Freunde in San Rosario – oder: Wenn der Revisor kommt

Der Zug in Richtung Westen traf pünktlich um 8 Uhr 20 morgens in San Rosario ein. Ein Mann mit einer dicken Ledermappe unter dem Arm stieg aus und ging schnell die Hauptstraße der Stadt hinauf. Noch andere Fahrgäste waren in San Rosario ausgestiegen, aber sie schlenderten entweder gemächlich zum Bahnhofsrestaurant oder in den Silber-Dollar-Saloon hinüber, oder sie gesellten sich zu den Müßiggängern vor dem Bahnhof.

In den Bewegungen der Mannes mit der Aktenmappe lag kein Spur von Unschlüssigkeit. Er war von kleinem Wuchs, aber stark gebaut, mit sehr hellem, kurz geschnittenen Haar, einem glatten, entschlossenen Gesicht und einem angriffslustigen Goldrandkneifer auf der Nase. Er war gut gekleidet nach der herrschenden Ostküstenmode. Er verströmte eine ruhige doch stets präsente gezügelte Energie, wenn nicht gar Autorität.

Nachdem er drei Blocks weit gegangen war, erreichte er das Geschäftszentrum der Stadt. Hier kreuzte eine andere große Straße die Hauptstraße und bildete das Zentrum von San Rosarios Handel und Wandel. An einer Ecke lag das Postamt. An der anderen Rubenskys Textilkaufhaus. Die beiden anderen diagonal gegenüber liegenden Ecken wurden eingenommen von den beiden Banken der Stadt, der First National und der Stockmen’s National.

Der Neuankömmling betrat die First National Bank von San Rosario und verlangsamte seinen zielstrebigen Schritt erst vor dem Kassenschalter. Die Bank öffnete für ihre Kunden um neun, aber alle Angestellten waren schon anwesend, und jeder bereitete seinen Bereich für das Geschäft des Tages vor. Der Hauptkassierer sah gerade die Post durch, als er den Fremden bemerkte, der vor seinem Schalter stand.

„Die Bank öffnet erst um neun,“ bemerkte er kurz angebunden, aber emotionslos. Er hatte diese Feststellung schon oft gegenüber den Frühaufstehern von San Rosario machen müssen, seit San Rosario die städtischen Banköffnungszeiten übernommen hatte.

„Ist mir bekannt,“ sagte der andere Mann mit kühler, spröder Stimme. „Würden Sie wohl bitte einen Blick auf meine Karte werfen?“

Der Kassierer zog das kleine fleckenlose Rechteck durch die Stäbe in seinen Schalter und las:

J.F.C. Nettlewick

National Bank Buchprüfer

„Oh, ah, wollen Sie bitte hereinkommen, Mr., äh, Nettlewick. Es ist Ihr erster Besuch hier – deshalb kannte ich Sie natürlich nicht. Kommen Sie doch bitte herein.“

Schnell war der Buchprüfer im geheiligten Bezirk der Bank, wo er mit jedem Angestellten umständlich bekannt gemacht wurde von Mr. Edlinger, dem Hauptkassierer – einem Mann in mittleren Jahren, von großer Sorgfalt, Umsicht und Methodik.

„Ich erwartete demnächst eigentlich Sam Turner,“ sagte Mr. Edlinger. „Sam prüft uns jetzt ungefähr seit vier Jahren. Ich denke, Sie werden bei uns alles in Ordnung finden, trotz der schwierigen Geschäftslage. Wir haben nicht übermäßig viel Geld zur Hand, aber wir sind gewappnet, die Stürme zu überstehen, Sir, die Stürme zu überstehen.“

„Mr. Turner und ich wurden vom Chef der Rechnungsprüfung angewiesen, unsere Bezirke zu tauschen,“ sagte der Buchprüfer mit seiner entschlossenen, förmlichen Stimme. „Er hat meinen alten Bezirk südliches Illinois und Indiana übernommen. Ich würde zunächst gerne die Bargeldbestände aufnehmen, bitte.“

Perry Dorsey, der Hilfskassierer, war schon dabei seinen Kassenbestand auf dem Schalter für die Prüfung durch den Revisor herzurichten. Er wußte, dass bis auf den letzten Cent alles stimmte, und er hatte nichts zu befürchten, aber trotzdem war er nervös und durcheinander. Wie alle anderen in der Bank auch. Es war so etwas Kaltes und Rasches, etwas so Unpersönliches und Kompromissloses an diesem Mann, dass seine bloße Anwesenheit schon einer Anklage gleichkam. Er wirkte wie ein Mann, der einen Fehler weder je selbst machen, noch übersehen würde.

