Der Bürgerkrieg bricht aus

Die Republikaner von Wisconsin waren mir sehr gewogen. Mit einer Majorität ihrer Legislatur hatten sie mich zum Mitglied des Aufsichtsrats der Staatsuniversität gemacht, welche in der Hauptstadt Madison gegründet wurde, jetzt im Frühling 1860 wählte mich ihr Staatskonvent, als einer ihrer Delegierten zum republikanischen Nationalkonvent im Mai nach Chicago zu gehen. Dieser berühmte Konvent, der in dem großen, viele Tausende fassenden Holzgebäude, das Wigwam genannt, abgehalten wurde, mit seinen geräuschvollen Paraden, seinem Geschrei, Gedränge und Ränkeschmieden ist so oft und so ausführlich beschrieben worden, daß ich nicht in die Einzelheiten einzugehen brauche. Die Delegation von Wisconsin erwählte mich zu ihrem Vorsitzenden, um ihre Stimme anzukündigen und sie zu repräsentieren, wenn solche Repräsentation nötig wurde.

Wir Delegierten von Wisconsin traten einstimmig für Seward als republikanischen Kandidaten für die Präsidentschaft ein. Einige aus New York kommende Republikaner unseres Staates bevorzugten ihn vielleicht deshalb, weil er ein New Yorker war, doch die große Majorität der Partei im Staate Wisconsin, unter ihnen das jüngere und feurigere Element, hielt aus höheren Beweggründen zu ihm. Ich drückte es in etwas überschwänglicher Sprache so aus: »Es war gewiß nicht aus höheren Nützlichkeitsgründen, daß Sewards Name vorgeschoben wurde, sondern weil wir gewohnt waren, zu ihm aufzusehen, wie zu unserem geistigen Anführer in der politischen Antisklavereibewegung Von ihm empfingen wir unseren Schlachtruf im Getümmel des Kampfes, denn er war einer von den Geistern, der oft der allgemeinen Meinung vorauseilt, anstatt zahm in ihren Fußtapfen zu folgen. Er konnte in einem einzigen Satz, in einem einzigen Wort den ganzen Kern einer Streitfrage zusammenfassen, und diese Worte wurden die Inschriften auf unseren Bannern.«

Ähnliche, vielleicht etwas weniger hochgespannte Gefühle hielten den größeren Teil von Sewards Anhang zusammen und gaben ihm den Vorzug vor allen anderen im Kampfe gegen die Sklaverei tätigen Staatsmännern. Chase wurde allerdings auch hochgeschätzt und würde allen unseren Anforderungen genügt haben, wenn nicht Seward doch die erste Stelle in den Reihen der Sklavereigegner zuerkannt worden wäre. Die Opposition gegen Seward stützte sich hauptsächlich auf den Glauben der Republikaner, daß sein vermuteter Radikalismus die zaghafteren Gemüter abschrecken und unseren Erfolg in den sogenannten zweifelhaften Staaten wie Indiana, Illinois, New Jersey und Pennsylvania gefährden würde. Dasselbe Bedenken hätte natürlich auch Chase ausgeschlossen, wie ich ihm bei unserer Unterredung in Columbus sagte. Mehr noch als das Zittern der Ängstlichen, welches durch eine so mutige Tat wie die Nomination von Seward verursacht werden mochte, befürchteten wir aber – durch ein laues Parteiprogramm und durch die Nomination eines Kandidaten, dessen Name eine Konzession bedeuten konnte – ein Herabziehen der Ideale des Republikanismus. Damit wäre auch die Möglichkeit eines neuen Kompromisses heraufbeschworen worden und derartigen Zugeständnissen widersetzten wir uns aufs entschiedenste. Ein solcher Kandidat bot sich uns in Mr. Edward Bates von Missouri, ein Advokat von hohem Ansehen und ein achtbarer Gentleman, aber ein alter Whig, von dem man annahm, daß er nur in einer milden, unaggressiven Weise der Sklaverei abgeneigt sei. Er sollte – so wurde wenigstens von seinen Befürwortern behauptet – nominiert werden, um die außerhalb der Partei stehenden Elemente zu »versöhnen« und die« Zaghaften im ganzen Lande zu überzeugen, daß die machthabende republikanische Partei alle Störungen sorgfältig vermeiden würde.

Sein Hauptfürsprecher war Horace Greeley, der fest entschlossen war, Sewards Nomination zu vereiteln.

Auf der Liste der Kandidaten fand sich auch Mr. Simon Eameron von Pennsylvania, vielleicht der erste Bewerber um die Präsidentschaft in der Geschichte der Republik, der glaubte, die höchste Stellung, die das Volk verleihen kann, durch Reichtum und die Meisterschaft einer schlauen, nicht übergewissenhaft ausgeübten Beutepolitik zu erreichen. Man könnte ihn das Urbild des modernen Staats-»Boß« nennen.

Es herrschte unter uns kein eigentlicher Antagonismus gegen Abraham Lincoln von Illinois. Er wurde allgemein als ein überzeugungstreuer Gegner der Sklaverei betrachtet, der unserer Sache große Dienste geleistet hatte. Wir schätzen ihn hoch aber wir befürworteten seine Nomination nicht, weil wir, um die damalige Redewendung zu gebrauchen, für Seward waren: »First last and all the time«.

Ich muß gestehen, daß mein Enthusiasmus für Seward schon ehe der Konvent zusammentrat, ein wenig abgekühlt wurde. Gleich nach unserer Ankunft in Chicago erachteten wir Delegierten von Wisconsin es für unsere Pflicht, uns im Hauptquartier der New Yorker Delegation zu melden, um uns zu besprechen, wie wir am besten die Interessen unseres Kandidaten fördern könnten. Wir fanden aber dort keines der hervorragenden Mitglieder der Delegation, die wir am meisten zu sehen wünschten: William M. Evarts, George William Curtis, Henry J. Raymond, Gouverneur Morgan und andere. Wir fanden nur den tatsächlichen Leiter der Seward-Interessen, Mr. Thurlow Weed, umringt von einer Menge von Männern, die nicht sehr vertrauenerweckend aussahen. Es waren New Yorker Politiker der gewöhnlicheren Art, die Thurlow Weed mitgebracht hatte, um ihm bei s einer Arbeit zu helfen. Worin diese Arbeit bestand, konnte ich aus den Unterhaltungen erraten, die mir erlaubt war anzuhören, denn sie sprachen sehr ungeniert über die großen Dienste, die sie geleistet hatten oder noch leisten würden. Sie waren in Straßenaufzügen mit Blechmusik und Seward-Bannern marschiert, um den Eindruck zu erwecken, daß das ganze Land mit Begeisterung für Seward erfüllt sei. Sie hatten die Mitglieder anderer Delegationen mit Champagner und Zigarren traktiert, um sie für Seward zu gewinnen, wenn nicht bei der ersten, dann doch wenigstens bei der zweiten oder dritten Abstimmung. Sie hatten diesem und jenem Mann, von dem sie glaubten, er besäße Einfluß, angedeutet, wenn er diesen Einfluß zugunsten Sewards gebrauchte, könne er im Fall eines Sieges auf »Anerkennung« rechnen. Sie hatten auf freigebigste Art Geld ausgestreut und allen zu verstehen gegeben, daß sie noch viel in Reserve hätten. Unter diesen Leuten bewegte sich Thurlow Weed als großer Anführer, mit rastloser Tätigkeit und lautlosem Schritt, ihre Berichte entgegennehmend und in einem ihm eigenen Flüsterton seine Anweisungen erteilend. Dann und wann nahm er den einen in eine Ecke des Zimmers zu heimlicher Zwiesprache oder verschwand mit dem anderen durch eine Seitentür zu noch heimlicheren Verhandlungen. Ich hatte viel von Thurlow Weed als von einem Mann mit geheimnisvoller Macht gehört, als von einer Art politischen Zauberers, der fähig sei, Kombinationen zu erfinden und auszuführen, die der Vorstellung gewöhnlicher Sterblicher fern lagen – als von einem Meister politischer Intrigue und List, als von dem gründlichsten Kenner menschlicher Fähigkeiten, Tugenden und Schwächen und dem sichersten Berechner politischer Zufälle und Resultate, und als dem Führer, Oberaufseher und schützenden Genius von William H. Sewards politischer Laufbahn. Während jeder seine außergewöhnlichen Fähigkeiten anerkannte, waren die Ansichten über seine politische Tugend geteilt. Seine Gegner klagten ihn an, ein egoistischer, gänzlich gewissenloser Schwindler zu fein, während seine Freunde die Tatsache betonten, daß er allerdings Ämter für viele seiner Freunde erlangt habe, aber niemals eines für sich selbst.

Es regte sich in mir die Befürchtung, daß Seward nach solchem Kampf für seine Nomination, sollte er zum Präsidenten der Vereinigten Staaten erwählt werden, sich von einer Last von Verpflichtungen überbürdet finden würde, Verpflichtungen, die um seinetwillen eingegangen waren und die er nicht würde abschütteln können, denen er aber auch nicht ohne Unehre für sich selbst und ohne Schaden für das allgemeine Wohl gerecht werden konnte. Es war mir ein unangenehmer Gedanke, mir Seward im Präsidentschaftsstuhl vorzustellen mit diesem Mentor hinter sich.

Unwillkürlich stiegen die Gestalten von Faust und Mephistopheles vor meinem inneren Auge auf, und ich wiederholte mir Gretchens Worte:

»Es tut mir in der Seele weh,

Daß ich dich in der Gesellschaft seh«.

Meine Unterhaltung mit Mr. Weed war bei dieser Gelegenheit sehr kurz. Er fragte mich, was ich über die Lage der Dinge dächte, und ich teilte ihm mit, was uns junge Republikaner des Nordwestens dazu bestimmt habe, Seward zu unterstützen. Er antwortete, daß Leute mit meinen Ansichten selbstverständlich Seward begünstigen würden, die Aufgabe sei aber, Leute, die anders dächten, für ihn zu gewinnen. Er baute jedoch ganz zuversichtlich auf Sewards Erfolg und er meinte, es sei gute Politik, diese Zuversicht überall zur Schau zu stellen. Er riet mir zu diesem Zweck möglichst viele Delegationen aufzusuchen, und ihnen klar zu machen, daß kein anderer Kandidat annähernd so viele »deutsche Stimmen« erhalten könne wie Seward. Ich antwortete ihm, daß ich solche Behauptung nicht gut aufstellen könne, da ich, sollte Seward nicht nominiert werden, doch das Gegenteil hoffte. Die Unterhaltung war damit zu Ende, und ich sah Mr. Weed nicht wieder. Als einige Tage später Seward im Konvent geschlagen wurde, soll Mr. Weed ganz außer sich gewesen sein. Während des Bürgerkrieges leistete er der Republik Viele patriotische Dienste und lieferte so den Beweis, daß er etwas mehr sein konnte als nur ein geschickter Parteiführer.

Es war ein großartiger und erhebender Anblick, die. vielen Mitglieder des Konvents und die Tausende von Zuschauern in dem riesigen Wigwam versammelt zu sehen. Ein freies Volk war da zusammengekommen um über seine Politik zu beraten und um sich seinen Anführer auszuwählen. Mir war es wie die Erfüllung aller meiner Jugendträume. Die Historiker von Lincoln, Hay und Nicolay, berichten: »Blair, Giddings, Greeley, Evarts, Kelley, Wilmot, Schurz und andere wurden mit spontanem Applaus begrüßt, der, von einem Punkt des Saales ausgehend, von einer Seite zur andern, von Ecke zu Ecke des unermeßlichen Raumes wuchs und schwoll, bis die Augen jedes Anwesenden heller glänzten und ihr Atem schneller ging«. Diese Auszeichnung, sowie andere, mit denen ich beehrt wurde, verdankte ich zweifellos der Tatsache, daß ich für den Vertreter und Wortführer der großen Zahl deutschgeborener Wähler galt, deren Unterstützung. selbstverständlich von Wichtigkeit war.

Ich wurde zum Mitglied der Kommission ernannt, welche das republikanische Wahlprogramm verfassen sollte, und durfte hier den Paragraphen über die Naturalisationsgesetze schreiben, so daß die republikanische Partei vom Makel des Know-Nothingtums reingewaschen wurde. Dieser Paragraph war in mäßigem, jedoch unzweideutigem Ton abgefaßt und tat in dem Wahlfeldzug ausgezeichnete Wirkung. Ich nahm auch teil an der Ausarbeitung der Antisklaverei-Erklärungen des Programms, doch hierbei ereignete sich eine unabsichtliche Unterlassung, welche eine dramatische Szene im Konvent herbeiführte.

Das Wahlprogramm verurteilte streng die Politik der Regierung in bezug auf Kansas; es verwarf alle Theorien, auf die sich das Recht des Sklavenhalters, seine Sklaven in die Territorien einzuführen, sowie Douglas’ falsche Volkssouveränitätsdoktrin stützten; es sprach dem Kongreß, der Gesetzgebung der Territorien und jedem einzelnen Individuum das Recht ab, die Sklaverei in einem Territorium der Vereinigten Staaten gesetzlich einzuführen; es brandmarkte die Wiederaufnahme des Sklavenhandels als ein Verbrechen gegen die Menschheit und eine Schande für unser Land und unser Zeitalter und berührte somit alle vorliegenden Streitpunkte; es versäumte aber, die großen Prinzipien ausdrücklich zu erwähnen, welche als unser politisches Glaubensbekenntnis und als die moralischen Grundpfeiler unserer Institutionen in der Unabhängigkeitserklärung niedergelegt sind. Als der erste Entwurf des Programms dem Konvent vorgelesen wurde, begrüßte enthusiastischer Applaus fast jeden Satz, und ein ungeduldiges Verlangen nach einer Abstimmung ließ sich von allen Teilen der großen Versammlung hören. Aber inmitten. dieses Lärms erhob sich über den Köpfen der Menge die ehrwürdige Gestalt von Joshua R. Giddings von Ohio. Jeder kannte ihn als einen der Veteranen im Kampfe gegen die Sklaverei. Er hatte mit unerschrockenem Mut und unerschütterlicher Treue für die Sache der Sklavenbefreiung gesprochen, als noch in manchen Teilen des Staates niemand sich ohne Gefahr zu diesen Ansichten bekennen konnte. Es war die Religion seines Lebens. Kaum hatte sich der Ruf nach einer Abstimmung genügend gelegt, um seine Stimme hören zu lassen, als er seine schmerzliche Überraschung darüber ausdrückte, daß das republikanische Programm, das feierliche politische Glaubensbekenntnis, das die Partei der Freiheit erlassen wollte, kein Wort enthielt, welches die Unabhängigkeitserklärung anerkannte und bekräftigte. Er machte daher den Vorschlag, das Programm durch Einfügung folgender Worte zu ergänzen: »Daß die Bewahrung. der Grundsätze, welche in der Unabhängigkeitserklärung verkündet und in unserer Bundesverfassung verkörpert sind, zur Erhaltung unserer republikanischen Institution unbedingt nötig ist. Diese Prinzipien sind folgende: daß alle Menschen gleich erschaffen, daß. sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, als da sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glück; daß Regierungen von den Menschen eingesetzt sind, um diese Rechte zu sichern, und daß sie ihre rechtmäßige Macht nur durch die Zustimmung der Regierten erlangen.«

In solchen Konventen, sogar in denen, welche nicht von der Parteimaschine beherrscht werden, gibt es immer Personen, die sich ungeduldig gegen alles auflehnen, das die Erledigung der Geschäfte, welche die Kommissionen vorschlagen, zu verzögern droht; so war es auch in Chicago. Mr. Giddings hatte kaum zu sprechen aufgehört, als das Stimmengewirr wieder mit einem stürmischen Geschrei nach einer sofortigen Abstimmung losbrach und der Konvent, wie von einem Wirbelwind getragen, das Amendement ablehnte. Darauf erhob sich Mr. Giddings und schritt langsam, einen Ausdruck des Schmerzes auf seinem Gesicht, sein weißes Haupt über die Menge erhoben, zur Tür hinaus. Plötzlich sprang ein junger Mann, mit auffallend schönen Zügen, welcher der New Yorker Delegation angehörte, auf einen Stuhl und bat ums Wort. Auch er wurde von denselben lauten Zurufen der Ungeduld begrüßt, doch er gab nicht nach. »Meine Herren!« sagte er in einem Tone ruhiger Entschlossenheit, »dieses ist ein Konvent für freie Rede, und ich habe das Recht zu sprechen. Ich habe Ihnen nur wenige Worte zu sagen, aber ich werde sie sagen, sollte ich auch bis morgen früh hier stehen müssen!« Wieder erhob sich ein stürmischer Protest, aber er wankte nicht. Zuletzt mußte das Getöse sich seinem Mute beugen, und Schweigen senkte sich auf die große Versammlung nieder. Dann erklang seine melodische Stimme wie ein Trompetenruf. »Ist dies wirklich«, sagte er, »die Partei der Freiheit, die an der Grenze der Freien Prärien zusammengekommen ist, um die Sache der Freiheit und der Menschenrechte zu fördern? Und werden die Vertreter dieser Partei es wirklich wagen, die Doktrin der Unabhängigkeitserklärung, welche die Gleichheit der Menschenrechte vertritt, zurückzuweisen?« Nach wenigen solchen, fast herausfordernden Sätzen erneuerte er in parlamentarischer Form. das von Mr. Giddings vorgeschlagene Amendement, worauf es mit einem Ausruf überwältigenden Enthusiasmus vom Konvent angenommen wurde.

