Der griechische Dolmetscher

Während meiner langen und innigen Bekanntschaft mit Sherlock Holmes hatte ich ihn höchst selten auf seine Verwandten Bezug nehmen hören und kaum jemals auf seine eigene Jugend. Dieser Mangel an Mitteilsamkeit hatte den über das allgemein Menschliche hinausgehenden Eindruck, den er auf mich machte, noch gesteigert, und er erschien mir manchmal als einsamer Fels im Meer, als Verstandsmensch ohne Herz, ebenso bar menschlicher Sympathie wie hervorragend durch seine Intelligenz. Seine Abneigung gegen das weibliche Geschlecht und gegen die Anknüpfung neuer Freundschaftsbande war bezeichnend für seinen etwas ungemütlichen Charakter, nicht minder bezeichnend dafür war aber diese geflissentliche Unterlassung der Bezugnahme auf Verwandte. Da überraschte er mich eines Tages umsomehr, als er anfing, mir ausführlicher von seinem Bruder zu erzählen.

Es war an einem Sommerabend nach dem Tee, und die Unterhaltung, die sich sprunghaft bewegt hatte von den Golfklubs zu den Ursachen der Veränderung in der schrägen Stellung der Ekliptik, kam schließlich auf die Frage des Atavismus und der hereditären Anpassung.

Wir sprachen gerade darüber, wie weit eine besondere Gabe eines Individuums der Abstammung zuzuschreiben sei und wie weit der eigenen Ausbildung.

»In deinem eigenen Falle,« sagte ich, »scheint es mir nach allem, was du mir erzählt hast, ganz klar, daß dein Beobachtungsvermögen und deine eigentümliche Fähigkeit, Schlüsse zu ziehen, nur deiner eigenen systematischen Uebung zu danken sind.«

»In gewissem Grade,« sagte er nachdenklich. »Meine Vorfahren waren Landedelleute, die, wie es scheint, ganz das Leben geführt haben, wie es in ihrem Stande üblich ist. Nichtsdestoweniger liegt mir die Richtung, die ich genommen habe, im Blute, und es mag sein, sie rührt von meiner Großmutter her, die eine Schwester des französischen Malers Vernet war. Künstlerblut kann sich in der allerverschiedensten Weise zum Ausdruck bringen.«

»Wie weißt du aber, daß Vererbung vorliegt?«

»Weil mein Bruder Mycroft die gleiche Gabe in höherem Grade besitzt als ich.«

Das war in der Tat etwas Neues für mich. Wenn es noch einen so eigentümlich veranlagten Mann in England gab, warum hatten weder Polizei noch Publikum etwas von ihm gehört? So fragte ich und fügte andeutend hinzu, es sei nur die Bescheidenheit meines Freundes, die ihn die Überlegenheit seines Bruders anerkennen lasse. Holmes lachte über diese Vermutung.

»Mein lieber Watson,« sagte er. »Ich protestiere dagegen, daß man die Bescheidenheit zu den Tugenden rechnet. Dem strengen Denker sollte alles genau so erscheinen, wie es in Wirklichkeit ist, und die Selbstunterschätzung ist ebenso eine Abweichung von der Wahrheit, wie die Uebertreibung des eigenen Könnens. Wenn ich also sage, Mycroft besitzt ein besseres Beobachtungsvermögen als ich, so kannst du ruhig annehmen, ich rede die genaue und buchstäbliche Wahrheit.«

»Ist er jünger als du?«

»Sieben Jahre älter.«

»Wie kommt es, daß man ihn nicht kennt?«

»O, er ist in seinem eigenen Kreise sehr gut bekannt.«

»Wo also?«

»Nun, zum Beispiel im Diogenesklub.«

Ich hatte von diesem Verein noch nie etwas gehört, und das muß sich auf meinem Gesichte ausgedrückt haben, denn Sherlock Holmes zog seine Uhr und sagte:

»Der Diogenesklub ist der wunderlichste Klub in London, und Mycroft ist eines seiner wunderlichsten Mitglieder. Er hält sich dort regelmäßig auf von dreiviertel fünf bis zwanzig Minuten vor acht Uhr.

Jetzt ist es sechs Uhr: wenn du also an diesem schönen Abende einen Spaziergang machen willst, so werde ich dich sehr gerne mit zwei Sehenswürdigkeiten bekannt machen.«

Nach fünf Minuten befanden wir uns auf der Straße und wandten uns dem Regentenzirkus zu.

»Du wunderst dich,« sagte mein Gefährte, »warum Mycroft seine Gaben nicht als Detektiv verwertet? Dazu ist er nicht imstande.«

»Aber ich dachte, du sagtest …«

»Ich sagte, er sei mir in der Beobachtung und in der Schlußfolgerung überlegen. Bestände die Detektivkunst nur darin, daß man im Lehnstuhl sitzt und scharfe Denkarbeit verrichtet, so würde mein Bruder der größte Kriminalagent sein, der jemals gelebt hat. Aber er ist ohne Ehrgeiz und Tatkraft. Er würde zur Bestätigung seiner eigenen Lösungen nicht einmal einen Umweg machen wollen und lieber sich des Irrtums zeihen lassen, als sich der Mühe des Wahrheitsbeweises unterziehen. Wie oft bin ich mit einem Problem vor ihn getreten und habe eine Erklärung erhalten, die sich nachher als zutreffend erwiesen hat. Und doch war er gänzlich unfähig, die unerläßlichen Vorarbeiten zu erledigen, ohne die der Fall gar nicht vor den Richter oder die Geschworenen hätte gebracht werden können.«

»Es ist also nicht sein Beruf?«

»Nein, kein Gedanke! Was mir zur Gewinnung des Lebensunterhaltes dient, ist für ihn nicht mehr als das Steckenpferd eines Dilettanten. Er ist ein vorzüglicher Rechner und daher Bücherkontrolleur bei einigen Behörden. Mycroft wohnt in Pall Mall und geht jeden Morgen um die Ecke nach Whitehall und jeden Abend zurück. Jahraus, jahrein ist das seine einzige Körperbewegung; nirgendwo ist er sonst anzutreffen, außer eben im Diogenesklub, der seiner Wohnung gerade gegenüberliegt.«

