Der Doppelmord in der Rue Morgue

Sie ist zwar etwas verblüffend, die Frage:
welches Lied die Sirenen gesungen oder welchen Namen Achilles angenom­men,
als er sich bei den Frauen verbarg,
doch liegt ihre Beantwortung nicht außerhalb des Bereiches der Möglich­keit.
(Sir Thomas Browne)

Während meines Aufenthaltes in Paris im Frühling und Sommer des Jahres 18.. machte ich die Bekanntschaft eines Herrn August Dupin. Der junge Mann stammte aus einer guten, ja aristokratischen Familie, doch war er durch verschiedene widrige Ereignisse in solche Armut geraten, daß seine ganze Willenskraft in ihr unterging und er gar keine Anstrengungen mehr machte, sich wieder in glücklichere Verhältnisse heraufzuarbeiten. Seine Gläubiger ließen aus Anständigkeit einen kleinen Teil seines väterlichen Erbteils in seinen Händen, von dessen Zinsen er gerade sparsam leben konn­te. Bücher waren der einzige Luxus, den er sieh erlaubte; und in Paris kann man sich diesen leicht gestatten.
Wir trafen uns zum erstenmal in einer kleinen Buchhandlung in der Rue Montmartre, wo uns ein Zufall – wir suchten beide dasselbe sehr seltene und merkwürdige Buch – in nähere Beziehung brachte. Wir sahen uns des öf­teren wieder. Ich interessierte mich lebhaft für die kleine Familiengeschich­te, die er mir mit der ganzen Aufrichtigkeit, mit welcher der Franzose von seinem eigenen Ich spricht, erzählte. Auch war ich über seine große Be­lesenheit erstaunt, und vor allem fühlte ich, wie meine Seele von der ur­wüchsigen Kraft und seltenen Üppigkeit seiner Phantasie mit entflammt wurde. Ich verfolgte damals ganz bestimmte Ziele in Paris und sagte mir, daß die Gesellschaft eines solchen Mannes zur Erreichung derselben von unermeßlichem Nutzen sein mußte. Ich teilte ihm dies auch offenherzig mit. Schließlich kamen wir überein, während meines Aufenthaltes in Paris zu­sammen zu wohnen; und da meine Verhältnisse weniger beschränkt waren als die seinen, war es mir möglich, ein wetterzerstörtes, grotesk anzuschau­endes Haus, das wegen eines Aberglaubens, dem wir jedoch nicht weiter nachforschten, verödet stand und in einem abgelegenen, einsamen Teile des Faubourg St. Germain seinem Verfall entgegenging, zu mieten und in einem Stil zu möblieren, welcher der phantastischen Düsterkeit unserer beider Ge­mütsart wohl entsprach.
Wäre die Lebensweise, die wir in dieser Wohnung führten, der Welt be­kannt geworden, man hätte uns für Wahnsinnige gehalten – wenn auch für harmlose. Besucher ließen wir jedoch niemals ein. Unseren Zufluchtsort hatte ich vor all meinen früheren Bekannten sorgfältig geheimgehalten. Du­pin hatte schon seit Jahren jeglichen Verkehr in Paris aufgegeben. So lebten wir nur für uns allein.
Mein Freund hatte die wunderliche Grille – wie sollte ich es anders nennen? -, in die Nacht um ihrer selbst willen verliebt zu sein; bald teilte ich diese Sonderbarkeit wie alle seine übrigen und überließ mich rückhaltlos solchen seltsamen Eigenarten. Die schwarze Gottheit wollte zwar nicht immer bei uns wohnen, doch schafften wir uns Ersatz für ihre Gegenwart. Beim ersten Morgendämmern schlossen wir all die schweren Fensterläden des alten Hauses und zündeten ein paar stark parfümierte Kerzen an, die nur einen gespenstisch schwachen Schimmer um sich verbreiteten. Bei ihrem Lichte versenkten wir unsere Seelen in Träume, lasen, schrieben, unterhielten uns, bis die Uhr den Anbruch der wahren Dunkelheit ankündigte. Dann eilten wir Arm in Arm hinaus in die Straßen, fuhren in den Gesprächen des Tages fort oder streiften bis spät in die Nacht umher und genossen in den seltsamen Licht- und Schattenseiten, wie sie jede volkreiche Stadt aufweist, jene Un­endlichkeit von geistigen Anregungen, die sie dem ruhigen Beobachter allzeit gewähren.
Bei solchen Gelegenheiten mußte ich immer wieder und wieder Dupins her­vorragende Fähigkeiten zu analysieren, auf die mich sein reiches Geis­tesleben schon vorbereitet hatte, bemerken und bewundern. Die Ausübung derselben schien ihm – selbst wenn niemand Kenntnis davon nahm – leb­haftes Vergnügen zu bereiten, und er gestand dies auch offen ein. Mit leisem, kicherndem Lachen rühmte er sich einstmals mir gegenüber, daß die meisten Menschen für ihn Fenster in der Brust hätten, und oft unterstützte er derartige Behauptungen durch sofortige und erschreckend deutliche Be­weise, die mir zeigten, daß er mich selbst und meine Gedanken auf das ge­naueste errate.
In solchen Augenblicken war sein Wesen kalt und wie zerstreut, seine Augen blickten ausdruckslos vor sich hin, seine Stimme, die sonst einen Te­norklang hatte, schraubte sich zu einem Diskant hinauf, den man für Ausge­lassenheit gehalten haben könnte, wenn einem nicht die Bedachtsamkeit und Deutlichkeit der Aussprache aufgefallen wäre. Wenn ich ihn in solchen Stimmungen sah, mußte ich immer an die alte Philosophie von dem Zwei­seelensystem denken und amüsierte mich mit der Vorstellung eines doppelten Dupin, eines schöpferischen und eines auflösenden. Es wäre je­doch falsch, wenn man hieraus schließen wollte, daß ich beabsichtigte, ein Geheimnis zu entschleiern oder einen Roman zu schreiben. Was ich von dem Franzosen erzählte, war nur einfache Tatsache und als solche das Ergebnis einer übererregten, vielleicht krankhaften Intelligenz. Die beste Vorstellung von der Art seiner Beobachtungen in jener Zeit wird folgendes Beispiel geben.
Eines Abends schlenderten wir eine lange, schmutzige Straße in der Nähe des Palais Royal hinunter. Da wir beide tief in Gedanken waren, hatten wir wohl eine Viertelstunde lang kein Wort miteinander gesprochen, bis Dupin ganz plötzlich ausrief: »Er ist wirklich ein sehr kleiner Kerl und würde besser ins Varietétheater passen. «
»Zweifellos«, erwiderte ich unwillkürlich und bemerkte zuerst gar nicht (so tief war ich in Nachdenken versunken gewesen), auf welch sonderbare Art diese Worte meine Träumereien fortsetzten,
Gleich darauf besann ich mich und geriet natürlich in Erstaunen. »Dupin«, sagte ich ernst, »das geht über meine Begriffe. Ich sage Ihnen offen, daß ich sehr überrascht bin und meinen Sinnen kaum trauen kann. Wie konnten Sie wissen, daß meine Gedanken gerade bei … «
Ich hielt inne, um mich ganz und gar zu überzeugen, ob er wisse, an wen ich gedacht hatte.
» … bei Chantilly waren,« vollendete er. »Weshalb hielten Sie inne? Sie dachten doch vorhin darüber nach, daß ihn seine kleine Statur zum Tragöden untauglich mache!?«
Über diesen Punkt hatte ich allerdings soeben nachgesonnen. Chantilly war ein ehemaliger Schuhflicker aus der Rue St. Denis, der in einem Anfall von Theaterwut versucht hatte, die Rolle des Xerxes in Crébillions gleichna­miger Tragödie zu spielen und für seine Mühe nur bitteren Hohn geerntet hatte.
»Erklären Sie mir um Himmels willen«, rief ich aus, »die Methode – wenn Sie methodisch vorgegangen sind -, mit der Sie meine Seele derart erfor­schen konnten.« Ich war in Wirklichkeit noch verblüffter, als ich zeigen wollte.
»Der Fruchthändler«, versetzte mein Freund, »veranlaßte Sie zu dem Schluß, der Sohlenflicker sei nicht groß genug für einen Xerxes und die ganze Reihe ähnlicher Rollen – «
»Der Fruchthändler? Wieso? Ich kenne gar keinen.«
»Ich meine den Mann, der Sie beim Einbiegen in die Straße anrannte. Es ist vielleicht eine Viertelstunde her -«
Jetzt erinnerte ich mich, daß ich in der Tat von einem Fruchthändler, der einen großen Korb Äpfel auf dem Kopfe getragen hatte, fast umgerannt worden wäre, als wir aus der Rue C.. in den Durchgang eingebogen, in dem wir jetzt standen. Aber was dies mit Chantilly zu tun hatte, war mir nicht klar.
Dupin war jedoch so wenig Scharlatan wie nur irgend jemand. »Ich will Ih­nen die Sache erklären«, sagte er, »und damit Sie alles recht verstehen, wollen wir den Lauf Ihrer Gedanken zurückverfolgen, von dem Augenblick an, da ich Ihre Betrachtungen unterbrach, bis zu dem Zusammenstoß mit dem Fruchthändler. Die Hauptglieder der Kette sind folgende: – Chantilly, Orion, Dr. Nichols, Epikur, Stereotomie, das Straßenpflaster, der Frucht­händler.«
Es gibt wenig Leute, die sich nicht zuweilen damit amüsiert hätten, die Schritte zurückzuverfolgen, durch die ihr Verstand zu irgendwelchen Schlüssen gekommen ist. Die Beschäftigung kann sehr interessant sein; und mancher, der sich zum erstenmal in ihr versucht, ist höchst erstaunt über die scheinbar unendliche Entfernung zwischen dem Ausgangspunkt und dem Endpunkt seiner Gedanken und die Unzusammengehörigkeit beider. Groß war auch mein Erstaunen, als ich nun die Ausführungen des Franzosen ver­nahm und zugeben mußte, daß er die Wahrheit sprach.
