Das Verschwinden der Lady Frances Carfax

»Aber weshalb türkisch?« fragte Sherlock Holmes und betrachtete dabei aufmerksam meine Schuhe. Ich saß in einem bequemen Sessel zurückgelehnt, und meine langgestreckten Beine hatten seine jederzeit lebendige Aufmerksamkeit erregt.

»Englisch«, antwortete ich, etwas erstaunt. »Ich, habe sie bei Latimer in der Oxfordstraße gekauft.«

Holmes lächelte mit einem Ausdruck müder Geduld.

»Das Bad«, sagt« er, »das Bad! Warum das teure und erschlaffende türkische statt des selbstgemachten zu Hause?«

»Weil ich in den letzten Tagen mich matt fühlte und rheumatische Schmerzen hatte. Ein türkisches Bad ist das, was wir in der Medizin ein Alterativ nennen – ein neuer Anfangspunkt. Der ganze Organismus wird mit einem türkischen Bad aufgebügelt« –

»Du kannst mir übrigens einen Gefallen tun, Holmes«, fügte ich hinzu. »Zweifelsohne ist einem scharfen logischen Verstand die Verbindung meiner Schuhe mit einem türkischen Bad ohne weiteres ersichtlich. Würdest du mir nicht den Zusammenhang zeigen?«

»Der ist doch eigentlich auf den ersten Blick sichtbar«, antwortete Holmes etwas spöttisch. »Ebenso sichtbar, wie die Tatsache, daß du heute morgen nicht allein in der Droschke gesessen hast.«

»Du erklärst mir Unklares mit Unklarem!«

»Bravo, Watson! Du verstehst die Kunst, dich scharf auszudrücken. Also die Droschke. Du wirst bemerken, daß du an der linken Schulter und am linken Ärmel Schmutzspritzer hast. Wärest du allein in der Droschke gesessen, so würdest du die Mitte eingenommen haben und auf deinem Anzug wären entweder gar keine Spritzer, oder sie wären sowohl rechts wie links. Deshalb ist es klar, daß du hart links gesessen. Also hattest du noch jemand bei dir, der rechts saß.«

»Das ist absolut überzeugend.«

»Klar wie dicke Tinte, nicht wahr?«

»Aber die Schuhe und das türkische Bad?«

»Ebenso klar, mein Lieber! Du schnürst deine Schuhe in der gewöhnlichen Weise zu. Aber jetzt sehe ich, daß sie an den obersten zwei Haken doppelt geschnürt sind und das Band ist zu einer kunstvollen Schleife geknotet, – doppelt, – wie das deine Gepflogenheit nicht ist. Wäre das nur bei einem Schuh, so könnte man annehmen, du hättest dir ein Paar neue gekauft, und das Fräulein im Laden hätte dir den einen, den du auszogest, um den neuen anzuprobieren, zugeschnürt. Es sind aber beide Schuhe auf eine dir ungewohnte Art geschnürt, also hast du beide ausgezogen gehabt. Nun, der weitere Schluß ist einfach genug. Der Badediener muß dir die Schuhe zugeschnürt haben. Aber nun hat das türkische Bad doch einen Zweck gehabt.«

»Wieso?«

»Sagtest du nicht soeben, du hättest es genommen, um deinem Körper einen Wechsel, ein Alterativ angedeihen zu lassen? Ich empfehle dir zur Ergänzung einen Luftwechsel. Wie würde dir Lausanne gefallen, Reise erster Klasse und alle Unkosten fürstlich bezahlt?«

»Ausgezeichnet! Aber wozu?«

Holmes lehnte sich in seinen Armstuhl zurück und zog das Notizbuch aus der Tasche.

»Eine der gefährlichsten Frauen in der Welt«, sagte er, »ist die unstet reisende, alleinstehende Frau. Sie ist die harmloseste und oft sogar nützlichste Person, aber auch für andere der unvermeidliche Anstifter zu Verbrechen. Sie ist hilflos. Sie ist nomadenhaft. Sie hat genügende Mittel, um von Land zu Land, von Hotel zu Hotel zu ziehen. Man findet sie verloren in der Unzahl von Fremdenpensionen und Kurorten. Sie ist ein verlaufenes Huhn in einer Welt von Füchsen. Wenn sie verschlungen ist, so wird sie selten vermißt. Ich fürchte sehr, daß der Lady Frances Carfax etwas zugestoßen ist.«

Ich war froh, als Holmes so plötzlich vom Allgemeinen zum Besonderen überging. Er blätterte in seinen Notizen.

»Lady Frances«, fuhr er fort, »ist die einzige Überlebende der ehemals großen Familie des Grafen von Rufton. Sie blieb mit beschränkten Mitteln zurück, erbte aber sehr wertvolle alte spanische Juwelen aus Silber mit ungewöhnlich geschliffenen Diamanten, an denen sie sehr hing. – Zu sehr, Watson, denn sie ließ diesen Schatz nicht etwa bei ihrer Bank in einem Stahlfach, sondern führte ihn stets auf ihren Reisen mit sich. Sie ist eine auffallende Erscheinung, diese Lady Frances, eine noch hübsche Frau, im besten mittleren Alter und doch, infolge sonderbaren Zufalles, das letzte Schiff einer vor zwanzig Jahren noch stolzen Flotte.«

»Und was fürchtest du, daß ihr zugestoßen sein könne?«

»Was ihr zugestoßen sein könne? Ob sie lebt oder tot ist, das ist die schwerwiegende Frage. Sie ist eine Dame von pünktlichen Gewohnheiten, und seit vier Jahren war es ihre nie durchbrochene Gepflogenheit, alle vierzehn Tage an Fräulein Dobney zu schreiben, ihre alte Erzieherin, die jetzt zurückgezogen als kleine Rentnerin in Camberwell lebt. Dies Fräulein Dobney hat mich um meinen Rat angegangen. Nahezu fünf Wochen sind verstrichen, ohne daß Lady Frances geschrieben hätte. Der letzte Brief war vom Hotel National in Lausanne. Lady Frances scheint ohne Angabe einer Adresse das Hotel verlassen zu haben. Die Familie der Seitenlinie der Ruftons ist in Sorgen, und da sie sehr vermöglich ist, so spielt Geld gar keine Rolle, wenn wir nur den Verbleib der Dame ausfindig machen.«

»Ist Fräulein Dobney die einzige Informationsquelle? Sicher schrieb Lady Frances auch noch an andere.«

»Da ist noch eine Quelle und die ist zuverlässig, nämlich die Bank. Einzelnstehende Damen müssen leben, und ihre Bankkonten sind komprimierte Tagebücher. Sie hat ihr Konto bei Silvester. Der vorletzte Scheck diente zur Bezahlung der Rechnung in Lausanne, der Betrag war reichlich hoch, und wahrscheinlich behielt sie noch ziemlich viel Geld davon übrig. Seitdem ist nur ein einziger Scheck von ihr vorgekommen.«

»Wo, an wen zahlbar?«

»An Fräulein Marie Devine. Wo der Scheck ausgestellt wurde, ist nicht zu ersehen. Eingelöst wurde er beim Credit Lyonnais in Montpellier vor weniger als drei Wochen. Der Betrag war fünfzig Pfund.«

»Und wer ist Fräulein Devine?«

»Auch das ist mir schon gelungen, festzustellen. Fräulein Marie Devine war die Zofe der Lady Frances Carfax. Warum diese ihr das Geld bezahlt hat, ist noch unklar. Aber ich zweifle nicht daran, daß deine Nachforschungen die Sache bald aufklären werden.«

