Der Krieg ist aus

Nachdem die Wahl vorüber war, meldete ich mich beim Kriegsministerium zu weiterem Dienst. Es waren verschiedene Pläne im Werke, um die durch Verluste und Krankheit furchtbar gelichteten Reihen der Armee, die Grant zu den Operationen vor Richmond benutzt hatte, wieder zu vervollständigen. Einer bestand darin, ein »Veteranenkorps« zu organisieren, das aus Soldaten bestehen sollte, die nach Erledigung ihres dreijährigen Kriegsdienstes noch körperlich imstande und gewillt waren, sich wieder einstellen zu lassen. Dies »Veteranenkorps« sollte unter dem Kommando General Hancocks stehen, dessen hervorragende Tapferkeit und Tüchtigkeit in Grants virginischem Feldzug ihm den Ruf eines Kommandeurs eingetragen hatte, unter dem zu dienen eine große Ehre sei. Vom Kriegsministerium wurde ich beauftragt, die Gouverneure verschiedener Staaten und die Bürgermeister verschiedener Städte aufzusuchen, um mich ihrer Beihilfe zu, diesem Plan zu versichern. Zu diesem Behufe reiste ich fast den ganzen Winter umher und erhielt auch von den meisten Beamten viele schöne Versicherungen der Beihilfe, die gewiß ehrlich gemeint waren, aber durch die Tat in der Folge wenig gerechtfertigt wurden.

Als ich dann persönlich beim Kriegsministerium meinen Bericht erstattete, ersuchte mich Kriegssekretär Stanton, eine mündliche vertrauliche Mitteilung an Lincoln zu überbringen, der sich nach City Point auf dem James River verfügt hatte, um sich öfter und leichter mit General Grant in Verbindung setzen zu können. Ich fand Lincoln in bester Stimmung. Er erwartete zuversichtlich die baldige Übergabe Richmonds und damit das Ende des Krieges. Auch die politische Lage, über die er sich offen äußerte, sah er sehr hoffnungsvoll an, in direktem Gegensatz zu der trostlosen Stimmung, die ihn bei unserem letzten Beisammensein während der Wahlkampagne beherrscht hatte. Er fühlte, daß ihm die siegreiche Wiederwahl ein bisher nicht besessenes, starkes moralisches Übergewicht verliehen hatte. Nun baute er darauf, daß dieses Übergewicht, wenn er es klug, großmütig und in versöhnlichem Geiste zur Geltung brächte, seinen Ideen über die nötigen Maßregeln bei der Rekonstruktion der Südstaaten eine freundlichere Erwägung seitens der führenden Unionsmänner im Kongreß und im Volke sichern würde. Er sprach dies nicht in Worten aus, aber ich erkannte es aus seinem Tone.

Bald nach meiner Rückkehr von City Point erhielt ich vom Kriegsministerium Befehl, mich bei General Sherman in Goldsborough, North Carolina, zum Dienst zu melden. Ich machte mich unverzüglich auf den Weg. In Goldsborough waren außer Shermans eigener Armee, welche den berühmten Marsch von Atlanta ans Meer und von Savannah nach North Carolina gemacht hatte, große Truppenkörper versammelt, die in drei Armeen zerfielen: die Tennessee-Armee unter Howard, die Ohio-Armee unter Schofield und die Georgia-Armee unter Slocum. Als ich mich bei Sherman vorstellte, begrüßte er mich herzlich wie einen alten Freund und wies mich an, mich bei Slocum zum Dienst bei der Georgia-Armee zu melden. Slocum empfing mich freundlich und ernannte mich, da kein passendes Kommando frei war, zu seinem Generalstabschef. Von Anfang an waren unsere Beziehungen sehr herzlicher Art.

Das Gefühl, daß der Zusammenbruch der Konföderation und damit das Ende des Krieges nicht mehr fern sein konnten, war allgemein verbreitet. Jedoch erwartete man, daß Shermans Truppen, nach Herstellung der Verbindung mit Grant, noch den Ruhm haben würden, an der Einnahme Richmonds und der Gefangennahme von Lees Armee teilzunehmen. Zu dem Zweck befahl Sherman seinen Truppen, am 11. April morgens marschfertig zu sein. Am selben Morgen erhielten wir jedoch die Nachricht, daß Richmond gefallen war, und daß Lee den Versuch mache, eine Verbindung mit General »Joe« Johnstons Armee, die sich in, einiger Entfernung von unserer Front befand, zu bewerkstelligen. Darauf beschloß Sherman sofort einen Marsch auf Raleigh und hoffte, bei Smithfield auf Johnston zu treffen. Im Dörfchen Smithfield sollte ich zum letzten Male die Kugeln der Rebellen pfeifen hören. Johnston hatte nämlich seinen Marsch nach Raleigh fortgesetzt und nur eine kleine Arrieregarde zurückgelassen, mit der wir ein kurzes Scharmützel hatten. Am 12., als ich neben Slocum in der Marschkolonne ritt, sahen wir plötzlich einen Reiter nahen, der seinen Hut schwenkte und den Soldaten etwas zurief, was sie mit lauten Hurrarufen beantworteten. Als er näher kam, hörten wir, daß er rief: »Grant hat Lees Armee gefangen genommen.«

Es konnte nun kein Zweifel mehr darüber sein, daß der Krieg tatsächlich zu Ende war, und wir waren auch kaum 24 Stunden in Raleigh gewesen, als uns unter der weißen Parlamentärflagge eine Botschaft Johnstons zuging, in welcher um Einstellung der Feindseligkeiten und um eine Zusammenkunft mit General Sherman zur Beratung von Kapitulationsbedingungen gebeten wurde. Die Begegnung wurde auf den 17. April an einer zwischen den beiden Armeen gelegenen Stelle festgesetzt. Als Sherman zur verabredeten Zeit dahin aufbrechen wollte, wurde ihm von Kriegssekretär Stanton telegraphisch die Ermordung Lincolns mitgeteilt. Während Shermans Abwesenheit wurde den Truppen die entsetzliche Nachricht noch verheimlicht und erst nach vierundzwanzig Stunden in einem Tagesbefehl mitgeteilt. Ich erinnere mich deutlich des erschütternden Eindrucks auf die Soldaten. Das ganze Lager, das zwei Tage lang vom Jubel über den bevorstehenden Friedensschluß widergehallt hatte, verfiel in eine düstere Stille. Die Soldaten hatten große Achtung vor ihren bedeutenden Generälen und jubelten ihnen oft begeistert zu, aber ihren Präsidenten, ihren guten »Vater Abraham«, den liebten sie, den trugen sie im Herzen als persönlichen Freund und als Freund ihrer Angehörigen und ihrer Heimstätten. Als die meuchlerische Tat, der er zum Opfer gefallen war, ihnen bekannt wurde, da machten sie ihrem Zorn nicht in lautem Wut- und Rachegeschrei Luft, sondern sie saßen still brütend vor ihren Lagerfeuern oder äußerten ihren Schmerz und ihre Entrüstung in grimmigem Murren. Als ich unter ihnen umherging und hier und dort ihre empörten Äußerungen auffing, da kam mir der Gedanke, es sei höchste Zeit, daß der Krieg ein Ende habe. Wäre er fortgesetzt und wären diese Leute nochmal »in Feindes Land« losgelassen, so hätte die Rache für das vergossene Blut Abraham Lincolns Taten gezeitigt, vor welchen das Jahrhundert geschaudert hätte.