Er fuhr fort:
»Wir hatten, wenn ich mich recht erinnere, kurz ehe wir die Rue C.. ver­ließen, von Pferden geredet. Das war unser letzter Gesprächsstoff. Als wir in diese Straße einbogen, eilte ein Fruchthändler mit einem großen Korbe Äpfel auf dem Kopfe rasch an uns vorüber und drängte Sie dabei auf einen Haufen Pflastersteine, die an einer Stelle, wo der Fußsteig ausgebessert wird, aufgeschüttet lagen. Sie traten auf einen der losen Steine, glitten aus, verstauchten sich ganz leicht den Fuß, schienen verärgert oder verstimmt, murmelten ein paar Worte, blickten sich nach dem Steinhaufen um und gingen dann schweigend weiter. Ich schenkte Ihnen keine weitere Aufmerk­samkeit, nur ist mir seit einiger Zeit das Beobachten zur Notwendigkeit ge­worden: Ich nahm also wahr, daß Sie Ihre Blicke zu Boden gesenkt hielten, mit unmutigem Ausdruck die Löcher und Spalten im Pflaster betrachteten, woraus ich schließen mußte, daß Sie noch an die Steine dachten, bis wir die kleine Lamartinestraße erreichten, die versuchsweise mit gerippten, fest übereinandergreifenden Steinen gepflastert ist. Hier hellte sich Ihr Gesicht auf, und als ich sah, daß Sie die Lippen bewegten, konnte ich nicht zweifeln, daß Sie das Wort ›Stereotomie‹ flüsterten, – übrigens ein ziemlich anspruchsvoller Name für diese einfache Art von Pflasterung. Ich wußte, daß Sie das Wort nicht aussprechen konnten, ohne an Atome und weiter an die Lehre Epikurs denken zu müssen, und da ich zu Ihnen, als wir vor kurzem über diesen Gegenstand redeten, bemerkt hatte, wie wunderbar die vagen Vermutungen dieses edlen Griechen von den neueren Entdeckungen der Nebular-Kosmogonie bestätigt worden seien, erwartete ich mit Gewißheit, daß Sie zu dem großen Nebel im Orion aufblicken würden. Sie taten es, und ich war sicher, Ihrem Gedankengange richtig gefolgt zu sein. In dem bitteren Spottartikel über Chantilly, der gestern im ›Musée‹ erschien, machte der Satiriker einige verächtliche Anspielungen auf die Namensveränderung, die der Schuhflicker beim Besteigen des Kothurn vorgenommen, und führte einen lateinischen Vers an, über den wir oft gesprochen hatten, nämlich:
›Perdidit antiquum litera prima sonum. ‹
Ich sagte Ihnen, daß sich dies auf den Orion bezöge, den man früher Urion schrieb, und war sicher, daß Sie die Erklärung wegen gewisser Einzelheiten, die mit ihr verbunden waren, nicht. vergessen hatten. Ich konnte also mit Si­cherheit schließen, daß Sie die beiden Begriffe Orion und Chantilly unwill­kürlich miteinander verbinden würden. Daß dies auch wirklich der Fall war, erkannte ich aus der Art des Lächelns, das jetzt um Ihre Lippen zuckte. Sie dachten an die Abschlachtung des armen Schusters. Bis dahin waren Sie ein wenig gebückt einhergegangen, nun sah ich, daß Sie sich zu Ihrer vollen Höhe aufrichteten. Ich war überzeugt, daß Sie an die kleine Statur Chantillys dachten. An dieser Stelle unterbrach ich Ihren Gedankengang mit der Be­merkung, daß er wirklich ein kleines Kerlchen sei und besser täte, zum Va­rieté zu gehen.«
Kurze Zeit später lasen wir zusammen die ›Gazette des Tribunaux‹ durch und wurden auf folgende Notiz aufmerksam:
›Sensationeller Mord!!! Heute morgen gegen drei Uhr wurden die Bewohner des Quartiers St. Roch durch anhaltendes gräßliches Geschrei aus dem Schlafe geschreckt. Die Hilferufe drangen anscheinend aus dem vierten Stockwerk eines Hauses in der Rue Morgue hervor, welches, wie man wuß­te, nur von einer Madame L’Espanaye und ihrer Tochter, Mademoiselle L’E­spanaye, bewohnt war. Nach einigen Verzögerungen, die dadurch entstanden waren, daß man versucht hatte, sich auf gewöhnlichem Wege Eingang zu verschaffen, wurde die Haustür mit einer Eisenstange erbrochen, und acht oder zehn Nachbarn traten, von zwei Gendarmen begleitet, ein. Mittlerweile waren die Schreie verstummt, aber als die Leute die erste Treppe hinaufstürzten, unterschieden sie zwei oder mehr rauhe Stimmen, die sich ärgerlich stritten und aus dem oberen Teil des Hauses hervorzudringen schienen. Als man den zweiten Treppenabsatz erreichte, hörten auch die Töne auf, und alles blieb totenstill. Die Leute verteilten sich und eilten von einem Zimmer ins andere. Ein großes Hinterzimmer im vierten Stock fanden sie von innen verschlossen und brachen die Tür auf. Da bot sich ein Anblick dar, der die Anwesenden mit Grauen und nicht geringem Erstaunen erfüllte.
Das Zimmer war in der wildesten Unordnung: die Möbel zertrümmert und nach allen Seiten umhergeworfen. Aus einer Bettstelle waren die Betten her­ausgerissen und in die Mitte des Zimmers geschleppt worden. Auf einem Stuhl lag ein mit Blut beflecktes Rasiermesser. Auf dem Kamin fand man zwei oder drei lange, dichte Flechten von grauem Menschenhaar, die auch mit Blut besudelt waren und mit den Wurzeln herausgerissen zu sein schienen. Auf dem Boden lagen vier Napoléons, ein Ohrring mit einem To­pas, drei große silberne Löffel, drei kleinere von ›métal d’Algier‹ und zwei Beutel, die beinahe viertausend Francs in Gold enthielten. Die Schubfächer eines Schreibtisches standen offen und waren ohne Zweifel geplündert worden, obgleich sie noch eine Menge Gegenstände enthielten. Eine kleine eiserne Geldkiste wurde unter den Betten (nicht unter der Bettstelle) ge­funden. Sie stand ebenfalls offen, der Schlüssel steckte noch im Schloß. Ihr Inhalt bestand aus alten Briefen und einigen anderen unwichtigen Papieren.
Von Madame L’Espanaye war keine Spur zu entdecken, aber da man auf dem Kamin eine ungewöhnliche Menge Ruß bemerkte, forschte man im Ka­minrohr nach und zog – es ist grauenhaft, nur daran zu denken – den Leich­nam der Tochter aus ihm hervor, der mit dem Kopf nach unten ziemlich hoch in den Schlot hinaufgezwängt worden war. Der Körper war noch ganz warm. Bei der Untersuchung entdeckte man zahlreiche Hautabschürfungen, die ohne Zweifel durch die Heftigkeit, mit welcher man den Leichnam hin­aufgeschoben und wieder herausgezogen hatte, verursacht worden waren. Das Gesicht wies viele schwere Kratzwunden auf, und an der Kehle waren tiefe Fingerabdrücke und dunkle Quetschungen zu sehen, als sei die Tote erwürgt worden.
Nachdem man alle Teile des Hauses auf das gründlichste untersucht hatte, ohne Näheres zu entdecken, begaben sich die Leute in einen gepflasterten Hof an der Rückseite des Hauses. Hier fand man den Körper der alten Dame mit so vollständig durchschnittenem Halse, daß der Kopf, bei dem Versuch, die Leiche aufzurichten, abfiel. Der Körper sowohl wie der Kopf waren auf das gräßlichste verstümmelt, letzterer in einer Weise, daß er kaum noch et­was Menschlichem ähnlich sah.
Man hat unseres Wissens bis jetzt noch nicht den geringsten Anhalt zu einer Aufklärung dieser entsetzlichen Mordtat gefunden.‹
Am nächsten Tage brachte die Zeitung weitere Einzelheiten über den grauenhaften Fall.
Das Trauerspiel in der Rue Morgue!!!-Man hat viele Personen über dies außergewöhnliche, fürchterliche Ereignis verhört, ohne das geringste zu ent­decken, das Licht in die Sache bringen könnte.
Wir geben in Untenstehendem die Aussagen der Zeugen wieder:
Pauline Dubourg, Wäscherin, sagt aus, daß sie die beiden Verstorbenen seit drei Jahren kenne, da sie während dieser Zeit für dieselben gewaschen habe. Die alte Dame und ihre Tochter schienen in gutem Einvernehmen mitein­ander zu leben und behandelten sich gegenseitig liebenswürdig und rück­sichtsvoll. Sie bezahlten ausgezeichnet. Sie könne nicht sagen, wie oder wo­von sie lebten. Sie glaube, daß Madame L’Espanaye von Beruf Wahrsagerin gewesen sei. Dieselbe habe im Ruf gestanden, sich ein Vermögen erspart zu haben. Sie, die Zeugin, habe nie einen Menschen dort getroffen, wenn sie Wäsche abgeholt oder gebracht hätte. Sie sei sicher, daß die Damen keinen Dienstboten gehalten hätten. Anscheinend sei kein Teil des Hauses außer dem vierten Stockwerk ausmöbliert gewesen.
Pierre Moreau, Tabakhändler, sagt aus, daß er seit beinahe vier Jahren kleine Partien Rauch- und Schnupftabak an Madame L’Espanaye verkauft habe. Er sei in der Nachbarschaft geboren und immer dort ansässig gewesen. Die Verstorbene und ihre Tochter bewohnten das Haus, in dem man die Leichen gefunden habe, schon seit mehr als sechs Jahren. Früher habe es ein Juwelier besessen, der die oberen Zimmer an verschiedene Personen vermietet hatte. Das Haus war das Eigentum der Madame L’Espanaye. Sie war unzufrieden über den Mißbrauch, den die Mieter mit den Räumlichkeiten trieben, zog selbst hinein und weigerte sich, die nicht von ihr bewohnten Teile anderwei­tig zu vermieten. Die alte Dame war kindisch. Der Zeuge hat die Tochter im Laufe von sechs Jahren etwa fünf- bis sechsmal gesehen. Die beiden Damen führten ein außerordentlich zurückgezogenes Leben, man hielt sie für wohl­habend. Er habe von Nachbarn gehört, Madame L’Espanaye sei Wahr­sagerin, habe es aber nicht geglaubt. Er habe niemals jemand anders in das Haus eintreten sehen als die alte Dame und ihre Tochter, ein- oder zweimal einen Portier und acht- oder zehnmal einen Arzt.
Das Zeugnis mehrerer anderer Personen aus der Nachbarschaft lief auf dasselbe hinaus. Man kannte niemanden, der das Haus selbst betreten hatte, und wußte nicht, ob Madame L’Espanaye und ihre Tochter noch lebende Verwandte hatten. Die Läden der vorderen Fenster wurden selten geöffnet. Die nach dem Hof hinaus gingen, waren immer geschlossen mit Ausnahme derer des großen Hinterzimmers im vierten Stock. Das Haus war gut gebaut und noch nicht alt.
Isidore Muset, Gendarm, sagt aus, daß er gegen drei Uhr des Morgens nach dem Haus gerufen worden sei und einige zwanzig oder dreißig Personen vor der Haustür angetroffen habe, die sich bemühten, sich Eingang zu verschaf­fen. Er öffnete schließlich die Tür mit einem Bajonett, nicht mit einer Eisenstange. Es habe nur wenig Mühe gekostet, da es eine Doppel- oder Flügeltür gewesen sei, die weder nach oben noch nach unten zugeriegelt worden war. Das Geschrei ertönte fort, bis die Tür erbrochen war, und ver­stummte dann plötzlich. Es schien von einer Person oder von mehreren in größter Todesangst ausgestoßen zu werden, war laut und gedehnt, nicht kurz und rasch. Der Zeuge führte den Zug die Treppe hinauf. Als er den ersten Treppenabsatz erreichte, vernahm er zwei Stimmen, offenbar in lautem, ärgerlichem Wortwechsel – die eine rauh und barsch, die andere eine ganz sonderbare Stimme, kreischend und schrill. Er konnte ein paar Worte der ersten Stimme, die offenbar einem Franzosen angehörte, verstehen. Er be­hauptet mit Bestimmtheit, daß es keine Frauenstimme war. Er unterschied die Worte »sacré« und »diable«, die schrille Stimme war die eines Fremden. Er könne nicht gewiß sagen, ob es die Stimme eines Mannes oder einer Frau gewesen sei. Auch habe er nicht zu unterscheiden vermocht, was gesprochen wurde, meine jedoch, es sei Spanisch gewesen. Der Zustand des Zimmers und der Leichen wurde von dem Zeugen so beschrieben, wie wir gestern be­richtet haben.
