Das Jahr der Revolution.

Eines Morgens gegen Ende Februar 1848 – wenn ich mich recht erinnere, war es ein Sonntagmorgen – saß ich ruhig in meinem Dachzimmer, am Ulrich von Hutten arbeitend, als plötzlich einer meiner Freunde fast atemlos zu mir hereinstürzte und rief: „Da sitzest Du! Weißt Du es denn noch nicht?“

„Nun, was denn?“

„Die Franzosen haben den Louis Philipp fortgejagt und die Republik proklamiert!“

Ich warf die Feder hin – und der Ulrich von Hutten ist seitdem nie wieder berührt worden. Wir sprangen die Treppe hinunter, auf die Straße. Wohin nun? Nach dem Marktplatz. Dort pflegten die Mitglieder der Korps und der Burschenschaften jeden Tag unmittelbar nach dem Mittagessen zusammenzukommen, jede Gesellschaft an ihrer bestimmten Stelle, um zu verabreden, was des Nachmittags etwa unternommen werden solle. Aber es war nun erst Vormittag, die regelmäßige Versammlungsstunde noch nicht gekommen. Nichtsdestoweniger wimmelte der Markt von Studenten, alle, wie es schien, von demselben Instinkt getrieben. Sie standen in Gruppen zusammen und sprachen eifrig; kein Geschrei, nur aufgeregtes Gerede. Was wollte man? Das wußte wohl niemand? Aber da nun die Franzosen den Louis Philipp fortgejagt und die Republik proklamiert hatten, so mußte doch auch gewiß hier etwas geschehen. Einige Studenten hatten ihre „Schläger“, wohl die harmloseste aller Waffen, mit sich auf den Markt gebracht, als hätte es augenblicklich gegolten, anzugreifen oder sich zu verteidigen. Man war von einem vagen Gefühl beherrscht, als habe ein großer Ausbruch elementarer Kräfte begonnen, als sei ein Erdbeben im Gange, von dem man soeben den ersten Stoß gespürt habe, und man fühlte das instinktive Bedürfnis, sich mit andern zusammenzuscharen. So wanderten wir in zahlreichen Banden umher – auf die Kneipe, wo wir es jedoch nicht lange aushalten konnten – zu andern Vergnügungsorten, wo wir uns mit wildfremden Menschen ins Gespräch einließen und auch bei ihnen dieselbe Stimmung des verworrenen, erwartungsvollen Erstaunens fanden; dann auf den Markt zurück, um zu sehen, was es da geben möge; dann wieder anderswohin, und so weiter, ziellos und endlos, bis man endlich tief in der Nacht, von Müdigkeit übermannt, den Weg nach Hause fand.

Am nächsten Tage sollte man zu den gewöhnlichen Vorlesungen gehen. Man versuchte es auch mit der einen oder andern. Aber was wollte das nützen? Die eintönig dröhnende Stimme des Professors klang wie aus einer weiten Entfernung herüber. Was er sagte, schien uns nichts anzugehen. Die Feder, die nachschreiben sollte, lag still. Endlich schlug man seufzend das Heft zu mit dem Gefühl, daß man jetzt Wichtigeres zu tun, sich dem Vaterland zu weihen habe. Und das tat man, indem man möglichst schnell wieder die Gesellschaft der Freunde aufsuchte, um das was geschehen war und was kommen müßte, weiter zu besprechen. In diesen Gesprächen arbeiteten sich nun bald auch die Schlagworte durch, die den allgemeinen Drang des Volksgeistes ausdrückten. Jetzt sei der Tag gekommen, die „deutsche Einheit“ zu gewinnen und ein großes, mächtiges „deutsches Nationalreich“ zu gründen. In erster Linie die Berufung eines Nationalparlaments. Dann kam die Forderung der bürgerlichen Rechte und Freiheiten, freie Rede, freie Presse, freies Versammlungsrecht, Freizügigkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, freigewählte Volksvertretung mit gesetzgebender Gewalt, Minister-Verantwortlichkeit, Selbstverwaltung der Gemeinden, Bewaffnung des Volkes, Bürgerwehr mit selbstgewählten Offizieren usw. – kurz das, was man ein „konstitutionelles Regierungswesen auf breiter demokratischer Grundlage“ nannte. Republikanische Ideen wurden zuerst nur spärlich laut. Man schwärmte vielmehr für das deutsche Kaisertum mit all seinem Nimbus von Kyffhäuserpoesie. Aber das Wort Demokratie war bald vielen Zungen geläufig, und ebenso hielten viele es für selbstverständlich, daß, wenn die Fürsten versuchen sollten, dem Volke die geforderten Rechte und Freiheiten vorzuenthalten, Gewalt an die Stelle der Petition treten müsse. Freilich sollte die politische Regeneration des Vaterlandes zuerst auf friedlichem Wege erstrebt werden.

Wenige Tage nach dem Ausbruch dieser Bewegung wurde ich neunzehn Jahre alt. Ich erinnere mich, von dem, was vorging, so gänzlich erfüllt gewesen zu sein, daß ich meine Gedanken kaum etwas anderem zuwenden konnte. Ich war wie manche meiner Freunde von dem Gefühl beherrscht, daß endlich die große Gelegenheit gekommen sei, dem deutschen Volke seine Freiheit und dem deutschen Vaterlande seine Einheit und Größe wieder zu gewinnen, und daß es nun die erste Pflicht eines jeden Deutschen sei, alles zu tun und alles zu opfern für diesen heiligen Zweck. Es war uns tiefer, feierlicher Ernst darum.

Der erste Dienst, den die neue Zeit uns auferlegte, hätte kaum lustiger sein können. Kurz nachdem die Nachricht von den revolutionären Ereignissen in Frankreich gekommen war, fing der Bürgermeister der Stadt Bonn an, zu fürchten, daß die öffentliche Sicherheit gefährdet sei. Freilich fielen trotz der allgemeinen Aufregung keine Ruhestörungen vor, aber der Bürgermeister, von allerlei Ängsten geplagt, bestand darauf, daß eine Bürgerwehr organisiert werden müsse, um des Nachts die Stadt und die nächste Umgegend abzupatrouillieren. Dieser Bürgerwehr beizutreten, wurden auch die Studenten aufgefordert, und da die Bürgerwehr auch auf unserem Programm stand, so leisteten wir dieser Aufforderung bereitwillig Folge. Ich meldete mich sogleich mit mehreren meiner Freunde; Studenten aus andern Kreisen taten dasselbe, und zwar in solcher Zahl, daß bald die Bürgerwacht großenteils aus Studenten bestand. Unsere Aufgabe war, Ruhestörer und verdächtige Individuen aufzugreifen und auf der Wache abzuliefern, Zusammenrottungen bösartiger Natur zum Auseinandergehen zu veranlassen, das Eigentum zu beschützen und überhaupt über die öffentliche Sicherheit zu wachen. Da nun in der Tat die öffentliche Sicherheit in keiner Weise bedroht war und das Patrouillieren in Stadt und Umgebung keinen ernsten Zweck hatte, so fanden die Studenten natürlich in der ganzen Sache eine Gelegenheit zu harmloser Belustigung. Mit „Schlägern“ bewaffnet, deren eiserne Scheiden man nach Kräften auf dem Pflaster rasseln ließ, zog man durch die Straßen. Jeder einzelne Bürger, den man in später Nacht draußen antraf, wurde in pomphaften Redensarten aufgefordert, auseinander zu gehen und sich nach seinen respektiven Wohnungen zu verfügen, oder, wenn ihm das besser gefiele, uns auf die Wachtstube zu begleiten und ein Glas mit uns zu trinken. Stießen wir einmal mit einer aus Bürgern bestehenden Patrouille zusammen, so wurde dieselbe unfehlbar als eine bösartige Zusammenrottung festgenommen und zur Wachstube gebracht, worauf dann ein fröhliches Verbrüderungsfest folgte. Und da die guten Bürgersleute auch den Humor der Situation leicht einsahen, so ließen sie sich den Spaß gern gefallen. Ein Hoch auf das „neue deutsche Reich“ und die „Konstitution auf breiter demokratischer Grundlage“ zu trinken, waren sie ebenso bereit wie wir.

Während dies lustig genug aussah, gestalteten sich sonst die Dinge sehr ernsthaft – so ernsthaft, wie es im Grunde des Herzens auch uns zumute war. Von allen Seiten kamen aufregende Nachrichten. In Köln herrschte drohende Gärung. In den Wirtshäusern und auf den Straßen erklang die Marseillaise, die damals noch in ganz Europa als die allgemeine Freiheitshymne galt. Auf dem Domhof und dem Altenmarkt wurden große Versammlungen gehalten, um die Forderungen des Volkes zu beraten. Eine zahlreiche Deputation mit dem ehemaligen Artillerieleutnant August von Willich an der Spitze drang in den Saal des Stadtrats, von diesem verlangend, daß die Munizipalbehörde die in der Versammlung formulierten Forderungen des Volkes als ihre eigenen an den König befördere. Der Generalmarsch wurde geschlagen, das Militär schritt gegen die Volkshaufen ein, und Willich sowie ein anderer früherer Artillerieleutnant, Fritz Anneke, wurden verhaftet. Darauf immer größere Aufregung. Die rheinischen Mitglieder des Vereinigten Landtages beschworen den Oberpräsidenten der Provinz, dem König die sofortige Bewilligung der Forderungen des Volkes als das einzige Rettungsmittel vor blutigen Konflikten vorzustellen. In Koblenz, Düsseldorf, Aachen, Krefeld, Kleve und anderen rheinischen Städten fanden ähnliche Demonstrationen statt. In Süddeutschland – Baden, Rheinhessen, Nassau, Württemberg, Bayern – flammte der Geist der neuen Zeit wie ein Lauffeuer auf. In Baden bewilligte der Großherzog schon Anfang März alles Verlangte. In Württemberg, Nassau und Hessen-Darmstadt erlangte man dieselben Zusicherungen fast ebenso schnell. In Bayern, wo schon vor der französischen Februarrevolution die berüchtigte Lola Montez dem Zorn des Volkes hatte weichen müssen, folgte nun ein Auflauf dem andern, um den König Ludwig zu liberalen Zugeständnissen zu treiben. Der Kurfürst von Hessen-Kassel gab nach, als das Volk sich bewaffnet hatte und zur Empörung sich bereit zeigte. Die Gießener Studenten sagten bereitwillig den aufständischen Hessen ihre Hülfe zu. In Sachsen erzwang die trotzige Haltung der Bürgerschaft von Leipzig unter Robert Blums Führung das Nachgeben des Königs. Von Wien kam große Kunde. Die Studenten der Universität waren es dort, die den Kaiser von Österreich zuerst mit freiheitlichen Forderungen bestürmten. Blut floß, und der Sturz Metternichs war die Folge. Die Studenten organisierten sich als die bewaffnete Garde der Volksrechte. In den großen Städten Preußens war eine gewaltige Regung. Nicht allein Köln, Koblenz und Trier, sondern auch Breslau, Königsberg und Frankfurt a. O. sandten Deputationen nach Berlin, um den König zu bestürmen. In der preußischen Hauptstadt wogte das Volk auf den Straßen, und man sah entscheidungsvollen Ereignissen entgegen.

Während all diese Nachrichten wie ein gewaltiger von allen Seiten zugleich brausender Sturm auf uns hereinbrachen, war man in der kleinen Universitätsstadt Bonn auch eifrig damit beschäftigt, Adressen an den König abzufassen, sie zahlreich zu unterzeichnen und nach Berlin zu schicken. Am 18. März hatten auch wir unsere Massendemonstration. Eine große Volksmenge sammelte sich zu einem feierlichen Zuge durch die Straßen der Stadt. Die angesehensten Bürger, nicht wenige Professoren, eine Menge Studenten und eine große Zahl von Handwerkern und anderen Arbeitern marschierten in Reih und Glied. An der Spitze des Zuges trug Kinkel eine schwarz-rot-goldene Fahne. Auf dem Marktplatz angekommen, bestieg er die Freitreppe des Rathauses und sprach zu der versammelten Menge. Er sprach mit wunderbarer Beredsamkeit in den vollsten Orgeltönen seiner Stimme von der wiedererstehenden deutschen Einheit und Größe und von der Freiheit und den Rechten des deutschen Volkes, die von den Fürsten bewilligt oder vom Volke erkämpft werden müßten. Und als er zuletzt die scharz-rot-goldene Fahne schwang und der freien deutschen Nation eine herrliche Zukunft voraussagte, da brach eine Begeisterung aus, die keine Grenzen kannte. Man klatschte in die Hände, man schrie, man umarmte sich, man weinte. Im Nu war die Stadt mit schwarz-rot-goldenen Fahnen bedeckt, und nicht nur die Burschenschaften, sondern fast jedermann trug bald die schwarz-rot-goldene Kokarde an Mütze oder Hut.

Während wir an jenem 18. März durch die Straßen marschierten, flogen plötzlich unheimliche Gerüchte von Mund zu Mund. Es war berichtet worden, daß der König von Preußen nach langem Zaudern sich entschlossen habe, gleich den anderen deutschen Fürsten, die von allen Seiten auf ihn einstürmenden Forderungen des Volkes zu bewilligen. Nun aber flüsterte man sich zu, das Militär habe plötzlich aufs Volk geschossen und es wüte ein blutiger Kampf in den Straßen von Berlin. Dies stellte sich später insofern als begründet heraus, als der Kampf in Berlin wirklich stattfand; aber sonderbarerweise war das Gerücht zu uns an den Rhein gekommen, ehe in Berlin der Kampf begonnen hatte.

Auf den Rausch des Enthusiasmus folgte nun eine kurze Zeit banger Erwartung. Man fühlte, daß ein Konflikt zwischen Volk und Heer große Entscheidungen bringen müsse. Endlich kam die volle Kunde von den Ereignissen in der Hauptstadt. Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., hatte die Petitionen, die auf ihn einströmten zuerst mit verdrießlichem Schweigen empfangen. Er hatte seinen unumstößlichen Entschluß, niemals eine konstitutionelle Beschränkung seiner Königsgewalt zuzulassen, noch vor kurzem so ausdrücklich, ja so herausfordernd, kundgegeben, daß der Gedanke, einer drängenden Volkslaune Zugeständnisse zu machen, die seiner Meinung nach nur der Ausfluß eines durchaus freien Königswillens sein sollten, ihm schier unfaßlich war. Aber von Tag zu Tag gestaltete sich die Lage drohender. Nicht nur wuchs das Ungestüm der Forderungen, die von Deputationen aus allen Teilen des Landes dem König überbracht wurden, sondern man begann auch in Berlin, „unter den Zelten“, Volksversammlungen zu halten, denen viele Tausende zuströmten, um die Stichworte der liberalen Richtung, von feurigen Rednern ausgesprochen, mit brausendem Beifall zu begrüßen. Auch die Berliner Stadtverordneten, von der steigenden Strömung ergriffen, nahten dem Thron mit einer Adresse, die der König, wie es hieß, „gnädig“ aufnahm; aber seine Antwort war immer noch zu ausweichend und unbestimmt, als daß sie die Bittsteller hätte beruhigen können. Mittlerweile gab es blutige Zusammenstöße zwischen dem Volk, das in Massen auf den Straßen und öffentlichen Plätzen wogte, und dem Militär, das zur Verstärkung der Polizeimacht herangezogen war. Ein Kaufmann und ein Student wurden in einem solchen Getümmel von Soldaten getötet, und mehrere Personen, darunter einige Frauen, verwundet. Die durch diese Vorfälle erregte bittere Stimmung wurde einigermaßen beschwichtigt durch das Gerücht, daß sich der König endlich zu wichtigen Zugeständnissen entschlossen habe, die am 18. März öffentlich verkündigt werden sollten. Er hatte sich in der Tat zu einem Erlaß verstanden, durch den die Preßzensur als abgeschafft erklärt und die Aussicht auf weitere liberale Reformen und auf eine der nationalen Einheit günstige Regierungspolitik eröffnet werden sollte.

Am Nachmittage des verhängnisvollen 18. März versammelte sich eine ungeheure Volksmasse auf dem freien Platz vor dem königlichen Schloß, um die glückliche Verkündigung zu hören. Der König erschien auf dem Balkon und wurde mit begeisterten Zurufen begrüßt. Er versuchte zur Menge zu sprechen, konnte aber nicht gehört werden. Doch da man allgemein glaubte, daß alle Forderungen des Volks bewilligt seien, so war man bereit zu einem Jubelfest. Da erhob sich ein Ruf, die Entfernung der Truppen fordernd, die um das Schloß her aufgestellt waren und den König von seinem Volk zu trennen schienen. Offenbar erwarteten die Versammelten, daß auch dieses Verlangen gewährt werden würde, denn mit großer Anstrengung wurde ein Durchgang für die Truppen durch die dichtgedrängte Menge eröffnet. Da erscholl ein Trommelwirbel, der jedoch zuerst für ein Signal zum Abzug der Truppen gehalten wurde. Aber, statt abzuziehen, drangen nun Linien von Kavallerie und Infanterie auf die Menge ein, offenbar zu dem Zweck, den Platz vor dem Schlosse zu säubern. Dann krachten zwei Schüsse von der Infanterie her, und nun wechselte die Szene plötzlich und furchtbar wie mit Zauberschlag.

Mit dem wilden Schrei: „Verrat! Verrat!“ stob die Volksmasse, die noch einen Augenblick vorher dem König zugejubelt hatte, auseinander, sich in die nächsten Straßen stürzend, und allenthalben erscholl der zornige Ruf: „Zu den Waffen! Zu den Waffen!“ Bald waren in allen Richtungen die Straßen mit Barrikaden gesperrt. Die Pflastersteine schienen von selbst aus dem Boden zu springen und sich zu Brustwehren aufzubauen, auf denen dann schwarz-rot-goldene Fahnen flatterten – und hinter ihnen Bürger aus allen Klassen, Studenten, Kaufleute, Künstler, Arbeiter, Doktoren, Advokaten – hastig bewaffnet mit dem, was eben zur Hand war – Kugelbüchsen, Jagdflinten, Pistolen, Spießen, Säbeln, Äxten, Hämmern usw. Es war ein Aufstand ohne Vorbereitung, ohne Plan, ohne System. Jeder schien nur dem allgemeinen Instinkt zu folgen. Dann wurden die Truppen zum Angriff befohlen. Wenn sie nach heißem Kampf eine Barrikade genommen hatten, so starrte ihnen eine andere entgegen – und wieder eine und noch eine. Und hinter den Barrikaden waren die Frauen geschäftig, den Verwundeten beizustehen und die Kämpfenden mit Speise und Trank zu stärken, während kleine Knaben eifrig dabei waren, Kugeln zu gießen oder Gewehre zu laden. Die ganze schreckliche Nacht hindurch donnerten die Kanonen und knatterte das Gewehrfeuer in den Straßen der Stadt.

