Der Austauschprofessor

Aus: Lebenslinien, 3.Teil, 2.Kap.

Der Gedanke des Professorenaustausches. In seinen vielfältigen und nicht immer glücklichen Bemühungen, ein möglichst nahes Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika herzustellen, war Kaiser Wilhelm II. aufmerksam gemacht worden, daß von den verschiedenen Arten des Verkehrs beider Völker der wissenschaftliche besonders stark entwickelt war. Allerdings vorherrschend in der Gestalt, daß die begabteren jungen Amerikaner zur Erlangung der höchsten wissenschaftlichen Weihen eine Deutsche Universität aufsuchten, um sich dort den Doktorgrad zu erwerben. Dies ging so weit, daß die Amerikanischen Universitäten Protest gegen die dort verbreitete Meinung erhoben, eine wissenschaftliche Laufbahn sei nicht möglich, wenn der Kandidat nicht einen Deutschen Doktorgrad besäße. Umgekehrt bestand bei den Deutschen Studenten keine Neigung, Amerikanische Universitäten zu besuchen, vor allem wohl deshalb, weil das dortige Universitätswesen auf ein früheres. Lebensalter zugeschnitten und daher mit viel stärkeren persönlichen Bindungen behaftet ist, als in Deutschland. Gemäß dem Englischen Vorbild, nach welchem sie sich entwickelt hatten, waren jene Anstalten viel mehr auf Unterricht und Erziehung als auf freie Forschung eingestellt. Die Professoren standen deshalb nicht selten auf dem Standpunkt von Gymnasiallehrern und nahmen bei weitem nicht die gesellschaftliche Stellung ein, die man ihnen in Deutschland willig einräumte. So war der durchschnittliche Zustand des höchsten Gebietes der Universität, der Organisation der freien Forschung, dort niedriger als bei uns und bot keinen Anreiz, die Widerstände der Entfernung und Sprache zu überwinden.

Es war daher ein großes und etwas einseitiges Kompliment, das der Kaiser nach drüben mit dem Vorschlag machte, einen Austausch von Professoren auf gleich und gleich zwischen den beiderseitigen Universitäten als regelmäßige Einrichtung zu bewerkstelligen. Nach den Eindrücken, die ich in dieser Beziehung sammeln konnte, wurde der angestrebte Erfolg auch nur unvollkommen erreicht, denn trotz starker persönlicher Wirkung, die später deutsche Austauschprofessoren drüben hervorriefen, scheint die Einrichtung nie eigentlich populär geworden zu sein. Hierzu mag allerdings auch die geringe gesellschaftliche Rolle beigetragen haben, welche die Professoren drüben überhaupt spielen.

Die Ausführung. Anfang 1905 waren die beiderseitigen Verhandlungen so weit gediehen, daß die ersten Austauschprofessoren ernannt werden konnten. Als Stelle, an welcher der Deutsche Gast wirken sollte, war die Harvard-Universität in Cambridge nahe bei Boston ausersehen worden, welche in dem wohlerworbenen Rufe stand, die wissenschaftlichste von allen zu sein. Sie hatte daher die Wahl des Deutschen Kollegen zu bewirken, während der Amerikaner in Berlin vortragen sollte und daher nominell von der dortigen Universität, tatsächlich vom Kaiser eingeladen wurde.

Die Wahl des Amerikanischen Professors fiel zu allgemeiner Verwunderung auf einen Kirchenhistoriker namens Peabody, der sich keineswegs durch außerordentliche Leistungen berühmt gemacht hatte. Man darf vermuten, daß dies ein deutlicher Wink nach drüben sein sollte, dort entsprechend den Berliner Kirchenhistoriker zu wählen, dem der Kaiser auf solche Weise eine wohlverdiente Auszeichnung zugewendet hätte. Mehr als eine Vermutung soll aber diese Andeutung nicht sein.

Wie dem auch sein mochte: im Frühling jenes Jahres brachte die Presse die Nachricht, daß die Harvard-Universität den Professor der physikalischen Chemie Wilhelm Ostwald als erwünschten Austauschprofessor bezeichnet hatte. Mir war das eine große Überraschung, denn obwohl ich mehrere Bekannte in Harvard hatte, nämlich den Chemiker Theodore William Richards, den Philosophen William James (II, 303) und den Psychologen Münsterberg (II, 396), so hatte doch weder einer von ihnen, noch der Präsident Charles Eliot sich mit mir in solchem Sinne in Verbindung gesetzt. Indessen war die Zeitungsnachricht den Ereignissen nur wenig vorausgegangen, denn bald darauf kam mir auch die amtliche Nachricht zu, so daß die Sache tatsächlich ihre Richtigkeit hatte.

Ich vermag nicht anzugeben, welche Ursache die Aufmerksamkeit auf meine Person gelenkt und mir das Vertrauen zugewendet hat, daß ich der geeignete Mann für den Zweck sei. Zwar hatte Münsterberg mich im vorigen Jahre veranlaßt, meine Heimreise in Cambridge zu unterbrechen, um Fühlung mit dem Präsidenten Eliot zu gewinnen, doch war dies wie erzählt nicht gelungen. Vermutlich war es die große Zahl Amerikanischer Studenten, die ihre Ausbildung bei mir beendet hatten und vielfach bald in der Heimat Lehrstellen gefunden hatten. Auch in Harvard und in Boston waren mehrere jüngere Chemiker aus der Leipziger Schule im Amt. Indessen war ich in solcher Beziehung keineswegs der einzige, denn jeder einigermaßen bedeutende Deutsche Chemieprofessor hatte eine erhebliche Anzahl von Amerikanern in seinem Laboratorium ausgebildet, und ähnliches gilt für die Vertreter vieler anderer Fächer. Am wahrscheinlichsten dürfte sich der auffallende Entschluß auf den Einfluß von William James zurückführen lassen, der in seiner impulsiven Weise eine besondere Vorliebe für meine Philosophie und auch vielleicht für meine Person gefaßt und betätigt hatte.

In Deutschland war diese Nachricht nicht willkommen. Dem Kaiser war bis dahin vermutlich mein Name ganz unbekannt geblieben, denn der preußische Orden, mit dem man sich für meine Mitwirkung an der Gründung des physikalisch-chemischen Instituts in Göttingen bedankt hatte, war ohne persönliche Vorstellung erledigt worden. Die Verhandlungen wegen Cambridge wurden durch Althoff geführt, der mir nur wenig zur Sache zu sagen wußte und sich damit half, daß er mich mit Harnack zusammenbrachte, mit dem aber gleichfalls kein fruchtbares Gespräch entstehen wollte. Der Kaiser, der das Unternehmen als seine eigene Angelegenheit eingeleitet hatte und auch als solche später weiterführte, bezeigte nicht den Wunsch, mich persönlich über die Ziele zu unterrichten, die er verfolgte, und so war ich ganz auf mich selbst angewiesen.

Austrittsschwierigkeiten. Noch etwas verwickelter wurde die Angelegenheit durch meine Leipziger Verhältnisse. Das am Schlusse des zweiten Bandes erzählte Zerwürfnis mit der Fakultät hatte eben mit einem Entlassungsgesuch beim Kultusministerium geendet, als die Einladung nach Harvard eintraf. Vermittlungsversuche, die von meinen Leipziger Freunden mit einer Hingabe geführt wurden, die mich zu dauerndem Dank verpflichtet, auf der Grundlage, daß ich von der Pflicht befreit werden sollte, die Hauptvorlesung zu halten, waren am Widerstande der Fakultät gescheitert. Andererseits war es nicht angängig, mich zu einer Zeit in den Ruhestand zu versetzen, wo ich eine neue Aufgabe übernehmen sollte, welche das Gegenteil von Ruhe mit sich brachte. Eine mündliche Verhandlung mit dem vortragenden Rat im Ministerium Waentig ergab das Übereinkommen, daß die Erledigung meines Gesuches um Pensionierung zurückgestellt wurde, bis ich von Amerika zurückgekehrt und noch ein Semester in Leipzig tätig gewesen sein würde. Es war dies eine große Freundlichkeit des Ministers, denn durch diese Anordnung erhöhte sich mein Ruhegehalt. Ich war damals durch mein Bücherschreiben so wohlhabend geworden, daß ich kein Gewicht darauf legte; als ich aber zufolge der Mißwirtschaft der jungen Deutschen Republik nach dem Krieg mein Vermögen verlor, das in Deutschen Staatspapieren angelegt war, bildete dies Ruhegehalt die Hauptgrundlage meines wirtschaftlichen Daseins. Während also im Ministerium trotz der großen Unbequemlichkeiten, die ich dort in den letzten Jahren verursacht hatte, das Bedürfnis überwog, sich für die Gesamtheit meiner Leistungen an der Universität dankbar zu erweisen, mußte ich andererseits feststellen, daß in der Fakultät und Universität dauernd entgegengesetzte Gefühle überwogen, die sich noch viele Jahre nach diesen Ereignissen wiederholt geltend machten, wo sich dazu Gelegenheit fand, und die noch heute zuweilen zutage treten.

So muß ich insbesondere fürchten, daß die Wahl zum Austauschprofessor, die in so deutlichem Gegensatz zu der Einschätzung meiner Leistungen seitens der Leipziger Fakultät stand und so unmittelbar auf die Geltendmachung dieser Einschätzung folgte, von meinen Gegnern und Feinden als eine neue Betätigung »unkollegialer« Gesinnung aufgefaßt wurde, die sie mir vorwarfen und sie daher in ihrer Einstellung nur bestärkt hat.

Abreise. Meine neuen Pflichten in Cambridge begannen mit dem 1. Oktober. Da das Leipziger Semester mit dem August endete, hatte ich noch etwa vier Wochen Ferien, die angesichts der starken Beanspruchungen, die ich im Frühling durchgemacht hatte, und der anderen, nicht weniger starken, die mich drüben erwarteten, recht notwendig waren. Sie wurden aber sehr durch die Entwicklung der Salpetersäure-Angelegenheit verkürzt, die durch Dr. Brauers unermüdliche Tätigkeit so weit geführt worden war, daß die Inbetriebsetzung der ersten fabrikmäßigen Anlage unmittelbar bevorstand.

Da meiner Frau nach den eben erlittenen Aufregungen ein halbjähriges Alleinbleiben unter den vielfach unfreundlichen und mißgünstigen Leipziger Kolleginnen unerträglich erschien, nahm ich sie und die beiden eben erwachsenen Töchter nach Amerika mit. Von meinen Söhnen befanden sich die beiden älteren schon in selbständigen Stellungen; der dritte war zuverlässig untergebracht, so daß wir die Reise unbedenklich unternehmen konnten.

Bei der Ermittlung der Reisemöglichkeiten, die durch das Anerbieten der Hamburg-Amerika-Linie an den Kaiser, den Austauschprofessor unentgeltlich zu befördern, auf deren Schiffe beschränkt war, ergab sich, daß erst auf dem kleineren Dampfer Blücher Platz vorhanden war. Denn es war die Jahreszeit, wo die zahlreichen Amerikanischen Europafahrer heimzukehren pflegen, die sich ihre Plätze schon lange gesichert hatten. Die Blücher ging am 21. September von Cuxhaven ab und konnte nicht vor dem 1. Oktober in New York eintreffen, so daß ich meine Vorlesungen in Cambridge mit einem oder zwei Tagen Verspätung beginnen mußte.

So verließen wir am 20. September Leipzig, beschenkt mit Blumen und Zuckerzeug von den treuen Freunden Beckmann, Des Coudres und Wiener und übernachteten in Berlin, von wo ein Sonderzug die Fahrgäste der Blücher unmittelbar an den Hafen führte; ein kleiner Dampfer beförderte uns zum Schiff. Die unübertreffliche Sauberkeit und Ordnung der Räume, sowie die liebenswürdige Bereitwilligkeit der Bedienung machte den allergrößten Eindruck auf meine Frau, die hier ihr Ideal der Hausverwaltung verwirklicht sah. Der Kapitän war ein älterer Herr mit braunroter Hautfarbe, eisgrauem Haar und Bart und strahlend blauen Augen, die merkwürdig genug in dem verwetterten Gesicht standen.

Auf der Fahrt. Da die Mitreisenden vorwiegend aus Deutsch-Amerikanern bestanden, die ihre Ferientage in Deutschland genossen hatten und in entsprechend heiterer Stimmung heimkehrten, so fanden die Meinen sehr bald Anschluß und mannigfaltige Unterhaltung, durch welche sie gut auf die Verhältnisse vorbereitet wurden, unter denen sie in den nächsten Monaten zu leben hatten. Wir konnten hierbei die ungemein starke Anziehungs- und Einbeziehungskraft feststellen, welche die Vereinigten Staaten auf die Einwanderer ausüben. Namentlich die Deutschen zeigten sich trotz der etwas melancholischen Zärtlichkeit, mit welcher sie der alten Heimat gedachten, nicht nur bereitwillig, Amerikaner zu werden, sondern stolz, es bereits zu sein.

Im übrigen verlief die Reise, wie es mir schon geläufig war. Doch diesmal ganz ohne Stürme und mit wenig Nebel. Wir fuhren ziemlich nahe an einigen schwimmenden Eisbergen vorbei, vor welchen das Schiff durch drahtlose Telegraphie gewarnt worden war, sahen spielende Walfische, zahllose Delphine und mehrere wunderschöne Sonnenuntergänge und verbrachten die Tage in ruhigem Behagen, das ich besonders wohltätig empfand.

Für die Abschlußfestlichkeit, die einen Beitrag zur Unterstützungskasse der Seemannswaisen und -witwen bringen sollte, war ich gebeten worden, einen Vortrag zu halten. Ich hatte mich kurz vorher mit der Frage der allgemeinen Hilfssprache (Weltsprache) zu beschäftigen begonnen, und war ganz erfüllt von der hier möglichen Betätigung des energetischen Imperativs. In einem späteren Kapitel werde ich die Geschichte dieser Angelegenheit im einzelnen erzählen; hier kann die Angabe genügen, daß ich damals noch die künstliche Sprache Esperanto für die beste vorhandene Lösung der Aufgabe ansah.

Ich schilderte daher in dem Vortrage mit lebhaftesten Farben die gewaltigen Fortschritte, welche die Menschheit durch die Einführung einer solchen Hilfssprache erfahren würde. Sie sollte nicht die nationalen Sprachen verdrängen, sondern als internationales Verkehrsmittel über die Sprachgrenzen hinweg dienen. Sie sollte also für jedermann, der mit Angehörigen anderer Sprachen zu verkehren hatte, die zweite Sprache sein, die er erlernte und beherrschte, und die ihm das Erlernen aller anderen fremden Sprachen erspart, wenn die Kenntnis der Hilfssprache allgemein geworden sein wird.

Da damals solche Gedanken nur den Wenigsten bekannt waren, erregte der Vortrag ein sehr lebhaftes Interesse. Gesteigert wurde die Wirkung noch dadurch, daß meine Tochter Elsbeth, um den Zuhörern den Klang der Sprache vorzuführen, einige Gedichte in Esperanto hersagte, die ganz besonderen Beifall fanden.

New York. Die Ankunft war umständlich wie immer durch die Zollbesichtigung. Meine Tochter Margarete hatte ihre Geige mitgenommen und sollte darauf dem Zollbeamten etwas vorspielen, damit er sich überzeugen konnte, daß sie zum eigenen Gebrauch diente. Es wurde so spät, daß die Fahrt nach Cambridge nicht mehr unternommen werden konnte, wenn wir dort nicht mitten in der Nacht ankommen wollten. So übernachteten wir in New York und ich wurde von einigen meiner dortigen Freunde und Schüler zu einem kleinen Dinner abgeholt, während meine Frau und Tochter mit lebhafter Teilnahme das Leben in dem riesigen Manhattanhotel beobachteten, wo wir uns untergebracht hatten. Mein Assistent für Cambridge, Dr. Harry Morse, ein früherer Schüler aus den besten Leipziger Jahren, hatte mich in New York bereits beim Ausgang aus der Zollscheune begrüßt und bewies sich alsbald, wie auch immer in den folgenden Monaten als ein ebenso geschickter wie heiterer Gehilfe, dem ich große Erleichterungen in der Durchführung meiner vielfachen Aufgaben verdanke.

Unterkunft in Cambridge. Am 2. Oktober fuhren wir nach Boston ab, wo uns Professor Th. W. Richards empfing und nach Cambridge brachte.

