Der Feldzug von 1813 bis zum Waffenstillstand

Als der Strom des Sieges sich von Moskau unaufhaltsam bis über den Njemen über Preußens und Polens Grenzen fortwälzte, zersprangen die Zügel, woran die Tyrannei eines Eroberers die deutschen unterjochten Völker zu seinen Zwecken hinleitete. Sie hatten wie eingespannte Sklaven an seinem Triumphwagen ziehen müssen. Wie durch ein Gebot Gottes sprangen Ketten und Zügel. Doppelte Schande wäre es gewesen, wenn sie, der Gewalt entrissen, der Schmach entbunden, frei wie sie waren, willig und gehorsam hinter ihren Treibern hergegangen wären, um ihren Hals dem Joch von selbst wieder anzubieten. Diesen Trieb zur Sklaverei hat nicht das schlechteste unter den Tieren, und nur ein ganz verderbtes Herz könnte den Menschen unter das Tier erniedrigen.

Das kleine preußische Heer, vergessen und verlassen von den eilig fliehenden Franzosen, zog in stiller Ordnung und festem Mut durch den Schnee und die Wälder Kurlands seiner Heimat zu, um sich seiner wahren und einzigen Bestimmung wiederzugeben, dem Dienst und Willen seines Herrn. Ein russisches Korps war ihm zuvorgeeilt und vertrat ihm den Weg zu seinen Grenzen. Die gegenseitigen Führer, von Vernunft und Herz geleitet, verstanden einander bald. Die Preußen waren gezwungen nach Rußland getrieben, kein anderes Recht band sie als das Recht des Stärkern. Im unbesonnenen Gebrauch seiner Gewalt hatte der französische Kaiser diese Mittel des Zwanges selbst zerstört, und dieses Recht war in sein Nichts zurückgefallen. Die Preußen konnten, sich selbst überlassen, nicht mehr als Feinde der Russen sich betrachten, denn sie waren es selbständig nie gewesen, sie konnten keine andere Bestimmung erkennen, als die, den neuen Befehlen ihres Königs entgegenzugehen. Die Russen, im Vertrauen auf die nahe Verbindung mit allen freiwerdenden Völkern, hatten keinen größeren Vorteil, als auch ihrerseits die Wirkungen jener erzwungenen Verbindung Preußens mit Frankreich aufhören zu lassen und sich zum engen Bündnis den Weg zu bahnen.

Nicht als Feinde, nicht als Verbündete, sondern ihre gegenseitige Unabhängigkeit anerkennend, schieden beide Korps, und die Preußen bezogen neutrale Quartiere innerhalb ihrer Grenzen.

Kaum hatte das kleine Heer sich dem Joch der Eroberer entzogen, kaum sah das Volk die übermütigen Eroberer zurückkehren wie wandelndes Siechtum in verächtlichen Haufen elender Bettler (der Eroberer muß immer glücklich sein, sonst ist er mit Recht verachtet), als es sich durch die Macht des Schicksals zurückgeführt fühlte zu einem unabhängigen, freien Dasein und zu der Verpflichtung, alle Kräfte aufzubieten, um die Unabhängigkeit diesmal kräftiger und würdiger zu behaupten, als es leider im Jahre 1806 geschehen war.

Der König und seine Minister verstanden die Stimme des Volks und teilten seine Gefühle. Sie erkannten die Pflicht, jetzt das Volk mit allen Kräften gesetzlicher Ordnung und Autorität zu unterstützen, den kurzen Zeitraum ungebundenen Handelns nach Möglichkeit zu nutzen, eiligst alle Kräfte aufzubringen und dann den Kampf um eine freie, ehrenvolle Existenz unter den Völkern Europas noch einmal zu beginnen.

So veränderte Preußen seine Stellung und ward der erste Verbündete Rußlands in dem neuen Kampf für die Unabhängigkeit Europas.