Mr. Nettlewick widmete sich zuerst den Banknoten, und mit schnellen, fast artistischen Bewegungen zählte er die Bündel durch. Dann zog er den Befeuchtungsschwamm zu sich herüber und zählte die Banknoten einzeln nach. Seine dünnen, weißen Finger flogen darüber wie die eines Virtuosen über die Tasten des Klaviers. Mit einem Krachen kippte er die Goldmünzen auf den Schalter, und die Münzen klimperten und sangen als sie von seinen flinken Fingern über die Marmorplatte schlitterten. Die Luft war voll vom Klang von Kleingeld, als er zu den Halb- und Vierteldollerstücken kam. Er zählte alles bis auf den letzten Cent. Er hatte eine Waage mitgebracht, und er wog jeden Sack mit Silbergeld im Tresorraum. Er befragte Dorsey über jeden Bargeldvermerk – bestimmte Prüfungen, Belastungsbelege usw., die vom vorangegangenen Geschäftstag übertragen worden waren – mit untadeliger Höflichkeit, aber mit einem unheimlichen Zug in seiner kalten Art, dass der Kassenbeamte nur mit geröteten Wangen und stammelnd dabeistehen konnte.

Dieser neu eingesetzte Revisor unterschied sich sehr von von Sam Turner. Sam hatte die Bank immer mit einem Ruf betreten, Zigarren verteilt und die neuesten Geschichten erzählt, die er auf seinen Inspektionsreisen aufgeschnappt hatte. Seine übliche Begrüßung für Dorsey war gewesen: „Hallo Perry! Sind Sie immer noch nicht mit dem ganzen Zaster durchgebrannt, wie?“ Auch seine Methode, das Bargeld zu zählen, war anders gewesen. Er ließ die Bündel von Banknoten irgendwie müde durch seine Finger flattern und ging dann in den Tresorraum, kippte ein paar Säcke mit Silbergeld aus, und die Sache war erledigt. Halb- und Vierteldollars? Nichts für Sam Turner. „Kein Hühnerfutter für mich bitte,“ pflegte er zu sagen, wenn sie ihm vorgesetzt wurden. „Ich bin doch nicht im Landwirtschaftsamt.“ Turner war allerdings auch Texaner und ein alter Freund des Bankdirektors, und er kannte Dorsey von Kindesbeinen an.

Während der Revisor die Bargeldbestände prüfte, fuhr am Seiteneingang Major Thomas B. Kingman – allseits als „Major Tom“ bekannt – der Direktor der First National, mit seinem alten graubraunen Pferd vor dem Buggy vor und kam herein. Er sah den Buchprüfer mit dem Geld beschäftigt, ging in den „kleinen Pony-Pferch“, wie er es nannte, in dem sein Schreibtisch eingeschlossen war, und begann, seine Briefe durchzusehen.

Zuvor hatte sich ein kleiner Vorfall ereignet, der selbst den scharfen Augen des Revisors entgangen war. Als er mit seiner Arbeit am Kassenschalter begonnen hatte, hatte Mr. Edlinger Roy Wilson, dem jungen Bankboten ein bedeutsames Zeichen gegeben und mit dem Kopf zum Vordereingang hin genickt. Roy verstand sofort, nahm seinen Hut und schlenderte gemächlich hinaus, das collectors book unter dem Arm. Draußen marschierte er direkt zur Stockmen’s National hinüber. In dieser Bank bereitete man sich ebenfalls auf die Öffnung vor. Bis jetzt waren noch keine Kunden eingetroffen.

„Achtung Leute!“ rief Roy mit der Vertraulichkeit der Jugend und langer Bekanntschaft, „ihr solltet langsam mal in Bewegung kommen. Drüben in der First ist ein neuer Revisor zugange, das ist ein ganz scharfer Hund. Er zählt Perry jeden Cent nach, und er hat den ganzen Verein überrumpelt. Mr. Edlinger gab mir einen Wink, euch das zu sagen.“

Mr. Buckley, der Direktor der Stockmen’s National – ein beleibter, älterer Mann, der aussah wie ein Farmer im Sonntagsstaat – hörte Roy von seinem Privatbüro aus und rief ihn zu sich. „Ist Major Kingmann schon in der Bank?“ fragte er den Jungen.

„Ja, Sir, er kam gerade an, als ich losging,“ sagte Roy.

„Ich möchte, dass du ihm eine Nachricht bringst. Gib sie beim ihm persönlich ab, sobald du wieder drüben bist.“

Mr. Buckley setzte sich und schrieb.

Roy kehrte in die Bank zurück und übergab den Umschlag, der die Nachricht enthielt, an Major Kingman. Der Major las sie, faltete sie zusammen und ließ sie in seine Westentasche gleiten. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, für einige Augenblicke, als ob er tief nachdachte. Dann erhob er sich und ging in den Tresorraum. Er kam wieder heraus mit einem klobigen, altmodischen ledernen Aktenkoffer, auf dessen Rücken in Goldlettern geprägt war: „Diskontierte Wechsel“. Darin befanden sich die Kreditverträge für die Bank mit ihren angefügten Sicherheiten. Der Major kippte in seiner rustikalen Art den Inhalt auf seinen Schreibtisch und begann ihn zu sortieren.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Nettlewick seine Bargeldzählung beendet. Sein Bleistift flog wie eine Schwalbe über das Blatt Papier, auf dem er sich Zahlen notiert hatte. Er öffnete seine schwarze Aktenmappe, die zugleich eine Art geheimes Notizbuch zu sein schien, notierte sich schnell ein paar Zahlen, schwenkte dann herum und fixierte Dorsey durch seine funkelnden Gläser. Dieser Blick schien zu sagen: „Dieses Mal sind Sie noch einmal davongekommen, aber – “

„Bargeld ist in Ordnung,“ blaffte der Revisor. Dann stürzte er sich auf den Kundenbuchhalter, einige Minuten lang war der Raum erfüllt vom Geräusch flatternder Hauptbuchseiten und segelnder Bilanzbögen.

