Der liberale Republikaner.

In der nationalen liberal-republikanischen Bewegung von 1872 nahm Carl Schurz von Anfang an eine führende Stellung ein. Sein von der Partei unabhängiger Erfolg in Missouri, seine glänzenden Leistungen im Senat, der sittliche Ton und geistige Gehalt der Reden und Artikel, durch die er auf die öffentliche Meinung einzuwirken suchte, hatten ihm als Volksredner und Journalist den Beifall vieler denkender Männer in allen Teilen des Landes eingetragen. Viele Tausende der besten Deutschamerikaner blickten schon seit langem mit Stolz zu ihm auf und hörten in politischen Angelegenheiten gerne seinen freundschaftlichen Rat.

Im Sommer und Herbst 1871 nahm seine journalistische Tätigkeit als Redakteur in St. Louis Schurz’ Zeit fast ganz in Anspruch, aber einige politische Reden, besonders eine, Anfang August in Chicago, und eine andere, Ende September in Nashville gehaltene, brachten etwas Abwechslung in das ruhige Leben.

Die Rede in Chicago, die er am 12. August 1871 vor den dortigen Deutschen hielt, offenbart das Geheimnis seines gewaltigen Einflusses auf die Deutschamerikaner: hier sprach ein Mann, der seinen Zuhörern nicht die eigenen Überzeugungen aufzuzwingen, sondern sie vor allem zum Selbstdenken in politischen Fragen anzuregen suchte. Besonders die folgende Stelle ist charakteristisch für Carl Schurz als Volksredner, und sie ist von besonderem Werte, da sie zeigt, wie seine warme Liebe zum alten Vaterlande sich widerspruchslos mit den Gefühlen der Liebe und Pflicht gegenüber der neuen Heimat einte.

»Die große Seele Deutschlands, die viele Menschenalter hindurch wie ein Gespenst in der Weltgeschichte umging, hat endlich wieder einen Körper gefunden, gewaltig wie sie selbst. Die blinkende Helmspitze der Germania ist sichtbar von allen Punkten des Erdballs, und ein Gefühl, welches der Deutsche lange nicht gekannt, durchströmt jetzt jede deutsche Brust in allen Landen: das stolze freudige Gefühl, das Kind einer großen Nation zu sein. Es ist ein schönes, erhebendes, gerechtes Gefühl; möge es eine edle Frucht tragen. Möge es in dem Herzen eines jeden Deutschen nicht das Strohfeuer eitler, knabenhafter Überhebung entzünden, sondern das ernste Bewußtsein unsrer Pflicht, uns der großen Mutter würdig zu zeigen. Und nirgends ist diese Pflicht gebieterischer als hier, wo der Deutsche als Bürger eines großen Gemeinwesens, im Vollgenuß aller Rechte, die ein freier Mann besitzen kann, die unbeschränkteste Gelegenheit hat, von seinem wahren Werte Zeugnis abzulegen.

Nichts könnte mir ferner liegen, als der Gedanke an eine gesonderte politische Organisation der Deutschen in dieser Republik. Hier sind wir amerikanische Bürger, nicht mehr und nicht weniger. Und der deutsche Stolz soll uns hier nur zu dem Entschluß begeistern, zu den besten der amerikanischen Bürger zu zählen. Wir haben keine Sonderinteressen hier, wir sollen keine Sonderzwecke haben. Unsere Interessen sind keine andern, als die der Allgemeinheit; unsere Zwecke sollen keine andern sein als die des öffentlichen Wohles. Und in der Tat, wir können mit stolzer Genugtuung auf die Tatsache hinweisen, daß in der Stunde des Unglücks wie des Glücks unser neues Vaterland an seine Kinder niemals eine Forderung gestellt hat, welche nicht die deutschen Bürger im vollsten Maße mit Gut und Blut erfüllt hätten. Und mehr als das. Als die gewaltigen Ereignisse, welche in der alten Welt unsre Väter und Brüder unter die Waffen riefen, auch in diesem Lande die eingeborene Liebe zur alten Heimat zur hellen Flamme anfachten, da hat selbst diese mächtige Sympathie des Bluts niemals einen Ausdruck gesucht, der den Gesetzen dieser Republik zuwider gewesen wäre. Selbst damals vergaßt ihr keinen Augenblick, daß ihr amerikanische Bürger waret, und was die erste Pflicht des amerikanischen Bürgers ist. Und was wir in der Vergangenheit bewährt haben, das wollen wir in der Zukunft nicht verleugnen. Die amerikanische Republik wird ihre deutschgebornen Bürger stets zu ihren treuesten, gesetzliebendsten und opferwilligsten Kindern zählen, und dieser Treue wird unser nationaler Ursprung nie im Wege sein.

