Das Urteil von Bolinas Plain

Der Wind erhob sich auf der Bolinas Plain. Er hatte den feinen Alkalistaub längs der ebenen Poststraße aufgewirbelt, so daß selbst diese feine Spur – die einzige Unterbre­chung in der monotonen Landschaft – feiner schien als je. Aber andererseits war die Staubwolke eine Erleichterung: Sie nahm die Gestalt entfernter Wälder an, wo es keinen Baum gab, und die Gestalt fahrender Gespanne, wo kein Leben war. Und als Sue Beas­ley an der Schwelle von One-Spring-House stand, ihre gelben Wimpern mit der kleinen roten Hand beschattend, und die öde Fährte entlang blickte, wurden selbst ihre an den öden Anblick gewöhnten Augen ein- oder zweimal getäuscht.

„Sue!“

Es war eines Mannes Stimme von drinnen her. Sue beachtete sie nicht, sondern blieb stehen, mit der Hand die Augen beschattend.

„Sue! Vorüber döst du hier ’nun?“

„Dösen“ schien die lokale Bezeichnung für ihre Zerstreutheit zu sein, da sie, ohne den Kopf zu wenden, langsam und schläfrig erwiderte: „Schätzte, ich hätt‘ wen auf der Poststraße gesehen. Aber ’s ist niemand und nix.“

Beide Stimmen hatten in ihrem Tonfall und Vortrag etwas von der Traurigkeit und gren­zenlosen Ausdehnung der Ebene. Aber in der Stimme der Frau lag eine musikalische Möglichkeit in den langgezogenen Kadenzen, während die des Mannes lediglich mono­ton und ermüdend war. Und als sie sich wieder zurück nach dem Zimmer wandte und ih­rem Gefährten gegenüber trat, lag der gleiche Unterschied in ihrer Erscheinung. Ira Beasley, ihr Gatte, hatte unter den vereinten Wirkungen von Gleichgültigkeit, Nachlässigkeit, Miß­geschick und Krankheit gelitten. Zwei seiner Finger hatte eine Sichel abgeschnitten; sein Daumen und ein Teil seines linken Ohres waren von einer überladenen Flinte weggebla­sen worden; seine Knie waren durch Rheumatismus verkrüppelt und ein Fuß war lahm durch eingewachsene Nägel – Entstellungen, die jedenfalls nicht dazu beitrugen, die ursprüngliche Eckigkeit seines Körperbaus zu verbessern. Sein Weib dagegen hatte eine hübsche Figur, die sich immer noch – sie waren kinderlos – die rundliche Frische der Mädchenzeit bewahrt hatte. Ihre Züge waren unregelmäßig, doch nicht ohne einen gewissen pikanten Reiz im Umriß; ihr Haar hatte die zwei Schattierungen, die man manchmal bei unvollkommenen Blonden sieht, und ihre Gesichtsfarbe die gelbliche Blässe, die durch die beständige Wirkung des Alkalistaubes und die Assimilation an ihn entsteht.

Sie hatte hier gelebt, seit ihr, dem linkischen Mädchen von 15 Jahren, Ira ungeschickt vom Hinterbrett des Auswandererwagens geholfen hatte, in dem ihre Mutter zwei Wochen früher gestorben war und der vor Iras Türe zum ersten Male auf den kalifor­nischen Ebenen haltmachte. Am zweiten Tage ihres Aufenthaltes hatte Ira versucht, sie zu küssen, während sie Wasser schöpfte, und hatte dafür den Inhalt des Kübels bekom­men – denn das Mädchen kannte seinen Wert. Am dritten Tag hatte Ira eine Unterredung mit ihrem Vater über Wohnung und finanzielle Dinge. Am vierten Tage wurde diese Unterredung in Gegenwart des Mädchens fortgesetzt; am fünften Tag pilgerten die drei zu Pfarrer Davies‘ Haus, vier Meilen weit, wo Ira und Sue getraut wurden. Die Romanze einer Wo­che hatte innerhalb des Umkreises stattgefunden, der jetzt ihren Blick, wenn sie an der Schwelle stand, begrenzte; die Episode ihres Lebens hätte mit diesem letzten Sinken ih­rer gelben Wimpern schließen können.

Dennoch trieb sie in diesem Augenblick irgendein Instinkt, sie wußte nicht was, als ihr Gatte das Zimmer verließ, den Teller niederzulegen, den sie eben wusch und sich, das Tuch über ihre blonden, hübschen Arme hängend, noch einmal an den Türpfosten zu lehnen und träge die Ebene hinab zu blicken. Eine walzenförmige Staubwolke, die ihren zerfetzten Rand die Poststraße entlang schleifte, überfiel plötzlich das Haus und hüllte es für einen Augenblick ein. Als sie wieder davongewirbelt war, tauchte oder fiel viel­mehr etwas aus ihren Rändern hinter der kleinen Gruppe niedriger Büsche, die One-Spring umsäumten. Es war ein Mann.

„Da! Ich wußte, ’s war was,“ begann sie laut, aber die Worte erstarben irgendwie auf ih­ren Lippen. Dann wandte sie sich um und schritt auf die innere Türe zu, durch die ihr Gatte verschwunden war, blieb jedoch hier wieder unentschlossen stehn. Dann ging sie plötzlich durch die äußere Tür auf die Straße und direkt auf die Quelle zu. Die Gestalt eines kauernden Mannes, staubbedeckt, erhob sich halb aus den Büschen, als sie diese erreichte. Sie erschrak nicht, denn er schien gänzlich erschöpft zu sein, und es lag eine seltsame Mischung von Scham, Zögern und Flehen in seiner gebrochenen Stimme, als er keuchte:

„He! Versteckt mich irgendwo! Bloß für ’ne Weile. Die Sache ist nämlich die – ich werde gejagt! Sie sind hinter mir her – dicht auf den Fersen. Egal wo, bis sie vorbei sind. Werd Euch ein anderes Mal alles erzählen. Schnell! Bitte!“

In all dem lag für sie nichts Dramatisches oder auch nur Erschreckendes. Auch schien dem Mann im Augenblick keine Gefahr zu drohen. Er sah nicht wie ein Pferdedieb oder Sträfling aus. Und er hatte zu lachen versucht, halb rechtfertigend, halb bitter – mit dem Bewußtsein eines Mannes, der in solch einem Augenblick um die Hilfe einer Frau bitten muß.

Sie warf einen raschen Blick nach dem Haus. Er folgte ihren Augen und sagte eilig: „Verratet mich nicht. Laßt niemand mich sehen. Ich vertrau‘ Euch.“

„Kommt,“ sagte sie plötzlich, „geht auf diese Seite.“

Er verstand sie und schlüpfte an ihre Seite, halb kriechend, halb gebückt wie ein Hund, dicht am Saume ihrer Kleider, doch ihre Gestalt zwischen sich und dem Hause haltend, als sie bedächtig auf die Scheune zuging, die kaum 50 Yards entfernt war. Als sie sie er­reicht hatte, öffnete sie rasch die Halbtür, sagte: „Hinein da – hinauf – ins Heu,“ schloß die Tür und wandte sich ab; da kam ein fernes Klopfen von innen. Sie öff­nete ungeduldig die Tür von neuem; der Mann sagte hastig: „Wollt‘ Euch sagen – es war ein Mann, der eine Frau beleidigte! Ich knöpfte ihn mir vor – und – –.“

Aber sie schloß heftig die Tür. Der Flüchtling hatte einen Fehler gemacht. Daß er ihr eigenes launisches Geschlecht in die Erklärung eingeführt hatte, nützte ihm nichts. Sie schritt indessen weiter auf das Haus zu, ohne die geringste Spur von Erregung in ihrem Benehmen, trat wieder durch die Vordertür ein, ging ruhig zu der Tür des inneren Zimmers, blickte hinein, sah, daß ihr Gatte in das Spleißen einer Riata* vertieft war und sie offenbar nicht vermißt hatte, und kehrte ruhig zu ihrem Abwasch zurück. Mit einem einzigen Unterschied. Wenige Augenblicke früher war sie unaufmerksam erschienen und achtlos gegenüber dem, was sie tat, als ob sie zerstreut wäre; nun, da sie wirklich abgelenkt war, wurden ihre Bewegungen mechanisch geschickt und über­legt. Sie hielt sorgsam den Teller empor und untersuchte ihn peinlich nach Sprüngen, ihn vorsichtig mit dem Tuche wischend, während sie doch immerfort nur den Mann sah, den sie in der Scheune gelassen hatte. Einige Augenblicke verstrichen. Dann kam ein neuer Windstoß um das Haus, eine wehende Staubwolke vor der Tür, das Klappern von Hufen und ein heller Ruf.

