Das papistische Complot

 

[1678 – 1681] Die großen Kämpfe, welche der englischen Revolution vorangingen, der glorreichen, wie sie der Brite nennt, weil seine Verfassung ihr endliches Werk geworden ist, stellen wir uns gern, um ihres reinen, edlen und erhabenen Zieles willen, auch als rein, edel und erhaben vor. Großartig waren sie in ihrer Bewegung, in dem Aufpulsen aller Lebenskräfte einer, in sittlicher und geistiger Beziehung, weit vor allen andern vorangeschrittenen Nation; aber diese Kämpfe, zerlegt in ihre Bestandtheile, waren weder rein noch edel. Von den ursprünglich heiligsten Motiven, die wir auf beiden Seiten annehmen wollen, waren chaotisch aufgewühlt alle unlauteren Leidenschaften, die in diesen Stürmen und Fluthen, diesem Aufbrausen und Kochen, ihr entsetzliches Spiel trieben. Eine Gährung ging voraus, ein Spiel und Widerspiel der Parteiwuth, wovon die ganze Weltgeschichte nichts Aehnliches aufzuweisen hat. Denn wenn der Brand, die Eruption in Frankreich furchtbarer war, wenn sie mehr Blutströme, mehr Leichen kostete, und gewaltsamer die alten Grundvesten des Staates erschütterte und die Gesellschaft auf den Trümmern der alten Welt neu gestaltete, so war dies mehr das Werk des Augenblicks, es war ein Erdbeben, was mit einem Male, mit überwältigender, lange zurückgehaltener Kraft die widerstrebenden Elemente vernichtete. Der Widerstand war schwach; die moralische vis major wurde von aller Welt anerkannt, welche das Verjährte, Morsche, Faule, Unhaltbare zertrümmerte. Nur das Zuweitgehen, nur die Excesse unterlagen der Misbilligung, und erzeugten endlich die reactionaire Strömung, die den großen Strom unserer socialen Entwickelung noch heute mit allen Kräften zurückstaut.

Ganz anders war es in England. Hier athmete der Widerstand mit so gewaltigen Lungen als die Bewegung, es war ein langes Ringen von gleich starken Kräften. Es war, könnte man sagen, kein wild aufflackerndes Feuer des leicht entzündbaren romanischen Blutes, es war ein gründlicher, erschöpfender Kampf germanischer Elemente, von denen jedes in sich die Dauerkraft, als gerechtfertigtes Bewußtsein fühlte. Aber dies Bewußtsein ward im Kampf der Leidenschaften vielfach verdunkelt. Jede Partei überließ sich solchen Excessen, solcher Uebertreibung der Gefühle, daß das ursprüngliche reine Rechtsgefühl davor verschwand. Statt sich über sein Bewußtsein zu läutern, verstockte jeder Theil in einseitiger Gedankenrichtung; jeder umhüllte sich in seinen selbst geschaffenen Dunstkreis bis die Augen trübe wurden und er Alles sah, was er sehen wollte, nur nicht den klaren Himmel, die Sonne über sich und die Dinge, wie sie waren. In seiner Kindheit, dürfte man zur Entschuldigung sagen, war ja noch das politische Bewußtsein, es mußte erst mündig werden, in und durch den Kampf; aber es leuchten solche Blitze von Verstandesklarheit hindurch, von so gereifter, tüchtiger Gesinnung, von so geläuterter, aufrichtiger Liebe für die ergriffene Sache, daß wir an diesem Kindesalter irre werden. Die Theorien von heute und gestern über Staat und Gesellschaft, über Knechtschaft und Freiheit, waren schon damals ausgesprochen, schärfer, nackter, als man es heut wagt, oder für schicklich hält. Doch diese Erkenntniß blieb das Eigenthum des Einzelnen, die Masse faßte sie nur bei den Stich- und Losungswörtern auf, und der Gedanke, sobald sie sich dessen bemächtigt hatte, war nicht mehr Gedanke, er ward zum dunkeln fanatischen Triebe. Der Erkenntniß fehlte die politische sociale Durchbildung im Volke, ihr fehlten die Organe, sich demselben mitzutheilen, die Presse, die Zeitungen; die Geistesblitze, statt in das Dunkel zu leuchten, fanden dort nur Zündstoff, den sie in Feuer setzten, und statt des verbreiteten Lichts, kam den Lichtspendern eine Gluth entgegen, welche sie selbst befing. Das ist das Traurige, Erschreckende in diesem Kampfe, daß die edelsten Geister sich nie ganz frei erhielten, daß sie nicht über dem Kampfe standen, sondern vom Kampfgewühl, vom Strome mit fortgerissen wurden, statt Lenker des Fanatismus, blinde Werkzeuge desselben.

Und wenn politisch die Erkenntniß einen großen Theil der Nation wirklich durchdrungen hatte, so stieß sie auf das religiöse Element, welches noch heute in England hindernd der socialen Entwickelung im Wege steht. Der religiöse Glaube damals war gewiß, wenn nicht in der Kindheit, doch von einer Krankheit befangen, welche die Sinne über die Kindheit zurück dumpf und verwirrt machte. Jede politische Frage zog das religiöse Kleid an; es war das Hemde der Dejanira, die Raserei folgte. Keine Partei konnte der andern darin einen Vorwurf machen, oder jede vielmehr konnte ihn verdoppelt zurückgeben. Und unter diesem dumpf und stumpf machenden Fanatismus brütender Puritaner voll hochmüthiger Verstocktheit und kleinkrämerischer Einseitigkeit, unter dem hohlen, aufgeblasenen Stolz der eben so intoleranten Hochkirchler, und den feurigen, hochfliegenden Wünschen der so lange unterdrückten, darum aber nicht minder nach Herrschaft und Rache dürstenden Katholiken, Glaubensparteien, welche Heil und Recht vom Innehalten einer scharfen Linie in den Glaubensartikeln abhängig machten, unter diesen Fanatikern, sage ich, für den Buchstaben des Gesetzes, wie sie ihn auslegten, eine vollkommen lüderliche Zerflossenheit und Auflösung in Sitte und Glauben; antike Heiden, Deisten, Atheisten, Spötter, Menschen ohne allen Glauben an Gott, Sitte, Tugend, wenn Interesse und Parteiwuth es gebot, in buntem Gemisch der politischen Parteien zusammengeschaart!

Gern retteten wir vom deutschen Standpunkt aus, unsern germanischen Vettern den Vorzug tüchtiger Gesinnung, der Humanität und Rechtlichkeit in diesen Revolutionskämpfen. Gern sagten wir, die Engländer wußten von Anbeginn was sie wollten; sie verfielen nicht in jene canibalische Grausamkeit der Franzosen. Wir können es leider nicht, ohne der Geschichte untreu zu werden. Der Terrorismus mit seinen Blutströmen, mit seinem Septembrisiren und Wohlfahrtsausschüssen, seinen Mitrailladen und Noyaden, kam freilich weder in der englischen Revolution, noch in der vorangehenden Rebellion vor; aber Grausamkeiten, welche die von den Franzosen begangenen noch übertrafen, und dazu Intriguen, Wortbruch, Lug und Trug, ja ein offenes Feilschen mit dem schändlichsten Betruge, dergleichen die Geschichte der französischen Umwälzung nicht aufzuweisen hat. Wir sprechen von der Leidenschaft, welche das Gefühl des Rechts, die ewigen Ansprüche der Vernunft zurückgedrängt. Das war bei der französischen Revolution der Fall, bei der englischen traten schlimmere Verhältnisse ein. Dort war es ein Wahnsinn, ein blutiger Bacchusdienst; aber seine Priester, grade die, vor deren Erinnerung wir schaudern, deren Namen die Geschichte in ihre schwärzesten Tafeln eingetragen hat, waren ehrliche Wahnsinnige. Marat, Robespierre, Danton, Saint Just, selbst der Wütherich Carrier, dienten einer Idee. Sie hatte sie fieberhaft ergriffen, durchschüttelt, sie mordeten, ersäuften, um ihr Wahnbild einer vollkommenen Welt aus den Dünsten der Blutlachen aufsteigen zu sehen. Wir mögen sie verabscheuen, ihr Angedenken verfluchen; aber sie trifft nicht der Vorwurf der Lüge, des Betruges, einer niederträchtigen Gesinnung.

Es war nicht die Leidenschaft allein, welche in den englischen Freiheitskämpfen das Maß überschreiten ließ, welche aus Menschen Hyänen machte. Die Leidenschaft zerstört, aber sie intriguirt nicht; die Leidenschaft gefällt sich in Grausamkeiten, sie speculirt aber nicht, wie sie durch die Grausamkeiten größere Schmerzen hervorbringen will. Greuel wurden in England, besonders in Schottland, begangen, nicht so massenhaft wie in Paris, Lyon und Nantes, aber im Einzelnen von einer so qualitativ raffinirten Grausamkeit, daß die Hochzeiten des Wütherichs Carrier dagegen in den Hintergrund treten. Aber diese Greuel, kaltblütig verübt, bedeuten wieder nichts im Vergleich zu den Mitteln, deren sich die Parteihäupter bedienten, um die blinden Massen zu lenken; gegen die schändlichsten, gewissenlosesten Intriguen, durch die sie ihre Netze ausspannen, und tönende Worte von Recht, Freiheit, Loyalität und Religion im Munde, gegen ihr besseres Wissen und Glauben fälschlich anklagten, ungerecht richteten und verfolgten. Auch hierin hat keine Partei der andern etwas vorzuwerfen; beide sündigten auf dieselbe Weise, beide kämpften durch Lug und Betrug, und beide verwirkten im Uebermuth des Sieges das Recht, für das sie die Waffen ergriffen hatten.

Was aber die einzelnen Fälle noch empörender in unserm Auge macht, was uns noch heute mit Schaudern erfüllt, wenn wir die Begebenheiten von vor zweihundert Jahren überlesen, ist die leere Form des Rechtsganges, an der man mitten im Unrecht festhielt. Die Partei, welche die Oberhand hatte, ließ die ihr Mißfälligen vor Gericht stellen, für schuldig erklären, aufhängen oder enthaupten; schuldig darum, weil Jury und Richter von der herrschenden Partei ernannt waren, zu ihr selbst gehörten und von ihrem Parteihaß geleitet wurden. In Schottlands Haiden und Bergen spießte, ersäufte, erdrosselte und folterte man nach Belieben die Puritaner und ihre Sektirer, Greuel der allerabscheulichsten Art wurden im Namen der Religion und des Königthums von der soldatesken Willkür verübt; und doch empören sie nicht so das Gefühl als die in der Hauptstadt Englands geführten Processe, wo jedes Titelchen des Gesetzes beobachtet, alle scheinbare Milde angewandt wurde, und dem ganzen Rechtsverfahren nichts fehlte, als das Recht selbst. Der Wohlfahrtsausschuß hat seiner Zeit durch das Massenhafte seiner Urtheilssprüche, durch die Ueberhast der Executionen ein größeres Schrecken eingeflößt; aber das waren eigentlich doch nur römische Proscriptionen in anderer Form, legalisirte Niedermetzelungen. Man verbarg es nicht, daß man nicht richten, nur sich sichern, daß man nur aufräumen wollte unter den Feinden des Vaterlandes und der Freiheit, um Luft zu bekommen. Die englischen Processe sollten wirkliche Gerichte sein, man rief das Recht an, man ließ es sich kleiden in ein feierliches Gewand, und doch waren Kläger, Richter und die hinter den Coulissen des frevelhaften Schauspiels standen, sich bewußt, daß es nur ein Würfelspiel war, mit falschen Würfeln, und der Starke zwang den Schwachen, mit ihm den Becher zu schütteln. Das Gemälde einer sittlich tief verworfenen Zeit springt uns entgegen, wo nicht allein der lüsterne, sitten- und gesinnungslose Hof, sondern auch die sonst ausgezeichnetsten Führer der Volkspartei sich dieser Mittel bedienten, um ihre Gegner zu überwinden; wo diese Mittel als erlaubt, natürlich galten; wo falsche Zeugen werben, bestechen, abrichten an der Tagesordnung war; wo Unterhändler darin ein vortheilhaft Geschäft machten; wo Die, welche durch solche Ränke sich aus Amt und Würde, ja auf das Schaffot zu bringen trachteten, sich doch in der hohen Gesellschaft begegneten, lächelten und die Hände schüttelten; wo der heut Hofmann war, morgen umsprang zum wüthendsten Führer der Volkspartei, wenn er, dort gedrückt, hier Vortheile erblickte; wo umgekehrt der Mann des Volkes, um dem Gewitter zu entgehen, welches sich über sein Haupt wälzte, vor der Macht des Hofes niederkniete, und sich zum Zeugen, Angeber wider seine vorige Partei erbot. Solche rasche Umschläge, solche Macht der Intrigue, des Geldes und der Furcht, ja solche Niederträchtigkeit der Gesinnung, und eine solche Reihe arrangirter Justizmorde kommt in der ganzen französischen Revolution, sie kommt in der Weltgeschichte nicht weiter vor. Das war in England nicht Erhitzung des Blutes, es war eine Stockung desselben, eine Krankheit der edelsten Organe, und man weiß nicht, welcher Quelle man diese Verderbtheit mehr zuschreiben soll, dem Fanatismus aus der Puritaner »dunklen Predigtstuben«, dem Heuchlerregiment unter Cromwell und seinen Independenten, oder der Sittenlosigkeit und entnervten Lascivität der letzten Stuarts und ihrer Cavaliere. Welche Vereinigung von unglücklichen Einflüssen gehörte dazu, um die Nation des lustigen Altenglands, die kaum unter Elisabeth ihr goldenes Zeitalter begangen, so zu entwürdigen, daß sie einer moralischen Mördergrube glich!

Aus diesem trüben Strudel wildaufgewühlter Stoffe tauchte die englische Freiheit auf; aus diesen Strömungen und Gegenströmungen bigotter Brunst, teuflischer Rachsucht und Blutgier, aus dem Fanatismus allein seligmachender Ideen, gemessen mit dem Zollstab, und dem leeren Hochmuth des vermeintlich göttlichen Rechtes, und einem Spiel mit Fälschungen, Lug, Trug, falschen Anklagen, angenommenen und angebotenen Bestechungen sogar vom Ausland, aus ungerechten Bluturtheilen, aus Wankelmuth und Trotz, aus dem Ringen abgefeimter Intriguanten mit stierhäuptig gegen die Mauern anrennenden Fanatikern, aus falschen Eidschwüren, umgestoßenen Rechten, mit Ehren belohnten Ueberläufern, erwuchs die englische Verfassung, die unter allen Verfassungen der neuern Nationen als die ehrenwertheste und festeste galt. Was bis dahin vor ihr gewesen, hatte sich in jenen Stürmen und Strömungen nicht bewahrt, es war wie Rohr im Winde von der Willkür der Machthabenden gebogen worden. In diesen Strudeln erst wurde sie gekräftigt, fest und geläutert, um noch ein und ein halbes Jahrhundert den Zeitströmungen zu trotzen. Diese Strudel waren ihre Blut-, nein besser ihre Sündentaufe.

Schon Bischof Burnet, der als Zeuge mitthätig die glorreiche Revolution erlebte, gibt in seiner Charakteristik ihrer Helden zu, daß sie selbst nicht ganz vom Glanz der antiken Freiheitshelden gestrahlt hätten, daß vielmehr, wenn man den Privatcharakter jedes Einzelnen betrachtet, sich mehr menschliche Schwäche, ja sogar mehr als Schwäche, gezeigt habe. Die Engländer haben ihm dies verdacht, und Zeitgenossen und spätere Schriftsteller und Staatsmänner die Feder gegen ihn ergriffen, auch gegen den Historiker Hume, welcher in der Darstellung dieser Zeitepoche sich selbst an Klarheit, Unparteilichkeit und Anschaulichkeit übertroffen hat. Manches mag vom Parteistandpunkte aus in milderm Lichte betrachtet werden können; die Thatsachen in der Geschichte lassen sich nicht ändern. Sie sprechen zu laut dafür, daß die Männer, durch welche das große Werk ins Leben gesetzt ward, auch an den Gebrechen der Menschlichkeit gelitten haben, ja daß einige ihrer Flecken an Verbrechen grenzten. So Die, welche durch ihr Märtyrerblut den Boden düngten für den Baum der Freiheit und Gesetzlichkeit, als Die, welche den großen Sieg erlebten, dazu mitwirkten und reichen Lohn und Ehren einernteten. Die Helden der zweiten Revolution waren großentheils Ueberlaufer. Das ist nicht ihr Verbrechen; denn wer, als ein ganz Stumpfsinniger, konnte Jacob II. Regiment länger ertragen? Der Abfall war das Werk der Natur. Aber was sie vorhergethan, die kriechende Schmeichelei, die Bereitwilligkeit, den Launen des Despoten zu dienen und mit ekelhaft servilem Sinne, ihm den Mantel der Gerechtigkeit umzuhängen, das sind Sünden, die keine späteren Thaten eines Marlborough wegtilgen. Unter diesen Sünden, sagen wir, ward die englische Freiheit geboren; ihre Pathen waren nicht die Kernmänner der alten Rebellion, nicht Cromwell’s Republikaner, nicht jene antik starren Charaktere, die einem Wahn ihr Glück und Leben opferten; es waren weichliche, entnervte Höflinge, Geschöpfe der wechselnden Gunst, Diener des Augenblicks. So war ja auch die ganze Revolution von 1688 kein großartiges Werk menschlicher Thatkraft, nach einem wohlüberlegten Plane begonnen und ausgeführt; es war scheinbar das Werk des Augenblicks, der Laune des Zufalls. Das Volk von England, die Bürger Londons, die wenig Jahre vorher in glühendem Freiheitssinn, auch vor dem Schatten einer Ruthe zornknirschend aufgefahren waren, die ihrem Könige die herbsten, demüthigendsten Bedingungen auferlegt hatten, hatten sich wie eine geduldige Heerde in den letzten Jahren Alles gefallen lassen. Der Stadt London war ihr Privilegium genommen worden, fußfällig hatten sie einen Theil ihrer Rechte aus Gnade vom Könige zurückerbeten. Das Volk hatte seine Lieblinge Russell und Sidney ruhig hinrichten sehen, hinschlachten den auch beliebten Monmouth mit seinen Anhängern, die trunkene Mordwuth eines Jefferies hatte sie nur schaudern gemacht. Trotzig vorhin, waren sie matter geworden als in diesem Augenblick die Spanier unter Narvaez‘ Regiment. Da endlich, als es nicht mehr ging, als der beschränkteste, despotische Uebermuth sich selbst erschöpft hatte in Dummheit und Aberwitz, mußte ein geringfügiges Ereigniß, die Verhaftung der Bischöfe, den Ausschlag geben. Die Englander selbst thaten eigentlich nichts, die einzige bewegende, ordnende Kraft kam von außen, von dem durch die protestantischen Wünsche von ganz Europa getragenen Wilhelm von Oranien. Die Engländer fielen nur ab von Dem, was sich nicht mehr halten ließ, und das Resultat war die englische Freiheit und die englische Verfassung.

Ist sie darum minder gut, weil sie mehr das Werk der Umstände war als bewußter Thatkraft, und Denen, welche sie ins Leben riefen, die Charakterwürde fehlte? Sie war das Werk der Nothwendigkeit, das organische Product, was sich wie von selbst gestaltete aus dem Proceß solcher Prüfungen. Aus einer moralisch, ja auch physisch blasirten Welt, die alle ihre Hoffnungen hatte abblühen sehen, und wenn sie Früchte getragen, so waren sie bitter und faul gewesen, erwuchs ein solcher Stamm, der so gesunde Sprößlinge trieb und eine so stolze Krone entfaltete; ein Beweis dafür, daß die Krankheit und der Peststoff nur die Pflanze, nicht die Wurzel berührt hatte, und ein Zeugniß dafür, welche Regenerationskraft in dem germanischen Volksstamme ruht.

