Der Kojote

Abermals eine Nacht, die abwechselnd Ruhe und Unruhe brachte. Aber der Morgen kam doch nach und nach heran. Abermals ein solches Erwachen inmitten frischer Lüfte, endlos sich ausdehnender grüner Flächen, strahlenden Sonnenscheins, einer ergreifenden, aller sichtbaren menschlichen Wesen und Wohnstätten baren Einsamkeit und einer Atmosphäre von so merkwürdig vergrößernden Eigenschaften, daß Bäume in mehr als drei Meilen Entfernung scheinbar dicht vor uns standen. Wir machten es uns wieder leicht, kletterten auf das Dach unseres dahinfliegenden Wagens, ließen die Beine auf der Seite herunterhängen, riefen gelegentlich einmal unsern tollen Maultieren zu, lediglich um zu sehen, wie sie die Ohren zurücklegten und noch flinker dahinstoben, banden unsre Hüte fest, damit uns der Wind die Haare nicht wegblase, und hielten Ausschau über den unermeßlichen Teppich, der sich um uns ausbreitete, nach beachtenswerten neuen und merkwürdigen Dingen. Noch heute durchströmt mein ganzes Wesen ein Wonnegefühl bei dem Gedanken an das Leben, die Fröhlichkeit und das unbändige Freiheitsgefühl, welche an diesen herrlichen Morgen auf unserer Fahrt meine Pulse höher schlagen ließen.

Später, etwa eine Stunde nach dem Frühstück, erblickten wir die ersten Dörfer von Prairiehunden, die erste Antilope und den ersten Wolf. Wenn ich mich recht entsinne, war dieser letztere der richtige Cayote der entlegeneren Wüsten. Und wenn dem so war, so war derselbe weder ein hübsches, noch auch ein respektables Geschöpf; ich machte nämlich später genaue Bekanntschaft mit seiner Sippe und kann daher mit Bestimmtheit sprechen. Der Cayote ist ein langes, schmächtiges, krank und trübselig aussehendes, mit einem grauen Wolfsfell überzogenes Gerippe mit leidlich buschiger Rute, die stets mit einem verzweifelten Ausdruck von Not und Elend herabhängt, mit scheuem, tückischem Blick und langem, spitzem Gesicht und einer etwas emporgezogenen Lippe, so daß das Gebiß zum Vorschein kommt. Sein ganzes Wesen hat etwas Schleichendes an sich. Der Cayote ist eine lebendige Verkörperung der Not. Er ist stets hungrig. Er ist stets arm, ohne Glück und ohne Freund. Die geringsten Geschöpfe verachten ihn, und wenn die Flöhe die Wahl hätten zwischen ihm und einem Velociped, würden sie letzteres vorziehen! Er ist so mutlos und feige, daß sein ganzer übriger Gesichtsausdruck für die Drohung um Verzeihung bittet, die man in seinem Zähnefletschen finden könnte. Und wie häßlich ist er! – so räudig, so klapperdürr, so struppig und erbärmlich. Wenn er einen erblickt, so zieht er die Lippe ein wenig empor und bleckt die Zähne, biegt etwas von seinem Wege ab, duckt den Kopf ein bißchen und schlägt einen langgestreckten, lautlosen Trab durch die Salbeibüsche an; dabei schaut er von Zeit zu Zeit über die Schulter nach einem zurück, bis er ungefähr aus der gewöhnlichen Pistolenschußweite ist; dann macht er Halt und faßt einen scharf ins Auge; darauf trabt er fünfzig Ellen weiter und hält wieder an und so noch einmal, bis endlich das Grau seines dahingleitenden Körpers sich mit dem Grau der Salbeibüsche mischt und er verschwindet. Alles dies ist der Fall, wenn man keine Demonstration gegen ihn macht; geschieht dies aber, dann entfaltet er ein lebhafteres Interesse an seinem Aufbruch, elektrisiert seine Fußsohlen und entfernt sich so schnell von unserer Waffe, daß man, bis der Hahn gespannt ist, schon sieht, daß eine Miniébüchse nötig wäre, und bis man ihn in Schußlinie hat, findet, daß er einer gezogenen Kanone bedürfte, und man, bis er aufs Korn genommen ist, sich sagen muß, daß ihm jetzt höchstens noch ein ungewöhnlich langgezackter Blitzstrahl beikommen könnte. Läßt man einen schnellfüßigen Hund auf ihn los, so verschafft man sich ebenso viel Vergnügen – besonders, wenn der Hund eine gute Meinung von sich hat und auf’s Laufen dressiert ist. Der Cayote wird mit sanftem Schwung in jenen trügerischen Trott verfallen und dabei in kurzen Zwischenräumen ein arglistiges Lächeln über die Achsel zurücksenden, das den Hund ganz mit Mut und weltlichem Ehrgeiz erfüllt, so daß er den Kopf noch tiefer senkt, den Hals noch weiter vorstreckt, noch wilder keucht, den Schweif noch gerader hinausstreckt und seine Beine mit noch tollerer Eile tanzen läßt, bis eine immer breitere, höhere und dichtere Wolke von Wüstensand hinter ihm aufwirbelt und seinen weiten Weg über die ebene Fläche bezeichnet! Und diese ganze Zeit über ist der Hund nur elende zwanzig Fuß hinter dem Cayote drein, und – gälte es das Heil seiner Seele – er begreift nicht, warum der Abstand nicht merklich kleiner werden will; und er ärgert sich allmählich und wird schließlich immer toller, wenn er sieht, wie sanft der Cayote dahingleitet ohne Keuchen, ohne Schwitzen und unter fortwährendem Lächeln; und er wird noch immer entrüsteter, wenn er sieht, wie schmählich er sich von einem völlig Fremden hat anführen lassen und was für ein schnöder Schwindel dieser langgestreckte, sanfte, leisetretende Trab ist. Das nächste, was er sodann merkt, ist, daß er zu ermatten anfängt und daß der Cayote in der That seine Gangart etwas mäßigen muß, um ihm nicht davon zu laufen; – jetzt aber ist dieser Stadthund allen Ernstes aus dem Häuschen, er bietet seine Kräfte auf unter Heulen und Fluchen, und wirbelt den Sand toller auf als je, um dem Cayote mit verzweifelter Anstrengung beizukommen. Infolge dieser Kraftleistung befindet er sich nun sechs Fuß hinter seinem davongleitenden Feinde und zwei Meilen weit von seinen Freunden. Als gerade eine neue wilde Hoffnung in seinem Gesichte aufleuchtet, kehrt sich der Cayote noch einmal nach ihm um mit sanftem Lächeln und einem Ausdruck, als wollte er sagen: »Nun, ich werde mich wohl von dir losreißen müssen, mein Junge – allein Geschäft ist Geschäft, und ich kann unmöglich den ganzen Tag mit solchen Narrenpossen vertrödeln« – im nächsten Augenblick hört man etwas durch die Luft sausen und siehe da, einsam und allein steht der Hund mitten in der grenzenlosen Einöde!