Obwohl diese Stadt gar nicht klein ist, verfügte sie doch damals noch nicht über einen Gasthof, in dem wir hätten wohnen können. Richards hatte nicht ohne Mühe eine Unterkunft (boarding house) ausfindig gemacht, welche von zwei älteren Damen, Mutter und Tochter, geführt wurde. Dort brachten wir uns ziemlich unzulänglich unter, denn wir hatten nur je ein Schlafzimmer für die Eltern und die Töchter, ein Zimmer für alles und einen kleinen Ankleideraum für meine Frau zur Verfügung. Die Zimmer waren, wie fast immer drüben, klein und niedrig, wurden aber sauber gehalten. Als Schlafstätten dienten Divans, die übrigens nicht so unbequem waren. Man machte uns Entschuldigungen, da man nicht darauf vorbereitet gewesen war, daß ich meine Familie mitbringen würde und regte an, ob ich nicht mein Standquartier in dem benachbarten Boston aufschlagen wollte, das mit der Trambahn in etwa 35 Minuten erreichbar war und Gasthöfe aller Art besaß. Doch erklärte ich, daß ich die Unbequemlichkeit der Unterkunft gern auf mich nehmen wollte, um inmitten meiner neuen Kollegen leben zu können. Die Meinen hatten auch nichts dawider; meine Frau fühlte sich in unsere ersten Jahre in der Dorpater Studentenwohnung zurückversetzt.

Ähnlich der Wohnung war auch das Essen. Es wurden reinliche und solide Bestandteile dazu verwendet, aber von einer Zubereitung mit Liebe war nicht die Rede. So wurde es mit der Zeit immer langweiliger zu essen und auf unserem Tisch sammelten sich zunehmend Flaschen mit Tunken und Würzen verschiedener Art, die den Wohlgeschmack und die Eßlust erhöhen sollten, aber ihren Zweck nur sehr unvollkommen erfüllten. Eines der erquicklichsten Dinge nach der Wiederkehr in die Heimat war uns die Wiederkehr der heimischen Kost, zu deren sachgemäßer Herstellung meine Frau ihre dienstbaren Geister mit fast unfehlbarem Erfolg zu erziehen wußte.

Küche und Haus wurden in unserer Pension durch schwarze Dienerschaft besorgt. Da wir nicht die harte Abgeschlossenheit gegenüber der anderen Rasse betätigten, die in Amerika die Regel ist, sondern unsere Schwarzen menschlich nahmen und behandelten, so entwickelte sich bei ihnen eine große Dankbarkeit und Anhänglichkeit, die bei unserem Abschied von Cambridge zu lebhaftem Ausdruck kam.

Die Vorlesungen. Die Verhandlungen über die Vorlesungen, welche ich in Cambridge halten sollte, ergaben, daß man ebenso auf den Chemiker wie den Philosophen rechnete. Die Hauptvorlesung war vierstündig über Philosophie der Wissenschaft; daneben gab es eine einstündige über Katalyse für vorgeschrittene Chemiker und eine einstündige Elementarvorlesung für Anfänger, zur Veranschaulichung meiner unterrichtlichen Technik. Die Vorlesung über Katalyse hielt ich Deutsch, weil die vorgeschrittenen Chemiker alle die Sprache wenigstens zu lesen verstanden; die anderen Vorlesungen sollten Englisch vorgetragen werden.

Wie man sieht, waren bereits die regelmäßigen Ansprüche, welche an meine Tätigkeit gestellt wurden, recht groß, denn die Arbeit an den Vorträgen war nicht nur durch den neuen Hörerkreis gesteigert, für den sie gehalten wurden, sondern sehr erheblich auch durch die fremde Sprache. Mein dortiger Assistent Dr. Morse, der in Harvard eine Anstellung als Lehrer gefunden hatte, wurde auch mit der Aufgabe betraut, mir hierbei behilflich zu sein, und er hat sich wieder als ein ausgezeichnet guter und bedachter Gehilfe erwiesen. Wir ordneten die Sache so, daß er vor mir unter den Zuhörern saß und aufmerkte. Wenn mir ein Englisches Wort fehlte, so sagte ich das Deutsche Wort und er gab alsbald die Englische Übersetzung, die ich im Zusammenhang wiederholte. Da das Ver fahren unbefangen vor der Öffentlichkeit betrieben wurde, bewirkte es keine Störung, vielmehr gesteigerte Aufmerksamkeit behufs genauer Erfassung der Bedeutung des fraglichen Wortes. Bald begannen einige ältere Hörer, die Deutsch verstanden, auch ihrerseits Übersetzungen anzubieten. Dies ging so etwa vier bis sechs Wochen lang. Dann sagte Dr. Morse einmal zu mir: »Ich habe festgestellt, daß Ihnen in der letzten Woche kein Wort gefehlt hat; Sie brauchen deshalb nicht mehr meine Hilfe.« Ich bat ihn, trotzdem seinen Platz zu behalten, denn das Gefühl der Sicherheit, das er mir vermittelte, hatte die Sprachgestaltung nicht wenig erleichtert.

Die amtliche Einordnung. Die Hauptvorlesung galt amtlich als ein normales Kolleg, welches den Studenten unter ihre Pflichtstunden angerechnet wurde. Bei solchen Vorlesungen war vorgeschrieben, daß etwa um die Mitte die Studenten eine kurze schriftliche Übersicht des bis dahin Gehörten einzureichen hatten, um dem Lehrer eine Anschauung darüber zu geben, welchen Erfolg er in der Übertragung seiner Gedanken auf die Hörer erzielt hätte. So wurden mir auch seinerzeit von Dr. Morse die Hefte übergeben, welche mein halbes Hundert Hörer eingereicht hatten. Ich habe eine Anzahl von ihnen genau durchgelesen und feststellen können, daß wirklich meist das Wesentliche meiner Darlegungen erfaßt und hinreichend klar wiedergegeben war. Die vollständige Durchsicht und die entsprechende Zensierung besorgte Morse, da ich mir selbst die Fähigkeit nicht zutraute, für die Urteile den Maßstab zu finden, der in Harvard Geltung hatte. Nach seiner Mitteilung waren nur ganz wenig Hefte mit »Ungenügend« zu zensieren gewesen.

Diese Tätigkeit war die einzige, welche amtlichen Charakter trug. Im übrigen wurde ich zu keiner Sitzung oder Beratung zugezogen, welche das innere Leben der Harvard-Universität betraf. So habe ich auch nur einen sehr unvollständigen Einblick in den laufenden Betrieb der Universität erlangt. Was die Amerikanischen Kollegen von mir über Universitätswesen zu erfahren wünschten, wurde in zahlreichen Gesprächen erledigt, die sich bei dem geselligen Verkehr ergaben, in den ich mit meiner Familie bald hineingezogen wurde. Auch hospitierten in meinen Vorlesungen mehrere Professoren; so war insbesondere der Philosoph W. James ein regelmäßiger Zuhörer der Hauptvorlesung, solange er anwesend war. Später verreiste er auf längere Zeit nach Berkeley, Californien, um an der dortigen Universität die etwas eingeschlafene Philosophie aufzuwecken und zu beleben, was ihm zweifellos gelungen ist, denn er war hierfür gerade der rechte Mann. An meinen chemischen Vorlesungen beteiligte sich Professor Theodore W. Richards, den ich gut von Leipzig her kannte, wo er ein Semester meinen Laboratoriumsunterricht und -betrieb studiert hatte. Er war inzwischen in Cambridge Ordinarius geworden und hatte sich einen sehr angesehenen Namen durch seine ausgezeichnet genauen Bestimmungen der Atomgewichte zahlreicher Elemente gemacht.

Neben diesen amtlichen Vorlesungen habe ich während der vier Monate, die ich in den Vereinigten Staaten zubrachte, eine Unzahl von anderen Vorlesungen und Vorträgen gehalten. Die alte Lehre, daß man an den Gliedern gestraft wird, mit denen man gesündigt hat, fand hierbei gewissermaßen ihre Bestätigung. Hatte ich die Leipziger Professur aufgegeben, weil ich die mäßige Last der regelmäßigen Vorlesung nicht mehr tragen mochte, so hatte ich mir hier eine unverhältnismäßig viel größere Last an unregelmäßigen Vorlesungen zugezogen, die ich außerdem noch in der fremden Sprache halten mußte. Aber ich unterzog mich geduldig dieser Strafe, denn ich wußte, daß es sich nur um eine einmalige Anstrengung handelte, und nicht um eine unbegrenzt wiederkehrende Beanspruchung.

Die neuen Kollegen. Billig fange ich diesen Abschnitt mit dem Präsidenten Charles Eliot an, der nicht nur amtlich, sondern auch geistig an der Spitze der Harvard-Universität stand. Er war im Jahre 1832 geboren, war also 72 Jahre alt, als ich ihn in Cambridge kennen lernte. Ursprünglich hatte er Chemie studiert, widmete aber seit langem seine ungewöhnliche Begabung allgemeinen Kulturarbeiten. Auf die Schicksale der Harvard-Universität war er von größtem Einfluß gewesen, indem er sie mit Erfolg im Sinne höherer wissenschaftlicher Tätigkeit und Freiheit auszugestalten sich bemüht hatte. Unter seinen Amtsgenossen in Amerika nahm er eine anerkannte Führerstellung ein, von der ich mancherlei Beispiele erlebte.

Präsident Eliot war eine hohe, stattliche Erscheinung. Er hielt sich trotz seiner Jahre stramm aufrecht; nach seiner Mitteilung beruhte dies auf täglichen Turnübungen, die er nie versäumte. Das große, längliche Gesicht von mehr Englischem als Amerikanischem Typus war glatt rasiert, bis auf einen schmalen Backenbart. Es war wohlgeformt, aber einseitig durch ein großes Mal auf der linken Gesichtshälfte entstellt. Sein Verhalten war ernst freundlich und mehr würdig als herzlich.

Ähnlich war seine Gattin beschaffen, deren Verhalten an die Würde Englischer Bischofsgemahlinnen gemahnte doch trat bei näherer Bekanntschaft die ihrem Wesen zugrunde liegende Güte hervor.

Wir lernten uns mit den beiderseitigen Familien bald nach meiner Ankunft etwas näher kennen, nach dem ich ihn alsbald nach meinem Eintreffen in seinem Amtszimmer aufgesucht und begrüßt hatte. Dies geschah im Hause der Mrs. Thayer, der Schwiegermutter des Professors Richards, einer äußerst sympathischen Dame, die seit langem Witwe war. Zugegen war außerdem nur Richards. Der Abend verlief nach der Überwindung der ersten Steifheit lebhaft und angeregt, da unsere Ansichten über Wissenschaft und Unterricht vielfach übereinstimmten, wenn auch Eliot als geübter Menschentechniker sich von meinem Radikalismus fern hielt. Indessen hatte er doch schon vor längerer Zeit durchgesetzt, daß der nach Englischem Muster übernommene Zwang, der sämtliche Studenten zum Erlernen des Latein verpflichtete, abgeschafft wurde. Er hatte Belegfreiheit für alle Fächer durchgeführt und die Studenten veranlaßt, in jedem Falle anzugeben, ob die belegte Vorlesung zur Fachbildung oder zur allgemeinen Bildung dienen sollte. Das Ergebnis war, wie er erzählte, daß kein einziger Student Latein oder Griechisch wegen allgemeiner Bildung belegt hatte. Hier sind uns also die Amerikaner schon seit einem Vierteljahrhundert weit voraus gewesen.

Ich hatte den Eindruck, daß wir uns an diesem Abend unter gegenseitigem Wohlgefallen trennten und daß wir beiderseits mit Vertrauen auf den guten Ablauf des neuartigen Experiments in die Zukunft schauten.

Auch in der späteren Zeit dauerte dies gute Verhältnis fort. So brachte er uns eines Sonntags nach dem Landhaus eines nahen Verwandten, um uns ein wohlerhaltenes Stück neuenglischer und altamerikanischer Kolonialkultur zu zeigen. Es war ein stattlicher Besitz mit sehr großem, wohlgepflegten Park und einem ausgedehnten Landhause, dessen Ausstattung sich ziemlich unverändert etwa ein Jahrhundert erhalten hatte: für die dortigen Verhältnisse eine fast unabsehbar lange Zeit. Die Zimmer wirkten tatsächlich sehr einheitlich und angenehm.

Die Fahrt geschah in zwei Einspännern. Den einen lenkte der Präsident selbst, der seine und meine Frau und mich fuhr. Den zweiten mit meinen Töchtern führte seine Enkelin Ruth, ein frisches Mädchen von etwa 16 Jahren, die sich mit meinen Töchtern schnell anfreundete; ihr Großvater erklärte vorher, daß sie eine ebenso zuverlässige Fahrerin sei, wie er selbst.

Da meine Frau im Wagen ängstlich ist, machte sie gelegentlich den Präsidenten auf ein schnell entgegenkommendes Fahrzeug aufmerksam. Das verletzte ihn sichtlich in seiner Fahrerehre und obwohl er es sich weiter nicht merken ließ, mußte ich doch später ein kleines Sinken am Thermometer unserer Beziehungen feststellen.

Gesunder Menschenverstand. Meine ganze Hochachtung erwarb er sich bei einer etwas späteren Gelegenheit. Es hatten im Herbst überall die üblichen Fußballwettspiele zwischen den verschiedenen Universitäten und Colleges stattgefunden, mit dem Ergebnis, daß dabei 17 Studenten getötet wurden. Dies wurde in der Presse stärkstens hervorgehoben und es entstand eine tiefgehende Bewegung, die von entgegengesetzten Gefühlen getragen wurde. Nun bestand über das ganze Land eine Organisation von beruflichen Fachmännern des Fußballs, die bei jenen Wettkämpfen als Trainer, Kampfrichter usw. stark beteiligt waren. Man erzählte mir, daß sogar hervorragende Spieler sich von dem oder jenen Klub mieten ließen, um in das College einzutreten, dem der Klub angehörte, und diesem bessere Aussichten auf den Sieg zu sichern.

Diese Organisation war zufolge der öffentlichen Aufregung um ihren Einfluß und ihr Geschäft besorgt geworden und berief deshalb eine Versammlung aller Universitäts- und Collegepräsidenten ein, um über die Angelegenheit zu beraten. In einem offenen Brief, der alsbald durch die ganze Presse ging, lehnte Präsident Eliot ab, sich an der Versammlung zu beteiligen. Denn, erklärte er, ich kann mir nicht denken, daß dieselben Leute, unter deren Einfluß das Spiel diese rohe und lebensgefährliche Beschaffenheit erhalten hat, die richtigen Männer sein können, um es in der wünschenswerten und notwendigen Weise umzugestalten. Für die Harvard-Universität aber schaffte er das alljährliche Wettspiel gegen die benachbarte Yale-Universität, New Haven, ab, das sich zu einer ähnlichen nationalen Angelegenheit entwickelt hatte, wie das jährliche Wettrudern zwischen den Englischen Universitäten Oxford und Cambridge. Der während meiner Anwesenheit ausgefochtene Kampf war bis auf weiteres der letzte gewesen.

Jene durchgreifende Bemerkung aber, daß eine nötige Reform nicht sicherer vereitelt werden kann, als indem man die bisherigen Träger der Angelegenheit damit betraut, die Verbesserung vorzuschlagen und durchzuführen, ist eine von den unvergeßlichen Erleuchtungen gewesen, die ich von Zeit zu Zeit erlebt habe. Wenn man sich fragt, weshalb die von so vielen Seiten geforderte Reform des mittleren Schulwesens keine Fortschritte macht, braucht man nur die Zusammensetzung der hierfür eingesetzten Ausschüsse zu betrachten, die fast ausschließlich aus den bisherigen Lehrern und Schulleitern bestanden, um die Erklärung zu finden. Es ist in der Tat zu viel von einem Menschen verlangt, daß er selbst sein Grab gräbt. Ein Fortschritt kann erst angebahnt werden, wenn man jene Männer fragt, welche zunächst die Erzeugnisse unseres Schulbetriebes im praktischen Leben zu verwenden haben.

Das gleiche gilt in noch verstärktem Maße für die politischen Verhältnisse. Niemand zweifelt daran, daß unser gegenwärtiger (1927) Parlamentarismus schwer krank ist. Es ist aber vollkommen sicher, daß nie ein parlamentarischer Ausschuß das Heilmittel finden wird.

Für die Fußballschlachten war ein riesiges Stadion erbaut worden, das man weit über den Charles-Fluß (an welchem Cambridge liegt) leuchten sah. Wir waren eingeladen, uns das Ereignis anzusehen, kränkten aber unsere Amerikanischen Freunde etwas durch unsere entschiedene Weigerung, da wir an den Vorübungen, die wir gelegentlich in Cambridge zu sehen bekamen, völlig genug hatten. Zufällig hatte ich auf den gleichen Tag eine Einladung nach Boston angenommen (natürlich zum Zweck eines Vortrags, ich glaube im Klub des 20. Jahrhunderts) und mich eine Stunde vorher auf die Trambahn gesetzt, da man mich auf Verzögerungen gefaßt gemacht hatte. Ich begegnete aber einer solchen Völkerwanderung, daß ich statt der normalen 30 Minuten zwei und eine halbe Stunde brauchte, um zu meinem Ziel zu gelangen.