»Ich kann mich an diesen Namen nicht erinnern.«

»Das glaub‘ ich wohl. Du weißt, in London gibt es Leute genug, die, sei es aus Liebe zur Einsamkeit, sei es aus Menschenscheu, mit ihren Mitbürgern keinen Umgang pflegen wollen. Einen bequemen Stuhl und die neuesten Zeitschriften verachten sie darum doch nicht. Ihren Wünschen gerecht zu werden, wurde der Diogenesklub gegründet, der nun die ungeselligsten und am wenigsten in einen Klub passenden Einwohner Londons umfaßt. Kein Mitglied darf von den anderen auch nur die geringste Notiz nehmen. Außer im Fremdenzimmer darf unter keinen Umständen ein Wort gesprochen werden, und drei Verstöße hiegegen genügen, wenn sie zur Kenntnis des Vorstandes gelangen, den Schwätzer aus dem Klub auszustoßen. Mein Bruder war einer der Gründer, und ich selbst habe gefunden, daß dort eine die Nerven ungemein beruhigende Atmosphäre herrscht.«

Unter diesen Gesprächen hatten wir Pall Mall erreicht. Unweit des Carltontheaters blieb Sherlock Holmes vor einer Tür stehen und ging mit der Warnung, ich solle schweigen, in den Hausflur voran. Durch eine Glastür konnte ich einen schnellen Blick in ein großes, üppig ausgestattetes Zimmer werfen, in dem eine beträchtliche Anzahl von Männern saß und Zeitungen las, jeder für sich in seinem Winkel. Holmes führte mich in ein kleines Zimmer nach der Straße zu, verließ mich dann auf eine Minute und kam in Begleitung eines Mannes zurück, der niemand anders sein konnte als sein Bruder.

Mycroft Holmes war viel größer und stämmiger als Sherlock. Man mußte ihn geradezu dick nennen, aber sein Gesicht hatte trotz seines massiven Aussehens doch noch etwas von der Schärfe des Ausdrucks bewahrt, die in den Zügen seines Bruders so bemerkenswert war. Seine Augen, die eine eigentümliche, verschwommen hellgraue Färbung besaßen, schienen beständig jenen in weite Ferne schweifenden, innerlichen Blick auszusenden, den ich bei Sherlock nur in Augenblicken der höchsten Kraftanstrengung bemerkt hatte.

»Es ist mir angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen,« sagte er und streckte seine breite, flache, einer Seehundsflosse nicht unähnliche Hand aus. »Seit Sie angefangen haben, von meinem Bruder zu schreiben, ist sein Name in aller Mund.«

Die beiden Brüder saßen zusammen im Bogenfenster des Klubs und warfen hin und wieder einen Blick hinaus auf die belebte Pall-Mall-Straße.

»Wer den Menschen studieren will, der muß Hieher kommen,« sagte Mycroft. »Sieh‘ nur diese prächtigen Typen! Betracht‘ nur zum Beispiel die beiden Männer, die auf uns zukommen!«

»Der Billardmarkör und der andere?«

»Ganz recht. Was machst du aus dem anderen?«

Die beiden Beobachteten waren dem Fenster gegenüber stehen geblieben. Leichte Kreidestriche über der Westentasche waren das einzige, das für meine Augen bei dem einen an das Billard erinnerte. Der andere, von kleiner Gestalt und dunkler Hautfarbe, hatte seinen Hut nach hinten geschoben und trug verschiedene Pakete unter dem Arm.

»Ein alter Militär, sehe ich recht,« sagte Sherlock.

»Und erst vor kurzem entlassen,« bemerkte der Bruder.

»Hat in Indien gedient.«

»Und zwar als Unteroffizier.«

»Artillerie, denk‘ ich mir,« sagte Sherlock.

»Und Witwer.«

»Aber mit einem Kinde.«

»Kindern, mein lieber Junge!«

»Halt,« sagte ich lachend, »das ist etwas zu viel!«

»Sicher,« erwiderte Sherlock, »kann man unschwer erkennen, daß ein Mann mit solcher Haltung, so sichtlichem Autoritätsbewußtsein und sonnverbrannter Haut ein Militär ist, und zwar einer, der über dem Gemeinen stand, und daß er Indien vor kurzem verlassen hat.«

»Daß er noch nicht lange aus dem Dienst geschieden ist, sieht man daraus, daß er noch seine Kommißstiefel trägt,« bemerkte Mycroft.

»Den Kavalleriestreifen hat er nicht, aber er hat seinen Hut auf einer Seite getragen, wie sich aus dem helleren Teint über der einen Braue ergibt. Sein Körpergewicht spricht gegen den Pionier; also war er Artillerist.«

»Seine tiefe Trauer zeigt, daß er eine ihm sehr nahestehende Person verloren hat, und der Umstand, daß er selbst einkaufen geht, läßt vermuten, daß es seine Frau war. Was er gekauft hat, ist für Kinder, wie Sie sehen. Da eine Klapper darunter ist, muß eines noch sehr jung sein. Wahrscheinlich ist die Frau im Kindbett gestorben. Das Bilderbuch unter seinem Arm läßt darauf schließen, daß er noch, ein zweites Kind zu bedenken hat.«

Es dämmerte mir das Verständnis für meines Freundes Bemerkung auf, sein Bruder besitze noch schärferen Spürsinn als er selbst. Lächelnd warf er mir einen bezeichnenden Blick zu. Mycroft nahm eine Prise aus seiner Schildkrötdose und strich sich mit einem großen rotseidenen Taschentuch die verstreuten Krümel von seinem Rock.

»Nebenbei bemerkt, Sherlock,« sagte er, »man hat mir da einen Fall vorgelegt, der ganz nach deinem Sinne wäre, ein sehr hübsches Problem. Ich habe mich wirklich nicht dazu aufraffen können, der Sache auf den Grund zu gehen, aber sie hat mir wenigstens Anlaß zu einigen recht netten Spekulationen gegeben. Wenn dir mit den Tatsachen gedient ist …«

»Mein lieber Mycroft, du würdest mir das größte Vergnügen bereiten!«

Der Bruder kritzelte ein paar Worte auf ein Blatt seines Notizbuches, klingelte dem Kellner und gab es ihm.

»Ich habe Herrn Melas gebeten, herüberzukommen,« sagte er. »Er wohnt über mir und, da wir ein bißchen bekannt miteinander sind, so kam er in seiner Verlegenheit zu mir. Herr Melas ist von Geburt ein Grieche, soviel ich weiß, und ein hervorragender Sprachenkenner. Seinen Lebensunterhalt verdient er zum Teil als Dolmetscher vor Gericht, sodann dient er reichen Reisenden aus dem Orient, die Gäste der Hotels in der Northumberland-Avenue sind, als Führer. Ich denke, ich lasse ihn selbst sein sehr merkwürdiges Erlebnis in seiner eigenen Weise erzählen.«

Nach einigen Minuten trat ein kleiner, untersetzter Mann ins Zimmer, dessen olivenfarbenes Gesicht und kohlschwarzes Haar die südliche Herkunft verrieten, obwohl seine Sprache die eines gebildeten Engländers war. Lebhaft trat er auf Sherlock Holmes zu, tauschte einen Händedruck mit ihm, und seine dunklen Augen funkelten vor Vergnügen, als er erfuhr, der berühmte Fachmann wünsche seine Geschichte zu hören.