Daß die Englander jene Märtyrer ihrer Freiheit in möglichst günstigem Lichte darzustellen bemüht sind, ist ein natürliches Verlangen; jede Nation, die zu Bedeutung und Freiheit gelangt ist, denkt mit Pietät an Diejenigen zurück, welche die Saat zu ihrer Bedeutung und Freiheit gesäet. Sie will ein Heroenalter haben, und dazu gehören Heroen, und die Heroen, das ist ihre Natur, sind die Schöpfungen der Poesie im Volke; nicht der documentirten Geschichte. Das Wenige, was diese in der Regel von ihnen überliefert, genügt den Gefühlen nicht. Und wenn sie, wie hier der Fall, Vieles von ihnen berichtet, was aber der Gefühlsvorstellung nicht ganz entspricht, so corrigirt diese nach eigener Lust das misfällige Bild. Hierzu kommt noch der besondere glückliche Umstand, daß die Familien dieser Heroen, der Russell, Cavendish, Sidney, Essex, Hambden, großentheils noch jetzt leben, und daß die Erinnerung an ihre Ahnen, als Vorfechter der Freiheit, ihnen die Obliegenheit aufdrückt, nicht von deren Pfade abzuweichen, sondern auch Vertheidiger des Rechtes und der Freiheit zu bleiben. Wenn irgendwo verdankt in England die Aristokratie diesem historischen Umstände ihr kräftiges Bestehen.

Darum tritt der Proceß, welcher unter dem zweiten Karl gegen Lord Russell, Sidney, Essex und die Andern wegen Hochverrath geführt wurde, in der englischen Criminalistik als ein besonders merkwürdiger hervor, als eine glorreiche Tragödie, in welcher die alten politischen Sünden gesühnt wurden, und welche den Uebergangspunkt zu einer neuen Aera bildet. Aber diese Wirkung war ihrer Zeit gar nicht bemerkt worden, ihr Blut war geflossen und getrocknet und das Volk regte sich nicht, es sah ruhig zu neuen, gräßlichern Trauerspielen. Doch war es die stille Wirkung, die unmerklich dort am Bestehenden zehrt und löst und hier an dem Lebensbaume Keime an Keime ansetzt. Diese Bedeutung hat der Proceß noch jetzt, wahrend er an Wichtigkeit der nächstliegenden Begebenheiten: an Complicirtheit der Facta, an dem sogenannten gerichtlich criminalistischen Interesse gegen viele andere aus derselben Zeit zurücktritt. In diesem Zusammenhange historischer Ursach und Wirkung auf die Verfassungsgeschichte Englands dürfen auch wir daher ihn nur in unserer Sammlung merkwürdiger Rechtsfälle behandeln. Nur so hat er einen Anspruch darauf, dann aber einen hochgerechtfertigten als Katastrophe eines lange fortgesetzten politischen Processes und als die Sühne für eine Reihe schauderhafter Justizmorde.

Karl II. war auf den Thron seiner Väter zurückgekehrt; ähnlich Ludwig dem XVIII. Er selbst hatte wenig oder nichts dazu gethan. Man hatte ihn zurückgeführt, weil man nichts Anderes, Besseres hatte; die Kraft, welche bis da das Ruder geführt, hat sich selbst erschöpft. Die Revolution, der religiöse Fanatismus, die Freiheitsliebe war blasirt; die tönenden Phrasen waren todte Worte geworden. Aus Ueberdruß verlangte die Nation nach Neuem, und da sich Neues, Lebendiges nicht bot, griff man nach dem vergessenen Alten.

Man war unzufrieden gewesen mit dem vergangenen Zustande. Der Protector war eine kalte Größe, die man bewundern, aber nicht lieben konnte. Auch seine gute Verwaltung, seine trefflichen Einrichtungen, die ihn überlebt, konnten nicht genügen, wo im Volke neben der puritanischen Sittenstrenge noch warme Lebenslust pulste. Diese, so lange unterdrückt, foderte ihre Rechte. Die Republik war in England nur das Product eines verirrten religiösen Stolzes gewesen. Das neue Volk Gottes war in die Hände von Betrügern gefallen; die Mehrzahl war enttäuscht. Die alte Vorliebe für den glänzenden Königsthron, an dessen Stufen die Freiheit in stolzer Rüstung gestanden, war wieder erwacht. Die Nation, der grau einförmigen Republik satt, wollte wieder einen König, mit Glanz, Farbe und Lust umgeben. Wäre Karl königlichen Geistes gewesen, der das Opfer der Freiheit als einen Tribut der Liebe zu würdigen gewußt, so hätte er ein glücklicher und großer König werden können. Aber er war ein Stuart wie Ludwig XVIII. ein Bourbon.

Er konnte vielleicht vergessen, denn er war leichtsinnig; aber erlernt hatte er nichts, als die Kunst der Verstellung und jene kleinen Künste, um zwischen den Parteien zu laviren. Auf seinem langen Wanderleben durch Frankreich, Holland, in der Intriguenlust der Höfe und Cabinette, hatte sein Sinn für Edles und Großartiges keine Nahrung empfangen. Um die Menschen zu verachten fehlte ihm der philosophische Trieb dazu; aber er lernte sie nur betrachten als Geschöpfe, die man brauchen muß zu seinen Zwecken. Wollüstig ohne Leidenschaft und Phantasie, lüderlich und ausschweifend, weil das für eine royalistische Tugend galt, hatte er doch, vielleicht in der holländischen Atmosphäre, jene Dauerkraft errungen, die seinen Körper vor der Verwüstung bewahrte, während sein Geist vollkommen blasirt war. Ohne Herz, Liebe, Neigungen, außer zur Lust und zum wechselnden Vergnügen, hing er keinem guten und keinem bösen Gedanken mit inbrünstiger Wärme oder eiserner Consequenz nach, als dem, die Herrschaft zu behalten; nicht aus Herrschsucht und Ehrgeiz, sondern weil sie seinen Lüsten die beste Gelegenheit zur Befriedigung gewährte, und weil er die Schmerzen und Entbehrungen eines Verbannten kennen gelernt hatte. Für diesen Zweck, König zu bleiben, und möglichst unbeschränkt, that und opferte er Alles, so weit es sein Vergnügen nicht störte. Er log, heuchelte, schmeichelte seinen Feinden und opferte seine Freunde hin; für diesen Zweck dachte er edel, sprach vortrefflich und handelte gut, wenn es sein mußte. Ja, er, der Verschwender, verstand sich sogar, zu diesem Ziele, wenn die Noth gar zu groß war, zu Einschränkungen. Er wäre vielleicht zu andern Zeiten ein guter Regent gewesen; denn er war klug, voll Verstand, doch ohne Lust, ihn anzustrengen. Selbst ohne Parteiwuth, wußte er die Parteien zu zügeln, zu bearbeiten, ihnen unvermerkt ihre gefährliche Kraft zu nehmen, wodurch es sei, durch Geld, List, Vernunft, Betrug oder Gewalt. Hatte man es verstanden, ihm die Regierung nicht als eine Sorge, sondern als ein Vergnügen handrecht zu machen, würden wenige Regenten wie er mit Leichtigkeit und Anmuth die Klippen umschifft und die schwierigen Conflicte beseitigt haben. Aber es vereinigte sich Alles, ihm die Regierung als Last zu zeigen, seine Unterthanen als Feinde. Solchem Fanatismus, solcher Voreingenommenheit gegenüber konnte er nur wirken, wenn er selbst Partei ergriff, oder vielmehr die Partei frei walten ließ, welche ihm die bequemste und, seiner Stellung nach, die natürlichste war. Ebenso wenig zur Grausamkeit, als zum Fanatismus geneigt, weil er überhaupt keine Affecte kannte, machte es ihm kein Vergnügen, seine Feinde bis zum Aeußersten zu treiben, konnte er mit Ruhe, vielleicht mit Vergnügen, bei ihrem Todesschmerz verweilen. Ein dämonisches Lächeln, eine sarkastische Bemerkung löste sich wol von seinen Lippen. Wahrscheinlich selbst ohne religiöses Gefühl, war seinem Geschmack die kopfhängerische Brunst der Puritaner zuwider, ihr Fanatismus abscheulich, der leere Hochmuth der stolzen Anglicaner unbequem und lächerlich. An religiöse Verfolgungen hätte er nie gedacht, wenn ihn die Umstände nicht dazu gezwungen. Diese selben Umstände führten ihn, vielleicht auch, weil er sie für die bequemste und einem Könige angemessenste Religion hielt, in den Schooß der katholischen Kirche. Aber mit derselben klugen Zurückhaltung, die ihn sein Leben hindurch geleitet hatte, bekannte er sie erst auf seinem Todtenbette und sich zugleich zum größten Heuchler seines Königreichs, weil er sein Leben hindurch nicht genug feierliche Versicherungen seinem Volke ertheilen können von seiner unerschütterlichen Anhänglichkeit an den protestantischen Glauben, und dessen erhabenste und gottgefälligste Kirche, die bischöflich anglicanische von England.

Die reactionairen strengen Gerichte gegen die Königsmörder und Republikaner, in unsern Augen Grausamkeiten, da sie, längst Vergangenes aufrührend, sogar gegen die Leichen der Todten verübt wurden, hatte man ihm vergeben, wenigstens vergessen, da der religiöse Sinn der Engländer eine Sühne für das vergossene Königsblut nöthig hielt. Ausgezeichnete Staatsmänner standen um seinen Thron; aber nicht lange. Das Vergnügen, die Lüsternheit, die tiefste Verderbtheit herrschten am Hofe. Sie scheuchten die Edlern und Bessern fort, und die Ungunst der Höflinge stürzte und vertrieb die treuesten Anhänger des Königs und Königthums. Zuerst unter allen seinen Unterthanen, klagten die Royalisten und Cavaliere über Undankbarkeit. Auch die Dankbarkeit scheint bei dem zweiten Karl zu den Affecten gehört zu haben, die er vermied. Daß vieles schlechte Gesindel unter dem Namen von Royalisten den Thron mit offenen Händen umstand, ist gewiß; aber auch die edelsten und reinsten Charaktere, wie Clarendon, Temple, Ormond u. A. wurden als untauglich von dem neuen Regiment bei Seite geschoben.

Die Herrschaft der Intriguanten begann unter dem berüchtigten Ministerium, der Cabal. Männer vom anrüchigsten Charakter, Wüstlinge ohne Treu und Glauben an der Spitze der Regierung. Wer der belebende Geist und Wille dieses Regiments war, und was dieses Ministerium eigentlich wollte, war lange zweifelhaft, weil die Pläne zu unsinnig für die Verhältnisse und für den Verstand der daran Teilnehmenden erschienen. Englands Verfassung umzustoßen, ein absolutes Königthum einzuführen und Land und Volk wieder katholisch zu machen, das sollte das Ziel gewesen sein, auf das König und Minister zugleich hinarbeiteten. Alle Maßregeln, welche die Cabal ergriff, sprachen dafür, und doch zweifelte die Geschichte lange an der Möglichkeit einer so unsinnigen Verschwörung eines Königs gegen sein Volk, eines Königs, dem man Klugheit und Vorsicht nicht absprechen konnte, der wenigstens die Stimmung der Engländer, ihren Fanatismus für den protestantischen Glauben und ihre gespensterhafte Abneigung gegen den Katholicismus kennen mußte. Auch war dieser König, seiner ganzen Natur nach, für so weit aussehende, gefährliche Unternehmungen, für so große Plane nicht der Mann. Seine Gedanken beschäftigten sich nur mit kleinen Dingen, mit dem Nächsten, und fand er hierin unerwartete Schwierigkeiten, so kehrte er gern und schnell um, weil er die Mühe scheute, sie aus dem Wege zu räumen. Und doch mußte man sich auch gestehen, daß keine Minister, ohne des Königs bestimmtem Willen, sicher ein solches Wagestück hätten wagen dürfen. Man wußte auch, daß der König nie von Günstlingen, weder von seinen Ministern, noch von seinen Maitressen, sich beherrschen ließ, sondern in allen öffentlichen Angelegenheiten seine eigenen Einfälle durchzusetzen wußte.

Und doch erscheint die Sache noch heute zweifelhaft, obgleich seitdem die authentischsten Aufschlüsse in den eigenen Zugeständnissen der Partei gefunden sind. Der vertriebene Jacob II. gesteht in seinen Memoiren, welche, in Paris aufbewahrt, erst in diesem Jahrhundert durch den Druck zur öffentlichen Kenntniß kamen, ein Bündniß ein, welches die schwärzeste Verschwörung enthält, die je von einem Fürsten gegen sein Volk oder die Unterthanen gegen ihren Fürsten eingegangen, eine Verschwörung, die man ahnete, von der man sich zuflüsterte, an deren ganzer Wahrheit man aber doch, weil sie eben so thöricht als empörend war, sich zu zweifeln verpflichtet hielt. Karl und sein Bruder Jacob hatten im Jahre 1669 eine geheime Alliance mit Ludwig XIV. zu Versailles geschlossen, deren Zweck war: die Religion in England zu ändern. Beide Brüder hielten dies (sagt Jacob II.) für ein leichtes Unternehmen, weil die Cavaliere und die Hochkirchler sich ohnehin so sehr zum Papstthum hinneigten. Ludwig sollte an Karl jährlich 200,000 Pfd. St. zahlen und nöthigenfalls 6000 Mann Hülfstruppen stellen, wenn eine Insurrection in England ausbräche. Der nächste Zweck, wenn England katholisch geworden, sollte die Einführung des absoluten Königthums sein, nach dem Beispiel der unumschränkten Herrschaft, welche Ludwig XIV. in Frankreich so anlockend für alle Fürsten führte. Die katholische Religion hielt man aber zu jener Zeit für besser geeignet als die protestantische, um eine absolute Monarchie zu unterstützen. Vorher sollte Holland mit Krieg überzogen werden, um diesen reichen und mächtigen protestantischen Seestaat zu theilen, zu vernichten, ihm es also unmöglich zu machen, dem bedrängten Protestantismus und der erliegenden Freiheit zu Hülfe zu kommen. Karl II. vergoß Freudethränen, als er diesen Vertrag vor sich sah, und damit die Hoffnung, sein Königreich wieder mit der katholischen Kirche ausgesöhnt zu erblicken – sagt der fanatische Jacob II., der sich selbst vor sich und Andern zu rechtfertigen hatte, daß er so thöricht Alles einer chimärischen Hoffnung hinopferte! Daher liegt das Motiv nahe, seinem Bruder eine gleiche thörichte Hoffnung und alberne Freude unterzuschieben. Aber wenn man auch mit Vorsicht seine Aeußerung hinnimmt, kann über das Factum selbst kein Zweifel obwalten.

Karl hatte mit Ludwig einen Vertrag geschlossen, der einer Verschwörung gegen die heiligsten Rechte und Interessen seines Volkes gleich kam; er hatte sich ein Mal herzlich über den glücklichen, witzigen Einfall gefreut. Wenn der ursprüngliche Vorsatz später in den Hintergrund trat, weil sich zu viel Schwierigkeiten demselben in den Weg stellten, weil Karl an Anderes zu denken hatte, und lieber dachte, was ihm mehr Vergnügen machte als einem gefährlichen Plane mit aller Anstrengung seiner Seelenkräfte nachzugehen; wenn er dann die Subsidien doch nahm und Das nicht that, was er dafür versprochen, wenn er vielleicht im Stillen über den auch witzigen Einfall lachte, jetzt Ludwig zu betrügen, wie er vorhin sein Volk betrogen, sich von ihm bestechen zu lassen, um für das Geld seine Vergnügungen zu bezahlen – so hatte er doch ein Mal jenes Verbrechen begangen, und was schlimmer als die That selbst war, sein Volk glaubte es. Er hatte gegen eine Schlechtigkeit anzukämpfen, die von entsetzlichen Folgen werden konnte, was Wunder daher, daß die Volkspartei alle Mittel dagegen aufbot, und – in einer ganz demoralisirten Zeit – auch eben so schlechte, als ihr König.

Die Volkspartei wuchs mit jedem Jahre zusehends im Parlamente. War sie doch selbst im Rathe des Königs, unter seinen Ministern vertreten; denn sie waren Engländer, Protestanten. Zuweilen mußte doch ihr Gewissen erwachen, zuweilen mußten sie vor dem Abgrund schaudern, in den Karl’s geheime Politik aufs Neue ihr Vaterland zu stürzen drohte. Diese auswärtige Politik zu berühren, kann hier nicht unsere Aufgabe sein, obgleich sie so nahe an die innersten Lebensadern derselben streift. In dem großen Kampfe, den der junge Ludwig XIV. mit Holland, Spanien und dem deutschen Reiche führte, der eine neue Weltmonarchie in Aussicht stellte, und mit ihr eine Knechtschaft der alteuropäischen Freiheit, hätte England damals sein Schwert entscheidend in die Wagschaale legen können. Dringend ungestüm foderte die Nation von ihrem Könige, daß er die Partei der Alliirten gegen Englands alten Feind ergreife, zur Herstellung des europäischen Gleichgewichts, zur Sicherung der protestantischen Freiheit. Karl gab schöne Worte und forderte Geld, um sich zu rüsten. Das Parlament traute den Worten nicht und verweigerte das Geld, bis der König ein positives Bündniß mit den Alliirten geschlossen hätte. Karl setzte sein königliches Wort ein, daß er es thun wolle, er selbst versicherte es heilig und theuer dem Parlament, aber das Volk wußte, daß er es nicht thun werde; er argwöhnte, was seitdem zur Thatsache erhoben ist, daß Ludwig ihn bezahlt hatte, um wenigstens neutral zu bleiben. Der kluge Ludwig, die Verhältnisse richtig würdigend, erkannte, daß, wenn er ihn zu seinem frühern Versprechen eines offenen Bündnisses zwinge, es seinem Alliirten den Thron koste. Und das Parlament verweigerte die geforderten Summen, weil es des Königs Ehrenwort für einen leeren Schall hielt.

Da erkannte Karl, daß es Zeit sei, mit seinem Volk sich auszusöhnen, wenigstens einige Brocken ihm hinzustreuen, welche seinen Argwohn beschwichtigten. Erhalte schon früher aus diesem Grunde seinen Bruder Jacob genöthigt, seine Töchter (von einer protestantischen Mutter) protestantisch erziehen zu lassen. Jetzt war er es, der eine Heirath zwischen der Prinzessin Marie, Jacob’s ältester Tochter, und dem Prinzen von Oranien vorschlug und bewirkte. Er hoffte durch diese Verbindung sein Volk und den durch die Sympathien desselben für den Prinzen ihm gefährlichen Oranier sich auszusöhnen. Die Nation war darüber erfreut, aber es konnte sie nicht beschwichtigen. Die alte Furcht vor dem katholischen Einfluß tauchte immer von Neuem wieder auf. Das Parlament drang auf Krieg mit Frankreich, aber wenn Karl scheinbar nachgab, machte es Bedingungen, zauderte und verrieth nur zu deutlich sein wohlgerechtfertigtes Mistrauen, daß Karl die Truppen, welche er für ihr Geld anwerben wollte, gegen die Freiheit des Volkes gebrauchen könne. Solche unselige Conflicte, solche demoralisirende Intriguen, solche entwürdigende Bestechungen beflecken die Geschichte keiner andern großen und freien Nation – denn daß die Fractionen in Schweden, die Hofparteien in Dänemark und die Schweizer als Söldner, Geld von fremden Mächten annahmen, kommt hiermit nicht in Vergleich – als grade in dieser Zeit die Geschichte Englands. Während der König französisches Geld nahm, um gegen die Interessen seines Volkes einen Krieg anzufangen, dann um neutral zu bleiben, theilte der französische Gesandte Barillon – wir wissen es aus seinem Zeugnisse – auch unter den Führern der Volkspartei Geld aus, damit sie ihrem Könige das geforderte verweigerten, als er Miene machte, die Alliirten gegen Frankreich zu unterstützen, und diese Volksführer nahmen es. Sie nahmen es, nicht als Bestechung, um gegen die Sache zu votiren, welche sie mit ganzer Seele vertheidigten, sondern als Aufmunterung für ihren Eifer; denn es war ihr, wie damals Ludwig’s Interesse, daß Karl über keine zu große Truppenmacht gebot. Als, ein Jahrhundert später, diese Thatsache in England bekannt wurde, erhob sich die allgemeine Stimme der Entrüstung unter dem Volke, daß Die, welche sie als Heroen der Freiheit feierte, französischem Golde zugänglich gewesen. Wenigstens hatte es die Befriedigung, daß Lord Russell dieses Gold nicht annahm. Der große Algernon Sidney aber hatte es nicht von sich gewiesen.