Präsident Eliot hat hernach eine ganze Reihe von Jahren sein tätiges Leben trotz hohen Alters fortgeführt. Die Stellung des aktiven Universitätspräsidenten gab er allerdings nach einiger Zeit auf, aber nur, um kulturpolitische Arbeit von weitgreifender Beschaffenheit zu übernehmen. Insbesondere bemühte er sich um die Sicherung eines dauernden kulturellen Einflusses der Vereinigten Staaten auf China, ein Gedanke, der durch die inzwischen erfolgten Ereignisse wohl seine damalige Tragweite dauernd eingebüßt hat. Während des Weltkrieges stellte er sich Deutschland gegenüber ausgesprochen feindselig ein. Er starb 1925, im 93. Lebensjahre.

William James. Nächst dem Präsidenten hatten die größte Bedeutung für meine Tätigkeit die drei Philosophen von Harvard, William James, Josiah Royce und Hugo Münsterberg.

Die ältesten Beziehungen bestanden zu dem Psychologen William James. Ich habe schon erzählt (II, 303), wie er diese durch eine Postkarte angeknüpft hatte, die er unmittelbar nach dem Durchlesen meiner »Naturphilosophie« an mich richtete. Die persönliche Bekanntschaft mit ihm geschah bei meinem Besuch in Harvard nach dem Kongreß von St. Louis (II, 427), wo wir ein längeres, sehr anregendes Gespräch hatten. Besonders gefiel ihm das Reagens zur Unterscheidung wirklicher wissenschaftlicher Probleme von Scheinproblemen, das ich im Anschluß an E. Machs Herausarbeitung dieses Gegensatzes entwickelt hatte. Man denke sich, sagte ich, die Antwort in einem oder dem anderen Sinne gegeben und untersuche alsdann, was sich in der Welt und unserer Beherrschung derselben dadurch ändern würde. Findet man keine erkennbare Änderung, so ist es ein Scheinproblem. Findet man eine Änderung, so bezeichnet diese den Punkt, wo ein Versuch zur Lösung erfolgreich einsetzen kann. Das Verfahren erinnert an gewisse, sehr fruchtbare mathematische und geometrische Methoden (z.B. die der unbestimmten Koeffizienten), bei denen man die Lösung formal als gegeben annimmt und dadurch die Bedingungen der wirklichen Lösung ausfindig macht. James trug sich schon damals mit den Gedanken, deren Gesamtheit er später als Pragmatismus bezeichnete, und fand sich in ihnen durch das eben Gesagte gefördert.

William James war 1842 in New York als Sohn eines namhaften Schriftstellers geboren, also elf Jahre älter als ich. Als ich ihn kennen lernte, war er ein äußerst lebhafter Mann von Mittelgröße, zierlichem Körperbau und ausdrucksvollem Gesicht. Das braune Haupthaar war stark gelichtet, der gleichfarbige kurze Vollbart mit Grau durchsetzt. Sein Wesen war durch ein Gemisch von Künstlertum und Kindlichkeit – beide stehen sich ja ohnehin nahe – gekennzeichnet. Er war durchaus offen und man konnte im Gespräch mit ihm deutlich beobachten, wie er einen Gedanken aufnahm, ihn sehr schnell verarbeitete, um dann in lebendig-persönlicher Weise zu antworten.

In Amerika ist es üblich, daß die Ansässigen dem Neugekommenen zuerst ihren Besuch machen, und zwar ist die Besuchszeit zwischen 8 und 10 Uhr abends, nach dem Dinner. James war unter den ersten, die uns aufsuchten. Er bahnte alsbald einen zwanglosen Verkehr von Haus zu Haus an und stellte als heiterer Onkel ein lebendiges Verhältnis zu den Meinen her.

Seine Frau erwies sich als eine sehr liebe Dame von stillfreundlichem Wesen, die das zuweilen etwas stürmische Gehaben ihres Mannes wohltätig dämpfte. Außerdem waren einige erwachsene Söhne und Töchter im Hause, in denen das Erbgut der Eltern sich leicht erkennbar geltend machte.

Am Kamin in James‘ Studierzimmer habe ich in der Folgezeit wiederholt gesessen und mit ihm und anderen Besuchern interessante und heitere Stunden verplaudert.

Der Hausherr erzählte gern, wie er gleichsam ohne Wissen und Wollen in die akademische Laufbahn geraten war. Er hatte auf Grund privater Studien einige Arbeiten über Psychologie veröffentlicht, ohne Vorlesungen über diese Wissenschaft besucht zu haben und wurde wegen dieser Schriften zum Professor berufen. Meine eigene Antrittsvorlesung, sagte er, war das erste Kolleg, das ich in meinem ganzen Leben über Psychologie gehört habe; Sie können sich denken, wie aufgeregt ich dabei war.

Aus den Vorlesungen an der Harvard-Universität ist dann die grundlegende zweibändige »Psychologie« entstanden, die seinen Namen weit bekannt gemacht hat. Später hat er wiederholt und kräftig in die zeitgenössische Gedankenentwicklung eingegriffen, vor allem durch die energische Forderung einer praktischen, auf das Leben anwendbaren Philosophie.

Es ist bekannt, wie stark die von ihm angeregte Philosophie des Pragmatismus auf die Zeitgenossen eingewirkt hat. Zunächst auf die Amerikaner, doch wurde bald eine allgemeine Kulturbewegung daraus. Die künstlerische Seite seines Wesens bewirkte, daß diese Bewegung eine deutliche Abwendung von der rein gedanklichen Betätigung aufwies, wie sie sich etwa bei Mach (und wohl auch bei mir) entwickelt hatte und wohlwollend Fühlung mit der Kirche nahm, deren jahrtausendalte praktische Erfahrung er nicht ungenutzt lassen wollte. Nun hat sich in unserer Zeit mehr und mehr bei der Kirche die wichtige Einsicht geltend gemacht, daß der frühere unbedingte Kampf gegen die Wissenschaft der Kirche viel mehr schadet als nützt. Statt dessen ist die heutige Politik vielmehr darauf gerichtet, für den Kampf gegen die Vorherrschaft der Wissenschaft Bundesgenossen in deren eigenem Lager zu suchen. Solche finden sich immer unter den Gegnern, welche bei keinem erheblichen Fortschritt ausbleiben, durch welchen mancherlei ältere Gewohnheiten gestört werden, die den Inhabern als Rechte gelten. Eine andere Gruppe von Bundesgenossen findet sich unter solchen, die mit unzulänglichen Gedanken die Wissenschaft zu beeinflussen versucht haben und die Gründe für die erfahrene Nichtbeachtung oder Zurückweisung nicht bei sich, sondern bei den Vertretern der Wissenschaft suchen. So kann heute jede Wendung, welche auf eine Unzulänglichkeit der Wissenschaft hinweist, alsbald auf stille oder laute, jedenfalls aber tätige und auch oft wirksame Unterstützung jener Kreise rechnen, durch welche oft weitreichende, wenn auch nicht immer dauerhafte populäre Erfolge erreicht werden. Mit diesem Schlüssel wird man nicht wenige Erscheinungen unseres heutigen Geisteslebens verstehen lernen, auch wo man zunächst gar nicht an solche Zusammenhänge gedacht hat.

Auch der sehr starke populäre Erfolg, den W. James teilweise erzielte, kann auf diese Rechnung gebucht werden. Denn der Einfluß der Kirche war und ist in den Vereinigten Staaten außerordentlich groß, obwohl er nicht, wie vielfach in Europa durch die Organe des Staates unterstützt wird. Die Freiheit von den Fesseln gesellschaftlicher Überlieferung, die schon Goethe beneidenswert gefunden hatte (Amerika, du hast es besser, als unser Kontinent, der alte! Hast keine verfallenen Schlösser), hat dort den führenden Personen der Kirche ein sehr kräftiges Eingreifen in das praktische Leben durch die Anwendung von Mitteln zur Beeinflussung der Menschenseele ermöglicht, die in Europa nicht üblich waren und sind.

Selbstvernichtung. An dieser von ihm entfachten Bewegung ist William James dann nach wenigen Jahren (1910) zugrunde gegangen. Mit tiefem Schreck las ich kurz vor seinem Tode einen Aufsatz von ihm, in welchem er die Entdeckung verkündete, daß der Mensch über unvergleichlich viel größere Kräfte verfüge, als gewöhnlich angenommen wird. Bisher habe man geglaubt, daß die nach der Arbeit eintretende Ermüdung die Grenze der Arbeitsfähigkeit des einzelnen bestimme. Das sei aber ein Irrtum. Man brauche nur durch eine energische Willensbetätigung das Ermüdungsgefühl zu unterdrücken, um anfangs schwer, später leicht noch große Mengen weiterer Arbeit aus sich herausholen zu können; zuletzt verschwinde die Ermüdung ganz, und man könne fast unbegrenzt arbeiten.

Mir waren solche Gedanken nicht unbekannt. Aber ich kannte auch die schwere Gefahr, die mit ihnen verbunden ist. Es handelt sich nämlich darum, daß die als Warnungszeichen vom Lebewesen entwickelten Ermüdungs- und Erschöpfungseinrichtungen vergewaltigt und zerbrochen werden. Jene Einrichtungen haben sich ausgebildet, um das Lebewesen gegen die schweren und nicht wieder gut zu machenden Schädigungen zu schützen, welche durch die Überanstrengung der Organe bewirkt werden; durch sie bleiben diese tüchtig für dauernden Gebrauch. Wird aber dieser Schutz unwirksam gemacht, so fehlt die Warnung vor solcher Selbstvernichtung; ja, diese verbindet sich durch die gegensätzliche Einstellung mit positiven Glücksgefühlen.

Solche Gefühle brachte James in seinem Aufsatz zum Ausdruck; ich mußte also bei ihm den unvermeidlichen Zusammenbruch erwarten, was mir bei meiner freundschaftlichen Gesinnung für ihn ernstlichen Kummer machte. Es kam noch schlimmer, als ich erwartet hatte: nicht nur ein geistiger Zusammenbruch, sondern auch ein körperlicher, der ihn bald dahinraffte. Und ich mußte mir sagen, daß dieser Ausgang vielleicht doch für ihn das bessere Teil bedeutete, denn ein Dasein erzwungener Tatenlosigkeit zufolge geistigen Zusammenbruches wäre ihm voraussichtlich unerträglich geworden.

Josiah Royce. Vertreter der Philosophie nach der Seite der Metaphysik war Josiah Royce. Er war etwas älter als James und hielt mit ihm gute Freundschaft, was unter Philosophen einigermaßen als Merkwürdigkeit hervorgehoben zu werden verdient. Äußerlich und innerlich stand er in spaßhaftem Gegensatz zu seinem Freunde und Kollegen. Zwar hatten beide etwa gleiche Körperhöhe; Royce war aber beleibt und rund, mit verhältnismäßig dünnen Armen und Beinen, so daß er mit seinen vorstehenden Augen an einen Frosch erinnerte. Das Haar war blond und spärlich, die Augen hell, das glatte Gesicht rosig. In seinem Wesen war er dem Deutschen Professor der Fliegenden Blätter so ähnlich, daß ich diesen Typus für international halten muß, nur daß er in Deutschland offenbar viel häufiger vorkommt, als anderswo.

Die Bedeutung seiner Philosophie wage ich nicht zu beurteilen; sie liegt, soweit vorhanden, nach der entgegengesetzten Seite im Verhältnis zu meinen Bemühungen. Er verdankte sein Ansehen gleichfalls einem zweibändigen Werk, dessen Titel ich nicht mehr genau angeben kann, er hieß etwa: Die Welt und das Individuum. Ich hatte es neben einigen anderen Büchern führender amerikanischer Philosophen mir alsbald aus der Universitätsbücherei beschafft, um einen Einblick in die Gedankenwelt meiner neuen Kollegen zu gewinnen; es war mir aber nicht leicht, mich zurechtzufinden. Einerseits war mir der starke Wirklichkeitssinn willkommen, der mir vielfach entgegentrat und in angenehmem Gegensatz zu der fruchtlosen Scholastik stand, die damals in Deutschland unter den Namen Erkenntnistheorie mit dem vom Fortgang der exakten Wissenschaften längst überholten Gedankengut aus Kants Kritiken getrieben wurde. Andererseits aber mußte ich feststellen, daß die Loslösung der Philosophie von der Theologie, welche die Voraussetzung ihrer freien Entwicklung ist, in Amerika sich noch fast nirgend vollzogen hatte, wiederum im Gegensatz zu den Deutschen Verhältnissen, wobei wir diesmal die Vorgeschrittenen sind. Als äußeres Zeichen dafür mag dienen, daß die erwähnten Werke alle gegen den Schluß längere Kapitel mit der Überschrift God oder ähnlich enthielten, zu dem Zweck, einen Anschluß des übrigen Inhalts an die Theologie herzustellen. In der deutschen philosophischen Literatur findet sich derartiges dagegen nur als Ausnahme.

Professor Royce erinnerte an Sokrates nicht nur durch seine äußere Erscheinung, sondern auch durch seine stete Bereitschaft, philosophische Gespräche auf Markt und Straße zu beginnen; sie konnten nur durch Anwendung von Gewalt von der anderen Seite abgebrochen werden. Nachdem er mich einige Male in solcher Weise eingefangen und festgehalten hatte, bis ich mich, etwa unter Verlust eines Rockknopfes befreite, vermied ich auf der Straße ihm zu begegnen. Man konnte ihm leicht ausweichen, denn er war meist so tief in Gedanken versunken, daß er nicht um sich sah.

In Anwesenheit Anderer war er natürlich nicht so gefährlich und man konnte sich der restlosen Hingabe und Aufrichtigkeit erfreuen, mit denen er seine Gedanken verfolgte und entwickelte. Auch war er ein guter und anregender Lehrer, wie ich erkennen konnte, als ich einmal das von ihm geleitete philosophische Kolloquium für Studenten mitmachte. Daß ich mich an der Besprechung der von ihm aufgeworfenen Frage lebhaft beteiligte, hat er mir hernach noch besonders herzlich gedankt.

Royce war gleichfalls verheiratet und hatte erwachsene Kinder. Der Gegensatz der Temperamente, der mir beim Ehepaar James aufgefallen war, wiederholte sich bei den Royces, nur umgekehrt. Denn diesmal war die Frau lebhaft und weltkundig; sie hatte dunkle Haare und Augen und ein überaus bewegliches Gesicht, mit dem sie ihre Worte begleitete und erläuterte. Auch hier erfuhren wir herzliche häusliche Gastlichkeit.

Hugo Münsterberg. Wesentlich verschieden von dem Paar James-Royce war der dritte Philosoph in Harward, Hugo Münsterberg. Ich hatte ihn als einen der Organisatoren und Einlader des Kongresses von St. Louis in Leipzig kennen gelernt und in St. Louis und Cambridge wiedergesehen; seine Erscheinung findet sich II, 396 beschrieben. Er stammte aus Deutschland, war Wundts Schüler gewesen, schloß sich aber später der einflußreichen, von Windelband geführten süddeutschen Gruppe an, die sich in scharfem Gegensatz zu Wundts naturwissenschaftlich begründeter Arbeits- und Denkweise gestellt hatte. Diese Gegensätzlichkeit sprach sich auch in seiner Lehrtätigkeit aus: einerseits pflegte er die experimentelle Psychophysik, wie sie von Wundt begründet war, andererseits vertrat er in Wort und Schrift eine sehr abstrakte Metaphysik des Geistes, in welche einzudringen ich nach einigen vergeblichen Versuchen aufgegeben hatte.

Auch in seinem Wesen unterschied er sich stark von den Kollegen. Er war bedeutend jünger als sie (und auch als ich), denn er war 1863 geboren und während jene offenbar entschlossen waren, ihr Leben unter den vorhandenen zufriedenstellenden Bedingungen friedlich zu Ende zu führen, schaute Münsterberg deutlich erkennbar nach einer glänzenderen Karriere aus, als ihm die Harward-Universität bieten konnte. Ob er sie zunächst in Gestalt einer Deutschen Professur suchte oder ob er andere Amerikanische Möglichkeiten im Auge hatte, weiß ich nicht. Vermutlich hatte er mehr als ein Eisen im Feuer.

Ein herzliches Verhältnis stellte sich weder zwischen uns beiden her, noch auch zwischen unseren Familien, obwohl es nicht an Entgegenkommen fehlte. Der sehr stark ausgeprägte persönliche Ehrgeiz, den ich als den grundlegenden Bestandteil seines Wesens empfand, verhinderte ein Nähertreten, zumal seine wissenschaftliche Betätigung keineswegs anziehend auf mich wirkte. Auch wurde ich später von dortigen Freunden aufmerksam gemacht, daß gewisse Hemmungsversuche, die sich gegen meine Tätigkeit richteten, von dort ihren Ausgang genommen hatten. So endeten unsere Beziehungen mit meiner Abreise von Cambridge.

