Bachbett.

Seine Blicke wanderten ruhelos umher. Er deutete mit dem Stock auf einen Strumpf, der abseits lag.

»Was ist das?« fragte er.

»Dös is oaner von die Strümpf‘, in denen unser Staat ’s Geld aufhebt«, sagte Schmuttermaier.

Plötzlich bückte sich Sherlock und hob eine kleine, gläserne Flasche aus dem Schlamme.

»A Brasilglasl!« sagte Schmuttermaier.

»Schnupft der Polizeipräsident?« fragte Sherlock.

»Aba do net aus an Brasilglasl!« warf Schmuttermaier ein.

»Hm!« machte Sherlock. »Gehen wir weiter.« Schmuttermaier wies auf ein Loch in der Mauer. »Da is der Lump, vulgo der Diab, durchg’schloffa.« Sherlock zog ein Zentimetermaß aus der Tasche und nahm sorgfältig die Breite und die Höhe des Loches auf.

»Zweg’n was tean Sie…?« wollte Schmuttermaier fragen.

Aber Sherlock unterbrach ihn kurz. »Gehen wir in den Münzraum!« Sie gingen hinein.

Während Schmuttermaier in wortreicher Erzählung auf den Schrank wies und die Instrumente zeigte, welche man gefunden hatte, suchte Sherlock den Boden mit gierigen Augen ab.

Plötzlich bückte er sich und hob eine vergoldete Zigarrenbinde, mit denen die Importzigarren versehen sind, auf.

Ein triumphierendes Lächeln umspielte seine Lippen. »Wir haben ihn«, sagte er kurz.

»Wen?« fragte Schmuttermaier.

»Ihren Münzdieb!«

»Geh, zoag’n S‘ ma ’n!« höhnte Schmuttermaier, dem der fremde Detektiv nachgerade unangenehm wurde.

Sherlock Holmes blieb ruhig. Er sagte nur: »Ich kann Ihnen den Dieb nicht zeigen. Ich weiß vorläufig nur, was er ist, nicht wie er heißt.«

»A Lump is er halt«, sagte Schmuttermaier. »Dös wissen mir aa.«

»Er ist Soldat der hiesigen Garnison«, sagte Sherlock unbeirrt.

»Jetzt da balst net gehst! Woher wissen denn Sie dös?«

»Sehr einfach. Ich sehe es so genau, wie Sie irgendeine Sache sehn. Auf dem Wege der Logik.«

»Dös müaßten S‘ mir scho lerna…«

»Nicht möglich«, sagte Sherlock, »aber ich will Ihnen erklären, wie ich in diesem Falle die Entdeckung machte. Sie sahen das Loch unten, und Sie sahen das Brasilglas. Das Brasilglas zeigte mir, daß ein Altbayer die Tat verübte, denn ich glaubte ja nicht im Ernst, daß es Ihrem Präsidenten gehört. Das Loch aber ist sehr eng. Damit stand für mich sogleich fest, daß der Täter noch nicht 24 Jahre alt ist. Ein Altbayer mit 24 Jahren kommt nicht durch dieses Loch. Gut! Und hier haben Sie den Schlußbeweis!« Sherlock zeigte auf die Zigarrenbinde.

»Geh, hör’n S‘ auf!«

»Nur Ruhe!« mahnte Sherlock. »Und hören Sie! Diese Binde schmückte eine Importzigarre. Sie lesen hier ‚Henry Clay‘. Wer raucht Importzigarren? Wer hat die Binde verloren? Ihr Präsident gewiß nicht; Beamte rauchen nicht über acht Pfennige. Ein Mann aber, der Importen kauft, stiehlt nicht; wer Importen rechtmäßig erhält, stiehlt auch nicht. Also ist der Dieb ein Mann, der Importen unrechtmäßig geschenkt bekommt. Wer ist das? Der Soldat, der sie von der Köchin erhält. Ergo der Dieb ist Soldat, steht hier in Garnison, und Sie brauchen nur in den Kasernen nachzuforschen. Damit haben wir ihn.«

Schmuttermaier war sprachlos; und sein Staunen wuchs ins Ungeheure, als die Recherchen ergaben, daß Sherlock Holmes, wie immer, mit unfehlbarer Sicherheit den Täter herausgefunden hatte.

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