Der Geschworene

»Ich ha­be ein­mal Rich­ter sein müs­sen«, sag­te Herr Fir­bas und räus­per­te sich, »da­mals, als ich als Ge­schwo­re­ner aus­ge­lost war. Da­mals kam ge­ra­de der Fall Lui­se Kada­nik, die ih­ren Mann er­mor­det hat­te, an die Rei­he. Wir wa­ren acht Män­ner und vier Frau­en, und wir Män­ner sag­ten uns, mehr oder we­ni­ger im stil­len: das kann gut wer­den, die­se vier Vet­teln wer­den ge­wiß ver­su­chen, das Frau­en­zim­mer frei­zu­spre­chen! Wir wa­ren al­so schon im vor­hin­ein kei­ne Freun­de der Lui­se Kada­nik.

Im gan­zen be­se­hen war es ei­gent­lich der nor­ma­le Fall ei­ner un­glück­li­chen Ehe. Kada­nik war Zi­vil­geo­me­ter ge­we­sen und hat­te ei­ne um zwan­zig Jah­re jün­ge­re Frau ge­hei­ra­tet. Als Lui­se vor dem Al­tar stand, war sie ein jun­ges Mäd­chen, und es fand sich ein Zeu­ge, der aus­zu­sa­gen wuß­te, die Frau ha­be schon an dem der Hoch­zeit fol­gen­den Ta­ge ge­weint, sei krei­de­bleich ge­we­sen und ha­be sich vor Ekel ge­schüt­telt, als der neu­ge­ba­cke­ne Ehe­mann sie be­rüh­ren woll­te. Ich ha­be oft dar­an ge­dacht, wel­che fürch­ter­li­che Er­fah­run­gen so ein un­schul­di­ges jun­ges Ding nach der Hoch­zeit häu­fig ge­nug ma­chen muß. Stel­len Sie sich nur vor, bei­spiels­wei­se, daß so ein Mann ge­wöhnt ist, nur mit ge­wis­sen Frau­en­zim­mern um­zu­ge­hen und sich dann auch da­nach be­nimmt. Was da so in ei­ner jun­gen Per­son vor­geht, da­von kann sich ver­mut­lich ein Mann gar kei­ne Vor­stel­lung ma­chen. – Der Staats­an­walt aber konn­te dem ei­ne an­de­re Zeu­gen­aus­sa­ge ge­gen­über­stel­len, der­zu­fol­ge die Lui­se an­geb­lich schon vor ih­rer Ehe ein Tech­tel­mech­tel mit ei­nem Stu­den­ten ge­habt ha­be, mit dem sie auch nach ih­rer Ver­hei­ra­tung noch Brie­fe ge­wech­selt ha­ben soll. Wie dem auch im­mer ge­we­sen sein moch­te: bald nach der Hoch­zeit zeig­te es sich, daß es in die­ser Ehe nicht klapp­te. In Frau Lui­se ent­stand ein phy­si­scher Wi­der­wil­le ge­gen ih­ren Mann, nach ei­nem Jahr gab es ei­ne Fehl­ge­burt, und seit da­mals hat­te sie ein Frau­en­lei­den. Der Herr Geo­me­ter hielt sich an­der­wärts schad­los; zu Hau­se schlug er bei je­der Ge­le­gen­heit Krach und tob­te we­gen je­des ver­aus­gab­ten Hel­lers. An je­nem Un­glücks­ta­ge hat­ten sie wie­der ei­nen Auf­tritt we­gen ei­nes Hem­des aus Crêpe de Chi­ne oder der­glei­chen, und der Herr Geo­me­ter schick­te sich eben an, sei­ne Haus­schu­he mit sei­nen Schu­hen zu ver­tau­schen, weil er kei­ne Lust hat­te, sich zu Hau­se die Lau­ne ver­der­ben zu las­sen. In die­sem Au­gen­blick ging Lui­se von hin­ten an ihn her­an und schoß aus ei­nem Brow­ning in sei­nen Hin­ter­kopf. Dann rann­te sie auf den Gang hin­aus und trom­mel­te an die Tür ei­nes Nach­barn, man sol­le hin­ein­ge­hen, drin lie­ge ihr Mann, sie ha­be ihn um­ge­bracht, und jetzt ge­he sie die Selbst­an­zei­ge ma­chen. Aber schon auf der Trep­pe brach sie in Krämp­fen zu­sam­men. Das war al­les.