Henri Duval, ein Nachbar, von Beruf Silberschmied, sagt aus, daß er unter den ersten war, die das Haus betraten. Bestätigt in der Hauptsache das Zeug­nis Musets. Sobald die Leute sich den Eintritt erzwungen hatten, schlossen sie das Haus wieder, um die Menge, die sich trotz der späten Stunde an­sammelte, abzuhalten. Der Zeuge hält die schrille Stimme für die eines Itali­eners. Er erklärt mit Bestimmtheit, daß der Sprecher kein Franzose gewesen sein könne, wisse jedoch nicht bestimmt, ob die Stimme eine Männerstimme gewesen, hält es nicht für ausgeschlossen, daß es eine Frauenstimme war. Er versteht kein Italienisch und konnte deshalb keine Worte unterscheiden, glaubt jedoch nach dem Klang schließen zu dürfen, daß es wohl Italienisch gewesen sei. Zeuge kannte Frau L’Espanaye und ihre Tochter. Hat häufig mit ihnen gesprochen. Ist sicher, daß die schrille Stimme keiner der beiden Verstorbenen angehört hat.
Odenheimer, Restaurateur. Zeuge war nicht geladen und gab sein Zeugnis freiwillig ab. Da er nicht französisch sprach, wurde er durch einen Dolmet­scher vernommen. Er ist aus Amsterdam gebürtig. Kam während des Ge­schreis am Hause vorüber. Das Schreien dauerte mehrere – vielleicht zehn – Minuten lang. Es klang langgezogen und laut, grauenhaft, nervener­schütternd. War unter denen, die das Haus betraten. Bestätigte alle vorherge­gangenen Aussagen, eine einzige ausgenommen. Er sei sicher, daß die schrille Stimme die eines Mannes – und zwar eines Franzosen – gewesen sei. Konnte die einzelnen Worte nicht unterscheiden. Die Stimme habe laut und schnell geklungen – ungleich, anscheinend sowohl von Furcht als von Ärger in die Höhe getrieben. Er könne sie eigentlich nicht schrill nennen. Die bar­sche Stimme habe wiederholt »sacré«, »diable« und einmal »Mon Dieu« ge­sagt.
Jules Mignaud, Bankier, Inhaber der Firma Mignaud & Söhne, Rue Delo­raine – er ist der ältere Mignaud – sagt aus: Frau L’Espanaye hätte etwas Vermögen besessen und vor acht Jahren ihr Kapital bei ihm angelegt. Sie habe auch häufig kleinere Summen bei ihm hinterlegt, doch nie Kapital zu­rückgezogen außer am dritten Tage vor ihrem Tode, an dem sie persönlich die Summe von 4000 Francs abhob. Das Geld wurde in Gold ausbezahlt und ein Kassenbote mit demselben in ihr Haus geschickt.
Adolphe Lebon, Kassenbote bei Mignaud & Söhne, sagt aus, daß er an dem fraglichen Tage gegen Mittag Frau L’Espanaye mit den in zwei Beuteln ver­teilten 4000 Francs in ihre Wohnung begleitet habe. Als die Tür geöffnet wurde, sei Fräulein L’Espanaye erschienen und habe einen Beutel in Emp­fang genommen, während er der alten Dame den anderen aushändigte. Dar­auf habe er sich verabschiedet und sei gegangen. Auf der Straße habe er nie­manden bemerkt. Die Rue Morgue ist eine Nebenstraße und fast immer menschenleer.
William Bird, Schneider, sagt aus, er sei unter denen gewesen, die das Haus betraten. Er ist ein Engländer. Lebt seit zwei Jahren in Paris. War einer der ersten, welche die Treppe hinaufstiegen. Hörte die Stimmen der Streitenden. Hält die barsche Stimme für die eines Franzosen. Hat mehrere Worte verstanden, jedoch nicht alle behalten. Vernahm deutlich nur, »sacré« und »Mon Dieu«. Es hätte einen Augenblick so geklungen, als kämpften mehrere Personen miteinander; er hätte scharrendes, schlurfendes Geräusch vernom­men. Die schrille Stimme klang sehr laut, lauter als die barsche. Er sei si­cher, daß es nicht die Stimme eines Engländers gewesen sei. Schien ihm von einem Deutschen herzurühren. Könnte auch eine Frauenstimme gewesen sein. Er verstehe kein Deutsch.
Vier der genannten Zeugen, die man wieder vorgeladen hatte, sagten aus, daß die Tür des Zimmers, in welchem man den Körper des Fräuleins L’E­spanaye gefunden habe, von innen zugeschlossen gewesen sei, als der Trupp Leute dieselbe erreichte. Alles war vollständig ruhig – kein Stöhnen noch sonst ein Geräusch mehr zu hören. Als man die Tür aufbrach, war niemand zu sehen. Die Fenster, sowohl die nach hinten als auch die nach vorn heraus, waren geschlossen und von innen fest verriegelt. Eine Tür zwischen den beiden Zimmern war zugeschlagen, doch nicht verschlossen. Die Tür, die aus dem Vorderzimmer auf den Korridor führte, war geschlossen, der Schlüssel. steckte inwendig. Ein kleines, auf dem vierten Stock nach vorn heraus gelegenes Zimmer am Ende des Korridors war offen. Die Tür stand weit auf. Dies Zimmer war mit alten Betten, Koffern etc. vollgestopft. Man räumte es sorgfältig aus und untersuchte es aufs genaueste. Nicht ein Zoll im ganzen Hause blieb undurchforscht. Selbst die Kamine ließ man auf das gründlichste kehren. Das Haus war vierstöckig und enthielt Mansarden. Eine Falltür auf das Dach hinaus war sehr fest zugenagelt und schien seit Jahren nicht geöffnet worden zu sein. Die Angaben über die Länge der Zeit von dem Augenblick an, in welchem man die streitenden Stimmen vernahm, bis zu dem, in welchem man die Zimmer aufbrach, schwankten. Einige Zeugen nahmen an, es seien drei Minuten gewesen, andere behaupteten, es seien wenigstens fünf verflossen. Die Tür konnte nur schwer geöffnet werden.
Alfonzo Garcio, Leichenbitter, sagt aus, daß er in der Rue Morgue wohne. Ist aus Spanien gebürtig. War unter denen, die das Haus betraten. Stieg je­doch die Treppe nicht herauf. Ist nervös und fürchtete die Folgen der Aufre­gung. Hörte die streitenden Stimmen. Die barsche Stimme sei die eines Franzosen gewesen. Konnte nicht unterscheiden, was sie sprach. Die schrille Stimme gehörte einem Engländer, das sei gewiß. Versteht kein Englisch, ur­teilt nach dem Tonfall.
Alberto Montani, Konditor, sagt aus, daß er mit unter den ersten war, die die Treppe hinaufstiegen. Hörte die fraglichen Stimmen. Die barsche Stimme sei die eines Franzosen gewesen. Unterschied mehrere Worte. Der Sprecher schien Vorstellungen zu machen. Die Worte der schrillen Stimme waren un­verständlich. Sie sprach rasch und ungleich. Er halte sie für die eines Russen. Bestätigte das allgemeine Zeugnis. Er sei Italiener und habe nie mit einem geborenen Russen gesprochen.
Mehrere Zeugen, die man wieder vorrief, sagten aus, daß die Kamine aller Zimmer der vierten Etage zu eng seien, um einen Menschen durchzulassen. Doch fegte man jeden Rauchfang im Hause mit zylinderförmigen Bürsten, wie sie Kaminkehrer benutzten, gründlich auf und ab. Es gibt im Hause keine Hintertreppe, über die jemand hätte entfliehen können, während der Trupp Leute die Treppe hinaufstieg. Der Körper des Fräulein L’Espanaye war so fest in den Kamin eingezwängt, daß es nur den vereinten Kräften von vier oder fünf Männern gelang, ihn wieder herauszuziehen.
Paul Dumas, Arzt, sagt aus, daß er bei Tagesanbruch zur Besichtigung der Leichen herbeigerufen worden sei. Sie lagen beide auf der Matratze der Bettstelle, die in dem Zimmer stand, in welchem Fräulein L’Espanaye ge­funden worden war. Der Leichnam des jungen Mädchens war schrecklich zerquetscht und zerschunden. Der Umstand, daß er in den Kamin hinaufge­stoßen worden war, erklärte diese Erscheinung genügend. Die Kehle war vollständig zusammengepreßt. Dicht unter dem Kinn befanden sich mehrere tiefe Kratzwunden sowie eine Reihe bläulicher Flecken, die offenbar von dem Druck der Finger herrührten. Das Gesicht war gräßlich angelaufen und die Augen aus den Höhlen hervorgetreten. Die Zunge war zum Teil durchge­bissen. In der Magengrube entdeckte man eine große Quetschung, die an­scheinend von dem Druck eines Knies herrührte. Dem Gutachten des Herrn Dumas zufolge war Fräulein L’Espanaye von einer oder mehreren unbekann­ten Personen erwürgt worden. Der Leichnam der Mutter war ebenfalls schrecklich verstümmelt. Alle Knochen des rechten Armes und des rechten Beines waren mehr oder weniger gebrochen. Das linke Schienbein und die Rippen der linken Seite waren zersplittert. Der ganze Körper war in grauen­erregender Weise zerquetscht und blutunterlaufen. Es war ganz unmöglich, festzustellen, auf welche Art und Weise die Verletzungen herbeigeführt worden seien. Eine schwere Holzkeule oder eine breite Eisenstange, ein Stuhl oder irgendeine große, schwere, stumpfe Waffe, von der Hand eines überaus kräftigen Mannes geschwungen, könnte solche Verletzungen hervor­bringen. Keine Frauensperson hätte mit irgendwelcher Waffe derartige Schläge austeilen können. Der Kopf der Toten war bei der Besichtigung durch den Zeugen ganz vom Körper abgetrennt und auch vollständig zerschmettert. Die Kehle war augenscheinlich mit einem sehr scharfen In­strument, wahrscheinlich mit einem Rasiermesser, durchschnitten worden.
Alexander Etienne, Wundarzt, war mit Herrn Dumas zur Besichtigung der Leichen gerufen worden. Er bestätigte das Zeugnis und das Gutachten des Herrn Dumas.
Es ließ sich nichts weiter von Bedeutung feststellen, obwohl noch eine ganze Reihe von Personen verhört wurde. Noch nie ist in Paris ein so ge­heimnisvoller, in allen Einzelheiten so unerklärlicher Mord vollführt worden – wenn man hier überhaupt von einem Mord reden kann. Die Polizei hat nicht den allergeringsten Anhaltspunkt – etwas ganz Ungewöhnliches in sol­chen Fällen. Es ist auch nicht der Schatten einer Erklärung der schreckens­vollen Begebenheit vorhanden.‹
Die Abendausgabe des Blattes berichtete, daß im Quartier St. Roch noch immer die größte Aufregung herrsche, daß der Tatort noch einmal auf das sorgfältigste untersucht und neue Verhöre angestellt worden seien – aber leider ergebnislos. Ein Postscriptum teilte noch mit, daß Adolphe Lebon verhaftet und ins Untersuchungsgefängnis abgeführt worden sei, obgleich ihn außer den oben erwähnten Einzelheiten nichts belaste.
Dupin schien sich merkwürdig für den Verlauf dieser Affäre zu inter­essieren – ich schloß es wenigstens aus seinem Benehmen: er erwähnte sie mit keinem Wort. Erst nachdem er die Nachricht von der Verhaftung des Le­bon gelesen hatte, fragte er mich, was ich von der Angelegenheit halte.
Ich konnte mich nur der Meinung von ganz Paris anschließen, daß hier ein unauflösliches Geheimnis warte, und sah kein Mittel, die verborgene Spur des Mörders aufzudecken.