Nachdem der junge Redner sich gesetzt hatte, ging sein Name von Mund zu Mund: Es war George William Curtis Ich hatte ihn nie vorher gesehen. Als sich die Sitzung vertagt hatte, ging ich zu ihm, um ihm für das zu danken, was er getan hatte. Er war damals in der Blüte seiner jugendlichen Manneskraft. Wie er so dastand, die große Menschenmenge überragend, sein schönes Gesicht strahlend von feuriger Entschlossenheit, seine besonders melodische Stimme zitternd vor leidenschaftlicher Besorgnis für seine hohe Sache, konnte man in ihm das Ideal, die poetische Verkörperung der besten moralischen Impulse und der hohen Begeisterung sehen, welche das Volk des Nordens zu dem entscheidenden Kampf gegen die Sklaverei entflammte. Wir wurden damals aus der Stelle Freunde und sind es bis zum Tage seines Todes geblieben.

Im Verlauf des Konvents wurde es jede Stunde klarer, daß Seward, dessen Anhang meistens von New York, Neu-England und dem Nordwesten kam, nicht an Kraft zunahm, sondern verlor. Es gab hierfür wahrscheinlich zwei Gründe. Das Argument, daß sein vermeintlich extremer Radikalismus – welcher in Wirklichkeit mehr in Worten als in Überzeugungen bestand – den Erfolg der republikanischen Partei in den zweifelhaften Staaten Pennsylvania, Indiana, Illinois und New Jersey gefährden würde, tat seine Wirkung. Sodann waren einige von Sewards wärmsten Anhängern etwas ernüchtert – um nicht zu sagen verletzt – durch die Auffälligkeit, mit welcher sich die ziemlich gemischte Bande von New Yorker Politikern gewöhnlicherer Art hervortat. Sie machten zu viel Lärm für Seward und drängten sich damit in unangenehmer Weise der allgemeinen Aufmerksamkeit auf.

Als am dritten Tage des Konvents das Abstimmen begann, war der Kampf eigentlich schon entschieden. Nach der ersten Stimmabgabe, welche von den verschiedenen Delegationen üblicherweise benutzt wird, den Lieblingskindern ihres Einzelstaates ihre Verehrung zu bezeugen, vereinigten sich einem allgemeinen Impulse folgend, alle Elemente, die Seward Opposition gemacht hatten, auf Abraham Lincoln, und die dritte Abstimmung gab ihm die Majorität. Man hat oft behauptet, die ungestümen Demonstrationen auf den überfüllten Galerien hätten dieses Ergebnis zu Lincolns Gunsten herbeigeführt. Das ist aber nichts als Zeitungsgeschwätz. Geschichtliche Tatsache ist, daß dem Konvent, sobald er nicht das Risiko einer Nomination von Seward übernehmen wollte, nichts Besseres übrig blieb, als sich auf Lincoln zu einigen; denn er befriedigte die Ansprüche der ernsten Sklavereigegner, ohne die republikanische Partei den Gefahren auszusetzen, welche mit der Nomination Sewards unzertrennlich verbunden zu sein schienen. Daß die Volksdemonstrationen inner- und außerhalb des Konventsaals wirksam geplant und organisiert waren, ist allerdings wahr, aber sie waren kein entscheidender Faktor; auch ohne sie wäre das Resultat dasselbe gewesen.

Als Lincoln im Verlaufe der dritten Abstimmung einer Majorität so nahe kam, daß seine Nomination sicher erschien, überstürzten sich die Delegierten, schon ehe das Resultat angekündigt war, ihre Stimmen zu seinen Gunsten umzuändern. Diejenigen von Wisconsin änderten aber ihre Stimme nicht. Mit New York, Michigan, Minnesota und Teilen anderer Delegationen blieben wir standhaft für Seward, bis Mr. Evarts, der Vorsitzende der New Yorker Delegation, in einer Rede von echtem Gefühl und bewunderungswerter Mäßigung den Antrag stellte, daß die Nomination von Lincoln einstimmig erfolgen sollte. Dieser Antrag hatte unsere herzliche Zustimmung.

Während Lincolns Sieg der Außenwelt durch das Donnern der Kanonen vom Dache des Wigwams aus verkündet wurde und nicht nur der große Saal des Konvents, sondern die ganze Stadt Chicago vom Triumphgeschrei für Lincoln fast zu erzittern schien, flogen meine Gedanken unwillkürlich zu Chase, der, wie ich mir vorstellte, in seiner stillen Studierstube in Columbus saß, neben ihm der telegraphische Apparat, von dem er die neuesten Nachrichten aus Chicago ablas. Nicht nur hatten sich die ihm gemachten Voraussagungen bewahrheitet, sondern sie hatten sich für ihn noch schrecklicher verwirklicht als ich vorausgesehen hatte. Nicht einmal sein eigener Staat hatte ihm seine volle Unterstützung verliehen. Er hatte augenscheinlich durch nichts in seiner Hoffnung sich irre machen lassen – kein Amerikaner, der vom Präsidentschaftsfieber befallen wird, hört jemals auf zu hoffen – und nun kam diese niederschmetternde, demütigende Niederlage. Ich hätte ihn bemitleiden können, wenn ich es gewagt hätte, solchem Manne Mitleid entgegenzubringen. Er war ein großer Mann, doch man mußte sich bei ihm wie bei Henry Clay und Daniel Webster sagen, daß er viel größer und nützlicher hätte sein können, wenn er mit seiner wirklichen Bedeutung zufrieden gewesen wäre.

Ich hatte die Ehre, zum Mitglied der Abordnung ernannt zu werden, welche nach Springfield abgesandt wurde, um Lincoln die offizielle Ankündigung seiner Nomination zu überbringen. An jeder Eisenbahnstation, an der wir bei Tageslicht vorbeifuhren, wurden wir mit Freudenbezeugungen empfangen. Lincoln begrüßte uns im Wohnzimmer seines bescheidenen Holzhauses, es war ein ziemlich kahler Raum; in der Mitte des Zimmers stand der damals übliche kleine Tisch mit einer Marmorplatte, darauf die Familienbibel oder das Photographiealbum und die silberplattierte Kanne für Eiswasser; an den Wänden waren einige Stühle und ein Sofa gereiht. Da stand der republikanische Präsidentschaftskandidat, groß und ungeschlacht in seinem scheinbar neuen, aber schlecht passenden Anzug, sein langer, sehniger Hals aus dem umgeklappten Kragen hervorragend, die melancholischen Augen tief eingesunken in seinem hageren Gesicht. Die meisten Mitglieder der Abordnung hatten ihn nie zuvor gesehen und betrachteten ihn mit erstaunter Neugierde. Er war allerdings nicht der Staatsmann, wie man ihn sich in der Phantasie ausmalt. Mit gefalteten Händen, aufrechtstehend, hörte er ruhig, ohne anscheinende Erregung oder Verlegenheit, der würdevollen kleinen Rede zu, die Mr. Ashmun, der Präsident des Konvents, an ihn richtete, und antwortete dann mit einigen passenden, ernsten, wohlgefügten Sätzen, die seine Dankbarkeit für das in ihn gesetzte Vertrauen, seine Zweifel an seiner eigenen Fähigkeit und seine Zuversicht auf eine schützende Vorsehung ausdrückten. Es folgte sodann eine ungezwungene Unterhaltung, teilweise heiterer Art, wobei die herzliche Einfachheit von Lincolns Natur zum Durchbruch kam, und nach dem gebräuchlichen Händeschütteln nahm die Abordnung ihren Abschied. Eines der Mitglieder, Mr. Kelly von Pennsylvanien, sagte mir beim Herausgehen: »Ja, wir hätten vielleicht etwas Glänzenderes, aber kaum etwas Besseres tun können«.

Ich hörte von anderen Mitgliedern ähnliche Äußerungen, doch war in ihnen ein Ton der Resignation und des unterdrückten Zweifels zu bemerken. Einzelne, welche die Männer der westlichen Staaten und die westliche Art noch nicht kannten, und Lincoln zum ersten Male sahen, konnten ihre Bedenken nicht verbergen. Sie fragten sich, wie dieser harmlose Mann, dieses Naturkind, sich bei der Berührung mit der großen Welt und angesichts der wichtigen und verwickelten Probleme verhalten würde, die zu bewältigen er so ungenügend ausgerüstet zu sein schien. Es machten sich in der Tat schon bald nach der Beendigung des Chicagoer Konvents Anzeichen von Unzufriedenheit und Kälte gegen Lincoln bemerkbar, und das war sogar der Fall in gewissen Kreisen westlicher Seward-Enthusiasten, die sich nicht aussöhnen konnten mit dem, was sie ein schimpfliches Hinschlachten des größten republikanischen Anführers nannten. Da ich selbst mich eifrig für Sewards Nomination bemüht hatte, glaubte ich in der Lage zu sein, eine wirksame Ansprache an die Unzufriedenen richten zu können, was ich bei einer Versammlung in Milwaukee versuchte.

Diese Rede soll bei den Hörern eine gute Wirkung gehabt haben. Bald wurden jedoch solche Aufrufe ganz überflüssig, als erst der richtige Geist in den Wahlkampf kam und alle Unzufriedenheit in den republikanischen Kreisen hinwegfegte. Dieser Geist war unwiderstehlich. Man hat oft gefragt; welche Einflüsse es gewesen sein mögen, die im Norden die Antisklavereibewegung entfacht hatten und sie im Gange hielten. Und es war eine beliebte Theorie der Südländer – ich habe sie sogar noch heutigen Tages aussprechen hören –, daß, abgesehen von den krankhaften Ideen einzelner, von einer Wahnvorstellung befangener, fanatischer Abolitionisten und dem rastlosen Triebe des Yankees, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen, es hauptsächlich der egoistische Wunsch des Nordens, den Süden zu seinem eigenen materiellen Vorteil zu unterwerfen und zu beherrschen, gewesen sei, der die Antisklavereibewegung inspirierte und den Ausschlag gab. Aber nichts könnte der Wahrheit ferner liegen. Obgleich viele Kaufleute und Fabrikanten zur Antiskavereipartei gehörten, ist es eine unwiderlegliche historische Tatsache, daß das kaufmännische und industrielle Element im Norden gegen die Anti-Sklavereibewegung Opposition machte und daß diese Opposition oft sehr bitter und heftig war. Es gibt dafür eine sehr natürliche und naheliegende Erklärung. Das in Industrie- und Handelsunternehmungen angelegte Kapital ist immer ängstlich und konservativ. Es verabscheut unregelmäßige Störungen der existierenden Zustände. Seine materielle Prosperität ist gewöhnlich die erste und nicht selten die einzige Rücksicht, welche es in der Stellung bestimmt, die es öffentlichen Angelegenheiten gegenüber einnimmt und es wurde angenommen, daß das wirtschaftliche Gedeihen des Nordens zum großen Teil von der Erhaltung geregelter Zustände im Süden und freundschaftlicher Beziehungen zwischen den beiden Teilen des Landes abhinge. Das Handelsinteresse begünstigte daher immer jeden Vergleich, der die Schwierigkeiten und Konflikte schlichten oder wenigstens hinausschieben sollte.

Ich glaube, es .kann ohne Übertreibung gesagt werden, daß es niemals in der Geschichte dieser Republik eine politische Bewegung gegeben hat, in welcher das rein moralische Motiv so stark – ja so vorherrschend und entscheidend war. Ohne Zweifel sahen einige Politiker auch in dieser Bewegung verlockende Gelegenheit, sich Auszeichnungen, Ämter und pekuniäre Vorteile zu erringen. Jede vielversprechende Sache zieht solche Männer an, die jedoch einer Sache dienen können, ohne darum ihren Charakter zu bestimmen. Die Erhebung gegen die Sklaverei war einfach die Empörung des Volksgewissens gegen etwas, das es als großes Unrecht empfand, gegen die despotische Überhebung der sklavenhaltenden Aristokratie, welche die ganze Republik in ihrem eigenen Interesse zu regieren sich anmaßte. Dieses Gefühl kam in endlosen Variationen in Debatten und Aufrufen zum Ausdruck und erweckte eine Begeisterung, die echt, gesund und erhebend war. Ich bin in vielen politischen Kampagnen tätig gewesen, aber in keiner zeigten sich die besten Impulse reiner Menschlichkeit so mächtig und wirksam und in keiner rissen sie die Massen zu einem so hohen Grade fast religiöser Schwärmerei hin.

Wenige Wochen nach dem Konvent war die Wahlkampagne schon in vollem Gange. Es wurden schon im Juni viele Gesuche an mich gerichtet, bei Versammlungen zu reden, und ich sprach Tag für Tag, oft mehr als einmal, bis zum Wahltage im November, zwei kurze Wochen im September ausgenommen, die ich notwendig zu meiner Erholung und Ruhe brauchte. Das ganze Land war von Rednern überlaufen, und jeder von denen, die auf unserer Seite standen, schien bestrebt zu sein, sein Möglichstes zu leisten, ohne Rücksicht auf Anstrengungen oder Ermüdung. Uns alle belebte das erhebende Bewußtsein, dieses Mal ganz gewiß auf der Seite des Rechts zu stehen. Hier gab es nichts zu entschuldigen, nichts zu bemänteln, nichts zu verbergen, denn wir glaubten mit einem unbegrenzten höchsten Vertrauen, daß unsere Sache unzweifelhaft die Sache der Freiheit, des Rechts und der Gerechtigkeit und unsere Partei die Partei höchster moralischer Ziele und erhabenster Vaterlandsliebe sei.

Die Wahlkampagne war kaum eröffnet, als auch schon der ganze Norden in Bewegung zu geraten schien. Besonders in den kleineren Städten und in den Landdistrikten hatte es den Anschein, als ob niemand viel anderes zu tun habe als Versammlungen beizuwohnen, Reden anzuhören, in Paraden mit zu marschieren und nach Dunkel- werden Fackeln zu tragen. Wie durch Zauber bildeten sich überall im ganzen Lande sogenannte »Wide-awake«-Truppen. Auch Musikbanden – die allerdings das musikalische Ohr zuweilen hart auf die Probe stellten – schienen aus der Erde zu wachsen. Alles das geschah ohne amtlichen Apparat, denn die Regierungsbeamten der Post, der Zollverwaltung und der Gerichte standen auf der demokratischen Seite. Die Republikaner hatten so wenige staatliche und städtische Ämter inne, daß sie als politische Faktoren kaum in Betracht kamen. Auch wurde nicht viel Geld, angewandt, um die Agitation in Bewegung zu setzen und in Gang zu halten. Die Summen, über welche das republikanische Nationalkomitee verfügen konnte, waren lächerlich klein im Vergleich zu den enormen Beiträgen, welche heutzutage in den Kriegsschatz der Parteien fließen. Die Wahlkampagne schien gewissermaßen ganz von selbst zu gehen. Es war nicht nötig, das Publikum zu den Versammlungen durch besondere Reklamekünste oder außergewöhnliche Anziehungen herbeizulocken. Eine einfache Ankündigung genügte, um eine Menschenmenge zusammen zu bringen. Nicht selten bildeten sich diese Vereinigungen ganz aus dem Stegreif. Hiervon erlebte ich selbst einige merkwürdige Beispiele. Eines Nachmittags, ich glaube es muß im Juli gewesen sein, sprach ich im Freien vor einer großen Versammlung von Landleuten in einem Dorf des Staates Indiana. Nach meiner Rede überlegte ich mir, daß es behaglicher sein würde, statt in dem kleinen Dorfwirtshaus im bequemen Hotel der nahegelegenen Stadt zu übernachten, von wo ich am nächsten Morgen gleich weiterfahren wollte. Ich hoffte ungesehen in das Hotel hineinschlüpfen zu können und dort eine ruhige Nacht zuzubringen. Ich hatte aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Während ich beim Abendessen saß, machte mir das Wahlkomitee der Stadt seine Aufwartung und meldete mir, das Theater sei gedrängt voll von Menschen, die sich versammelt hätten, um eine Rede von mir zu hören. Man habe mich durch die Stadt gehen sehen, und da hätten sich die Leute gedacht, es sei eine gute Gelegenheit, mich sprechen zu hören. Die Musikbande war in Gang gebracht, und jetzt strömten die Leute, Männer und Frauen, ins Theater. Die »Wide-Awake«-Truppe hatte sich vor dem Hotel aufgestellt, um mir als Geleit zu dienen. Was blieb mir übrig, als die Waffen zu strecken. Mit einem kräftigen Hurra brachten mich die »Wide-Awakes« wie ihren Gefangenen nach dem Theater – die Musikbande voraus. Das Theater war zum Ersticken voll und die Hitze entsetzlich. Das Thermometer muß hoch in den 90 gestanden haben. Es war kaum noch ein Mann im Saal, der nicht seinen Rock abgelegt hatte, viele sogar ihre Westen und Kragen. Die. Frauen fächelten sich mit Todesverachtung. Ich hatte nur wenige Minuten gesprochen, als mir schon die Hitze fast unerträglich wurde. Das Publikum bemerkte mein Unbehagen. Da erhob sich ein alter Mann und bat mich um einen Augenblick Gehör. »Mr. Schurz«, sagte er, meinen Namen auf ganz unbeschreibliche Weise aussprechend, »es ist sehr heiß, und man sieht es Ihnen an, daß Sie darunter leiden. Ich glaube aber bestimmt, daß die Damen nichts dagegen haben werden, wenn Sie Ihren Rock ablegen und es sich sonst bequem machen.« Diese kleine Rede wurde mit Applaus begrüßt. Die Damen wehten als Zeichen der Zustimmung mit den Taschentüchern. Ich tat, was mir geboten wurde. Erst entledigte ich mich meines Rockes, dann folgten nach einer Weile Weste, Halsbinde und Kragen. Die Begeisterung war ungeheuer groß. Nachdem ich fast eine Stunde gesprochen hatte, machte ich einen Versuch aufzuhören, indem ich bemerkte, daß meine Zuhörer gewiß wünschen müßten, aus dieser entsetzlichen Temperatur ins Freie zu kommen, aber ein Ausbruch des Protestes kam von allen Seiten des Hauses: »Nein, nein, weiter! fortfahren!« Ich mußte also fortfahren und sprach noch eine Stunde, und selbst dann schienen sie noch nicht befriedigt zu sein.