„Wie oft bilanzieren Sie Ihre Sparbücher?“ verlangte er plötzlich zu wissen.

„Ähm – einmal monatlich,“ stammelte der Buchhalter und fragte sich, wie viele Jahre sie ihm dafür geben würden.

„In Ordnung,“ sagte der Buchprüfer, drehte sich um und fasste den Hauptbuchhalter ins Auge, der seine Aufzeichungen über den externen Zahlungsverkehr bereithielt. Auch hier fand er alles in Ordnung. Dann das Kontrollbuch mit den Urkunden der Einlagen. Blätter-blätter-ritsch-ratsch-abgehakt! In Ordnung. Die Liste mit den Überziehungen bitte. Danke. Hmhm. Und jetzt die Blankowechsel der Bank. In Ordnung.

Dann kam der Hauptkassierer an die Reihe, und der umgängliche Mr. Edlinger rieb sich die Nase und polierte nervös seine Brillengläser unter dem Trommelfeuer von Fragen über Umlauf, nicht ausgeschüttete Gewinne, Grundbesitz der Bank und Aktienvermögen.

Kurz darauf wurde Nettlewick eines hünenhaften Mannes gewahr, der sich neben ihm aufbaute – ein Mann um die Sechzig, grob und rüstig, mit einem struppigen grauen Bart, einer Masse grauen Kopfhaares und einem Paar durchdringender blauer Augen, die ohne zu blinzeln in die einschüchternden Kneifergläser des Bankprüfers blickten.

„Äh, Major Kingman, unser Direktor – äh – Mr. Nettlewick,“ erklärte der Hauptkassierer.

Zwei Männer von höchst unterschiedlicher Art schüttelten sich die Hand. Der eine war das vollendete Produkt einer abgezirkelten Welt voller Konventionen und Förmlichkeiten. Der andere war freier, offener und naturverbunden. Tom Kingman passte in keine Schublade. Er war Mulitreiber gewesen, Cowboy, Wildhüter, Soldat, Sheriff, Goldsucher und Viehzüchter. Auch jetzt, da er Bankdirektor war, konnten seine alten Gefährten aus der Prärie, aus dem Sattel, dem Zelt und vom Treibpfad keinerlei Veränderungen an ihm festellen. Er hatte sein Vermögen gemacht, als Texas Rinder so viel Wert waren wie nie, und hatte die First National Bank of San Rosario aufgebaut. Trotz seines weiten Herzens und seiner manchmal etwas unklugen Großzügigkeit gegenüber alten Freunden, war die Bank gediehen, denn Major Tom Kingman kannte die Menschen ebenso gut wie die Rinder. Während der letzten Jahre hatte das Rindergeschäft einen Niedergang erfahren, und die Bank des Majors war eine der wenigen, die ohne große Verluste davongekommen waren.

„Und jetzt,“ sagte der Revisor unvermittelt und zog seine Uhr heraus, „letzter Punkt: die Darlehen. Wir wollen sie jetzt aufnehmen, wenn Sie erlauben.“

Mit einer fast rekordverdächtigen Geschwindigkeit war er durch die First National gefegt – allerdings mit derselben Gründlichkeit, mit der er alles zu tun pflegte. Die Geschäftsabläufe in der Bank waren reibungslos und fehlerfrei, das hatte ihm die Arbeit sehr erleichtert. Es gab nur noch eine andere Bank in der Stadt. Von der Regierung bekam er ein Honorar von 25 Dollar für jede Bank, die er geprüft hatte. Mit diesen Darlehen und Zinsvergütungen sollte er in einer halben Stunde durch sein. Und dann könnte er die andere Bank sofort danach prüfen und noch den 11 Uhr 45 kriegen, den einzigen Zug an diesem Tag, der in die Richtung zu seiner nächsten Prüfung fuhr. Sonst müsste er eine Nacht und den Sonntag in dieser langweiligen Stadt im Westen zubringen. Deshalb war Mr. Nettlewick dermaßen in Eile.

„Kommen Sie mit, Sir,“ sagte Major Kingmann mit seiner tiefen Stimme, in der sich Südstaaten Slang mit dem rhythmischen Näseln des Westens vereinte. „Wir werden sie gemeinsam durchgehen. Niemand hier kennt diese Darlehen so gut wie ich. Einige davon stehen ein bisschen wacklig auf den Beinen, ein paar sind Mavericks ohne allzu viele Brandzzeichen, aber beim Auftrieb kommen sie meistens alle wieder rein.“

Die beiden setzten sich an den Schreibtisch des Direktors. Zuerst ging der Revisor die Kreditverträge mit Lichtgeschwindigkeit durch, addierte sie und stellte fest, dass sie der Darlehenssumme entsprach, die im Journal stand. Dann nahm er sich die größeren Darlehen vor und unterzog den Zustand ihrer Bürgschaften oder Sicherheiten einer peinlich genauen Prüfung. Die Gedanken des neuen Buchprüfers schienen planlos umherzuirren und plötzliche Abstecher hierhin und dahin zu machen wie ein Bluthund, der eine Spur sucht.