*

An den unglücklichen Tagen von Jena und Auerstädt verlor die preußische Armee ihren Ruhm, auf dem Rückzuge löste sie sich auf; die Festungen gingen verloren, der Staat war erobert und nach vier Wochen Krieg war von Staat und Armee wenig mehr übrig. Die kleine Armee, welche sich an die russische in der Provinz Preußen anschloß, war zu schwach, die Mittel zu ihrer Ergänzung waren zu gering, als daß durch sie das Verlorene hätte wieder errungen werden können. Der Tilsiter Friede vollendete die Übel, indem er der Größe der Armee schimpfliche Grenzen setzte. Sie durfte nicht stärker als 42 000 Mann sein, deren Waffenverhältnisse untereinander sogar vom Feinde vorgeschrieben waren.

So war also binnen Jahresfrist der glänzende Militärstaat Preußen, an welchem alle Militär- und Kriegsfreunde sich geweidet hatten, verschwunden; an die Stelle der Bewunderung waren Tadel und Vorwürfe, an die Stelle der Huldigung oft Demütigung getreten.

Der Geist der Armee war eine niederdrückende Traurigkeit. Kein wohltuender Blick in die Vergangenheit war möglich, keine Hoffnung für die Zukunft war vorhanden und auch das letzte, woran sich ihr Mut hätte aufrichten können, das Vertrauen zu einzelnen Führern, fehlte ganz; denn keiner hatte in dem kurzen Kriege sich bis zu einer eminenten Stelle erheben können, und die wenigen, welche sich ausgezeichnet hatten, teilten die Stimmen ganz verschiedener Parteien.

Bei diesem unterdrückten Geist der Armee, bei dem gesunkenen Wohlstand des Staates, den zerrütteten Finanzen, bei der gebieterischen Einschränkung von außen her und einer Partei von Mutlosen im Innern, die sich allen energischen Maßregeln widersetzte, war es sehr schwer, die Zwecke zu erreichen, welche man sich vorsetzte.

Die Armee sollte von neuem eingerichtet, ihr Mut sollte belebt, ihr Geist gehoben, alte Mißbräuche sollten ausgerottet und neben der Erzeugung und Ausbildung bis zu der im Traktat bestimmten Stärke sollte die Basis zu einer neueren, größeren Militärmacht gelegt werden, die einstens im entscheidenden Augenblick plötzlich emporsteigen sollte.

Nach dieser Idee wurde in den wenigen Jahren des Friedens von 1808 bis 1811 unermüdlich gearbeitet.

Die Armee sollte nach dem Traktat mit Frankreich stark sein: 24 000 Mann Infanterie

6000 Mann Kavallerie

6000 Mann Artillerie

6000 Mann Garde

Summa: 42 000 Mann

Es wurden diese in 6 Korps von allen Waffen geteilt, die man Brigaden nannte und jeder zu 6-7000 Mann Stärke gab. Außerdem wurde der ganze Militärstand in drei Gouvernements – Preußen, Schlesien und die Mark mit Pommern – eingeteilt.

Die Ergänzung der Armee bis auf 42 000 Mann hatte natürlich die wenigsten Schwierigkeiten. Die neue Form, in welche sie gebracht, und vorzüglich der neue Geist, welcher ihr eingeflößt werden sollte, hatten mit tausend Vorurteilen, mit dem üblen Willen und dem Interesse der einzelnen, mit Unbehilflichkeit, mit Trägheit und Gewohnheit zu kämpfen. Trotz diesen Hindernissen schritt man glücklich fort.

Im Jahre 1809 hatte die Armee eine neue vollendete Verfassung, eine neue Gesetzgebung und neue Übungen, und man kann sagen, einen neuen Geist, der sie belebte. Sie war dem Volke nähergebracht, und man durfte hoffen, sie als eine Schule zur kriegerischen Ausbildung und Erziehung des Nationalgeistes zu betrachten.

Ebenso glücklich wurden nach und nach die Schwierigkeiten überwunden, die sich dem erweiterten Fundamentalbau der ganzen Kriegsmacht Preußens entgegenstellten. Es wäre hier zu weitläufig, diese Schwierigkeiten weiter zu entwickeln oder alle die Mittel aufzuzählen, welche ergriffen wurden. Wir müssen uns begnügen zu sagen, daß hier nur ein unermüdliches Streben in Anwendung kleiner, unscheinbarer Mittel so, wie die Verhältnisse sie erlaubten, zum Zweck führen konnte.

