Der Agent

Michael saß am Schreibtisch und arbeitete. Plötzlich hörte er auf der Stiege ein Gepolter, als ob jemand von der Treppe herunterfallen würde. Er sprang auf, ging zur Tür und öffnete sie. Da taumelte schon ein Mann ins Zimmer . . .

»Entschuldigen Sie«, sagte der Eindringling. »Ich hatte nicht die Absicht . . .«

»Aber kommen Sie doch herein!« rief der Hausherr und bemerkte besorgt: »Mein Gott, wie sehen Sie denn aus? Haben Sie sich verletzt?«

Der Fremde wischte sich mit der einen Hand den Rock und die Hose ab, fuhr dann mit der anderen über den Rücken, räusperte sich und sprach:

»Nicht der Rede wert – wirklich nicht der Rede wert – aber ich störe Sie vielleicht . . .«

»Machen Sie sich keine Gedanken darüber«, bemerkte Michael. »Haben Sie sich weh getan? Was ist Ihnen eigentlich zugestoßen?«

»Hm – eine Kleinigkeit, eine Bagatelle! Ich bin bloß über die Stiegen gestolpert – das kommt bei mir alle Tage vor.«

Michael schlug die Hände zusammen.

»Aber um Gottes willen, dabei kann man sich doch Hände und Füße brechen?«

Der Fremde schaute ihn an und sagte gleichgültig:

»Das ist Training, Herr. Glauben Sie mir, Training! Wenn man so oft über die Stiegen fliegt wie ich . . .«

Michael zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf:

»Ich verstehe nicht – warum passen Sie denn nicht besser auf?«

»Ich würde schon aufpassen«, bemerkte der sonderbare Gast, »aber die Leute stoßen immer so fest hinunter und man findet keinen Halt . . .«

»Die Leute?« fragte Michael erstaunt. »Ja, hat Sie denn jemand die Stiegen hinuntergestoßen?«

»Freilich«, gab der Unbekannte zur Antwort. »Der Herr, der über Ihnen wohnt . . .«

»Wirklich?« sagte Michael sichtlich verwundert. »Aber das sind doch so nette Leute – ich hätte nie geglaubt – haben Sie vielleicht etwas mit der jungen, hübschen Frau?«

»Was denken Sie von mir?« erwiderte der Fremde sichtlich empört, »die Frauen der anderen sind mir heilig . . . ich bin doch kein Don Juan!«

»Aber dann verstehe ich nicht«, sagte Michael und schaute seinen Gast an.

»Strengen Sie sich nicht an, Herr«, rief kaltblütig der Fremde, »Sie werden schon draufkommen.«

Michael blickte seinen Gast durchdringend an und rief:

»Sie sind mir übrigens so bekannt . . . Sind Sie nicht gestern von der Straßenbahn gestoßen worden?«

»Pardon«, sagte rasch der Gast, »das war vorgestern. Gestern hat man mich in dem Hause Ihnen gegenüber die Stiege hinuntergeworfen. Zum Glück waren es nur sechs Stufen . . . und nicht hoch.«

»Ja, Menschenskind«, sagte Michael, die Hände zusammenschlagend, »was sind Sie denn eigentlich, daß Sie überall hinausfliegen?«

Der Fremde hüstelte und rief verlegen:

»Ich bin Agent – Versicherungsagent – Lebensversicherungsagent.«

»Ach so!« rief Michael, sichtlich abgekühlt.

»Übrigens, bei dieser Gelegenheit«, bemerkte rasch der Fremde, »da fällt mir ein . . . Sind Sie schon versichert? Ich kann Sie versichern, auf was Sie wollen . . . Erleben, Ableben, zugunsten Ihrer Frau, Ihrer Kinder – bitte sich nur auszusuchen.«

»Danke!« erwiderte Michael. »Ich habe keine Frau und auch keine Kinder!«

Der Fremde blickte ihn an:

»Sie sind Junggeselle?«

»Gott sei Dank!« erwiderte lachend Michael.