Th. W. Richards. Auch mit dem Kollegen von der anderen Wissenschaft verbanden mich ältere Beziehungen angenehmer Art. Professor der Chemie war und ist in Harward Theodore William Richards, ein noch junger Forscher, geboren 1868, damals also 36 Jahre alt. Ich habe schon berichtet, daß er einen Teil seiner wissenschaftlichen Wanderjahre in Leipzig zugebracht hatte, und daß von jener Zeit eine gegenseitige Zuneigung uns das Zusammenarbeiten in Harvard besonders willkommen gemacht hatte. Er war der Sohn eines namhaften Malers und hatte als Erbgut ein Stück künstlerischer Neigung und Gesinnung überkommen, die durch eine sorgfältige und erfolgreiche Erziehung gesteigert und veredelt war. Persönlich stellte er sich als ein hübsch gewachsener Mann von zartem Knochenbau, unter mittlerer Größe mit schmalem, regelmäßigen Gesicht und etwas gelocktem braunen Haar dar. Seine ebenso zierliche wie herzliche Höflichkeit, die der unverstellte Ausdruck einer entsprechenden Gesinnung war, nahm Jedermann alsbald für ihn ein; insofern hatte er gar nichts von dem Amerikaner, wie man sich ihn gewöhnlich vorstellt. Wohl aber erwies er sich als ein Angehöriger jener kulturellen Tradition der alten kolonialen Familien Neuenglands, deren Vertreter man besonders in Boston findet. Man kennt sie mehr von ihrer komischen Seite, die durch das Selbstbewußtsein hervorgerufen wird, mit welchem sie den Abstand zwischen sich und ihren später zugewanderten Landsleuten empfinden und betonen. Doch ist tatsächlich ein sehr achtungswertes Stück von echtem Idealismus in diesen Kreisen vorhanden, der sich unter anderem in der Freigebigkeit betätigt, mit welcher in Boston kulturelle Unternehmungen ausgeführt und unterstützt werden.

Richards war verheiratet und hatte bereits zwei oder drei Kinder, die ungewöhnlich schön waren, aber einen etwas schwächlichen Eindruck machten. Seine Frau erwartete eben ein weiteres, was zurzeit eine häusliche Gastlichkeit ausschloß. Sie war außerdem in hohem Maße nervenleidend; dies war zum großen Teil durch einen schweren Unglücksfall veranlaßt, durch welchen vor ihren Augen mehrere ihr nahestehende Menschen zugrunde gegangen waren. Seine Schwiegermutter lebte gleichfalls in Cambridge und ich habe schon erzählt, daß in ihrem Hause die erste gesellschaftliche Berührung mit Harvard stattfand.

In wissenschaftlicher Beziehung stand Richards mir nahe; doch war die Richtung seiner Forschungen unabhängig von der sehr bestimmt gezeichneten Linie, welche wir in Leipzig verfolgt hatten. Der Belgische Forscher J.S. Stas hatte im zweiten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts durch eine Reihe von Messungen der Atomgewichte, die in ungewöhnlichem Maßstabe unternommen und mit ungewöhnlicher Energie durchgeführt waren, eine Art Hypnose bei den Chemikern hervorgerufen, als sei nun der Höhepunkt solcher Arbeiten erreicht und als könnten diese nur vervollständigt, aber nicht verbessert werden. Dabei war unbeachtet geblieben, daß seine Messungen eigentlich mit einem inneren Widerspruch, einer unaufgelösten Dissonanz geendet hatten.

Allmählich trat dieser Widerspruch zutage, als neue unabhängige Messungen zwar unter sich, nicht aber mit den von Stas angegebenen Zahlen übereinstimmten. Es kostete eine nicht geringe Mühe, jene Hypnose zu überwinden und die Arbeit an den Atomgewichten neu zu beginnen. Dies geschah von mehreren Seiten, am ausgedehntesten und erfolgreichsten von Th. W. Richards, der dabei eigene, selbständige Wege ging.

Richards hatte nicht nur die Fähigkeit, selbst hochgradig genaue und zuverlässige Arbeit zu leisten, sondern auch noch die andere, seltenere, geeignete Schüler zu gleichwertigen Leistungen heranzuziehen und zu entwickeln. Das berührte sich mit Dingen, welche einen großen Teil meines eigenen Lebens als Hauptzweck erfüllt hatten, und ich ließ mich daher von ihm mit besonderer Freude in sein Laboratorium und seinen Unterrichtsbetrieb einführen.

Alles dies wirkte zusammen, daß mir unter meinen neuen Kollegen Richards am nächsten kam und ich glaube annehmen zu dürfen, daß das Wohlgefallen gegenseitig war. Leider habe ich meiner schlechten Gewohnheit zufolge versäumt, hernach das Verhältnis durch gelegentliche Briefe aufrecht zu erhalten. Auch als er später seinerseits als Austauschprofessor nach Berlin kam, habe ich mich durch das Mißlingen eines Versuches, ihn zu sehen, von weiteren derartigen Versuchen abhalten lassen und ebenso habe ich unterlassen, ihn als Kollegen zu begrüßen, als er den Nobelpreis erhalten hatte, zu dem ich ihn eine Reihe von Jahren vorher wiederholt ohne Erfolg vorgeschlagen hatte. In jungen Jahren geht man mit Freundschaften um, wie mit den Blumen auf der Wiese, bei denen man nicht daran denkt, eine einzelne besonders zu pflegen. Im Alter merkt man zu spät, daß auch diese Güter nicht unbegrenzt vorhanden sind.

Andere Kollegen. Im Laufe des Vierteljahrs, das ich in Cambridge zubrachte, habe ich fast alle dortigen Kollegen kennen gelernt und mit vielen interessante und lehrreiche Gespräche gehabt. Aber die Beziehungen waren zu kurz und selten, als daß sich ein näheres Verhältnis hätte entwickeln können. So habe ich angenehme Erinnerungen an den Physiker Hall, die Mathematiker Huntington und Peirce und manche andere bewahrt, doch sind diese Fäden meist mit meinem Fortgang abgerissen.

Nur eines Mannes möchte ich noch hier gedenken, der damals schon hoch bejahrt, inzwischen längst zur Ruhe eingegangen ist, Charles Norton. Ich hatte ihn in einem Klub kennen gelernt, zu welchem W. James mich wiederholt mitgenommen hatte und der die geistig regsamsten Männer von Boston und Cambridge alle zwei Wochen zusammenführte; wie er sich nannte, habe ich vergessen. Hierbei geriet ich wiederholt mit einem alten kleinen Herrn in ein Gespräch, das uns beide lebhaft fesselte. Ich hatte seinen Namen nicht verstanden, wie das meist geht, und fragte gelegentlich James darnach. Er nannte ihn mir und beschrieb mir den Mann näher, da mir der Name unbekannt war. Er war früher Professor für Literatur- und Kunstgeschichte in Harvard gewesen und hatte einen sehr starken Einfluß auf die geistige Entwicklung der Universität ausgeübt. Mit Ruskin, dem berühmten englischen Kunstphilosophen, war er befreundet gewesen, ebenso hatte er Emerson und Darwin gut gekannt. Gegenwärtig lebte er im Ruhestande in seinem Hause »Schattenhügel« (shady hill) in Cambridge.

Bei der nächsten Begegnung mit Norton hatten wir uns so viel zu sagen, daß er mich einlud, ihn wann ich wollte abends zu besuchen, da er fast immer zu Hause sei. Ich machte von diesem Vorrecht mehrfach Gebrauch und habe an seinem Kamin Abende verbracht, deren klarer und sanfter Klang noch heute in mir nachhallt. Mit ihm lebten zwei unverheiratete Töchter, beide weit über die Mädchenjahre hinaus, ruhig und schweigsam, aber unseren Gesprächen aufmerksam folgend, von denen namentlich eine in ihren blühenden Jahren ungewöhnlich schön gewesen sein mußte; sie trug den Ausdruck eines schwer überwundenen Schicksals im Gesicht.

Ich wüßte nicht mehr zu berichten, über welche Gegenstände sich unsere Wechselrede bewegt hat, doch weiß ich, daß ich von Norton immer wieder nachdenkliche und anregende Auskunft erhielt. Der Verkehr mit ihm erinnerte mich vielfach an die Jahre, da ich mit Karl Ludwig mich aussprechen durfte, dem er auch körperlich etwas ähnlich war, trotz des tiefgreifenden Unterschiedes in dem Gedankenkreise und in der Weltanschauung beider Männer. Auch war Norton viel milder in seinem Urteil über Menschen und Dinge. Vielleicht ist es auf Anregungen zurückzuführen, die ich damals empfing, daß ich mich später zunehmend mit kunstwissenschaftlichen (in einem neuen Sinne) und kunstphilosophischen Fragen beschäftigt habe, doch könnte ich keine bewußten Verbindungsfäden aufweisen.

Beziehungen zu Boston. In Boston befand sich das Massachusetts Institute of Technology, eine technische Hochschule von großer Ausdehnung und guter Organisation. Dort wirkten als Professoren der Chemie und Physik zwei frühere Schüler, der Chemiker Arthur A. Noyes (II, 50) und der Physiker H.M. Goodwin. Beide hatten aus ihrer Studienzeit in Leipzig eine warme Anhänglichkeit für mich und die Meinen herübergenommen, die sich in vielfachen Bemühungen äußerten, uns angenehme Eindrücke von ihrem Vaterlande zu verschaffen. Ein Gespräch gelegentlich eines im engsten Kreise verlaufenden Abendessens bei Noyes ist mir in der Erinnerung geblieben. Es war von den Mitteln die Rede, die wissenschaftliche Arbeit in den Vereinigten Staaten höher zu entwickeln und ich wies auf den erstaunlich großen Einfluß der Zeit und die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Tradition zur Hervorbringung reichlicher und dauernder Hochleistungen hin. Als Beispiel konnte ich die Clark-Universität anführen, die vor etwa zehn Jahren mit sehr großen Mitteln und der ausgesprochenen Absicht gegründet worden war, eine Vereinigung der besten Forscher ohne Rücksicht auf die Kosten herzustellen, um eine große wissenschaftliche Produktion zu organisieren. Der Versuch war fehlgeschlagen.

Noyes ließ sich dadurch nicht entmutigen und meinte, daß man hierbei lernen könne, es demnächst besser zu machen, denn die Mittel ließen sich immer wieder beschaffen und sein Volk habe den festen Willen, auch auf diesem Gebiet das Höchste zu erreichen. »Es wird noch lange dauern, bis Sie dem Standpunkt nahe kommen,« sagte ich, »den Deutschland schon jetzt erreicht hat.« Unter Überwindung einer leichten Verlegenheit, aber mit roten Backen und glänzenden Augen antwortete Noyes: »Wir hoffen, zu gegebener Zeit den geistigen Schwerpunkt der gesamten Menschheit über den Atlantischen Ozean hierher zu verlegen.« Da Noyes stets ein überaus ruhiges, zurückhaltendes Wesen gezeigt hatte, überraschte mich diese innere Glut sehr und machte mich höchst nachdenklich. Ob der wirtschaftlich führenden Stelle, welche die Vereinigten Staaten inzwischen dank der wahnwitzigen Selbstzerfleischung Europas erreicht haben, auch eine geistige folgen wird, kann jetzt noch nicht mit Wahrscheinlichkeit vorausgesehen werden. Beim Nachdenken darüber drängen sich nachstehende Erwägungen auf.

Kulturfernsichten. Bei allen Entwicklungen der Völker zur Kultur ist stets die Reihenfolge eingehalten worden, daß zunächst eine künstlerische und sodann eine wissenschaftliche Höhe erreicht wurde. Dies war schon bei den Griechen so, hat sich dann zu Beginn der Neuzeit bei den Italienern und Franzosen wiederholt. Die Deutschen hatten ihre klassische Literaturperiode im achtzehnten Jahrhundert, ihre wissenschaftliche im neunzehnten erreicht. Bei den slavischen Völkern beobachten wir in unserer Zeit Hochleistungen in den Künsten, aber noch keine in der Wissenschaft.

Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkt die Amerikanische Kultur, so stellen wir fest, daß sie es noch zu keiner Glanzperiode in der Kunst gebracht hat. Einzelne namhafte Persönlichkeiten sind in den verschiedenen Künsten erfolgreich aufgetreten, aber nirgends hat sich eine gleichzeitig neuartige und entwicklungsfähige, also überpersönliche Kunst gezeigt. In der Wissenschaft stehen die Dinge deutlich günstiger da. Hier ist die Anzahl der Forscher, die Erhebliches geleistet haben, verhältnismäßig viel größer und vor allem macht sich in den Gebieten der Biologie und Psychologie, namentlich der angewandten, ein kräftiges Eigenleben geltend, welches bereits an einzelnen Stellen die Europäische Wissenschaft zu überflügeln beginnt. Dies ist besonders deutlich in solchen Gebieten, wo die wissenschaftsfeindliche Platonische Einstellung unserer sogenannten Geisteswissenschaften die freie und unbefangene Anwendung des exakten wissenschaftlichen Verfahrens behindert. Bei den Amerikanern scheinen solche Hindernisse in geringerem Maße vorhanden zu sein.

Es ist deshalb ganz wohl möglich, daß bei der Amerikanischen Kulturentwicklung die bisherige Reihenfolge von der Kunst zur Wissenschaft nicht eingehalten zu werden braucht. Das Amerikanische Volk ist ja nicht ein durch Jahrtausende bodenständig aus niederster Kultur aufgewachsenes, sondern setzt sich aus Einwanderern vieler Länder zusammen, die im Laufe weniger Jahrhunderte sich auf einem ungeheuren Gebiet voll unverbrauchter Bodenschätze eingestellt und sehr früh zu einer politischen Einheit zusammengefunden haben, wobei ein jeder bereits ein nicht unerhebliches Maß älterer, anderweit entstandener Kultur mitbrachte. Die Aufgabe war also nicht, die Elemente der Kultur erst langsam zu entwickeln oder aufzunehmen, sondern aus den mitgebrachten verschiedenartigen Anteilen etwas Gemeinsames oder Einheitliches zu gestalten. Dies ergab von vornherein eine weitgehende Individualisierung ohne die Notwendigkeit, den sonst dieser vorangehenden Herdenzustand durchzumachen.

Dazu kommt, daß inzwischen ein Vorgang begonnen hat, den man die Verwissenschaftli chung der Kunst nennen kann. Ton- und Dichtkunst, Malerei und Baukunst beruhen bezüglich ihrer Gemütswirkung auf den Gesetzen der Psychologie und lassen sich in dem Maße rationalisieren oder verwissenschaftlichen, als die Psychologie sich zu einer rationellen Wissenschaft entwickelt. Hier leiden wir Europäer am meisten unter der Platonischen Mystik, welche der »Seele« eine unvermittelte Sonderstellung gegenüber den anderen Naturerscheinungen anweist und ihre wissenschaftliche Erforschung und Handhabung teils als eine lächerliche Unmöglichkeit, teils als eine verwerfliche Überschreitung des Erlaubten erscheinen läßt. Gerade im Gebiet der angewandten Psychologie gewährt die Freiheit von Vorurteilen den Amerikanern eine gar nicht zu verkennende Überlegenheit.

So ist es ganz wohl denkbar, daß auf der anderen Seite des Atlantischen Ozenas erheblich früher als bei uns die Organisation des künstlerischen Schaffens erreicht werden wird. In dem Anzeigenteil einer vielgelesenen Amerikanischen Monatsschrift vom Jahre 1926 bietet sich eine Firma an, ihren Kunden in kurzer Frist die Kunst beizubringen, kurze Geschichten für Zeitungen und Zeitschriften herzustellen und verpflichtet sich sogar zur kostenlosen Vertriebsvermittelung der Erzeugnisse. Auch bei uns sind Anleitungen für den gleichen Zweck bekannt; sie werden aber als Berufsgeheimnisse gehütet, damit die Kreise der Leser nicht dahinter kommen, daß derartiges sozusagen fabrikmäßig hergestellt werden kann. Diesen gegenüber wird vielmehr das Märchen von der Inspiration (an das im Grunde niemand glaubt) aufrecht gehalten, und wer jenes öffentliche Geheimnis verrät, muß sich auf Zorn und Strafverfolgung gefaßt machen, wie sie jeden solchen Verräter bedrohen.

Das größte Hindernis für die Entwicklung einer originalen Amerikanischen Kunst besteht darin, daß dort das Kunstpublikum so gut wie ausschließlich aus Frauen besteht; den Männern fehlt die Muße zum Kunstgenuß. Wir kennen aber keine große Kunstepoche, die nicht von Männern für Männer bewirkt worden wäre. Allerdings stets unter begeisterter Teilnahme von Frauen, aber niemals unter deren Führung. Ich glaube nicht, daß dieses biologisch begründete Verhältnis sich ändern kann, auch nicht unter den eigenartigen Amerikanischen Bedingungen, wo das Gelderwerben an sich von den Männern als starke Lebensfreude empfunden wird und solchergestalt das Bedürfnis nach Kunst ersetzt. In gleichem Sinne wirken Boxen und Wetten.

