Der Mann mit der Schramme

Isa Whitney, der Bruder des weiland Elias Whitney, Doktors der Theologie und Rektors des Predigerseminars von St. Georgen, war ein starker Opiumraucher. Soviel ich weiß, kam er durch eine Jugendeselei dazu, als er noch auf der Schule war. Dabei ging es ihm aber wie schon so manchem vor ihm: er fand, daß es viel leichter ist, eine Gewohnheit anzunehmen, als sie wieder abzulegen; so blieb er jahrelang ein Sklave dieses Giftes und wurde seinen Freunden und Verwandten zum Gegenstand des Abscheus oder auch des Mitleids. Noch sehe ich ihn vor mir in einem Lehnstuhl zusammengekauert mit dem gelben, aufgedunsenen Gesicht, den schlaffen Augenlidern und den bis zum Umfang eines Stecknadelknopfes verkleinerten Pupillen, die traurige Ruine eines ursprünglich edlen Menschen.

Eines Abends, so um die Zeit, wo der Mensch anfängt zu gähnen und nach der Uhr zu sehen, wurde an meinem Hause heftig geklingelt. Ich fuhr in die Höhe, und meine Frau ließ mit verstimmtem Gesicht ihre Handarbeit in den Schoß sinken. »Ein Kranker«, sagte sie. »Du wirst nochmals fortgehen müssen.«

Ich seufzte, denn soeben war ich von schwerem Tagewerk heimgekehrt.

Wir hörten die Haustüre gehen, vernahmen ein paar hastige Worte und dann rasche Schritte auf dem Linoleum. Unsere Zimmertür flog auf, und herein trat eine dunkel gekleidete, schwarz verschleierte Dame.

»Entschuldigen Sie meinen späten Besuch«, begann sie, doch plötzlich allen Halt verlierend, stürzte sie auf meine Frau zu und warf sich ihr schluchzend um den Hals.

»Ach, ich bin in entsetzlicher Lage!« rief sie aus, »und bedarf dringend des Beistandes.«

»Was, das ist Käte Whitney?« sagte meine Frau und schlug ihrem Gaste den Schleier zurück. »Wie du mich aber erschreckt hast, Käte! Als du hereinkamst, hatte ich keine Ahnung, wer du seist.«

»Ach, ich wußte keinen andern Ausweg, als zu dir zu flüchten.«

Es war die alte Geschichte; jeder, der in Not war, kam zu meiner Frau, wie die Vögel zum Leuchtturm fliegen.

»Wie lieb von dir, daß du gekommen bist. Jetzt trinke nur erst ein Glas Wein mit Wasser und setze dich behaglich her, dann erzählst du uns alles. Oder möchtest du lieber, daß ich James zu Bett schicke?«

»Nein, gewiß nicht! denn ich bedarf auch des Doktors Rat und Beistand. Es handelt sich um meinen Mann. Seit zwei Tagen ist er nicht mehr nach Hause gekommen, und ich bin in entsetzlicher Angst um ihn!«

Nicht zum erstenmal sprach sie mit uns von ihrem Kummer um den Gatten, mit mir als Arzt und mit meiner Frau als alter Freundin und Vertrauten noch von der Schule her. Wir beruhigten und trösteten sie nach Kräften. Ich fragte, ob sie wisse, wo sich ihr Gatte aufhalte; ob wir ihr helfen könnten, ihn nach Hause zu schaffen.

Es schien so. Sie hatte in Erfahrung gebracht, daß er in letzter Zeit, wenn ihn der krankhafte Drang überkam, eine Opiumhöhle im entferntesten Osten der Stadt aufgesucht habe. Bisher hatten sich seine Orgien immer nur auf einen Tag beschränkt, worauf er dann wankend und gebrochen am Abend heimkehrte. Aber diesmal war er schon seit zweimal vierundzwanzig Stunden im Banne seiner Leidenschaft und lag ohne Zweifel irgendwo, um das Gift in sich aufzunehmen oder dessen Folgen zu verschlafen. Dort in der »Goldschenke« in der Oberen Swandamstraße wäre er, meinte sie, sicherlich zu finden. Aber was könnte sie da tun? Wie sollte sie, die junge, ängstliche Frau, in einen solchen Ort eindringen und ihren Gatten aus der Mitte des Gesindels, das sich dort aufhielt, herausholen?

So lagen die Dinge, und in der Tat gab es nur einen einzigen Ausweg. Ob ich sie nicht dorthin begleiten wollte? Oder – ob es am Ende besser wäre, ich ginge allein?

Ich sei ja ihres Mannes ärztlicher Ratgeber und besäße als solcher Einfluß auf ihn. Ich wäre viel unbehinderter in allem. Ich gab ihr mein Wort darauf, ihn binnen zwei Stunden in einem Wagen heimzusenden, vorausgesetzt, daß ich ihn wirklich an dem von ihr bezeichneten Orte fände. Und zehn Minuten später hatte ich auch schon den Lehnstuhl und das behagliche Wohnzimmer im Rücken und fuhr davon in einer Angelegenheit, die mir von vornherein höchst absonderlich vorkam, wenn sich auch erst später herausstellte, wie absonderlich sie in der Tat werden sollte.

Der erste Teil meiner Expedition ging ohne Schwierigkeit von statten. Die Obere Swandamstraße ist eine häßliche Gasse, die hinter den großen Lagerhäusern steckt, welche sich an der Nordseite der Themse bis östlich von London-Bridge hinziehen. Zwischen einer Trödelbude und einer Schnapskneipe führte eine steile Treppe zu einem Loche, finster wie ein Kellerschacht, und damit hatte ich die gesuchte Spelunke gefunden. Ich hieß den Fahrer warten und stieg die Stufen hinab, die von dem unausgesetzten Wandel trunkener Füße in der Mitte stark ausgetreten waren. Beim flackernden Schein einer Öllampe über der Tür fand ich die Klinke und trat in einen langen niedrigen Raum, der von braunem Opiumrauch dick angefüllt und wie das Zwischendeck eines Auswanderungsschiffes mit übereinander geschichteten hölzernen Pritschen ausgestattet war.

In all dem Qualm vermochte man kaum die Gestalten zu erkennen, die in sonderbar phantastischen Stellungen umherlagen, mit eingezogenen Achseln, gekrümmten Knieen, zurückgeworfenem Kopfe und aufwärts gekehrtem Kinn. Ab und zu richtete sich ein dunkles, glanzloses Auge auf den Ankömmling. Aus den düsteren Schatten glommen kleine rote Lichtstreifen auf, bald heller, bald matter, je nachdem das brennende Gift in den Köpfen der Metallpfeifen zu- oder abnahm. Die meisten der Leute lagen stumm da; doch murmelten einzelne vor sich hin, während andere wieder mit seltsam leiser, eintöniger Stimme sich miteinander unterhielten, die Sätze heftig hervorstoßend, um dann plötzlich in Schweigen zu versinken; jeder spann an seinen eigenen Gedanken weiter, ohne sich viel an das Gerede des Nachbarn zu kehren. Am andern Ende des Raumes stand ein kleines Becken mit glühenden Kohlen, neben dem ein hagerer alter Mann auf einem dreibeinigen Stuhle saß. Er hatte das Kinn auf die Fäuste und die Ellenbogen auf die Kniee gestützt und blickte starr in die Glut.

Bei meinem Eintritt sprang ein schmutziger Malaie mit einer Pfeife und einem Quantum Opium auf mich zu und wollte mir eine leere Lagerstelle anweisen.

»Ich danke Ihnen, meine Absicht ist nicht zu bleiben«, sagte ich. »Ein Freund von mir, Herr Isa Whitney, befindet sich hier, und diesen wünsche ich zu sprechen.«

Bei diesen Worten bewegte sich etwas zu meiner Rechten, und ich vernahm einen Ausruf. Ich sah hin und erkannte in dem Dunst Whitney, der blaß und verstört mit wirren Haaren dasaß und mich anstierte.

»Mein Gott, Sie sind’s, Watson!« sagte er. Er war in einem kläglichen Zustand der Nachwirkung des Giftes, und jeder Nerv an ihm zitterte.

»Wieviel Uhr ist es denn, Watson?«

»Bald elf.«

»Und welchen Tag haben wir?«

»Freitag, den 19. Juni.«

»Gerechter Gott! Ich glaubte, es sei Mittwoch. Und es ist auch Mittwoch. Wie können Sie einen armen Kerl nur so erschrecken?« Mit diesen Worten begrub er sein Gesicht in den Händen und begann laut zu schluchzen.