Nun sa­ßen wir da, wir zwölf, und hat­ten über ih­re Schuld zu ent­schei­den. Die Lui­se sei, hieß es, ein­mal ein hüb­sches Mäd­chen ge­we­sen. Aber das wird Ih­nen ja be­kannt sein, daß ein Frau­en­zim­mer in der Un­ter­su­chungs­haft nicht schö­ner wird. So auf­ge­schwemmt sah sie aus, und aus ih­rem blas­sen Ge­sicht leuch­te­ten bö­se und ha­ßer­füll­te Au­gen. Oben thron­te der Vor­sit­zen­de, die Mensch ge­wor­de­ne Ge­rech­tig­keit, un­er­hört wür­de­voll, fast pries­ter­lich in sei­nem schwar­zen Ta­lar. Der Staats­an­walt war der schöns­te Staats­an­walt, den ich je zu se­hen be­kam: stark wie ein Stier, an­ge­spannt und kampf­lus­tig wie ein gut ge­nähr­ter Ti­ger. Man konn­te es ihm an­mer­ken, mit wel­cher Freu­de an der ei­ge­nen Kraft und Über­le­gen­heit er sich auf sein Op­fer stürz­te, des­sen glü­hen­de Au­gen so ha­ßer­füllt auf ihn ge­rich­tet wa­ren. Der Ver­tei­di­ger der An­ge­klag­ten sprang ein um das an­de­re Mal ge­reizt auf und hat­te Ge­plän­kel mit ihm. Uns Ge­schwo­re­nen war das pein­lich; denn es sah oft ge­nug so aus, als han­del­te es sich hier nicht dar­um, über die Mör­de­rin Ge­richt zu hal­ten, son­dern um ei­nen Streit zwi­schen dem Ver­tei­di­ger und dem Staats­an­walt. Dann al­so wa­ren wir da, die Rich­ter aus dem Vol­ke, be­ru­fen, nach un­se­rem mensch­li­chen Ge­wis­sen zu rich­ten. Aber so sehr wir auch den Wil­len da­zu hat­ten, die Mehr­zahl un­ter uns lang­weil­te sich ent­setz­lich bei die­ser Ad­vo­ka­ten­ma­che und bei den pro­zes­sua­len For­ma­li­tä­ten. Hin­ten dräng­ten sich die Zu­hö­rer und de­lek­tier­ten sich an dem Fal­le Lui­se Kada­nik. Manch­mal, wenn sie in die En­ge ge­trie­ben nichts mehr zu sa­gen wuß­te, konn­te man die Leu­te hö­ren, wie sie vor Won­ne ge­ra­de­zu grunz­ten.« Herr Fir­bas strich sich über die Stirn, wie um Schweiß ab­zu­wi­schen. »Mir war oft ge­nug zu Mu­te, als wä­re ich nicht auf die Ge­schwo­re­nen­bank, son­dern auf ei­ne Mar­ter­bank ge­setzt wor­den; als müß­te ich, ich selbst, auf­sprin­gen und ru­fen: ›Ich ge­ste­he al­les, macht mit mir, was ihr wollt!‹

