Der Birjuk

Ich fuhr abends al­lein auf mei­nem Renn­wa­gen von der Jagd. Bis nach Hau­se hat­te ich an die acht Werst; mei­ne gu­te Tra­ber­stu­te lief rüs­tig über die stau­bi­ge Stra­ße, in­dem sie ab und zu schnaub­te und die Oh­ren be­weg­te; der mü­de Hund blieb wie an­ge­bun­den kei­nen Schritt hin­ter den Hin­ter­rä­dern zu­rück. Ein Ge­wit­ter war im An­zug. Vor mir er­hob sich hin­ter dem Wald ei­ne rie­sen­gro­ße li­la Wol­ke; über mir und mir ent­ge­gen zo­gen lang­ge­streck­te graue Wol­ken; die Bach­wei­den rausch­ten und be­weg­ten sich un­ru­hig. Ei­ne feuch­te Käl­te war plötz­lich an Stel­le der schwü­len Hit­ze ge­tre­ten; die Schat­ten ver­dich­te­ten sich schnell. Ich schlug das Pferd mit der Lei­ne, fuhr in ei­ne Schlucht hin­un­ter, kam über ei­nen aus­ge­trock­ne­ten, ganz mit Wei­den be­wach­se­nen Bach, fuhr den an­dern Ab­hang hin­auf und in den Wald hin­ein. Der Weg wand sich vor mir zwi­schen den dich­ten, schon in Dun­kel­heit ge­hüll­ten Ha­sel­sträu­chern, ich kam nur mit Mü­he vor­wärts. Der Wa­gen hüpf­te über die har­ten Wur­zeln der hun­dert­jäh­ri­gen Ei­chen und Lin­den, die auf je­dem Schritt die tie­fen Spu­ren der Bau­ern­wa­gen durch­schnit­ten; mein Pferd be­gann zu stol­pern. Plötz­lich braus­te in der Hö­he ein hef­ti­ger Wind, die Bäu­me rausch­ten, und gro­ße Re­gen­trop­fen pras­sel­ten und klatsch­ten laut auf das Laub nie­der; ein Blitz zuck­te, und das Ge­wit­ter brach los. Es reg­ne­te in Strö­men. Ich fuhr im Schritt wei­ter und muß­te bald hal­ten; mein Pferd blieb im Schmutz ste­cken, und ich konn­te nichts se­hen. So gut es ging fand ich Schutz un­ter ei­nem brei­ten Strauch. Zu­sam­men­ge­krümmt und das Ge­sicht ver­hüllt, war­te­te ich ge­dul­dig auf das En­de des Un­wet­ters, als ich plötz­lich beim Leuch­ten des Blit­zes vor mir auf dem Weg ei­ne ho­he Ge­stalt zu se­hen glaub­te. Ich blick­te ge­spannt in die Rich­tung, und die glei­che Ge­stalt tauch­te plötz­lich, wie aus dem Bo­den ge­wach­sen, dicht ne­ben mei­nem Wa­gen auf.

»Wer ist da?« frag­te ei­ne lau­te Stim­me.

»Und wer bist du?«

»Ich bin der hie­si­ge Wald­hü­ter.«

Ich nann­te mei­nen Na­men.

»Ach, ich ken­ne Sie! Fah­ren Sie nach Hau­se?«

»Ja, nach Hau­se. Aber die­ses Ge­wit­ter …«

»Ja, das Ge­wit­ter«, ant­wor­te­te die Stim­me.

Ein wei­ßer Blitz be­leuch­te­te den Wald­hü­ter vom Kopf bis zu den Fü­ßen; ein lau­ter, kur­zer Don­ner­schlag folg­te gleich dar­auf. Der Re­gen ström­te mit dop­pel­ter Kraft her­ab.

»Das en­det nicht so bald«, ver­setz­te der Wald­hü­ter.

»Was soll ich ma­chen?«

»Ich kann Sie in mein Haus füh­ren«, sag­te er kurz.