»Ich versichere Sie, daß es wirklich Freitag ist, Sie Mann des Jammers. Ihre Frau wartet nun seit zwei Tagen auf Sie. Sie sollten sich vor sich selber schämen!«

»Das tue ich auch. Aber Sie täuschen sich, Watson, denn ich bin erst seit ein paar Stunden hier, drei – vier Pfeifen etwa – ich weiß nicht mehr, wie viele. Doch ich will mit Ihnen nach Hause gehen, denn ich möchte Käte, mein armes, liebes Kätchen, nicht ängstigen. Geben Sie mir Ihre Hand! Haben Sie einen Wagen hier?«

»Ja, er wartet draußen.«

»Dann will ich ihn benutzen. Doch, ich muß noch etwas schuldig sein. Sorgen Sie doch dafür, Watson. Ich bin ganz verwirrt und unfähig, mir selbst zu helfen.«

Um der Einwirkung der abscheulichen, betäubenden Giftdämpfe zu entgehen, schritt ich mit angehaltenem Atem den schmalen Gang zwischen der Doppelreihe von Schläfern entlang und suchte nach dem Wirt. Als ich an der hageren Gestalt bei dem Kohlenbecken vorüberkam, fühlte ich mich am Rockschoß gezupft, und eine leise Stimme flüsterte mir zu: »Gehe an mir vorüber, und dann sieh dich nach mir um.« Diese Worte trafen mein Ohr ganz deutlich. Ich blickte auf. Sie konnten nur von dem Alten neben mir herrühren, und doch saß er so geistesabwesend, schlotterig und vom Alter gebeugt da wie zuvor; seine Opiumpfeife baumelte ihm zwischen den Knieen, als wäre sie eben den schlaffen Fingern entglitten. Ich ging zwei Schritte weiter und sah zurück. Und nun bedurfte ich meiner ganzen Selbstbeherrschung, um nicht einen Schrei maßlosen Erstaunens auszustoßen. Er hatte sich so umgewendet, daß ihn niemand außer mir sehen konnte. Seine Gestalt war voll geworden, die Runzeln waren verschwunden, die matten Augen hatten ihr Feuer wieder gewonnen – kurz, der Mann, der da am Feuer saß und sich an meiner Überraschung höchlich belustigte, war niemand anders als Sherlock Holmes. Er gab mir einen Wink, mich ihm zu nähern, und als er das Gesicht den andern wieder zuwandte, nahm es sofort wieder den Ausdruck schlaffen Alters an.

»Holmes!« flüsterte ich, »wie kommst du nur in dieses Loch?«

»So leise wie möglich«, antwortete er, »mein Gehör ist vorzüglich. Wenn du die Güte hättest, dich deines jammervollen Freundes dort zu entledigen, so wäre es mir sehr erwünscht, ein wenig mit dir zu plaudern.«

»Draußen habe ich einen Wagen stehen.«

»Dann schicke ihn doch nach Hause. Es ist keine Gefahr dabei, denn er fühlt sich zu schlaff und matt, um weiteres Unheil anzurichten. Auch möchte ich dir empfehlen, deine Frau durch den Fahrer wissen zu lassen, daß wir etwas zusammen vorhaben. Wenn du so lange draußen warten willst, so bin ich in fünf Minuten bei dir.«

Sherlock Holmes etwas abzuschlagen, war äußerst schwierig, denn er trug seine Bitten stets mit der größten Ruhe und Entschiedenheit vor. Zudem hatte ich das Gefühl, daß, sobald Whitney im Wagen säße, auch meine Verpflichtung gegen ihn zu Ende sei; und was konnte ich mir eigentlich Besseres wünschen, als eines der wunderlichen Abenteuer mitmachen zu dürfen, wie sie meinem Freunde zum Lebensbedürfnis geworden waren? In wenigen Minuten war der Zettel an meine Frau geschrieben, Whitneys Rechnung bezahlt, er selbst in den Wagen gesetzt und durchs Dunkel der Nacht davongefahren.

Kurz darauf stieg eine verkommene Gestalt aus der Opiumhöhle empor, und an meiner Seite schritt Sherlock Holmes. Zwei Straßenlängen weit schleppte er sich mühsam mit gebücktem Rücken und unsicherem Tritt vorwärts. Dann blickte er um sich, richtete sich auf und brach in ein herzliches Lachen aus.

»Und nun Watson«, sagte er, »bildest du dir gewiß ein, daß nun auch noch das Opiumrauchen zu den Kokaineinspritzungen und all den andern kleinen Schwächen gekommen ist, die mir die schätzenswerte Bekanntschaft mit deiner medizinischen Erfahrung nebenbei eingetragen hat.«

»Allerdings war ich überrascht, dich hier zu sehen.«

»Und ich nicht minder dich …«

»Ich suchte einen Freund.«

»Und ich einen Feind.«

»Einen Feind?«

»Ja, einen meiner natürlichen Feinde, oder, daß ich es richtiger sage, meine natürliche Beute. Mit einem Wort, Watson, ich stecke eben in einer ganz merkwürdigen Geschichte und hatte gehofft, in dem unzusammenhängenden Geschwätz dieser Kerle einen Schlüssel zu finden, wie mir das schon mehrfach geglückt ist. Wäre ich jedoch in diesem Loche erkannt worden, so war’s um mich geschehen, denn ich habe es früher schon für meine Zwecke ausgebeutet, und der Malaie, der Schurke von einem Wirt, hat mir Rache zugeschworen. An der Rückseite des Gebäudes befindet sich eine Falltür, in der Nähe der Paulswerfte, die könnte Schaudergeschichten erzählen von dem, was in mondlosen Nächten da schon hinabgestürzt ist.«

»Wieso? Du meinst doch nicht etwa, daß Leichen …?«

»Jawohl, Leichen, Watson; wir wären reiche Leute, wenn wir für jeden armen Teufel, der dort auf ewig stumm gemacht worden ist, unsere tausend Pfund bekämen. Es ist die scheußlichste Mördergrube auf dieser ganzen Uferseite, und ich fürchte sehr, daß Neville St. Clair hier hineingeraten ist, um nie wieder herauszukommen.« Damit steckte er beide Zeigefinger zwischen die Zähne und ließ einen schrillen Pfiff ertönen, dem ein ähnlicher aus einiger Entfernung antwortete, worauf sich Rädergerolle und Pferdegetrappel hören ließen. »Nun, wie ist’s, Watson«, fragte Holmes, als ein großer Jagdwagen aus der Dunkelheit auftauchte, dessen Seitenlaternen zwei lange goldene Lichtstreifen vor sich herwarfen. »Du gehst doch mit?«

»Gern, wenn ich dir nützlich sein kann.«

»Ein treuer Freund ist immer nützlich und vollends noch, wenn er zugleich ein Mann der Feder ist. Mein Zimmer ›zu den Cedern‹ hat zwei Betten.«

»Zu den Cedern?«

»Ja, nämlich in St. Clairs Haus, denn dort wohne ich, solange meine Nachforschungen dauern.«

»Wo liegt es denn?«

»Bei Lee in Kent. Wir haben eine Fahrt von sieben Meilen vor uns.«

»Aber ich weiß ja von gar nichts.«

»Natürlich, doch wirst du bald alles erfahren. Sitze nur auf. Schon gut, Johann, wir kutschieren selbst. Hier ein Trinkgeld. Morgen gegen elf Uhr können Sie mich erwarten. So, jetzt lassen Sie los, und nun vorwärts!«

Er versetzte dem Pferd einen leichten Schlag mit der Peitsche, und wir flogen dahin durch die endlosen, dunklen, einsamen Straßen, die sich allmählich erweiterten, bis wir über eine breite Brücke sausten, unter der der schlammige Fluß träge dahinfloß. Auch drüben dasselbe Häusermeer; nichts als der gleichmäßige Schritt der Schutzleute oder das Johlen verspäteter Nachtschwärmer unterbrach die nächtliche Stille. Eine dunkle Wolkenmasse zog langsam am Himmel dahin, und nur matt schimmerte da und dort ein Stern durch das Gewölk auf. Schweigend lenkte Holmes das Gefährt, den Kopf auf die Brust gesenkt und mit dem Ausdruck eines Mannes, der ganz in Gedanken verloren ist, während ich neben ihm saß, gespannt, zu erfahren, was für ein neuer Fall das wohl sein mochte, der seinen Geist so vollständig in Anspruch nahm, und doch getraute ich mir nicht, seinen Gedankengang zu unterbrechen. Wir waren schon verschiedene Meilen gefahren und gelangten an den äußern Gürtel der Vorstadtvillen, als sich Holmes aufraffte, die Achseln zuckte und seine Pfeife in Brand steckte mit der Miene eines Menschen, der mit sich zufrieden ist, im Bewußtsein, daß er tut, was in seinen Kräften steht.