Die Südstaatler selbst fühlten, daß die Ermordung Lincolns das Schlimmste war, was ihnen hätte passieren können. Wie Sherman uns erzählte, hatten auch Johnston und die übrigen Generäle seiner Armee die Schreckensnachricht mit äußerster Bestürzung aufgenommen.

Es war in der Tat höchste Zeit, daß der Krieg ein Ende nahm; leider gab es auch noch allerlei bedauerliche Zwischenfälle. Am 18. April fand eine abermalige Begegnung zwischen Sherman und Johnston statt, und sie vereinbarten einen Kapitulationsvertrag, der sämtliche Armeen der Konföderierten einschließen sollte. Seine Bedingungen waren im höchsten Grade erstaunlich. Es hieß darin – vorbehaltlich der Genehmigung des Präsidenten – die Armeen der Konföderierten sollten aufgelöst und in die Hauptstädte ihrer verschiedenen Staaten geführt werden, wo sie ihre Waffen in den Staatsarsenalen abzuliefern hätten; die Exekutivgewalt der Vereinigten Staaten sollte die verschiedenen Einzelstaatsregierungen anerkennen, nachdem ihre Beamten die von der Bundesverfassung der Vereinigten Staaten verlangten Treueide abgelegt hätten, und dort, wo infolge des Krieges widerstreitende Staatsregierungen entstanden waren, sollte das oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten über ihre Rechtmäßigkeit entscheiden. Alle Bundesgerichte in den Einzelstaaten sollten wieder eingesetzt werden, mit der ihnen von der Bundesverfassung einerseits und von den Einzelstaatenverfassungen andererseits verliehenen Macht und Gerichtsbarkeit. Der Bevölkerung aller Einzelstaaten sollten, soweit möglich, von der Exekutivgewalt ihre politischen Rechte und Privilegien, sowie ihre in der Bundesverfassung und in der Verfassung der Einzelstaaten näher bestimmten persönlichen Rechte und ihr Besitz, garantiert werden. Auch sollte die Exekutivgewalt der Regierung der Vereinigten Staaten keinen einzigen Staatsbürger wegen des verflossenen Krieges in seinen Rechten behindern oder zur Verantwortung ziehen, sofern er nur ruhig lebte und die in seinem Wohnsitz, bestehenden Gesetze achtete und befolgte; kurz, es sollte der Krieg beendet sein und eine allgemeine Amnestie erlassen werden unter der Bedingung, daß die Armeen aufgelöst, die Waffen abgeliefert und friedliche Beschäftigungen wieder aufgenommen würden.

Da die Regierung einem im Felde stehenden General unmöglich gestatten konnte, ihre Politik in Hinsicht auf die Rekonstruktion der »rebellischen Staaten« zu bestimmen, bedurfte es keines besonderen politischen Scharfblicks, um die Verwerfung des Sherman-Johnston-Vertrages, sowohl seitens der Regierung als seitens der öffentlichen Meinung, vorauszusehen. Ich war sehr unglücklich – nicht wegen der Sache, deren Ausgang ja unzweifelhaft war – aber wegen General Sherman. Wie alle seine Waffengenossen achtete ich ihn sehr und brachte ihm eine herzliche Zuneigung entgegen, und darum war es so traurig, mit ansehen zu müssen, wie er am Schluß seiner glänzenden Kriegslaufbahn sich durch eine einzige unüberlegte Tat den Tadel der Regierung und des ganzen Landes zuzog. Und diese unüberlegte Tat war obendrein seinem ganzen Wesen so fremd! Dies war derselbe Mann, der im Oktober 1863 an den Finanzminister geschrieben hatte: »Die Wechselfälle des Krieges zwangen mir abermals das Kommando eines Departments auf. Ein Kommando, welches mich in Zivilangelegenheiten die ich nicht verstehe, verwickelt, ist mir sehr unangenehm. Die Politik, d h. die Mittel, auf die bürgerliche Bevölkerung Einfluß auszuüben, ist für mich ein Geheimnis, das ich nicht begreife.« Und auch mir hatte er später oft gesagt: »Von Politik verstehe ich gar nichts; ich überlasse sie ganz und gar John« – d. h. seinem Bruder, dem Senator. Und nun, im kritischen Augenblick, am Schluß des Krieges, wo das ganze Volk gespannt auf jedes Wort und jeden Schriftzug der auf der großen Weltbühne Handelnden wartete und aufpaßte, stürzte sich dieser Mann kopfüber in die allerwichtigste und schwerwiegendste Politik und richtete Dinge an, die unmöglich die Billigung seiner Regierung und der Mehrheit seines Volkes finden konnten. Das war fast tragisch zu nennen.

Natürlich waren seine Beweggründe die allerbesten. Er war den Südstaatlern freundlich gesinnt und wollte sie gern großmütig behandeln; auch fürchtete er, daß die aufgelösten Armeen der Rebellen, wenn man sie nicht durch gute Behandlung veranlaßte, Frieden zu halten, einen das Land auf Jahre hinaus beunruhigenden Guerillakrieg führen könnten und schwer zu unterwerfen sein würden. Er vergaß, daß Grant, als er bei Appomattox Lees Kapitulation entgegennahm, ihm bereits ein Beispiel von Großmut gegeben hatte, dem er sich möglichst genau hätte anschließen sollen.