»Tue mir den Ge­fal­len.«

»Blei­ben Sie bit­te sit­zen.«

Er trat an den Kopf mei­nes Pfer­des, faß­te es am Zaum und zog es von der Stel­le. Wir setz­ten uns in Be­we­gung. Ich hielt mich am Kis­sen des Wa­gens fest, wel­cher schwank­te wie ein Na­chen im Meer, und rief mei­nen Hund. Mei­ne ar­me Stu­te schlürf­te schwer mit den Hu­fen durch den Schmutz, glitt aus und stol­per­te; der Wald­hü­ter wank­te vor den Deich­sel­stan­gen wie ein Ge­spenst. Wir fuh­ren ziem­lich lang; end­lich blieb mein Füh­rer ste­hen. »Nun sind wir da­heim, Herr«, sag­te er mit ru­hi­ger Stim­me. Ein Pfört­chen knarr­te, meh­re­re jun­ge Hun­de bell­ten. Ich hob den Kopf und sah beim Leuch­ten des Blit­zes ei­ne klei­ne Hüt­te in der Mit­te ei­nes gro­ßen, mit Flecht­werk‘ ein­ge­zäun­ten Ho­fes. In dem ei­nen Fens­ter­chen brann­te trü­bes Licht. Der Wald­hü­ter führ­te das Pferd dicht vor die Trep­pe und klopf­te an die Tür. »So­fort, so­fort!« ant­wor­te­te ein fei­nes Stimm­chen, man hör­te Trit­te blo­ßer Fü­ße, der Rie­gel knarr­te, und ein et­wa zwölf­jäh­ri­ges Mäd­chen in ei­nem mit ei­nem Tuch­strei­fen um­gür­te­ten Hemd er­schien, mit ei­ner La­ter­ne in der Hand, an der Schwel­le.

»Leuch­te dem Herrn«, sag­te er ihr. »Ih­ren Wa­gen will ich un­ter das Schutz­dach stel­len.«

Das Mäd­chen sah mich an und ging ins Haus. Ich folg­te ihr.

Das Haus des Wald­hü­ters be­stand aus ei­nem ein­zi­gen ver­räu­cher­ten, nied­ri­gen und lee­ren Zim­mer, oh­ne Prit­sche und oh­ne je­den Ver­schlag. An der Wand hing ein zer­ris­se­ner Schafs­pelz. Auf der Bank lag ein ein­läu­fi­ges Ge­wehr, in der Ecke ein Hau­fen Lum­pen; zwei gro­ße Töp­fe stan­den ne­ben dem Ofen. Auf dem Tisch brann­te ein Kien­span; bald leuch­te­te er trau­rig auf, bald schien er zu ver­lö­schen. Mit­ten in der Stu­be hing vom En­de ei­ner lan­gen Stan­ge ei­ne Wie­ge her­ab. Das Mäd­chen blies die La­ter­ne aus, setz­te sich auf ei­ne win­zi­ge Bank und be­gann mit der Rech­ten die Wie­ge zu schau­keln und mit der Lin­ken den Kien­span zu put­zen. Ich sah mich um – mein Herz krampf­te sich zu­sam­men: So trau­rig ist es nachts in ei­ner Bau­ern­stu­be. Das Kind in der Wie­ge at­me­te schwer.

»Bist du al­lein hier?« frag­te ich das Mäd­chen.

»Ja, al­lein«, ant­wor­te­te sie kaum hör­bar.

»Bist du des Wald­hü­ters Toch­ter?«

»Ja, des Wald­hü­ters«, flüs­ter­te sie.

Die Tür knarr­te, und der Wald­hü­ter trat mit ge­bück­tem Kopf über die Schwel­le. Er hob die La­ter­ne vom Bo­den auf, trat an den Tisch und zün­de­te den Docht an.

»Sie sind wohl nicht an ei­nen Kien­span ge­wöhnt?« sag­te er und schüt­tel­te sei­ne Lo­cken.