Nicht lange nach diesem Erlebnis traf es sich, daß ich den Ohiofluß in einem Dampfboot hinunterreiste, von einem Flußstädtchen zum andern. An einem dieser Landungsplätze, wo wir ungefähr um sieben Uhr morgens anlegten, hatte sich schon eine Menge von mehreren hundert Menschen versammelt, die gehört hatten, daß ich dort vorbei käme. Sie überredeten den Kapitän, er möchte eine halbe Stunde anhalten, und ich mußte ihnen vom Verdeck des Schiffes aus eine Ansprache halten – das war wohl die früheste morgendliche Massenversammlung der ich jemals beiwohnte.

Während ich in Illinois Wahlreden hielt, hatte ich mich verpflichtet, bei einer Nachmittagsversammlung im Freien in den Anlagen des Kapitols von Springfield, Lincolns Wohnort, zu sprechen Er lud mich zum Mittagessen in seinem Hause ein. Bei Tisch unterhielten wir uns über den Verlauf und die Begebenheiten der Wahlkampagne, und seine herzliche und einfache natürliche Art, sich auszudrücken, erlaubten mir kaum, mich daran zu erinnern, daß er ein großer Mann und Kandidat für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten sei. Er war bei bester Laune, und wir lachten viel miteinander. Die unvermeidliche Blechmusik stellte sich aber bald vor dem Hause auf und spielte eine lustige Weise, um uns zu mahnen, daß die Zeit für das Geschäft des Tages gekommen sei. »Ich werde mit Ihnen zur Versammlung gehen«, sagte Lincoln, »und hören, was Sie zu sagen haben«. Es war ein glühend heißer Tag. Lincoln drückte sein Bedauern aus, daß ich mich bei solcher Temperatur anstrengen müsse, und schlug vor, daß ich es mir bequem mache. Er machte es sich in der Tat auf eine Weise bequem, die mich nicht wenig in Erstaunen setzte, die jedoch für seine ländlichen Gewohnheiten bezeichnend war. Als er sich für den Marsch nach den Anlagen des Kapitols bereit erklärte, bemerkte ich, daß er seine Weste ausgezogen und als einzigen Rock einen leinenen Staubmantel angelegt hatte. Dieser Mantel wies, als Spuren häufiger heißer Tage, im Rücken die ungefähre Zeichnung der zwei Weltteile auf. Auf dem Kopf trug er einen abgeschabten und eingeknickten Zylinderhut, dem man den mehrjährigen Gebrauch anmerkte. In diesem Aufzuge marschierten wir hinter der Blechmusik her, gefolgt von den städtischen Wahlkomitees und den »Wide-Awakes«. Er war sich natürlich seiner grotesken Erscheinung gänzlich unbewußt. Nichts lag ihm ferner als der Gedanke, daß die große Auszeichnung die ihm vor der ganzen Welt durch seine Nennung zur Präsidentschaft geworden war, ihn verpflichten könnte, vor seinen Nachbarn eine gewisse Würde herauszukehren. Diese Nachbarn, die ihn von den Fenstern und den Bürgersteigen aus an jenem heißen Nachmittage beobachteten und ihm zujubelten, als er in der Prozession hinter der Musikbande vorbeimarschierte, betrachteten ihn, den zukünftigen Präsidenten, wahrscheinlich mit einem neuen Gefühl ehrfurchtsvoller Bewunderung; er verkehrte aber gänzlich unbefangen mit ihnen, als wenn sich nichts verändert hätte, und winkte den Bekannten, die er in der Menge sah, mit einem vertraulichen Gruß zu: »Wie geht es, Dan?«, »Freut mich, Dich zu sehen, Ned«, oder »Guten Tag, Bill!« usw., ganz wie er es immer getan hatte. An dem Versammlungsplatze angekommen, lehnte er einen Sitz auf dem Podium ab und setzte sich in die vorderste Reihe des Publikums. Er stimmte nicht in den Applaus ein, der mir dann und wann zuteil wurde, doch gelegentlich nickte er mir mit einem gutmütigen. Lächeln zu. Nachdem ich geendet hatte, ließen sich einige Stimmen hören, die Lincoln um eine Rede baten. Er schüttelte aber den Kopf, und die Menge sah sogleich das Unschickliche solcher Bitte ein, einige riefen sogar: »Nein, nein!« worauf er dankbar seine Zustimmung zu erkennen gab. Sodann geleiteten uns die Blechmusik und das Komitee und die »Wide-Awakes« in derselben Ordnung, in der wir gekommen, nach seinem Hause zurück, während die Menge stürmisch Hoch rief auf Lincoln oder auch in vertraulicherem Tone: auf »Old Abe!«

Meine Hauptarbeit – meine Spezialität – bestand darin, deutschgeborene Wähler in ihrer und meiner Muttersprache anzureden. Diese Aufgabe führte mich in den Staaten Wisconsin, Illinois, Indiana, Ohio, Pennsylvania und New York nicht nur in die großen Städte, sondern auch in die kleinen Landstädtchen und Dörfer und zuweilen in entlegenere Gegenden, wo nur Ackerbau getrieben wurde. Hier fand ich oft meine Zuhörerschaft in Schulhäusern und in geräumigen Scheunen oder zuweilen im Freien versammelt, und das waren die Versammlungen, die mir mehr als alle anderen Freude machten. Es war mir ein wahrer Genuß, auf diese Weise mit meinen Landsleuten zusammenzukommen, die sich mit mir des gemeinsamen alten Vaterlandes erinnerten, wo unsere Wiege gestanden hatte; die von weither gekommen waren, um für sich und ihre Kinder in diesem neuen Lande der Freiheit und des Fortschritts eine neue Heimat zu gründen Ich freute mich, ihnen so von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen, ohne den Lärm und die Förmlichkeit einer großen Versammlung, und so mit ihnen im Plauderton, ohne oratorische Ausschmückung sprechen zu können. Über die schwebenden Fragen, welche entschieden werden müßten, und über die Pflichten, die wir unter den obwaltenden Umständen dieser großen Republik, die uns so gastfrei aufgenommen, schuldig seien. Ich betonte den hohen Wert der Wohltaten, deren wir teilhaftig geworden seien und die wir uns erhalten müßten, und ich gemahnte sie, daß wir unserem alten Vaterlande keine höhere Ehre erweisen könnten, als dadurch, daß wir dem neuen Lande gewissenhafte und treue Bürger würden. So saßen sie vor mir, eine oder zwei Stunden lang, schwer arbeitende Farmer, kleine Kaufleute und Handwerker; mit ernsten; gedankenvollen Mienen, einige von schnellerem Auffassungsvermögen, andere trägeren Geistes, mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörend, zuweilen mit verwirrtem Ausdruck, der mich bestimmte, dieselben Fragen immer wieder zu behandeln, in klarerer Sprache und in anderen Bildern. Zuweilen gaben sie kaum ein Zeichen des Beifalls, ich sah nur dann und wann ein Kopfnicken oder einen Blick intelligenten Verständnisses, bis dann zum Schluß der Rede sich alle um mich drängten, um mir die Hand zu schütteln und mich nicht selten zu bitten, ich möchte ihnen über diesen oder jenen Punkt, den sie bei ihren Diskussionen mit ihren Nachbarn verwerten wollten noch weitere Aufklärung geben. Es kam zuweilen vor, daß ein deutschgeborener demokratischer Politiker, vielleicht ein städtischer Beamter, ein Landpostmeister, ein Gerichtsdiener oder dergleichen, der sein Einkommen oder seinen politischen Einfluß gefährdet glaubte, den Versuch machte, solche Zusammenkünfte durch lautes Betragen oder durch impertinentes Fragenstellen zu stören. Ich kann mich aber keines solchen Falles entsinnen, wo nicht die Wirkung eines derartigen Versuchs sich gegen den Eindringling selbst gewandt hätte. Die Wißbegierde und der Wunsch, die Situation zu verstehen, waren so verbreitet und so tiefgehend, daß man sich keine parteiliche Einmischung gefallen ließ.

Ich machte als öffentlicher Redner bei diesen Versammlungen eine sehr wertvolle Erfahrung. Ich erkannte, daß bei solchen Zuhörern, wie ich sie beschrieben habe, – wie gewöhnlich bei jedem Publikum, das s ich aus dem Volke zusammensetzt –, der Wunsch, sich belehren zu lassen, stärker ist, als der Wunsch, belustigt und unterhalten zu werden. Gewiß wird eine Schnurre oder eine Anekdote mit witziger Pointe solchen Zuhörern ein Lachen entlocken, es liegt für sie aber ein noch viel größerer Reiz in der verständlichen Darlegung einer interessanten Frage und in logisch klaren Auseinandersetzungen. Der Redner, der bestrebt ist, in einer Volksversammlung einen bleibenden Eindruck auf den Geist und das Herz seiner Zuhörer zu machen, muß sich hüten, nicht ihre Intelligenz, ihren moralischen Sinn und ihre Selbstachtung zu unterschätzen. Um zu überzeugen, muß er vor allem seinen Zuhörern das Gefühl einflößen, daß er selbst überzeugt ist, und das wird ihm nicht gelingen, wenn nicht seine Beweisführung ernsthaft und aufrichtig ist. Oft werden Menschen, die sich nie mit öffentlichen Angelegenheiten besaßt haben, anfangen, sich dafür zu interessieren, wenn man ihnen zeigt, daß man sie hoch genug schätzt, um dieses Interesse von ihnen zu erwarten,und daß man auf ihre Meinung Wert legt. So können zuweilen edle Regungen erweckt werden, indem man an sie appelliert, als seien sie schon vorhanden.

Schon im Anfang meiner Laufbahn als öffentlicher Redner machte ich es mir zur Regel, niemals in meinen Reden etwas zu sagen, für das ich nicht mit ganzem Gewissen einstehen konnte; niemals, wenn ich einen Irrtum begangen hatte, Bedenken zu tragen, das ganz offen zuzugeben; niemals an Vorurteile, engherzige und kleinliche Interessen zu appellieren; nur die höchsten Beweggründe, wie Patriotismus, Gerechtigkeitssinn und Ehrenhaftigkeit anzurufen; und nie eine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, um meine Zuhörer daran zu erinnern, daß es die Pflicht, das hohe Vorrecht dieser großen amerikanischen Republik sei, der freiheitsliebenden Menschheit als Leitstern, als Fackelträgerin der Zivilisation zu dienen. Immer wieder gemahnte ich sie, daß diese große Mission nur erfüllt werden könne, wenn ein unerbittlicher Krieg geführt werde gegen alle Mißbräuche oder unedlen Bestrebungen in unserer heimischen Politik, die das Ansehen demokratischer Regierung beeinträchtigen oder untergraben könnten, und wenn unsere Verhandlungen mit auswärtigen Mächten nur von den höchsten Prinzipien allgemeiner Gerechtigkeit und allgemeinen Wohlwollens geleitet würden. Ich habe gewiß in meiner öffentlichen Laufbahn viele und einige ernste Irrtümer begangen, doch jetzt, da ich am Schlusse stehe, kann ich mir das Zeugnis geben, daß ich diese Regel gewissenhaft befolgt habe.

Bei der Wahlkampagne von 1860 hielt ich zwei Reden, welche, nach ihrer Verbreitung in Zeitungen und Flugschriften zu urteilen, viel Aufmerksamkeit erregten. Die eine davon in St. Louis. Obgleich Missouri ein Sklavenstaat war, so hatte doch das Antisklaverei-Element der Stadt St. Louis, das zum großen Teil aus der deutschgeborenen Bevölkerung mit einigen energischen eingeborenen Amerikanern an der Spitze bestand, so sehr ans Kraft zugenommen, daß man hoffte, es würde sich daraus eine wirksame Emanzipationsbewegung im Staate entwickeln. Einer Aufforderung, bei einer Massenversammlung zu sprechen, wo diese Richtung unterstützt werden sollte, folgte ich um so bereitwilliger, als ich hoffen durfte, daß sich unter meinen Zuhörern einige Vertreter der Sklavereiinteressen befinden würden, zu denen ich von Angesicht zu Angesicht sprechen könnte. Diese Erwartung betrog mich nicht. Die Versammlung war sehr groß, und meine Freunde sagten mir, daß mehrere der Sklavenhalter und andere Anhänger der Sklaverei gekommen seien, um mich zu hören. Die Rede, die ich ihnen hielt, war, wie ich glaube, die beste unter meinen Antisklaverei-Reden.

Aber wenn sie auch einige Stimmen für Lincoln gewann, sie hatte keinen sichtbaren Einfluß auf die »Sklavenhalter Amerikas«, an die sie gerichtet war. Viel später erzählte mir jedoch einer von ihnen, daß er die Rede gehört habe und widerstrebend überzeugt worden sei, daß ich recht hätte; er habe das aber niemals öffentlich zugeben dürfen, weil es ihm sonst die Freundschaft und das Vertrauen seiner Klasse gekostet hätte. Die Rede habe ihn aber während des ganzen Bürgerkrieges verfolgt.

Die andere meiner größeren Reden, welche während dieses Wahlkampfes einige Aufmerksamkeit erregte, war einer Zergliederung des Charakters von Stephan A. Douglas, dem Präsidentschaftskandidaten der demokratischen Partei der Nordstaaten, gewidmet. Während ich diese Darstellung vorbereitete, überlegte ich mir die Frage, wie weit es in einer Diskussion öffentlicher Interessen zulässig sein dürfte, einen politischen Gegner in seiner Persönlichkeit anzugreifen. Ich kam zum Schluß, daß es dann statthaft und berechtigt sei, wenn eben diese Persönlichkeit des Gegners in den Vordergrund gedrängt wird, um seiner Sache Ansehen zu geben, und besonders, wenn diese Persönlichkeit durch falschen Schein einen Einfluß ausübt. Das schien mir im höchsten Grade bei Senator Douglas der Fall zu sein. Er war nach meiner Ansicht der gefährlichste, der am meisten zu fürchtende Demagoge in Amerika. Es erschien mir als ein verdienstvolles Werk, diese aufgeblähte Luftblase zu durchstechen, besonders, da sein künstlich aufgebauschtes Ansehen die einzige Gefahr war, welche Lincoln die Stimmen einiger nördlichen Staaten zu entziehen und damit seine Niederlage in der Wahl herbeizuführen drohte. Ich ging mit Eifer an meine Aufgabe und rief alle mir zu Gebote stehende Kraft der Beweisführung, des Sarkasmus, der Phantasie und des Humors zu Hilfe. Das Resultat war eine Analyse von Douglas Theorien und Laufbahn, wie sie mir nicht beißender, unbarmherziger und unterhaltender hätte gelingen können.

Diese Rede sollte im großen Saale des Cooper Institute in New York gehalten werden. Am Abend der Versammlung speiste ich mit Governeur Morgan, dem Vorsitzenden des republikanischen Nationalkomitees, und einigen hervorragenden New Yorkern im Astor House. Auf dem Wege nach dem Cooper Institute fragte mich Gouverneur Morgan, wie lange ich zu sprechen gedenke. Ich antwortete: »Ungefähr zwei und eine halbe Stunde!« »Lieber Himmel«, rief er, »kein New Yorker wird eine so lange Rede aushalten!« Er schien ernstlich beunruhigt zu sein. Ich versuchte ihm klar zu machen, daß die Rede, die ich vorbereitet hatte, ein zusammenhängendes Argument sei, welches ich dem Publikum entweder ungekürzt vorlegen müsse oder gar nicht. Wenn es nicht geraten schien, die Rede in ihrer Vollständigkeit zu halten, müsse eine Ausrede gefunden werden, um mich für den Abend zu entschuldigen. Der Gouverneur war augenscheinlich ganz verstört; endlich gab er nach, doch mit der Miene eines Menschen, der entschlossen ist, das Unvermeidliche mit Würde zu tragen.

