Das System des Doktors Pech und des Professors Feder

Im Herbst des Jahres 18.. machte ich eine Reise durch die südlichen Provinzen Frankreichs. Mein Weg führte mich in die Nähe einer Privat-Irrenanstalt, von der mir meine medizinischen Freunde in Paris viel erzählt hatten. Da ich noch nie eine ähnliche Anstalt besucht, wollte ich die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen und schlug meinem Reisegefährten – einem Herrn, den ich ein paar Tage früher zufällig kennengelernt hatte – vor, den kleinen Abstecher mit mir zu machen und die Anstalt zu besichtigen. Er willigte jedoch nicht ein, schützte zuerst Eile vor, bekannte dann aber, daß ihm der Anblick eines Wahnsinnigen stets einen unangenehmen Schauder bereite. Doch bat er mich, mir um seinetwillen nur ja keinen Zwang aufzuerlegen – er wolle langsam weiterreisen, so daß ich ihn bis zum Abende, auf jeden Fall aber morgen im Laufe des Tages wieder einholen könne. Als wir uns voneinander verabschieden wollten, fiel mir ein, daß es mir vielleicht Schwierigkeiten machen würde, Einlaß in die Anstaltsgebäude zu erlangen, und ich sprach ihm meine Befürchtungen aus. Er meinte auch, daß ich, ohne persönlich mit dem Direktor, einem Herrn Maillard, bekannt zu sein oder wenigstens einen Empfehlungsbrief an ihn zu besitzen, wohl kaum Zutritt in die Anstalt erlangen könne, da das Reglement in diesen Privat-Irrenhäusern viel strenger sei als in den öffentlichen Heilanstalten. Er habe jedoch vor einigen Jahren die Bekanntschaft Maillards gemacht und wolle gern mit mir bis an das Tor der Anstalt reiten und mich dem Direktor vorstellen – selbst mit einzutreten gehe jedoch, wie gesagt, gegen sein Gefühl, ich müsse ihn also entschuldigen.

Dankend nahm ich sein Anerbieten an; wir bogen von der Hauptstraße ab und gelangten auf einen grasüberwucherten Nebenweg, welcher sich nach einer halben Stunde in einen dichten Wald verlor, der sich am Fuße eines Berges hinzog. Nachdem wir ungefähr zwei Meilen weit durch diesen feuchten, düsteren Wald geritten, erblickten wir die Heilanstalt. Es war ein phantastisch gebautes, halb verfallenes Schloß, das Alter und Vernachlässigung fast unbewohnbar gemacht zu haben schienen. Sein Anblick erfüllte mich mit einem Gefühl wie Schrecken, ich hielt mein Pferd an, halb entschlossen, umzukehren. Doch schämte ich mich bald meiner Schwäche und ritt vorwärts.

Als wir vor dem Haupttor ankamen, sah ich, daß es leicht geöffnet war, und ein Mann, wie neugierig, herausspähte. Der Betreffende trat alsbald heraus, redete meinen Gefährten bei seinem Namen an, schüttelte ihm herzlich die Hand und bat ihn, abzusteigen. Es war der Direktor Maillard selbst: ein stattlicher, vornehm aussehender Herr, ein Mann aus der alten Schule, von höflichen Formen und einem ernsten, würdigen, gebietenden Wesen, das wohl auf jeden Menschen Eindruck machen mußte.

Als mein Freund mich vorgestellt und dem Direktor meinen Wunsch, die Anstalt zu besichtigen, mitgeteilt hatte, empfahl er sich, und ich sah ihn nie wieder.

Nun führte mich der Direktor in ein kleines, außerordentlich sauberes Sprechzimmer, das mit allen Anzeichen eines verfeinerten Geschmackes ausmöbliert war, unter anderem viele gute Bücher, Zeichnungen, schöne Blumentöpfe und Musikinstrumente enthielt. Im Kamin brannte ein lustiges Feuer. Am Klavier saß eine außerordentlich schöne, junge Dame und sang eine Arie von Bellini. Bei meinem Eintritt erhob sie sich und begrüßte mich mit anmutiger Herzlichkeit. Sie sprach mit leiser Stimme, und ihr ganzes Wesen hatte etwas Gedrücktes. Auch glaubte ich, auf ihren schönen, für meine Empfindungen wundervoll bleichen Zügen die Spuren eines verborgenen Kummers zu entdecken. Sie war in tiefe Trauer gekleidet, und ich betrachtete sie mit einem aus Hochachtung, Neugier und Bewunderung sonderbar gemischten Gefühle.

Ich hatte in Paris sagen hören, daß die Anstalt des Herrn Maillard nach einem System, das gewöhnlich das »der Beschwichtigung« genannt wird, geleitet werde – daß grundsätzlich keinerlei Strafen angewandt wurden – daß man die Kranken nur im Notfall einsperrte – daß man sie nur im geheimen bewachte und sie anscheinend die größte Freiheit genießen ließ – ja, daß man den meisten erlaubte, in ihrem gewöhnlichen Anzuge frei im Hause und in den umliegenden Gärten herumzuspazieren, wie jeder vernünftige Mensch.

Da ich mich an dies alles erinnerte, war ich in Gegenwart der jungen Dame sehr vorsichtig mit meinen Worten, denn ich wußte ja nicht, ob sie nicht auch eine Kranke war. Ein gewisses unruhiges Glänzen in ihren Augen schien meine Befürchtung zu bestätigen. Und so redete ich denn nur von allgemeinen Dingen, die meines Erachtens nach selbst einer Wahnsinnigen nicht mißfallen konnten. Sie antwortete auf das, was ich sagte, vollständig vernünftig, und ihre Bemerkungen trugen alle den Stempel eines durchaus gesunden Menschenverstandes. Doch hatte ich mich zu lange mit der Metaphysik der Mania beschäftigt, um nicht zu wissen, daß man solchen Anzeichen von Gesundheit nicht trauen dürfe, und behielt während der ganzen Unterredung all meine Vorsichtsmaßregeln bei.

Ein Diener in einer sehr eleganten Livree brachte ein Tablett mit Wein, Früchten und anderen Erfrischungen herein, denen ich gern zusprach. Die Dame verließ nach einiger Zeit das Zimmer, und ich wandte meine Augen fragend auf meinen Wirt.