»Aber, Herr«, sagte der Gast, »wissen Sie, was Ihnen verlorengeht, wenn Sie ledig bleiben? Welche Freuden, welches Wohlbehagen Sie versäumen? Sie müssen heiraten, Herr, schnellstens heiraten! Schon wegen der Junggesellensteuer . . . Ich habe zufällig eine erstklassige Frau an der Hand – wie geschaffen für Sie . . . Sie können sich alle zehn Finger abschlecken! Eine Mitgift! Und bei diesen schlechten Zeiten! Der Vater hat sich schon zweimal ausgeglichen . . . Eine reizende Person, lange, blonde Zöpfe, groß, schlank, klug . . . Haben Sie morgen Zeit? Die Sache drängt nämlich, sonst kommt uns ein anderer zuvor! Ich führe Sie hin. Haben Sie einen Smoking? Ich kenne eine erstklassige Firma, alles auf Raten . . . wir können sofort hingehen.«

»Geben Sie sich keine Mühe«, rief Michael melancholisch, »ich tauge nicht zum Ehemann!«

»Warum nicht?« bemerkte rasch der Fremde. »Bitte, warum nicht? Was heißt das überhaupt – ich tauge nicht zum Ehemann? Und erst ein Mann wie Sie? Sie sind einfach zum Ehemann geboren. Es ist eine Sünde, ein Verbrechen gegen die Menschheit, wenn so ein Mann allein durchs Leben geht.«

»Entschuldigen Sie«, rief Michael, »das muß ich doch schließlich besser wissen . . . man kann nicht alles erklären . . . es gibt Gefühlsmomente.«

»Ach so!« bemerkte der Gast. »Na, wenn weiter nichts ist, kenne ich ein Mittel, das in solchen Fällen Wunder wirkt. Tausende von Dankschreiben, Probeflasche gratis.«

»Aber wer sagt Ihnen denn, daß ich ein Mittel brauche?« rief Michael verärgert. »Ich verbitte mir ganz entschieden . . .«

»Verzeihung! Ich wollte den Herrn gewiß nicht verletzen . . . aber dann verstehe ich tatsächlich nicht . . .«

»Sehen Sie mich doch einmal an«, sagte Michael lachend und rauchte eine Zigarette an, »kann ich einem Mädchen gefallen? Noch dazu einem hübschen Mädchen? Mit meiner Glatze, mit meinen abstehenden Ohren, mit diesem Schmerbauch und dieser Figur?«

»Aber Herr«, sprach eifrig der Fremde, »Sie vergessen, in welchem Zeitalter wir leben – im Zeitalter der Technik, der Erfindungen . . . Wer hat heutzutage noch eine Glatze? Wenn Sie sich mit unserer Universalpomade einreiben, ist Ihre Glatze in einer Woche verschwunden! Ich kenne Herren, die eine Glatze hatten und heute wie eine Kokosnuß aussehen.«

»Lassen Sie mich in Ruhe, Herr, ich bin wirklich nicht dazu aufgelegt«, bemerkte Michael nervös.

Aber der Gast ließ sich nicht unterbrechen:

»Und was Ihre Ohren anlangt – nichts Einfacheres als das! Ich verkaufe Ihnen unseren patentierten Ohrenformer, über Nacht anzuziehen. In drei Tagen wissen Sie nicht mehr, daß Sie Ohren haben!«

»Und wenn ich Ihnen sage . . .«, unterbrach Michael seinen Redeschwall.