Die vorherzusehende sofortige Desavouierung des Vertrages seitens der Regierung wurde Sherman von dem Kriegssekretär Stanton vielleicht in etwas rücksichtslosen Worten mitgeteilt, und auch die Zeitungen schonten ihn nicht in ihren Telegrammen. Sherman war darüber furchtbar erregt, und ich werde nie eine Szene vergessen, der ich eines Abends beiwohnte, als er gerade mehrere Telegramme aus dem Norden erhalten hatte.

Im sogenannten »Palais« des Gouverneurs in Raleigh, wo Sherman sein Hauptquartier hatte, waren zehn bis zwölf Generäle in einem großen, kahlen Zimmer versammelt. Alle waren über den Verlauf der Dinge sehr besorgt und wollten sich von Sherman die neuesten Nachrichten holen. Sie saßen und standen stumm im Kreise umher. Nicht so Sherman. Wie ein gefangener Löwe stürmte er im Zimmer auf und ab und tobte sich in zornigen Schimpfreden aus, ohne irgend jemanden besonders anzureden. Er schimpfte auf den Kriegssekretär als einen kleinlichen, intriganten, rachsüchtigen Politiker, der ehrliche Soldaten um die Ehre bringen wolle, die sie sich durch Einsetzen ihres Lebens fürs Vaterland errungen hätten. Er schimpfte auf das Volk, das ihn tadelte, als auf eine Menge Narren, für die zu kämpfen, sich nicht verlohne. Er schimpfte vor allem auf die Presse, der viel zu viel Freiheit gestattet werde, und die durch viel strengere Gesetze gezügelt werden müsse, durch Gesetze, welche die Federfuchser hinter Kerkergitter verbannten – und ähnliche Dinge mehr. Ein mit amerikanischem Wesen und amerikanischen Verhältnissen nicht vertrauter Fremder hätte beim Anhören dieser wilden Flut wütender Reden denken können, daß hier der Beginn einer Auflehnung des siegreichen Generals gegen die Regierung vorliege, aber wir alle, die wir Sherman als einen der treuesten Menschen im ganzen Lande kannten, waren nur besorgt, daß er durch einen etwaigen ähnlich vulkanischen Ausbruch in der Öffentlichkeit sich schaden könne.

Ein paar Tage später kam General Slocum mit ganz glücklichem Gesicht zu mir ins Zelt. »Jetzt wird alles gut«, sagte er, »Grant ist da. Er ist von Washington herübergekommen, um die Sache in Ordnung zu bringen«.

In der Tat war Grant gekommen, um seinen Freund Sherman vor seiner eigenen Unvorsichtigkeit zu retten. Er setzte Sherman auseinander, daß er, Grant, noch von Lincoln selbst streng instruiert worden sei, mit dem Feinde keinerlei politische Unterhandlungen zu pflegen, und daß die Kapitulation bei Appomattox demgemäß abgeschlossen worden sei. Sherman war besänftigt, nur hegte er noch lange einen bitteren Groll gegen Kriegssekretär Stanton, von dem er annahm, er habe ihn geflissentlich beleidigt.

General Johnston ergab sich mit seiner Armee am 26. April unter denselben Bedingungen, unter welchen Lee vor Grant die Waffen gestreckt hatte. Die Kapitulation anderer südstaatlicher Truppenmächte erfolgte bald, und der Krieg war beendet.

Sobald Johnstons Kapitulation amtlich bekannt gegeben war, nahm ich meinen Abschied aus dem Heere und kehrte zu meiner noch in Bethlehem, Pennsylvania, befindlichen Familie zurück. Mein Militärleben war abgeschlossen.

Es war ein Leben voll der interessantesten Erfahrungen gewesen und flößte mir eine außerordentliche Achtung vor den amerikanischen Freiwilligen ein, die man das amerikanische Volk in Waffen nennen konnte. Es gab nichts Großartigeres als die patriotische Begeisterung, mit der die Jugend des Landes, sowohl eingeborene als fremde, sich bei Lincolns Aufruf um die Fahne der Republik scharte. Gewiß waren unter ihnen manche, welche die Aussicht auf Kampf und Kriegsabenteuer unter allen Umständen angelockt haben würde, aber die weit größere Mehrheit bestand zweifelsohne aus Männern, die einfach dem Rufe der Pflicht folgten, als Bürger Amerikas ihre tägliche Friedensarbeit zu unterbrechen und ihr Leben, fürs Vaterland in die Schanze zu schlagen. Und diese patriotische Begeisterung beim Beginn des Krieges war kein bloßes Strohfeuer, sondern es war ein Element der Sicherheit und Festigkeit, welches die mangelnde Disziplin im Freiwilligenheer ersetzte Denn obgleich der Freiwillige sehr bald die Notwendigkeit des absoluten Gehorsams und gewisser Förmlichkeiten einsah, so konnte er sich doch nie ganz in den Gamaschendienst finden, dem sich ein regulärer Soldat mehr oder minder unterwerfen muß. Er war als Freiwilliger eingetreten und blieb im ganzen Verlauf des Krieges ein Freiwilliger, d. h. er tat und ertrug vieles, nicht nur weil er wußte, daß ein Soldat es müsse sondern aus Pflichtgefühl. In dem, was er für unwichtig hielt, war sein Benehmen sehr formlos. Die Beziehungen zwischen den Mannschaften und den Offizieren, sogar den höheren, waren nie ganz frei von dem instinktiven, für den Amerikaner charakteristischen Gefühl der Gleichheit. Rangunterschiede überhaupt, und die kleinen militärischen Förmlichkeiten des Untergebenen vor dem Vorgesetzten wurden oft in höchst unmilitärischer Weise vergessen oder verletzt, z. B. war es sehr schwer, die Vorschrift des Grüßens der Offiziere allgemein bei den Mannschaften durchzusetzen. Zwei Beispiele dafür fallen mir gerade ein.

