Der gestohlene Mord

»Das er­in­nert mich an ei­nen Fall«, sag­te Herr Houdek, »der auch groß­ar­tig durch­dacht und wun­der­bar vor­be­rei­tet ge­we­sen ist. Ich fürch­te nur, daß Ih­nen die Ge­schich­te nicht ge­fal­len wird, weil sie ei­gent­lich kein En­de und kei­ne rech­te Lö­sung hat. Wenn ich an­fan­ge Sie zu lang­wei­len, dann sa­gen Sie es mir nur, und ich hö­re so­fort auf.

Wie Sie viel­leicht wis­sen, woh­ne ich in der Kru­cem­burg­gas­se in den Wein­ber­gen. Das ist ei­ne die­ser kur­zen Quer­gas­sen, in de­nen es nicht ein­mal ein Wirts­haus gibt, kei­ne Wä­sche­rei, nicht ein­mal ei­nen Koh­len­händ­ler; dort geht man um zehn Uhr schla­fen, aus­ge­nom­men je­ne Ge­nie­ßer, die das Ra­dio auf­dre­hen und erst um elf ins Bett krie­chen. Die Be­völ­ke­rung der Ge­gend be­steht aus stil­len Steu­er­trä­gern, Be­am­ten bis zur sie­ben­ten Rang­klas­se, ei­ni­gen Aqua­ri­en­lieb­ha­bern, ei­nem Zi­ther­spie­ler, zwei Brief­mar­ken­samm­lern, ei­nem Ve­ge­ta­ria­ner, ei­nem Spi­ri­tis­ten und ei­nem Ge­schäfts­rei­sen­den, der selbst­ver­ständ­lich Theo­soph ist. Den Rest ma­chen die Quar­tier­ge­be­rin­nen aus, bei de­nen die Ob­ge­nann­ten in ›sau­be­ren, ele­gant ein­ge­rich­te­ten Zim­mern mit Früh­stück‹ woh­nen – so heißt es we­nigs­tens in den In­se­ra­ten. Ein­mal in der Wo­che, am Don­ners­tag, pfleg­te der Theo­soph erst um Mit­ter­nacht nach Hau­se zu kom­men, die­ser Abend ge­hör­te ir­gend­wel­chen geis­ti­gen Ex­er­zi­ti­en. An den Diens­ta­gen hat­ten die Aqua­ria­ner ih­re Ver­eins­ver­samm­lun­gen, an die­sem Tag ka­men sie eben­falls erst ge­gen Mit­ter­nacht heim und strit­ten sich ge­wöhn­lich noch un­ter der La­ter­ne über Schlei­er­schwän­ze und Le­bend­ge­bä­ren­de her­um. Vor drei Jah­ren ge­schah es so­gar, daß ein Be­trun­ke­ner durch die Gas­se kam. Man nimmt an, daß er aus Ko­schirsch war und sich nur zu uns ver­irrt hat­te. Täg­lich aber um Vier­tel zwölf kam da ein Rus­se nach Hau­se, ein ge­wis­ser Ko­va­len­ko oder Ko­py­ten­ko, ein eher klei­ner Mann mit ei­nem dün­nen Bärt­chen; er wohn­te auf Num­mer sie­ben bei Frau Jans­ky. Wo­von der Rus­se leb­te, wuß­te man nicht. Bis ge­gen fünf Uhr fau­lenz­te er zu Hau­se, dann sah man ihn mit ei­ner Ak­ten­ta­sche zur nächs­ten Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le ge­hen und in die Stadt hin­ein­fah­ren. Punkt Vier­tel zwölf stieg er eben­dort aus der Stra­ßen­bahn und bog in die Kru­cem­berg­gas­se ein. Spä­ter be­haup­te­te je­mand zu wis­sen, daß der Rus­se die Zeit zwi­schen fünf und elf Uhr in ei­nem Kaf­fee­haus ver­brin­ge, wo er mit an­de­ren Rus­sen her­um­strei­te. Es gab aber auch Leu­te, die be­haup­te­ten, der Mann kön­ne über­haupt kein Rus­se ge­we­sen sein, weil Rus­sen nie­mals so zei­tig nach Hau­se ge­hen.

