Der Anfang als Politiker

Als wir im Mai 1856 in Amerika ankamen, schien sich die öffentliche Stimmung in einem Zustand großer politischer Aufregung zu befinden. Die Hotels, die Eisenbahnwaggons und die Verdecke der Schiffe hallten wieder von eifrigen Diskussionen über die Sklavereifrage und die bevorstehende Präsidentschaftskampagne. Nicht selten griffen dann die Demokraten mit besonderer Bitterkeit ihre abtrünnigen Gesinnungsgenossen an, die der neuen republikanischen Organisation beigetreten waren, welche jetzt zum erstenmal an dem nationalen Kampf teilnahm.

Meine deutschen Nachbarn in Watertown, Wisconsin, waren fast alle Demokraten. In der Regel waren die ausländischen Emigranten in die demokratische Partei hineingeraten, die sich ihnen als Beschützerin der politischen Rechte der Fremdgeborenen darstellte, während die Whigs in Verdacht »nativistischer,« den Fremdgeborenen feindlicher Neigungen standen. Obgleich diese »nativistischen« Bestrebungen in Wirklichkeit mehr gegen die Irländer, als gegen die Deutschen gerichtet waren, so wurde doch unter den Deutschen das Gefühl, daß ihre Rechte gefährdet seien, um diese Zeit durch brutale Exzesse sehr verschärft, die in verschiedenen Orten von den rohen Elementen der eingeborenen Bevölkerung gegen die Fremdgeborenen begangen wurden. Auch trug das Auftauchen der »Know-Nothing«-Organisation, welche zu dem anerkannten Zweck ins Leben gerufen wurde, die Fremdgeborenen von allem Anteil an politischer Macht auszuschließen dazu bei, die Reibung zu verstärken Der Anschluß der Fremdgeborenen an die demokratische Partei war daher nicht ganz unnatürlich und obgleich die Deutschen der Sklaverei von Herzen abgeneigt waren, so überwog doch die Sorge um ihre eigenen Rechte zeitweilig alle anderen Rücksichten und bestimmte sie in den demokratischen Reihen zu bleiben. Vor einem der kleinen Krämerläden aus der Hauptstraße von Watertown auf einer Packkiste sitzend, hatte ich manche eifrige aber natürlich gutmütige Unterhaltung mit verschiedenen meiner Mitbürger über die politische Situation, ohne aber zunächst viel mehr für die Anti-Sklaverei-Sache zu erreichen, als daß ich zuweilen ein ernstes Kopfschütteln hervorrief oder die Zustimmung, daß die Sklavereifrage gewiß des Nachdenkens wert sei.

Als ich in den Zeitungen las, wie zur Sklavereipartei gehörige Raufbolde von Missouri in das Territorium von Kansas einfielen und gewalttätige Exzesse ausübten, die Ansiedler der anderen Partei zu unterjochen, beunruhigte mich das sehr. Im Juni wurden die Nationalkonvente der großen politischen Parteien abgehalten; derjenige der Demokraten in Cincinnati. Sie befürworteten in ihrem Programm die Zulassung der Sklaverei in den Territorien unter dem Deckmantel allgemeiner Volksherrschaft und stellten als ihre Kandidaten Buchanan und Breckenridge auf. Der Konvent der jungen republikanischen Partei kam in Philadelphia zusammen; er forderte in seinem Programm die Ausschließung der Sklaverei aus allen Territorien, bekräftigte nochmals die Grundsätze der Unabhängigkeitserklärung und nominierte als seine Bannerträger Frémont von Kalifornien und Dayton von New Jersey. Das republikanische Programm klang mir wie ein Trompetenruf der Freiheit, und der Name Frémont »der Pfadfinder«, von einem Nimbus abenteuerlichen Heldentums umgeben, erregte mächtig die Phantasie. So sollte für die alte Sache menschlicher Freiheit auf dem Boden der neuen Welt gekämpft werden.