Was aber den Deutschen besonders zu einem treuen Bürger dieser Republik macht, das ist die Tatsache, daß auf diesem Boden sich das Feld bietet, wo die alte germanische Freiheitsidee ihre vollste Verwirklichung finden kann. Und keinem Fremdgeborenen wird es leichter als uns, die hindernden Traditionen alter und fremder Verhältnisse abzustreifen und sich in das Wesen des freien Staates einzuleben, denn jeder von uns brachte, wenn auch nur im Keime schlafend, jene alte germanische Freiheitsidee mit sich hierher.

Ich sagte, die neue stolze Stellung des deutschen Volkes solle vor allem in uns das Bewußtsein der Pflicht entzünden, uns der großen Mutter würdig zu erweisen. Zeigen wir denn, daß wir als intelligente, überzeugungstreue und tatkräftige Werkleute bei dem Ausbau eines freien und sittlichen Staatslebens mitzuarbeiten verstehen. Und wenn ich jetzt auf die Bewegung blicke, die sich in allen Kreisen des Deutschtums geltend macht, in allen Teilen der Republik, und deren Symptome sich unverkennbar in der öffentlichen Stimme kundgeben, so wird mir täglich klarer, daß die Masse der deutschen Bürger bereits im Geiste in die Reihen derer getreten ist, welche die Wahrheit ehrlich zu erkennen streben und nach bester Erkenntnis handeln wollen.

Die große Mehrheit der Deutschen hat ja ohnehin der sogenannten praktischen Politik, d. h. der selbstsüchtigen Ausbeutung der von einer Partei gewonnenen Vorteile immer ferner gestanden als die meisten andern Klassen. Es gibt allerdings Leute unter ihnen – und leider für die Ehre des deutschen Namens schon zu viele – welche die Ausbeutungspolitik auch verstehn und auszuüben wissen. Aber sie sind doch nur ein kleiner fauler Fleck aus einem großen gesunden Körper. Es ist doch wahr, daß im ganzen die Deutschen nicht als Soldknechte, sondern als Freiwillige in der Politik stehn, die ehrlich das Beste wollen und mit dem politischen Treiben nicht durch das Motiv des gemeinen Eigennutzes verknüpft sind. Der gewissenhafte, unabhängige Geist lebt in ihnen; geben Sie ihm die Tatkraft, die ihn fruchtbar macht.

Und wie das? Lassen Sie mich wiederholen, was ich seit dem Beginn meiner öffentlichen Wirksamkeit vor meinen Landsleuten schon Hunderte von Malen ausgesprochen habe. Ich sage euch nicht: Folgt mir! Glaubt blindlings meinen Worten! Aber ich sage euch: Folgt niemandem blindlings! Vertraut nicht, sondern denkt! Schafft euch in dem Widerstreit der Meinungen mit gewissenhafter Sorge die eigene Überzeugung! Wenn ihr aber diese Überzeugung gewonnen habt, so fordere ich von euch, habt auch den Mut, als freie Männer danach zu handeln. Nicht daß wir alle immer gleich denken und handeln, sondern daß wir alle immer ehrlich denken und handeln, wird uns einen segensreichen Einfluß auf die Geschicke dieses Landes geben. Wenn alle Leute handelten wie sie denken, so würde mir um die Zukunft der Republik nicht bange sein. Ich bin auch fern davon euch zu sagen: Brecht sofort aus den Reihen aller Organisation, wenn nicht jede Einzelheit genau nach eurem Kopfe geht! Aber ich sage euch: Halten wir unbeugsam an den großen Grundsätzen fest, und opfern wir sie nie für einen Parteivorteil! Gehören wir zu denen, welche ohne Vorurteil die Wahrheit suchen Und ohne Furcht die Wahrheit sagen, welche durch ihre sittliche Haltung den Politiker überzeugen, daß sie für nichts, was ihrem ehrlichen Rechtsgefühl widerspricht, zu haben sind; und scheuen wir uns nicht, im entscheidenden Augenblick durch die entschlossene Tat die Probe darauf zu machen!