Im ver­gan­ge­nen Fe­bru­ar, ich war schon halb ein­ge­schla­fen, hör­te ich auf ein­mal ei­nen Schuß knal­len und dann noch vier. Erst war mir, als wä­re ich ein klei­ner Jun­ge und schnalz­te zu Hau­se auf dem Ho­fe mit der Peit­sche; ich hat­te ge­ra­de­zu mei­ne Freu­de dar­an. Als ich aber voll­ends er­wacht war, be­griff ich, daß es sich um Re­vol­ver­schüs­se han­del­te, die je­mand auf der Stra­ße ab­ge­ge­ben hat­te. Ich rann­te al­so zum Fens­ter, öff­ne­te und sah, daß ge­ra­de vor dem Sie­ben­er­haus ein Mann auf dem Geh­steig lag, das Ge­sicht zur Er­de ge­wen­det und ei­ne Ak­ten­ta­sche in der Hand. In dem­sel­ben Au­gen­blick wur­den auch schon Schrit­te hör­bar, von der Ecke her kam ein Schutz­mann, lief zu dem Lie­gen­den hin und ver­such­te ihn auf­zu­rich­ten. Sehr bald gab er es wie­der auf, mur­mel­te ›Sa­kra!‹ und pfiff. Dar­auf­hin er­schien von der an­dern Ecke her ein zwei­ter Wach­mann und lief zu dem ers­ten hin.

Im Nu hät­te ich Haus­schu­he und Win­ter­rock an­ge­zo­gen und saus­te hin­un­ter. Auch aus den an­de­ren Häu­sern ka­men Men­schen, der Ve­ge­ta­ria­ner, der Zi­ther­spie­ler, ei­ner der Aqua­ri­en­lieb­ha­ber, zwei Haus­meis­ter und ein Brief­mar­ken­samm­ler. An­de­re er­schie­nen nur zäh­ne­klap­pernd an ih­ren Fens­tern; ver­mut­lich dach­ten sie: ›Weiß der Teu­fel, es ist ge­schei­ter, wenn man in so was nicht hin­ein­ge­rät!‹ Die bei­den Wach­leu­te hat­ten den Mann in­zwi­schen auf den Rü­cken ge­dreht.

›Das ist doch der Rus­se, der Ko­py­ten­ko oder Ko­va­len­ko, der da bei der Frau Jans­ky wohnt‹, sag­te ich und schep­per­te vor Käl­te. ›Ist er tot?‹

›Ich weiß es nicht‹, sag­te ei­ner der Wach­leu­te und sah rat­los um sich, ›ei­nen Dok­tor müß­te man hier ha­ben.‹

›Ja wol­len Sie ihn denn hier lie­gen las­sen?‹ stot­ter­te em­pört der Zi­ther­spie­ler. ›Man müß­te ihn doch ins Spi­tal schaf­fen!‹

Nun wa­ren schon an die zwan­zig von uns bei­sam­men, al­le schüt­tel­ten sich vor Käl­te und Ent­set­zen, die Schutz­leu­te knie­ten ne­ben dem Er­schos­se­nen und knöpf­ten ihm, Gott weiß wa­rum, den Kra­gen auf. Jetzt hielt ein Ta­xi an der Ecke der Haupt­stra­ße und der Chauf­feur nä­her­te sich uns. Er wit­ter­te ver­mut­lich ei­nen Be­trun­ke­nen, den er nach Hau­se fah­ren kön­ne.

›Na, Kin­der, wen habt ihr denn da?‹ er­kun­dig­te er sich freund­lich.

›Ei­nen … ei­nen … Er­schos­se­nen‹, stam­mel­te zäh­ne­klap­pernd der Ve­ge­ta­ria­ner, ›Mensch, la­den Sie ihn in den Wa-Wa-Wa­gen und schaf­fen Sie ihn zur Un­fall­sta­ti­on! Viel­leicht lebt er noch!‹

›Kru­zi­tür­ken‹, mein­te der Chauf­feur, ›gern hab ich sol­che Fahr­gäs­te nicht. Na, ich komm gleich her­ge­fah­ren.‹ – Lang­sam stie­fel­te er zu sei­nem Wa­gen und fuhr ihn bis an den Geh­steig. ›La­det ihn in Got­tes Na­men auf‹, sag­te er.

Die bei­den Wach­leu­te ho­ben den Rus­sen auf. Es mach­te ih­nen or­dent­lich Mü­he, ihn im Ta­xi zu ver­stau­en. Er war zwar, wie ge­sagt, eher klein; aber mit To­ten läßt sich schwer han­tie­ren.

›So, Herr Kol­le­ge‹, sag­te der ei­ne Schutz­mann zum an­dern, ›Sie fah­ren mit ihm und ich schreib mir die Zeu­gen auf. Chauf­feur, fah­ren Sie zur Un­fall­sta­ti­on, aber schnell, wenn ich bit­ten darf!‹

›Ja, schnell‹, brumm­te der Chauf­feur, ›mit mei­nen schlech­ten Brem­sen!‹ – und fuhr da­von.