Ihr Gatte erreichte vom inneren Zimmer her die Tür fast so schnell wie sie. Beide sahen auf der Straße zwei bewaffnete und berittene Männer – einen davon erkannte Ira als den Deputy Sheriff.

„Ist jemand hier gewesen, gerade eben?“ fragte er scharf.

„Nein.“

„Jemanden vorbeikommen gesehen?“ fuhr er fort.

„Nein. Was ist denn los?“

„Einer von diesen Zirkus-Akrobaten erstach Hal Dudley über den Tisch im Monte-Lo­kal von Dolores gestern Abend und entkam heute morgen. Wir jagten ihn auf die Ebene und verloren ihn irgendwo in diesem verdammten Staub.“

„Nun, Sue dachte, sie hätt‘ eben was gesehen,“ sagte Ira in plötzlicher Erinnerung. „War’s nicht so, Sue?“

„Warum, zum Teufel, hat sie das nicht gleich gesagt? Verzeihung, Ma’am, habe Sie nicht gesehen – entschuldigen Sie bitte – die Eile.“

Beider Männer Hüte waren in den Händen, ein überraschtes, jedoch befriedigtes Lä­cheln lag auf ihren Gesichtern, als Sue heraustrat. Die zarteste Farbe war auf ihren blassen Wangen, ein lebhaftes Glitzern in ihren Augen: Sie sah ausnehmend hübsch aus. Selbst Ira fühlte eine leichte hochzeitliche Aufwallung nach all den eintönigen Jahren der Ehe.

Das junge Weib kam heraus, das Tuch um die roten Hände und Unterarme schlingend, so daß die rundliche Weiße der bloßen Ellbogen und Oberarme reizend kontrastierte, und blickte ernst an den bewundernden Gestalten vorbei, die sie fast berührten, „’s war irgendwas dort drüben,“ sagte sie schleppend, in die der Scheune gegenüberliegende Richtung auf die Straße hin­aus deutend; „aber ich bin nicht sicher, daß es wirklich etwas war.“

„Dann hat er schon das Haus passiert, bevor Sie ihn sahn,“ sagte der Deputy.

„Das glaube ich auch – wenn er’s war,“ entgegnete Sue.

„Er muß vorwärts gekommen sein,“ sagte der Deputierte; „aber dann läuft er wie ein Wild: ’s ist halt sein Gewerbe.“

„Was für ’n Gewerbe?“

„Akrobat.“

„Was ist das?“

Die beiden Männer waren über diese himmlische Einfalt entzückt. „Ein Mann, der rennt, springt, klettert und all dergleichen im Zirkus.“

„Aber rennt, springt und klettert er nicht nur einfach von Euch weg?“ fuhr sie mit anbe­tungswürdiger Naivität fort.

Der Deputy lächelte, straffte sich jedoch im Sattel. „Wir müssen ihn einzu­holen, bevor er Lowville erreicht; und zwischen dort und diesem Haus ist ’ne tote Flä­che, wo keine Ratte ihr Loch verlassen kann, ohne daß man sie auf ’ne Meile weit sieht! Good-bye!“ Die Worte waren an Ira gerichtet, aber der Abschiedsblick fiel auf seine hüb­sche Frau, als die beiden Männer davongaloppierten.

Eine seltsame Bedrücktheit über die plötzliche Offenbarung der Hübschheit seines Weibes und ihre sichtliche Wirkung auf die Besucher überkam Ira. Sie führte dazu, daß er den leeren Platz vor seiner Haustür anredete: „Well, Ihr werdet nicht viel fangen, wenn Ihr fortfahrt, so nach dem Weibervolk zu gaffen und mit ihm herumzualbern.“ Und er war unmä­ßig erfreut über den hübschen, beistimmenden Hohn und die Verachtung, die in seines Weibes Augen funkelten, als sie hinzufügte: „Nicht viel, schätz‘ ich.“

„Das ist die Sorte von amtlichen Taugenichtsen, für die wir Steuern bezahlen müssen,“ sagte Ira, der irgendwie glaubte, daß, wenn die öffentliche Politik nicht privater Meinung unterworfen ist, ein freies Regiment keinen Wert hat. Mrs. Beasley aber nahm selbstzu­frieden ihr Tellerwaschen wieder auf, und Ira kehrte zu seiner Riata in das Nachbar­zimmer zurück. Eine ganze Weile lang gab es keinen Laut als das gelegentliche Klappern eines Tellers, der auf den Stapel gelegt wurde mit Fingern, die jedoch fest waren und nicht zitterten. Bald darauf hörte man Sues tiefe Stimme.

„Möchte wissen, ob dieser Deputy schon was gefangen hat. Ich hätt‘ gute Lust, die Straße ‚rauf zu schlendern und nachzuschaun.“

Aber diese Frage brachte Ira an die Türe mit einer leichten Wiederkehr seiner früheren Unruhe. Er dachte nicht daran, sein Weib noch einmal einer Begegnung mit ihren Be­wunderern auszusetzen. „Ich schätze, ich geh‘ selber,“ sagte er unschlüssig. „Du bleibst lieber hier und schaust auf das Haus.“

Ihre Augen leuchteten, als sie einen Stoß Teller zum Büfett trug. Es war möglich, daß sie dieses Ergebnis vorausgesehen hatte. „Ja,“ sagte sie fröhlich, „du kannst weiter gehn als ich.“

Ira überlegte. Er konnte sie auch an ihre Pflichten erinnern, wenn sie daran denken sollten, zurückzukehren. Er hob seinen Hut vom Boden auf, nahm die Flinte sorgsam von ihrem Haken und tappte hinaus auf die Straße. Sue beobachtete ihn, bis er weit genug weg war, eilte dann zu der Hintertür, blieb für einen Augenblick stehen, um ihr Gesicht in einem kleinen Spiegel an der Wand zu betrachten, doch ohne ihre neue Hübschheit wahrzunehmen, und lief dann zu der Scheune. Sie warf einen Blick zurück auf die in der Ferne verschwindende Gestalt ihres Gatten, stieß sie die Türe auf und schloß sie rasch hinter sich. Zuerst verwirrte sie der unvermittelte Wechsel zwischen der blendenden Ebene draußen und dem tiefen Schatten der Scheune. Sie sah vor sich einen Kübel, halb gefüllt mit schmutzigem Wasser, und einiges nasses Stroh auf den Boden gestreut; dann, die Augen zum Heuboden erhebend, entdeckte sie die Gestalt des Flüchtlings, wie sie, vom Gürtel aufwärts unbekleidet, aus dem losen Heu auftauchte, in dem er sich offenbar abgetrocknet hatte. Ob es die Erregung durch seine gefährliche Situation war oder ob die vollendete Symmetrie seiner entblößten Brust und Arme – ganz anders als alles, was sie je vorher gesehen hatte – ihm die kalte Makellosigkeit einer Statue verlieh, konnte sie nicht sagen, aber sie fühlte sich in ihrer Keuschheit nicht verletzt, während der Mann, gewöhnt, vor dem Publikum in Trikot und Flitter halb entblößt zu sein, sich mehr dessen bewußt war, daß er unvorbereitet überrascht wurde, als daß er Scham empfunden hätte.