Das ist die Art der Unabhängigkeit, welche die politische Atmosphäre reinigen und den drohendsten Gefahren unseres politischen Lebens mit Erfolg begegnen kann.«

Die Rede in Nashville bedeutete den Anfang einer Agitation, durch die Carl Schurz eine tiefgreifende Veränderung im ganzen politischen Leben herbeizuführen hoffte. Eine Reform der republikanischen Partei an Haupt und Gliedern erschien ihm unmöglich, da die Organisation ganz in den Händen der Beamten war und nur selbstsüchtigen Interessen diente, und ebensowenig war an eine gründliche Umgestaltung der demokratischen Partei zu denken. So hieß es denn eine dritte Partei ins Leben rufen, die die besten Elemente aus beiden alten Parteien an sich ziehen und die Demokraten und die Verfechter der »persönlichen Regierung« bei den Wahlen schlagen sollte. Das Programm. der neuen Partei enthielt als wichtigste Forderungen die sofortige Aufhebung aller gegen die Weißen in den Südstaaten gerichteten Wahlrechtsbeschränkungen, die volle Durchführung des Selbstbestimmungsrechtes der Staaten und Kommunen, die »Reform des Zivildienstes« und die Zolltarifreform. Die geplante Bewegung, wie sie diesem unermüdlichen Reformer vorschwebte, war in der Tat »des Schweißes der Edlen wert«. Sein Ideal war eine gewaltige sittliche Volkserhebung von solcher Macht und solchem Umfange, daß die bestehenden »Parteimaschinen« samt aller Korruption und allen Mißbräuchen, die sie großgezogen, weggefegt würden und eine neue politische Ordnung der Dinge an ihre Stelle träte. Da sollten denn Intelligenz, Ehrlichkeit und Fähigkeit die ihnen gebührende Stelle in der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten finden, und Prinzipien, nicht Personen, die Grenzlinien zwischen den Parteien ziehen. In diesem Evangelium einer idealen Organisation gipfelten alle Reden, die Carl Schurz im Interesse der liberalen Bewegung hielt. Und doch verlor er nie auf lange den festen Boden der Tatsachen unter den Füßen und bewies ebensoviel Scharfblick und Wirklichkeitssinn wie die gewiegtesten Realpolitiker unter seinen Kollegen, wenn er in Versammlungen und im Briefwechsel auf praktische Mittel zur Förderung der Reform drang.

In Nashville gründete er« den ersten Verein, der sich zu dem neuen Programm bekannte, und bald darauf schrieb er an Sumner, er hoffe während des Winters in allen Teilen des Südens und“auch des Nordens ähnliche Vereine entstehen zu sehen. Er rechne dabei auf die Republikaner, die nicht durch die Aussicht auf eine Anstellung bestochen oder durch dszen Druck der Regierung eingeschüchtert seien. Was die Demokraten angehe, so sei eine große Anzahl der Südstaatler, besonders unter den jüngern Männern, der alten Führer überdrüssig, und Grant ihnen natürlich verhaßt. Sie hegten den aufrichtigen Wunsch, die neue Ordnung der Dinge in jeder Hinsicht zu unterstützen, wenn man sie mit Billigkeit behandle. Im Westen aber lasse sich ein ähnlicher Zersetzungsprozeß in der demokratischen Partei beobachten, besonders in Missouri sei diese nach den Wahlen im Herbst 1870 als Organisation völlig aufgelöst. Das schlimmste Übel, das man bekämpfen und besiegen müsse, sei jener Parteigeist, der alles zu eigennützigen Zwecken ausbeuten wolle, und der eine Art Terrorismus geschaffen habe, dem sich nur zu viele fügten.

Der erste bedeutsame Schritt zur Verwirklichung der von Schurz geplanten nationalen Bewegung geschah auf einer großen liberalrepublikanischen Massenversammlung, die am 24. Januar 1872 in Jefferson City, Missouri, stattfand. Diese forderte in einer Reihe von Resolutionen, die republikanische Partei solle die Amnestie der »Rebellen«, sowie die Reform des Zolltarifs und des Zivildienstes in ihr Programm aufnehmen, und sie lud alle Republikaner, die diese Reformen befürworteten, zu einem nationalen Massenkonvent in Cincinnati am 1. Mai. Schurz stand selbstredend mit dieser Versammlung in enger Fühlung und sah darin das beste sich darbietende Mittel zur Förderung des Zieles, das ihm vorschwebte. Die Zusammenkunst in Jefferson City stand aber keineswegs über den Parteien. Es wurde in den Verhandlungen nachdrücklich als Zweck hingestellt, die Bewegung zu einer ausgesprochen republikanischen zu machen, und so den regulären Parteikonvent zur Aufstellung eines andern Kandidaten als Grant zu zwingen. In Cincinnati tatsächlich einen eigenen Kandidaten zu nominieren, war nach dem Urteil einflußreicher Liberaler weder notwendig noch wünschenswert. Alles was man bezweckte, war eine so imposante Kundgebung im reformfreundlichen Sinne, daß die Anhänger Grants zur Überzeugung gedrängt würden, die Wiederaufstellung des Präsidenten bedeute die Niederlage der Partei bei den bevorstehenden Wahlen. Aber als letzter Rückhalt blieb immer noch die Möglichkeit, dem im Jahre 1870 von Miissouri gegebenen Beispiele zu folgen und, wenn die Freunde Grants sich verstockt zeigten, einen Kandidaten zu nominieren, der auf die Stimmen der Demokraten rechnen könnte.