Schließlich schob er alle Dokumente beiseite bis auf einige wenige, die er zu einem säuberlichen Stapel vor sich aufschichtete und hielt eine trockene, förmliche kleine Ansprache.

„Ich stelle fest, Sir, Ihre Bank befindet sich ein einem sehr guten Zustand, wenn man die schlechte Ernte und die Krise im Rindergeschäft in diesem Staat in Betracht zieht. Die Arbeit Ihrer Angestellten scheint mir genau und pünktlich ausgeführt zu sein. Ihre überfälligen Außenstände sind nur von mäßiger Höhe und versprechen nur einen geringen Verlust. Ich würde empfehlen, Ihre großen Kredite zu kündigen und nur sechzig oder neunzig Tage Kredite zu vergeben oder kurzfristige Darlehen, bis sich die allgemeine Geschäftslage wieder erholt hat.

Und jetzt gibt es noch eine Sache, dann bin ich mit meiner Prüfung durch. Hier sind vier Darlehen, die sich auf ungefähr 40.000 Dollar belaufen. Gemäß ihren Deckblättern sind sie besichert mit verschiedenen Aktien, Schuldverschreibungen, Anteilsscheinen usw. im Wert von 70.000 Dollar.

Diese Sicherheiten fehlen bei den Kreditbriefen, denen sie eigentlich beigefügt sein sollten. Ich nehme an, sie liegen im Safe oder im Tresorraum. Sie werden mir sicher erlauben, sie zu überprüfen.“

Major Toms hellblaue Augen richteten sich entschlossen auf den Revisor.

„Nein, Sir,“ sagte er mit leiser, aber fester Stimme; „diese Sicherheiten befinden sich weder im Safe noch im Tresorraum. Ich habe sie an mich genommen. Sie können mich persönlich für ihr Fehlen verantwortlich machen.“

Nettlewick verspürte einen leisen Schauder. Das hatte er nicht erwartet. Er war plötzlich auf eine Fährte gestoßen, als die Jagd fast schon vorüber war.

„Ah,“ sagte er. Er wartete einen Moment und fuhr dann fort: „Darf ich Sie bitten, mir das etwas genauer zu erklären?“

„Ich habe die Sicherheiten genommen,“ wiederholte der Major. „Es war nicht für mich selbst, sondern um einem alten Freund in Schwierigkeiten zu helfen. Kommen Sie hier herein, Sir, wir werden das mal durchsprechen.“

Er führte den Revisor in das Privatbüro der Bank auf der Rückseite der Schalterhalle und schloss die Tür. Es gab einen Schreibtisch, und einen Tisch und ein halbes Dutzend Ledersessel. An der Wand hing der Schädel eines texanischen Stiers mit Hörnern, die von Spitze zu Spitze anderthalb Meter maßen. Gegenüber hing der alte Kavalleriesäbel des Majors, den er bei Shiloh und Fort Pillow getragen hatte.

Der Major rückte für Nettlewick einen Sessel zurecht und setzte sich selbst ans Fenster, von dem aus er das Postamt und die gemeißelte Kalksteinfront der Stockmen’s National sehen konnte. Er sprach nicht gleich, und Nettlewick fühlte, dass das Eis vielleicht gebrochen werden konnte mit etwas, das seiner Temperatur so nahe war wie die Stimme einer amtlichen Warnung.

„Ihre Aussage,“ fing er an, „da Sie sie ja nicht weiter ergänzt haben, stellt eine sehr ernste Angelegenheit dar, wie Sie sicher wissen. Sie werden sicherlich auch wissen, wozu mich meine Pflichten zwingen. Ich werde den United States Commissioner informieren und und -“

„Ich weiß, ich weiß,“ winkte Major Tom ab. „Sie werden sicher nicht annehmen, dass ich eine Bank führen würde, ohne über die nationalen Bankgesetzte und die Revisionsrichtlinien unterrichtet zu sein! Tun Sie Ihre Pflicht. Ich bitte Sie um keinerlei Gefallen. Aber ich habe von meinem Freund gesprochen. Und ich würde Ihnen gerne etwas über Bob erzählen.“

Nettlewick ließ sich in seinem Sessel nieder. An diesem Tag würde er sowieso nicht mehr aus San Rosario wegkommen. Er würde der Bankenaufsicht telegrafieren müssen; er würde beim United States Commissioner einen Haftbefehl gegen Major Kingman erwirken müssen; möglicherweise würde er angewiesen werden, die Bank zu schließen wegen des Verlusts von Sicherheiten.