Die Zeu­gen ka­men. Wich­tig­tue­risch sag­ten sie aus, ein je­der bläh­te sich ir­gend­wie auf, er wis­se noch dies und je­nes – die gan­ze Klein­stadt sprach aus die­sen Aus­sa­gen, die­ser gan­ze Hau­fe von Ge­häs­sig­keit, Klatsch, Pro­tek­ti­on, Ge­zi­schel, Neid, Schmäh­sucht, Po­li­tik und Lan­ge­wei­le. Woll­te man den Zeu­gen glau­ben, so war der Ver­stor­be­ne ein eh­ren­wer­ter und auf­rech­ter Mann und ein or­dent­li­cher Bür­ger ge­we­sen, von un­ta­de­li­gem Ruf; dann aber wie­der ein Schür­zen­jä­ger und Geiz­hals, ein bru­ta­ler Mensch, zü­gel­los und grob, kurz – man konn­te wäh­len. Schlim­mer kam Frau Lui­se weg; sie sei ein leicht­sin­ni­ges Frau­en­zim­mer, ver­schwen­de­risch, tra­ge Sei­den­wä­sche, küm­me­re sich nicht um den Haus­halt, ma­che Schul­den …

Mit ei­nem ei­si­gen Lä­cheln beug­te sich der Staats­an­walt vor.›An­ge­klag­te‹, sag­te er,›hat­ten Sie schon vor der Ehe in­ti­men Ver­kehr mit ei­nem Man­ne?‹

Die An­ge­klag­te schwieg; aber ein fah­les Er­rö­ten husch­te über ih­re Wan­gen.

Der Ver­tei­di­ger sprang auf und er­such­te auf­ge­regt um die Ver­neh­mung ir­gend­ei­ner Frau­ens­per­son, die von Kada­nik miß­braucht wor­den war, als sie bei ihm dien­te. Er ha­be ein Kind mit ihr ge­habt …

Das Ge­sicht des Vor­sit­zen­den ver­fins­ter­te sich. Man konn­te ge­ra­de­zu se­hen, was sei­ne Ge­dan­ken wa­ren: um Him­mels wil­len, die Ver­hand­lung zieht sich ja im­mer mehr in die Län­ge! – In­des­sen schlepp­ten sich die pein­li­chen häus­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten oh­ne En­de wei­ter: wer von den bei­den den An­stoß zu den ehe­li­chen Zwis­tig­kei­ten ge­ge­ben, wie­viel Frau Lui­se für den Haus­halt be­kom­men, ob ihr Gat­te Grund zur Ei­fer­sucht ge­habt ha­be. Manch­mal sah es gan­ze Stun­den lang so aus, als sei hier gar nicht vom to­ten Kada­nik und sei­ner Ehe die Re­de, son­dern von mir oder ir­gend­ei­nem an­de­ren der Ge­schwo­re­nen oder von wem im­mer. Mein Gott, was die da über den To­ten aus­sag­ten, das könn­ten sie auch über mich aus­sa­gen. So ge­hen die Din­ge viel­leicht über­all vor sich. Wes­halb re­de­te man nur da­von? Mir war, als zö­ge man uns al­le Stück für Stück nackt aus, uns Män­ner und die Frau­en; als näh­me man un­se­ren ei­ge­nen klei­nen Ha­der in die Wä­sche, als lüf­te­te man un­se­re schmut­zi­gen klei­nen In­ti­mi­tä­ten öf­fent­lich aus, als zö­ge man die Ge­heim­nis­se un­se­rer Bet­ten und un­se­re Ge­wohn­hei­ten aus dem Schlaf­zim­mer ans Ta­ges­licht. Es war un­ser ei­ge­nes Le­ben, das dort ge­schil­dert wur­de, nur war die Schil­de­rung bös­ar­tig und grau­sam wie ei­ne Schil­de­rung der Höl­le. Si­cher war der Kada­nik im Grun­de kein schlech­ter Kerl. Et­was hef­tig war er wohl, er hat die Frau oft an­ge­fah­ren und er­nied­rigt; hart und gei­zig war er, weil er schwer und we­nig ver­dien­te. Er war ein Wei­ber­held, ver­führ­te sei­ne Dienst­mäd­chen, hat­te ein Ver­hält­nis mit ir­gend­ei­ner Wit­we, aber es mag sein, daß er es nur aus Trotz tat und aus be­lei­dig­tem Män­ner­stolz, weil Lui­se, sei­ne Frau, ihn haß­te wie wi­der­li­ches Un­ge­zie­fer. Das Son­der­bars­te war fol­gen­des: wenn ei­ner der Zeu­gen des Ver­tei­di­gers ge­gen den Er­mor­de­ten aus­sag­te, wie zän­kisch und klein­lich er ge­we­sen sei, wie bru­tal, wie grob in sei­ner Sinn­lich­keit und wel­che Pa­scha­ma­nie­ren er ge­habt, da reg­te sich in uns männ­li­chen Ge­schwo­re­nen zwei­er­lei: Miß­fal­len und So­li­da­ri­tät. Halt! fühl­ten wir, wenn man uns selbst des­halb zur Ver­ant­wor­tung zö­ge … Und wenn wie­der ein Zeu­ge der an­de­ren Sei­te Frau Lui­se be­las­te­te, ih­rer Putz­sucht oder ih­res Leicht­sinns we­gen und weiß Gott wes­halb noch, so ver­spür­ten wir Män­ner auf der Ge­schwo­re­nen­bank eher et­was wie Wohl­wol­len, et­was, das sie in Schutz nahm; aber die vier Frau­en­zim­mer hin­ter uns be­ka­men bei sol­chen Ge­le­gen­hei­ten schma­le Lip­pen und un­ver­söhn­li­che Au­gen.