»Wir dürfen die Mittel nicht nach diesem oberflächlichen Verhör beurtei­len«, sagte Dupin. »Der vielgerühmte Scharfsinn der Pariser Polizei ist nur Schlauheit, weiter nichts. Sie folgt bei ihrem Vorgehen keiner anderen Me­thode als der, welche der Augenblick ihr eben eingibt. Sie handelt nach einer bestimmten Anzahl von Regeln, die nicht selten ihrem Zweck so schlecht entsprechen, daß man unwillkürlich an jenen Herrn erinnert wird, der seinen Schlafrock verlangte, um die Musik besser hören zu können. Die erreichten Erfolge sind ja zuweilen überraschend groß, doch verdankt sie dieselben meist nur ihrem Fleiß und ihrer Rührigkeit. Wo diese beiden Eigenschaften nicht ausreichen, mißlingen alle ihre Anstrengungen. Vidocq zum Beispiel war äußerst geschickt im Erraten, beharrlich und ausdauernd. Aber da sein Denken nicht geschult war, geriet er in einem fort in Irrtümer, in denen er dann seiner Natur gemäß noch hartnäckig verharrte. Er hielt sich seine Gegenstände so nahe vor das Auge, daß er vielleicht ein oder zwei Punkte mit außergewöhnlicher Schärfe wahrnahm, dafür aber naturgemäß keinen Überblick über das Ganze gewinnen konnte. So geht es immer, wenn man allzu tief sein will. Die Wahrheit ist nicht immer in einem Brunnen ver­steckt. Ich glaube im Gegenteil, daß sie, was wichtigere Erkenntnisse anbe­langt, meistens auf der Oberfläche liegt. Die Wahrheit liegt nicht in den Tä­lern, in denen wir sie suchen, sondern auf den Berggipfeln, auf denen wir sie suchen sollten. Die Betrachtung der Himmelskörper versinnbildlicht uns ausgezeichnet die Art und den Ursprung dieses Irrtums. Blickt man einen Stern flüchtig oder von seitwärts an, so daß man ihm die äußeren Partien der Netzhaut zuwendet, die für schwache Lichteindrücke empfindlicher sind als die inneren, so erblickt man den Stern und seinen Glanz am deutlichsten. Das Licht wird im gleichen Verhältnis trüber werden, in welchem wir unsern Blick voll auf ihn richten. Im letzteren Fall nimmt das Auge zwar eine grö­ßere Menge Strahlen auf, im ersteren jedoch besitzt es eine verfeinerte Auf­nahmefähigkeit. Durch übertriebene Tiefsinnigkeit schwächen und verwir­ren wir den Gedanken; und man kann die Venus selbst vom Firmament verschwinden lassen durch zu anhaltendes, zu scharfes oder zu unmittelba­res Anstarren.
Was den Mord anbetrifft, so wollen wir, ehe wir uns eine Meinung bilden, erst für uns ganz allein Nachforschungen anstellen. Sie werden uns sicher­lich viel Vergnügen bereiten.« – Ich fand den Ausdruck an dieser Stelle ziemlich sonderbar, sagte aber nichts. »Außerdem«, fuhr Dupin fort, »hat mir Lebon einmal einen Dienst erwiesen, für den ich ihm nicht undankbar sein werde. Wir wollen uns den Tatort mit eigenen Augen ansehen. Ich kenne den Polizeipräfekten G. und werde ohne Schwierigkeit die hierzu nö­tige Erlaubnis erhalten können.«
Er erhielt sie auch wirklich, und wir begaben uns sogleich nach der Rue Morgue. Sie ist eine der elenden Querstraßen, die die Richelieustraße mit der Rue St. Roch verbinden. Wir erreichten sie spät am Nachmittag, da das Quartier St. Roch von unserem Stadtviertel ziemlich weit entfernt liegt. Das Haus wurde leicht gefunden, denn auf dem gegenüberliegenden Trottoir stand eine Menge Menschen, die in gegenstandsloser Neugierde auf die ge­schlossenen Fensterläden starrte. Es war ein richtiges Pariser Haus mit einem Torweg, dem zur Seite ein Schiebefensterchen angebracht war, das die Portiersloge anzeigte. Ehe wir eintraten, gingen wir die Straße hinauf, bogen in eine Seitengasse ein, wandten uns wieder zurück und gingen auch an der Hinterseite des Hauses vorbei, während Dupin sowohl die ganze Nachbar­schaft wie das Haus mit einer gründlichen Aufmerksamkeit betrachtete, die ich für ziemlich überflüssig hielt.
Dann wandten wir unsere Schritte wieder der Front des Hauses zu, klingelten, zeigten unsere Erlaubnisscheine vor und wurden von dem wachhabenden Beamten eingelassen. Wir begaben uns nach oben und traten in das Zimmer, in dem man den Leichnam des Fräuleins L’Espanaye ge­funden hatte und in dem die beiden Verstorbenen lagen. An der Unordnung im Zimmer war, wie in solchen Fällen immer, nichts geändert worden. Ich bemerkte nichts weiter, als was in der ›Gazette des Tribunaux‹ schon erwähnt worden war. Dupin untersuchte alles aufs gründlichste, selbst die Körper der Opfer. Wir durchschnitten die übrigen Zimmer und traten in den Hof; ein Gendarm begleitete uns auf Schritt und Tritt. Die Untersuchungen nahmen uns bis zum Anbruch der Dunkelheit in Anspruch, dann verabschie­deten wir uns. Auf unserem Heimweg trat mein Gefährte einen Augenblick in die Expedition eines der Tageblätter ein.
Ich habe schon gesagt, daß Dupin voll der bizarrsten Launen war und daß ich ihn so viel wie möglich seine eigenen Wege gehen ließ. Heute hatte er sich in den Kopf gesetzt, bis Mittag des nächsten Tages jeder Unterhaltung über das Mordthema auszuweichen. Dann jedoch fragte er mich plötzlich, ob ich nicht irgend etwas Besonderes an der Stätte des Greuels wahrgenom­men hätte.
In der Art und Weise, wie er das Wort ›Besonderes‹ hervorhob, lag etwas, das mich schaudern machte, ohne daß ich wußte, weshalb.
»Nein«, antwortete ich, »nichts Besonderes, wenigstens nicht mehr, als schon in der Zeitung gestanden hat.«
»Die ›Gazette‹«, meinte er, »hat, wie ich fürchte, das ungewöhnlich Grauen­hafte der Sache nicht recht begriffen. Aber sehen wir von den müßigen An­sichten dieser Zeitung ab. Mir scheint es, daß das Geheimnis gerade aus dem Grunde leicht zu enthüllen ist, aus dem es für unerklärlich gehalten wird – ich meine, daß die Umstände, unter denen die Tat geschehen ist, nur ein kleines, deutlich begrenztes Feld für Vermutungen zulassen. Die Polizei ist verwirrt, weil anscheinend jedes Motiv, wenn nicht zum Mord selbst, so doch zu der Scheußlichkeit des Mordes fehlt. Sie steht verblüfft vor der scheinbaren Unmöglichkeit, die vielfach gehörten streitenden Stimmen mit der Tatsache in Einklang zu bringen, daß man oben im Haus außer der Ermordeten niemanden entdeckte und doch keiner das Haus verlassen konn­te, ohne an den heraufeilenden Leuten vorüberzukommen. Die wilde Unord­nung im Zimmer, der mit dem Kopf nach unten in den Schornstein hinaufge­zwängte Leichnam, die gräßlichen Verstümmelungen am Körper der alten Dame sowie noch einige weitere Tatsachen, die ich nicht zu erwähnen brau­che, haben genügt, um die geistigen Kräfte der Polizeibeamten lahmzulegen, indem sie ihren gerühmten Scharfsinn irreführten. Sie sind in den groben, aber häufig vorkommenden Irrtum verfallen, das Ungewöhnliche mit dem Geheimnisvollen zu verwechseln. Aber gerade dies Abweichen vom Wege des Gewöhnlichen ist für die Vernunft ein Fingerzeig, der sie auf die Straße zur Wahrheit weist. Bei Nachforschungen von der Art der unserigen sollte man nicht so sehr fragen: ›Was ist geschehen?‹ als vielmehr: ›Was ist geschehen, was noch niemals vorher geschehen ist?‹ In der Tat steht die Leichtigkeit, mit der ich zu der Lösung des Rätsels gelangen werde oder schon gelangt bin, in gleichem Verhältnis zu seiner scheinbaren Unauflösbarkeit in den Augen der Polizei.«
In sprachlosem Erstaunen starrte ich den Sprecher an.
»Ich erwarte jetzt«, fuhr er, nach der Tür blickend, fort, »eine Person, die, wenn auch vielleicht gerade nicht der Täter, so doch an der Ausübung der Metzeleien in gewissem Grade beteiIigt gewesen sein muß. An dem schlimmsten Teil der begangenen Verbrechen ist er höchstwahrscheinlich unschuldig. Ich hoffe, daß ich mit dieser Voraussetzung recht habe, denn ich habe meine ganze Hoffnung, das Rätsel vollständig lösen zu können, darauf aufgebaut. Ich erwarte diesen Mann hier, er kann jeden Augenblick eintre­ten. Es ist möglich, daß er nicht kommt, wahrscheinlicher, daß er es tun wird. Sollte dies der Fall sein, so müssen wir versuchen, ihn zurückzuhalten. Hier sind Pistolen; wir beide wissen ja damit umzugehen, falls die Gelegen­heit es erfordern sollte.«
Ich nahm die Pistolen, ohne recht zu wissen, was ich tat, oder das, was ich hörte, zu glauben, während Dupin wie im Selbstgespräch fortfuhr. Ich habe schon von seinem zerstreuten Wesen zu solchen Zeiten gesprochen. Seine Worte waren an mich gerichtet, aber seine Stimme hatte, obgleich er sie nicht laut erhob, jene deutliche Intonation, deren man sich bedient, wenn man zu einer weit entfernten Person spricht. Seine Augen blickten vollstän­dig ohne Ausdruck regungslos die Wand an.
»Daß die von den Leuten auf der Treppe gehörten streitenden Stimmen nicht von den beiden Frauen herrührten, ist durch die Zeugenaussagen wohl bewiesen. Dies macht die Frage, ob nicht die alte Dame zuerst die Tochter und darauf sich selbst durch Selbstmord umgebracht habe, überflüssig. Ich erwähne diesen Punkt nur um des methodischen Vorgehens willen; denn die Körperkräfte der Frau L’Espanaye wären völlig unzureichend gewesen, den Leichnam der Tochter in den Kamin hinaufzuzwängen, und die Art der Verwundungen ihrer eigenen Person schließen jeden Gedanken an Selbst­mord aus. Der Mord ist also von einer dritten Partei begangen worden. Und die Stimmen, die man gehört hat, waren die Stimmen dieser Partei. Lesen wir die Aussagen über diese Stimmen noch einmal durch, und zwar nicht das gesamte Zeugenmaterial, sondern nur das, was an denselben auf fallend ist. Bemerkten Sie etwas Auffallendes?«
Ich antwortete, es sei wohl bemerkenswert, daß – während alle Zeugen die barsche Stimme übereinstimmend als von einem Franzosen herrührend er­klärten – über die schrille, oder, wie ein Zeuge meinte, die kreischende Stimme vollständig verschiedene Meinungen geäußert worden seien.