»Meine Nachforschungen?«

»Deshalb der vorgeschlagene Luftwechsel in Lausanne. Du wirst begreifen, daß ich London nicht verlassen kann, solange der alte Abrahams in solch tödlicher Angst um sein Leben schwebt. Außerdem ist es aus allgemeinen Gründen am besten, wenn ich nicht außer Landes gehe. Scotland Yard fühlt sich so verwaist, wenn ich nicht da bin, und in Verbrecherkreisen würde meine Abwesenheit eine ungesunde Erregung hervorbringen. So gehe denn, Watson, und wenn dir mein Rat die Telegrammgebühren wert erscheint, so steht er bei Tag und Nacht zu deiner Verfügung.« –

Zwei Tage später war ich in Lausanne im Hotel National, wo der Geschäftsführer, Herr Moser, mir jede Unterstützung zuteil werden ließ. Er stellte fest, daß Lady Frances mehrere Wochen hier gewohnt hatte. Alle, mit denen sie in Berührung kam, mochten sie gern. Sie war sicher nicht über vierzig. Sie war noch immer hübsch und in ihrer Jugend mußte sie eine Schönheit gewesen sein. Von wertvollen alten Juwelen wußte Herr Moser nichts. Ihm war nichts zur Aufbewahrung übergeben worden. Aber die Zimmermädchen hatten bemerkt, daß der große Koffer im Schlafzimmer der Dame stets von ihr sorgfältig verschlossen wurde. Marie Devine, die Zofe, war ebenso beliebt wie ihre Herrin. Sie sei verlobt mit einem Oberkellner des Hotels, und es sei daher leicht, ihre Adresse zu erfahren. Herr Moser stellte diese alsbald fest: Montpellier, rue de Trajan Nr. 11. Das alles schrieb ich mir auf, und ich fand, daß Sherlock Holmes selber die Feststellungen nicht besser hätte machen können.

Ein Winkel nur lag noch immer im Dunkeln: kein Licht hellte die unerklärte Plötzlichkeit auf, mit der Lady Frances abgereist war. Sie fühlte sich in Lausanne sehr glücklich. Man war zu der Annahme berechtigt gewesen, sie würde die ganze Saison hier bleiben. Und plötzlich hatte sie von heute auf morgen ihre Zimmer aufgesagt, was sie ganz unnötig mit den Ausgaben für eine Wochenmiete belastete. Nur Jules Vibart, der Verlobte der Zofe, konnte eine Erklärung finden. Er brachte die überraschende Abreise in Verbindung mit dem Besuch eines großen, dunkeln, bärtigen Mannes. »Un sauvage – un véritable sauvage!« rief Jules Vibart. Der Mann wohnte irgendwo oben in der Stadt. Man hatte ihn lebhaft mit Madame auf der Seepromenade sprechen sehen. Dann hatte er sie im Hotel aufgesucht, sie empfing ihn aber nicht. Er war ein Engländer, seinen Namen aber wußte niemand. Jules Vibart und, was schwerer wog, die Zofe hielten dessen Besuch für den Grund der Abreise. Nur über einen Punkt sagte Jules Vibart nichts aus, natürlich den Grund, weswegen Marie ihre Herrin verlassen hatte. Darüber konnte oder wollte er keine Angaben machen. Wenn ich das wissen wolle, so müsse ich eben nach Montpellier fahren und sie fragen.

So endete das erste Kapitel meiner Nachforschungen. Das zweite war dem Ort gewidmet, den Lady Carfax aufgesucht hatte, nachdem sie Lausanne verlassen. Zunächst schien auch dieser Ort ein Geheimnis zu sein, das den Gedanken bestätigte, sie sei abgereist in der Absicht, ihre Spuren zu verwischen. Ihr Gepäck aber war nach Baden-Baden bezettelt worden. Die Lady und die Koffer hatten den Schwarzwaldort auf einem Umwege erreicht. So viel konnte ich durch den Leiter des Cook-Büros ermitteln. Nachdem ich Holmes telegraphisch von meinen Nachforschungen unterrichtet und von ihm eine halb humoristische Dankdepesche erhalten, fuhr ich also nach Baden-Baden.

Hier war die Spur leicht gefunden. Lady Frances hatte zwei Wochen im Englischen Hof gewohnt. Dort hatte sie die Bekanntschaft eines Dr. Schlessinger und dessen Gemahlin gemacht; der Herr war Missionar in Südamerika. Wie die meisten alleinstehenden Damen befaßte sich Lady Frances viel und gern mit religiösen und kirchlichen Angelegenheiten. Dr. Schlessingers merkwürdige Persönlichkeit, seine tiefe Frömmigkeit und der Umstand, daß er Erholung von einer Krankheit suchte, die er sich bei Ausübung seiner apostolischen Pflichten zugezogen, das alles machte einen starken Eindruck auf sie. Sie half der Frau des Missionars bei der Pflege des genesenden Heiligen. Er verbrachte den Tag, wie mir der Geschäftsführer sagte, auf der Veranda auf einem Liegestuhl mit je einer aufwartenden Dame zur Rechten und Linken. Er arbeitete an einer Karte des Heiliges Landes mit besonderer Berücksichtigung des Reiches der Midianiten, über die er eine Monographie schrieb. Schließlich, in seinem Zustande wesentlich gebessert, war er mit der Gattin nach London zurückgekehrt, und Lady Frances hatte sich ihm angeschlossen. Das war gerade vor drei Wochen gewesen, und der Geschäftsführer hatte seitdem nichts mehr von den Leuten gehört. Von der Zofe Marie wußte er, daß sie einige Tage früher unter Strömen von Tränen fortgegangen sei, nachdem sie einigen Zimmermädchen, mit denen sie bekannt geworden, gesagt hatte, daß sie den Dienst für immer verlasse. Vor der Abreise hatte Dr. Schlessinger die Rechnung auch für Lady Frances bezahlt.

»Übrigens sind Sie, Herr Doktor, nicht der einzige Bekannte der Lady Frances Carfax«, sagte der Hotelleiter zum Schlusse, »der Erkundigungen nach der Dame einzieht. Erst vor acht Tagen war ein Herr zum gleichen Zwecke hier.«

»Nannte er seinen Namen?«

»Nein. Aber es war ein Engländer, allerdings von ungewöhnlicher Erscheinung.«

»Ein – Wilder?« fuhr es mir heraus; ich hatte halb unbewußt eine Gedankenverbindung hergestellt.

»Ganz richtig, der Ausdruck bezeichnet ihn am besten. Es war ein mächtiger, bärtiger, sonngebräunter Mann, der aussah, als sei er in einer Wildwestkneipe besser zu Hause als in einem eleganten Hotel. Ein harter, selbstbewußter Mann, dem ich nicht zu nahe treten möchte.«

Schon begann das Geheimnis sich zu entschleiern, so wie man alles deutlicher sieht, wenn der Nebel sich aufteilt. Da war die gute, fromme Lady, der von Ort zu Ort ein finsterer unerbittlicher Verfolger nachreiste. Sie fürchtete ihn, sonst wäre sie nicht vor ihm aus Lausanne geflohen. Er war ihr schon wieder auf der Spur; über kurz oder lang mußte er sie einholen. Oder hatte er sie inzwischen schon eingeholt? War das der Grund, weshalb keine Briefe mehr von ihr ankamen? Konnte das Missionsehepaar sie nicht schützen vor seiner Erpressung oder offener Gewalt? Was für ein fürchterlicher Zweck, welch tiefe Absichten lagen hinter dieser langen Verfolgung? Hier war das Rätsel, das ich zu lösen hatte.