In Folge dieser Zwistigkeiten war der Friede von Nimwegen hinter Englands Rücken abgeschlossen worden, ein Friede, der Ludwig zu der Höhe des Ruhmes und Ansehens verhalf, welche sein Ehrgeiz nur erstreben konnte. Die englische Nation war ebenso erbittert darüber, als Karl sich gekränkt fühlte, aber jeder Theil maß die Schuld dem andern bei, und wenn der König es diesmal wirklich ehrlich gemeint hatte, so büßte er die Schuld seiner früheren Unredlichkeit. Die Misstimmung ward immer größer, das Mistrauen, die Furcht im Volke wuchs. Sie hatte jetzt einen Brennpunkt – den Katholicismus, in welchem alle Parteien, vertheidigungs- und angriffsweise sich zusammenfanden. Wer Gespenster fürchtet, sieht sie. Unbeschadet der gerechten Vorsicht, welche die protestantische Welt vor den stillen Umgriffen der jesuitischen Propaganda zu allen Zeiten üben soll, bleibt es doch mehr als zweifelhaft, ob die Katholiken grade in jenem Zeitpunkt der allgemeinen Aufregung, der Furcht vor ihrer Kirche, ernstlich mit einem erneuten Angriff auf das protestantische England umgingen. Auf keinen Fall war aber dieser Angriff von der Art, wie das Volk sich einbildete und sich einreden ließ. Die Mehrzahl der ruhigen katholischen Bürger verlangten nur eine gesetzliche Duldung. Der König dachte in Augenblick gewiß an nichts mehr, und auch sein fanatisch bigotter Bruder, der Herzog von York, hat in seinen Handlungen als nachmaliger König Jacob II. genügend gezeigt, daß ihm keine Mittel unerlaubt schienen, sein Volk zu bekehren, aber nur nicht in der Art und Weise, wie die wahnsinnige Angst des englischen Volkes zur Zeit des papistischen Complots glaubte.

Aber die Geister im Volk waren fieberhaft geweckt, bei jedem Rascheln im dürren Laube sahen sie einen verkappten Jesuiten. Da durchzuckte ein Schrei das ganze Land: Der Papismus ist da! Vor unsern Thüren, in unsern Häusern, mit Dolch und Brandfackel! Alle glaubten, daher waren Jedes Sinne geschärft; Jeder sah Verdächtiges um sich. Der Schreck des Einen theilte sich dem Andern mit; es ward ein panischer Schrecken, eine ansteckende Krankheit, eine moralische Dröhnung, welche alle Vernunft über den Haufen warf. Der gesunde Menschenverstand und alle Rücksichten der Menschlichkeit verloren ihren Einfluß, denn wer in die brennende Luft trat, loderte selbst auf. Eines jener entsetzlichen Wahngemälde, deren wir schon so manche in unserm Buche aufnahmen, und auch in diesem Theile unsern Lesern vorführen werden, stellt sich hier uns in furchtbarer Größe dar; eine jener krampfhaften Verirrungen des Verstandes und der Phantasie, die sich endemisch über Länder und Völker erstrecken. Es ist vergebens und gefährlich, hineinzu greifen, den Strom dämmen, das Fluidum erfassen wollen. Es ist keine andere Hülfe da, als wie bei einer gewaltigen Feuersbrunst ihm die Nahrung entziehen; das Wasser, was man hineinspritzt, vermehrt nur, es treibt die Flammen in den Himmel. Die Krankheit muß auswüthen bis der Tobestoff erschöpft, ihre dämonischen Kräfte aufgezehrt sind. Dies war auch der Hergang bei dem berühmten papistischen Complot. Wie es ausging, weiß man, wie es entstanden, ist bis heut ein unergründetes Geheimniß.

Ein Chemiker, Namens Kirby, traf am 12. August 1678 den König an, als derselbe in seinem Park spazieren ging, und rief: »Sir, sein Sie auf Ihrer Hut, bleiben Sie bei Ihrem Gefolge. Ihre Feinde trachten Ihnen nach dem Leben, und Sie können noch auf diesem Spaziergange erschossen werden.« Er nannte auf Befragen zwei Männer, welche mit diesem Vorsatze umgingen, Grove und Pickering; desgleichen habe der Leibarzt der Königin, Sir George Wakeman, den Vorsatz, ihn zu vergiften. Kirby nannte als Denjenigen, von welchem er seine Kenntniß habe, den Dr. Tongue, einen Geistlichen der Hochkirche, den er sofort zu gestellen sich erbot. Tongue, ein unruhiger Geist und Projectenmacher, aber nicht von großem Verstande, brachte eine Schrift in nicht weniger als 43 Artikeln hervor, in welcher das ganze Complot enthüllt war. Er hatte sie nicht selbst geschrieben, sondern man hatte sie ihm heimlich unter die Thüre geschoben. Doch vermuthe er, wer der Verfasser sei, und glaube, ihn, wenn man ihm Zeit lasse, auch nennen zu können. Nach einigen Tagen kam er wieder, und versicherte, dem von ihm gemuthmaßten Verfasser auf der Straße begegnet zu sein. Er habe ihm noch mehr Einzelheiten vertraut, wolle aber seinen Namen nicht nennen, aus Furcht vor den Papisten. Man stellte Nachsuchungen an nach den beiden genannten Mannern, aber Tongue’s Nachweise bewahrten sich falsch. Dafür kam er nach einigen Tagen mit einer neuen wichtigen Denunciation zum Lord Schatzmeister, des Inhalts, daß ein Pack Briefe, von den Jesuiten über das Complot geschrieben, heut Abend auf der Post abgegeben werden würde unter der Adresse eines Master Bennifield, welcher Jesuit und Beichtvater des Herzogs von York war. Aber als der König von diesem Packete durch den Minister erfuhr, sagte er ihm, dasselbe sei schon vor ein paar Stunden durch den gedachten Bennifield dem Herzoge überbracht worden. Bennifield war es sogleich verdächtig vorgekommen, die Briefe waren gefährlichen Inhalts und nicht von der ihm bekannten Hand derjenigen Personen geschrieben, deren Namen darunter standen.

Wie es dem Könige viel zu langweilig gewesen war, die 43 Artikel durchzulesen, so hatte er auch die ganze Untersuchung seinem Minister Danby überlassen, ohne sich viel darum zu kümmern. Seinem Verstande war von Anfang an die Sache ebenso verdächtig vorgekommen als sie ihm verdrießlich war. Er hielt sie für eine gemeine Gaunerei, und hätte sie sich gern aus dem Sinn geschlagen, wenn sein Bruder, der Herzog, nicht auf nähere Untersuchung gedrungen hätte, da Priester, Jesuiten und sogar sein eigener Beichtvater angeschuldigt waren.

Nun ermittelte sich der Verfasser der 43 Artikel und der eigentliche erste Angeber; es war Titus Oates, ein Mann, der zu trauriger Berühmtheit gediehen ist. Oates war ein Zögling der Jesuiten, aber er war seinem Orden verdächtig geworden. Auf den Verdacht hin, daß er ihre Verschwörung verrathen, war er von dem Provinzial des Ordens brutal gemißhandelt worden. Um einer strengen Strafe zu entgehen, war er fortgelaufen und hatte sich bis jetzt versteckt. Nun konnten ihn aber keine Rücksichten mehr zurückhalten. Er legte vor dem Geheimrathe ein vollständiges Bekenntniß seiner Wissenschaft ab, später auch vor dem Parlamente; beiden Aussagen vorangehend aber ein freiwilliges vor einem wohlbekannten und thätigen Friedensrichter, dem Sir Edmundbury Godfrey; in der richtigen Berechnung, daß ein solches Bekenntniß vor dem Publicum mehr Anklang finden werde, als vor dem Könige und seinen Ministern. Der wesentliche Inhalt in seinen Aussagen war dieser:

Der Papst hatte in der Congregation der Propaganda, herausgefunden, daß England und Irland ihm anheimgefallen wäre, auf Grund der Ketzerei, in welche Fürst und Volk dort verfallen. Deshalb habe er die Oberherrlichkeit über diese Länder an sich genommen, dieselbe aber der Gesellschaft Jesu delegirt. Der General des Ordens, De Oliva, hatte, in Folge dieser päpstlichen Verleihung, bereits mit königlicher Machtvollkommenheit unter dem Siegel der Gesellschaft alle hohen Civil- und Militairwürden vertheilt. Die katholischen Lords Arundel und Powis waren zum Kanzler und Schatzmeister ernannt, Sir William Godolphin zum Geheim-Siegel- Bewahrer, Coleman zum Staatssecretair, Langhorne zum Generalanwalt, Lord Ballasis zum General en Chef, Lord Peters zum Generallieutenant und Lord Stafford zum Generalzahlmeister. Ebenso waren schon alle Würden in der Kirche vergeben: viele derselben an Spanier und andere Fremde. Der Provinzial des Ordens hatte bereits eine große Rathssitzung der Jesuiten abgehalten, in welcher König Karl, den sie verächtlich den schwarzen Bastard nannten, als Ketzer verdammt und zum Tode verurtheilt worden. Der Pater La Shee (wie Titus Oates den wohlbekannten Pere La Chaise, Ludwig’s XIV. Beichtvater, nannte) hatte auf London 10,000 Pfd.St. angewiesen zum Lohn für Den, der sich das Verdienst erwürbe, ihn umzubringen. Ein spanischer Provinzial war eben so freigebig gewesen. Der Prior der Benedictiner wollte 6000 Pfd. St. beisteuern. Die Dominicaner hätten gern auch zu dem frommen Werke zahlen wollen, aber sie waren zu arm. Dem Arzt der Königin hatte man für die Vergiftung des Königs 10,000 Pfd.St. geboten; Sir George Wakeman aber wollte es nicht unter 15,000 thun. Man hatte sie ihm bewilligt und 5000 schon auf Abschlag gezahlt. Für den Fall, daß die Vergiftung fehlschlug, waren schon 4 Irländer von den Jesuiten gemiethet, – jeder für 20 Stück Guineen, um den König zu Windsor zu erstechen. Coleman, der Secretair der verstorbenen Herzogin von York, hatte dem Boten, welcher den Befehl überbrachte, selbst eine Guinee gegeben, um seine Schritte zu beschleunigen.

Desgleichen waren Grove und Pickering beauftragt, auf den König zu schießen und zwar mit silbernen Kugeln Ersterer hatte dafür 15,000 Pfd. St. zu erhalten; letzterer, ein sehr frommer Katholik, war mit 30,000 Seelenmessen zufrieden. Jede Messe zu einem Schilling gerechnet, machte das aber dieselbe Summe aus. Pickering hatte schon zwei Mal auf den König angelegt; aber das erste Mal war ihm der Feuerstein aus dem Schloß losgegangen, ein ander Mal hatte das Zündpulver versagt. Ein anderer Jesuit, Comers, wollte den König erstechen. Er hatte dazu ein Messer für 10 Schilling gekauft. Subscriptionslisten circulirten bei allen Katholiken in England, um die nöthigen Summen zu dem frommen Zweck aufzubringen. Am 31. Mai 1678 hatten 50 Jesuiten in der Schenke zum weißen Rosse eine Versammlung abgehalten, wo einstimmig des Königs Tod beschlossen worden. Um Verdacht zu vermeiden, hatte diese Versammlung sich später in zwei Theile getheilt, welche durch Briefe und mündliche Botschaften sich gegenseitig verständigten. Oates war damit beaustragt gewesen. Insbesondere hatte er eine Schrift von einer Gesellschaft zur andern getragen, worin die Absicht der ehrenwerthen Versammlung, das Todesurtheil an Karl Stuart zu vollziehen, in bester Form ausgesprochen war, und die jedes Mitglied mit seiner Namensunterschrift unterzeichnen mußte. Sogar Wetten, bis zu Höhe von hundert Pfund waren schon eingegangen, daß der König nicht mehr Weihnachtskuchen essen werde. Der symbolische Ausdruck der Jesuiten war: wenn er nicht R.C.(römischer Katholik) würde, so solle er auch nicht langer C.R. (Carl Rex) bleiben.

Auch die große Feuersbrunst (1666) in London war das Werk der Jesuiten gewesen. Sie hatten dazu 88 Menschen gebraucht und 700 Feuerkugeln darauf verwandt. Aber sie hatten dabei doch ein gutes Geschäft gemacht; denn während des Brandes hatten sie geplündert, und der Werth des von ihnen Gestohlenen, betrug 14,000 Pfd. St. Später hatten sie noch an einem andern Orte Feuer angelegt und dabei 2000 Pfd.St. geraubt; auch noch einen dritten Brand in Southwark. Ja ihre Absicht ging dahin, alle Hauptstädte Englands zu verbrennen. Schon hatten sie ein Papiermodell von London angefertigt für den künftigen Brand, wo alle Punkte angegeben waren, auf denen das Feuer anfangen sollte; ja es waren sogar alle möglichen Zwischenfälle bedacht, und wie bei ungünstigem Winde, die Operationen geändert werden müßten. Die Feuerkugeln nannten sie scherzweise unter sich Senfpillen und sagten, sie hatten eine beißende Sauce. Schon bei jener großen Feuersbrunst (1666) war es beschlossen, den König zu ermorden. Weil er aber so außerordentlichen Eifer bei den Löschanstalten gezeigt, hatte dies selbst die Jesuiten gerührt. Neben dieser neuen Feuersbrunst sollten überall Aufstände, Niedermetzelungen, Schreckensregimenter in allen drei Königreichen losbrechen. In London allein standen 20,000 Katholiken bereit, binnen 24 Stunden in Wehr und Waffen sich zu erheben. Der Jesuit Jennison hatte geäußert, diese 20,000 wären gut im Stande, an hunderttausend Protestanten die Kehle abzuschneiden. In Schottland sollten sich 8000 Katholiken erheben. In Irland sollte der Vicekönig, Lord Ormond, von vier Jesuiten ermordet werden; dann sollte ein allgemeines Blutbad unter den irländischen Protestanten erfolgen; die Proscriptionsliste von 40,000 Personen war schon entworfen. Coleman hatte schon 100,000 Pfd.St. nach Irland geschickt, um den Aufstand zu fördern. Der König von Frankreich wollte mit einer großen Armee auf der Insel landen. Einige englische Schriftsteller, welche gegen die katholische Kirche geschrieben, waren besonders bezeichnet, als vor Allen ermordet zu werden; darunter auch der bekannte Bischof Burnet.

Wenn Alles niedergemetzelt und gebrannt war, sollte die Krone dem Herzog von York angeboten werden, doch nur unter folgenden Bedingungen: er solle sie dankbar als Geschenk vom Papste empfangen; er solle alle Würden und Einsetzungen, die von den Jesuiten ausgegangen waren, bestätigen; er solle Alles, was geschehen, gutheißen, namentlich die Brandstifter, die Mordknechte des Volkes und die Mörder seines Bruders begnadigen, und endlich Alles daran setzen, die protestantische Religion bis auf Stumpf und Stiel auszurotten. Weigere er sich dessen, so solle auch er auf der Stelle vergiftet oder niedergestochen werden. Zum Kehraus mit ihm (To pot James must go) war der Ausdruck der Jesuiten.

Dr. Titus Oates.

Man konnte sich nicht leugnen, daß die Denunciation einiges Unwahrscheinliche enthielt.

Woher diese Wuth der Jesuiten und Katholiken gegen einen König, der bis da, was in seinen Kräften stand, gethan, ihre Lage in England zu bessern, der seine Abneigung vor Verfolgungen gegen sie so deutlich ausgesprochen, der mit seinem katholischen Bruder so treu zusammenhielt, daß er gerade dadurch den Verdacht seines Volkes insbesondere auf sich lud? Endlich gegen einen König, den sein Volk als einen heimlichen Katholiken fürchtete und haßte, der mit dem großen Förderer und Begünstiger der katholischen Kirche, mit Ludwig XIV., im vertrautesten Verkehr und Bündniß, ja sogar in dessen Solde stand? Wenn die Jesuiten diesen ihnen so gefälligen König forträumten, thaten sie dem protestantischen Volke einen Gefallen, sich selbst aber den größten Schaden.

Sein Bruder, der Herzog von York, war katholisch, bigott, fanatisch für die Verbreitung seines Glaubens; er hat es später durch die That an den Tag gelegt, indem er, wie die französischen Hofleute mit sarkastischem Lobe sagten, drei Königreiche für eine Messe hinopferte. Auf ihn waren die Hoffnungen aller englischen Katholiken gerichtet, insofern sie Duldung, Erweiterung ihrer Rechte, oder gar eine Bekehrung der britischen Nation erwarteten. Er mußte vor Allen geschont werden. Aber wie bigott katholisch er auch war, so war er doch erstens ein königlicher Prinz, mit allem Bewußtsein und Stolz auf das vermeintlich göttliche Recht der Könige, auf die Legitimität, auf das in seinen Augen unverletzbare Erbrecht, und zweitens war er als solcher ein getreuer Unterthan seines Bruders, des Königs. Als königlicher Prinz und Thronfolger würde er es nicht gleichgültig mitangesehen haben, daß der Papst und die Jesuiten sein ihm von Gott zukommendes Reich nehmen, und es ihm nachher als Geschenk unter Bedingungen, die, was sein königliches Recht betraf, nicht viel besser als eine Constitution waren, wieder zustellten. Als treuer Unterthan konnte er die Ermordung seines Bruders niemals billigen, selbst nicht als religiöser Mann. Ohne volle Beistimmung des Herzogs von York an eine Bekehrung Englands, an eine Ausführung jener kühnen Pläne zu denken, war auch in den Augen des Stumpfsinnigsten eine Unmöglichkeit. Ferner konnte man, und kann vielleicht noch, den Jesuiten Vieles zutrauen, aber keine absolute Dummheit. Ein Complot, wie Titus Oates‘ Aussage es beschrieb, verrieth einen Grad von Verblendung, den Loyola’s Schüler auch in ihrer glücklichsten Zeit nicht bewiesen. Sie hatten ganz heruntergekommen sein müssen an Verstand, Einsicht und Hoffnungen, auf den Standpunkt der Verzweiflung, wo man Alles für eine Hoffnung einsetzt, wenn sie ein so gewagtes und gefährliches Spiel unternehmen sollen. Wenn sie so operirten, hatten sie in England alle Parteien wider sich, das Volk, das Parlament, Gemeine und Lords, Puritaner und Hochkirchler, den Bürger und den Soldaten, den Hof und sogar die gemäßigten Katholiken. Und auf was hatten sie ihre Hoffnungen auf Erfolg gegründet? Auf einige hundert Fanatiker und einige tausend geworbener Meuchelmörder! Mit denen wollten sie ein blühendes, bevölkertes Königreich umwälzen, wo kaum noch in den blutigen, hartnäckigen Bürgerkriegen Jeder Soldat gewesen war, wo die Schwerter unmuthig in der Scheide ruhten, vor Verlangen, gegen die Katholiken gezückt zu werden. Die Jesuiten hatten vieles Gefahrliche unternommen, und ausgeführt, aber nur in Ländern, wo der Fanatismus der Masse für sie war; wo er, wie in England, gegen sie war, gingen sie leisen Schrittes und mit süß lächelnden Friedensmienen. Wenigstens verstanden sie ihren Vortheil, und wenn ihre Gier denn so groß war, England für sich zu erobern, so waren sie nicht so sinnlos dumm, es vorher durch Brand, Plünderung und Mord zu verwüsten. Aber sie waren zu jener Zeit weder so taumelnd von Uebermuth, noch so tief heruntergekommen, um Alles auf eine Karte zu setzen. Ihr Weizen blühte in England, nach aller menschlichen Voraussicht; was hatte sie angespornt, ihn unreif zu mähen, wo sie auf eine gesegnete volle Ernte rechnen konnten, wenn sie geschickt die Zeit abwarteten? Ein katholisch gesinnter König, und sein Thronfolger, ihr innigster Freund, fanatisch ihrem Interesse ergeben. Nur sanft und leise aus der Ferne brauchten sie zu operiren, die Pläne des Königs und seines Bruders zu fördern, mit unsichtbarem Hauche nur die ihnen angeborene Tugend der Geduld zu üben, und der Erfolg schien so gewiß. Wenigstens war im 17. Jahrhundert für die Jesuiten kein günstigerer Zeitpunkt in England, als den sie unter dem Herzog als König zu erwarten hatten. Und alles Das hätten sie in mordgieriger Ueberhast verscherzen sollen?