Der hier­ge­blie­be­ne Schutz­mann zog nun sein No­tiz­buch aus der Ta­sche und sag­te: ›Ich muß Sie, mei­ne Her­ren, um Ih­re Na­men bit­ten, es ist nur we­gen der Zeu­gen­schaft.‹ Dann be­gann er, so lang­sam, daß es zum Ver­zwei­feln war, ei­nen Na­men nach dem an­dern in sein No­tiz­buch zu schrei­ben. Viel­leicht hat­te er stei­fe Fin­ger, wir je­den­falls fro­ren wie die Hun­de. Als ich wie­der in mein Zim­mer zu­rück­kam, war es zehn Mi­nu­ten nach Vier­tel zwölf. Das gan­ze Dra­ma hat­te al­so zehn Mi­nu­ten ge­dau­ert.

Ich weiß, Herr Fuchs, Sie den­ken, an der Sa­che ist nichts Be­son­de­res. Schaun Sie, Herr Fuchs, in ei­ner so an­stän­di­gen Gas­se ist so et­was schon ein gro­ßes Er­eig­nis. Die an­sto­ßen­den Gas­sen wol­len da­bei nicht leer aus­ge­hen, und es heißt dort: Gleich um die Ecke ist die Ge­schich­te pas­siert. Die et­was wei­ter ab­lie­gen­den spie­len schon die Un­in­ter­es­sier­ten, aber Herr Fuchs, das ist nur der Neid und die Wut, weil es nicht bei ih­nen pas­siert ist. Zwei Ecken weit von uns macht man schon ei­ne ge­ring­schät­zi­ge Hand­be­we­gung und sagt: ›Dort drü­ben hat man an­geb­lich je­man­den halb­tot ge­schla­gen; aber wer weiß, ob über­haupt ein wah­res Wort dar­an ist!‹ Aber das ist nichts wei­ter als ganz ge­mei­ne Ei­fer­sucht.

Sie kön­nen sich den­ken, wie wir al­le uns am nächs­ten Mor­gen auf die Zei­tun­gen ge­stürzt ha­ben. Vor al­lem na­tür­lich, weil wir et­was über un­se­ren Mord le­sen woll­ten, aber es war schon auch ei­ne gro­ße Ge­nug­tu­ung für uns, daß ein­mal über un­se­re Gas­se ge­schrie­ben wird. Es ist ja ei­ne al­te Ge­schich­te, daß man in den Zei­tun­gen am liebs­ten das liest, was man selbst ge­se­hen hat und wo­von man so­zu­sa­gen Au­gen­zeu­ge ge­we­sen ist. An­ge­nom­men, am Ujezd ist ein Pferd ge­stürzt und der Ver­kehr war für zehn Mi­nu­ten ge­stört. Wer das mit an­ge­se­hen hat und es am nächs­ten Tag in sei­ner Zei­tung nicht fin­det, der ist ver­är­gert, schmeißt das Blatt auf den Tisch und be­haup­tet, es ste­he nie et­was An­stän­di­ges drin. Die Leu­te neh­men es als per­sön­li­che Be­lei­di­gung, wenn die Zei­tun­gen von ei­nem Vor­fall, an dem sie ge­wis­ser­ma­ßen Mit­be­sit­zer sind, ein­fach kei­ne Kennt­nis neh­men. Ich bin der Mei­nung, daß die Ru­brik ›Lo­kal­be­richt‹ von den Zei­tun­gen nur für die ›Au­gen­zeu­gen‹ un­ter­hal­ten wird, da­mit die Leu­te, die ›da­bei wa­ren‹, nicht aus Wut das Blatt ab­be­stel­len.