Der König schien zuerst entschlossen zu sein, den Aufstand um jeden Preis niederzuschlagen. Aber als die Straßenschlacht nicht enden wollte, kam ihm ihre furchtbare Bedeutung peinlich zum Bewußtsein. Mit jedem einlaufenden Bericht stieg seine qualvolle Aufregung. In einem Augenblick gab er Befehl, den Kampf abzubrechen, im nächsten ihn fortzusetzen. Endlich kurz nach Mitternacht schrieb er mit eigener Hand eine Proklamation „An meine lieben Berliner“. Er sagte darin, daß das Abfeuern der beiden Schüsse, das die Aufregung hervorgerufen habe, ein bloßer Zufall gewesen sei, daß aber „eine Rotte von Bösewichtern, meist aus Fremden bestehend“, durch trügerische Entstellung dieses Vorfalles gute Bürger getäuscht und zu diesem entsetzlichen Kampf verführt hätte. Dann versprach er, die Truppen zurückzuziehen, sobald die Aufständischen die Barrikaden fortgeräumt haben würden, und schloß mit diesen Sätzen: „Hört die väterliche Stimme Eures Königs, Bewohner Meines treuen und schönen Berlins, und vergeßt das Geschehene, wie Ich es vergessen will und werde in Meinem Herzen, um der großen Zukunft willen, die unter dem Friedenssegen Gottes für Preußen, und durch Preußen für Deutschland anbrechen wird. Eure liebreiche Königin und wahrhaft treue Mutter und Freundin, die sehr leidend darniederliegt, vereint ihre innigen tränenreichen Bitten mit den Meinen. Friedrich Wilhelm.“ Aber die Proklamation verfehlte ihren Zweck. Sie war von Kanonendonner und Musketenfeuer begleitet, und die kämpfenden Bürger nahmen es übel, vom Könige eine „Rotte von Bösewichtern oder deren leichtgläubige Opfer“ genannt zu werden.

Endlich am Nachmittage von Sonntag den 19. März, als General Möllendorf von den Aufständischen gefangen genommen worden, wurde der Rückzug der Truppen angeordnet. Es wurde Friede gemacht mit dem Verständnis, daß die Armee Berlin verlassen, und daß Preußen Preßfreiheit und eine Konstitution haben solle auf breiter demokratischer Grundlage. Nachdem das Militär aus Berlin abmarschiert war, geschah etwas, das an wuchtigem dramatischem Interesse wohl niemals in der Geschichte der Revolution übertroffen worden ist. Stille, feierliche Züge von Männern, Frauen und Kindern bewegten sich dem königlichen Schlosse zu. Die Männer trugen auf ihren Schultern Bahren mit den Leichen der in der Straßenschlacht getöteten Volkskämpfer – die verzerrten Züge und die klaffenden Wunden der Gefallenen unbedeckt, aber mit Lorbeer, Immortellen und Blumen umkränzt. So marschierten diese Züge langsam und schweigend in den inneren Schloßhof, wo man die Bahren in Reihen stellte – eine grausige Leichenparade – und dazwischen die Männer, teils noch mit zerrissenen Kleidern und pulvergeschwärzten und blutbefleckten Gesichtern, und in den Händen die Waffen, mit denen sie auf den Barrikaden gekämpft; und bei ihnen Weiber und Kinder, die ihre Toten beweinten. Auf den dumpfen Ruf der Menge erschien Friedrich Wilhelm IV. in einer oberen Gallerie, blaß und verstört, an seiner Seite die weinende Königin. „Hut ab!“ hieß es, und der König entblößte sein Haupt vor den Leichen da unten. Da erklang aus der Volksmasse heraus eine tiefe Stimme und begann den Choral: „Jesus meine Zuversicht“, und alles stimmte ein in den Gesang. Als er beendigt war, trat der König mit der Königin still zurück, und die Leichenträger mit ihrem Gefolge schritten in grimmer Feierlichkeit langsam davon.

Dies war in der Tat für den König eine furchtbare Strafe; aber zugleich eine schlagende Antwort auf den Satz in seiner Proklamation an die „lieben Berliner“, in dem er die Volkskämpfer „eine Rotte von Bösewichtern“ oder deren verführte Opfer genannt hatte. Wären wirklich solche „Bösewichter“ oder „Anarchisten“ in der jetzigen Bedeutung des Wortes, in jener Menge gewesen, so würde Friedrich Wilhelm IV. schwerlich die schreckliche Stunde überlebt haben, als er allein und schutzlos dastand, und vor ihm die Volkskämpfer frisch vom Schlachtfelde, mit dem vom Anblick ihrer Toten geweckten Groll im Herzen, und mit Waffen in ihren Händen. Aber ihr Ruf in jenem Augenblick war nicht: „Tod dem Könige!“ sondern „Jesus meine Zuversicht“.

Auch ist die Geschichte jener Tage von keinem Fall gemeinen Verbrechens seitens des Volkes befleckt worden. Freilich wurden zwei Privathäuser verwüstet, aber nur weil ihre Eigentümer die Barrikadenkämpfer während des Kampfes an die Soldaten verraten hatten. Während die Aufständischen die ganze Nacht hindurch im vollen Besitz eines großen Teils der Stadt waren, gab es doch keine begründete Klage wegen Diebstahls oder mutwilliger Zerstörung. Das Privateigentum war vollkommen sicher. Der Kanonendonner hatte kaum aufgehört, als sich die Läden wieder öffneten.

Der Prinz von Preußen, derselbe Prinz von Preußen, der später im Laufe der Ereignisse als Kaiser Wilhelm I. der populärste Monarch seiner Zeit wurde, mußte unmittelbar nach dem Straßenkampf vor dem Zorn des Volkes fliehen. Ob mit Recht oder Unrecht, das Gerücht bezeichnete ihn als den Mann, der den Truppen den Befehl gegeben habe, auf das Volk zu feuern. Er verließ Berlin während der Nacht und eilte nach England. Ein aufgeregter Haufe sammelte sich vor seinem Palais „Unter den Linden“. Das Gebäude hatte keinerlei Wache zu seinem Schutz. Ein Student, wie erzählt wird, malte das Wort „Nationaleigentum“ auf die Front des Hauses, und eine weitere Bewachung war nicht vonnöten.

Aus dem Zeughause wurden Waffen unter das Volk verteilt. Der König erklärte, er habe sich überzeugt, daß der Friede und die Sicherheit der Stadt nicht besser beschützt werden könnten als durch die Bürger selbst. Am 21. März erschien Friedrich Wilhelm IV. wieder unter dem Volke, zu Pferde, mit einer schwarz-rot-goldenen Binde um den Arm und einer schwarz-rot-goldenen Fahne folgend, die man auf sein Verlangen vor ihm hertrug, während ein gewaltiges schwarz-rot-goldenes Banner im selben Augenblick auf der Kuppel des Königsschlosses erschien. Er sprach mit freier Ungebundenheit zu den Bürgern. Er erklärte, „er wolle sich an die Spitze der Bewegung für ein einiges Deutschland stellen“; „Preußen solle in dem freien Deutschland aufgehn“. Er beteuerte, „daß er nichts im Auge habe als ein konstitutionelles und geeinigtes Deutschland“. An der Universität wendete er sich zu den versammelten Studenten und sagte: „Ich danke Ihnen für den glorreichen Geist, den Sie in diesen Tagen bewiesen haben. Ich bin stolz darauf, daß Deutschland solche Söhne besitzt“. Es war allgemein verstanden, daß eine neues und verantwortliches Ministerium gebildet worden sei, bestehend aus Mitgliedern der liberalen Opposition; daß eine preußische Nationalversammlung berufen werden sollte, eine frei gewählte, um dem Königreich Preußen eine Verfassung zu geben, und daß von dem Volke aller deutschen Staaten ein deutsches Nationalparlament gewählt werden und sich in Frankfurt versammeln sollte, um das ganze Deutschland unter einer konstitutionellen Nationalregierung zu vereinigen. Das Volk von Berlin war außer sich vor Freude. Nur eine Stimme des Mißtrauens wurde laut, die eines unbekannten Mannes, der, nachdem der König gesprochen, aus der Menge hervor ausrief: „Glaubt ihm nicht, Brüder! Er lügt! Er hat immer gelogen!“ Einige Bürgerwehrleute schützten den unglücklichen Rufer vor dem Zorn der Umstehenden und brachten ihn rasch zu der nächsten Polizeiwache, wo er bald als ein Verrückter entlassen wurde. „Die Helden, die für die große Sache der politischen und sozialen Freiheit gestritten und sie uns durch ihre todesmutige Hingebung erkämpft haben“, wie der Magistrat von Berlin in einer Proklamation die im Straßenkampf Gefallenen nannte, wurden von 20000 Bürgern im feierlichen Zuge zum Begräbnis im Friedrichshain begleitet, und der König stand auf dem Balkon mit entblößtem Haupt, als die Särge das Königsschloß passierten.

Dies war die große Kunde, die von Berlin aus über das ganze Land ging. So schien die Sache der bürgerlichen Freiheit einen entschiedenen Sieg gewonnen zu haben. Die Könige und Fürsten, zuvorderst der König von Preußen, hatten feierlich gelobt, dieser Sache zu dienen. Der Jubel des Volkes kannte keine Grenzen.

Seit dem deutsch-französischen Kriege von 1870 und der Errichtung des neuen deutschen Kaiserreichs hat man sich in Deutschland vielfach daran gewöhnt, das Jahr 1848 das „tolle Jahr“ zu nennen und die „Gedankenlosigkeit“ zu verspotten, mit welcher damals großartige Programme entworfen, umfassende Forderungen gestellt, weitausschauende Bewegungen ins Werk gesetzt und dann grausamen Enttäuschungen und Katastrophen entgegengeführt wurden. Verdient das deutsche Volk von 1848 solchen Spott? Wahr ist, daß die Repräsentanten des Volksgeistes jener Zeit nicht verstanden, mit den bestehenden Verhältnissen zu rechnen und eine siegreich und hoffnungsvoll begonnene Bewegung zu dem gewünschten Ende zu führen. Ebenso wahr ist es, daß dadurch jene Bewegung zerfahren und in manchen Dingen phantastisch erschien. Aber wen sollte das jetzt noch, im Rückblick gesehn, wundernehmen? Hier war ein Volk, das, obgleich in Wissenschaft, Philosophie, Literatur und Kunst hoch entwickelt, in politischen Dingen unter strenger Vormundschaft gelebt hatte. Dieses Volk hatte nur aus der Ferne beobachten können, wie andere Nationen ihr Selbstbestimmungsrecht oder ihren tätigen Anteil an der Regierung ausübten, und diese fremden Nationen hatte es bewundern und vielleicht beneiden lernen. Es hatte das Wirken freier Institutionen in Büchern studiert und in Zeitungsberichten verfolgt, sich nach dem Besitz solcher Institutionen gesehnt und nach ihrer[3] Einführung im eigenen Lande gestrebt. Aber bei all diesem Beobachten Lernen, Sehnen und Streben hatte das herrschende Bevormundungssystem es von aller Erfahrung in der Ausübung des politischen Selbstbestimmungsrechts ausgeschlossen. Es hatte nicht praktisch lernen dürfen, was die politische Freiheit tatsächlich sei. Es hatte die Lehren, welche aus dem Gefühl der Verantwortlichkeit im politischen Handeln entspringen, nie empfangen. Freie Staatseinrichtungen lagen außerhalb seiner Lebensgewohnheiten; sie waren ihm nur abstrakte Begriffe, über die der Gebildete und ernsthaft Denkende politisch-philosophische Spekulationen anstellte, während sie dem Ungebildeten oder Oberflächlichen nur politische Stichworte lieferten, in deren Gebrauch sich die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden gefiel.

Plötzlich, nach langer innerer Gärung einem fremden Anstoß folgend, erhob sich dieses Volk. Seine Fürsten gestanden ihm alles zu, was sie ihm früher verweigert, und es sah sich im vollen Besitz einer ungewohnten Macht. Ist es zu verwundern, daß die überraschende Wandlung manchen verworrenen Wunsch und manche ziellose Bestrebung hervorbrachte? Wäre es nicht wunderbarer gewesen, hätte das Volk, bestimmter erreichbarer Zwecke sich wohl bewußt, zu deren Erfüllung mit sicherem Blick die richtigen Mittel gefunden und zugleich eine weise Wertschätzung dessen gezeigt, was es in den bestehenden Verhältnissen Gutes gab? Erwarten wir, daß der Bettler, der plötzlich zum Millionär wird, sogleich von seinem ungewohnten Reichtum den besten Gebrauch zu machen verstehe? Und doch kann nicht von der großen Mehrheit des deutschen Volkes gesagt werden, daß sie, wie allgemein auch die Unklarheit ihrer politischen Begriffe gewesen sein mag, in der revolutionären Bewegung des Jahres 1848 der Hauptsache nach etwas Unvernünftiges oder Unerreichbares verlangt hätte. Vieles von dem, was damals angestrebt wurde, ist ja seither verwirklicht worden. Die im Jahre 1848 begangenen Irrtümer betrafen mehr die angewendeten Mittel als die vorgesteckten Ziele. Und die größten dieser Irrtümer entsprangen aus der kindlichen Vertrauensseligkeit, mit der man die vollständige Erfüllung all der den Königen und Fürsten, besonders dem König von Preußen, mit Gewalt abgerungenen Versprechen erwartete. Es ist müßig, sich in Spekulationen zu ergehen über das, was hätte sein können, wenn das, was war, anders gewesen wäre. Aber eins ist doch gewiß: Hätten die Fürsten, unbeirrt von den Umtrieben der reaktionären Parteien auf der einen und von gelegentlichen Exzessen auf der andern Seite mit unentwegter Treue und mit Aufbietung all ihrer Macht das getan, was sie dem Volke in den Märztagen Ursache gegeben hatten, von ihnen zu erwarten, so würden die wesentlichsten der im Jahre 1848 angestrebten Ziele sich als damals schon durchaus erreichbar erwiesen haben. Daß man im Vollgenuß des „Völkerfrühlings“, welchem sich das Volk mit solcher Gefühlswollust hingab, dieses Vertrauen hegte, statt sich gegen die Reaktion, die vorauszusehen war, die nötigen Garantien zu sichern, war wohl nicht klug, aber diese Unklugheit entsprang aus keiner unedlen Quelle. Sicherlich tut man dem deutschen Volke Unrecht, wenn man die Mißerfolge der Jahre 1848 und 49 hauptsächlich auf seiner Führer Rechnung schreibt.

Was aber dem deutschen Volk die Erinnerung an den Frühling 1848 besonders wert machen sollte, ist die begeisterte Opferwilligkeit für die große Sache, die damals mit seltener Allgemeinheit fast alle Gesellschaftsklassen durchdrang. Das ist eine Stimmung, die, wenn sie auch zuweilen phantastische Übergriffe veranlassen mag, ein Volk in sich selbst achten, deren es sich gewiß nicht schämen soll. Es wird mir warm ums Herz, so oft ich mich in jene Tage zurückversetze. Ich kannte in meiner Umgebung viele redliche Männer, Gelehrte, Studierende, Bürger, Bauern, Arbeiter, mit oder ohne Vermögen, mehr oder minder auf ihre tägliche Arbeit angewiesen, um sich und ihren Angehörigen einen anständigen Lebensunterhalt zu sichern; ihrem Beruf ergeben, nicht allein aus Interesse, sondern auch aus Neigung; aber damals jeden Augenblick bereit, Stellung, Besitz, Aussichten, Leben, alles in die Schanze zu schlagen für die Freiheit des Volks und für die Ehre und Größe des Vaterlandes. Man respektierte den, der bereit war, sich für eine große Idee totschlagen zu lassen. Und wer immer, sei es Individuum oder Volk, Momente solch opferwilliger Begeisterung in seinem Leben gehabt hat, der halte die Erinnerung in Ehren.

Ich fand mich bald, ohne daß es meine Absicht gewesen wäre, unter den Studenten in eine ins Auge fallende Stellung vorgeschoben, und zwar durch die erste Rede, die ich in meinem Leben gehalten habe. Es wurde eine Studentenversammlung nach der Aula der Universität berufen – ich weiß nicht mehr zu welchem speziellen Zweck. Professor Ritschl, unser erster Philologe und damals, wenn ich mich recht erinnere, Dekan der philosophischen Fakultät – ein sehr angesehener und beliebter Mann –, führte den Vorsitz. Der Saal war gedrängt voll, und ich stand mitten unter der Menge. Über den Gegenstand, der zur Verhandlung kam, hatte ich viel nachgedacht und mir eine Meinung gebildet; aber ich war nicht zur Versammlung gegangen mit dem Vorsatz, an der Debatte teilzunehmen. Da hörte ich einen Redner etwas sagen, das meiner Ansicht stark entgegen war und mich aufregte. Einem plötzlichen Impuls folgend, verlangte ich das Wort und fand mich im nächsten Augenblick zur Versammlung sprechend. Ich habe mir später nie wieder genau das zurückrufen können, was ich sagte. Ich erinnere mich nur, daß ich mich in einem mir bis dahin unbekannten nervösen Zustande befunden, daß ich am ganzen Leibe gebebt, daß mir Gedanken und Worte in einem ununterbrochenen Strome zugeflossen, daß ich mit ungestümer Schnelligkeit gesprochen, und daß der darauf folgende Beifall mich fast wie aus einem Traume aufgeweckt hatte. Das war meine erste öffentliche Rede. Als die Versammlung sich aufgelöst hatte, traf ich am Ausgang mit Professor Ritschl zusammen. Da ich Vorlesungen bei ihm hörte, so kannte er mich. Er legte mir die Hand auf die Schulter und fragte:

„Wie alt sind Sie denn?“

„Neunzehn Jahre.“

„Das ist schade“, anwortete er. „Man wird nun bald ein Nationalparlament wählen und Sie sind noch zu jung, um ein Mitglied davon zu werden.“ Ich wurde rot bis über die Ohren. Daß ich Mitglied eines Parlaments werden könne – zu einer solchen Hoffnung hatte sich mein Ehrgeiz noch nicht verstiegen. Ich fürchtete, der Professor habe sich einen Spaß mit mir erlaubt.