»Nein! –«, antwortete er, »o nein! Sie gehört zu meiner Familie – sie ist meine Nichte – übrigens ein reizendes, liebenswürdiges Wesen!«

»Ich bitte tausendmal wegen meines Argwohns um Entschuldigung, doch hoffe ich, daß Sie mich am leichtesten entschuldbar finden werden. Die ausgezeichnete Verwaltung Ihrer Anstalt hat in Paris viel Bewunderung erregt, und da dachte ich, es sei wohl möglich, daß – nun Sie verstehen!«

»Gewiß, gewiß! – Reden wir nicht mehr davon – oder vielmehr, ich muß Ihnen für Ihre lobenswerte Vorsicht dankbar sein. Bei jungen Leuten begegnet man sehr selten solcher Besonnenheit, und ich habe schon oft erfahren müssen, daß die Gedankenlosigkeit unserer Besucher sehr unangenehme Zwischenfälle verursachte. Als die Anstalt noch nach meinem früheren System geleitet wurde und die Patienten nach Gutdünken hier herumstreifen durften, habe ich es erlebt, daß sie durch neugierige Personen, die die Anstalt in Augenschein nehmen wollten, zu gefährlichen Wutanfällen gereizt wurden. Deshalb war ich gezwungen, das strengere System der Absonderung wieder einzuführen und niemanden mehr einzulassen, auf dessen Vorsichtigkeit ich mich nicht verlassen konnte.«

»Als die Anstalt noch nach Ihrem früheren System geleitet wurde?« sagte ich und wiederholte seine Worte. »Heißt das also, daß jetzt nicht mehr nach dem ›System der Beschwichtigung‹, von dem ich soviel gehört habe, verfahren wird?«

»Vor einigen Wochen«, antwortete er mir, »habe ich mich entschlossen, für immer von demselben abzusehen.«

»Wirklich? Das setzt mich in Erstaunen.«

»Leider«, entgegnete er mit einem Seufzer, »stellte es sich als notwenig heraus, wieder zu der alten Behandlungsweise zurückzukehren. Die Gefahr, die das Beschwichtigungssystem in sich barg, war zu allen Zeiten groß, und seine Vorzüge sind im allgemeinen bei weitem überschätzt worden. Ich glaube, wenn je irgendwo versucht wurde, wirklich konsequent mit Güte vorzugehen, so geschah es hier bei uns. Wir haben alles versucht, was das Menschlichkeitsgefühl Vernünftiges vorschlagen konnte. Es tut mir leid, daß Sie uns nicht früher besucht haben – Sie hätten sich selbst ein Urteil bilden können! Doch darf ich wohl annehmen, daß Sie mit den Einzelheiten des ›Systems der Beschwichtigung‹ bekannt sind –?«

»Nicht vollständig. Ich erfuhr erst durch vierte oder fünfte Hand davon.«

»Ich kann Ihnen dies System im allgemeinen dahin erklären, daß der Kranke geschont wurde und seinen Neigungen unbehindert nachgehen durfte. Wir unterdrückten keine seiner Launen, im Gegenteil, wir duldeten sie nicht bloß, sondern unterstützten sie auch noch und erzielten auf diese Weise eine stattliche Anzahl von Heilungen. Es gibt nichts, was auf den geschwächten Verstand eines Wahnsinnigen einen so starken Eindruck macht, als wenn man ihn ad absurdum führt. Wir haben zum Beispiel Männer hier gehabt, die sich für ein Huhn hielten. Die Behandlung bestand dann darin, diese ihre Annahme als eine wirkliche Tatsache hinzustellen – den Kranken hin und wieder der Beschränktheit anzuklagen, weil er diese Tatsache selbst nicht ganz glauben wolle – und ihm eine Woche lang keine andere Nahrung zu bewilligen als die, die ein Huhn bekommt. So genügte oft ein wenig Gerste und Kies, um Wunder zu vollbringen.«

»Bestand das ganze System in dieser Art von Beruhigung?«

»Keineswegs! Wir hatten auch großes Zutrauen zu einfachen Vergnügungen, Kartenspielen, der Lektüre von gewissen Büchern und so weiter. Wir taten so, als behandelten wir jeden einzelnen wegen eines körperlichen Übels, das Wort ›Wahnsinn‹ wurde nie ausgesprochen. Von besonderer Wichtigkeit war der Umstand, daß wir jeden Irren heimlich beauftragten, die Handlungen der anderen zu überwachen. Einem Wahnsinnigen zeigen, daß man auf seine Intelligenz und seine Diskretion vertraut, heißt, ihm Körper und Seele zurückgewinnen. Auf diese Weise konnten wir dann eine ganze Reihe von Aufsehern entbehren.«

»Bestrafungen kamen überhaupt nicht vor?«

»Nein!«

»Und die Kranken wurden nie eingeschlossen?«

»Nur sehr, sehr selten. Zuweilen mußten wir wohl einen Patienten, dessen Krankheit sich zu einer Krise steigerte oder der einen Wutanfall bekam, in eine geheime Zelle bringen, damit er die anderen nicht ansteckte, und wir verwahrten ihn dann so lange, bis wir ihn zu seinen Eltern oder seinen Verwandten zurückschicken konnten, denn wir haben uns nie mit Tobsüchtigen befaßt. Die wurden gewöhnlich in den öffentlichen Irrenanstalten untergebracht.«

»Und Sie haben nun Ihre Behandlungsweise vollständig geändert und glauben, daß es besser so ist?«

»Ganz gewiß! Das alte System hatte zuviel Nachteile und Gefahren. Gott sei Dank wird es jetzt auch in keinem Irrenhause in Frankreich mehr befolgt.«

»Dies überrascht mich sehr«, sagte ich, »denn ich glaubte bis zu diesem Augenblicke bestimmt, daß im ganzen Lande der Wahnsinn nach dem alten System behandelt würde.«

»Sie sind noch jung, mein Freund«, erwiderte mein Wirt, »doch wird auch für Sie bald die Zeit kommen, wo Sie selbst zusehen, was sich in der Welt zuträgt, ohne auf das Geschwätz der anderen zu achten. – Glauben Sie nichts von dem, was Sie hören, und nur die Hälfte von dem, was Sie sehen. Es liegt klar auf der Hand, daß irgendein Ignorant Ihnen einen ganz falschen Begriff von unserer Anstalt gegeben hat. Nach dem Mittagsmahl werde ich Sie, wenn Sie sich von den Strapazen des langen Rittes genügend erholt haben, im ganzen Hause herumführen und Sie mit einem System bekannt machen, das in meinen und den Augen aller Menschen, die sich von seinen günstigen Resultaten überzeugt haben, das wirksamste von allen ist, die bisher Anwendung gefunden.«

»Ist es Ihr eigenes System?« fragte ich. »Haben Sie es erfunden?«

»Ich bin stolz darauf«, entgegnete er mir, »es wenigstens bis zu einem gewissen Grade meine Erfindung nennen zu dürfen.«

So unterhielt ich mich wohl ein oder zwei Stunden mit Herrn Maillard, während welcher Zeit er mir die zu der Anstalt gehörenden Gärten und Treibhäuser zeigte.