Dieses letzte Auskunftsmittel war wenig nach Schurz’ Sinne. Sein Mißtrauen gegen die Demokraten als Partei war stark und tiefgewurzelt. In Missouri hatte ihn nach dem Siege von 1870 die Wahl Frank Blairs, eines besonders radikalen Demokraten, zum Kollegen im Senat mit großem Mißbehagen erfüllt. Daß die Demokraten einen so hohen Preis für ihr Zusammengehen mit den Liberalen gefordert hatten, bestärkte Carl Schurz nur in seiner Überzeugung, auf Fortschritt mit Hilfe der alten Partei sei nicht zu rechnen. Er hoffte aber, die Organisation werde sich auflösen und ihre liberalgesinnten Mitglieder sich der Reformpartei an schließen.

Um Mitte April war es den Gutunterrichteten klar, daß die »Grant-Republikaner« entschlossen waren, auf der Wiederaufstellung ihres Führers zu bestehen, obschon sie sich durch die »Cincinnati-Bewegung« ernstlich beunruhigt fühlten. Die Beitrittserklärungen zur liberalen Sache waren nach Zahl und Einfluß höchst eindrucksvoll, viele Republikaner von Ruf hatten die Einladung nach Cincinnati unterzeichnet. Aber eine Anzahl anderer, ebenso hervorragender Mitglieder der Partei, wie z. B. George W. Curtis und Charles Sumner, deren Hingebung an die höchsten politischen Ideale über allen Zweifel erhaben war, hatten sich der Bewegung nicht angeschlossen. Überdies war die große Masse der Partei, die Grant im Jahre 1868 gewählt hatte, keineswegs von der Aufforderung erbaut, ihren Helden fallen zu lassen. Unter diesen Umständen blieb den Reformern nichts übrig, als in Cincinnati wirklich einen Kandidaten aufzustellen und sich für den Erfolg bei den Wahlen auf den Beistand der Demokraten zu verlassen.

Carl Schurz war diese Wendung der Dinge höchst unwillkommen, denn sie drängte naturgemäß die Diskussion über politische Prinzipien in den Hintergrund, da die Personenfrage nun das eigentliche Interesse der Versammlung in Anspruch nehmen mußte. Während sich die Mehrzahl seiner Freunde lebhaft und eifrig für die Aufstellung des einen oder andern Kandidaten verwandte, vermied es Schurz, öffentlich zu dieser Frage Stellung zu nehmen; er strebte einzig danach, den Konvent von allen niedrigen Machenschaften und Einflüssen, die gewöhnlich solche Versammlungen kennzeichnen, frei zu halten, und die Nominierung jedes Kandidaten zu verhindern, dessen politisches Vorleben und Charakter nicht die höchsten Ideale des Republikanismus und der Reform verkörperten.