»Was Sie sagten, betrifft das Zeugnis selbst, nicht das Auffallende daran. Sie haben also nichts Besonderes bemerkt, und doch war etwas zu bemer­ken. Wie Sie schon sagten, stimmten die Zeugen in ihren Aussagen über die barsche Stimme überein, und das Besondere in betreff der schrillen Stimme ist nicht, daß hier die Meinungen auseinandergehen, sondern, daß, als ein Italiener, ein Engländer, ein Spanier, ein Holländer und ein Franzose sie zu beschreiben versuchten, alle darin einig waren, es sei die Stimme eines Fremden gewesen. Jeder ist sicher, daß es nicht die Stimme eines seiner Landsleute war. Niemand vergleicht sie der Stimme eines Landsmannes – der Franzose hält sie für die Stimme eines Spaniers und ›hätte wohl einige Worte unterscheiden können, wenn er spanisch verstünde‹. Der Holländer behauptet, es sei die eines Franzosen gewesen, aber es wird bemerkt, daß dieser Zeuge, da er kein Französisch versteht, durch einen Dolmetscher ver­nommen wurde. Der Engländer hält sie für die Stimme eines Deutschen, doch versteht er selbst kein Deutsch. Der Spanier ist gewiß, daß es die Stimme eines Engländers war, schließt dies jedoch nur aus dem Tonfall, da er selbst nicht Englisch spricht. Der Italiener ist der Meinung, es sei Russisch gewesen, hat jedoch niemals mit einem geborenen Russen gespro­chen. Ein anderer Franzose behauptet im Gegensatz zu dem ersten mit Ge­wißheit, die Stimme habe italienisch geklungen, doch ist er selbst dieser Sprache nicht kundig und schließt, wie der Spanier, nur nach dem Tonfall.
Wie sonderbar und ungewöhnlich muß diese Stimme gewesen sein, daß die Aussagen über dieselbe derart auseinandergehen konnten! Daß kein Vertre­ter der Hauptnationen Europas in ihren Tönen etwas Bekanntes wiederer­kannte! Sie werden sagen, es könnte die Stimme eines Asiaten oder eines Afrikaners gewesen sein. Wir haben ihrer in Paris zwar nicht allzuviele. Doch möchte ich Sie, ohne Ihren Einwurf übergehen zu wollen, auf drei Punkte aufmerksam machen. Ein Zeuge hält die Stimme eher für kreischend als schrill. Zwei andere behaupten, sie habe schnell und ungleich gespro­chen. Kein Zeuge aber konnte Worte oder wortähnliche Laute unterscheiden.
Ich weiß nicht«, fuhr Dupin fort, »welchen Eindruck ich bis jetzt auf Ihr Be­griffsvermögen gemacht habe; aber ich nehme keinen Anstand zu be­haupten, daß man aus dem Teil der Zeugenaussagen, der sich auf die Stimmen bezieht, Schlüsse folgern kann, die hinreichend sind, einen Arg­wohn zu erregen, der allen weiteren Nachforschungen die Richtung angeben sollte. Ich behaupte, daß meine Schlüsse die einzig richtigen sind und als unausbleibliches Resultat einen bestimmten Argwohn bedingen. Welcher Art derselbe ist, will ich jetzt noch nicht sagen. Ich möchte Sie nur davon überzeugen, daß er für mich dringend genug war, meinen Nachforschungen im Zimmer eine ganz besondere Richtung geben.
Versetzen wir uns also im Geiste in dies Zimmer. Was werden wir zuerst darin suchen? Die Mittel und Wege, welche die Mörder zur Flucht benutzt haben. Ich darf doch ohne Zögern behaupten, daß keiner von uns beiden an übernatürliche Ereignisse glaubt. Frau und Fräulein L’Espanaye wurden nicht von Geistern ermordet. Die Täter waren von Fleisch und Blut und entwichen auf natürliche Art. Aber wie? Prüfen wir der Reihe nach die ver­schiedenen Möglichkeiten der Flucht. Es ist klar, daß sich die Mörder zur Zeit, als der Trupp Leute die Treppe hinaufstieg, in dem Zimmer befanden, in dem der Leichnam des Fräulein L’Espanaye gefunden wurde, vielleicht auch in dem angrenzenden. Wir brauchen also nur nach Ausgängen von diesen beiden Zimmern aus zu suchen. Die Polizei hat die Dielen, Wände und die Zimmerdecke nach jeder Richtung hin untersucht und bloßgelegt. Kein geheimer Ausgang hätte ihrem Scharfsinn verborgen bleiben können. Da ich aber ihren Augen nicht traute, prüfte ich mit meinen eigenen. Beide Türen, die von den Zimmern auf den Korridor führten, waren fest verschlossen, die Schlüssel steckten innen. Betrachten wir die Kamine. Diese haben zwar bis zur Höhe von acht oder zehn Fuß über dem Rost die gewöhnliche Weite, verengen sich später jedoch so, daß sich nicht einmal eine größere Katze hindurchwinden könnte. Da also auf den bis jetzt ge­nannten Wegen jedes Entweichen unmöglich war, so bleiben nur noch die Fenster. Durch die im Vorderzimmer hätte niemand entwischen können, ohne von der Menge auf der Straße bemerkt zu werden. Die Mörder müssen also durch das Fenster des Hinterzimmers entflohen sein. Da wir nun auf so zwingende Weise zu diesem Schluß gekommen sind, dürfen wir, als ver­nünftige Wesen, ihn nicht wegen der anscheinenden Unmöglichkeit eines solchen Entweichens verwerfen. Es gilt jetzt nur, zu beweisen, daß diese scheinbaren ›Unmöglichkeiten‹ in Wirklichkeit keine sind.
Das Zimmer hat zwei Fenster. In der Nähe des einen stehen keine Möbel­stücke. Es ist vollständig sichtbar. Der untere Teil des anderen wird dem Auge ganz durch das Kopfende der schwerfälligen Bettstelle entzogen. Das erste Fenster wurde von innen fest verschlossen vorgefunden. Es widerstand allen Anstrengungen der Personen, die es in die Höhe schieben wollten. Auf der linken Seite des Rahmens fand man ein großes Loch eingebohrt und in dasselbe einen Nagel fast bis zum Kopfe eingeschlagen. Als man das andere Fenster untersuchte, entdeckte man einen ähnlichen Nagel, und zwar auf ähnliche Weise befestigt, und ein kräftiger Versuch, diese Scheibe hochzuschieben, mißlang ebenfalls. Die Polizei war nun vollständig befriedigt, glaubte, daß die Flucht der Täter nicht durch die Fenster bewerkstelligt worden sei, und hielt es deshalb für überflüssig, die Nägel herauszuziehen und die Fenster zu öffnen.
Ich selbst forschte eingehender nach und zwar aus dem eben angeführten Grunde, denn hier war, wie ich wußte, der Ort, an dem sich alle scheinbaren Unmöglichkeiten als nicht wirklich bestehend erweisen mußten.
A posteriori schloß ich weiter: Die Mörder entkamen durch eines dieser Fenster. Dies angenommen, konnten sie den Schieber nicht wieder innen so befestigen, wie man ihn vorgefunden hatte. Die Unbestreitbarkeit dieser Annahme beendete die weiteren Nachforschungen der Polizei in dieser Rich­tung. Aber die Schieber waren befestigt. Sie mußten sich also auf irgendeine Weise selbst wieder geschlossen haben. Dieser Annahme konnte man sich auf keine Weise entziehen. Ich begab mich an das ganz freiliegende Fenster, zog den Nagel mit einiger Schwierigkeit heraus und versuchte die Scheibe in die Höhe zu schieben. Wie ich vorausgesehen, widerstand sie allen meinen Anstrengungen. Ich wußte nun bestimmt, daß irgendwo eine Feder ver­borgen sein mußten und diese Bestätigung meiner Annahmen überzeugte mich, daß diese richtig gewesen waren, wie geheimnisvoll auch der Umstand mit den Nägeln noch erscheinen mußte. Bald entdeckte ich durch sorgfäl­tiges Suchen die verborgene Feder. Ich drückte auf sie, und, von der Entde­ckung befriedigt, unterließ ich es einstweilen, die Scheiben zu heben.
Ich steckte den Nagel wieder ein und betrachtete ihn aufmerksam. Wenn eine Person aus dem Fenster sprang, konnte sie dasselbe wohl zuschlagen, so daß die Feder wieder einschnappte, den Nagel jedoch konnte sie nicht wieder einstecken. Dieser Schluß war einfach und verengerte wiederum das Feld meiner Untersuchungen. Die Mörder mußten durch das andere Fenster entkommen sein. Angenommen, die Feder war – wie sehr wahrscheinlich – an beiden Fenstern gleich, so mußten die Nägel oder wenigstens die Art ih­rer Befestigung verschieden sein. Ich stieg auf die Matratze der Bettstelle und betrachtete über das Kopfende des Bettes weg aufmerksam das zweite Fenster. Als ich mit der Hand hinter die Bettstelle faßte, entdeckte ich die Feder sogleich und drückte auf dieselbe. Sie war, wie ich vorausgesetzt hatte, vollständig so beschaffen wie ihr Gegenstück. Ich betrachtete jetzt den Nagel. Er war so dick wie der andere und offenbar in derselben Weise befestigt und auch bis zum Kopfe eingeschlagen.
Sie werden nun vielleicht glauben, daß mich das verwirrte, und hätten in diesem Falle die Natur meiner Schlüsse ganz mißverstanden. Um einen Jagdausdruck zu gebrauchen – ich war nicht einmal auf falscher Fährte ge­wesen und hatte die Spur auch nicht einen Augenblick lang verloren. Kein Glied der Kette war fehlerhaft. Ich hatte das Geheimnis bis zum letzten Ergebnis verfolgt; das war der Nagel. Er sah, wie ich schon sagte, dem Gegenstück im anderen Fenster vollständig ähnlich; aber diese Tatsache schien mir ganz wertlos gegenüber der Erwägung, daß an dieser Stelle meine Spur aufhörte. Ich sagte mir, mit dem Nagel muß etwas nicht richtig sein. Ich faßte ihn an, und der Kopf mit etwa einem Viertel Zoll vom Stiel fiel mir in die Hand. Der übrige Teil des Stiels blieb in dem Bohrloch ste­cken. Der Bruch war alt, denn die Ränder waren mit Rost überzogen, und of­fenbar auf den Schlag eines Hammers zurückzuführen, der auch den oberen Teil des Nagels selbst teilweise in den Rahmen der untersten Scheibe einge­trieben hatte. Ich steckte nun das Kopfstück des Nagels sorgfältig wieder in das Loch zurück, wie ich ihn gefunden, und er glich vollständig einem un­beschädigten Nagel, da die Bruchstelle nicht zu sehen war. Ich drückte auf die Feder und hob die Scheibe ein paar Zoll in die Höhe. Der Nagelkopf ging mit, denn er steckte fest in seiner Höhlung. Ich schloß das Fenster, und die Ähnlichkeit des Nagels mit einem unzerbrochenen war vollständig wieder hergestellt.
Soweit war das Rätsel also gelöst. Der Mörder war durch das Fenster, an welchem die Bettstelle stand, entkommen. Nach seinem Entweichen war dasselbe von selbst wieder zugefallen oder vielleicht auch zugeworfen und von der einschnappenden Feder wieder festgehalten worden. Dies Festhalten schrieb die Polizei irrtümlicherweise dem Nagel zu und stand von allen wei­teren Nachforschungen als überflüssig ab.