Es war nicht das erste Verbrechen, das er als Bankenprüfer aufgedeckt hatte. Ein oder zwei Mal hatte der schreckliche Aufruhr menschlicher Gefühle, den seine Untersuchungen ausgelöst hatten, fast einen Wellenschlag in seiner amtlichen Ruhe verursacht. Er hatte schon Banker vor sich auf den Knien rutschen und wie Frauen um eine zweite Chance flehen und weinen gesehen – von einem Moment auf den anderen – nur weil sie einen einzigen Fehler übersehen hatten. Ein Kassierer hatte sich vor seinen Augen an seinem Schreibtisch erschossen. Keiner von ihnen hatte es mit der Würde und Kaltblütigkeit dieses hartgesottenen alten Westeners genommen. Nettlewick spürte, dass er es ihm schuldig war, ihn wenigstens anzuhören, wenn er reden wollte. Mit dem Ellenbogen auf der Armlehne und seinem eckigen Kinn auf den Fingern seiner rechten Hand erwartete der Revisor das Geständnis des Direktors der First National Bank of San Rosario.

„Wenn jemand Ihr Freund ist,“ begann Major Tom etwas lehrerhaft, „vierzig Jahre lang, und heimgesucht wird von Wasser, Feuer, schlechten Bodenverhältnissen und Wirbelstürmen, und Sie können ihm ein wenig helfen, dann werden Sie es sicher gerne tun.“

(»Indem Sie Sicherheiten im Wert von 70.000 Dollar unterschlagen,« ergänzte der Revisor in Gedanken.)

„Wir haben zusammen als Cowboys gearbeitet, Bob und ich,“ fuhr der Major fort. Er sprach langsam, seine Worte wägend und gedankenvoll, als ob seine Gedanken mehr in der Vergangenheit weilten als in der kritischen Gegenwart. „Und wir suchten zusammen nach Gold und Silber in Arizona, New Mexico und einem Großteil Kaliforniens. Wir waren beide im 61er Krieg, wenn auch in verschiedenen Einheiten. Seite an Seite haben wir gegen Indianer und Pferdediebe gekämpft; wochenlang haben wir in den Bergen von Arizona in einem Blockhaus gedarbt unter sieben Meter Schnee begraben; wir haben zusammen Vieh getrieben, als der Wind so stark blies, dass nicht einmal der Blitz einschlagen konnte – nun gut, Bob und ich sind zusammen durch manch harte Zeit gegangen, seit wir uns beim Brandmarken auf der alten Anker-Ranch getroffen haben. Und während dieser Zeit sahen wir uns mehr als einmal genötigt, uns gegenseitig aus der Klemme zu helfen. In diesen Tagen wurde es von einem Mann erwartet, zu seinem Freund zu halten, ohne irgendetwas dafür zu verlangen. Am nächsten Tag vielleicht schon brauchten Sie ihn selbst, um Ihnen gegen eine Bande Apachen beizustehen oder nach einem Klapperschlangenbiss Ihr Bein abzubinden und loszureiten, um Whisky zu holen. Alles in allem war es ein Geben und Nehmen, und wenn Sie mit Ihrem Partner im Reinen waren, warum sollten Sie sich anstellen, wenn Sie ihn brauchten. Und Bob war ein Mann, der bereit war, noch viel weiter zu gehen. Seine Hilfsbereitschaft kannte praktisch keine Grenzen.

Vor zwanzig Jahren war ich Sheriff dieses Bezirks und ich machte Bob zu meinem Chief Deputy. Es war vor dem Rinderboom, als wir beide unser Geld machten. Ich war Sheriff und Steuereinnehmer, und das war damals eine ganz große Sache für mich. Ich hatte geheiratet, und wir hatten einen Jungen und ein Mädchen – vier und sechs Jahre alt. Wir lebten in einem bequemen Haus neben dem Gerichtsgebäude, auf Bezirkskosten eingerichtet, mietfrei, und ich konnte ein wenig Geld sparen. Bob erledigte die meiste Arbeit im Büro. Wir beide hatten harte Zeiten durchgemacht, manchen Viehdiebstahl und manche Gefahr. Und ich sage Ihnen, es war großartig, den Regen und die Graupel nachts gegen die Fenster prasseln zu hören und es warm und sicher und bequem zu haben und zu wissen, Sie würden morgens aufstehen, sich rasieren und die Leute würden ‚Mister‘ zu Ihnen sagen. Und ich hatte die wunderbarste Frau und Kinder, die mir jemals untergekommen waren, und meinen alten Freund bei mir, mit dem ich die ersten Früchte des Wohlstands und weiße Hemden genießen konnte, und ich schätzte mich glücklich. Ja, zu dieser Zeit war ich wirklich glücklich.

Der Major seufzte und schaute beiläufig aus dem Fenster. Der Bankenprüfer veränderte seine Haltung und stützte sein Kinn auf die andere Hand.

„In einem Winter,“ fuhr der Major fort, „kam das Geld für die Bezirkssteuern so schnell herein, dass ich eine Woche lang nicht die Zeit fand, das Zeug zur Bank zu bringen. Ich stopfte die Schecks einfach in eine Zigarrenkiste und das Geld in einen Sack und verschloss sie in dem großen Safe, der zum Sheriffsbüro gehörte.