Die Liberalen kamen am 1. Mai in Cincinnati zusammen. Wie Horace White damals an Trumbull schrieb, war Carl Schurz »der Führer und geistige Leiter dieser ganzen Bewegung«. Aber auch Männer und Interessen, denen die Ziele und Ideale des Führers fremd waren, hatten sich der Bewegung angeschlossen, und diese störenden Elemente machten sich von Anfang an sehr bemerkbar. Gegen den Geist der Intrige und kleinlichen Eifersucht, den sie verrieten, legte Carl Schurz beredten Protest ein. Er war zum Vorsitzenden des Konvents gewählt worden und hielt am 3. Mai eine Rede, die in den Annalen der politischen Versammlungen wohl einzig dasteht. Alle reichen Hilfsmittel seiner Rednergabe verwandte er darauf, bei seinen Zuhörern eine hohe Auffassung ihrer Aufgabe lebendig zu erhalten. Nach einer beredten Verurteilung der Regierung und einem Lobspruch auf die Reformer warnte er diese vor einem Verhalten, das alles bisher Errungene wieder in Frage stellen müsse. »Die Sache der Reform empfängt den Todesstreich«, erklärte er, »wenn wir versuchen, diese Bewegung durch Anwendung der alten Kniffe politischer Mache zu beherrschen und auszunützen, oder wenn wir unsern Eifer in kleinlichen Zänkereien und selbstsüchtigen Bestrebungen verzetteln. Wir müssen den reinsten und edelsten Eingebungen der Volkserhebung, die uns hierher geschickt hat, gehorchen. Keine rein persönlichen Erwägungen dürfen den Ausschlag geben. Ich mißbillige aufs entschiedenste den Ruf, den wir so oft gehört haben: Jeden Kandidaten, wenn wir nur Grant schlagen! Wir erstreben noch etwas mehr als die Niederlage Grants.« Er bat den Konvent, sich bei der Entschließung über einen Kandidaten nicht bloß durch den Umstand bestimmen zu lassen, daß dieser Aussicht habe, bei den Wahlen durchzukommen. Seltene Intelligenz im Verein mit seltenen Charaktereigenschaften müsse man verlangen; nicht nur ein ehrlicher und populärer Mann, sondern ein Staatsmann sei nötig. Bei der Suche nach einem solchen müsse man die schnöden Machenschaften verachten, die zum Schaden der Republik so oft politische Körperschaften beherrscht hätten; denn diese seien der großen Sache unwürdig. Persönliche Freundschaft und Lokalpatriotismus müßten, so achtungswert sie an und für sich seien, hinter der Pflicht gegen das Gesamtvaterland und der Verantwortlichkeit für seine Zukunft zurücktreten.

Vergebens appellierte Schurz an den Konvent Der Geist, den er zu bannen suchte, beherrschte viele der Delegierten, die sich nicht zu den hohen Idealen des Vorsitzenden aufzuschwingen vermochten. Vier Namen waren in den dem Konvent vorangehenden Besprechungen über die Präsidentschaftskandidatur besonders häufig genannt worden: Charles Francis Adams, Lyman Trumbull, Horace Greeley und David Davis. Von diesen erfüllten nach Schurz’ Ansicht nur zwei, Adams und Trumbull, in jeder Beziehung die hochgestellten Ansprüche, aber Greeley und Davis fanden bei vielen der geschäftigen Macher, deren Gesinnung und Verfahren Carl Schurz eben gegeißelt hatte, Unterstützung. Einflußreiche Demokraten hatten ihm zwar persönlich die Versicherung gegeben, daß Adams, falls er in Cincinnati aufgestellt würde, den Demokraten genehm sein werde, aber die Freunde Greeleys behaupteten nachdrücklich, nur ihr Kandidat könne auf die Unterstützung der Demokraten rechnen. Unter den Delegierten, die New York und Pennsylvanien in den Konvent geschickt hatten, befanden sich viele, denen einzig und allein daran lag, sich an Grant zu rächen, weil er sich in dem Streite, der in den beiden Staaten innerhalb der republikanischen Partei entbrannt war, für ihre Gegner, Conkling und Cameron, entschieden hatte. Diese Delegierten, die in den erbitterten Kämpfen des Parteigetriebes grau geworden waren, dachten keinen Augenblick daran, politisch ein neues Leben anzufangen und den ihnen ungewohnten sittlichen Maßstab anzunehmen, den Schurz und seine Freunde aufgestellt hatten; im Gegenteil, sie fingen sofort an, nach den ihnen geläufigen Methoden für Aufstellung des ihnen genehmen Mannes zu arbeiten. Gratz Brown, Schurz’ früherer Kampfgenosse, trat auf die Seite Greeleys, und dieser wurde schließlich als Präsidentschaftskandidat aufgestellt, während Brown als Belohnung die Nomination zum Vizepräsidenten empfing.