Die große endgültige Entscheidung schien bevorzustehen. Ich war begierig darauf, mich an diesem Kampfe zu beteiligen. Gleichzeitig überkamen mich aber peinliche Zweifel, ob ich dieser Aufgabe gewachsen sei. Ich hatte allerdings die Sklavereifrage von ihren verschiedenen Gesichtspunkten aus nach besten Kräften studiert, aber jeder Schritt, den ich tat, um mein Wissen zu erweitern, überzeugte mich schmerzlich, daß mir noch viel zu lernen übrigblieb. Ich hatte keine Erfahrung in amerikanischer Politik, und meine Bekanntschaft mit den Männern im öffentlichen Leben war äußerst beschränkt. Würde ich nicht, wenn ich so vor dem Publikum stand, mich zuweilen ertappen, daß ich von Dingen sprach, von denen ich sehr wenig oder gar nichts wußte? Wie konnte ich erwarten, imstande zu sein, die Fragen zu beantworten, die man an mich stellen würde? Während ich mich in diesem beunruhigten Gemütszustände befand, überraschte mich der Besuch eines Herrn, von dem ich nie gehört hatte. Es war Mr. Harvey, ein Mitglied des Staatssenats von Wisconsin, einer der republikanischen Führer. Ich war sehr erstaunt und fühlte mich besonders geehrt, als ich hörte, welch ein hervorragender Mann mein Besucher sei. Ich fand in ihm einen Herrn von gefälligem Wesen und gewinnender Sprache, der mir in schmeichelnder Weise sagte, er habe von mir, als von einem Manne von Bildung, gehört, der mit der Anti-Sklaverei-Frage sympathisiere, und er glaube, ich könne in der bevorstehenden Kampagne wertvolle Dienste leisten. Ich entdeckte ihm ganz offen meine Sorge über meine ungenügende Ausrüstung für solche Aufgabe. Er nahm an, daß ich mehr über die vorliegende Frage wisse, als viele derjenigen, die sie öffentlich verhandelten, und er fragte mich, ob ich nicht eine kurze deutsche Rede halten wolle bei einer Massenversammlung, die in einigen Tagen in Jefferson, einem nahe gelegenen Landstädtchen, stattfinden werde. Nein, ich konnte nicht daran denken, denn ich war nicht vorbereitet. Würde ich dann nicht wenigstens hinkommen, um ihn in dieser Versammlung reden zu hören? Ja, gewiß würde ich das mit vielem Vergnügen tun. So ging ich hin, ohne die geringste Ahnung zu haben von dem, was mir dort bevorstehen würde. Es war eine Versammlung im Freien, die von einer großen Menge von Landleuten besucht wurde. Mr. Harvey forderte mich auf, einen Platz auf dem Podium, einem sehr einfachen, aus rauhen Balken und Brettern zusammengefügten Gerüst, einzunehmen, und stellte mich den städtischen Honoratioren vor. Er sprach mit ungewöhnlicher Beredsamkeit, seine Argumente waren logisch, klar und kraftvoll, und er endete mit überaus eindrucksvollen Schlußsätzen. Als der Applaus, der seiner Rede folgte, sich gelegt hatte, stand der Vorsitzende der Versammlung ganz kaltblütig auf und sagte: ,,Ich habe jetzt das große Vergnügen, Ihnen Carl Schurz von Watertown vorzustellen, der in seinem Geburtslande für menschliche Freiheit