Es währte jedoch nicht lange, bis ich wieder in den Vordergrund kam. Wie jeder andere Stand, so hatten auch die Studenten ihre eigentümlichen Beschwerden und Forderungen, die in der „neuen Zeit“ zur Geltung kommen mußten. Bei den preußischen Universitäten gab es einen Beamten, der „Regierungsbevollmächtigte“ geheißen, dessen Pflicht zum Teil darin bestand, die politische Haltung der Professoren und der Studenten zu überwachen. Das Amt war zur Zeit der Demagogenhetze nach der berüchtigten Karlsbader Konferenz geschaffen worden und stand daher in sehr üblem Geruch. Unser Regierungsbevollmächtigter war Herr von Bethmann-Hollweg. Mehr seines Amtes als seiner persönlichen Eigenschaften wegen war er höchst unpopulär bei der Studentenschaft. Wir fühlten, daß ein solches Amt, ein Produkt der Periode tiefster Knechtschaft und Erniedrigung, zu der neuen Ordnung der Dinge nicht mehr passe und daher schleunigst abzuschaffen sei. Es wurde eine Studentenversammlung nach der Reitbahn der Universität berufen, und da der Zweck derselben ruchbar geworden war, so hielten sich die Professoren davon zurück. Meine Rede in der Aula hatte mir ein gewisses Ansehen gegeben, und so wurde ich zum Vorsitzenden der Versammlung gewählt. Es wurde beschlossen, eine Adresse an den akademischen Senat zu richten mit der Forderung, daß der Regierungsbevollmächtigte sofort entfernt werden solle. Als Vorsitzender erhielt ich den Auftrag, die Adresse auf der Stelle zu schreiben. Dies geschah. Sie bestand aus vier oder fünf Zeilen. Die Versammlung nahm dieselbe sofort an und beschloß – wie man denn in jener Zeit das Dramatische liebte –, sich ohne Verzug in Masse nach dem Hause des Rektors der Universität zu begeben um ihm das Schriftstück persönlich zu überreichen. So marschierten wir denn, 7 bis 800 Mann stark, in gedrängter Kolonne nach der Wohnung des Rektors auf der Koblenzer Straße und klingelten. Der Rektor, Herr van Calker, Professor der Philosophie, ein bejahrtes, ängstlich aussehendes Männchen, erschien bald an der Tür, und ich las ihm die in recht energischer Sprache abgefaßte Adresse vor. Einen Augenblick sah er sich die Menge von Studenten, die sich um seine Haustüre drängten und leider sein kleines holländisches Blumengärtchen niedertraten, schüchtern an, und dann sagte er uns in oft stockender Rede, wie sehr erfreut er sei von dem frischen, hoch aufstrebenden Geist der deutschen Jugend, und wie Großes die Studierenden in dieser wichtigen Zeit leisten könnten, und daß er sehr gern unsere Adresse dem akademischen Senat und der Regierung zu baldiger Erwägung und Erledigung mitteilen werde. Wir sahen dem braven Manne, dem niemand Übles wollte, leicht an, daß es ihm mit seiner Freude an diesem aufstrebenden Geist der deutschen Jugend durchaus nicht geheuer war, dankten ihm für seine Bereitwilligkeit, verabschiedeten uns höflich und marschierten zurück nach dem Marktplatz. Dort wurde uns berichtet, daß, während wir den Rektor besucht, der Regierungsbevollmächtigte schleunigst seine Koffer gepackt habe und bereits abgereist sei.

Während der Jubel über die „Märzerrungenschaften“ zuerst allgemein zu sein schien und selbst die Anhänger der absoluten Königsgewalt gute Miene zum bösen Spiel machten, begann doch sehr bald die Zerfetzung in verschiedene Parteigruppen zwischen denjenigen, denen es hauptsächlich um die Herstellung der Ordnung und Autorität zu tun war – den Konservativen, – denjenigen, die dem langsamen Fortschritt huldigten und eine demgemäße Verfassung wünschten – den Konstitutionellen, – und denjenigen, welche die Sicherung der Revolutionsfrüchte nur in einem Aufbau der neuen Zustände „auf breitester demokratischer Grundlage“ sehen konnten – den Demokraten. Mich führte sowohl instinktiver Trieb als Überlegung auf die demokratische Seite. Da traf ich wieder mit Kinkel zusammen, und unsere Freundschaft wurde bald eine sehr intime. Im Laufe unserer gemeinschaftlichen Tätigkeit wich das steifere Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler einem durchaus kameradschaftlichen Ton und das formelle „Sie“ in der Anrede dem vertraulichen „Du“.

Nun begann eine eifrige Agitationstätigkeit, die uns fast ganz in Anspruch nahm. Kinkel, der eine außerordentliche Arbeitskraft besaß und sehr fleißig war, hielt freilich noch seine Vorlesungen, und ich hörte diejenigen, die ich belegt hatte, mit ziemlicher Regelmäßigkeit, aber mein Herz war nicht dabei wie früher. Um so eifriger studierte ich für mich neuere Geschichte, besonders die Geschichte der französischen Revolution, und las eine Menge von philosophisch-politischen Werken und von Pamphleten und Zeitschriften jüngsten Datums, welche die Probleme des Tages zum Gegenstande hatten. Auf diese Weise suchte ich meine politischen Begriffe zu klären und die sehr großen Lücken meiner geschichtlichen Kenntnisse notdürftig auszufüllen, ein Bedürfnis, das ich um so lebhafter empfand, als ich meine agitatorische Arbeit für eine heilige Pflicht ansah. Diese Arbeit war in der Tat nicht gering. Zuerst organisierten wir einen demokratischen Klub, aus Bürgersleuten und Studenten bestehend, der in einem von Professor Loebell, einem sehr geistvollen Manne, geleiteten „konstitutionellen Klub“ einen nicht zu verachtenden Rivalen hatte. Dann wurde als örtliches Organ der demokratischen Partei die „Bonner Zeitung“ gegründet, ein täglich erscheinendes Blatt, deren Redaktion Kinkel übernahm, während ich als regelmäßiger Mitredakteur fungierte und täglich einen oder mehrere Artikel zu liefern hatte. Und schließlich wanderten wir ein- oder mehrmals jede Woche, in der Tat so oft wir Zeit fanden, nach den umliegenden Ortschaften hinaus, um den Landleuten das politische Evangelium der neuen Zeit zu predigen und auch dort demokratische Vereine zu organisieren. Unzweifelhaft förderte der neunzehnjährige Journalist und Volksredner sehr viel unverdautes Zeug zutage, aber er glaubte aufrichtig und heiß an seine Sache und würde jeden Augenblick bereit gewesen sein, für das, was er sagte und schrieb, sein Herzblut einzusetzen.

Meine Tätigkeit in dieser Richtung hätte kurz nach ihrem Anfange beinahe ein jähes Ende gefunden. Schon lange vor dem Ausbruch der Märzrevolution hatte das Volk der Herzogtümer Schleswig und Holstein große Anstrengungen gemacht, unter einer Personalunion mit Dänemark eine politisch-selbständige Existenz zu gewinnen. Im März 1848 brach dort ein allgemeiner Aufstand aus, dessen Zweck es war, diese selbständige Stellung zu sichern und nicht allein Holstein, sondern auch Schleswig zu einem Teil des deutschen Bundesgebiets zu machen. Diese Erhebung fand in ganz Deutschland die lebhafteste Sympathie, und an verschiedenen Orten wurden Aufrufe zur Bildung von Freikorps erlassen, um durch bewaffneten Zuzug das Volk der Herzogtümer gegen die Dänen zu unterstützen. Besonders an den Universitäten fanden diese Aufrufe sofortigen Anklang, und Studenten in nicht geringer Zahl zogen nach Schleswig-Holstein, um sich dort in die Freikorps einreihen zu lassen. Mein erster Impuls war, dasselbe zu tun. Ich war bereits allen Ernstes mit den Vorbereitungen dazu beschäftigt, als Kinkel mich überredete, von meinem Vorsatz abzustehn, da die Befreiung Schleswig-Holsteins von dem dänischen Joch vom deutschen Parlament und von den deutschen Regierungen als eine nationale Sache anerkannt werde, und die dort einrückenden preußischen und anderen Bundestruppen viel besser geeignet seien, den Krieg zu führen, als lose organisierte und wenig eingeübte Freischaren. Auch verhehlte er mir nicht, daß es ihm sehr darum zu tun sei, mich bei sich in Bonn zu behalten, wo ich, wie er mich zu überzeugen suchte, durch agitatorische Arbeit dem Vaterlande viel bessere Dienste leisten könne. In der Tat schlug sich das in Schleswig-Holstein organisierte Studentenkorps recht brav, war aber der überlegenen Disziplin und Taktik der dänischen Truppen gegenüber allerlei schlimmen Zufällen ausgesetzt, so daß seine Leistungen zu den von seinen Mitgliedern gebrachten Opfern in keinem Verhältnis standen. Davon wurde ich noch mehr überzeugt durch die Erzählungen mehrerer Studenten, die, nachdem sie eine Zeitlang in Schleswig-Holstein Kriegsdienste getan, ihre Studien wieder aufnahmen.

Mehrere davon kamen nach Bonn, und von diesen trat mir Adolf Strodtmann, der später sich in der deutschen Literatur einen angesehenen Namen erworben hat, besonders freundschaftlich nahe. Er war der Sohn eines protestantischen Pfarrers in Hadersleben, einer kleinen Stadt im Herzogtum Schleswig. Vater und Sohn hingen mit Begeisterung der deutsch-nationalen Sache an, und der junge Adolf, der kurz vor dem Ausbruch der schleswig-holsteinische Erhebung das Gymnasium absolviert hatte, trat sogleich in das Studentenfreikorps ein. Wenige hätten zum Kriegsdienst untauglicher sein können, denn er war nicht allein sehr kurzsichtig, sondern auch recht taub. Er erzählte uns oft mit viel Humor von seiner einzigen kriegerischen Tat. In dem Treffen bei Bau, wo das Studentenkorps von den Dänen überrascht und übel zugerichtet wurde, merkte er an dem allgemeinen Tumult, daß etwas Ungewöhnliches los sei. Die Kommandos, die gegeben wurden, verstand er nicht; doch stellte er sich in eine Reihe mit mehreren andern, fand sich aber bald im Pulverdampf allein. „Dann“, setzte er hinzu, „schoß ich meine Büchse zweimal ab, weiß aber bis zu diesem Augenblick nicht, ob ich in der richtigen oder verkehrten Richtung geschossen. Ich sah so schlecht, daß ich die Dänen von den Unsrigen nicht unterscheiden konnte. Ich fürchte gar, ich habe in der verkehrten Richtung geschossen, denn plötzlich fühlte ich etwas wie einen starken Schlag in den Rücken, fiel hin und blieb liegen, bis mich die Dänen aufhoben und fortschafften. Es fand sich, daß ich in den Rücken geschossen worden, und daß die Kugel durch und durch gegangen war. Natürlich kann mich nur ein Däne in den Rücken geschossen haben; und da ich während des Gefechts auf demselben Fleck stehen blieb, muß ich von Anfang an den Dänen den Rücken gekehrt und in der Richtung der Unsrigen geschossen haben.“ Gefährlich verwundet wurde Strodtmann auf die „Dronning Maria“, das dänische Gefangenschiff, gebracht und nach einiger Zeit ausgewechselt. Nach seiner Genesung, die merkwürdig schnell erfolgte, kam er zur Bonner Universität, um Sprachen und Literatur zu studieren.

Seine körperlichen Gebrechen machten ihn zu einer etwas sonderbaren Person. Seine Taubheit veranlaßte allerlei spaßhafte Mißverständnisse, über die er selbst gewöhnlich der Erste war herzlich zu lachen. Er sprach mit sehr lauter Stimme, als wären wir alle ebenso taub gewesen wie er. Infolge seiner Verwundung hatte er sich angewöhnt, beim Gehen die eine Schulter – ich glaube es war die linke – vorzuschieben, als hätte er sich durch eine uns anderen unsichtbare Menschenmenge durchdrängen müssen, und er sah so schlecht und war dabei so unaufmerksam, daß er gegen alle möglichen Gegenstände anlief. Aber er war eine aufrichtige, frische, enthusiastische Natur; von eigentümlich naiven Lebensanschauungen; höchst aufopferungsfähig und allen großmütigen und edlen Impulsen offen. Er besaß einen merkwürdigen literarischen Formensinn. Seine Verse, deren er viele machte, und die er gern mit seiner Donnerstimme verlas, zeichneten sich gewöhnlich nicht durch Gedankentiefe, noch durch reiche Phantasie, noch durch feine poetische Empfindung aus – wohl aber durch eine seltene Ausdrucksfülle und einen prächtigen musikalischen Tonfall. So hat er denn auch in der Folge als Übersetzer französischer, englischer und dänischer Dichter und Prosaiker sehr Vortreffliches geleistet. Seine politischen Ansichten waren zu jener Zeit von entschieden demokratischer Färbung, und er schloß sich Kinkel mit großer Wärme an. So wurden er und ich intime Freunde.

Die politische Feststimmung, die unmittelbar nach der Märzrevolution alles in so rosigem Licht erscheinen ließ, begann bald sich zu verdunkeln. In Süddeutschland, wo die Meinung Boden faßte, daß die Revolution nicht hätte vor den Thronen stillstehen sollen, fand ein republikanischer Aufstand statt unter der Führung des brillanten und ungestümen Volksführers Hecker. Dieser Aufstand wurde schnell mit Waffengewalt unterdrückt. Im ganzen fanden solche Versuche im Lande zuerst wenig Sympathie. Die allgemeinen Wünsche der liberalen Massen gingen nicht hinaus über die Herstellung der nationalen Einheit und die „konstitutionelle Monarchie auf breiter demokratischer Grundlage“. Aber der republikanische Gedanke verbreitete sich und gewann Stärke, wie die „Reaktion“ eine mehr und mehr drohende Gestalt annahm.

Das Nationalparlament in Frankfurt, das im Frühling gewählt worden war, um die Souveränität der deutschen Nation in einer nationalen Regierung zu verkörpern, zählte unter seinen Mitgliedern eine Menge von Berühmtheiten auf den Feldern der Politik, Jurisprudenz, Philosophie, Wissenschaft und Literatur. Es zeigte sich bald eine Neigung, mit glänzenden, aber mehr oder minder fruchtlosen Debatten einen großen Teil der Zeit zu vergeuden, die dazu hätte verwandt werden sollen, durch promptes und entschiedenes Handeln die Errungenschaften der Revolution unter Dach und Fach zu bringen und so gegen feindliche Angriffe zu sichern.

Aber unsere Blicke waren mit noch größerer Sorge auf Berlin gerichtet. Preußen war bei weitem der stärkste unter den ganz deutschen Staaten. Österreich bildete dagegen ein Konglomerat von verschiedenen Nationalitäten – Deutsche, Magyaren, Slaven, Italiener. Das deutsche Element, zu dem die Dynastie und die politische Hauptstadt gehörten, war bis dahin das führende gewesen, wie es auch das vorgeschrittenste an Reichtum und Zivilisation war, wenn auch nicht das stärkste an Zahl. Aber die Slaven, die Magyaren und die Italiener, besonders angeregt durch die revolutionären Bewegungen von 1848, strebten nach nationaler Autonomie; und obgleich Österreich in den letzten Jahrhunderten des alten deutschen Reichs und dann auch nach den napoleonischen Kriegen die Führerstelle eingenommen hatte, so war es doch sehr zweifelhaft, ob seine nichtdeutschen Interessen mit einer ähnlichen Stellung in dem unter einer konstitutionellen Regierung vereinigten Deutschland verträglich sein würden. Tatsächlich zeigte es sich später, daß die gegenseitige Eifersucht der verschiedenen Nationalitäten die österreichische Zentralregierung in den Stand setzte, jede dieser Nationalitäten durch die anderen einem despotischen Regiment zu unterwerfen, und daß trotz allem, was die Märzrevolution versprochen, die nichtdeutschen Interessen und die der Dynastie in der Politik Österreichs die vorherrschenden waren. Aber Preußen war, einen kleinen polnischen Distrikt ausgenommen, ein rein deutsches Land, und bei weitem der stärkste unter den deutschen Staaten im Punkte der Volkszahl, der fortschrittlichen Tendenzen, der wirtschaftlichen Tätigkeit, und besonders der militärischen Wehrkraft. Man fühlte daher allgemein, daß die Entwicklung in Preußen für das Schicksal der Revolution entscheidend sein würde.

Eine Weile schien sich Friedrich Wilhelm IV. zu gefallen in der Rolle des Führers der nationalen Bewegung, die er im Sturm und Drang der Märztage auf sich genommen hatte. Seine bewegliche Natur schien von einem neuen Enthusiasmus erwärmt zu sein. Er machte Spaziergänge auf den Straßen Berlins und redete vertraulich mit den Leuten. Er sprach von der Durchführung von konstitutionellen Regierungsprinzipien wie von einer Sache, die sich von selbst verstehe. Laut pries er „das Volk von Berlin“, das sich so edel und hochherzig gegen ihn benommen habe, wie es sich vielleicht in keiner andern Stadt der Welt benehmen würde. Er verordnete, daß die Armee die schwarz-rot-goldene Kokarde zugleich mit der preußischen tragen solle. Auf dem Paradeplatz in Potsdam erklärte er den mürrischen Offizieren der Garde, „daß er sich glücklich, frei und wohlbewahrt unter seinen Bürgern in Berlin fühle, daß er alles, was er gegeben und getan, aus voller freier Überzeugung gegeben und getan, und daß darum keiner sich erdreisten möge, daran zu zweifeln“. Aber als die preußische Nationalversammlung in Berlin zusammengetreten war und anfing, Gesetze zu beschließen und konstitutionelle Grundsätze zu betonen, und im Geiste der Revolution in Regierungsgeschäfte einzugreifen, da öffnete sich das Ohr des Königs nach und nach andern Einflüssen; und diese Einflüsse umgaben ihn um so bequemer, als er von Berlin nach seinem Potsdamer Palast hinüberzog. Damit hörte des Königs unmittelbare Berührung mit dem Volke auf; seine Gespräche mit den neuen liberalen Ministern beschränkten sich auf kurze und formelle Audienzen, und Stimmen, die an alte Sympathien, Vorurteile und Wünsche erinnerten, waren stets seinem Ohr am nächsten.