Nicht minder unbegreiflich: einen Mann, der dieses Geheimniß wußte – es wußten es freilich außerordentlich Viele, so Viele, daß es ein neues Wunder war, daß das Geheimniß nicht an allen Ecken längst ausgeplaudert war – diesen Mitwisser prügelten und schlugen die Provinzialen des Ordens und gaben ihm kein Geld und keinen Verdienst. Er mußte sich vor ihnen flüchten. Wohin? In den Palast des Königs, ins Parlament, vor den Geheimrath, die Gerichtshöfe, wo seine Kunde Schätze Geldes werth war? Nein, er flüchtete zu einem Paar unbedeutender Menschen, zum Chemiker Kirby und zum Projectenmacher Dr. Tongue, Leute, die nicht viel hatten, und ihm noch das tägliche Brot reichen mußten, weil der Besitzer jener Geheimnisse sonst Hungers gestorben wäre! Hier brütete er mehre Tage, bis er mit seiner Denunciation herauskam. Hatten die Alles wissenden Brüder des Ordens Jesu seine Spur verloren, suchten sie ihn nicht auf, versuchten sie nicht seine Zunge zu binden mit Geld, ihn übers Meer zu schaffen, nicht durch den stilum curiae Romanae, oder durch irgend einen Trank ihm ewiges Schweigen aufzuerlegen? Nichts davon. Auch wagte er jetzt noch nicht selbst vorzutreten mit seiner ungeheuern Kunde. Er erfand mit seinen Freunden eine Geschichte, das Unterschieben der 43 Artikel durch die Thür, das zufällige Begegnen auf der Straße. Er wollte erst gesucht, geholt, gebeten werden, kurz man umhüllte das Ungeheure mit kleinem Geheimnißkram. Warum? Weil man sich vermuthlich selbst fürchtete, plötzlich damit an das Tageslicht zu treten. Diese falsche Angabe der ersten Zeugen ward schon Anfangs ermittelt und schwächte bedeutend die Kraft der Angabe.

Wer aber war Titus Oates, der Denunciant? War er ein Mann, zu dem man sich der Wahrhaftigkeit versehen konnte, den keine andern Motive zu jener Aussage bewogen? Sohn eines Predigers unter den Wiedertäufern, hatte er die Ordination der anglicanischen Kirche empfangen. Aber angeklagt wegen Meineides hatte er auf einige Zeit entfliehen und sich irgendwo verbergen müssen. Dann Caplan auf der Flotte, hatte man ihn auch da wegen eines die Schamhaftigkeit beleidigenden Vergehens fortgejagt. Nun ließ er sich bekehren von den Katholiken – wie er später sagte, nur in der Absicht, um ihre Geheimnisse zu erforschen und sie zu verrathen – und ward, obgleich schon 30 Jahre alt, in St. Omer unter den dort Studirenden aufgenommen. Man brauchte ihn zu einer Mission nach Spanien; da man aber auch hier seiner überdrüßig geworden und gefunden, daß sich mit ihm nichts anfangen lasse, entließ man ihn aus dem Seminar. Es ist möglich, daß er später aus Rache gegen seine Lehrherren, die nicht sanft mit ihm verfahren sein mögen so handelte, wie er that.

Zum Ueberfluß, um sein Zeugniß zu verdächtigen, verrieth sich Titus Oates in seinem ersten Verhör vor dem Geheimen Rathe in einer Art, welche ohne das Hinzutreten anderer Umstände, seinen Aussagen allen Glauben genommen hätte. Er wollte in Spanien den Don Juan gesprochen haben, welcher allen Beistand zur projectirten Bekehrung Englands ihm zugesagt haben sollte. Der König fragte ihn, ob Don Juan schlank oder dick sei? Titus sagte: schlank. Don Juan war dick. Er kannte nicht die Lage des Jesuitencollegiums in Paris. Er behauptete, mit dem Secretair Coleman auf vertrautem Fuß gelebt zu haben. Coleman ward ihm vorgeführt, und er kannte ihn nicht. Er hatte keine andere Entschuldigung dafür, als daß seine Augen bei Kerzenlicht schwach wären. Ebensowenig kannte er den von ihm angeschuldigten Leibarzt Sir George Wakeman.

Ueber das Unwahrscheinliche in der Denunciation selbst, und den Verdacht, welcher auf der Person des Angebers ruhte, sah man hinweg. Das Volk glaubte und wollte glauben, und selbst im Ministerrath waren Einige, wie Lord Danby, welche, von der Furcht vor dem französischen und katholischen Einfluß getrieben, jede Gelegenheit aufgriffen, die diesem Einfluß entgegenwirken konnte.

Die Vernunft hat längst in England den Sieg davongetragen über diesen Wahn, die Geschichte hat anders geurtheilt als Volk, Parlament und Richter. Es ist jetzt nur eine Stimme darüber, daß das papistische Complot ein scheußliches Phantom war, ein grober, crasser Betrug, auf die erhitzte Phantasie des Pöbels, der Massen berechnet. Es wirkte, wie man gewünscht und erwartet, – nein, aller Wahrscheinlichkeit nach, weit über alle Berechnung und Erwartung Derer, welche es erfunden, oder es aufgegriffen und zu ihren Zwecken benutzt hatten; es war das Feuer, das man angezündet, um Wurzeln und Unkraut zu verbrennen, aber es greift um sich und zündet Haiden und Wälder an, und der menschliche Arm ist zu schwach, es zu bändigen.

Es war ein dummer Glaube, der das glauben konnte. Aber hatte das englische Volk diesen Glauben aus der Luft gegriffen? War er wie ein Peststoff ihm angeflogen übers Meer? – Gewiß nicht. Die Furcht vor den Jesuiten war in der protestantischen Welt weit verbreitet und groß. Was war die Bartholomäusnacht so Anderes und Gräßlicheres, als was Titus Oates den Engländern vom Vorhaben der Jesuiten gegen sein Vaterland erzählte? Moralisch war jene Bluthochzeit noch ungleich scheußlicher als seine Fabel. Daß eine Bartholomäusnacht nur in Paris, nur an einem solchen Hofe möglich war, wo diese Megären im Hintergrunde standen, und ein halbes, fantastisches, entnervtes Kind König war, daß alle Bedingungen dazu am Hofe von Windsor, in einem Lande fehlten, wo selbst in den Stürmen des Bürgerkrieges das persönliche Recht und die Formen der Gesetzlichkeit geachtet wurden, konnte das Volk nicht unterscheiden. Und hatten die Jesuiten niemals den Königsmord, wenn nicht gepredigt, doch gutgeheißen, waren Heinrich III. und Heinrich IV., waren nicht protestantische Oranier durch Meuchelmord gefallen, und die Geschichte hat noch heute den Vorwurf, den die allgemeine Stimme auf die Jesuiten schleuderte, nicht zurückgewiesen! – Man traute den Jesuiten Alles zu. Brauchen wir soweit in der Geschichte zurückzugehen, um die Furcht der Engländer zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts begreiflich zu finden, wenn wir die Furcht des protestantischen Volkes von heute, ja der Katholiken selbst vor dem furchtbaren Orden betrachten? Hören wir nicht in diesem Augenblicke selbst Stimmen ausrufen: Sie haben dem französischen Minister Villemain Gift beigebracht, daher sein Wahnsinn! Das sind freilich Stimmen, welche vor dem höheren moralischen Richterstuhl kein Gewicht haben; aber wir reden hier ja auch nur von der Volksstimme. Und ist jene Anklage so durchaus ungerecht, seit wir von den anonymen Briefen erfuhren, welche den unglücklichen Minister in jene dumpfe Stimmung versetzten? Ist da nicht noch heute eine heimliche, unheimliche Macht, welche gespensterhafte Furcht beim Volke erweckt? Und, fragen wir uns weiter, hat das Volk so ganz unrecht, wenn es an die Geschichte dieser Tage von Wallis und Luzern denkt? Wir wissen, heute kann keine Bartholomäusnacht mehr vorkommen, heute sendet der Jesuitengeneral keine Heere mehr aus, um England zu erobern – wenn er die Absicht hat, so ist die Eroberung eine feinere, geistige. – Aber wir sprechen von einem Zustande von vor zweihundert Jahren, von dem damaligen Volk, seinen damaligen Kenntnissen, seiner damaligen Intelligenz. Es war ein dummer Glaube, aber wohlgerechtfertigt in dem England, das an die Blutgerüste unter der katholischen Marie, an Guy Fawkes und die wirkliche, erwiesene Pulververschwörung dachte, in dem England, das krampfhaft Jahrhunderte lang an der Furcht vor dem Papismus im Fieber lag, und das unter einem halb katholischen Könige mit der Aussicht auf einen ganz katholischen, fanatischen Thronfolger überall Scheiterhaufen roch und das Todesröcheln der gefolterten Inquisitionsopfer hörte. Wenn das Volk, wie es der Fall war, noch 1678 des festen Glaubens war, daß zwölf Jahre früher die Katholiken seine Hauptstadt in Brand gesteckt hatten, so war der neue Glaube kein so unerhört thörichter, den man von ihm foderte und es gewährte, daß die Jesuiten noch einmal die Brandfackel erheben, todtschlagen, ächten und Königsmord verüben wollten.

Aber es blieb nicht bei dem Glauben und der Aussage Titus Oates‘. Die ersten Schritte der Untersuchung führten auf Anzeigen, welche bei dieser Stimmung von furchtbarer Wirkung waren.

Coleman, einer der Angeschuldigten, der Secretair der vorigen Herzogin von Vork, ward zuerst verhaftet und seine Papiere untersucht. Coleman hatte, theils für sich, theils im Namen des Herzogs, einen lebhaften Briefwechsel mit dem Père La Chaise, dem päpstlichen Nuntius zu Brüssel und anderen eifrigen Katholiken geführt, und, selbst ein Fanatiker, sich darin sehr heftiger und unziemlicher Ausdrücke bedient. In einem dieser Briefe (sie waren aus den Jahren 1674 – 1676) hieß es: »Wir haben hier ein mächtiges Werk vor uns; es gilt nicht weniger als die Bekehrung dreier Königreiche und dadurch vielleicht die gänzliche Unterdrückung der pestilenzialischen Ketzerei, welche so lange Zeit hindurch und unter einem so großen Theil der nördlichen Welt geherrscht hat. Noch nie waren solche Hoffnungen auf Erfolg seit den Tagen der Königin Maria als jetzt. Gott gab uns aber auch einen Prinzen, welcher ganz Feuer und Flamme ist, der Urheber und das Werkzeug eines so glorwürdigen Werkes zu sein. Aber auch die Opposition, auf die wir gewiß stoßen, wird groß sein, sodaß wir uns nach aller Hülfe und allem Beistande umsehen müssen.«

Wenn wir heute von den Fortschritten des Puseyismus in England hören, und daß der offenen Uebertritte zum Katholicismus immer mehr werden, so befremdet es zwar die in den dortigen Verhältnissen Unterrichteten weniger; ihnen ist es wohl begreiflich, wie ein nach Wahrheit dürstendes Gemüth in den erstarrten Formen und Dogmen der anglicanischen Kirche keinen Trost mehr findet, und statt die Dämme und Mauern, von Menschenhand auferbaut, zu durchbrechen nach weiterer Freiheit, lieber, weil der Muth ihm gebrochen und abgestumpft ist, zurückkehrt in die noch engeren Mauern der verlassenen Kirche, wo aber die Phantasie Nahrung findet in dem Reichthum der Tradition, und im gebotenen Gehorsam gegen die überkommenen Satzungen alle Zweifel und Dissonanzen von selbst eine bequeme Lösung finden, weil das Grübeln und Forschen darüber zur Sünde wird. Aber die große Masse unter den Protestanten erschreckt es doch, wenn sie hören, daß in dem mächtigsten protestantischen Königreiche die Grundmauern wanken; sie geben sich bösen Ahnungen hin, weil sie nicht bedenken, daß der Geist über die Buchstabensatzung einen solchen Sieg längst erkämpft hat, daß die Reactionsversuche und wirklichen Rückschritte, wenn auch anscheinend glücklich, nicht mehr zu fürchten sind. Daß dieser Geist nicht an Oertlichkeiten, an Länder und Völker geknüpft ist, und, wenn er hier ein Terrain verloren haben sollte, auf der andern Seite dafür ein um so größeres, weiteres wieder gewinnt, diese Erkenntniß von der Masse zu fodern, wäre zu viel gefodert. Wenn also auch Die unter uns, welche die Verhältnisse kennen sollten, vor jenen Fortschritten des Katholicismus jetzt in England erschrecken, und, mißtrauend der Kraft des Geistes, sich umsehen nach einem Gegengewicht, nach einer andern Macht, die den Protestantismus halte, nach einer Association, nach einem neuen corpus Evangelicorum, was Wunder dann, daß solche Sprache eines Jesuiten die damaligen Protestanten aufs äußerste erschreckte? Klar sprach er es aus: wenn wir England bekehrt haben, so ist der ganze Protestantismus im Norden verloren. Wenn man vor dieser Eventualität heute in Sorge sein kann, wie mußte es vor zwei Jahrhunderten die ängstlichen Gemüther in Flammen setzen! Wenn ein Jesuit am Hofe das gradezu sagte, so war Alles, was Titus Oates von ihren wirklichen Plänen aussagte, nicht mehr ein Kindermärchen, es war die Erfüllung des Wortes.

Als diese Briefe Coleman’s im Druck erschienen, verbreitete sich erst der panische Schrecken über das Land. Die Vernünftigsten fragten sich: Ist denn nicht der eingestandene Charakter der Propaganda, die Welt zu bekehren, es koste was es wolle? Dringen ihre verkappten Emissaire nicht in jede Nation? Existirt nicht ein papistisches Complot über die ganze Welt, nur, daß die Verbundenen bei Heiden, Mohammedanern, Juden und Protestanten, ja in jedem Lande und Volke andere, besondere dort zum Ziele führende Mittel gebrauchen? Sollte den Jesuiten die Gunst des Königs, der offene Eifer seines Bruders nicht neuen Muth eingeflößt haben, ihre ermüdete Kraft, alle ihre Mittel daran zu setzen, dieses Eiland wieder zu erobern? Also müsse man, auch protestantischer Seits, alle Vorsicht beobachten und keinen Wink unbeachtet lassen.

Titus Oates Complot war eines, welches an Absurdität grenzte; aber es war für die Massen berechnet. Hier wirkten nicht seine Insinuationen, die rohe Phantasie, die gemeine Furcht mußte handgreiflich aufgeregt werden, um das Volk in Flammen zu setzen. Nicht dialektische Controversen, nicht überzeugende Deductionen wirken, es muß das Wort zugleich That sein. Die ganze Geschichte der Reformation gibt uns diese Lehre. Kluge, witzige, sanft anpochende Reformatoren gingen Luther voran; aber es bedurfte seiner Kernkraft, um durchzuschlagen und das Volk zu erfassen. Daß er und Andere, wie Knox in Schottland, zu weit gingen, wird vom Standpunkt der Vernunft getadelt; aber die Flammen, welche vor Wittenbergs Thor die Decretalen verbrannten, sind vor dem Richterstuhl der Geschichte gerechtfertigt, denn sie entflammten die Masse, die augenfällige Offenbarungen des Willens und der Kraft verlangt. Was hat die jüngste Bewegung in der deutschkatholischen Kirche gefördert? Nicht die Reformationsversuche der Anhänger Wessenbergs, nicht die Doctrinen der Hermesianer; diese sanften wissenschaftlichen Versuche, den Katholicismus mit der Zeit auszusöhnen, hat Rom mit kräftiger Faust niedergedrückt. Es bedurfte wieder einer Faust, einer derben Stimme, berechnet auf das Fassungsvermögen der Menge. Der Ronge’sche Brief entzündete nicht wegen der Wahrheiten und Unwahrheiten darin, die Jeder sich selbst sagen kann, sondern wegen der derben Art, wie der kleine Priester die Faust gegen den großen Bischof erhob. Wie die Wahrheit so der Betrug, wenn er auf die Menge wirken soll. Wäre er von einem gebildetern Mann, als Titus Oates, ersonnen gewesen, – einige muthmaßten auf Shaftesbury – so wäre er verständiger angelegt gewesen. Er hätte mäßiger die Jesuiten angeschuldigt, einige wahrscheinliche Thatsachen herausgehoben, andere nur ahnen lassen; er würde die ganze Sache wahrscheinlicher gehalten, aber nie den furchtbaren Effect hervorgebracht haben, den Titus Oates grauenvolle Erdichtung ins Leben setzte. Er hatte die innersten, rohen Gefühle des Volks berührt, und von Seiten der Gebildeten war kein Widerstand; sie waren auch in Aengsten, und die Einen fühlten sich nicht zur Kritik, die Andern sich sogar positiv zur Unterstützung gedrungen.

Aber Coleman’s Briefe waren auch in anderer Beziehung verdächtig. Er konnte nicht genug den ungeheuern Eifer des Herzogs von York für die katholische Sache rühmen, daß ihm nichts in der Welt über die Rettung der eigenen Seele und die Bekehrung Englands gehe. Den König dagegen könne Geld zu Allem, was man wolle, bringen. Solche absolute Macht übe es auf diesen Monarchen, daß er ihm gar nicht widerstehen könne, und sich selbst zu Dingen hinreißen lasse, die zu seinem eignen, offenbaren Nachtheil ausschlügen. »Die Logik, welche auf Geld gebaut ist, hat an unserm Hofe unwiderstehliche Reize; sodaß gar keine andern Gründe dagegen aufkommen.« Coleman setzte in den Briefen auseinander, daß die Interessen der Krone Englands mit denen des französischen Königs dieselben waren, daß Karl auch mit Ludwig immer eines Sinnes handle. Er hatte auch an den Père La Chaise geschrieben, der König von Frankreich möge nur 300,000 Pfd.St. nach England schicken, damit Karl sein Parlament entlassen könne, welches für den Frieden mit Holland und gegen die Alliance mit Frankreich stimme. – Das grenzte schon an und für sich an ein hochverrätherisches Verbrechen. Daß aber in dieser ganzen Reihe von Briefen, in denen Coleman so unbesonnen seine innersten Gedanken entfaltet hatte, nichts von dem Complot, von den Truppenwerbungen, von Brandkugeln, bestellten Mördern und Giftmischern vorkam, hätte zu andern Zeiten vielleicht dafür gesprochen, daß er, der Alles verrieth, was er wußte, davon wenigstens nichts wußte. In dieser Zeit ward auf diesen negativen Beweis keine Rücksicht genommen, denn es kam ein anderes positives Indicium hinzu, welches das Feuer erst in die hellsten Flammen ausbrechen ließ.