gekämpft hat und der zu uns gekommen ist, um dasselbe in seinem Adoptivlande zu tun usw. usw. Er wird seine Mitbürger deutscher Geburt in ihrer Muttersprache anreden. Ja, was nun! Ich konnte fühlen, wie ich errötete, aber was konnte ich tun? Ich stammelte einige einleitende Worte über die gänzlich unerwartete Ehre und sprudelte dann eine halbe Stunde lang heraus, was mir zufällig in den Sinn kam, über die Sklavereifrage, über die Bedeutung der Entscheidung die getroffen werden sollte, über die Pflicht, die wir als amerikanische Bürger dieser Republik und als Weltbürger der Menschheit schuldig seien. Nach den ersten Sätzen flossen die Worte leicht, und meine Zuhörer schienen befriedigt zu sein. Dieses war meine erste politische Rede in Amerika. Das Eis war gebrochen, Mr. Harvey hatte über meine Zaghaftigkeit triumphiert. Von allen Seiten strömten Einladungen, bei Versammlungen zu reden, auf mich ein, die mich während der ganzen Kampagne in Bewegung hielten. Ich traute es mir noch nicht zu, eine öffentliche englische Rede zu halten, und beschränkte mich daher in dieser Kampagne darauf, nur vor deutschem Publikum in deutscher Sprache zu sprechen. Ich sammelte immerhin sehr wertvolle Erfahrungen, indem ich so von Angesicht zu Angesicht mit vielerlei verschiedenen Menschen zusammenkam; dadurch gewann ich reichliche Gelegenheit, die Denkweise und die Motive zu untersuchen, von denen sie geleitet wurden, und auch die wirksamste Art und Weise, ihren Verstand und ihre Herzen mit Argument und Überredung zu erreichen. Ich kam mit einfachen Farmern in kleinen Dorfschulen oder Gerichtssälen zusammen, mit Männern, die bis dahin mehr oder weniger passiv der gewohnten Parteiführerschaft gefolgt waren und sich nur schwer in eine Veränderung finden konnten, die aber ehrlich und ernstlich danach strebten, das Rechte zu ergründen und dann danach zu handeln. Mit ernster Miene saßen sie vor mir und nicht selten mit fragendem, verwirrtem Ausdruck, wenn ich etwas sagte, woran sie nicht gedacht hatten. Wenn nach dem Schluß der Rede der Applaus losbrach, stimmten sie manchmal herzhaft, manchmal mit schüchterner Zurückhaltung, zuweilen aber gar nicht ein. Ich kam mit gewitzigten Stadtleuten zusammen, die schon mehr oder weniger politische Tätigkeit gewohnt waren und die landläufige Sprache politischer Diskussion kannten und die schnell die Hauptpunkte eines Arguments oder die Stichworte und Schlachtrufe der Partei erfaßten und unverzüglich mit Applaus oder Zeichen der Mißbilligung darauf reagierten. Ich traf den eingefleischten Parteigänger entgegengesetzter Überzeugung, der aus persönlichem Interesse oder nur aus hergebrachtem Vorurteil eigensinnig Ohr und Geist jedem Argument verschloß, das gegen seine Seite zielte, und mit Geschrei, nicht selten mit einer Art fanatischer Wut alles übelnahm und zurückwies, das die Macht oder das Ansehen seiner Partei zu bedrohen schien.