Vorträge. Ich habe niemals zu zählen versucht, wie viele Vorträge ich während der vier Monate gehalten habe, die ich damals in Amerika verbrachte. Sie sind unheimlich zahlreich gewesen. Kann ich mich doch erinnern, wie ich eines Abends in Cambridge, als ich totmüde ins Bett gegangen war, mich noch vor dem Einschlafen darauf besann, daß ich in den letzten 24 Stunden drei Vorträge in drei verschiedenen Städten gehalten hatte: am vorigen Abend einen in New York, dann nach einer Nachtfahrt im Schlafwagen am Vormittag einen zweiten in Cambridge und am Nachmittag den dritten in Boston. Ich beschloß geschwind, das nicht wieder zu tun, habe aber doch später in New York durch zwei Wochen täglich je zwei einstündige Vorträge (ohne akademisches Viertel) gehalten, mit nur einer Stunde Erholung dazwischen, dazu in Englischer Sprache. So wird die Gesamtzahl wohl irgendwo zwischen 100 und 200 liegen.

Es traf sich glücklich, daß ich um jene Zeit gerade ein besonderes Bedürfnis hatte, eine bestimmte Angelegenheit möglichst vielen und verschiedenen Menschen an das Herz zu legen, nämlich die internationale Hilfssprache. Ich habe erzählt (III, 33), wie ich schon auf dem Schiff damit begonnen hatte. Die sichtliche Überraschung, welche damals die vorgetragenen Gedanken hervorriefen, überzeugte mich von der Notwendigkeit, sie zu verbreiten und von der Wirkung, die ich mit ihnen hervorbringen konnte. So benutzte ich die reichlich sich darbietenden Gelegenheiten, darüber zu sprechen und hatte schließlich eine erkennbare Bewegung in dem angestrebten Sinne erzielt, wie später berichtet werden soll.

Wissenschaftliche Vorträge hatte ich außer in Cambridge zunächst in Boston an der technischen Hochschule übernommen. Sie schilderten die Entwicklungsgeschichte der chemischen Begriffe und gaben dergestalt ein Beispiel dafür, was ich als die eigentliche Aufgabe einer wissenschaftlichen Geschichte der Chemie ansehe. Den ersten Vortrag hielt ich Deutsch, wie Noyes mich gebeten hatte, weil er und die anderen früheren Leipziger sich ganz und gar in jene schöne Zeit zurückzuversetzen wünschten. Dann aber teilte er mir mit, das Interesse am Inhalt habe sich bei den Hörern so stark geltend gemacht, daß sie ihn ohne die Schwierigkeiten und Lücken aufzunehmen wünschten, welche die fremde Sprache unvermeidlich verursachte. So hielt ich die übrigen Vorlesungen Englisch. Aus gleichem Grunde wurden sie stenographiert und es wurde eine Englische Ausgabe der Nachschrift ohne viel Durchsicht von meiner Seite veranstaltet. Sie gab später Anregung zu einer neuen, durchdachteren Darstellung des gleichen Gegenstandes in Deutscher Sprache, die unter dem Titel: Leitlinien der Chemie und in zweiter Auflage: Der Werdegang einer Wissenschaft veröffentlicht wurde (II, 386).

Auf weitere Kreise waren zwei oder drei Vorträge für die Lowell-Stiftung berechnet, welche Licht, Farbe und Malerei zum Gegenstande hatten. Hierüber war von mir soeben (1904) ein Büchlein: Malerbriefe veröffentlicht worden, welches die physikalisch-chemischen Gesetze der Maltechnik zur Darstellung gebracht hatte, die damals fast ganz unbekannt waren. Die Briefe waren zunächst in einer Münchener Tageszeitung erschienen und hatten dort zahlreiche aufmerksame Leser gefunden, wie ich aus späteren Veröffentlichungen erkennen konnte, in denen von den erlangten Fortschritten Gebrauch gemacht wurde. Auch die Buchausgabe war bald vergriffen; da ich damals zu einer Neubearbeitung keine Zeit finden konnte, ist das nützliche Werkchen seitdem eine buchhändlerische Seltenheit geworden.

Die Lowell-Stiftung diente der allgemeinen Bildung. Der Stifter hatte die Zinsen seines beträchtlichen Vermögens folgendermaßen zu verwenden angeordnet: Zunächst wurde davon ein Direktor so ausreichend besoldet, daß er andere Geschäfte aufgeben und sich ganz der Stiftung widmen konnte. Er wurde tunlichst aus der Familie Lowell gewählt, die in Boston ansässig und zahlreich genug war, daß voraussichtlich auf lange Zeit diese Bedingung erfüllt werden konnte. Für jeden Direktor war es somit eine Ehrensache, die Wirkung der Stiftung nach allen Kräften zu steigern, um seine Regierungszeit womöglich mit besonderem Ruhm zu bedecken.

Ein anderer Teil der Einkünfte diente dazu, möglichst hervorragende Redner zu Vorträgen zu gewinnen. Hierzu war das Honorar entsprechend hoch angesetzt. In dem streng puritanischen alten Boston vor hundert Jahren waren Schauspiele und Konzerte als zu weltlicher Sünde verleitend verpönt und Vorträge, meist geistlichen Inhalts, die einzige Form öffentlicher Vergnügungen gewesen. Daher hatte sich ein ganz besonderes Interesse an solchen Veranstaltungen auch in unsere Zeiten hinüber erhalten, wo jene weltlichen Zerstreuungen als zulässig betrachtet und reichlich angeboten wurden.

Der Zutritt zu den Vorträgen war unentgeltlich, aber wie folgt geregelt. Auf rechtzeitiges briefliches Ansuchen unter Beilegung eines Umschlages mit Briefmarke und Anschrift erhielt man die erbetene Anzahl Karten für numerierte Sitze zugeschickt. Die nicht besetzten Plätze konnten kurz vor dem Vortrag von solchen eingenommen werden, die ohne Karte gekommen waren, doch wurden nur soviel Hörer zugelassen, als Plätze vorhanden waren. Fünf Minuten vor Beginn wurden die Türen geschlossen und hernach jeder unerbittlich abgewiesen, so daß jede Störung des Vortrages ausgeschlossen war. Nach den Zeitungsberichten und den hernach an mich gelangenden Anfragen zu schließen, haben auch diese Vorträge aufmerksame und dankbare Hörer gefunden.

Anregung zur Farbenlehre. Eine besonders interessante Bekanntschaft vermittelten sie mir in der Person des Herrn A.H. Munsell. Dieser war Künstler und Lehrer der Malerei und hatte eine für diesen Beruf ungewöhnlich gute wissenschaftliche Ausbildung durch den Physiker Professor Ogden Rood erhalten, den Verfasser eines der besten älteren Werke über Farbenlehre. Hierdurch war Munsell angeregt worden, eine Ordnung und Normung der Farben auszuführen und er hatte sich während einer Reihe von Jahren dieser Aufgabe gewidmet. Er suchte meine Bekanntschaft und zeigte mir sein Material und ein von ihm konstruiertes, allerdings ziemlich unvollkommenes Photometer. Darüber, daß die Gesamtheit der Farben sich nur im dreifaltigen Raum methodisch ordnen läßt, war er klar; als Farbkörper hatte er die von Runge 1802 eingeführte Kugel übernommen. Da er aber auch von seinem Lehrer die drei unzweckmäßigen Veränderlichen nach Helmholtz: Farbton, Reinheit und Helligkeit übernommen hatte, so war sein Unternehmen von vornherein zum Scheitern bestimmt. Ich war sehr neugierig, von ihm zu erfahren, nach welchen Grundsätzen er den Farbkreis angeordnet und die Reinheitsstufen gemessen hatte (für die Helligkeit diente sein Photometer); er konnte oder wollte mir aber keine bestimmte Auskunft geben und berief sich auf sein Gefühl als Künstler. Für den Farbkreis hatte er die alte falsche Lehre von den drei Grundfarben Gelb, Rot, Blau angewendet und damit wie natürlich eine ganz unrichtige Teilung erhalten. Hier lag sogar ein Rückschritt gegen seinen Lehrer Rood vor, der der richtigen Farbkreisteilung viel näher gekommen war.

Mit bemerkenswerter Energie hatte Munsell seine Lehre trotz ihrer Unvollkommenheit in die Praxis zu übertragen begonnen. Er hatte entsprechende Buntstifte, Farbkästen und vereinfachte Farbkugeln zur Veranschaulichung der Ordnung herstellen lassen und bereits eine ziemlich ausgedehnte Anhängerschaft unter den Lehrern gewonnen.

Auch nach Deutschland hat er später sein System zu übertragen versucht, ohne jedoch hier einen Erfolg zu erzielen. Er ist inzwischen gestorben, hat aber einen Sohn hinterlassen, der sich die Verbreitung der väterlichen Lehre unter Aufwand erheblicher Mittel angelegen sein läßt.

Mich hatte damals diese Sache lebhaft beschäftigt, doch ergaben wiederholte Gespräche, daß das System Munsells der wissenschaftlichen Kritik nicht standhalten konnte. Aber eine Anregung zur eigenen Bearbeitung dieser großen und wichtigen Sache verdanke ich doch jener Begegnung. Es dauerte allerdings noch ein Jahrzehnt, bis sie sich soweit auswirkte, daß ich mich mehr als platonisch, nämlich experimentell mit der Aufgabe zu befassen begann.

Andere Vorträge. Zu diesen methodischen Vorlesungen gesellten sich noch zahlreiche einzelne Vorträge, die ich an den verschiedensten Stellen und aus den verschiedensten Anlässen hielt. Eine bestimmte Gruppe unter ihnen wurde dadurch veranlaßt, daß wissenschaftliche und gemeinnützige Körperschaften aller Art mich zum Ehrenmitgliede ernannten, worauf ich den schuldigen Dank durch einen Vortrag abzustatten hatte. In solchen Fällen wählte ich meist das Problem der internationalen Hilfssprache zum Gegenstande. Es entsprach meinem damals besonders lebhaften Bestreben, den Gedanken auszubreiten, den ich auch heute noch für einen der wichtigsten im Sinne der Befriedung Europas halte und der Inhalt konnte jedesmal gut dem besonderen Kreise angepaßt werden, in welchem der Vortrag stattfand.

Eine Anzahl anderer Einladungen erhielt ich aus dem Wunsche heraus, mir besondere Eigentümlichkeiten der Kultur der Vereinigten Staaten anschaulich zu machen, in welchen man sich der alten Welt überlegen fühlte. Dies gilt ganz besonders für die wissenschaftliche Erziehung des weiblichen Geschlechts.

Während für die meisten Universitäten und Kollegs in Amerika die Koedukation gilt, so daß sie beiden Geschlechtern gleich zugänglich sind, waren in Harvard weibliche Studenten ausgeschlossen. Präsident Eliot war wohl der Meinung, daß Ernst und Strenge des Studiums sich leichter so erhalten ließ, als wenn der Professor auch auf weibliche Hörer Rücksicht zu nehmen hatte. Dafür war aber parallel zu Harvard das Redcliff-College entwickelt worden, das ausschließlich für Mädchen bestimmt war und an dem die meisten Professoren von Harvard sich gleichfalls als Lehrer betätigten. Ich gewährte meinen Töchtern gern den Wunsch, hier einzutreten und solche Vorlesungen zu hören, an denen sie ein besonderes Interesse nahmen. Dies wurde als eine Art Anerkennung der amerikanischen Methoden empfunden und mit deutlicher Freude aufgenommen.

Wellesley und Vassar. Außerdem bestanden in der Nähe zwei große Colleges für Mädchen: das Wellesley-College bei Boston und das Vassar-College bei New York. Beide habe ich auf Einladung besucht, um ihre Einrichtungen kennen zu lernen und je einen Vortrag zu halten. In einem habe ich den versammelten Insassinnen, über Tausend an der Zahl, die Entwicklung des philosophischen Denkens vom Altertum bis zur Gegenwart in 45 Minuten vorgeführt, und ich glaube die Aufgabe nicht schlecht gelöst zu haben. Denn ich konnte an keinem der mehr oder weniger hübschen Gesichter eine Neigung zum Einschlafen erkennen und bekam zum Schluß einen betäubend lauten Dank zu hören. Was ich den anderen vorgesetzt habe, weiß ich nicht mehr.

Die Colleges waren so ähnlich angelegt und eingerichtet, daß eine allgemeine Beschreibung genügen wird. Sie befanden sich auf einem ausgedehnten Gelände, dem Campus, in landschaftlich reizvoller Lage, mit Flüßchen und See. Einige Hauptgebäude lagen um einen geräumigen Hof und zahlreiche kleinere Häuser, die verschiedenen Zwecken dienten, waren im Campus zerstreut. Die Einrichtung war durchweg sehr gut, vielfach prächtig; für Licht und Luft war überall reichlichst gesorgt. In den Hauptgebäuden waren die Schlaf- und Wohnräume der Zöglinge untergebracht, denn es waren Internate, im Gegensatz zu dem Redcliff-College in Harvard.

Sternwarte, chemisches, physikalisches, biologisches Laboratorium, Bücherei waren vorhanden und bestens ausgestattet. Für körperliche Übung wurde auf das mannigfaltigste gesorgt, ebenso durch Musiksaal und Theater für Kunst. Kurz, was an technischen Einrichtungen gutes zu beschaffen war, fand sich vor und wurde regelmäßig in Gebrauch genommen.

Nach dem Vorbild der männlichen Colleges war die Studienzeit auch hier auf vier Jahre, etwa von 16 bis 20 oder etwas später angesetzt. Die Eintretenden verpflichteten sich, den ganzen Kurs durchzumachen.

Während in Wellesley das Hauptgewicht auf den wissenschaftlichen Unterricht gelegt wurde, schien in Vassar die gesellschaftliche Ausbildung mehr im Vordergrunde zu stehen.

Was ich an wissenschaftlicher Arbeit in Wellesley sah, hat mir aber nicht imponiert. Ich hatte den Eindruck, daß das meiste nur ziemlich oberflächlich genommen wurde, damit die Mädchen das betreffende Fach »gehabt« hatten. Doch gebe ich dies Urteil mit aller Zurückhaltung ab, da ich bei dem flüchtigen Besuch natürlich die Dinge nicht eingehender habe prüfen können. Aber was meine Töchter mir aus dem Betrieb des Redcliff-College berichteten, war geeignet, jenen Eindruck zu unterstützen.

Von Wellesley nahm ich einen ungewöhnlich hübschen Eindruck mit. Als ich in die Aula geführt wurde, um dort meinen Vortrag zu halten, mußte ich das in der Mitte angelegte Treppenhaus durchschreiten, das sich vier oder fünf Stockwerke hoch mit hellem Oberlicht erhob und von Gängen mit Gittern in jedem Stockwerk umgeben war. An diesen Gittern waren in der Höhe mehrere Mädchenchöre aufgestellt, die mir anfangs abwechselnd, später gemeinsam den Gruß des Hauses zusangen. Die frischen Stimmen klangen entzückend in dem riesigen Raum.

Was ich insgesamt von dieser Art der Mädchenerziehung kennen gelernt habe, ist mir nicht nachahmungswürdig erschienen. Vor allen Dingen fand ich es unerträglich, daß die Töchter in den Jahren zwischen 16 und 20, wo sie meist am nettesten sind, das Haus auf ganze vier Jahre verlassen sollen. Das ist entweder ein Zeichen, daß es ein Familienleben nicht gibt, in welchem man ihre Abwesenheit empfinden würde, oder es ist ein Mittel, um dort, wo es ein Familienleben gibt, dies zu zerbröckeln. Was die Mädchen dafür an »allgemeiner Bildung« eintauschen, scheint mir den Verlust nicht wert. Denn um diese handelt es sich in den Colleges, nicht um fachliches Können irgendwelcher Art.

Brooklyn. Um Mitte November erhielt ich von dem Institut für Wissenschaften und Künste in Brooklyn bei New York die Mitteilung der Ernennung zum Ehrenmitgliede und die Einladung, an einem Ehrenfestmahl teilzunehmen, das man mir aus diesem Anlaß geben wollte. Für die Dauer meiner dortigen Anwesenheit hatte Kollege Herter, Professor der Pharmakologie, Gastfreundschaft mir und meiner Frau angeboten. Da auch seitens der Deutschen Gesandtschaft aus Washington ein Vertreter hingesandt worden war – es war dies der erste amtliche Gruß, den ich seitens der Deutschen Regierung erhielt – war eine Ablehnung ausgeschlossen. Warum gerade das Brooklyner Institut mir diese Auszeichnung erwiesen hat, konnte ich nicht ermitteln.