»Dir ward die schöne Gabe des Schweigens verliehen, Watson«, sagte er, »und das macht dich zu einem geradezu unschätzbaren Gefährten. Auf Ehre, für mich ist es von größtem Wert, jemand zu haben, gegen den ich mich aussprechen kann, denn meine eigenen Gedanken sind nicht gerade ergötzlicher Art. Eben überlegte ich mir, was ich dem guten Frauchen wohl sagen sollte, wenn sie mir heute Abend entgegentritt.«

»Du vergissest, daß ich ja von gar nichts weiß.«

»Es bleibt jetzt gerade noch Zeit genug, bis wir nach Lee kommen, um dir die Einzelheiten des Falles zu erzählen. Er sieht sich lächerlich einfach an, und doch weiß ich nicht, was ich damit anstellen soll. Fäden gibt es in Menge, aber das richtige Ende vermag ich nicht zu finden. Laß dir also die Sache klar und deutlich auseinandersetzen, Watson, möglich, daß dir vielleicht ein Licht aufgeht, wo für mich alles dunkel ist.«

»So fange nur an.«

»Vor einigen Jahren, oder genauer gesagt, vor sechs Jahren, kam ein Herr, Namens Neville St. Clair, nach Lee, der allem Anscheine nach in sehr guten Verhältnissen war. Er bezog eine große Villa, legte geschmackvolle Gärten an und lebte in jeder Beziehung auf großem Fuße. Allmählich gewann er Freunde in der Nachbarschaft und heiratete vor drei Jahren die Tochter eines dort ansässigen Bierbrauers, die ihn seitdem mit zwei Kindern beschenkt hat. Einen eigentlichen Beruf hatte er nicht, doch war er bei verschiedenen Unternehmungen beteiligt und ging in der Regel des Morgens zur Stadt und kehrte des Abends mit dem 5 Uhr 14-Zuge wieder zurück. Herr St. Clair ist jetzt siebenunddreißig Jahre alt, ein Mann von soliden Lebensgewohnheiten, ein guter Ehegatte, zärtlicher Vater und bei allen beliebt, die ihn kennen. Ich kann noch hinzufügen, daß, soweit es sich ermitteln ließ, seine ganze Schuldenlast sich zur Zeit auf achtundachtzig Pfund und zehn Schilling beläuft, während sein Bankguthaben zweihundertundzwanzig Pfund beträgt. Es liegt darum auch kein Grund zur Annahme vor, daß ihn etwa Geldsorgen bedrückt hätten.

Am letzten Montag fuhr Herr Neville St. Clair etwas früher als gewöhnlich zur Stadt, nachdem er zuvor geäußert, daß er zwei wichtige Geschäfte zu erledigen habe, und daß er seinem Söhnchen einen Baukasten mitbringen wolle. Am selben Morgen, ganz kurz nach St. Clairs Weggang, erhielt seine Frau die Drahtnachricht, daß ein von ihr erwartetes Paketchen von beträchtlichem Werte auf dem Postamt der Aberdeen-Schiffsgesellschaft abgeholt werden könne. Wenn du dich in deinem London gut auskennst, dann weißt du, daß die Geschäftsräume dieser Gesellschaft in der Fresnostraße liegen, die in die Obere Swandamstraße mündet, wo du mich heute nacht getroffen hast. Frau St. Clair nahm ihr zweites Frühstück ein und ging dann nach der Stadt, machte einige Einkäufe, holte ihr Paketchen auf dem Schiffsamte und ging genau um 4 Uhr 35 Minuten durch die Swandamstraße wieder zurück, der Bahnstation zu. Bist du mir so weit gefolgt?«

»Das ist alles völlig klar.«

»Du erinnerst dich vielleicht noch, daß es am Montag außerordentlich heiß war. Frau St. Clair ging darum langsam und sah sich, in der Hoffnung, einen Wagen zu entdecken, nach allen Seiten um, denn es kam ihr in dieser Umgebung nicht recht geheuer vor. Während sie so die Swandamstraße entlang schritt, hörte sie plötzlich einen Schrei und war starr vor Schrecken, als sie ihren Mann aus einem Fenster des zweiten Stocks auf sie niederblicken und ihr zuwinken sah. Das Fenster stand offen, so daß sie sein Gesicht ganz deutlich erkennen konnte, das nach ihrer Schilderung entsetzlich aufgeregt gewesen sein muß. Nachdem er ihr heftig mit der Hand gewinkt hatte, verschwand er so plötzlich vom Fenster, daß es ihr schien, als ob eine unwiderstehliche Macht ihn von hintenher weggerissen habe. Ein eigentümlicher Umstand entging ihrem raschen Blicke nicht: obwohl ihr Mann denselben dunklen Rock trug, wie bei seinem Weggang von Hause, so hatte er doch weder Kragen noch Krawatte an.

Überzeugt, daß St. Clair irgend etwas zugestoßen sein müsse, eilte sie die Stufen hinab – denn das Haus war kein andres als die Opiumhöhle, in der du mich heute nacht gefunden hast – lief durch das Vorzimmer und wollte die Treppe, die zum ersten Stock führte, hinaufsteigen, doch da trat ihr jener Malaie, der Schurke, den ich schon einmal nannte, in den Weg, drängte sie zurück und schob sie mit Hilfe eines Dänen, der dort häufig Handlangerdienste tut, hinaus auf die Straße. Voll der wahnsinnigsten Befürchtungen und Sorgen, rannte sie die Straße entlang, und ein glücklicher Zufall wollte es, daß sie in der Fresnostraße auf einige Schutzleute stieß, die unter der Führung eines Wachtmeisters eben die Runde machten. Der Wachtmeister begleitete sie mit zweien seiner Leute zurück, und trotz des hartnäckigen Widerstandes des Hausbesitzers drangen sie zu dem Zimmer durch, in dem St. Clair zuletzt gesehen worden war. Keine Spur mehr von ihm. Ja, im ganzen Stockwerk niemand als ein jämmerlicher Krüppel von abschreckender Häßlichkeit, der hier zu wohnen schien. Er sowohl als der Wirt verschworen sich hoch und teuer, daß den ganzen Nachmittag außer ihnen niemand in diesem vorderen Zimmer gewesen sei. Ihre Beteuerungen schienen so glaubwürdig, daß der Wachtmeister zu glauben geneigt war, Frau St. Clair müsse sich getäuscht haben, als diese plötzlich mit jähem Aufschrei auf ein hölzernes Kästchen zulief, das auf dem Tische stand, und den Deckel aufriß. Eine Menge kleiner Bausteine stürzte daraus hervor. Es war das Spielzeug, das der Vater versprochen hatte mit nach Hause zu bringen.

Diese Entdeckung, sowie die sichtliche Verlegenheit, die der Krüppel zeigte, überzeugten den Wachtmeister von dem Ernste der Sache. Die Räume wurden sorgfältig untersucht, und alles, was sich ergab, wies auf ein entsetzliches Verbrechen hin. Das vordere Zimmer war ein einfach ausgestatteter Wohnraum und führte in ein kleines Schlafzimmer mit der Aussicht auf die Rückseite einer Werft. Zwischen der Werft und dem Schlafzimmerfenster befindet sich ein schmaler Weg, der während der Ebbe trocken, während der Flut jedoch zum mindesten vier bis fünf Fuß hoch unter Wasser ist. Das Fenster war breit und ließ sich in die Höhe schieben. Bei genauer Besichtigung fanden sich Blutspuren auf dem Fenstersims, und vereinzelte Tropfen waren auf dem Bretterboden des Schlafzimmers sichtbar. Hinter einem Vorhang des Wohnzimmers lagen alle Kleider des Herrn Neville St. Clair auf einem Haufen beisammen, nur der Rock fehlte. Stiefel, Socken, Hut, Uhr – alles fand sich vor, aber kein Merkmal von Gewalttat war daran zu erkennen, und auch sonstige Spuren von Herrn Neville St. Clair fanden sich nicht. Allem Anschein nach mußte er zum Fenster hinausbefördert worden sein, ein anderer Ausweg war nicht zu entdecken, und die verdächtigen Blutspuren am Gesimse ließen wenig Hoffnung übrig, daß er sich durch Schwimmen gerettet haben könnte, denn die Flut stand zur Zeit der Greueltat am höchsten. Und nun zu den Strolchen, die zunächst in die Sache verwickelt schienen. Der Malaie war ein äußerst übel beleumundeter Mensch. Da er aber nach Aussage der Frau St. Clair wenige Sekunden nach ihres Mannes Erscheinen am Fenster am Fuße der Treppe gestanden hatte, so konnte er kaum anders denn als bloße Nebenfigur bei dem Verbrechen angesehen werden. Seine Verteidigung beschränkte sich auf die Behauptung vollständiger Unwissenheit. Er verwahrte sich gegen jegliche Kenntnis von dem Tun und Lassen seines Mieters, Hugo Boones, und erklärte sich außerstande, irgend welche Rechenschaft darüber zu geben, wie die Kleider des vermißten Herrn hierher gekommen wären.