Da war zuerst die Armee, von jeher das Schoßkind der Hohenzollern, jetzt voll von verhaltenem Grimm über die „Schande“, die ihr geworden durch den Abzug von Berlin nach dem Straßenkampf, und dürstend nach „Rache“ und der Wiederherstellung ihres alten Prestige. Da war der Hofadel, dessen Geschäft es immer gewesen war, dem Herrscher zu schmeicheln und die eigene Wichtigkeit durch die erhöhte Glorie seiner Person zu vergrößern. Da war der Landadel, das Junkertum, dessen feudale Vorrechte durch den Geist der Revolution theoretisch geleugnet und durch die gesetzgeberische Aktion der Volksvertreter praktisch verkürzt wurden, und der es sich nun angelegen sein ließ, des Königs Stolz anzustacheln. Da war die alte Bureaukratie, deren Macht durch die Revolution gebrochen worden, obgleich das Personal so ziemlich dasselbe geblieben war, und die sich jetzt bemühte, ihre alte Machtstellung wieder zu gewinnen. Da war der „altpreußische“ Geist, der allen nationalen Bestrebungen, die das Prestige und die Wichtigkeit des spezifischen Preußentums zu schmälern drohten, feindlich war, und der in den Marken und den östlichen Provinzen nicht unbeträchtliche Stärke besaß. All diese Einflüsse, die im Volksmunde gemeinhin als „die Reaktion“ bezeichnet wurden, wirkten zusammen, um den König von der Bahn, die er in den Märztagen betreten, abzuwenden mit der Hoffnung, ihn zur möglichst vollständigen Wiederherstellung der alten Ordnung der Dinge benutzen zu können – wohl wissend, daß, wenn sie ihn kontrollierten, sie durch ihn die preußische Armee kontrollieren würden, und in dieser Armee eine ungeheure, vielleicht entscheidende Macht in den Kämpfen der Zukunft. Und diese „Reaktion“ wurde sehr gekräftigt durch eine schlaue Ausbeutung gelegentlicher Straßenexzesse, die in Berlin vorkamen – Exzesse, die in einem freien Lande wie England oder Amerika wohl verschärfte Polizeimaßregeln veranlassen, aber keinen vernünftigen Menschen hinreichend beunruhigen würden, um die Durchführbarkeit der bürgerlichen Freiheit oder konstitutioneller Regierungsprinzipien in Frage zu stellen. Aber diese Vorkommnisse wurden in Preußen emsig dazu benutzt, um die furchtsamen Seelen des Bürgertums mit dem Gespenst allgemeiner Anarchie zu schrecken und den König zu überzeugen, daß die Wiederherstellung einer möglichst unumschränkten Königsgewalt zur Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung durchaus nötig sei.

Auf der andern Seite wirkte das augenscheinliche Wachstum der Reaktion dahin, diejenigen, denen es um nationale Einheit und konstitutionelle Regierung auf demokratischer Grundlage am ernstlichsten zu tun war, radikaleren Tendenzen mehr und mehr zugänglich zu machen.

Die Wirkung des raschen Fortschritts dieser Reaktion machte sich auch in meiner Umgebung wohl bemerklich. Die Mitgliederschaft unseres demokratischen Vereins bestand so ziemlich zu gleichen Hälften aus Bürgersleuten und Studenten. Unter den Bürgersleuten taten sich besonders hervor ein Kaufmann namens Anselm Unger, ein Mann von nicht außerordentlichen, aber doch anständigen Fähigkeiten, gutem Charakter und einigem Vermögen; ferner ein Schankwirt namens Friedrich Kamm, der früher Bürstenmacher gewesen war, auch ein Mann unbescholtenen Rufs; aber er gehörte, wenigstens seiner Redeweise nach, zu den grimmen Revolutionären, wie sie sich in der französischen Revolution unter den Terroristen fanden, zu den Blutig-Unversöhnlichen, die nicht zufrieden sein wollten, „bis der letzte Fürst und der letzte Aristokrat mit den Gedärmen des letzten Pfaffen erdrosselt wäre“ usw. – Unter den Studenten gehörten Strodtmann, den ich bereits erwähnt, Ludwig Meier, ein Mediziner, eine brave, enthusiastische Natur, und ein Westfale namens Brüning, der sich durch eine ungewöhnliche Redegabe auszeichnete, aber nach einigen Monaten aus unseren Reihen verschwand, zu den Eifrigsten. Kinkel war der anerkannte Führer des Klubs, und ich nahm einem Sitz im Exekutivausschuß ein. Anfangs wäre uns eine konstitutionelle Monarchie mit allgemeinem Stimmrecht und wohl gesicherten bürgerlichen Freiheiten vollkommen genügend gewesen. Aber die Reaktion, deren drohendes Aufsteigen wir beobachteten, brachte uns bald zu dem Glauben, daß es für die Freiheit keine Sicherheit gebe als in der Republik. Von dieser Überzeugung war es nur ein Schritt bis zu dem weiteren Glauben, daß in der Republik und nur in der Republik die Heilung aller Schäden des Gemeinwesens, die Lösung aller politischen und sozialen Probleme zu finden sei. Der Idealismus, der in dem republikanischen Staatsbürger die höchste Verkörperung der Menschenwürde sah, war in uns durch das Studium des klassischen Altertums genährt worden, und über alle Zweifel, ob und wie die Republik in Deutschland eingeführt und inmitten des europäischen Staatensystems behauptet werden könne, half uns die Geschichte der französischen Revolution hinweg. Dort fanden wir ja, wie das scheinbar Unmögliche geleistet werden kann, wenn nur die ganze in einer großen Nation ruhende Energie geweckt und mit der erforderlichen Kühnheit gehandhabt wird. Vor dem wilden Terrorismus, welcher die nationale Erhebung in Frankreich mit Strömen unschuldigen Bluts befleckte, schraken wohl die meisten von uns zurück. Aber wir hofften, auch ohne solche Extreme fertig werden zu können, und die Geschichte der französischen Revolution lieferte uns immerhin Vorbilder genug, denen wir folgen zu dürfen glaubten und die unsere Phantasie lebhaft erregten. Wie verführerisch solches Phantasiespiel ist, waren wir uns natürlich nicht bewußt. Wie es gewöhnlich geht, suchten wir zuerst unsere Vorbilder in gewissen Äußerlichkeiten nachzuahmen, und so wurde, um den Grundsatz der bürgerlichen Gleichheit unter den Mitgliedern unseres Klubs zu versinnlichen, die Regel eingeführt, daß es für alle, wie verschieden auch ihre Lebensstellungen sein mochten, in den Verhandlungen des Vereins nur einen Titel, eine Anrede geben solle, nämlich „Bürger“. So gab es denn keinen „Herrn Professor Kinkel“ mehr, sondern nur einen „Bürger Kinkel“, „Bürger Unger“, „Bürger Kamm“, „Bürger Schurz“ usw. Daß uns diese Spielerei von seiten unserer Gegner mancherlei Spott zuzog, störte uns nicht. Uns war es ernstlich dabei zumute; wir meinten nur, durch die Einführung dieses Stiles der notwendigen politische Entwicklung ihren Ton vorgezeichnet zu haben. Des Inhaltes unserer Klubdebatten erinnere ich mich zu wenig, um zu sagen, wie viel Vernunft und wie viel Unvernunft es darin gab. Jedenfalls wurden sie mit Wärme, zuweilen mit merkwürdiger Beredsamkeit, und seitens der meisten Teilnehmer gewiß mit vollkommener Aufrichtigkeit der Überzeugung geführt.

Im Laufe des Sommers empfingen Kinkel und ich den Auftrag, unsern Klub bei einem Kongresse demokratische Vereine in Köln zu vertreten. Diese Versammlung, in der ich mich sehr schüchtern und durchaus schweigsam verhielt, ist mir dadurch merkwürdig geblieben, daß ich dort mehrere der hervorragenden Männer jener Zeit zuerst von Angesicht zu Angesicht sah, unter andern den Sozialistenführer Karl Marx. Er war damals 30 Jahre alt und bereits das anerkannte Haupt einer sozialistischen Schule. Der untersetzte, kräftig gebaute Mann mit der breiten Stirn, dem pechschwarzen Haupthaar und Vollbart und den dunkeln blitzenden Augen zog sofort die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Er besaß den Ruf eines in seinem Fache sehr bedeutenden Gelehrten, und da ich von seinen sozialökonomischen Entdeckungen und Theorien äußerst wenig wußte, so war ich um so begieriger, von den Lippen des berühmten Mannes Worte der Weisheit zu sammeln. Diese Erwartung wurde in einer eigentümlichen Weise enttäuscht. Was Marx sagte, war in der Tat gehaltreich, logisch und klar. Aber niemals habe ich einen Menschen gesehen von so verletzender, unerträglicher Arroganz des Auftretens. Keiner Meinung, die von der seinigen wesentlich abwich, gewährte er die Ehre einer einigermaßen respektvollen Erwägung. Jeden, der ihm widersprach, behandelte er mit kaum verhüllter Verachtung. Jedes ihm mißliebige Argument beantwortete er entweder mit beißendem Spott über die bemitleidenswerte Unwissenheit, oder mit ehrenrühriger Verdächtigung der Motive dessen, der es vorgebracht. Ich erinnere mich noch wohl des schneidend höhnischen, ich möchte sagen des ausspuckenden Tones, mit welchem er das Wort „Bourgeois“ aussprach; und als „Bourgeois“, das heißt als ein unverkennbares Beispiel einer tiefen geistigen und sittlichen Versumpfung, denunzierte er jeden, der seinen Meinungen zu widersprechen wagte. Es war nicht zu verwundern, daß die von Marx befürworteten Anträge in der Versammlung nicht durchdrangen, daß diejenigen, deren Gefühl er durch sein Auftreten verletzt hatte, geneigt waren, für alles das zu stimmen, was er nicht wollte, und daß er nicht allein keine Anhänger gewonnen, sondern manche, die vielleicht seine Anhänger hätten werden können, zurückgestoßen hatte.

Ich brachte von dieser Versammlung eine wichtige Erfahrung mit mir nach Hause: daß, wer ein Führer oder ein Lehrer des Volkes sein will, seine Zuhörer mit Achtung behandeln muß; daß selbst der überlegenste Geist an Einfluß auf andere verlieren wird, wenn er diese durch fortwährende Demonstrationen seiner Überlegenheit zu demütigen sucht; daß man die Unwissenheit am leichtesten aufklären und gewinnen wird, wenn man sich nicht mit Herablassung, sondern mit Sympathie auf ihren Standpunkt stellt, und von diesem aus das Raisonnement führt. Der wird schwer Anhänger gewinnen, der mit dem Satze beginnt: „Wer nicht so denkt wie ich, ist ein Esel, oder ein Schuft, oder beides zugleich.“

Im ganzen war der Sommer 1848 für mich eine Zeit voll von Mühen und Sorgen. Die Zeitung, die agitatorische Tätigkeit in Klubs und Volksversammlungen, und dabei meine Studien luden mir eine schwere Last von Arbeit auf, wobei – ich muß es gestehen – meine Studien mir keineswegs als die Hauptsache galten. Meine Sorgen drehten sich um die sichtbar und stetig wachsende Macht der Reaktion, um die durch das Nationalparlament und die Berliner Versammlung verscherzten Gelegenheiten, Festes zu schaffen, und das eigene Gefühl der Machtlosigkeit, auch nur als dienendes Glied zur Abwendung des drohenden Unheils etwas Wirksames beizutragen. Ich erinnere mich, ein drückendes Bewußtsein meiner Unwissenheit in politischen Dingen mit mir herumgetragen zu haben, was um so quälender wurde, je mehr ich die Notwendigkeit empfand, durch energische und verständige Agitation das Volk auf kommende Entscheidungskämpfe vorzubereiten.

Diese Tätigkeit hatte jedoch auch ihre heitere Seite, welcher der jugendliche Sinn keineswegs unzugänglich war. Wir Studenten erfreuten uns bei der Landbevölkerung einer sehr großen Popularität, und selbst von seiten derjenigen, die nicht mit uns derselben politischen Richtung huldigten, ward uns allenthalben eine freundliche Aufnahme – nicht selten so freundlich, daß sich unsere Anwesenheit an dem Platz unserer agitatorischen Wirksamkeit zu einem fröhlichen Fest gestaltete. Auch verbanden wir zuweilen planmäßig das gesellschaftliche Vergnügen mit politischen Demonstrationen. So gab es denn patriotische Kneipereien genug und zuweilen auch nächtliche Auszüge bei Fackelschein nach einem besonders beliebten Punkt bei Bonn, der Kessenicher Schlucht, wo wir, um flackernde Feuer gelagert, mit patriotischen Reden und Gesang und sonstigen Auslassungen des jugendlichen Übermutes uns bis zum Dämmern des Morgens vergnügten. Die interessanteste Erinnerung dieser Art aus jener Zeit, die mir immer noch besonders lebhaft im Gedächtnis steht, ist die an den Studentenkongreß in Eisenach, der im September 1848 stattfand, und dem ich als Vertreter der Bonner Studentenschaft beiwohnte.

Es war dies die erste größere Reise meines Lebens. Bis dahin war ich niemals vom elterlichen Hause weiter entfernt gewesen, als man in einem Tage zu Fuß gehen oder in wenigen Stunden in einem Dampfboot fahren kann. Zum erstenmal an jenem heiteren sonnigen Septembertage hatte ich den Vollgenuß einer Rheinreise auf der ganzen Strecke von Bonn nach Mainz, und ich gab mir Mühe, die beunruhigenden Gedanken abzuweisen, die durch allerlei verworrene Gerüchte von einem Aufruhr und Straßenkampf, der in Frankfurt im Gange sei, geweckt wurden. In der Tat fand ich diese Gerüchte abends bei meiner Ankunft in Frankfurt in erschütternder Weise bestätigt.

Der Aufstand in Frankfurt hing mit folgenden Ereignissen zusammen: Schon im Frühling 1848 war, wie bereits erwähnt, die Volkserhebung in Schleswig-Holstein gegen die dänischen Gewaltanmaßungen von dem Bundestage, dann vom Nationalparlament und von allen deutschen Einzelregierungen als eine deutsch-nationale Sache anerkannt worden. Preußische und andere Bundestruppen waren in die Herzogtümer eingerückt, hatten auf dem Schlachtfelde bedeutende Vorteile über die dänische Armee errungen und sich in Jütland festgesetzt. Alles versprach eine glückliche und baldige Beendigung des Krieges. Da überraschte die preußische Regierung, deren Haupt Friedrich Wilhelm IV. sich wie gewöhnlich von den europäischen Großmächten hatte einschüchtern lassen, die Welt mit einem im Namen des deutschen Bundes mit Dänemark abgeschlossenen Waffenstillstande, dem in der Geschichte jener Zeit übel berüchtigten „Waffenstillstande von Malmö“. Es war darin vereinbart worden, daß die siegreichen deutschen Truppen sich aus Jütland und den Herzogtümern zurückziehen, und daß die Herzogtümer selbst ihre eigene provisorische Landesregierung verlieren und dafür eine aus fünf Mitgliedern bestehende Kommission erhalten sollten, deren zwei von Dänemark, zwei von Preußen, und der fünfte von den beiden kontrahierenden Mächten zusammen zu ernennen waren. Zugleich wurden alle seit den Märztagen von den schleswig-holsteinischen Autoritäten erlassenen Gesetze und Verordnungen für ungültig erklärt. Dieser Waffenstillstand rief in ganz Deutschland die größte Entrüstung hervor. Die Landesversammlung von Schleswig-Holstein protestierte. Das Nationalparlament in Frankfurt, das durch dieses Vorgehen Preußens die Ehre Deutschlands schwer geschädigt und seine eigene Autorität mißachtet sah, beschloß am 5. September, den Waffenstillstand nicht anzuerkennen und die Sistierung der darin stipulierten Maßregeln zu verlangen. Aber nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, auf Grund dieses Beschlusses ein neues Reichsministerium zu bilden, und sich vor dem Wagnis scheuend, die Autoritätsfrage zwischen ihm und Preußen auf die Spitze zu treiben, widerrief das Parlament am 16. September den Beschluß vom 5. mit der Erklärung, daß die Vollziehung des Waffenstillstandes von Malmö nun nicht mehr zu hindern sei. Diese Erklärung, welche den Sympathien des deutschen Volkes ins Gesicht zu schlagen schien, verursachte eine ungeheure Aufregung, deren sich die revolutionären Führer in Frankfurt und der Umgegend sogleich bemächtigten. Schon am nächsten Tage wurde auf der Pfingstweide bei Frankfurt eine große Volksversammlung gehalten. Aufregende Reden stachelten die Leidenschaften der Menge aufs äußerste an, und es wurden Beschlüsse gefaßt, welche die Mitglieder der Majorität des Nationalparlaments als Hochverräter an der deutschen Nation brandmarkten. Von allen Seiten kamen Zuzüge bewaffneter Demokraten; man versuchte einen Gewaltstreich gegen das Parlament, um es zur Zurücknahme der verhaßten Erklärung zu zwingen oder die als Hochverräter bezeichnete Majorität auszutreiben. Zwei hervorragende konservative Parlamentsmitglieder, der Graf Auerswald und der Prinz Lichnowski, fielen den aufgeregten Volkshaufen in die Hände und wurden ermordet, und dann folgte ein Kampf in den Straßen von Frankfurt, in dem die Aufständischen bald den rasch herbeigezogenen Truppen unterlagen.

Als ich auf meinem Wege nach Eisenach in Frankfurt ankam, biwakierten die siegreichen Truppen auf den Straßen um ihre Wachtfeuer; die Barrikaden waren noch nicht ganz hinweggeräumt; das Pflaster war noch mit Blutspuren befleckt; überall hörte man den schweren Tritt von Patrouillen. Nur mit Mühe machte ich meinen Weg nach dem „Gasthof zum Schwan“, wo ich einer Verabredung gemäß einige Heidelberger Studenten treffen sollte, um in ihrer Gesellschaft die Reise nach Eisenach[4] fortzusetzen. Gedrückten Herzens saßen wir bis tief in die Nacht zusammen, denn wir alle fühlten, daß die Sache der Freiheit und der Nationalsouveränität einen furchtbaren Schlag erlitten hatte. Die königlich preußische Regierung hatte dem Nationalparlament, das die Souveränität des deutschen Volkes repräsentierte, erfolgreich Schach geboten. Diejenigen, die sich „das Volk“ nannten, hatten ein Attentat gemacht auf die aus der Revolution hervorgegangene Verkörperung der Volkssouveränität, und[5] diese hatte gegen den Haß des Volkes Schutz suchen müssen bei der bewaffneten Macht der Fürsten. Damit war der im März begonnenen Revolution tatsächlich[6] das Rückgrat gebrochen. So weit sahen wir freilich noch nicht. Doch fühlten wir, daß großes Unheil geschehen war. Nur richtete der jugendliche Mut sich an der Erwartung auf, daß das Verlorene durch eine günstige Wendung der Dinge, und besonders durch energische und wohlgeleitete Aktionen wieder gewonnen werden könnte.