Ich sah ihn an. Sel­ten hat­te ich ei­nen so statt­li­chen Kerl ge­se­hen. Er war groß­ge­wach­sen, breit­schult­rig und herr­lich ge­baut. Un­ter dem feuch­ten Hemd wölb­ten sich sei­ne mäch­ti­gen Mus­keln. Der schwar­ze, lo­cki­ge Voll­bart ver­deck­te bis zur Hälf­te sein erns­tes, männ­li­ches Ge­sicht; un­ter den zu­sam­men­ge­wach­se­nen Brau­en blick­ten mu­tig klei­ne brau­ne Au­gen. Er stemm­te die Ar­me leicht in die Hüf­ten und blieb vor mir ste­hen.

Ich dank­te ihm und frag­te ihn nach sei­nem Na­men.

»Ich hei­ße Fo­ma«, ant­wor­te­te er, »und mit dem Zu­na­men Bir­juk.«

»Ah, du bist Bir­juk?«

Ich sah ihn mit dop­pel­ter Neu­gier an. Von mei­nem Jer­mo­lai und auch von an­dern hat­te ich ver­schie­de­nes über den Wald­hü­ter Bir­juk ge­hört, den die Bau­ern in der Um­ge­gend wie das Feu­er fürch­te­ten. Nach ih­ren Wor­ten hat es in der gan­zen Welt noch kei­nen sol­chen Meis­ter in sei­nem Fach ge­ge­ben. »Der läßt kei­ne Tracht Rei­sig fort­schlep­pen; zu je­der Zeit, selbst um Mit­ter­nacht er­wischt er ei­nen, und man kann sich ge­gen ihn gar nicht weh­ren: Er ist stark und flink wie der Teu­fel… Man kann ihn auch mit nichts be­ste­chen, we­der mit Schnaps noch mit Geld, er läßt sich durch nichts ver­lo­cken. Die gu­ten Leu­te ha­ben ihn schon mehr als ein­mal aus der Welt schaf­fen wol­len, aber er läßt sich nicht fan­gen.«

So ur­teil­ten die Bau­ern der Um­ge­gend über Bir­juk.

»Du bist al­so Bir­juk«, wie­der­hol­te ich, »ich ha­be schon von dir ge­hört, Bru­der. Man sagt, du gibst kei­nem Men­schen Par­don, den du er­wischst.«

»Ich tue nur mei­ne Pflicht«, ant­wor­te­te er düs­ter; »ich will nicht das herr­schaft­li­che Brot um­sonst es­sen.«

Er hol­te aus sei­nem Gür­tel ein Beil, hock­te sich auf den Bo­den nie­der und fing an, ei­nen Kien­span zu spal­ten.

»Hast du kei­ne Frau?« frag­te ich ihn.

»Nein«, ant­wor­te­te er und hol­te mit dem Beil aus.

»Sie ist wohl ge­stor­ben?«

»Nein … ja … ge­stor­ben«, füg­te er hin­zu und wand­te sich weg.

Ich ver­stumm­te: Er hob die Au­gen und sah mich an.

»Sie ist mit ei­nem Klein­bür­ger, der des We­ges kam, durch­ge­brannt«, sag­te er mit ei­nem grau­sa­men Lä­cheln.

Das Mäd­chen schlug die Au­gen nie­der; das Kind er­wach­te und fing zu schrei­en an; das Mäd­chen trat zur Wie­ge.

»Hier, gib es ihm«, sag­te, Bir­juk und drück­te dem Mäd­chen ei­nen schmut­zi­gen Lutsch­beu­te! in die Hand. »Auch den hat sie ver­las­sen«, fuhr er halb­laut fort, auf das Kind wei­send. Dann trat er an die Tür, blieb ste­hen und wand­te sieh zu mir um.