Der schon erwähnte Friedensrichter Sir Edmundbury Godfrey, welcher seiner Pflicht gemäß, die Depositionen Titus Oates zu Protokoll nehmen mußte, ward plötzlich vermißt. Nach einigen Tagen und nach vielem Suchen fand man seinen Leichnam in einem Graben bei Primrose-Hill. Sein eigener Degen stak in seiner Brust. Aber nicht tief; und da nicht viel Blutverlust zu bemerken war, man auch um seinen Hals eine Strangulationsmarke und einige Contusionen auf der Brust gefunden haben wollte, so schloß man, daß er sich nicht selbst umgebracht, daß er vielmehr erwürgt worden, und daß seine Mörder, um den Schein eines Selbstmordes hervorzubringen, erst nach der Strangulation ihm den Degen in die Brust gestoßen, und den Körper in die nöthige Lage gebracht hatten. Wir sprechen so unbestimmt über den Thatbestand, da er nicht mit völliger Bestimmtheit ermittelt worden ist. Der Volkswahn bemächtigte sich der Thatsache, der Glaube, er ist ermordet, von den Katholiken ermordet worden, griff so rasch um sich, und die Leichenschau und die darauf folgende Untersuchung erfolgte mit solcher Voreingenommenheit, wie in Toulouse beim Leichnam des Jean Calas’schen Sohnes, daß die Spuren, welche auf eine mögliche andere Entdeckung leiten konnten, schon im ersten Augenblick verwischt waren.

Die Ringe waren am Finger, die volle Börse fand sich in der Tasche. Also konnte Sir Edmundbury nicht von Räubern überfallen und getödtet sein. Selbst hatte er sich nicht getödtet, denn er war ein Mann, dem nichts abging, und der in allgemeiner Achtung stand. Zudem war aus der Strangulationsmarke ersichtlich, daß er erwürgt worden. Er war also von Feinden ermordet worden, von Feinden, in deren Interesse es lag, daß die That nicht bekannt würde, daß es den Schein habe, als wenn er sich selbst umgebracht. Sir Edmundbury hatte, so viel man wußte, keine Feinde. Aber er hatte bereitwillig die Aussagen Titus Oates zu Papier gebracht. Also waren die Jesuiten, zu deren Entdeckung und Bestrafung er ein Document aufgenommen, seine natürlichen Feinde, und aus Rache hatten sie ihn umgebracht.

Die Wahrheit ist nie aufgeklärt worden. Spätere Untersuchungen, wie der unglückliche Friedensrichter seinen Tod gefunden, haben zu keinem Resultat geführt, da alle vorhandenen Spuren vor der Parteiwuth verlöscht waren und alle andern Anzeigen fehlten. So wenig als das Complot selbst, ist es glaublich, daß die Katholiken ihn ermordet haben sollten. Er hatte nichts gethan, um ihren besondern Haß zu erregen. Wahrend es so viele Friedensrichter gab, welche die Katholiken drückten und verfolgten, und die darum doch nicht ermordet gefunden wurden, lebte Godfrey mit mehren derselben auf gutem Fuße; ja sogar in einiger Freundschaft mit dem Secretair Coleman, den er selbst nach Titus Oates Aussage gewarnt hatte, auf seiner Hut zu sein. Weder konnte es also ein Act der Rache sein, denn Sir Edmundbury hatte nicht mehr gethan, als was seines Amtes war, er hatte niedergeschrieben, was man vor ihm aussagte, noch eine abschreckende Demonstration gegen andere Beamte, daß sie sich hüteten, künftig Denunciationen gegen die Katholiken aufzunehmen; denn was hatte das den Katholiken geholfen, wo es an unerschrockenen Obrigkeiten nicht fehlte, und wie unfehlbar wäre ein solches Mittel zum Verderben der Partei selbst ausgeschlagen, wie es denn, diesmal ohne ihre Schuld, auch wirklich der Fall war. Andere meinten später (die Royalisten), Godfrey möge von derselben Partei aus der Welt geschafft sein, welche das Complot ausbeutete, um den Verdacht auf die Katholiken zu werfen. Dies setzte ebenso feine als abscheuliche Intriguanten voraus. Daß erstere das Spiel wenigstens nicht angefangen hatten, ist schon vorhin angedeutet, sie benutzten es nur, als es im Gange war, abscheulich genug; aber einen solchen Grad von Ruchlosigkeit konnte man keinem unter ihnen beimessen, einen ehrenwerthen unschuldigen Mann durch Meuchelmord aus dem Wege raffen zu lassen, um Andere des Meuchelmords anklagen zu können. – Es ist möglich, daß der Friedensrichter durch einen nicht bekannt gewordenen Privatfeind umgebracht worden; aber auch nicht unmöglich, daß er seinem Leben selbst ein Ende gemacht, da er zuweilen von melancholischen Aufwallungen heimgesucht wurde.

Die Jesuiten haben Godfrey umgebracht! dies der Anfang der allgemeinen Massacrirung, welche allen Protestanten bevorsteht! Titus Oates hat nur zu wahr gesprochen! Die Kunde, diese Schlüsse liefen mit Blitzesschnelle durch London und das ganze Land. Jeder zitterte für sein und der Seinigen Leben. Man sah geschliffene Dolche, Pechkränze, vergiftete Brunnen; standen drei Menschen zusammen von fremdem Ansehen, so waren es Jesuiten, die einen Aufstand erwarteten und beriethen. Man sah in der See Flotten ankommen zur Landung papistischer Heere in England. Wer das Complot jetzt leugnete, setzte sich der Gefahr aus, der Theilnahme angeschuldigt zu werden. Schon zu zweifeln daran, war gefährlich. Und diese Furcht, dieser Wahn theilte sich allen Parteien zugleich mit, den Republikanern wie den Royalisten, den Puritanern wie den Hochkirchlern, den Patrioten wie den Hofleuten. Die City von London setzte sich in offenen Vertheidigungsstand, als wäre der Feind schon vor den Thoren. Wachtposten wurden ausgestellt, die Straßen mit Ketten gesperrt. Ein Kammerherr billigte diese Maßregeln mit den merkwürdigen Worten: »Hätte die Stadt diese Vorsicht nicht beobachtet, so hätte es kommen mögen, daß alle Bürger eines Morgens mit abgeschnittenen Kehlen erwacht wären!«

Wie die Leiche von Calas Sohne ward auch die des unglücklichen Friedensrichters, um der Volkswuth Nahrung zu geben, öffentlich ausgestellt, ja durch die Stadt gefahren, und Tausende folgten dem Zuge. Wer sie sah, ging erschüttert fort, und war er von dem Wahne noch nicht angesteckt, so ward er es jetzt. Der Leichenzug wurde mit besonderer Feierlichkeit bewerkstelligt. Der Sarg wurde durch alle Hauptstraßen der Stadt geführt, siebenzig Geistliche gingen voraus; über tausend Männer von Adel, Würdenträger, die reichsten Kaufleute folgten. Bei der Leichenrede mußten zwei starke Geistliche neben der Kanzel Wache halten, damit nicht irgend ein wüthender Papist auf den Einfall komme, den Prediger, der den Märtyrer pries, auf der Kanzel selbst umzubringen!

Durch eine Proclamation des Königs wurden Dem, welcher die Mörder Godfrey’s entdecke, 5000 Pfd.St. geboten, später auch des Königs vollster Schutz gegen alle Anfechtungen. Bei der nächsten Zusammenkunft des Parlaments erwähnte der König des Komplottes, welches von den Jesuiten gegen sein Leben angesponnen worden, erklärte aber zugleich, daß er zur Zeit noch seine Meinung darüber zurückhalten wolle, um nicht zu viel oder zu wenig zu sagen; im Uebrigen wolle er die Sache allein den Gerichten überlassen. Während aber Karl gegen seine Minister den Wunsch ausdrückte, sie möchten das Complot nicht zur Discussion bringen, drückten beide Häuser auf Titus Oates‘ Aussage das Siegel ihrer Auctorität, indem sie, zum Dank für den Höchsten, daß er die Ausführung der entsetzlichen Verschwörung nicht zugelassen, einen allgemeinen Festtag und öffentliche Gebete votirten. Das Parlament foderte die Vorlegung aller Papiere, welche auf das entsetzliche Complot Bezug hätten, daß alle unbekannten und verdächtigen Personen vom Hofe abgehalten würden, daß London und Westminster seine Milizen aufrufe. Es schickte die katholischen Lords: Powis, Stafford, Arundel, Peters und Bellasis in den Tower, um wegen Hochverraths zur Untersuchung gezogen zu werden. Und endlich votirten beide Häuser übereinstimmend: »Daß die Lords und Gemeinen des Dafürhaltens wären, daß da gewesen und noch sei ein verdammungswürdiges und höllisches Complot, angestiftet und ins Werk gesetzt von den Papisten, und mit der Absicht, den König zu ermorden, die Regierung umzustoßen und die protestantische Religion zu zerstören und auszurotten.«

Das Parlament überbot noch an Heftigkeit, womit es auf die Sache einging, das Volk. Beide Häuser saßen jeden Tag, vor und nach Mittag. Ein Committee der Lords zur Vernehmung der Angeschuldlgten und Zeugen erhielt Blanquets, um verhaften zu lassen, wer ihm verdächtig scheine. Oates, der doch immer ein Schuft blieb, auch wenn seine Aussage wahr gewesen, wurde, wo er sich sehen ließ, zugejauchzt; er ward, der Retter der Nation, (saviour, was auch Heiland heißt) dem Könige dringend vom Parlament anempfohlen. In Whitehall gab man ihm eine Wohnung, eine Leibwache und eine Pension von 1200 Pfd.St.

Solche Aufmunterung der Zeugen mußte natürlich anlocken. Bald meldete sich ein gewisser Capitain William Bedloe, ein notorischer Taugenichts, Betrüger und Vagabund, welcher über den Tod Godfrey’s Auskunft versprach. In Somersethaus, wo die Königin wohnte, sollte der Mord von Papisten, die zum Theil in ihrer Dienerschaft wären, begangen sein. Von Oates und dem großen papistischen Complot wollte er sonst nichts wissen. Aber als die Commission der Lords ernstlicher in ihn drang und ihm nicht verhehlte, daß sie glaube, er wisse mehr und wolle es verschweigen, besann er sich eines Andern und kam allmälig mit so wichtigen Eröffnungen heraus, daß sie selbst Oates Mittheilungen in Schatten stellten. Zwar wußte er sie so einzurichten, daß sie im Allgemeinen mit dessen wohlbekanntem Plane stimmten, aber er hatte das richtige Gefühl, daß bei einer gespannten Stimmung das Volk eine Steigerung der haarsträubenden Mittheilungen erwarte, wenn es dem neuen Denuncianten eine neue Aufmerksamkeit und Theilnahme schenken solle, und so richtete er denn auch seine Depositionen ein.

Aus Flandern sollten, nach ihm, 10,000 Katholiken in Burlington-Bay landen, um Hull zu überrumpeln. Aus Brest würden Mannschaften die Inseln Jersey und Guernsey wegnehmen. In der Absicht lauere schon den ganzen Sommer hindurch eine französische Flotte im Kanal. Die Lords Powis und Peters bildeten im Stillen eine katholische Armee in Radnorshire; zu dieser aber würden 35,000 Mann stoßen, Pilger, Geistliche und Fanatiker, die aus St. Jago in Spanien zu Schiffe herüberkamen. In London selbst lägen 4000 Mann zum Aufstande bereit, außer denen, die schon in jedem Bierhause lauerten, um am festgesetzten Tage die Soldaten einzeln niederzumachen, wenn sie aus ihren Quartieren zu den Apellplätzen liefen. An Geld fehle es nicht. Lord Stafford, Coleman und der Pater Ireland hatten schon so viel, um diese ganze Ausrüstung zu bezahlen. Ihm selbst, weil er seinem Mann zu stehen wisse, habe man 4000 Pfd. St. geboten; außerdem eine Anstellung und den Segen des Papstes. Der König sollte auch natürlich nach Bedloe’s Aussage ermordet werden. Alle Protestanten würden niedergemacht, die sich nicht ernstlich bekehrten. Die Regierung würde Jemandem angeboten werden, wenn er gelobe, treu bei der Kirche zu halten. Sollte er es ausschlagen, wie man fürchte, dann würde eine Commission von gewissen Lords ernannt werden, um im Namen des Papstes England zu regieren. Später nannte er noch die Lords Carrington und Brudenel, die Geld erhöben und Truppen würben gegen die protestantische Regierung.

Das papistische Complot war unbestreitbar, also war auch Bedloe’s Aussage richtig, denn sie bestätigte nur, was Titus Oates schon entdeckt. Alle von ihm nun genannten Teilnehmer wurden sofort verhaftet. Ja die Wuth im Volke war so groß, daß ein allgemeines Blutbad, eine sicilianische Vesper gegen die unglücklichen Katholiken wahrscheinlich erfolgt wäre, wenn es nicht den Eifer des Parlaments, der Richter und selbst den des Königs gesehen hätte, die Verbrecher ernstlich zu verfolgen. Nur diese sichern Aussichten, daß die katholischen Verschwörer auf dem Schaffot ihren Lohn empfangen würden, konnte die empörten Gemüther von der blutigen Selbsthülfe zurückhalten.

Der Sturm war zu mächtig, als daß irgend Jemand im Königreiche ihm widerstehen sollen, selbst der König nicht. Zwar wagte er in vertrauten Kreisen, was kein Anderer wagen durfte, über das Complot zu spotten und sich herzlich über alle Die lustig zu machen, welche daran glaubten; aber vor das Parlament trat er mit der ernsthaftesten Miene und versprach den Lords und den Gemeinen (die ihn vorher dringend darum ersucht): daß er während dieser Zeiten der Gefahr die äußerste Sorgfalt für seine Person tragen wolle; daß er bereit sei, mit ihnen gemeinschaftlich alle Mittel zu ergreifen und alle Wege einzuschlagen, welche die protestantische Religion in seinem Reiche nicht allein bei seinen Lebzeiten, sondern auch für alle Zeiten feststellten; auch sei er bereit, wenn nur das Recht der Erbfolge nicht geändert werde, in alle Gesetze einzustimmen, welche die Machtvollkommenheit eines papistischen Nachfolgers beschränkten. – Ob in Selbstironie oder Spott, der König ging in dieser heuchlerischen Sprache so weit, die Parlamente noch anzumahnen, daß sie auf noch wirksamere Mittel denken möchten, die katholischen Dissidenten zu überführen; und nicht genug konnte er zum Schluß die Treue und Loyalität seiner Unterthanen loben, welche eine so rührende Aengstlichkeit für seine Sicherheit an den Tag gelegt hätten.

Jetzt ging im Parlament die neue Testacte durch, worin das Papstthum gradezu Götzendienst genannt und alle Mitglieder beider Häuser, die den neuen Eid nicht leisten wollten, vom Parlament ausgeschlossen wurden. Nur die Thränen im Auge des Herzogs von York bei einer bewegten Rede konnten das Oberhaus vermögen, zu Gunsten seiner selbst eine Ausnahme zu machen; und auch diese Begünstigung ward nur durch eine Stimmenmehrheit von 2 erstritten! Bei dieser Gelegenheit rief ein edler Lord, was damals sehr belobt wurde, aus: »Was mich anlangt, so möchte ich auch nicht einen papistischen Mann, noch ein papistisches Weib im Lande dulden; ja nicht einmal einen papistischen Hund oder eine papistische Hündin; ja ich wollte nicht dulden, daß eine papistische Katze um den König knurrte und miaute!«

Die Zeugen wurden immer verwegener und das Parlament immer heftiger. In Londons Straßen wurde ein Pamphlet verkauft unter dem Titel: »Eine Beschreibung und unparteiische Enthüllung des schrecklichen, papistischen Complots, wornach die Städte London und Westminster mit ihren Vorstädten verbrannt werden sollten; auch von den Rathschlüssen, Anweisungen und Befehlen der Jesuiten derohalb. In’s Licht gestellt von Capitain William Bedloe, der vorhin in dieses schreckliche Complot verwickelt gewesen, und selbst einer gewesen von dem papistischen Committee, um das Feuer anzulegen.« In diesem Buche wurde nachgewiesen, wie jede Feuersbrunst, welche seit einer Reihe von Jahren in London gewüthet, von den Jesuiten angelegt worden, stets in der Hoffnung, daß sich dabei die allgemeine Massacrirung ins Werk setzen lasse. Aber Oates wie Bedloe hatten sich wol gehütet, einen der Minister oder irgend eine andere bei Hofe einflußreiche Person zu nennen, bis auf die als eifrige Katholiken ohnehin verdächtigten Lords. In ihren Aussagen wußten sie auch die Theilnahme des Herzogs von York so geschickt in den Hintergrund zu drängen, als drohe selbst diesem von Seiten der Geschworenen eine Gefahr, wenn er in ihre Bedingungen nicht einginge. Beide hatten mehrmals erklärt, daß, außer den genannten, keine Person von Einfluß compromittirt sei. Neue Zeugen gingen aber noch weiter und schuldigten sogar die katholische Königin selbst an: auch sie habe die Absicht gehabt, ihren Gatten, den König, umzubringen. Karl II. lebte bekanntlich mit seiner Gemahlin in einer unglücklichen, oder wenigstens völlig gleichgültigen Ehe. Wurde diese Ehe vernichtet, so war ihm die Freiheit gegeben, sich anderweitig, mehr den Wünschen seines Volkes gemäß, zu verheirathen, es war die Möglichkeit da, daß dem verhaßten Herzog von York die Thronfolge entging, und damit war dem Volke geholfen und des Königs Lage diesem gegenüber eine glücklichere. Hier ist der Verdacht ausgesprochen, daß die Führer der Volkspartei mit die Hand im Spiele hatten; sie wollten eine Brücke bauen zur Verständigung zwischen Volk und Fürst, durch – ein Verbrechen. Das Haus der Gemeinen lieh der Anklage sein Ohr; aber Karl, zum ersten Mal edel und königlich, wies dieselbe entschieden zurück. »Sie denken, ich habe Lust nach einer neuen Frau; aber darum soll ein ganz unschuldiges Weib nicht gekränkt werden.« In seiner Entrüstung ließ er sogar den Volksliebling Oates einsperren und seine Papiere fortnehmen, doch ohne Zweck.

Aber der Wuth des Parlamentes konnte er keinen Damm mehr entgegensetzen. Das papistische Complot ging jetzt in die äußere Politik über. Die Wuth Zeugen zu werden, hatte auch Vornehmere angesteckt. Des Königs eigener Gesandte in Paris, Montague, war eigenmächtig zurückgekehrt, und hatte dem Parlamente ein Document vorgelegt, aus dem hervorging, daß der König wahrend der nimwegener Friedensunterhandlungen von Ludwig XIV. eine bedeutende Summe gefodert, unter dem Versprechen, die Verhandlungen dafür zu seinen Gunsten zu leiten. Das ergrimmte Parlament klagte dafür den Minister Danby, welcher seinerseits so redlich gegen die Papisten und gegen das französische Interesse gearbeitet, aber als Absolutist verhaßt war, des Hochverraths an, ja es maß ihm selbst papistische Neigungen bei, und daß er geflissentlich das Complot, das ihm längst bekannt geworden, verborgen gehalten. Der König, der sich nicht länger zu helfen wußte, löste das Parlament auf, ein Parlament, welches aus lauter Royalisten gewählt war, im Anfang der Regierung Karls freudig seine Zustimmung zu allen königlichen Maßregeln gegeben, aber im Lauf der Jahre, entweder aus menschlicher Schwäche, oder aus wohlgerechtfertigter Furcht vor den Absichten des depravirten Hofes, sich ganz der Volksströmung hingegeben hatte, und in immer stärkere Opposition gegen König und Hof verfallen war.

Inzwischen hatte man dem Recht seinen Lauf gelassen, wenn das noch Recht zu nennen war. Richter und Geschworene waren, wie Volk und Parlament von der Wirklichkeit des haarsträubenden Complots erfüllt, sie waren von der Richtigkeit der Aussagen Titus Oates und William Bedloe’s überzeugt. Insbesondere war der Lord Oberrichter von dem ganzen antikatholischen Unwillen des Volkes mitergriffen, und handelte nicht, wie es eines unparteiischen Richters Pflicht ist. Statt den Angeschuldigten mit gutem Rathe beizustehen, sprach er gegen sie, als wären sie bereits überführte Verbrecher, ihre Schuld unwiderlegbar. Die Zeugen schüchterte er ein, und ging sogar so weit, öffentlich auszusprechen, daß die Papisten nicht dieselben moralischen Grundsätze mit den Protestanten hätten, und daher als Zeugen auch nicht so glaubwürdig als die letzteren wären.