Am nächsten Tage besuchte ich mit meinen Freunden die Galerie der Paulskirche, in der das Nationalparlament saß. Mit der tiefen Ehrfurcht, deren Organ, um mich in der Sprache der Phrenologie auszudrücken, bei mir immer sehr stark entwickelt gewesen ist, betrat ich die historische Stätte, auf der sich in jenen Tagen das Schicksal der Revolution von 1848 so traurig abspiegelte: Auf der „Rechten“ die Männer, denen es zumeist darum zu tun war, die alten „vormärzlichen“ Zustände wieder zurückzuführen, mit dem Lächeln des Triumphes auf den Lippen; im „Zentrum“ die Anhänger der mehr oder minder liberalen konstitutionellen Monarchie von der steigenden Angst des Zweifels gequält, ob sie die revolutionäre Demokratie bekämpfen könnten, ohne die absolutistische Reaktion übermächtig zu machen; auf der „Linken“ die Demokraten und Republikaner mit dem drückenden Bewußtsein, daß die Massen, in denen sie die Quelle ihrer Macht finden sollten, sie durch einen wilden Ausbruch schwer kompromittiert und der Reaktion die gefährlichsten Waffen in die Hände geliefert hatten.

Ich erinnere mich wohl der Männer, deren Anblick ich am begierigsten suchte. Auf der Rechten war es Radowitz, dessen fein geschnittenes, etwas orientalisch angehauchtes Antlitz wie das verschlossene Buch der Geheimnisse der Reaktionspolitik erschien; im Zentrum Heinrich von Gagern mit seiner imposanten Gestalt und seinen scheinbar gewitterschweren Brauen; auf der Linken der Silenuskopf Robert Blums, der wohl als das Ideal eines Volksmannes gelten konnte, und die kleine eingeschrumpfte Figur des alten Ludwig Uhland, dessen Lieder wir so oft gesungen, und der nun mit so rührender Treue zu dem stand, was er als das gute Recht seines Volkes erkannte.

Am Abend gings weiter nach Eisenach, und bald fand ich mich inmitten einer ebenso heiteren wie anziehenden Gesellschaft. Das freundliche Städtchen Eisenach, am Fuße der Wartburg liegend, wo Luther die Bibel in gutes Deutsch übersetzt und dem Teufel das Tintenfaß an den Kopf geworfen, war schon von der alten Burschenschaft als Schauplatz ihrer großen Demonstrationen gewählt worden wenige Jahre nach den Freiheitskriegen, als es galt, Fürsten und Völker an die in bedrängter Zeit gemachten Versprechungen und erregten Hoffnungen zu erinnern. Auch im Frühling 1848 hatte sich bereits eine Studentenversammlung dort eingefunden, ohne jedoch bestimmte Resultate ihrer Verhandlungen zu hinterlassen. Der Zweck unseres Studentenkongresses im September nun bestand hauptsächlich in der Bildung einer nationalen Organisation der deutschen Studentenschaften mit einem Vorort, um gemeinsames Auftreten und Handeln gelegentlich zu erleichtern. Dann sollten auch allerlei Reformen zur Sprache kommen, die auf den Universitäten nötig seien, von denen jedoch, soviel ich mich erinnern kann, niemand sich ganz klare Rechenschaft geben konnte. Wir hielten unsere Sitzungen in dem Saale der „Klemda“, einem Vergnügungsort, wo wir uns parlamentarisch organisierten, so daß das Reden in aller Ordnung vor sich gehen konnte. An oratorischen Leistungen fehlte es denn auch keineswegs. Da fast alle deutschen Universitäten, die österreichischen eingeschlossen, Deputierte zu diesem Studentenkongreß geschickt hatten, so war die Versammlung recht zahlreich und enthielt viele junge Leute von ungewöhnlicher Begabung. Diejenigen, die vor allen anderen die Aufmerksamkeit der Versammlung sowie des Publikums auf sich zogen, waren die Wiener, von denen sich neun oder zehn eingefunden hatten. Sie erschienen alle in der schmucken Uniform der damals weitberühmten „akademischen Legion“ – schwarze Filzhüte mit Straußenfedern; dunkelblaue Röcke mit einer Reihe schwarzer glänzender Knöpfe; schwarz-rot-goldene Schärpen; hellgraue Hosen; Schleppsäbel mit stählernem durchbrochenem Korbgriff; silbergraue Radmäntel mit Rot gefüttert. Diese Uniform war überaus kleidsam und hatte etwas Ritterliches. Auch schien man in Wien darauf bedacht gewesen zu sein, die hübschesten Leute für den Studentenkongreß auszuwählen; wenigstens waren diese Deputierten fast alle junge Männer von auffallender Schönheit, hochgewachsen und bärtig, meist etwas älter als wir andern. Als die Bürger von Eisenach, die uns überhaupt mit der herzlichsten Freundlichkeit empfangen hatten, uns einen Ball gaben, schien alle Konkurrenz mit den Wienern um die Gunst des schönen Geschlechts vergeblich. Die Wiener zeichneten sich auch keineswegs nur durch ihre äußere Erscheinung aus. Sie hatten bereits eine Geschichte, die sie zum Gegenstande allgemeinen Interesses machte und in hohem Grade an die Phantasie appellierte.

Obgleich in mehreren Universitätsstädten die Studenten bei dem ersten Ausbruch der revolutionären Bewegung mehr oder minder in den Vordergrund getreten waren, so hatten sie doch nirgendwo eine so hervorragende und wichtige Rolle gespielt wie in Wien. Ihnen war in großem Maße die Erhebung zu verdanken, die den Fürsten Metternich stürzte. Sie, als „akademische Legion“ organisiert, die, wenn ich nicht irre, gegen 6000 Mann zählte, bildeten den Kern der bewaffneten Macht der Revolution. In dem „Zentralkomitee“, das aus einer gleichen Anzahl von Studenten und Mitgliedern der Bürgergarde bestand, und das den Volkswillen der Regierung gegenüber geltend machte, übten sie den entscheidenden Einfluß aus. Von allen Teilen des Landes her kamen Deputationen von Bürgern und Bauern, um der „Aula“, dem Hauptquartier der Studenten, dieser plötzlich erstandenen und im Volksglauben allmächtigen Autorität, ihre Beschwerden und Bitten vorzulegen. Als das Ministerium Pillersdorf-Latour ein neues Preßgesetz erließ, das zwar die Zensur aufhob, aber doch noch mancherlei Beschränkungen enthielt, forderte Pillersdorf die Studenten ausdrücklich auf, über das Gesetz ihr Urteil auszusprechen; und es waren die Studenten, die am 15. Mai 1848 an der Spitze des bewaffneten Volkes durch ihre entschlossene Haltung der Militärgewalt gegenüber die Regierung zwangen, eine oktroyierte Verfassung zurückzunehmen und die Berufung einer konstituierenden Versammlung zu verheißen. Verschiedenen Versuchen der Regierung gegenüber, die akademische Legion aufzulösen, behaupteten die Studenten sich siegreich. Ja, sie zwangen endlich das Ministerium, in die Entfernung des Militärs aus der Hauptstadt und in die Bildung eines „Sicherheitsausschusses“ zu willigen, der vornehmlich aus Mitgliedern der Studentenschaft bestand, und dem eine unabhängige und so umfassende Machtvollkommenheit übertragen wurde, daß er in wichtigen Dingen als fast gleichberechtigt neben dem Ministerium stand; – so durfte z. B. ohne seine Zustimmung keine Militärmacht zur Verwendung kommen. Man hätte ohne große Übertreibung sagen können, daß eine Zeitland die Wiener Studenten Österreich regierten.

Es war daher nicht zu verwundern, daß wir die Wiener Legionäre, die in so kurzer Zeit so viel Geschichte gemacht, als die Helden des Tages anstaunten und mit begieriger Aufmerksamkeit ihren Erzählungen lauschten von ihren eigenen Taten und von dem Stande der Dinge in Österreich. Leider ließen diese Erzählungen weitere schwere Kämpfe, wenn nicht gar ein tragisches Ende voraussehen, und unsere Wiener Freunde waren sich dessen wohl bewußt. Sie machten sich keine Illusion darüber, daß die Siege Radetzkis in Italien über die Heere des Piemonteser Königs Karl Albert dem Heere neues Prestige und der reaktionären Hofpartei neue Macht gaben; daß diese Partei planmäßig die Czechen gegen die Deutschen hetzte und gebrauchte; daß durch die Gegenwart der von den Studenten selbst verlangten konstituierenden Versammlung in der Hauptstadt die revolutionären Autoritäten an Ansehen schwer gelitten hatten; daß in der Bürgergarde und dem Sicherheitsausschuß selbst unheilvolle Zwistigkeiten ausgebrochen waren; daß die Hofpartei von all diesen Dingen Vorteil ziehe und die erste günstige Gelegenheit ergreifen werde, mit allen Früchten der Revolution im allgemeinen und mit der Studentenschaft insbesondere aufzuräumen, und daß es bald zu einem blutigen Entscheidungskampfe kommen müsse.

Diese Vorahnungen legten sich zuweilen wie finstere Schatten auf unsere sonst so heitere Geselligkeit, und es bedurfte der ganzen Elastizität des Jugendmuts, um sie mit der Hoffnung hinweg zu schmeicheln, daß schließlich doch wohl noch alles gut ausschlagen werde. Plötzlich, während wir andern noch allerlei Ausflüge um Eisenach her und andere Festlichkeiten planten, erklärten unsere Wiener Freunde, daß von der „Aula“ brieflich empfangene Nachrichten über die drohende Lage der Dinge sie nötigten, sofort nach Wien zurück zu kehren, und sie schieden von uns mit dem eigentlichen „morituri salutamus“. – „In wenigen Tagen werden wir in Wien eine Schlacht zu schlagen haben“, sagte einer, „und dann könnt ihr auf den Totenlisten nach unseren Namen suchen.“ Ich sehe ihn noch vor mir – er war ein bildschöner Mann namens Valentin –, der diese Worte sprach. So zogen die bewunderten Legionäre von dannen, und wir mochten nicht daran denken, wie furchtbar und wie schnell diese Voraussagung sich erfüllen könne.

Bald mußten auch wir Zurückgebliebenen an die Heimreise denken. Der einzige praktische Zweck, den der Studentenkongreß haben konnte, war erfüllt. Die allgemeine Organisation der deutschen Studentenschaft war beschlossen und der Vorort bezeichnet. Anlaß zu weitern Sitzungen gab es es nicht. Auch fing bei mehreren von uns das Geld an auszugehen. Aber mit jeder Stunde wurde die Trennung schwerer. Wir hatten einander so lieb gewonnen und unser Zusammensein war so genußreich, daß wir unsere ganze Erfindungsgabe anstrengten, um wenigstens noch ein paar Tage zu gewinnen. So wurde denn unter denen, die sich diesem Plan anschließen wollten, und ihrer waren nicht wenige, ein Zensus des noch vorhandenen Vermögens aufgenommen, um daraus eine gemeinsame Kasse zu bilden, aus der die Kosten des weitern Zusammenseins bestritten werden sollten, nach Zurücklegung des für die Heimreise eines jeden nötigen Betrages. Auf diese Weise gewannen wir wirklich noch einige Tage, die wir uns dann anschickten, nach Herzenslust zu genießen. Sofort wurden einige Ausflüge geplant, deren einer beinahe ein böses Ende genommen hätte.

Eines Nachmittags zogen wir zur Wartburg hinauf. Dort sollten ein paar Fäßchen Bier geleert und ein Imbiß verzehrt werden, und dann wollten wir nach Einbruch der Dunkelheit mit Fackelbeleuchtung den Berg herunter nach Eisenach zurückmarschieren. Da die lustigen Studenten unterdessen große Lieblinge der Eisenacher geworden waren, so begleitete uns eine bunte Menge nach der Wartburg, um sich an unserem Vergnügen mit zu freuen. Darunter waren weimarische Soldaten in nicht geringer Zahl, die in Eisenach in Garnison lagen. Nun wurden während unserer Fahrt von einigen von uns, wie das eben der Geist der Zeit mit sich brachte, politische Reden gehalten; und da die Erbitterung gegen die Fürsten, besonders gegen den König von Preußen, wegen des Malmöer Waffenstillstandes noch große Wogen schlug, so fielen einige dieser Reden in einen entschieden republikanischen Ton. Allmählich erhitzten sich die Köpfe, und ehe wir’s uns versahen, warfen mehrere der Soldaten ihre Mützen in die Luft, ließen die Republik hochleben und erklärten, daß sie sich unter den Befehl der Studenten stellen wollten. Unterdessen war der Abend gekommen, und die ganze Gesellschaft zog mit brennenden Fackeln und patriotische Lieder singend die waldige Höhe hinunter gen Eisenach. Das Schauspiel war reizend, aber die durch die Reden bei den Soldaten hervorgebrachte Wirkung hatte mir doch die Lust daran einigermaßen verdorben. So viel ich wußte, bestand kein Einverständnis, das einem Aufstande in Thüringen irgendwelche Unterstützung gesichert haben würde, und harmlose Leute, besonders Soldaten, zu einem plan- und aussichtslosen revolutionären Versuch anzuregen, der für sie die schlimmsten Folgen haben konnte, schien im höchsten Grade verwerflich. So sprach ich mich auch den Freunden gegenüber aus, in deren unmittelbarer Gesellschaft ich in Eisenach wieder einzog. Indes wenn es, wie wahrscheinlich, bei dem Geschehenen blieb, so war wohl nichts Schlimmes zu befürchten; und mit dieser Beruhigung ging ich zu Bett, nicht wissend, was unterdessen geschah. Am nächsten Morgen hörte ich folgendes: Ein großer Teil der Menge, die an unserm Wartburgfest teilgenommen, hatte, nachdem der Zug Eisenach erreicht, sich nach einem großen Vergnügungslokal „Die Erholung“ genannt, begeben; dort war das Redehalten fortgesetzt worden; die Zahl der Soldaten unter den Zuhörern hatte sich bedeutend vermehrt; diese hatten dann so ziemlich einstimmig und in immer tumultuarischerer Weise die Republik hochleben lassen und schließlich einigen herbeigekommenen Offizieren, die ihnen sich zu entfernen befahlen, förmlich den Gehorsam verweigert. Während der Nacht hatte sich die Aufregung unter den Soldaten noch verbreitet und gesteigert, bis sich tatsächlich die militärische Besatzung von Eisenach im Zustande der Meuterei befand. Die Offiziere hatten, wie es schien, alle Kontrolle verloren. Am nächsten Morgen kamen Trupps von Soldaten zu uns mit dem Verlangen, daß die Studenten sich an ihre Spitze stellen sollten. So war die Sache nun von den Aufwieglern von gestern nicht gemeint gewesen, und diese mußten sich nun alle Mühe geben, weitern Unfug zu verhüten. Von Weimar, wohin die Behörden das Geschehene berichtet hatten, kam telegraphischer Befehl, daß die in Eisenach stehenden Kompagnien sofort per Eisenbahn dorthin befördert werden sollten. Aber die Soldaten weigerten sich standhaft, zu gehen; sie wollten bei den Studenten bleiben. Nun wurde die Bürgerwehr von Eisenach aufgeboten, um die Soldaten zum Abmarsch zu zwingen. Aber als die Bürgerwehr in Reih und Glied auf dem Markt aufgestellt war, zeigte sie nicht die geringste Lust, einen solchen Auftrag zu übernehmen. Auch sie amüsierte sich damit, den Studenten Hochrufe zu bringen. Die Verlegenheit wurde immer größer. Endlich gelang es uns, die Offiziere der meuterischen Truppen zu überreden, das ganze sei nur ein lustiger und leichtsinniger Studentenstreich gewesen, und man müßte es den Soldaten nicht anrechnen, daß sie in der allgemeinen Heiterkeit des Augenblicks und gar im Rausch mit den Studenten fraternisiert hätten. Die Offiziere ließen sich denn auch herbei, scheinbar wenigstens, die Sache von der scherzhaften Seite anzusehn, und wir versprachen ihnen, die Soldaten zum pflichtschuldigen Gehorsam zurück zu bringen, wenn sie uns von ihrer Regierung das Versprechen verschaffen wollten, daß den von den Studenten zu einem tollen Streich verführten Leuten nichts Schlimmes geschehen werde. Dies Versprechen kam sofort, und nun ließen sich die Soldaten auch bald von uns überreden, sich ruhig wieder unter die Fahne zu stellen. Glücklicherweise war es damals in deutschen Kleinstaaten noch möglich, derartige Dinge auf so gemütliche Weise beizulegen. In Preußen würde ein solcher Vorfall zu sehr ernsten Folgen geführt haben.

Nach dieser Leistung fühlten wir, daß es nun wirklich Zeit sei, Eisenach zu verlassen und nach Hause zu gehen. Auch waren unsere Mittel so ziemlich erschöpft. Am Abend vor unserer Abreise wurde noch eine große „Kneiperei“ im Ratskeller gehalten. Einer von uns, wenn ich mich recht erinnere, ein Königsberger, der sich durch das Tragen einer polnischen Mütze und durch extreme revolutionäre Äußerungen auszeichnete, machte den Vorschlag, daß wir, ehe wir auseinander gingen, noch eine Ansprache an das deutsche Volk erlassen sollten, um demselben unsere Meinung über die obwaltende Sachlage darzulegen, und es zu schlafloser Wachsamkeit und energischem Widerstande gegen die vordringende Reaktion zu ermahnen. Daß eine solche Proklamation in solchem Augenblick von so sehr jungen Leuten ausgehend etwas Komisches haben könne, schien niemandem von uns einzufallen. Der Antrag wurde mit größtem Ernst erwogen und gebilligt, die Adresse sofort entworfen, diskutiert und angenommen, um dann, mit den Unterschriften eines Ausschusses, zu dem auch ich gehörte, dieselbe Nacht noch gedruckt, um an dem Rathause und anderen Plätzen angeschlagen und an mehrere Zeitungen versandt zu werden. Nachdem diese Tat getan war, wurden noch mehrere Lieder gesungen, und dann nahmen wir unter zärtlichen Umarmungen und Beteuerungen ewiger Freundschaft voneinander Abschied. In der Frühe des nächsten Morgens zerstreuten wir uns nach allen Richtungen.