In seinem Kopf wirbelt es. Er hält an und schaut sich rings um; er klettert auf den nächsten Sandhügel und blickt ins Weite; er schüttelt nachdenklich den Kopf, dann macht er lautlos Kehrt und jagt zu seiner Gesellschaft zurück, wo er sich einen bescheidenen Platz unter dem hintersten Wagen sucht, sich unsäglich erbärmlich vorkommt und vor lauter Beschämung den Schwanz eine ganze Woche lang auf Halbmast trägt. Und wenn vielleicht nach Jahr und Tag wieder einmal ein gewaltiger Lärm und großes Geschrei hinter einem Cayote her losgeht, dann wird dieser Hund nur einen gelassenen Blick nach der Richtung werfen und ohne Zweifel bei sich selbst bemerken: »Ich glaube, ich danke für Obst.«

Der Cayote lebt hauptsächlich in den trostlosesten unwirtlichsten Wüsten mit der Eidechse, dem Eselskaninchen und dem Raben zusammen, wo er sich einen Ungewissen und fragwürdigen Unterhalt verdient.

Er lebt anscheinend ausschließlich von den Leichnamen von Ochsen, Maultieren und Pferden, die bei Auswandererzügen gefallen und verendet sind, von unverhofft sich darbietendem Aas und gelegentlichen Vermächtnissen von Abfall, die ihm von weißen Leuten hinterlassen werden, welchen ihre Verhältnisse gestatteten, etwas besseres aufzuschneiden als ranzigen Soldatenspeck.

Er frißt alles, was seine nächsten Vettern, die Indianerstämme der Wüste, essen; und die essen alles, was sie zu beißen imstande sind.

Der Cayote der Wüsten jenseits der Felsengebirge ist besonders übel daran, weil nämlich seine Verwandten, die Indianer, gerade so geschickt darin sind, wie er selbst, zuerst einen verführerischen Duft in der Wüstenluft zu entdecken und dem Geruche nachzugehen, bis sie den verewigten Ochsen aufgefunden haben, von welchem derselbe aufsteigt; und in solchem Falle muß er damit vorlieb nehmen, in einiger Entfernung sich hinzusetzen und zuzusehen, wie diese Leute alles Eßbare abstreifen und herausbohren und es mit fort nehmen. Dann untersucht er in Gemeinschaft mit den Raben das Knochengerüst und nagt dasselbe vollends blank ab. Man betrachtet es als einen Beweis für die Blutsverwandtschaft zwischen dem Cayote, dem Aasvogel und dem Indianer der Wüste, daß sie in der Wildnis im Verhältnis vollkommener Vertraulichkeit und Freundschaft zusammen hausen, während sie alle andern Geschöpfe hassen und ihnen den Tod wünschen. Der Cayote macht sich nichts daraus, zu seinem Frühstück hundert und zu seinem Mittagessen hundertfünfzig Meilen zurückzulegen, denn er weiß aus Erfahrung, daß von einer Mahlzeit zur andern drei bis vier Tage vergehen, und so mag er ebensowohl auf Reisen gehen und sich die Gegend ansehen, als unthätig herumliegen und seinen Eltern zur Last fallen. Wir lernten bald das scharfe, boshafte Gebell des Cayote unterscheiden, wenn derselbe des Nachts über die finstere Ebene daherkam und uns in unsern Träumen zwischen den Postsäcken störte; und beim Gedanken an seine elende Erscheinung und sein hartes Los wünschten wir ihm ernstlich das seltene Glück eines Tages voll guter Beute und einer unerschöpflichen Speisekammer für morgen.

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