In dieser Woche war ich überarbeitet und fühlte mich krank. Meine Nerven waren überreizt, und der Schlaf in der Nacht schien mich nicht zu erfrischen. Der Arzt hatte irgendeinen wissenschaftlichen Namen dafür und ich nahm Medizin. Und so ging ich schließlich abends ins Bett immer mit dem Gedanken an das Geld im Kopf. Nicht dass es einen Grund gegeben hätte, sich deswegen Sorgen zu machen, denn der Safe war gut und niemand außer Bob und mir kannte die Kombination. Am Freitagabend waren ungefähr 6.500 Dollar in bar im Sack. Samstag früh ging ich wie gewöhnlich ins Büro. Der Safe war verschlossen und Bob schrieb etwas an seinem Schreibtisch. Ich öffnete den Safe, und das Geld war weg. Ich rief Bob und weckte alle im Gerichtsgebäude auf, um den Diebstahl bekannt zu machen. Es verblüffte mich, dass Bob die Sache ziemlich ruhig aufnahm, wenn man berücksichtigt, in welchem Lichte das ihn und mich erscheinen ließ.

Zwei Tage vergingen, und wir fanden keinerlei Hinweise. Es konnten keine Einbrecher gewesen sein, denn der Safe war mit der richtigen Kombination geöffnet worden. Anscheinend hatten die Leute schon zu reden angefangen, denn eines Nachmittags kam Alice – meine Frau – ins Büro mit dem Jungen und dem Mädchen, und Alice stampft mit dem Fuß auf, ihre Augen blitzen und sie schreit ‚Diese verlogenen Schufte – Tom, Tom!‘ Sie erlitt einen Ohnmachtsanfall. Ich konnte sie gerade noch auffangen und allmählich wieder zu Bewußtsein bringen. Und sie lässt sich zurücksinken und weint und weint, zum ersten Mal, seit Sie den Namen von Tom Kingman angenommen und sich entschlossen hatte, ihr Schicksal mit ihm zu teilen. Und Jack und Zilla – die Kinder – die immer wild wie Tigerjunge zu Bob gestürmt und auf ihm herumgeklettert waren, wenn sie ins Gerichtsgebäude kommen durften – sie standen jetzt betreten herum und drängten sich zusammen wie verängstigte Hühner. Für sie war es der erste Ausflug zu den Schattenseiten des Lebens. Bob, der an seinem Schreibtisch gearbeitet hatte, stand auf und ging hinaus ohne ein Wort zu sagen.

Die Große Jury tagte gerade, und am nächsten Morgen erschien Bob dort und gestand, dass er das Geld gestohlen hatte. Er sagte, er habe es beim Pokerspielen gleich wieder verloren. In fünfzehn Minuten gelangten sie zu einem Schuldspruch und schickten mir einen Haftbefehl, um den Mann zu verhaften, der mir viele Jahre näher gestanden hatte als tausend Brüder.

Ich vollstreckte den Haftbefehl und sagte dann zu Bob, mit dem Finger zeigend: ‚Da ist mein Haus, und hier ist mein Büro, da oben ist Maine, und da geht’s nach Kalifornien, und hier drüben ist Florida – und das ist dein Bewegungsraum, bis das Gericht wieder zusammentritt. Du befindest dich in meiner Gewalt, und ich bin für dich verantwortlich. Du bist wieder hier, wenn du vor Gericht erscheinen mußt.‘

‚Danke Tom,‘ sagte er irgendwie sorglos; ‚Ich hatte schon gehofft, dass du mich nicht einsperren würdest. Das Gericht tagt wieder am nächsten Montag, und wenn du nichts dagegen hast, werde ich bis dahin hier im Büro herumhängen.

Ich möchte dich nur noch um einen Gefallen bitten, wenn’s nicht zu viel ist. Wenn du die Kinder noch mal in den Hof herauslassen könntest, um ein bisschen mit mir herumzutollen, das wäre wirklich schön.‘

‚Warum nicht?‘ antwortete ich. ‚Das können sie gerne tun, und du auch. Und komm zu mir nach Hause, wie du es immer getan hast.‘ Sie sehen, Mr. Nettlewick, man kann aus einem Freund nicht schlagartig einen Dieb machen, aber man kann auch aus einem Dieb ebensowenig einen Freund machen.“

Der Revisor erwiderte nichts darauf. In diesem Moment war das schrille Pfeifen einer einfahrenden Lokomotive zu hören. Das war der Zug auf der kleinen Schmalspurbahn, die von Süden her nach San Rosario führte. Der Major spitzte seine Ohren und lauschte einen Augenblick lang und warf einen Blick auf seine Uhr. Die Schmalspurbahn war pünktlich – 10 Uhr 35.

Der Major fuhr fort: „Bob trieb sich also im Büro herum, las Zeitungen und rauchte. Ich stellte einen anderen Deputy ein, um seine Arbeit zu übernehmen, und eine Weile später hatte sich die Aufregung über diesen Fall weitgehend gelegt.

Eines Tages, als wir alleine im Büro waren, kam Bob zu mir herüber. Er sah finster und traurig drein – denselben Ausdruck pflegte er zu tragen, wenn wir die ganze Nacht auf der Lauer nach Indianern lagen oder Vieh trieben.