„Wasch mir grade den Staub ab,“ erklärte er eilig. „Bin in ’ner Sekunde unten.“ Und wirklich hatte er in einem Augenblick sein Hemd und einen Flanellrock angetan und schwang sich zum Boden herab mit ebensoviel Grazie wie Geschicklichkeit, die für sie die Offenbarung eines herabsteigenden Gottes war. Sie fand sich ihm Angesicht zu Angesicht gegenüber – seine Züge von Schmutz und Erde gereinigt, sein Haar in nassen Löckchen an die niedrige Stirne geklebt. Es war ein Gesicht von vulgärer Schmuckheit, nicht ungewöhnlich in seinem Gewerbe, unintelligent, roh und sogar unheroisch; aber das wußte sie nicht. Sie überwand eine plötzliche Furchtsamkeit und erzählte ihm kurz und bündig von der Ankunft und dem Abgang seiner Verfolger.

Seine niedrige Stirne runzelte sich. „Da gibt’s kein Wegkommen, bevor sie nicht zurück sind,“ sagte er, ohne sie anzuschaun. „Könnt Ihr mich heute Nacht hier behalten?“

„Ja,“ erwiderte sie einfach, als ob ihr dieser Gedanke auch schon gekommen wäre; „aber Ihr müßt Euch tief ins Heu verkriechen.“

„Und könntet Ihr –,“ er zögerte und fuhr mit einem gezwungenen Lächeln fort: „Seht Ihr, ich habe seit gestern nachts nichts gegessen – könntet Ihr –“.

„Ich werd‘ Euch was bringen,“ sagte sie rasch, mit dem Kopfe nickend.

„Und wenn Ihr was hättet –,“ er fuhr noch zögernder fort, auf seine auf der Flucht zer­rissenen und abgenutzten Kleider hinabblickend, „etwas wie einen Rock oder irgend ’nen anderes Stück? Es würde mich auch verkleiden, und sie von der Fährte ab­bringen.“

Wieder nickte sie schnell mit dem Kopf. Sie hatte auch daran gedacht; da war ein Paar hirschlederner Hosen und eine Samtjacke, die ein mexikanischer Vaquero* zurückge­lassen hatte, als er vor zwei Jahren bei ihnen Vorräte kaufte. Da sie sehr praktisch veranlagt war, bestärkte die plötzliche Überzeugung, daß er in der Samtjacke gut aussehen würde, ihren Entschluß.

„Sagten sie –,“ sagte er mit seinem gezwungenen Lächeln und unruhigen Blick, ,,sagten sie irgendwas über mich?“

„Ja,“ sagte sie abwesend und starrte ihn an.

„Seht Ihr,“ begann er eifrig, „ich will Euch erzählen, wie es war.“

„Nein, tut es nicht!“ sagte sie rasch. Sie meinte es so. Sie wollte, daß keinerlei Tatsachen zwischen ihr und diesem einzigen Roman ihres Lebens stünden. „Ich muß gehen und die Sachen holen,“ fügte sie, sich abwendend, hinzu, „bevor er zurückkommt.“

„Wer ist er?“ fragte der Mann.

Sie war im Begriff zu erwidern: „Mein Gatte,“ hielt jedoch inne, ohne zu wissen warum, sagte: „Mr. Beasley,“ und lief dann rasch nach dem Hause davon.

Sie fand die Kleider des Vaqueros, nahm etwas Proviant, füllte eine Flasche mit Whiskey aus der Kredenz und lief damit zurück, den Mund zu einem vagen Lächeln verzogen und mit klopfendem Herzen wie ein Schulmädchen. Sie unterdrückte sogar nur mit Mühe den Ausruf „Da!“, als sie ihm die Sachen aushändigte. Er dankte ihr, doch seine Augen hafteten fasziniert auf dem Essen. Sie verstand es mit einem neuen Zartgefühl, sagte: „Ich komme wieder, wenn er zurück ist,“ lief fort und kehrte ins Haus zurück, ihn bei seiner Mahlzeit allein lassend.

Inzwischen hatte ihr Gatte, der lässig die Landstraße entlang schlenderte, die Kata­strophe, die er zu vermeiden wünschte, beschleunigt. Denn seine schlottrige Gestalt, sil­houettenhaft gegen den Horizont dieser eintönigen Fläche sich abhebend, war die einzige gewesen, die der Deputy Sheriff und sein Begleiter, der Konstabler, ent­deckten, und sie sprengten bis auf 50 Yards an ihn heran, bevor sie ihr Mißverständnis einsahen. Sie waren schnell bei der Hand, daraus eine Entschuldigung zu machen, daß sie ihre Nachforschung bis Lowville aufgaben. In der Tat hatten sie, nachdem sie Mrs. Beasley verlassen hatten und nicht mehr durch ihre Gegenwart abgelenkt wurden, ohne im mindesten die Wahrheit zu argwöhnen, zu zweifeln begonnen, ob der Flüchtling so weit gekommen sei. Er konnte in diesem Augenblick gemütlich hinter irgendeinem nied­rigen Rücken von Rispengras verborgen sein, ihre eigenen scharfbegrenzten Gestalten beobachten und nur auf die Nacht warten, um ihnen zu entkommen. Beasleys Haus schien ein geeigneter Standplatz zu sein, um von dort aus das Feld zu durchforschen. Iras kalte Aufnahme dieses Vorschlags wurde von dem Deputy in passender Weise erle­digt. „Wie Ihr wißt, habe ich das Recht,“ sagte er mit einer grimmigen Heiterkeit, „Euch als Gehilfen heranzuziehen, damit Ihr mir helft, das Gesetz zu vollstrecken; aber ich bin kein Mann dazu, der mit seinen Freunden grob umspringt, und ich schätze, es wird ebensogut sein, wenn ich Euer Haus requiriere.“ Die schreckliche Erinnerung daran, daß der Deputierte die Macht hatte, ihm und dem Konstabler zu befehlen, das Feld zu durchsuchen, während er in der Gesellschaft Sues zurückbliebe, erstickte Iras weitere Einwände. Doch wenn er nur sie loswerden könnte, während der Deputierte im Haus weilte – aber damals war sein nächster Nachbar fünf Meilen weit entfernt. Es blieb ihm nichts übrig, als mit den Männern zurückzukehren und sein Weib eifrig zu beobachten. Seltsamerweise lag darin ein gewisser Reiz, der sei­nen monotonen Lebenslauf aufstörte und den er nicht ohne ein vages Vergnügen empfand. Es liegt für manche Naturen in neu erwachender Eifersucht eine Offenbarung, die eine Reinkarnation der Liebe bedeutet.

