Der Judenflinten-Prozeß

Im Mai 1892 er­schien im Ver­la­ge von Glöss in Dres­den un­ter dem Ti­tel »Neue Ent­hül­lun­gen, Ju­den­f­lin­ten« ei­ne Bro­schü­re, die den an­ti­se­mi­ti­schen Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten Rek­tor a. D. Her­mann Ahl­wardt (Ber­lin) zum Ver­fas­ser hat­te. In die­ser Bro­schü­re wur­de u.a. be­haup­tet, daß von der Ber­li­ner Ge­wehr­fa­brik Lud­wig Lö­we & Co., Ak­ti­en-Ge­sell­schaft, schlech­te, un­taug­li­che Ge­weh­re für die deut­sche Ar­mee ge­lie­fert wer­den. »Die­se Ge­weh­re,« so hieß es in der Bro­schü­re, sind nicht bloß ge­eig­net, die deut­sche Ar­mee kriegs­un­tüch­tig zu ma­chen, da die Ge­weh­re beim Schie­ßen ver­sa­gen, sie ge­fähr­den au­ßer­dem durch häu­fi­ges Plat­zen der Läu­fe Le­ben und Ge­sund­heit der deut­schen Sol­da­ten. Die Lö­weschen Ge­weh­re sind nicht dem Fein­de, um so mehr aber den deut­schen Sol­da­ten ge­fähr­lich, de­nen sie be­hufs Schieß­übung im Frie­den und zur An­wen­dung im Krie­ge über­ge­ben wor­den sind. Die­se von den Lei­tern der Lud­wig Lö­weschen Fa­brik be­trie­be­nen be­trü­ge­ri­schen Ma­ni­pu­la­tio­nen, den Her­ren Isi­dor Lö­we und Oberst­leut­nant a.D. Kühn, ali­as Cohn, ge­sche­hen teils des grö­ße­ren Geld­ge­winns hal­ber, zu­meist aber im Auf­tra­ge der »Al­li­an­ce is­rae­li­te uni­ver­sel­le«, da­mit das Deut­sche Reich im Fal­le ei­nes Krie­ges ge­schla­gen gen wer­de. Die »Al­li­an­ce is­rae­li­te uni­ver­sel­le« hat das größ­te In­ter­es­se, daß Deutsch­land im nächs­ten Krie­ge ge­schla­gen wer­de, da sie nur auf den Trüm­mern des Deut­schen Rei­ches die von ihr er­streb­te jü­di­sche Welt­herr­schaft auf­bau­en kann. Die mit der Ab­nah­me, Un­ter­su­chung und Stem­pe­lung der Ge­weh­re be­trau­ten kö­nig­li­chen Büch­sen­ma­cher Klott, Roener und Holz und der kö­nig­li­che Ober­büch­sen­ma­cher Kirch ha­ben von die­sen be­trü­ge­ri­schen, ja, hoch- und lan­des­ver­rä­te­ri­schen Hand­lun­gen vol­le Kennt­nis, sie schwei­gen aber, da sie gro­ße Sum­men da­für er­hal­ten. Gleich zu Be­ginn der Fa­bri­ka­ti­on sind min­des­tens drei Ge­weh­re, mit re­gel­rech­tem Paß ver­se­hen, ins Aus­land ge­gan­gen. Jetzt beim Ab­schluß der Lö­weschen Lie­fe­run­gen ge­hen Tau­sen­de von Ge­weh­ren, in Kis­ten ver­packt, als ?Ei­sen­tei­le mit Holz ver­bun­den? nach Ham­burg, wo sie je­den­falls nicht lie­gen­blei­ben. In Frank­reich und Ruß­land weiß man sehr ge­nau, was bei Lö­we vor­ge­gan­gen ist.

Die Bro­schü­re wur­de sehr bald nach ih­rem Er­schei­nen ge­richt­lich be­schlag­nahmt. Von der Ober­reichs­an­walt­schaft wur­de so­fort ei­ne ein­ge­hen­de Un­ter­su­chung we­gen des an­geb­lich ver­üb­ten Hoch- und Lan­des­ver­rats an­ge­ord­net. Auch von der Mi­li­tär­be­hör­de und der Staats­an­walt­schaft am Land­ge­richt Ber­lin I wur­den um­fas­sen­de Un­ter­su­chun­gen an­ge­stellt. Die ein­ge­lei­te­ten straf­recht­li­chen Ver­fah­ren wur­den je­doch doch sehr bald ein­ge­stellt, da für die Ahl­wardt­schen Be­haup­tun­gen sich nicht die min­des­ten An­halts­punk­te er­ga­ben. Dar­auf­hin stell­te die Mi­li­tär­be­hör­de für die drei ge­nann­ten Büch­sen­ma­cher und den Ober­büch­sen­ma­cher Kirch Straf­an­trag we­gen ver­leum­de­ri­scher Be­lei­di­gung. Die Di­rek­to­ren der Lö­weschen Fa­brik, Geh. Kom­mer­zi­en­rat Isi­dor Lö­we und Oberst­leut­nant a. D. Kühn, schlos­sen sich dem Straf­an­trag an und wur­den auch vom Ge­richt als Ne­ben­klä­ger zu­ge­las­sen. Ahl­wardt hat­te sich des­halb im De­zem­ber 1892 vor der zwei­ten Straf­kam­mer des Land­ge­richts Ber­lin I we­gen wie­der­hol­ter ver­leum­de­ri­scher Be­lei­di­gung zu ver­ant­wor­ten. Den Vor­sitz des Ge­richts­ho­fes führ­te Land­ge­richts­di­rek­tor Brau­se­wet­ter, die An­kla­ge ver­trat Ober­staats­an­walt Dre­scher. Ver­tre­ter der Ne­ben­klä­ger wa­ren die Jus­tiz­rä­te Gerth und Mun­ckel. Die Ver­tei­di­gung führ­te Rechts­an­walt Hert­wig (Char­lot­ten­burg).