An Holmes schrieb ich, wie ungeheuer schnell und sicher ich den Kern der ganzen Angelegenheit bloßgelegt hätte. Als Antwort kam das telegraphische Ersuchen um eine Beschreibung des linken Ohres des Doktor Schlessinger. Holmes hat manchmal ganz absonderliche Begriffe davon, was ein Witz sei, und so ließ ich den mir sehr wenig angebrachten Scherz unbeachtet, obwohl er mich zuerst geärgert hatte. Übrigens war ich bereits in Montpellier, als mich das Telegramm erreichte.

Es machte keine besondere Mühe, das Fräulein Devine zu finden und alles Wissenswerte von ihr zu erfahren, was sie wußte. Sie war ein anhänglicher Mensch und sie hatte ihre Herrin nur verlassen, da sie sie in guten Händen wußte und ihre bevorstehende Verheiratung eine Trennung sowieso in absehbarer Zeit notwendig machte. Ihre Herrin hatte, wie sie mit Betrübnis gestand, ihr gegenüber in Baden-Baden einige Male eine nicht gerechtfertigte Unfreundlichkeit und gereizte Stimmung gezeigt; ja, sie hatte sie einmal ausgefragt, wie wenn sie ihre Ehrlichkeit in Zweifel zöge, und die Trennung war ihr dadurch leichter geworden, als es sonst der Fall gewesen wäre. Lady Frances hatte ihr fünfzig Pfund als Hochzeitsgeschenk gegeben. Ebenso wie ich, war Marie voll des tiefsten Mißtrauens gegen den Fremden, der ihre Herrin aus Lausanne vertrieben hatte. Mit ihren eigenen Augen hatte sie gesehen, wie er auf der Promenade am See mit großer Heftigkeit die Lady am Arme ergriffen hatte. Er war ein schrecklicher, wilder Mann. Sie glaubte, aus Angst vor ihm hätte sie sich den Schlessingers nach London angeschlossen. Mit ihr, Marie, hatte sie nie darüber gesprochen, aber viele Kleinigkeiten hatten es ihr gezeigt, daß die Lady in einem Zustande unausgesetzter nervöser Spannung lebte.

So weit war sie mit ihrer Erzählung gekommen, als sie plötzlich mit einem Satze vom Stuhl hochsprang, mit allen Anzeichen der Überraschung und der Angst. »Sehen Sie!« schrie sie. »Der Unmensch folgt auch mir! Da – der Mann, das ist der Fremde von Lausanne.«

Durch das offene Fenster erblickte ich einen großen, gebräunten Mann mit struppigem, schwarzem Bart, der langsam die Mitte der Straße entlang ging und die Hausnummern betrachtete. Es war klar, daß er, wie ich selber vor kurzem, die Zofe Marie Devine suchte. Ohne weitere Überlegung lief ich hinaus und sprach ihn an.

»Sie sind Engländer?« fragte ich.

»Und wenn ich einer bin?« gab er finsteren Blickes zurück.

»Darf man Ihren Namen wissen?«

»Nein, Sie dürfen nicht«, sagte er mit Bestimmtheit.

Die Lage wurde für mich kritisch, aber der direkteste Weg ist oftmals der beste.

»Wo ist Lady Frances Carfax?« fragte ich.

Er starrte mich betroffen an, gab aber keine Antwort.

»Was haben Sie mit ihr gemacht, warum haben Sie sie verfolgt? Ich verlange eine bestimmte Antwort!« herrschte ich ihn an.

Der Schwarzbärtige stieß einen ärgerlichen Laut aus und sprang mich an wie ein Tiger. Ich habe schon manchen Kampf Mann gegen Mann bestanden, aber der Fremde hatte einen eisernen Griff und war wild wie ein Satan. Seine Hand war an meiner Kehle, und die Sinne waren mir bereits geschwunden, als ein unrasierter französischer Ouvrier in blauer Bluse, mit einem Knüppel in der Hand aus einem gegenüberliegenden Kabarett herzueilte und meinem Angreifer einen heftigen Hieb über den Arm zog. Da spürte ich den Griff sich lockern. Der Fremde stand für einen Augenblick wutschnaubend da, unsicher, ob er einen zweiten Angriff auf mich machen solle oder nicht. Dann verließ er mich mit einem raubtierartigen Knurren und betrat das Haus, das ich soeben verlassen. Ich aber wandte mich zu meinem Retter, der zur Seite in der Gosse stand, um ihm meinen Dank abzustatten.

»Ja, Watson, du hast ein nettes Ragout aus allem gemacht! Am besten fährst du jetzt mit dem Nachtschnellzug mit mir zurück nach London.«

Eine Stunde später saß Sherlock Holmes in seiner gewöhnlichen Kleidung in meinem Zimmer im Hotel. Seine Erklärung für sein unerwartetes Erscheinen im rechten Augenblick war einfach genug. Er hatte gefunden, daß er London nunmehr verlassen könne und hatte beschlossen, mich am nächsten ihm bekannten Ort meiner Reise zu überraschen. In der Verkleidung eines Arbeiters hatte er in dem Kabarett gesessen und mich erwartet.

»Und merkwürdig vollständig hast du die Nachforschungen gemacht, Watson«, sagte er. »Im Augenblick fällt mir kein möglicher Mißgriff ein, den du unterlassen hättest. Die Gesamtleistung deiner Tätigkeit ist die, daß du eigentlich alles verraten und nichts entdeckt hast.«

»Vielleicht hättest du auch nicht mehr erreicht«, antwortete ich gekränkt.

»Da gibt es kein ›Vielleicht‹. Ich habe mehr erreicht. Hier im selben Hotel wie du wohnt Herr Philipp Green, und er ist vermutlich für uns der Ausgangspunkt einer Reihe erfolgreicher Nachforschungen.«

Es klopfte, das Zimmermädchen brachte eine Besuchskarte auf einem silbernen Tablett, und ihr nach folgte derselbe schwarzbärtige Mann, der mich auf der Straße angefallen hatte. Er stutzte, als er mich sah.

»Was ist das, Herr Holmes?« fragte er. »Ich bekam Ihre Karte und daraufhin bin ich gekommen. Aber was hat der Herr da mit der Angelegenheit zu schaffen?«

»Das ist mein alter Freund und Mitarbeiter Doktor Watson, der auch in dem gegenwärtigen Fall mitwirkt.«

Der Fremde reichte mir eine große, sonnegebräunte Hand und murmelte einige Worte der Entschuldigung.

»Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht zu weh getan. Als Sie mich beschuldigten, mit ihr nicht rücksichtsvoll umgegangen zu sein, konnte ich mich nicht beherrschen. Ich bin in der Tat in diesen Tagen nicht ganz Herr meiner selbst. Meine Nerven sind hochgradig überreizt. Aber diese Lage verstehe ich nicht. An erster Stelle, Herr Holmes, bitte ich Sie, mir zu sagen, wieso in aller Welt Sie von meiner Existenz überhaupt erfuhren.«

»Ich stehe mit Fräulein Dobney in Verbindung, der einstigen Lehrerin der Lady Frances.«

»Die alte Susanne Dobney mit der Spitzenhaube! Ich erinnere mich ihrer sehr gut.«

»Und sie entsinnt sich Ihrer. Es war in den Tagen ehe – ehe Sie es für besser fanden, nach Südafrika zu gehen.«

»Ich sehe, Sie kennen meine ganze Geschichte. Vor Ihnen brauche ich also nichts zu verheimlichen. Ich schwöre Ihnen, Herr Holmes, daß auf dieser Welt nie ein Mann gelebt hat, der eine Frau inniger geliebt hat als ich Frances Carfax. Ich war ein wilder junger Mann, ich weiß – aber nicht schlimmer als andere meines Standes. Aber ihre Seele war rein wie Schnee. Sie konnte auch nicht den Schatten einer Schlechtigkeit vertragen. Als sie daher von Dingen vernahm, die ich getan hatte, da brach sie die Beziehungen zu mir ab. Und doch liebte sie mich – das ist das Wunderbare dabei! – liebte mich trotz allem so sehr, daß sie unverheiratet blieb und ihre Tage gleich einer Heiligen lebte, alles nur um meinetwillen. Als die Jahre dahingegangen waren, und ich in Barberton mir Reichtümer erworben hatte, dachte ich, ich könne sie vielleicht suchen und besänftigen. Ich hatte gehört, daß sie immer noch unverheiratet war. Ich fand sie in Lausanne und ich beschwor und bestürmte sie, so gut ich konnte. Ich glaube auch, sie wurde wankend, aber sie hat einen starken Willen, und als ich sie ein zweitesmal aufsuchte, hatte sie Lausanne verlassen. Ich verfolgte sie nach Baden-Baden, und dann nach einiger Zeit hörte ich, ihre Zofe sei hier in Montpellier. Ich bin ein rauher Kolonist, komme frisch aus einem rauhen Leben in Afrika, und als Doktor Watson so zu mir sprach, wie er es getan hat, verlor ich für einen Augenblick die Selbstbeherrschung. Aber um Gottes willen, sagen Sie mir, was aus der Lady Frances geworden ist.«

»Das herauszufinden ist unsere Aufgabe«, sagte Sherlock Holmes mit auffallendem Ernst. »Wo wohnen Sie in London, Herr Green?«

»Zuschriften an das Langham-Hotel werden mich erreichen.«

»Dann darf ich Ihnen empfehlen, daß Sie dorthin zurückkehren und zur Verfügung stehen für den Fall, daß wir Ihrer benötigen. Ich möchte keine falschen Hoffnungen erwecken, aber Sie mögen überzeugt sein, daß alles, was für die Sicherheit der Lady Frances geschehen kann, von mir getan werden wird. Für den Augenblick kann ich nicht mehr sagen. Ich übergebe Ihnen hier diese Karte, so daß Sie in der Lage sind, in Verbindung mit uns zu bleiben. – Nun, Watson, wenn du jetzt deinen Koffer packen willst, so will ich an Frau Hudson telegraphieren, sie möchte sich für sieben Uhr dreißig morgen früh auf zwei hungrige Reisende bestens vorbereiten.« –

Ein Telegramm lag schon für uns da, als wir unsere Wohnung in der Bakerstraße erreichten. Holmes las es mit einem Ausruf der Befriedigung und reichte es mir über den Tisch. »Ausgezackt oder zerrissen«, lautete der Inhalt; das Telegramm war in Baden-Baden aufgegeben.

»Was ist’s damit?« fragte ich.

»Hier haben wir alles«, antwortete Holmes. »Du erinnerst dich wohl meiner scheinbar unangebrachten Frage nach dem linken Ohr des kirchlichen Herrn. Du hast mir keine Antwort darauf gegeben.«

»Ich hatte Baden-Baden schon verlassen und konnte also nichts mehr feststellen.«

»Ganz richtig. Deshalb sandte ich ein zweites Telegramm an den Geschäftsführer des Englischen Hofes, und seine Antwort liegt hier vor uns.«

»Was geht daraus hervor?«

»Es geht daraus hervor, mein lieber Watson, daß wir es mit einem hervorragend verschlagenen und gefährlichen Mann zu tun haben. Der südamerikanische Missionar, der ehrwürdige Doktor Schlessinger ist kein anderer als Holy Peters, einer der gewissenlosesten Schurken, den Australien je hervorgebracht hat – und für ein so junges Land hat es bereits einige ganz vollendete Typen dieser Art aufzuweisen. Seine Spezialität besteht darin, alleinstehende Damen zu betrügen, indem er ihre religiösen Gefühle beeindruckt; seine sogenannte Frau, eine Engländerin namens Fraser, ist seine würdige Helfershelferin. Die Art seines Vorgehens brachte mich auf den Gedanken, daß Holy Peters und Doktor Schlessinger identisch sein könnten, und diese körperliche Eigentümlichkeit – er wurde in Adelaide bei einem Krawall in einem Spielsalon ins Ohr gebissen – bestätigte meinen Verdacht. Die arme Lady ist in den Händen eines ganz teuflischen Paares, das vor nichts zurückschrecken wird. Wir müssen damit rechnen, daß sie bereits tot ist. Bestenfalls befindet sie sich in einer Art Haft, außerstande, an Fräulein Dobney oder andere Bekannte zu schreiben. Dabei bleibt es immer möglich, daß sie nie nach London zurückgekehrt ist oder daß sie nur durchgefahren ist, aber das erstere ist unwahrscheinlich, da bei der überall herrschenden Meldepflicht auf dem Kontinent es Fremden nicht so leicht gemacht ist, der Polizei einen blauen Dunst vorzumachen; und das andere ist auch nicht wahrscheinlich, da diese Verbrecher kaum hoffen konnten, eine andere englische Stadt zu finden, wo es ebenso leicht möglich wäre, einen Menschen mit Gewalt zu verbergen. Alle meine Instinkte sagen mir, daß sie in London ist. Aber da wir augenblicklich ganz außerstande sind, anzugeben, wo sie ist, können wir vorläufig nichts tun, als uns mit Geduld zu wappnen und nachher unser Mittagessen zu verzehren. Gegen Abend werde ich Freund Lestrade in Scotland Yard aufsuchen und einiges mit ihm besprechen.«

Aber weder die hauptstädtische Polizei noch Holmes‘ kleine, aber sehr wirksame Organisation reichten hin, um das Geheimnis aufzuklären. Unter den zusammengeballten Millionen Londons waren die drei Personen, die wir suchten, so vollständig verschwunden, als ob sie nie gelebt hätten. Es wurde mit Zeitungsanzeigen versucht, aber ohne Erfolg. Verschiedene Spuren wurden aufgenommen und führten zu nichts. Jede Verbrecherkneipe, wo Schlessinger möglicherweise hätte auftauchen können, wurde bewacht, aber immer vergebens.

Seine alten Spießgesellen standen unter geheimer Aufsicht, aber keiner schien in Verbindung mit den Gesuchten zu stehen. Und dann plötzlich, nach einer Woche ängstlicher Spannung, zuckte ein Lichtstrahl unvermutet auf. Ein alter spanischer Schmuck, ein einzelnes silbernes Ohrgehänge mit Brillanten war bei Bevington in der Westminster Straße versetzt worden. Und zwar von einem großen, glattrasierten Mann von kirchlichem Aussehen. Name und Adresse, die er angegeben, waren erwiesenermaßen falsch. Das verstümmelte Ohr war dem Pfandleiher nicht aufgefallen, aber die übrige Beschreibung paßte genau auf Schlessinger.

Dreimal hatte unser schwarzbärtiger Freund vom Langham-Hotel sich nach dem Stand der Dinge bei uns erkundigt – das drittemal eine Stunde vor dieser neuen Entwicklung der Dinge. Die Kleider fingen an, ihm etwas weit um den Leib zu hängen. Er schien vor Kummer und Sorge dahinzuschwinden. »Wenn Sie mir nur irgendeine Aufgabe dabei zuweisen könnten!« war seine ständige Bitte und Klage. Endlich konnte Holmes ihm willfahren.

