Den Neckar runter

 

Als un­ser Gast­wirt mit­krieg­te, dass ich und mei­ne Be­glei­ter Künst­ler wa­ren, stieg un­se­re klei­ne Ge­sell­schaft merk­lich in sei­nem An­se­hen. Und wir stie­gen noch hö­her, als er er­fuhr, dass wir uns auf ei­ner Wan­der­tour durch Eu­ro­pa be­fan­den.

Er er­zähl­te uns al­les über die Stra­ße nach Hei­del­berg, und wel­che Plät­ze man am bes­ten mei­den und wel­che man am bes­ten auf­su­chen soll­te; er fuhr ein aus­ge­zeich­ne­tes Früh­stück für uns auf und füg­te ihm noch ei­ne Men­ge hell­grü­ne Pflau­men, der wohl­sch­me­ckends­ten Frucht Deutsch­lands, hin­zu. Er war so sehr dar­auf be­dacht, uns die Eh­re zu er­wei­sen, dass er uns nicht er­lau­ben woll­te, Heil­bronn zu Fuß zu ver­las­sen, son­dern Götz von Ber­lin­gens Pferd und Wa­gen auf­bot und uns kut­schie­ren ließ.

Wir ent­lie­ßen das Ge­fährt an der Brü­cke. Der Fluss war voll von Baum­stäm­men, lan­gen, schlan­ken, ent­rin­de­ten Tan­nen­stäm­men, und wir lehn­ten auf dem Brü­cken­ge­län­der und be­ob­ach­te­ten, wie die Män­ner sie zu Flö­ßen zu­sam­men­füg­ten. Die­se Flö­ße wa­ren in Form und Bau­art den Win­dun­gen und der äu­ßers­ten En­ge des Ne­ckars an­ge­passt. Sie wa­ren zwi­schen fünf­zig und hun­dert Me­tern lang und ver­jüng­ten sich all­mäh­lich von ei­ner Brei­te von neun Stäm­men am hin­te­ren En­de bis zu ei­ner Brei­te von drei am vor­de­ren. Die Haupt­ar­beit beim Steu­ern wird am Bug mit ei­ner Stan­ge ge­leis­tet; die Brei­te dort bie­tet Platz nur für den Steu­er­mann, da die­se schlan­ken Stäm­me kei­nen grö­ße­ren Um­fang ha­ben als die Tail­le ei­ner durch­schnitt­li­chen jun­gen Da­me. Die Ver­bin­dun­gen zwi­schen den ein­zel­nen Ab­tei­lun­gen des Flo­ßes sind lo­se und bieg­sam, da­mit das Floß je­der Bie­gung des Flus­ses fol­gen kann.

An vie­len Stel­len ist der Ne­ckar so schmal, dass man ei­nen Hund hin­über wer­fen kann, wenn man ei­nen hat: und wenn er dann an sol­chen Stel­len auch noch scharf ge­bo­gen ist, hat der Flö­ßer ein Stück ziem­lich hüb­sche sau­be­re Na­vi­ga­ti­ons­ar­beit zu leis­ten, um die Kur­ve zu krie­gen. Den Fluss lässt man nicht im­mer in sei­nem ei­gent­li­chen Bett da­hin­flie­ßen, das un­ge­fähr drei­ßig, manch­mal auch vier­zig Me­ter breit ist, son­dern teilt ihn auf durch Stein­däm­me in drei glei­che Was­ser­läu­fe, die den größ­ten Teil der Was­ser­men­ge, an Tie­fe und Strö­mung in den mitt­le­ren Ka­nal len­ken. Bei Nied­rig­was­ser ra­gen die­se scharf­kan­ti­gen Däm­me zehn oder fünf­zehn Zen­ti­me­ter über die Was­ser­ober­flä­che wie der First ei­nes un­ter­ge­gan­ge­nen Da­ches, aber bei hö­he­ren Was­ser­stän­den sind sie über­flu­tet. Ei­ne Müt­ze voll Re­gen er­zeugt im Ne­ckar Hoch­was­ser und ein Korb voll bringt Über­schwem­mun­gen.

Un­ter­halb des Schloss Ho­tels in Hei­del­berg gibt es auch Däm­me, und die Strö­mung ist ver­teu­felt schnell an die­ser Stel­le. Oft saß ich stun­den­lang in mei­nem Glas­kä­fig und be­ob­ach­te­te die lan­gen, schma­len Flö­ße, wie sie durch den mitt­le­ren Ka­nal glit­ten, da­bei am rech­ten Damm ent­lang schramm­ten und sorg­fäl­tig auf den mitt­le­ren Bo­gen der Stein­brü­cke ziel­ten: Ich be­ob­ach­te­te sie aus­gie­big und ver­tat die gan­ze Zeit in der Hoff­nung, ge­le­gent­lich ein­mal ei­nes von ih­nen zu se­hen, wie es ge­gen den Brü­cken­pfei­ler stieß und da­bei in Trüm­mer ging, aber ich wur­de im­mer wie­der ent­täuscht. Ei­nes Mor­gens wur­de dort ei­nes zer­schmet­tert, aber ich war ge­ra­de da in mein Zim­mer ge­gan­gen, um mir ei­ne Pfei­fe an­zu­zün­den, und so ver­pass­te ich es.

Als ich an je­nem Mor­gen in Heil­bronn so auf die Flö­ße hin­un­ter blick­te, er­griff mich plötz­lich drauf­gän­ge­ri­sche Aben­teu­er­lust, und ich sag­te zu mei­nen Ka­me­ra­den:

„Ich wer­de mit dem Floß nach Hei­del­berg fah­ren. Traut ihr euch auch?“

Sie wur­den ein biss­chen blass, aber sie sag­ten zu mit so viel Wür­de, wie sie nur konn­ten. Har­ris woll­te sei­ner Mut­ter te­le­gra­fie­ren, er dach­te, es wä­re sei­ne Pflicht, weil er al­les war, was sie auf der Welt be­saß. Und wäh­rend er dies tat, ging ich hin­un­ter zum längs­ten und bes­ten Floß und rief dem Ka­pi­tän ein herz­li­ches „See­mann, ahoi!“ zu, was so­fort ein freund­li­ches Ver­hält­nis zwi­schen uns schuf, und wir be­spra­chen das Ge­schäft­li­che. Ich sag­te ihm, dass wir uns auf ei­ner Wan­de­rung nach Hei­del­berg be­fän­den und uns ger­ne bei ihm ein­schif­fen wür­den. Ich sag­te ihm das teil­wei­se durch den jun­gen Z, der sehr gut Deutsch sprach, und teils durch Mis­ter X, der es et­was ei­gen­ar­tig sprach. Ich kann Deutsch ge­nau­so gut ver­ste­hen wie der Ver­rück­te, der es er­fun­den hat, aber sp­re­chen kann ich es am bes­ten durch ei­nen Über­set­zer.

Der Käptn rück­te sich die Ho­sen hoch und schob sei­nen Pfriem nach­denk­lich von ei­ner Ba­cke in die an­de­re. Und dann sag­te er, was ich schon er­war­tet hat­te, näm­lich, dass er kei­ne Er­laub­nis zur Be­för­de­rung von Fahr­gäs­ten ha­be und des­halb be­fürch­te­te, Är­ger mit dem Ge­setz zu be­kom­men, falls sich die Sa­che her­um­sprä­che oder ein Un­fall pas­sier­te. Des­halb char­ter­te ich das Floß und die Mann­schaft und nahm die gan­ze Ver­ant­wor­tung auf mich.

Mit ei­nem mun­te­ren Lied leg­te sich die Steu­er­bord­wa­che ins Zeug, hiev­te die An­ker­lei­ne und hol­te den An­ker hoch, und wür­de­voll leg­te un­ser Schifflein ab und rausch­te mit un­ge­fähr zwei Kno­ten die Stun­de da­hin.

Un­se­re Rei­se­ge­sell­schaft hat­te sich mitt­schiffs ver­sam­melt. Das Ge­spräch war zu­nächst ein we­nig trüb­se­lig und kreis­te haupt­säch­lich um die Kür­ze des Le­bens, sei­ne Un­ge­wiss­heit, die Ge­fah­ren, die es be­droh­ten und wie not­wen­dig und wei­se es war, im­mer auf das Schlimms­te ge­fasst zu sein; dies lei­te­te über zu lei­sen An­spie­lun­gen auf die Ge­fah­ren der Tie­fe und ähn­li­che Din­ge; aber als sich der graue Os­ten zu rö­ten be­gann und die ge­heim­nis­vol­le Fei­er­lich­keit und Stil­le der Mor­gen­däm­me­rung den Freu­den­ge­sän­gen der Vö­gel wich, nahm die Un­ter­hal­tung ei­nen fröh­li­che­ren Ton an, und un­se­re Stim­mung hob sich ste­tig.

Deutsch­land im Som­mer, das ist der Gip­fel der Schön­heit, aber nie­mand hat die das höchs­te Aus­maß die­ser sanf­ten, fried­vol­len Schön­heit be­grif­fen, wirk­lich er­lebt und ge­nos­sen, der nicht auf ei­nem Floß den Ne­ckar hin­ab ge­fah­ren ist. Die Be­we­gung ei­nes Flo­ßes ist die Be­we­gung, die man da­zu braucht; sie ist sanft, glei­tend, glatt und ge­räusch­los; sie be­sänf­tigt al­le fieb­ri­ge Be­trieb­sam­keit, sie schlä­fert ner­vö­se Hast und Un­ge­duld ein; un­ter ih­rem be­ru­hi­gen­den Ein­fluss schwin­den al­le Schwie­rig­kei­ten, al­ler Är­ger und al­le Sor­gen, die ei­nen be­drü­cken, da­hin und das Le­ben wird zum Traum, zu ei­nem Zau­ber und zu ei­ner tie­fen und ru­hi­gen Won­ne. Welch ei­nen Ge­gen­satz bil­det das zu ei­ner hei­ßen, schweiß­trei­ben­den Wan­de­rung und der stau­bi­gen, be­täu­ben­den Het­ze auf der Ei­sen­bahn und dem zer­mür­ben­den Ge­rüt­tel hin­ter mü­den Pfer­den auf grell wei­ßen Land­stra­ßen!

Wir glit­ten still da­hin zwi­schen grü­nen, duf­ten­den Ufern mit ei­nem Ge­fühl des Ver­gnü­gens und der Zu­frie­den­heit, das die gan­ze Zeit wuchs und wuchs. Manch­mal hin­gen über die Ufer so üp­pi­ge Wei­den, dass das da­hin­ter lie­gen­de Land den Bli­cken ganz ent­zo­gen war; manch­mal hat­ten wir auf der ei­nen Sei­te er­ha­be­ne Ber­ge, die bis zum Gip­fel dicht mit Laub­werk be­deckt wa­ren, und auf der an­de­ren Sei­te of­fe­ne Ebe­nen, flam­mend von Mohn oder mit dem sat­ten Blau der Korn­blu­men be­deckt; man­chmal trie­ben wir im Schat­ten von Wäl­dern und dann wie­der am Ran­de von lan­gen Stre­cken von sam­ti­gen Wie­sen, frisch, grün und leuch­tend, ei­nem un­er­müd­li­chen Reiz für das Au­ge. Und die Vö­gel! Sie wa­ren über­all; sie flo­gen im­mer­zu hin und her über den Fluss, und nie ver­stumm­te ihr ju­beln­der Ge­sang.

Es war ein tie­fe und be­glü­cken­de Freu­de, die Son­ne den neu­en Mor­gen er­schaf­fen zu se­hen und wie sie ihn all­mäh­lich, ge­dul­dig und lie­be­voll mit ei­ner Pracht nach der an­de­ren und ei­ner Herr­lich­keit nach der an­de­ren be­klei­de­te, bis das Wun­der voll­kom­men war. Wie an­ders ist es doch, die­ses Wun­der von ei­nem Floß aus zu be­ob­ach­ten, als durch die schmut­zi­gen Fens­ter ei­ner Bahn­sta­ti­on in ir­gend­ei­nem elen­den Dorf, wäh­rend man ein ver­stei­ner­tes But­ter­brot mampft und auf den Zug war­tet.

*

Zu die­ser Stun­de ar­bei­te­ten schon Män­ner, Frau­en und Vieh auf den tau­be­deck­ten Fel­dern. Die Leu­te be­tra­ten oft das Floß, wenn wir an Wie­sen­ufern ent­lang glit­ten, und schwatz­ten mit uns und mit der Mann­schaft für viel­leicht hun­dert Me­ter, dann tra­ten sie, er­frischt durch die Fahrt, wie­der auf das Ufer zu­rück. Nur die Män­ner mach­ten das, die Frau­en hat­ten zu viel zu tun. Auf dem Kon­ti­nent er­le­di­gen die Frau­en al­le Ar­ten von Ar­beit. Sie gra­ben, sie ha­cken, sie ern­ten, sie sä­en, sie tra­gen un­ge­heu­re Las­ten auf dem Rü­cken und schie­ben ähn­li­che über wei­te Stre­cken auf Kar­ren, sie zie­hen den Kar­ren, wenn sie kei­nen Hund oder kei­ne ma­ge­re Kuh zum Zie­hen ha­ben – und wenn sie wel­che ha­ben, dann hel­fen sie dem Hund oder der Kuh. Das Al­ter spielt kei­ne Rol­le – je äl­ter die Frau ist, je stär­ker wird sie an­schei­nend. Auf dem Lan­de sind die Auf­ga­ben ei­ner Frau nicht fest­ge­legt – sie tut von al­lem et­was; aber in den Städ­ten ist es an­ders, dort tut sie nur be­stimm­te Din­ge, den Rest er­le­di­gen die Män­ner. Ein Zim­mer­mäd­chen im Ho­tel hat zum Bei­spiel nichts wei­ter zu tun, als die Bet­ten in fünf­zig oder sech­zig Zim­mern zu ma­chen, Hand­tü­cher und Ker­zen zu brin­gen und meh­re­re Ton­nen Was­ser meh­re­re Trep­pen hin­auf zu tra­gen, je­des­mal hun­dert Pfund in ge­wal­ti­gen Me­tall­kan­nen. Sie muss nicht mehr als acht­zehn oder zwan­zig Stun­den am Tag ar­bei­ten, und wenn sie mü­de ist und ei­ne Pau­se braucht, kann sie sich im­mer auf die Knie nie­der­las­sen und die Bö­den in den Flu­ren und Zim­mern scheu­ern.