»Es scheint mir, die Polizei will mir nicht Glauben schenken; es ist so, Sie können sich darauf verlassen!« begann er klagend. »Nur weil sie vorher niemals etwas davon gehört haben, denken sie, so etwas sei nicht möglich. Aber ich weiß, ich werde nie wieder ruhig, bis ich erfahren habe, was aus diesem armen Manne mit dem Heftpflaster im Gesichte geworden ist.«

»Ich bin ganz Ohr,« sagte Sherlock Holmes.

»Heute ist Mittwoch abend,« sagte Herr Melas; »gut, dann war es also am Montag abend, erst vor zwei Tagen, als die Geschichte passierte. Ich bin Dolmetscher, wie Ihnen mein Nachbar vielleicht schon mitgeteilt hat. Ich übersetze alle Sprachen – oder fast alle – aber da ich von Geburt Grieche bin und einen griechischen Namen trage, so gibt mir diese Sprache auch die Hauptarbeit. Lange Zeit bin ich der erste griechische Dolmetscher in London gewesen, und man kennt mich in den Hotels sehr gut.

»Es kommt nicht selten vor, daß man mich zu ungewohnter Stunde kommen läßt, sei es, daß Fremde irgendwo in eine schwierige Lage geraten sind, aus der sie sich wegen ihrer Unkenntnis der Landessprache nicht befreien können, sei es, daß spät ankommende Reisende meiner Dienste bedürfen. So war ich nicht überrascht, als am Montag abend ein Herr Latimer, ein sehr sein gekleideter junger Mann, in meine Wohnung kam und mich aufforderte, ihn in einer Droschke, die unten wartete, zu begleiten. Ein Grieche sei gekommen, mit ihm ein Geschäft abzuschließen, und da er selbst nur seine Muttersprache reden könne, so sei die Vermittelung eines Dolmetschers unerläßlich. Er machte mir bemerklich, sein Haus liege etwas ab, in Kensington, auch schien er es sehr eilig zu haben, denn er beförderte mich schnellstens in die Droschke, sobald wir aus der Straße waren.

»Ich sage, in die Droschke, aber sehr bald kam es mir vor, als sei es eher eine Kutsche, in der ich mich befand. Jedenfalls war der Raum größer als in dem gewöhnlichen vierräderigen Londoner Straßenschänder, und die Ausstattung, wenn auch nicht mehr neu, so doch kostbar. Herr Latimer setzte sich mir gegenüber, und wir fuhren durch Charing Croß, und die Shaftesbury-Avenue hinauf. Wir waren in die Oxfordstraße gelangt, und ich erlaubte mir die Bemerkung zu machen, das sei doch ein Umweg nach Kensington, als meine Worte plötzlich durch das unerwartete Verhalten meines Begleiters unterbrochen wurden.

»Er zog nämlich zuerst aus seiner Tasche einen ganz schrecklichen Knüttel mit einer großen Bleikugel und schwang ihn mehrmals vor- und rückwärts, als wollte er seine Wucht probieren. Dann legte er die gräßliche Waffe, ohne einen Ton zu reden, neben sich auf den Sitz. Hierauf zog er an beiden Seiten die Fenster in die Höhe, und ich sah zu meinem Erstaunen, daß sie mit Papier bedeckt waren, so daß man nicht durchsehen konnte.

»›Ich bedaure, daß ich Ihnen die Aussicht nehmen muß, Herr Melas!‹ sagte er. ›Die Sache ist die: ich wünsche nicht, daß Sie sehen, wohin wir fahren. Es könnte für mich vielleicht unangenehm werden, sollten Sie in der Lage sein, den Weg dahin wiederzufinden.‹

»Wie Sie sich vorstellen können, kam mir diese Anrede wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Mein Gefährte war ein kräftiger, breitschultriger, junger Bursche, und von der Waffe ganz abgesehen, waren meine Aussichten in einem Kampfe mit ihm gleich Null.

»›Das ist ein sehr ungewöhnliches Verfahren, Herr Latimer!‹ stotterte ich. ›Sie können doch nicht verkennen, daß Sie ungesetzlich handeln!‹

»›Es ist ein wenig frei, gewiß,‹ sagte er, ›aber wir wollen es wettmachen. Noch muß ich Sie warnen, Herr Melas; wenn Sie heute nacht, mag geschehen, was da wolle, versuchen, Lärm zu schlagen, oder irgend etwas tun, das gegen meine Interessen ist, so wird Ihnen etwas sehr Ernstliches widerfahren. Vergessen Sie gefälligst nicht, daß niemand weiß, wo Sie sind, und daß Sie hier so gut wie in meinem Hause sich in meiner Gewalt befinden!‹

»Er sprach diese Worte ziemlich leise, aber die Art, wie er sie hervorbrachte, jagte mir doch keinen kleinen Schreck ein. Schweigend saß ich da und wunderte mich, was in aller Welt nur der Grund wäre, mich in dieser ungewöhnlichen Art zu entführen. Was es aber auch sein mochte, so viel war mir vollkommen klar, daß mir Widerstand nichts nützen könnte, und daß ich ruhig die weitere Entwicklung der Sache abwarten müßte.

»Fast zwei Stunden fuhren wir, ohne daß ich auch nur den geringsten Anhalt hatte, wohin es ging. Manchmal sagte mir das Rasseln über Steine, daß wir uns über Straßenpflaster bewegten, dann wieder schloß ich aus der glatten, geräuschlosen Fahrt, daß wir Asphalt unter uns hatten. Aber von dieser Abwechslung abgesehen, ließ mich nichts auch nur von fern ahnen, wo wir uns befanden. Durch das Papier über den Seitenfenstern war nichts zu erkennen, und vor das Vorderfenster war ein blauer Vorhang gezogen. Es war ein viertel auf acht Uhr, als wir von Pall Mall wegfuhren, und meine Uhr zeigte zehn Minuten vor neun, als wir endlich hielten. Mein Begleiter öffnete die Wagentür, und ich sah eine niedrige, bogenförmige Toröffnung vor mir, über der eine Lampe brannte. Im Augenblick war ich aus dem Wagen und durch das Tor und die offene Tür eines Hauses befördert, und ich stand innerhalb dieses Gebäudes mit dem unbestimmten Eindruck, daß sich davor auf beiden Seiten Rasen und Bäume befunden hätten. Ob diese aber zum Grundstück gehörten oder außerhalb der Einzäunung lagen, hätte ich beim besten Willen nicht sagen können.