Der große Saal des Cooper Institute war bis zum äußersten gefüllt, und ich empfand, daß die Stimmung der großen Versammlung eine sympathische war. Ich vermochte nicht nur die Aufmerksamkeit meines Publikums festzuhalten, sondern errang an jenem Abend als politischer Redner einen der größten Erfolge meiner Laufbahn. Die Ausbrüche von Applaus und Gelächter waren oft so andauernd, daß ich mehrere Minuten innehalten mußte. Das Gesicht von Gouverneur Morgan, der in meiner Nähe saß, verlor seinen ängstlichen Ausdruck und klärte sich mehr und mehr auf, als ich meine zweite und sogar meine dritte Stunde erreichte. Es belustigte mich, einen alten Herrn zu beobachten, der einen Sitz in der vordersten Reihe des Publikums entnahm. Er hatte langes weißes Haar, trug eine Brille und hielt einen Regenschirm in der Hand. Zuerst sah er etwas schläfrig aus, aber allmählich schien er aufzuwachen, und sein Gesicht glänzte vor Vergnügen. Er stimmte in den allgemeinen Applaus ein, indem er zuerst ganz sanft, aber dann immer heftiger mit seinem Regenschirm auf den Boden stieß. Ich war noch nicht halb mit meiner Rede fertig, als schon die Spitze des Regenschirms abgebrochen war. Das schien ihn aber nicht im geringsten zu genieren. In seiner Begeisterung fuhr er fort, den Boden mit aller Kraft zu bearbeiten, bis zuletzt der Regenschirm in Stücke brach und er nicht mehr damit stampfen konnte. Wenn ich jedoch einen Satz aussprach, der ihn besonders aufregte, oder wenn ein besonders kräftiger Applaus erschallte, dem er nicht widerstehen konnte, hielt er den zertrümmerten Schirm hoch in die Luft und schwenkte ihn zur großen Belustigung der Menge wie ein Triumphbanner hin und her. Infolge der vielen Unterbrechungen dauerte meine Rede mehr als drei Stunden, Gouverneur Morgan tadelte aber nicht mehr ihre Länge. Viele Exemplare dieser Rede wurden verbreitet, und man behauptete, daß sie Douglas manche Stimme gekostet habe. Ich muß gestehen, daß sie mir unter meinen gedruckten Reden eine der liebsten geblieben ist und daß ich in späteren Jahren dann und wann den Band, der sie enthält, zur Hand genommen habe, um einige der lebhafteren Stellen noch einmal zu lesen und mir dabei die jugendlicheren Tage zurückzurufen, da noch mein streitlustiges Temperament sich dem vollen Genuß des »gaudium certaminis« hingeben konnte; da ich noch der Phantasie die Zügel schießen ließ und die Luft von der Musik der Sprache zu erklingen schien.

Das Wahlkomitee beschäftigte mich andauernd in mehreren Staaten bis zum Tage der Wahl. Ich war zu erschöpft, um nach Abraham Lincolns Sieg an dem republikanischen Freudenrausch teilnehmen zu können. Die Ruhezeit in meiner stillen Wisconsiner Farm wurde aber von dem Druck der Notwendigkeit abgekürzt. Ich sah mich wieder, einige Wochen nach der Wahl, gezwungen, eine längere Vortragsreise zu unternehmen, um meiner ziemlich erschöpften Kasse etwas aufzuhelfen.

Die Nachricht vom Erfolge der republikanischen Partei hatte sich kaum über das Land verbreitet, als schon in einigen der südlichen Staaten Demonstrationen stattfanden, die deutlich zeigten, daß die Drohungen einer Sezession, an welche wir uns in den letzten Jahren gewöhnt hatten, allerdings mehr bedeuteten als eitel Prahlerei. Die Gefahr einer Bewegung, welche die Trennung von der Union betreiben würde, und alle damit verbundenen schwer zu erwägenden Folgen, standen in drohender Wirklichkeit vor uns. Die Frage, welche erst gestern die Gemüter bewegt und die Herzen entflammt hatte, ob es nicht gerecht und klug sei, die Sklaverei aus den Territorien auszuschließen und diesen Überrest der Barbarei seiner endgültigen Vernichtung preiszugeben, wurde plötzlich von der scheinbar viel schicksalsschwereren Erwägung in den Hintergrund gedrängt, wie man das entsetzliche Unheil eines Bürgerkrieges, das wie eine dunkle Wolke über dem Lande hing, abwenden könne. Alle Welt ging mit düsteren Mienen umher, und einer fragte den anderen mit vor Besorgnis bebender Stimme, was seine Meinung sei.

Die geschlagenen Demokraten, die schon immer im Falle eines republikanischen Sieges Böses prophezeit hatten, zauderten natürlich nicht, diesen Zustand allgemeiner Unruhe auszunutzen. Einige von ihnen erklärten ganz offen die Sezessionsbewegung unter den obwaltenden Umständen für gerechtfertigt, andere verlangten laut und dringend, daß die siegreiche Partei die Antisklaverei-Prinzipien und -Politik, für welche sie gekämpft hatte, aufgeben solle, um dadurch die südlichen Anführer zu bestimmen, ihre Staaten im Bunde der Union zu erhalten. Sogenannte »Union-Meetings« wurden im ganzen Norden einberufen, um über ein Kompromiß zu beraten, durch welches der Süden versöhnt werden könnte, und stürmisch wurde an die Friedensliebe sowie auch an egoistischere Triebe appelliert. Der Handel kam im Süden zu vollständigem Stillstand, und die Kaufleute und Fabrikanten des Nordens standen entsetzt der Aussicht gegenüber, daß ihre südlichen Gläubiger sich weigern würden, ihre Schulden zu bezahlen. An der Börse ging alles drunter und drüber, die Banken fühlten den Boden unter ihren Füßen Wanken, zogen ihre Außenstände ein, und das Geld wurde äußerst knapp. Allgemeiner Bankrott und Zusammenbruch schien drohend bevorzustehen, und die Erregung in der Geschäftswelt erreichte einen Grad, der fast an Raserei grenzte. Die Agitation, welche Zugeständnisse und Vergleiche mit dem Süden forderte, nahm einen gewalttätigen Charakter an. In der Stadt Boston selbst wurde eine Versammlung von Gegnern der Sklaverei durch einen wütenden Volkshaufen aufgelöst, in dem, wie die Zeitungen berichteten, mehrere der ehrbarsten konservativen Bürger bemerkt wurden.

Die Heftigkeit dieser Demonstrationen trug jedoch dazu bei, eine Reaktion heraufzubeschwören. Inzwischen ließen Berichte aus dem Süden vermuten, daß den Anstiftern und Aufrührern der Sezessionsbewegung kein Kompromiß erwünscht, daß für sie die Erwählung des republikanischen Präsidenten nicht der eigentliche Anlaß ihrer Trennung von der Union sei, sondern daß sie ihnen vielmehr nur eine günstige Gelegenheit bot, endlich ihr langgehegtes Ideal eines selbständigen Bundes der Sklavenstaaten zu verwirklichen. Es stand nur noch in Frage, ob diese Anführer auch die große Masse ihres Volkes mit sich reißen könnten. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde das gelingen; denn in solchen Fällen sind es immer die extremsten Ansichten, die am stärksten auf das Volksgefühl wirken.

Die Botschaft, welche Präsident Buchanan bei der Eröffnung der Kongreßsession erließ, war höchst charakteristisch. Ihr Gedankengang lief im wesentlichen darauf hinaus, daß kein Staat das Recht habe, sich von der Union zu trennen, wenn jedoch ein Staat sich loslösen wolle, so gäbe es keine Gewalt, die berechtigt sei, ihn in der Union festzuhalten. Präsident Buchanan war die Verkörperung jener politischen Gattung, die damals unter der Bezeichnung »nördliche Männer mit südlichen Prinzipien« bekannt war, d. h. ein Politiker des Nordens, der stets bereit war, auf das Geheiß der Sklavereipartei für ihre Interessen zu wirken. Ich war bei einem Empfang im Weißen Hause dem Präsidenten Buchanan gleichzeitig mit einer großen Menschenmenge vorgestellt worden und hatte ihn in Ruhe betrachten können, während er sich nach dem üblichen Händeschütteln mit einigen Senatoren unterhielt. Er war ein stattlicher alter Herr mit einem weißen Kopf, den er meistens etwas zur Seite geneigt hielt, und einem schlauen Blinzeln der Augen, das zu sagen schien: »Es mag wohl den Anschein haben, als sei ich nicht immer Ihrer Meinung, aber zwischen uns gibt es doch ein geheimes Einverständnis, und Sie können sich auf mich verlassen«. Er trug immer ein weißes Halstuch, wie ein Geistlicher. Seiner moralischen Schwäche suchte er den Anschein der Weisheit zu geben. Er konnte die sophistischen Gemeinplätze der Pro-Sklaverei-Demokratie mit dem größten Nachdruck salbungsvoller Gewichtigkeit aussprechen. Der Macht der Sklavereipartei hatte er bei der Kansas-Affäre servile Dienste geleistet, indem er immer wieder Erklärungen der Tatsachen aussprach, an die er selbst unmöglich glauben konnte, und Verfassungslehren ausstreute, die nur durch die kühnste Verdrehung aller Logik gestützt werden konnten. Er vergaß nie, daß er die Präsidentschaft dem Vertrauen verdankte, welches die Sklavereipartei in die Treue setzte, mit der er ihre Forderungen ausführen würde. Er hatte dieses Vertrauen gerechtfertigt, soweit es ihm möglich war und die Umstände es ihm erlaubten. Kein Sklavereifanatiker hätte den Interessen der Sklavenhalter mit größerer Hingabe und, in Anbetracht seiner Stellung als Nordländer, mit mehr Selbstverleugnung dienen können. Indem er die gute Meinung seiner Nachbarn verscherzte, hatte er sich in der Tat zum Märtyrer der Sklavensache gemacht. Als aber nun seine südlichen Herren und Meister so weit gingen, sich zu einer Auflösung der Union, ja sogar zur Vernichtung der Republik zu rüsten, wurde seine Lage wahrhaft verzweifelt. Er mag innerlich gebetet haben, daß sie wenigstens jetzt Erbarmen mit dem armen Nordländer haben würden, der auf dem Präsidentenstuhl der Republik saß, aber sie nutzten ihn bis zuletzt für ihre Zwecke aus. Bei seinen Versuchen, sich zu wehren, verstieg sich sein Mut höchstens zu sophistischen und paradoxen Auslegungen der Verfassung. So befriedigte er keine der Parteien und errang sich nur die Verachtung der beiden. In seinem Kabinett hatte er drei Minister – der Finanzen, des Krieges und des Innern –, von denen er wissen mußte, daß sie mit den Sezessionisten konspirierten. Er erlaubte ihnen, im Amt zu bleiben, bis sie alle Mittel, Schaden anzurichten, die ihnen ihre amtliche Macht in die Hand gab, erschöpft hatten. Was er wirklich erreichte, war, die Anstifter der Sezessionsbewegung durch das Eingeständnis seiner konstitutionellen Machtlosigkeit zu ermutigen und ihnen somit reichlich Zeit zu ungestörten Vorbereitungen zu geben, während die Bundesregierung untätig zusah. Er schreckte vor aktivem Verrat zurück, hatte aber nicht den Mut für aktiven Patriotismus. So brachte Buchanan, dem das Geschick eine der schönsten Gelegenheiten geboten hatte, sich durch die einfache, entschlossene, energische Erfüllung seiner Pflicht einen hohen Ruhm zu erringen, es zustande, als Präsident die elendeste Rolle in der amerikanischen Geschichte zu spielen.

Auch der Kongreß wurde von der im ganzen Lande herrschenden Kompromißepidemie angesteckt, und beide Häuser setzten sogleich nach Eröffnung der Session eine Kommission ein, welche Mittel und Wege für »Ausgleich und Frieden« ersinnen sollte. Während die Schwierigkeiten, die einer Einigung in dieser Frage im Wege standen, fast unüberwindlich schienen, übte die Agitation für einen solchen Kompromiß einen demoralisierenden Einfluß auf die allgemeine Stimmung im Volke und auf die republikanische Partei im besonderen aus, zumal Seward, den man als den radikalsten Anführer der Partei betrachtet hatte, nun in den vordersten Reihen der Vermittler, »Compromisers«, erschien. Mir war wie vielen anderen Sklavereigegnern, Sewards geheimnisvolle Handlungsweise höchst rätselhaft, und wir alle waren voll Unruhe, was sich daraus entwickeln möchte. Was wir fürchteten, war, daß nicht nur die Prinzipien unserer Antisklavereipartei preisgegeben und die Früchte unseres Sieges verzettelt werden möchten, sondern daß, unter dem Einfluß einer momentanen Panik, ein Schritt getan werden könnte, der – um einen damals landläufigen Ausdruck zu gebrauchen – unsere Regierung »mexikanisieren« würde. Darunter verstanden wir, daß das Gefühl der Stabilität erschüttert werden möchte, welches in der absoluten Sicherheit besteht, daß die Minorität bedingungslos das Wahlresultat anerkennt und sich ihm fügt, nachdem einmal die Regierungsbeamten gesetzlich erwählt sind. Wenn diese Regel einmal gebrochen, wenn die Möglichkeit eingeräumt wird, daß die Minorität nach einer Wahl Bedingungen aufstellen kann, von deren Erfüllung ihre Anerkennung der Wahlresultate abhängen soll, dann ist die Stabilität einer republikanischen Regierung verloren. Solange solche Möglichkeit vorhanden ist, wird sich die Republik im Zustand stets sich wiederholender Revolutionen befinden Diese Regel hätten wir gebrochen und vielen anderen Bürgerkämpfen Tür und Tor geöffnet, wenn wir jetzt nach der Wahl einen Handel eingegangen wären, um einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Wir hätten, mit einem Wort, die unentbehrlichste Garantie für die Stabilität und die Ordnung der Republik geopfert, wenn wir nach der gesetzmäßigen Erwählung von Abraham Lincoln die Zustimmung des Südens zu dieser Wahl durch einen Kompromiß irgendwelcher Art erkauft hätten. Es war daher nicht nur das eine oder das andere der Sklavereipartei gemachte Zugeständnis, das bekämpft werden mußte, sondern jeder Kompromiß als solcher, wenn er auch noch so wenig gewähren mochte.