Der Empfang beim Festmahl war überaus herzlich. Es hatten sich etwa 100 Herren aus Brooklyn, New York und Umgebung, Professoren und andere, gefunden, welche Gewicht darauf legten, mit mir dergestalt in persönliche Berührung zu kommen. Einer von ihnen erzählte mir beim Auseinandergehen, daß er vom Lande gekommen und weil er den Zug verpaßt hatte, 40 Meilen mit dem Auto gefahren war – damals eine ungewöhnliche Leistung. Er sei aber von Grund aus zufrieden mit dem Unternehmen. Man hatte mich aufmerksam gemacht, daß meine Gastgeber eine Rede von mir erhofften, und daß sie am liebsten Mitteilungen über meinen persönlichen Entwicklungsgang hören würden. Um mir hierbei nicht selbst lächerlich zu werden, versetzte ich meine Rede mit einem reichlichen Anteil Selbstironie, was ihrer Wirkung auf die Zuhörer offenbar zugute kam.

Am anderen Tage zeigte man mir den Neubau einer großen technischen Lehranstalt, die von opferwilligen Bürgern errichtet wurde und eine Anzahl anderer Merkwürdigkeiten. In einer kostbaren privaten Bildersammlung bemerkte ich neben dem gewöhnlichen Pariser impressionistischen Gemüse von Monet, Manet usw. drei Bilder von Böcklin aus seiner Jugendzeit, wo er italienische Landschaften malte, wohltätig abstechend von jenen in der lebendigen Harmonie ihrer Farben. Der Besitzer schien nicht zu wissen, daß sie etwas besonderes waren.

In Professor Herter lernte ich eine Verbindung von Millionär und Wissenschaftsmann kennen, wie ich sie drüben zu meiner Freude noch mehrfach angetroffen habe. Er hatte von seinem Vater ein großes Vermögen und die Fertigkeit geerbt, es durch erfolgreiche Börsengeschäfte nach Wunsch zu vermehren. Wie er mir erzählte, verbrauchte er für das tägliche Leben – er bewohnte ein großes Haus in vornehmster Gegend – ungefähr die Zinsen seines Vermögens, wobei der Unterricht, den er durch die besten erreichbaren Lehrer seinen vier Kindern zukommen ließ, einen erheblichen Teil ausmachte. Für besondere Ausgaben wendete er sich jenen Geschäften zu, die ihm vom Monat höchstens zwei Tage wegnahmen. Da aber ein chronisches Magenleiden (dem er wenige Jahre später erlegen ist) ihm für seine wissenschaftliche Arbeit nur wenig Energie übrig ließ, gedachte er auch dies aufzugeben. Für seine Forschungen hatte er in seinem Hause ein reichlich ausgestattetes Laboratorium mit zwei Assistenten errichtet.

Washington. Eine andere Vortragseinladung seitens der Nationalen Akadenie der Wissenschaften führte mich nach Washington, wobei ich Gelegenheit hatte, mich dem Präsidenten der Union, Th. Roosevelt, vorzustellen. Während der Deutsche Kaiser den Amerikanischen Austauschprofessorr mit großen Ehren empfangen und persönlich dessen Antrittsvorlesung angehört hatte, waren seitens der Amerikanischen Regierung keinerlei Schritte zu meiner Begrüßung geschehen. Ich hatte deshalb auch unterlassen, meinerseits Beziehungen dorthin zu suchen. Als ich aber jene Einladung erhalten hatte, die ich nicht ablehnen wollte, glaubte ich Washington nicht besuchen zu können, ohne den Präsidenten zu begrüßen.

Meine dortigen Freunde übernahmen die vorbereitenden Schritte dazu und es wurde mir bei dem täglichen Empfang, für den jeder Amerikanische Bürger das Recht des Zutritts hat, ein bestimmter Zeitpunkt freigehalten. Kleidung: Straßenanzug. Roosevelts Aussehen ist wohl noch so bekannt, daß ich es nicht zu beschreiben brauche. Beim Sprechen zeigte er auffällig die Zähne. Er nahm das Wort zu einer freundlichen Begrüßung, setzte voraus, daß mir Amerika sehr gut gefalle und sprach dann ununterbrochen weiter, meist über Völkerverbrüderung, ohne mir Zeit zu einem Wort zu lassen, bis ich mich verabschiedete.

Im übrigen war die Zeit in Washington völlig ausgefüllt. Ich lernte dort F.W. Clarke von der Geologischen Reichsanstalt kennen, mit dem ich seit langem im Briefwechsel stand. Er hatte, während ich am ersten Bande meines Lehrbuches arbeitete, eine Zusammenstellung und Neuberechnung der bis dahin durchgeführten Arbeiten für die Bestimmung der Atomgewichte der chemischen Elemente herausgegeben. Obwohl die Arbeit keineswegs ersten Ranges war und im Rechnungsverfahren sehr bedenkliche Mängel aufwies, wurde er, da damals die mathematische Bildung der Chemiker nicht ausreichend war, um sie zu einer Beurteilung dieser Seite des Werkes zu befähigen, seitdem ohne Zutun von seiner Seite als eine Autorität in Atomgewichtsfragen angesehen.

Persönlich erwies er sich als ein freundlicher alter Herr, lang und mager, mit länglichem, roten, frischen Gesicht und spärlichem Haarwuchs, der früher auch rot gewesen war. Er erwies mir liebenswürdige Gastfreundschaft und brachte keineswegs die ihm zuteil gewordene etwas zu hohe Einschätzung in seinem Verhalten zur Geltung. Er zeigte mir die Laboratorien seiner Anstalt, in denen ich unter Leitung des Dr. Day, eines Schwiegersohnes von F. Kohlrausch, die Denk- und Forschungsmittel der jungen physikalischen Chemie in förderlichster praktischer Anwendung fand, was damals in Deutschland an den amtlichen Stellen noch keineswegs die Regel war. Ich nahm lebhaften Anteil an diesen Arbeitsgedanken und habe hernach an dieser und jener Stelle nutzbare Folgen der damaligen Gespräche erkennen zu dürfen geglaubt.

Einen ganzen Tag verwendete ich auf den Besuch der Nationalen Anstalt der Normen, eines unserer physikalisch-technischen Reichsanstalt nachgebildeten Laboratoriums für die physikalischen Bedürfnisse der amerikanischen Regierung. Ich sah dort viel Lehrreiches, lernte eine große Anzahl der Mitarbeiter kennen, mit denen ich mich in mancherlei Aussprachen vertiefte, und hatte ein eingehendes Gespräch mit dem Direktor der Anstalt. Am Abend gab es einen »Smoker«, einen zwanglosen Abend bei Bier, Frankfurter Würstchen mit Sauerkraut und viel Tabak, bei dem ich sehr zahlreiche Gesellschaft antraf. Auf die übliche Aufforderung, eine Rede zu halten, bat ich die Anwesenden, mir lieber ihrerseits Fragen vorzulegen, auf die sie meine Ansicht kennen lernen wollten. Nach einigem Zögern fing einer an, dann kamen mehrere und schließlich gab es ein lebendiges Hin und Wider. Zuletzt kam aber doch die unvermeidliche Lobrede auf mich, bei welcher der Redner hervorhob, daß sich die Amerikaner bei der Austauschsache wieder einmal als die geschickteren Händler erwiesen hätten, da sie bei weitem das bessere Geschäft gemacht hätten. Diese freundlich-lustige Wendung ist dann anscheinend von Mund zu Mund weiter gegangen, da ich sie in der Folgezeit noch oft zu hören bekam. Andererseits berichtet van’t Hoff (II, 129) in seinem Tagebuch unter dem 17. November 1905: M. erzählte mir, daß der Amerikanische Austauschprofessor keine Hörer mehr hat.«

Feierlicher war eine Sitzung der Akademie der Wissenschaften von Washington, die mich zum Ehrenmitglied aufgenommen hatte und der ich einen Vortrag über die Weltsprache hielt. Es waren dazu einige Altphilologen von der nahen Johns-Hopkins-Universität in Baltimore herübergekommen und ich konnte feststellen, daß die Vorurteile auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans sich der gleichen Scheingründe bedienten.

Den deutschen Gesandten Speck von Sternburg fand ich bei meinem Besuch nicht zuhause, doch kam umgehend eine Einladung zum Frühstück am nächsten Tage. Er erwies sich als ein kleiner und magerer Herr von sehr ungesundem Aussehen. Ich traf dort den Leiter der eben mit sehr reichen Mitteln gegründeten Carnegie-Anstalt, Woodward, der sich über einige Fachgenossen Auskunft erbat, die er für seine Zwecke ins Auge gefaßt hatte. Auch die Frage, ob ich gegebenenfalls mitmachen wollte, wurde berührt; es ist aber nichts daraus geworden.

Mit diesen und anderen geselligen Veranstaltungen waren die drei für Washington bestimmten Tage bis zum Rande gefüllt, so daß ich aufatmete, als ich mich endlich am letzten Abend in den Schlafwagen begeben konnte, der mich noch eben rechtzeitig für die Vorlesung am nächsten Morgen nach Cambridge brachte.

Die Unsterblichkeits-Vorlesung. Unter den vielen Stiftungen, welche die Harvard-Universität zu verwalten hatte, befand sich eine, nach ihrem Stifter die Ingersoll-Vorlesung genannt, aus deren Erträgen alljährlich ein namhafter Redner honoriert werden sollte, der sich zur Frage der Unsterblichkeit der menschlichen Seele zu äußern hatte. Es war ausdrücklich angeordnet worden, daß keineswegs Geistliche oder Theologen hierzu vorwiegend zu berufen seien, sondern es sollte jeder zu Gehör kommen, der Eigenes zur Sache beizubringen hatte, unabhängig davon, ob seine Meinung mit der Kirchenlehre übereinstimmte oder nicht.

Vom Verwaltungsrat der Stiftung, dessen Vorsitzender Präsident Eliot war, wurde mir die Einladung zuteil, den auf das Ende des laufenden Jahres fälligen Vortrag zu übernehmen. Ich machte Eliot aufmerksam, daß meine persönliche Einstellung zu der Frage so abweichend von der landesüblichen sei, daß ich mit ihrer öffentlichen Äußerung Anstoß zu erregen fürchte. Er antwortete, daß es im Sinne der Stiftung liege, möglichst verschiedene Ansichten zu Worte kommen zu lassen, da nur so die Wahrheit (oder vielmehr Wahrscheinlichkeit) gefunden werden konnte, und daß ich unbedenklich die Ansicht entwickeln möchte, zu der ich nach reiflicher Prüfung gelangt sei.

Einige Tage darauf erschien W. James (der einige Jahre vorher eine solche Vorlesung gehalten hatte) in großer Unruhe bei mir. Er hatte aus früheren Gesprächen zu seiner peinlichen Überraschung erfahren, daß ich eine bestimmte Antwort auf solche Fragen keineswegs ablehnte, welcher Agnostizismus damals in den wissenschaftlichen Kreisen des Landes üblich war, sondern daß ich haltbare Gründe nur gegen die Annahme einer Unsterblichkeit der menschlichen »Seele« gefunden hatte, aber keinen einzigen dafür. Er ließ sich diese meine Ansicht wiederholen und meinte erschrocken, daß ich sie doch nicht so bestimmt und ohne Vorbehalt aussprechen dürfe; das könnte mir ernstlich übel genommen werden. Er beschwor mich, in irgendeiner Form Rücksicht auf die öffentliche Meinung zu nehmen und ihr wenigstens eine Möglichkeit der Unsterblichkeit zuzugestehen. Ich war meinerseits erschrocken, daß der aufrichtig verehrte und liebe Kollege eine solche Zumutung an mich stellen konnte und weigerte mich entschieden. Jede Konzession müßte ich als eine bewußte Täuschung meiner Zuhörer ansehen, welche einen Anspruch darauf hatten, meine wahre Meinung kennen zu lernen. Verzweifelt wandte sich James an meine Töchter, die zufällig im gleichen Zimmer (wir hatten ja nur eines) gesessen und unser Gespräch angehört hatten und fragte in der Hoffnung auf ein Ja, ob sie denn auch nicht an die Unsterblichkeit glaubten. Ohne Besinnen antworteten beide: nein, und James entfernte sich fassungslos.

Die Nachricht von der Beschaffenheit meiner Antwort auf die alte Frage hatte sich schnell verbreitet und am Vortragsabend fand ich den großen Saal, der hierfür hergerichtet war, bis auf den letzten Platz mit einer gespannt aufmerkenden Zuhörerschaft gefüllt, über der eine lautlose Stille lagerte.

Den Wortlaut des Vortrages habe ich im sechsten Bande der Annalen der Naturphilosophie vom Jahre 1907 veröffentlicht (S. 31–57); ich kann mich also hier mit einer kurzen Inhaltsangabe begnügen.

Der Vortrag begann mit dem Hinweis, daß der Begriff der Dauer auf der besonderen Beschaffenheit unseres Geistes beruht, vermöge deren er Erinnerungen hat. Im Felde unseres Bewußtseins ziehen fortwährend neue Erlebnisse vorüber. Die übereinstimmenden werden als »dasselbe« Ding aufgefaßt, welchem demgemäß Dauer zugeschrieben wird. Wir erwarten, daß wir auch künftig gleiches erleben werden, sprechen dem Ding daher auch Dauer in die Zukunft zu, und ewige Dauer, wenn wir nicht absehen, warum sich die übereinstimmenden Erlebnisse nicht unbegrenzt wiederholen sollten. Nun hat zwar der wissenschaftliche Materialismus die selbständige Existenz einer Seele unabhängig vom Körper und deshalb auch die Unsterblichkeit in Abrede gestellt. Nachdem er durch die Energetik ersetzt wurde, ist eine neue Untersuchung nötig geworden, da nicht mehr das geistige Leben als eine Bewegung der Atome angesehen werden kann, das verschwindet, wenn diese Bewegungen durch die Zerstörung des Gehirns nach dem Tode aufhören. Die Energetik macht solche mechanische Annahmen nicht und gibt Raum für andere Möglichkeiten. Die Untersuchung muß also dahin gerichtet werden, ob die Tatsachen der Natur sich mit dem Gedanken der Unsterblichkeit vereinigen lassen oder nicht, und zwar auf breitester Grundlage.

Diese ergibt sich, wenn man nach den Dingen fragt, die unzerstörbar die Wandlungen der Zeit überdauern. Als solche stellen sich heraus: die chemischen Elemente, die Masse, die Energie. Aber die Elemente haben sich in letzter Zeit dem Wandel unterworfen gezeigt (es war eben von Ramsay die Entstehung von Helium aus Radium nachgewiesen worden), für die Masse sind ähnliche Andeutungen vorhanden, so daß zurzeit nur die Energie sich als dauerhaft erweist.

Diese mehr oder weniger dauerhaften Dinge zeigen die Eigenschaft, daß man sie nicht individualisieren kann. Zwei Massen Wasser, die man vermischt hat, lassen sich nie mehr so trennen, daß die frühere Verteilung der Atome wieder eingetreten ist; sie wahrten ihre Individualität nur so lange, als sie räumlich getrennt waren. Dasselbe gilt für die Energie. Individualität und Unsterblichkeit stehen also in einem ausschließenden Gegensatz, der sich überall zeigt, wo man eine entsprechende Untersuchung anstellt.

Insbesondere besteht das Leben in einer unaufhörlichen Wechselwirkung des Lebewesens mit seiner Umgebung, welche eine beständige Änderung im Zustande und der Beschaffenheit des Wesens bedingt. Änderung und ewiger Bestand sind aber Begriffe, die sich wechselseitig ausschließen. Es bleiben daher nur zwei Möglichkeiten, falls nach dem körperlichen Tode von der Persönlichkeit des Menschen etwas übrig bleibt. Entweder setzt es sich in Beziehungen zu anderen Wesen: dann kann es nicht ewig sein. Oder es besteht absolut beziehungslos weiter: dann kann es ein ewiges Dasein haben, aber es kann keinerlei Zusammenhang, weder mit den Überlebenden noch mit den früher Gestorbenen betätigen, d.h. es ist für alle tot. In beiden Fällen ist eine Unsterblichkeit, wie man sie sich vorzustellen pflegt, ausgeschlossen und wir müssen alle derartigen Ansichten als wissenschaftlich undurchführbar aufgeben. Ein Überleben des einzelnen findet nur insofern statt, als dieser während seines Lebens die Welt und die Mitmenschen beeinflußt hat. Aber solche Einflüsse sind niemals ewig. Sie verlieren im Laufe der Zeit zunehmend ihre individuelle Beschaffenheit und ordnen sich zuletzt ununterscheidbar dem allgemeinen Kulturerbe ein, welches ein Geschlecht der Sterblichen dem anderen übermacht. Das allgemeine Gesetz des zunehmenden Ausgleiches, welches sich in der Diffusion der Materie und der Energie ausdrückt, hat auch für die moralischen und intellektuellen Werte Geltung, die von den einzelnen geschaffen werden.