Auf dem Heimwege wurde mir recht nüchtern zumute. In Frankfurt fand ich noch den Belagerungszustand und eine dumpfe Atmosphäre der Besorgnis. An einem trüben und feucht kalten Tage fuhr ich den Rhein hinunter. Unter den Passagieren des Dampfers sah ich kein einziges bekanntes Gesicht. Als ich so stundenlang allein und fröstelnd auf dem Deck saß, möglichst nahe bei dem Schornstein, um mich zu erwärmen, kamen mir, außer meiner Unruhe über den allgemeinen Gang der Dinge, zum erstenmal Gedanken über meine persönliche Sicherheit. Ich erinnerte mich des Wortlautes der Ansprache, die wir in Eisenach veröffentlicht und die manchen scharfen Ausfall gegen die Majorität des Nationalparlaments und gegen die preußische Regierung enthielt. Ebenso erinnerte ich mich, in den Blättern gelesen zu haben, daß das Parlament infolge des Septemberaufstandes ein Gesetz erlassen hatte, das unter anderem Beleidigungen seiner Mitglieder mit schweren Strafen belegte. Hatten wir nicht durch unsere veröffentlichte Ansprache das so definierte Verbrechen begangen? Unzweifelhaft; und so phantasierte ich mich denn nach und nach in die Erwartung hinein, daß man mich nach meiner Ankunft in Bonn baldigst verhaften und wegen eines Preßattentats auf das Nationalparlament und auf die preußische Regierung vor Gericht stellen werde. Ich kam leicht zu dem Entschluß, diesem Schicksal mutig ins Auge zu sehen. Aber was mich doch sehr verdroß, war der Gedanke, daß unsere Eisenacher Ansprache wahrscheinlich gar keinen anderen Effekt haben werde als diesen. Meine Besorgnis, verhaftet und prozessiert zu werden, erwies sich auch als ganz überflüssig. Wenn unsere Proklamation wirklich den Regierungen zur Kenntnis gekommen war, so hielten diese es wohl nicht der Mühe wert, darüber noch weiteres Geräusch zu machen; und ich zog daraus die nicht gerade schmeichelhafte Lehre, daß wir jungen Menschen möglicherweise andern Leuten viel weniger wichtig erscheinen mochten als uns selbst. Bald jedoch sollte es nun wirklich zu ernsteren Konflikten kommen.

Inhaltschwere Nachrichten von Wien bestätigten die Vorhersagungen unserer Freunde in Eisenach. Ungarn hatte in den Märztagen einen höheren Grad staatlicher Selbständigkeit innerhalb des österreichischen Kaiserreichs gewonnen, als es früher besessen. Es hat sein eigenes in Pest residierendes Ministerium, ohne dessen Gegenzeichnung keine Verfügung des Kaisers für Ungarn Gültigkeit haben sollte. Ohne Zustimmung der gesetzgebenden Gewalt Ungarns sollten weder ungarische Truppen außerhalb seiner Grenzen verwendet werden, noch nicht ungarische Truppen seinen Boden betreten. Ein Erzherzog-Palatin sollte als Vizekönig von Ungarn seine Residenz in Pest haben. Außerdem sollten die deutschen und slavischen bis dahin zu Ungarn gezählten Nebenländer der ungarischen Regierung als integrierende Landesteile unterworfen sein. – Dieser halbwegs unabhängige ungarische Staat war der österreichischen Hofpartei ein Dorn im Auge. Seine Unterjochung wurde durch eine vom Hofe begünstigte Empörung des Banus von Kroatien, Jellachich, gegen die Oberhoheit Ungarns vorbereitet. Im Juli fand sich der Kaiser gezwungen, Jellachich zu desavouieren und zum Hochverräter zu erklären, aber im September setzte er ihn als einen treuen und vertrauten Diener der Krone in all seine früheren Würden und Gewalten wieder ein. Die ungarische Regierung, Stände und Ministerium, erhob ihren Protest dagegen, worauf der Erzherzog-Palatin sein Amt niederlegte. Die kaiserliche Regierung enthüllte nun ihren Plan, Ungarn wieder in direkte Abhängigkeit zu bringen, indem sie den Grafen Lemberg als kaiserlichen Kommissär nach Pest schickte. Diesem sollten einem kaiserlichen Befehl gemäß alle ungarischen Behörden und Truppen Gehorsam leisten. Da dieser Befehl natürlich nicht die Gegenzeichnung eines ungarischen Ministers trug, so wurde er von den ungarischen Ständen für verfassungswidrig und ungültig erklärt. An die Stelle des abgedankten Palatins setzten die Stände eine Regierungskommission, mit dem Grafen Bratthyoni an der Spitze. Lemberg wurde bei seinem Einzuge in Pest von einem aufgeregten Volkshaufen getötet. Nun erließ der Kaiser von Österreich eine Proklamation, durch die er die ungarischen Landstände für aufgelöst und alle ohne seine Zustimmung erlassenen Gesetze für ungültig erklärte. Auch ernannte er Jellachich zu seinem unumschränkten Bevollmächtigten in bezug auf alle ungarischen Angelegenheiten. Damit war der Bruch vollständig geworden. Die Ungarn rüsteten sich zum Kampf, und als am 5. und 9. Oktober deutsche Truppen zur Unterwerfung der Ungarn aus Wien abgeschickt werden sollten, erhob sich das Wiener Volk, die Studenten an der Spitze, mit dem Gefühl, daß der Versuch, die konstitutionellen Rechte der Ungarn zu zerstören, zugleich gegen die Rechte der Deutsch-Österreicher und gegen die Früchte der Revolution überhaupt gerichtet sei. Nach blutigem Kampf behaupteten die Aufständischen das Feld. Der Kriegsminister Latour wurde von einem wütenden Volkshaufen gehenkt. Der Kommandant der Besatzung von Wien, Graf Auersperg, fand sich genötigt, die Stadt zu räumen, nahm aber draußen eine feste Stellung ein und wurde bald durch große Truppenmassen unter Jellachich und Windischgrätz verstärkt. Unter dem Oberkommando des Fürsten Windischgrätz griff die Armee am 23. Oktober die Stadt Wien an und nach bitterem, blutigem Ringen überwand sie am 31. Oktober den letzten Widerstand. Wien wurde dann der unbeschränktesten Willkür der Militärherrschaft unterworfen, und damit hatte die revolutionäre Bewegung in Deutsch-Österreich ein Ende. Mehrere der ritterlichen Legionäre, mit denen wir in Eisenach so schöne Tage verlebt, waren in der Schlacht gefallen, die Überlebenden gefangen oder flüchtig.

Mit dieser Katastrophe traf auch eine entscheidende Wendung der Dinge in Preußen zusammen. Bis dahin hatte die preußische Regierung sich in konstitutionellen Formen bewegt und das Ministerium, an dessen Spitze der aufrichtig liberale General v. Pfuel stand, hatte sich in vertrauenerweckender Weise bereit gezeigt, die im März gegebenen Versprechen zur Wahrheit zu machen. Der König selbst aber und seine nächste Umgebung hatten bei verschiedenen Gelegenheiten eine Stimmung laut werden lassen, die mit jenen Versprechen wenig übereinstimmte und schwere Befürchtungen hervorrief. Endlich am 31. Oktober gab die preußische konstituierende Versammlung der allgemeinen Sympathie mit der kämpfenden Bevölkerung von Wien Ausdruck, indem sie beschloß, die Regierung Sr. Majestät aufzufordern, „bei der deutschen Zentralgewalt schleunige und energische Schritte zu tun, damit die in den deutschen Ländern Österreichs gefährdete Volksfreiheit in Wahrheit und mit Erfolg in Schutz genommen und der Friede hergestellt werde.“ Der Ministerpräsident General von Pfuel stimmte für diesen Antrag. Am nächsten Tage nahm er seine Entlassung, und der König berief darauf ein entschiedenes Reaktionsministerium, an dessen Spitze er den Grafen Brandenburg stellte, und dessen leitender Geist Herr von Manteuffel wurde. Die konstituierende Versammlung legte Protest ein, aber umsonst. Am 9. November präsentierte sich das Ministerium Brandenburg mit einer königlichen Botschaft, welche die konstituierende Versammlung bis zum 27. November vertagte und ihre Sitzungen nach der Stadt Brandenburg verlegte. Mit großer Mehrheit sprach die Versammlung der Regierung das Recht zu einer solchen Maßregel ab; aber schon am nächsten Tage wurde das Haus mit großen Militärmassen unter General Wrangel umstellt, die den Befehl hatten, jeden heraus aber niemanden hinein zu lassen. Am 11. November wurde die Bürgerwehr von Berlin aufgelöst und in wenigen Tagen entwaffnet. Die konstituierende Versammlung zog von Lokal zu Lokal, beständig von der Militärmacht gejagt, bis sie endlich am 15. November in ihrer letzten Sitzung einen Steuerverweigerungsbeschluß faßte, indem sie erklärte, „daß das Ministerium nicht berechtigt sei, über die Staatsgelder zu verfügen und Steuern zu erheben, solange die Nationalversammlung nicht ungestört in Berlin ihre Beratungen fortzusetzen vermöge.“

Diese Ereignisse riefen im ganzen Lande große Aufregung hervor. Sie schienen den Beweis zu liefern, daß die reaktionäre Hofpartei entschlossen sei, auf gewaltsamem Wege mit den sogenannten „Märzerrungenschaften“ möglichst schnell aufzuräumen. Uns Demokraten war es zweifellos, daß die konstituierende Versammlung, indem sie sich gegen den „Staatsstreich“ auflehnte, durchaus in ihrem Rechte sei. Wir tadelten sie nur dafür, daß sie, statt von ihrem Rechte den vollsten Gebrauch zu machen und das Volk ausdrücklich zu den Waffen zu rufen, sich im Augenblicke dieser großen Entscheidung auf die schwachmütige Politik des „passiven Widerstandes“ beschränkt habe. Doch glaubte man, auch dieser passive Widerstand, mit dem Mittel der Steuerverweigerung durchgeführt, werde die Regierung durch Aushungern zum Nachgeben zwingen – vorausgesetzt, daß die Steuerverweigerung allgemein und mit hinreichend langatmiger Ausdauer ins Werk gesetzt werde. Eine Schwierigkeit, die sofort in die Augen fiel, bestand darin, daß die Durchführung dieses Planes eine große Übereinstimmung der Gesinnung im Volke und einen hohen Grad von Furchtlosigkeit bei den einzelnen Bürgern erforderte, und daß die bedeutendsten Steuerzahler wohl nicht mit der revolutionären Politik der Demokraten sympathisierten. Immerhin dachte man, durch den Druck der öffentlichen Meinung viel ausrichten zu können, und so wurden allenthalben Volksversammlungen gehalten und Beschlüsse gefaßt.

Die Demokraten in Bonn, unter denen wir Studenten eine hervorragende Rolle spielten, ließen es denn auch an solchen Demonstrationen nicht fehlen. Eine Steuerverweigerungserklärung seitens der Studenten sah einigermaßen wie ein Spaß aus, da diese ja keine Steuern zahlten. Das von uns zu lösende Problem bestand also darin, andere Leute vom Steuerzahlen abzuhalten, und diese Aufgabe faßten wir im weitesten Sinne auf. Es schien uns, wir könnten einen wirkungsvollen Schlag führen, indem wir vorerst die „Schlacht- und Mahlsteuer“, eine Steuer auf hereingebrachte Lebensmittel, die an den Stadttoren erhoben wurde, abschafften. Zu diesem Ende vertrieben wir die Steuerbeamten von den Toren. Dies gefiel den Bauern, die auch sogleich in großer Zahl bereit waren, ihre Produkte steuerfrei in die Stadt zu bringen. Daraus entstanden Konflikte mit der Polizei, in denen wir jedoch zu Anfang leicht Meister blieben.

Nun schien es uns nötig, uns der Maschinerie der Steuerverwaltung in größerer Ausdehnung zu bemächtigen, und am nächsten Tage begab sich ein Komitee, von welchem auch ich ein Mitglied war, auf das Rathaus, um von demselben Besitz zu ergreifen. Der Bürgermeister empfing uns recht höflich, hörte ruhig an, was wir ihm über die bindende Kraft der von der höchsten gesetzgebenden Autorität beschlossenen Steuerverweigerung auseinandersetzten, und suchte dann, uns mit allerlei ausweichenden Redensarten hinzuhalten. Endlich wurden wir ungeduldig und verlangten eine augenblickliche und bestimmte Antwort, nach der sich unsere weiteren Maßregeln richten würden. Plötzlich bemerkten wir eine Änderung in des Bürgermeisters Gesichtsausdruck. Er schien auf etwas zu horchen, das draußen vorging, und dann, immer noch höflich, aber mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen, sagte er: „Meine Herren, die Antwort wird Ihnen wohl jemand anders geben. Hören Sie das?“ Nun horchten auch wir auf und hörten den noch entfernten aber sich rasch nähernden Schall einer Militärmusik, die im Marschtakt die preußische Nationalhymne spielte: „Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben!“ Immer näher klang die Musik eine vom Rhein führende Straße herauf. In wenigen Minuten erscholl sie auf dem Markt und hinter ihr der schwere Marschtritt einer Infanteriekolonne, die bald den ganzen Marktplatz zu füllen schien. Unsere Unterredung mit dem Bürgermeister war natürlich damit zu Ende, und wir fanden es seinerseits recht anständig, daß er uns überhaupt von sich ließ.

Das Erscheinen des Militärs erklärte sich leicht. Sobald wir unsern praktischen Steuerverweigerungsversuch ins Werk gesetzt, hatten die Behörden von Bonn, wo damals kein Militär lag, an die nächstliegenden Garnisonplätze um Hülfe telegraphiert, und ihrem Notruf war prompt entsprochen worden. Damit kam nun unsere Weise der Steuerverweigerung zu einem jähen Ende. Das Militär besetzte sofort die Stadttore, und die Schlacht- und Mahlsteuer wurde erhoben wie zuvor. Abends hielten wir eine Versammlung des demokratischen Komitees mit Hinzuziehung vertrauter Leute, in einem Lokal, „der Römer“ genannt, um zu beraten, was zu tun sei. Der erste Impuls war, die Soldaten anzugreifen und, wo möglich, aus der Stadt zu jagen. Das wäre ein verzweifeltes Unternehmen gewesen, aber es wurde ernstlich in Betracht genommen. Nach reiferer Überlegung jedoch sahen wir alle ein, daß ein Kampf, selbst der erfolgreichste, in Bonn nur wirkliche Bedeutung gewinnen konnte als Teil einer umfangreichen Insurrektion. Nun war für den Rheinländer Köln die Hauptstadt, der natürliche Zentralpunkt aller politischen Bewegung. Dort also mußten wir unseren Zusammenhang suchen und von dort unser Losungswort holen. Wir hatten schon von Köln einen Bericht empfangen, daß dort eine fieberhafte Aufregung herrsche, und daß von den dortigen demokratischen Führern das Signal zu einer allgemeinen Schilderhebung zu erwarten sei; auf diese sollten wir uns möglichst schnell vorbereiten, aber jeden vereinzelten Aufstandsversuch vermeiden. Wir schickten einen Boten nach Köln, um die Freunde über das zu unterrichten, was bei uns vorgefallen war und weitere Instruktionen zu holen. Unterdessen trafen wir Vorkehrungen, um möglichst viele der Musketen der Bürgerwehr an einen bestimmten Ort zu bringen und Munition anzufertigen. Dieselbe Nacht noch hatten wir eine Menge von Leuten mit Kugelgießen und Patronenmachen beschäftigt.

Nun aber kamen beunruhigende Nachrichten über Dinge, die in der Nähe der Stadttore vorgingen. Draußen hatten sich nämlich Haufen von Landleuten aus den umliegenden Ortschaften gesammelt, zu denen die Kunde von dem Einmarsch der Soldaten in Bonn gedrungen war, und die nun die Demokraten und die Studenten in großer Bedrängnis glaubten. Die Bauern strömten herbei, um uns zu helfen. Manche von ihnen stellten sich wohl die Vertreibung der Truppen ebenso leicht vor wie die Vertreibung der Steuerbeamten von den Toren und waren voll von Kampflust. Wir hatten in der Tat Ursache zu besorgen, daß diese in die Stadt dringen und durch einen unvorsichtigen Streich uns unter den ungünstigsten Umständen in ein Straßengefecht verwickeln möchten. Jetzt galt es, diese Ungeduldigen eines Besseren zu belehren und sie mit der Mahnung nach Hause zu schicken, daß sie sich zum Kampf bereithalten und möglichst zahlreich zu uns stoßen möchten, sobald das Signal in Köln gegeben würde. Dies gelang nicht ohne Mühe. Die ganze Nacht blieb unser Komitee im Römer in Sitzung, auf die Rückkehr des nach Köln gesandten Boten wartend. Gegen Tagesanbruch gingen wir auseinander, um nach kurzer Ruhe uns an einem andern Platze zu versammeln. Die kriegerischen Vorbereitungen gingen unterdessen fort. Keiner von uns schlief in seinem Hause, um nicht sogleich gefunden zu werden, falls die Behörden versuchen sollten, uns zu verhaften. Ich ruhte im Zimmer eines Freundes aus, inmitten von Musketen und Patronenkisten, die dort zur Verteilung bereitgehalten wurden.

Erst gegen Abend des nächsten Tages kam unser Bote von Köln zurück. Er berichtete, daß man sich dort den angesammelten Truppenmassen gegenüber nicht imstande fühle, mit irgendwelcher Aussicht auf Erfolg einen Schlag zu führen; daß man sich auf Fortsetzung des „passiven Widerstandes“ und weitere Agitation beschränkten werde, und daß man uns dringend empfehle, dasselbe zu tun und somit von allen gewaltsamen Versuchen, die jetzt nur schaden könnten, bis auf weiteres abzustehen. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als der Anweisung der Kölner folgend, unsern Grimm zu verbeißen und unsere Freunde auf dem Lande still zu halten. So geschah es bei uns, und so geschah es allenthalben im Königreich Preußen. Die konstituierende Versammlung hatte der Regierung einen unblutigen Sieg überlassen und der Steuerverweigerungsbeschluß blieb ein toter Buchstabe.

Den demokratischen Führern unter den Studenten jedoch schien der praktische Versuch, die Steuerverweigerung in Bonn in Szene zu setzen, übel vermerkt zu werden. Bald verbreitete sich das Gerücht, daß gegen drei oder vier von uns, unter andern gegen mich, Verhaftsbefehle erlassen worden seien. Ob es wirklich so war, weiß ich nicht, aber es wurde geglaubt, und unsere nicht kompromittierten Freunde gingen sofort ans Werk, das Unheil von uns abzuwenden. Durch verschiedene größere und kleinere Demonstrationen wußten sie unter den Bürgern der Stadt den Eindruck hervorzubringen, daß, wenn man uns ein Haar krümme, die ganze Studentenschaft Bonn verlassen werde. Da nun der Wohlstand der Stadt in großem Maße von der Anwesenheit der Studenten abhing, so versetzte diese Drohung die Bürger in nicht geringe Besorgnis. Viele von ihnen bestürmten den Bürgermeister mit der Bitte, daß er seinen ganzen Einfluß aufbieten möge, um durch die Erwirkung eines Versprechens von den höheren Behörden, daß uns nichts geschehen solle, das drohende Unglück abzuwenden. Wirklich wurde uns nach wenigen Tagen von unsern Freunden angekündigt, daß ein solches Versprechen erfolgt sei, und daß uns diesmal nichts geschehen solle. Wir kamen also aus den Verstecken, in denen wir uns eine kurze Weile verborgen gehalten, wieder hervor, und ich fuhr fort, für unsere Zeitung zu schreiben, in Versammlungen zu reden und Vorlesungen zu hören, soweit ich dafür Zeit fand. Doch wurden der Stunden, die ich für meine Fachstudien erübrigen konnte, immer weniger.