So viel über den Wirt. Und nun zu dem unheimlichen Krüppel, der im zweiten Stock der Opiumhöhle wohnt, und der sicher das letzte menschliche Wesen war, dessen Auge Neville St. Clair gesehen hat. Er heißt Hugo Boone, und jedermann, der häufig zur City kommt, kennt sein abschreckendes häßliches Gesicht.

Er ist gewerbsmäßiger Bettler und treibt dabei, um den polizeilichen Verordnungen nachzukommen, einen kleinen Handel mit Streichhölzern. Eine kurze Strecke die Threadneedlestraße abwärts tritt links an der Mauer eine kleine Ecke hervor. Dort läßt sich der Kerl täglich mit gekreuzten Beinen und seinem kleinen Warenvorrat auf dem Schoß nieder, und sein Anblick ist so erbarmungswürdig, daß der reichste Wohltätigkeitsregen in seine fettige Mütze neben ihm auf dem Pflaster niederträufelt. Noch ehe ich ahnte, daß ich einmal von Berufs wegen dieses Burschen Bekanntschaft machen würde, hatte ich ihn schon oft beobachtet und war erstaunt über die große Ernte, die er in kürzester Frist einheimste. Seine Erscheinung ist nämlich derart auffällig, daß man ihn nicht unbeachtet lassen kann. Ein Busch rotgelben Haares, ein blasses Gesicht, verunziert durch eine entsetzliche Narbe, die im Verwachsen den einen Mundwinkel in die Höhe gezerrt hat, ein Buldoggenkiefer und ein paar stechende dunkle Augen, die zu der Farbe des Haares in absonderlichem Kontraste stehen, dies alles zeichnet ihn vor der übrigen Menge der Bettler aus, und dies tut auch sein Witz; denn er hat stets eine schlagfertige Antwort auf jeden schlechten Scherz, den ein Vorübergehender mit ihm machen mag. Das ist also jener Mietsmann in der Opiumhöhle, jener Mann, der den vermißten Herrn, den wir suchten, zuletzt gesehen haben muß.«

»Aber ein Krüppel!« warf ich ein. »Was vermochte der allein gegen einen Mann in vollster Körperkraft?«

»Ein Krüppel ist er wohl, sofern er zum Gehen einer Krücke bedarf, sonst aber scheint er kräftig und wohlgenährt zu sein. Gewiß wird deine ärztliche Erfahrung dich lehren, Watson, daß die Schwäche des einen Gliedes oft durch eine um so größere Stärke des andern ausgeglichen wird.«

»Bitte, fahre in deiner Erzählung fort.«

»Frau St. Clair war beim Anblick der Blutflecken am Fenster ohnmächtig geworden, und ein Schutzmann hatte sie im Wagen nach Hause gebracht, zumal da auch ihre Gegenwart bei den weiteren Nachforschungen nutzlos war. Wachtmeister Barton, der den Fall zu leiten hatte, untersuchte alles aufs genaueste, doch ohne irgend etwas zu finden, was die dunkle Sache hätte aufhellen können. Darin war ein Fehler begangen worden, daß Boone nicht sofort verhaftet wurde, sondern noch einige Minuten sich überlassen blieb, während deren er sich mit seinem Freunde, dem Malaien, verständigen konnte; doch machte man diesen Fehler sehr bald wieder gut, denn er wurde festgenommen und durchsucht, ohne daß sich jedoch irgend etwas Belastendes gegen ihn ergeben hätte. Allerdings befanden sich einige Blutflecken auf seinem rechten Hemdärmel, doch wies er auf seinen Ringfinger hin, an dem unterhalb des Nagels eine Schnittwunde war, und sagte, das Blut komme daher, mit dem Hinzufügen, er sei erst vor kurzem am Fenster gewesen, und die dort bemerkten Blutspuren rührten ohne Zweifel von der gleichen Ursache her. Er verneinte es aufs entschiedenste, Herr Neville St. Clair je einmal gesehen zu haben, und versicherte, daß es ihm nicht weniger unerklärlich sei als der Polizei, wie die Kleider in sein Zimmer kämen. Was aber Frau St. Clairs Aussage anbelange, daß sie ihren Mann leibhaftig am Fenster gesehen habe, so müsse sie entweder geistig gestört oder im Traume gewesen sein. Trotz seines lauten Widerspruchs wurde er zur Polizeistation verbracht, während der Wachtmeister zurückblieb, in der Hoffnung, die Ebbe möchte neue Anhaltspunkte liefern.

Und so war es auch, obgleich auf dem Schlamme nicht das gefunden wurde, was man gefürchtet hatte: nicht Neville St. Clair selbst, aber Neville St. Clairs Rock kam zu Tage, als die Flut sich verlief. Und was glaubst du wohl, daß sich in den Rocktaschen vorfand?«

»Ich kann mir’s nicht denken.«

»Nein, du würdest es auch niemals erraten. Jede Tasche war vollgepfropft mit Kupfermünzen – 421 ganzen und 270 halben Pennystücken. Da war es also kein Wunder, daß der Rock nicht von der Flut mit fortgenommen wurde. Aber mit einem menschlichen Körper ist’s ein ander Ding. Zwischen der Werft und dem Haus ist ein starker Wirbel, und so konnte es leicht geschehen, daß der beschwerte Rock zurückblieb, während der entkleidete Körper in den Fluß hinausgespült wurde.«

»Ich habe geglaubt, alle übrigen Kleider seien im Zimmer vorgefunden worden. Sollte der Körper nur allein mit dem Rocke bekleidet gewesen sein?«

»Nein, gewiß nicht, aber die Tatsachen lassen doch eine ziemlich glaubwürdige Erklärung zu. Vorausgesetzt, dieser Boone habe St. Clair aus dem Fenster geworfen, ohne daß ein menschliches Auge es sah – was hätte er dann vor allem tun müssen? Natürlich sich in erster Linie der verräterischen Kleider entledigen. Er griff also nach dem Rocke; im Begriff, diesen hinauszuwerfen, fiel ihm aber ein, daß er ja schwimmen würde, anstatt unterzusinken. Die Zeit drängt, denn von unten her hört er die Stimme der Frau St. Clair, die hinaufdringen will; vielleicht hat ihm auch sein Spießgeselle, der Wirt, schon einen Wink gegeben, daß die Polizei nicht fern sei. Kein Augenblick ist zu verlieren. Er eilt zu irgend einem geheimen Winkel, wo er die Erträgnisse seines Bettels aufgestapelt hat, und stopft so viele Münzen, als ihm zur Hand sind, in den Rock, damit dieser gewiß untersinkt. Schnell wirft er ihn hinaus, wie er es auch mit den anderen Kleidungsstücken gemacht hätte, wären nicht Schritte genaht, so daß ihm nur noch Zeit blieb, das Fenster zu schließen.«

»Dies klingt allerdings nicht unmöglich.«

»So laß uns einstweilen auf diesen Voraussetzungen fußen, bis sich Besseres findet. Boone wurde also, wie ich dir schon erzählt habe, festgenommen und auf die Polizeiwache gebracht, doch konnte nicht nachgewiesen werden, daß schon früher etwas gegen ihn vorgelegen hätte. Seit Jahren war er als gewerbsmäßiger Bettler bekannt, schien aber sonst ein stilles, unbescholtenes Leben geführt zu haben. So weit ist die Sache bis jetzt gediehen, und die Fragen, die einer Lösung harren, nämlich was Neville St. Clair in der Opiumhöhle zu schaffen gehabt hat, was dort mit ihm geschehen ist, wo er sich jetzt befindet, und inwiefern Hugo Boone an seinem Verschwinden beteiligt war – alle diese Fragen sind noch so weit als je von einer Lösung entfernt. Ich muß dir gestehen, daß mir in meiner ganzen Erfahrung nie ein Fall vorgekommen ist, der auf den ersten Anblick so einfach erschienen wäre und dennoch solche Schwierigkeiten geboten hätte.«

Während mir Sherlock Holmes die sonderbare Verwicklung dieser Umstände im einzelnen darlegte, waren wir an den letzten Vorstadthäusern vorübergerollt und hatten jetzt grüne Hecken zu beiden Seiten. Als er eben am Schlusse war, fuhren wir durch zwei verstreut liegende Dörfer, wo aus manchem Fenster noch Licht schimmerte.