Als der Tag vor­an­schritt und es heiß wur­de, zo­gen wir un­se­re Ober­klei­der aus und setz­ten uns in ei­ner Rei­he an den Rand des Flo­ßes und ge­nos­sen die Land­schaft mit un­se­ren Son­nen­schir­men über den Köp­fen und den bau­meln­den Bei­nen im Was­ser.

Dann und wann spran­gen wir hin­ein und ba­de­ten. Je­des vor­sprin­gen­de Wie­sen­kap hat­te sei­ne ver­gnüg­te Grup­pe nack­ter Kin­der, die Jun­gen für sich und die Mäd­chen für sich, die letz­te­ren ge­wöhn­lich in der Ob­hut ei­ner müt­ter­li­chen Da­me, die mit ih­rem Strick­zeug im Schat­ten ei­nes Bau­mes saß. Die klei­nen Jun­gen schwam­men manch­mal zu uns her­aus, aber die Mäd­chen stan­den im knie­tie­fen Was­ser und hör­ten auf zu plant­schen und her­um­zu­tol­len, um mit ih­ren un­schul­di­gen Au­gen das vor­über­trei­be­ne Floß zu be­trach­ten. Ein­mal um­run­de­ten wir un­ver­mit­telt ei­ne Bie­gung und über­rasch­ten ein schlan­kes Mäd­chen von et­wa zwölf Jah­ren, das ge­ra­de ins Was­ser stei­gen woll­te. Sie hat­te Zeit mehr mehr, um da­von zu lau­fen, aber sie tat et­was, das ihr eben­so gut half; schnell zog sie den bieg­sa­men Zweig ei­ner jun­gen Wei­de vor ih­ren wei­ßen Leib und be­trach­te­te uns mit schlich­tem, un­be­küm­mer­ten In­ter­es­se. So stand sie da, wäh­rend wir vor­bei glit­ten. Sie war ein hüb­sches Ge­schöpf, und sie und ihr Wei­den­zweig ga­ben ein sehr hüb­sches Bild ab, ei­nes, das nicht ein­mal das Schamg­fühl des pe­ni­bels­ten Be­trach­ters ver­letz­tet hät­te. Ih­rer wei­ßen Haut di­en­te ei­ne nied­ri­ge Grup­pe frisch­grü­ner Wei­den als Hin­ter­grund und wir­kungs­vol­ler Kon­trast – denn sie stand vor ih­nen – und über ih­nen und dar­aus her­vor rag­ten die neu­gie­ri­gen Ge­sich­ter und wei­ßen Schul­tern zwei­er klei­ne­rer Mäd­chen.

Ge­gen Mit­tag hör­ten wir den auf­re­gen­den Ruf „Se­gel vor­aus!“

„Wo?“

„Drei Strich in Luv!“

Wir rann­ten nach vor­ne, um das Schiff zu se­hen. Es stell­te sich als ein Dampf­boot her­aus – denn im Mai hat­ten sie da­mit be­gon­nen, ei­nen Damp­fer auf dem Ne­ckar ver­keh­ren zu las­sen. Es war ein Schlep­per und zwar ei­ner von ganz be­son­de­rer Bau­art und ei­gen­ar­ti­gem Aus­se­hen. Ich hat­te ihn oft vom Ho­tel aus be­ob­ach­tet und mich ge­fragt, wie er wohl an­ge­trie­ben wür­de, denn an­schei­nend hat­te er kei­ne Schrau­be oder Schau­fel­rä­der. Er kam an­ge­stampft, mach­te da­bei ei­nen ge­hö­ri­gen Lärm ver­schie­de­ner Art und stei­ger­te ihn dann und wann noch, in­dem er sei­ne hei­se­re Pfei­fe er­tö­nen ließ. Er hat­te neun Käh­ne im Schlepp, die ihm in ei­ner lan­gen, schlan­ken Li­nie folg­ten. Wir be­geg­ne­ten ihm an ei­ner en­gen Stel­le zwi­schen Däm­men, und an die­ser schma­len Durch­fahrt war kaum Platz für uns bei­de. Als er scheu­ernd und äch­zend an uns vor­über fuhr, ent­deck­ten wir das Ge­heim­nis sei­nes An­triebs. Er fuhr den Fluss nicht mit Schau­fel­rä­dern oder ei­nem Schrau­ben­an­trieb hin­auf, son­dern er zog sich vor­wärts durch das Ein­ho­len ei­ner schwe­ren Ket­te. Die­se Ket­te ist auf dem Grund des Fluss­betts ver­legt und nur an den bei­den En­den be­fes­tigt. Sie ist sieb­zig Mei­len lang. Sie wird über den Bug auf­ge­nom­men, wi­ckelt sich sich um ei­ne Trom­mel und wird nach ach­tern wie­der aus­ge­steckt. Er zieht an die­ser Ket­te und schleppt sich so den Fluss hin­auf oder hin­un­ter. Ge­nau ge­nom­men hat er we­der ei­nen Bug noch ein Heck, denn er hat an je­dem En­de ein Steu­er­ru­der mit ei­nem lan­gen Blatt und wen­det nie­mals. Er ge­braucht die Steu­er­ru­der dau­ernd, und sie sind wirk­sam ge­nug, um ihn trotz des star­ken Wi­der­stan­des der Ket­te nach rechts oder links und um die Bie­gun­gen her­um zu steu­ern. Ich hät­te nie ge­glaubt, dass so ei­ne un­mög­li­che Sa­che funk­tio­nie­ren könn­te; aber ich sah sie funk­tio­nie­ren, und des­halb weiß ich jetzt, dass zu­min­dest ei­ne un­mög­li­che Sa­che funk­tio­nie­ren kann. Wel­che Wun­der­tat wird die Mensch­heit wohl als nächs­tes in An­griff neh­men?

Wir be­geg­ne­ten vie­len gro­ßen Käh­nen auf ih­rem Weg den Fluss hin­auf, als An­trieb be­nutz­ten sie Se­gel, die Kraft von Maul­tie­ren und Flü­che – ein er­mü­den­des, müh­se­li­ges Ge­schäft. Ein Draht­seil führ­te vom Fock­mast zu ei­nem Maul­tier­ge­spann auf dem Trei­del­pfad hun­dert Me­ter vor dem Boot, und mit Hil­fe von vie­len Schlä­gen, Flü­chen und An­feue­rungs­ru­fen schaff­te die Trei­del­mann­schaft ge­gen die ste­te Strö­mung ei­ne Ge­schwin­dig­keit von drei oder vier Mei­len. Der Ne­ckar ist im­mer schon als Was­ser­weg ge­nutzt wor­den und hat des­halb vie­len Men­schen und Tie­ren Be­schäf­ti­gung ge­ge­ben; aber jetzt ist ein Dampf­boot in der La­ge, mit ei­ner klei­nen Be­sat­zung und ei­nem Schef­fel Koh­le oder so neun Käh­ne in ei­ner Stun­de wei­ter den Fluss hin­auf zu brin­gen, als drei­ßig Mann und drei­ßig Maul­tie­re es in zwei Stun­den schaf­fen, glaubt man, dass das alt­mo­di­sche Trei­del­ge­wer­be auf dem Ster­be­bett liegt. Ein zwei­tes Dampf­boot nahm auf dem Ne­ckar sei­ne Ar­beit auf, drei Mo­na­te nach­dem das ers­te in Dienst ge­stellt wor­den war.

Mit­tags gin­gen wir an Land und kauf­ten ei­ni­ge Fla­schen Bier und ge­koch­te Hühn­chen, wäh­rend das Floß auf uns war­te­te; dann sta­chen wir so­fort wie­der in See und aßen un­ser Mit­tag­es­sen, so lan­ge das Bier kalt und die Hühn­chen heiß wa­ren. Es gibt kei­nen an­ge­neh­me­ren Platz für ein sol­ches Mahl als ein Floß, das den ge­wun­de­nen Ne­ckar hin­un­ter glei­tet vor­bei an grü­nen Wie­sen und be­wal­de­ten Hü­geln und schläf­ri­gen Dör­fern und fel­si­gen Hö­hen, der von ver­fal­le­nen Tür­men und Zin­nen ge­schmückt wer­den.

An ei­ner Stel­le sa­hen wir ei­nen ge­pflegt ge­klei­de­ten deut­schen Gent­le­man oh­ne Bril­le. Be­vor ich an­kern las­sen konn­te, war er aber schon ver­schwun­den. Es war sehr scha­de. Ich hät­te ger­ne ei­ne Zeich­nung von ihm ge­macht. Aber der Käptn trös­te­te mich über den Ver­lust hin­weg, in­dem er sag­te, dass der Mann ganz zwei­fel­los ein Be­trug ge­we­sen sei, der durch­aus ei­ne Bril­le ge­habt, sie aber wohl in der Ta­sche ge­las­sen hät­te, um sich in­ter­es­sant zu ma­chen.

Un­ter­halb von Hass­mers­heim ka­men wir an der Horn­berg vor­bei, Götz von Ber­li­chin­gens al­ter Burg. Sie steht auf ei­ner stei­len Er­he­bung zwei­hun­dert Fuß über dem Fluss; sie hat ho­he, wein­be­wach­se­ne Mau­ern, die Bäu­me um­schlie­ßen und ei­nen spit­zen Turm, der un­ge­fähr sieb­zig Fuß hoch ist. Der stei­le Hang von der Burg bis zum Fluss­ufer ist ter­ras­siert und dicht mit Wein­stö­cken be­setzt. Das ist so ähn­lich wie Acker­bau auf ei­nem Man­sar­den­dach. Al­le Steil­hän­ge an die­sem Fluss­ab­schnitt, die die rich­ti­ge La­ge ha­ben, wer­den zum Wein­bau ge­nutzt. Die­se Ge­gend ist ein be­deu­ten­der Rhein­wein­pro­du­zent. Die Deut­schen sind ganz ver­narrt in den Rhein­wein; er wird in ho­he, schlan­ke Fla­schen ab­ge­füllt und wird als an­ge­neh­mes Ge­tränk be­trach­tet. Vom Es­sig un­ter­schei­det man ihn durch das Eti­kett. Der Horn­berg soll un­ter­tun­nelt wer­den, und dann wird die neue Ei­sen­bahn un­ter der Burg hin­durch fah­ren.

*

Ei­ne oder zwei Mei­len vor Eber­bach sa­hen wir ei­ne ei­gen­ar­ti­ge Rui­ne aus dem Laub­werk her­aus­ra­gen, das den Gip­fel ei­nes ho­hen und sehr stei­len Ber­ges be­deck­te. Die Rui­ne be­stand nur aus ei­nem Paar ein­ge­stürz­ter Mas­sen von Mau­er­werk, die ei­ne gro­be Ähn­lich­keit mit mensch­li­chen Ge­sich­tern hat­ten; sie beug­ten sich vor und be­rühr­ten sich an der Stirn und sa­hen aus, als sei­nen sie ganz in ein Ge­spräch ver­tieft. Die Rui­ne hat­te nichts sehr Ein­drucks­vol­les oder Ma­le­ri­sches an sich, und es wur­de nicht viel Auf­he­bens von ihr ge­macht, und doch wur­de sie sie „spek­ta­ku­lä­re Rui­ne“ ge­nannt.

Die Sa­ge von der Spek­ta­ku­lä­ren Rui­ne

Der Floß­ka­pi­tän, der so vol­ler Ge­schich­ten war, wie in ihn hin­ein gin­gen, er­zähl­te, dass im Mit­tel­al­ter ein äu­ßerst ge­wal­ti­ger feu­er­spei­en­der Dra­che in die­ser Ge­gend ge­lebt und mehr Är­ger ge­macht hät­te als ein Steu­er­ein­trie­ber. Er war so lang wie ein Ei­sen­bahn­zug und be­deckt mit den üb­li­chen un­durch­dring­li­chen grü­nen Schup­pen. Sein Atem ver­brei­te­te Pe­sti­lenz und Feu­ers­brüns­te und sein Ap­pe­tit Hun­gers­nö­te. Er ver­schlang un­par­tei­isch Men­schen wie Vieh und war au­ßer­or­dent­lich un­be­liebt. Der da­ma­li­ge deut­sche Kai­ser mach­te das üb­li­che An­ge­bot: er wür­de dem Be­zwin­ger des Dra­chens je­den Wunsch er­fül­len; denn er hat­te ei­nen Über­schuss an Töch­tern und es war un­ter den Dra­chen­tö­tern Brauch, ei­ne Toch­ter als Be­zah­lung an­zu­neh­men.

Aus al­len Him­mels­rich­tun­gen ka­men die be­rühm­tes­ten Rit­ter und zo­gen sich ei­ner nach dem an­de­ren in den Schlund des Dra­chens zu­rück. Pa­nik ent­stand und brei­te­te sich aus. Die Hel­den wur­den vor­sich­tig. Und ihr Auf­marsch ver­sieg­te. Der Dra­che wü­te­te ver­hee­ren­der denn je. Das Volk ver­lor je­de Hoff­nung auf Ret­tung und flüch­te­te Schutz su­chend in die Ber­ge.