»Herr«, be­gann er, »Sie wer­den wohl un­ser Brot nicht es­sen wol­len, aber au­ßer Brot ha­be ich nichts …«

»Ich ha­be kei­nen Hun­ger.«

»Nun, wie Sie wol­len. Ei­nen Sa­mo­war wür­de ich Ih­nen be­rei­ten, aber ich ha­be kei­nen Tee … Ich will mal hin­ge­hen und nach Ih­rem Pferd schau­en.«

Er ging hin­aus und schlug die Tür zu. Ich sah mich wie­der um. Die Stu­be er­schien mir noch trau­ri­ger als frü­her. Der bit­te­re Ge­ruch von kal­tem Rauch be­nahm mir den Atem. Das Mäd­chen rühr­te sich nicht von der Stel­le und hob auch die Au­gen nicht; ab und zu stieß es die Wie­ge und zog scheu das her­ab­glei­ten­de Hemd wie­der auf die Schul­tern; ih­re blo­ßen Bei­ne hin­gen un­be­weg­lich her­ab.

»Wie heißt du?« frag­te ich.

»Uli­ta«, ant­wor­te­te sie und senk­te ihr trau­ri­ges Ge­sicht­chen noch tie­fer her­ab.

Der Wald­hü­ter kam zu­rück und setz­te sich auf die Bank.

»Das Ge­wit­ter ver­zieht sich«, sag­te er nach ei­nem kur­zen Schwei­gen; »wenn Sie wol­len, füh­re ich Sie aus dem Wald hin­aus.«

Ich er­hob mich. Bir­juk nahm sein Ge­wehr und un­ter­such­te die Pfan­ne.

»Wa­rum das?« frag­te ich ihn.

»Im Wald sind Die­be… Bei der Stu­ten-Schlucht fäl­len sie ei­nen Baum«, füg­te er als Ant­wort auf mei­nen fra­gen­den Blick hin­zu.

»Hört man es denn von hier?«

»Vom Hof hört man es.«

Wir gin­gen zu­sam­men hin­aus. Der Re­gen hat­te auf­ge­hört. In der Fer­ne dräng­ten sich noch schwe­re Wol­ken und zuck­ten lan­ge Blit­ze; aber über un­se­ren Köp­fen war schon hier und da der dun­kel­blaue Him­mel zu se­hen, und die Ster­ne flim­mer­ten durch die dün­nen, schnell vor­bei­zie­hen­den Wol­ken. Die Um­ris­se der vom Re­gen be­spreng­ten und vom Wind durch­schüt­tel­ten Bäu­me tra­ten aus dem Dun­kel her­vor. Wir fin­gen an zu hor­chen. Der Wald­hü­ter zog sei­ne Müt­ze vom Kopf und senk­te das Ge­sicht. »Schau, schau …«, ver­setz­te er plötz­lich, die Hand aus­stre­ckend, »was er sich für ei­ne Nacht ge­wählt hat.« Ich hör­te nichts als das Rau­schen der Blät­ter. Bir­juk führ­te mein Pferd un­ter dem Schutz­dach hin­aus. »So wer­de ich ihn viel­leicht ver­pas­sen«, sag­te er laut.

»Ich geh‘ mit dir mit. … willst du?«

»Gut«, ant­wor­te­te er und zog das Pferd zu­rück, »wir wer­den ihn im Nu er­wi­schen, dann will ich Sie be­glei­ten, kom­men Sie.«

Wir gin­gen, Bir­juk vor­an und ich hin­ter ihm. Gott al­lein weiß, wie er den Weg fand, aber er blieb nur sel­ten ste­hen, und auch das nur, um auf die Schlä­ge der Axt zu hor­chen. »Da schau«, mur­mel­te er zwi­schen den Zäh­nen. »Hö­ren Sie es?« – »Wo denn?«

Bir­juk zuck­te die Ach­seln. Wir stie­gen in die Schlucht hin­ab, hier wur­de es für ei­nen Au­gen­blick wind­still, und ich hör­te deut­lich die gleich­mä­ßi­gen Schlä­ge. Bir­juk sah mich an und schüt­tel­te den Kopf. Wir gin­gen über nas­ses Farn­kraut und Bren­nes­seln wei­ter. Es er­tön­te ein dump­fes, an­hal­ten­des Dröh­nen …

»Nun hat er ihn um­ge­wor­fen …«, mur­mel­te Bir­juk.