Solche Leute verschrien mich als einen unverschämten jungen Eindringling, der, selbst erst kürzlich eingewandert, es wagte, sich in den Kreis ihres Einflusses einzumischen und den älteren Bürgern beizubringen, wie sie stimmen sollten. Sie versuchten auf jede Weise, sogar mit Drohungen, das Publikum von meinen Versammlungen fernzuhalten. Sie unterbrachen meine Reden mit Johlen und Pfeifen und anderen störenden Geräuschen. Zuweilen gingen sie so weit, die Fenster in den Sälen, wo ich sprach, zu zertrümmern, indem sie Steine oder andere noch unangenehmere Gegenstände dagegen warfen. So begegnete ich in meiner ersten Kampagne dem Parteigeist in einer nicht nur unbilligen, sondern auch in positiv brutaler Gestalt. Dieses beunruhigte mich nicht wenig. Ich war mir bewußt, niemandem etwas Böses zu wünschen, noch selbstische Zwecke zu verfolgen. Die Sache, die ich befürwortete, schien mir so selbstverständlich recht und gerecht zu sein – es war die Sache der Freiheit, der Menschenrechte, der freien Regierung, an der alle Menschen ein gemeinsames und gleiches Interesse haben mußten.

Diese Eindrücke waren es, die mich dazu bestimmten, meine Reden als Argumente für die Sache, nicht aber für eine Partei einzurichten, oder nur insofern für meine Partei, als sie ein Mittel war, meine Sache zu fördern. Ich ermahnte unausgesetzt meine Zuhörer, nicht nur blinde Nachfolger irgend einer Führerschaft zu sein, einerlei welchen Namens, sondern selbst zu denken, selbst nachzuforschen, was das Beste und Richtigste sei für das Allgemeinwohl, nicht guten Rat abzuweisen, aber ihn aufrichtig zu erwägen und dann mutig das zu tun, was nach ihren gewissenhaft gebildeten Überzeugungen am besten der Sache der Gerechtigkeit und den Interessen des Landes dienen würde. Diese Ermahnungen wiederholte ich beständig in endlosen Variationen. Damals konnte ich nicht voraussehen, welche verhängnisvolle Rolle diese Denkweise, die ich damals für die natürlichste für einen Mann im öffentlichen Leben hielt, in meiner politischen Laufbahn spielen würde. Im ganzen war mir die Kampagne von 1856 eine sehr befriedigende Erfahrung während der Kampf im Gange war. Es liegt eine belebende Inspiration in dem Bewußtsein, eine gute Sache im Kampfe zu vertreten, auf der rechten Seite zu stehen und dieser Sache in etwas, wenn auch nur in geringem Maße, Dienste zu leisten. Dieses Bewußtsein gehört zu den wahrsten Befriedigungen des Lebens, und diese Befriedigung genoß ich von Herzen. Wie viele Stimmen ich für Frémont gewann, weiß ich nicht; aber ich war so gründlich von der Gerechtigkeit meiner Sache und der Wahrhaftigkeit meiner Beweisgründe überzeugt, daß ich glaubte, ich müsse derer viele gewonnen haben. Ich vertraute so zuversichtlich auf die unwiderstehliche Macht der Wahrheit, die wir auf unserer Seite hatten, daß ich nicht an Frémonts Erfolg zweifelte. Jedoch das Resultat der Staatswahlen in den sogenannten Oktoberstaaten, besonders in Pennsylvania und Indiana, die bereits im Oktober vor dem allgemeinen Wahltermine ihre Wahlen abhielten, war dazu angetan, meine hoffnungsvolle Zuversicht zu erschüttern, trotzdem konnte und wollte ich nicht die Hoffnung aufgeben. Würde nicht eine verdoppelte Anstrengung in diesen Oktoberstaaten uns den Sieg dennoch erringen? Wie konnte eine Sache, wie die unsrige, unterliegen? unmöglich! Es konnte nicht sein! Und dennoch war es so. Als nach der Novemberwahl die ersten Berichte über das Resultat eingelaufen waren, wollte ich doch die Hoffnung nicht aufgeben, bis ich sie alle gesehen hatte und der Niederlage sicher war. Es war mir, als habe ich ein unermeßliches, persönliches Unglück erlitten. Es war ein betäubender Schlag. Glich dieses nicht dem unheilvollen Zusammenbruch der großen Bewegung für Volksvertretung auf dem europäischen Kontinent im Jahre 1848? Sollten auch in Amerika die demokratischen Grundsätze unterliegen? Es bedurfte einiger Zeit, bis ich mich von meiner Verwirrung erholen und die Tatsache erkennen konnte, daß dieses nur die erste Schlacht in einer langen Kampagne war, einer Kampagne von vielen Jahren, und daß wir kaum erwarten durften, die neue Partei der Freiheit in ihrem ersten Anprall gegen eine glänzend organisierte und einexerzierte Macht siegreich zu sehen, gegen eine Macht, die den ganzen Einfluß langer Übung und die Gewalt der Regierung hinter sich hatte. Ich sagte mir, daß treue und ausdauernde Anstrengung von unserer Seite uns doch zum schließlichen Triumph führen müsse, und so verwandelte sich meine Niedergeschlagenheit in glühende Sehnsucht, daß sich mir bald eine neue Gelegenheit bieten möchte, der Sache zu dienen.