Eines Tages erhielt ich Besuch von einem Generalmajor, der bei einem anderen Armeekorps stand. Als er fortging, begleitete ich ihn vor mein Zelt und bemerkte dabei, daß meine Schildwache nicht vor ihm präsentierte. Nachher stellte ich den Soldaten deshalb scharf zur Rede; aber er antwortete sehr kühl, – er war aus einem westlichen Regiment: »Zu Befehl, Herr General! der andere Herr General ist mir nie vorgestellt worden.«

Andererseits gab es auch übergroße Höflichkeit. Als im Winter 1862–1863 unser Armeekorps in Virginien stand; gehörte zu meiner Division ein ganz neues Regiment, welches ich einmal zum Vorpostendienst kommandiert hatte. Um mich zu überzeugen, daß die Sache ordentlich gemacht sei, ritt ich mit einigen meiner Offiziere hinter der Vorpostenlinie entlang. Die Leute standen sehr gut gegen den Feind gerichtet, und ich ritt unbemerkt hinter ihrem Rücken entlang. Einer fand seine Stellung anscheinend unhöflich. Er drehte sich um, präsentierte mit einer Hand das Gewehr, nahm mit der anderen die Mütze ab und verbeugte sich tief. Der Anblick war so urkomisch, daß wir alle in lautes Gelächter ausbrachen. Ich ritt auf den Soldaten zu, ließ ihn eine richtige dienstliche Haltung einnehmen und fragte, warum er so überaus höflich gewesen sei. Er antwortete, er habe mich in der Präsidentschaftswahlkampagne von 1860 eine Rede halten hören, die ihm großen Eindruck gemacht habe, und deshalb habe er dem militärischen Gruß einen weiteren Beweis der Hochachtung durch Entblößen des Hauptes hinzufügen wollen.

Von unseres alten Freundes Milroy vertraulicher Art, mit seinen Mannschaften zu verkehren, habe ich bereits gesprochen. Sie stand vielleicht einzig da. Aber immerhin waren die Beziehungen zwischen Offizieren und Mannschaften derart, daß sie in einem europäischen Heere als alle Disziplin untergrabend gegolten hätten. Dies lag daran, daß gesellschaftliche Rangunterschiede unter Offizieren und Mannschaften ebensowenig existierten wie Unterschiede in Bildung und Fähigkeiten, und das bißchen militärischen Drill, den die Offiziere vor ihren Leuten günstigstenfalls voraus hatten, ihnen kein besonderes Übergewicht verschaffen konnte. So hing die Autorität der Offiziere zum größten Teil vom guten Willen der Leute ab. Nicht selten urteilten die Mannschaften selbst darüber, ob die peinlich genaue Ausführung eines gegebenen Befehles notwendig sei oder nicht und richteten sich darin nach dem eigenen Ermessen, das die Offiziere dann, wenn irgend möglich, stillschweigend anerkannten.

Als ich viele Jahre später einmal in Deutschland auf Reisen war, wurde ich vom Fürsten Bismarck empfangen. Es waren einige preußische Offiziere zugegen, welche die Geschichte unseres Bürgerkrieges studiert hatten. Sie, wie auch der eiserne Kanzler selbst, befragten mich eingehend über die Organisation, die Leistungsfähigkeit und den Geist unseres Freiwilligenheeres. Ich entgegnete den Herren etwa das hier gesagte. Sie amüsierten sich sehr darüber aber gewohnt, alles nach dem hohen Maß der Fachbildung und Disziplin des preußischen Heeres zu beurteilen, konnten sie es schlechterdings nicht begreifen, wie ein solches Heer überhaupt zu kämpfen vermochte. Einem an Zahl nur annähernd gleichwertigen, regulären europäischen Heere, würde es ja keinesfalls Stand halten können, meinten sie, und hörten mit leisem, belustigtem Lächeln zu, als ich ihnen auseinandersetzte, daß nach meiner Ansicht kein Land ein an körperlicher Beschaffenheit, Intelligenz und militärischem Geist dem unserigen ebenbürtiges Menschenmaterial aufzuweisen hätte, daß unsere Freiwilligen schließlich in Marschfähigkeit und Ausdauer, wie im Ertragen von Anstrengungen jeder europäischen Truppe überlegen wären, daß sie mit unglaublicher Geschicklichkeit und Schnelligkeit Straßen anlegen, Eisenbahnbrücken bauen, Verschanzungen aufwerfen würden, auch wenn sie nur mit den primitivsten Werkzeugen ausgerüstet wären; kurz, im Kampf mit einem europäischen Heere würden sie vielleicht zuerst infolge des besseren Drills und der besseren Disziplin geschlagen werden, aber zum Schluß, nachdem sie die Taktik des Gegners kennen gelernt hätten, würden sie ihm durchaus überlegen sein und siegen, besonders wenn der Kampf auf amerikanischem Boden ausgefochten würde.

Diese Ansicht wird natürlich keine Militärperson in Europa teilen. Es bestand sogar beim Beginn unseres unlängst mit Spanien ausgefochtenen Krieges überall die Meinung, daß, wenn unser Freiwilligenheer erst mit der spanischen regulären Armee zusammenträfe, es böse Erfahrungen machen würde. Die Folge hat bewiesen, wie absolut irrig diese Ansicht war. In Europa ist man eben nicht genügend mit dem Geiste des amerikanischen Volkes vertraut und kann nicht einsehen, daß unter dem erzieherischen Einfluß freier Institutionen in Amerika manche Dinge ohne Drill und Disziplin zustande gebracht werden, für die in Europa viel Drill und Disziplin erforderlich ist.

Was die Tapferkeit des amerikanischen Soldaten, sowohl der Nord- als der Südstaaten, betrifft, so steht sie außer aller Frage; er kann bei einem Vergleich mit anderen Soldaten nur gewinnen. Sein Mut wird durch einen eigenartigen Nationalstolz beseelt. Allerdings muß ich zugeben, daß meine Erfahrungen im Kriege mir alle jugendlichen Illusionen in bezug auf romantisches Heldentum in der Schlacht geraubt haben. Wenn ich den Begriff näher bestimmen darf, möchte ich sagen, daß wahrer Mut und wahres Heldentum nur in dem bewußten Opfer des eigenen Ich für andere oder für die Pflicht besteht. Und zwar wird der Heldenmut desto wahrer sein, je weniger Lohn oder Auszeichnung mit dem betreffenden Opfer des eigenen Ich verbunden ist. Wenn ich den Wert des Mutes, den ich im Kriege um mich her sah, nach diesem Maßstab beurteilte, gelangte ich manchmal zu eigenartigen Ergebnissen.

Unter den Leuten, die ich kennen lernte, gab es einige, die beim Anblick des Feindes von einer Art wilden Wut, darauf los zu stürmen, ergriffen wurden. Dies konnte ein Ausbruch patriotischer Leidenschaft sein oder auch nur die tierische Wut des Ochsen beim Anblick des roten Tuches. Einige dieser Leute, welche die tollkühnsten Dinge vollführten und daher allgemein für »mutig« galten, waren edle Charaktere von musterhafter Ausführung und bescheidener Selbstachtung, andere lernten wir später als Lügner, Betrüger, Trunkenbolde, Spieler und Raufbolde kennen, die kaum eine Tugend außer ihrem gepriesenen »Mut« besaßen. Aber dieser trug ihnen höchstes Lob und höchste Anerkennung ein. Kurz, nach meiner Erfahrung kann man sittliche Feigheit und jedes andere Laster bei einem Menschen finden, dessen physischer Mut und Kampfeslust ihn in der Schlacht zum Helden stempeln, und andererseits sittlichen Heldenmut, edelste Opferwilligkeit und jede andere Tugend bei einem Menschen, der kein Blut sehen und sein Schwert nicht gegen einen Feind zücken kann.