»Er hat angefangen, die Juwelen zu versetzen. Jetzt sollten wir ihn eigentlich kriegen.«

»Folgt daraus nicht schon, daß der Lady Frances Gewalt angetan worden ist?«

Holmes wiegte den Kopf mit sehr ernster Miene. »Angenommen, daß sie sie bis jetzt gefangen gehalten haben, so ist es klar, daß sie sie nicht loslassen können, ohne ihre eigene Vernichtung herbeizuführen. Wir müssen uns auf das Schlimmste gefaßt machen.«

»Was kann ich tun?«

»Die beiden kennen Sie nicht?«

»Nein.«

»Es ist möglich, daß er künftig zu einem anderen Pfandleiher geht. In diesem Fall müssen wir noch einmal von vorn anfangen. Andererseits aber hat er einen guten Preis erzielt, und Bevington hat keine unbequemen Fragen gestellt – sobald er wieder flüssiges Geld braucht, wird er also wahrscheinlich abermals zu Bevington gehen. Ich werde Ihnen ein paar Worte an ihn mitgeben, und Sie können dort in dem Laden warten. Wenn Schlessinger auftaucht, folgen Sie ihm bis zu seiner Wohnung nach. Aber bitte, alles sehr vorsichtig und« – Holmes lächelte ein wenig zu mir herüber – »keine Gewalttätigkeiten! Ferner verpflichten Sie sich bei Ihrer Ehre, daß Sie keinen sonstigen Schritt ohne meine Kenntnis und Einwilligung unternehmen.«

In den nächsten zwei Tagen brachte uns Herr Philipp Green (er war beiläufig gesagt der Sohn des berühmten Admirals, der im Krimkrieg die Flotte im Asowschen Meer befehligte) keine Neuigkeiten. Am Abend des dritten Tages stürzte er in unser Zimmer, bleich, zitternd, jeder Muskel seiner mächtigen Gestalt schien zu beben vor Erregung.

»Wir haben ihn! Wir haben ihn!« rief er.

In seiner Erregung sprach er unzusammenhängend. Holmes setzte ihn in einen bequemen Stuhl – was stets beruhigt, und zwang ihn mit wenigen Worten zu einer größeren Sammlung.

»Immer sachte, Herr Green, erzählen Sie uns alles ganz der Reihe nach«, bat er.

»Sie kam vor knapp einer Stunde. Es war seine sogenannte Frau diesmal, aber das Ohrgehänge, das sie brachte, war genau das Gegenstück zu dem früheren. Sie ist eine schlanke, blasse Frau mit rötlichen Augen.«

»Das ist sie«, sagte Holmes.

»Als sie den Laden verließ, folgte ich ihr nach. Sie ging die Kenningtonstraße hinauf, und ich blieb dicht hinter ihr. Dann ging sie in ein Geschäft. Herr Holmes, es war ein Begräbnisinstitut.«

Mein Freund fuhr auf. »Was?« fragte er mit jenem vibrierenden Ton, der mir verriet, daß hinter dem kalten grauen Gesicht die Gedanken stürmten.

»Sie sprach mit der Frau in dem Geschäft. Ich trat ebenfalls ein. Ich hörte, wie sie ungefähr sagte: ›Sie halten nicht Wort.‹ Die Frau sagte etwas zur Entschuldigung. ›Er hätte sollen schon längst da sein‹, entgegnete sie. ›Die Arbeit hat länger gebraucht, weil er von dem üblichen Muster abweicht.‹ Beide hielten dann inne und sahen mich an, weshalb ich eine belanglose Frage tat und das Geschäft verließ.«

»Das haben Sie ausgezeichnet gemacht. Was geschah dann?«

»Die Frau kam heraus, aber ich hatte mich in einem Torbogen versteckt. Ihr Verdacht war rege geworden, glaube ich, denn sie sah sich nach allen Seiten um. Darauf rief sie eine Taxe und stieg ein. Ich hatte das Glück, in der Nähe eine zweite zu finden und ihr darin zu folgen. Schließlich hielt sie vor dem Haus Nr. 36 Poultney-Platz, Brixton. Ich fuhr an die nächste Ecke weiter und beobachtete das Haus.«

»Haben Sie irgend jemand gesehen?«

»Die Fenster waren alle dunkel, außer einem im Erdgeschoß. Der Rolladen war heruntergelassen, ich konnte also nicht hineinsehen. Ich überlegte mir, was ich tun könne, als ein gedeckter Lastwagen mit zwei Männern auf dem Bock vorfuhr. Sie stiegen herunter, zogen etwas vom Wagen und trugen es die Treppe hinauf vor die Tür. Herr Holmes, es war ein Sarg.«

»Ah!«

»Trotz meiner Verpflichtung auf meine Ehre war ich in Versuchung, in das Haus einzudringen. Die Tür war geöffnet worden, um die Männer mit ihrer Last einzulassen. Es war wiederum die Frau, die die Türe geöffnet hatte, aber sie sah mich stehen, und ich glaube, sie hat mich wiedererkannt. Ich bemerkte, daß sie stutzte, und sie warf hastig die Tür zu. Ich erinnerte mich meines Versprechens, das ich Ihnen gegeben, und eilte hierher zu Ihnen.«

»Sie haben Ihre Sache hervorragend gemacht«, sagte Holmes, indem er einige Worte auf ein Blatt Papier warf. »Wir können nichts Gesetzliches unternehmen ohne einen Haftbefehl, und Sie können uns am besten dienen, wenn Sie mit diesem Schreiben sofort nach Scotland Yard fahren und sich einen solchen geben lassen. Es mag sein, daß man Schwierigkeiten macht, aber ich denke doch, daß die Verpfändung der Juwelen auch für die Polizei hinreichend ist. Lestrade wird die Einzelheiten regeln.«

»Aber in der Zwischenzeit können sie sie umbringen. Was hat der Sarg zu bedeuten, und für wen soll er bestimmt sein, außer für Lady Frances?«

»Wir werden alles tun, was irgend möglich ist, Herr Green. Wir werden keinen Augenblick verlieren. Verlassen Sie sich auf uns! Jetzt, Watson«, fügte er hinzu, als unser Klient die Treppe hinuntereilte, »wird er die regulären Truppen in Marsch setzen. Wir sind wie gewöhnlich die Vorhut und müssen nach unserem eigenen Plan vorgehen. Die Lage scheint mir so verzweifelt, daß die äußersten Mittel gerechtfertig sind. In meinen Augen wäre es ein Verbrechen, wenn wir nicht unverzüglich nach dem Poultney-Platz aufbrächen.« –

»Wir wollen uns die ganze Lage noch einmal klar machen«, sagte er, als wir an dem Parlamentsgebäude vorbei und über die Westminsterbrücke fuhren. »Diese Bande hat die unglückliche Lady nach London geschleppt, nachdem sie sie vorher von ihrer ergebenen Zofe getrennt haben. Wenn sie überhaupt seitdem Briefe geschrieben hat, dann sind sie abgefaßt oder unterschlagen worden. Durch einen Helfershelfer haben sie ein möbliertes Haus gemietet. Dort haben sie sie gefangen gehalten und haben den wertvollen spanischen Schmuck, auf den sie es von Anfang an abgesehen hatten, in ihren Besitz gebracht. Schon haben sie angefangen, Teile davon zu Geld zu machen; sie glauben, das ohne Gefahr tun zu können, in der naheliegenden Annahme, daß sich niemand weiter um das Geschick der alleinstehenden Dame kümmere. Wenn sie sie freilassen, so wird sie natürlich eine Anzeige erstatten. Also darf sie nicht freigelassen werden. Sie können sie aber auch nicht für ewig hinter Schloß und Riegel halten. Also ist ihr Tod die einzige Lösung.«