Die nächste Frage ist nun, auf welche Weise der Mörder herabstieg. Über diesen Punkt hatte ich mich bei unserem Gang um das Haus herum unter­richtet. Etwa fünf und einen halben Fuß von dem betreffenden Fenster ent­fernt läuft eine Blitzableitungsstange nach unten. Es war jedoch absolut un­möglich, von dieser Stange aus das Fenster zu erreichen, geschweige denn einzusteigen. Ich bemerkte jedoch, daß die Läden des vierten Stockes soge­nannte ›ferrades‹ waren. Diese Art Fensterläden sind jetzt fast ganz außer Gebrauch gekommen, man findet sie aber noch häufig an sehr alten Häusern in Lyon oder Bordeaux. Sie haben die Gestalt einer gewöhnlichen Tür (einer einfachen, keiner Flügeltür), deren untere Hälfte aus Latten besteht oder als offenes Gitterwerk gearbeitet ist, das den Händen einen ausgezeichneten Halt gewährt. Die Läden der betreffenden Fenster sind gut drei und einen halben Fuß breit. Als wir sie von der Rückseite des Hauses ansahen, standen sie beide halb offen, das heißt, im rechten Winkel zu der Mauer. Wahr­scheinlich hatte die Polizei ebenfalls die Hinterseite des Hauses untersucht; in diesem Falle muß sie die große Breite der ›ferrades‹ nicht bemerkt oder ihr nicht die nötige Beachtung geschenkt haben. Da sie sich nun einmal überzeugt hatte, daß an dieser Stelle niemand entsprungen sein könne, stellte sie hier nur sehr oberflächliche Untersuchungen an. Mir war es jedoch klar, daß der Laden, welcher zu dem Fenster am Kopfende des Bettes gehörte, falls er ganz nach der Wand zurückgeschlagen wurde, den Blitzableiter auf zwei Fuß erreichte. Es war ebenfalls einleuchtend, daß sich jemand mit Auf­wand eines allerdings höchst ungewöhnlichen Grades von Behendigkeit und Mut vom Blitzableiter aus Eintritt in das Fenster verschaffen konnte. Der Eindringling konnte sich, war er dem Laden, den wir uns jetzt zurückge­schlagen denken, erst auf zwei und einen halben Fuß nahe gekommen, fest an das Gitterwerk anklammern. Ließ er dann den Blitzableiter los, stemmte den Fuß fest gegen die Mauer und stieß sich mutig ab, so konnte es ihm gelingen, den Laden zu schließen und sich selbst, wenn das Fenster offen stand, ins Zimmer zu schwingen.
Ich möchte Sie bitten, vor allem meine Bemerkung zu beachten, daß ein höchst ungewöhnlicher Grad von Behendigkeit erforderlich war, um ein sol­ches Wagnis mit Erfolg auszuführen. Meine Absicht ist, Ihnen in erster Linie zu zeigen, daß es nicht Unmöglich war, einen solchen Sprung zu tun; aber zweitens und hauptsächlich, daß eine ganz außergewöhnliche Behendigkeit dazu gehörte.
Sie werden mir ohne Zweifel mit dem Ausdruck des Gesetzes entgegenhal­ten, daß ich, ›um meinen Fall durchzuführen‹, die zu diesem Sprung er­forderliche Behendigkeit eher geringer anschlagen müsse, als immer wieder zu betonen, wie ungewöhnlich und erstaunlich sie gewesen sei. Kriminalis­ten würden auch zweifellos von diesem Standpunkt ausgehen – aber er be­zeichnet nicht den Weg, den die Vernunft geht. Mein Endzweck ist nur die Wahrheit. Augenblicklich habe ich die Absicht, Sie dahin zu führen, daß Sie diese ungewöhnliche Behendigkeit, von der ich eben gesprochen habe, mit jener sonderbaren, schrillen (oder kreischenden) und ungleichen Stimme in Zusammenhang bringen, über deren Sprache nicht zwei Zeugen übereinstimmend aussagten und bei der niemand Silbenbildung unterscheiden konnte.«
Bei diesen Worten begann ich unbestimmt und halb zu begreifen, worauf Dupin hinauswollte. Ich war auf dem Punkt, ihn zu verstehen, ohne es je­doch vollständig zu können; wie man zuweilen ganz, ganz nahe daran ist, sich auf etwas zu besinnen, und sich schließlich doch nicht erinnern kann. Mein Freund argumentierte weiter:
»Sie sehen«, sagte er, »daß ich die Frage nach der Art der Flucht in die Er­forschung der Möglichkeit des Überfalls umgewandelt habe. Meine Absicht war, darzutun, daß beides auf dieselbe Art und Weise an derselben Stelle vor sich gegangen ist. Betrachten wir nun das Innere des Zimmers. Man sagt, die Schubladen des Sekretärs seien geplündert worden, obwohl sie noch eine Menge Kleidungsstücke enthielten. Das ist eine sehr sonderbare und sehr tö­richte Vermutung, weiter nichts. Woher will man wissen, daß die in den Schubläden gefundenen Kleidungsstücke nicht alles waren, was diese Läden überhaupt enthielten? Frau L’Espanaye und ihre Tochter lebten sehr zurück­gezogen, sahen keine Gäste bei sich, gingen selten aus und hatten wenig Verwendung für viele Kleider. Die gefundenen waren von so gutem Stoff, wie man sie überhaupt im Besitz der beiden Frauen vermuten konnte. Wenn der Dieb sich Kleider aneignete, warum nahm er nicht die besten, warum nicht alle? Kurz, weshalb ließ er die 4000 Francs in Gold zurück, um sich mit einem Bündel alter Kleider zu beladen? Das Gold ist doch zurückge­blieben. Fast die ganze von dem Bankier Mignaud erwähnte Summe lag in Beuteln auf der Erde. Ich möchte daher, daß Sie in Ihren Gedanken die irr­tümliche Vorstellung von dem eventuellen Motiv zur Tat fallen lassen, wie sie sich im Gehirn der Polizei durch die Zeugenaussagen, die sich auf die Ablieferung des Geldes beziehen, festgesetzt hat. Es erlebt doch jeder von uns zuweilen eine seltsame Aufeinanderfolge von Ereignissen, die zehnmal merkwürdiger ist als diese (Abliefern von Geld und drei Tage darauf Mord an der Person des Empfängers), ohne daß wir uns einen Augenblick mit ihr beschäftigten. Zufälle sind im allgemeinen große Steine des Anstoßes auf dem Wege jener Klasse von schlecht geschulten Denkern, die nichts von der Theorie der Wahrscheinlichkeiten wissen, jener Theorie, der die wichtigsten Zweige der menschlichen Wissenschaft manche ruhmvolle Entdeckung ver­danken. Wäre das Geld verschwunden, so würde in unserem Falle die Tatsa­che, daß es drei Tage vorher abgeliefert wurde, etwas mehr als ein bloßer Zufall sein. Sie würde uns in dem Gedanken, daß hier das Motiv zu suchen wäre, bestärken. Wenn wir aber unter den bestehenden Umständen das Gold als Motiv zu der Schandtat gelten lassen wollen, dann müssen wir auch zugleich annehmen, daß der Täter unentschlossen und blöde genug war, um Motiv und Gold zugleich im Stich zu lassen.
Wir wollen die Punkte, auf die ich eben Ihre Aufmerksamkeit lenkte, fest im Gedächtnis behalten: die sonderbare Stimme, die außergewöhnliche Behen­digkeit und die Tatsache, daß ein Motiv zu einem so entsetzlich grauen­haften Mord fehlt. Betrachten wir uns nun die Metzelei selbst. Eine Frau ist mit bloßen Händen zu Tode gewürgt und mit dem Kopf nach unten in den Kamin hinaufgezwängt worden. Gewöhnliche Mörder morden nicht in dieser Weise. Am allerwenigsten suchen sie ihr Opfer auf diese Weise zu verbergen. Sie werden zugeben, daß in der Art, in der der Leichnam in den Kamin gestopft wurde, etwas so unerhört Scheußliches liegt, daß es sich mit unseren gewöhnlichen Begriffen von menschlicher Handlungsweise absolut nicht vereinigen läßt, selbst wenn wir annehmen, daß die Täter ganz entmenschte Bösewichter waren. Bedenken Sie auch, wie groß die Kraft ge­wesen sein muß, die einen Körper gewaltsam in eine solch kleine Öffnung hinaufzwängen konnte, daß die vereinte Kraft mehrerer Personen gerade ge­nügte, um ihn wieder herabzuziehen!
Wir haben noch weitere Beweise von dieser übermenschlichen Kraft. Auf dem Herde lagen dicke Flechten – sehr dicke Flechten – von grauem Men­schenhaar, die mit den Wurzeln ausgerissen worden waren. Sie wissen wohl, welch große Kraft dazu gehört, um nur zwanzig bis dreißig Haare zu­sammen so aus dem Kopfe zu reißen. Sie haben die Flechten so gut gesehen wie ich. Ihre Wurzeln – ein scheußlicher Anblick – klebten noch mit Stücken der Kopfhaut zusammen, ein sicheres Zeichen der übermenschlichen Kraft, die benutzt worden war, um vielleicht ein paar Tausend Haare auf einmal auszureißen. Die Kehle der alten Dame war nicht allein durchschnitten, son­dern der Kopf vollständig vom Rumpf getrennt; das Instrument war ein bloßes Rasiermesser. Beachten Sie die tierische Roheit, die aus dieser Hand­lungsweise spricht. Von den Quetschungen am Körper der Frau L’Espanaye will ich nicht reden. Herr Dumas und sein Assistent, Herr Etienne, sagten aus, daß dieselben mit einem stumpfen Instrument hervorgebracht sein müß­ten, und soweit haben die Herren recht.
Das ›stumpfe Instrument‹ war nämlich offenbar das Steinpflaster des Hofes, auf den das Opfer aus dem Fenster hinuntergeschleudert wurde. Dieser Ge­danke, der uns jetzt so selbstverständlich vorkommt, entging der Polizei aus demselben Grunde, aus dem sie die Breite der Fensterläden nicht bemerkt hatte; der Umstand, daß die Nägel anscheinend fest saßen und unverletzt waren, hatte ihr Begriffsvermögen wie hermetisch gegen die Annahme verschlossen, daß die Fenster überhaupt geöffnet worden seien.
Wenn wir uns zu all diesem noch an die seltsame Unordnung im Zimmer erinnern, haben wir folgende Fakta: erstaunliche Behendigkeit – über­menschliche Kraft – tierische Roheit – eine grundlose Verwüstung – eine mit dem Begriff Menschlichkeit nicht zu vereinigende Bizarrerie in der Scheuß­lichkeit – und eine Stimme, die den Ohren vieler Leute aus den verschie­densten Nationen fremd klang und keine deutlichen oder verständlichen Silben äußerte. Welcher Schluß ist daraus zu ziehen? Welcher Gedanke drängt sich Ihnen auf?«
Ich fühlte, wie mir, als Dupin diese Frage stellte, Schaudern durch Mark und Bein ging.
»Ein Wahnsinniger«, sagte ich, »hat die Tat begangen, ein Tobsüchtiger, der aus dem benachbarten Irrenhause entsprungen ist.«
»In mancher Beziehung«, antwortete er, »wäre Ihr Verdacht annehmbar; aber die Stimmen von Wahnsinnigen haben selbst im wildesten Paroxysmus nicht jene Eigentümlichkeiten, die man an der fraglichen schrillen Stimme wahrgenommen hat. Wahnsinnige gehören doch irgendeiner Nation an, und ihre Sprache, so unzusammenhängend die Worte auch immer sein mögen, bildet Silben. Überdies haben Wahnsinnige nicht solches Haar, wie ich es hier in der Hand habe. Ich löste dieses kleine Büschel aus den im Todeskampfe zusammengekrampften Fingern der Frau L’Espanaye. Sagen Sie mir, was Sie von demselben halten?«
»Dupin«, rief ich entsetzt, »dies Haar ist ein ganz ungewöhnliches – es ist kein Menschenhaar.«
»Das habe ich auch nicht behauptet«, gab er zur Antwort, »aber ehe wir diesen Punkt entscheiden, möchte ich Sie bitten, einen Blick auf die Skizze zu werfen, die ich auf dies Papier gezeichnet habe. Es ist ein genaues Fak­simile von dem, was in einem Teil der Zeugenaussagen als dunkle Quet­schungen beschrieben wurde, als tiefe Eindrücke von Fingernägeln am Halse des Fräuleins L’Espanaye, und was von Herrn Dumas und Herrn Etienne eine Reihe von blutunterlaufenen Flecken, die augenscheinlich Eindrücke von Fingern seien, genannt wurde.