Ich fuhr fort, die Frische und Einfachheit und die anregende Freiheit des westlichen Lebens zu lieben und zu genießen, und war glücklich, zu sehen, daß meine Frau, Margaretha, die in so ganz anderer Umgebung aufgewachsen war, sich nicht nur diesen Verhältnissen anpaßte, sondern sich mit heiterster Laune darein fand. Unser Wohnort war damals ein in jeder Beziehung typisch westliches Städtchen, das aus einer dicht angebauten Geschäftsstraße mit Läden, Werkstätten, Wirtshäusern, einigen Trinklokalen und ziemlich zerstreut liegenden Wohnhäusern bestand. Meistens waren diese Häuser von kleinen Gärten umgeben und wiesen sehr bescheidene Anfänge von Verschönerungsversuchen auf. Die Bevölkerung war aus verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzt, worunter sich nur verhältnismäßig wenige eingeborene Amerikaner aus dem Staate New York oder aus Neu-England befanden; sonst waren es meistens Deutsche, Irländer, Böhmen und einige Dänen und Franzosen. Das deutsche Element war vorwiegend. Es gab keine Leute darunter, die arm genannt werden konnten, und nur einzelne, die mehr als einen mäßigen Wohlstand besaßen. Die Anzahl der Gebildeten war nicht groß; aber es gab keine des Lesens und Schreibens Unkundige. Wie das gewöhnlich bei neuen Ansiedelungen vorkommt, fanden sich in diesem zusammengewürfelten Gemisch mancherlei Originale. Alle diese Elemente begegneten sich auf einem Standpunkt der Gleichberechtigung und Freundschaft. Da alle hofften, sich in ihren Vermögensverhältnissen und in ihrer gesellschaftlichen Stellung zu verbessern, so war keiner entmutigt, weil er nicht so viel besaß wie die anderen, und so war jeder, der etwas Vernünftiges zu sagen hatte, sicher, ein williges Gehör zu finden. Wir hatten einen Gesangverein gegründet, zu dem ein jeder gehörte, der eine Stimme oder ein etwas musikalisches Gehör besaß. Dieser Verein hielt seine Proben und Konzerte in einem öffentlichen Saale ab und wurde von einem ansässigen Klavierlehrer dirigiert. Meine Frau, meine musikalisch ausgebildete Tante und eine meiner Schwestern waren unter den Vortragenden. Ich erinnere mich besonders eines Konzerts, während dessen die Luft im Saale sehr heiß wurde und die Sänger und Sängerinnen sich die Lippen zu netzen wünschten, worauf ein Junge mit einem Eimer Wasser und einem großen, blechernen Schöpflöffel erschien, den er allen zu ihrer Erheiterung und Zufriedenheit anbot. Wenn eine wandernde Theatertruppe die Stadt mit ihrem Besuch beehrte, wurde schnell in dem Saale eine Bühne improvisiert. Jeder kam, um das Schauspiel zu genießen, niemand war zu unnötiger Kritik geneigt, obgleich einige von uns sich daran erinnern konnten, Besseres gesehen zu haben.