»Im Hausflur war eine Lampe mit farbiger Glocke, die so schwaches Licht verbreitete, daß ich nichts weiter sehen konnte, als daß ich mich in einem ziemlich großen Raume befand, an dessen Wänden Bilder hingen. Bei dem trüben Schein konnte ich wahrnehmen, daß die Person, welche die Tür geöffnet hatte, ein kleiner, etwa vierzigjähriger Mann mit gemeinen Zügen und runden Schultern war. Als er sich uns zuwandte, erkannte ich aus der Rückstrahlung des Lichtes, daß er eine Brille trug.

»›Ist das Herr Melas, Harald?‹ sagte er.

»›Ja.‹

»›Gut gemacht! Gut gemacht! Nicht böse, Herr Melas, hoffe ich; aber wir konnten ohne Sie nicht zum Ziele kommen. Wenn Sie sich anständig gegen uns verhalten, soll es Ihr Schade nicht sein, aber Gott helf‘ Ihnen, wenn Sie Geschichten machen!‹

»Seine krampfhafte, nervöse, von unangenehmem Kichern unterbrochene Redeweise und seine ganze Erscheinung waren mir unheimlich und jagten mir mehr Furcht ein, als vorher mein Gefährte in der Droschke mit seiner drohenden Waffe.

»›Was wollen Sie von mir?‹ fragte ich.

»›Nur ein paar Fragen sollen Sie an einen Griechen richten, der bei uns zu Besuch ist, und uns die Antworten wissen lassen. Aber sagen Sie kein Wort mehr, als man Sie sagen heißt, oder‹ – und hier hörte ich wieder sein nervöses Kichern – ›es wäre für Sie besser, Sie wären nie geboren!‹

»Bei diesen Worten öffnete er eine Tür und lud mich ein, ihm in ein anderes, anscheinend reich möbliertes, aber ebenfalls nur durch eine einzige, schwach brennende Lampe matt erleuchtetes Zimmer zu folgen. Jedenfalls war es ein großer Raum, und der Teppich, in den meine Füße versanken, zeugte von seiner prächtigen Ausstattung. Meine Blicke fielen auf Plüschstühle, auf einen hohen Kaminsims von weißem Marmor und, wenn ich mich nicht irre, darüber an der Wand hängende japanische Waffenstücke. Gerade unter der Lampe stand ein Stuhl, und der ältere von den beiden machte mir bemerklich, ich sollte dort Platz nehmen. Der Jüngere hatte uns verlassen, aber sehr bald kam er durch eine andere Tür zurück; er führte einen Herrn in einer Art weiten Ueberrocks herein, der sich langsam auf uns zu bewegte. Als er in den schwachen Lichtkreis trat, der mich ihn deutlicher erkennen ließ, überlief mich ein Schauder bei seinem Anblick. Leichenblaß und entsetzlich abgemagert, besaß er die durchdringenden Augen eines Mannes, in dem der Geist mächtiger ist als der Körper. Was mich aber mehr erschreckte als die sichtlichen Zeichen physischer Erschöpfung, war der Umstand, daß sein Gesicht in grotesker Weise kreuz und quer mit Heftpflasterstücken beklebt war, von denen eines gerade über seinen Mund lief.

»›Hast du die Tafel, Harald?‹ rief der Brillenträger, als die sonderbare Erscheinung in einen Stuhl mehr niedersank, als sich setzte. ›Sind seine Hände frei? Nun also, gib ihm den Griffel!‹ – ›Sie haben die Fragen zu stellen, und er wird die Antworten niederschreiben. Fragen Sie ihn zu allererst, ob er die Papiere unterzeichnen will!‹

»Die Augen des Griechen blitzten Feuer.

»›Niemals!‹ schrieb er in griechischer Sprache auf die Tafel.

»›Unter keinen Bedingungen?‹ fragte ich auf Geheiß unseres Tyrannen.

»›Nur wenn ihre Vermählung in meiner Gegenwart durch einen mir bekannten griechischen Priester erfolgt.‹

»Der Mann kicherte in seiner giftigen Weise und sagte:

»›Sie wissen, was Ihrer dann wartet!‹

»›Was mit mir geschieht, ist mir gleich.‹

»Derart waren die Fragen und Antworten unserer sonderbaren, halb gesprochenen, halb geschriebenen Unterhaltung. Immer wieder mußte ich ihn fragen, ob er nachgeben und die Urkunde unterzeichnen wolle. Immer wieder erhielt ich die gleiche entrüstete Antwort. Bald aber kam mir ein glücklicher Gedanke. Ich fing an, jeder Frage kurze Sätze eigener Erfindung anzufügen – zuerst harmlose, um zu probieren, ob einer von den beiden die Sache durchschaute; als ich dann aber sicher zu sein glaubte, daß sie nichts merkten, spielte ich ein gefährlicheres Spiel. Unser Zwiegespräch verlief nun folgendermaßen:

»›Was wird die Folge dieser Hartnäckigkeit sein? Wer sind Sie?‹

»›Mir gleich. – Ich bin fremd in dieser Stadt.‹

»›Sie haben sich selbst Ihr Schicksal zuzuschreiben. Wie lange sind Sie hier?‹

»›Meinetwegen. Drei Wochen.‹

»›Das Geld kann niemals Ihr Eigentum sein. Was fehlt Ihnen?‹

»›Ich will keine Gemeinschaft mit Elenden. Sie lassen mich verhungern.‹

»›Sie können gehen, wohin Sie wollen, wenn Sie unterzeichnen. Was ist dies für ein Haus?‹

»›Niemals werde ich unterzeichnen. Ich weiß nicht.‹

»›Sie erweisen ihr gar keinen Dienst. Wie heißen Sie?‹

»›Das muß ich von ihr selbst hören. Kratides.‹

»›Sie werden sie sehen, wenn Sie unterzeichnen. Wo kommen Sie her?‹

»›Dann werde ich sie nie sehen. Athen.‹

»Noch fünf Minuten länger, Herr Holmes, und ich hätte die ganze Geschichte vor ihren Augen aus ihm herausgezogen. Schon meine nächste Frage hätte vielleicht das Dunkel gelichtet, aber in diesem Augenblicke öffnete sich die Tür, und eine Frau trat herein. Ich konnte sie nicht deutlich genug sehen, nur so viel bemerkte ich, daß sie groß und schlank war, schwarze Haare hatte und eine Art weiten, weißen Schlepprock trug.