»Ich kann Ihnen jetzt meine Patienten noch nicht vorführen«, begann er wieder, »denn für einen sensiblen Menschen hat ein Wahnsinniger immer etwas Widerwärtiges, und ich möchte Ihnen nicht vor dem Essen den Appetit verderben. Wir wollen also erst speisen! Ich kann Ihnen heute unter anderem Kalbfleisch à la Sainte-Menehould, Blumenkohl à la sauce velouté und ein Glas Clos Nougeat anbieten, und ich hoffe, daß dies Ihre Nerven genügend stärken wird.«

Um sechs Uhr bat man zum Essen, und mein Wirt führte mich in einen riesigen Speisesaal, wo eine zahlreiche Gesellschaft versammelt saß; es mochten im ganzen vielleicht fünfundzwanzig oder dreißig Personen sein. Das waren offenbar alles Leute aus der guten Gesellschaft, von ausgezeichneter Erziehung, obgleich es mir schien, daß ihre Kleidung übertrieben elegant, ja, gesucht war und allzusehr an den raffinierten Pomp des ancien régime erinnerte. Ich bemerkte auch, daß die Gesellschaft zu wenigstens zwei Dritteln aus Damen bestand und einige von ihnen so gekleidet erschienen, daß man es beim besten Willen nicht anders als geschmacklos nennen konnte. So hatten sich zum Beispiel verschiedene Damen, die wenigstens siebzig Jahre alt sein mußten, mit Schmucksachen, Ringen, Armbändern, Ohrgehängen, Ketten und so weiter überladen, und enthüllten dafür das, was noch ihr Busen war, in freigiebigster Weise. Ich bemerkte auch, daß nur sehr wenig Kleider gut gearbeitet waren oder vielmehr ihren Trägerinnen paßten. Als ich um mich schaute, erblickte ich auch das blasse junge Mädchen, dem mich Direktor Maillard im Sprechzimmer bereits vorgestellt hatte. Wie groß war meine Überraschung, als ich sah, daß sie einen Reifrock an hatte und Schuhe mit hohen Absätzen und eine Haube aus schmutziger Brüsseler Spitzen trug, die ihr viel zu groß war und ihr Gesicht lächerlich klein erscheinen ließ. Als ich sie zum ersten Male gesehen, war sie, wie man weiß, in Trauerkleidung gehüllt gewesen, die ihr wunderbar gut gestanden hatte. Eine gewisse Sonderbarkeit im Anzüge eines jeden aus der Gesellschaft brachte mich wieder auf den Gedanken, daß das Beschwichtigungssystem vielleicht doch noch in Anwendung sei, daß mich Direktor Maillard vielleicht bloß bis nach dem Essen täuschen wolle, um mir den unangenehmen Gedanken, mit Wahnsinnigen an einem Tische zu speisen, zu ersparen; doch erinnerte ich mich auch wieder, in Paris von Provinzialen des Südens als von außerordentlich exzentrischen und in ihrem Gebaren lächerlich altmodischen Leuten reden gehört zu haben; und als ich mit verschiedenen Mitgliedern der Gesellschaft sprach, zerstreuten sich meine Befürchtungen in der Tat wieder.

Der Speisesaal, obgleich ziemlich groß und bequem, war doch durchaus nicht elegant möbeliert. Auf dem Fußboden lag zum Beispiel kein Teppich, der allerdings in Frankreich nicht so unerläßlich ist wie anderswo. Die Fenster waren durch keinerlei Gardinen noch durch Vorhänge verhüllt, die Fensterläden waren verschlossen und durch zwei diagonal laufende Eisenstangen wohl verwahrt. Ich bemerkte, daß der Speisesaal allein einen ganzen Flügel des Schlosses einnahm; an drei Seiten des Parallelogramms befanden sich die Fenster – es waren nicht weniger als zehn – und an der vierten die Türe. Der Tisch war sehr reichlich gedeckt und mit Leckereien überladen. Die Verschwendung war fast barbarisch, es waren soviel Gerichte vorhanden, daß man ein ganzes Heer damit hätte sättigen können. Niemals in meinem Leben ist mir wieder eine ähnliche, monströse Zusammenstellung aller guten Dinge des Lebens vorgekommen. Doch bewies das ganze Arrangement sehr wenig Geschmack, und meine an ruhiges Licht gewöhnten Augen empfanden den strahlenden Glanz der zahllosen, in silbernen Kandelabern allzureichlich umherstehenden Kerzen höchst unangenehm. Ein paar geschäftige Dienstboten bedienten. Auf einem großen Tische am unteren Ende des Saales saßen sieben oder acht Musiker mit Geigen, Flöten, Posaunen und Trommeln. Diese Burschen belästigten mich während der Mahlzeit ganz erheblich durch das unglaubliche Getöse, das sie vollführten. Die Anwesenden schienen es allerdings für Musik zu halten und großes Vergnügen darob zu empfinden.

Ich konnte mich des Gedankens, wie bizarr meine ganze Umgebung doch sei, immer weniger entschlagen; aber es gibt eben allerlei Menschen auf der Welt, die verschiedene Gedanken und Manieren haben, und ich war zu viel gereist, um mich noch naiv über etwas verwundern zu können. Ich ließ mich also zur Rechten meines Wirtes nieder und tat, da ich guten Appetit hatte, der vortrefflichen Mahlzeit alle Ehre an.