Ich hatte mir ein bescheidenes, aber recht behagliches Häuschen auf der kleinen Farm erbaut, die ich in der Nähe der Stadt gekauft hatte. Meine Frau, die liebenswürdigste und anmutigste Wirtin, machte unser Haus zu einer Art geselligen Mittelpunkts für den großen Kreis unserer Verwandten und für eine Anzahl unterhaltender Menschen, die wir um uns versammelt hatten. Zuweilen suchten uns auch Freunde vom Osten auf. So fehlte es uns nie an Gesellschaft, sogar während des strengen Wisconsiner Winters; neben den anregenden Gesprächen über Politik, Philosophie, die verschiedenen Tagesneuigkeiten und persönlichen Angelegenheiten, gab es noch gemütliche, gesellige Mittag- und Abendmahlzeiten, allerdings sehr bescheiden und harmlos, und sogar Abendunterhaltungen mit Musik und manchmal mit Charaden und lebenden Bildern. Wir verstiegen uns sogar zu einem Maskenball, von dem noch lange als von einem sehr gelungenen Feste gesprochen wurde. Wenn die Verkleidungen auch nicht prachtvoll waren, so waren einige absichtlich humoristisch, und andere wirkten nicht weniger komisch durch die Ernsthaftigkeit der Absicht. Die Gesellschaft unterhielt sich so überaus gut, daß die Morgendämmerung sie unbemerkt überraschte und, da es während der Nacht heftig geschneit hatte, mußten wir die Vermummten in verschiedenen Abteilungen auf unserem großen Farmwagen nach Hause befördern, zu nicht geringer Belustigung der erstaunten Stadtleute, die eben aus den Federn krochen und nun die wunderbaren Erscheinungen von Rittern, Türken, Mönchen, Harlekins, Odalisken, Schäferinnen usw. im Morgengrauen fröstelnd vorbeifahren sahen.

Dem Leben in kleinen westlichen Ansiedelungen fehlten natürlich viele von den Genüssen, welche in größeren Städten angesammelter Reichtum und fortgeschrittene Kultur mit sich bringen. Aber dieser Mangel wurde in jenen jungen und jugendlichen Gemeinwesen nicht schmerzlich als bestimmte Entbehrung empfunden, sogar nicht von denjenigen, die viel von der zivilisierten Welt gesehen hatten, wenn sie sich nur genügend mit ihrer Umgebung identifizieren wollten, um ein teilnehmendes und tätiges Interesse an der Denk- und Arbeitsweise der Menschen zu nehmen, mit welchen sie in Berührung kamen. Es strömten Leute von allen Himmelsgegenden zusammen, um ihr Glück in neuen, noch nicht festgebildeten Verhältnissen zu finden; oft kamen sie mit unreifen, aber manchmal mit auffallend originellen Einfällen Sie planten und strebten alle rüstig weiter, um etwas Besseres aufzubauen als sie gefunden hatten; sie waren von allen möglichen Ambitionen belebt, von denen einige naturgemäß zur Enttäuschung bestimmt waren; aber auf solche Enttäuschungen folgten neue Hoffnungen und neuer Frohsinn. Überall fühlte man die belebende Inspiration einer Tätigkeit, die Wachstum und Aufschwung schaffen half. Das war mir und den Meinigen eine reichliche Entschädigung für die Genüsse des zivilisierten Lebens, die wir entbehren mußten.