Die Hauptgegenstände waren:

Um die Armee schnell vermehren zu können: das beständige Ausexerzieren von Rekruten, welche hierauf wieder entlassen wurden. Hierdurch stieg die Masse der ausgearbeiteten Leute im preußischen Staate binnen drei Jahren auf 150 000 Mann.

Die Fabrikation der nötigen Gewehre. Es wurden Reparaturwerkstätten angelegt, die vorhandene Berliner Fabrik auf die Fertigung von 1000 Stück neuen monatlich gebracht, eine neue Fabrik zu Neiße angelegt, und außerdem aus dem Österreichischen eine beträchtliche Menge eingekauft. Die Summe der Gewehre stieg dadurch in drei Jahren weit über 150 000.

Fast die sämtliche Feldartillerie war verlorengegangen. Sie wurde aus den noch erhaltenen acht Festungen wiederhergestellt. Es befanden sich in diesen eine große Menge metallener Geschütze, welche umgegossen und durch eiserne ersetzt werden mußten. Die Werkstätte zu diesen Operationen sowie die Munitionsgießereien hatten neu etabliert werden müssen. In drei Jahren erhielt die Armee eine zahlreiche Feldartillerie für 120 000 Mann.

Endlich mußten die acht Festungen von neuem instand gesetzt, versorgt und armiert werden. Diese Festungen waren als die Grundpfeiler der preußischen Monarchie zu betrachten, da die kleine Oberfläche derselben leicht so mit Feinden überschwemmt werden konnte, daß die Festungen allein wie Felsen im Meer von der Flut nicht mit fortgerissen wurden. Es kam also darauf an, mit diesen Festungen soviel als möglich von den Kriegskräften Preußens vor der Überschwemmung zu retten. Deshalb wurden bei Pillau und Kolberg, weil sie am Meer liegen, verschanzte Lager angelegt und in Schlesien, außer den weitläufigen Linien von Neiße, auch noch bei Glatz ein verschanztes Lager zur Aufnahme von Truppen und Streitmitteln bestimmt. In diesen vier Zufluchtsörtern Kolberg, Pillau, Neiße und Glatz sollten die noch unausgebildeten Streitmittel, sowohl an Menschen als Waffen und anderen Materialien, versammelt werden, um sie dem Feinde zu entziehen und im Falle der Not mitten im Kriege auszubilden. Auch diese Lager waren im Jahre 1812 vollendet.

Jenes unermüdliche Streben und eine weise Ökonomie in Anwendung der noch vorhandenen, vorher kaum gekannten Hilfsmittel hatte also in vier Jahren die preußische Armee, welche nur 42 000 Mann stark war, so basiert, daß sie in wenig Monaten auf die Stärke von 120–150 000 gebracht werden konnte. Junge, kräftige, ihrer Fächer kundige Männer standen an der Spitze der verschiedenen Abteilungen. Die verderblichen Forderungen einer genauen Anciennität waren eingeschränkt, der tüchtige Mann, der, welcher sich im Kriege ausgezeichnet oder dem Staate viele Opfer gebracht hatte, war hervorgezogen und dem Ganzen nach und nach Liebe zu seiner neuen Verfassung und neues Vertrauen auf sich selbst, auf seinen inneren Wert gegeben worden.

An diese neue Schöpfung schloß sich zur Vollendung des ganzen Kriegsstaats die Idee einer Landesverteidigung durch Landwehr und Landsturm an. Durch die erstere konnte die Armee selbst im Augenblick des Krieges vielleicht auf das Doppelte gebracht werden, wodurch die Verteidigung des kleinen Staates allein eine gewisse Selbständigkeit erhalten konnte. Alle Mittel, welche zur schleunigen Vermehrung der Armee vorbereitet waren, griffen in die Errichtung der Landesmiliz ein, insofern die vorrätigen Waffen und die ausgearbeiteten Leute nicht alle bei Vermehrung der Armee gebraucht wurden und die Grundlage zur Landwehreinrichtung abgeben konnten.