Man unterhielt sich im allgemeinen sehr lebhaft. Die Damen sprachen, wie gewöhnlich, am meisten. Ich fand, daß alle Tischgenossen sehr gut erzogene Leute waren; mein Wirt sprudelte über von lustigen Anekdoten. Er schien offenbar sehr gern von seiner Stellung als Direktor des Irrenhauses zu reden, und zu meiner großen Überraschung bemerkte ich, daß die verschiedenen Äußerungen des Wahnsinns ein beliebtes Gespräch der Tischgesellschaft zu sein schienen.

»Wir hatten neulich ein Individuum hier«, erzählte mir ein dicker, kleiner Herr, der zu meiner Rechten saß, »das sich für eine Teekanne hielt. Und beiläufig gesagt: ist es nicht sonderbar, daß gerade diese Vorstellung das Gehirn der Wahnsinnigen so oft beunruhigt? Ich glaube, es gibt in ganz Frankreich keine Anstalt, die nicht mit einer menschlichen Teekanne aufwarten könnte. Unser Herr hielt sich für eine Teekanne aus Britanniamasse und polierte sich jeden Morgen sorgfältig mit einem Stück Hirschleder und Wiener Putzkalk.«

»Vor nicht langer Zeit«, meinte ein sehr großer Herr, mir gerade gegenüber, »war ein Mensch hier, der sich für einen Esel hielt, was, wie Sie bemerken werden, allegorisch gesprochen, auch richtig war. Es war ein sehr unruhiger Patient, und wir hatten oft alle Mühe, ihn von Exzessen zurückzuhalten. Eine Zeitlang wollte er nichts anderes essen als Disteln, doch kurierten wir ihn bald davon, indem wir ihm wirklich nichts anderes zukommen ließen. Dann schlug er immer mit den Hinterbeinen aus, so – sehen Sie – so – so –«

»Herr de Kock, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie sich ein wenig mäßigen wollten«, unterbrach ihn hier eine alte Dame, die neben ihm saß. »Halten Sie doch, bitte, Ihre Füße bei sich! Sie haben mir mein ganzes Brokatkleid verdorben. Ist es denn unumgänglich nötig, eine Bemerkung praktisch zu illustrieren? Ich glaube, unser Freund hier hatte Sie auch so verstanden. Sie sind wahrhaftig ein ebenso großer Esel wie der Unglückliche, von dem Sie reden. Sie ahmten das Tier wenigstens äußerst naturgetreu nach.«

»Mille Pardons! Ma’mselle!« erwiderte der also angeredete Herr de Kock, »bitte tausendmal um Entschuldigung. Ich hatte nicht die Absicht, Sie zu belästigen. Ma’mselle Laplace – Herr de Kock nimmt sich die Ehre, auf Ihr Wohl zu trinken!«

Bei diesen Worten verbeugte sich Herr de Kock sehr tief, küßte ehrfurchtsvoll seine eigene Hand und trank auf das Wohl der Dame.

»Gestatten Sie mir, mein Freund«, wandte sich Herr Direktor Maillard jetzt an mich, »Ihnen ein Stück von diesem Kalbfleisch à la Sainte-Menehould zu überreichen; es wird Ihnen sicher zusagen.«

Drei sehr kräftige Diener hatten eben eine ungeheure Schüssel ohne weiteren Unfall auf den Tisch gesetzt. Sie war fast so groß wie ein Boot und enthielt, wie mir schien, das

monstrum, horrendum, informe, ingens,

cui lumen ademptum.

Ein aufmerksamer Blick überzeugte mich jedoch davon, daß es nur ein kleines unzerlegt gebratenes Kalb sei, das auf seinen Knien lag und einen Apfel im Maule trug, wie man in England gewöhnlich einen Hasen serviert.

»Danke, nein!« erwiderte ich dem Direktor, »ich bin kein besonderer Freund von Kalbfleisch à la Sainte – wie sagten Sie doch? – es bekommt mir nicht! Ich möchte jedoch meinen Teller wechseln lassen und etwas von dem Kaninchenbraten nehmen.«

Auf dem Tische standen nämlich mehrere Mittelschüsseln, welche den bekannten französischen Kaninchenbraten zu enthalten schienen, den ich sehr liebte.

»Jean!« rief mein Wirt, »reichen Sie dem Herrn einen anderen Teller und etwas von dem Kaninchen nach Katzenart!«

»Kaninchen nach was?« fragte ich.

»Nach Katzenart!« antwortete er.

»Danke nein«, sagte ich rasch. »Ich habe es mir anders überlegt und möchte lieber etwas von dem Schinken nehmen.«

»Man weiß doch wahrhaftig nie«, dachte ich bei mir, »was man am Tische von Provinzmenschen zu essen bekommt. Ich danke für Euer Kaninchen nach Katzenart – ebenso wie ich für Eure Katze nach Kaninchenart danken würde.«

»Und weiter«, nahm jetzt eine Person mit einem wahren Leichengesicht am unteren Ende der Tafel das Gespräch, das einen Augenblick gestockt hatte, wieder auf, »– und weiter hatten wir unter anderen Merkwürdigkeiten einmal einen Patienten hier, der sich für ein Stück Cordovakäse hielt, immer mit einem Messer in der Hand herumlief und alle seine Bekannten aufforderte, mal ein Scheibchen aus der Mitte seines Beines zu versuchen.«

»Er war wirklich ein großer Narr«, rief jemand anders dazwischen, »und doch kann man ihn absolut nicht mit einer anderen Person vergleichen, die wir alle – den fremden Herrn da ausgenommen – genau kennen. Ich meine den Mann, der sich plötzlich für eine Champagnerflasche hielt und oft plötzlich mit einem Pang! pang! aufsprang und pschi-pschi-i-i-i-i-i-dazu machte, so nämlich –«