Als sie ins Haus kamen, schien ein geringfügiger Umstand, der eine Stunde früher seine schwerfällige Empfänglichkeit kaum berührt hätte, nun seine Furcht zu bestärken. Sein Weib hatte die Ärmelkrausen und den Kragen gewechselt, ihre grobe Schürze abgelegt und offensichtlich ihr Haar in Ordnung gebracht. Dies sowie der erhöhte Glanz ihrer Augen, den er schon früher bemerkt hatte, überzeugte ihn, daß der Besuch des Depu­tierten der Anlaß zu all dem war. Ohne Zweifel fühlte sich der Beamte in gleicher Weise von ihrer Hübschheit angezogen und fasziniert, und obwohl die Art, wie sie seine Rück­kehr aufnahm, sicherlich keine herzliche war, zeigte sich eine Art spröder Zurückhaltung und übertriebenes Selbstbewußtsein in ihrem Benehmen, die Koketterie sein konnte. Ira hatte diese Eigenschaft bei andern jungen Frauen undeutlich beobachtet, sie jedoch nie selbst in seiner kurzen Freierszeit erfahren. Es hatte keine Rivalität, keine erotische Diplomatie oder Unaufrichtigkeit bei seiner Eroberung des mutterlosen Mädchens gegeben, das vom Hinterbrett des Wagens ihres Vaters fast in seine Arme sprang, und kein Mann war seit­her zwischen sie getreten. Der Gedanke, daß Sue sich um irgendeinen andern als um ihn kümmern könnte, war für seine gelassene Tatsachennatur unfaßbar gewesen. Daß ihr Sakrament endgültig wäre, hatte er nie bezweifelt. Wenn seine beiden Kühe, gekauft mit seinem eigenen Geld oder von ihm aufgezogen, plötzlich eine Neigung verraten hätten, dem Nachbar Milch zu geben, wäre er nicht erstaunter gewesen. Aber die konnten mit einem Strick und ohne Herzklopfen zurück­gebracht werden.

Eine Leidenschaft solcher Art, die in einer weniger aufrichtigen Gesellschaft ihren Aus­druck auf versteckt anspielende oder gezwungene Höflichkeit beschränkt hätte, machte den bäurischen Ira lediglich stumm, und lethargisch. Er bewegte sich langsam und zerstreut im Zimmer herum, seine leichte Lahmheit mehr denn je betonend, oder ließ sich hilflos in einen Stuhl fallen, wo er sitzen blieb, dumpf bewußt der Nähe seines Weibes und des Deputies und blöde wartend – er wußte nicht worauf. Die Atmosphä­re des kleinen Hauses schien ihm mit einer ungesunden Elektrizität geladen zu sein. Sie entflammte seines Weibes Augen, reizte den Deputierten und seinen Gefährten zu plum­per Scherzhaftigkeit, verzauberte seine eigenen Glieder, daß sich seine Finger konvulsi­visch um den Band seines Stuhles krampften. Dennoch brachte er es fertig, an der Idee festzuhal­ten, sein Weib zu beschäftigen und jedes Augenspiel zwischen ihr und ihren Gästen oder eine eifrige und gefährlich hinfließende Konversation zu verhindern, indem er ihr befahl, einige Erfrischungen zu bringen. „Wer hat sich über die Whiskeyflasche hergemacht?“ sagte er, nachdem er in dem Küchenschrank herumgekramt hatte.

Mrs. Beasley zuckte nicht einmal mit der Wimper. Sie warf nur den Kopf etwas zurück. „Wenn ihr Mannsbilder nicht mit ’nem Kaffee und Pfannkuchen auskommen könnt, die ich euch machen will, so könnt ihr euch gleich zur erstbesten Kneipe davonscheren und euch dort euren Cocktail geben lassen. Wenn’s ’n Barkeeper ist, den ihr braucht, und nicht ’ne Dame, so sagt’s nur!“ Die überraschende Kühnheit dieser Rede und die Tatsache, daß sie jene Voreingenommenheit andeutete, die er erhoffte, erleichterten Ira für einen Augenblick, während sie die Gäste als ein Aufblitzen faszinierender Koketterie bezauberten.

Triumphierend verschwand Mrs. Beasley in der Küche, streifte die Ärmel hoch und mach­te sich an die Arbeit, und erschien wenige Augenblicke später mit einem Tablett, das die Pfannkuchen und den dampfenden Kaffee trug. Da weder sie noch ihr Gatte irgend etwas aßen (möglicherweise infolge einer gleichen Voreingenommenheit), waren die Gäste ge­zwungen, ihre Aufmerksamkeit auf das Mahl, das vor ihnen stand, zu beschränken. Auch näherte sich die Sonne schon dem Horizont, und obwohl ihre fast waagrechten Strahlen wie ein mächtiger Scheinwerfer über die ausgestreckte Ebene leuchteten, würde doch bald die Dämmerung jeder Nachforschung ein Ende machen. Dennoch zö­gerten sie. Ira sah nun eine neue Schwierigkeit voraus: Die Kühe mußten hereingeholt und Futter aus der Scheune gebracht werden; da würde er gezwungen sein, sein Weib und den Deputy zu verlassen. Ich weiß nicht, ob Mrs. Beasley diese Verlegenheit ahnte, aber sie erbot sich nachlässig, selber diese Abendarbeit zu verrichten. Iras Herz hüpfte und stockte sogleich wieder, als der Deputierte galant vorschlug, ihr zu helfen. Aber ihre bäurische Einfalt schien der Situation gewachsen zu sein. „Wenn ich vor­schlage, Iras Arbeit zu tun,“ sagte Mrs. Beasley mit aufreizender Mutwilligkeit, „so ist’s, weil ich schätze, er wird Euch ’ne bessere Hilfe sein, wenn Ihr Euren Mann fangt, als Ihr ’ne Hilfe für mich sein werdet! Drum macht Euch fort, alle beide!“ Eine weibliche Kühnheit, die den Deputy wieder zur Besinnung brachte und ihm keine andere Wahl ließ, als Iras Beistand zu akzeptieren. Ich weiß nicht, ob Mrs. Beasley Gewissensbisse emp­fand, als ihr Gatte sich dankbar erhob und hinter dem Deputy dreinhinkte; ich weiß nur, daß sie dastand und ihnen von der Türe aus nachschaute, lächelnd und tri­umphierend.

Dann schlüpfte sie wieder aus der Hintertür und lief schnell zur Scheune, im Laufen ihre sauberen Ärmelkrausen und ihren Kragen befestigend. Der Flüchtling erwartete sie ängstlich mit einem leichten Anflug von Ungeduld in seiner Begier. „Dachte, Ihr würdet nimmer kommen!“ sagte er. Sie klärte ihn atemlos auf und zeigte ihm durch die halbge­öffnete Tür die Gestalten der drei Männer, die sich über die Ebene zerstreuten und aus­einanderliefen wie die fast wagrechten Sonnenstrahlen, denen sie folgten. Das Sonnen­licht fiel auch auf ihre sich hebende Brust, ihr glitzerndes, gelbes Haar, ihren roten, halb offenen Mund und auf ihre kurze und sommersprossige Oberlippe. Der beruhigte Flüchtling wandte sich von den drei entfernten Gestalten zu der neben ihm und sah zum erstenmal, daß sie schön war. Daraufhin lächelte er, und ihr Antlitz errötete und begann zu strahlen.