So­fort nach Er­öff­nung der Ver­hand­lung er­klär­te der Ober­staats­an­walt: Wenn von den Be­schul­di­gun­gen des An­ge­klag­ten auch nur ein ganz klei­ner Teil wahr wä­re, dann wür­de für mich die Not­wen­dig­keit vor­lie­gen, den An­trag auf Aus­schluß der Öf­fent­lich­keit zu stel­len. Al­lein, oh­ne der münd­li­chen Ver­hand­lung vor­zu­grei­fen, bin ich in der La­ge, mit­zu­tei­len, daß nach den Er­geb­nis­sen der Vor­un­ter­su­chung al­le Be­haup­tun­gen des An­ge­klag­ten auf Er­fin­dung be­ru­hen. hen. Es ist in der Vor­un­ter­su­chung fest­ge­stellt wor­den, daß die von der Lö­weschen Fa­brik für die deut­sche Ar­mee ge­lie­fer­ten Ge­weh­re we­der kriegs­un­tüch­tig noch min­der­wer­tig wa­ren, noch daß ir­gend­ei­ne hoch- oder lan­des­ver­rä­te­ri­sche Hand­lung von den Lei­tern der Lö­weschen Fa­brik oder ei­nem Be­am­ten be­gan­gen wor­den ist. Ich be­grü­ße es da­her mit Freu­den, daß ich kei­ne Ver­an­las­sung ha­be, den Aus­schluß der Öf­fent­lich­keit zu be­an­tra­gen, im Ge­gen­teil, ich be­grü­ße es als ei­ne will­kom­me­ne Ge­le­gen­heit, daß die Sa­che hier vor al­ler Öf­fent­lich­keit klar­ge­stellt wer­den kann.

Ahl­wardt hielt al­le sei­ne Be­haup­tun­gen auf­recht und be­rief sich auf ei­ne Rei­he von ihm ge­la­de­ner Zeu­gen. Er be­merk­te fer­ner: er ha­be zu­nächst Straf­an­zei­ge er­stat­tet. Da er aber ab­schlä­gig be­schie­den wor­den sei, ha­be er die Bro­schü­re ge­schrie­ben. Vor dem Er­schei­nen der Bro­schü­re ha­be er sich aufs Po­li­zei­prä­si­di­um be­ge­ben. Es sei ihm aber ge­sagt wor­den, der Po­li­zei­prä­si­dent sei nicht zu spre­chen, er sol­le sich an des­sen Ver­tre­ter, den Ge­hei­men Ober­re­gie­rungs­rat Fried­heim wen­den. Da er je­doch in Ge­heim­rat Fried­heim ei­nen Ju­den, zum min­des­ten ei­nen jü­di­schen Ab­kömm­ling, ver­mu­te­te, ha­be er den Rit­ter­guts­be­sit­zer von Lan­gen ge­be­ten, beim Po­li­zei­prä­si­den­ten v. Richt­ho­fen vor­zu­spre­chen. Herr v. Lan­gen sei auch vom Po­li­zei­prä­si­den­ten emp­fan­gen wor­den. Letz­te­rer ha­be aber Herrn von Lan­gen be­deu­tet: das sei nicht sei­ne Sa­che, er sol­le sich an das Kriegs­mi­nis­te­ri­um wen­den. Der Po­li­zei­prä­si­dent ha­be, als er sich das Ti­tel­blatt der Bro­schü­re an­sah, ge­sagt: »Aha, von Ahl­wardt. Was der schreibt, ist von vorn­her­ein un­glaub­wür­dig.« Er (Ahl­wardt) ha­be auch ver­sucht, den Kriegs­mi­nis­ter zu spre­chen, das sei ihm aber nicht ge­lun­gen.

Vors.: Hat­te denn der Herr Kriegs­mi­nis­ter kei­nen Ver­tre­ter? Ahl­wardt: Mit dem Ver­tre­ter woll­te ich nicht ver­han­deln, er war Ju­de.