‚Tom,‘ sagt er, ‚es ist härter, als Rothäute zurückzuschlagen; es ist härter, als in der Lavawüste vierzig Meilen von der nächsten Wasserstelle entfernt zu liegen; aber ich werde die Sache bis zum Ende durchstehen. Du weißt, das war immer meine Art. Aber wenn du mir das kleinste Zeichen geben würdest – wenn du einfach nur sagen würdest, ‚Bob, ich verstehe,‘ dann würde es die Sache für mich sehr viel leichter machen.‘

Ich war überrascht. ‚Ich weiß nicht, was du meinst, Bob,‘ sagte ich. ‚Du weißt, ich würde alles auf der Welt tun, was ich kann, um dir zu helfen. Aber du lässt mich im Dunklen tappen.‘

‚In Ordnung, Tom,‘ war alles, was er sagte. Und er ging zu seiner Zeitung zurück und zündete sich eine neue Zigarre an.

In der Nacht, bevor das Gericht zusammentrat, fand ich heraus, was er gemeint hatte. An diesem Abend ging ich zu Bett wieder mit dem alten blöden nervösen Gefühl, das mich wieder überkommen hatte. Gegen Mitternacht schlief ich ein. Und als ich wieder erwachte, fand ich mich halb angezogen in einem der Korridore des Gerichtsgebäudes wieder. Bob hielt mich an einem Arm fest, unser Hausarzt am anderen, und Alice schüttelte mich und weinte dabei. Sie hatte nach dem Doktor geschickt, ohne dass ich etwas davon wusste, und als er eintraf, hatten sie entdeckt dass ich das Bett verlassen hatte und verschwunden war und sich auf die Suche gemacht.

‚Er ist Schlafwandler,‘ sagte der Arzt.

Wir gingen alle nach Hause zurück und der Doktor erzählte uns einige bemerkenswerte Geschichten über seltsame Dinge, die Menschen in diesem Zustand schon gemacht hatten. Mir war ziemlich kalt geworden nach meinem Ausflug, und als meine Frau gerade mal aus dem Zimmer war, machte ich einen alten Kleiderschrank auf, der sich in dem Zimmer befand und zog eine große Decke heraus, die ich dort einmal gesehen hatte. Mit ihr purzelte der Geldsack heraus, für dessen Diebstahl Bob am nächsten Morgen vor Gericht gestellt und verurteilt werden sollte.

‚Wie zum Henker kommt das hier rein?‘ schrie ich und alle mußten gesehen haben, wie überrascht ich war. Bob war blitzartig alles klar.

‚Du verdammter alter Penner,‘ sagte er mit dem alten Ausdruck auf seinem Gesicht, ‚Ich hab gesehen, wie du sie da rein getan hast. Ich sah, wie du den Safe geöffnet und sie herausgenommen hast, und ich ging dir hinterher. Durchs Fenster beobachtete ich, wie du sie im Kleiderschrank verstecktest.‘

‚Du verflixter schlappohriger, schafsköpfiger Kojote, warum hast du nichts gesagt?‘

‚Weil,‘ sagte Bob einfach, ‚ich nicht wusste, dass du dabei geschlafen hast.‘

Ich sah ihn zur Tür hin blicken, wo Jack und Zilla standen, und da wußte ich, was es von Bobs Standpunkt aus bedeutete, der Freund eines Mannes zu sein.“

Major Tom machte eine Pause und blickte wieder aus dem Fenster. Er sah, wie in der Stockmen’s National Bank jemand die Jalousien am großen Frontfenster ganz herunterzog, obwohl die Sonne eine solche Abwehrmaßnahme gar nicht nötig zu machen schien.

Nettlewick saß aufrecht in seinem Sessel. Geduldig, wenn auch ohne übermäßiges Interesse hatte er der Geschichte des Majors zugehört. Für ihn war sie irrelevant für die Situation und würde sicherlich keine Auswirkung auf die Konsequenzen haben.

Die Leute hier im Westen haben eine übertriebene Sentimentalität, dachte er bei sich. Sie waren einfach nicht geschäftsmäßig. Sie mussten vor ihren Freunden geschützt werden. Offensichtlich war der Major mit seiner Geschichte fertig. Und was er gesagt hatte, bedeutete gar nichts.

„Darf ich fragen,“ sagte der Revisor, „ob Sie noch etwas hinzu zu fügen haben, das sich direkt auf die Frage der entwendeten Sicherheiten bezieht?“

„Entwendete Sicherheiten, Sir!“ Der Major fuhr plötzlich in seinem Sessel herum und seine blauen Augen blitzten den Revisor an. „Was meinen Sie damit, Sir?“

Aus seiner Rocktasche zog er ein Bündel zusammengefalteter Papiere, die von einem Gummiband zusammengehalten wurden, schleuderte sie Nettlewick hin und stand auf.