Zu gu­ter Letzt er­schien aus ei­nem fer­nen Land Sir Wis­sen­schaft, ein ar­mer, ob­sku­rer Rit­ter, um den Kampf mit dem Un­ge­heu­er auf­zu­neh­men. Er war ei­ne be­dau­erns­wer­te Ge­stalt mit den Fet­zen sei­ner Rüs­tung, die an ihm her­un­ter hin­gen, und dem selt­sam ge­form­ten Ran­zen, den er auf dem Rü­cken trug. Al­le rümpf­ten die Na­se über ihn, und ei­ni­ge ver­spot­te­ten ihn of­fen. Aber er ließ sich nicht aus der Ru­he brin­gen. Er er­kun­dig­te sich ein­fach nur, ob das An­ge­bot des Kai­sers noch gül­tig wä­re. Der Kai­ser sag­te, das wä­re es – aber er er­teil­te ihm den für­sorg­li­chen Rat, lie­ber auf die Ha­sen­jagd zu ge­hen und nicht sein kost­ba­res Le­ben bei dem Ver­such aufs Spiel zu set­zen, der schon so vie­len der be­rühm­tes­ten Hel­den der Welt den Tod ge­bracht hat­te.

Aber der fah­ren­de Rit­ter er­kun­dig­te sich nur: „Wa­ren un­ter die­sen Hel­den auch Män­ner der Wis­sen­schaft?“ Dies rief na­tür­lich ein Ge­läch­ter her­vor, da die Wis­sen­schaft in je­nen Ta­gen ver­ach­tet wur­de. Aber der Rit­ter war da­durch nicht im Min­des­ten ir­ri­tiert. Er sag­te, er wä­re viel­leicht sei­ner Zeit ein we­nig vor­aus, aber das wür­de nichts aus­ma­chen – die Wis­sen­schaft wür­de frü­her oder spä­ter zu Eh­ren kom­men. Er er­klär­te, am nächs­ten Mor­gen wür­de er ge­gen den Dra­chen ins Feld zie­hen. Aus Mit­leid wur­de ihm ein an­stän­di­ger Speer an­ge­bo­ten, aber er ver­zich­te­te dar­auf und sag­te Spee­re sei­en nutz­los für Män­ner der Wis­sen­schaft. Man er­laub­te ihm, in der Ge­sin­de­stu­be Abend­brot zu es­sen und gab ihm ein Nacht­la­ger in der Stäl­len.

Als er am Mor­gen auf­brach, hat­ten sich Tau­sen­de ver­sam­melt, um zu­zu­schau­en. Der Kai­ser sag­te: „Sei ver­nünf­tig, nimm ei­nen Speer und lass dei­nen Ran­zen hier.“

Aber der Rit­ter sag­te nur: „Es ist kein Ran­zen,“ und zog los.

Der Dra­chen war­te­te schon und war be­reit. Er stieß Un­men­gen von Schwe­fel­dämp­fen und schreck­li­che Flam­men­stö­ße aus. Der zer­lump­te Rit­ter schlich sich vor­sich­tig in ei­ne güns­ti­ge Po­si­ti­on, warf dann sei­nen zy­lin­der­för­mi­gen Ran­zen ab – der ein­fach ein ge­wöhn­li­cher Feu­er­lö­scher war, wie wir ihn heu­te ken­nen – und bei der ers­ten Ge­le­gen­heit dreh­te er den Schlauch auf und blies dem Dra­chen da­mit in sei­nem rie­si­gen Ra­chen. Au­gen­blick­lich ver­losch das Feu­er, und der Dra­che krümm­te sich zu­sam­men und starb.

Die­ser Mann hat­te sei­nen Ver­stand zur Hil­fe ge­nom­men. Er hat­te in sei­nem La­bor Dra­chen aus Ei­ern auf­ge­zo­gen, er hat­te über sie ge­wachtt wie ei­ne Mut­ter und sie ge­dul­dig stu­diert und mit ih­nen Ex­pe­ri­men­te ge­macht, wäh­rend sie her­an­wuch­sen. So hat­te er her­aus­ge­fun­den, dass das Feu­er die Le­bens­grund­la­ge ei­nes Dra­chens ist; lösch­te man das Feu­er ei­nes Dra­chens, und er kann kei­nen Dampf mehr ma­chen und muss ster­ben. Er konn­te das Feu­er nicht mit ei­nem Speer er­sti­cken, des­halb er­fand er den Feu­er­lö­scher. Als der Dra­che tot war, fiel der Kai­ser dem Hel­den um den Hals und sag­te: „Be­frei­er, nen­ne mir dei­nen Wunsch,“ und wink­te da­bei nach hin­ten mit sei­nem Stie­fel­ab­satz, da­mit sich sei­ne Töch­ter zu ei­ner Ab­ord­nung for­mier­ten und vor­tra­ten. Aber der Rit­ter schenk­te ih­nen kei­ne Be­ach­tung. Er sag­te nur: „Mein Wunsch ist, dass ich das Mo­no­pol für die Her­stel­lung und den Ver­kauf von Bril­len in Deutsch­land über­tra­gen be­kom­me.“

Der Kai­ser sprang zu­rück und rief aus: „Das über­steigt al­les an Frech­heit, was ich je­mals ge­hört ha­be! Das ist ei­ne be­schei­de­ne Bit­te, bei al­lem, was mir hei­lig ist! Wa­rum ver­langst du nicht gleich al­le kai­ser­li­chen Steu­er­ein­nah­men auf ein­mal und fer­tig?“

Aber der Herr­scher hat­te nun mal sein Wort ge­ge­ben, und er hielt es. Zu je­der­manns Über­ra­schung re­du­zier­te der selbst­lo­se Mo­no­po­list so­gleich den Preis für Bril­len so weit, dass ei­ne gro­ße und drü­cken­de Last von der Na­ti­on ge­nom­men war. Zur Er­in­ne­rung an die­se groß­zü­gi­ge Tat und um sei­ne Wert­schät­zung zu be­zeu­gen, er­ließ der Kai­ser ein De­kret, das ver­füg­te, dass je­der­mann die Bril­len die­ses Wohl­tä­ters kau­fen und sie tra­gen müs­se, ob er sie nun be­nö­tig­te oder nicht.

So ent­stand in Deutsch­land der weit ver­brei­te­te Brauch, Bril­len zu tra­gen; und da ein Brauch, wenn er sich in die­sen al­ten Län­dern erst ein­mal ein­ge­bür­gert hat, un­ver­gäng­lich ist, ist auch die­ser bis auf den heu­ti­gen Tag im Reich im­mer noch all­ge­gen­wär­tig. Das ist die Sa­ge von dem einst statt­li­chen und präch­ti­gen Schloss des Mo­no­po­lis­ten, das heu­te die „Spek­ta­ku­lä­re Rui­ne“ ge­nannt wird.

*

Am rech­ten Ufer zwei oder drei Mei­len un­ter­halb der „Spek­ta­ku­lä­ren Rui­ne“ ka­men wir an ei­nem statt­li­chen An­we­sen mit zin­nen­be­wehr­ten Ge­mäu­ern vor­bei, die den Fluss vom Kamm ei­ner er­ha­be­nen An­hö­he über­blick­ten. Die ho­he Front­mau­er war auf zwei­hun­dert Me­ter üp­pig mit Efeu über­wach­sen und aus der Mas­se der Ge­bäu­de in­ner­halb der Mau­er rag­ten drei ma­le­ri­sche al­te Tür­me auf. Das Gan­ze war sehr ge­pflegt und wur­de von ei­ner Fa­mi­lie im Fürs­ten­rang be­wohnt. Auch die­se Burg hat­te ih­re Sa­ge, aber ich füh­le mich nicht be­rech­tigt, sie hier wie­der­zu­ge­ben, weil ich den Wahr­heits­ge­halt ei­ni­ger ih­rer klei­ne­ren De­tails be­zweif­le.

In die­ser Ge­gend war ei­ne Viel­zahl von ita­lie­ni­schen Ar­bei­tern da­mit be­schäf­tigt, die Berg­hän­ge zum Fluss weg­zu­spren­gen, um Platz für ei­ne neue Ei­sen­bahn­stre­cke zu schaf­fen. Sie ar­bei­te­ten fünf­zig oder hun­dert Fuß über dem Flus­ses. Und als wir um ei­ne schar­fe Kur­ve bo­gen, be­gan­nen sie, uns Wink­zei­chen zu ge­ben und War­nun­gen zu­zu­ru­fen, dass wir uns vor den Spren­gun­gen vor­se­hen soll­ten. Es war ja schön und gut, dass sie uns warn­ten, aber was konn­ten wir tun? Man kann mit ei­nem Floß nicht rück­wärts den Fluss hin­auf­fah­ren, man kann es nicht fluss­ab­wärts be­schleu­ni­gen, man kann nicht zur Sei­te aus­wei­chen, wenn man kei­nen nen­nens­wer­ten Platz hat, und man konn­te sich auch nicht an die senk­rech­ten Klip­pen am ge­gen­über lie­gen­den Ufer hal­ten, wenn sie auch dort An­stal­ten mach­ten zu spren­gen. Wie man sieht, wa­ren un­se­re Mög­lich­kei­ten be­schränkt. Es blieb uns ein­fach nichts üb­rig, als ab­zu­war­ten und zu be­ten.

In den zu­rück­lie­gen­den Stun­den hat­ten wir drei­ein­halb oder vier Mei­len die Stun­de ge­macht, und das mach­ten wir auch jetzt noch. Wir wa­ren ge­ra­de­zu da­hin­ge­tanzt, bis die­se Män­ner zu ru­fen an­ge­fan­gen hat­ten; aber wäh­rend der nächs­ten zehn Mi­nu­ten schien es mir, als ob ich noch nie ein so lang­sa­mes Floß ge­se­hen hät­te. Als die ers­te Ex­plo­si­on los­ging, reck­ten wir un­se­re Son­nen­schir­me hoch und war­te­ten auf das Re­sul­tat. Nichts ge­schah; kei­ner der Fels­bro­cken fiel ins Was­ser. Ei­ne wei­te­re Ex­plo­si­on folg­te und noch ei­ne und noch ei­ne. Ein paar Trüm­mer­stü­cke fie­len di­rekt hin­ter un­se­rem Heck ins Was­ser.

Wir fuh­ren die gan­ze Bat­te­rie von neun Ex­plo­sio­nen hin­ter­ein­an­der ent­lang, und es war be­stimmt ei­ne der auf­re­gends­ten und un­ge­müt­lichs­ten Wo­chen, die ich je er­lebt ha­be, sei es auf See oder an Land. Na­tür­lich be­mann­ten wir im­mer wie­der die Stan­gen und steu­er­ten ernst­haft für ei­ne Se­kun­de oder so, aber je­des­mal wenn ei­ner die­ser Aus­wür­fe aus Staub und Trüm­mern hoch schoss, ließ je­der sei­ne Stan­ge fah­ren und blick­te auf, um nach sei­nem An­teil da­von zu pei­len. Für ei­ne Wei­le ging es sehr heiß her. Es schien si­cher, dass wir ster­ben muss­ten; aber das war noch nicht ein­mal der bit­ters­te Ge­dan­ke; nein, die ab­scheu­lich un­he­roi­sche Art die­ses To­des – das war der Sta­chel – das und die bi­zar­re For­mu­lie­rung des dar­aus re­sul­tie­ren­den Nach­rufs: „Mit ei­nem Fels­bro­cken er­schos­sen, auf ei­nem Floß.“ Dar­über wür­den kei­ne Dich­ter­wor­te ge­schrie­ben wer­den. Es konn­ten kei­ne dar­über ge­schrie­ben wer­den. Kost­pro­be:

Nicht durch des Krie­ges Speer und Stoß

son­dern bloß von ’nem Fels auf ei­nem Floß

Kein Po­et, dem sein Ruf teu­er war, wür­de solch ein The­ma an­fas­sen. Ich wür­de an­ge­se­hen wer­den als der ein­zi­ge „an­ge­se­he­ne To­te“, der 1878 un­be­sun­gen ins Grab sank.

Aber wir ent­ka­men, und ich ha­be es nie­mals be­reut. Die letz­te Ex­plo­si­on war be­son­ders stark, und nach­dem die klei­nen Par­ti­kel um uns her­um her­un­ter­ge­reg­net wa­ren und wir uns schon zu un­se­rer Er­lö­sung gra­tu­lie­ren woll­ten, kam noch ein ver­spä­te­ter und grö­ße­rer Bro­cken mit­ten in un­se­rer klei­nen Grup­pe von Wan­de­rern her­un­ter und zer­stör­te ei­nen Schirm. Er rich­te­te kei­nen wei­te­ren Scha­den an, aber wir spran­gen trotz­dem ins Was­ser.

Es scheint, dass die schwe­re Ar­beit in den Stein­brü­chen und an den neu­en Ei­sen­bahn­tras­sen haupt­säch­lich von Ita­lie­nern ge­leis­tet wird. Das war ei­ne Ent­de­ckung. In un­se­rem Land ha­ben wir die Vor­stel­lung, dass Ita­lie­ner über­haupt kei­ne schwe­ren Ar­bei­ten ver­rich­ten, son­dern sich auf die leich­te­ren Küns­te wie das Dreh­or­gel­spiel, Opern­ge­sang und Mord­an­schlä­ge be­schrän­ken. Da ha­ben wir uns ganz schön ge­irrt, das steht fest.

Den gan­zen Fluss ent­lang, bei­na­he in je­dem Dorf sa­hen wir klei­ne Sta­ti­ons­ge­bäu­de für die zu­künf­ti­ge Ei­sen­bahn. Sie wa­ren fer­tig und war­te­ten auf die Glei­se und den Be­trieb. Sie wa­ren so pro­per, ge­müt­lich und hübsch, wie sie nur sein konn­ten. Sie wa­ren im­mer aus Zie­geln oder aus Stein; sie wa­ren von an­mu­ti­ger Form und schon mit Wein und Blu­men be­r­ankt, und der Ra­sen um sie her­um war leuch­tend und grün und zeig­te, dass er sorg­fäl­tig ge­pflegt wur­de. Sie wa­ren ei­ne Zier­de für die schö­ne Land­schaft, kein Fremd­kör­per. Wo im­mer man ei­nen Hau­fen Schot­ter oder Bruch­stei­ne sah, war er im­mer so sau­ber und ge­nau auf­ge­schich­tet wie ein fri­sches Grab oder ei­ne Py­ra­mi­de von Ka­no­nen­ku­geln, nichts an die­sen Sta­tio­nen oder ent­lang der Glei­se oder des Fahr­wegs ließ man schä­big oder schmuck­los aus­se­hen. Ein Land in so schö­ner Ord­nung zu hal­ten wie Deutsch­land, hat auch ei­ne klu­ge Sei­te, denn es hält Tau­sen­de von Leu­ten in Ar­beit und Brot, die sonst nur her­um­lun­gern wür­den und auf dum­me Ge­dan­ken kä­men.