Nachdem er seinen Sieg über die konstituierende Versammlung gewonnen, fühlte der König sich stark genug, eine Verfassung für Preußen zu „oktroyieren“, d. h. aus eigener Macht ohne Beistimmung einer Volksvertretung zu verkünden. Diese Konstitution verordnete das Zweikammersystem. Die Kammern wurden sofort berufen, und Kinkel trat im Bonner Wahlkreise als Kandidat für die zweite Kammer, das Volkshaus, auf. Er wurde mit ansehnlicher Mehrheit gewählt und mußte bald darauf seinen Sitz einnehmen. Frau Johanna begleitete ihn nach Berlin. Obgleich nun die beiden Ehegatten regelmäßige Beiträge für die Bonner Zeitung schickten, so fiel doch während ihrer Abwesenheit die tägliche Redaktion und damit eine schwere Last ungewohnter Arbeit mir zu.

Da die Bonner Zeitung nur über ein geringes Personal verfügte, so hatte ich nicht allein politische Artikel zu liefern, sondern auch manches von dem, was ein tägliches Blatt sonst noch seinen Lesern bieten muß, unter andern Dingen Theaterkritiken. Es hatte sich nämlich unter einem Direktor namens Löwe eine Bühne etabliert, die zwar nichts Großes, aber in verschiedenen Richtungen doch Anerkennenswertes leistete. Sie versuchte sich zuweilen sogar in leichten Opern. Der Bonner Zeitung, in welcher anfangs Frau Johanna Kinkel die dramatischen und musikalischen Aufführungen mit großer Sachkenntnis und ebenso großem Wohlwollen besprochen hatte, war eine Loge im zweiten Rang zur Verfügung gestellt. Diese Loge stand auch mir offen, und ich besuchte sie nicht nur, wenn meine journalistische Pflicht mich zu der Aufführung eines neuen Stückes rief, sondern zuweilen auch, wenn ich das Bedürfnis fühlte, mich von meinen vielen Arbeiten und Sorgen durch eine Zerstreuung ein wenig zu erholen. Ich muß nun hier das Geständnis machen, daß zu diesen Arbeiten und Sorgen auch noch eine Herzensangelegenheit getreten war, die mir eine bittere Selbstdemütigung bereitete. Dies hing so zusammen:

Ich hatte bis dahin niemals mit einem weiblichen Wesen außerhalb meines unmittelbaren Familienkreises in Beziehungen irgendwelcher Vertraulichkeit gestanden. Teils fühlte ich mich von keiner Neigung dazu getrieben, teils hatte mich auch meine hartnäckige Schüchternheit von allen weiblichen Bekanntschaften zurückgehalten. Endlich erreichte mich doch das Schicksal. Ich schwärmte wirklich für eine junge Dame. Sie war die Tochter eines kleinen Kaufmanns. Wir wollen sie Betty nennen. Ich war ihr freilich noch nie vorgestellt worden und hatte nie ein Wort mit ihr gewechselt. Nur am Fenster hatte ich sie sitzen sehen mit einer Stickerei oder, noch öfter, mit einem Buch in der Hand. An diesem Fenster war ich oft vorübergegangen, und gewöhnlich saß sie auf derselben Stelle. Zuweilen begegneten sich unsere Blicke, und ich fühlte dann, wie ich schnell und heftig errötete. Ich hielt sie für sehr schön, und von einem meiner Freunde, der sie kannte, hörte ich einmal, daß sie Shakespeare im Englischen lese, was mir einen hohen Begriff von ihrer Bildung und geistigen Begabung einflößte. Nach allem, was ich damals und später über sie erfuhr, war sie wirklich ein für ihren Stand ungewöhnlich gebildetes und in jeder Hinsicht vortreffliches Mädchen. Die schlaue, halb verschämte Weise, in welcher ich in der Gesellschaft jenes Freundes nicht selten die Rede auf Betty lenkte, war wohl geeignet, diesem den Verdacht zu geben, daß ich mich lebhaft für sie interessiere. Und aus Äußerungen, die er zuweilen bei solchen Gelegenheiten fallen ließ, glaubte ich schließen zu dürfen, daß Betty auch mich bemerkt habe und freundlich von mir denke. Dies gab natürlich meiner Schwärmerei immer frische Nahrung, und häufig erschien mir Betty in meinen wachen Träumen. Es war mein sehnlicher Wunsch, mit ihr bekannt zu werden und ihr näher zu kommen. Dazu bot sich eine überraschend günstige Gelegenheit.

Eines Abends saß ich in meiner Theaterloge – Flotows „Martha“ wurde aufgeführt –, als ich zwei Damen in der vorderen Sitzreihe der nächsten Loge dicht neben mir Platz nehmen hörte. Ein paar Minuten später wandte ich mich um und ich traute meinen Augen kaum – mein Herz machte einen großen Sprung –, als ich Betty erkannte, nur durch die niedrige Scheidewand der Logenfront wie durch den Arm eines Lehnsessels von mir getrennt. Nun bemerkte ich, wie die beiden Damen in Bewegung gerieten und auf ihren Sitzen und in den Taschen ihrer Kleider nach etwas suchten, das sie offenbar nicht finden konnten. Ihre Unterhaltung, die ich zu verstehen vermochte, klärte mich auf. Sie hatten das Opernglas zu Hause auf dem Tisch liegen lassen. Jetzt bot sich mir die offenbare Gunst der Gelegenheit. Ich hielt ein Opernglas in meiner Hand. Was wäre natürlicher gewesen, als es den Damen mit einigen höflichen Worten anzubieten? Kam es nicht einer positiven Unart gleich, wenn ich diesen Akt der Höflichkeit unterließ? So nahm ich mich denn zusammen. Ich hatte mich schon halb umgewendet, als ich fühlte, wie eine glühende Röte mein Gesicht übergoß und das Herz mir bis in die Kehle schlug. Ich hätte kein Wort hervorbringen können. Männern gegenüber hatte ich meine kindische Schüchternheit einigermaßen überwunden; aber die Gegenwart dieses Mädchens machte mich hilflos. Und nun gar das scheue Geheimnis meiner schwärmerischen Neigung, das, wie ich glaubte, mir jetzt auf der Stirne geschrieben stand. Nein, ich konnte sie nicht anblicken und meine Zunge versagte den Dienst. Ich wandte mich wieder zurück, und dann saß ich da die ganze „Martha“ hindurch in brennender Seelenqual, kaum hörend und sehend, was vor mir und um mich her geschah, mich selbst verhöhnend, weil ich nicht den Mut hatte, das Glück zu ergreifen, welches mir das Schicksal in den Schoß warf. Endlich war die Oper zu Ende. Die Damen erhoben sich, um ihre Loge zu verlassen, und ich blickte ihnen nach, als sie mir bereits den Rücken gekehrt. Dann lief ich hinaus und die Selbstqual stürmte mit verdoppelter Schärfe auf mich ein. Es war meine Absicht gewesen, nach der Oper noch einmal die Frankonenkneipe zu besuchen, um mit einigen meiner Freunde zu reden. Aber ich schämte mich, diesen in die Augen zu sehen, obgleich sie nichts von meiner schmählichen Niederlage wußten. So machte ich denn einen langen einsamen Gang durch die finstere Nacht. Wie verhöhnte ich mich selbst wegen dessen, was ich eine kindische, elende, unbegreifliche Feigheit nannte! Wie oft sagte ich mir die Worte vor, die ich hätte an Betty richten sollen! Ich war entsetzlich mit mir selbst zerfallen und sah nur weggeworfenes Glück und eine Zukunft voll Reue und Selbstverachtung vor mir. Endlich richtete ich mich an dem feierlichen Vorsatz auf, nun ganz gewiß Betty anzureden und sie wegen meiner Unart im Theater um Verzeihung zu bitten, sobald ich sie wiedersähe. Aber ich sollte sie nie wiedersehen. Bald traten Ereignisse ein, die mich aus all meinen bisherigen Lebensverhältnissen für immer herausrissen.

Von den unmittelbar aus der Märzrevolution hervorgegegangenen größeren parlamentarischen Körpern war nur noch das Nationalparlament in Frankfurt übrig. Es verdankte dem Drange des deutschen Volkes, oder vielmehr der deutschen Völker, nach nationaler Einheit seine Entstehung, und es war seine natürliche, allgemein verstandene Mission, die deutschen Völker unter einer einheitlichen Verfassung und Nationalregierung in eine große Nation zu verschmelzen. Unmittelbar nach der Märzrevolution hatten die deutschen Regierungen, auch die österreichische für ihre deutschen Länder, diese Mission als eine rechtmäßige anerkannt und unter ihrer Mitwirkung haben im Mai 1848 die Wahlen zum Nationalparlament stattgefunden. Die große Mehrheit seiner Mitglieder sowie das deutsche Volk im allgemeinen sahen denn auch in dem Parlament den Repräsentanten der Volkssouveränität im nationalen Sinne. Es war zu erwarten, daß die Fürsten und ihre als Hofparteien zu bezeichnenden Anhänger sich in diese Auffassung nur so lange und nur insoweit fügen würden, als sie zu müssen glaubten. Nur sehr wenige von ihnen waren liberal genug, um sich eine Beschränkung ihrer Fürstengewalt mit Gleichmut gefallen zu lassen. Jeden Gewinn des Volkes an Macht fühlten sie als ihren eigenen Verlust. Ebenso waren die meisten von ihnen der Einrichtung einer starken Nationalregierung abhold, da diese das Aufgeben mancher Souveränitätsrechte der Einzelstaaten an den nationalen Gesamtstaat bedingte. Es war nicht nur eine nationale Republik, die sie fürchteten, sondern auch das Kaisertum, das geeignet sein würde, sie in das Verhältnis von Vasallen hinabzudrücken. Die deutschen Fürsten, mit Ausnahme des einen, der hoffen durfte, den Kaiserthron zu besteigen, waren also die natürlichen Feinde der in einem starkgefügten Gesamtstaat verkörperten deutschen Einheit. Es mag ein paar national gesinnte Männer unter ihnen gegeben haben, die sich über diese Besorgnis hinwegzusetzen vermochten, aber gewiß nur wenige. Österreich wünschte ein einiges Deutschland in irgendwelcher Form nur dann, wenn es darin die Stellung der leitenden Macht einnehmen konnte.

Ihnen gegenüber stand das Nationalparlament in Frankfurt, das Kind der Revolution. Es hatte zu seiner unmittelbaren Verfügung keine staatliche Maschinerie, keine Armee, keinen Schatz, – nur seine moralische Autorität; all die andern Dinge waren in den Händen der Einzelstaaten. Die einzige Macht des Nationalparlaments bestand in dem Volkswillen. Und diese Macht war hinreichend für die Erfüllung seiner Mission, solange der Volkswille sich stark genug erwies, selbst durch revolutionäre Aktion im Notfalle, die widerstrebenden Interessen und Tendenzen des Fürstentums in Schach zu halten. Wollte daher das Parlament seines Erfolges in der Schöpfung des deutschen Einheitsstaates sicher sein, so mußte es seine Reichsverfassung vollenden und seinen Kaiser wählen und einsetzen, während das revolutionäre Prestige des Volkes noch ungebrochen war – in den ersten drei oder vier Monaten nach der Märzrevolution. Kein deutscher Fürst würde sich damals geweigert haben, die Kaiserkrone mit einer noch so demokratischen Verfassung anzunehmen, und keiner, noch so viele seiner ehemaligen Souveränitätsrechte dem Einheitsstaat zu opfern.

Aber das Parlament litt an einem Übermaß von Geist, Gelehrsamkeit und Tugend und an einem Mangel an derjenigen politischen Erfahrung und Einsicht, die erkennt, daß das Bessere oft der Feind des Guten ist und daß der wahre Staatsmann sich hüten wird, die Gunst der Stunde zu verscherzen, indem er durch eigensinniges Bestehen auf dem Minderwesentlichen die Erreichung des Wesentlichen gefährdet. Die Welt hat wohl nie eine politische Versammlung gesehen, die eine größere Zahl von edlen, gelehrten, gewissenhaften und patriotischen Männern in sich schloß, und es gibt vielleicht kein ähnliches Buch, reicher an gründlichem Wissen und an Mustern hoher Beredsamkeit als die stenographischen Berichte des Frankfurter Parlaments. Aber ihm fehlte das Genie, das die Gelegenheit erkennt und rasch beim Schopf ergreift; – es vergaß, daß in gewaltsam bewegter Zeit die Weltgeschichte nicht auf den Denker wartet. Und so sollte ihm alles mißlingen.

Das Parlament erkannte allerdings bald nach seiner Eröffnung, daß, wenn es nicht eine bloße Konstituante, sondern auch, bis die Verfassung fertig sei, eine zeitweilige Regierung vorstellen wollte, es dazu eine Exekutivbehörde haben müsse; und so beschloß es die Einrichtung einer „Provisorischen Zentralgewalt“ mit einem „Reichsverweser“ an der Spitze. Und zu diesem Amte wählte es den im Geruch des Liberalismus stehenden Erzherzog Johann von Österreich, der sich denn auch mit einem Reichsministerium umgab. Aber, wie schon früher erwähnt, sein Minister des Auswärtigen hatte keine diplomatische Dienstmaschinerie unter sich, der Kriegsminister keine Armee, der Flottenminister keine nennenswerten Schiffe und der Finanzminister kein Geld. Alle diese Dinge, welche die substantielle Macht einer Regierung ausmachen, blieben doch in den Händen der Einzelstaaten, und die Disposition des Nationalparlaments und seiner Zentralgewalt darüber erstreckte sich nur so weit, wie die Einzelregierungen dieselbe zugestanden – und das war nur so weit, wie die Einzelregierungen glaubten, durch die Zeitlage zu diesem Zugeständnis genötigt zu sein. Die eigentliche Lebensquelle der Macht des Parlaments blieb also nach wie vor der Volkswille, wie er sich nötigenfalls durch des Volkes revolutionäre Kraft geltend machen konnte. Diese revolutionäre Kraft stand nun am Ende des Jahres 1848 der Fürstengewalt bei weitem nicht mehr so gebietend gegenüber wie im Frühling. Während ein Teil des im März so enthusiastischen Volkes der beständigen Aufregungen mehr oder minder müde geworden war, hatten sich die Fürsten und ihre unmittelbaren Anhänger von ihrem Märzschrecken erholt, sich des Beamtentums und der Militärmacht neu versichert, ihre Ziele klar ins Auge gefaßt, und tatsächlich an den großen Zentralpunkten Wien und Berlin im Oktober und November dem revolutionären Geist sehr schwere Niederlagen beigebracht. Die Möglichkeit eines neuen revolutionären Anlaufs im großen Maßstabe war also weit geringer geworden. Unter diesen Umständen konnte das Nationalparlament immer noch seine Verordnungen beschließen und durch die Zentralgewalt proklamieren lassen – aber die Einzelregierungen fühlten mehr und mehr, daß sie sich daran nicht viel mehr zu kehren brauchten, als ihnen gut schien. Nun hatte das Parlament noch seine Hauptaufgabe zu lösen: Die Verfassung des deutschen Reiches zu vollenden und einzuführen und damit dem nationalen Bedürfnisse des deutschen Volkes Genüge zu tun.

Diese Aufgabe war keine einfache. Es galt zu entscheiden, nicht allein was für staatsbürgerliche Rechte der Deutsche besitzen, ob Deutschland einen von allem Volk gewählten Reichstag haben, ob das Haupt der Nationalregierung ein erblicher, oder ein Wahlkaiser, oder ein Präsident, oder ein Exekutivkollegium sein, sondern auch, aus welchen Bestandteilen das deutsche Reich zusammengesetzt sein, ob die deutsch-österreichischen Länder einen Teil davon ausmachen, und welcher der beiden deutschen Großmächte, Österreich oder Preußen, in diesem Falle die Hegemonie in Deutschland zugestanden werden solle. Lange dauerte der parlamentarische Kampf, und erst dann, als der österreichische Reaktionsminister Fürst Felix Schwarzenberg für das ganze als Einheitsstaat organisierte Österreich mit seinen nahezu dreißig Millionen nichtdeutscher Einwohner den Eintritt in den deutschen Bund verlangte – eine Forderung, mit der die Schöpfung eines deutschen Nationalreiches durchaus unvereinbar war –, erst dann konnte im Parlament eine Mehrheit gefunden werden, die sich für das erbliche Kaisertum erklärte und, am 28. März 1849, den König von Preußen zum deutschen Kaiser erwählte.

Wie unbeliebt auch die Preußen und ihr König außerhalb der preußischen Grenzen, und besonders in Süddeutschland, gewesen sein mochten, und wie wenig auch die demokratische Partei die Schöpfung einer Exekutivgewalt des deutschen Reiches in der Form des erblichen Kaisertums gewünscht hatte, dennoch flammte, als das Einigungswerk endlich vollendet schien, der nationale Enthusiasmus noch einmal auf in heller, freudiger Glut. Eine aus 33 Mitgliedern bestehende Deputation des Nationalparlaments mit dem Präsidenten der Versammlung an der Spitze begab sich, auf dem Wege überall mit der lautesten Begeisterung begrüßt, nach Berlin, um dem König von Preußen die verfassungsmäßige Kaiserwürde anzubieten und ihn zur Annahme aufzufordern. Und nun kam die bitterste Enttäuschung von allen.