Die große Besorgnis, die ich über diesen Punkt empfand, kam in einer Reihe von Briefen an meinen Freund Mr. Potter von Wisconsin, der meine Ansichten teilte, zum Ausdruck. Diese Unruhe führte mich auch in einer kurzen Pause zwischen meinen Vorträgen wieder nach Washington, wo ich hoffte, meinem Freunde in seinem Bestreben beistehen zu können, einige republikanische Abgeordnete, die vom Kompromißfieber angesteckt waren, in der rechten Bahn festzuhalten. Die Panik hatte sich allerdings, wenigstens im Kongreß, schon sehr gelegt. Mr. Potter gelang es, mich in den Sitzungssaal mitzunehmen, und dort war ich eines Tages Zeuge eines merkwürdigen Schauspieles. Der Abgeordnete Thomas Corwin, »Old Tom Corwin of Ohio«, wie er im Volksmunde. genannt wurde, sollte im Hause sprechen. Er war Vorsitzender der damals berühmten »Kommission der Dreiunddreißig«, die mit der Aufgabe betraut wurde, Vergleichsmaßregeln zu erdenken, durch welche die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Norden und dem Süden geschlichtet werden könnten. Er hatte eine bemerkenswerte Laufbahn hinter sich. Ein hervorragendes Mitglied der Whigpartei, Gouverneur von Ohio, Senator und Finanzminister unter Präsident Fillmore, hatte er der republikanischen Partei in ihren Kämpfen für freie Territorien beigestanden und mit Eifer die Wahl von Lincoln befürwortet. Am besten war er jedoch als Volksredner mit viel Witz, lebhaftem Humor und bestrickender Beredsamkeit bekannt. Jetzt war er ein alter Mann, von Allen hochgeachtet und geliebt, und als er sich bei dieser Gelegenheit im Abgeordnetenhause erhob, drängten sich die Mitglieder, ohne Unterschied der Parteien, dicht um ihn, seiner vom Alter geschwächten Stimme zu lauschen. Es gelang mir, einen Platz auf den Stufen, die zum Pult des Vorsitzenden führten, zu erlangen und so konnte ich über die Köpfe der vor mir Stehenden weg Corwin beobachten, während er sprach; aber aus dieser Entfernung verlor ich, trotz der im Sitzungssaale herrschenden, atemlosen Stille, viele seiner Worte. Da stand er, nicht mehr der Tom Corwin der Wahlkampagne, der seinen Zuhörern schallendes Gelächter und begeisterte Beifallsrufe entlockte, sondern ein sorgenvoller alter Patriot, der treue Anhänger der alten Whigschule mit ihren Kompromiß-Bestrebungen, sein dunkles Gesicht von keinem Funken des gewohnten Humors belebt, sein Ausdruck ernst und bekümmert, während seine überströmende Beredsamkeit fast in Tönen der Verzweiflung die Zuhörer mit intensiver Überredungskraft anflehte, das Rettungsmittel zu ergreifen, das ihm zur Erhaltung seines Vaterlandes nötig schien. Um ihn scharten sich Alle und hörten ihm wie gebannt zu, mit einer fast zärtlichen Ehrerbietung. Die meisten hatten die feste Überzeugung, daß die Zeit für Vergleiche vorüber und all diese Anstrengung vergebens sei; viele Südländer waren schon bereit, in ihre Heimat zurückzukehren, um sich dem Aufstande anzuschließen, während die meisten nördlichen Republikaner fest entschlossen waren, daß das Wahlresultat als endgültig entschieden betrachtet werden müsse und nicht als eine Sache, um die noch gehandelt werden könnte. Es war eine denkwürdige Szene; das letzte ergreifende Todesröcheln der Kompromißpolitik

Als der alte Corwin sich niedersetzte, drängten viele der Abgeordneten sich zu ihm, um ihm nach der Rede, die wahrscheinlich die letzte seines Lebens gewesen war, die Hand zu schütteln. Ich näherte mich ihm mich, und er begrüßte mich freundlich. Er erinnerte sich meiner und bat mich, ihn abends in seiner Wohnung aufzusuchen. Ich fand ihn allein, und wir saßen eine ungestörte Stunde zusammen. Im Laufe der Unterhaltung sprach ich meine Ansicht aus, daß es der festen und geregelten Regierung einer Republik verhängnisvoll werden müsse, wenn man zugäbe, daß das Wahlresultat eine Vergleichs- und Handelssache zwischen der Majorität und Minorität sein könne, und wenn die Anerkennung des Resultats von seiten der Minorität durch Zugeständnisse erkauft werden müsse. »Jawohl!« sagte Corwin, »Ich weiß, daß Ihr jungen Leute das glaubt, und vielleicht stimmt die Mehrzahl der Republikaner mit Euch überein. Aber zu allererst müßt Ihr Eure Republik festhalten. Jetzt müßt Ihr darum kämpfen. Es ist aber nutzlos, noch länger darüber zu disputieren. Ich glaube selbst, daß alle Anstrengungen, einen Vergleich herbeizuführen, umsonst sein werden. Ich habe getan, was ich konnte, aber auf beiden Seiten stehen sie wie die Bulldoggen bereit und begierig auf den Kampf. Wir können nur bitten, daß Gott das Recht schützen möge!«

Als ich im Begriff war, mich zu verabschieden, sagte er: »Ich möchte Ihnen noch etwas Persönliches sagen. Als ich Sie in Alleghany City reden hörte, habe ich bemerkt, daß Sie einen Witz machen und Ihr Publikum zum Lachen reizen können, wenn sie wollen. Ich möchte Ihnen sagen, junger Mann, wenn Sie solche Fähigkeit besitzen, nützen Sie sie nicht aus. Ich weiß, wie groß die Versuchung ist; ich bin ihr unterlegen. Es ist eine der gefährlichsten Dinge für einen Mann im öffentlichen Leben, als Spaßvogel zu gelten. Die Leute werden hingehen, solchen Mann zu hören, aber sie werden enttäuscht sein, wenn er ernst zu ihnen spricht. Sie werden kaum auf das Beste achten, das er ihnen zu bieten hat. Sie wollen den Witzbold hören und sind unzufrieden, wenn er ihnen gesunde Wahrheiten sagt. Das ist mein Los gewesen; betrachten Sie meine Laufbahn. Ich bin jetzt alt. Es ist immer viel mehr an Tom Corwin gewesen, als man ihm zugetraut hat, weil man von Tom Corwin immer nur erwartete, daß er die Leute zum Lachen bringen sollte. Ich weiß nicht, ob man nicht auch heute Witze von mir erwartet hat. Das ist mein Fluch gewesen. Nehmen Sie sich an mir ein warnendes Beispiel, und Gott segne Sie«. Ich war von den Worten des alten Staatsmannes tief ergriffen und gab mir ernstlich Mühe, ihn davon zu überzeugen, daß das Haus seiner Rede mit gespanntem Interesse und mit tiefster Ehrfucht zugehört habe, er aber antwortete mir mit einem trüben Lächeln und ermahnte mich nochmals, seinen Rat zu beherzigen.

Da die südlichen Sezessionisten jeden Kompromiß zurückwiesen, weil sie auf der Gründung einer selbständigen südlichen Konföderation bestanden, und die republikanische Majorität andererseits darauf beharrte, daß die Minorität sich bedingungslos dem Wahlresultat fügen müsse, war jede Vergleichspolitik von vornherein aussichtslos. Obgleich die zeitweiligen Folgen dieses Mißlingens furchtbar waren, so war es doch im Grunde besser so. Der eine heftige Bürgerkrieg hat dem amerikanischen Volk einen Zustand chronischer Unruhen erspart, der gewiß bevorstand, wenn das gesetzmäßige Resultat einer Präsidentenwahl in Frage gestellt und nur bedingungsweise anerkannt worden wäre. Als ich Washington verließ, fühlte ich mich über einen Punkt beruhigt: was auch sonst kommen mochte, das Grundprinzip republikanischer Regierung würde unversehrt bleiben.

Die Wahl Lincolns hatte für mich jedoch Sorgen persönlicher Art zur Folge. Meine Tätigkeit in der Kampagne als Redner und Anführer hatte mir in der siegreichen Partei eine Stellung verschafft, welche mich in den Augen vieler Republikaner mehr als jemals zu einer einflußreichen Person machte. Die widerwärtige Erfahrung, die ich schon in Wisconsin gemacht hatte, wiederholte sich. Man überschwemmte mich mit Briefen, worin ich um Empfehlungen für Ämter unter der neuen Regierung gebeten wurde. Sie kamen in einigen Fällen von ehrbaren und verdienstvollen Männern, die ich kannte und denen ich gern gefällig gewesen wäre, aber die große Mehrzahl war von Leuten unterzeichnet, die mir fremd waren, und ich staunte über die Anzahl von »Freunden«, die ich in den Vereinigten Staaten besaß. Sie waren alle überzeugt, daß die neue Regierung mir für die Dienste, die ich geleistet hatte, eine hohe Stellung schuldig sei und daß ich außerdem viel für meine Freunde würde tun können, denn die Regierung würde mir nichts abschlagen usw. usw. Ich konnte diese Gesuche nicht so erledigen, wie ich es drei Jahre vorher in Wisconsin getan hatte; die Frage, wie ich mich jetzt dabei verhalten sollte, war diesmal viel ernster und verwickelter.

Meine allgemeinen Beobachtungen hatten mich in der Tat von der Unsinnigkeit und Schädlichkeit des sogenannten »Clean sweep« (allgemeinen Beamtenwechsels) bei jedem Regierungswechsel, der eine neue Partei ans Ruder brachte, überzeugt. Mein Einblick in den demoralisierenden Einfluß des Beutesystems war aber noch nicht tief genug, um mich ganz die Bedeutung des Schauspiels erkennen zu lassen, dessen Augenzeuge ich war. Viele der Männer, die am Kampf gegen die Sklaverei beteiligt waren, darunter auch ich, waren so fest von der absoluten Gerechtigkeit unserer Sache überzeugt, daß es uns unverständlich war, wie ein vernünftiges Wesen die entgegengesetzte Ansicht vertreten konnte. Es schien uns, als müsse jemand, der die Dinge anders ansah als wir, mit einem gefährlichen Wahn behaftet sein oder unter einer moralischen Verblendung leiden, die seine Tauglichkeit für einen öffentlichen Vertrauensposten ernstlich beeinträchtigen würde. Zu einer Zeit, wo die Existenz der Republik auf dem Spiele stand und von der unerschütterlichen Treue der hohen Beamten abhängen konnte, war dies keine so übertriebene Auffassung, wie sie es sonst gewesen wäre. Es war genau bekannt, daß in allen Ministerien und Verwaltungsbureaus unverhältnismäßig viele Südländer angestellt waren und daß einige der sezessionistischen Anführer offen damit prahlten, immer mit den frühesten rund genauesten Berichten über alles versehen zu sein, was sich in den inneren Regierungskreisen zutrug. Der Schluß lag nahe, daß, wenn überhaupt jemals, in dieser Krisis ein »Clean sweep« gerechtfertigt, ja vielleicht geboten sein könnte. Ich war daher nicht so empört über die Ämterjägerei und das Protektionswesen, wie ich es unter anderen Umständen gewesen wäre. Mich berührte jedoch der Gedanke sehr seltsam, ja grotesk, daß ich, als Neuling, auch bei der Verteilung der Regierungsämter mitwirken sollte und sogar bei Ämtern von großer Bedeutung; denn von diesen handelten einige der empfangenen Briefe. Ich beschloß endlich, mich darauf zu beschränken, nur die Gesuche jener Bittsteller zu unterschreiben, die ich persönlich als verdienstvolle Männer kannte, und auch nur solche Männer zu empfehlen.

Jetzt aber kam meine persönliche Angelegenheit in Betracht. Ich kann aufrichtig sagen, daß es mir während der Kampagne nie in den Sinn gekommen war, meine Bemühungen als öffentlicher Redner könnten oder sollten durch ein Amt im Staatsdienst belohnt werden. Gleich nach der Wahl aber schien es allgemein als selbstverständlich angenommen zu werden, daß mir die neue Regierung eine bedeutende Stellung anbieten würde. Ich erhielt aus verschiedenen Teilen des Landes Zuschriften, die von zahlreichen Deutsch-Amerikanern unterzeichnet waren und die mir zu den geleisteten Diensten Glück wünschten und die Hoffnung aussprachen, daß mir von der Regierung die gebührende Anerkennung zu teil werden möchte. Hervorragende Republikaner amerikanischer Abstammung, besonders Kongreßmitglieder, in deren Distrikten ich gesprochen hatte, schrieben mir in demselben Sinne. Ich muß gestehen, daß mir dies sehr schmeichelte, und ich ließ mich von meinen Freunden leicht überreden, oder möglicherweise überredete ich mich selbst, daß ich berechtigt sei, irgend ein Amt von Bedeutung zu erwarten. Als mir aber von einigen Kongreßmitgliedern vorgeschlagen wurde, Lincoln offen meine Wünsche auszusprechen, weigerte ich mich aufs entschiedenste. Wie ich auch meinem Berater, Mr. Potter, schrieb, wollte ich um nichts bitten; denn ich fürchtete, meine politische Unabhängigkeit, die ich um keinen Preis opfern wollte, einzubüßen Sollte mir der Präsident aus eigenem Antriebe ein Amt, um das ich nicht gebeten hatte, anbieten, so würde ich dasselbe annehmen können, ohne mir persönliche Verpflichtungen aufzuladen. So ließ ich denn die Sache in den Händen meiner Freunde, und diese Freunde, besonders die Leiter der republikanischen Partei Wisconsins waren sehr dringend in ihrer Forderung an die Regierung, mir einen der ersten auswärtigen Gesandtschaftsposten anzubieten.

Es wurde – angesichts der beunruhigenden Zustände – für ratsam gehalten, daß eine möglichst große Anzahl Republikaner zur Feier des Regierungsantritts in Washington anwesend sein sollte, und ich fand, als ich am 1. März ankam, viele alte und neue Freunde dort vor. Die Luft war noch erfüllt von Gerüchten über »Rebellen-Verschwörungen«. Es hieß, Lincoln solle ermordet oder gefangen genommen und entführt werden, ehe er sich der Zügel der Regierung bemächtigen könne. Welcher Art diese Verschwörungen auch gewesen sein mögen, Lincoln machte allen einen Strich durch die Rechnung, indem er unerwartet und unbemerkt am Morgen des 23. Februar unter guter Bewachung in die Hauptstadt einzog. Aber die Mehrzahl der in der Stadt versammelten Republikaner schien nicht sicher zu sein, daß die Gefahr vorüber war, und witterte in jedem finsteren Gesicht, deren auf den Straßen und in den Fenstern viele zu bemerken waren, verräterische Absichten. Der Regierungsantritt verlief jedoch ohne Störung. Ich hatte das Glück, vor dem Portal des Kapitols einen Platz zu finden, von wo aus ich deutlich jede Einzelheit der offiziellen Handlung sehen und hören konnte. Ich sah Lincoln an das Pult, auf welchem die Bibel lag, treten; sein knorriges, wie aus Holz geschnitztes Gesicht war in dieser Umgebung gelassen und traurig, aber es war so verschieden von allen anderen Gesichtern in dieser hervorragenden Versammlung, daß man sich wohl fragen konnte, wie hier ein Zusammenwirken möglich sei. Ich sah Senator Douglas, der dicht neben ihm stand, seinen besiegten Gegner, den »kleinen Riesen« früherer Zeiten, der nur zwei Jahre vorher Lincoln hochmütig als »großen Zwerg« behandelt hatte. Ich war Augenzeuge jener merkwürdigen Szene, wie Lincoln – im Begriff seine Inaugurationsrede zu halten – nicht sogleich eine passende Stelle fand, wo er seinen Hut hinstellen konnte, und wie Douglas diesen Hut nahm und ihn, einem Bediensteten gleich, hielt, während Lincoln sprach. Ich sah die welke Gestalt des Oberrichters Taney, des Verfassers der berühmten »Dred Scott Decision«, dieses gerichtlichen Kompendiums der Sklavereidoktrin, und sah, wie vor ihm der erste Präsident, der auf Grund eines entschiedenen Antisklaverei-Programms gewählt worden war, den Eid leistete. Ich sah dicht daneben den ausscheidenden Präsidenten, James Buchanan, mit dem etwas seitwärts geneigten Haupt, dem blinzelnden Auge und der weißen Halsbinde Er hatte mehr als irgend ein anderer dazu beigetragen, die Bundesregierung zu entwürdigen und zu erniedrigen und die Rebellion zu befördern, und ging jetzt einer ehrlosen Vergessenheit und der trostlosen Aufgabe entgegen, die Welt glauben zu machen, daß er ein besserer Patriot und Staatsmann gewesen sei, als es den Anschein gehabt haben mochte. Ich hörte jedes Wort der Inaugurationsrede in Abraham Lincolns milder Stimme, jener Rede, die eine Botschaft des Friedens und des Wohlwollens sein sollte, die aber im Süden wie eine Kriegserklärung aufgenommen wurde. So zeigte sich deutlich, daß kein Vergleich, nein, daß nur die unbedingte Annahme ihres Planes, ein unabhängiges Reich von Sklavenhaltern zu gründen, die südlichen Anführer befriedigen würde.