Der Him­mel wur­de in­des­sen im­mer rei­ner; im Wald däm­mer­te es leicht. End­lich ka­men wir aus der Schlucht her­aus.

»War­ten Sie hier«, flüs­ter­te mir der Wald­hü­ter zu. Dann bück­te er sich, hob sein Ge­wehr in die Hö­he und ver­schwand im Wald. Ich fing an, ge­spannt zu hor­chen. Durch das an­hal­ten­de Rau­schen des Win­des glaub­te ich in der Nä­he schwa­che Tö­ne zu hö­ren: das vor­sich­ti­ge Schla­gen ei­ner Axt auf die Äs­te, das Knar­ren von Rä­dern und das Schnau­ben ei­nes Pfer­des … »Wo­hin? Halt!« er­dröhn­te plötz­lich die ei­ser­ne Stim­me Bir­juks. Ei­ne an­de­re Stim­me schrie jäm­mer­lich wie ein Ha­se. Es be­gann ein Kampf. – »Nein! Nein!« wie­der­hol­te Bir­juk keu­chend, »du ent­wischst mir nicht…« Ich eil­te auf das Ge­schrei hin und er­reich­te, bei je­dem Schritt stol­pernd, den Kampf­platz. Auf dem Bo­den ne­ben dem ge­fäll­ten Baum mach­te sich der Wald­hü­ter zu schaf­fen: Er hat­te den Dieb un­ter sich und band ihm mit ei­nem Gür­tel die Hän­de auf den Rü­cken. Ich kam nä­her. Bir­juk er­hob sich und stell­te auch ihn auf die Bei­ne. Ich er­blick­te ei­nen durchnäß­ten, ab­ge­ris­se­nen Bau­ern mit ei­nem lan­gen, zer­zaus­ten Bart. Ein elen­des, zur Hälf­te mit ei­ner Bast­mat­te be­deck­tes Pferd stand gleich da­ne­ben, an das Un­ter­ge­stell ei­nes Lei­ter­wa­gens ge­spannt. Der Wald­hü­ter sprach kein Wort; auch der Bau­er schwieg und schüt­tel­te nur den Kopf.

»Laß ihn lau­fen«, flüs­ter­te ich Bir­juk ins Ohr, »ich will den Baum be­zah­len.«

Bir­juk er­griff das Pferd schwei­gend mit der Lin­ken am Schopf; mit der Rech­ten hielt er den Dieb am Gür­tel. »Na, rühr dich, du Mau­laf­fe!« sag­te er ihm streng.

»Neh­men Sie doch die Axt da«, mur­mel­te der Bau­er.

»Ja, wa­rum soll sie hier ver­lo­ren­ge­hen!« ver­setz­te der Wald­hü­ter und nahm die Axt.

Wir mach­ten uns auf den Weg. Ich ging hin­ter den bei­den … Es be­gann wie­der zu trop­fen, und bald goß es in Strö­men. Mit Mü­he er­reich­ten wir die Hüt­te. Bir­juk ließ das ge­fan­ge­ne Pferd auf dem Hof zu­rück, führ­te den Bau­ern in die Stu­be, lös­te ein we­nig den Kno­ten im Gür­tel und setz­te ihn in ei­ne Ecke. Das Mäd­chen, das ne­ben dem Ofen ein­ge­schla­fen war, sprang auf und be­gann uns mit stum­mem Schreck an­zu­star­ren. Ich setz­te mich auf die Bank.

»Wie es gießt!« sag­te der Wald­hü­ter. »Wir wer­den war­ten müs­sen. Wol­len Sie sich nicht hin­le­gen?«

»Ich dan­ke.«

»Ich wür­de ihn Ih­ret­we­gen in die Kam­mer sper­ren«, fuhr er fort, auf den Bau­ern zei­gend, »aber der Rie­gel …«

»Laß ihn hier, tu ihm nichts«, un­ter­brach ich Bir­juk.