In diesen fortschreitenden Einrichtungen zu einer neuen Landesverteidigung gegen fremde Unterdrückung machte der Allianztraktat von 1812 einen Stillstand. Durch ihn wurde der kleinen Armee die Hälfte entrissen, um für den entgegengesetzten Zweck verwendet zu werden. Natürlich lähmte dies alles fernere Streben nach dem vorgesetzten Ziel. Bei der Ungewißheit, ob die Mittel nicht für den entgegengesetzten Zweck geschaffen würden, wäre es unweise gewesen, diese Mittel ferner zu vermehren.

Es wurden also in dem Jahre 1812 nicht nur keine Fortschritte gemacht, sondern der gute Geist und die Hoffnung erstarb auch an jedem einzelnen, und die Hilfsarmee kehrte am Ende des Feldzugs um 10 000 Mann geschwächt zurück, wodurch also dem Kern des Ganzen ein Viertel seiner Größe und Bildungskraft genommen wurde. Vielleicht wurde aber dem Ganzen dieser Nachteil reichlich vergolten durch die Kriegserfahrung, welche das kleine Hilfskorps gemacht, durch das Vertrauen, welches dasselbe zu sich und seinen Einrichtungen gewonnen, durch die Achtung, die es seinen Verbündeten, wie seinen Gegnern, eingeflößt, durch den neuen Haß, den es gegen die Unterdrücker aller Völker eingesogen hatte.

In diesem Zustande befand sich der preußische Militärstaat in dem Augenblick, als der Strom des Verderbens über das französische Heer einbrach und die schwachen Überreste desselben wie Trümmer eines zerstörten Schiffs über Deutschlands Fluren wegschwemmte. In diesem Augenblick sollten die vielen vorbereiteten Pläne ins Werk gerichtet werden und der kühne Bau schnell aus der Erde emporsteigen.

Wenn nun auch die Linien des ganzen Umrisses nicht auf allen Punkten erreicht werden konnten und die großen Ideen von einer 250 000 Mann starken Landesverteidigung in der Ausführung einige Beschränkungen leiden mußten, wie das vorherzusehen war – weil es in der Natur menschlicher Werke liegt, stets hinter dem vorgesetzten Ziel zurückzubleiben –, so hing es doch von der Tätigkeit und Energie in der Ausführung ab, sich dem Ziele mehr oder weniger zu nähern. Die Folge hat gelehrt, daß dies keine leere Spekulation blieb; in wenig Monaten war die Idee in die Wirklichkeit hervorgetreten.

*

Der Waffenstillstand wurde auf sieben Wochen abgeschlossen, teils weil man alliierterseits diese Zeit sehr wohl nutzen konnte, um die durch zwei Schlachten erschöpften Kräfte zu erneuern und beträchtlich zu vermehren, auch sonst den weitern Krieg kräftig vorzubereiten, teils weil Österreich gewünscht hatte, noch soviel Zeit zu gewinnen. Von Hause aus hatte man bei dem gegen Frankreich unternommenen Kriege auf zwei Dinge rechnen müssen, durch welche man in den Stand gesetzt wurde, den Kräften Frankreichs ein gehöriges Gegengewicht geben zu können.

Entweder mußte man auf einen allgemeinen Aufstand in Deutschland, auf den Abfall der rheinischen Fürsten, auf Unruhen in der Schweiz, Tirol und Italien und dabei auf die Neutralität Österreichs rechnen oder man mußte dem völligen Beitritt Österreichs entgegensehen. Eins von diesen beiden günstigen Ereignissen gab, wenn es in seinem ganzen Umfange eintrat, der alliierten Partei bei der Fortsetzung des Krieges ein hinlängliches Fundament der Kräfte, um mit Wahrscheinlichkeit auf einen glücklichen Ausgang rechnen zu können.