Sie sehen«, fuhr mein Freund fort, indem er das Papier auf dem Tisch aus­breitete, »daß die Zeichnung auf einen festen, eisernen Griff hinweist. Es ist nichts von einem Abgleiten zu bemerken. Jeder Finger hat wahrscheinlich bis zum Tode des Opfers den furchtbaren Griff beibehalten, mit dem er sich von Anfang an einkrallte. Versuchen Sie nun Ihre Finger zu gleicher Zeit in die analogen Abdrücke auf dem Papier zu legen.«
Ich versuchte es, jedoch vergebens.
»Vielleicht fangen wir die Sache noch nicht richtig an«, sagte er. »Das Pa­pier liegt augenblicklich auf einer ebenen Fläche, und der menschliche Hals hat die Form eines Zylinders. Hier ist ein rundes Scheit Holz, das ungefähr den Umfang eines Halses hat. Umwickeln Sie es mit dem Papier und versu­chen Sie von neuem.«
Ich tat es; aber meine Hand erwies sich wieder als bedeutend zu klein. »Das ist nicht der Abdruck einer Menschenhand«, sagte ich endlich. »Lesen Sie jetzt«, fuhr Dupin fort, »diese Stelle von Cuvier.«
Er reichte mir einen ausführlichen anatomischen und beschreibenden Be­richt über den schwarzbraunen Orang-Utan der ostindischen Inseln. Die riesige Gestalt, die wunderbare Kraft und Behendigkeit, die fürchterliche Wildheit und der starke Nachahmungstrieb dieser Tiere wurden in dem­selben besonders hervorgehoben. Sofort verstand ich die ganze Gräßlichkeit des Mordes.
»Die Beschreibung der Zehen«, sagte ich, als ich ausgelesen hatte, »stimmt mit dieser Zeichnung überein. Ich sehe, daß kein anderes Tier als der Orang-Utan der hier erwähnten Gattung solche Fingerabdrücke, wie die hier ge­zeichneten, hinterlassen konnte. Dies Büschel gelbbrauner Haare entspricht ebenfalls nach Cuvier dem Haar der Bestie. Doch kann ich die Einzelheiten dieses geheimnisvollen, grausigen Ereignisses noch nicht verstehen. Außerdem hörte man doch zwei streitende Stimmen, und die eine gehörte zweifellos einem Franzosen.«
»Das ist richtig. Sie erinnern sich auch jedenfalls eines Ausdruckes, den die Zeugen nach ihren übereinstimmenden Aussagen von dieser Stimme gehört haben – ich meine den Ausruf.- ›Mon Dieu.‹ Dieser ist von einem der Zeugen (dem Konditor Montani) sehr richtig als ein Ausdruck des Vorwur­fes, des Verweises, beschrieben worden. Auf diese beiden Worte habe ich denn auch meine Hoffnung, das Rätsel vollständig zu lösen, aufgebaut. Ein Franzose wußte um den Mord. Es ist möglich, ja, mehr als wahrscheinlich, daß er an all den Einzelheiten des blutigen Dramas keine Schuld hat. Der Orang-Utan ist ihm vielleicht entflohen. Er hat ihn bis zu jenem Zimmer verfolgt, konnte ihn aber während der gräßlichen Szene, die nun folgte, nicht wieder einfangen. Mithin treibt sich das Tier noch frei umher. Ich will aus diesen Vermutungen – anders kann ich sie mit Recht nicht nennen – nichts weiter folgern, denn sie sind so schwach begründet, daß selbst mein eigener Verstand sie kaum als glaubhaft anerkennen will und ich nicht verlangen kann, daß jemand anders ihnen Bedeutung beilegt. Nennen wir sie also immerhin Vermutungen und behandeln wir sie auch als solche. Wenn der betreffende Franzose, wie ich annehme, wirklich unschuldig an der Greueltat ist, wird ihn diese Anzeige, die ich gestern abend bei unserer Rückkehr in der Redaktion der Zeitung ›Le Monde‹, dem Organ der Seefahrer, das viel von Matrosen gelesen wird, aufgab, bald hierher in unsere Wohnung führen. «
Er reichte mir eine Zeitung und ich las:
›Eingefangen, – im Bois de Boulogne, am Morgen des … (am Morgen nach dem Morde), ein sehr großer, gelbbrauner Orang-Utan, wahrscheinlich aus Borneo stammend. Der Eigentümer, wie ermittelt, ein Matrose auf einem Malteser Schiff, kann das Tier nach genügender Beschreibung und Erlegung der Kosten für Einfangen und Verpflegung in Empfang nehmen. Zu erfragen No. …, rue …, Faubourg St. Germain, dritter Stock.‹
»Wie konnten Sie wissen«, fragte ich, »daß der Mann ein Matrose ist und auf einem Malteser Schiffe in Dienst steht?« »Ich weiß es auch nicht«, ent­gegnete Dupin, »jedenfalls weiß ich es nicht gewiß. Hier ist jedoch ein kleines Stück Band, das seiner Form und seinem fettigen Aussehen nach zum Binden des bei Matrosen so beliebten langen Zopfes gebraucht worden ist. Es ist in einen Knoten geschlungen, den fast nur Matrosen und haupt­sächlich Malteser zu binden verstehen. Ich hob das Band am Fuß der Blitz­ableiterstange auf. Es kann keiner der Ermordeten gehört haben. Sollte es aber ein Irrtum gewesen sein, aus dem Band zu schließen, daß der für un­seren Fall in Frage kommende Franzose ein Matrose auf einem Malteser Schiff ist – nun, so habe ich doch niemandem mit meiner Anzeige geschadet. Sind meine Annahmen falsch, dann wird der Mann nur annehmen, daß ich durch irgendwelche Umstände, die zu erfahren er sich nicht erst bemühen wird, irregeführt worden bin. Habe ich aber recht, so ist viel gewonnen. Da er, wenn auch selbst unschuldig, mit in den Mord verwickelt ist, wird er er­klärlicherweise zögern, auf die Anzeige zu antworten und den Orang-Utan abzuholen. Er wird etwa folgendermaßen mit sich zu Rate gehen: ›Ich bin unschuldig; ich bin arm; mein Orang-Utan ist ein wertvolles Tier, für je­manden in meinen Verhältnissen bedeutet er ein ganzes Vermögen. Weshalb sollte ich ihn aus törichter Angst vor Gefahr verlieren? Ich kann ihn zurück­bekommen, es liegt an mir. Er wurde im Bois de Boulogne eingefangen – weit entfernt vom Schauplatz der Morde. Wie könnte einer auf die Idee kommen, daß ein vernunftloses Tier die Tat begangen hat? Die Polizei weiß nicht aus noch ein, da sie nicht den geringsten Anhalt gefunden hat. Selbst wenn man auf die Spur des Tieres käme, wäre es unmöglich, mir zu beweisen, daß ich von dem Mord weiß, oder mich auf Grund der Mitwisserschaft zu verurteilen. Vor allem jedoch, man kennt mich. Der Inserent bezeichnet mich als den Besitzer des Tieres. Ich weiß nicht, wie weit seine Kenntnisse bezüglich meiner Person noch reichen. Wenn ich es unterlasse, ein so wertvolles Eigentum, das als mir zugehörend bekannt ist, zurückzufordern, mache ich das Tier zum mindesten verdächtig. Es wäre unklug gehandelt, auf das Tier oder auf mich irgendwelche Aufmerksamkeit zu lenken. Ich werde auf die Anzeige hin den Orang-Utan holen und sicher einsperren, bis Gras über die Sache gewachsen ist.‹«
In diesem Augenblick vernahmen wir Schritte auf der Treppe.
»Halten Sie die Pistolen bereit«, sagte Dupin, »doch zeigen und gebrauchen Sie dieselben nicht eher, bis ich Ihnen ein Zeichen gebe.« Die Vordertür des Hauses war offen geblieben, der Besucher ohne zu läuten eingetreten und mehrere Treppenstufen hinaufgestiegen. Jetzt schien er jedoch zu zögern, plötzlich hörten wir ihn wieder hinabsteigen. Dupin eilte rasch nach der Tür, und wir hörten ihn wieder heraufkommen. Er wandte sich nicht wieder zu­rück, sondern stieg mit entschiedenen Tritten bis zur Tür unseres Zimmers herauf und klopfte an.
»Herein!« rief Dupin mit heiterem, herzlichem Tone.
Ein Mann trat ein, augenscheinlich ein Matrose, eine große, kräftige, mus­kulös aussehende Persönlichkeit mit einem so verwegenen, jedoch keines­wegs unangenehmen Gesichtsausdruck, als nähme er es mit allen Teufeln auf. Sein sonnverbranntes Gesicht wurde durch den Backenbart und Schnurrbart fast über die Hälfte verdeckt. Er trug einen großen Eichen­knüttel bei sich, war aber sonst unbewaffnet. Er verbeugte sich linkisch und wünschte uns mit einem Akzent, der unfehlbar auf Pariser Abstammung hin­deutete, guten Abend.
»Nehmen Sie Platz, mein Freund«, sagte Dupin. »Ich vermute, Sie kommen wegen des Orang-Utans. Ich beneide Sie wahrhaftig um das Tier; es ist ein auffallend schönes und ohne Zweifel sehr wertvolles Exemplar. Für wie alt halten Sie es wohl?«
Der Matrose atmete auf, mit der Miene eines Menschen, dem eine uner­trägliche Last vom Herzen fällt, und erwiderte in beruhigtem Tone:
»Ich weiß es nicht genau, aber er kann nicht mehr als vier oder fünf Jahre alt sein. Haben Sie ihn hier?«
»0 nein; wir hatten hier keine passende Unterkunft für ihn! Er ist in einem Mietstall in der Dubourgstraße, gleich nebenan. Sie können ihn morgen früh haben. Sie sind doch natürlich auch imstande, sich genügend zu legi­timieren?«
»Gewiß, Herr!«
»Es tut mir leid, das Tier wegzugehen«, sagte Dupin.
»Sie werden Ihre Mühe natürlich nicht umsonst gehabt haben, Herr«, sagte der Mann. »Das verlange ich gar nicht. Ich zahle sehr gern eine Belohnung, das heißt, alles was recht ist.«
»Gut«, versetzte mein Freund, »das ist ja recht schön. Lassen Sie mich nach­denken. – Was soll ich wohl beanspruchen? – Oh, ich will Ihnen sagen, was ich als Belohnung fordere. Sie sollen mir alles mitteilen, was Sie über die Mordtaten in der Rue Morgue wissen.«
Die letzten Worte sagte Dupin in ganz leisem, ruhigem Ton. Dann schritt er mit größter Ruhe zur Türe, schloß sie zu und steckte den Schlüssel in seine Tasche. Hierauf zog er eine Pistole aus der Brusttasche und legte sie, ohne die geringste Aufregung zu verraten, auf den Tisch.