»Jetzt nähern wir uns Lee«, sagte Holmes; »auf unserer kurzen Fahrt haben wir nicht weniger als drei Grafschaften berührt. In Middlesex brachen wir auf, kamen durch einen Zipfel von Surrey und beschließen die Fahrt jetzt mit Kent. Siehst du das Licht dort zwischen den Bäumen hervorschimmern? Das kommt von ›den Cedern‹, und neben jener Lampe sitzt eine Frau, deren angstvolles Ohr ohne Zweifel schon den Hufschlag unseres Pferdes vernommen hat.«

»Aber warum betreibst du die Angelegenheit nicht von der Bakerstraße aus?« fragte ich.

»Weil allerlei Erkundigungen von hier aus einzuziehen sind. Frau St. Clair hat mir in entgegenkommendster Weise zwei Zimmer zur Verfügung gestellt, und du darfst überzeugt sein, daß sie meinen Freund und Kollegen gleichfalls freundlich willkommen heißen wird. Es ist mir im Innersten zuwider, Watson, ihr ohne Nachrichten über ihren Mann entgegentreten zu müssen. So, jetzt wären wir da! Hollah, he!«

Wir hielten vor einer großen, von Gärten umgebenen Villa. Ein Stalljunge war herbeigeeilt und hielt das Pferd. Wir stiegen aus, und ich folgte Holmes auf dem schmalen, geschlängelten Kiesweg, der zum Hause führte. Als wir näher kamen, flog die Türe auf, und eine kleine blonde Frau stand auf der Schwelle. Sie war in ein leichtes, an Hals und Ärmeln mit Spitzen verziertes Seidengewand gehüllt. Ihre Gestalt zeichnete sich in dem starken Lichtstrom, der aus der Türe quoll, deutlich ab, und wie sie so dastand, den Körper leicht vorgebeugt, die eine Hand auf der Türklinke, die andere halb erhoben vor Sehnsucht und Verlangen, das Gesicht mit den forschenden Augen und den halbgeöffneten Lippen nach vorne gewandt, sah sie ganz so aus wie ein lebendig gewordenes Fragezeichen.

»Nun, und was gibt’s?« rief sie. Und sobald sie bemerkte, daß wir zu zweien waren, kam es wie ein Ausruf der Hoffnung von ihren Lippen, der aber in einem Seufzer erstarb, als mein Gefährte den Kopf schüttelte und die Achseln zuckte.

»Keine guten Nachrichten?«

»Überhaupt keine.«

»Also auch keine schlechten?«

»Nein.«

»Gott sei Dank. Doch treten Sie ein. Sie müssen müde sein nach diesem langen Tag.«

»Hier stelle ich Ihnen meinen Freund, Herrn Dr. Watson, vor. Er ist mir schon bei verschiedenen Angelegenheiten von Nutzen gewesen, und ein glücklicher Zufall hat es gefügt, daß es mir möglich wurde, ihn mitzubringen und ihn mit unserer Sache vertraut zu machen.«

»Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen«, erwiderte sie und drückte mir herzlich die Hand, »nur bitte ich um Entschuldigung, wenn heute mein Haus manches zu wünschen übrig läßt, Sie wissen ja, welcher harte Schlag uns so unvermutet betroffen hat.«

»Ich bin ein alter Soldat, gnädige Frau, und wäre ich es auch nicht, so würde ich es doch für selbstverständlich halten, daß es hier keinerlei Entschuldigung bedarf. Wenn ich Ihnen oder meinem Freunde irgendwie nützlich sein könnte, so würde ich mich glücklich schätzen.«

»Nun, Herr Sherlock Holmes«, begann die Dame, als wir das hell erleuchtete Speisezimmer betraten, wo ein kalter Imbiß bereit stand, »möchte ich Sie geradeheraus etwas fragen, und Sie sollen mir dann ebenso darauf antworten.«

»Ganz einverstanden, gnädige Frau!«

»Nehmen Sie keine Rücksicht auf meine Empfindungen. Ich bin weder hysterisch, noch leicht zu Ohnmachten geneigt. Es ist mir einzig und allein um Ihre aufrichtige Meinung zu tun.«

»Worüber?«

»Glauben Sie im Innersten Ihres Herzensgrundes, daß Neville noch am Leben ist?«

Diese Frage schien Sherlock Holmes in Verlegenheit zu setzen. »Also geradeheraus!« wiederholte sie. Er lag in einem Armstuhl, und sie stand vor ihm und sah forschend auf ihn nieder.

»Nun denn, ehrlich gestanden, gnädige Frau, nein.«

»Glauben Sie, daß er tot ist?«

»Ja, ich glaube es.«

»Ermordet?«

»Das will ich nicht behaupten, vielleicht.«

»Und an welchem Tage soll er vom Tode ereilt worden sein?«

»Am Montag.«

»Dann, Herr Holmes, haben Sie vielleicht die Güte, mir zu erklären, wie es geschehen konnte, daß ich heute einen Brief von ihm erhielt.«

Sherlock Holmes sprang wie elektrisiert von seinem Stuhle auf.

»Was!« schrie er.

»Jawohl, heute.« Lächelnd stand sie da und hielt ein Blättchen Papier empor.

»Darf ich es lesen?«

»Gewiß.«

Er riß ihr den Brief aus der Hand, glättete ihn auf dem Tisch, zog die Lampe näher und besichtigte ihn aufs genaueste. Auch ich war aufgestanden und blickte ihm über die Schulter. Der Briefumschlag war aus grobem Papier und trug den Poststempel von Gravesend mit dem Datum des heutigen Tages, oder eigentlich des gestrigen, denn Mitternacht war längst vorüber.

»Ungeübte Schrift«, murmelte Holmes. »Sicher ist dies nicht Ihres Gatten Hand, gnädige Frau.«

»Nein, aber der Brief selbst ist von ihm.«

»Man sieht auch, daß derjenige, der die Aufschrift machte, sich erst genauer nach der Adresse erkundigen mußte.«

»Woraus können Sie das schließen?«

»Der Name ist, wie Sie sehen, vollständig schwarz, weil die Tinte darauf von selbst abtrocknete. Das übrige dagegen ist grauschwarz, ein Beweis, daß Löschpapier dabei verwendet wurde. Wäre alles in einem Zuge geschrieben und dann das Fließblatt gebraucht worden, so hätte nicht ein Teil so tiefschwarz werden können. Der Schreiber hat zuerst den Namen geschrieben, dann trat eine Pause ein, ehe er die Adresse vervollständigte, was doch nur seinen Grunde darin haben konnte, daß sie ihm nicht geläufig war. Freilich ist dies nur eine Kleinigkeit, aber nichts ist eben so wichtig als Kleinigkeiten. Und nun wollen wir den Brief betrachten. Ei, da war etwas eingeschlossen!«

»Ja, ein Ring, sein Siegelring.«

»Und Sie sind überzeugt, daß dies Ihres Gatten Handschrift ist?«

»Ja, eine seiner Handschriften.«

»Eine?«

»Seine Handschrift, wenn er in Eile war. Diese ist ganz verschieden von der gewöhnlichen, aber ich kenne sie genau.«

Auf dem Papier standen nur die Worte:

»Liebste, ängstige dich nicht. Es wird noch alles gut werden. Ein schwerer Irrtum waltet ob, der sich aber in kurzem aufklären muß. Fasse dich in Geduld. – Neville.«

»Mit Bleistift auf das Vorsatzblatt eines Oktavbandes geschrieben, kein Wasserzeichen. Hm! Heute in Gravesend in den Schalter geworfen von einem Menschen mit schmutzigem Daumen! Ha! und der Umschlag ist, wenn ich mich nicht sehr täusche, von jemand zugeklebt worden, der Tabak kaut. Und Ihnen steht es ganz außer Zweifel, daß es die Handschrift Ihres Gatten ist, gnädige Frau?«

»Durchaus. Neville hat diese Zeilen geschrieben.«

»Und heute wurde dieser Brief in Gravesend bestellt. Wahrhaftig, die Wolken beginnen sich zu lichten, obgleich ich nicht sagen möchte, daß die Gefahr vorüber ist.«

»Aber am Leben muß er doch noch sein, Herr Holmes?«

»Außer, dies wäre eine schlaue Täuschung, um uns auf falsche Fährte zu locken. Der Ring beweist so gut wie nichts, er kann ihm genommen worden sein.«

»Nein, nein; es ist und bleibt seine Handschrift!«

»Ganz recht. Doch kann das Blatt am Montag geschrieben und erst heute zur Post gegeben worden sein.«