Po­li­zei­prä­si­dent v. Richt­ho­fen, als Zeu­ge ver­nom­men, be­stritt, daß er ge­sagt ha­be: Was Ahl­wardt schreibt, ist von vorn­her­ein un­glaub­wür­dig. Rit­ter­guts­be­sit­zer  v. Lan­gen hielt sei­ne Be­kun­dung auf­recht. Die von Ahl­wardt vor­ge­schla­ge­nen Zeu­gen, sämt­lich ehe­ma­li­ge Ar­bei­ter der Lö­weschen Fa­brik, wa­ren zum Teil we­gen Ur­kun­den­fäl­schung, Be­trugs und Dieb­stahls vor­be­straft. Sie be­rich­te­ten über er­heb­li­che Un­re­gel­mäß­g­kei­ten, Falschs­tem­pe­lun­gen, Ver­wen­dung min­der­wer­ti­gen Ma­te­ri­als und be­kun­de­ten, daß die zur Ab­nah­me der Ge­weh­re kom­man­dier­ten Of­fi­zie­re arg be­tro­gen wür­den. Sach­ver­stän­di­ger Ma­jor Han­nig vom Kriegs­mi­nis­te­ri­um be­zeich­ne­te die­se Be­haup­tun­gen als un­wahr. Er sei von sei­ner vor­ge­setz­ten Be­hör­de mit der Über­wa­chung und Kon­trol­le der Lö­weschen Ge­wehr­fa­bri­ka­ti­on be­traut ge­we­sen. we­sen. Das in der Lö­weschen Fa­brik ver­ar­bei­te­te Ma­te­ri­al sei das bes­te, zum min­des­ten eben­so gut wie in al­len an­de­ren Ge­wehr­fa­bri­ken. Er ha­be die Ge­weh­re selbst bei der Trup­pe ge­se­hen und kön­ne nur sa­gen, daß sie in je­der Be­zie­hung den ge­stell­ten An­for­de­run­gen ent­spro­chen ha­ben. Er ha­be selbst­ver­ständ­lich die Fa­bri­ka­ti­on, die in Mar­ti­ni­cken­fel­de, in der Git­schi­ner­stra­ße und in der Holl­mann­stra­ße ge­schah, nicht al­lein über­se­hen kön­nen, es sei­en aber in den drei Fa­bri­ken stets Of­fi­zie­re zu sei­ner Ver­tre­tung an­we­send ge­we­sen. Wenn ein Ge­wehr fer­tig war, dann sei es ge­bucht und ge­stem­pelt und als­dann zum An­schuß ge­bracht wor­den. So­bald es die Pro­be des An­schus­ses be­stan­den hat­te, sei es noch­mals ge­stem­pelt, mit ei­ner lau­fen­den Num­mer und ei­nem Buch­sta­ben ver­se­hen und in das Schieß­buch ein­ge­tra­gen wor­den. Die an­de­ren mi­li­tä­ri­schen Sach­ver­stän­di­gen, Oberst Frei­herr v. Bra­ckel, Oberst v. Flo­tho und Oberst­leut­nant v. Göß­nitz (sämt­lich vom Kriegs­mi­nis­te­ri­um) schlos­sen sich den Be­kun­dun­gen des Ma­jors Han­nig voll­stän­dig an. Hof­büch­sen­ma­cher Ba­rel­la be­kun­de­te: er ha­be im Auf­tra­ge des Un­ter­su­chungs­rich­ters Schieß­ver­su­che mit Lö­weschen Ge­weh­ren vor­ge­nom­men. Von et­wa 25000 Ge­weh­ren ha­be er ei­ne An­zahl aus der Mit­te her­aus­ge­grif­fen, mit die­sen die ver­schie­dens­ten Schieß­ver­su­che ge­macht, das Ma­te­ri­al in al­len Tei­len un­ter­sucht. Er kön­ne mit­tei­len, daß die Ge­weh­re voll­stän­dig stän­dig kriegs­brauch­bar und voll­wer­tig wa­ren.

Geh. Kom­mer­zi­en­rat Lö­we und Oberst­leut­nant a.D. Kühn ga­ben als mög­lich zu, daß ei­ni­ge Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten vor­ge­kom­men sei­en, je­den­falls hat­ten sie das eif­rigs­te Be­stre­ben, sich die vol­le Zu­frie­den­heit ih­rer Ab­neh­mer zu er­wer­ben. Auch ei­ne An­zahl frem­de Re­gie­run­gen ge­hör­ten zu ih­ren Ab­neh­mern, sie ha­ben von al­len Sei­ten nur das höchs­te Lob er­hal­ten. Kom­mer­zi­en­rat Lö­we, dem vom Vor­sit­zen­den ge­sagt wur­de, er kön­ne auf die fol­gen­de Fra­ge die Ant­wort ver­wei­gern, be­merk­te: Er zah­le hin und wie­der ei­nen Bei­trag an die Al­li­an­ce is­rae­li­te uni­ver­sel­le und wis­se nur, daß letz­te­re wohl­tä­ti­ge Zwe­cke ver­fol­ge; ei­nen Auf­trag, der deut­schen Ar­mee schlech­te Ge­weh­re zu lie­fern, ha­be er selbst­ver­ständ­lich nie­mals er­hal­ten.

Am sie­ben­ten Ver­hand­lungs­ta­ge teil­te der Ver­tei­di­ger mit: Auf dem Kor­ri­dor steht der als Zeu­ge ge­la­de­ne Kauf­mann Karl Paasch. Die­ser brennt vor Be­gier­de, sich ver­neh­men zu las­sen. Der Vor­sit­zen­de be­fahl, den Zeu­gen auf­zu­ru­fen.

Ver­tei­di­ger: Sind dem Herrn Zeu­gen die Grund­sät­ze der Al­li­an­ce is­rae­li­te uni­ver­sel­le be­kannt? Zeu­ge: Ich ha­be mich sehr ge­nau mit den Grund­sät­zen der Al­li­an­ce be­schäf­tigt und kann be­kun­den, daß die Al­li­an­ce ei­ne jü­di­sche Ver­si­che­rungs­an­stalt ist. Wenn z.B. Herr Lö­we jähr­lich 10 Fr. Bei­trag zahlt, dann hat er das Recht, je­des Ver­bre­chen zu be­ge­hen, oh­ne ei­ne himm­li­sche Stra­fe be­fürch­ten zu müs­sen. Das ist auch der Grund­satz des Tal­mud. Wenn ich die Ak­ten des ös­ter­rei­chi­schen Reichs­rats­ab­ge­ord­ne­ten Schnei­der hier hät­te, dann könn­te ich Ih­nen die be­tref­fen­de Stel­le im Tal­mud zei­gen. Wie­viel Herr Lö­we in Wirk­lich­keit Bei­trag an die Al­li­an­ce ge­zahlt hat, wird er uns selbst­ver­ständ­lich nicht sa­gen. Ich bin aber über­zeugt, wenn Ober­ra­bi­ner Hil­des­hei­mer zu Herrn Lö­we geht und von ihm 50000 Mark ha­ben will, dann er­hält er sie so­fort.

Vors.: Es kommt hier nur dar­auf an, ob Sie den Nach­weis füh­ren kön­nen, daß die Al­li­an­ce an Lö­we und Kühn den Auf­trag er­teilt hat, kriegs­un­brauch­ba­re Ge­weh­re zu lie­fern, da­mit das Deut­sche Reich zer­trüm­mert und die jü­di­sche Welt­herr­schaft er­rich­tet wer­den kön­ne?

Paasch: Ein di­rek­ter Nach­weis läßt sich ja dar­über nicht füh­ren. Ich bin aber über­zeugt, daß sich das so ver­hält. Lö­we lie­fert schlech­te Ge­weh­re, ein jü­di­scher Lie­fe­rant in Pa­ris lie­fert schlech­te Schu­he, ein jü­di­scher Lie­fe­rant in Metz lie­fert schlech­te Kon­ser­ven. Der Ju­de Drey­fuß in Pa­ris lie­fert an Ruß­land schlech­tes Ge­trei­de.