Eine der interessantesten Lebenserfahrungen in jenen jungen westlichen Gemeinwesen, von denen ich nicht wenige gut kennen lernte, war die Beobachtung des erzieherischen Einflusses, den die aktive, lokale Selbstregierung ausübte. Ich traf dort viele Fremdgeborene, die in ihren Geburtsländern gewohnt waren, zu ihrer Regierung aufzublicken, wie zu einem höheren Wesen, das von der Weltenordnung eingesetzt war, um alles, oder beinah alles für sie zu tun, und dessen übermenschlicher Weisheit und unbestrittener Autorität man sich fügen müsse. Solche Leute brachten natürlich keine Vorstellung von dem Wirken demokratischer Institutionen mit sich, und unsere politischen Philosophen haben zuweilen Betrachtungen darüber angestellt, ob man mit Sicherheit den neuen Ankömmlingen die Rechte und Privilegien anvertrauen dürfe, welche ihnen erlauben, an den Regierungsgeschäften teilzunehmen. Tatsächlich aber wird eine sehr geringe oder doch keine ernsthafte Störung daraus erwachsen, wenn solche Leute gezwungen sind, in denjenigen Geschäften, die sie unmittelbar angehen und für welche sie sich in erster Linie interessieren, einen tätigen und verantwortlichen Teil an der Regierung zu nehmen. Wenn solche Personen in ein Gemeinwesen verpflanzt werden, das sich noch in einem elementaren, in einem Entwicklungszustand befindet, in dem die Verwaltung öffentlicher Geschäfte noch auf möglichst direkte Weise das Hauswesen jedes einzelnen Bürgers beeinflußt und wo jeder sich unvermeidlich berufen fühlt zum Schutz oder zur Förderung seiner eigenen Interessen dieser Verwaltung seine Aufmerksamkeit zu schenken, so werden diese Leute, die gar nicht an solche Dinge gewöhnt waren, sich in die demokratische Selbstregierung finden, wie die Ente ins Wasser. Zuerst mögen sie sich allerdings etwas ungeschickt gebärden und empfindliche Fehler begehen, aber gerade diese Fehler mit ihren unangenehmen Folgen, werden dazu dienen, den Verstand derjenigen zu schärfen, die zu lernen wünschen, was jedermann von Durchschnitts-Intelligenz, der sich für seine eigenen Interessen verantwortlich fühlt, wünschen muß. Mit anderen Worten, die Übung auf eigene Verantwortung hin ist die beste wenn nicht die einzige Schule der Selbstregierung. Was man manchmal die »Kunst« der Selbstregierung nennt, wird von Volksmassen nicht durch das Studium von Theorien, noch durch die bloße Vorführung der Erfahrungen anderer Völker, die man ihnen als Beispiel vorhält, gelernt. Die Praxis ist die einzige wirksame Lehrmeisterin. Andere Lehrmethoden werden die Entwicklung der Fähigkeit zur Selbstregierung eher zurückhalten, wenn nicht ganz unterdrücken, weil sie den Sinn für Verantwortlichkeit und Selbständigkeit schwächen. Aus diesem Grunde gibt es in der Geschichte kein Beispiel eines Volkes, das mit Erfolg von einer vormundschaftlichen Regierung belehrt worden wäre, sich selbst zu regieren, weil sie immer nach dem Prinzip handeln wird, daß man diesen Pfleglingen erst dann die Macht der Selbstregierung verleihen soll, wenn sie sich deren würdig gezeigt haben.

Ein solches Unterrichten in der Selbstregierung durch eine höhere Autorität wird selten in aufrichtiger Gesinnung unternommen, da der Lehrmeister gewöhnlich nicht wünscht, seine Macht aufzugeben. Aber selbst, wenn es in ehrlicher Absicht unternommen wird, so ist der Lehrmeister gewöhnlich nicht geneigt zu erkennen, wenn der Schüler fähig ist, auf eigenen Füßen zu stehen. Das hat anscheinend seinen guten Grund, denn, entweder wird der Schüler keine Gelegenheit haben, seine Fähigkeit zu zeigen, oder wenn es ihm in beschränktem Maßstabe gestattet wird, Experimente zu machen, so wird er natürlich auch Fehler begehen. Diese Fehler aber werden als Beweise seiner Unfähigkeit angesehen werden, während in Wirklichkeit die Freiheit, Fehler zu machen und unter ihren Folgen zu leiden, die eigentliche Schule ist, in der er die wirkungsvollste Belehrung finden würde.