Vier Unglückliche wurden noch in diesem Jahre (1678) vor die Schranken geführt: Coleman, der Pater Ireland, Grove und Pickering.

Gegen Coleman sprachen seine Briefe, die er nicht ableugnen konnte, und die Zeugenaussagen von Titus Oates und William Bedloe. Er räumte ein, daß er sich sehr unziemlicher Ausdrücke bedient habe; aber sie enthielten doch keine Verbrechen, auch nichts, was mit den Angaben Oates übereinstimme. Wenn Katholik sein und ein eifriger Katholik sein und von Herzen wünschen, daß der Glaube, den er bekenne, der Glaube der Andern werde, wenn das ein Verbrechen sei, bekenne er sich straffällig, sonst nicht. Aber Oates und Bedloe sagten außer Dem, was wir schon im Allgemeinen wissen, aus, daß Coleman vom Superior der Jesuiten eine Bestallung als päpstlicher Staatssecretair für England erhalten, daß er eingewilliget in das Vergiften, Erschießen und Erstechen des Königs und aus seiner eigenen Tasche eine Guinee bezahlt, um dem Boten mit diesen schrecklichen Aufträgen schnelle Füße zu machen. Die Jury sprach ihr Schuldig. Er ward zum Tode verurtheilt und starb gleich darauf mit Ruhe und Festigkeit am Galgen. Bis zum letzten Augenblicke betheuerte er seine Unschuld.

Gegen den Pater Ireland zeugten keine eigenen Schriften. Ebensowenig gegen Grove und Pickering; nur jene beiden viel genannten Zeugen, deren Wort aber so gewichtig war, daß es über Tod und Leben entschied. Ireland sollte einer der 50 Jesuitenpatres sein, welche zusammen das Todesurtheil des Königs unterschrieben. Er behauptete aber, grade zu der Zeit, wo Oates ihn in London das Document unterzeichnen ließ, in Staffordshire gewesen zu sein. Er machte dieses alibi höchst wahrscheinlich; er würde auch, meint man, den Beweis vollständig geführt haben, wenn man ihm Zeit und Mittel gelassen, seine Zeugen zu citiren. Aber im Gefängniß hatte man ihm weder Feder, Dinte noch Papier zukommen lassen, um seine Entlastungszeugen zu benachrichtigen. Ireland, Grove und Pickering, letztere angeschuldigt, sich zum Erschießen des Königs verdungen zu haben, wurden zugleich verurtheilt.

Als die Jury ihr Schuldig aussprach, sagte der Lord-Oberrichter: »Gentlemen, Ihr habt gethan, wie es guter Unterthanen Pflicht ist und guter Christen, das ist, guter Protestanten. Und nun im Uebrigen mögen ihnen ihre 30,000 Messen helfen!« Alle starben unter heiligen Betheuerungen ihrer Unschuld. Die Zuschauer sahen ohne Rührung zu. Der Glaube war zu allgemein, daß man einem Jesuiten weder im Leben noch im Tode trauen dürfe, und daß ihm, des Zweckes willen, jedes Mittel, also auch die durch den Eid bekräftigte Lüge, recht sei. Man erinnerte sich nicht, daß die bei der Pulverschwörung betheiligten Jesuiten vor ihrem Tode ein vollständiges Bekenntniß abgelegt hatten.

Das neue Jahr 1679 begann mit dem Proceß gegen die angeblichen Mörder Sir Edmundbury Godefroys. Es waren vier, Hill, Green, Berry und der Silberschmied Prance. Die ersteren Drei waren Bediente oder Kirchendiener an der katholischen Kapelle in Somersethouse, und es war nur ein einziger Zeuge wider sie da, welcher zugleich der Denunciant war: Bedloe. Dies genügte auch vor so eingenommenen Richtern und Geschworenen nicht. Man suchte einen der Vier zu gewinnen, um als Königszeuge gegen die Uebrigen aufzutreten. Prance, der katholische Silberschmied, lag, schwer mit Eisen belastet, in einem kalten, finstern, feuchten Kerker. Man meint, es sei von den Leitern des Committees nicht ohne Absicht geschehen. Shaftesbury und Buckingham hatten die Gefangenen durch Drohungen und Versprechungen vielfach bearbeitet. Prance fand sich endlich, seinen Leiden erliegend, zum Sprechen bewogen. Er sagte etwas und man entlockte ihm mehr. Es war unzusammenhängend und so albern, wie alles Bisherige, z.B. daß ein gewisser Le Fèvre ein Schwert von ihm gekauft, weil, wie er dabei gesagt, man nicht wisse, was vor der Thür stände. Als Prance darauf sein Bedauern ausgedrückt, dann würden für die armen Handelsleute schlimme Zeiten kommen, habe Le Fèvre geantwortet: grade umgekehrt, für die Krämer würde es gut sein, wenn die katholische Religion wieder aufkäme. Und vorzüglich für ihn; was werde es da in den Kirchen Arbeit geben für die Silberschmiede. Aber selbst diese dürftige Aussage nahm er, verhört vor dem Könige und dem Geheimen Committee, wieder zurück und bekannte sich erst wieder dazu und zu Dem, was man sonst von ihm verlangte, als er aufs Neue in den Kerker geworfen war. Prance’s und Bedloe’s Zeugnisse standen nun den drei andern Angeschuldigten entgegen. Sie widersprachen sich, jeder von Beiden behauptete allerhand Absurdes, Entlastungszeugen brachten manches Wichtige vor, was die Beweiskraft entkräften mußte. Vergebens. Die Jury, die Richter, das Volk waren von der Schuld der Angeklagten überzeugt, daß sie als Papisten logen und von Zeugen unterstützt wurden, welche die Jesuiten eingelehrt. Sie wurden schuldig erklärt. Es wird Niemand Das dem Geschworenengericht zum Vorwurf machen, was die Krankheit der Zeit war. Die gelehrtesten Richter und die weisesten Männer waren auf gleiche Weise angesteckt. Hill, Green und Berry wurden hingerichtet. Sie beharrten dabei, ihre Unschuld zu versichern. Berry ließ sich sogar bekehren und starb als Protestant, dennoch leugnend. Man begriff nur nicht, wie ein Protestant noch vor seinem Tode so lügen könne!

Dem Könige fehlte es an Geld; er mußte wieder ein Parlament berufen. Trotz aller Anstrengungen des Hofes bei den Wahlen, wurden alle Eiferer des aufgelösten Parlaments wieder erwählt und andere, noch heftigere dazu. Alle Anzeichen waren dafür da, daß die vorigen Stürme noch furchtbarer ausbrechen würden. Eine zahlreiche Partei stand dem Könige gegenüber; hier eine Volksmasse, so blindlings dem Vorurtheil und religiösem Hasse hingegeben, daß sie die augenfälligsten Dummheiten glaubte; dort eine andere, welche im Kampfe für die Volksfreiheiten, für die alte Verfassung und religiöse Ueberzeugungen, gleich den angeschuldigten Jesuiten, keine Mittel für zu verwerflich hielt, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Lug, Betrug und Meineid ward von ihr gefördert, und ihre Hände waren nicht rein geblieben von unschuldigem Blute, wenn es gleich unter dem Namen der Gerechtigkeit vergossen wurde. Schon gingen sie damit um, die Thronfolge zu ändern, indem der Antrag auf Ausschließung des katholischen Thronerben vorbereitet wurde; sie hatten Karl’s natürlichen Sohn, den Herzog von Monmouth, einen Jüngling von liebenswürdigen Eigenschaften, aber unbedeutendem Charakter, in ihre Netze gezogen, ihn zum Liebling des Volkes erhoben, dem Volke vorgespiegelt, seine Mutter sei in heimlicher Ehe mit dem Könige vermählt gewesen, und dem Volke und ihm hoffen lassen, er könne dereinst König werden. Sie griffen also aus der Ferne selbst nach des Königs Krone.

Dies durfte Karl nicht dulden. Einer jener seltenen Momente überkam ihn, wo er seiner Trägheit Herr ward, und seine natürlichen Anlagen erwachten. Mit Klugheit ging er zu Werke, langsam, aber immer thätig und wachsam, er bückte sich, bis der Sturm vorübergerauscht war und dann wußte er ihn geschickt zu fassen, zu wenden und zu richten, daß er Die traf, welche ihn heraufbeschworen, oder doch wenigstens sehr geschickt benutzt hatten. Um das Volk fürs erste zu besänftigen, verwies er den Herzog von York vom Hofe und außer Landes; zugleich aber gab er die feierliche Erklärung, daß sein Sohn, der Herzog von Monmouth, außer der Ehe erzeugt sei.

Aber jenes genügte dem Allgemeinwillen nicht, und dieses reizte Einzelne nur noch mehr. Das Parlament verfolgte den abgesetzten Minister Danby, obgleich der König seine Gnade ihm im voraus geschenkt, und erklärte, daß diese Gnade in solchen Fällen unzulässig sei. Es verfuhr mit ungeschwächtem Eifer gegen die Papisten und setzte neue Belohnungen für neue Zeugen aus, als ob nicht schon genug schlechtes Gesindel durch die frühern Belohnungen angelockt worden. Capitain Bedloe erhielt ein Geschenk von 500 Pf.St., und seine persönliche Sicherheit ward der besondern Aufsicht des Herzogs von Monmouth übertragen. Das Unterhaus erklärte, wenn der König zu einem unzeitigen Ende kommen sollte, wollte es seinen Tod an den Papisten blutig rächen. Ein Parlamentsglied ward förmlich ausgewiesen, weil es in einer Privatgesellschaft verächtlich von Denen gesprochen, welche an die Echtheit des Complots glaubten. Ja selbst die Lords ließen ihr Committee gegen diejenigen Untersuchungen erheben, welche sich erdreisteten, zu behaupten, daß die bis da wegen des Complots Hingerichteten unschuldig hingerichtet wären. Deutet dieser übertriebene Eifer darauf, daß sie selbst an ihrem Glauben zu zweifeln anfingen?

Der König mußte mehr thun, um sein Volk zu besänftigen. Auf den Rath eines wahren Patrioten, des außerhalb der Parteien stehenden Ehrenmannes Sir William Temple, entließ er sein durch Danby’s Verhaftung ohnedies zersplittertes Ministerium, und wählte ein neues Ministerium und einen neuen Geheimenrath von 30 Mitgliedern, von denen die Hälfte wenigstens zur Volkspartei gehörte. Das aufs höchste gestiegene Mistrauen in der Nation mußte beschwichtigt werden, es mußten unter die Räthe der Krone Männer aufgenommen werden, welche sich der vollen Zuneigung des Volkes erfreuten. Alsdann würde es weniger und nicht so ungestüm fodern, und wenn die Krone sich demnach genöthigt sehe, diese Foderungen abzuweisen, so geschehe es auf den Rath der populairen Männer, die es mit dem Volke auszumachen hätten. Die Führer der Volkspartei würden alsdann jedenfalls von ihrer ungemessenen Heftigkeit nachlassen. Dies war Sir William Temple’s Rath. Unter den neuen Mitgliedern des Ministeriums waren der Herzog von Monmouth, der Graf von Sunderland, Viscount Halifax, Lord Cavendish, der Graf von Essex, Lord Russell und der Graf von Shaftesbury. Essex, entschieden der Volkspartei angehörend, ward an Danby’s Stelle Lord Schatzmeister; Russell, eine Zeit lang am Hofe und in jugendlicher Aufwallung von dessen Lockungen verführt, war schon längst enttäuscht und durch die innere Verderbtheit, die er dort fand, zurückgeschreckt, zur Opposition übergegangen, in der er, geehrt um seiner Charakterfestigkeit und seines freundlichen Benehmens willen, in den Vorderreihen gefochten hatte. Aber der Lenker derselben war Shaftesbury, der größte Intriguant seiner Zeit, ein Mann ohne Grundsätze, doch von dem größten Talente. Daß Karl diesen einflußreichen Führer der Volkspartei wieder in den Geheimenrath berufen, ja ihn sogar an die Spitze desselben als Präsident gestellt, konnte ihm aber nichts helfen. Denn Shaftesbury erkannte zu wohl an, daß diese ganze liberale Beimischung des Geheimenrathes nur des Scheines, der Decoration wegen, erfolgt war, und daß er und die Seinen hier in der Wirklichkeit ohne Macht und Einfluß blieben.

Um desto eifriger arbeitete er auf der andern Seite, eben während er die Volkspartei zu neuer Entfaltung ihrer ganzen Thätigkeit, ihrer Eifersucht und ihres Hasses anstachelte, benutzte er den durch seine neue Berufung gewonnenen Schein zu seinem zweiten Spiel vor demselben. Er stellte ihnen vor, durch seine neue Stellung zum Könige kenne und wisse er, daß derselbe nachgeben müsse und werde, wenn nur die Volkspartei unverrückt in ihren Bestrebungen weiter gehe. Die Partei ging weiter. Sie ließ sich nicht begnügen durch des Königs Vorschläge: die Macht seines Nachfolgers, falls derselbe katholisch sei, dergestalt einzuschränken, daß er eigentlich nur noch den Schatten der königlichen Macht behielt. Sie foderte die unbedingte Ausschließung des Herzogs von York von der Thronfolge, weil derselbe katholisch sei. Sie eiferte gegen das Bestechungssystem, welches damals indessen, weil der Hof das Geld zu andern Dingen brauchte, nur mit schwachem Erfolge angewandt wurde, und foderte, daß alle Mitglieder, welche Aemter mit Besoldung innehatten, nicht im Unterhause sitzen sollten. Sie setzte, – und dies ist Shaftesbury’s größtes Verdienst – die Habeas corpus-Acte durch, vermöge welcher die persönliche Freiheit des Engländers für alle kommenden Zeiten gesichert ward. Bis dahin waren willkürliche Verhaftungen von jeder herrschenden Partei vorgenommen worden, und die Krone hatte nur zu oft ihre Macht dahin gemisbraucht, daß sie die Verhafteten über Meer in die Gefängnisse der Colonien bringen ließ. Die Subsidien wurden kärglich, stets mit Vorbehalten und Maßregeln, welche deutlich das Mistrauen gegen den guten Willen des Königs verriethen, bewilligt; nur gegen Danby, die gefangenen katholischen Lords und das papistische Complot wurde mit demselben Eifer verfahren. Ja im Unterhause ward ein neuer Antrag vorbereitet, mit verstärkten Kräften einen neuen Sturm gegen die Papisten zu erheben. Da half sich Karl abermals selbst, er prorogirte, ohne deshalb, wie er versprochen, zuvor seinen Geheimenrath zu fragen, das Parlament, und löste es später auf.

Vor dem Gerichte hatte die Verfolgung der Verschwörer indessen ihren ungehinderten Fortgang. Die Jesuiten Whitebread, der Provinzial des Ordens in England, Fenwic, Gavan, Turner und Harcourt wurden vor die Geschworenen gestellt. Außer Oates und Bedloe erschien hier ein neuer Zeuge Dugdale, der zwar arm, doch einen etwas besseren Ruf als die beiden hatte. Aber, was er vorbrachte, war ebenso unglaublich, ja noch mehr übertrieben. Er ließ 200,000 Papisten in England bereit stehen, um auf den ersten Wink als Würgengel über die Protestanten loszufahren. Die Unglücklichen vertheidigten sich nach Kräften. Die Negative, daß sie unschuldig seien, war nicht zu beweisen, aber sie versuchten Titus Oates als Lügner darzustellen. Aus St. Omer waren 16 Zeugen herübergekommen, meist junge Leute von angesehenen Familien, die eidlich erhärteten, daß Oates grade zu der Zeit, wo er wollte in London gewesen sein, in St. Omer gewesen wäre. Aber sie waren Katholiken, Schüler eines Jesuitencollegiums! Was konnte ihre Aussage vor diesen Geschworenen und diesen Richtern bedeuten? Als einer sagte, daß Oates so und so lange in St. Omer verweilt habe, wenn er seinen Sinnen trauen könne, antwortete ihm der Oberrichter sarkastisch: »Euch Papisten wird ja gelehrt, daß Ihr Euren Sinnen nicht trauen sollt.« Indeß hatte Oates auch Zeugen aufgestellt, welche bewiesen, daß er um jene Zeit in London gewesen; bei dem spätern Processe gegen ihn wegen Meineids ward jedoch herausgestellt, daß dies falsche Zeugen waren. Auch der Beweis, welchen die Jesuiten führten, daß Oates im Proceß des Pater Ireland falsch geschworen, daß Ireland wirklich in Staffordshire gewesen, als Oates ihn in London sein ließ, half ihnen bei der allgemeinen Stimmung nichts. Alle 5 wurden schuldig erklärt, hingerichtet und starben unter den ernsten und feierlichen Betheuerungen ihrer Unschuld.

Nun kam ein ausgezeichneter katholischer Jurist, der schon in der Titus Oates’schen Denunciation erwähnt ist, Langhorne, an die Reihe. Er war bezüchtigt, daß sämmtliche katholische Anstellungen, welche der Papst in England verordnet, durch seine Hände gegangen seien. Oates und Bedloe bekräftigten es mit ihrem gewichtigen Eide. Gegen diesen unglücklichen Mann schien die meiste Wuth im Volke zu herrschen. Der Pöbel zerriß die Zeugen, welche für ihn erschienen, fast in Stücke. Einer wurde in der That so verletzt, daß sein Leben in Gefahr schwebte. Eine Frau, die für ihn zeugen wollte, erklarte vor Gericht, daß, wenn man ihr nicht Schutz verspreche, so wage sie nicht den Mund aufzuthun. Die Richter konnten ihr nur versprechen, daß Die, welche ihr etwas anthäten, bestraft werden sollten. Als Langhorne das arme Weib zittern sah, erließ er ihr ein Zeugniß, welches ihm freilich bei der Lage der Dinge wenig geholfen hätte. Als das Schuldig herausgebracht wurde, begrüßten es die Zuhörer mit einer wahrhaft canibalischen Freude.

Sir George Wakeman, der Leibarzt der Königin, war von Titus Oates angeschuldigt, daß er den König habe vergiften wollen. Oates und Bedloe’s Anschuldigungen waren bis hier so gut als Verurtheilungen gewesen. In diesem ersten Falle zeigten sie sich in ihrer Schwäche. Einmal, so hatte Oates bei seiner ersten Vernehmung vor dem Geheimenrathe nur auf Hörensagen seine Beschuldigung vorgebracht. Als der Kanzler ihn fragte, ob er nicht aus eigener Wissenschaft etwas vorzubringen habe, entgegnete er: »Gott stehe mir bei, daß ich etwas gegen Sir George sagen sollte. Denn ich weiß nichts mehr gegen ihn.« Vor Gericht dagegen gab er ein positives Zeugniß gegen Wakeman ab. Dieser Widerspruch mußte selbst so voreingenommene Richter befremden. Aber es kamen noch andere menschliche, diplomatische Klugheitsrücksichten hinzu. Sir George war der Leibarzt der Königin. In ihm ward auch diese unglückliche Fürstin mittelbar angeschuldigt. Sie aber konnte Niemand der auch nur entfernten Theilnahme, oder auch nur entfernten Mitwissenschaft eines solchen Frevels ernstlich für theilhaft halten. Wenn früher Stimmen aufgetaucht waren, wenn selbst das Unterhaus darauf eingegangen war, so war dies das höchste Aufflammen des Katholikenhasses gewesen, verbunden mit fein berechneten diplomatischen Intriguen. Das Haus der Lords hatte schon damals entschieden die Anklage zurückgewiesen. Dieses wilde Feuer war verraucht. Die arme, verlassene Fürstin war keine Verbrecherin; sie hatte sogar Anspruch auf das Mitleid des Volkes. Es war dies ein hochwichtiger Fall. Ward der vertraute Leibarzt der Königin, ein Mann im besten Rufe, verurtheilt, so war kein Ziel der Verfolgungen abzusehen. Schien doch wirklich ein Wendepunkt in der furchtbaren Strömung eingetreten zu sein. »Der Sinn der Menschlichkeit und der gesunde Menschenverstand, welcher so lange die Nation verlassen zu haben schien,« sagt Hume, »schien sich wieder einzustellen.« Selbst der Lord Oberrichter, schlug hier ein anderes Verfahren ein. Er schreckte nicht mehr die Zeugen ein, er ließ die haarsträubenden Schilderungen von der Entsetzlichkeit des Complottes, die er jeder Untersuchung sonst vorangeschickt, diesmal fort, und sein Resumé vor den Geschworenen war in milderem Tone abgefaßt, indem er die mancherlei für den Arzt sprechenden günstigen Umstände heraushob, und es nur der Weisheit der Jury überließ, das rechte Urtheil zu finden. Dies veränderte Verfahren empörte die Exaltirten dermaßen gegen einen Richter, welchen sie früher nicht genug erheben können, daß Oates und Bedloe es wagen durften, ihn öffentlich vor Gericht der Parteilichkeit anzuschuldigen. – Wakeman ward freigesprochen. Es war ein empfindlicher Rückschlag für Die, welche ungestüm vorwärts wollten. Aber als Wakeman dem Frieden nicht traute, rings umgeben von erhitzten Fanatikern, welche mit neuen Anklagen drohten, und sich nach dem Continent begab, riefen sie jubelnd aus: seht, ein Beweis seiner Schuld!