Wegen des Beitritts der nordischen Mächte Schweden und Dänemark war man gleichfalls nicht ohne Hoffnung. Schweden hatte sich schon ganz unzweideutig erklärt, und im schlimmsten Fall wurde Dänemark in der Waage der Kriegskräfte durch Schweden neutralisiert. In der politischen Welt gibt es keine Gewißheit, sondern man muß sich mit einem mehr oder weniger hohen Grad der Wahrscheinlichkeit begnügen. So konnte man auch nur sagen, daß beide Ereignisse wahrscheinlich wären und daß man also auf eines derselben mit um so viel größerem Recht hoffen durfte. Diese Betrachtungen waren es, welche vernünftige Leute denen entgegensetzen konnten, die immer nur von der Unzulänglichkeit unserer Mittel und von der Entfernung der russischen Hilfsquellen sprachen und damit die höchste Weisheit an den Tag gelegt zu haben glaubten. Das aber ist eine unfruchtbare Weisheit, die nur die Schwierigkeiten aufzählt.

Daß man sich in seinen Berechnungen nicht geirrt hatte, zeigte bald der Erfolg. Was man von den Völkern und deutschen Fürsten erwartet hatte, traf nicht ein, und wenn auch das ganze Gebäude des Eroberers in Deutschland einen Augenblick schwankte und umzustürzen drohte, so wußte der kräftige Arm des Kaisers es doch bald wieder festzustellen. Dagegen erklärte sich Österreich gegen ihn, und er sah sich hier in den zuversichtlichen Wirkungen seiner Allmacht betrogen. Österreich erklärte sich ziemlich unzweideutig schon im Monat April, aber es war mit seinen Anstalten nicht so weit gediehen, um den Krieg sogleich anfangen zu können. Unter diesen Umständen war also bei allen Entschlüssen eine beständige Rücksicht auf Österreich notwendig, und dies bestimmte denn auch den Abschluß des Waffenstillstandes.

Wenn man die einzelnen Momente der seit dem Dezember 1812 verflossenen Begebenheiten ins Auge faßt, so ist es keine Frage, daß Preußen und Österreich ihren Entschluß und ihre Rüstungen noch mehr hätten beschleunigen und schon ganz früh manche wichtige Maßregeln hätten ergreifen können, wodurch das Werk sehr gefördert worden und wonach der Stand der Dinge jetzt ein anderer wäre. Allein es verrät wenig Geschichts- und Menschenkenntnis, wenn man in praktischen Dingen irgendwo das Vollkommene fordert; ein jeder, der dergleichen tut, mag nur einen Blick auf seinen eigenen Haushalt, auf die Bewirtschaftung seiner Güter, auf seinen Lebensplan werfen, so wird er einsehen, wie wenig er ein Recht zu solcher Forderung hat. Diese Betrachtung sollte alle übrigen behutsam in ihrem Vertrauen gegen solche Schreier machen, damit sie nicht durch ein leeres Geschwätz in ihrem Vertrauen zur Sache gestört würden. Man muß sich also in der politischen Welt mit der Annäherung zum Vollkommenen begnügen, und gewiß kann man dann zufrieden sein, wenn mehr geschieht, als man früher gehofft hatte. Wer aber von uns hoffte im Dezember 1812, daß im Juni 1813 Rußland, Preußen und Österreich mit einer furchtbaren und überlegenen Macht an der Elbe und Oder stehen, und den Kaiser von Frankreich nötigen würden, ein anderes Gesetz als das seiner unbeschränkten Willkür anzuerkennen? Der Verfasser dieser Blätter wenigstens hat damals keinen gesprochen, der an ein Vordringen der Russen bis zur Weichsel, selbst bis über den Njemen und Pregel, an eine Erklärung Preußens oder gar Österreichs gegen Frankreich geglaubt hätte. Wer, wenn man ihm gesagt hätte, der Kaiser Napoleon wird in sechs Monaten eine Armee von mehreren Hunderttausenden in Deutschland haben, er wird mit überlegener Macht den Alliierten zwei große Schlachten geliefert haben, hätte nicht geglaubt, daß die Auflösung und gänzliche Mutlosigkeit der Alliierten, ihr Rückzug bis tief in Polen und Preußen, die Verstummung Österreichs die Folgen davon sein würden? Am wenigsten werden uns die überreden, anders geurteilt zu haben, die noch jetzt vor der Allvermögenheit des französischen Kaisers alles fürchten und dadurch andere mutlos machen wollen.