»Das ist möglich.«

»Und wenn dem so ist, so mag wohl inzwischen manches vorgegangen sein.«

»Ach, Herr Holmes, Sie dürfen mich nicht entmutigen. Ich weiß es gewiß, daß es gut mit ihm steht. Zwischen uns besteht eine so innige Seelengemeinschaft, daß ich es empfinden müßte, wenn er von Unheil bedroht wäre. Gerade an dem Tage, als ich ihn zum letztenmal sah, schnitt er sich im Schlafzimmer in den Finger, und obwohl ich im Eßzimmer war, eilte ich hinauf, in der unumstößlichen Gewißheit, es müsse ihm etwas widerfahren sein. Glauben Sie denn, daß, wenn ich schon bei einer solchen Kleinigkeit in Mitleidenschaft gezogen werde, ich nicht auch um seinen Tod wissen sollte?«

»Ich habe schon zu vieles erlebt, um nicht davon überzeugt zu sein, daß das Gefühl einer Frau oft mehr Wert haben kann, als die Schlußfolgerungen eines kühl zergliedernden Verstandesmenschen. Und in diesem Briefe besitzen Sie unzweifelhaft ein starkes Beweisstück für Ihre Behauptung. Doch, wenn Ihr Gatte am Leben ist und sogar fähig, Briefe zu schreiben, weshalb bleibt er Ihnen dann fern?«

»Ich kann es mir nicht denken. Es ist mir unbegreiflich.«

»Und machte er denn beim Weggehen am Montag keinerlei Andeutung?«

»Nein.«

»Und Sie waren überrascht, als Sie ihn in der Swandamstraße sahen?«

»Außerordentlich.«

»Stand das Fenster offen?«

»Ja.«

»So hätte er Ihnen also zurufen können?«

»Jawohl.«

»Doch stieß er, soviel ich weiß, nur einen unartikulierten Schrei aus!«

»Ja.«

»Den Sie für einen Hilferuf hielten?«

»Ja. Er erhob die Hände.«

»Es kann aber auch ein Ruf der Überraschung gewesen sein. Vielleicht veranlaßte ihn Ihr unerwarteter Anblick, die Hände emporzuheben.«

»Das kann sein.«

»Kam es Ihnen vielleicht nur so vor, als ob er nach rückwärts gerissen worden sei?«

»Er verschwand ganz plötzlich.«

»Er kann auch zurückgesprungen sein. Sie sahen doch sonst niemand im Zimmer?«

»Nein, aber jener entsetzliche Mensch hat zugegeben, daß er dort war, und der Malaie stand an der Treppe.«

»Ganz recht. Und Ihr Gemahl hatte, soviel Sie sehen konnten, seine gewöhnlichen Kleider an?«

»Ja, aber ohne Kragen und Krawatte. Ich sah seinen bloßen Hals ganz deutlich.«

»Hat er je einmal von der Swandamstraße gesprochen?«

»Niemals.«

»Konnten Sie je Zeichen von Opiumgenuß an ihm entdecken?«

»Niemals.«

»Ich danke Ihnen, Frau St. Clair. Dies sind die Hauptpunkte, über die ich vollständig im reinen sein wollte. Lassen Sie uns nun etwas zu Abend speisen, dann wollen wir uns zurückziehen, denn morgen wird es einen unruhigen Tag für uns geben.«

Ein großes behagliches Zimmer stand für uns bereit, und bald lag ich in den Federn, denn ich war müde von dieser Nacht voll Abenteuer. Sherlock Holmes dagegen war ein Mensch, der tage-, ja eine ganze Woche lang in rastloser Tätigkeit ausharren konnte, solange ihn ein ungelöstes Problem beschäftigte. Er beleuchtete es dann nach allen Seiten, wälzte es hin und her, war unermüdlich, das Beweismaterial neu zu ordnen, bis er die Lösung endlich gefunden oder sich überzeugt hatte, daß die Beweismittel ungenügend waren. Es wurde mir bald klar, daß er sich auch heute zu einer Nachtsitzung vorbereitete. Nachdem er Rock und Weste abgelegt hatte, hüllte er sich in seinen großen blauen Schlafrock und zog im Zimmer umher, auf der Jagd nach Kissen, die er sich von Bett, Sofa und Armstühlen zusammenlas. Damit baute er sich eine Art orientalischen Diwan, auf den er sich mit gekreuzten Beinen niederließ, und vor ihm lag ein Paket Rauchtabak und Streichhölzer. Bei dem matten Lampenschein sah ich ihn dort sitzen, eine alte Tonpfeife im Munde, die Augen wie geistesabwesend auf die Zimmerdecke gerichtet, von blauen Rauchwolken umhüllt, schweigend, unbeweglich, die scharf geschnittenen Gesichtszüge vom Lichte beschienen. So saß er da, als ich in Schlaf versank, und so saß er noch, als ein Ausruf mich weckte, und die Sommersonne bereits in unser Zimmer schien. Noch stak ihm die Pfeife im Munde, noch kräuselte sich der Rauch empor, und der Raum war von dichtem Tabaksqualm erfüllt; aber von dem Häufchen Rauchtabak, das ich in der Nacht gesehen hatte, war nichts mehr vorhanden.

»Bist du wach, Watson?« fragte er.

»Ja.«

»Bereit zu einer Morgenfahrt?«

»Gewiß.«

»Dann kleide dich an. Niemand rührt sich noch, doch weiß ich, wo der Stallknecht schläft, und den kleinen Wagen wollen wir schon herausbekommen.« Dabei lachte er in sich hinein, seine Augen funkelten; der ganze Mann schien völlig ausgewechselt zu sein und nicht mehr der düstere Denker der verflossenen Nacht. Beim Ankleiden sah ich auf die Uhr. Kein Wunder, daß sich noch niemand rührte. Es war erst fünfundzwanzig Minuten nach vier Uhr. Kaum war ich fertig, als Holmes mit der Nachricht zurückkam, daß jetzt angespannt werde.

»Ich muß eine meiner Theorien erproben«, sagte er, indem er seine Stiefel anzog. »Watson, meiner Ansicht nach siehst du hier einen der größten Esel in ganz Europa vor dir stehen. Ich verdiene einen Fußtritt, daß ich von hier bis Charing-Croß fliege. Aber den Schlüssel zu dieser Geschichte glaube ich jetzt gefunden zu haben.«

»Und wo ist er?« fragte ich lächelnd.

»Im Badezimmer«, erwiderte er. »Jawohl, ich scherze nicht«, fuhr er fort, als er mein ungläubiges Gesicht sah. »Soeben war ich dort und habe ihn hier in dieser Ledertasche mitgenommen. Vorwärts, mein Junge, wir wollen sehen, ob er nicht zum Schloß paßt.«

So leise als möglich schlichen wir die Treppe hinab und traten hinaus in die klare Morgensonne. Auf der Straße stand unser Gefährt mit dem halbangekleideten Stallknecht, der den Gaul hielt. Rasch stiegen wir ein, und fort ging’s auf der Londoner Straße. Vereinzelte Bauernwagen, die Gemüse nach der Weltstadt brachten, machten zwar einigen Lärm, aber die zahlreichen Landhäuser zu beiden Seiten des Weges lagen still und leblos da, wie eine in Traum versunkene Stadt.

»Dieser Fall ist doch in mancher Beziehung recht merkwürdig«, sagte Holmes und trieb sein Pferd zum Galopp an. »Blind wie ein Maulwurf bin ich gewesen, das muß ich gestehen, doch ist es immer noch besser, man wird erst spät klug, als gar nicht.«

In der Stadt sahen eben die ersten Frühaufsteher mit verschlafenen Augen zum Fenster heraus, als wir durch die Straßen des Surreyviertels fuhren. Durch die Waterloo-Brückenstraße hinab kamen wir über den Fluß, wandten uns dann zur Rechten und gelangten in die Bowstraße. Sherlock Holmes war auf der Polizei wohlbekannt, und die beiden Schutzleute vor der Tür begrüßten ihn. Einer hielt das Pferd, während der andere uns hineinführte.

»Wer hat Dienst?« fragte Holmes.

»Wachtmeister Bradstreet.«

»Ei, guten Tag, Bradstreet, wie geht’s?«

Ein großer, stattlicher Beamter kam in Dienstmütze und Uniform den mit Steinfliesen belegten Gang herab.

»Könnte ich ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Bradstreet?«

»Gewiß, Herr Holmes. Treten Sie nur hier in mein Zimmer ein.«

Es war ein kleiner büromäßig ausgestatteter Raum, ein riesiges Hauptbuch lag auf dem Tisch, und ein Telephon ragte aus der Wand hervor. Der Wachtmeister setzte sich an sein Pult.