Ich habe das an zweien meiner wagemutigsten Offiziere beobachtet, die sich stets zu schwierigen Rekognoszierungsritten ins feindliche Lager und dergleichen tollkühnen Unternehmungen meldeten. Der eine war aus Ohio, ein stiller, bescheidener allbeliebter junger Mann, ein begeisterter Patriot, ohne jede Ruhmredigkeit. Der andere war der Sohn eines deutschen Freiherrn und hohen Beamten. Er war in Hamburg der Schule entlaufen, hatte sich auf einem Segelschiffe als Matrose anwerben lassen und war nach Buenos Ayres gekommen. Dort nahm er an den Revolutionskämpfen erst für, dann gegen den berüchtigten Diktator Rosas, teil. Dann fuhr er als Matrose nach China und diente eine Zeitlang auf einem Seeräuberfahrzeug. Hierauf kam er nach den Vereinigten Staaten, wo er auf einem Segelschiffe nach der afrikanischen Küste anmusterte und später entdeckte, daß sein Fahrzeug dem Sklavenhandel diente. Bald nachdem er in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt war, brach der Bürgerkrieg aus, und er trat in ein New-York-Freiwilligenregiment ein, wo er bald zum Hauptmann befördert wurde. Er zeichnete sich durch Unerschrockenheit, durch hervorragende Reitkunst und durch gesellige Unterhaltungsgabe aus; er war kein Trinker, konnte aber bei geselligen Zusammenkünften wohl mal über den Durst trinken. Er war weder schön, noch von besonders guten Manieren, dennoch verliebte sich die Tochter eines reichen Newyorkers bei einem Besuch unseres Lagers in ihn und wollte ihn heiraten. Zum Glück für das Mädchen zog er sein Abenteurerleben vor und blieb im Heer! Sowohl er, als sein vorhin erwähnter Kamerad, fanden auf tollkühnen Unternehmungen hinter der feindlichen Schützenlinie ihren Tod.

In dem patriotischen jungen Mann aus Ohio, der sich um der gerechten Sache willen bewußt der Gefahr aussetzte, war der Mut zweifellos eine Tugend; war er es auch in dem adligen Jüngling, dem die Sache, um die er kämpfte, ganz gleichgültig war, und dem nur die Freude am Abenteuer und am Überwinden der Gefahr im Blute lag? Sein Mut war offenbar nur Sache des Temperaments, und doch wäre er, wenn er eine führende Stellung inne gehabt hätte, zweifellos als einer unserer »Helden« gefeiert worden.

Diese Betrachtungen flößten mir gegen den sittlichen Wert des Mutes, der nur Temperamentsache ist, ein gelindes Mißtrauen ein. Gewiß ist er im Kriege wertvoll, sehr wertvoll. Aber wir sollten uns davor hüten, aus dem trügerischen Glanze dieses Schlachtenheldentums gleich auf alle möglichen Tugenden zu schließen, deren Vorhandensein durch den bloßen Kriegsmut nicht bewiesen ist.

Wessen Mut ist wohl von höherem sittlichen Wert, der des Soldaten, der eine feindliche Batterie stürmt, oder der seines Feuerwehrmannes, der mit eigener Lebensgefahr ein Kind aus den Flammen rettet, oder der eines Seemanns, der seinen Nachen durch die tobende Brandung lenkt, um einen Schiffbrüchigen zu bergen? Ist nicht ceteris paribus der Feuerwehrmann oder der Führer des Rettungsbootes ein sittlich größerer Held, da er schlicht und wenig beachtet seine Pflicht tut und ihn nicht, wie seinen Kameraden im Felde, Kriegstrommel und Leidenschaft anstacheln und Ruhm und Beförderung locken? Und doch nimmt der Mann des Kriegsruhms, der kühne und erfolgreiche Zerstörer des Lebens, wenn auch des »feindlichen« Lebens, in der Volksachtung, oder sollen wir sagen in der Volksphantasie eine höhere Stelle ein als der Mann, der Menschenleben gerettet hat, – und der Krieger wird diese höhere Stelle weiter einnehmen, bis unsere Kultur erhabenere Gipfel erreicht hat. Überdies spricht die Volksphantasie dem Kriegshelden und erfolgreichen Schlachtenlenker alle möglichen sonstigen sittlichen und geistigen Eigenschaften zu, die ihn auch zum Führer auf anderen Gebieten, namentlich auf dem politischen, befähigen, wo die Machterteilung von der Volksgunst abhängt. Und das ist in keinem Lande, mit Ausnahme von Spanien, wo andere Gründe in Betracht kommen, in solchem Maße der Fall wie in Amerika, wo allen das Beispiel Washingtons vor Augen steht, eines Mannes, der in ganz hervorragendem Maße die Fähigkeiten des Feldherrn und des Staatsmannes, besonders eines republikanischen, in sich vereinigte. Eine solches Vereinigung ist selten. Napoleon und Friedrich der Große können darin nicht mit Washington verglichen werden, denn ihre staatsmännischen Talente hätten sich in einer republikanischen Regierung niemals betätigen können. Nach unseren Erfahrungen haben Militärpersonen, die zu Präsidenten gewählt wurden, nur insofern Erfolg in ihrer Amtsführung gehabt, als sie alle militärische Denk- und Handlungsweise aufgaben und rein bürgerliche Anschauungen und bürgerliche Tugenden pflegten. Nichts würde z. B. dem Geiste unserer Regierung ferner liegen als die Gewohnheit des Befehlens und die Erwartung absoluten Gehorsams vonseiten unserer Hauptexekutivgewalten.