Wenn wir die Vorzüge der Selbstregierung erörtern, behaupten wir wohl, daß die Selbstregierung die bestmögliche d. h. die verständigste und gleichzeitig die ökonomischste Regierungsform sei, was die praktische Verwaltung öffentlicher Geschäfte angeht – aber das ist sie nicht. Unzweifelhaft könnte ein Despot, wenn er in höchstem Grade weise, unbedingt gerecht, wohlwollend und selbstlos wäre, einem Gemeinwesen, was die praktische Ausführung des Verwaltungsmechanismus betrifft, in allen Dingen – nur eines ausgenommen – eine bessere Regierung geben, als die Mehrheit der Bürger, die den wechselnden Strömungen öffentlicher Meinungen unterworfen sind. Aber dieses eine ist von höchster Wichtigkeit. Die Selbstregierung hat allerdings viele Fehlgriffe begangen. Es ist aber unmöglich, die Selbstregierung als Lehrmeisterin zu überschätzen. Der ausländische Beobachter wird in Amerika sogleich von der Tatsache überrascht, daß der Durchschnittsgrad der Intelligenz, wie sie sich in einem regen Forschungsgeist, in einem vielseitigen Interesse und in einer Schnelligkeit des Urteils äußert, hier unter den Massen viel größer ist als irgendwo anders. Hieran ist gewiß nicht die Überlegenheit des Schulwesens schuld, oder – wenn diese Überlegenheit überhaupt existiert – sicherlich nicht diese allein, sondern vielmehr die Tatsache, daß hier jedes Individuum beständig in ihm interessante Berührung mit den mannigfaltigsten Dingen kommt und zu der aktiven Teilnahme an der Ausübung von Bürgerpflichten zugelassen wird, die in anderen Ländern der Sorge höherer Autorität überlassen werden. Oft überraschte mich die wunderbare Erweiterung des Horizonts, die nach wenigen Jahren amerikanischen Lebens in dem Geiste von Emigranten zu beobachten war, welche aus etwas zurückgebliebenen Gegenden kamen, sowie die geistige Unternehmungslust und scharfe Urteilskraft, mit der sie sich der Probleme bemächtigten, an die sie in ihrem halberstarrten Zustand in ihrem Heimatlande nie gedacht hätten. Es ist wahr, daß in unseren übervölkerten Städten die Selbstregierung als Bildungsmittel nicht immer wünschenswerte Resultate hervorbringt, teilweise ist das dem Umstande zuzuschreiben, daß dort die Regierung in allen ihren Verzweigungen vom Individuum weiter entfernt ist. So kommt es nur durch vielfältige und manchmal fragliche Vermittlung, die oft einen nachteiligen Einfluß ausübt, damit in Berührung. Meine Beobachtungen und Erfahrungen im jungen Westen haben jedoch im ganzen, obgleich ich ohne Zweifel manches sah, das bedauerlich war, meinen Glauben an das demokratische Prinzip gestärkt. Mit einem Gefühl frommer Andacht nahm ich an der Feier des 4. Juli teil, dessen Hauptakt damals in dem festlichen Verlesen der Unabhängigkeitserklärung vor versammelter Menge bestand. Auch lag für mich der Hauptreiz der Anti-Sklaverei-Bewegung in der Tatsache, daß sie sich zur Aufgabe stellte, die in dieser Erklärung niedergelegten Grundsätze nicht nur theoretisch zu verkünden, sondern sie in ihrer Allgemeinheit praktisch anzuwenden. Hier fand ich endlich die Verwirklichung des Ideals, das ich aus den unglücklichen Kämpfen für freie Regierung aus meinem Heimatlande mitgebracht hatte.

Die Jahre, die ich auf unserer Farm in Watertown, Wisconsin, zubrachte, waren, alles in allem genommen, sehr glückliche. Vielleicht hätten wir, meine Frau und ich, das westliche Leben nicht so geliebt, wären wir nicht jung gewesen. Aber wir w a r e n jung – mit Gesundheit und froher Laune gesegnet, wir genossen von Herzen die einfachen Vergnügungen unseres Daseins, wir waren voll froher Hoffnung für die Zukunft und immer dazu aufgelegt, alles von der heiteren oder wenigstens der humoristischen Seite anzusehen, und entschlossen, das zu würdigen, was wir besaßen, statt uns nach dem zu sehnen, was wir nicht hatten. Da wurde auch das Licht und die Wärme unseres Sonnenscheins noch durch das Erscheinen einer zweiten Tochter vermehrt.

So fuhr ich mit meinem juristischen und politischen Studium fort und vertiefte mich in die Geschichte sozialer und ökonomischer Zustände des Landes, mit der Erwartung, in nicht langer Zeit als Jurist meinen Beruf auszuüben und der guten Sache auf dem Felde der Politik zu dienen.

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