Wir al­le wa­ren al­so wie be­gos­sen, als wir in kei­ner Zei­tung auch nur ein Wort über un­se­ren Mord­fall fan­den. Die dümms­ten Af­fä­ren und die ver­damm­te Po­li­tik fül­len das Blatt aus, so­gar ein Zu­sam­men­stoß ei­nes Stra­ßen­bahn­zu­ges mit ei­nem Hand­wa­gerl, aber so ei­nen or­dent­li­chen Mord brin­gen sie nicht. Mit den Zei­tun­gen ist es über­haupt ein Jam­mer, ei­ne Kor­rup­ti­ons­wirt­schaft ist es, nichts wei­ter! Erst der Brief­mar­ken­samm­ler hat­te den Ein­fall, daß viel­leicht die Po­li­zei die Re­dak­tio­nen er­sucht hat­te, im In­ter­es­se der Un­ter­su­chung einst­wei­len den Fall zu ver­schwei­gen. Da­mit ga­ben wir uns zu­frie­den, viel­leicht er­höh­te der Ge­dan­ke noch un­se­re Span­nung. Wir wa­ren stolz, in ei­ner so wich­ti­gen Gas­se zu woh­nen und al­ler Wahr­schein­lich­keit nach in ei­ner so sicht­lich ge­heim­nis­vol­len Sa­che Zeu­gen sein zu dür­fen. Als aber am nächs­ten Tag wie­der nichts in den Zei­tun­gen stand, kein Mensch von der Po­li­zei kam, um nach­zu­for­schen, und, was uns am al­ler­merk­wür­digs­ten er­schien, auch nie­mand bei Frau Jans­ky er­schien, um das Zim­mer des Rus­sen zu durch­su­chen und zu ver­sie­geln – da wur­de uns doch all­mäh­lich angst und bang. Der Zi­ther­spie­ler mein­te, die Po­li­zei ha­be viel­leicht ei­nen Grund, die gan­ze Sa­che zu ver­tu­schen. Wer weiß, wor­um es sich da hand­le! Als aber am drit­ten Tag un­ser Mord noch im­mer nicht er­wähnt wur­de, be­gann un­se­re Gas­se sich zu em­pö­ren; das wer­de man nicht auf sich be­ru­hen las­sen, schließ­lich war der Rus­se ei­ner von uns, und wir wer­den schon da­für sor­gen, daß die Sa­che ans Licht kommt. Un­se­re Gas­se sei oh­ne­dies ein Stief­kind der Be­hör­den, das Pflas­ter sei schon lan­ge mi­se­ra­bel, die Be­leuch­tung elend, wenn ein Ab­ge­ord­ne­ter oder ir­gend­ein Zei­tungs­mensch hier wohn­te, wür­de al­les ganz an­ders aus­se­hen; aber so ist das schon ein­mal, um ei­ne wirk­lich an­stän­di­ge Gas­se schert sich kein Mensch. Mit ei­nem Wort, die Un­zu­frie­den­heit war all­ge­mein, und die Nach­barn be­trau­ten mich als äl­te­ren und un­ab­hän­gi­gen Men­schen mit der Auf­ga­be, auf das Po­li­zei­kom­mis­sa­ri­at zu ge­hen und auf den Un­fug mit dem Mord hin­zu­wei­sen. Ich ging zum Kom­mis­sar Bar­to­schek, den ich üb­ri­gens flüch­tig ken­ne. Ein brum­mi­ger Mensch. Man sagt, er quä­le sich we­gen ei­ner un­glück­li­chen Lie­be. Die soll so­gar der An­laß ge­we­sen sein, des­sent­we­gen er zur Po­li­zei ge­gan­gen ist. ›Herr Kom­mis­sär‹, sag­te ich zu ihm, ›ich kom­me nur fra­gen, was ei­gent­lich mit dem Mord in un­se­rer Gas­se los ist. Es herrscht bei uns schon die größ­te Auf­re­gung dar­über, daß die Sa­che der­art ver­tuscht wird.‹

›Was für ein Mord?‹ mein­te der Kom­mis­sär. ›Wir ha­ben hier kei­nen Mord; es ist doch un­ser Rayon.‹

›Man hat doch un­längst in un­se­rer Gas­se die­sen Rus­sen Ko­py­ten­ko oder Ko­va­len­ko er­schos­sen, und zwei Schutz­män­ner wa­ren da­bei. Ei­ner hat uns noch als Zeu­gen auf­ge­schrie­ben, und der zwei­te hat den Rus­sen zur Un­fall­sta­ti­on ge­bracht.‹

›Das ist un­mög­lich‹, sag­te der Kom­mis­sär, ›wir ha­ben kei­ne Mel­dung. Das muß ein Irr­tum sein.‹

›Aber Herr Kom­mis­sär‹, be­gann ich mich auf­zu­re­gen, ›min­des­tens fünf­zig Per­so­nen ha­ben es ge­se­hen, und al­le kön­nen es be­zeu­gen! Herr, wir sind or­dent­li­che Bür­ger: wenn Sie uns be­feh­len, daß wir über die­sen Mord das Maul hal­ten sol­len, dann wer­den ei­ni­ge von uns es wirk­lich hal­ten, auch oh­ne zu wis­sen wa­rum. Aber ei­nen Men­schen ein­fach nie­der­knal­len zu las­sen und zu tun, als ob nichts ge­sche­hen wä­re, das geht denn doch nicht; wir ge­ben die Sa­che in die Zei­tung!‹