Hier streckte der Sprecher ungebildeterweise seinen rechten Daumen in die linke Wange, zog ihn mit einem Tone, der dem Aufspringen eines Korkes glich, wieder heraus und brachte durch eine geschickte Bewegung der Zunge auf den Zähnen, einen scharfen, zischenden, sprudelnden Laut hervor, der ähnlich klang wie das Moussieren des Champagners. Ich bemerkte sofort, daß dies Betragen Herrn Maillard durchaus nicht gefiel, doch sagte er nichts. Ein sehr magerer, kleiner Mann in einer riesigen Perücke führte die Unterhaltung weiter fort: »Einmal war ein Ignoramus hier, der hielt sich für einen Frosch, mit dem er übrigens, beiläufig gesagt, wirklich viel Ähnlichkeit hatte. Ich wünsche, Sie hätten ihn gesehen, mein Herr« – hier wandte sich der Sprecher mir zu – »es hätte Ihrem Herzen wohlgetan, zu beobachten, wie natürlich er sich benahm. Mein Herr, wenn der Mann kein Frosch war, so kann ich nur sagen, es war schade, daß er wirklich keiner war. Sein Quaken – er machte es so: o o o o gh! – o o o o gh! – war das schönste Quaken der Welt – ganz b-Moll. Und wenn er, nachdem er ein oder zwei Glas Wein getrunken hatte, seine Ellbogen so, wie ich es jetzt tue, auf den Tisch stützte, seinen Mund auseinanderzog – so – und seine Augen nach oben rollte und fabelhaft schnell mit den Lidern zwinkerte – so ähnlich! – ich glaube, mein Herr, das imitatorische Genie dieses Mannes hätte Sie mit Bewunderung erfüllt!«

»Zweifellos!« erwiderte ich.

»Einmal war auch«, meinte ein anderer, »ein Deutscher, ein Herr Schnupfer, hier, der sich für eine Prise Tabak hielt und untröstlich war, daß er sich nicht zwischen seinen Daumen und Zeigefinger nehmen konnte.«

»Auch war Jules Desoulieres ein sonderbares Phänomen, und die Vorstellung, daß er ein Kürbis sei, machte ihn ganz verrückt. Er verfolgte den Koch mit Bitten, ihn doch zu Kompott zu verarbeiten, was ihm der Koch aber voller Entrüstung abschlug. Ich will es jedoch gar nicht so schroff ableugnen, daß ein Kürbiskompott à la Desoulieres nicht vorzüglich geschmeckt haben würde.«

»Sie setzen mich in Erstaunen«, erwiderte ich dem lustigen Herrn und blickte den Direktor Maillard fragend an.

»Hahaha!« antwortete mir dieser, »hehehe! hihihi! höhöhö! hühühü! das ist sehr gut! Sie müssen sich nicht allzusehr verwundern, mein Freund; der Herr ist ein Schäker – ein Witzbold – Sie dürfen seine Reden nicht wörtlich nehmen.«

»Und außerdem war noch Bouffon-Legrand hier«, rief irgendein anderer Tischgenosse – »er war in seiner Weise auch eine außerordentliche Persönlichkeit, die Liebe richtete in seinem Gehirn Verwüstungen an, so daß er sich einbildete, er sei der Kopf des Cicero, der andere sei jedoch eine Zusammensetzung: von der Spitze der Stirn bis zum Munde sei er nämlich der Kopf des Demosthenes, und vom Munde bis zum Kinn der Kopf Lord Broughams. Es ist ja möglich, daß er sich täuschte, doch hätte er Sie sicher von der Richtigkeit seiner Ansicht überzeugt, denn er war ein Mann von großer Beredsamkeit. Er hatte geradezu eine Leidenschaft für die Kunst des Redens und konnte es sich nicht versagen, dieselbe oft zu zeigen. So pflegte er zum Beispiel auf den Eßtisch zu springen – so ungefähr und – und«

Hier legte mein Freund, der neben dem Sprecher saß, die Hand auf dessen Schulter und flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr; worauf er ganz plötzlich zu sprechen aufhörte und in seinen Stuhl zurücksank.

»Und dann«, sagte nun der Freund, der eben seinem Nachbar ins Ohr geflüstert hatte, »war noch Boulard hier, der Kreisel. Ich nenne ihn den Kreisel, weil er die drollige, doch nicht ganz unvernünftige Idee hatte, in einen Kreisel verwandelt worden zu sein. Sie wären vor Lachen gestorben, hätten Sie ihn so herumschnurren sehen! Er konnte sich eine Stunde lang auf einem Absatz herumdrehen, so nämlich – so –«

Der Freund, den er vorhin durch die zugeflüsterte Bemerkung unterbrochen hatte, erwies nun seinem Nachbar genau denselben Dienst.

»Ihr Herr Boulard«, schrie jetzt eine alte Dame mit Fistelstimme, »er war verrückt, und zwar sehr blödsinnig verrückt, denn wer, gestatten Sie mir die Frage, hat jemals einen lebendigen Kreisel gesehen? Die ganze Sache ist absurd. Da war Frau Soyeuse eine viel gescheitere Person. Sie hatte ja auch ihre Grille, aber eine Grille, die sich mit dem gesunden Menschenverstande wohl vereinigen ließ und allen, die die Ehre ihrer Bekanntschaft genossen, nur Vergnügen bereitete. Sie fand nach reiflicher Überlegung, daß sie durch irgendeinen Unfall ein junger Hahn geworden war, doch benahm sie sich als solcher durchaus schicklich. Sie schlug wundervoll mit den Flügeln – so – so – so und krähte einfach entzückend! Kikeriki – Kikeriki –Kikeriki i i i i i i!«

»Ich muß Sie bitten, Frau Soyeuse, sich anständig zu benehmen«, unterbrach sie mein Wirt voller Zorn. »Wenn Sie sich hier nicht betragen wollen, wie es einer Dame zukommt, müssen Sie den Tisch verlassen. Sie haben die Wahl.«

Die Dame, die ich nach der Beschreibung, die sie von Frau Soyeuse gegeben, mit großer Überraschung als diese selbst anreden hörte, errötete bis an die Brauen und schien den Vorwurf als eine tiefe Demütigung zu empfinden. Sie senkte den Kopf und erwiderte keine Silbe. Eine andere, jüngere Dame nahm die Unterhaltung wieder auf. Es war das schöne Mädchen, das ich im Sprechzimmer kennengelernt.

»Oh, Frau Soyeuse war eine Närrin«, rief sie aus. »Von wirklich gesundem Menschenverstande zeugten eigentlich nur die Ansichten der Eugenie Salsafette. Sie war ein sehr schönes, trauriges, bescheidenes Mädchen, das es für unpassend hielt, sich wie alle anderen Menschen zu kleiden, und es vorzog, die innere Seite ihrer Kleidungsstücke nach außen zu tragen. Das kann man übrigens leicht bewerkstelligen, Sie brauchen bloß so zu machen – und; so – und so – und – «

»Mein Gott! Fräulein Salsafette, was machen Sie denn«, schrien hier wohl zwölf Stimmen auf einmal, »was fangen Sie an! – Gott behüte – das genügt ja aber vollständig – wir sehen ja klar genug, wie die Sache gemacht wird! Halten Sie ein, halten Sie ein!« Mehrere Personen sprangen von ihren Sitzen auf und versuchten Fräulein Salsafette zu verhindern, sich auf gleichen Fuß mit der Venus von Medici zu stellen.