Ich darf hier wohl einschalten, daß von allen höheren Offizieren, die ich gekannt habe, keiner dies instinktiv richtiger erkannte als General Sherman. Nach dem Urteil maßgebender Personen war er der fähigste Feldherr, den wir gehabt haben. Ich erinnere mich eines bemerkenswerten Ausspruchs, den er gegen mich über Grants Feldzüge machte: »Grant und ich sahen die Dinge immer verschieden an«, sagte er, »Grant kümmerte sich nie einen Pfifferling darum, was hinter der feindlichen Linie vorging. Und mir wurde beim Gedanken daran oft angst und bange.« Er gab zu, daß viele von Grants Erfolgen hierauf zurückzuführen seien, aber auch viele seiner Mißerfolge. Grants Parole war: »Drauflosschlagen«, die Shermans war: »Manövrieren«. Es war für die Führer der Potomac-Armee sozusagen zur Gewohnheit geworden, über den Rappahannock zu gehen, von Lee Prügel zu bekommen und sich schleunigst wieder über den Rappahannock zurückzuziehen. Auch Grant ging über den Rappahannock, kriegte seine Prügel von Lee, zog sich aber nicht über den Fluß zurück, sondern schlug und schlug weiter, bis er mit seiner großen Übermacht Lee endlich aus dem Felde geschlagen hatte. Vergleicht man Grants Feldzug zur Einnahme von Richmond mit Shermans Feldzug zur Einnahme von Atlanta – selbstredend unter Berücksichtigung der verschiedenen Situationen –, so muß man doch zu dem Schluß kommen, daß Sherman der bessere Stratege und der größere Feldherr war.

Shermans Brief an den Schatzsekretär, in dem er sein geringes Vertrauen zur eigenen Einsicht in politischen Dingen darlegte, habe ich schon erwähnt. Nun hatten einige Jahre nach Beendigung des Krieges bei einer bevorstehenden Präsidentenwahl einige republikanische Zeitungen vorgeschlagen, General Sherman als Präsidentschaftskandidaten der republikanischen Partei aufzustellen. Ich traf Sherman damals zufällig eines Tages auf einem Fährboot zwischen Jersey-City und New York, und im Laufe des Gesprächs erwähnte ich die Angelegenheit. »Was?« rief er gleich mit charakteristischer Heftigkeit aus. »Meinen die Leute denn, ich sei so töricht? Sie wissen ja doch, daß ich nichts von Politik verstehe und gar nicht fähig bin, Präsident zu sein. Oder wenn sie’s nicht wissen, weiß ich’s. Nein, ich bin kein Narr. Ich bin jetzt ein glücklicher Mensch. Sehen Sie Grant an! Der würde jetzt was drum geben, wenn er sich nie mit Politik befaßt hätte. Nein, mich sollen sie in Ruhe lassen. Mich können sie nicht betören.« Ein wahrer Schatz seltener Selbsterkenntnis lag in diesen rauhen, durchaus aufrichtigen Worten.

Sherman konnte sich mit gerechtem Frohlocken einen glücklichen Menschen nennen. Er war es. Er hatte als Feldherr wohlverdiente Anerkennung erworben und war außerdem im ganzen Norden außerordentlich beliebt. Er wußte es und sonnte sich in diesem Gefühle. Alle möglichen Gesellschaften und Vereine ernannten ihn zum Ehrenmitglied, und er erschien, so oft er konnte, in ihren Kreisen. Betrat er ein Theater, so spielte die Kapelle sofort »Marching through Georgia«, und das Publikum erhob sich, klatschte laut und sang manchmal sogar das Lied mit. Dann strahlte sein wettergebräuntes Gesicht geradezu vor Freude. Bei festlichen Anlässen und in Gesellschaft, überall war er ein gern gesehener Gast. Manchmal kamen hübsche junge Mädchen auf ihn zu und boten ihm einen Kuß, und das behagte ihm stets sehr! Sein Geist büßte auch bei zunehmendem Alter fast nichts von seiner Lebendigkeit und Originalität ein. Sein Gespräch sprühte von Witzen und launigen Einfällen, es gab keinen unterhaltenderen Gesellschafter als ihn. Während er in New York lebte, verkehrten wir sehr viel miteinander; namentlich pflegte er oft zu zwanglosem Besuch abends nach Tisch bei uns einzutreffen und hatte dann meistens irgend etwas auf dem Herzen, über das er sich aussprechen wollte. So stürmte er einmal nach neun Uhr plötzlich in unser Wohnzimmer, begrüßte mich und meine Familie und schnitt dann sofort das Thema an, das ihn beschäftigte.

»Wissen Sie, daß die alte Sage von Jason und dem goldenen Vließ gar keine Sage sondern geschichtliche Wahrheit ist!« rief er aus. »Sie wissen ja, die alten Griechen waren rechte Seeräuber und Freibeuter. Irgendwie hatten sie erfahren, daß in einem uns fernen, fremden Lande die Flüsse und Bäche Goldsand mit sich führten, und daß die Eingeborenen dieses Goldes habhaft wurden, indem sie Schaffelle ins Wasser legten, in deren zottiger Wolle das Gold hängen blieb. Und diese Felle mit dem Gold, die waren das »goldene Vließ, verstehen Sie? Also fuhren die griechischen Seeräuber in jene Länder und holten sich die goldenen Vließe und nahmen auch wohl mal ein hübsches Mädchen mit, und da haben wir die Sage von Jason und Medea, sehen Sie! Aber die ganze Sache ist so wahr wie irgend eine sonstige verbürgte geschichtliche Tatsache.«

So sprach er noch eine Weile lebhaft weiter, betrachtete die Sache eingehend von allen Seiten und mit der ganzen Freude einer neuen Entdeckung. Als das Thema erledigt war, sprang er auf, dankte uns allen herzlich für den gemütlichen Abend und ging ebenso schnell, wie er gekommen war. Er war in der Tat ein glücklicher Mensch, und zwar darum, weil er sich weise der Dinge enthielt, die er nicht verstand. Als er starb, bedauerte jeder, der ihn kannte, daß ihm nicht beschieden war, dies glückliche Dasein länger zu genießen.