Dann fingen sie an zu schwatzen – er zufrieden und prahlerisch, sowie die entfernten Gestalten undeutlicher wurden, sie rasch beipflichtend, doch mehr seinem Ausdruck als seinen Worten folgend, mit ihrem mädchenhaften Gesicht und ihren glänzenden Augen. Doch was er sagte, oder wie er seine Lage er­klärte, mit welch blendender Gefälligkeit er bei sich selber verweilte, bei den Kränkungen, die er erlitten, und bei seinen mannigfaltigen männlichen Tugenden, brau­chen wir nicht zu wissen, noch war es in der Tat für sie wichtig, dies alles zu verstehen. Genug für sie, daß sie fühlte, wie sie den einen Mann in der ganzen Welt gefunden hatte und daß sie ihn in diesem Augenblick gegen die ganze Welt beschützte! Er war das un­erwartete freiwillige Geschenk an sie, der Gefährte, den ihre Kindheit nie gekannt, der Liebhaber, von dem sie nie geträumt hatte, ja selbst das Kind ihrer unerfüllten mütterli­chen Sehnsucht. Wenn sie nicht alle seine selbstsüchtigen Inkonsequenzen verstehen konnte, so fühlte sie, es sei ihr eigener Fehler; wenn sie seinen einfältigen Anmaßungen nicht folgen konnte, so wußte sie, daß sie es sei, die unzulänglich war; wenn sie seine rohen Reden nicht deuten konnte, so geschah es, weil dies die Sprache einer weiteren Welt war, die sich bisher vor ihr verschlossen hatte. Zu dieser Welt gehörten die schönen Glieder, die sie anstarrte – eine Welt, sehr verschieden von der, die die rheumatische Mißgestalt und das unnütze Gestammel ihres Gatten oder die provinzlerisch-stutzerhaften Kleider des Deputies hervorgebracht hatte. Während sie zusammen auf dem Heuboden saßen – wohin sie der größeren Sicherheit halber hinaufgestiegen war–, vergaßen sie sich in seinem Monolog wohlfeiler Prahlerei, der nur durch ihr zustimmendes Lächeln und ihre halb unterdrückten Seufzer unterbrochen wurde. Der scharfe, würzige Geruch der erhitzten Fichtenschindeln über ihren Häuptern und das Aroma des nach Klee duftenden Heues erfüllten die schwüle Luft um sie. Die Sonne sank mit dem Abflauen des Windes, aber sie beachteten es nicht, bis die gewöhnliche verhängnisvolle Vorahnung die Frau ergriff und Sue, indem sie sagte: „Ich muß nun gehn“, nur halb unbewußt das Ende beschleunigte. Denn als sie sich erhob, umfaßte er zuerst ihre Hand und dann ihre Hüften und versuchte, ihren Kopf emporzuziehen, der sich plötzlich niederbeugte, als wolle er sich im Heu verstecken. Es war ein kurzer Kampf, der ganz plötzlich mit ihrer Unterwerfung endete, und ihre Lippen trafen sich in einem Kuß, so gierig, daß er Tage statt Minuten hätte dauern können.

„Sue! wo bist du?“

Es war ihres Gatten Stimme, aus einer Dunkelheit hervor, die sie jetzt erst gewahrten. Der Mann schleuderte sie zur Seite mit einer Roheit, die sie im Augenblick tiefer traf, als irgendein Gefühl der Überraschung oder Scham. Sie wäre ihrem Gatten in seinen Ar­men – verklärt und verwandelt – entgegengetreten, hätte er sie nur bei sich behalten. Dennoch antwortete sie mit einer ruhigen, gleichmäßigen Stimme, die ihren Liebhaber verwunderte: „Hier! Ich komme grade runter!“ und schritt gelassen zur Leiter. Nach­dem sie hinuntergeschaut und ihren Gatten mit dem Deputy im Scheunenhof erblickt hatte, kehrte sie rasch zurück, legte den Finger an die Lippen, bedeutete ihrem Gefährten mit einer Gebärde, sich wieder im Heu zu verbergen, und wandte sich eben wieder ab, als er, vielleicht beschämt durch ihre überlegene Ruhe, ihre Hand fest um­klammerte und flüsterte: „Komm heut Nacht wieder, Liebe – ja!“ Sie zögerte, erhob ihre Hand plötzlich an die Lippen und schlüpfte dann, sich rasch befreiend, die Leiter hinab.

„Du hast nicht viel gearbeitet, wie ich sehen kann“, sagte Ira mürrisch. „Whity und Redtip (die Kühe) hängen über’n Corral und warten immer noch.“

„Die gelbe Henne, die wir verloren glaubten, sitzt im Heuboden und darf nicht gestört werden“, sagte Mrs. Beasley entschieden; „und du mußt heute Abend das Heu vom Schober nehmen. Und“, mit einem schelmischen Blick auf den Deputierten, „da ich nicht sehe, daß Ihr beide sehr viel getan habt, so kommt Ihr gerade recht, beim Abfüttern zu helfen.“

Da sie die drei Männer mit derselben heiteren Unverschämtheit an die Arbeit schickte, war das Geschäft rasch erledigt – zumal, da der Deputy keine Gelegenheit fand, mit Mrs. Beasley besonders zu tändeln. Sie schloß selber die Scheunentür und ging voran nach dem Hause, beiläufig erfahrend, daß der Deputy die Jagd aufgegeben hätte, die Nacht über mit dem Konstabler ein Strohlager auf dem Küchenfußboden einnehmen und bei Tagesanbruch fortreiten wolle. Die Düsterkeit in ihres Gatten Gesicht hatte sich ge­mildert und war einem Ausdruck müder Resignation gewichen, manchmal abgelöst durch wachsam spähende Blicke, die sie lediglich mit erneuter Lebhaftigkeit zu erfüllen schienen. Doch das Kochen des Nachtmahls entfernte sie für eine Zeit aus dem Zimmer, befreite ihn von ihrer verwirrenden Gegenwart und schuf ihm einige Erleichterung. Als das Mahl bereitet war, versuchte er, seinen Kummer in mächtigen Zügen Whiskey zu ertöten, den sie aus einer neuen Flasche holte und selbst dem Deputy in mutwilliger Zerknirschung über ihre frühere Ungastlichkeit aufdrängte.

„Nun, da ich weiß, daß es nicht bloß der Whiskey war, weshalb Ihr kamt, will ich Euch zeigen, daß Sue Beasley auch keine Niete von Barkeeper ist“, sagte sie.

Dann schlug sie die Ärmel über ihre hübschen Arme hinauf und mischte einen Cocktail mit so reizender Nachahmung der Geschicklichkeit eines fashionablen Barkeepers, daß ihre Gäste sich vor Bewunderung wanden. Selbst Ira war betroffen von dieser Offenba­rung einer Jugendlichkeit, die fünf Jahre voller Haushaltssorgen gehemmt, aber doch nicht ganz unterdrückt hatten. Er hatte vergessen, daß er ein Kind geheiratet hatte. Nur einmal, als sie auf die billige Uhr am Kamin blickte, gewahrte er eine neuerliche Veränderung, die durch das Mißverhältnis zu dem früheren Ausbruch eines jugendlichen Geistes noch auffallender wurde. Es war ein anderes Gesicht, das er sah – älter und gereift und von einer Intensität verlorenen Sinnens, die sein Herz erschauern machte. Es war nicht seine Sue, die dastand, sondern eine andere Sue, beherrscht, wie es seiner krankhaften Überspanntheit schien, von irgendeines anderen Willen.

Doch gab es noch einen Augenblick der Erleichterung, als sein Weib mit der Erklärung, daß sie müde sei, und sogar scherzhaft einige Wirkung des Alkohols zugestehend, den sie angeblich gekostet hatte, früh zu Bett ging. Der Deputy, der die düstere Gesellschaft des Gatten nicht nach seinem Geschmack fand, hüllte sich bald auf dem Fußboden vor dem Küchenfeuer in die Decken, die sie vorbereitet hatte. Der Konstabler folgte seinem Beispiel. In wenigen Augenblicken lag das Haus stumm und schlafend, mit Ausnahme Iras, der allein dasaß, den Kopf auf die Brust gesenkt und mit den Händen die Lehne seines Stuh­les umklammernd, vor der verglimmenden Asche seines Herdes.