Vors.: Ich glau­be, Herr Zeu­ge, das führt uns doch zu­weit von der Sa­che ab.

Zeu­ge Paasch: Ich will bloß noch be­mer­ken, daß die jü­di­schen Of­fi­zie­re be­müht sind, al­le Lie­fe­run­gen ih­ren Glau­bens­ge­nos­sen zu­zu­wen­den. In Pa­ris gibt es z.B. 500 jü­di­sche Of­fi­zie­re, bei uns al­ler­dings müs­sen sich die Ju­den, wenn sie Of­fi­zier wer­den wol­len, tau­fen las­sen, wir ha­ben es aber mit der Ras­se zu tun. Ich spre­che des­halb von jü­di­scher Ras­se, weil wir so­gar vie­le Jah­re ei­nen jü­di­schen Kul­tus­mi­nis­ter in Preu­ßen hat­ten.

Ver­tei­di­ger: Wer war die­ser Kul­tus­mi­nis­ter?

Zeu­ge: Herr v. Goß­ler.

Vors.: Die­se Fra­ge ge­hört doch durch­aus nicht zur Sa­che. Im wei­te­ren Ver­lauf er­schien als Zeu­ge Pro­fes­sor Dr. La­za­rus: Ich war 6 Jah­re zwei­ter Vor­sit­zen­der des Ber­li­ner Zweig­ver­eins der Al­li­an­ce is­rae­li­te uni­ver­sel­le. Ei­nen ab­so­lu­ten Ge­gen­satz zwi­schen po­li­ti­scher und Wohl­tä­tig­keits­ten­denz kann ich bei der Al­li­an­ce in­so­fern nicht auf­bau­en, weil es auch ih­re Auf­ga­be ist, durch Pe­ti­tio­nen usw. da­hin zu wir­ken, daß in Län­dern auf nied­ri­ger Kul­tur­stu­fe die Ver­fol­gun­gen, de­nen die Ju­den dort aus­ge­setzt sind, auf­hö­ren. Im gan­zen ist die Ten­denz aus­schließ­lich Wohl­tä­tig­keit, Un­ter­stüt­zung, in­tel­lek­tu­el­le und mo­ra­li­sche He­bung der zu­rück­ge­blie­be­nen Stän­de in kul­tur­lo­sen Län­dern. Zu die­sem Zwe­cke wer­den Schu­len ge­grün­det und Un­ter­stüt­zun­gen ge­ge­ben. Die ge­sam­te Tä­tig­keit der Al­li­an­ce er­streckt sich in ers­ter Rei­he dar­auf, ar­me be­drück­te, we­gen ih­res Glau­bens lei­den­de Men­schen zu un­ter­stüt­zen.

Vors.: Hal­ten Sie es für mög­lich, daß die Al­li­an­ce is­rae­li­te den Auf­trag ge­ge­ben ha­ben könn­te, das Deut­sche Reich zu ver­nich­ten, um die jü­di­sche Welt­herr­schaft zu eta­blie­ren?

Pro­fes­sor Dr. La­za­rus: Die Al­li­an­ce hat die Ten­denz, den Elen­den zu­lie­be, aber nie­man­dem et­was zu­lei­de zu un­ter­neh­men. Der in der Fra­ge ent­hal­te­ne Ge­dan­ke könn­te mir nur als die Aus­ge­burt ei­ner ex­tre­men Phan­ta­sie er­schei­nen. Soll­te ich mich aber hier nicht nur als Zeu­ge, son­dern als psy­cho­lo­gi­scher Sach­ver­stän­di­ger äu­ßern, so wür­de ich sa­gen: selbst das äu­ßers­te Maß der Ver­leum­dungs­sucht und Bos­heit wür­de nicht aus­rei­chen, ei­nen sol­chen Ge­dan­ken zu fas­sen, wenn nicht noch der Wahn­witz hin­zu­kä­me.

Vors.: Hal­ten Sie es für mög­lich, daß die Fir­ma Lö­we & Co. von der Al­li­an­ce den Auf­trag er­hal­ten hat, un­brauch­ba­re Ge­weh­re zu lie­fern?

Pro­fes­sor La­za­rus: Ich muß dar­auf ant­wor­ten, daß ich seit 1879 nicht mehr im Vor­stan­de der Al­li­an­ce bin und mit der Füh­rung der Ge­schäf­te nichts zu tun ha­be. Ich hal­te es aber für un­mög­lich und er­klä­re, daß mir et­was Der­ar­ti­ges we­der mit­tel­bar noch un­mit­tel­bar, we­der schrift­lich noch münd­lich je­mals zu Oh­ren ge­kom­men ist. Die Al­li­an­ce ist ei­ne Ver­ei­ni­gung von Ju­den al­ler Län­der, die ei­nen wohl­tä­ti­gen Zweck ver­folgt.

Rechts­an­walt Hert­wig: Wert­voll für mich aus der Be­kun­dung des Zeu­gen ist, daß es den Ju­den al­ler Län­der er­laubt ist, ei­ne po­li­ti­sche in­ter­na­tio­na­le Ver­ei­ni­gung zu bil­den, die sonst nach dem Ge­set­ze ver­bo­ten ist.