Jahre vergingen und das papistische Complot hatte noch immer Lebenskraft. Aber auf der andern Seite hatte auch der König wieder Muth und Kräfte gewonnen. Mit großer Klugheit war er stets dem Glauben des Volks an das Phantom entgegengekommen, in jeder öffentlichen Rede hatte er das Complot verdammt und Gott und seinem Volke gedankt, daß es noch bei Zeiten entdeckt worden; aber er hatte zugleich die Zeit wohl benutzt, die religiöse Partei zu verstärken. Er hatte sich der lange von ihm vernachlässigten Partei der Cavaliere wieder genähert – den strengen Royalisten, wenn gleich eifrigen Protestanten, war der Gedanke einer möglichen, willkürlichen Thronfolge unerträglich – er hatte selbst die hohe Kirche an sich zu ziehen gewußt, indem er die Prälaten auf die immer gefährlicher werdende Macht der Presbyterianer hinwies, welche sich der Volkspartei mehr und mehr anschlossen. Auch viele Unparteiische, die einerseits am Complot zu zweifeln anfingen, andrerseits von der immer wachsenden Erhitzung der Parteien besorgten, daß sie zu einem neuen, unseligen Bürgerkriege führen könne, hatten sich von selbst der Krone und einem Könige genähert der, bei allen seinen Fehlern auch alle Vorzüge eines umgänglichen, liebenswürdigen Benehmens besaß. Fern von Stolz und Eitelkeit, behandelte er seine Unterthanen wie Gentlemen; wie Freie, nicht wie Vasallen. In der Unterhaltung gewann er selbst die Herzen Derjenigen, welche ihn fast verachten gelernt. Gehörte er doch auch in seinem öffentlichen Leben, in seinen Staatshandlungen nicht zu den halsstarrigen Königen, welche ihre Ansicht für die absolut richtige wollen gelten lassen und keinen Widerspruch ertragen. Er war im Gegentheil mehr als constitutionell; er fügte sich nicht allein in den Willen der Mehrheit, sondern, wenn er erkannte, daß eine Meinung die Ansicht der Majorität des Volkes gewonnen, so kam er ihr schnell so entgegen, als wäre es seine eigene, und Nation und König hatten sich auf demselben Wege gefunden. Wenn er dann auch geschickt vorausging und unvermerkt in die Wege einlenkte, welche ihm gefielen, so war das doch immer eine königliche Liebenswürdigkeit, welche Vielen, die nicht zu weit voraussahen, mehr zusagte, als der gerade Stolz seines Vaters und die fanatische, alle Parteien beleidigende, rücksichtslose Geradheit seines Bruders York.

Als Karl ernstlich erkrankte und man seinen Tod fürchtete, war deshalb der Schreck und die Furcht nicht gering, der Einen vor dem papistischen Thronfolger, der Andern vor einem langwierigen Bürgerkriege. Denn daß eine Revolution einen solchen hervorbringen müsse, war in England 1679 ebenso der Glaube, als in Frankreich 1830. Die Erfahrung hat gezeigt, daß die Völker durch die Revolutionen mehr lernen als die Fürsten. Die Stuart wie die Bourbonen wollten, nach ihrer Wiederkehr, nur das Alte restauriren; die Engländer und die Franzosen hatten aus der Revolution die Lehre geschöpft, daß ein Bürgerkrieg das größte aller Uebel ist, und als die Revolution in beiden Ländern, durch die fruchtlosen Experimente der Restauratoren, nothwendig und wirklich ward, wußten sie sich selbst zu überwinden, und, schnell dem Strome ein Ziel setzend, der Gesetzlichkeit über die aufgeregten Gefühle den Sieg zu verschaffen.

Sir William Temple verlor so den Kopf, daß er ausrief: »Wenn der König stirbt, ist es das Ende der Welt!« Die Minister Essex, Halifax und Sunderland hatten schnell nach Brüssel hinüber geschickt und den Herzog von York rufen lassen; es ward ihnen schlecht belohnt. Der König genas wieder, der Herzog kehrte nach Brüssel zurück, und Monmouth, den er mit Grund fürchten gelernt, ward in Ungnade vom Hofe verwiesen. Essex, gekränkt, legte sein Amt nieder, ebenso Halifax und William Temple, der jetzt an einer Aussöhnung der Parteien verzweifelte. Der König ernannte neue Minister mit völliger Gleichgültigkeit. Er wechselte, heißt es, ebenso leicht Maßregeln und Minister. Ein neues Parlament war gewählt worden, aber da die Wahlen größtentheils zu Gunsten der Volkspartei ausgefallen waren, prorogirte es der König auf eigene Hand, ohne seinen Geheimrath darum zu fragen. Lord Russell, über alle diese Vorfälle in tiefem Unmuth, schied ebenfalls aus dem Geheimrath aus, und Shaftesbury wurde geradezu entlassen.

Hiermit schien die Partei, welche wir heute die liberale nennen, in der Regierung völlig geschlagen und beseitigt. Nicht so im Volke und im Parlamente. Sie hatte noch ihr papistisches Complot, welches sie in salutem rei publicae weiter auszubeuten nicht aufgab.

Es mußte traurig in England um das Gefühl und das Bewußtsein der Rechte und Freiheiten stehen, wenn man dafür und dawider nur durch Complotte und Verschwörungen kämpfte, wenn man, um etwas durchzusetzen, zum Mittel der Denunciationen griff. So spielt eine alberne Episode, das sogenannte Mehltonnen-Complot, in die große Baracke-Tragödie des papistischen Complots hinein. Ein elender Abenteurer und Vagabunde, der in Ketten gesessen, ausgepeitscht und gebrandmarkt war, ein gewisser Dangerfield, zeigte eine neue Verschwörung an, die jenen seltsamen Namen von dem Orte erhielt, wo er die gefährlichen Papiere wollte gefunden haben. Die Sache ist nicht recht ins Klare gekommen, noch verdiente sie es. Zuerst, angeblich von einigen angesehenen Katholiken unterstützt, bemühte er sich, eine Verschwörung der Presbyterianer zu enthüllen; nachher, als er sah, daß ihm dies weniger versprach, weil die Macht noch bei der Volkspartei war, soll er sich an Shaftesbury gewandt haben, unter dem Vorgeben, ein neues papistisches Complot zu entdecken. Dies war zu spät oder paßte nicht in die Pläne der Parteihäupter und man ließ die Sache von beiden Seiten fallen. Aber die Opposition bemächtigte sich doch in so weit derselben, daß sie einen neuen Lärm erhob und aussprengte, der Hof habe das Ganze angestiftet, um im Wege der Vergeltung den Presbyterianern die Schuld einer falschen Verschwörung aufzuladen.

Die Verwirrung in England stieg mit jedem Tage, ohne daß eine Aussicht da war, zu einem befriedigenden Resultate zu kommen. So tief war Englands Ansehen als Macht gesunken, daß Holland die ihm angebotene Alliance, die ihm früher von solchem Werthe war, von sich wies, weil auf einen so von Parteien zerrissenen Staat kein Vertrauen zu setzen sei. Vergebens hatte der König endlich 1680 sich entschlossen, das Parlament zu berufen, – freilich nur weil er nicht anders umhin konnte – vergebens hatte er die Gemeinen mit den süßesten Worten angeredet, ihnen verheißen, mit ihnen des ferneren das greuliche papistische Complot zu verfolgen, nur sollten sie einträchtig sein, damit England vor dem Auslande wieder zu Ansehen käme. Die Volkspartei überbot sich in Verfolgungseifer. Nicht zufrieden damit, den Papst im Bilde überall auf den Straßen zu verbrennen, den Herzog von York im Parlament für einen papistischen Abtrünnigen erklären zu lassen (worauf im Oberhause Shaftesbury, gefolgt von dem Lord Russell, dem Earl Huntingdon, den Lords Cavendish, Grey, Brandon, Sir Henry Cavendish, Sir Gilbert Gerard, Sir William Cooper und andern angesehenen Edelleuten feierlich antrug), vor die Gerichte einzelne Papisten zu stellen, und sie oft nur darum verurtheilen zu lassen, und demnächst natürlich auch hinrichten, weil sie die Weihen der römischen Kirche empfangen (was König Karl ruhig zuließ, um dem aufgebrachten Volke doch auch etwas zu Gefallen zu leben), nicht zufrieden damit, sagen wir, überbot sich das Parlament in harten Maßregeln auch gegen alle Diejenigen, welche die Macht des Königs vorher vertheidigt hatten. Während nämlich von allen Seiten des Landes Petitionen eingereicht wurden, damit der König, der so lange als möglich gezaudert, das Parlament endlich zusammenberufe, waren von Seiten der Cavaliere und Royalisten, besonders durch die Hochkirchler befördert, Gegenpetitionen eingereicht worden, voll der devotesten Ausdrücke, in welchen Karl ersucht wurde, ja nicht auf jene Petitionen zu achten, indem diese loyalen Bittsteller den liberalen das Recht zu den ihrigen geradezu absprachen; umgekehrt verfuhr nun das Parla[?typo?:la]ment und bestritt nicht allein den loyalen Gegenbittstellern ihr Recht, sondern machte es ihnen sogar zum Verbrechen gegen die Constitution, daß sie den Bittstellern ihr Recht streitig gemacht. Sie votirten das unbestreitbare Recht des Unterthanen, um Zusammenberufung des Parlaments zu bitten. Sie stießen ein Mitglied aus dem Hause, weil es sich des Verbrechens schuldig gemacht, dies Recht zu bestreiten, und, um die Verwirrung zu vollenden, setzten sie ein Committee zur Untersuchung gegen die Mitglieder ein, welche des gleichen Verbrechens schuldig befunden würden.

Es waren zwei Parteien geworden, die petitioners und die abhorrers, die aber in den jetzt aufkommenden Namen der Whigs und Tories übergingen. Eine große Anzahl abhorrers wurde in allen Theilen Englands auf Specialbefehl des Parlaments aufgegriffen, und mit Verletzung der eben erst gegebenen Habeas corpus-Acte ins Gefängnis gesteckt.

Das neue Parlament schien nichts davon zu wissen, oder wissen zu wollen, daß doch schon Zweifel über die Wirklichkeit des Complots aufgestiegen waren. Zu Anfang des Jahres waren zwei katholische Edelleute, der Graf von Cestlemain (obgleich von Oates und Dangerfield angeschuldigt, daß er den König ermorden wollen) und Sir Thomas Gascoigne, gegen den zwei seiner entlassenen Diener gezeugt hatten, von der Jury freigesprochen worden. Vielleicht um diesen Fehler gut zu machen, votirte das neue Parlament nicht allein: daß das schaudervolle papistische Complot eine Wahrheit sei, sondern um das Volk recht zu erschrecken, erklärte es auch: daß dieses Complot, trotz der Entdeckung, noch immer fortbestehe. Zwei Mitglieder der Gemeinen wurden ausgewiesen, weil sie geäußert, es existire kein papistisches, sondern ein presbyterianisches Complot. Der Zeuge William Bedloe war an einem Fieber zu Bristol gestorben. Auf seinem Todtenbette hatte er vor dem Oberrichter North seine ganze Aussage bestätigt, mit Ausnahme Dessen jedoch, was er gegen den Herzog von York und die Königin bekundet; letzterem Umstande ging aber die Bitte voraus, sich beim Könige um eine Summe für ihn zu verwenden. Der Jubel der Anhänger des Complots über diese Aussage auf dem Todtenbette, die denn nun das erstere über allen Zweifel erhebe, schien durch jene theilweise Rücknahme des beschworenen Zeugnisses doch etwas bedenklich. Wenn Bedloe gestand, daß er hinsichts zweier Personen falsch Zeugniß abgelegt, welches Gewicht behielt dann das Zeugniß gegen die andern Angeklagten? Indessen bedauerte das Parlament schmerzlich den Tod dieses wichtigen und trefflichen Zeugen für künftige Fälle, und gab sich Mühe, wenigstens die andern sich zu erhalten. Dangerfield, mit allen Brandmalen der Infamie gestempelt, konnte nach den Gesetzen kein eigentlicher Zeuge sein; das Parlament gab sich Mühe, ihn etwas von dieser Infamie zu reinigen. Es belebte und belohnte eine ganze jüngere Zucht bereitwilliger Zeugen, deren traurige Namen die Geschichte aufbewahrt hat: Jennison, Turberville, Dugdale, Smith, La Faria. Man ging den König an, ihnen Pensionen auszusetzen; man ließ ihre Erzählungen drucken und verkaufen. Dr. Tongue wurde dringend zur ersten erledigten bedeutenden Prälatur der hohen Kirche empfohlen. Man hätte die Jesuiten vielleicht fahren lassen, wenn man nur den Herzog von York losgeworden wäre. Aber hier scheiterten alle Hoffnungen, alle Anstrengungen. Der König wollte und konnte nicht nachgeben, obgleich Shaftesbury es noch immer hoffte, weil er mit seiner Zustimmung die Partei der Cavaliere und die Hochkirchler sich erzürnt hatte. Diese würden ihn dann wahrscheinlich verlassen und dem weit mehr gefürchteten Einfluß der Volkspartei preisgegeben haben. Daher ward die Exclusionsbill aufs Neue ins Parlament gebracht, mit schärferen Bestimmungen als vorher. Von allen Kanzeln im Reiche solle es zwei Mal im Jahre vor dem Volke verlesen werden, daß der katholische abtrünnige Thronfolger, der Herzog von York, des Rechtes auf die Krone verlustig erklärt, und daß, wer seine Rechtmäßigkeit dennoch behaupte, von jeder Begnadigung ausgeschlossen sei; es wäre denn, daß das Parlament selbst sie ihm bewillige. Mit großer Stimmenmehrheit im Unterhause angenommen, ward die Bill im Oberhause mit einer nicht unansehnlichen verworfen; zum großen Theil durch die Anstrengungen der Bischöfe. Sie fürchteten mehr vom Uebergewichte des Presbyterianismus, als dem des Katholicismus, welcher auf so schwachen Füßen in England stand, daß es, ihrer Meinung nach, selbst durch die Unterstützung eines katholischen Königs gegen den Volksunwillen zu bestehen außer Stande sei. Der Kampf war übrigens heftig. Lord Essex, der erst im vorigen Jahre, als Minister, den Herzog von Vork eiligst an das Sterbelager seines königlichen Bruders berufen, damit er sein Erbrecht in Person geltend mache, war jetzt einer der Eifrigsten, der dagegen sprach. Solchem Wandel der Ansichten und Absichten sind die edelsten Charaktere unter den Schwankungen politischer Leidenschaften ausgesetzt. Shaftesbury bot seine ganze Beredtsamkeit, alle seine Talente auf, aber vergebens; er unterlag der noch größeren Beredtsamkeit seines eigenen Neffen, des Lord Halifax.

Das Unterhaus knirschte vor Zorn. Er entlud sich zuerst gegen Halifax. Eine Adresse an den König ging im Augenblicke durch, Halifax für immer aus seinem Rathe zu stoßen und aus seiner Nähe zu verbannen. Andere noch bitterere Adressen maßen den Papisten und der heimlichen Unterstützung, welche der König und seine Regierung ihnen gewahrt, alles Unheil bei, welches England seit Karls Rückkehr betroffen habe. Es ließ die Klage gegen die 5 katholischen Lords, welche noch immer im Tower saßen, wieder aufleben, und wählte zuerst einen derselben, den Viscount Stafford, als Schlachtopfer der Justiz und des Fanatismus aus.

Es ist dies einer der schwärzesten Punkte in der Geschichte der englischen Freiheitskämpfe, der englischen Rechtspflege, der englischen Humanität, ja der ganzen englischen Geschichte selbst. Wenn die katholischen Lords so schuldig waren, wie die andern Opfer der Verschwörung, welche dafür ihr Leben gelassen, warum hatte man sie nicht längst vor Gericht gestellt, warum sie Jahre lang aufgespart und mit der Angst gequält? Weil sie für minder schuldig galten, oder weil ihre Stellung so hoch war, daß man es nicht wagte, sie anzutasten? Und nachdem man so lange gezögert, sie vor die Schranken zu stellen, warum jetzt, wo gar kein neuer Gtund in der Sache selbst vorlag, der ihre vermeinte Straffälligkeit und Gefährlichkeit vergrößerte? Und endlich, warum wählte man den einen Lord Stafford heraus, wahrend die Lords Powis, Arundel, Peters und Ballasis für’s erste unangetastet blieben? – Die Geschichte, der noch nicht widersprochen ist, gibt die traurige Antwort: weil Stafford ein alter Mann, hinfällig und von geringen Geisteskräften war, weil man daher nicht besorgte, daß er durch eine energische Vertheidigung den Angriff zurückschlagen werde. Wenn er gefallen, wollte man die andern, kräftigern Manner angreifen. Es war kein Act der Gerechtigkeit, es war jetzt ein rein politischer Act, um die katholische Partei, den katholischen Thronfolger, die man durch die Exclusionsbill nicht beseitigen können, durch einige große Justizmorde zu erschrecken.

Die Hauptpunkte der Anklage gegen Stafford gingen dahin: daß er aus den Händen des Jesuiten Fenwic eine Bestallung als Generalzahlmeister der päpstlichen Armee erhalten, unterzeichnet von dem Jesuitengeneral De Oliva, einer Armee, welche bestimmt war, England zu unterjochen. Titus Oates hatte es selbst gesehen, wie Fenwic ihm das Document überreichte. Das Document war verschwunden, aber Titus Dates Eid war vollgültig. Ferner: daß Stafford zu Tixal, einem Landsitz des Lord Aston, den schon genannten Dugdale zu überreden und zu bestechen versucht, den König zu ermorden. Daß er ihm dafür versprochen, erstens, er solle die Ehre genießen, daß ihn die Kirche unter die Zahl ihrer Heiligen aufnehme, zweitens 500 Pf. St. baar schon in dieser Welt. Zeuge dafür war derselbe Dugdale. Endlich: daß Stafford dem Franzosen Turberville in Paris einen gleichen Vorschlag gemacht. Dies bekundete Turberville.

Selbst gegen diese ganz unbestimmten Aussagen, welche, durch keine äußere Thatsache unterstützt, selbst kaum als ein Factum gedacht werden konnten, wußte der Angeschuldigte nicht ganz unerhebliche Gegenbeweise zu führen, Dugdale hatte geschworen, daß Stafford bei der großen Rathsversammlung der Jesuiten in Tixal zugegen gewesen; aber der Angeklagte bewies durch unverdächtige Zeugen, daß er um jene Zeit in Bath und der Umgegend gewesen. Stafford versuchte sogar einen negativen Beweis. Turberville, ein Franzose, war früher Novize unter den Dominicanern gewesen, hatte dann in der französischen Armee gedient, und lebte nun, entblößt, und jeden Verdienst bereitwillig ergreifend, in London, ein Mensch, den die Noth zu Allem treibt. Aber Stafford’s Kammerdiener und Page, welche ihren kränklichen Herrn auf Schritt und Tritt begleiteten und fast nie außer Augen ließen, bekundeten und beschworen, daß sie Turberville weder in Paris noch in London jemals in der Gegenwart ihres Herrn gesehen hatten. Ein solcher Beweis würde freilich auch vor einem andern Gerichte seine Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten gehabt haben; aber was bedurfte es eines Gegenbeweises, wo der Beweis selbst kaum mehr Consistenz hatte, als ein Geräusch, ein Lichtschein, ein Luftzug?