»Das scheint mir vollständig logisch.«

»Jetzt wollen wir eine andere Reihe von Überlegungen anstellen. Wenn du zwei verschiedenen Gedankengängen folgst, Watson, so kannst du einen Durchschnitt finden, der der Wahrheit am nächsten kommt. Gehen wir einmal nicht von der Lady Frances, sondern von dem Sarg aus, und zwar rückwärts! Der Vorfall beweist, fürchte ich, zweifelsfrei, daß die Lady tot ist. Er weist auch auf ein richtiges Begräbnis hin, zu dem ein ärztlicher Totenschein und die Genehmigung der Behörde erforderlich sind. Wäre die Lady offensichtlich ermordet worden, so würden sie sie zum Beispiel im Keller vergraben haben. Aber hier ist alles einwandfrei und in Ordnung. Was soll das bedeuten? Sicher, daß sie sie umgebracht haben, aber auf eine solche Art, daß der Arzt getäuscht wurde; der Anschein eines natürlichen Todes muß erweckt worden sein – also Gift zum Beispiel. Und doch ist es kaum zu glauben, daß sie einem Arzt gestattet hätten, die Leiche zu untersuchen, es sei denn, der Arzt wäre mit ihnen unter einer Decke, und das ist doch eigentlich ausgeschlossen.«

»Könnten sie nicht einen Totenschein gefälscht haben?«

»Gefährlich, Watson, sehr gefährlich. Nein, das traue ich ihnen nicht zu. He, Kutscher! halt! Das scheint mir das Begräbnisinstitut zu sein. Würdest du, bitte, hineingehen, Watson? Dein Äußeres erweckt Vertrauen. Frage, bitte, um welche Stunde das Begräbnis vom Poultneyplatz stattfindet.«

Die Frau in dem Institut gab mir ohne Zögern zur Antwort, es sei morgen früh um acht Uhr.

»Du siehst, Watson, das ist alles in Ordnung. Auf irgendeine Art haben sie alle gesetzlichen Vorschriften und Formen erfüllt und sie glauben, sie hätten so gut wie nichts bei diesem durchaus regelmäßigen Begräbnis zu fürchten. Da bleibt uns jetzt gar nichts anderes übrig, als ein Frontalangriff. Bist du bewaffnet?«

»Mein Stock.«

»Nun ja, ich denke, wir sind stark genug. Dreifach ist der gewappnet, der für eine gerechte Sache ficht. Die Geschichte hat sich zu sehr zugespitzt, als daß wir auf die Polizei warten oder innerhalb der Grenzen des Gesetzes bleiben könnten. Jetzt Poultneyplatz Nr. 36. Watson, wir müssen eben unser Herz in beide Hände nehmen und uns auf unser Glück verlassen, wie wir das früher auch schon getan haben.« –

Er hatte stark an der Tür eines großen dunklen Hauses etwa in der Mitte der Häuserzeile des Poultneyplatzes geklingelt. Sogleich erschien eine große schlanke Frau in dem schwach beleuchteten Flur und öffnete uns.

»Was wünschen Sie?« fragte sie unfreundlich und musterte uns in der Dämmerung.

»Ich wünsche, Herrn Doktor Schlessinger zu sprechen«, sagte Holmes.

»Hier wohnt niemand dieses Namens«, erwiderte sie und versuchte, die Tür vor uns zu schließen. Aber Holmes hatte bereits seinen Fuß über die Schwelle geschoben.

»Dann will ich eben den Mann sprechen, der hier wohnt, ganz gleichgültig, wie er sich nennt«, sagte Holmes bestimmt.

Sie zögerte. Dann trat sie zur Seite. »Gut, treten Sie ein!« sagte sie. »Mein Mann braucht keinen Besuch zu scheuen.« Sie schloß hinter uns die Tür und wies uns in ein Zimmer rechts vom Flur, wobei sie das Licht anzündete. »Herr Peters wird sogleich herunterkommen«, sagte sie.

Was sie sagte, traf wörtlich zu, denn wir hatten kaum Zeit gehabt, uns in dem staubigen unsauberen Gemach umzusehen, als die Tür aufging und ein großer, glattrasierter Mann rasch hereintrat. Er hatte ein breites rotes Gesicht mit Hängebacken und die bekannte oberflächlich wohlwollende Miene, dazu aber im Gegensatz einen grausamen, lasterhaften Mund.

»Ohne Zweifel liegt hier ein Irrtum vor, meine Herren«, sagte er mit einer öligen, mir widerlichen Stimme. »Ich vermute, Sie sind falsch hierher gewiesen worden. Vielleicht, daß weiter unten in der Straße –«

»Lassen Sie nur, wir haben keine Zeit zu verlieren«, sagte mein Begleiter herrisch. »Sie sind ein gewisser Peters von Adelaide und nennen sich jetzt Doktor Schlessinger und Sie kommen aus Baden-Baden und im übrigen aus Südamerika. Das weiß ich so genau, als ich Sherlock Holmes bin.«

Peters, wie ich ihn von jetzt ab nennen will, stutzte und sah seinen furchtbaren Verfolger entgeistert an. »Ich denke, Ihr Name braucht mich nicht zu schrecken, Herr Holmes«, sagte er mit Beherrschung. »Wenn man ein reines Gewissen hat wie ich – Was führt Sie zu mir?«

»Ich wünsche zu wissen, was Sie mit der Lady Frances Carfax gemacht haben, die Sie von Baden-Baden hierher entführten.«

»Es wäre mir selbst interessant, zu erfahren, wo die Dame jetzt sein mag«, antwortete Peters nunmehr ganz kalt. »Ich habe nahezu hundert Pfund für sie ausgelegt, ohne anderen Gegenwert dafür als ein Paar nachgemachter alter Ohrgehänge, die nichts wert sind. Sie hat sich in Baden-Baden an uns angeschlossen (wobei ich zugebe, daß ich damals einen anderen Namen führte), und sie hielt sich zu uns, bis wir nach London kamen. Ich habe ihre Hotelrechnung bezahlt und die Fahrt hierher. Aber in London angekommen, verabschiedete sie sich französisch, und ich habe nichts von ihr in Händen, wie gesagt, als diese wertlosen Ohrgehänge. Bitte, finden Sie mir die Lady, Herr Holmes, und ich werde Ihnen sehr verpflichtet sein.«

»Ich werde sie finden«, sagte Sherlock Holmes. »Dies ganze Haus hier werde ich so lange durchsuchen, bis ich sie gefunden habe.«

»Wo ist Ihr gesetzlicher Ausweis?«

Holmes zog einen Revolver zur Hälfte aus der Tasche. »Das ist mein ungesetzlicher Ausweis; der gesetzliche ist unterwegs.«

»Sie sind einfach ein gemeiner Einbrecher!«

»Als das können Sie mich bezeichnen«, sagte Holmes vergnügt. »Mein Begleiter ist ebenfalls ein ganz schwerer Junge, und wir beide werden jetzt Ihr Haus durchstöbern.«

Peters öffnete die Tür.

»Hol einen Schutzmann, Annie!« rief er. Wir hörten das Rauschen von Frauenkleidern auf dem Flur, und wie die Haustür geöffnet und wieder geschlossen wurde.