Das Gesicht des Matrosen wurde dunkelrot, als sei er dem Ertrinken nahe. Er sprang auf und griff nach seinem Knüttel; im nächsten Augenblick jedoch fiel er heftig zitternd und mit leichenblassem Gesicht in den Stuhl zurück. Er sprach kein Wort; ich bemitleidete ihn aus tiefstem Herzen.
»Guter Mann«, sagte Dupin mit gütiger Stimme, »Sie regen sich ganz unnö­tig auf, wahrhaftig! Wir gedenken Ihnen absolut nichts Böses zuzufügen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Mann und als Franzose, daß wir Ihnen in keiner Weise zu nahe treten wollen. Ich weiß ganz bestimmt, daß Sie an den scheußlichen Verbrechen in der Rue Morgue unschuldig sind. Trotzdem wäre es unnütz, abzuleugnen, daß Sie in gewissem Sinne an denselben betei­ligt gewesen sind. Aus dem, was ich gesagt habe, können Sie erkennen, daß ich Mittel habe, mich in unserer Angelegenheit zu informieren. Nun steht die Sache so: Sie haben nichts getan, was Sie hätten vermeiden können, ganz gewiß nichts, was Sie schuldig macht. Sie haben nicht einmal da einen Dieb­stahl ausgeführt, wo Sie ungestraft hätten stehlen können. Sie haben nichts zu verbergen und keinen Grund zu irgendwelchen Heimlichkeit. Anderer­seits sind Sie aber als ehrenhafter Mensch verpflichtet, alles, was Sie wissen, zu gestehen; denn man hat einen Unschuldigen für das Verbrechen, dessen Täter Sie nennen können, eingekerkert.«
Während Dupin sprach, hatte der Matrose seine Geistesgegenwart zum großen Teil wiedererlangt, die ursprüngliche Zuversichtlichkeit seines Wesens war jedoch dahin.
»So wahr mir Gott helfe«, sagte er nach einer kurzen Pause, »ich will Ihnen alles erzählen, was ich von der Sache weiß, ich erwarte jedoch nicht, daß Sie mir auch nur die Hälfte glauben – ich selbst müßte mich einen Narren nennen, wenn ich es täte. Und doch bin ich unschuldig und will alles sagen, was ich weiß, und sollte es mein Leben kosten.«
Was er erzählte, war im wesentlichen folgendes: Er hatte vor kurzer Zeit eine Reise nach dem Indischen Archipel gemacht. Eine Anzahl Matrosen landete in Borneo und machte eine Vergnügungstour ins Innere. Er hatte mit einem Gefährten den Orang-Utan gefangen. Der Gefährte starb, und das Tier fiel ihm als ausschließliches Besitztum zu. Nach großen Schwierigkei­ten, die die unbezähmbare Wildheit der Bestie während der Heimreise ver­ursachte, gelang es ihm endlich, den Orang-Utan sicher in seiner eigenen Wohnung in Paris unterzubringen, wo er ihn, um ihn der lästigen Neugierde der Nachbarn zu entziehen, sorgfältig einschloß, bis er sich von einer Fuß­wunde, die er sich durch einen Splitter auf dem Schiffe zugezogen hatte, ge­heilt sein würde und das Tier verkaufen könnte.
Als er in der Nacht oder vielmehr am Morgen des Mordes von einem Ma­trosenfest nach Hause zurückkehrte, fand er das Tier in seinem Schlaf­zimmer. Es war aus einer angrenzenden Kammer, in der er es sicher einge­schlossen glaubte, entflohen. Mit dem Rasiermesser in der Hand und voll­ständig eingeseift saß die Bestie vor dem Spiegel und versuchte, sich zu ra­sieren. Wahrscheinlich hatte sie vorher einmal ihren Herrn durch das Schlüsselloch bei dieser Tätigkeit beobachtet.
Entsetzt, die gefährliche Waffe im Besitze eines so wilden Tieres zu sehen, das vielleicht den fürchterlichsten Gebrauch von ihr machen konnte, wußte der Mann einige Augenblicke lang nicht, was er tun solle. Es war ihm jedoch bis jetzt stets gelungen, das Tier, selbst wenn es wütend geworden war, mit der Peitsche zur Ruhe zu bringen, und er nahm auch heute seine Zuflucht zu diesem Mittel. Kaum aber erblickte der Orang Utan die Peitsche, so sprang er sofort durch die Zimmertür, die Treppe hinunter und von da durch ein un­glücklicherweise offenstehendes Fenster auf die Straße.
Der Franzose folgte voller Verzweiflung. Der Affe hielt das Rasiermesser noch immer in der Hand und stand gelegentlich still, um sich nach seinem Verfolger umzusehen und auf ihn loszugestikulieren, bis ihn derselbe fast er­reicht hatte. Dann machte er sich wieder davon. Die gefährliche Jagd dauerte eine ganze Weile. Die Straßen lagen vollständig menschenleer, da es erst drei Uhr morgens war. Als sie durch ein Gäßchen an der Rückseite der Rue Morgue jagten, wurde die Aufmerksamkeit des Flüchtlings durch ein Licht erregt, das aus dem offenen Fenster von Frau L’Espanayes Zimmer, im vierten Stock des Hauses, hervorschien. Der Affe stürzte auf das Haus zu, bemerkte den Blitzableiter, kletterte mit der seiner Gattung eigenen Behendigkeit an dem selben hinauf, klammerte sich an den Fensterladen, der gegen die Mauer zurückgeschlagen war, und schwang sich mit dessen Hilfe direkt auf das Kopfende des Bettes.
Dies alles dauerte keine Minute. Den Fensterladen stieß der Orang Utan, als er das Zimmer betreten hatte, wieder auf.
Der Matrose war sowohl erfreut als beunruhigt. Er hatte jetzt Hoffnung, das Tier wieder einzufangen, denn es konnte auf keine andere Weise als ver­mittels des Blitzableiters die Falle, in die es sich begeben hatte, wieder verlassen, so daß er es beim Herunterklettern auffangen konnte. Andererseits war aber Grund zu der Befürchtung vorhanden, es werde in dem Hause Un­heil anstiften. Dieser Gedanke bestimmte den Mann zur weiteren Verfolgung des Flüchtlings. An einem Blitzableiter kann man ohne große Schwierigkei­ten hinaufklettern, vor allem, wenn man Matrose ist; doch als er bis zu der Höhe des Fensters gekommen war, konnte er nicht weiter; das Fenster lag weit nach links, und er vermochte sich nur so weit vorzubeugen, um einen Blick in das Innere des Zimmers zu werfen. Bei dem Anblick, der sich ihm jetzt darbot, stürzte er vor Entsetzen fast von seinem schwachen Halt hinab. Nun ertönte jenes gräßliche Geschrei durch die Nacht, das die Bewohner der Rue Morgue aus dem Schlafe aufgeschreckt hatte. Frau L’Espanaye und ihre Tochter waren, in ihre Nachtkleider gehüllt, anscheinend damit beschäftigt gewesen, irgendwelche Papiere in der schon erwähnten eisernen Kiste zu ordnen, die sie zu dem Zweck in die Mitte des Zimmers geschoben hatten. Sie war offen und ihr Inhalt lag auf dem Boden. Die Unglücklichen müssen mit dem Rücken gegen das Fenster gesessen haben, und nach der Zeit zu schließen, die zwischen dem Einsteigen des Untiers und dem ersten Schrei verstrich, hatten sie dasselbe nicht sogleich bemerkt. Das Zurückschlagen des Fensterladens hatten sie vielleicht dem Winde zugeschrieben.
Als der Matrose in das Zimmer blickte, hatte das riesige Tier Frau L’E­spanaye, deren Flechten lose herabhingen, da sie wohl eben mit Kämmen fertig geworden war, an den Haaren gepackt und schwenkte das Rasier­messer vor dem Gesicht auf und ab, als wolle es die Bewegungen eines Bar­biers nachahmen. Die Tochter lag bewegungslos auf dem Boden, sie war of­fenbar ohnmächtig. Das Geschrei und die Befreiungsversuche der alten Dame, während derer ihr das Haar aus dem Kopfe gerissen wurde, verwandelten die wahrscheinlich ganz friedliche Absicht des Orang-Utans in wildeste Wut. Mit einem kräftigen Schwung seines muskulösen Armes trennte er den Kopf fast vollständig vom Rumpfe. Der Anblick des Blutes steigerte seine Wut noch: zähnefletschend stürzte er sich mit funkelnden Augen auf den Körper des Mädchens und grub seine entsetzlichen Krallen in dessen Kehle, bis es tot war. In diesem Moment richteten sich seine wilden, rollenden Augen auf das Kopfende des Bettes, über dem das schreckensbleiche Gesicht seines Herrn soeben sichtbar wurde. Die Wut des Tieres, das ohne Zweifel noch die gefürchtete Peitsche im Sinne hatte, verwandelte sich sofort in Furcht. Im Bewußtsein, Strafe verdient zu haben, schien es seine blutige Tat verbergen zu wollen, sprang in Todesangst und voller Aufregung im Zimmer hin und her, zerbrach Möbel oder warf sie um und riß die Betten aus der Bettstelle. Schließlich ergriff es den Leichnam der Tochter, um ihn so, wie man ihn gefunden, den Kamin hinaufzuzwängen – darauf den der alten Dame, den es eiligst kopfüber zum Fenster hinausschleuderte.
Als sich der Affe mit seiner verstümmelten Last dem Fenster näherte, fuhr der Matrose zu Tode erschrocken nach der Stange zurück, glitt mehr, als daß er kletterte, hinunter, eilte nach Hause und gab voll Entsetzen jede Bemü­hung um das Schicksal des Orang Utans auf. Die Worte, welche die Leute auf der Treppe hörten, waren die Schreckens und Entsetzensausbrüche des Franzosen, untermischt mit dem teuflischen Gekreisch der Bestie.
Ich habe kaum noch etwas hinzuzufügen. Der Orang-Utan muß gerade vor dem Aufbrechen der Zimmertür entflohen sein und das Fenster nachdem er hindurchgeklettert war, hinter sich zugeschlagen haben. Schließlich wurde er von dem Eigentümer selbst wieder eingefangen und für eine hohe Summe an den Jardin des Plantes verkauft.
Lebon ließ man natürlich sofort frei, als wir unsere Erzählung, mit einigen Erklärungen Dupins versehen, im Bureau des Polizeipräfekten schriftlich fi­xiert niedergelegt hatten. Dieser Beamte konnte, obwohl er meinen Freund hochschätzte, seine Unzufriedenheit über die Wendung der Dinge nicht ver­bergen und erging sich in sarkastischen Bemerkungen wie: daß sich jeder Mensch am besten um seine eigenen Sachen bekümmere.
»Laß ihn reden«, sagte Dupin, der es nicht der Mühe wert fand, zu ant­worten. »Laß ihn reden! Er will nur sein Gewissen beruhigen! Mir genügt es, daß ich ihn auf seinem eigentlichsten Gebiet besiegt habe. Übrigens darf man sich auch nicht wundem, daß mein Freund das Rätsel nicht selbst löste. Er ist zu schlau,- um tief sein zu können. Seine Weisheit ist ganz Kopf und ohne Leib – oder höchstens hat sie Kopf und Schultern wie ein Stockfisch. Aber im großen und ganzen ist er doch ein tüchtiger Kerl. Und ich schätze ihn besonders wegen der Neigung, der er seinen Ruf, ein Genie an Scharfsinn zu sein, verdankt – ich meine seine Vorliebe: ›de nier ce qui est, et d’expliquer ce qui n’est pas‹, wie es in Rousseaus ›Nouvelle Héloise‹ einmal heißt.«

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