Mitten im Lärm des aufgebrachten Volks und gegen sehr geschickte und beredte Anklager vertheidigte sich Stafford mit mehr Geschick, als man von ihm erwartet hatte. Das Mitgefühl vieler Zuhörer ward angeregt. Er erzählte seinen Lebenslauf, wie er seit dem Beginne der Bürgerkriege, durch 40 Jahre, unter tausend Gefahren, Verlusten, unter allen Wechselläufen der Begebenheiten, seinem loyalen Charakter treu geblieben. Sei es nun wahrscheinlich, glaublich, möglich, daß er in seinem hohen Alter, in glücklichen Lebensverhältnissen, aber von Krankheit und Gebrechlichkeit gelähmt, einen Flecken auf sein ganzes, vergangenes Leben zu drücken den Anreiz verspürt haben sollte? Er sollte sich in eine furchtbare, abscheuliche Verschwörung gegen seine Mitmenschen und Landsleute eingelassen haben, er der teuflischen Lockung verfallen sein, seinen königlichen Herrn, den er immer geliebt, der ihm so viele Beweise seines Wohlwollens gezollt, meuchelmörderisch umbringen zu lassen? Sei es denkbar, daß er, dessen Ruf unangetastet geblieben, sich und denselben solchen, von jeder Infamie gebrandmarkten Zeugen preisgegeben? Zeugten nicht vielmehr für ihn die Widersprüche und die lächerlichen Uebertreibungen in ihren Aussagen selbst? Wäre es denn glaublich, möglich, daß die Edelleute, Prinzen, Könige, die reichen Orden, welche mit diesen elenden Menschen, nach deren Versicherung, sich verbunden, oder sie wenigstens zu Werkzeugen ihrer angeblichen Zwecke benutzt, daß jene mächtigen und reichen Leute solche gefährliche Mitwisser ihrer verbrecherischen Geheimnisse bis dahin in der äußersten Dürftigkeit sollten gelassen haben? Das Schuldbewußtsein zahlt überall mit schwerer Münze, und die Mitwisser werden auf diese Weise oft die Tyrannen der eigentlichen Schuldigen. Aber diese Elenden hätten an Allem gelitten, bis ihr Zeugniß die ersten Angeber wohlhabend, reich, geehrt gemacht, und dies Beispiel die ganze Schaar verworfner Zeugen angelockt habe.

Dies war nicht die Sprache, welche bei der Volksmasse Eingang fand. Ihre Zeugen, die sich so muthig dem Gift und den Dolchen der Jesuiten aussetzten, waren ihre Lieblingspuppen, die sie geehrt, nicht geschmäht wissen wollten. Aber Stafford vertheidigte sich nicht vor Geschworenen aus dem Volke, in denen der ganze Fanatismus, die ganze gespensterhafte Angst noch herrschte, er sprach vor den Pairs des Reiches; vor dem Hause der Lords ward sein Proceß als Pair des Reiches geführt. Hier hatte doch der Fanatismus nachgelassen, hier herrschte schon in politischen Fragen eine entschiedene Hinneigung zu den royalistischen Interessen, hier waren, hier mußten schon Zweifel erstanden sein, und mehr als Zweifel an dem papistischen Complot, wenn keine Erkenntniß, wenigstens eine Ahnung von Dem, was der hartnäckigen Verfolgung zum Grunde lag. Und dennoch rührte die Lords weder die milde und einfache Sprache des Unglücklichen, die doch zuweilen mehr wirkt als die glänzendste Beredtsamkeit, noch die Betheuerung seiner Unschuld. Nach einer Untersuchung, welche sechs Tage dauerte, sprach eine Majorität von 22 Stimmen das Todesurtheil über ihn aus. Er hörte es mit Ruhe und Fassung an. »Gottes heiliger Name sei gepriesen!« war das einzige Wort, das über seine Lippen kam.

Die Strafe der Hochverräther in England ist der Strang, nachher wird der Kopf abgeschlagen und der Körper geviertheilt. Als man Stafford mittheilte, daß die Lords den König angehen wollten, diese schimpflichen Theile des Urtheils, nämlich das Hängen und Viertheilen, ihm zu erlassen, brach er erst in Thränen aus; aber sogleich versicherte er auch, daß sie nur aus Rührung ihrer Güte wegen, nicht aus Angst vor dem Schicksal, das ihm bevorstände, herrührten.

Was die Lords bewogen, ob Ueberzeugung von seiner Schuld, ob Furcht vor dem aufgeregten Volke, ob politische Rücksichten, ob anderweitige Kenntniß von Stafford’s Charakter und Leben, die für die Nachwelt verloren gegangen sind, blieb, wie der Urteilsspruch selbst, ein ungelöstes Räthsel.

Der König erließ dem Unglücklichen den Strang und das Viertheilen. Auch diese Gnade erschien den rasenden Tribunen des Volkes zu groß. Die beiden republikanischen Sheriffs von London, Bethel und Cornish, brachten ihre Zweifel vor beide Häuser des Parlaments. Sie fragten, ob der König, da er das ganze Urtheil nicht im Wege der Gnade umstoßen könne, das Recht und die Macht habe, einen Theil des zu Recht gültigen Urtheils zu erlassen? – Die Lords gingen über die Frage, als müßig, hinweg. Im Hause der Gemeinen erhoben sich Stimmen für den Antrag der Sheriffs. Leider darunter auch die des reinsten Charakters unter allen Führern der Volkspartei. Auch Lord Russell bezweifelte, ob der König dieses Recht habe. So kann Parteienwuth die edelsten Geister befangen. Aber das Unterhaus ging doch nicht auf den Antrag ein, nicht aus Milde, aus Menschlichkeit, sondern aus Furcht, daß Stafford bei diesem Streit leicht ganz mit dem Leben davon kommen könne. Es votirte daher folgende sonderbare Resolution: »Dieses Haus ist damit zufrieden gestellt, daß die Sheriffs William Viscount Stafford hinrichten, indem sie nur seinen Kopf von seinem Körper trennen.«

Noch machte man vor der Hinrichtung vielfache Versuche, den alten, kranken Mann zu einem Geständniß zu bringen. Wenn Lord Stafford nur in irgend einer Art bekannte, so war das papistische Complot, das so alt und krank wie er selbst geworden, wieder gerettet. Als er sich durchaus nicht dazu bewegen ließ, verbreitete man wenigstens das Gerücht, er habe eingestanden, und die Freude unter der Partei war groß. Aber eben dies Gerücht veranlaßte, daß die Lords den Verurtheilten noch ein Mal vor sich laden ließen. Stafford legte seinen Richtern nur verschiedene Entwürfe und Plane vor, die keinen andern Zweck hatten, als den Katholiken Duldung zu verschaffen, oder wenigstens die Strenge der Criminalgesetze gegen dieselben zu mildern. Aber er betheuerte noch ein Mal, daß dies der einzige Verrath sei, der auf seiner Seele laste.

Der gebrechliche Greis schien neue Kraft in der Voraussicht des nahen Todes gesammelt zu haben. Das Gefühl des Unrechts, welches er erlitt, erhob seine Seele und seinen Körper. Auf dem Wege zur Hinrichtung bat er um einen Mantel, denn es war kalte Witterung: »Vielleicht werde ich aus Frost zittern; aber, ich hoffe zu Gott, nicht aus Furcht.« Noch ein Mal wiederholte er auf dem Schaffot feierlich und ernst, daß er unschuldig sei. Er wiederholte sogar in Kürze die Gründe, weshalb das Urtheil ungerecht sei; aber selbst der Zeugen, die ihn durch ihre falschen Schwüre ums Leben gebracht, erwähnte er mit christlicher Milde. Er leugnete im Angesicht Gottes die unmoralischen Principien ab, welche zu übereifrige Protestanten der römischen Kirche, und ganz ohne Unterschied, zugeschrieben hätten. Er hoffe auch, die Zeit sei nahe, wo der Irrwahn, der jetzt fein unglückliches Volk beherrsche, verschwinden werde, wo die Gewalt der Wahrheit siegen, und auch seinem Andenken, wenn gleich spät erst, die Ehrenrettung vor aller Welt nicht entstehen werde.

Zum ersten Male sah man Thränen bei der Hinrichtung eines papistischen Verschwörers vergießen. Während der Untersuchung hatte das Volk noch gemurrt und gedroht, wenn Stafford den Mund aufthat, und seinem Todesurtheil hatte es zugejauchzt. Aber die edle Festigkeit des Greises, die sich in jedem Zuge, jeder Bewegung, auch im Ton seiner Stimme, kund gab, hatte die Herzen erweicht. Die tiefe Stille wurde nur bisweilen durch Seufzer und ein heftiges Aufschluchzen unterbrochen. Aber auch in Worten brach die Theilnahme aus. Sie unterbrachen ihn bei den Betheuerungen seiner Unschuld: »Wir glauben Ihnen, Mylord!« –»Gott segne Sie, Mylord!« Selbst der Scharfrichter war gerührt. Zweimal hob er das Beil auf, aber eben so oft schien ihn der Muth zu verlassen. Als er es zum dritten Male schwang, war es allen Zuschauern, als fühlten sie selbst den Schlag im Nacken. Der Henker hielt den blutenden Kopf herkömmlich in die Höhe und sprach: »Dies ist der Kopf eines Verräthers!« Keine Stimme antwortete ihm, kein zustimmendes Jauchzen in der großen, versammelten Menge; man ging schweigend, in sich gekehrt, misgestimmt auseinander.

Das Beil, welches Staffords Haupt vom Rumpfe trennte, schlug auch, darf man behaupten, dem Ungeheuer des papistischen Complots den Kopf ab. Zwar lebte es noch eine Weile fort, aber es war nur ein Scheinleben. Die Parlamente, die noch gewählt und wieder aufgelöst wurden, überboten sich in rasender Heftigkeit, in ungestümen Foderungen, aber eben in dieser blinden, athemlosen Heftigkeit verriethen die Gemeinen ihre Schwäche, den hohlen Grund, auf dem sie standen; Foderungen, welche das Königthum selbst in Gefahr brachten, und darunter immer wieder die: das Complot mit mehr Eifer zu verfolgen. Der König gab unverändert die Versicherung, daß es an ihm nicht fehlen solle, das schändliche Complot zu entdecken, wenn das Parlament ihn nur gehörig unterstütze, daß es auch an ihm nicht fehlen solle, den Protestantismus im Reiche zu erhalten und zu schützen, wenn das Parlament nur die Maßregeln annehmen wolle, die er deshalb vorschlage. So weit ging der schlaue König in seiner Nachgiebigkeit und Verstellung, daß er seinen Bruder nicht allein aller königlichen Macht, wie beim frühern Vorschlage, berauben lassen, sondern ihn auch auf 500 Meilen vom Reiche verbannen und die Regierung von einem Regenten führen lassen wollte, dergestalt, daß Jacob nichts als den Titel eines Königs behalte. Aber auch darauf ging das Unterhaus nicht ein, es wollte seinen Willen, und auf seine Weise ausgeführt. Karl erreichte auf seinem Wege, was er wollte. Das Parlament schlug sich selbst durch seine Uebertreibung. Immer wieder appellirte er an das Volk, aber die Wähler, in denen die Opposition mächtig war, sandten immer wieder dieselben Mitglieder ins Haus, und dieselben Anträge wurden mit neuem Ungestüm vorgebracht. Er verlegte das Parlament von London nach Oxford. Aber hier waren die Parteien bewaffnet mit reisigen Anhängern erschienen, und es ging in dieser gesetzgebenden Versammlung nicht viel anders als auf einem polnischen Reichstage zu. Der König mußte es entlassen, und die Nation konnte ihn darum nicht tadeln.

Noch einmal war dazwischen ein neuer Zeuge für das Complot aufgetaucht, ein irländischer Edelmann und Katholik, Fitz-Harris. Was Oates und Bedloe noch gar nicht, was Dugdale und Dangerfield nach ihnen nur scheu anzudeuten gewagt, daß der Herzog von Vork in der papistischen Verschwörung mitbegriffen gewesen, brachte Fitz-Harris ans Licht. Auch die Königin klagte er an, daß sie mit den Katholiken verbunden gewesen, ihren Gemahl zu ermorden. Der Herzog von Modena hatte ihm 10,000 Pf. St. zu dem Behuf durch seinen Gesandten angeboten. Als Fitz-Harris sich geweigert, hatte dieser Diplomat ihm auf der Stelle vertraut: wenn er es nicht wolle, werde es die Herzogin von Mazarin besorgen, welche im Vergiften eben so geschickt und erfahren sei, als ihre Schwester, die Gräfin von Soissons. Mit einer kleinen Phiole lasse sich das abthun. Dann werde die englische Armee aus Flandern zurückkehren und alle Protestanten niedermetzeln, mit Vorwissen des Herzogs von York, welcher auch bei der Ermordung des Sir Edmundbury Godfroy mitthätig gewesen, und dergleichen.

Zu seiner Zeit wäre das alberne Märchen von Wirkung gewesen, aber diese Zeit war schon vorüber. Man entdeckte bald, daß Fitz-Harris, ein Intriguant und Projectenmacher, nach beiden Seiten hin speculirt hatte. Dem Hofe hatte er eine Verschwörung der Presbyterianer verkaufen wollen; als dies ihm nicht gelungen, oder er es für vortheilhafter gefunden, sich der Volkspartei anzuschließen, frischte er für dieselbe mit einem neuen Ueberguß den alten abgebrühten Teig auf. Auch waren ihre Führer so gierig, danach zuzugreifen, ein Zeichen des Gefühls ihrer Schwache. Der Hof wußte ihn aber zu ergreifen, als er grade ein aufrührerisches Libell empfangen, welches er früher in der Absicht schreiben lassen, um es der Regierung als ein Machwerk ihrer Feinde zu denunciren; sie stellte ihn vor die Jury und ließ ihn hängen. Am Galgen blieb er bei seiner ersten Aussage, die Papisten wären unschuldig, auch der Herzog von York und die Königin, aber einige Leiter der Opposition hätten ihn zu jener Angabe verführt.

Vor Gericht war weder diese noch jene Aussage eines notorisch verächtlichen Menschen, der sich jeder Partei verkauft hatte, von Bedeutung. Aber die Royalisten zogen daraus ihren Gewinn, was man ihnen nach dem vorangegangenen Beispiel der Liberalen kaum verargen kann. Das Volk war enttäuscht, oder doch abgemattet; der König hatte eine starke Partei gewonnen, vermehrt durch alle Diejenigen, welche, seiner Sache gewiß, sich bis da zurückgezogen hatten, weil sie seiner Schwäche und seinem Wankelmuth nicht trauten. Er hatte sich entschieden, in Momenten sogar stark gezeigt. Die ganze hochkirchliche Partei war auf seiner Seite, denn ihr drohte der immer mächtiger werdende Presbyterianismus. Sie setzte ihren ganzen Emfluß jetzt ein, für die Krone zu wirken, und bald wurde der König von Adressen der Loyalität überströmt, die in einer Sprache abgefaßt waren, als habe das englische Volk kein anderes Sinnen und Trachten, als sich und seine Freiheiten einem absoluten Könige vor die Füße zu legen. Welche Folgen dieser Uebergang von einem Extrem zum andern hatte, und wie die Sieger ihren Sieg benutzten, dies gehört zur Geschichte eines andern politischen Criminalprocesses, welchen wir auf diesen folgen lassen. Die nächste Wirkung aber war das Absterben des Phantoms, genannt papistisches Complot.

Ob es nichts weiter als ein Phantom gewesen, ob gar keine Wahrheit dahinter verborgen war, ist nie ermittelt worden. Nachdem die Nation ihren Irrthum, ihren Wahnsinn inne geworden, traten wol einzelne Schriftsteller auf, welche zur Ehre Englands und der Vernunft einen Kern der Sache als wirklich zu behaupten geneigt waren; aber sie sind die Beweise dafür schuldig geblieben. Der allgemeine Kern eristirt noch heute. Wir lesen ihn noch eben in der Erklärung des züricher Volkes gegen die Jesuiten; es ist die ewige Aufgabe ihres Ordens und die ewige Furcht der protestantischen Welt vor ihren Umtrieben und Uebergriffen. Aber es ist auch ein negativer Beweis dafür da, daß Oates Aussage eine reine Fabel war. Bei der allgemeinen fieberhaften Furcht und Wachsamkeit der Engländer, nachdem das Complot angegeben war, wo jeder Protestant eine Art von Hellseherei bekam, wenn es die Witterung von Jesuitenspuk galt, ward gar nichts weiter entdeckt, nicht Waffen, Pechkränze, Gift, verdächtige Versammlungen, Signale; keine Scripturen; kurz der ganze Thatbestand des Verbrechens beschränkte sich auf die Aussage der Zeugen und Denuncianten, über deren Verworfenheit kein Wort mehr zu verlieren nöthig ist. Wo waren nun alle diese ausgespeicherten Vorräthe geblieben? Hatte die Erde sie verschlungen? Hatte man sie verbrannt, vergraben? Alles das hätte die Aufmerksamkeit erregt. Wären wirklich unter den Jesuiten und katholischen Machthaber zu dem bewußten Zwecke so ausgedehnte Vorbereitungen abgeschlossen worden, so liegt es in der Natur der Dinge, in der Erfahrung von zwei Jahrtausenden, daß unter Hunderten, Tausenden, ja Hunderttausenden mehr als ein unwillkürlicher Verräther oder Ausplauderer aufsteht. Aber außer Oates und Consorten erschien Niemand als Zeuge; kein Ehrenmann, mit dem besten Willen zu zeugen, hatte etwas bemerkt, was er bezeugen konnte. Jene Schufte wollten im Vertrauen der Verschworenen gehandelt, sie wollten die wichtigsten Documente in Händen gehabt haben, als sie schon damit umgingen, als Verräther davonzulaufen, und doch hatten sie nicht ein Stück Papier, nicht eine einzige Unterschrift, nicht einmal einen Pechkranz oder eine Feuerkugel mitgebracht. Nur ihre Lungen, ihre unbegreifliche Armuth unter solchen Umständen und ihre Unverschämtheit. Endlich so sind seit der Revolution die Archive der Staaten und ihrer alten verschlossenen Weisheit kein Geheimniß mehr. Die Historiker haben sie ans Tageslicht gebracht; die Memoiren, die Briefschaften aller namhaften Personen jener Zeit sind durchstöbert, gedruckt, und nirgends hat sich auch nur eine Spur eines solchen teuflischen Complots gefunden, wie Titus Oates es angab.

So war es ein Märchen, ein scheußliches Märchen, ein Moloch, dem so viele Unschuldige geopfert wurden; keine Erscheinung freilich, die allein in der Geschichte dasteht, denn der Wahn hat zu allen Zeiten seine Blutopfer gefodert und noch in diesem Theile werden wir aus der andern Welt ein Beispiel erzählen, aber in seiner Art ist doch das Märchen vom papistischen Complot ein ganz eigenes, für sich abgeschlossenes, zu dem wir vergebens nach einem Gegenstück uns umsehen. Die Nemesis folgte nach. Aber in diesem blutigen Sumpfe von Verrücktheit, Niederträchtigkeit und Verwirrung der edelsten patriotischen Gefühle ward das Gebäude der englischen Verfassung und Freiheit gegründet, ohne davon befleckt zu werden. Es bedurfte eines so tief durchwühlten Bodens, um so tiefe Fundamente zu legen, und wir dürfen, wenn auch mit Schaudern, sagen, das Phantom hat nicht umsonst gelebt, gewüthet und Blut getrunken.

 

 

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