Sa­ni­täts­rat Dr. Neu­mann: Von ei­ner for­ma­len in­ni­gen Ver­bin­dung zwi­schen dem Zen­tral­ko­mi­tee der Al­li­an­ce is­rae­li­te und den Lo­kal­ko­mi­tees der ein­zel­nen Län­der ist kei­ne Re­de. Die­ser Ver­ein ist im Jah­re 1860 in Pa­ris ins Le­ben ge­ru­fen, zu dem Zwe­cke, den­je­ni­gen Ju­den, wel­che sich in rück­ge­schrit­te­ner Stel­lung be­fin­den, zu ei­nem Fort­schrit­te in mo­ra­li­scher und geis­ti­ger Be­zie­hung zu ver­hel­fen, je­dem Ju­den, der in sei­ner Ei­gen­schaft als Ju­de lei­det, Bei­stand zu leis­ten und al­le Schrit­te, wel­che die­ses Stre­ben för­dern kön­nen, zu un­ter­stüt­zen. Der Sitz der Al­li­an­ce ist Pa­ris ge­wor­den, und es ha­ben sich nur sehr lang­sam und sehr all­mäh­lich Teil­neh­mer ge­fun­den. Die Lo­kal­ko­mi­tees, wel­che nicht bloß in Eu­ro­pa, son­dern auch in Ame­ri­ka vor­han­den sind, sind wei­ter nichts, als Kas­sen­stel­len die­ses Zen­tral­ko­mi­tees, des­sen Mit­glied ich seit 22 Jah­ren bin. Die Wirk­sam­keit der Al­li­an­ce wird durch halb­jäh­ri­ge Be­rich­te so klar­ge­legt, wie fast bei kei­nem Ver­ei­ne. Sie­ben Ach­tel der Mit­tel wer­den für Schu­len ver­wen­det und die groß­ar­ti­gen Er­fol­ge der Al­li­an­ce für Er­rich­tung von Schu­len im Ori­ent ist be­kannt. Was die be­haup­te­te Or­der der Al­li­an­ce an Lö­we zur Wehr­los­ma­chung Deutsch­lands be­trifft, so ist mir je­de Be­zie­hung des Herrn Isi­dor Lö­we zur Al­li­an­ce voll­stän­dig un­be­kannt; es wer­den nur von der Fir­ma Lud­wig Lö­we jähr­lich 10 Francs als Bei­trag er­ho­ben. Isi­dor Lö­we wird nicht ein­mal in den Lis­ten der Al­li­an­ce ge­führt. Daß der Tal­mud den Ju­den je­des Ver­bre­chen ge­gen die Chris­ten ge­stat­te, ist ei­ne Lü­ge.

An­gekl.: An die­sen Zeu­gen ha­be ich kei­ne Fra­ge zu rich­ten, denn er ist Par­tei. Mei­ne Zeu­gen hat man ja ab­ge­lehnt.

Vors.: Dann hät­ten Sie doch den Tal­mud mit­brin­gen und die Stel­le hier zei­gen sol­len.

An­gekl.: Daß die Zeu­gen nichts ge­gen die Al­li­an­ce sa­gen wer­den, ist doch selbst­ver­ständ­lich.

Vors.: Sie schei­nen ei­nen selt­sa­men Be­griff von der Hei­lig­keit des Ei­des zu ha­ben. So­weit her­un­ter­ge­kom­men sind wir doch noch nicht, daß hier Zeu­gen Mein­ei­de schwö­ren wer­den, um Sie tot zu ma­chen. Sie schei­nen das zu glau­ben. Lei­der scheint die­ser wun­der­li­che Glau­be, nach den jäm­mer­li­chen Brie­fen, die wir er­hal­ten ha­ben, auch bei ei­nem Tei­le Ih­rer Par­tei­ge­nos­sen vor­han­den zu sein.

Im wei­te­ren Ver­lauf der Ver­hand­lung über­reich­te der An­ge­klag­te dem Ers­ten Staats­an­walt ei­ne An­zahl Ak­ten­stü­cke. Aus die­sem An­laß wur­de auf ei­ni­ge Zeit »im In­ter­es­se der Staats­si­cher­heit« die Öf­fent­lich­keit aus­ge­schlos­sen. Am fol­gen­den Ta­ge teil­te der Vor­sit­zen­de zen­de mit: Er kön­ne mit: Ge­neh­mi­gung des Kriegs­mi­nis­ters mit­tei­len: Aus den in der nicht­öf­fent­li­chen Sit­zung zur Ver­le­sung ge­lang­ten Schrift­stü­cken ging her­vor, daß bei dem 57. Land­wehr­re­gi­ment in We­sel wäh­rend ei­ner zwölf­tä­gi­gen Übung von 939 Lö­weschen Ge­weh­ren 520 re­pa­ra­tur­be­dürf­tig ge­wor­den sei­en. Bei 69 Kam­mern wa­ren die Ein­sät­ze ab­ge­sprun­gen, 21 Schloß­tei­le wa­ren teils de­fekt ge­wor­den, teils ganz ge­sprun­gen, 45 Ab­zugs­fe­dern wur­den de­fekt. Oberst­leut­nant v. Göss­nitz: Die er­wähn­ten Schä­den sei­en durch­aus nor­ma­le. Er sei über­zeugt, daß die so schad­haft ge­wor­de­nen Ge­weh­re bei so­for­ti­ger Ver­wen­dung min­des­tens 80% kriegs­brauch­bar sei­en.

Der Vor­sit­zen­de und der Ober­staats­an­walt er­hiel­ten wäh­rend der zehn­tä­gi­gen Ver­hand­lung täg­lich an­ony­me Schrei­ben und Droh­brie­fe. In ei­nem Brie­fe wur­de ge­droht, das Ge­richts­ge­bäu­de mit­tels Dy­na­mit in die Luft zu spren­gen. Un­ter­zeich­net war dies Schrei­ben: »Im Auf­tra­ge der Ber­li­ner An­ar­chis­ten. R. Rail, Li­ni­en­stra­ße 111.« In ei­nem Schrei­ben wur­de be­haup­tet: »Der Ober­staats­an­walt, sämt­li­che Mit­glie­der des Ge­richts­ho­fes und die mi­li­tä­ri­schen Sach­ver­stän­di­gen sind von den Ju­den be­sto­chen.« Fast un­auf­hör­lich kam es zwi­schen dem Vor­sit­zen­den und dem Ver­tei­di­ger, Rechts­an­walt Hert­wig, zu hef­ti­gen Zu­sam­men­stö­ßen. Der Vor­sit­zen­de be­merk­te schließ­lich: Ich kann Ih­nen mit­tei­len, Herr Ver­tei­di­ger, daß al­le Mit­glie­der des Ge­richts­ho­fes über Ihr Vor­ge­hen ge­ra­de­zu ent­rüs­tet sind. Die Mit­glie­der des Ge­richts­ho­fes sind sich dar­über ei­nig, daß noch nie­mals ein Ver­tei­di­ger in ei­ner Haupt­ver­hand­lung der­ar­tig auf­ge­tre­ten ist, wie Sie in die­sem Ver­fah­ren.