»›Harald!‹ sagte sie englisch mit fremdem Akzent.

›Ich konnte es nicht länger aushalten. Es ist so einsam da oben allein mit – o Gott, es ist Paul!‹

»Diese letzten Worte waren griechisch gesprochen, und im selben Augenblick riß Kratides mit einem krampfhaften Ruck das Pflaster von seinen Lippen und stürzte mit dem Aufschrei ›Sophie, Sophie!‹ in ihre Arme. Ihre Umarmung dauerte jedoch nur kurze Zeit, denn der jüngere Mann ergriff sie und schob sie aus dem Zimmer, während der andere ohne Anstrengung sein ausgemergeltes Opfer überwältigte und es ebenfalls fortzog. Einen Augenblick blieb ich allein zurück und sprang sofort von meinem Sitz auf mit der unbestimmten Absicht, irgend einen Anhaltspunkt dafür zu finden, was für ein Haus das sei, in dem ich mich befand. Glücklicherweise tat ich aber nichts weiter, denn als ich aufblickte, sah ich den Aelteren in der Türöffnung stehen und seine Augen auf mich heften.

»›Das wird genügen, Herr Melas!‹ sagte er. ›Sie verstehen, daß wir Sie in einer durchaus privaten Sache zu unserem Vertrauten gemacht haben. Wir hätten Sie nicht bemüht, wenn unser Freund, der griechisch kann und der diese Unterhandlungen zuerst geführt hat, nicht hätte nach dem Osten zurückkehren müssen. Wir bedurften unbedingt eines Stellvertreters und waren sehr froh, als wir von Ihren sprachlichen Fertigkeiten hörten.‹

»Ich verbeugte mich.

»›Hier sind fünf Pfund,‹ sagte mein sonderbarer Wirt, auf mich zuschreitend. ›Ich denke, das wird ein genügendes Entgelt sein. Aber vergessen Sie nicht,‹ fügte er hinzu, indem er mir leicht auf die Brust tippte und dabei kicherte, ›wenn sie zu einem lebenden Wesen hiervon reden – zu einem einzigen lebenden Wesen – nun, so sei Gott Ihrer Seele gnädig!‹

»Ich kann gar nicht sagen, welchen Ekel und Schauder mir dieser Mann mit seinem gemeinen Gesicht einflößte. Ich konnte ihn jetzt, als das Lampenlicht auf ihn fiel, besser sehen. Seine abstoßenden, spitzigen Züge bedeckte eine fahle Blässe, und sein kleiner Spitzbart war struppig und schlecht gepflegt. Beim Sprechen stieß er seinen Kopf vorwärts, und die Lippen und Augenlider zuckten beständig, als hätte er den Veitstanz. Auch sein aufregendes Kichern konnte ich mir nur als Symptom einer Nervenkrankheit erklären. Das Schrecklichste an seinem Gesicht waren aber die stahlgrauen Augen mit ihrem kalten Schimmer, in deren Tiefen eine boshafte, erbarmungslose Grausamkeit schlummerte.

»›Wir werden es erfahren, wenn Sie davon sprechen,‹ sagte er. ›Wir haben unsere eigenen Ermittlungsquellen. Jetzt werden Sie den Wagen vor der Tür bereit finden, und mein Freund wird Sie auf den Weg bringen.‹

»Schnell schob man mich durch den Flur und in die Kutsche, wobei ich wieder einen flüchtigen Blick auf Bäume und einen Garten werfen konnte. Herr Latimer folgte mir auf den Fersen und setzte sich, ohne ein Wort zu sprechen, mir gegenüber. Schweigend fuhren wir nun wieder, ich weiß nicht wie lange, bei aufgezogenen Fenstern, bis endlich, es war eben Mitternacht vorbei, der Wagen anhielt.

»›Hier steigen Sie aus, Herr Melas!‹ sagte mein Gefährte. ›Ich bedaure, Sie so fern von Ihrem Hause absetzen zu müssen, aber es bleibt keine Wahl. Jeder Versuch Ihrerseits, dem Wagen zu folgen, kann nur zu Ihrem eigenen Unheil ausschlagen.‹

»Während er so sprach, machte er die Tür auf, und ich hatte kaum Zeit abzuspringen, als der Kutscher auf die Pferde lospeitschte und der Wagen davonrasselte. Erstaunt sah ich mich um. Ich schien mich, auf freier Heide zu befinden, von der sich hie und da gespensterhaft aussehende Ginsterbüsche abhoben. In ziemlicher Ferne lag eine Häuserreihe, aus deren oberen Stockwerken vereinzelte Lichtschimmer drangen. Auf der anderen Seite bemerkte ich rote Eisenbahnsignallichter.

»Der Wagen, der mich hergebracht hatte, war bereits verschwunden. Ich stand da, stierte nach allen Seiten in die Nacht hinaus und fragte mich neugierig, wo in aller Welt ich nur sein könnte, als ich in der Dunkelheit jemanden auf mich zukommen sah. Als er nahe bei mir war, erkannte ich, daß es ein Gepäckträger war.

»›Können Sie mir sagen, was für ein Ort das ist?‹ fragte ich.

»›Gemeinde Wandsworth,‹ sagte er.

»›Kann ich noch einen Zug zur Stadt erreichen?‹

»›Wenn Sie so etwa ein halbes Stündchen bis nach Clapham Junction gehen,‹ sagte er, ›werden Sie gerade noch den letzten Zug nach Victoria fassen.‹ – –

»So endete mein Abenteuer, Herr Holmes. Ich weiß nicht, wo ich gewesen bin und mit wem ich gesprochen habe, und überhaupt nichts, als was ich Ihnen soeben erzählte. Aber das weiß ich, daß dort ein Verbrechen vor sich geht, und ich will dem Armen helfen, wenn ich kann. Ich habe am nächsten Morgen die ganze Geschichte Herrn Mycroft Holmes erzählt und dann auch der Polizei gemeldet.«

Eine kurze Weile saßen wir unter dem Eindruck dieses höchst absonderlichen Berichtes stillschweigend da. Dann warf Sherlock seinem Bruder einen Blick zu und fragte:

»Schritte getan?«

Mycroft langte nach den Daily News, die auf einem Nachbartische lagen.

»Belohnung zugesichert für jede Auskunft über das Verbleiben eines Griechen namens Paul Kratides, der des Englischen nicht mächtig ist, ebenso für jede Auskunft über eine Griechin mit Vornamen Sophie. Mitteilungen unter X. 2473.«

Dies stand in allen Tagesblättern. Keine Antwort.