Als die Dun­kel­heit her­ein­brach, woll­te der Käptn fest­ma­chen, aber ich dach­te, wir könn­ten es viel­leicht noch bis Hirsch­horn schaf­fen und so fuh­ren wir wei­ter. Bald be­zog sich der Him­mel, und der Käptn kam nach ach­tern und mach­te ein be­sorg­tes Ge­sicht. Er blick­te zum Him­mel, schüt­tel­te den Kopf und mein­te, es wür­de ei­nen Sturm ge­ben. Mei­ne Rei­se­ge­sell­schaft woll­te so­fort an Land ge­hen – des­halb woll­te ich wei­ter fah­ren. Der Käptn sag­te, wir soll­ten die Se­gel ref­fen, nur aus rei­ner Vor­sicht. Des­halb wur­de die Back­bord­wa­che an­ge­wie­sen ih­re Stan­ge ein­zu­zie­hen. Es wur­de ziem­lich dun­kel und der Wind frisch­te auf. Er heul­te in den Baum­kro­nen und feg­te in lau­ni­schen Stö­ßen über un­se­re Decks. Die Sa­che nahm lang­sam häss­li­che Zü­ge an. Der Käptn schrie dem Steu­er­mann auf dem Vor­der­teil des Flo­ßes zu: „Wel­chen Kurs ha­ben wir?“

Von weit vor­ne kam die schwa­che, hei­se­re Ant­wort: „Nord­ost bei Nord – Ost bei Ost, halb Ost.“

„Ei­nen Strich ab­fal­len!“

„Zu Be­fehl, Käptn!“

„Wie viel Was­ser ha­ben wir noch un­ter dem Kiel?“

„Flach, Käptn.Gut zwei Fuß Steu­er­bord, knapp zwei­ein­halb Back­bord!“

„Noch ei­nen Strich ab­fal­len!“

„Ja­wohl, Käptn!“

„Nach vor­ne, Män­ner, al­le! Aber flott! Macht euch be­reit, da­mit wir es um die Luvbie­gung krie­gen!“

„Zu Be­fehl, Käptn!“

Dann folg­te ein wil­des Ren­nen und Tram­peln und hei­se­res Ru­fen, aber die Ge­stal­ten der Män­ner wa­ren in der Dun­kel­heit ver­schwun­den und die Ge­räu­sche wur­den ver­zerrt und durch­ein­an­der ge­wir­belt vom Wind, der über un­se­ren Holz­hau­fen heul­te. In­zwi­schen ging die See meh­re­re Zoll hoch und droh­te je­den Mo­ment, un­ser zer­brech­li­ches Faht­zeug zu ver­schlin­gen. Da kam der Maat nach ach­tern ge­sprun­gent und sag­te dem Käptn mit ge­dämpf­ter, er­reg­ter Stim­me ins Ohr :

„Be­rei­ten Sie sich auf das Schlimms­te vor, Käptn – wir ha­ben ein Leck!“

„Him­mel! Wo?“

„Gleich hin­ter der zwei­ten Stamm­rei­he.“

„Jetzt kann uns nur noch ein Wun­der ret­ten! Sa­gen Sie den Män­nern nichts da­von, sonst gibt es ei­ne Pa­nik und Meu­te­rei! Dreh aufs Ufer zu und mach dich fer­tig mit der Ach­ter­lei­ne rü­ber­zu­sprin­gen, so­bald es an­stößt. Mei­ne Her­ren, ich muss bit­ten, mich in mei­nen An­stren­gun­gen in die­ser Stun­de der Ge­fahr zu un­ter­stüt­zen. Sie ha­ben Hü­te – ge­hen Sie nach vor­ne und len­zen Sie um Ihr Le­ben!“

Wie­der feg­te ein hef­ti­ger Wind­stoß, ge­hüllt in Gischt und tie­fe Fins­ter­nis, über uns hin­weg. Und in die­sem Au­gen­blick kam von weit vor­ne der ent­setz­lichs­te Ruf, der auf See zu hö­ren ist: „Mann über Bord!“

Der Käptn schrie: „Hart Back­bord! Küm­mert euch nicht um den Mann! Soll er doch an Bord klet­tern oder ans Ufer wa­ten!“

Ein wei­te­rer Ruf wur­de vom Wind zu uns ge­tra­gen: „Bran­dung vor­aus!“

„Wie weit weg?“

„Kei­ne Stamm­län­ge vom Back­bord­bug!“

Wir hat­ten uns über die schlüp­fi­gen Stäm­me vor­wärts ge­tas­tet und schöpf­ten nun mit dem Wahn­sinn der Ver­zweif­lung Was­ser, als wir von weit ach­tern den ent­setz­ten Schrei des Maats hör­ten:

„Hört auf mit dem ver­damm­ten Len­zen, sonst lau­fen wir noch auf Grund!“

Aber gleich dar­auf folg­te der freu­di­ge Aus­ruf: „Land am Steu­er­bord-Heck­bal­ken!“

„Ge­ret­tet!“ rief der Ka­pi­tän. „Spring rü­ber, mach ei­nen Schlag um ei­nen Baum und gib das En­de an Bord!“

Im nächs­ten Au­gen­blick wa­ren wir al­le am Ufer und wein­ten und um­arm­ten uns vor Freu­de, wäh­rend es in Strö­men goss. Der Käptn er­klär­te, er be­fah­re nun den Ne­ckar seit vier­zig Jah­ren und ha­be in die­ser Zeit Stür­me er­lebt, die ei­nen Mann er­blei­chen und sein Herz sto­cken lie­ßen, aber nie, nie­mals ha­be er ei­nen Sturm er­lebt, der die­sem auch nur na­he ge­kom­men wä­re. Wie ver­traut das klang! Ich bin wirk­lich schon ganz schön oft auf See ge­we­sen, und ent­sp­re­chend oft ha­be ich die­se Be­mer­kung von Ka­pi­tä­nen ge­hört.

Im Geist ent­war­fen wir die üb­li­che Re­so­lu­ti­on, um un­se­ren Dank, un­se­re Be­wun­de­rung und un­se­re Er­kennt­lich­keit zum Aus­druck zu brin­gen, und stimm­ten bei der erst­bes­ten Ge­le­gen­heit dar­über ab und leg­te sie schrift­lich nie­der und über­reich­ten sie dem Käptn mit der üb­li­chen An­spra­che.

Vol­le drei Mei­len schlu­gen wir uns durch die Dun­kel­heit und den strö­men­den Re­gen und er­reich­ten das Gast­haus Zum Na­tur­alisten in dem klei­nen Ort Hirsch­horn ge­ra­de ei­ne Stun­de vor Mit­ter­nacht, fast völ­lig ent­kräf­tet von Müh­sa­len, Er­mat­tung und Schre­cken. Die­se Nacht wer­de ich nie ver­ges­sen.

Der Gast­wirt war wohl­ha­bend und konn­te es sich des­halb leis­ten, mür­risch und un­höf­lich zu sein; er moch­te es gar nicht, aus sei­nem war­men Bett ge­holt zu wer­den, um sein Haus für uns zu öff­nen. Aber des­sen un­ge­ach­tet stand sein gan­zer Haus­halt auf und be­rei­te­te schnell ein Abend­es­sen für uns, und wir brau­ten uns selbst ei­nen hei­ßen Punsch, um der Aus­zeh­rung vor­zu­beu­gen. Nach dem Es­sen und dem Punsch rauch­ten wir noch ein Stünd­chen zur Be­ru­hi­gung und foch­ten da­bei die See­schlacht noch ein­mal durch und stimm­ten über die Re­so­lu­tio­nen ab; dann zo­gen wir uns nach oben in aus­neh­mend ge­pfleg­te und hüb­sche Schlaf­kam­mern zu­rück, in de­nen sau­be­re, be­que­me Bet­ten stan­den mit Erb­stü­cken von Kis­sen­be­zü­gen, die sehr auf­wen­dig und ge­schmack­voll von Hand be­stickt wa­ren.

Sol­che Zim­mer, Bet­ten und be­stick­te Wä­sche sind in deut­schen Land­gast­häu­sern eben­so häu­fig wie sie in un­se­ren sel­ten sind. Un­se­re Dör­fer sind den deut­schen in mehr Vor­zü­gen, Voll­kom­men­hei­ten, Be­quem­lich­kei­ten und Vor­treff­lich­kei­ten über­le­gen, als ich hier auf­zäh­len kann, aber die Gast­häu­ser ge­hö­ren nicht da­zu.

Das Gast­haus Zum Na­turalisten hieß nicht zu­fäl­lig so; in al­len Flu­ren und Zim­mern stan­den Glas­vi­tri­nen, in de­nen sich al­le mög­li­chen Ar­ten von Vö­geln und Tie­ren be­fan­den, die mit Glas­au­gen ver­se­hen, ge­schickt aus­ge­stopft und in den na­tür­lichs­ten und dra­ma­tischs­ten Po­sen auf­ge­stellt wa­ren. Ge­ra­de als wir im Bett la­gen, hör­te der Re­gen auf, und der Mond kam her­aus. Wäh­rend ich in den Schlaf hin­über däm­mer­te be­trach­te­te ich ei­ne wei­ße aus­ge­stopf­te Eu­le, die von ih­rem ho­hen Sitz an­ge­spannt auf mich hin­un­ter blick­te und da­bei ein Ge­sicht mach­te wie je­mand, der glaub­te, dass ich ihm schon ein­mal über den Weg ge­lau­fen wä­re, sich des­sen aber nicht ganz si­cher war.

Aber der jun­ge Z kam nicht so bil­lig da­von. Er er­zähl­te, als er ge­ra­de da­bei war, hät­te der Mond die Schat­ten fort­ge­wischt und ei­ne rie­si­ge Kat­ze auf ei­nem Wand­brett ent­hüllt, tot und aus­ge­stopft, aber mir ge­spann­ten Mus­keln und zum Sprung ge­duckt, wo­bei ih­re funkelnden Au­gen ge­nau auf ihn ge­rich­tet wa­ren. Das gab ihm ein un­be­hag­li­ches Ge­fühl. Er ver­such­te, die Au­gen zu schlie­ßen, aber das half nicht, denn ein na­tür­li­cher In­stinkt ließ sie ihn im­mer wie­der auf­ma­chen, um zu se­hen, ob die Kat­ze noch im­mer im Be­griff wä­re, ihn an­zu­sprin­gen – was sie na­tür­lich im­mer war. Er ver­such­te ihr den Rü­cken zu­zu­dre­hen, aber das war auch ein Fehl­schlag; er wuss­te die un­heim­li­chen Au­gen im­mer noch auf sich ru­hen. Nach­dem er sich auf die­se Wei­se ein oder zwei Stun­den her­um­ge­plagt und ex­pe­ri­men­tiert hat­te, stand er auf und setz­te die Kat­ze hin­aus auf den Gang. Dies­mal ge­wann er.

*

Am nächs­ten Mor­gen früh­stück­ten wir nach der an­ge­neh­men deut­schen Som­mer­sit­te un­ter den Bäu­men im Gar­ten des Gast­hau­ses. Die Luft war voll von Blu­men­düf­ten und al­ler­lei sum­men­dem Ge­tier; rings um uns her be­fand sich der le­ben­de Teil der Me­na­ge­rie des Gast­hau­ses. Es gab gro­ße Kä­fi­ge, die be­völ­kert wa­ren mit flat­tern­den und sch­nat­tern­den exo­ti­schen Vö­geln, und an­de­re gro­ße Kä­fi­ge und noch grö­ße­re Draht­ge­he­ge, die von ein­hei­mi­schen und frem­den Vier­bei­nern be­völ­kert wur­den. Es gab auch ei­ni­ge frei­lau­fen­de Krea­tu­ren und noch da­zu ziem­lich ge­sel­li­ge. Wei­ße Ka­nin­chen hop­pel­ten her­um und ka­men ge­le­gent­lich her­an und schnup­per­ten an un­se­ren Schu­hen und Schien­bei­nen; ein Reh­kitz mit ei­nem ro­ten Band um den Hals kam nä­her und mus­ter­te uns furcht­los; sel­te­ne Ras­sen von Hüh­nern und Tau­ben bet­tel­ten um Kru­men, und ein ar­mer al­ter Ra­be oh­ne Schwanz­fe­dern hüpf­te her­um mit ei­ner de­mü­ti­gen, be­schäm­ten Mie­ne, die sag­te „Bit­te über­seht mei­ne Blö­ße – stellt euch vor, wie ihr euch in mei­ner La­ge füh­len wür­det, und seid nach­sich­tig.“ Wenn er sich all­zu sehr be­ob­ach­tet fühl­te, zog er sich hin­ter ir­gend et­was zu­rück und blieb dort, bis er der An­sicht war, dass sich das In­ter­es­se der Ge­sell­schaft ei­nem an­de­ren Ge­gen­stand zu­ge­wandt hät­te. Ich ha­be nie ei­ne an­de­re stum­me Krea­tur ge­se­hen, die so schreck­lich sen­si­bel war. Ba­yard Tay­lor, der die ver­schwom­me­nen Ge­dan­ken­gän­ge der Tie­re deu­ten konn­te und ih­re mo­ra­li­sche Na­tur bes­ser ver­stand als die meis­ten Men­schen, wür­de si­cher ei­nen Weg ge­fun­den ha­ben, die­sen ar­men al­ten Bur­schen sei­nen Kum­mer ver­ges­sen zu las­sen, aber wir ver­stan­den uns nicht auf sei­ne ein­fühl­sa­me Kunst und muss­ten des­halb den Ra­ben sei­nem Gram über­las­sen.