Für Schurz war die Nomination Greeleys eine schwere Enttäuschung. Sie zerstörte mit einem Schlage den ganzen Bau der Reformbewegung, den er mit so vieler Mühe errichtet hatte. Greeley stand als Mann den Idealen, zu denen sich die Liberalen bekannten, geradezu lächerlich fern, und es war allgemein bekannt, daß auch seine politischen Grundsätze ihn von den Liberalen trennten. Um die Unterstützung der Schutzzöllner von New York und Pennsylvanien, deren Wortführer Greeley war, zu erlangen, hatten die Leiter der Liberalen, sehr gegen ihren Willen, den Punkt des »Missouri-Programms«, der auf die Reform des Zolltarifs drang, gestrichen. Der Wahlprogrammausschuß des Konvents gestand offen, daß die Meinungen über diese Frage hoffnungslos geteilt seien. Das war nun freilich himmelweit von dem Standpunkt unbedingter Prinzipientreue verschieden, wie er Carl Schurz vorschwebte. Es war das erste Zugeständnis, das man dem Gedanken machte, es gelte vor allem, sich auf einen Mann zu einigen, den man bei den Wahlen durchbringen könne. Die Nomination Greeleys und die Art, wie sie bewerkstelligt wurde, vollendete die einmal begonnene Abwendung von den Idealen, die Schutz verwirklicht zu sehen hoffte. Am 11. Mai 1872 schrieb dieser an Samuel Bowles, den Redakteur des in Springfield erscheinenden »Republican«: »Noch kann ich nicht ohne tiefen Schmerz an den Ausgang des Konvents in Cincinnati denken. Ich habe ehrlich für die Reform im weitesten Sinne des Wortes gearbeitet. Man sagte mir oft in Cincinnati, daß ich einen ausschlaggebenden Einfluß auf die Auswahl der Kandidaten ausüben könne, und wahrscheinlich war das richtig. Ich tat es aber nicht, denn ich hielt es für einen kleinlichen Ehrgeiz, die Rolle eines Präsidentenmachers zu spielen, und ich hegte den Wunsch, die. Nomination möge als natürliches Ergebnis eines höher gerichteten Gemeingeistes erscheinen und so an Kraft und Wert gewinnen. Alles schien einen glücklichen Verlauf zu versprechen. Und dann sehen zu müssen, wie eine Bewegung, die anscheinend über alle – billigerweise zu hegenden – Erwartungen erfolgreich gewesen war, im entscheidenden Augenblick von einer Clique von Politikern ausgenützt wurde, die am hellen lichten Tage ihren Schacher trieben und die zu eben der Klasse gehörten, die wir zu bekämpfen glaubten; zu sehen, wie man die ganze Bewegung ihres sittlichen Charakters beraubte und zu dem niedrigen Niveau gewöhnlicher politischer Rache herabwürdigte, das, lassen Sie mich Ihnen offen bekennen, war ein schwerer Schlag, und wenn ich als der Unterlegene erscheine, so erhebe ich unter den Umständen keine Einsprache.«

Obschon seine Sache verloren war, wurde Schurz doch die Genugtuung, zu sehen, daß er sich die Bewunderung und Achtung der besten und edelsten Geister der liberalen Bewegung erworben hatte. Von allen Seiten gingen ihm Worte des Lobes für seine Haltung im Konvente und Ausdrücke des Bedauerns über seine Niederlage zu.

Die Nomination Greeleys hatte große Verwirrung unter den liberalen Führern zur Folge. Einige von denen, die sich hervorragend an der Bewegung beteiligt hatten, zogen sich sofort zurück und gaben den Kampf für die Reform auf. Andere wieder, besonders die entschiedeneren Anhänger des Freihandels, fingen an, für einen neuen Konvent und einen neuen Kandidaten zu agitieren. Viele liberale Führer jedoch, wie Samuel Bowles, der Redakteur des »Republican«, und Horace White, der Redakteur der Chicagoer »Tribune«, traten für Greeley ein, freilich ohne viel von der sonst üblichen Wahlkampfbegeisterung zu zeigen. Für die Kandidatur Greeleys machte sich nun aber der Einfluß vieler demokratischer Führer geltend, die, so wenig ihnen Greeley zusagte, doch fühlten, daß sie in der Befürwortung der liberalen Sache zu weit gegangen waren, um jetzt umzukehren, weil ihnen der Kandidat nicht genehm war. Überdies ließen sich aus dem Süden so viele und so einflußreiche Stimmen zugunsten Greeleys vernehmen, daß die demokratische Partei ihn nicht gut ablehnen konnte.