Laßt uns also dankbar sein gegen die Vorsehung, die uns weitergeführt hat, als wir hofften; dankbar gegen den Kaiser Alexander, der, den Feind kühn verfolgend, im Vertrauen auf Preußen und Österreich bis an die Oder vordrang; gegen unseren Monarchen, der vom frühem Unglück nicht niedergebeugt und nicht aufgehalten durch die Stimme mutloser Klügler für die Ehre und Unabhängigkeit seines Volkes die Waffen ergriff; gegen den deutschen Kaiser, der das erzwungene Band der Verwandtschaft nicht achtend sich für Deutschlands und Preußens Unabhängigkeit ohne Scheu erklärte.

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Der Kaiser von Frankreich hat wirklich den von ihm selbst vorgeschlagenen Waffenstillstand nach Möglichkeit genutzt. Er hat alle Truppen, die er seitdem zu formieren imstande gewesen ist, formiert und in Marsch gesetzt. Es ist schwer, die Zahl der Kombattanten zu bestimmen, mit welchen er bei Eröffnung des Feldzuges gegen die Alliierten auftreten kann. Was wir jetzt gewiß wissen, ist, daß er keine Armee aus Spanien gezogen, sondern nur Stammannschaften aus den dortigen Armeen entnommen hat, welche in Frankreich neue Bataillone gebildet haben. Was man ferner mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen kann, ist, daß er in den Monaten Mai, Juni und Juli doch nicht mehr Formationen vollendet haben wird als in den Monaten Januar, Februar, März und April; denn die Kräfte eines Staates nehmen doch in solch einem Fall nicht zu, und es ist doch ausgemacht, daß er im April und Mai alles nach Deutschland geführt hat, was irgend nur vorhanden war.

Was im April aus Frankreich und Italien gekommen war, betrug zirka 100 000 Mann. Was im Mai nachgekommen sein mag, betrug nach allen Nachrichten 60 000 Mann. Nehmen wir nun das Höchste an, daß er nämlich in den drei letzten Monaten, so gut wie in jenen ersten vier Monaten, 160 000 Mann wieder formiert hat, und rechnen dazu 60 000 Mann, die noch in Deutschland an der Elbe geblieben waren, so macht das 380 000 Mann. Davon sind an Verlust für die Schlachten von Groß-Görschen und Bautzen, alle übrigen Gefechte, Krankheiten und Desertion wenigstens 50 000 Mann abzurechnen, so bleiben 330 000 Mann französischer Truppen übrig. Rechnet man dazu an Dänen und Rheinbundstruppen 70 000 Mann, so wird die Macht unserer Feinde 400 000 Mann betragen. Der Verfasser hält sich überzeugt, daß diese Angabe wenigstens um 50 000 Mann zu hoch ist und alle Berechnungen, welche auf dem nachrichtlichen Wege angelangt sind, zeigen dies auch, indem sie die Macht nicht höher als 350 000 Mann bringen.

Alles, was wir hier sagen können, ist, daß jene 400 000 Mann, wenn sie wirklich da sind, in den Streitkräften der Alliierten immer noch eine bedeutende Überlegenheit finden werden, ohne auf die in Polen stehenden Truppen Rücksicht zu nehmen.