Nach dem Früh­stück stie­gen wir den Berg hin­auf und be­such­ten die al­te Burg von Hirsch­horn und die ver­fal­le­ne Kir­che da­ne­ben. An den In­nen­wän­den der Kir­che lehn­ten ei­ni­ge son­der­ba­re Bas­re­liefs – sie stell­ten die Her­ren von Hirsch­horn in vol­ler Rüs­tung dar und die Edel­frau­en von Hirsch­horn in den ma­le­ri­schen Hof­ge­wän­dern des Mit­tel­al­ters. Die­se Din­ge sind schutz­los Zer­stö­run­gen aus­ge­setzt und dem Ver­fall preis­ge­ge­ben, denn der letz­te Hirsch­horn ist vor zwei­hun­dert Jah­ren ge­stor­ben und es gibt nie­man­den mehr, der sich dar­um küm­mert, die An­den­ken der Fa­mi­lie zu er­hal­ten. Im Al­tar­raum stand ei­ne ge­wun­de­ne Stein­säu­le, und der Käptn er­zähl­te uns ei­ne Le­gen­de dar­über – na­tür­lich, denn was Le­gen­den an­be­traft, konn­te er sich ein­fach nicht zu­rück­hal­ten. Aber ich wer­de die­se Le­gen­de hier nicht wie­der­ge­ben, weil dar­an nichts glaub­haft war, ab­ge­se­hen von der Tat­sa­che, dass der Held die­se Säu­le mit blo­ßen Hän­den in ih­re jet­zi­ge Schrau­ben­form ge­zwun­gen hat­te – mit ei­nem ein­zi­gen Dreh. Der gan­ze Rest der Le­gen­de war zwei­fel­haft.

Aber Hirsch­horn sieht am bes­ten aus ei­ner ge­wis­sen Dis­tanz ein Stück weit fluß­ab­wärts aus. Dann er­ge­ben die zu­sam­men­ge­dräng­ten brau­nen Tür­me, die auf der grü­nen An­hö­he thro­nen und die al­te zin­nen­be­wehr­te Mau­er, die sich den gras­be­deck­ten Grat hin­auf­zieht und in dem Laub­meer da­hin­ter ver­schwin­det, ein Bild, des­sen An­mut und Schön­heit das Au­ge ganz und gar be­frie­di­gen.

Von der Kir­che stie­gen wir stei­le, stei­ner­ne Stu­fen hin­ab, die sich hier­hin und da­hin durch die en­gen Gas­sen zwi­schen den dicht ge­dräng­ten, schmut­zi­gen Häu­sern des Ört­chens wan­den. Es war ein Vier­tel, das reich­lich be­völ­kert war mit ver­wach­se­nen, schie­len­den, un­ge­kämm­ten und ver­wahr­los­ten Idio­ten, die Hän­de oder Müt­zen aus­streck­ten und kläg­lich bet­tel­ten. Na­tür­lich wa­ren nicht al­le Leu­te in die­sem Vier­tel Idio­ten, aber al­le, die bet­tel­ten, schie­nen es zu sein, und wa­ren es auch, wie es hieß.

Ich dach­te dar­an, mit ei­nem Ru­der­boot zur nächs­ten Stadt, Ne­ckarstein­ach, zu fah­ren. Des­halb rann­te ich vor den an­de­ren der Rei­se­ge­sell­schaft zum Fluss­ufer und frag­te ei­nen Mann dort, ob er ein Boot ha­be, das man mie­ten kön­ne. Ver­mut­lich ha­be ich Hoch­deutsch ge­spro­chen – Deutsch, wie man es bei Ho­fe spricht – je­den­falls hat­tet ich das vor – des­halb ver­stand er mich nicht. Ich dreh­te und wen­de­te mei­ne Fra­ge im­mer wie­der her­um und ver­such­te, das Ni­veau die­ses Man­nes zu tref­fen, aber ich schaff­te es nicht. Er konn­te nicht be­grei­fen, was ich woll­te. Nun kam Mr. X., trat die­sem Mann ge­gen­über, blick­te ihm in die Au­gen und ließ in der wort­ge­wand­tes­ten und selbst­si­chers­ten Art fol­gen­den Satz auf ihn los: „Can man boat get he­re?“

Der Schif­fer ver­stand so­fort und ant­wor­te­te prompt. Ich kann ver­ste­hen, wa­rum er ge­ra­de die­sen Satz ver­ste­hen konn­te, da durch rei­nen Zu­fall al­le Wor­te dar­in mit Aus­nah­me von „get“ im Deut­schen den­sel­ben Klang und die­sel­be Be­deu­tung ha­ben wie im Eng­li­schen; aber wie er es fer­tig brach­te, Mr. X.‘ nächs­te Be­mer­kung zu ver­ste­hen, das war mir ein Rät­sel. Ich wer­de sie gleich an­füh­ren. X. wand­te sich für ei­nen Mo­ment ab, und ich frag­te den Schif­fer, ob er nicht ein Brett auf­trei­ben und da­mit ei­ne zu­sätz­li­che Sitz­ge­le­gen­heit schaf­fen kön­ne. Ich sag­te das im reins­ten Deutsch, aber so wie es wirk­te, hät­te ich es ge­nau­so gut im reins­ten In­dia­ner­kau­der­welsch sa­gen kön­nen. Der Mann gab sein Bes­tes, mich zu ver­ste­hen; er ver­such­te es und ver­such­te es im­mer wie­der, im­mer an­ge­streng­ter, bis ich ein­sah, dass es wirk­lich kei­nen Zweck hat­te, und sag­te: „Be­mü­hen Sie sich nicht wei­ter – es ist nicht so wich­tig.“

Da wand­te X. sich an ihn und sag­te frisch: „Ma­chen Sie a flat board.“

Mein Grab­stein soll die Wahr­heit über mich sa­gen, wenn der Mann nicht so­fort ant­wor­te­te und sag­te, er wol­le ge­hen und sich ein Brett bor­gen, so­bald er die Pfei­fe an­ge­zün­det ha­be, die er sich ge­ra­de stopf­te.

Aber wir än­der­ten schließ­lich un­se­re Ab­sich­ten und brauch­ten das Boot nicht. Ich ha­be Mr. X.‘ bei­de Be­mer­kun­gen ge­nau­so wie­der­ge­ge­ben, wie er sie mach­te. Vier von fünf Wor­ten in der ers­ten wa­ren Eng­lisch, und dass sie auch Deutsch wa­ren, war nur Zu­fall, kei­ne Ab­sicht; drei der fünf Wor­te in der zwei­en Be­mer­kung wa­ren Eng­lisch und nur Eng­lisch, und die bei­den deut­schen be­deu­te­ten in die­sem Zu­sam­men­hang nichts Be­son­de­res.

X. sprach mit den Deut­schen im­mer Eng­lisch, aber sei­ne Me­tho­de war, in dem Satz das fal­sche En­de vor­zu­zie­hen und das Gan­ze auf den Kopf zu stel­len, wie es dem deut­schen Satz­bau ent­sprach, und hier und da ein deut­sches Wort oh­ne je­de we­sent­li­che Be­deu­tung ein­zu­streu­en, nur so zur Wür­ze. Und doch mach­te er sich im­mer ver­ständ­lich. Er konn­te man­chmal die­se Dia­lekt sp­re­chen­den Flö­ßer da­zu brin­gen, ihn zu ver­ste­hen, wenn so­gar der jun­ge Z. an ih­nen schei­ter­te; und Z. war ein ziem­lich gu­ter Ger­ma­nist. Aber X. sprach im­mer mit sol­cher Selbst­si­cher­heit – viel­leicht war es das, was ihm half. Und viel­leicht war der Dia­lekt der Flö­ßer das, was man Platt­deutsch nennt, und so klang sein Eng­lisch ver­trau­ter in ih­ren Oh­ren als das Deutsch ei­nes an­de­ren. Ziem­lich mit­tel­mä­ßi­ge Deutsch­schü­ler kön­nen Fritz Reu­ters be­zau­bern­de platt­deut­sche Er­zäh­lun­gen ziem­lich leicht le­sen, weil vie­le Wor­te dar­in eng­lisch sind. Ich neh­me an, das ist die Spra­che, die un­se­re säch­si­schen Vor­fah­ren mit nach Eng­land ge­bracht ha­ben. Bei Ge­le­gen­heit wer­de ich mal ei­nen an­de­ren Phi­lo­lo­gen fra­gen.

Mitt­ler­wei­le hat­te sich her­um­ge­spro­chen, dass die Män­ner, die das Floß ab­dich­ten soll­ten, her­aus­ge­fun­den hat­ten, dass das Leck über­haupt kein Leck war, son­dern nur ein Spalt zwi­schen den Stäm­men war – ein Spalt, der da hin­ge­hör­te und nicht ge­fähr­lich war, sich aber durch die wir­re Phan­ta­sie des Maats zu ei­nem Leck ver­grö­ßert hat­te. Des­halb gin­gen wir vol­ler Zu­ver­sicht wie­der an Bord und sta­chen bald oh­ne Zwi­schen­fäl­le in See. Als wir sanft zwi­schen den ent­zü­cken­den Ufern da­hin­glit­ten, fin­gen wir an, uns über Sit­ten und Ge­bräu­che in Deutsch­land und an­ders­wo aus­zu­tau­schen.

Es gibt ei­ne deut­sche Sit­te, die all­ge­gen­wär­tig ist – sich höf­lich vor Frem­den zu ver­beu­gen, wenn man sich an den Tisch setzt oder von ihm auf­steht. Wenn ein Frem­der die­se Ver­beu­gung zum ers­ten­mal er­lebt, bringt sie ihn so aus der Fas­sung, dass er in sei­ner Ver­wir­rung leicht über ei­nen Stuhl oder sonst et­was fällt, aber trotz­dem be­rei­tet sie ihm Freu­de. Man lernt schnell, die­se Ver­beu­gung vor­aus­zu­se­hen und auf­zu­pas­sen und zur Er­wi­de­rung be­reit zu sein; aber für ei­nen schüch­ter­nen Men­schen ist es ei­ne schwie­ri­ge Sa­che zu ler­nen, den Tanz zu er­öff­nen und selbst die ers­te Ver­beu­gung zu ma­chen. Man denkt: Wenn ich nun auf­ste­he, um zu ge­hen, und mei­ne Ver­beu­gung an­brin­ge, und die­se Da­men und Her­ren es sich in den Kopf ge­setzt ha­ben, ih­ren Volks­rauch zu ig­no­rie­ren und sie nicht er­wi­dern, wie wer­de ich mich dann füh­len, falls ich es über­le­be und über­haupt noch et­was füh­len kann? Des­we­gen traut man sich nicht. Man bleibt bis zum En­de der Mahl­zeit sit­zen und lässt die Frem­den zu­erst auf­ste­hen und mit dem Ver­beu­gen an­fan­gen. Das Es­sen an ei­ner Ta­ble d’hôte ist ei­ne lang­wei­li­ge An­ge­le­gen­heit für ei­nen Men­schen, der nach den ers­ten drei Gän­gen kaum noch et­was an­rührt; des­halb ha­be ich we­gen mei­ner Hem­mun­gen man­che ziem­lich öde War­te­rei durch­ge­macht. Ich brauch­te Mo­na­te, um mich zu übezeu­gen, dass die­se Hem­mun­gen un­be­grün­det wa­ren, aber schließ­lich ver­schaff­te ich mir Ge­wiss­heit durch sorg­fäl­ti­ge Ex­pe­ri­men­te mit mei­nem Agen­ten. Ich ließ Har­ris auf­ste­hen, sich ver­beu­gen und ge­hen; stets wur­de sei­ne Ver­beu­gung er­wi­dert, dann stand auch ich auf, ver­beug­te mich und zog mich zu­rück. So schritt mei­ne Er­zie­hung leicht und be­quem vor­an – für mich, aber nicht für Har­ris. Drei Gän­ge ei­nes Ta­ble d’hôte-Es­sens wa­ren ge­nug für mich, aber Har­ris be­vor­zug­te drei­zehn.

Aber so­gar nach­dem ich vol­les Selbst­ver­trau­en er­wor­ben hat­te und nicht län­ger der Hil­fe ei­nes Agen­ten be­durf­te, ge­riet ich manch­mal noch in Schwie­rig­kei­ten. Ein­mal ver­pass­te ich in Ba­den-Ba­den fast den Zug, weil ich nicht si­cher war, ob die drei jun­gen Da­men mir ge­gen­über am Tisch Deut­sche wa­ren, da ich sie nicht hat­te re­den hö­ren; sie hät­ten Ame­ri­ka­ne­rin­nen sein kön­nen oder Eng­län­de­rin­nen, es war nicht si­cher, ei­ne Ver­beu­gung zu wa­gen; aber ge­ra­de als ich in Ge­dan­ken so weit ge­kom­men war, setz­te ei­ne von ih­nen zu mei­ner gro­ßen Er­leich­te­rung und Dank­bar­keit zu ei­ner deut­schen Be­mer­kung an; und be­vor sie das drit­te Wort her­aus hat­te, wa­ren un­se­re Ver­beu­gun­gen ge­macht und gnä­dig er­wi­dert wor­den, und wir wa­ren weg.

Im deut­schen Cha­rak­ter gibt es ei­nen freund­li­chen Zug, der sehr ge­win­nend ist. Als Har­ris und ich ei­ne Wan­de­rung durch den Schwarz­wald mach­ten, kehr­ten wir ei­nes Ta­ges in ei­nem Land­gast­haus zum Es­sen ein. Zwei jun­ge Da­men und ein jun­ger Mann tra­ten ein und setz­ten sich uns ge­gen­über. Sie wa­ren auch Wan­de­rer. Wir tru­gen un­se­re Ruck­sä­cke auf dem Rü­cken, aber sie hat­ten ei­nen kräf­ti­gen jun­gen Bur­schen bei sich, der ih­re für sie trug. Al­le wa­ren hung­rig, des­halb wur­de nicht ge­spro­chen. Nach und nach wur­den die üb­li­chen Ver­beu­gun­gen aus­ge­tauscht, und wir trenn­ten uns.