Nach dem Amtsantritt kam ich wiederholt mit Lincoln zusammen, und er empfing mich stets mit größter Herzlichkeit. Wir begegneten uns in derselben offenen Weise wie vorher. Unsere Unterhaltungen drehten sich um politische Fragen und um die Eigenschaften und Befähigung von Amtsbewerbern, die ich vorgeschlagen hatte. Meine eigene Angelegenheit wurde nie zwischen uns erwähnt, bis er mir mit augenscheinlicher Befriedigung ankündigte, daß ich zu der Stellung des Gesandten der Vereinigten Staaten nach Spanien ernannt worden sei. Der Senat bestätigte ohne besondere Verzögerung meine Ernennung. Ich war gespannt, zu erfahren, ob Senator Douglas, den ich während der Kampagne so scharf angegriffen hatte, irgendwelchen Einspruch erhoben hätte, ich vernahm aber, daß er es nicht getan. Seward, der Staatsminister, hatte jedoch, wie ich später von Mr. Potter erfuhr, einige Einwände dagegen vorgebracht. Er behauptete, daß ich, der ich mich noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit an revolutionären Bewegungen in Europa beteiligt hätte, in diplomatischer Eigenschaft an einem europäischen Hof nicht gern gesehen sein würde, und daß dies zu einer kritischen Zeit, wie die jetzige, in der wir alle Ursache hätten, uns eines guten Einvernehmens mit auswärtigen Mächten zu bestreben, von Wichtigkeit sei. Lincoln entgegnete hierauf – wie mir mein Berichterstatter mitteilte –, daß man mir diskretes Verhalten zutrauen dürfe, daß er mir jedenfalls sein Vertrauen schenke. Es komme übrigens dieser republikanischen Regierung nicht zu, sich von der Tatsache zu einer Ablehnung bestimmen zu lassen, daß ein Mann anderswo für die Freiheit gekämpft habe – womit jeder gute Amerikaner nur sympathisieren sollte; es sei vielmehr ganz gut, europäische Regierungen mit dieser Auffassung vertraut zu machen – und endlich müsse die innere politische Bedeutung meiner Ernennung berücksichtigt werden. Er wurde in dieser Ansicht energisch von Mr. Chase, dem Finanzminister, und von Mr. Montgomery Blair, dem Postmaster-General, unterstützt. Als Lincoln einen so entschiedenen Standpunkt einnahm, gab Seward endlich nach, aber in ungnädiger Weise. Die Angelegenheit veranlaßte ihn sogar zu einem Ausbruch sehr übler Laune. Als Mr. Potter in Begleitung eines anderen republikanischen Kongreßmitgliedes aus Wisconsin eines Tages die Sache mit Seward im Auswärtigen Amt besprach und beiläufig bemerkte, daß es vielen Leuten eine große Enttäuschung sein würde, wenn man mir eine derartige Auszeichnung nicht zuteil werden ließe, sprang Mr. Seward von seinem Stuhl auf, lief ein paarmal aufgeregt im Zimmer auf und ab und rief aus: »Enttäuschung! – Sie sprechen mir von Enttäuschung, mir, dem gerechterweise die republikanische Nomination für die Präsidentschaft gebührte und der zurückstehen und zusehen mußte, wie dieselbe einem kleinen Illinois-Advokaten gegeben wurde! Sie sprechen mir von Enttäuschungen!«

Diese Geschichten kamen mir erst zu Gehör, nachdem die Sache endgültig beschlossen war, zu spät, meine Handlungsweise noch beeinflussen zu können. Ich glaube aber, daß es sich im wesentlichen so verhielt, wie Mr. Potter es mir erzählte – Sewards Wutausbruch mit einbegriffen. Seward ließ sich bewiesenermaßen in dem Gefühl, daß ihm von der republikanischen Partei ein großes Unrecht angetan sei, bei verschiedenen Gelegenheiten zu ähnlichen Ausfällen hinreißen; gleich vielen anderen war er zu jener Zeit noch nicht zur Erkenntnis und Würdigung von Lincolns Fähigkeiten und Charaktereigenschaften gelangt und sah auf ihn, wie auf einen tief unter ihm stehenden Menschen herab. Was aber die Gründe anbetrifft, die Seward gegen meine Sendung an einen europäischen Hof geltend gemacht hatte, so war er unzweifelhaft im Recht. Ich glaube, ich hätte als Staatsminister genau so gehandelt. In der Tat aber erwiesen sich seine Befürchtungen als unbegründet Bald nach Bestätigung meiner Ernennung durch den Senat empfing ich einen Besuch von Señor Tassara, dem spanischen Gesandten in Washington, der Journalist und, wie ich glaube, selbst einmal Revolutionär gewesen war. Er gab mir zu verstehen, daß der spanischen Regierung meine Ernennung angenehm sein würde. Im Laufe der Zeit gestalteten sich meine persönlichen Beziehungen zu dieser Regierung in der Tat zu sehr freundschaftlichen. Es hätte jedoch ebensogut anders kommen können, und Seward hatte durchaus recht, wenn er ein unnötiges Risiko vermeiden wollte. So oft ich in späteren Jahren über diese Episode meiner Laufbahn nachdachte, habe ich mir innerlich vorgeworfen, Sewards Auffassung der Situation nicht selbst vorausgesehen zu haben, obgleich sie mir damals, als sich die Frage in der Schwebe befand, noch unbekannt war. Ich hätte es mir jedenfalls selbst überlegen sollen. Aber ich muß gestehen, daß der Gedanke mit allen Würden eines bevollmächtigten Ministers und außerordentlichen Gesandten der Vereinigten Staaten nach Europa zurückzukehren, wenige Jahre nur, nachdem ich mein Vaterland als politischer Flüchtling verlassen hatte, meinem Stolz, oder soll ich lieber sagen, meiner Eitelkeit außerordentlich schmeichelte. Als ich aber erfuhr, welche Diskussionen meiner Ernennung vorausgegangen waren, genoß ich den Triumph nichts so ungetrübt, wie ich erwartet hatte. Selbst während ich offizielle und persönliche Glückwünsche in überraschender Menge empfing, quälten mich heimliche Zweifel darüber, ob mir nun wirklich die erlangte Stellung gebührte, und ob nicht die Tatsache, daß meine Freunde mir dieselbe mit meinem Wissen und meiner Zustimmung erwirkt hatten, gleichbedeutend sei mit einer persönlichen Bewerbung. In diesem Gemütszustand befand ich mich, als ich von Washington abreiste, um nach meinem Heim in Wisconsin zurückzukehren.

Ich war noch nicht lange dort, als die verhängnisvolle Nachricht von dem Angriff der Rebellen auf Fort Sumter im Hafen von Charleston das Land in Schrecken setzte. Ein Aufruf des Präsidenten, in welchem er 75,000 Freiwillige verlangte, erfolgte sogleich, und kaum eine Woche später der blutige Angriff einer Meute von Sezessionisten auf das 6. Massachusetts-Regiment, während es durch Baltimore marschierte. Es ist unmöglich, die zündende Wirkung zu beschreiben, die diese Begebenheiten auf die Volksstimmung der nördlichen Staaten ausübten. Bis zum Augenblick, da die erste Kanone auf Fort Sumter abgeschossen wurde, hatten viele patriotisch gesinnte Menschen heimlich noch immer die Hoffnung gehegt, die Union könne ohne Kampf gerettet werden. Jetzt war plötzlich der Bürgerkrieg zur Gewißheit geworden. Die Frage: was hätte sein können, schwand plötzlich vor der Frage: was nun werden sollte. Ein mächtiger Ruf erscholl, daß die Republik um jeden Preis gerettet werden müsse. Es war einer jener erhabenen Momente patriotischer Begeisterung, in dem jeder bereit ist, für eine gemeinsame Sache alles zu tun und alles zu opfern, der wie ein plötzlicher Sonnenglanz aus dunkler Wolke, wie ein idealer Lichtblick in der Geschichte der Völker hervorbricht.

Die Zeitungen berichteten, daß alle durch Baltimore laufenden Eisenbahnverbindungen mit dem Norden abgeschnitten und die Stadt Washington fast wehrlos sei; eine feindliche Macht könne dort jeden Augenblick eindringen, ohne auf Widerstand zu stoßen, die öffentlichen Gebäude würden verbarrikadiert und die Beamten mit Waffen ausgerüstet, und die Regierung hätte die Hilfe jedes Mannes, der in die Hauptstadt kommen könne, dringend nötig; Ich hielt es für meine Pflicht, sofort nach Washington zu eilen, um die Dienste, die ich zu leisten fähig war, anzubieten. Die Pistolen, die ich bei der Befreiung Kinkels bei mir getragen hatte, steckte ich in meine Handtasche und machte mich auf den Weg. Nie werde ich den Kontrast zwischen dieser und der vorhergehenden Reise vergessen. Als ich vor kurzem von Washington aus nach dem Westen gereist war, schien eine furchtbare Last düsterer Erwartung das ganze Land zu bedrücken. Die Reisenden in den Eisenbahnwagen unterhielten sich im Flüsterton, als fürchteten sie den Klang der eigenen Stimme. An allen Eisenbahnstationen standen Leute mit sorgenvollen Mienen auf die Zeitung wartend, die sie hastig aufrissen, um die Überschriften zu lesen, und die sie sich dann gegenseitig mit einem Seufzer der Enttäuschung reichten. Viele schienen sich im unklaren zu sein, nicht nur darüber, was sie zu erwarten hätten, sondern auch darüber, was sie sich eigentlich wünschen sollten. Und jetzt – welch ein anderes Bild! Jeder Bahnhof wimmelte von aufgeregten Menschenmassen, überall wurde in jubelndem Hurrageschrei ein Hoch auf die Union und auf Lincoln ausgebracht. Das Sternenbanner flatterte von unzähligen Flaggenstangen, von allen Seiten tönte Trommelwirbel und Pfeifenklang. Die Eisenbahnwagen waren überfüllt mit jungen Leuten, die sich nach der nächsten Anwerbestelle drängten, um sich einschreiben zu lassen; sie alle waren nur um das Eine besorgt, daß sich in den hastig zusammengestellten Regimentern keine Stelle mehr für sie finden möchte, oder daß die Regimenter Washington zu spät erreichen könnten, um die Stadt vor einem Rebellenangriff zu schützen. Nach den Szenen zu urteilen, die ich an den Eisenbahnstationen beobachtete, waren Partei-Unterschiede wie ausgewischt. Männer, die sich während der politischen Kampagne mit Fäusten bedroht hatten, drückten sich jetzt im Gefühl gemeinsamer Vaterlandsliebe die Hand. Auch gesellschaftliche Unterschiede schien es kaum mehr zu geben. Der Millionärssohn eilte an der Seite des Arbeiters zur Fahne. Die Eisenbahnfahrt schien durch eine ununterbrochene Reihe von Anwerbelagern zu gehen, in denen bei Tag und Nacht die größte Unruhe und Geschäftigkeit herrschte.

Als wir in Perryville am Susquehanna, zwischen Wilmington, Delaware und Baltimore, ankamen, fanden wir, daß die Eisenbahnverbindung zwischen Washington und dem Norden immer noch unterbrochen war. Es wurde berichtet, daß die Sezessionisten des Staates Maryland von Baltimore Besitz ergriffen hätten. Die nach Washington Reisenden mußten bei Perryville von einem Dampfboot nach Annapolis gebracht werden, wo eine kleine Truppe von Bundessoldaten unter dem Befehl des Generalmajor Benjamin F. Butler von Massachusetts versammelt war. Indem ich mich der Wache als Angestellter der Regierung vorstellte, der auf dem Wege nach Washington sei, wurde ich sofort vor den General in sein Hauptquartier geführt. Ich fand ihn in eine prachtvolle, reich mit Goldstickerei verzierte Milizuniform gekleidet. Seine gedrungene, korpulente Figur, sein schielendes Auge und seine aufgedunsenen Backen verliehen ihm ein fast groteskes Aussehen. Nur einer Person ohne jedweden Humor hätte es entgehen können, mit welchem Behagen sich General Butler seiner für ihn neuen Machtstellung und der damit verbundenen Gelegenheit zu theatralischem Aufwand erfreute. Er empfing mich mit der größten Höflichkeit und versicherte mir, daß ich wohlbehalten an meinen Bestimmungsort gebracht werden sollte; soeben sei er damit beschäftigt, den Eisenbahnverkehr zwischen Annapolis und Annapolis-Junction auf den Verbindungslinien zwischen Baltimore und Washington wieder zu eröffnen; der erste Zug solle vor Anbruch der Nacht abgehen; man werde mich bereitwillig mit diesem Zuge befördern und bis dahin sollten mir alle Bequemlichkeiten seines Hauptquartiers zur Verfügung stehen. Während wir uns unterhielten, trafen von Zeit zu Zeit Offiziere ein, um Bericht zu erstatten oder Befehle entgegenzunehmen. Nichts hätte eindrucksvoller sein können als die Miene wichtigster Autorität, mit welcher der General jeden empfing, und der Ton kurzangebundener Entschiedenheit eines Bühnenhelden, mit dem er seine Befehle austeilte. Nach jeder solchen Szene sah er sich mit einem gewissen triumphierenden Blick um, als wolle er sich von der Wirkung auf die Umstehenden überzeugen. Man kann jedoch nicht leugnen, daß er alles in schnelle Bewegung brachte, und ohne Zweifel überwand er seine theatralischen Neigungen, nachdem sich das Neue der Situation abgeschwächt hatte. Vor Dunkelheit war der Zug zur Abfahrt bereit.

Der General schickte eine kleine Abteilung Infanterie dem Zuge voraus, um die Schienen zu bewachen und den Wald zwischen Annapolis und Annapolis-Junction zu durchstreifen, so daß wir nur im Schneckengang vorwärts kamen. Es war nach Mitternacht, als wir die Junction erreichten Dort fanden wir in einem Wäldchen von hohen Bäumen Oberst Ambrose Burnside im Biwak. Die Lagerfeuer brannten hell, die Soldaten, in rotwollene Decken gehüllt, lagen in malerischen Gruppen umher. Oberst Burnside, das Ideal eines schönen Soldaten, war noch wach und in voller Tätigkeit, und empfing uns mit der ihm eigenen Herzlichkeit. Der junge Gouverneur Sprague von Rhode Island, in Uniform, mit einer wehenden gelben Feder am schwarzen Filzhut, war auch zur Stelle. Er ließ sich nicht zurückhalten, als seine Leute zur Front rückten. Dieses Rhode Island- Regiment war berühmt durch die große Zahl von Millionären, die in seinen Reihen dienten.

Bald nach Sonnenaufgang war ein Zug nach Washington unterwegs. Er war mit Militär und einigen Zivilisten angefüllt. Ich ging zu Fuß in die Stadt hinein, während sich die Soldaten am Bahnhof in Reih und Glied aufstellten. Die Straßen, welche ich wenige Wochen zuvor von einer aufgeregten Menge belebt gesehen hatte, erschienen jetzt verlassen und öde. Von den wenigen Personen, denen ich auf dem Trottoir begegnete, starrten mich einige mit finsterem Ausdruck an, als wollten sie fragen: »Was haben Sie hier zu schaffen?« Es wurde mir später erzählt, daß die ersten Truppen, die in die Stadt einmarschierten, von den Einwohnern aus Türen und Fenstern mit Flüchen und beleidigenden Zurufen empfangen wurden, da die Einwohnerschaft von Washington größtenteils mit den Sezessionisten sympathisierte. Sobald wie möglich meldete ich mich bei Präsident Lincoln im Weißen Hause. Er schien überrascht, aber erfreut, mich zu sehen. Ich erzählte ihm, warum ich gekommen sei, und er war mit meiner Handlungsweise einverstanden.

In seiner ihm eigentümlichen Art beschrieb er mir, welche Angst und Sorge er seit dem Angriff der Rebellen auf Fort Sumter durchgemacht habe, bis die nördlichen Truppen Washington erreichten. Er erzählte mir eine für die damalige Sachlage bezeichnende Begebenheit, welche ich gern in seiner eigenen Sprache wiederholen möchte, die ich aber nur dem Inhalt nach wiedergeben kann. Eines Nachmittags, nachdem er seinen Aufruf, in dem er um Truppen warb, erlassen hatte, saß er allein in seinem Arbeitszimmer, und ein Gefühl vollständiger Verlassenheit und Hilflosigkeit beschlich ihn. Es kam ihm der Gedanke, daß, wenn eine auch nur mäßig starke Truppenabteilung der Sezessionisten in der Nähe sei, sie mit größter Leichtigkeit die lange Brücke über den Potomac kreuzen und ihn und die Mitglieder des Kabinetts allesamt einfach gefangen nehmen könnte. Dann hörte er plötzlich eine Kanone. »Da sind sie!« sagte er sich. Er erwartete, jeden Augenblick würde jemand mit der Nachricht eines Angriffes hereinstürzen. Die Angestellten im Weißen Hause, die er befragte, hatten nichts gehört. Niemand kam, und es blieb alles still. Dann beschloß er, selbst der Sache auf den Grund zu gehen. So ging er hinaus und ging weiter, immer weiter, bis er an das Zeughaus kam. Dort fand er alle Türen offen und keine Menschenseele, die sie bewachte. Irgendein Unbefugter hätte hineingehen und sich der Waffen bemächtigen können. Es herrschte vollkommene Einsamkeit und Stille rings umher. Er kehrte zum Weißen Hause zurück, ohne das geringste Zeichen irgendwelcher Störung wahrzunehmen. Unterwegs begegnete er einigen Leuten, die er befragte, ob sie nicht ein Geräusch, wie fernes Geschützfeuer gehört hätten. Keiner hatte etwas bemerkt, und so nahm er an, daß es eine Vorspiegelung seiner Einbildung gewesen sei.

Im Laufe unserer Unterhaltung machte ich meinem Herzen wegen meiner Gewissensskrupel Luft. Ich sagte ihm, daß, seitdem die jüngsten Ereignisse einen kriegerischen Konflikt mit den abtrünnigen Staaten bestimmt erwarten ließen, es sehr gegen mein Gefühl ginge, als Gesandter nach Madrid zu reisen, um dort meine Tage in der Sorglosigkeit und dem Wohlleben einer diplomatischen Stellung hinzubringen, während die jungen Männer des Nordens ihr Leben im Felde aufs Spiel setzten, um die Republik zu verteidigen. Da ich als politischer Redner geholfen hatte, den augenblicklichen Zustand der Dinge herbeizuführen, so zöge ich auch vor, die Folgen mitzutragen, ich hätte in den revolutionären Kämpfen meines Vaterlandes etwas vom Felddienst kennen gelernt und seitdem alles, was mit dem Krieg zusammenhänge, mit Vorliebe studiert; mit Freuden würde ich meiner Mission nach Spanien entsagen und sofort der freiwilligen Armee beitreten.