»Wie ist’s mit der griechischen Gesandtschaft?«

»Ich habe nachgefragt. Sie wissen nichts.«

»Dann also Depesche an die Athenische Polizei.«

»In Sherlock konzentriert sich die Tatkraft der ganzen Familie,« sagte Mycroft, zu mir gewendet. »Gut, fasse du den Fall von allen Enden an und sage mir’s dann, wenn du etwas herausgebracht hast!«

»Gewiß,« antwortete mein Freund und stand auf. »Du sollst es hören und Herr Melas auch. Uebrigens, Herr Melas, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich auf meiner Hut sein; denn sie müssen natürlich durch diese Anzeigen erfahren, daß Sie nicht reinen Mund gehalten haben.«

Als wir heimgingen, trat Holmes in ein Postamt, an dem wir vorüberkamen, und schickte mehrere Telegramme ab.

»Du siehst, Watson,« bemerkte er, »das war kein verlorener Abend. Meine interessantesten Fälle sind mir zum Teil in dieser Weise durch Mycroft zugetragen worden. Das Problem, von dem wir eben hörten, läßt zwar nur eine Erklärung zu, bietet aber immerhin einiges Besondere.«

»Hast du Hoffnung, es zu lösen?«

»Nun, da wir schon so viel wissen, müßte es merkwürdig zugehen, wenn wir nicht auch noch das übrige aufdeckten. Du mußt dir doch selbst irgend eine Theorie zur Erklärung der mitgeteilten Tatsachen gebildet haben.«

»So ungefähr, ja.«

»Wie hast du dir also die Sache gedacht?«

»Es scheint mir klar, daß diese Griechin von dem jungen Engländer namens Latimer entführt worden ist.«

»Entführt, von wo? Aus Athen vielleicht?«

Sherlock Holmes schüttelte den Kopf. »Dieser junge Mann sprach kein Wort Griechisch. Die Dame redete ziemlich gut Englisch. Also ist sie kurze Zeit in England gewesen, aber er nicht in Griechenland.«

»Gut, also wir wollen annehmen, daß sie nach England zu Besuch gekommen war und daß dieser Harald sie überredet hat, mit ihm zu fliehen.«

»Das ist sehr wahrscheinlich.«

»Dann kommt der Bruder – denn in diesem Verwandtschaftsverhältnis, denke ich mir, stehen sie zueinander – aus Griechenland her, um dazwischenzutreten. Unvorsichtigerweise gibt er sich in die Gewalt des jungen Mannes und seines älteren Genossen. Sie halten ihn fest und wollen ihn zwingen, Papiere zu unterzeichnen und so das Vermögen des Mädchens, dessen Vormund er ist, herauszugeben. Er weigert sich. Um mit ihm zu verhandeln, brauchen sie einen Dolmetscher und suchen sich diesen Melas aus, nachdem sie sich vorher eines anderen bedient haben. Dem Mädchen hat man von der Ankunft des Bruders gar nichts gesagt, und sie trifft ihn durch bloßen Zufall.«

»Ausgezeichnet, Watson!« rief Holmes. »Ich glaube wahrhaftig, du hast nicht weit daneben geschossen. Du siehst, wir halten alle Karten in der Hand und haben höchstens eine plötzliche Gewalttat ihrerseits zu fürchten. Geben sie uns Zeit, so haben wir sie.«

»Aber wie können wir die Lage des Hauses ausfindig machen?«

»Nun, ist unsere Annahme richtig und heißt oder hieß die Schwester Kratides, so sollte es uns nicht schwer fallen, ihre Spur aufzufinden. Das muß unsere erste Hoffnung sein, denn der Bruder ist natürlich hier ganz unbekannt. Offenbar hat der junge Engländer schon vor einiger Zeit das Verhältnis mit dem Mädchen angeknüpft – wenigstens vor einigen Wochen, da der Bruder erst davon hören und dann von Griechenland herkommen mußte. Haben sie während dieser ganzen Zeit an derselben Stelle gewohnt, so wird sich schon jemand auf Mycrofts Anzeige melden.«

Unter diesen Gesprächen hatten wir unser Haus in der Bakerstraße erreicht. Holmes ging die Treppenstufen voran, und als er die Tür zu seinem Zimmer öffnete, wollte er kaum seinen Augen trauen. Als ich ihm über die Schulter blickte, war ich nicht minder überrascht. Sein Bruder Mycroft saß mit einer Zigarre im Munde im Lehnstuhl.

»Komm‘ herein, Sherlock! Kommen Sie herein!« sagte er, über unsere erstaunten Gesichter lächelnd. »Du traust mir so viel Energie nicht zu, Sherlock? Aber dieser Fall hat mir’s angetan.«

»Wie bist du hierher gekommen?«

»Ich überholte euch in einer Droschke.«

»Hat sich etwas Neues herausgestellt?«

»Ich habe eine Antwort auf meine Anzeige.«

»Ah!«

»Ja, sie kam wenige Minuten nach eurem Weggange.«

»Und was besagt sie?«

Mycroft Holmes zog ein Blatt Papier hervor. »Hier ist sie,« sagte er, »mit einer I-Feder auf holzfreies Adlerpapier von einem schwächlichen Manne in mittlerem Lebensalter geschrieben. Sie lautet:

»Auf Ihre Anzeige vom heutigen gestatte ich mir, Ihnen mitzuteilen, daß ich die fragliche Dame recht gut kenne. Wenn Sie mich aufsuchen wollten, könnte ich Ihnen Genaueres über ihre traurige Lebensgeschichte mitteilen. Zur Zeit wohnt sie in The Myrtles in Beckenham.

Ihr ergebener J. Dawenport.«

»Sein Brief kommt von Unter-Brixton,« sagte Mycroft Holmes. »Meinst du nicht, Sherlock, wir fahren jetzt zu ihm und lassen uns von ihm das Genauere erzählen?«

»Mein lieber Mycroft! Das Leben des Bruders ist wertvoller als die Geschichte der Schwester. Ich meine, wir gehen nach Scotland Yard ins Hauptpolizeiamt, nehmen dort Inspektor Gregson mit und wenden uns unverzüglich nach Beckenham. Wir wissen, daß das Leben eines Menschen auf dem Spiele steht, und jede Stunde Verzögerung kann für ihn den Tod bedeuten.«

»Wollen wir unterwegs nicht auch Herrn Melas abholen?« schlug ich vor; »wir brauchen vielleicht einen Dolmetscher.«

»Ausgezeichnet!« sagte Sherlock Holmes. »Schicke den Jungen nach einer Droschke, und es kann sofort losgehen!« Während er sprach, zog er eine Schublade seines Schreibtisches auf und ließ einen Revolver in die Tasche gleiten. »Ja,« sagte er auf einen fragenden Blick von mir, »nach dem, was wir gehört, haben wir es mit ganz verzweifelten Burschen zu tun.«

Es war bereits ziemlich dunkel, als wir Pall Mall und Herrn Melas‘ Wohnung erreichten. Er war fort. Ein Herr hätte ihn soeben aufgesucht, und beide hätten sich dann entfernt, sagte man uns.