›War­ten Sie‹, sag­te Herr Bar­to­schek, er sah plötz­lich so ernst aus, daß ich er­schrak. ›Er­zäh­len Sie mir, bit­te, der Rei­he nach, was ge­sche­hen ist.‹

Ich er­zähl­te al­so schön der Rei­he nach, und Herr Bar­to­schek wur­de blau­rot im Ge­sicht, als ob es in sei­nem In­nern sie­de­te. Als ich aber zu der Stel­le kam, an der der ei­ne Wach­mann zum an­dern sag­te: ›Herr Kol­le­ge, Sie fah­ren mit ihm, ich no­tie­re mir in­zwi­schen die Zeu­gen‹, – als ich das sag­te, da at­me­te er sicht­lich auf und rief: ›Gott sei Dank, das wa­ren nicht un­se­re Leu­te! Wa­rum, Herr, ha­ben Sie um Got­tes wil­len nicht noch an­de­re Po­li­zis­ten ge­ru­fen, sagt Ih­nen denn nicht Ihr Ver­stand, daß uni­for­mier­te Schutz­män­ner ein­an­der nie Herr Kol­le­ge sa­gen? Viel­leicht re­den Ge­hei­me in Zi­vil ein­an­der so an, aber Uni­for­mier­te? Nie im Le­ben! Sie ver­damm­ter Zi­vi­list, Sie Herr Kol­le­ge! Ver­haf­ten hät­ten Sie die Ker­le las­sen sol­len!‹

›Ja wa­rum denn, bit­te?‹ stot­ter­te ich be­stürzt.

›Weil die den Rus­sen er­schos­sen ha­ben!‹ fuhr mich der Kom­mis­sär an. ›Zu­min­dest ha­ben sie da­bei ge­hol­fen! Wie lan­ge woh­nen Sie in der Kru­cem­burg­gas­se, Herr?‹

›Neun Jah­re‹, sag­te ich.

›Da könn­ten Sie schon wis­sen, Herr, daß um elf Uhr fünf­zehn die nächs­te Po­li­zei­strei­fe bei der Markt­hal­le ist, die zwei­te an der Ecke der Schle­si­schen und der Pe­run-Stra­ße, die drit­te geht im Dienst­schritt die Kon­skrip­ti­ons­num­mer drei­zehn­hun­der­tacht­und­acht­zig ent­lang, und so wei­ter. Herr, an der Ecke, von der Ihr Wach­mann ge­rannt kam, kann un­ser ech­ter Schutz­mann ent­we­der um zehn Uhr acht­und­vier­zig Mi­nu­ten, und wenn das nicht der Fall ist, erst um zwölf Uhr drei­und­zwan­zig Mi­nu­ten er­schei­nen; sonst nicht, und zwar weil er ein­fach nicht da ist! Gro­ßer Gott, je­der Dieb weiß das, und die dort An­säs­si­gen wis­sen es nicht! Sie bil­den sich wohl ein, daß hin­ter je­der Ecke im­mer­fort ein Po­li­zist steht, was? Herr, wenn zu der Zeit, von der Sie spre­chen, um Ih­re ver­damm­te Ecke ei­ner un­se­rer Uni­for­mier­ten ge­lau­fen kä­me, – das wä­re ei­ne ent­setz­li­che Sa­che! Ers­tens, weil der Be­tref­fen­de zu die­ser Zeit vor­schrifts­mä­ßig an der Markt­hal­le vor­bei­zu­ge­hen hat und zwei­tens, weil er uns, wenn er trotz­dem an Ih­rer Ecke ge­we­sen wä­re, den Mord nicht ge­mel­det hät­te. Das wä­re wahr­haf­tig ei­ne sehr erns­te An­ge­le­gen­heit!‹