Sehr nachdrückliche Beifallsäußerungen vor Beginn und nach Schluß des Vortrages ließen mich erkennen, daß unter meinen Zuhörern viele bereit waren, sich diesen Gedankenwegen anzuschließen. Präsident Eliot, der sich zu meinen Töchtern gesetzt hatte, machte ein sehr ernstes Gesicht und Professor Münsterberg trug Sorge, erkennen zu lassen, daß er durchaus nicht einverstanden war. Die Zuhörer verhielten sich während der ganzen etwa anderthalb stündigen Rede vollkommen still, so daß jedes Wort durch den sehr großen Raum hallte, als ob er leer wäre. Die ganze Stimmung war die eines außerordentlichen Geschehens. Auch der Redner selbst konnte sich diesem Eindruck nicht entziehen und formte seine Sätze feierlicher, als er sonst pflegte.

Kritik. Bei dem sehr großen Einfluß, den die Kirche in den Vereinigten Staaten noch heute hat, und der durch die entschlossene Anteilnahme der Geistlichen an den Fragen des Tages lebendig erhalten wird, erregte dieser Widerspruch gegen die von allen christlichen Kirchen trotz sonstiger Verschiedenheiten gemeinsam festgehaltene Unsterblichkeitslehre ein nicht geringes Aufsehen. Polar entgegengesetzte Urteile kamen mir zu. Auf der einen Seite sprach mir die bejahrte hochgebildete Frau Thayer, Professor Richards Schwiegermutter (III, 40), ihren warmen Dank dafür aus, daß ich ihr durch die Aussicht auf ewige Ruhe das bevorstehende Sterben leicht gemacht hatte. Auf der anderen Seite wurde ich in der konservativen und kirchlichen führenden Zeitung, dem »Boston Transcript« als ein Kind Satans beschrieben und Präsident Eliot mußte sich durch Berufung auf den ausdrücklichen Wortlaut der Ingersoll-Stiftungsurkunde, nach welcher Vertreter aller Anschauungen zu Worte kommen sollten, gegen heftige Vorwürfe von kirchlicher Seite verteidigen, daß er einen solchen Ketzer und Heiden hatte reden lassen.

Der Wortlaut der Vorlesung wurde von einem dortigen Verlag veröffentlicht, der sämtliche früheren Ingersoll-Vorträge in gleichem Format herausgegeben hatte und die ziemlich starke Auflage ist, wie ich aus den Abrechnungen ersehen habe, im Lauf der Jahre vollständig verkauft worden. Bei dieser Gelegenheit stellte sich heraus, daß Münsterberg, der eine Einladung zu einem solchen Vortrag nicht erhalten hatte, seine Ansichten über die Unsterblichkeit gleich falls in einer Abhandlung ähnlichen Umfanges niedergelegt und Sorge getragen hatte, daß sie in der gleichen Ausstattung in den Buchhandel gelangte, wie die wirklichen Ingersoll-Vorlesungen. Die von ihm mitgeteilten Gedanken gestatteten ganz wohl einen Anschluß an die kirchlichen Lehren.

Auch ein Einfluß meines Vortrages auf meine Stellung an der Harvard-Universität ließ sich bald erkennen. Die mir etwas ferner stehenden Kollegen rückten um einen kleinen aber deutlich erkennbaren Schritt von mir ab. Ein öffentlich ausgesprochener Gegensatz zur Kirche wurde dort ähnlich wie in England nicht nur als ein moralischer, sondern noch mehr als ein gesellschaftlicher Verstoß angesehen: eine Einstellung, die als besonders wirksam von der Geistlichkeit mit Eifer und Erfolg gepflegt wird. Nicht nur ich bekam dies zu spüren, sondern auch meine Frau und Töchter.

Weihnacht in der Fremde. Der Herbst 1905, den ich in Cambridge zubrachte, war von ungewöhnlich schönem Wetter begünstigt. Bei der Ordnung der regelmäßigen Vorlesungen war zufällig der Mittwoch ganz frei geblieben und da ich diesen Wochentag auch tunlichst von anderen Beanspruchungen frei hielt, so benutzte ich ihn, um die Umgebung kennen zu lernen, die dank der mannigfaltigen Straßen- und Eisenbahnen in einem ziemlich weiten Umkreis leicht erreichbar war. Meine Töchter begleiteten mich fast immer; meine Frau mußte leider aus Rücksicht auf ihre Gesundheit mehr und mehr verzichten. Die ältere Tochter und ich pflegten den Malkasten mitzunehmen und wir brachten reiche Ausbeute heim, da die vielfach fremdartigen Bilder, die sich uns darboten, die Lust zur Wiedergabe stark anregten. Erst Anfang Dezember fiel über Nacht Schnee, der uns am nächsten Morgen ins Freie lockte. Unterwegs konnten wir mehrere bekannte Professoren begrüßen, welche mit Schippe und Besen vor ihren Wohnungen den Weg zwischen Straße und Haustür frei machten. Da diese Arbeit nicht zu den Obliegenheiten der Hausangestellten gerechnet wird, macht der Hausherr sie der Kürze wegen selbst. Doch hielt sich der Schnee nicht, und wir hatten zwischen stürmischen und finsteren Regentagen bald wieder Sonnenschein und blauen Himmel.

Als Ausgleich gegenüber den starken gedanklichen Beanspruchungen – die Ingersoll-Vorlesung hatte am 13. Dezember stattgefunden, – richtete ich mir das Gerät her, um zu Hause größere Bilder nach meinen Skizzen zu malen; es ist auch eine Anzahl fertig geworden, die ich alle dort verschenkt habe. In Boston hatte ich die Bekanntschaft eines tüchtigen Landschafters Enneking gemacht, den ich wiederholt über seine Anschauungen und schöpferischen Erlebnisse auspumpte, was er sich übrigens bereitwillig gefallen ließ. Doch gelang es mir nicht, Wesentliches von ihm zu erfahren. Er schien hauptsächlich auf gut Glück loszumalen und übermalte dann den ersten Entwurf behufs Verbesserung so lange, bis er ungefähr das erzielt hatte, was ihm vorschwebte. Dadurch entstanden zuweilen sehr dicke Farbschichten; ein solches Bild von etwa 50 cm Seite, das er mir in die Hand gab, und das die Stimmung eines Spätherbstmorgens im Walde gut zum Ausdruck brachte, wog einige Kilogramm wegen des vielen aufgetragenen Bleiweiß. Ich sah hier weite Möglichkeiten in der bewußten Gestaltung der gewollten Bildwirkung gegenüber der ganz auf die Gunst des Augenblicks angewiesenen unterbewußten Art der Arbeit, die von den Künstlern und Kunstschreibern als die einzig »künstlerische« angesehen und in den Himmel gehoben wird, obwohl sie zweifellos eine primitivere, d.h. niedrigere Entwicklungsstufe gegenüber der bewußten Arbeit darstellt. Mit großer Stärke kam über mich der Wunsch, bei der nach der Heimkehr bevorstehenden Neugestaltung meines Lebens Maler zu werden. Zwanzig Jahre später habe ich diesen Wunsch als Dreiundsiebzigjähriger verwirklicht; freilich kommt es in diesem Alter nicht mehr viel darauf an, wie man das Restchen Arbeit benennt, die man noch leisten kann.

Eine besondere Freude zum bevorstehenden Weihnachtsfeste für mich und die Meinen war der Besuch meines ältesten Sohnes Wolfgang, der damals Assistent bei J. Loeb (II, 338) in Berkeley, Cal. war. Dieser hatte wiederholt sehr günstige Nachrichten über ihn geschickt und wir hatten alle den Wunsch, zu sehen, wie die vorübergehende Verpflanzung in den fremden Boden auf ihn persönlich gewirkt hatte. Er traf denn auch am Abend vor Weihnacht ein und erwies sich, abgesehen von seiner geistigen Weiterentwicklung, als wesentlich unverändert. Natürlich gerieten Mutter und Schwestern in weibliches Entsetzen, als sie den Zustand seiner Wäsche und anderen Habseligkeiten festgestellt hatten und es gab in der nächsten Zeit ein mannigfaltiges Einkaufen zum Ersatz.

Freundliche Gaben. Zum Weihnachtsabend wurden uns von den Kollegen und anderen Bekannten zahlreiche hübsche Überraschungen geschenkt, in denen sich die mancherlei angenehmen und herzlichen persönlichen Beziehungen aussprachen, die sich während der drei Monate unserer Anwesenheit angesponnen und entwickelt hatten, Das gewichtigste Geschenk an mich war ein fünfbändiges Werk von dem alten Professor der Geologie Shaler, der uns besonders in sein noch immer jugendfrich fühlendes Herz geschlossen hatte. Es war aber keineswegs wie ich vermutet hatte ein wissenschaftliches Opus, sondern enthielt fünf Dramen, welche die Regierungszeit der Königin Elisabeth von England zum Gegenstande hatten und etwa in der Art der Königsdramen Shakespeares gedacht waren.

Shaler hatte mir erzählt, daß er aus Kentucky gebürtig war, wo seine Eltern als Ansiedler einsam in der Wildnis gelebt hatten. Unterricht gab es lange keinen, bis endlich durch irgendeinen Zufall dort ein Deutscher Student gelandet war, der zufolge der Demokratenverfolgungen aus Deutschland hatte flüchten müssen. Er war ein fanatischer Hegelianer, der alles auf die Triade: Spruch, Widerspruch, Vereinigung zurückführte und dem jungen Hinterwäldler eine höchst wunderliche Vorstellung von der Welt und der Wissenschaft übermittelte. Doch erklärte Shaler, daß er nachträglich an seinen Lehrer nur mit Dank zurückdenken könne, da er trotz dessen wunderlicher Außenseite in ihm die Fähigkeiten scharfen Denkens und genauer Begriffsbildung gut entwickelt habe.

Wie sich Shalers weitere Entwicklung bis zum Professor in Cambridge gestaltet hat, ist mir nicht im Gedächtnis geblieben. Die erwähnten Elisabethdramen verdankten ihre Entstehung der Überlegung, daß alle Kunst auf bestimmten gedanklichen und technischen Mitteln beruht, deren Kenntnis und Beherrschung es möglich machen muß, Kunstwerke sozusagen künstlich, d.h. ohne dichterische Inspiration zu erzeugen. Um experimentell zu ermitteln, was oder wieviel an diesem Gedanken richtig ist, machte er sich alsbald ans Werk, wählte fünf kennzeichnende Ereignisse aus jener Zeit und bewerkstelligte ihre dramatische Gestaltung. Die gewählte Form war der von Shakespeare benutzte Blankvers, die fünffüßigen Jamben. Shaler erzählte mir, daß er während jener Zeit so sehr in den Rhythmus solcher Verse hineingekommen war, daß sein Text ohne weiteres Zutun diese Gestalt annahm; er hatte lange Strecken des Dramas geschrieben, ohne daß seine Verse beim Entstehen überhaupt über die Schwelle des Bewußtseins traten, und hat sie hernach beim bewußten Durchlesen kaum zu verbessern gebraucht. Es ist mir nicht bekannt, ob die Dramen einen literarischen Erfolg gehabt haben.

Persönlich war Professor Shaler ein lebhafter, weißhaariger alter Herr, mager und schlank mit dunklen Augen und höchst beweglichen Zügen. Er erwies mir und den Meinen mit seiner lieben Frau herzlichstes Entgegenkommen, das rein menschlich gefühlt und gemeint war, denn wissenschaftliche Fragen wurden bei unserem Zusammensein kaum jemals berührt.

Amerikanische Philosophen. Erwähnung verdient noch aus dieser Zeit ein Kongreß der amerikanischen Philosophen, der gegen Neujahr in Cambridge tagte. Es war eben ein neues Universitätsgebäude fertig geworden, welches Emerson Hall genannt wurde und dessen Hauptteil für Münsterbergs Tätigkeit bestimmt war, der neben seiner abstrakten Philosophie ein psychophysisches Laboratorium nach Wundtschem Muster zu leiten hatte. Auch meine philosophische Vorlesung wurde in die neue Anstalt verlegt, in der ich indessen nur noch sehr kurze Zeit vorzutragen hatte. Ich wurde eingeladen, die Versammlungen der Philosophen mitzumachen und einen Vortrag zu halten. Ich sprach über die Beziehung zwischen Geist und Körper im Licht der Energetik und fand freundliche Aufnahme, die sich in lebhaften Kundgebungen des Beifalls äußerte. Ebenso wurde ich zur Beteiligung an den Aussprachen über andere Vorträge veranlaßt. Von den Amerikanischen Philosophen wurde ich durchaus als zum Fach gehörig angesehen und behandelt, was in Deutschland weder damals, noch später geschah. In seinem Schlußwort hatte der Vorsitzende der Tagung die nationalen Besonderheiten der Philosophen dahin gekennzeichnet, daß er den Deutschen die Tiefe des Denkens, den Franzosen die Klarheit der Form und den Amerikanern den gesunden Menschenverstand zusprach.

Abschied von Cambridge. Um die Mitte des Januar 1906 endeten meine Lehrverpflichtungen an der Harvard-Universität, doch nicht mein Aufenthalt in den Vereinigten Staaten. Denn schon etwa einen Monat vorher hatte ich unter Ablehnung mehrerer an derer Einladungen die Verpflichtung übernommen, zwei Reihen Vorlesungen an der Columbia-Universität in New York zu halten. Auch diesmal handelte es sich sowohl um Chemie wie um Philosophie. Die chemische Vorlesung war eine Wiederholung oder vielmehr Neugestaltung einer in Boston gehaltenen über die geschichtliche Entwicklung der chemischen Begriffe; in der philosophischen sollte ich meine eigene Philosophie, etwa im Sinne meiner Vorlesungen über Naturphilosophie, nur gekürzt, verdichtet und um die inzwischen gemachten Fortschritte erweitert zur Darstellung bringen. Die erste Reihe war durch den dortigen Chemieprofessor Chandler (II, 403) veranlaßt und vermittelt worden, die zweite durch den Psychologen J. McKeen Cattell, einen früheren Schüler Wundts und einflußreichen Organisator des wissenschaftlichen Nachrichtenwesens in Amerika. Dazu kamen noch einige Einzelvorträge in wissenschaftlichen Anstalten und Vereinen. Das Ganze ließ sich in die Zeit von etwas über zwei Wochen zusammendrängen, so daß ich Schiffskarten zur Heimfahrt auf den 6. Februar nahm. Ich hatte mich schon in Cambridge während der letzten Zeit wiederholt erschöpft gefühlt und sah für New York eine noch erheblich gesteigerte Anstrengung voraus, zu der ich mich nur in Hinblick auf die Ruhezeit entschloß, die mir auf dem Schiff bevorstand.

Nun galt es, für die mancherlei Beziehungen, welche sich in Cambridge und Boston entwickelt hatten, einen Abschluß zu gestalten. Dies geschah zunächst durch ein Herren-Abschiedsessen, zu welchem ich die mir näher getretenen Kollegen und anderen Personen, zwischen 30 und 40 Gäste einlud. Dr. Morse bewährte auch hier seine hilfreiche Assistententätigkeit, indem er mir alles Technische (Saal, Speisefolge usw.) abnahm und es tadellos erledigte. Meine Töchter hatten die Tischkarten mit Malereien und anderem Schmuck versehen und der Direktor Goodale des botanischen Gartens hatte für den Pflanzenschmuck gesorgt. Die Einladungen wurden rechtzeitig versendet und alle dankend angenommen. Nur Präsident Eliot mußte mitteilen, daß es ihm unmöglich sei, eine Verpflichtung aufzuheben, die ihn gerade an jenem Abend zu einer Reise zwang. So mußte das Essen um einige Tage verschoben und den Gästen die entsprechende Nachricht mitgeteilt werden; auch dieser erschwerende Umstand brachte mir keine einzige Absage.

Als der leibliche Teil der Zusammenkunft zur Zufriedenheit erledigt war, begrüßte ich meine Gäste mit einer längeren Ansprache, in welcher ich den Gewinn beschrieb, den mir die Tätigkeit in Cambridge gebracht habe. Ich hob zunächst den Gegensatz zwischen dem Deutschen und dem Amerikanischen Professor bezüglich ihrer äußeren Stellung hervor: der Amerikaner wird auf Zeit berufen und muß gegebenenfalls mit einer Kündigung rechnen, der Deutsche ist auf Lebenszeit im Amt und eine Kündigung kann nur seinerseits geschehen. Der Inhalt seiner Lehre ist nur durch sein Wissen und Gewissen begrenzt und er ist vollkommen frei, die Ergebnisse seines Denkens und Arbeitens den Studenten mitzuteilen. Neben dieser positiven Seite steht aber die negative, daß sein Gesichtskreis nur zu leicht durch die Bücher seines Studierzimmers oder die Flaschen seines Laboratoriums begrenzt sei, während bei seinem Amerikanischen Kollegen die frische Luft des öffentlichen und praktischen Lebens auch in diese Räume hineinwehe. Von dieser frischen Luft sei auch ein Zug erquickend durch meinen Kopf gegangen und hätte mich zu größerer Entschlußfreudigkeit für die Gestaltung meiner äußeren Verhältnisse gebracht, als ich vorher besaß.