Er versuchte mit der abwechselnden Raschheit und Trägheit eines unerfahrenen In­tellekts und einer krankhaft erweckten Einbildungskraft, die Situation vor sich zu erfassen. Der gesunde Menschenverstand, der bisher sein Leben beherrscht hatte, sagte ihm, der Deputierte würde morgen gehen und nichts in seines Weibes Benehmen zeige, daß ihre Koketterie und Verirrung nicht ebenso leicht vorübergehen könnte. Aber es fiel ihm immer wieder ein, daß sie diese Koketterie oder Verirrung niemals ihm gegenüber während ihrer eigenen kurzen Brautzeit gezeigt – daß sie nie vorher so ausgesehen oder sich so benommen hatte. Wenn dies Liebe war, hatte sie sie nie gekannt; wenn es le­diglich Weiberart war, wie er die Männer hatte sagen hören, und so gefährlich anzie­hend, warum hatte sie es nicht ihm gegenüber gezeigt? Er erinnerte sich an ihre prosa­ische Hochzeit, an die Braut ohne Furchtsamkeit, ohne Erröten, die nichts erwartete, außer dem Übergang aus ihrem Heim in seines. Wäre es mit einem andern Mann anders gewesen? – Mit dem Deputierten, der diese Farbe und Belebtheit in ihr Antlitz gerufen hatte? Was bedeutete das alles? Waren alle verheirateten Leute so? Da waren die Westens, ihre Nachbarn – war Mrs. Weston wie Sue? Aber er erinnerte sich, daß Mrs. Weston mit Mr. Weston aus ihres Vaters Haus davonlief. Es war, was man eine Liebesheirat nennt. Würde Sue mit ihm davongelaufen sein? Würde sie nun davonlaufen mit –?

Die Kerze tropfte, als er sich mit einem heftigen Ruck – sein erster zorniger Impuls – vom Tisch erhob. Er nahm noch einen Schluck Whiskey. Er schmeckte wie Wasser; sein Feuer erstickte in der größeren Hitze seines Blutes. Er wollte zu Bett gehen. Hier ergriff ihn eine neue und undefinierbare Furcht: er erinnerte sich des seltsamen Aus­drucks in seines Weibes Gesicht. Es schien plötzlich, als hätte der Einfluß des schlafenden Fremdlings im Nebenraum nicht nur sie von ihm isoliert, sondern als würde er seine Gegenwart in ihrem Schlafzimmer zu einer Einmischung in ihre verborgenen Geheimnisse machen. Er mußte an der offenen Küchentür vorbei. Das Haupt des ahnungslosen Deputies lag dicht bei Iras schwerem Stiefel. Er brauchte nur seine Ferse zu heben, um dieses rotwangige, hübsche, selbstzufriedene Gesicht zu zermalmen. Er eilte an ihm vorbei die knarrende Stiege hinauf. Sein Weib lag still und offenbar schlafend an einer Seite des Bettes, das Gesicht halb verborgen in ihrem gelösten lo­ckigen Haar. Das war gut; denn in der vagen Schüchternheit und Zurückhaltung, die von ihm Besitz zu ergreifen begann, fühlte er, daß er nicht mit ihr hätte sprechen können oder daß er, wenn er gesprochen hätte, nur die schrecklich ungestalteten Dinge, die ihn zu ersticken schienen, geäußert hätte. Er schlich behutsam an die andere Seite des Bettes und begann sich auszukleiden. Als er seine Stiefel und Strümpfe auszog, fiel sein Blick auf seine bloßen, mißgestalteten Füße. Dies veranlaßte ihn, seine verkrüppelte Hand zu betrachten, sich zu erheben, quer durch das Zimmer sich vor den Spiegel zu schleppen und sein zerfleischtes Ohr anzustarren. Sie, dies hübsch gestaltete Weib, das da lag, mußte es oft gesehen haben: sie mußte all diese Jahre hindurch gewußt haben, daß er nicht wie andere Männer war – nicht wie der Deputy mit seinen knappen Reitstiefeln, seiner weichen Hand und dem Diamanten, der vulgär an seinem fetten, kleinen Finger glitzerte. Der kalte Schweiß brach ihm aus. Er zog wieder seine Strümpfe an, lüftete die Überdecke und kroch halb entkleidet unter sie, einen Zipfel um seine ver­krüppelte Hand wickelnd, als wollte er sie vor dem Licht verbergen. Doch fühlte er, daß er die Gegenstände undeutlich sah; es war eine Feuchtigkeit auf seinen Wangen und Gliedern, die er sich nicht erklären konnte: es mußte der Whiskey sein, der „herauskam“.

Sein Weib lag sehr still; sie schien kaum zu atmen. Wie, wenn sie nie wieder atmen würde, sondern sterben, als die alte Sue, die er kannte, das schmächtige Mädchen, das er geheiratet hatte, unverändert und unbefleckt? Es wäre besser als dies. Doch im selben Augenblick stand das Bild vor ihm, wie sie so hübsch einen Barkeeper nachgeahmt hatte, das Bild ihrer weißen, bloßen Arme und lachenden Augen, alles so neu, so frisch für ihn! Er versuchte dem langsamen Ticken der Uhr zu lauschen, dem gelegentlichen Luftzug durch das Haus und der Bewegung, die gleich einem tiefen Seufzer die regelmä­ßige unartikulierte Sprache der einsamen Ebene drunten war, so ganz anders, als die abendliche Brise. Er hatte es oft gehört, aber, wie bei so vielen Dingen, die er an diesem Tage erfuhr, schien er nie zuvor seine Bedeutung erfaßt zu haben. Dann aber – vielleicht war es seine ausgestreckte Lage, vielleicht eine verstärkte Wirkung des Whiskeys, den er zu sich genommen hatte – begann bald all dies verwirrt und wirblig zu werden. Aus dem Schwanken und Drehen heraus versuchte er irgend etwas zu erhaschen, Stimmen zu hö­ren, die ihm zuriefen; „Wache!“ und mitten drin verfiel er in einen tiefen Schlaf.

Die Uhr tickte, der Wind seufzte, das Weib an seiner Seite lag viele Minuten lang re­gungslos.

Dann rollte sich der Deputy auf dem Küchenfußboden mit einem schrecklichen Schnauben herum, strampelte, streckte sich und erwachte. Wie ein gesundes Tier hatte er die Dünste des Alkohols mit einer trockenen Zunge und einem Durst nach Wasser und frischer Luft abgeschüttelt. Er erhob sich auf die Knie und rieb sich die Augen.

Das Wasserschaff aus der Ecke fehlte. Gut. Er wußte, wo die Quelle war, und ein Hin­austreten aus der schwülen und stickigen Küche würde ihm gut tun. Er gähnte, zog leise seine Stiefel an, öffnete die Hintertür und trat hinaus. Alles war dunkel, aber über ihm und rund um ihn bis zur Ebene herab, auf der seine Füße standen, war alles mit hellen Sternen geschmückt. Der Umriß der Scheune erhob sich undeutlich vor ihm zur Rechten, zur Linken lag die Quelle. Er erreichte sie, trank, tauchte Kopf und Hände hin­ein und erhob sich erfrischt. Der trockene, gesunde Luftzug, der über diese flache, von Sternen umrandete Scheibe um ihn hinblies, tat das übrige. Er begann langsam zurück­zuschlendern, und die einzige Erinnerung an sein abendliches Trinken war die Gestalt seiner hübschen Wirtin mit bloßen Armen und erhobenen Gläsern, wie sie den Barkeeper nachahmte. Ein selbstzufriedenes Lächeln straffte seinen gelben Schnurrbart. Wie sie die Blicke auf ihn gerichtet hielt und ihn beobachtete, die kleine Hexe! Ha! Kein Wunder! Was konnte sie an jenem grämlichen, schleichenden, stupiden Tölpel finden? (Der Gentleman, auf den sich dies bezog, war sein Wirt.) Aber der Deputy war nicht ohne gewisse Erfolge bei den ländlichen Schönen geblieben. Er war aufrichtig zu den meisten Men­schen und fürchtete keinen. Man soll in diesem Augenblick seines Lebens nicht zu hart gegen ihn sein.