Als der Vor­sit­zen­de im wei­te­ren Ver­lauf mit­teil­te, daß der Ge­richts­hof ei­ne An­zahl neu ein­ge­gan­ge­ner An­trä­ge des Ver­tei­di­gers ab­ge­lehnt ha­be, be­merk­te der Ver­tei­di­ger in sehr er­reg­ter Wei­se: Ich er­klä­re hier­mit, daß ich es ab­leh­ne, ei­nen Mann noch fer­ner zu ver­tei­di­gen, der nach die­ser Ab­leh­nungs­be­grün­dung schon ver­ur­teilt ist, noch ehe er ein Wort ge­spro­chen hat. (Gro­ße all­ge­mei­ne Be­we­gung.) Die Rich­ter und der Ober­staats­an­walt er­ho­ben sich ent­rüs­tet von ih­ren Sit­zen. Der Vor­sit­zen­de er­klär­te, daß er dem Ver­tei­di­ger das Wort ent­zie­he, die­ser rief je­doch dem Ge­richts­ho­fe zu: »Mö­ge Ihr Ur­teil aus­fal­len wie es wol­le, wir fürch­ten es nicht.« Der Ver­tei­di­ger ver­such­te noch wei­ter zu spre­chen, er wur­de je­doch durch den Ober­staats­an­walt und den Vor­sit­zen­den über­tönt, so daß sei­ne letz­ten Wor­te nicht zu ver­ste­hen wa­ren.

Ober­staats­an­walt Dre­scher: Ich be­an­tra­ge we­gen die­ser un­er­hör­ten Be­lei­di­gung, die dem Ge­richts­ho­fe ge­sagt wor­den ist, Herrn Rechts­an­walt Hert­wig zu der höchs­ten zu­läs­si­gen Un­ge­bühr­stra­fe zu ver­ur­tei­len.

Rechts­an­walt Hert­wig hat­te be­reits sei­ne Ak­ten zu­sam­men­ge­rollt sam­men­ge­rollt und ver­ließ in größ­ter Er­re­gung den Saal.

Der Vor­sit­zen­de ließ die Äu­ße­rung des Ver­tei­di­gers pro­to­kol­lie­ren.

Nach kur­zer Be­ra­tung des Ge­richts­ho­fes wur­de Rechts­an­walt Hert­wig we­gen Un­ge­bühr zu 100 Mark Geld­stra­fe ver­ur­teilt.