Wenn wir nun bis zum Augenblick des Waffenstillstandes mit etwa 80 000 Mann (so stark war die alliierte Armee in Sachsen am 2. Mai, und in der Lausitz am 21. Mai) gegen 120 000 Mann (so stark war der Kaiser am 2. Mai bei Lützen, und wenigstens ebenso stark bei Bautzen), den Krieg geführt haben, ohne daß der Feind uns eine entscheidende Niederlage hat beibringen können, wenn wir in vier Wochen Zeit ihm damit zwei große Schlachten haben liefern können, deren Ausgang sehr zweifelhaft war, und der Feind mit großer Vorsicht gegen uns operieren mußte, auch eine Menge nachteiliger Gefechte nicht hat verhüten können und froh war, einen Waffenstillstand zu erhalten – warum sollten wir bei der Wiedereröffnung des Feldzuges besorgt sein? Eine völlige Gewißheit des Erfolgs können wir nicht haben, die hat man nie im Kriege, aber die hohe Wahrscheinlichkeit ist doch für uns!

Das überlegene Feldherrntalent des französischen Kaisers darf man nicht mehr besonders in Anschlag bringen, es ist in der Rechnung schon mitbegriffen. Er war es, der die Truppen gegen uns anführte. Wer die Schlachten von Groß-Görschen und Bautzen mitgemacht hat, sollte der nicht das Gefühl und die Überzeugung gehabt haben, wir würden Sieger gewesen sein, wenn wir nur von gleicher Stärke mit ihm gewesen wären?

Es gibt Verhältnisse, wo das überlegenste Talent scheitert, und Fälle, wo der geschickteste Feldherr den größten Irrtümern unterworfen ist; das haben wir an dem Feldzuge von 1812 gesehen. Es gibt in Deutschland sehr wenige Menschen, welche geglaubt haben, daß Rußland imstande sein würde, der französischen Macht zu widerstehen; und hätte man ihnen auch noch so deutlich die Größe der Dimensionen und die Natur des Landes vorgerückt, sie würden nimmermehr die Resultate zugegeben haben, die man an der Beresina und in Wilna gesehen hat: daß der Kaiser Napoleon flüchtig, ohne irgendeinen Mann Truppen zurückkehren würde.

Die Pest der Hoffnungslosigkeit, die über Deutschland vorzüglich eine lange Zeit geweht hat, sollte jetzt vorüber sein, da ein solches Donnerwetter die politische Atmosphäre gereinigt hat.

Die Zeit, da sich der Kriegsschauplatz wieder eröffnen und der Gang dieser großen Weltbegebenheit sich weiter entwickeln soll, rückt heran. Wer in stumpfer Gedankenlosigkeit die Zeit der Waffenruhe in ihrer tiefen Stille hätte vorüberfluten lassen, wem nur noch das Getöse der abgerollten Begebenheiten dumpf in den Ohren tönte, wer ohne einen Faden des Urteils, ohne einen leuchtenden Funken erworbener Einsicht in das Dunkel der Zukunft hinausschaute, wie könnte der mit Mut und Vertrauen vorwärtsschreiten? Die mit der menschlichen Natur verschwisterte Furcht würde ihm mit jedem Schritt Klüfte und Abgründe zeigen. Am unwürdigsten wäre dies einem Krieger, der für die Sache seines Herzens ficht, der das Vaterland und alles verteidigt, was dem menschlichen Dasein Reiz und Wohl geben kann. Seine Seele ist gerichtet auf das Werk der Fürsten und Feldherrn, wie die Seele der Fürsten und Feldherrn selbst. Es ist seine Sache so gut wie die ihrige. Es wird ihm wohltun, von dem Vergangenen und dem Gegenwärtigen zu wissen, was er seinem Standpunkt nach wissen darf, wodurch ihm die Zukunft erhellt wird und diejenigen Gegenstände vor seinen Blick treten, auf die er sein Vertrauen, seine Hoffnungen, seinen Ehrgeiz richten kann.

Was ich aus eigener schwacher Kraft für diesen Zweck habe tun können, ist hiermit geschehen. Ich weihe diese Zeilen euch Kameraden und hoffe, daß ein Herz voll Vaterlandsliebe und voll edlem Stolz auf euren Wert diesen kleinen Dienst, wie schwach er sei, dankbar empfinden wird.

Habe ich euren Herzen wohlgetan und euren Verstand befriedigt, so ist mein Zweck erfüllt, und der Sturm der Begebenheiten mag dann diese Blätter verwehen, daß keine Spur von ihnen übrigbleibt.

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