»Unsere Zeit ist begrenzt, Watson«, sagte Holmes. »Wenn Sie uns in den Weg treten, Peters«, – mit einem Griff nach der Tasche – »dann kommen Sie bedenklich zu Schaden. Wo steht der Sarg, der Ihnen ins Haus gebracht wurde?«

»Was wollen Sie mit dem Sarg? Er ist nicht mehr leer. Es liegt ein Leichnam drin.«

»Diese Leiche muß ich sehen.«

»Mit meiner Erlaubnis niemals.«

»Dann ohne Ihre Erlaubnis.« Mit einer raschen Bewegung hatte Holmes den Mann zur Seite gestoßen und schritt in den Flur hinaus. Uns gerade gegenüber stand eine Tür halb offen. Wir traten ein. Es war das Eßzimmer. Auf dem Tisch zwischen einigen brennenden Kerzen stand der Sarg. Holmes zündete das Licht an und hob den Deckel ab. Tief unten in dem auffallend hohen Sarg lag eine fast fleischlose Gestalt. Wir erblickten ein von Alter und Krankheit verfallenes Gesicht. Durch keinerlei Grausamkeiten, Hunger oder Krankheit entstellt, konnte dies Häuflein Elend die schöne Lady Frances kaum sein. Auf Holmes‘ Gesicht malte sich sein Erstaunen und ebenso seine Erleichterung.

»Gott sei Dank!« murmelte er. »Es ist jemand anders.«

»Für diesmal, Herr Holmes«, sagte Peters, der uns nachgefolgt war, »haben Sie sich vertan. Das werden Sie zu büßen haben.«

»Wer ist die Tote?«

»Nun, wenn Sie es wirklich wissen müssen, sie ist die alte Kinderfrau meiner Frau, Rosa Spender, die wir im Brixton-Altenheim entdeckt haben. Wir haben sie hierher genommen, haben den Doktor Horsom, von Nr. 13 Firbank Niclas – schreiben Sie sich die Adresse auf, Herr Holmes –, zu Rate gezogen und haben sie sorgfältig gepflegt, wie es Christen zukommt. Aber am dritten Tage schon nahm der Herr sie zu sich – der Totenschein gibt als Ursache Altersschwäche an – aber das ist natürlich nur die Ansicht des Arztes; Sie, Herr Holmes, wissen das natürlich besser. Wir beauftragten das Begräbnisinstitut Stimson in der Kenningtonstraße mit der Bestattung, die morgen vormittag um acht Uhr stattfinden wird. Daran können Sie sich den Kopf einstoßen, Herr Holmes, Sie haben einen ganz schlimmen Mißgriff getan und haben jetzt die Folgen zu tragen. Ich würde eine Masse Geld für eine Photographie bezahlen, die Ihr verblüfftes Gesicht zeigt, wie Sie den Deckel aufhoben in der Annahme, die Lady Frances Carfax zu erblicken und nur ein altes totes Weib von neunzig Jahren fanden.«

Holmes‘ Miene war so marmorkalt wie immer unter dem schneidenden Ton seines Gegners, aber seine geballten Fäuste verrieten mir, was in seinem Inneren vorging.

»Ich durchsuche Ihr Haus weiter«, sagte er.

»Die Folgen werden für Sie nur noch schlimmer werden!« rief Peters, als im Flur die Stimme einer Frau und schwere Schritte vernehmbar wurden. »Sind die Schutzleute gekommen? Hierher bitte! Diese zwei Männer sind fast mit Gewalt in mein Haus eingedrungen und erlauben sich hier trotz meines Widerspruches Freiheiten; der eine hat mich mit dem Revolver bedroht, ich bitte Sie um Ihre Hilfe.«

Ein Polizeisergeant und ein Konstabler standen unter der Tür. Holmes zog seine Karte aus der Tasche.

»Hier mein Name mit Adresse. Das da ist mein Freund, Doktor Watson.«

»Sie sind uns beide wohlbekannt«, sagte der Sergeant, »aber Sie dürfen ohne gesetzlichen Grund oder Ausweis in keinem fremden Hause verweilen.«

»Natürlich nicht, das weiß ich.«

»Verhaften Sie ihn!« schrie Peters.

»Wir von der Polizei kennen den Herrn genügend, um ihn festzunehmen, wenn das von der Behörde angeordnet wird«, sagte der Sergeant mit Würde. »Aber Herr Holmes, Sie müssen das Haus verlassen.«

»Ja, Watson, gehen wir!«

Gleich daraus befanden wir uns wieder auf der Straße. Holmes war so kühl wie immer, aber ich kochte vor Ärger und Demütigung. Der Sergeant war uns nachgefolgt.

»Tut mir leid, Herr Holmes, aber das Gesetz ist gegen Sie.«

»Das weiß ich, Sergeant; Sie durften nicht anders handeln.«

»Ich nehme an, Sie waren nicht ohne guten Grund da drinnen. Wenn ich irgend etwas tun kann –«

»Es handelt sich um eine spurlos verschwundene Dame, und ich nehme an, daß sie hier in dem Hause ist. Ich erwarte jeden Augenblick einen Haftbefehl.«

»Dann will ich die Leute im Auge behalten, Herr Holmes. Falls irgend etwas passiert, gebe ich Ihnen sofort Nachricht.«

Es war erst neun Uhr, und wir waren gleich wieder bei der Arbeit, auf der neuesten Spur. Zuerst fuhren wir zum Brixton-Altenheim, wo wir erfuhren, daß in der Tat ein mildtätiges Ehepaar vor einigen Tagen dagewesen war, das ein gänzlich altersschwaches Weiblein als ehemalige Kinderfrau der Familie zu sich zu nehmen wünschte, und daß es die Erlaubnis dazu von der Anstalt bekommen hatte. Daß die Alte inzwischen schon gestorben war, überrasche niemand.

Der Doktor Horsom war unser nächstes Ziel. Er war gerufen worden, hatte die Frau sterbend angetroffen – völliger Alterszerfall der Kräfte – hatte sie später selbst sterben sehen und daraufhin den Totenschein ausgestellt. »Ich versichere Sie, es war alles durchaus normal; der Fall bot gar keine Möglichkeit für irgend etwas Unlauteres«, sagte er. In dem Haus war ihm nichts Verdächtiges aufgefallen, außer vielleicht, daß sie keinen Dienstboten hatten. Mehr konnte der Arzt nicht aussagen.

Schließlich fuhren wir nach Scotland Yard. Wie vorausgesehen, hatte man Schwierigkeiten formeller Art wegen des Haftbefehles gemacht. Eine Verzögerung war unvermeidlich. Die Unterschrift konnte nicht vor dem anderen Morgen erlangt werden. Herr Holmes möchte um neun Uhr bei Herrn Lestrade vorsprechen. So endete dieser Tag. Aber um Mitternacht meldete unser Freund, der Sergeant, er hätte durch die Fenster des großen dunklen Hauses Lichter hin und her sich bewegen sehen, doch sei niemand herausgekommen oder hineingegangen. Uns blieb nichts anderes übrig, als Geduld zu haben und den nächsten Tag zu erwarten.

Sherlock Holmes war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um sich einer Unterhaltung hinzugeben und zu ruhelos, um schlafen zu können. Ich verließ ihn, wie er heftig an seiner Pfeife zog, die Brauen ganz eng zusammengezogen und mit seinen langen Fingern auf die Armlehne trommelnd. Mehrmals im Laufe der Nacht hörte ich ihn im Hause herumgeistern. Endlich, als ich eben geweckt worden war, kam er in mein Zimmer geeilt. Er hatte einen Schlafrock an, aber sein bleiches, hohläugiges Gesicht sagte mir, daß er eine schlaflose Nacht verbracht hatte.