Um wieder auf den persönlichen Mut zurückzukommen, möchte ich erwähnen, daß ich glaube, jeder, der zum ersten Male in einer Schlacht unter Geschützdonner und Flintengeknatter steht und die Kugeln um sich pfeifen hört, wird ganz instinktiv den ehrlichen Wunsch haben, aus der Affäre heraus zu sein. Einige werden ihm nachgeben und bei der ersten Gelegenheit fliehen; einige wenige werden jenes gaudium certaminis, jene Kampfeslust fühlen, von der uns der Dichter spricht, und werden vorstürmen wollen. Die meisten aber werden sich zusammennehmen und in einem Gefühl von patriotischer Pflicht oder aus Ehrgefühl und ermutigt durch die Gegenwart der Kameraden, nach besten Kräften standzuhalten und die Befehle ihrer Kommandeure auszuführen suchen. Auf diese Weise ergänzen moralische Momente den Mut oder ersetzen Mangel an Mut, die beide Sache des Temperamentes sind. Es ist ein durchaus natürlicher Impuls, vor einem heransausenden Geschoß den Kopf zu ducken. Ich habe erlebt, daß ganze Regimenter es taten und dann lachten. Nach und nach werden die Leute die Schrecknisse einer Schlacht mehr gewohnt, und ihr Verhalten im Feuer wird ruhiger und tapferer, bis schließlich ein Gefecht, wenn es nicht gerade ein besonders mörderisches ist, ihnen nichts mehr anhaben kann. Ich bin oft gefragt worden, was ich in einer Schlacht gefühlt habe. Meine Antwort war stets: Gar nichts. Das heißt, es war immer soviel zu tun und zu bedenken, daß Gefühle nie aufkommen konnten. Das Bewußtsein persönlicher Gefahr verliert sich in solchen Momenten ganz. Man denkt einfach nicht daran. Wenn man hört oder liest, daß Befehlshaber sich der Gefahr ausgesetzt haben, so haben sie es meist unbewußt getan, es sei denn, daß sie ihre Leute durch das Beispiel anfeuern wollten.

Das, was den Truppen den meisten Mut macht, ist das unbedingte, stolze Vertrauen zu ihren Anführern. Napoleon hat gesagt, ein von einem Löwen kommandiertes Heer von Schafen sei tausendmal besser als ein von einem Schafe kommandiertes Heer von Löwen. In jedem Heere sind solche Löwen und Schafe nebeneinander, und es hängt vom Führer ab, ob das eine oder andere die Oberhand gewinnt. Das ist auch der Grund der auffallenden Überlegenheit der östlichen Armee der Konföderierten unter Lee über die westlichen, von anderen Generälen geführten. Viele von diesen waren tapfere und tüchtige Feldherren, vermochten aber nicht in dem Maße wie Lee, den Truppen Selbstvertrauen einzuflößen. Manche Erfolge Lees beruhten auf der trotzigen Versicherung seiner Leute, daß sie unter ihm nicht geschlagen werden könnten. Bei Gettysburg wurde diese Zuversicht übertrieben und führte zur Niederlage. Ich glaube, ich kann ziemlich mit Recht sagen, daß es unseren Leuten kaum gelungen wäre, Missionary Ridge zu stürmen, wenn Lee mit seinen Soldaten oben gestanden hätte.

Dem Unionsheer sind schlimme, besonders gegen Ende des Krieges in den Südstaaten begangene Vandalismen vorgeworfen worden. Der Vorwurf wurde von Mund zu Mund getragen und in der Presse sehr übertrieben, ist aber nicht ganz grundlos. Howard beklagte sich in seinem dienstlichen Bericht über unseren Marsch von Chattanooga nach Knoxville über Räubereien und mutwilliges Zerstören von fremdem Eigentum durch einige seiner Soldaten, und das in einem meist unionstreuen Gebiet. Diese Soldaten gehörten einem Korps von Shermans Armee an, und wir folgten ihrer Marschlinie. Da habe ich selbst die Beweise gesehen: ganz ausgeräumte Häuser, ein Feld, ganz weiß von Daunen aus einem aufgeschlitzten Federbett, eine Wiege, die ein paar Meilen vom nächsten Hause am Wege stand. Es war augenscheinlich nur die Lust am Plündern, welche die Leute veranlaßt hatte, solche für sie nutzlosen Gegenstände mitzunehmen. Als ich 1865 zu Sherman stieß, nach seinem berühmten Marsch durch Georgia, bemerkte ich, daß einige Soldaten auf silbernen Tellern ihren Speck brieten und feine Weine aus silbernen Pokalen tranken. Auf meine Frage, woher diese Sachen wären, antwortete man, aus Süd-Carolina, da lägen solche Kostbarkeiten nur so am Wege. Die Offiziere erklärten mir, beim Requirieren, von Lebensmitteln in Georgia habe man den Leuten nicht so genau auf die Finger sehen können, und ferner hätten die Leute auf dem Marsche durch Süd-Carolina offenbar das Gefühl gehabt, da die Bewohner dieses Staates die ganze böse Sezession zuerst angezettelt hätten, sei es nur gerecht, wenn sie jetzt dafür büßten.

Sherman gab mir nach Jahren freimütig zu, daß die Notwendigkeit, in mehr oder minder systematischem Requirieren »sich vom Lande zu ernähren«, die Disziplin der Truppen arg untergraben, und daß der Groll auf Süd-Carolina, das ursprüngliche »Sezessionsloch«, bedauerliche Folgen gezeitigt hatte. »Ehe wir aus dem Staate heraus waren«, sagte er, »hatten sich die Soldaten dermaßen angewöhnt, alles auf der Marschlinie zu zerstören, daß oft das Haus, in dem ich mein Hauptquartier gehabt hatte, schon brannte, ehe ich noch ganz heraus war. Das ist nicht schön, aber leider menschlich. Nehmen Sie die besten, christlichsten, frommsten jungen Leute, bilden Sie ein Heer daraus, gehen Sie damit in Feindesland, lassen Sie die Leute sich eine Zeitlang »vom Lande nähren« und fleißig requirieren, so werden diese selben jungen Leute sehr bald jedes Gefühl für Recht und Unrecht und alle Selbstbeherrschung verlieren trotz aller zügelnden Disziplin. So ist es immer gewesen und so wird es immer bleiben. Wenn ein gerecht denkender Mensch, der weiß, wie es im Kriege zugeht, das Verhalten meiner Truppen unter den damaligen Umständen prüft, wird er sich nicht über das wundern, was sie getan haben, sondern darüber, daß sie es nicht schlimmer getrieben haben.«

Die Äußerungen eines Mannes wie Sherman über die Wirkung des Krieges auf die Moral der Leute können denen zur Betrachtung empfohlen werden, die so leichthin vom Kriege als dem großen sittlichen Kulturträger reden und ausmalen, wie der Krieg im Volksherzen die edelsten Instinkte und Empfindungen der menschlichen Natur auslöst, wie er ein Volk »Über die kleinliche Selbstsucht des täglichen Lebens« hinaushebt; wie er dem Wachstum eines »niedrigen, im Staube kriechenden Materialismus«, welcher in langen Friedensperioden sich zum herrschenden Element entwickelt, Einhalt tut; wie er dem menschlichen Ehrgeiz neue erhabene Ziele steckt; wie er, kurz gesagt, ein Feuerbad ist, aus dem die von niederen Gelüsten gereinigte menschliche Gesellschaft voll frischer Kraft zum Streben nach den höchsten Idealen hervorgeht.