»Augenblick – was haben Sie gesagt? Ihre kleine Figur soll absolut kein Hindernis sein. Unser gymnastischer Apparat verlängert Sie in zwei Monaten um zehn Zentimeter. Wissen Sie, was das heißt? In zehn Jahren sind Sie ein Riese, eine Sehenswürdigkeit, die sich im Panoptikum zeigen kann.«

Michael stand auf und drängte den Fremden zur Tür: »Ich brauche nichts. Sie bemühen sich ganz umsonst, Sie machen mich nervös!«

»Apropos, Nerven!« rief der Fremde. »Herr, haben Sie schon von unserer Patentdusche mit Wasserzerstäuber und automatischem Massageapparat gehört? In einer Woche sind Sie ein anderer Mensch, ein Mensch ohne Nerven.«

Michael griff sich an den Kopf und sagte voll Verzweiflung:

»Lassen Sie mich in Ruhe, Herr. Mir brummt schon der Kopf.«

»Nichts einfacher als das!« rief der Fremde. »Unsere Migränepastillen helfen gegen jede Art von Kopfschmerzen . . . eine Tablette genügt . . .«

Michael schaute den Gast flehend an:

»Ich habe keine Zeit. Ich muß Briefe schreiben!«

»Gut, daß Sie mich erinnern«, bemerkte der Gast. »Kennen Sie unsere Schreibmaschine, Herr? Neuestes System, alles elektrisch, für zweihundert Rubel, ein Ausnahmepreis, weil Sie mir so sympathisch sind.«

Michael sprach kein Wort und hob den Briefbeschwerer.

»Herr wenn Sie jetzt nicht augenblicklich mein Zimmer verlassen, dann . . .«

Aber der Fremde faßte ihn am Arm und sprach:

»Lassen Sie sehen, Herr – das zerbricht Ihnen in der Hand! Ich liefere Ihnen einen Briefbeschwerer aus schwerem Marmor. Wenn Sie ihn heben . . .«

»Jetzt ist meine Geduld zu Ende!« sagte Michael und drückte auf den elektrischen Taster.

Der Fremde beobachtete ihn, und als der Diener nicht erschien, rief er ironisch:

»Eine gute Klingel haben Sie da! Sehen Sie – das kann Ihnen bei unserer Glocke nicht passieren. Die läutet so schrill, daß das ganze Haus zusammenläuft, Tag und Nacht – in allen Kulturstaaten patentiert, Preis mit Elementen und Montage nur fünfundzwanzig Rubel, einfach geschenkt . . .«

Michael packte den Fremden beim Arm:

»Wenn Sie jetzt nicht gehen – ich glaube, mich trifft der Schlag!«

»Sie sollten rechtzeitig für einen Sarg sorgen«, erwiderte kühl der Fremde, »und für ein Leichenbegängnis. Oder ziehen Sie das Krematorium vor?«

Michael stand ohne ein Wort zu sagen auf, packte den Fremden, schob ihn auf den Gang hinaus, sperrte die Tür ab, atmete erleichtert auf:

»Gott sei Dank, er ist draußen!«

Wenige Minuten später öffnete sich die Tür, der Fremde trat ins Zimmer und bemerkte sarkastisch:

»Ihr Schloß taugt nichts. Mit einem einfachen Dietrich zu öffnen – ein sträflicher Leichtsinn! Ich verkaufe Ihnen ein bombenfestes Schloß – zehn Jahre Garantie. Von niemandem zu öffnen, nicht einmal von Ihnen . . . Preis bloß fünf Rubel!«

Michael stürzte zum Schreibtisch, riß eine Lade auf, nahm einen Revolver heraus und rief:

»Herr, gehen Sie, oder ich schieße!«

Der Fremde blickte ihn lächelnd an:

»Mit diesem Revolver? Lassen Sie sich nicht auslachen! Total veraltetes System, gehört ins Heeresmuseum! Ich habe einen Revolver, der . . .«

Michael packte den Fremden am Kragen und warf ihn glatt zur Tür hinaus. Man hörte jemand stolpern und dann fallen. Wenige Minuten später aber erklang hinter der Tür die Stimme des Fremden:

»Sie haben mir mit Ihren Manschettenknöpfen den Rock zerrissen. Kaufen Sie doch meine Goldin-Patentknöpfe – da kann Ihnen nichts passieren!«

Michael ließ sich erschöpft in einen Sessel fallen und sagte:

»Und dann wundert er sich, daß er die Stiegen hinunterfliegt!«

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