„Sie werden diese Sicherheiten hier finden, Sir, jede Aktie, jede Schuldverschreibung, jeden Anteilsschein davon. Ich nahm sie von den Kreditverträgen weg, als Sie das Bargeld zählten. Prüfen Sie sie und vergleichen Sie selbst.“

Der Direktor ging in die Schalterhalle zurück. Der Buchprüfer, verblüfft, ratlos und verärgert, folgte ihm. Er fühlte, dass er das Opfer geworden war, nicht gerade eines Streichs, aber doch von etwas, bei dem ihm mitgespielt worden war, ohne dass er die leiseste Ahnung hatte, was für ein Spiel gespielt wurde. Möglicherweise war hier auch in respektloser Weise mit seiner amtlichen Stellung gespielt worden. Aber es gab nichts, worauf er mit dem Finger zeigen konnte. Ein offizieller Bericht über diese Angelegenheit wäre jedenfalls einfach nur absurd gewesen. Und irgendwie war es ihm, dass er niemals mehr über die Sache erfahren würde, als er jetzt schon wusste.

Kalt und mechanisch prüfte Nettlewick die Sicherheiten und fand, dass sie mit den Kreditverträgen übereinstimmten, ergriff seine schwarze Mappe und erhob sich, um zu gehen.

„Ich muss schon sagen,“ sagte er vorwurfsvoll und richtete das empörte Funkeln seines Kneifers auf Major Kingman, „dass Ihre Erklärungen – Ihre irreführenden Erklärungen, die Sie sich nicht herabgelassen haben näher zu erläutern – sich nicht gehören, weder in geschäftlicher noch in humoristischer Hinsicht. Ich verstehe weder Ihre Motive noch Ihre Handlungen.“

Major Tom blickte feierlich und nicht unfreundlich auf ihn hinab.

„Mein Sohn,“ sagte er, „es gibt viele Dinge im Buschland und auf der Prärie und in den Canyons, die Sie nicht verstehen werden. Aber ich möchte Ihnen dafür danken, dass Sie sich die langatmige Geschichte eines schwatzhaften alten Mannes angehört haben. Wir alten Texaner lieben es, über unsere Abenteuer und über unsere alten Kameraden zu reden, und die Leute hier haben schon lange gelernt, die Flucht zu ergreifen, sobald wir mit ‚Es war einmal‘ anfangen, so müssen wir unser Garn vor Fremden spinnen, die sich zu uns verirren.“

Der Major lächelte, aber der Buchprüfer verneigte sich nur kühl und verließ umgehend die Bank. Sie sahen ihn diagonal über die Straße gehen und die Stockmen’s National Bank betreten.

Major Tom setzte sich an seinen Schreibtisch und zog aus seiner Westentasche die Nachricht, die Roy ihm gegeben hatte. Er hatte sie schon einmal gelesen, allerdings in Eile. Jetzt las er sie noch einmal mit einem Augenzwinkern. Dies waren die Worte, die er las:

Lieber Tom:

Wie ich höre, geht gerade einer von Uncle Sams Jagdhunden durch deine Bücher. Das bedeutet, dass wir ihn womöglich in ein paar Stunden auch bei uns haben werden. Ich möchte Dich um etwas bitten. Wir haben nur 2.200 Dollar in der Bank, und das Gesetz verlangt, dass es 20.000 Dollar sind. Gestern am späten Nachmittag habe ich 18.000 Dollar an Ross und Fisher ausgeliehen, um die Gibson-Rinder aufzukaufen. Der Verkauf wird ihnen in weniger als dreißig Tagen 40.000 Dollar einbringen, aber das wird meine Bargeldreserve für diesen Bankprüfer nicht schöner aussehen lassen. Im Augenblick kann ich ihm die Kreditverträge nicht zeigen, denn es gibt nur handschriftliche Vereinbarungen ohne irgendwelche Sicherheiten, aber Du weißt gut, dass Pink Ross und Jim Fisher, zwei der besten weißen Männer sind, die Gott jemals erschaffen hat, sie werden das Geld pünktlich zurückzahlen. Du erinnerst Dich sicher an Jim Fisher – er war es, der diesen Kartengeber in El Paso erschossen hat. Ich habe an Sam Bradshaw’s Bank gekabelt, damit er mir 20.000 Dollar schickt, und das Geld wird mit der Schmalspurbahn um 10 Uhr 35 eintreffen. Du kannst einen Buchprüfer nicht einfach rein und 2.200 Dollar zählen lassen und die Türen schließen. Tom, halte mir den Revisor auf. Halt ihn auf. Halt ihn fest, und wenn Du ihn festbinden und Dich auf seinen Kopf setzen mußt. Behalte unser Frontfenster im Auge, wenn die Schmalspurbahn angekommen ist, sobald wir das Geld haben, ziehen wir die Jalousie als Signal herunter. Lass ihn bis dahin nicht laufen. Ich zähle auf Dich, Tom.

Dein alter Partner

Bob Buckley

Direktor Stockmen’s National.

Der Major zerriss die Nachricht in kleine Stücke und warf sie in den Papierkorb. Dabei lachte er zufrieden in sich hinein.

„Verdammter alter leichtsinniger Viehtreiber!“ knurrte er zufrieden, „das zahlt dir einiges zurück für das, was du für mich zu tun versucht hast im Sheriff’s Amt vor zwanzig Jahren.“

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