Es soll nicht geleugnet werden, daß zu Beginn des Krieges das ganze Volk großartige Beweise begeisterter und opferfreudiger Vaterlandsliebe gab, und daß die Konsolidierung der Union, die Aufhebung der Sklaverei und ein gehobenes Nationalbewußtsein die wichtigen Ergebnisse des Krieges waren. Aber der Krieg hat die begeisterte und opferfreudige Vaterlandsliebe des Volkes nicht geschaffen, sie war bereits vor dem Kriege vorhanden und hätte ohne ihn weiterexistiert. Der Krieg gab dem Volke nur Gelegenheit, sie nachdrücklich und überzeugend zu offenbaren. Und was die Konsolidierung der Union, die Abschaffung der Sklaverei, die Kräftigung des Nationalbewußtseins betrifft, wären diese Dinge etwa weniger wertvoll gewesen, wenn sie ohne Krieg erlangt worden wären? Ich will damit nicht sagen, daß es unter den obwaltenden Umständen möglich gewesen wäre, sie ohne Krieg zu erringen, aber wäre es nicht für das körperliche und geistige Wohl des amerikanischen Volkes, ja, der ganzen Menschheit, besser gewesen, wenn hohe Staatskunst die scheinbaren Unmöglichkeiten überwunden und einen Ausweg gefunden hätte, um ohne Krieg zum Ziele zu gelangen?

Obgleich ich meinen Abschied genommen hatte und nicht mehr im aktiven Dienst stand, konnte ich nicht umhin, zur letzten großen Parade der beiden aufzulösenden Armeen, der östlichen und der westlichen, nach Washington hinüberzufahren und meinen ehemaligen Waffengenossen noch einmal die Hand zu drücken. Meine während des Kampfes gesammelten Erfahrungen hatten mir allerdings einen tiefen Abscheu gegen den Krieg eingeflößt, aber ich muß gestehen, als ich die tapferen Truppen in breiter Kolonne Pennsylvania Avenue herabmarschieren sah, am ersten Tage die Potomac-Armee und am nächsten Shermans wettergebräunte Veteranen – die abgemagerten, hageren Leute, über deren siegesstolzen Häuptern die zerfetzten Fahnen flatterten –, da schlug mir stolz das Herz im freudigen Bewußtsein, daß auch ich zu ihnen gehört hatte. Dies Schauspiel war großartig, aber war das, was folgte, die plötzliche Auflösung dieser machtvollen Scharen, nicht noch großartiger? Sie, die ihrem Aussehen und ihrer eigenen Überzeugung nach der ganzen Welt hätten Trotz bieten können, sah man nun, nach vierjährigem, blutigem und zerstörendem Kampfe, plötzlich dahinschmelzen, als wären sie nie gewesen. Jeder, der ein Schwert geschwungen, ein Gewehr geschultert oder eine Kanone bedient hatte, ging jetzt ruhig heim als friedlicher Bürger, an den Pflug, den Amboß, den Webstuhl, ins Bureau oder ins Kontor. Dieser plötzliche Übergang vom Krieg zum Frieden, bei dem sich eine Million Soldaten in eine Million arbeitender Bürger verwandelte, vollzog sich ohne die geringste Störung, ja, selbst ohne Schwierigkeit. Das war eigentlich für die amerikanische Demokratie ein noch größerer Triumph als irgendein Sieg auf dem Schlachtfelde.

Die Lage in der anderen Hälfte der wiederhergestellten Union bot allerdings zur selben Zeit die peinlichsten Verwicklungen. Auch die südlichen Armeen waren aufgelöst worden und ihre Soldaten und Offiziere waren »heimgekehrt«, sicher alle in der ehrlichen Absicht, sich trotz ihrer bitteren Enttäuschung als friedfertige Bürger zu betätigen. Aber die Lage war unendlich schwierig: hinter ihnen lag eine unheilvolle Niederlage, um sie herum Zerstörung und Verwüstung, vor ihnen die schwierigsten Existenzfragen, über deren Lösung ein erbitterter Kampf der Meinungen wogte.

Und Abraham Lincoln war tot! Er war in dem Augenblick hinweggerafft worden, als er am höchsten in der Achtung seiner Landsleute stand und ihre innigste Liebe und ihr größtes Vertrauen besaß. Alle, die bei seiner Wahl in ihm nur einen unbedeutenden Rechtsanwalt vom Lande gesehen oder ihn gar als bäurischen Witzbold hingestellt hatten, alle, die ihm während des Krieges Schwäche, zielloses Zaudern und verderbliches Schwanken vorgeworfen hatten, alle hatten endlich eingesehen, daß seine geduldige, großmütige verständnisvolle und dem Volksempfinden Rechnung tragende Politik wohl im einzelnen anfechtbar, im ganzen aber die einzige sei, welche alle Kräfte der Union zusammenhalten und somit die Republik retten konnte. Und auch die Südstaaten hatten Vertrauen zu ihm gefaßt, trotz der Meinungsverschiedenheiten, die zwischen seinen praktischen Plänen zur Rekonstruktion der Staaten und den Theorien anderer bestanden. Die Südstaaten bauten darauf, daß er gegen diejenigen, die jüngst noch an der Rebellion teilgenommen, wie er verkündet, »ohne Groll und mit Nachsicht« verfahren würde; und die Nordstaaten bauten darauf, daß er nichts zugeben würde, was die Rechte der kürzlich befreiten Sklaven gefährden könnte. So war er in den schwierigen Fragen, die der Krieg hinterlassen hatte, naturgemäß der Mittler zwischen den Siegern und den Besiegten. Nun war er tot, und die einleitenden Maßregeln zur Lösung jener Fragen waren vom Schicksal den unsicheren Händen Andrew Johnsons anvertraut, von dem noch niemand etwas wußte. Ich war ganz außerordentlich überrascht, als ich von ihm die Aufforderung erhielt, ihm bei der Bildung seines Urteils über die schwierige Lage behilflich zu sein.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

<< Lincoln in SchwierigkeitenDie Folgen von Lincolns Ermordung >>
Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]