Stun­den- und ta­ge­lang zog die­se Ehe­höl­le an uns vor­bei, ge­se­hen mit den Au­gen von Dienst­bo­ten und Ärz­ten, Nach­barn und Klatsch­ba­sen. Strei­tig­kei­ten, Schul­den, Krank­hei­ten, häus­li­che Auf­trit­te, al­le Hys­te­rie, all das Bö­se und Quä­len­de, das ei­nem Paar Men­schen zu­ge­teilt ist – als wür­de man mensch­li­che Ein­ge­wei­de in ih­rer gan­zen Häß­lich­keit vor uns zur Schau auf­hän­gen. Ich hof­fe, Sie glau­ben mir, wenn ich Ih­nen ver­si­che­re, daß ich ei­ne bra­ve, an­stän­di­ge Frau ha­be. Aber da­mals ha­be ich manch­mal nicht die Lui­se Kada­nik vor mir ge­se­hen, son­dern mei­ne ei­ge­ne Frau, mei­ne Li­da; an­ge­klagt, ih­ren Mann, Herrn Fir­bas, durch ei­nen Schuß in den Hin­ter­kopf er­mor­det zu ha­ben. Ich ver­spür­te den furcht­ba­ren Schmerz die­ses Schus­ses im Hin­ter­kopf. Ich sah, wie Li­da, bleich und ver­quol­len, die Lip­pen zu­sam­men­ge­preßt, mit Au­gen, die vor Grau­en, Wi­der­wil­len und Er­nied­ri­gung wahn­sin­nig in die Welt starr­ten, vor mir stand und ge­gen mich Kla­ge führ­te. Ja, es war Li­da, die man hier ent­klei­de­te und wie Schlacht­vieh aus­wei­de­te. Mei­ne Frau war es, mein Schlaf­zim­mer, mein Leid, es wa­ren mei­ne Ge­heim­nis­se, mei­ne Grob­hei­ten. Mir war zum Wei­nen zu­mu­te, und ich woll­te sa­gen: siehst du, Li­da, so weit hast du uns ge­bracht! – Ich schloß die Au­gen, um die­se ent­setz­li­che Vi­si­on los­zu­wer­den. Lag aber das Dun­kel vor mir, so wa­ren die Zeu­gen­aus­sa­gen, die ich hör­te, noch quä­len­der für mich, und als ich die Au­gen auf­riß und nach Lui­se blick­te, krampf­te es mir das Herz zu­sam­men: Him­mel, Li­da, wie hast du dich ver­än­dert!