»Wann sollte das Begräbnis sein? Um acht, nicht wahr?« fragte er. »Und jetzt haben wir zwanzig Minuten nach sieben. Herrgott, Watson, was ist aus all meinem berühmten Hirn geworden, das die Natur mir geschenkt hat! Schnell, Watson, schnell! Es geht um Leben und Tod; hundert Chancen auf Tod gegen eine auf Leben. Ich werde es mir nie verzeihen, wenn wir zu spät kommen!«

Kaum fünf Minuten später fuhren wir in einer Droschke die Bakerstraße hinunter, mit einer Geschwindigkeit, die strafbar war. Trotzdem war es schon sieben Uhr fünfunddreißig, als wir an der Paulskathedrale vorüberkamen und es schlug acht, als wir in die Brixtonstraße einbogen. Aber die anderen waren auch zu spät aufgestanden. Zehn Minuten nach acht stand die Bahre noch vor der Tür, und gerade als unser Wagen hielt, erschien der Sarg auf der Schwelle. Holmes sprang vor und versperrte den Trägern den Weg.

»Tragen Sie ihn zurück!« rief er, indem er dem vordersten Träger die Hand auf die Brust legte. »Der Sarg muß zurück ins Haus.«

»Was zum Henker machen Sie hier? Ich frage Sie noch einmal, wo ist Ihr gesetzlicher Ausweis?« schrie der wütende Peters, dessen breites rotes Gesicht hinter dem Sarg auftauchte.

»Der Ausweis ist unterwegs. Der Sarg bleibt hier im Hause, bis der Ausweis da ist.«

Die Autorität in Holmes‘ Stimme tat ihre Wirkung auf die Träger. Peters war plötzlich ins Haus verschwunden, und die Leute folgten ihm nach. »Schnell, Watson, schnell! Hier ist ein Schraubenzieher«, rief er, als der Sarg wieder aus dem Tische stand. »Hier, Sie« – zu einem der Träger gewendet – »nehmen Sie den da, Sie bekommen einen Sovereign, wenn der Deckel in einer Minute offen ist. Fragen Sie nichts; los, Mann, arbeiten Sie! So ist’s recht! Noch eine! Und noch eine! Jetzt hebet alle zusammen. Er gibt nach, bravo, er gibt nach. Ah, jetzt haben wir’s!«

Als der Deckel sich löste, bemerkte ich sofort einen deutlichen Geruch von Chloroform, der sich stark vermehrte, als wir den Deckel ganz abnahmen. Ein Leichnam lag darunter, dessen Kopf ganz vergraben war unter Watte, die mit Chloroform getränkt war. Holmes nahm sie fort und enthüllte das marmorbleiche Antlitz einer hübschen Frau von mittlerem Alter. Im Nu hatte er ihr einen Arm unter den Rücken geschoben und richtete sie auf.

»Ist sie tot, Watson? Oder ist da noch ein Fünkchen Leben? Hoffentlich sind wir nicht zu spät gekommen!«

Eine halbe Stunde lang schien es allerdings so. Die Erstickung durch die feuchte Watte und der Luftmangel in dem Sarg, dazu noch das Chloroform, das war mehr als genügend, um ein Lebenslicht auszulöschen. Und doch gelang es, mit künstlicher Atmung, mit Äthereinspritzungen und allen modernen ärztlichen Hilfsmitteln, das scheinbar erloschene Flämmchen wieder heller brennen zu lassen. Die schwache Spur eines Hauches auf einem Spiegel, das Zucken eines Lides verrieten das langsam wiederkehrende Leben. Ein Wagen fuhr vor. »Da kommt endlich Lestrade«, rief Holmes. »Er wird das Nest leer finden. Und hier«, fügte er hinzu, als ein kräftiger Schritt im Flur draußen erklang, »kommt einer, der das erste Anrecht darauf hat, die Dame zu pflegen und, wenn sie zum Bewußtsein erwacht, zu begrüßen. Guten Morgen, Herr Green. Ich denke, je eher wir die Lady Frances fortschaffen können, desto besser. Inzwischen mag das Begräbnis der armen Alten stattfinden, die noch unten im Sarg liegt und mit ihrem armen ausgezehrten Körper ein Verbrechen verbergen sollte.« –

»Solltest du die Absicht haben«, sagte Holmes am Abend zu mir, »diesen Fall zu veröffentlichen, dann wird er als Beispiel dafür dienen, wie auch der bestgeschulte Geist manchmal vorübergehend versagen kann. Solchem Versagen sind alle Sterblichen ausgesetzt. Groß ist derjenige, der sein Minus rechtzeitig erkennt und es auszugleichen vermag. Das darf ich vielleicht für mich in Anspruch nehmen. Die letzte Nacht verfolgte mich der Gedanke, daß eine Spur, eine merkwürdige Beobachtung, ein auffälliges Wort vielleicht zu meiner Kenntnis gelangt sei und von mir nicht genügend gewertet worden sei. Dann kamen mir plötzlich im Morgengrauen die Worte in die Erinnerung zurück. Es waren die Worte, die Philipp Green in dem Begräbnisinstitut von der Frau gehört hatte: ›Er hätte sollen schon längst da sein; die Arbeit hat länger gebraucht, weil er von dem üblichen Muster abweicht.‹ Sie sprach von dem Sarg. Er wich von dem üblichen Muster ab. Das konnte nur heißen, daß seine Maße ungewöhnlich waren. Aber warum? Wozu? Dann auf einmal erinnerte ich mich der ungewöhnlichen Tiefe des Sarges und der fast körperlosen, abgezehrten Gestalt, die auf seinem Grunde lag. Wozu solch ein tiefer Sarg für eine so schmächtige Leiche? Um noch Platz zu haben für eine andere Leiche. Beide würden dann auf den einen Totenschein begraben. Es war alles so klar, nur mein Hirn versagte und sah den Zusammenhang nicht. Um acht Uhr sollte die Lady Frances bestattet werden. Unsere einzige Hoffnung war noch die, den Sarg anzuhalten, ehe er das Haus verließ.

Wir hatten nur eine ganz geringe Aussicht, sie noch lebend anzutreffen, aber immerhin, die Aussicht war vorhanden, und das Ergebnis hat uns recht gegeben. Diese Leute hatten meines Wissens noch keinen Mord begangen; sie würden auch diesmal vor einer blutigen Tat zurückschrecken. Sie konnten sie begraben, ohne irgendeinen Verdacht auf sich zu lenken, und selbst wenn die Leiche ausgegraben wurde, war kaum etwas Verdächtiges zu entdecken. Ich hoffte, daß solche Überlegungen den Ausschlag bei ihnen gäben. Du kannst dir die Szene gut rekonstruieren. Du hast das Loch oben bei der Treppe gesehen, wo sie die arme Lady gefangen hielten. Sie stürzten herein, überwältigten sie mit Chloroform, trugen sie hinunter in den Sarg, taten die chloroformgetränkte Watte über ihr Gesicht, damit sie nicht wieder erwache und schraubten den Deckel zu. Ein kluger Plan, Watson. Er ist für mich etwas ganz Neues. Wenn der Missionar mit Gattin den Fängen Lestrades entwischt, so werden wir gelegentlich noch Hervorragendes von diesem Paare hören.«

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