Als wir am nächs­ten Mor­gen im Ho­tel in Al­ler­hei­li­gen spät beim Früh­stück sa­ßen, ka­men die­se jun­gen Leu­te her­ein und nah­men in un­se­rer Nä­he Platz, oh­ne uns zu be­mer­ken; aber bald sa­hen sie uns und ver­beug­ten sich so­fort und lä­chel­ten; nicht förm­lich, son­dern mit dem er­freu­ten Aus­se­hen von Leu­ten, die Be­kann­te ge­fun­den hat­ten, wo sie Frem­de er­war­te­ten. Dann spra­chen sie über das Wet­ter und von den We­gen. Wir spra­chen auch über das Wet­ter und von den We­gen. Dar­auf sag­ten sie, sie hät­ten trotz des Wet­ters ei­ne an­ge­neh­me Wan­de­rung ge­habt. Wir sag­ten, das sei auch bei uns der Fall ge­we­sen. Dann er­zähl­ten sie, sie wä­ren am Tag zu­vor drei­ßig eng­li­sche Mei­len ge­wan­dert, und frag­ten, wie vie­le wir ge­wan­dert wä­ren. Ich konn­te nicht lü­gen, des­halb wies ich Har­ris an, es zu tun. Har­ris sag­ten ih­nen, wir hät­ten eben­falls drei­ßig eng­li­sche Mei­len ge­macht. Das war wahr, wir hat­ten sie ge­macht, wenn auch mit et­was Un­ter­stüt­zung hier und da.

Nach dem Früh­stück tra­fen sie uns da­bei an, wie wir ver­such­ten, aus dem dum­men Ho­tel­se­kre­tär ein paar In­for­ma­tio­nen über Wan­der­we­ge her­aus­zu­ho­len, und als sie be­merk­ten, dass wir nicht ge­ra­de gut da­mit vor­an­ka­men, gin­gen sie und hol­ten ih­re Kar­ten und Sa­chen und zeig­ten und be­schrie­ben uns den Weg so klar, dass so­gar ein New Yor­ker De­tek­tiv ihn ge­fun­den hät­te. Und als wir auf­bra­chen, sag­ten sie uns herz­lich Le­be­wohl und wünsch­ten uns ei­ne gu­te Rei­se. Viel­leicht wa­ren sie zu uns auf­merk­sa­mer als sie es zu ein­hei­mi­schen Wan­de­rern ge­we­sen wä­ren, weil wir ein ver­las­se­nes Häuf­lein in ei­nem frem­den Land wa­ren. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es rei­zend war, so be­han­delt zu wer­den.

Gut und schön, ei­nes Abends führ­te ich ei­ne jun­ge ame­ri­ka­ni­sche Da­me in Ba­den-Ba­den auf ei­nen vor­neh­men Ball, und oben an der Ein­gangs­tür wur­den wir von ei­nem Fes­t­ord­ner an­ge­hal­ten – ir­gend et­was an Miss Jo­nes‘ Klei­dung ent­sprach nicht der Eti­ket­te; ich weiß heu­te nicht mehr, was es war; ir­gend et­was fehl­te – ihr Haar­kno­ten oder ein Schal oder ein Fä­cher oder ei­ne Schau­fel, oder sonst­was. Der Fes­t­ord­ner war sehr höf­lich und be­dau­er­te un­end­lich, aber die Vor­schrift sei streng, und er kön­ne uns nicht hin­ein las­sen. Es war sehr pein­lich, denn vie­le wa­ren auf auf uns ge­rich­tet. Aber da kam ein präch­tig ge­klei­de­tes Mäd­chen aus dem Ball­saal, er­kun­dig­te sich nach dem Grund der Auf­re­gung und sag­te, sie kön­ne das im Nu in Ord­nung brin­gen. Sie nahm Miss Jo­nes mit in die Gar­de­ro­be und brach­te sie bald in kor­rek­ter Auf­ma­chung zu­rück, und dann be­tra­ten wir zu­sam­men mit die­ser Wohl­tä­te­rin un­be­hel­ligt den Ball­saal.

Nach­dem wir nun in Si­cher­heit wa­ren, be­gann ich, mich durch mei­ne auf­rich­ti­gen, aber gram­ma­ti­ka­lisch fal­schen Dank­sa­gun­gen hin­durch zu stam­meln, als wir uns plötz­lich ge­gen­sei­tig wie­der­er­kann­ten – die Wohl­tä­te­rin und ich wa­ren uns schon in Al­ler­heil­gen be­geg­net. Die zwei Wo­chen hat­ten ihr gü­ti­ges Ge­sicht nicht ver­än­dert, und of­fen­sicht­lich saß ihr Herz im­mer noch auf dem rech­ten Fleck, aber es be­stand ein sol­cher Un­ter­schied zwi­schen die­sen Klei­dern und de­nen, in de­nen ich sie zu­vor ge­se­hen hat­te, als sie drei­ßig Mei­len am Tag durch den Schwarz­wald wan­der­te, so dass es ganz na­tür­lich war, dass ich sie nicht frü­her er­kannt hat­te. Ich hat­te eben­falls mei­nen an­de­ren Auf­zug an, aber mein Deutsch hät­te mich so­wie­so je­dem ver­ra­ten, der es schon ein­mal ge­hört hat­te. Sie hol­te ih­ren Bru­der und ih­re Schwes­ter her­bei, und sie be­rei­te­ten uns ei­nen sehr an­ge­neh­men Abend.

Nun – Mo­na­te spä­ter fuhr ich ei­nes Ta­ges in ei­ner Drosch­ke durch die Stra­ßen Mün­chens mit ei­ner deut­schen Da­me, als sie sag­te: „Da, se­hen Sie, das ist Prinz Lud­wig und sei­ne Frau, die dort ent­lang ge­hen.“

Je­der­mann ver­beug­te sich vor ih­nen – Drosch­ken­kut­scher, klei­ne Kin­der und al­le an­de­ren –, und sie er­wi­der­ten al­le Ver­beu­gun­gen und über­sa­hen nie­man­den, als ei­ne jun­ge Da­me auf sie zu trat und ei­nen tie­fen Hof­knicks mach­te.

„Wahr­schein­lich ei­ne der Hof­da­men,“ sag­te mei­ne deut­sche Freun­din.

Ich sag­te: „Dann ge­reicht sie dem Hof zur Eh­re. Ich ken­ne sie. Ich weiß nicht ih­ren Na­men, aber ich ken­ne sie. Ich ha­be sie in Al­ler­hei­li­gen und in Ba­den-Ba­den ken­nen­ge­lernt. Sie soll­te ei­ne Kai­se­rin sein, aber viel­leicht ist sie nur ei­ne Her­zo­gin; so geht es eben zu in der Welt.“

Wenn man ei­nem Deut­schen ei­ne höf­li­che Fra­ge stellt, wird man mit ziem­li­cher Si­cher­heit ei­ne höf­li­che Ant­wort be­kom­men. Wenn Sie ei­nen Deut­schen auf der Stra­ße an­hal­ten und ihn bit­ten, Ih­nen den Weg zu ei­nem be­stimm­ten Ort zu be­schrei­ben, wird er kein An­zei­chen von Be­läs­ti­gung zei­gen. Wenn der Ort schwie­rig zu fin­den sein soll­te, wet­te ich zehn zu eins, dass der Mann al­les ste­hen und lie­gen lässt und mit Ih­nen geht und Ih­nen den Ort zeigt. Auch in Lon­don sind vie­le Ma­le Frem­de mit mir meh­re­re Häu­ser­blocks weit ge­gan­gen, um mir den Weg zu zei­gen.

Es ist et­was sehr Ech­tes in die­ser Höf­lich­keit. Ziem­lich oft ha­ben mir in Deutsch­land La­den­be­sit­zer, die den ge­wünsch­ten Ar­ti­kel nicht hat­ten, ei­nen ih­rer An­ge­stell­ten mit­ge­ge­ben, um mir ein Ge­schäft zu zei­gen, wo ich ihn be­kom­men konn­te.

*

Aber ich kom­me vom Floß ab. Wir er­reich­ten den Ha­fen von Ne­ckarstein­ach zur rech­ten Zeit und gin­gen ins Ho­tel und be­stell­ten ei­nen Fo­rel­len­es­sen, das fer­tig sein soll­te, bis wir von ei­nem zwei­stün­di­gen Aus­flug zu Fuß zum Ört­chen und der Burg Dils­berg zu­rück­kom­men wür­den, die auf der an­de­ren Sei­te des Flus­ses ei­ne Mei­le ent­fernt lie­gen. Ich mei­ne da­mit nicht, dass wir in zwei Stun­den nur zwei Mei­len ma­chen woll­ten – nein, wir be­ab­sich­tig­ten, die meis­te Zeit da­von für ei­ne Be­sich­ti­gung von Dils­berg zu ver­wen­den.

Denn Dils­berg ist ein wun­der­li­cher Ort. Und es ist auch äu­ßerst wun­der­lich und ma­le­risch ge­le­gen. Stel­len Sie sich den schö­nen Fluss di­rekt vor Ih­nen vor; dann ei­ni­ge paar Dut­zend Me­ter von leuch­tend grü­nen Wie­sen auf dem ge­gen­über­lie­gen­den Ufer; dann ein schrof­fer Berg – kei­ne vor­be­rei­ten­den sanft an­stei­gen­den Hän­ge, son­dern ei­ner Art von un­ver­mit­tel­tem Berg – ein Berg zwei­hun­dert­fün­zig oder drei­hun­dert Fuß hoch, rund wie ei­ne Schüs­sel mit der­sel­ben Ver­jün­gung nach oben wie ei­ne um­ge­stürz­te Schüs­sel und un­ge­fähr mit dem­sel­ben Ver­hält­nis von Hö­he und Durch­mes­ser, der ei­ne Schüs­sel von gu­ter ehr­li­cher Tie­fe aus­zeich­net – ein Berg, der dick be­deckt ist mit grü­nem Busch­werk – ein an­mu­ti­ger, wohl­ge­form­ter Berg, der über­gangs­los aus den um­lie­gen­den grü­nen Ebe­nen auf­steigt, von wei­tem von den Fluß­bie­gun­gen her sicht­bar ist und auf sei­ner Kup­pe ge­ra­de ge­nug Platz hat für sei­ne aus Tür­men, Spit­zen und ge­dräng­ten Dä­chern be­ste­hend Kap­pe aus Ge­bäu­den, die in den voll­kom­men run­den Ring der al­ten Stadt­mau­er hin­ein­ge­zwängt und ge­drängt sind.

Auf dem gan­zen Hü­gel gibt es au­ßer­halb der Mau­er kein Haus oder ir­gend­ei­ne Spur von ei­nem ehe­ma­li­gen Haus; al­le Häu­ser be­fin­den sich in­ner­halb der Mau­er, aber es gibt kei­nen Platz für wei­te­re. Es ist ein rich­tig fer­ti­ges Städt­chen, und es ist vor sehr lan­ger Zeit fer­tig­ge­stellt wor­den. Zwi­schen der Mau­er und dem ers­ten Ring der Ge­bäu­de gibt es kei­nen Zwi­schen­raum, die Stadt­mau­er ist viel­mehr selbst die Rück­wand des ers­ten Häu­ser­rings, und die Dä­cher ra­gen ein we­nig über die Mau­er und ge­ben ihr so ei­nen Dach­vor­sprung. Die gleich­för­mi­ge Rei­he der zu­sam­men­ge­dräng­ten Dä­cher wird an­mu­tig un­ter­bro­chen und auf­ge­lo­ckert durch die be­herr­schen­den Tür­me der Burg­rui­ne und die schlan­ken Spit­zen ei­nes Paa­res von Kir­chen. Des­halb hat Dils­berg aus der Fer­ne be­trach­tet mehr das Aus­se­hen ei­ner Kö­nigs­kro­ne als das ei­ner Kap­pe. Die­se ho­he grü­ne Er­he­bung und ihr wun­der­li­ches Dia­dem ge­ben im Glanz der Abend­son­ne ein ziem­lich ein­drucks­vol­les Bild ab.

Wir setz­ten mit ei­nem Boot über und be­gan­nen den Auf­stieg auf ei­nem schma­len, stei­len Pfad, der uns so­gleich in die lau­brei­chen Tie­fen des Busch­werks führ­te. Aber es wa­ren kei­nes­wegs küh­le Tie­fen, denn die Son­ne brann­te heiß vom Him­mel und es gab we­nig oder gar kei­ne Luft­be­we­gung, um die Hit­ze zu mil­dern. Wäh­rend wir den stei­len An­stieg hin­auf­keuch­ten, be­geg­ne­ten wir im­mer wie­der brau­nen, bar­häup­ti­gen und bar­fü­ßi­gen Jun­gen und Mäd­chen und manch­mal auch Män­nern; sie ka­men uns oh­ne Vor­an­kün­di­gung ent­ge­gen, wünsch­ten uns ei­nen gu­ten Tag und wa­ren zwi­schen den Bü­schen blitz­ar­tig wie­der au­ßer Sicht und so plötz­lich und ge­heim­nis­voll wie­der ver­schwun­den, wie sie auf­ge­taucht wa­ren. Sie wa­ren un­ter­wegs zur Ar­beit auf der an­de­ren Sei­te des Flus­ses. Die­ser Pfad ist von vie­len Ge­ne­ra­tio­nen die­ser Leu­te be­nutzt wor­den. Sie sind schon im­mer hin­un­ter ins Tal ge­gan­gen, um ihr Brot zu ver­die­nen, aber sie sind dann auch im­mer wie­der auf ih­ren Berg hin­auf­ge­stie­gen, um es dort zu ver­zeh­ren und in ih­rem ge­müt­li­chen Städt­chen zu sch­la­fen.