Als ich von der Ver­hand­lung nach Hau­se kam, er­war­te­te mich Li­da voll Span­nung und frag­te: ›Nun, wird sie ver­ur­teilt?‹ – Es war ja ei­ne Art Sen­sa­ti­ons­pro­zeß, und be­son­ders die Frau­en nah­men An­teil an dem Fall. – ›Ich‹, er­klär­te mei­ne Frau voll bren­nen­dem In­ter­es­se, ›ich wür­de sie ver­ur­tei­len!‹ ›Das geht dich nichts an!‹ schrie ich sie an. Es war qual­voll für mich, mit ihr da­von zu re­den. Am letz­ten Abend vor dem Ur­teils­spruch pack­te mich ei­ne un­er­klär­li­che Un­ru­he. Ich lief im Zim­mer auf und ab und über­leg­te: viel­leicht wird es ein Frei­spruch, wo­zu wä­ren sonst vier Wei­ber un­ter den Ge­schwo­re­nen? Wenn nur ei­ner von uns die Schuld­fra­ge ver­neint, wird sie frei­ge­spro­chen! Wird es mei­ne Stim­me sein? – Ich fand die Ant­wort nicht. Un­ver­mit­telt be­fiel mich der Ge­dan­ke: Du hast doch in dei­nem Nacht­tisch ei­nen ge­la­de­nen Re­vol­ver – das ist ei­ne Ge­wohn­heit noch aus der Kriegs­zeit. Wie leicht könn­te es ge­sche­hen, daß er ein­mal mei­ner Frau Li­da zur un­rech­ten Zeit in die Hand fie­le! Ich griff nach dem Re­vol­ver: soll­te ich ihn nicht ver­ste­cken oder mich über­haupt von ihm tren­nen? – Noch nicht, grins­te ich, erst wird ab­ge­war­tet, wie die Sa­che mit der Lui­se aus­geht! – Ja, wie es aus­geht … Und wie­der be­gann ich mich zu quä­len … Was um Him­mels wil­len wer­de ich tun, wie soll ich stim­men?

Am letz­ten Ver­hand­lungs­tag plai­dier­te der Staats­an­walt – sei­ne Re­de war gut und hart. Ich weiß nicht, wo er das Recht da­zu her­nahm, aber er er­griff das Wort im Na­men der mensch­li­chen Fa­mi­li­en­ban­de. Ich hör­te es wie aus der Fer­ne, als er be­son­de­ren Nach­druck auf Wor­te wie: Fa­mi­lie, häus­li­ches Le­ben, Ehe, Mann und Frau, Auf­ga­ben und Pflich­ten der Frau leg­te. Man be­haup­te­te, es sei ei­ne der her­vor­ra­gends­ten Re­den vor Ge­richt ge­we­sen. Dann er­hielt der Ver­tei­di­ger das Wort und stell­te et­was Furcht­ba­res an: er bau­te sein Plai­do­yer auf ei­ne se­xu­al-pa­tho­lo­gi­sche Ana­ly­se auf, wies nach, wel­che Wi­der­stän­de ei­ne ge­schlecht­lich-küh­le oder, wie man das nennt, fri­gi­de Frau ei­nem bru­ta­len Mann, ei­nem Mann­tier ge­gen­über emp­fin­den müs­se; wie ihr phy­si­scher Ekel zum Haß her­an­wächst; welch ein tra­gi­sches Op­fer ei­ne sol­che Frau sei, aus­ge­lie­fert den Be­gier­den ei­nes rück­sichts­lo­sen Se­xu­al­ty­ran­nen … An die­ser Stel­le sei­ner Re­de spür­te man ge­ra­de­zu, wie al­le Ge­schwo­re­nen von Frau Lui­se ab­rück­ten, wie in ih­nen un­be­wußt ein ge­wis­ser Wi­der­stand ge­gen das Anor­ma­le aus­brach, ge­gen et­was, das die mensch­li­che Ord­nung ir­gend­wie um­zu­stür­zen oder zu ver­än­dern droht. Die vier Frau­en un­ter uns wa­ren blaß, Feind­schaft ge­gen je­ne Frau er­füll­te sie, die so et­was wie ei­ne Ver­pflich­tung ver­letzt hat­te. Und der Dumm­kopf von ei­nem Rechts­an­walt tram­pel­te wei­ter und im­mer eif­ri­ger auf sei­ner se­xu­al­pa­tho­lo­gi­schen The­se her­um!