Während der auf den Konvent in Cincinnati folgenden Wochen erklärte sich Carl Schurz, obgleich er mit allen Gruppen der Liberalen dauernd in Berührung blieb, öffentlich weder für noch gegen Greeley. Sein Briefwechsel mit dem Kandidaten war ebenso eigenartig wie seine Rede vor der Versammlung, die diesen nominiert hatte. Am 5. Mai richtete Schurz einen sehr ausführlichen Brief an Greeley, um ihm, wie er erklärte, mit voller Aufrichtigkeit seine Ansichten über die gegenwärtige Sachlage mitzuteilen. Und an Aufrichtigkeit ließ denn auch der Brief nichts zu wünschen übrig. Er rekapitulierte kurz die Geschichte des Handels, den die Parteigänger Greeleys und Browns miteinander abgeschlossen hatten, und gab mit Bedauern der festen Überzeugung Ausdruck, »daß die Erstlinge der großen Reform, die mit so schönen Hoffnungen begonnen hatte, ein erfolgreiches Stückchen politischen Schachers gewesen sei, das nicht verfehlen könne, die ganze moralische Grundlage der Bewegung zu erschüttern. In ihrer gegenwärtigen Gestalt appelliere sie nicht mehr an das höhere sittliche Bewußtsein, das man in Herz und Sinnen des Volkes erweckt zu haben gehofft. Die Frische und der Duft sei dahin, und man sei zum alltäglichen Niveau eines Wahlkampfes politischer Macher hinabgesunken.« Die Folgen dieser Sachlage malte Schurz in den düstersten Farben. Nicht nur die Zolltarifreformer, sondern auch die Deutschen hätten sich nach der Nomination Greeleys wie ein Mann losgesagt. »Die bedeutendsten deutschen Führer im Westen«, schrieb Schurz, »sind nicht bloß verstimmt, sondern fest entschlossen, aus allen Kräften gegen die aufgestellten Kandidaten zu arbeiten. Sie sind taub gegen jedes Argument und nicht gewillt, wie sie sagen, sich zum Opfer und Werkzeug von Frank Blair und New Yorker Politikern herabzuwürdigen . . . . . . Soviel ich weiß, ist mein Blatt (die »Westliche Post«) heute die einzige deutsche Zeitung im ganzen Lande, die sich zugunsten der liberalen Kandidaten erklärt hat.« Über die Aussichten auf einen erfolgreichen Wahlkampf schrieb Carl Schurz nicht sehr hoffnungsvoll. Nach wiederholten Versicherungen des ungeschwächten Zutrauens zu Greeleys persönlicher Ehrenhaftigkeit schloß Schurz mit den Worten: »Ich bin mir noch nicht klar darüber, ob es das Beste ist, in der einmal eingeschlagenen Richtung zu beharren oder ganz von vorn anzufangen? Ich gestehe Ihnen offen, daß ich selbst noch nicht weiß, was ich tun werde. Ich bitte Sie nur zu glauben, daß, wie ich auch immer handeln mag, ich mich nicht von eigennützigen Beweggründen, sondern von aufrichtiger Achtung für Sie und vom strengsten Pflichtgefühl werde leiten lassen. Es würde mich freuen, wenn Sie sich mit derselben Aufrichtigkeit aussprächen, die mir jedes Wort dieses Briefes eingegeben hat.« Der Aufforderung, die dieser Schlußsatz enthielt, entsprach Greeley mit Freimut in folgender Erwiderung:

8. Mai 1872.

Geehrter Herr! Soeben erhalte ich Ihren Brief vom 6. dieses. Ich glaube, ich kann Ihnen vollkommen nachempfinden, was Sie fühlen, denn ich war darauf vorbereitet, daß man mich unter Umständen, die den von Ihnen geschilderten ganz gleich waren, auffordern würde, für Adams oder Davis als Präsidentschaftskandidaten zu stimmen. Ich wußte – und Sie können sich selbst leicht von der Richtigkeit meiner Behauptung überzeugen –, daß diejenigen, die im Süden sich unserer Sache angeschlossen hatten, fast alle für mich waren, und doch waren sie in Cincinnati fast alle durch mir feindliche Delegierte vertreten. Diese repräsentierten das Kapital, das sie nach Cincinnati gebracht hatte, nicht aber die Wähler, die sie daheim zurückgelassen. Und die »Zolltarifreformer« aus jenen Staaten waren überhaupt nicht Republikaner, sondern Schwindler, sie waren seit Jahren keiner republikanischen Versammlung nahegekommen, wenn sie jemals eine solche besucht hatten. Trotzdem war ich bereit, für Kandidaten zu stimmen, bei deren Auswahl man keine Rücksicht auf die Wünsche der Masse der Wähler genommen hatte.

Natürlich bin ich bei der Mehrzahl der Deutschen unbeliebt, nicht so sehr weil ich Schutzzöllner, als weil ich Temperenzler bin. Sie werden nicht so allgemein für mich stimmen, wie sie für Adams oder Trumbull gestimmt hätten. Aber ich rechne in Illinois doch auf 75 000 republikanische Stimmen und also auf die Stimmen des Staates im Wahlkollegium. Selbst wenn uns Illinois verloren geht, hoffe ich, werden wir auch so siegen. New York, Connecticut, New Hampshire, New Jersey und fast der ganze Süden sind uns sicher. Ich rechne auf einigen Beistand im Nordwesten; bleibt dieser aus, so müssen wir ohne das fertig werden.