Man hatte die junge Dame kaum beruhigt, als plötzlich aus dem Hauptflügel des Schlosses ein fürchterliches Geschrei gellend zu uns herüberklang. Obwohl der greuliche Lärm meine eigenen gesunden Nerven schon ziemlich angriff, mußte ich die übrige Gesellschaft geradezu bemitleiden, denn sie schien in einer Weise zu erschrecken, wie ich es nie wieder bei vernünftigen Menschen gesehen habe. Sie wurden alle bleich wie Laken, fuhren zusammen, saßen zitternd und bebend da und horchten angstvoll, ob sich der Ton wiederholte. Plötzlich erklang er wieder, lauter und anscheinend viel näher – dann erscholl er ein drittes Mal sehr laut und ein viertes Mal sehr viel leiser und entfernter. Sofort erlangte die Gesellschaft ihre gute Laune wieder. Man sprudelte wie vorhin vor Leben und Lustigkeit über. Ich fragte nun nach dem Grunde der Störung.

»Ach, eine Kleinigkeit!« erwiderte mir Herr Maillard. »Wir sind an dergleichen gewöhnt und machen uns wenig daraus. Die Irrsinnigen heulen zuweilen alle zusammen auf – einer steckt den anderen an, wie es oft die Hunde in der Nacht tun. Zuweilen jedoch folgt auf ein solches Konzert eine einmütige Anstrengung, loszubrechen, was immerhin eine kleine Gefahr über uns bringen könnte.«

»Wie viele Wahnsinnige befinden sich denn jetzt in den Zellen?«

»Augenblicklich im ganzen nur zehn.«

»Hauptsächlich wohl Frauen?«

»O nein, alle zehn sind Männer, und kräftige Männer dazu, kann ich Sie versichern!«

»Wirklich? Ich habe immer sagen hören, daß die Mehrzahl der Wahnsinnigen dem schöneren Geschlechte angehöre!«

»Im allgemeinen ja, doch nicht immer. Vor einiger Zeit hatten wir siebenundzwanzig Kranke hier, und zwar befanden sich darunter nicht weniger als achtzehn Frauen, doch hat sich das Verhältnis, wie Sie hören, jetzt in kurzer Zeit geändert.«

»O ja, sehr geändert«, unterbrach ihn hier der Herr, der Ma’mselle Laplace vorhin auf ihr Brokatkleid getreten hatte.

»O ja – sehr geändert«, schrie die ganze Gesellschaft im Chorus.

»Halte doch jeder seinen Mund«, rief mein Wirt voller Zorn – und die Tafelrunde beobachtete fast eine ganze Minute lang ein Todesschweigen. Eine Dame jedoch gehorchte Herrn Maillard wörtlich, faßte ihre Lippen mit beiden Händen und hielt sie bis zum Schluß des Essens fest.

»Und die Dame«, wandte ich mich flüsternd an Herrn Maillard, »die eben den Hahn imitierte, ist harmlos – ganz harmlos, nicht wahr?«

»Harmlos?« rief er mit aufrichtiger Überraschung aus. »Was meinen Sie damit?«

»Nun, nur leicht erkrankt«, entgegnete ich und wies auf meinen Kopf. »Ich meine, sie ist durchaus nicht besonders schlimm oder gar gefährlich krank.«

»Mein Gott! Was denken Sie sich nur überhaupt! Die Dame, meine alte, spezielle Freundin, ist so gut bei Verstande wie ich. Sie hat ein paar exzentrische Angewohnheiten, das ist wahr – aber Sie wissen doch: alle alten Frauen – alle sehr alten Frauen haben dergleichen an sich, sind mehr oder weniger exzentrisch.« »Gewiß, gewiß!« entgegnete ich, »und die übrigen Herrn und Damen –«

»Sind meine Freunde und untergebenen Beamten«, unterbrach mich Herr Maillard in einem, wie mir schien, etwas hochmütigen Tone, »meine prächtigen Freunde und Helfer.«

»Wie? Alle?« fragte ich, »auch die Frauen?«

»Gewiß!« antwortete er. »Ohne weibliche Hilfe ist eine Anstalt wie die unsrige nicht zu leiten. Frauen sind die besten Irrenpflegerinnen, die man sich denken kann. Sie haben ihre eigene Art und Weise, mit den Wahnsinnigen umzugehen, und ihre schönen Augen tun oft Wunder – es ist ähnlich damit, wie mit dem Bann, den die Schlangen ausüben, wissen Sie!«

»Das mag sein, gewiß!« entgegnete ich. »Sie benehmen sich zwar alle ein wenig sonderbar, nicht? ein bißchen verdreht, was? Finden Sie nicht auch?«

»Sonderbar? Verdreht? Glauben Sie das wirklich? Wir hier im Süden nehmen es allerdings nicht so genau – wir tun, was wir wollen – genießen unser Leben – sind lustig und guter Dinge –«

»Das ist gewiß sehr vernünftig«, erwiderte ich.