Der Bau­er sah mich fins­ter an. Ich gab mir in­ner­lich das Wort, den ar­men Teu­fel, was es auch kos­ten soll­te, zu be­frei­en. Er saß un­be­weg­lich auf der Bank. Beim Schein der La­ter­ne sah ich sein aus­ge­mer­gel­tes, runz­li­ges Ge­sicht, die über­hän­gen­den gel­ben Brau­en, die un­ru­hi­gen Au­gen und die ma­ge­ren Glie­der . .. Das Mäd­chen leg­te sich auf den Bo­den dicht vor sei­nen Fü­ßen nie­der und schlief wie­der ein. Bir­juk saß am Tisch, den Kopf in die Hän­de ge­stützt. In ei­ner Ecke zirp­te ein Heim­chen; der Re­gen pras­sel­te ge­gen das Dach und floß an den Fens­ter­schei­ben her­un­ter; wir al­le schwie­gen.

»Fo­ma Kus­mitsch«, be­gann plötz­lich der Bau­er mit ei­ner dump­fen, ge­bro­che­nen Stim­me: »Du, Fo­ma Kus­mitsch!«

»Was willst du?«

»Laß mich lau­fen.«

Bir­juk gab kei­ne Ant­wort.

»Laß mich lau­fen … ich tat es aus Hun­ger … laß mich lau­fen.«

»Ich ken­ne euch«, ant­wor­te­te der Wald­hü­ter mür­risch, »eu­er gan­zes Dorf ist so: lau­ter Die­be.«

»Laß mich lau­fen«, wie­der­hol­te der Bau­er: »Der Ver­wal­ter … wir sind ganz ver­armt … laß mich!«

»Ver­armt …! Nie­mand darf steh­len.«

»Laß mich lau­fen, Fo­ma Kus­mitsch, rich­te mich nicht zu­grun­de. Eu­er Ver­wal­ter, du weißt es selbst, frißt ei­nen auf …!«

Bir­juk wand­te sich weg. Der Bau­er zit­ter­te wie im Fie­ber. Er schüt­tel­te den Kopf und at­me­te un­gleich­mä­ßig.

»Laß mich lau­fen«, wie­der­hol­te er mit trüb­se­li­ger Ver­zweif­lung, »laß mich, bei Gott! Ich wer­de be­zah­len, ja, bei Gott! Bei Gott, ich tat es aus Hun­ger … die Kin­der schrei­en, du weißt es selbst. So schwer hab‘ ich es.«

»Du sollst aber trotz­dem nicht steh­len ge­hen.«

»Das Pferd­chen«, fuhr der Bau­er fort, »das Pferd­chen, laß we­nigs­tens das Pferd­chen frei, ich hab‘ ja nur dies ei­ne Tier!«

»Ich sag‘ dir doch, es geht nicht. Auch ich bin kein frei­er Mensch. Ich wer­de es ver­ant­wor­ten müs­sen. Man darf euch nicht ver­wöh­nen.«

»Laß mich lau­fen! Es ist die Not, Fo­ma Kus­mitsch, wahr­haf­tig die Not … laß mich lau­fen!«

»Ich ken­ne euch!«

»Laß mich lau­fen!«

»Ach, was soll ich mit dir re­den! Sitz ru­hig, sonst werd‘ ich dich, du weißt schon! Siehst du denn den Herrn nicht?«

Der Ärms­te schlug die Au­gen nie­der … Bir­juk gähn­te und leg­te den Kopf auf den Tisch. Der Re­gen woll­te noch im­mer nicht auf­hö­ren. Ich war­te­te, was wei­ter kom­men wür­de.

Der Bau­er rich­te­te sich plötz­lich auf. Sei­ne Au­gen brann­ten und sein Ge­sicht rö­te­te sich. »Na, friß, er­stick dar­an!« be­gann er, die Au­gen zu­sam­men­knei­fend und die Mund­win­kel sen­kend. »Hier, ver­ruch­ter See­len­mör­der, trink Chris­ten­blut, trink …«

Der Wald­hü­ter wand­te sich um.