Von Anfang an habe ich mich ganz entschieden geweigert, mich auf Vereinbarungen oder einen Schacher irgendwelcher Art einzulassen. Man legte mir derlei von verschiedenen Seiten nahe, ich wies das aber mit Verachtung zurück. Deshalb konnte ich mir auch nicht vorstellen, daß meine Kandidatur durchgehen würde, da die Delegierten aus dem Süden die Stimmung der Wähler ganz schamlos mißachteten.

Ich wünschte, daß in allen unseren späteren Besprechungen das Wort Freihandel Ihnen so genehm wäre wie Zolltarifreform; das erste hat eine ganz bestimmte Bedeutung, das zweite scheint mir eine leere Phrase.

Wenn ich mir erlauben dürfte, Ihnen einen Rat zu geben, so möchte ich sagen: Warten Sie! Nehmen Sie sich-Zeit zum Nachdenken und zur Besprechung. Ich glaube zuversichtlich, daß wir alle nach reiflicher Überlegung die richtigen Beziehungen zueinander finden werden.

Mit vielem Dank für Ihr persönliches Wohlwollen und Ihre Freundlichkeit verbleibe ich ergebenst

Ihr Horace Greeley.

Aus diesen ersten Briefen und aus andern darauf folgenden ging immer deutlicher hervor, daß die »Aufrichtigkeit«, welche sie kennzeichnete, nicht dazu angetan war, einen besonders hohen Grad der Übereinstimmung zwischen dem Kandidaten und dem liberalen Führer zu entwickeln – zwischen dem Manne, dessen Nomination das Ergebnis eines »politischen Schachers« war, und dem andern, dessen Verlangen nach Zolltarifreform eine »leere Phrase« war und der von »Schwindlern« in diesem Verlangen unterstützt wurde. Am 18. Mai schrieb Schurz, die Aussichten für Greeleys Erfolg seien sehr ungünstig; es werde bald eine zweite liberal-republikanische Wahlliste aufgestellt werden, und Greeley solle die Annahme der Nomination von Cincinnati hinausschieben, bis sich die Dinge besser übersehen ließen. Aber Greeley sah die Dinge in einem ganz andern Lichte als Schurz und erklärte in seiner Antwort: «Ich werde unbedingt annehmen.«

Unterdes machten es sich die Freunde von Carl Schurz und Greeley zur Aufgabe, den Bruch zu heilen, den die »Aufrichtigkeit« des Briefwechsels zwischen den beiden Männern beständig vergrößerte, und über den Erfolg dieser Bemühungen konnte dann Horace White am 9. Juni an Schutz berichten.

Was Carl Schurz in seinem Briefe vom 18. Mai über die Aufstellung anderer liberaler Kandidaten gesagt hatte, bezog sich auf eine Konferenz, die Von Männern in Aussicht genommen war, die mit den in Cincinnati aufgestellten Kandidaten unzufrieden waren. Eine von Schurz und andern unterzeichnete Einladung zu dieser Konferenz führte am 20. Juni einige sechzig Männer im Fifth Avenue Hotel in New York zusammen. Eine rückhaltlose Aussprache, in der die Sachlage von allen Seiten beleuchtet wurde, machte es klar, daß die vorherrschende Meinung dahin ging, Greeley sei als Kandidat zu akzeptieren. Diese Meinung fand kräftige Unterstützung in einer Rede von Schurz, die den Abschluß der Konferenz bildete. Er war zu der Überzeugung gelangt, daß nach dem schmerzlichen und peinlichen Ergebnis des Konvents in Cincinnati jede Möglichkeit, durch die bevorstehenden Wahlen eine ideale Reform zu erlangen, ausgeschlossen sei, und daß es sich nun nur noch um die rein praktische Frage handeln könne: Welcher von zwei unbefriedigenden Kandidaten gewährt bei der späteren Präsidentenwahl des Jahres 1876 einer wahren Reformbewegung größere Aussicht auf Erfolg? Auf diese Frage aber laute die Antwort unzweifelhaft: Greeley.

Im Sinne dieser Erklärung hielt Carl Schurz während des Wahlkampfes eine Anzahl Reden. Diese kämpften begreiflicherweise mehr gegen Grant, als für Greeley, und es fehlte ihnen an jenem Schwung, den ein anderer Kandidat und eine hoffnungsvollere Sache ihnen geliehen hätte. Für Schurz kam der überwältigende Sieg Grants nicht unerwartet; er nahm ihn mit philosophischem Gleichmut hin und ließ sich in der Hingebung an die Ideale der Reform, denen sein Herz gehörte, auch nicht einen Augenblick wankend machen.

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