»Können Sie mir sagen, wohin?« fragte Sherlock Holmes.

»Ich weiß nicht,« sagte die Frau, welche uns aufgemacht hatte. »Ich weiß nur, daß er mit dem Herrn in einem Wagen weggefahren ist.«

»Nannte der Herr, als er sich anmelden ließ, seinen Namen?«

»Nein.«

»War es nicht ein großer, schöner Mann mit schwarzem Haar?«

»O nein, es war ein kleiner Herr mit einer Brille, einem spitzen Gesicht, aber sehr manierlich, denn er lachte die ganze Zeit, während er sprach.«

»Vorwärts!« rief Sherlock Holmes, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. »Das wird ernst,« bemerkte er, als wir wieder eingestiegen waren. »Sie haben Melas wieder in ihre Gewalt gebracht. Er besitzt keinen physischen Mut, wie er durch sein Benehmen in der letzten Nacht bewiesen hat. Dieser Schurke hat es fertig gebracht, ihn wieder vom ersten Moment an völlig einzuschüchtern. Zweifellos bedürfen sie seiner Dienste als Dolmetscher; aber dann werden sie ihn für seinen ›Verrat‹, wie sie es nennen, züchtigen wollen.«

Wir hatten gehofft, mit dem Zuge ebenso schnell oder noch schneller als der Wagen nach Beckenham zu kommen. Aber im Hauptpolizeiamt dauerte es länger als eine Stunde, bis wir den Inspektor gefunden und die Formalitäten erledigt hatten, ohne die wir in das Haus nicht hätten eindringen dürfen. Es war dreiviertel auf zehn, ehe wir London Bridge erreichten, und halb elf, ehe wir vier in Beckenham ausstiegen. Eine Droschkenfahrt von fünf Minuten brachte uns nach The Myrtles – ein großes, düsteres Gebäude, das etwas abseits von der Straße in einem dazu gehörigen Garten stand.

Wir schickten die Droschke fort und schritten auf das Haus zu.

»Die Fenster sind sämtlich dunkel,« bemerkte der Inspektor. »Das Haus scheint unbewohnt zu sein.«

»Unsere Vögel sind ausgeflogen, und das Nest ist leer,« sagte Sherlock.

»Warum meinen Sie das?«

»Ein schwer beladener Lastwagen ist während der letzten Stunde herausgefahren.«

Der Inspektor lachte. »Ich habe die Räderspuren im Scheine der Hoftorlampe gesehen. Aber wo kommt der Lastwagen her?«

»Sie haben vielleicht dieselben Räderspuren in der umgekehrten Richtung, das heißt von der Einfahrt des Wagens gesehen. Aber die nach außen führenden waren weit tiefer – in dem Maße, daß wir getrost sagen können, der Wagen muß schwer beladen gewesen sein.«

»Nach der Richtung sind Sie mir ein bißchen über,« sagte der Inspektor achselzuckend. »Die Tür wird sich nicht leicht aufbrechen lassen. Doch wir wollen sehen, ob wir uns nicht Gehör verschaffen können.«

Er hämmerte mit dem Klopfer und zog an der Klingel, aber ohne allen Erfolg. Holmes hatte sich leise entfernt, kam aber in wenigen Minuten wieder.

»Ich habe ein Fenster offen,« sagte er.

»Gott sei Dank, daß Sie für die Polizei find und nicht gegen sie, Herr Holmes!« bemerkte der Inspektor, als er wahrnahm, wie findig und geschickt mein Freund den Fensterriegel zurückgeschoben hatte. »Nun, ich denke, unter den Umständen können wir eintreten, ohne eine Einladung abzuwarten.«

Einer nach dem anderen gelangten wir in ein geräumiges Gemach, offenbar dasselbe, in dem Herr Melas gewesen war. Der Inspektor hatte seine Laterne angezündet, und bei ihrem Scheine konnten wir die beiden Türen, die Plüschstühle, die Lampe und die japanischen Waffen erkennen, wie sie uns der Dolmetscher beschrieben hatte. Auf einem Tische standen zwei Gläser, eine leere Brandyflasche und die Reste einer Mahlzeit.

»Was ist das?« fragte Holmes plötzlich.

Wir standen alle still und horchten. Ein leises Stöhnen ließ sich irgendwo über unseren Häuptern vernehmen. Holmes stürzte zur Tür und in den Hausflur hinaus. Der gräßliche Ton kam vom oberen Stockwerk. Er sprang die Treppe hinauf, der Inspektor und ich folgten ihm auf den Fersen, während sein Bruder Mycroft so schnell, wie es ihm seine Körpermasse erlaubte, hinterdrein keuchte.

Drei Türen sahen wir im oberen Stockwerk vor uns, und aus der mittleren kamen die unheilvollen Laute, die bald in dumpfes Gemurmel sich verloren, bald sich zu schrillem Heulen steigerten. Die Tür war verschlossen, aber der Schlüssel steckte außen. Holmes riß sie auf und stürzte hinein, doch im nächsten Augenblick war er wieder bei uns, mit der Hand an der Kehle.

»Es ist Teerkohle!« rief er. »Nur ein wenig Zeit, es wird sich klären!«

Wir spähten hinein, konnten aber nur bemerken, daß der Lichtschein im Zimmer ausschließlich von einer matten blauen Flamme ausging, die aus einem kleinen Messingbecken in der Mitte des Zimmers aufflackerte. Sie warf einen bleichen, unheimlichen Lichtkreis auf den Boden, während wir in dem Dämmerschatten, der den Rest des Zimmers erfüllte, den unbestimmten Umriß zweier an die Wand gelehnten Gestalten gewahrten. Durch die offene Tür drang ein schauerlicher giftiger Dunst, der uns nach Luft schnappen und husten ließ. Holmes sprang zurück an die Treppenöffnung, um frische Luft einzuziehen, dann war er wieder in zwei Sätzen im Zimmer, riß das Fenster auf und schleuderte das Kohlenbecken hinaus in den Garten.