Man sagt, dass von den Dils­ber­gern nicht vie­le aus­wan­dern; sie fin­den, dass das Le­ben in ih­rem fried­li­chen Nest dort oben über der Welt an­ge­neh­mer ist als un­ten im un­ru­hi­gen Ge­trie­be. Die sie­ben­hun­dert Ein­woh­ner sind al­le mit­ein­an­der ver­wandt; sie sind seit fünf­zehn­hun­dert Jah­ren schon im­mer mit­ein­an­der ver­wandt ge­we­sen; sie sind ein­fach ei­ne gro­ße Fa­mi­lie und mö­gen ih­re Nach­barn mehr als Frem­de und blei­ben des­halb be­harr­lich zu Hau­se. Lan­ge Zeit soll Dils­berg nur ei­ne er­gie­bi­ge und flei­ßi­ge Idio­ten­fa­brik ge­we­sen sein. Ich ha­be dort kei­ne Idio­ten ge­se­hen, aber der Käptn sag­te „Weil die Re­gie­rung in den letz­ten Jah­ren da­zu über­ge­gan­gen ist, die Idio­ten in Hei­lan­stal­ten und an­ders­wo­hin zu schaf­fen; und die Re­gie­rung will die Fa­brik still­le­gen und ver­sucht, die Dils­ber­ger da­zu zu brin­gen, sich au­ßer­halb der Fa­mi­lie zu ver­hei­ra­ten, aber sie mö­gen es ein­fach nicht.“

Viel­leicht hat sich der Käptn das al­les auch nur ein­ge­bil­det, denn die mo­der­ne Wis­sen­schaft be­strei­tet, dass die Hei­rat zwi­schen Ver­wand­ten sich ne­ga­tiv auf die Nach­kom­men­schaft aus­wirkt.

In den Mau­ern an­ge­kom­men, fan­den wir die die üb­li­chen dörf­li­chen An­bli­cke und das üb­li­che Dorf­le­ben vor. Wir gin­gen ei­ne en­ge ge­bo­ge­ne Gas­se ent­lang, die mit ei­nem mit­tel­al­ter­li­chen Pflas­ter be­deckt war. Ein stram­mes, ro­si­ges Mäd­chen schlug ei­nem klei­nen schuh­schach­tel­gro­ßen Schup­pen Flachs oder ir­gend so Zeug, und sie schwang ih­ren Dresch­fle­gel mit Feu­er­ei­fer – wenn es ein Dresch­fle­gel war; ich war nicht Land­mann ge­nug, um zu wis­sen, was sie da ge­nau tat. Ein schlam­pi­ges Mäd­chen mit nack­ten Bei­nen hü­te­te ein hal­bes Dut­zend Gän­se mit ei­nem Ste­cken und trieb sie die Gas­se ent­lang und hielt sie aus den Woh­nun­gen her­aus; ein Kü­fer war bei der Ar­beit in sei­ner Werk­statt, in der er si­cher nicht so et­was Gro­ßes wie ein Fass mach­te, denn es gab kei­nen Platz da­für. In der Vor­der­zim­mern der Häu­ser koch­ten oder span­nen Mäd­chen und Frau­en, und En­ten und Hüh­ner wat­schel­ten über die Schwel­le ein und aus und pick­ten her­un­ter­ge­fal­le­ne Kru­men auf und un­ter­hiel­ten sich an­ge­regt; ein sehr al­ter runz­li­ger Mann saß sch­la­fend vor sei­nem Haus, das Kinn auf der Brust und sei­ne aus­ge­gan­ge­ne Pfei­fe auf dem Schoß. Schmut­zi­ge Kin­der spiel­ten über­all auf der Gas­se im Stra­ßen­dreck und küm­mer­ten sich nicht um die Son­ne.

Mit Aus­nah­me des sch­la­fen­den al­ten Man­nes wa­ren al­le an der Ar­beit, aber trotz­dem war der Ort sehr still und fried­lich; so still, dass das Ga­ckern ei­ner er­folg­rei­chen Hen­ne hart das Ohr traf und nur we­nig von an­de­ren Ge­räu­schen ge­dämpft wur­de. Der ver­trau­tes­te An­blick in ei­nem Dorf fehl­te hier – der öf­fent­li­che Brun­nen mit sei­nem gro­ßen Stein­be­cken oder -trog voll kla­ren Was­sers und sei­ner un­ver­meid­li­chen Grup­pe von trat­schen­den Was­ser­ho­lern; denn auf die­sem ho­hen Berg gibt es kei­ne Quel­le oder Brun­nen; es wer­den Re­gen­was­ser­zis­ter­nen be­nutzt.

Un­se­re Al­pen­stö­cke und Mus­se­lin­schals er­reg­ten Auf­se­hen, und als wir durch das Städt­chen spa­zier­ten sam­mel­ten wir ei­ne be­trächt­li­che Pro­zes­si­on von klei­nen Jun­gen und Mäd­chen hin­ter uns an, und so zo­gen wir mit ei­ni­gem Pomp zur Burg. Sie er­wies sich als aus­ge­dehn­te An­samm­lung von ver­fal­le­nen Mau­ern, Ge­wöl­ben und Tür­men, mas­siv, hübsch zu ei­ner ma­le­ri­schen An­sicht grup­piert, von Un­kraut über­wu­chert, gras­be­wach­sen und durch­aus zu­frie­den­stel­lend. Die Kin­der be­tä­tig­ten sich als Frem­den­füh­rer; die führ­ten uns auf die Kro­nen der höchs­ten Mau­ern, dann in ei­nen ho­hen Turm und zeig­ten uns ei­ne wei­te, schö­ne Land­schaft, die aus wel­li­gen Fer­nen von be­wal­de­ten Hö­hen­zü­gen be­stand und in der Nä­he aus wo­gen­den Flä­chen von grü­nem Tief­land auf der ei­nen Sei­te und mit Bur­gen ge­schmück­te Klip­pen und Käm­me auf der an­de­ren und mit­ten­drin die glän­zen­den Schlei­fen des Ne­ckars. Aber die wich­tigs­te At­trak­ti­on und der größ­te Stolz der Kin­der war ein al­ter lee­rer Brun­nen im gras­be­wach­se­nen Hof der Burg. Sein mas­si­ver Stein­rand rag­te drei oder vier Fuß aus dem Bo­den und ist heil und un­ver­sehrt. Die Kin­der er­zähl­ten, im Mit­tel­al­ter sei die­ser Brun­nen vier­hun­dert Fuß tief ge­we­sen und ha­be in Krieg und Frie­den das gan­ze Städt­chen reich­lich mit Was­ser ver­sorgt. Sie sag­ten, in den al­ten Ta­gen, sei sein Grund un­ter dem Ne­ckars­spie­gel ge­le­gen, und des­halb sei sein Was­ser­vor­rat un­er­schöpf­lich ge­we­sen.

Aber ei­ni­ge mein­ten, dass er über­haupt nie ei­nen Brun­nen ge­we­sen sei und nie­mals tie­fer als jetzt – acht­zig Fuß; und dass in die­ser Tie­fe ein un­ter­ir­di­scher Gang ab­zwei­ge und all­mäh­lich hin­un­ter­füh­re zu ei­nem ent­le­ge­nen Ort im Tal, wo er in ir­gend­ei­nem Kel­ler oder an­de­ren ver­bor­ge­nen Schlupf­win­kel mün­de und dass das Ge­heim­nis die­ses Or­tes nun ver­ges­sen sei. Die­je­ni­gen, die dar­an glau­ben, sa­gen, das wä­re auch die Er­klä­rung da­für, dass Dils­berg, das von Til­ly und von vie­len Krie­gern zu­vor be­la­gert wor­den war, nie­mals ein­ge­nom­men wor­den ist: Auch nach den längs­ten und här­tes­ten Be­la­ge­run­gen wa­ren die Be­la­ge­rer er­staunt zu se­hen, dass die Be­la­ger­ten so wohl­ge­nährt und mun­ter wa­ren wie wie nur je und wohl ver­sorgt mit Kriegs­ma­te­ri­al – al­so müs­se es so ge­we­sen sein, dass die Dils­ber­ger die gan­ze Zeit die­se Din­ge durch ei­nen un­ter­ir­di­schen Gang her­an­ge­schafft hät­ten.

Die Kin­der sag­ten, dass da un­ten wirk­lich ein un­ter­ir­di­scher Aus­gang sein müs­se, und sie woll­ten es be­wei­sen. Sie zün­de­ten al­so ei­nen gro­ßen Stroh­wisch an und war­fen ihn in den Brun­nen, wäh­rend wir über den Brun­nen­rand lehn­ten und das glü­hen­de Bün­del hin­un­ter­fal­len sa­hen. Es traf auf dem Bo­den auf und brann­te all­mäh­lich aus. Es kam kein Rauch he­auf. Die Kin­der klatsch­ten in die Hän­de und sag­ten: „Da se­hen Sie’s! Nichts macht so viel Rauch wie bren­nen­des Stroh – und wo ist der Rauch hin­ge­gan­gen, wenn es da nicht ei­nen un­ter­ir­di­schen Aus­gang gibt?“

Es schien al­so ziem­lich of­fen­sicht­lich, dass der un­ter­ir­di­sche Aus­gang tat­säch­lich exis­tier­te. Aber das Schöns­te in den Mau­ern der Rui­ne war ei­ne präch­ti­ge Lin­de, von der die Kin­der be­haup­te­ten, dass sie vier­hun­dert Jah­re alt sei, was sie zwei­fel­los auch war. Sie hat­te ei­nen mäch­ti­gen Stamm und ei­ne mäch­ti­ge Kro­ne. Die Äs­te na­he des Bo­dens hat­ten fast den Um­fang ei­nes Fas­ses.

Die­ser Baum die An­grif­fe von ge­pan­zer­ten Män­nern mit­er­lebt – wie fern je­ne Zeit scheint, und wie un­be­greif­lich die Tat­sa­che ist, dass wirk­li­che Män­ner je­mals in wirk­li­chen Rüs­tun­gen ge­kämpft ha­ben! –, und er hat­te die Zei­ten ge­se­hen, als die­se zer­bro­che­nen Fens­ter­bo­gen und ver­fal­le­ne Zin­nen noch ei­ne schmu­cke, star­ke und statt­li­che Fes­tung bil­de­ten, die ih­re bun­ten Ban­ner im Son­nen­schein we­hen ließ und von pral­lem Le­ben er­füllt war – wie un­glaub­lich lan­ge scheint das her zu sein! –, und da steht er im­mer noch, und viel­leicht wird er im­mer noch da ste­hen und sich son­nen und sei­nen ge­schicht­li­chen Träu­men nach­hän­gen, wenn sich die heu­ti­ge Zeit zu den Ta­gen ver­sam­melt ha­ben wird, die die „al­te Zeit“ ge­nannt wer­den.

Wir setz­ten uns un­ter den Baum, um zu rau­chen, und der Käptn ent­le­dig­te sich mal wie­der ei­ner Le­gen­de:

Die Le­gen­de von der Burg Dils­berg

Sie geht et­wa so: In al­ter Zeit war ein­mal ei­ne gro­ße Ge­sell­schaft auf der Burg ver­sam­melt, und die Fest­freu­de schlug ho­he Wel­len. Na­tür­lich gab es auch ein Spuk­zim­mer in der Burg, und ei­nes Ta­ges kam das Ge­spräch dar­auf. Man sag­te, dass wer im­mer dar­in schlie­fe, fünf­zig Jah­re lang nicht wie­der auf­wa­chen wür­de. Als nun ei­ner jun­ger Rit­ter na­mens Kon­rad von Geis­berg das hör­te, sag­te er, wenn die Burg ihm ge­hö­ren wür­de, wür­de er je­nes Zim­mer zer­stö­ren, da­mit kein Tor die Mög­lich­keit hät­te, ein so furcht­ba­res Un­glück über sich zu brin­gen und die, die ihn lieb­ten, durch Er­in­ne­rung dar­an zu quä­len. Auf der Stel­le steck­te die Ge­sell­schaft heim­lich die Köp­fe zu­sam­men, um ei­nen Plan aus­zu­he­cken, wie man die­sen aber­gläu­bi­schen jun­gen Mann da­zu brin­gen könn­te, in je­ner Kam­mer zu sch­la­fen.

Und es ge­lang ih­nen fol­gen­der­ma­ßen: Sie über­re­de­ten sei­ne Ver­lob­te, ein lieb­li­ches, mut­wil­li­ges jun­ges Ge­schöpf, die Nich­te des Burg­herrn, ih­nen bei ih­rer Ver­schwö­rung zu hel­fen. Sie nahm ihn so­gleich bei­sei­te und re­de­te mit ihm. Sie bot ih­re gan­ze Über­zeu­gungs­kraft auf, aber sie konn­te ihn nicht be­we­gen; er sag­te, er glau­be fest dar­an, Über­zeu­gung, dass er fünf­zig Jah­re lang nicht wie­der er­wa­chen wür­de, wenn er dort schlie­fe, und dass es ihn schau­de­re, dar­an zu den­ken. Ka­tha­ri­na fing an zu wei­nen. Und das war ein bes­se­res Ar­gu­ment; da­ge­gen konn­te Kon­rad nicht an. Er gab nach und sag­te, sie sol­le ih­ren Wil­len ha­ben, wenn sie nur wie­der lä­chel­te und froh sein wür­de. Sie schlang die Ar­me um sei­nen Hals, und die Küs­se, die sie ihm gab, zeig­ten, dass ih­re Dank­bar­keit und ih­re Freu­de sehr echt wa­ren. Dann eil­te sie, um der Ge­sell­schaft von ih­rem Er­folg zu be­rich­ten, und der Bei­fall, den sie er­hielt, mach­te sie froh und stolz dar­über, dass sie den Auf­trag aus­ge­führt hat­te, denn nur sie al­lein hat­te er­reicht, was al­len an­de­ren miss­lun­gen war.

An je­nem Abend wur­de Con­rad nach dem üb­li­chen Fest­schmaus um Mit­ter­nacht in das Spuk­zim­mer ge­bracht und al­lein ge­las­sen. All­mäh­lich schlief er ein.