Denn als er am Haus vorbeikam, hielt er plötzlich inne. Über den trockenen, staubigen Kräuterdüften der Ebene, über dem Aroma des frisch gemähten Heus in der Scheune lag deutlich unterscheidbar ein anderer Geruch – der Geruch einer Pfeife. Aber wo? War es sein Wirt, der sich erhoben hatte, um draußen Luft zu schöpfen? Dann fiel ihm plötz­lich ein, daß Beasley nicht rauchte und auch der Konstabler nicht. Der Geruch schien aus der Scheune zu kommen. Wäre er dem Zuge seiner so erwachten Gedanken gefolgt, hätte alles gut gehen können; aber in diesem Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit durch ein weit mehr aufregendes Ereignis gefesselt – die verhüllte und eingemummte Gestalt der Mrs. Beas­ley erschien soeben aus dem Hause. Er blieb augenblicklich im Schatten stehen und hielt den Atem an, während sie rasch über den dazwischen liegenden Hofraum glitt und in der halb offenen Türe der Scheune verschwand. Wußte sie, daß er hier war? Ein heftiges Zittern lief über seinen Körper, sein Mund weitete sich zu einem atemlosen Lächeln. Es war sein letztes! Denn als er gegen die Türe vorwärts glitt, zerbrach der gestirnte Himmel in tausend glänzende Stücke rund um ihn, die Erde wich unter seinen Füßen und er fiel mit zerschossenem Kopf vornüber.

Wo er hinfiel, dort blieb er liegen, ohne einen Schrei, mit einer einzigen Bewegung – einem Krümmen und Haschen der Finger seiner Kämpferhand nach der bewaffneten Hüf­te. Wo er hinfiel, dort blieb er tot liegen, das Gesicht nach unten, den kräftigen rechten Arm noch immer rund über den Rücken gekrümmt. Nichts an ihm regte sich, als sein Blut, das sich langsam rund um ihn in lebendiger Farbe ausbreitete und dann sich träge verdickte und schwärzte, bis es gleichfalls stillstand und in die Erde versank, ein trüber brauner Fleck. Einen Augenblick lang folgte Totenstille dem echolosen Knall, dann gab es ein hastiges, fiebriges Rascheln in der Scheune, das hurtige Öffnen eines Fensters im Boden, jagende Schritte, ein neues Stillschweigen und dann aus der entfernteren Dun­kelheit her den Klang von Pferdehufen im dämpfenden Staub der Straße. Aber kein Laut und keine Bewegung regte in dem schlafenden Hause drüben.

Die Sterne erblaßten schließlich langsam, die Linien des Horizonts kehrten zurück – ein dünner Strich opalenen Scheines. Ein einzelner Vogel zwitscherte im Gebüsch neben der Quelle. Dann öffnete sich die Hintertür des Hauses und der Konstabler kam heraus, halb wach und schuldbewußt mit der verwirrten Hast eines Menschen, der sich verspätet hat. Seine Blicke waren geradeaus gerichtet, wie er dahinschritt, und schauten nach seinem vermißten Führer aus, bis er schließlich stolperte und über den nun kalten und starren Körper fiel. Er arbeitete sich wieder hoch und warf einen hastigen Blick rund um sich – auf die halb offene Scheunentür, auf den Fußboden, der mit zertretenem Heu bestreut war. In einer Ecke lag die zerrissene Bluse neben den Hosen des Flüchtlings, die der Konstabler sofort erkannte. Er ging zu­rück ins Haus und erschien in wenigen Minuten wieder mit Ira, der bleich war, bestürzt, hoffnungslos verwirrt und klar nur in seiner Behauptung, daß sein Weib soeben über die Nachricht von der Katastrophe in Ohnmacht gefallen sei und gleichermaßen hilflos in ihrem Zimmer läge. Der Konstabler, ein Mann von beschränktem Verstand, aber raschem Handeln, überblickte die Lage sofort. Das Geheimnis war ohne weitere Beweise klar. Der De­puty war durch den Flüchtling aufgeweckt worden, der auf der Suche nach einem Pferd ums Haus strich. Er stürzte hinaus, sie trafen einander und Iras Flinte, die in der Küche stand und die der Deputy ergriffen hatte, war ihm entwunden und mit verhängnisvoller Wirkung auf Armeslänge gebraucht worden. Und der Doppelmörder war auf des Sheriffs Pferd, das fehlte, entkommen. Er übergab den Leichnam dem zitternden Ira, sattelte sein Pferd und galoppierte nach Lowville um Beistand.

Diese Tatsachen wurden durch die eilige Untersuchung, die am selben Tage stattfand, völlig festgestellt. Es war nicht nötig, über die Beweisführung des Konstablers, des einzigen Gefährten des Ermordeten und ersten Entdeckers des Leichnams, hinauszuge­hen. Die Tatsache, daß er im Erdgeschoß den Kampf und den Knall verschlafen hatte, machte es zu einer logischen Folgerung, daß das Paar im oberen Räume nichts merkte. Der betäubte Ira wurde nach einem halben Dutzend herablassender Fragen beiseite ge­schoben; die Ritterlichkeit einer kalifornischen Jury entschuldigte die Abwesenheit eines erschreckten und hysterisehen Weibes, das an sein Zimmer gefesselt war. Zu Mittag zogen sie mit dem Leich­nam ab und die langen Schatten des Nachmittags legten sich über die einsame Ebene und das schweigende Haus.

Bei Anbruch der Nacht erschien Ira in der Tür und stand einige Augenblicke da, in die Ebene spähend; er wurde später von zwei Viehtreibern, die verstohlen einen Blick auf die Szene der neuesten Tragödie warfen, gesehen, wie er vor der Schwelle seiner Türe saß, ein bloßer Schatten in der Dunkelheit; und eine berittene Patrouille sah später in der Nacht ein Licht am Fenster des Schlafraums, wo die kranke Mrs. Beasley einge­schlossen lag. Aber niemand sah sie nachher. Später erklärte Ira, daß sie zu Besuch bei einer Verwandten sei, bis ihre Gesundheit wieder hergestellt wäre. Da sie nur wenige Freunde und noch weniger Nachbarn hatte, wurde sie nicht vermißt; und selbst der Konstabler, der einzige überlebende Gast, der in jener verhängnisvollen Nacht die kurze Blüte ihrer Mutwilligkeit und Schönheit genossen hatte, vergaß sie ganz in seiner rachsüchtigen Su­che nach dem Mörder. So gewöhnten sich die Leute daran, den einsamen Mann bei Tag auf den Feldern arbeiten und bei Einbruch der Nacht von der Schwelle seiner Tür aus starr in die Ferne blicken zu sehen. Nach drei Monaten war er bekannt als der Klausner oder Eremit von Bolinas Plain; in dem rapiden Tempo, in dem diese Epoche Geschichte machte, wurde vergessen, daß er je etwas anderes gewesen war.