Lincoln hörte mir mit Aufmerksamkeit und unverkennbarer Sympathie zu. Dann sagte er, nach einem Augenblick des Schweigens, daß er meine Empfindungen vollkommen zu verstehen und zu würdigen vermöchte, daß er mir aber nicht raten würde, die spanische Mission aufzugeben. Er glaube, daß mir diese diplomatische Stellung eventuell ein größeres Feld der Nützlichkeit bieten werde. Der Krieg könnte möglicherweise sehr bald schon zu Ende sein. Viele Leute, deren Urteil man vertrauen dürfte, seien dieser Ansicht. Seward spreche von 60 oder 90 Tagen. Er selbst sei durchaus nicht so sanguinisch, aber er könne sich wohl irren. In wenigen Wochen würden wir schon in der Lage sein klarer hierüber zu urteilen. Er halte es nicht für notwendig, daß ich sofort nach Spanien aufbreche. Ich sollte mich darüber mit Seward besprechen. Er würde wahrscheinlich alles so einrichten können, daß meine Abreise wenigstens ein bis zwei Monate verschoben würde.

Daraufhin besuchte ich Seward und berichtete ihm über mein Gespräch mit dem Präsidenten. Seward war sehr zuvorkommend. Er meinte, daß Mr. Horatio Perry, ein sehr fähiger und patriotischer Herr, der schon früher mit unserer Gesandtschaft in Spanien in Verbindung gestanden hatte, kürzlich mit meiner Zustimmung zum Legationssekretär ernannt worden war und sich schon an Ort und Stelle befand, bis zu meiner Ankunft in Madrid als Geschäftsträger fungieren könnte und ich mich also nicht zu beeilen brauche.

Darauf legte ich Lincoln folgenden von mir entworfenen Plan vor: in dem uns bedrohenden Kriege wäre es unzweifelhaft von Wichtigkeit, über eine leistungsfähige Kavallerietruppe verfügen zu können. Das Formieren und Einexerzieren der aus rohem Material zusammengestellten Kavallerietruppen würde viel Zeit beanspruchen. Ich sei jedoch überzeugt, daß sich in der Stadt New York und Umgebung Hunderte von körperlich kräftigen deutschen Einwanderern befänden, die bei der deutschen Kavallerie ausgebildet und bewaffnet, nur aufs Pferd gesetzt zu werden brauchten, um zu sofortigem Dienst bereit zu sein. Es würden sich auch gewiß Kava1lerieoffiziere finden, die in der preußischen oder in anderen deutschen Armeen ausgebildet wären. Ich glaubte, daß ich, da ich unter den deutschgeborenen Einwohnern des Landes ziemlich gut bekannt war, die geeignete Person sei, ein solches Regiment zu organisieren, wenn die Regierung mir die nötige Vollmacht dazu verleihen würde. Lincoln war mit meinem Plan sehr zufrieden und schickte mich sofort zu Cameron, dem Kriegsminister, um mit ihm die nötigen Anordnungen zu besprechen. Auch Cameron war durchaus einverstanden, hielt es aber für notwendig, daß ich die Sache General Scott, dem Oberbefehlshaber der Armee, unterbreitete, ehe sie endgültig zur Ausführung gebracht würde. Ich hatte General Scott noch nie gesehen, er war mir aber als ein etwas großtuerischer alter Herr beschrieben worden, der auf militärischem Gebiet Meinungen, die im geringsten von den seinen abwichen, nicht gelten ließ. Da ich mit einiger Besorgnis einer Unterredung mit ihm über diese Sache entgegensah, bat ich Cameron um eine Einführung, damit mich der General nicht sofort als einen Eindringling empfangen möchte. So ausgerüstet ging ich zum General, der, nachdem er meinen Brief gelesen, mich aufforderte, Platz zu nehmen. Als ich ihm aber meinen Plan auseinandersetzte, nahm sein Gesicht einen Ausdruck strenger, beinahe ungeduldiger Überlegenheit an. Seine Frage, ob ich im Organisieren und Einexerzieren von berittenen Truppen irgendwelche Erfahrung besäße, war für mich von böser Vorbedeutung. Als ich gestehen mußte, daß ich solche Erfahrung nicht besaß, entgegnete er mir, daß er das aus meinem Vorschlag geschlossen habe. Sollte es überhaupt zu einem Krieg kommen, fügte er hinzu, so würde er nur von kurzer Dauer sein. Er würde längst vorüber sein, ehe freiwillige Kavallerietruppen zum aktiven Dienst im Felde bereit gemacht werden könnten. Zudem werde Virginia der Schauplatz des Krieges sein, und das Terrain von Virginia sei kreuz und quer von Zäunen und anderen Hindernissen so durchschnitten, daß das Manövrieren von größeren Kavallerietruppen unausführbar sein würde. Die regulären Dragoner, die er habe, genügten für alle Zwecke.

Ich erkannte natürlich die gänzliche Nutzlosigkeit eines Versuches, noch länger über diese Sache mit solch hoher Autorität zu argumentieren. Als ich Lincoln und Cameron meine Unterhaltung mit General Scott berichtete, stimmten sie beide darin überein, daß der alte Herr eine zu begrenzte Auffassung der gegenwärtigen Erfordernisse habe. Es wurde mir auf der Stelle die erwünschte Vollmacht zur Zusammenstellung eines Regiments erteilt und ich machte mich nach New York auf den Weg.

Ich fand die Bevölkerung von New York durch die Erstürmung von Fort Sumter und des Präsidenten Freiwilligenaufruf zur höchsten patriotischen Begeisterung entflammt. In allen Teilen der Stadt waren Anwerbestellen. Das Bilden von Regimentern schritt rasch vorwärts. Wohlhabende Kaufleute wetteiferten miteinander in freigiebigen Beiträgen für die Ausstattung der Truppen, und unzählige Frauen aus allen Gesellschaftsschichten waren eifrig damit beschäftigt, Kleidungsstücke und Verbandzeug für die Soldaten anzufertigen, oder Standarten zu sticken. Es wurde kaum noch in öffentlichen Plätzen, Klubs oder Familienkreisen von etwas anderem gesprochen. Die ganze Stadt hallte wieder von patriotischen Reden und kriegerischer Musik. Der Parteigeist verstummte in dieser allgemeinen nationalen Begeisterung. Männer, die gestern noch jeden Republikaner als gemeinen Abolitionisten und jeden Abolitionisten als Feind des Landes verschrien und laut geschworen hatten, daß keine bewaffnete Kriegsschar durch die Stadt New York marschieren dürfe, eilten jetzt selbst zu den Waffen. Es gab unzweifelhaft viele Menschen in den nördlichen Staaten, die Gefühle der bittersten Feindschaft hegten gegen die neue Regierung und gegen die Sache, welche diese vertrat, aber jene Feindschaft, die sich später in der sog. »Copperhead«-Bewegung Luft machte, wurde im Frühling und Anfang des Sommers von 1861 entweder durch Einschüchterung zum Schweigen gebracht, oder ihre Äußerungen waren so schwach, daß sie in dem Aufruhr des patriotischen Sturmes kaum hörbar wurden. Es war eine echte Erhebung des Volkes voll edelster Begeisterung. Ein wahrer Geist der Gleichheit und Brüderlichkeit machte sich in diesem großen allgemeinen Streben zur Rettung der Republik geltend. Soziale Unterschiede waren vergessen. Der wohlhabende Kaufmannssohn fand es durchaus natürlich, an der Seite seines Untergebenen das Gewehr auf die Schulter zu nehmen, oder von seinem Kommis, der zufällig als Mitglied einer Milizkompagnie die Führung der Waffen gelernt hatte, einexerziert zu werden. Nicht weniger kampfeslustig als der Eingeborene war der eingewanderte Bürger. Die Irländer, obgleich sie fast alle Demokraten gewesen waren, machten sich durch ihre kriegerische Gesinnung besonders bemerkbar, und die Deutschen haben, wie berechnet wurde, von allen Nationalitäten im Verhältnis zu ihrer Zahl, die größte Menge von Soldaten geliefert.

Interessante Geschichten werden davon erzählt, welche List einige patriotische Jünglinge anwandten, um sich während der ersten beschränkten Truppenanwerbungen in die Reihen der gemeinen Soldaten einzuschmuggeln. Einige Beispiele dieser Art kamen uns zu Ohren, wie das Vorrecht, als Gemeine eingereiht zu werden, nicht nur mit dem größten Eifer, als handele es sich um die wertvollste Anstellung, erstrebt, sondern sogar durch sehr fragwürdige Mittel erreicht wurde. Man kaufte nämlich eine Person, die das Glück gehabt hatte, wirklich angeworben zu sein, durch schwere Bestechungen los, um sich dann, betrügerischerweise, für dieselbe auszugeben. Ich selbst habe solche Fälle kennen gelernt.

Als ich in meiner Anwerbungsmission in New York ankam, waren mehrere deutsche Infanterieregimenter schon beinahe vollzählig. Sie standen vornehmlich unter dem Kommando von Oberst Max Weber, früherem Offizier in der badischen Armee, die 1849 zu den damaligen Revolutionären übergegangen war, von Oberst Blenker, der einen Teil der revolutionären Truppen der Pfalz kommandiert hatte, und von Oberst von Gilsa, einem früheren Offizier der preußischen Armee. Zur selben Zeit waren zwei andere Offiziere der Revolution, Oberst von Schimmelpfennig und Oberst Mahler, die 1849 in der Pfalz und in Baden gedient hatten, damit beschäftigt, deutsche Freiwilligenregimenter in Pittsburgh und in Philadelphia zu organisieren, während Franz Sigel und andere deutsche Revolutionäre in ähnlicher Weise im Westen tätig waren. In New York zog Oberst Blenker die Hauptaufmerksamkeit auf sich. Er war in der Tat eine außerordentlich malerische Persönlichkeit. In meinen Erinnerungen des pfälzischen Aufstandes von 1849 habe ich beschrieben, wie die Erscheinung der kriegerischen Gestalt Blenkers auf einem stolzen Hengst an der Spitze seiner bewaffneten Bataillone, den Mut der zurückweichenden revolutionären Streitkräfte neu belebte. Nach dem Mißlingen des süddeutschen Aufstandes wanderte er mit vielen tausend Leidensgefährten nach Amerika aus und wurde reisender Agent für ein damals sehr populäres und erfolgreiches deutsches Wochenblatt, die »Kriminalzeitung«. Wenn Blenker in einer Stadt erschien, versammelte sich bald, durch sein großartiges Auftreten und seine hochfliegende Beredsamkeit angezogen, eine große Zuhörerschaft. Diese Beredsamkeit übte er beständig zur großen Belustigung Vieler, während er wegen seines ehrenwerten Charakters allgemeine Achtung genoß. Beim Ausbruch des Bürgerkrieges bot er sofort der Regierung seine Dienste an und zeichnete sich durch die hervorragend erfolgreiche Organisation eines Freiwilligenregimentes aus. Sogleich nach meiner Ankunft in New York besuchte ich ihn in seinem Hotel und wurde mit großer Liebenswürdigkeit empfangen. Als ich seine Einladung, ein Glas Wein mit ihm zu trinken und eine Zigarre zu rauchen, angenommen hatte, klingelte er und sagte dem höchst erstaunten Kellner mit großartiger Gebärde: »Bringen Sie mir eine Kiste Burgunder und einen Kasten Ihrer besten Havannas!« Einige Tage später lud er meine Frau, die inzwischen eingetroffen war, und mich ein, sein Regiment zu besichtigen. Die prächtige Regimentsmusik begann zu spielen, während uns Oberst Blenker in Galauniform auf eine kleine Tribüne führte, die zu diesem Zwecke errichtet war, und das Regiment im Paradeschritt an uns vorbei marschierte. Als die Parade vorüber war, wurden die Offiziere zusammengerufen, um der »Dame Schurz«, wie Oberst Blenker meine Frau zu nennen beliebte, vorgestellt zu werden. Nach Erledigung dieser Zeremonie entließ Oberst Blenker seine Offiziere mit einer Handbewegung, die nicht königlicher von Ludwig XIV. selbst hätte ausgeführt werden können. Von allen öffentlichen Veranstaltungen, die ich das Glück gehabt habe, mitzumachen, war keine feierlicher als diese.

Der Ausmarsch eines neugebildeten Freiwilligenregiments den Broadway hinunter zur Battery, wo es nach Washington eingeschifft wurde, war in jenen Tagen jedesmal die Veranlassung für Ausbrüche höchster patriotischer Begeisterung von seiten der Menge, die dicht gedrängt auf den Straßen, in den Türen und den Fenstern stand. Die Menschen hatten nie genug von solchen Schauspielen. Als aber Blenkers Regiment ausmarschierte, kannte der allgemeine Jubel keine Grenzen. Nicht nur das ganze Deutschtum von New York war aus der Straße, sondern auch Tausende von Männern und Frauen anderer Nationalitäten, die von dem stattlichen Oberst und seinen Leuten gehört hatten. Und ihre Erwartungen wurden nicht getäuscht. Das Regiment in hellgrauen Uniformen (zu jener Zeit wurde es den Freiwilligen noch gestattet, ihrem eigenen Geschmack in bezug auf Kleidung zu folgen) bot, was die Ausrüstung sowohl wie die militärische Haltung betraf, einen prächtigen Anblick. An der Spitze seines Regimentes marschierte Oberst Blenker zu Fuß im Paradeschritt, der die Zuschauer in Erstaunen setzte. Durch nichts hätte die hoheitsvolle Anmut übertroffen werden können, mit welcher er die geräuschvollen Kundgebungen der bewundernden Menge auf den Straßen und das Wehen der Taschentücher, das ihn aus den Fenstern begrüßte, erwiderte.

Als er im Laufe der Ereignisse verdientermaßen zum Brigadegeneral avancierte, erregte sein Hauptquartier im Felde das Staunen und den Neid der ganzen Armee des Potomac. Sein Zelt war einzig in seiner ausgesuchten vornehmen und geschmackvollen Einrichtung. Nicht nur Offiziere der Armee, sondern auch Zivilisten kamen von weither, es sich anzusehen, und er empfing sie mit verschwenderischer Gastfreiheit. Unser Krieg hatte viele deutsche Offiziere angezogen, die eine Anstellung in der Armee suchten, darunter auch Adelige von hohem Rang. Einige von diesen Herren waren General Blenkers Stab als besondere Adjutanten beigegeben. Er war somit imstande, sich von einer Art Hofstaat zu umgeben, der sich durch viele hohe Titel auszeichnete. Man erzählte sich, daß General Blenker seine Befehle oft in folgender Weise erteilte: »Prinz A., tragen Sie dem Grafen B. auf, daß er heute Nacht die Vorposten besichtigen und den Baron C. mitnehmen soll.« Blenker lieferte aber den Beweis, daß ein Mann ein richtiger Bühnengeneral und zugleich ein sehr diensttüchtiger Soldat sein kann. Er war ein durchaus tapferer Mann, ein ausgezeichneter Organisator und ein fähiger Befehlshaber. Das Regiment, welches er zusammengestellt hatte, konnte als Muster dienen, und die Brigade, die er an dem Unglückstag der ersten Schlacht von Bull Run kommandierte, stand felsenfest, in vollkommenster Ordnung, als alles in der Flucht der von panischem Schrecken befallenen Armeen mit fortgerissen wurde. Während er seine Freunde mit seinen theatralischen Sonderlichkeiten belustigte, genoß er ihre aufrichtige Achtung.

Ich fand in New York, daß sich viele Kavalleristen, auf die ich gezählt hatte, schon in Infanterieregimentern hatten anwerben lassen. Es waren jedoch noch genug übrig geblieben, um mir zu ermöglichen, in sehr kurzer Zeit mehrere Kompagnien zu bilden, und ich hätte sicherlich mein Regiment rechtzeitig für den Sommerfeldzug vervollständigt, wäre ich in meiner Arbeit nicht durch eine Abberufung der Regierung unterbrochen worden. Ich erhielt vom Staatsminister einen Brief mit der Mitteilung, daß die Umstände meine Abreise nach Madrid und meinen Antritt des dortigen Postens durchaus wünschenswert erscheinen ließen und daß er mich bäte, mich sobald wie möglich in Washington bei ihm zu melden. Das war ein harter Schlag. So sollte ich also doch in diesem kritischen Moment Amerika verlassen, um auf meinen diplomatischen Posten zu gehen. So schwer es mir wurde, ich mußte gehorchen. Ich betrachtete es als gerechte Strafe dafür, daß ich jemals dem mir schmeichelnden Gedanken, in Europa als amerikanischer Gesandter zu erscheinen, nachgegeben hatte. Mein Amt als Werbeoffizier wurde sogleich auf den Oberst McReynolds aus Michigan übertragen, und ich reiste von New York nach Washington. Mein Regiment wurde innerhalb weniger Wochen von meinem Nachfolger vervollständigt und erwarb sich als das 1. New Yorker Kavallerieregiment von Freiwilligen einen ausgezeichneten Ruf. So hatte sich denn General Scotts militärisches Urteil einmal als unzutreffend erwiesen. Der Krieg war doch noch nicht zu Ende, ehe die Freiwilligenkavallerie bereit war, ins Feld auszurücken und die Zäune und vielfachen Hemmnisse auf dem Terrain von Virginia hinderten sie nicht daran, gute Dienste zu leisten.