»Womit kann ich dienen, Herr Holmes?«

»Ich komme wegen jenes Bettlers, des Boone, wissen Sie, des Menschen, der im Verdacht steht, bei dem Verschwinden des Herrn Neville St. Clair aus Lee beteiligt zu sein.«

»Ja, der wurde eingebracht und soll noch weiter verhört werden.«

»Das ist mir gesagt worden. Haben Sie ihn hier?«

»Ja, in einer Zelle.«

»Ist er ruhig?«

»Ja, der macht wenig Mühe, aber ein schmutziger Kerl ist er.«

»Schmutzig?«

»Freilich, und kaum können wir ihn dazu bringen, daß er sich die Hände wäscht, ein Gesicht hat er, so schwarz wie ein Kesselflicker. Nun, sobald einmal das Verfahren im Gang ist, bekommt er sein regelrechtes Gefängnisbad, und meiner Treu, wenn Sie ihn sähen, Sie würden mir beistimmen, daß er dessen bedarf.«

»Sehr gern möchte ich ihn sehen!«

»Wirklich? Das läßt sich leicht machen. Kommen Sie nur mit. Ihre Tasche kann hier bleiben.«

»Nein, danke, ich nehme sie lieber mit.«

»Auch recht. Hierher, bitte.« Er führte uns einen Gang hinunter, öffnete eine verriegelte Tür, stieg eine Wendeltreppe hinab und brachte uns auf einen weißgetünchten Korridor, an dessen beiden Seiten eine Reihe von Türen war.

»Die dritte rechts führt zu ihm«, sagte der Wachtmeister. »Hier, diese ist’s«. Sacht zog er einen Schieber im oberen Teil der Tür zurück und blickte durch die Öffnung.

»Er schläft«, sagte er. »Jetzt können Sie ihn bequem sehen.« Wir näherten uns beide und sahen durch das Gitter. Der Gefangene hatte das Gesicht uns zugewandt und lag in tiefem Schlafe da, langsam und schwer atmend. Er war ein mittelgroßer Mann, derb gekleidet, wie es für seinen Beruf paßte, und durch die Risse seines zerlumpten Rockes kam sein buntes Hemd zum Vorschein. Der Wachtmeister hatte recht gehabt, wenn er den Gefangenen außerordentlich schmutzig nannte, aber die dicke Schmutzkruste, die sein Gesicht bedeckte, war nicht imstande, seine abschreckende Häßlichkeit zu verhüllen. Eine alte Schramme lief in einem breiten Striemen vom Auge bis zum Kinn und hatte bei der Vernarbung die Oberlippe derart hinaufgezogen, daß drei Zähne unbedeckt blieben, was aussah, wie ein beständiges Grinsen. Ein dichter Busch gelbroten Haares fiel ihm tief über Augen und Stirne.

»Ist er nicht der reinste Adonis?« spottete der Wachtmeister.

»Jedenfalls ist er des Waschens bedürftig«, bemerkte Holmes, »und da ich dies vermutete, erlaubte ich mir, das hiezu Notwendige mitzubringen.« Damit öffnete er seine Ledertasche und zog zu meinem Staunen einen sehr großen Badeschwamm hervor.

»Ha, ha!« lachte der Wachtmeister, »was für ein drolliger Mensch Sie sind!«

»Wenn Sie jetzt die große Güte haben wollten, diese Türe recht vorsichtig zu öffnen, dann soll er uns bald ein anständigeres Gesicht schneiden.«

»Nun, schaden kann’s nichts«, sagte der Wachtmeister. »Er macht sonst dem Zellengefängnis der Bowstraße wenig Ehre.« Er steckte den Schlüssel in das Schloß, und wir traten alle leise ein. Der Schläfer machte eine kleine Wendung, versank aber sofort wieder in tiefen Schlaf. Holmes ging zum Wasserkrug, tauchte den Schwamm ein und fuhr zweimal über das Gesicht des Gefangenen.

»Meine Herren, gestatten Sie mir, Sie dem Herrn Neville St. Clair aus Lee in der Grafschaft Kent vorzustellen«, rief Holmes laut.

Noch nie in meinem Leben habe ich solchen Anblick gehabt. Die Maske des Mannes schälte sich unter dem Schwamme ab, wie die Rinde vom Baume. Weg war die häßliche braune Farbe! Weg war die entsetzliche Schramme, und weg die verzerrte Oberlippe, die dem Gesicht den abschreckenden, hämischen Ausdruck gegeben hatte! Ein fester Griff entfernte das wirre, rote Haar, und vor uns saß auf dem Bette ein blasser, trauriger, fein aussehender Herr, mit schwarzem Haar und zarter Haut, der sich die Augen ausrieb und schlaftrunken um sich blickte. Dann wurde er sich plötzlich seiner Lage bewußt und begrub, laut aufschreiend, sein Gesicht in dem Kopfkissen.

»Großer Gott!« rief der Wachtmeister aus, »das ist ja wirklich der Vermißte. Ich erkenne ihn der Photographie nach.«

Der Gefangene wandte sich mit der Gelassenheit eines Menschen, der sich in sein Geschick ergibt um. »So sei es denn«, sprach er. »Und nun, bitte, sagen Sie mir, wessen beschuldigt man mich?«

»Herrn Neville St. Clair auf die Seite geschafft zu haben – doch wahrhaftig, dessen kann man Sie nicht mehr bezichtigen, es wäre denn, daß das Gericht eine Anklage auf versuchten Selbstmord aus dem Falle machen wollte«, sagte der Wachtmeister lachend. »Seit siebenundzwanzig Jahren bin ich jetzt im Dienste, doch so etwas ist mir noch nicht vorgekommen.«

»Wenn ich Neville St. Clair bin, so liegt es klar zu Tage, daß ich keinen Mord begangen habe, wohl aber, daß man mich widerrechtlich hier festhält.«

»Kein Verbrechen, wohl aber ein großer Irrtum hat hier stattgefunden«, sprach Holmes. »Sie hätten besser daran getan, Ihrer Frau zu vertrauen.«

»Nicht um meiner Frau, sondern um meiner Kinder willen ist’s geschehen«, stöhnte der Gefangene. »Wahrhaftiger Gott, sie sollten sich nicht ihres Vaters wegen schämen müssen. O Gott, welche Schmach! Was kann ich machen?«

Sherlock Holmes setzte sich zu ihm aufs Bett und legte ihm freundlich seine Hand auf die Schulter.

»Wenn Sie es dem Gerichtshof überlassen, die Sache zu erledigen«, sagte er »so wird sie natürlich an die Öffentlichkeit kommen. Vermögen Sie dagegen der Polizeibehörde zu beweisen, daß keinerlei Grund zu einer Anklage gegen Sie vorliegt, so weiß ich nicht, wie diese Geschichte ihren Weg in die Presse finden sollte. Wachtmeister Bradstreet wird gewiß bereit sein, alles niederzuschreiben, was Sie uns sagen wollen, und hernach Ihre Aussagen der betreffenden Behörde mitteilen. Auf diese Weise gelangt dann der Fall gar nicht an den Gerichtshof.«

»Gott segne Sie!« rief der Gefangene leidenschaftlich aus. »Gefängnis, ja Hinrichtung hätte ich eher ausgehalten, als daß ich mein erbärmliches Geheimnis verraten und Schande über meine Kinder gebracht hätte.

Sie sind die ersten, denen ich meine Geschichte erzähle.

– Mein Vater war Schullehrer in Chesterfield, wo ich eine ausgezeichnete Erziehung erhielt. In meiner Jugend machte ich Reisen, ging zur Bühne und wurde schließlich Berichterstatter für ein Londoner Abendblatt. Eines Tages wünschte der Leiter unserer Zeitung einige Artikel über das Bettlertum in London, und ich verpflichtete mich, sie ihm zu liefern. Dies war der Ausgangspunkt für alle meine Abenteuer. Nur wenn ich das Bettlerhandwerk selbst versuchte, konnte ich ja das nötige Material für meine Artikel erhalten. Als Schauspieler war ich natürlich in alle Geheimnisse der Verkleidung eingeweiht, ja, ich war seiner Zeit unter meinesgleichen wegen meiner Verstellungskunst berühmt gewesen. Jetzt kam mir meine Geschicklichkeit zu gute. Ich schminkte mir das Gesicht, und um mich so bemitleidenswert als möglich zu machen, malte ich mir eine tüchtige Schramme hin und zog die Oberlippe mit einem schmalen Streifen fleischfarbenen Heftpflasters in die Höhe. Des weiteren noch mit einer roten Perücke und entsprechender Kleidung ausgestattet, stellte ich mich im belebtesten Stadtteil auf, zum Schein als Streichholzhändler, in Wahrheit aber als Bettler. Sieben Stunden lag ich meinem Geschäfte ob, und als ich am Abend heimkehrte, entdeckte ich zu meiner Überraschung, daß ich nicht weniger als sechsundzwanzig Schilling und vier Pence ersammelt hatte.