Der Vor­sit­zen­de, der den ver­är­ger­ten Aus­druck im Ge­sicht der Ge­schwo­re­nen nach­sich­tig be­ob­ach­tet hat­te, ver­such­te in sei­nem Resumé die Si­tua­ti­on zu ret­ten … Er sprach we­der von Fa­mi­lie noch von se­xu­el­ler Hö­rig­keit, son­dern er sprach von der Er­mor­dung ei­nes Men­schen. Uns Ge­schwo­re­nen fiel ein Stein vom Her­zen. So be­trach­tet, schien uns die Sa­che, auf­rich­tig ge­sagt, weit ge­nieß­ba­rer, ein­fa­cher und bei­na­he er­träg­lich.

Bis zu­letzt hat­te ich kei­ne Ah­nung, wie ich die Schuld­fra­ge be­ant­wor­ten wür­de. Aber als man uns die kla­re Fra­ge stell­te: ›Ist Lui­se Kada­nik schul­dig, auf ih­ren Gat­ten, Jo­hann Kada­nik, mit der Ab­sicht ihn zu tö­ten, ge­schos­sen zu ha­ben?‹ – da sag­te ich, der ich als ers­ter an die Rei­he kam, oh­ne zu über­le­gen:›Ja!‹ Denn sie hat­te ja zwei­fel­los die Ab­sicht ge­habt, ihn zu er­mor­den, und sie hat es ja auch ge­tan. Und so ant­wor­te­ten al­le zwölf Ge­schwo­re­nen mit ›Ja‹.

Dann herrsch­te ge­drück­te Stil­le. Ich sah die vier Frau­en un­ter den Ge­schwo­re­nen an. Hart, bei­na­he fei­er­lich sa­hen sie drein, als hät­ten sie eben in ei­nem Kampf für die mensch­li­che Fa­mi­lie ge­siegt.

Als ich nach Hau­se kam, lief mir Li­da, mei­ne Frau, ent­ge­gen und frag­te, bleich vor Auf­re­gung: ›Al­so wie ist es aus­ge­fal­len?‹

›Mit der Lui­se?‹ sag­te ich me­cha­nisch. ›Mit zwölf Stim­men schul­dig. Ver­ur­teilt zum To­de durch den Strang.‹

›Schreck­lich!‹ stöhn­te Li­da mit nai­ver Grau­sam­keit, ›aber ver­dient hat sie es.‹ In die­sem Au­gen­blick riß et­was in mir ent­zwei, ich weiß nicht, ob es die Span­nung war, aber ich brüll­te Li­da an:›Ja, sie hat es ver­dient, weil sie ei­ne Dumm­heit ge­macht hat! Merk dir’s, Li­da, hät­te sie in die Schlä­fe ge­schos­sen und nicht in den Hin­ter­kopf, dann hät­te sie sa­gen kön­nen, es sei Selbst­mord ge­we­sen, ver­stehst du? – Dann hät­te sie frei­ge­spro­chen wer­den kön­nen. Merk’s dir, Li­da, in die Schlä­fe!‹

Ich schlug die Tür hin­ter mir zu. Ich muß­te al­lein sein. Und, da­mit Sie es wis­sen, mein Re­vol­ver liegt heu­te noch in der un­ver­sperr­ten Schub­la­de. Ich ha­be ihn nicht weg­ge­räumt.«

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