Der Ers­te Staats­an­walt be­merk­te in der Schluß­re­de: Der An­ge­klag­te hat durch sei­ne Be­haup­tun­gen das Ver­trau­en zu un­se­rer Hee­res­ver­wal­tung stark er­schüt­tert, die Dis­zi­plin in un­se­rem Hee­re un­ter­gra­ben,  das Ver­trau­en des deut­schen Sol­da­ten zu sei­ner Waf­fe stark er­schüt­tert. Ja, die Be­haup­tun­gen des An­ge­klag­ten sind ge­eig­net, das An­se­hen der deut­schen Ar­mee im Aus­lan­de her­ab­zu­set­zen. Der An­ge­klag­te nimmt für sich den Schutz des § 193 (Han­deln im be­rech­tig­ten In­ter­es­se) in An­spruch, ich bin aber nicht in der La­ge, ihm die­sen Schutz zu­zu­bil­li­gen. Der An­ge­klag­te ist eif­ri­ger Agi­ta­tor ei­ner Par­tei. Je­der Par­tei, auch der an­ti­se­mi­ti­schen Par­tei, muß das Recht zu­ge­spro­chen wer­den, öf­fent­li­che Miß­stän­de zur Spra­che zu brin­gen, zu kri­ti­sie­ren und zu ta­deln, aber je­de Par­tei­be­stre­bung darf da­bei nicht die ei­ne Grund­la­ge ver­las­sen: die Grund­la­ge der Wahr­heit und Wahr­haf­tig­keit. Mit ge­setz­li­chen Mit­teln und mit po­li­ti­schem Ernst muß ge­kämpft wer­den! Ei­ne Par­tei­be­stre­bung, die auf Über­trei­bung und Un­wahr­hei­ten hei­ten fußt, kann den Schutz des § 193 nicht mehr für sich in An­spruch neh­men. Oh­ne auf den An­ge­klag­ten zu ex­em­pli­fi­zie­ren, kann ich nur sa­gen: Po­li­ti­sche Skan­dal­ma­cher, de­nen nur dar­um zu tun ist, Auf­se­hen zu er­re­gen, wer­den Ih­rer Par­tei mehr scha­den, als nut­zen, und sie wer­den ein Krebs­scha­den der Par­tei wer­den. Von In­ter­es­se für mich war es, als ich neu­lich in ei­nem an­ti­se­mi­ti­schen Blat­te las, daß der An­ge­klag­te ein Krebs­scha­den für die an­ti­se­mi­ti­sche Par­tei sei. Zu­guns­ten des An­ge­klag­ten spricht die Tat­sa­che, daß im Lö­weschen Fa­brik­be­trie­be wirk­lich ver­schie­de­ne Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten vor­ge­kom­men sind und daß der An­ge­klag­te die Tat­sa­chen von Ar­bei­tern emp­fan­gen hat, die ihn teil­wei­se in der harm­lo­ses­ten Wei­se an­ge­lo­gen ha­ben. Das ist aber auch al­les, was zu sei­nen Guns­ten spricht. Die Über­rei­chung der Schrift an den Po­li­zei­prä­si­den­ten konn­te nicht ei­ne Straf­an­zei­ge im straf­pro­zes­sua­len Sin­ne dar­stel­len, denn der Po­li­zei­prä­si­dent muß­te so­fort se­hen, daß es sich um ei­ne Agi­ta­ti­ons­schrift ers­ten Ran­ges han­delt. Es wer­den in der Bro­schü­re die schwers­ten Vor­wür­fe ge­gen ei­ne Rei­he acht­ba­rer Per­so­nen er­ho­ben, ge­gen ei­nen eh­ren­haf­ten Of­fi­zier, der mit Eh­ren aus der Ar­mee ge­schie­den ist, fer­ner ge­gen ei­ne Rei­he der acht­bars­ten Mi­li­tär­be­am­ten. Ich he­be her­vor, daß der An­ge­klag­te sei­ne Vor­wür­fe er­ho­ben hat, ob­wohl er sich sa­gen muß­te, daß sie ge­eig­net sind, Pri­vat­ver­mö­gen gen und öf­fent­li­ches Ver­mö­gen in emp­find­li­cher Wei­se zu schä­di­gen. Er muß­te sich sa­gen, daß er auch das öf­fent­li­che In­ter­es­se durch sei­ne Hand­lungs­wei­se arg schä­dig­te. Der deut­sche Han­del hat gleich­falls durch die Bro­schü­re schwe­re Schä­di­gun­gen er­lit­ten, denn die Bro­schü­re ist bis in die ferns­ten Län­der ge­drun­gen und das An­se­hen des deut­schen Lan­des hat ge­lit­ten, bis die amt­li­che Er­klä­rung die Un­wahr­heit die­ser An­schul­di­gun­gen klar­leg­te. Die schwers­te Schä­di­gung aber ist die Schä­di­gung des An­se­hens un­se­rer Hee­res­ver­wal­tung und der mi­li­tä­ri­schen Dis­zi­plin. Der ekla­tan­tes­te Be­weis da­für ist aber die Tat­sa­che, daß ei­ne Mi­li­tär­per­son es ge­wagt hat, Ur­kun­den zu steh­len und dem An­ge­klag­ten in die Hand zu spie­len. Er hat dem An­ge­klag­ten den denk­bar schlech­tes­ten Dienst ge­leis­tet, denn er hat ihm nichts ge­nutzt, ab­so­lut nichts be­wie­sen, aber ge­zeigt, wie­weit die durch die Schand­schrift des An­ge­klag­ten er­zeug­te De­mo­ra­li­sa­ti­on schon ge­die­hen ist. Am ers­ten Ta­ge die­ser Ver­hand­lung ha­be ich es für ei­ne will­kom­me­ne Ge­le­gen­heit er­klärt, durch öf­fent­li­che Ver­hand­lung dem Va­ter­lan­de und dem Aus­lan­de zu zei­gen, wie we­nig wahr der In­halt der Bro­schü­re ist. Die öf­fent­li­che Ver­hand­lung war von Nut­zen, denn es hat sich her­aus­ge­stellt, daß es ein Mär­chen, ei­ne Un­wahr­heit ist, was der An­ge­klag­te von der Kriegs­brauch­bar­keit un­se­rer Waf­fen ge­sagt hat. Klar liegt vor al­ler Au­gen: Un­se­re Waf­fe ist gut und wird sich auch im Krie­ge als gut be­wäh­ren, wenn es ein­mal dar­auf an­kom­men soll­te. Wenn der An­ge­klag­te in klein­li­cher Furcht Ge­fah­ren und Nie­der­la­gen sieht, so ant­wor­te ich ihm im Ge­gen­teil: Fes­ter, als der An­ge­klag­te es wähnt, steht das Ge­fü­ge un­se­res Rei­ches und das Haus un­se­res Herr­schers! Ich be­an­tra­ge ge­gen den An­ge­klag­ten 1 Jahr 6 Mo­na­te Ge­fäng­nis, Pu­bli­ka­ti­ons­be­fug­nis für die Ne­ben­klä­ger und die be­lei­dig­ten Büch­sen­ma­cher. Der An­ge­klag­te Ahl­wardt be­merk­te in ei­ner mehr­stün­di­gen Ver­tei­di­gungs­re­de: Durch das Zeug­nis des Ar­bei­ters Brett­schnei­der sei fest­ge­stellt, daß die klei­ne Zahl von Re­vi­so­ren, wel­che un­ter dem Büch­sen­ma­cher Kes­sel ar­bei­te­te, durch­aus nicht zu­ver­läs­sig vor­gin­gen, daß Kes­sel selbst sich we­nig dar­um küm­mer­te und die jun­gen Se­kon­de­leut­nants, de­ren An­kunft man auch schon vor­her wuß­te, leicht ge­täuscht wer­den konn­ten. Er­wie­sen sei, daß bei der Her­stel­lung des Lau­fes drei ganz un­zu­läs­si­ge und ge­fähr­li­che Din­ge vor­ge­nom­men wor­den sei­en. Er­wie­sen sei fer­ner, daß die Büch­sen­ma­cher be­sto­chen wor­den sei­en; das hal­te er auch heu­te noch auf­recht, und auch was be­züg­lich des Ober­büch­sen­ma­chers Kirch durch die Be­weis­auf­nah­me er­bracht wor­den, klin­ge doch sehr ver­fäng­lich. Es sei ganz un­denk­bar, daß Lö­we da­von nichts ge­wußt ha­ben soll­te, da doch die Sum­men, wel­che an die Büch­sen­ma­cher ge­zahlt wur­den, durch die Bü­cher gin­gen. Nach sei­ner Mei­nung ha­be die Be­weis­auf­nah­me al­le in der Bro­schü­re ent­hal­te­nen Tat­sa­chen be­stä­tigt, und nur die Schluß­fol­ge­run­gen, wel­che er dar­an ge­knüpft, sei­en bis­her nicht er­wie­sen. Bu­ry und Stan­gen­berg sei­en die Ver­trau­ten des Oberst­leut­nants Kühn ge­we­sen, Stan­gen­berg ha­be so­gar sein Ge­halt noch wei­ter er­hal­ten, trotz­dem er von sei­nem Pos­ten ab­be­ru­fen wor­den sei, und dies sei ei­ne Haupt­be­ste­chung. Die Tat­sa­chen sei­en al­le er­wie­sen, und wo Über­trei­bun­gen vor­lie­gen, da sei­en sie auf Rech­nung der Ar­bei­ter zu­rück­zu­füh­ren, die er sei­ner­zeit bei al­len sei­nen Ver­neh­mun­gen im­mer wie­der zur pe­ni­bels­ten Wahr­heit an­ge­hal­ten ha­be. Was die mi­li­tä­ri­schen Sach­ver­stän­di­gen be­tref­fe, so müs­se er zu­nächst be­mer­ken, daß die kriegs­mi­nis­te­ri­el­len Zah­len sich nur auf die schwers­ten Fäl­le be­zo­gen, in de­nen die Ge­weh­re schad­haft ge­wor­den sei­en, al­le an­de­ren leich­ten Fäl­le sei­en wohl nicht in die Lis­te ein­ge­tra­gen. Die Lo­gik, daß die Be­schä­di­gun­gen von an­ti­se­mi­tisch ge­sinn­ten Land­wehr­leu­ten vor­sätz­lich be­gan­gen sein soll­ten, ver­ste­he er nicht, es wä­re doch mehr als wun­der­bar, wenn die Ham­mer­schlä­ge der ver­schie­de­nen Sol­da­ten stets an der­sel­ben Stel­le ge­trof­fen und die­sel­ben Be­schä­di­gun­gen er­zeugt ha­ben soll­ten. Er blei­be da­bei, daß er kei­nes­wegs über­trie­ben ha­be. Er ha­be auch dem Of­fi­zier­korps kei­nen Vor­wurf ma­chen wol­len, es sei doch eher ei­ne Eh­re als ei­ne Schan­de, wenn die Of­fi­zie­re den Täu­schun­gen der Büch­sen­ma­cher nicht ge­wach­sen sei­en. Er hät­te es gern ge­se­hen, wenn der in Barth wohn­haf­te Zeu­ge, der die Un­brauch­bar­keit der Ge­weh­re der Zint­graff­schen Ex­pe­di­ti­on be­kun­den soll­te, ge­la­den wor­den wä­re. Er sei, wie er be­ken­ne, rück­sichts­lo­ser An­ti­se­mit und ha­be das, was er als wahr fest­ge­stellt hat­te, zu­erst in an­ti­se­mi­ti­schem In­ter­es­se ver­wer­ten wol­len. Dann sei ihm die un­ge­heu­re Trag­wei­te klar ge­wor­den, er sei nach Leip­zig ge­reist und ha­be in den letz­ten acht Ta­gen al­le Schrit­te ge­tan, um ein Zu­rück­hal­ten der Bro­schü­re noch zu er­mög­li­chen. Al­so: ver­faßt ha­be er das Buch ur­sprüng­lich zu an­ti­se­mi­ti­schen Zwe­cken, ha­be nach­her aber die nö­ti­gen Schrit­te ge­tan, um ein amt­li­ches Ein­schrei­ten zu ver­an­las­sen. Er ha­be das Ver­trau­en der Sol­da­ten zu den Ge­weh­ren nicht er­schüt­tern, son­dern be­wir­ken wol­len, daß un­brauch­ba­re Ge­weh­re aus der Ar­mee aus­ge­sto­ßen wür­den. Er ha­be ge­glaubt, sich da­durch um das Va­ter­land ver­dient zu ma­chen.