»In einer Minute können wir hinein,« keuchte er, wieder zu uns zurückeilend. »Wo ist eine Kerze? Ich zweifle, ob wir in dieser Atmosphäre ein Streichholz zum Brennen bringen können. Halte das Licht an den Türeingang, und wir kriegen sie heraus, Mycroft! Vorwärts!«

Auf dieses Wort stürzten wir hinein, packten die Vergifteten und zogen sie hinaus auf den Treppenflur. Beide waren besinnungslos, ihre Lippen blau, die Gesichter geschwollen, die Augen hervorgequollen. Kaum konnten wir in den verzerrten Zügen des einen Opfers den Dolmetscher wiedererkennen, mit dem wir vor wenigen Stunden im Diogenesklub zusammengewesen waren. Seine Hände und Füße waren mit Stricken gebunden, und über einem Auge konnten wir die Spur eines heftigen Schlages bemerken. Der andere, den man ebenfalls gebunden hatte, war ein hochgewachsener, fast zum Skelett abgemagerter Mann, dessen Gesicht durch aufgeklebte Streifen von Heftpflaster ein groteskes Muster zeigte. Er hatte aufgehört zu stöhnen, als wir ihn niederlegten, und ein Blick auf ihn sagte mir, daß wir für ihn wenigstens zu spät gekommen waren. Dagegen war Herr Melas noch am Leben. Nach knapp einer Stunde war es uns mit Hilfe von Ammoniak und Brandy zu meiner Genugtuung als Arzt gelungen, ihn dahin zu bringen, daß er die Augen aufschlug, und ich konnte mich des Bewußtseins freuen, ihn mit meiner Hand vom Rande des dunklen Tales weggezogen zu haben, in das alle irdischen Pfade münden.

Was er uns zu erzählen hatte, war sehr einfach und bestätigte nur unsere Diagnose des Falles. Sein Besucher hatte, kaum daß er ins Zimmer getreten war, unter seinem Rock einen ›Totschläger‹ hervorgezogen und ihn durch die Angst vor augenblicklichem, unentrinnbarem Tode dermaßen eingeschüchtert, daß er ihn zum zweiten Male entführen konnte. In der Tat hatte der kichernde Schurke fast einen mesmerischen Einfluß auf den unglücklichen Sprachkundigen ausgeübt, denn er konnte nur mit bebenden Gliedern und fahlen Wangen von ihm sprechen. In Beckenham, wohin die Fahrt wie das erstemal gegangen war, hatte er nochmals als Dolmetscher dienen müssen. Diese zweite Verhandlung war noch dramatischer verlaufen als die erste, denn die beiden Engländer hatten ihren Gefangenen bei erneuter Weigerung, ihrem Verlangen nachzukommen, mit sofortigem Tode bedroht. Als sie ihn aber gegen jede Drohung unempfindlich fanden, hatten sie ihn in sein Gefängnis zurückgeschleppt. Sodann hielten sie Melas seinen Verrat vor, den sie richtig aus den Anzeigen in den Tagesblättern erfahren hatten, und betäubten ihn unversehens durch einen heftigen Stockschlag. Das erste, dessen er sich weiter erinnern konnte, waren unsere sich besorgt über ihn beugenden Gesichter. – – –

Das war also der merkwürdige Fall des griechischen Dolmetschers, dessen Erklärung noch manchen dunklen Punkt enthält. Von dem Herrn, der sich auf die Anzeige gemeldet hatte, brachten wir in Erfahrung, daß die unglückliche junge Dame einer reichen griechischen Familie entstammte und zum Besuch einer befreundeten Familie nach England gekommen war. Dort hatte sie einen jungen Mann namens Harald Latimer kennen gelernt, der einen übermächtigen Einfluß über sie gewann und sie schließlich zur Flucht mit ihm überredete. Ihre Wirte hatten sich damit begnügt, ihrem Bruder in Athen Mitteilung zu machen, und im übrigen sich nicht weiter um die unangenehme Sache gekümmert. Der Bruder, der sobald er konnte, nach England gereist war, hatte sich hier unvorsichtigerweise in die Gewalt des Intimer sowie seines Genossen begeben, und dieser letztere, ein gewisser Wilson Kemp, war ein Mann mit der anrüchigsten Vergangenheit. Da diese beiden erkannten, daß der Grieche infolge seiner gänzlichen Unkenntnis der Landessprache ein hilfloses Werkzeug in ihren Händen war, hatten sie ihn gefangen gehalten und versucht, ihn durch grausame Behandlung und Nahrungsentziehung dahin zu bringen, daß er ihnen sein eigenes Vermögen und das seiner Schwester abtrat. Der Schwester war sein Aufenthalt im Hause verheimlicht worden, und das Pflaster auf seinem Gesicht hatte dem Zwecke dienen sollen, das Wiedererkennen möglichst zu verhindern für den Fall, daß sie ihn doch zufällig in einem unbewachten Moment erblicken sollte. Ihr weiblicher Instinkt hatte ihn aber trotz dieser Maskierung sofort erkannt, als sie ihn bei Gelegenheit der ersten Anwesenheit des Dolmetschers zum ersten Male zu Gesicht bekam. Jedoch die Arme war selbst eine Gefangene, denn im ganzen Hause befand sich kein weiteres lebendes Wesen außer dem Kutscher und seiner Frau, die beide im Solde von Kemp und Latimer standen. Als diese eingesehen hatten, daß ihr Geheimnis entdeckt war, und ihr Gefangener sich auf keine Weise zur Unterschrift zwingen ließ, waren sie mit dem Mädchen unter Mitnahme des wertvollsten Hausrats entflohen, nachdem sie erst ihrer Meinung nach ihre Rache gekühlt hatten sowohl an dem, der ihnen Trotz geboten, wie an dem, der sie verraten.

*

Nach Monaten kam ein Zeitungsausschnitt aus einem Budapester Blatte mit einer sonderbaren Mitteilung in unsere Hände. Es war darin von dem tragischen Ende zweier Engländer, die in Begleitung einer Frau reisten, erzählt. Beide hatten, hieß es, tödliche Dolchstiche erhalten, und die ungarische Polizei nahm an, die beiden hätten Streit miteinander bekommen und sich gegenseitig verletzt. Holmes scheint mir aber die Sache anders anzusehen und ist noch heute der Meinung, daß man von der Griechin, wenn man sie auffände, hören könnte, wie das ihr und ihrem Bruder angetane Unrecht gerächt worden ist.

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