»Und überdies, sehen Sie, dieser Clos de Vougeot ist ein bißchen schwer – ein bißchen stark – Sie verstehen – wie?«

»Gewiß, gewiß«, sagte ich. »Habe ich Sie übrigens recht verstanden, daß Sie an Stelle des Beschwichtigungssystems eine außerordentlich harte Behandlung gesetzt haben?«

»Nicht vollständig. Wir schließen die Kranken bloß strenge ein, ihre Behandlung – ich meine die ärztliche Behandlung – muß ihnen eher angenehm als unangenehm sein.«

»Sie haben das neue System selbst erfunden?«

»Nicht ganz – einige Punkte in demselben stammen von Doktor Pech, von dem Sie sicher schon gehört haben. Und verschiedene Abänderungen schreibe ich mit Stolz dem berühmten Professor Feder zu, mit dem Sie, wenn ich mich nicht irre, ja sehr nahe bekannt sind.«

»Ich muß leider gestehen«, wandte ich ein, »daß ich keinen der beiden Namen früher gehört habe.«

»Du lieber Himmel«, rief mein Wirt, rückte erschrocken seinen Stuhl zurück und schlug die Hände zusammen, »ich höre wohl nicht recht! Sie wollten doch nicht sagen, daß Sie noch nie von dem gelehrten Doktor Pech, noch nie von dem berühmten Professor Feder etwas gehört haben!«

»Ich muß leider meine vollständigste Unwissenheit zugeben. Der Wahrheit die Ehre: ich bedaure aufrichtig, von den Werken dieser beiden berühmten Persönlichkeiten auch nicht das geringste zu wissen. Ich will mir, sobald es angeht, ihre Schriften verschaffen und mit dem nötigen Eifer durchlesen. Sie haben mich nämlich, Herr Maillard, wirklich –, Sie haben mich, muß ich gestehen, ganz beschämt gemacht.«

Dies letztere war tatsächlich der Fall.

»Reden wir doch nicht mehr davon, mein lieber junger Freund«, unterbrach mich der Direktor in gütigem Tone und drückte mir die Hand, »stoßen wir lieber mit einem Glas Sauterne an!«

Wir taten es. Die Gesellschaft folgte unserem Beispiele. Sie tranken unaufhörlich – schwätzten, scherzten, lachten und vollführten tausend absurde Dinge. Die Geigen quietschten, die Trommeln rasselten, die Posaunen heulten, der Spektakel wurde, je mehr man dem Weine zusprach, immer wüster und das Ganze zu einer richtigen Orgie. Herr Maillard und ich setzten indes zwischen verschiedenen Flaschen Clos de Vougeot und Sauterne hindurch unsere Unterhaltung fort, mußten jedoch aus Leibeskräften schreien, um einander verstehen zu können. Ein Wort, in gewöhnlicher Klangstärke gesprochen, wäre ebensowenig gehört worden, wie die Stimme eines Fisches auf dem Grunde des Niagara-Falles.

»Vor dem Mittagessen sprachen Sie von den Gefahren, die das ›alte System der Beschwichtigung‹ mit sich gebracht habe«, schrie ich dem Direktor ins Ohr. »Was meinten Sie damit?«

»Nun«, entgegnete er, »die Launen der Irren sind ganz unberechenbar, und es ist sowohl meine Ansicht wie die des Doktors Pech und des Professors Feder, daß es nie klug ist, einen Irrsinnigen frei umherlaufen zu lassen. Er kann für eine Zeitlang ›beschwichtigt‹ werden, wie man es nennt, doch muß man sich immer auf Gewalttätigkeiten gefaßt machen. Auch ist seine List so groß, daß sie ja fast schon sprichwörtlich geworden ist. Wenn er irgend etwas vorhat, verheimlicht er seinen Plan mit großer Geschicklichkeit. Und die wunderbare Verstellungskunst, mit welcher er den geistig Gesunden imitiert, ist eins der sonderbarsten Probleme in der psychologischen Wissenschaft. Wenn ein Wahnsinniger ganz vernünftig scheint, ist es die höchste Zeit, ihn in die Zwangsjacke zu stecken.«

»Aber die Gefahr, von der Sie sprachen? Haben Sie in Ihrer eigenen Praxis die Erfahrung gemacht, daß die Freiheit für einen Wahnsinnigen gefährlich ist?«

»Hier? In meiner eigenen Praxis? O ja, das habe ich! So ist zum Beispiel vor kurzem in diesem Hause etwas Merkwürdiges vorgekommen. Damals war das Beschwichtigungssystem noch in Anwendung und die Kranken alle in Freiheit. Sie betrugen sich außerordentlich gut, so gut, daß jeder vernünftige Mensch auf den Gedanken kommen mußte, hinter dieser Bravheit verberge sich irgendein teuflisches Vorhaben. Und wahrhaftig! Eines schönen Morgens fanden sich alle Aufseher an Händen und Füßen gebunden und in Zellen gesperrt in denen sie von den Irren, die sich plötzlich alle für Aufseher hielten, wie Wahnsinnige behandelt wurden.«

»Was Sie sagen! Das ist allerdings ganz unerhört!«

»Tatsache! Die ganze Katastrophe wurde durch einen Burschen herbeigeführt – einen Wahnsinnigen – der sich plötzlich einbildete, er habe ein Regierungssystem erfunden, das besser sei als alle bisher bekannten – Irrenregierungssysteme meine ich natürlich. Er wollte seine Erfindung auf die Probe stellen und überredete die übrigen Kranken zu einer Verschwörung, um die regierenden Mächte über den Haufen zu werfen.«

»Und es gelang ihm auch?«

»Vollständig. Die Aufseher und die Beaufsichtigten wechselten ihre Plätze, das heißt, die Irren waren ja immer frei gewesen, doch die Aufseher wurden nun in Zellen gesperrt und, wie ich leider gestehen muß, sehr ehrenvoll behandelt.«

»Doch wurde nun gewiß schnell eine Gegenrevolution gemacht, denn so konnten die Dinge doch nicht lange bleiben. Die Bauern aus der Nachbarschaft – oder zufällige Besucher der Anstalt erstatteten wohl sofort Anzeige?«

»Da irren Sie sich. Der Anführer der Rebellen war zu schlau, er ließ überhaupt keinen Besucher ein – nur einmal einen jungen Mann, der ziemlich dumm aussah und der ihm keine Besorgnis einflößte. Er ließ ihn ein, um eine Abwechslung zu haben und sich über ihn zu amüsieren. Als er genug Hanswurst gespielt hatte, ließ er ihn wieder laufen.«

»Und wie lange dauerte denn die Regierung der Narren?«

»Oh, sehr lange – gewiß einen Monat lang – oder noch länger, ich weiß es nicht genau. Mittlerweile führten die Tollen ein vergnügtes Leben. Das können Sie sich denken. Sie warfen ihre schäbigen alten Sachen ab und plünderten den Familienkleiderschrank und die Familienschmuckschatulle. In den Kellern des Schlosses lagen reiche Weinvorräte – die Irren sind gerade die richtigen dazu, um ihn auszutrinken. Sie lebten gut, das kann ich Ihnen nur sagen.«

»Und die Behandlung – was für eine Art von Behandlung führte der Rebellenführer ein?«

»Nun, wie ich schon bemerkte: ein Wahnsinniger braucht nicht immer dumm zu sein! Und es ist auch meine bescheidene Meinung, daß das System, welches er einführte, besser war als das, welches er über Bord geworfen. Es war ein vorzügliches System – ganz einfach – sauber – ohne Schwierigkeit – es war ganz köstlich – es war –«

Hier wurde mein Wirt durch eine lange, neue Reihe von Schreien unterbrochen, die genauso klangen wie die vorhin gehörten. Diesmal jedoch schienen sie von Personen ausgestoßen zu werden, die sich dem Saale rasch näherten.