Nach 5 1/2 stün­di­ger Be­ra­tung er­kann­te der Ge­richts­hof we­gen drei­er Be­lei­di­gun­gen auf fünf Mo­na­te Ge­fäng­nis. Der Vor­sit­zen­de be­merk­te in der Ur­teils­be­grün­dung: Die Brauch­bar­keit der Lö­weschen Ge­weh­re sei durch die vor­ge­kom­me­nen Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten kei­nes­wegs be­ein­träch­tigt wor­den; die Aus­kunft der Mi­li­tär­be­hör­den stel­le viel­mehr die glän­zends­ten zends­ten Er­geb­nis­se fest. Der An­ge­klag­te ha­be of­fen­bar die gan­ze Sa­che nicht ver­stan­den. Schul­dig be­fun­den sei der An­ge­klag­te der Be­lei­di­gung der Lei­ter der Fa­brik so­wie der Büch­sen­ma­cher we­gen der An­schul­di­gung: 1500 Ge­weh­re sei­en wi­der­recht­lich ge­stem­pelt, fer­ner mehr­fa­cher schwer krän­ken­der Be­lei­di­gun­gen ge­gen die Pri­vat­klä­ger so­wie schwe­rer Be­lei­di­gung des Büch­sen­ma­chers Kirch. Da kein Be­weis er­bracht, daß Ahl­wardt die Un­wahr­heit der Be­haup­tun­gen ge­kannt ha­be, sei ge­gen ihn der mil­dern­de Pa­ra­graph an­ge­wen­det wor­den. Ei­ne Wahr­neh­mung be­rech­tig­ter In­ter­es­sen lie­ge nicht vor. Lö­we und Kühn ha­ben ihr bes­tes dar­an ge­setzt, dem Staat gu­te Ge­weh­re zu lie­fern.

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