›Und der Mord?‹

Der Kom­mis­sär be­ru­hig­te sich bei die­ser Fra­ge sicht­lich und sag­te: ›Das ist wie­der ei­ne an­de­re Ge­schich­te. Das wird ein bö­ser Fall, Herr Houdek. Da steckt ir­gend­ein klu­ger Kopf da­hin­ter, und ge­wiß ir­gend­ei­ne grö­ße­re Af­fä­re. Die ver­fluch­ten Ker­le ha­ben die Sa­che gut ein­ge­fä­delt. Sie wuß­ten ge­nau, wann der Rus­se nach Hau­se zu kom­men pfleg­te, kann­ten die Marsch­vor­schrif­ten un­se­rer Leu­te, dann ha­ben sie min­des­tens zwei Ta­ge ge­won­nen, weil ja die Po­li­zei nichts er­fuhr – und so wer­den sie wohl recht­zei­tig ver­duf­tet sein und bei­sei­te­ge­schafft ha­ben, was sie woll­ten. Ver­ste­hen Sie es jetzt?‹

›Nicht ganz‹, ge­stand ich.

›Pas­sen Sie ein­mal auf‹, er­klär­te mir der Kom­mis­sär ge­dul­dig. ›Zwei ih­rer Leu­te lau­er­ten als Schutz­män­ner ver­klei­det hin­ter der Ecke, um den Rus­sen zu er­schie­ßen oder ihn durch ei­nen Drit­ten er­schie­ßen zu las­sen. Ihr in der Gas­se habt euch na­tür­lich da­mit zu­frie­den ge­ge­ben, daß un­se­re mus­ter­haf­te Po­li­zei so rasch zur Stel­le war. Hö­ren Sie üb­ri­gens‹, er hat­te ei­nen Ein­fall, ›wie klang denn die Si­gnal­pfei­fe, mit der der Schutz­mann pfiff?‹

›Ziem­lich schwach‹, sag­te ich, ›aber ich dach­te, das Ent­set­zen pres­se dem Mann so die Keh­le zu­sam­men.‹

›Aha‹, sag­te der Kom­mis­sär zu­frie­den, ›sie woll­ten eben er­rei­chen, daß der Mord nicht der Po­li­zei ge­mel­det wird; und so ge­wan­nen sie al­so Zeit, um über die Gren­ze zu ent­kom­men, ver­ste­hen Sie? Und der Chauf­feur ge­hör­te selbst­ver­ständ­lich auch zu ih­nen. Ha­ben Sie sich viel­leicht die Wa­gen­num­mer ge­merkt?‹

›Wir ha­ben uns nicht um sie ge­küm­mert‹, sag­te ich be­schämt.

›Das spielt kei­ne Rol­le‹, ent­geg­ne­te der Kom­mis­sär, ›sie war so­wie­so falsch. Aber so ist es den Gau­nern ge­lun­gen, auch die Lei­che des Rus­sen bei­sei­te­zu­schaf­fen. Er war üb­ri­gens gar kein Rus­se, son­dern ein Ma­ze­do­ni­er; Pro­ta­sov hieß er. Ich dan­ke Ih­nen, mein Herr. Jetzt aber bit­te ich Sie tat­säch­lich, über die Sa­che zu schwei­gen. Im In­ter­es­se der Un­ter­su­chung, wis­sen Sie. Selbst­ver­ständ­lich hat die Sa­che ei­nen po­li­ti­schen Hin­ter­grund; aber da steckt ein be­son­ders klu­ger Kopf da­hin­ter; für ge­wöhn­lich, Herr Houdek, wer­den po­li­ti­sche At­ten­ta­te hunds­mi­se­ra­bel ge­macht. Po­li­tik, das ist nicht ein­mal mehr ein ehr­li­ches Ver­bre­chen, das ist bloß ei­ne ro­he Rau­fe­rei‹, sag­te an­ge­ekelt der Kom­mis­sär.

Nach ei­ni­ger Zeit klär­te sich die An­ge­le­gen­heit ein we­nig auf. Das Mo­tiv des Mor­des ist aber nie be­kannt ge­wor­den. Nur die Na­men der Mör­der hat man, aber die Herr­schaf­ten sind längst im Aus­land.

So kam es, daß un­se­re Gas­se um ih­ren Mord ge­bracht wur­de. Ganz als ob je­mand das ein­zi­ge Ruh­mes­blatt aus ih­ren An­na­len ge­ris­sen hät­te. Kommt ein­mal ein Frem­der, ei­ner aus der Foch-Stra­ße oder gar ei­ner aus Wr­schowitz, so denkt er: Gott, ist das ei­ne fa­de Gas­se! – Kein Mensch glaubt uns, wenn wir uns dann da­mit rüh­men, daß bei uns doch ein be­son­ders ge­heim­nis­vol­ler Mord be­gan­gen wor­den ist; man gönnt es uns ein­fach nicht in den an­dern Gas­sen!«

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