Als er er­wach­te und sich um­blick­te, stand sein Herz still vor Schreck! Die Kam­mer sah ganz an­ders aus. Die Wän­de wa­ren mo­de­rig und hin­gen voll al­ter Spinn­we­ben be­deckt; die Vor­hän­ge und das Bett­zeug wa­ren ver­rot­tet; die Mö­bel wa­ren wack­lig ge­wor­den und droh­te aus­ein­an­der zu fal­len. Er sprang aus dem Bett, aber sei­ne zit­tern­den Knie ga­ben un­ter ihm nach und er fiel zu Bo­den.

„Das ist die Al­ters­schwä­che,“ sag­te er zu sich.

Er er­hob sich und such­te nach sei­nen Klei­dern. Aber sie wa­ren kei­ne Klei­dung mehr. Die Far­ben wa­ren ver­bli­chen und die Ge­wän­der ris­sen an vie­len Stel­len ein, als er sie an­zog. Schau­dernd floh er in den Gang hin­aus und wei­ter bis zum gro­ßen Saal. Hier be­geg­ne­te er ei­nem Frem­den in mitt­le­ren Jah­ren mit freund­li­chem Ant­litz, der ste­hen­blieb und ihn über­rascht an­sah. Kon­rad sag­te: „Gu­ter Herr, möch­tet Ihr bit­te den Herrn Ul­rich her­schi­cken?“

Der Frem­de schau­te für ei­nen Mo­ment ver­wirrt drein und sag­te dann: „Den Herrn Ul­rich?“

„Ja – wenn Sie so gut sein wol­len.“

Der Frem­de rief „Wil­helm!“

Ein jun­ger Die­ner er­schien, und der Frem­de sag­te zu ihm: „Be­fin­det sich un­ter den Gäs­ten ein Herrn Ul­rich?“

„Ich ken­ne nie­mand die­ses Na­mens, wenn es be­liebt, Eu­er Gna­den.“

Kon­rad sag­te zö­gernd: „Ich mein­te nicht ei­nen Gast, son­dern den Burg­herrn, mein Herr.“

Der Frem­de und der Die­ner wech­sel­ten ver­wun­der­te Bli­cke. Dann sag­te ers­te­rer: „ Der Burg­herr bin ich.“

„Seit wann, mein Herr?“

„Seit dem Tod mei­nes Va­ters, des gu­ten Herrn Ul­rich vor mehr als vier­zig Jah­ren.“

Kon­rad sank auf ei­ne Bank und ver­barg sein Ge­sicht in den Hän­den, wieg­te sich hin und her und stöhn­te. Der Frem­de sag­te lei­se zum Die­ner: „Ich fürch­te, die­ses ar­me al­te We­sen ist ver­rückt. Ru­fe er je­man­den.“

So­gleich ka­men meh­re­re Leu­te und stell­ten sich flüs­ternd rings­her­um auf. Kon­rad blick­te auf und prüf­te sehn­suchts­voll die Ge­sich­ter um sich her. Dann schüt­tel­te er den Kopf und sag­te mit be­küm­mer­ter Stim­me: „Nein, ich ken­ne nie­man­den von euch. Ich bin alt und ein­sam in der Welt. Al­le, die mich lieb­ten sind tot und seit vie­len Jah­ren da­hin. Aber si­cher kön­nen mir ei­ni­ge von den Al­ten, die ich hier um mich se­he, et­was über sie sa­gen.“

Ei­ni­ge ge­beug­te und zit­tern­de Män­ner und Frau­en ka­men nä­her und be­ant­wor­te­ten sei­ne Fra­gen über je­den frü­he­ren Freund, des­sen Na­men er er­wähn­te. Die­ser sei seit zehn Jah­ren tot, sag­ten sie, je­ner seit zwan­zig, ein an­de­rer drei­ßig. Je­der neue Schlag traf ihn schwe­rer und schwe­rer.

Schließ­lich sag­te der Ge­quäl­te: „Es gibt da noch je­man­den, aber ich ha­be nicht den Mut zu – oh, mei­ne ver­lo­re­ne Ka­tha­ri­na!“

Ei­ne der al­ten Da­men sag­te: „Ah, ich kann­te sie gut, die ar­me See­le. Ein Un­glück er­eil­te ih­ren Liebs­ten, und aus Kum­mer starb sie vor fast fünf­zig Jah­ren. Sie liegt un­ter der Lin­de drau­ßen im Hof.“

Kon­rad senk­te den Kopf und sag­te: „Ach, wa­rum bin ich nur wie­der auf­ge­wacht! Sie starb al­so aus Trau­er um mich, das ar­me Kind. So jung, so süß, so gut! Nie­mals in dem kur­zen Som­mer ih­res Le­bens hat sie je­man­den ab­sicht­lich et­was Bö­ses ge­tan. Ih­re Lie­bes­schuld soll be­gli­chen wer­den – denn ich will aus Trau­er um sie ster­ben.“

Sein Kopf fiel auf die Brust. Im sel­ben Mo­ment brach ein wil­des, aus­ge­las­se­nes Ge­läch­ter aus, ein Paar run­de jun­ge Ar­me schlan­gen sich um Kon­rads Hals, und ei­ne sü­ße Stim­me rief: „Ach mein lie­ber Kon­rad, dei­ne lie­ben Wor­te brin­gen mich um – die Pos­se soll ein En­de ha­ben! Kopf hoch und la­che mit – es war doch al­les nur ein Scherz!“

Und er blick­te auf und starr­te sie in be­täubt vor Ver­wun­de­rung an – denn die Ver­k­lei­dun­gen wur­den ab­ge­wor­fen, und die al­ten Män­ner und Frau­en wa­ren plötz­lich wie­der fröh­lich und jung und aus­ge­las­sen.

Und Ka­tha­ri­nas fröh­li­ches Mund­werk lief wei­ter: „Es war ein wun­der­ba­rer Scherz und groß­ar­tig aus­ge­führt. Sie ga­ben dir ei­nen schwe­ren Schlaf­trunk, be­vor du zu Bett gingst, und in der Nacht tru­gen sie dich dann in ein ver­fal­le­nes Zim­mer, wo al­les vom Al­ter ver­wit­tert war und leg­ten die­se zer­lump­ten Klei­der ne­ben dich. Und als du aus­ge­sch­la­fen hat­test und auf­stan­dest, wa­ren zwei wohl in­stru­ier­te Frem­de zur Stel­le, um dich zu emp­fan­gen; und wir al­le, dei­ne Freun­de in ih­ren Ver­klei­dun­gen wa­ren in der Nä­he, um zu­zu­se­hen und zu­zu­hö­ren. Ach, es war wirk­lich ein präch­ti­ger Spaß! Und jetzt komm und mach die fer­tig für die Freu­den des Ta­ges. Wie echt war doch dei­ne Not für den Au­gen­blick, du ar­mer Kerl! Und jetzt Kopf hoch und la­che wie­der!“

Er blick­te auf, forsch­te ab­we­send in den fröh­li­chen Ge­sich­tern um sich her­um, seufz­te dann und sag­te: „Ich bin mü­de, gu­te Frem­de. Ich bit­te euch, führt mich zu ih­rem Grab.“

Das Lä­cheln ver­schwand aus den Ge­sich­tern, al­le er­bleich­ten, Ka­tha­ri­na sank ohn­mäch­tig zu Bo­den.

Den gan­zen Tag über lie­fen die Leu­te in der Burg mit be­sorg­ten Mie­nen um­her und un­ter­hiel­ten sich mit ge­dämpf­ten Stim­men. Ei­ne schmerz­li­che Stil­le lag über dem Ort, der zu­vor noch so voll aus­ge­las­se­nen Le­bens ge­we­sen war. Je­der ver­such­te auf sei­ne Art, Kon­rad sei­nem Wahn zu ent­rei­ßen und ihn wie­der zu sich zu brin­gen; aber al­les, was sie zur Ant­wort be­ka­men, war ein sanf­mü­ti­ger, ver­wirr­ter star­rer Blick und die Wor­te: „Gu­ter Frem­der, ich ha­be kei­ne Freun­de mehr, al­le sind vor vie­len Jah­ren da­hin­ge­gan­gen; Ihr sprecht freund­lich zu mir, Ihr meint es gut, aber ich ken­ne Euch nicht; ich bin al­lein und ver­las­sen auf der Welt – bit­te führt mich zu ih­rem Grab.“

Zwei Jah­re lang ver­brach­te Kon­rad sei­ne Ta­ge von früh bis spät un­ter der Lin­de und trau­er­te über dem ein­ge­bil­de­ten Grab sei­ner Ka­tha­ri­na. Und Ka­tha­ri­na war die ein­zi­ge Ge­sell­schaft die­ses harm­lo­sen Ir­ren. Er war sehr freund­lich zu ihr, weil sie ihn, wie er sag­te, ir­gend­wie an sei­ne Ka­tha­ri­na er­in­ner­te, die er vor „fünf­zig Jah­ren“ ver­lo­ren ha­be. Oft sag­te er: „Sie war im­mer so ver­gnügt, so her­zens­froh – aber Ihr lä­chelt nie­mals; und im­mer wenn Ihr glaubt, ich se­he es nicht, weint Ihr.“

Als Kon­rad starb, be­gru­ben sie ihn un­ter der Lin­de, wie er es an­ge­ord­net hat­te, da­mit er ne­ben sei­ner ar­men Ka­tha­ri­na ru­hen konn­te.“ Dann saß Ka­tha­ri­na al­lei­ne un­ter der Lin­de, je­den Tag und den gan­zen Tag lang, vie­le Jah­re und sprach mit nie­man­dem und lä­chel­te nie­mals.; und schließ­lich wur­de ih­re lan­ge Reue mit dem Tod be­lohnt, und sie wur­de an Kon­rads Sei­te be­gra­ben.

*

Har­ris er­freu­te den Käptn, in­dem er sag­te, dass es ei­ne gu­te Le­gen­de wä­re; und er er­freu­te ihn noch mehr, als er hin­zu­füg­te: „Nun da ich die­sen mäch­ti­gen Baum ge­se­hen ha­be, wie er auch nach vier­hun­dert Jah­ren noch kräf­tig da steht, spü­re ich das Ver­lan­gen, die Le­gen­de um sei­net­wil­len zu glau­ben; und des­halb will ich dem Ver­lan­gen nach­ge­ben und glau­ben, dass der Baum wirk­lich über die­se ar­men Her­zen wacht und ei­ne Art von mensch­li­cher Zärt­lich­keit für sie emp­fin­det.“

Wir kehr­ten nach Ne­ckarstein­ach zu­rück, tauch­ten un­se­re hei­ßen Köp­fe in den Trog des Stadt­brun­nens und gin­gen dann ins Ho­tel und aßen im Gar­ten in al­ler Be­hag­lich­keit un­se­re Fo­rel­len. Der Ne­ckar floss zu un­se­ren Fü­ßen, ge­gen­über rag­te der wun­der­li­che Dils­berg auf, und die an­mu­ti­gen Tür­me und Zin­nen ei­nes Paa­res mit­tel­al­ter­li­cher Bur­gen (die „Schwal­ben­nest“ und „die Brü­der“ ge­nannt wer­den) be­ton­ten das schrof­fe Land­schafts­bild an ei­ner Fluss­bie­gung zu un­se­rer Rech­ten. Wir sta­chen recht­zei­tig wie­der in See, um die acht Mei­len lan­ge Stre­cke bis Hei­del­berg noch vor Ein­bruch der Dun­kel­heit zu schaf­fen. In der mil­den Glut des Son­nen­un­ter­gangs fuh­ren wir un­ter­halb des Ho­tels vor­bei und rausch­ten mit der rei­ßen­den Strö­mung in die en­ge Durch­fahrt zwi­schen den Däm­men hin­ein. Ich glaub­te, ich könn­te die Durch­fahrt durch die Brü­cke selbst schaf­fen und ging nach vor­ne zur Spit­ze des Flo­ßes und nahm dem Steu­er­mann die Stan­ge und die Ver­ant­wor­tung ab.

Wir saus­ten in der auf­re­gends­ten Wei­se da­hin, und ich ver­sah die heik­len Pflich­ten mei­nes Am­tes für das ers­te Mal wirk­lich gut; aber bald be­griff ich, dass ich die Brü­cke selbst tref­fen wür­de an­stel­le des Brü­cken­bo­gens, und ver­nünf­ti­ger­wei­se be­gab ich mich an Land. Im nächs­ten Mo­ment ging mein lang ge­heg­ter Wunsch in Er­fül­lung, ich sah ein Floß zer­schel­len. Es traf den Pfei­ler in der Mit­te, und zer­split­ter­te und zer­fetz­te wie ei­ne vom Blitz ger­trof­fe­ne Streich­holz­schach­tel.

Ich war der ein­zi­ge un­se­rer Rei­se­grup­pe, der die­sen groß­ar­ti­gen An­blick er­leb­te; die an­de­ren po­sier­ten ge­ra­de für ei­ne lan­ge Rei­he jun­ger Da­men, die am Ufer pro­me­nier­ten, und des­halb ent­ging er ih­nen. Aber ich half da­bei, sie un­ter­halb der Brü­cke aus dem Fluss zu fi­schen und be­schrieb ih­nen die Sze­ne dann so gut ich konn­te.

Aber sie wa­ren nicht dar­an in­ter­es­siert. Sie sag­ten, sie wä­ren nass und kä­men sich lä­cher­lich vor und mach­ten sich über­haupt nichts aus mei­ner Be­schrei­bung. Die jun­gen Da­men und an­de­re Leu­te schar­ten sich um uns und zeig­ten viel Mit­ge­fühl, aber das än­der­te nichts; denn mei­ne Freun­de er­klär­ten, sie wünsch­ten kein Mit­ge­fühl, sie wünsch­ten sich nur ein stil­les Sei­ten­gäss­chen und Ab­ge­schie­den­heit.

 

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