»Himmlischer Vater!« rief ich aus. »Wahrscheinlich sind die Wahnsinnigen losgebrochen!«

»Ich fürchte auch«, entgegnete Herr Maillard und wurde blaß.

Jetzt ertönten die lauten Schreie und Rufe dicht unter unserem Fenster. Dann hörten wir jedoch auch, wie einige Personen sich bemühten, von außen, vom Korridor her in das Zimmer zu dringen. Die Tür wurde mit einem Widder oder riesigen Hammer bearbeitet, während andere mit unheimlicher Kraft an den Fenstergittern rüttelten und brachen.

Nun entstand die fürchterlichste Verwirrung. Herr Maillard versteckte sich zu meiner größten Überraschung hinter das Buffett. Eigentlich hatte ich von ihm mehr Entschlossenheit erwartet. Die Mitglieder des Orchesters, die seit einer Viertelstunde zu betrunken schienen, um ihrer Aufgabe nachzukommen, sprangen mit ihren Instrumenten wieder auf den Tisch, begannen einmütig mit fast übermenschlicher Energie und Tonfülle die »Schusterjungen« zu spielen, und musizierten während der ganzen Katastrophe, die nun hereinbrach, unentwegt weiter.

Der Herr, den man vorhin mit großer Mühe davon abgehalten hatte, auf den Tisch zu springen, hüpfte jetzt mitten zwischen die Flaschen und Gläser. Sobald er dort einen bequemen Standpunkt gefunden, begann er eine große Rede zu halten, die wahrscheinlich vorzüglich war – hätte man nur ein Wort verstehen können. Im selben Augenblick fing der Herr, der die Vorliebe für den Kreisel hatte, mit ungeheurem Kraftaufwand an, im Zimmer immer in die Runde herumzuschnurren. Dabei hielt er die Arme im rechten Winkel ausgestreckt, so daß er in der Tat einem Kreisel ähnlich sah und jeden, der in seine Nähe kam, zu Boden schleuderte. Zu gleicher Zeit vernahm ich ein unglaubliches, paffendes und zischendes Geräusch, wie von aufspringenden Champagnerflaschen, ein Geräusch, das von der Persönlichkeit herkam, die schon während des Mittagessens sich für eine Flasche des animierenden Stoffes gehalten hatte. Der Froschmann quakte dazu, als hinge sein Seelenheil von jedem Tone ab; indes der Deutsche, Herr Schnupfer, schnupfte, was das Zeug hielt. Doch über alles hinweg hörte ich das langanhaltende ia ia eines Esels. Und meine alte Freundin, Frau Soyeuse – ich hätte Tränen über sie weinen können, denn die Ärmste schien die Fassung vollständig verloren zu haben: Sie stand in einer Ecke am Kamin und konnte nichts weiter äußern als ein unaufhörlich aus Leibeskräften geschrienes Kikeriki i i i. Während ihr gegenüber, in der anderen Ecke, Fräulein Salsafette, völlig ausgezogen, als Venus von Medici Posto gefaßt hatte.

Und nun hatte die Komödie ihren Höhepunkt erreicht. Da man den Anstrengungen der Belagernden weiter keinen Widerstand entgegensetzte als Heulen, Schreien und Krähen, waren die Fenster bald erbrochen, war die Tür bald gesprengt. Niemals werde ich die Bestürzung und das Entsetzen vergessen, das mich befiel, als ich sah, wie durch die Fenster heulende Ungeheuer einstiegen, die ich für Schimpansen, Orang-Utangs und schwarze Paviane hielt, wie sie am Kap der guten Hoffnung vorkommen mögen.

Ich bekam einen Schlag, rollte unter ein Sofa und blieb da still liegen. Nach ungefähr fünfzehn Minuten, während welcher ich angestrengt auf das horchte, was im Zimmer vor sich ging, erlangte ich endlich mit Schluß des Dramas auch die Aufklärung seiner Verwickelungen. Herr Maillard hatte mir anscheinend mit der Geschichte des Rebellen, der die Irren befreite, nur seine eigenen Heldentaten erzählt. Er war in der Tat vor zwei oder drei Jahren Direktor der Anstalt gewesen, dann hatte sich jedoch auch sein Kopf verwirrt, und er wurde selbst der Abteilung für die Kranken überwiesen. Das aber war meinem Reisegefährten nicht bekannt gewesen.

Die Hüter, zehn an der Zahl, hatte er von seinen Mitpatienten ergreifen lassen; darauf wurden sie mit Pech überzogen und mit Federn besteckt und in unterirdische Zellen geworfen. Über einen Monat lang hatte man sie gefangen gehalten, und Direktor Maillard hat ihnen nicht nur Pech und Federn gelassen (darin bestand nämlich sein System), sondern ihnen sogar ein wenig Brot und soviel Wasser zugestanden, wie sie haben wollten. Täglich ließ er sie mit einer Pumpe duschen. Endlich war es einem von ihnen gelungen, durch ein Abflußrohr zu entkommen und die anderen zu befreien.

Jetzt ist das Beschwichtigungssystem mit einigen wichtigen Veränderungen wieder angenommen worden. Doch kann ich nicht umhin, mit Herrn Maillard darin übereinzustimmen, daß seine selbsterfundene Behandlungsweise eine äußerst vorzügliche gewesen. Wie er sehr richtig bemerkte: einfach – sauber – und sie machte keine Mühe, wirklich nicht die geringste.

Ich will zum Schluß nur noch erwähnen, daß ich, obwohl ich alle Bibliotheken Europas nach den Werken des Doktors Pech und des Professors Feder durchsucht habe, doch bis heute noch keine ihrer Schriften habe finden können.

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