»Zu dir spre­che ich, Asia­te, Blut­sau­ger, zu dir!«

»Bist du be­trun­ken, daß es dir ein­fällt, zu schimp­fen?« rief der Wald­hü­ter er­staunt. »Oder bist du von Sin­nen?«

»Be­trun­ken …! Nicht für dein Geld ha­be ich ge­trun­ken, ver­damm­ter See­len­mör­der, du Tier, Tier, Tier!«

»Ach du …! Ich wer­de dich …«

»Was macht’s? Ich ge­he so­wie­so zu­grun­de! Was soll ich oh­ne Pferd an­fan­gen? Mach mir den Gar­aus, es ist ja al­les eins, ob ich vor Hun­ger oder so kre­pie­re. Mag al­les zum Teu­fel ge­hen: Frau, Kin­der – mö­gen al­le kre­pie­ren … Aber mit dir wer­den wir schon ab­rech­nen!« Bir­juk er­hob sich.

»Hau zu, hau zu!« rief der Bau­er mit wü­ten­der Stim­me: »Hau, hier, hau zu …«

Das Mäd­chen sprang schnell vom Bo­den auf und starr­te ihn an.

»Hau zu! Hau zu!«

»Schweig!« don­ner­te der Wald­hü­ter und mach­te zwei Schrit­te auf ihn zu.

»Ge­nug, ge­nug, Fo­ma«, schrie ich, »laß ihn… hö­re nicht auf ihn.«

»Ich will nicht schwei­gen«, fuhr der Un­glück­li­che fort. »Ich muß doch so­wie­so kre­pie­ren. Du See­len­mör­der, Tier, daß dich … Aber wart, wirst nicht mehr lan­ge so stolz tun! Man wird dir schon die Gur­gel zu­schnü­ren, war­te nur!«

Bir­juk pack­te ihn an der Schul­ter… Ich stürz­te dem Bau­ern zu Hil­fe…

»Rüh­ren Sie mich nicht an, Herr!« herrsch­te mich der Wald­hü­ter an.

Ich hät­te mich vor sei­ner Dro­hung nicht ge­fürch­tet und hat­te schon die Hand aus­ge­streckt, aber er riß, zu mei­nem größ­ten Er­stau­nen, mit ei­nem Ruck dem Bau­ern den Gür­tel von den Ell­bo­gen, pack­te ihn beim Kra­gen, drück­te ihm die Müt­ze über die Au­gen, öff­ne­te die Tü­re und stieß ihn hin­aus.

»Scher dich zum Teu­fel mit dei­nem Pferd!« schrie er ihm nach … »Aber paß auf, wenn ich dich ein an­de­res Mal er­wi­sche …«

Er kehr­te in die Stu­be zu­rück und mach­te sich in ei­ner Ecke zu schaf­fen.

»Na, Bir­juk«, sag­te ich, »du hast mich in Er­stau­nen ge­setzt: Wie ich se­he, bist du ein bra­ver Kerl.«

»Hö­ren Sie auf, Herr«, un­ter­brach er mich ver­drieß­lich, »sa­gen Sie es bit­te nur nie­mand. Ich will Sie lie­ber be­glei­ten«, füg­te er hin­zu. »Sie wer­den wohl gar nicht ab­war­ten, bis der Re­gen auf­hört…«

Auf dem Hof knarr­ten die Rä­der des Bau­ern­wa­gens.

»Da fährt er nach Hau­se!« mur­mel­te er. »Ich wer­de ihm schon …« Ei­ne hal­be Stun­de spä­ter ver­ab­schie­de­te er sich von mir am Wald­saum.

Diesen Text als e-book herunterladenDiesen Text als e-book herunterladen

Leserbewertung:
[Bewertungen insgesamt: 0 | Durchschnitt: 0]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.