Als ich mich bei Seward meldete, wurde mir von ihm gesagt, daß, wenn auch Mr. Perry, der Legationssekretär in Madrid, als Geschäftsträger das Amt ganz zufriedenstellend verwaltet habe – und er konnte ihn mir nicht warm genug empfehlen –, so werde doch jetzt ein Gesandter vollen Ranges am spanischen Hof notwendig gebraucht.

Ich hoffte, er werde mir eingehend das Dringende der Situation erklären, aber er verwies mich einfach auf meine schriftlichen Instruktionen, die mir in ziemlich allgemeine und einigermaßen oratorische Sprache gekleidet zu sein schienen. In seiner Unterhaltung war Seward außerordentlich liebenswürdig, doch kam es mir vor, als entdecke ich eine gewisse Gezwungenheit in seinen Äußerungen. Er machte wiederholt Anspielungen aus mein Verhältnis zu Lincoln, welches, wie er meinte, recht vertraulich zu sein schien. Ich wußte damals noch nichts von den Meinungsverschiedenheiten, die in bezug auf die zu befolgende Politik der Regierung im Kabinett herrschten, noch von den heftigen Auseinandersetzungen, die es zwischen Lincoln und Seward gegeben hatte, und welche wahrscheinlich Sewards Vertrauen auf seine dominierende Stellung erschüttert hatten. In der Tat konnte damals niemand eine Ahnung davon haben, was wirklich geschehen war. Durch Hay und Nicolays Buch über Lincoln wurde erst 25 Jahre später an die Öffentlichkeit gebracht, daß Seward am 1. April 1861 Lincoln eine Denkschrift unterbreitet hatte, in welcher er den Präsidenten gewissermaßen aufforderte, ihm die ganze Leitung der Regierungspolitik abzutreten. In dieser Denkschrift entwarf er außerdem ein Programm, demzufolge die Sklavereifrage in den Hintergrund gedrängt und diplomatische Forderungen an Spanien, Frankreich und Rußland gestellt werden sollten, die einen Krieg fast unvermeidlich gemacht hätten. Lincoln hatte, in der ihm eigenen milden Art, Seward daran erinnert, daß es des Präsidenten Sache und Verantwortung sei, die Politik zu bestimmen, und er hatte ferner seine Mißbilligung der phantastischen Vorschläge in bezug auf das Ausland dadurch angedeutet, daß er sie überhaupt nicht erwähnte. So spielte sich dieser Versuch einer Art Palastrevolution hinter den Kulissen ab, ohne daß jemand, außer den daran Beteiligten, davon wußte. Lincoln bewahrte das Geheimnis aus patriotischen Rücksichten, und Seward verbarg selbstverständlich eine Niederlage, die verhängnisvoll auf seine Stellung und seine Ambitionen gewirkt hätte, wäre sie bekannt geworden.

So blieb es der Nachwelt überlassen, über die sonderbare Verwirrung eines so fähigen Geistes, wie es Seward war, zu staunen. Nicht nur hatte er auf so unverhüllte Weise die geistige und moralische Bedeutung eines Mannes wie Lincoln verkannt, sondern auch ein politisches Programm ersonnen, welches, wäre es angenommen worden, wahrscheinlich die Vernichtung der Republik herbeigeführt hätte. Sewards Handlungsweise bei dieser Gelegenheit ist in der Tat eines der psychologischen Rätsel der Geschichte. Andererseits hat die kürzlich erfolgte Enthüllung dieses erstaunlichen Ereignisses nur dazu beigetragen, die Bewunderung der Nachwelt für Lincoln zu erhöhen. Obgleich er auf so kränkende Weise provoziert wurde, war er groß genug, die Beleidigung als eine momentane geistige Irrung anzusehen und sie zu verzeihen, dabei nur in Erwägung ziehend, welches Unheil eine Kabinettskrisis zu solcher Zeit verursachen könnte und welche Dienste ein Mann wie Seward, unter der richtigen Führung, der Republik noch zu leisten vermöchte. So wurde das Geheimnis treulich bewahrt, bis der Historiker es an das Licht brachte. Es schwebte jedoch in jenen Tagen ein entschiedenes Gefühl der Unruhe über Washington. Den Berichten aus den südlichen Staaten zufolge war die Rebellion auf dem besten Wege, sich zu organisieren und an Macht zu gewinnen. Ein Staat nach dem andern schloß sich dem Bündnis an, und die Bürger des Südens stürmten zu den Waffen mit einer Begeisterung gleich der, welche die Nordländer entflammte. Ein ergreifendes Schauspiel bot sich uns dar: zwei Völker, die gegeneinander die Waffen ergreifen, das eine, um die Einheit der großen Republik zu wahren und sie höheren Idealen zuzuführen, das andere, um diese Republik zu zerstören, damit die Sklaverei in einem unabhängigen Reiche erhalten bleibe; beide von demselben Bewußtsein der Gerechtigkeit ihrer Sache durchdrungen, beide mit derselben Hingebung erfüllt für das, was jedes für seine heilige Aufgabe hielt, bereit, dafür zu kämpfen, zu leiden und zu sterben, beide überzeugt, daß das was der Gegner vertrat, der Inbegriff menschlicher Schlechtigkeit sei, und zum selben Gotte um seine Hülfe gegen den anderen – den Feind – betend.

Während der Süden seine Kräfte sammelte, wollte der Norden ungeduldig zur Tat schreiten, und der Regierung wurde die Langsamkeit vorgeworfen, mit der sie sich zu dem entscheidenden Schlag rüstete. In Washington schwirrte es förmlich von tadelnden, meist aber ungerechten Bemerkungen, weil man dort nicht in Betracht zog, daß die Regierung nicht die Mittel zur Hand hatte, welche ihr Handeln wirksam machen konnten, sondern sich diese erst schaffen mußte. Es wurde in jener mißvergnügten Atmosphäre oft die Frage erörtert, ob Abraham Lincoln wirklich der rechte Mann sei, der einer so schwierigen problematischen Sachlage gewachsen wäre. Keiner schien zu jener Zeit bereit, diese Frage zu beantworten. Diejenigen, die das Weiße Haus besuchten – und das Weiße Haus schien für Alle, die dort einzukehren wünschten, offen zustehen – fanden dort einen Mann von sehr zwanglosen Manieren, der, ohne sich im geringsten zu bemühen, würdevoll zu erscheinen, alle Leute gleich und wie alte Nachbarn behandelte; dessen Sprache nicht selten einen Beigeschmack des Bäurischen hatte; der immer Zeit fand für ein gemütliches Plauderstündchen, nie in Eile zu sein schien und der manchmal über wichtige Staatsangelegenheiten mit derselben Nachlässigkeit – ich möchte fast sagen – Pietätlosigkeit sprach, als handelte es sich um einen alltäglichen juristischen Fall in seinem Bureau in Springfield. Die Leute wußten nicht, was sie denken sollten. Man erzählte sich interessante Geschichten über Lincolns Witz, seine drolligen Aussprüche und auch über seine Herzensgüte und die sympathische Liebenswürdigkeit seines Wesens; was aber seine Eigenschaften als Staatsmann betraf, so waren ernste Leute, die ihn nicht näher kannten, dazu geneigt, mit ihrem Urteil noch zurückzuhalten.

Ich hatte den Vorzug, in jenen Tagen Charles Sumner näher zu treten. Seitdem die Mitglieder aus den abtrünnigen Staaten den Bundes-Senat verlassen hatten, waren die Republikaner in dieser Körperschaft in der Mehrheit, und Sumner war einstimmig zum Vorsitzenden der Kommission für auswärtige Angelegenheiten erwählt worden, eine Stellung, für die er unzweifelhaft unter seinen Kollegen der geeignetste war. Er kannte Europa und verfolgte mit einsichtsvollem Verständnis die politischen Entwicklungen der alten Welt. Er brachte mir und meinen Erfahrungen und Beobachtungen ein freundliches Interesse entgegen, und wir hatten häufig Gespräche über gleichartige beiderseitige Erlebnisse. Er fand, daß er mit mir über viele Dinge sprechen konnte, die ich mit meinen europäischen Erfahrungen leichter verstehen würde als die meisten seiner Freunde; und so erwuchs zwischen uns eine gewisse Vertraulichkeit, die sich im Laufe der Zeit zu einer echten Freundschaft entwickeln sollte.

Sumner hatte Lincoln vor seiner Ankunft in Washington noch nie gesehen. Die Verhältnisse, unter welchen Lincoln im Westen zu seiner hervorragenden Stellung emporgestiegen war, lagen Sumners Erfahrungen, vielleicht sogar seiner Einbildungskraft, fern. Als er Lincoln zum ersten Male begegnete, war er ungemein verblüfft und bestürzt über das, was er sah und hörte. Er gestand mir dies gewissermaßen ein. Lincoln war dem Ideal, das sich Sumner von einem Staatsmann gemacht hatte, durchaus unähnlich. Der vornehme Neu-Engländer mit seiner gründlichen klassischen Bildung, der viel von der großen Welt im eigenen Lande und im Auslande gesehen und sich eine fast übertrieben hohe Vorstellung von der Würde eines amerikanischen Senators und eines Präsidenten der großen amerikanischen Republik gemacht hatte, zeigte wenig Verständnis für dies westliche Erzeugnis amerikanischer Demokratie in seiner ganzen Ursprünglichkeit. Während seiner Unterhaltungen mit dem Präsidenten bemerkte er allerdings dann und wann Geistesblitze und ein plötzliches Hervorbrechen erleuchtender Gedanken, die ihm als außergewöhnlich auffielen, obwohl, da er jedes Sinnes für Humor entbehrte, ihm oft die treffenden Wortspiele Lincolns verloren gingen. Er konnte jedoch seine Besorgnis darüber nicht unterdrücken, wie dieses anscheinend ungeschulte Naturkind die riesige Aufgabe, die ihm bevorstand, bemeistern werde. Durch gelegentliche Äußerungen Lincolns war er allerdings in dem Glauben sicher geworden, daß der Präsident ein von Grund auf ergebener und überzeugter Gegner der Sklaverei war, und da die Abschaffung der Sklaverei Sumner als die erste, wichtigste Aufgabe vorschwebte, tröstete ihn diese Gewißheit. Er war jedoch sehr beunruhigt über die langsame Geistestätigkeit Lincolns, wie er es nannte, und über sein bedauernswertes Zaudern, jene Kernfrage in Angriff zu nehmen. Seward mißtraute er aufs tiefste wegen seines kompromittierenden Verhaltens in jener kritischen Periode zwischen der Wahl und der Inauguration Lincolns, und auch wegen der geheimnisvoll delphischen Aussprüche, die er zuweilen von sich gab. Er setzte aber großes Vertrauen in Chase, dessen Antisklaverei-Grundsätze er für über alle Versuchung erhaben hielt, und dessen Einfluß auf den Präsidenten, so hoffte er, den Einfluß Sewards aufwiegen würde. Chase jedoch, wie ich aus Unterhaltungen mit ihm schloß, war nicht in einem Gemütszustand, der ein vertrauliches Verhältnis zwischen ihm und Lincoln erleichtern konnte. Er gab seiner Enttäuschung als geschlagener Präsidentschaftskandidat nicht so heftigen Ausdruck wie Seward, aber er empfand sie ebenso schmerzlich. Er erkühnte sich auch in seiner Unterschätzung von Lincolns Charakter und Fähigkeiten keiner so drastischen Kundgebung wie Seward das in seiner Denkschrift vom 1. April getan hatte; aber ich bezweifle, daß sein Urteil über den Präsidenten viel günstiger war als dasjenige Sewards, ehe Lincoln seinen milden, aber entschiedenen Sieg über ihn davon getragen hatte. Ich schloß dies nicht aus dem, was Chase sagte, sondern vielmehr aus dem, was er nicht sagte, wenn die Rede auf den Präsidenten kam.

Als ich Lincoln besuchte, empfing er mich mit der alten Herzlichkeit und drückte sein Bedauern darüber aus, daß ich nun doch noch vor Ende des Krieges fort müßte; aber da Seward es wünschte, müsse ich natürlich gehen, und er hoffe, daß es sich als das Richtige erweisen werde. Wir unterhielten uns kurze Zeit über die Entwicklung der politischen Lage, seitdem wir uns zuletzt gesehen. Er war voll warmer Anerkennung für die allgemeine Begeisterung mit der sein Ruf nach Freiwilligen aufgenommen wurde und für den Patriotismus vieler hervorragender Demokraten. Er lobte das patriotische Vorgehen der Deutschen von St. Louis in der Einnahme von Camp Jackson. Die Kritik, unter welcher die Regierung zu leiden hatte, berührte ihn sehr fühlbar, brachte ihn aber gegen diejenigen, welche sie ausübten, nicht auf. Er gab immer zu, daß solche, die anders dachten als er, darum doch ebenso ehrlich sein könnten. Er meinte, daß, wenn die Regierung bis jetzt so »weiter gestolpert« wäre, wie man sich ausdrückte, sie doch im ganzen nach der rechten Richtung »gestolpert« wäre. Die Haltung des Auslands, besonders Englands und Frankreichs, verursachte ihm große Befugnis, die noch bestärkt wurde durch die Neutralitätserklärung »der Königin von England, von der kürzlich die Kunde eingetroffen war. Er gab mir zu verstehen, daß er ungemein bedauerte, auswärtigen Angelegenheiten so wenig Aufmerksamkeit geschenkt zu haben und sich zu viel auf anderer Leute Urteil verlassen zu müssen, und daß er das Bedürfnis empfinde, diese Fragen gründlicher zu studieren, soweit sich ihm die Gelegenheit bieten würde. Ich wußte damals nicht, daß er sich nur kurze Zeit vorher gezwungen gesehen hatte, eine von Sewards Depeschen an Charles Francis Adams, unseren Gesandten in England, sehr wesentlich zu verändern. Lincoln machte mir hierüber nicht die geringste Andeutung, aber er bat mich, wenn ich nach Europa käme, genaue Beobachtungen über die öffentliche Meinung anzustellen, und fügte hinzu: »Vergessen Sie nicht, wenn Sie im Ausland sind, daß Sie sich direkt schriftlich an mich wenden, wenn Ihnen etwas einfällt, das Sie mir persönlich mitteilen möchten, oder das ich nach Ihrer Meinung wissen müßte«. Ich sah damals nicht voraus, wie bald ich Gelegenheit haben würde, von dieser Erlaubnis Gebrauch zu machen.

Ehe wir schieden, erzählte ich Lincoln, daß ich einen deutschen Schwager in Washington zu Besuch bei mir habe, Herrn Heinrich Meyer, einen jungen Kaufmann aus Hamburg, einen glühenden Bewunderer dieses Landes, der sich glücklich schätzen würde, dem Präsidenten seine Aufwartung machen zu dürfen. Würde der Präsident mir erlauben, ihn auf einen Augenblick mitzubringen? »Natürlich,« sagte Lincoln, »bringen Sie ihn morgen um die Frühstückszeit und frühstücken Sie mit mir. Ich denke, Mary (Frau Lincoln) wird etwas für uns zu essen haben«. Am nächsten Tage ging ich mit meinem Schwager ins Weiße Haus. Er war sehr erstaunt über diese unerwartete Einladung des Präsidenten und höchst beunruhigt über die bei dieser Gelegenheit zu befolgende Etikette. Ich hatte Mühe, ihn mit der Versicherung zu beruhigen, daß es in diesem Falle überhaupt keine Etikette gäbe. Noch mehr staunte er aber, als Lincoln, ohne auf eine förmliche Verbeugung zu warten, ihm wie einem alten Bekannten die Hand schüttelte und in seiner herzhaften Weise sagte, daß er sich freue, den Schwager »dieses jungen Mannes« kennen zu lernen, und daß er hoffe, die Amerikaner behandelten ihn gut. Frau Lincoln – »Mary«, wie Lincoln sie wieder nannte – erschien nicht, da sie anderweitig in Anspruch genommen war, und sonst waren keine Gäste zugegen. So hatten wir Lincoln bei Tisch ganz für uns. Er schien ausgezeichneter Stimmung, stellte viele Fragen über Hamburg, die mein Schwager, der fließend Englisch sprach, in unterhaltender Weise beantwortete, und Lincoln fand verschiedentlich Gelegenheit, seine drolligen Geschichten anzubringen, über die nicht nur wir herzlich lachten, sondern die auch ihn sehr belustigten. Als wir das Weiße Haus verließen, konnte mein Begleiter kaum Worte finden, seine staunende Bewunderung auszudrücken über den Mann, der von der untersten Stufe der gesellschaftlichen Leiter zu einer der höchsten Stellungen der Welt emporgestiegen und so vollkommen natürlich geblieben war, dabei sich des Eindrucks gänzlich unbewußt schien, den er auf andere machte. Niemals dachte er daran, daß er in seiner hohen Stellung eine gewisse Würde annehmen und bewahren könne, und immer gab er sich in seiner heiteren Aufrichtigkeit und Güte so, daß man die Würde nicht vermißte, und bedauert haben würde, ihn anders zu sehen.

Wenige Tage später hatte ich mich nach Spanien eingeschifft.

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