Ein zweites, was ich mit besonderem Dank erlebt habe, ist die bereitwillige Resonanz gewesen, die ich hier auch für Gedanken gefunden habe, die außerhalb der anerkannten Gebiete der Wissenschaft lagen.

So habe ich eine Reihe von Monaten fast ununterbrochenen Sonnenscheins erleben dürfen, sowohl meteorologischen wie moralischen. Die Zeit hat zwar an meine Arbeitsfähigkeit überdurchschnittliche Ansprüche gestellt; sie haben sich aber leicht befriedigen lassen in der Atmosphäre allgemeinen guten Willens, freundschaftlichen Entgegenkommens und liebenswürdiger Nachsicht, von der ich mich umgeben gefühlt habe. Tatsächlich hatte ich kein unangenehmes Erlebnis irgendwelcher Art, das von außen gekommen wäre, zu überwinden gehabt. Es ist fast unglaublich, daß derartiges auf unserer unvollkommenen Erde möglich sein soll; im vorliegenden Falle sei das Unwahrscheinliche Ereignis geworden.

Zum Schluß bat ich meine Gäste, statt des Amerikanischen Gebrauches eines Toastmeisters diesmal sich der Deutschen Sitte zu fügen, daß jeder, den der »Geist treibt«, das Wort ergreift.

Auswertung. Dieser allgemeinen Einladung kam zunächst Präsident Eliot nach. Er bestätigte die von mir hervorgehobene Bereitwilligkeit der Amerikaner, neuen Gedanken vorurteilsfrei nachzugehen und betonte, welch großen Dank die Amerikanische Wissenschaft den Deutschen Universitäten schulde. Im vorliegenden Falle sei der Dank besonders lebhaft, da nicht nur die Studenten, sondern ganz besonders die Professoren wertvolle Anregungen durch den Besuch empfangen hätten. Aber er dürfe hoffen, daß nun auch die Amerikanische Wissenschaft beginne, diesen Dank durch entsprechende Leistungen abzutragen. Der Gedanke des Professorenaustausches habe durch diesen ersten Versuch eine große Stärkung erfahren.

Es sprachen dann Richards (Chemiker), Goodwin (Philologe), Shaler (Geologe), Wright (Historiker), Franke (Germanist), Hall (Physiker), Noyes (Chemiker), Münsterberg (Philosoph) und Royce (Philosoph). Richards gab an, von mir gelernt zu haben, wie man das Schiff der Wissenschaft sicher an den Klippen unfruchtbarer Hypothesen vorbei zu steuern habe. Goodwin, ein alter Philologe, der sich mit seiner lieben Frau ganz besonders persönlich zu mir und den Meinen hingezogen gefühlt hatte, pries die Gastfreundschaft der Deutschen Universitäten, Shaler betonte den belebenden Einfluß des Gastes auf die jüngeren Mitglieder der Universität, die noch etwas lernen könnten; er selbst sei leider zu alt dazu. Er sei von einem Deutschen und Hegelianer erzogen worden, dessen Philosophie er inzwischen vollkommen vergessen habe. Sie hätte aber einen so großen leeren Raum in seinem Gehirn hinterlassen, daß er eine ganze Menge seiner späteren Wissenschaft habe hineinpacken können. Vertrauen in das eigene Denken sei das beste, was er von den Deutschen gelernt habe. Wright dankte nicht nur mir, sondern auch meiner Familie für ihr Kommen. Franke sagte, daß bekanntlich nichts so schwer sei, als durch eine offene Tür zu gehen. Diese offene Tür sei das allgemeine Gefühl des Dankes, aus dem er keine Einzelheit hervorheben könne, ohne Unzulänglichkeit nach anderer Richtung. Er schloß mit Goethes Versen, die ich mir nicht versagen kann herzusetzen, weil sie das ausdrücken, was ich so gern möchte von mir denken dürfen:

Weite Welt und breites Leben,

Langer Jahre redlich Streben,

Stets geforscht und stets gegründet,

Nie geschlossen, oft geründet,

Ältestes bewahrt mit Treue,

Freundlich aufgefaßtes Neue,

Heitern Sinn und reine Zwecke:

Nun! man kommt wohl eine Strecke.

Eine sehr hübsche Rede hielt Münsterberg, von dem ich sie nicht erwartet hatte. Er führte aus, daß die Schilderungen der wunderbaren Eigenschaften des Deutschen Professors seitens begeisterter Amerikaner, welche in Deutschland studiert hatten, von den Zuhausegebliebenen meist sehr ungläubig aufgenommen würden. Man vermute in diesen Kreisen allgemein, daß dieser Typus gar nicht wirklich existiert, sondern ein für pädagogische Zwecke erdachtes Phantom sei, ähnlich wie der ärmlich aber reinlich gekleidete artige Knabe in den Jugendschriften. Er betrachtete es als ein Hauptverdienst, daß ich diese Zweifel beseitigt und durch meine unbestreitbare Wirklichkeit bewiesen habe, daß jene Beschreibungen des Deutschen Professors eher zu wenig als zuviel gesagt hätten.

Noyes sagte, daß er mich vor 17 Jahren nur als Lehrer und Forscher kennen gelernt habe, jetzt aber mir habe menschlich näher treten dürfen und diese Seite noch besser gefunden habe, als jene. Besonderes Gewicht legte er außerdem auf die Vielseitigkeit meiner Betätigungen, die ihrer Gründlichkeit nicht Eintrag getan habe.

Royce erzählte, daß vor einigen Jahren in seinem philosophischen Seminar die damals erschienene »Naturphilosophie« Gegenstand ausgedehnter Besprechungen gewesen sei. Als dann vor kurzem in demselben Seminar ich persönlich erschien und mich an den Verhandlungen beteiligte, habe dies auf ihn wie eine wundersame Fortsetzung jener längst vergangenen Sitzungen gewirkt.

Auf die Anregung Eliots, die Reihe der Reden abzuschließen, ließ ich meinen Dank für die viele Freundlichkeit und Liebe, die mir der Abend gebracht hatte, in den überpersönlichen Gedanken von der Völker und Menschen verbindenden Kraft der Wissenschaft ausklingen, welche auch dies beglückende Ergebnis zustande gebracht hatte. Tatsächlich sei die Wissenschaft ein vollkommen gemeinsames Gut aller Kulturvölker, von denen jedes bestrebt ist, soviel es kann, zu diesem Schatze beizutragen. Das einzige, was hier noch fehlt, ist die gemeinsame Sprache, welche jedem ohne Ausnahme restlos den ganzen Inhalt dieses größten Schatzes der Menschheit zugänglich machen würde.

So schloß der Abend, wie es sich gehört, nicht mit einem Verweilen im Vergangenen, sondern mit einem Ausblick auf die Zukunft; nicht mit der Betrachtung einer einzelnen Person, sondern mit allgemeinmenschlichen Gedanken.

Der Studententee und anderes. In etwas anderer Form nahm ich Abschied von Cambridges Studenten. Ich hatte mancherlei Berührungen über die Vorlesungen hinaus mit ihnen gehabt; als letzte veranstaltete ich einen College-Tee, auf den an einem Sonntagnachmittag jeder eingeladen war, der kommen wollte. Meine Töchter und eine Anzahl ihrer dort gewonnenen Freundinnen boten Tee, Gebäck und Brötchen an und man bewegte sich unter Kommen und Gehen etwa zwei Stunden lang in den für den Zweck besonders geschmückten Räumen. Auch dies wurde mit heiterem Dank aufgenommen.

Mit besonderer Rührung verabschiedeten sich die Hausgenossen, insbesondere das schwarze Personal, von den Meinen.

Ich bin nicht imstande, die vielen einzelnen Diners aufzuzählen, zu denen man mich in Cambridge und Boston in den letzten Wochen eingeladen hat, um mir noch einige freundliche Abschiedsworte zu sagen. Sie brachten mich noch einmal mit der ganzen geistigen Höhenschicht beider Städte zusammen, die ich während der verflossenen Monate kennen gelernt hatte, wenn auch leider meist nur flüchtig, und haben mir den Eindruck kräftigen Strebens und idealer Gesinnung als der Grundzüge dieser Gesellschaft dauernd hinterlassen. Das ausgeprägte Selbstbewußtsein der Angehörigen dieses östlichen Kulturzentrums, welches die anderen Amerikaner namentlich den Bostonern nachsagen, und das sich dem allgemeinen Amerikanischen Selbstbewußtsein noch überlagert, habe ich nie peinlich zu empfinden gehabt, da die Bostoner besonderen Wert auf gute gesellschaftliche Formen legen.

Immerhin verlangt aber die geschichtliche Genauigkeit die Nachricht, daß das amtliche Abschiedsessen bei dem Präsidenten Eliot, zu dem nur noch die anderen amtlichen Vertreter der Universität geladen waren, ohne besondere Wärme verlief. Ich hatte den Eindruck, daß irgend etwas an meinem Wesen oder Verhalten Eliots Billigung nicht gefunden hatte. Es kam dies weder in Worten noch in Gebärden zum Ausdruck, wohl aber darin, daß die heitere Herzlichkeit, an die man mich gewöhnt hatte, sich diesmal nicht entwickeln wollte. Vermutlich ist hernach manchem bekannt geworden, was die Ursache dieser Einstellung des von mir aufrichtig verehrten Mannes war. Aber in solchen Fällen hat gerade der, den es am nächsten angeht, am wenigsten Aussicht, die Wahrheit zu ergründen; mir ist es auch nicht gelungen.

Nach New York. Bei schönstem Sonnenschein verließen wir am 22. Januar 1906 Cambridge und kamen nach kurzer Reise in New York an, wo wir alsbald von Freunden in Empfang genommen wurden. Professor Herter hatte uns eingeladen, bei ihm zu wohnen; da aber von dort der tägliche Weg nach der Columbia-Universität am Nordende der Stadt zu weit gewesen wäre, zog ich mit meiner Frau in einen nahe gelegenen stillen Gasthof, während meine beiden Töchter, welche die ganze Familie Herter von einem früheren Besuch her liebgewonnen hatte, bei dieser blieben.

Die nicht ganz zwei Wochen in New York waren bei weitem die angestrengteste Zeit, welche ich als Austauschprofessor durchzumachen hatte. Täglich gab es zwei Stunden Vorlesungen in Englischer Sprache vor 300 bis 500 Zuhörern, soviel, als die Hörsäle fassen konnten.

Beide ohne akademisches Viertel und nur durch eine Stunde Erholungspause getrennt, waren schon an sich eine starke Belastung. Dazu kam aber noch das Bewußtsein, daß es sich hier nicht um gewöhnliche Vorlesungen handelte, sondern darum, den Amerikanischen Hörern und Hörerinnen (denn Frauen waren sehr zahlreich vertreten) einen möglichst starken und guten Eindruck von Deutscher Wissenschaft zu vermitteln. Wegen der gemischten Beschaffenheit der Zuhörerschaft durften es keine nüchternen Fachvorträge sein; die künstlerische Seite der Darbietungen verlangte also besondere Berücksichtigung und jede einzelne Vorlesung mußte die Gestalt eines selbständigen Essay tragen.

Ich glaube berichten zu dürfen, daß mir das gut gelungen ist. Aus Eitelkeit hatte ich eine Anstalt für Zeitungsausschnitte beauftragt, mir die zugehörigen Nachrichten zu schicken. Sie kamen in reichlichster Fülle und die Rechnung dafür wurde viel größer als ich vermutet hatte. Der Inhalt ließ erkennen, daß ich die angestrebte Wirkung erreicht hatte.

Allerdings mußte ich hierzu meine letzten Kräfte hergeben; alle Reserven wurden aufgebraucht. In einer der letzten Stunden hatte ich mitten im Vortrag einen aufsteigenden Ohnmachtsanfall zu bekämpfen, ohne dabei die Rede unterbrechen zu dürfen. Ich habe hernach einige befreundete Zuhörer befragt; sie erklärten aber, nichts besonderes bemerkt zu haben.

Denn neben beiden Reihen gab es noch eine Anzahl Einzelvorträge zu halten, die ich nicht wohl ablehnen konnte oder wollte. Dazu kam fast täglich ein Frühstück oder Abendessen mit Kollegen aus den verschiedenen Gebieten, oft beides an demselben Tage, wobei ich als »hervorragender Gast« Reden zu halten und hundert Fragen zu beantworten hatte, also mich fortdauernd unter geistigem Hochdruck halten mußte.

Und was das schwerste war: meine Frau war recht ernstlich erkrankt. Schon in Cambridge hatte sie sich zunehmend von den gesellschaftlichen Veranstaltungen zurückziehen müssen, weil sie über ihre Kräfte gingen. Dazu kam, daß sie durch die Verordnung des zu Rate gezogenen Arztes nur kränker geworden war und auch noch diese Benachteiligung zu überwinden hatte. In New York wurde es aber viel schlimmer, so daß sie tagelang das Bett nicht verlassen konnte. Über die Art des Leidens ergab sich bald Klarheit; es war nicht unmittelbar lebensgefährlich, forderte aber größte Schonung.

Glücklicherweise war das Wetter dauernd gut. Die Temperatur war allerdings unter Null gesunken; der Himmel blieb aber klar und die kurzen Tage brachten so viel Licht, als der Kalender gestattete. Die Morgenspaziergänge in den Anlagen am Wasser, wo jeder Zweig im Rauhreif silbern glänzte, waren so erfrischend, daß sie nicht wenig dazu beitrugen, mir das Durchhalten zu ermöglichen.

Heimreise. Am 7. Februar war endlich alles erledigt und wir konnten uns auf das Schiff begeben, wo wir unsere Kabinen mit Blumen, Früchten und Zuckerwerk gefüllt vorfanden, die uns von Freunden als Abschiedsgruß gestiftet waren. Mit dem Gefühl, daß ich derartiges nicht zum zweiten Male würde durchführen können, sah ich das unregelmäßige Profil New Yorks am Horizont verschwinden.

Das Wetter war bei der Abfahrt noch schön, aber die eisbedeckten Schiffe, die uns entgegenkamen, bereiteten uns auf andere Verhältnisse draußen im freien Ozean vor. Tatsächlich fuhren wir in einen zunehmend schwereren Sturm hinein. Die Hälfte der Familie wurde alsbald seekrank; ich und eine Tochter hielten uns noch einen Tag; dann mußten auch wir daran glauben. Auf meinen früheren Fahrten hatte ich schlimmeres Wetter gut überstanden; der erschöpfte Zustand, mit dem mich Amerika entließ, hatte auch hier meine Widerstandsfähigkeit gebrochen. Das Leiden meiner Frau verschlimmerte sich natürlich unter diesen Umständen und auch als nach zwei Tagen die Seekrankheit bei mir und der kräftigeren Tochter überwunden war, blieb die Stimmung gedrückt und unfroh. Von meinen sechs Fahrten über den Ozean wurde diese die unerfreulichste; doch dauerte sie nur kurze Zeit.

Mit den Gefühlen der Erlösung begrüßten wir bei der Einfahrt in Bremerhaven das vaterländische Ufer. Wir wurden von meinem zweiten Sohn empfangen, der uns die weiteren Reisesorgen abnahm und nach Leipzig begleitete, wo wir das Haus in bester Ordnung antrafen. Wir fühlten uns unbeschreiblich glücklich in den gewohnten Räumen und Verhältnissen und gelobten uns, nicht so bald ähnliche Reisen zu unternehmen. Es ist auch nicht geschehen.

Zu Hause hatte ich zunächst noch zwei Monate Ferien und diente dann das letzte Semester ab, zu dem ich mich verpflichtet hatte. Ich hatte also reichlich Zeit, die Übersiedlung in mein Landhaus Energie vorzubereiten, das ich für den Zweck hatte umbauen lassen. Das Semester verlief in gewohnter Weise, doch ohne den Schwung und die Arbeitsfreude, welche es früher so erfreulich gemacht hatten. Dafür war die technische Herstellung von Salpetersäure aus Ammoniak durch Dr. Brauers unermüdliche Arbeit so weit gediehen, daß der regelmäßige Betrieb begonnen hatte und ohne Hindernisse durchgeführt werden konnte. Damit hatte ich die beruhigende Sicherheit gewonnen, daß Deutschland im Falle eines Krieges nicht nach kurzer Frist durch Mangel an Schießpulver wehrlos werden müßte. Als das Semester zu Ende war, verließ ich die Universität Leipzig, ohne daß sie eine Teilnahme an diesem Vorgang zu erkennen gab.

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