Aber die Justiz, die in jenen Tagen imstande war, über den Affären des Durchschnitts­bürgers einzunicken, war von strenger Wachsamkeit gegenüber Vergehen an ihren eigenen Beamten; und es begab sich zufällig, daß der Konstabler, als er eines Tages durch die Straßen von Marysville schritt, den Mörder erkannte und festnahm. Er wurde nach Lowville gebracht. Hier hielt es der Konstabler – vermutlich zufolge eines leisen Zweifels an der Fähigkeit des Landgerichtes, das er repräsentierte, sich mit bloßen Indizienbeweisen zu befassen – nicht für unter seiner Würde, dem örtlichen Sicherheits­ausschuß einen Wink zu geben, der seltsam genug sich des Gefangenen, trotz dessen Widerstandes, bemächtigte. Es war die Regenzeit, und die Geschäfte gingen flau; die Bürger von Lowville waren daher in der Lage, einem so notorischen Fall ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen und fröhlich dem schließlichen Hängen des Gefangenen beizuwohnen, das von vornherein beschlossen zu sein schien.

Aber darin irrten sie sich. Denn nachdem der Konstabler seine Beweise vorgebracht hatte, die der Gegend bereits bekannt waren, gab es eine Verwirrung in den Reihen von Menschen, die an den Wänden des Versammlungsraumes, wo der Ausschuß tagte, entlang standen, und der Eremit von Bolinas Plain hinkte mühselig in das Zimmer. Er war offenbar zu Fuß hierher gegangen: er war durch und durch vom Regen durchnäßt und mit Kot bedeckt, erschöpft und sprachlos. Doch als er zu der Zeugenbank stolperte und mit den Ellbogen den Konstabler beiseite schob, fesselte er jedermanns Aufmerk­samkeit. Einige wenige lachten, wurden jedoch prompt vom Gerichtshof zum Schweigen gebracht. Es war ein Zeichen für dessen einzige Tugend, die Redlichkeit.

„Kennen Sie den Gefangenen?“ fragte der Richter. Ira Beasley warf einen Blick auf das bleiche Gesicht des Akrobaten und schüttelte den Kopf.

„Sah ihn nie zuvor“, sagte er mit matter Stimme.

„Was tun Sie dann hier?“ fragte der Richter streng. Ira faßte sich mit sichtlicher An­strengung und erhob sich auf schwankenden Füßen. Zuerst befeuchtete er seine tro­ckenen Lippen, dann sagte er langsam und deutlich: „Weil ich den Deputy von Boli­nas getötet habe.“

Mit dem Schauer, der durch den vollgedrängten Raum lief, und der Erleichterung, die bei diesen Worten über ihn zu kommen schien, gewann er Kraft und selbst eine gewisse Würde.

„Ich tötete ihn,“ fuhr er fort, den Kopf mit der Starrheit einer Wachsfigur langsam den Kreis der gierigen Zuhörer entlang wendend, „weil er meinem Weib den Hof machte. Ich tötete ihn, weil er mit ihr davonlaufen wollte. Ich tötete ihn, weil ich ihn an der Scheunentür in tiefer Nacht auf sie warten fand, als sie das Bett verlassen hatte, um ihn zu treffen. Er hatte keine Flinte, ’s gab keinen Kampf. Ich tötete ihn hinterrücks. Dieser Mann“, er deutete auf den Gefangenen, „war überhaupt nicht dabei.“ Er hielt inne, löste seinen Kragen und, seine rauhe Kehle unter dem entstellten Ohr entblößend, sagte er: „Nun bringt mich fort und hängt mich!“

„Welchen Beweis haben wir dafür? Wo ist Ihr Weib? Bestätigt sie es?“

Ein leichtes Zittern überlief ihn.

„Sie lief in jener Nacht davon und kam nicht mehr zurück. Vielleicht“, fügte er langsam hinzu, „weil sie ihn liebte und mich nicht ertragen konnte; vielleicht war es, wie ich mir manchmal gesagt habe, Gentlemen, weil sie nicht gegen mich zeugen wollte.“

In dem Schweigen, das nun folgte, hörte man den Gefangenen zu einem in seiner Nähe sprechen. Dann erhob er sich. All die Kühnheit und Zuversicht, die dem Gatten gefehlt hatte, lag in seiner Stimme. Ja, es war sogar eine gewisse Ritterlichkeit in seinem Benehmen, an die der Halunke im Augenblick wirklich glaubte.

„’s ist wahr“, sagte er; „nachdem ich das Pferd gestohlen hatte, um davon zu kommen, fand ich das Weib wild die Straße hinabrennen, schreiend und schluchzend. Zuerst dach­te ich, sie hätte geschossen, ’s war ’n riskantes Ding für mich, Gentlemen, aber ich nahm sie aufs Pferd herauf und brachte sie weg nach Lowville! ’s war eine Menge totes Gewicht für mich, aber ich nahm’s hin. Sie war ein Weib und ich – bin kein Hund!“

Er war so begeistert und erhoben durch seine Fabel, daß die Jury zum ersten Male einen günstigen Eindruck von ihm gewann. Und als Ira Beasley durch den Raum hinkte und dem Gefangenen seine verkrüppelte Hand hinstreckend: „Hier, meine Hand!“ sagte, herrschte wieder Toten­stille.

Sie wurde durch die Stimme des Richters unterbrochen, der sich an den Konstabler wandte.

„Was wissen Sie von den Aufmerksamkeiten, die der Deputy Mrs. Beasley erwies? War es genug, um des Gatten Eifersucht zu rechtfertigen? Machte er ihr den Hof?“

Der Konstabler zögerte. Er war ein beschränkter Mensch, eher mit einem rohen Ver­ständnis für die Prinzipien, als für die Methoden der Justiz. Er erinnerte sich an die Bewunderung des De­puties; er erinnerte sich nun sogar noch stärker an den Gegenstand dieser Bewunderung, wie sie mit ihren hübschen Armen die Gebärden eines Barkeepers nachahmte, und an das Vergnügen, das sie ihnen bereitete. Er war seinem toten Führer treu; er blickte umher und sagte dann langsam und halb trotzig: „Well, Richter, er war ein Mann.“

Jedermann lachte. Daß die stärkste und magischste aller menschlichen Leidenschaften bei jeder öffentlichen Erwähnung oder Anspielung stets Heiterkeit erweckt, ist eine von den Ungereimtheiten der menschlichen Natur, die selbst ein Lynchrichter anerkennen muß. Er machte keinen Versuch, das Kichern des Gerichtshofes zu verhindern, denn er fühlte, daß kein tragisches Element mehr da war. Der Vorsitzende der Jury erhob sich und flüsterte unter neuerlichem Schweigen dem Richter etwas zu. Dann sprach der Richter:

„Der Gefangene und sein Zeuge werden beide entlassen. Der Gefangene hat die Stadt in­nerhalb von 24 Stunden zu verlassen; der Zeuge wird auf Rechnung und mit dem Dank des Ausschusses nach seinem Hause geleitet.“ –

Man sagt, daß eines Nachmittags, als ein dünner Nebelregen sich auf die durchweichte Bolinas Plain niederließ, ein hageres, beschmutztes und erschöpftes Weib von einem gewöhnlichen Frachtwagen herabstieg, vor der Türschwelle, auf der Beasley noch immer saß, daß er vortrat, sie in die Arme nahm und „Sue“ nannte, und man sagt, daß sie von nun an stets glücklich miteinander lebten. Aber man sagt – und dies erfordert eine Be­stätigung -, daß ein großer Teil dieses Glückes dem Umstande am verdanken war, daß Mrs. Beasley ihren Gatten niemals vergessen ließ, welch heroisches Opfer sie ihn ge­bracht habe, indem sie verschwand, um nicht gegen ihn zeugen zu müssen, wie sie selber ihm sein fruchtloses Verbrechen vergeben habe und welche Dankbarkeit er dem Flüchtling schulde.

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