Ich schrieb meine Artikel und dachte wenig über die Sache nach, bis ich bald darauf für einen Freund einen Wechsel von 25 Pfund, den ich unterschrieben hatte, einlösen mußte. Ich war völlig ratlos, wo ich das Geld auftreiben sollte, da kam mir plötzlich ein rettender Gedanke. Mein erstes war, den Gläubiger um vierzehn Tage Verlängerung anzugehen, dann erbat ich mir Urlaub und verbrachte diese Zeit in meiner einstigen Verkleidung als Bettler in der Stadt. In zehn Tagen war das Geld beisammen und meine Schuld bezahlt.

Nun können Sie sich denken, wie schwer es mir ankam, mich wieder zu angestrengter Arbeit mit einem wöchentlichen Gehalt von zwei Pfund zu bequemen, da ich doch wußte, daß mir ein bißchen Schminke, Stillesitzen und die Mütze auf die Erde stellen an einem einzigen Tage ebensoviel eintrug. Zwischen meinem Stolz und meiner Geldgier entstand ein langer Kampf, bei dem schließlich die letztere den Sieg davontrug. So hängte ich denn die Zeitungsschreiberei an den Nagel und saß Tag für Tag in der Ecke, die ich mir gleich zu Anfang ausersehen hatte, erregte durch mein jammervolles Aussehen Mitleid und füllte meine Taschen mit Kupfermünzen. Nur ein einziger Mensch wußte um mein Geheimnis. Er war Inhaber einer elenden Kneipe in der Swandamstraße, wo ich einkehrte, um von dort jeden Morgen als schmutziger Bettler hervorzugehen und mich abends wieder zum wohlanständigen Städter umzuwandeln. Dieser Mensch, ein eingewanderter Malaie, wurde von mir für sein Zimmer gut bezahlt, und somit wußte ich, daß mein Geheimnis bei ihm wohl verwahrt blieb.

Sehr bald zeigte es sich, daß ich ganz bedeutende Summen einnahm. Ich glaube kaum, daß jeder Straßenbettler in London siebenhundert Pfund im Jahr zusammenbringen kann – und dies ist weniger als meine Durchschnittseinnahme betrug –, aber mir kam der Umstand zu statten, daß ich mich außergewöhnlich gut herrichten konnte und stets eine schlagfertige Gegenrede bereit hatte, eine Fähigkeit, die mit der Zeit zunahm, so daß ich schließlich zu einer stadtbekannten Persönlichkeit wurde. Eine Menge Kupfermünzen, mit Silberstücken gemischt, flossen mir im Laufe des Tages zu, und schlecht war die Einnahme, wenn sie einmal unter zwei Pfund betrug.

Mit dem Reichwerden nahm auch der Ehrgeiz zu. Ich bezog ein Landhaus, heiratete sogar, und niemand hatte eine Ahnung von meiner eigentlichen Beschäftigung. Meine gute Frau wußte, daß ich in der Stadt zu tun hatte. Was es aber war, vermutete sie nicht.

Letzten Montag hatte ich mein Tagewerk eben beendigt und kleidete mich in meinem Zimmer über der Opiumkneipe um, als ich aus dem Fenster sah und zu meinem Staunen und Entsetzen bemerkte, daß meine Frau auf der Straße stand und mich fest ins Auge gefaßt hatte. Ich stieß einen Schrei der Überraschung aus, erhob die Hände, um mein Gesicht zu verhüllen, und stürzte zu dem Wirt, meinem Vertrauten, um ihn anzuflehen, doch ja niemand einzulassen. Wohl hörte ich ihre Stimme von unten, doch wußte ich, daß sie nicht heraufkommen könne. Schnell warf ich meine Kleider von mir, zog mein Bettlergewand an, schminkte mich und stülpte die Perücke auf. Selbst das Auge der eigenen Frau vermochte diese vollständige Verwandlung nicht zu durchschauen. Aber dann fiel mir ein, daß das Zimmer durchsucht werden und die Kleider mich verraten könnten. Eilig riß ich das Fenster auf, und bei dieser heftigen Bewegung öffnete sich eine kleine Wunde wieder, die ich mir an jenem Morgen in meinem Schlafzimmer zugezogen hatte. Dann ergriff ich meinen Rock, beschwerte ihn mit den Kupfermünzen, die ich aus der Ledertasche nahm, in der ich mein Erworbenes wegzutragen pflegte, und schleuderte ihn zum Fenster hinaus, wo er in der Themse verschwand. Die anderen Kleidungsstücke sollten folgen, aber im selben Augenblick hörte ich von der Treppe her das Nahen von Schutzleuten, und wenige Minuten nachher wurde ich zu meiner großen Erleichterung, ich muß es bekennen, anstatt als Neville St. Clair erkannt zu werden, als dessen Mörder festgenommen.

Es wird wohl kaum weiterer Aufklärungen bedürfen. Ich war fest entschlossen, meine Maske so lange als möglich beizubehalten, und daher also kam meine Vorliebe für das schmutzige Gesicht. Da ich wohl wußte, daß meine Frau entsetzlich in Angst sein würde, zog ich meinen Ring ab und vertraute ihn dem Malaien in einem Augenblick an, als mich gerade kein Polizeimann beobachtete, zugleich mit einem eiligst beschriebenen Fetzen Papier an meine Frau, der ihr sagen sollte, daß kein Grund zur Sorge vorliege.«

»Dieser Zettel erreichte sie erst gestern«, sagte Holmes.

»Großer Gott! Welche angstvolle Woche muß sie verbracht haben!«

»Die Polizei hat den Wirt bewacht«, erklärte der Wachtmeister, »und ich kann mir wohl denken, daß es ihm schwer genug geworden ist, den Brief unbeobachtet zur Post zu bringen. Wahrscheinlich hat er ihn irgend einem Matrosen seiner Kundschaft übergeben, der ihn wohl ein paar Tage lang vergessen haben mag.«

»Ja, ja, sagte Holmes mit zustimmendem Kopfnicken, »ohne Zweifel war es so. Doch, sind Sie nie wegen Bettelns belangt worden?«

»Freilich, oftmals; aber was kümmerte mich eine Geldstrafe?«

»Doch hiemit muß es nun ein für allemal vorbei sein«, sagte Bradstreet. »Soll die Polizei diese Geschichte tot schweigen, so darf es keinen Hugo Boone mehr geben.«

»Das habe ich mir selbst bei dem heiligsten Eide, den ein Mann leisten kann, zugeschworen.«

»In diesem Falle halte ich es für wahrscheinlich, daß keinerlei weitere Schritte geschehen werden. Doch sollten Sie je wieder beim Betteln betroffen werden, dann muß alles an den Tag kommen. Ihnen, Herr Holmes, sind wir für Aufklärung der Sache zu großem Dank verpflichtet. Es würde mich interessieren zu erfahren, wie und auf welchem Wege Sie zu Ihren merkwürdigen Schlußfolgerungen gelangten.«

»Zu den vorliegenden bin ich dadurch gelangt, daß ich mich auf fünf Kissen setzte und eine gute Portion Tabak verrauchte. – Wir wollen jetzt nach der Bakerstraße fahren, Watson, ich denke, wir kommen gerade noch recht zum Frühstück.«

Eine Uhr sandte elf tiefe Schläge in die Nacht, als Doktor Watson mit seiner Erzählung fertig war. Und ein kleiner Vogel draußen in den Büschen schrie im Schlaf. Ein leichter Wind strich durch die Bäume. Doktor Hull trat unter die geöffnete Türe zum Garten und tat ein paar tiefe Atemzüge.

»Manchmal liest man solch eine kleine Notiz in der Zeitung von einem reichgewordenen Bettler«, bemerkte er. »Aber meist glaubt man es nicht oder hält es wenigstens für eine übertriebene Sache. Man erfährt eben nur die fertige Tatsache – Ihre Erzählung aber, lieber Doktor, hat uns einen dieser merkwürdigen Fälle in seiner ganzen Entwicklung aufgezeigt.«

»Was mich so besonders angesprochen hat«, erklärte Frau Watson, »ist, daß Herr Holmes einen Menschen nie seine Fehler und Irrtümer büßen läßt, daß er anerkennt, daß die Strafe ja im Tun selbst lag. Er weckt vielmehr das Gewissen und Verantwortungsgefühl eines Menschen und gibt ihm – wenn er überzeugt ist, daß der Mensch auch die Kraft zur Durchführung haben wird – stets die Möglichkeit zum Wiedergutmachen oder zu einem neuen Leben. Es geht Sherlock Holmes nie um sich, nicht um äußere Ehre, in der befriedigenden Lösung eines Falles findet er seinen Lohn.«

»Darüber will ich Ihnen zum Schluß noch ein kleines Beispiel geben«, sagte Doktor Watson. »Es ist die Geschichte des blauen Karfunkels.«

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.