Freilich wußte man, daß Friedrich Wilhelm IV., an seinem absolutistischen Mystizismus festhaltend, den souveränen Charakter des Nationalparlaments als einer konstituierenden Versammlung nicht anerkannt und für die Krone Preußen sowie für die anderen deutschen Fürsten das Recht, das Verfassungswerk zu revidieren, beansprucht hatte. Auch wußte man, daß die vom Parlament hergestellte Verfassung für seinen Geschmack viel zu demokratisch war. Aber nachdem alle deutschen Regierungen, mit Ausnahme der königlichen von Bayern, Sachsen und Hannover, (Österreich kam jetzt nicht mehr in Betracht) dem Druck der öffentlichen Meinung nachgebend, sich bereit erklärt hatten, die Reichsverfassung mitsamt dem Kaisertum anzunehmen und es gewiß war, daß auch die drei zurückhaltenden Könige keinen Widerstand wagen würden, da glaubte das noch immer gern vertrauende Volk, der Mann, der im März 1848 auf den Straßen von Berlin feierlich erklärt, er wolle sich an die Spitze der nationalen Bewegung stellen, und Preußen solle in Deutschland aufgehen, könne unmöglich das nationale Einigungswerk in dem Augenblick, da es zu seiner Vollendung nur noch seiner Einwilligung bedurfte, von sich stoßen und vernichten wollen. Doch das war es, was geschah. Friedrich Wilhelm IV., der sich über die Weise, in welcher Deutschland geeinigt werden könnte, allerlei phantastischen Träumereien hingegeben hatte, fand die ihm gebotene Verfassung in allen wesentlichen Punkten von seinen eigenen Konzeptionen abweichend. Das Nationalparlament habe überhaupt kein Recht, ihm oder irgend jemandem eine Krone anzubieten; solch ein Anerbieten könne rechtmäßigerweise nur von der freien Entschließung der deutschen Fürsten ausgehen. Auch würde die Annahme der deutschen Kaiserkrone mit seinem Gefühl freundschaftlicher Verbindlichkeit Österreich gegenüber nicht verträglich sein. Diese und ähnliche Gründe für die Nichtannahme der Reichsverfassung wurden von dem Könige teils öffentlich, teils vertraulich angegeben. Vielleicht lag der schwerwiegendste Grund, der den schwachmütigen Monarchen schreckte, in der Wahrscheinlichkeit, daß er die deutsche Kaiserwürde, einmal angenommen, in der Folge mit den Waffen gegen Österreich und Rußland werde verteidigen müssen, – eine Besorgnis, die auf fast naive Weise zum Ausdruck kam in einer Antwort, die der König dem auf Annahme der Kaiserwürde dringenden Herrn von Beckerath gab: „Wenn Sie Ihre beredten Worte an Friedrich den Großen hätten richten können, der wäre Ihr Mann gewesen; ich bin kein großer Regent.“ In der Tat hat Friedrich Wilhelm IV. vom ersten Tage seiner Regierung bis zu deren unrühmlichem Ende genugsam bewiesen, daß er nicht dazu gemacht war, der erste Kaiser des neuen deutschen Reiches zu sein. Er schwankte stets und blieb nur beständig in seiner Schwäche.

Die Ablehnung der Kaiserwürde und der Reichsverfassung durch den König von Preußen verwandelte den allgemeinen Enthusiasmus in ebenso allgemeine Bestürzung und Indignation. Am 11. April erklärte das Natonalparlament, an seiner Reichsverfassung unwandelbar festhalten zu wollen. Am 14. hatten die Kammern und Regierungen von 28 deutschen Staaten ihre unbedingte Annahme dieser Verfassung und des preußischen Kaisertums ausgesprochen, aber Friedrich Wilhelm IV. blieb bei seiner Ablehnung und die Könige von Bayern, Hannover und Sachsen bei ihrer Renitenz. Am 4. Mai nun forderte das Nationalparlament die „Regierungen, die gesetzgebenden Körper, die Gemeinden der Einzelstaaten, das gesamte deutsche Volk auf, die Verfassung des deutschen Reiches zur Anerkennung und Geltung zu bringen.“ Dieser Beschluß klang einem Aufruf zu den Waffen sehr ähnlich. In verschiedenen Teilen Deutschlands war ihm bereits vorgegriffen worden. In der bayerischen Rheinpfalz hatte schon am 30. April das Volk sich mit seltener Einmütigkeit erhoben und in kolossalen Massenversammlungen im Widerspruch gegen die bayerische Regierung erklärt, daß es mit der Reichsverfassung stehen und fallen werde. Die patriotischen Pfälzer gingen sogar weiter. Sie errichteten eine provisorische Regierung, welche die von dem König von Bayern eingesetzten Behörden verdrängte. Die Erhebung pflanzte sich rasch nach Baden fort, wo die ganze Armee des Großherzogtums mit Ausnahme einer kleinen Abteilung Kavallerie sich ihr anschloß und den Aufständischen die Festung Rastatt in die Hände lieferte. Der Großherzog von Baden flüchtete und an seine Stelle trat auch dort eine aus Volksführern zusammengesetzte provisorische Regierung. Im Königreich Sachsen erhob sich das Volk der Hauptstadt Dresden, um den König zur Anerkennung der Reichsverfassung zu zwingen. Auch dort sah sich der König nach kurzem Kampf zwischen Volk und Militär zur Flucht genötigt, und eine provisorische Regierung wurde eingesetzt. Aber der König wandte sich an die preußische Regierung um Hülfe. Diese wurde bereitwillig gewährt, und es waren preußische Truppen, die nach blutigem Kampf in den Straßen von Dresden den Aufstand niederwarfen und die Autorität des sächsischen Königs wiederherstellten.

Sollten die Reichstreuen, die Deutschgesinnten in Preußen ihre Hände ruhig in den Schoß legen, während ihre Regierung preußische Soldaten zur Unterdrückung der nationalen Bewegung aussandte? In Berlin und Breslau wurden Volksaufstände versucht, aber schleunig von den Behörden mit bewaffneter Hand unterdrückt. In der Rheinprovinz war die Aufregung ungeheuer. In Köln wurde eine Versammlung der rheinischen Gemeindevertretungen abgehalten, die fast einstimmig die Anerkennung der deutschen Reichsverfassung forderte und im Falle der Weigerung der preußischen Regierung mit dem Abfall des preußischen Rheinlandes von der Monarchie drohte. Aber die preußische Regierung hatte längst aufgehört, sich durch bloße Versammlungen und hochtönende Worte schrecken zu lassen, wenn nicht eine starke revolutionäre Tatkraft dahinter stand. Es war klar, um die Reichsverfassung und die nationale Einheit zu retten, mußte gehandelt werden. Wiederum blickte man auf die Hauptstadt des Rheinlandes, Köln, wo jedoch eine so große Truppenmacht konzentriert war, daß keine Schilderhebung dagegen mit der geringsten Aussicht auf Erfolg gewagt werden konnte. Aber in den Fabrikdistrikten auf dem rechten Rheinufer, in Iserlohn, Düsseldorf und Elberfeld, brach der Aufstand wirklich los. Die unmittelbare Veranlassung dazu war der des tragischen Oktoberaufstandes in Wien nicht unähnlich. Die preußische Regierung verordnete die Mobilmachung der rheinischen Armeekorps, um diese gegen die „Insurgenten“, die Verteidiger der Reichsverfassung in der Pfalz und in Baden, ins Feld zu führen. Zu diesem Zwecke wurde in der Rheinprovinz und in Westfalen die Landwehr in Dienst gerufen. Die Landwehrmänner waren damals, wie jetzt, Männer zwischen 25 und 35 Jahren, Bauern, Handwerker, Fabrikarbeiter, Kaufleute oder in gelehrten Fächern tätig, viele von ihnen Väter junger Familien. Ihren Lebenserwerb zu unterbrechen und ihre Familien zu verlassen, würde den meisten von ihnen unter allen Umständen ein schweres Opfer gewesen sein. Um wieviel schwerer war dieses Opfer, wenn es ihnen zugemutet wurde, nur damit sie helfen sollten, diejenigen niederzuschlagen, die sich in Baden und in der Pfalz für die Sache der vaterländischen Einheit und der Volksfreiheit erhoben hatten, und mit denen sehr viele, wenn nicht die große Mehrheit der Landwehrleute im Herzen warm sympathisierten? So geschah es denn, daß zahlreiche Versammlungen von Landwehrleuten gehalten wurden, die erklärten, sich nicht unter die Waffen stellen zu wollen. An mehreren Depotplätzen, an denen sich die Landwehrmänner sammeln mußten, um ins Gewehr zu treten, gab es offene Widersetzlichkeit, und in einigen, wie Düsseldorf, Iserlohn und Elberfeld wurde der Aufstand auf kurze Zeit Meister.

Offenbar aber konnte dieser Aufstand nur dann eine Möglichkeit des Erfolges haben, wenn die Erhebung im Lande allgemein wurde, und in der Tat sah es einen Augenblick aus, als ob die Widersetzlichkeit der Landwehren im Rheinland und Westfalen sich ausbreiten und zum Sammelpunkt einer mächtigen und folgenreichen Bewegung gestalten werde. Aber was geschehen sollte, mußte dann sofort geschehen. So trat die Frage des Augenblicks auch an uns in Bonn heran. Kinkel war wieder da. Die Kammer, deren Mitglied er gewesen, hatte den König nochmals zur Anerkennung der Reichsverfassung und zur Annahme der Kaiserkrone aufgefordert und war dann aufgelöst worden. Kinkel war in Bonn der anerkannte demokratische Führer. Jetzt galt es für ihn, seine Fähigkeit zu rasch entschlossenem Handeln zu beweisen, oder die Führerschaft in der entscheidenden Stunde andern zu überlassen. Er zögerte keinen Augenblick. Was war zu tun? Daß die Landwehr, wenigstens der größte Teil davon, nicht unter die Waffen zu treten wünschte, um die Verteidiger der Reichsverfassung zu bekämpfen, war gewiß. Aber wollte sie diese Weigerung aufrecht halten, so mußte sie selbst die Waffen ergreifen gegen die preußische Regierung, gegen den eigenen „Kriegsherrn“. Um den Widerstand gegen die preußische Regierung tatkräftig zu machen, war sofortige massenweise Organisation nötig. Ob die Landwehr dazu gebracht werden konnte, ob sie allgemein bereit war, dem Beispiel von Düsseldorf, Iserlohn und Elberfeld zu folgen, mußte sich erst zeigen. Waren die Landwehrleute dazu bereit, so konnten sie nichts Einfacheres und Besseres tun, als sich ohne weiteres in den Besitz der Waffen zu setzen, die in den an verschiedenen Orten befindlichen Landwehr-Zeughäusern aufgespeichert lagen, um dann unter ihren eigenen Führern als eine kampffähige Organisation gegen die preußische Regierung Front zu machen. Ein solches Zeughaus befand sich in Siegburg, ein paar Stunden Weges von Bonn auf der rechten Rheinseite. Es gab dort Musketen mit allem Zubehör genug, um eine ansehnliche Schar zu bewaffnen, die sich dann leicht mit den Aufständischen in Elberfeld hätte in Verbindung setzen, eine bedeutende Macht bilden und den Aufstand nach allen Seiten ausbreiten können. Dies war der Gedanke, der den demokratischen Führern in Bonn und der Umgegend mit größerer oder geringerer Klarheit durch den Kopf ging, und es fand sich auch ein militärisches Haupt zu dessen Ausführung in der Person des ehemaligen Artillerieleutnants Fritz Anneke, der von Köln zu uns herüberkam. Auf den 11. Mai war die Landwehr des Distrikts nach Siegburg berufen, um eingekleidet zu werden. So drängte die Zeit.

Am 10. Mai hatten wir in Bonn eine Versammlung der Landwehrleute aus der Stadt und der Umgegend veranstaltet. Schon während der Morgenstunden strömte eine große Menge im Saal des Römers zusammen. Anselm Unger, zum Vorsitzenden erwählt, ermahnte die Leute, der Einberufung durch die preußische Regierung nicht Folge zu leisten, sondern, wenn die Waffen ergriffen werden müßten, sie dann gegen die Regierung, die das deutsche Volk um seine Freiheit und Einheit bringen wolle, zu ergreifen und zur Verteidigung der Reichsverfassung zu führen. Die Leute nahmen diese Ermahnung mit allen Zeichen warmen Einverständnisses auf. Die Versammlung dauerte den ganzen Tag. Die Zahl der herbeikommenden Landwehrleute wurde immer größer. Verschiedene Redner sprachen zu ihnen, alle in demselben Sinne und, wie es schien, mit derselben Wirkung. Es war unter uns beschlossen, den Schlag gegen das Zeughaus in Siegburg noch diese Nacht zu führen und so die von der Regierung beabsichtigte Bewaffnung der Landwehrleute selbst zu übernehmen. Zu diesem Zwecke mußten die Leute während des Tages zusammengehalten werden, um in möglichst großer Zahl an dem nächtlichen Zuge nach Siegburg teilzunehmen.

Die Leute zusammenzuhalten, war nicht leicht. Etwas Geld war aufgebracht worden, um sie während des Tages zu speisen. Aber das allein genügte nicht. Kinkel, nachdem er noch seine letzte Vorlesung in der Universität gehalten hatte, sprach nachmittags um 4 Uhr zu der Versammlung im Römer. Mit glühenden Worten fachte er die patriotischen Gefühle seiner Zuhörer an, ermahnte sie dringend zusammenzubleiben, da jetzt die Stunde des entscheidenden Handelns gekommen sei, und versprach ihnen am Schluß seiner Rede, bald wieder unter ihnen zu erscheinen, um im Augenblick der Gefahr ihr Schicksal mit ihnen zu teilen.

Ich brachte einen Teil des Tages in der Versammlung zu, den größeren aber im Exekutivkomitee, oder, wie es genannt wurde, im „Direktorium“ des demokratischen Vereins, das in einer Hinterstube der Kammschen Wirtschaft in Permanenz saß. Dort empfing es die laufenden Berichte von Elberfeld und von den demokratischen Vereinen der Umgegend über deren Aktionsbereitschaft, und dort wurden die Anordnungen für den Marsch nach dem Siegburger Zeughause in der kommenden Nacht festgestellt und die Rollen verteilt. Kinkel und Unger sollten die Landwehrleute und andere, die an der Expedition teilzunehmen bereit waren, zusammenhalten und, so gut es ging, organisieren, um sie dann unter Annekes militärischem Kommando über den Rhein zu bringen, während Kamm, Ludwig Meyer, ich und noch ein anderer Student dafür sorgen sollten, daß die Fähre, oder „fliegende Brücke“, die gewöhnlich des Nachts auf der anderen Rheinseite bei dem Dorfe Beuel festlag, unserm Unternehmen rechtzeitig zu Dienst sei.

Es gab den ganzen Tag des geschäftigen Hin- und Herrennens so viel, daß manche der Einzelheiten mir nicht mehr ganz klar im Gedächtnisse stehen. Ich erinnere mich jedoch lebhaft genug, daß, so oft ich auf der Straße erschien, ich von Freunden unter den Studenten festgehalten und gefragt wurde, was im Winde sei, und ob sie mitmarschieren sollten, und daß ich ihnen sagte, für was ich selbst mich entschlossen hätte in dieser großen Krisis zu tun, und daß jeder von ihnen seine Entschlüsse ebenfalls auf eigene Verantwortung fassen müsse. Nach den fieberhaften Aufregungen der letzten Tage war ich zu der desperaten Fassung gekommen, die zu dem äußersten bereit ist. Es war mir klar, daß, wenn irgendwelche der Früchte der Revolution gerettet werden sollten, jetzt alles gewagt werden müsse. In diesem Sinne sprach ich zu meinen Freunden, ohne weitere Versuche der Überredung.

Sehr lebhaft erinnere ich mich auch, wie ich bei dem letzten Abenddämmerlicht nach Hause ging, um meinen Eltern zu sagen, was geschehen werde, und was ich für meine Pflicht halte, um dann von den Meinigen Abschied zu nehmen. Seit dem Ausbruch der Revolution hatten meine Eltern an der Entwicklung der Dinge das wärmste Interesse genommen. Sie waren immer für die Sache des einigen Deutschlands und einer volkstümlichen Regierung aufrichtig begeistert gewesen. Ihre politischen Gesinnungen stimmten daher mit den meinigen aufs innigste überein. Mein Vater war Mitglied des demokratischen Vereins und freute sich, mich unter dessen Führern zu sehen und zu hören. Die edle Natur meiner Mutter hatte immer dem, was sie für Recht hielt, mit tief enthusiastischem Eifer angehangen. Beide hatten den Gang der Ereignisse hinreichend beobachtet, um die Katastrophe kommen zu sehen. Die Ankündigung, die ich ihnen zu machen hatte, überraschte sie daher nicht. Ebensowenig kam es ihnen unerwartet, daß ich an dem Unternehmen, das so gefahrvoll und für mich so folgenschwer aussah, persönlich teilnehmen werde. Ohne weiteres erkannten sie meine Verpflichtung an. Freilich ruhten all ihre Hoffnungen für die Zukunft auf mir. Ich sollte im Kampf ums Dasein die Stütze der Familie sein. Aber ohne eines Augenblicks Zaudern und ohne ein Wort der Klage gaben sie alles hin für das, was sie für eine Pflicht der Ehre und des Patriotismus ansahen. Wie eine der spartanischen Frauen oder der römischen Matronen, von denen wir lesen, holte meine Mutter mit eigener Hand meinen Säbel aus der Ecke und gab ihn mir mit der einzigen Ermahnung, ich solle ihn ehrenhaft führen. Und nichts hätte ihrer Seele dabei fremder sein können, als der Gedanke, daß in dieser Handlung etwas Heroisches lag.

Ehe ich das Haus verließ, verweilte ich noch einen Augenblick in meinem Zimmer. Wir wohnten damals auf der Koblenzer Straße und von meinem Fenster hatte ich einen freien Blick auf den Rhein und das Siebengebirge, jene Aussicht, die an Lieblichkeit in der ganzen Welt ihresgleichen sucht. Wie oft hatte ich, in den Anblick dieses anmutigen Bildes versunken, mir träumend eine schöne ruhige Zukunft aufgebaut! Nun konnte ich in der Dunkelheit nur die Konturen meiner geliebten Berge gegen den Horizont stehend unterscheiden. Hier war meine Arbeitsstube, still wie sonst. Wie oft hatte ich sie mit meinen Phantasien bevölkert! Da waren meine Bücher und Manuskripte, alle von Plänen, Bestrebungen und Hoffnungen zeugend, die ich nun vielleicht auf immer hinter mir lassen sollte. Ein instinktives Gefühl sagte mir, daß es damit nun wirklich vorbei sei. Ich ließ alles liegen, wie es eben lag, kehrte der Vergangenheit den Rücken und ging meinem Schicksal entgegen.

Zu derselben Stunde nahm auch Kinkel von seiner Frau und Kindern Abschied und schritt dann zu der Versammlung im Römer zurück, wo er auf der Rednerbühne mit einer Muskete bewaffnet erschien. In seiner eindrucksvollen Weise kündigte er seinen Zuhörern an, was heute nacht geschehen müsse, und was er zu tun entschlossen sei; niemanden fordere er auf, ihm blindlings zu folgen; niemandem verberge er die Tragweite und die Gefahren des Unternehmens; nur die, welche in der höchsten Not des Vaterlandes, wie er, ihre Pflicht fühlten, das äußerste zu wagen, forderte er auf, mit ihm zu marschieren in Reih und Glied.

Unterdessen war ich darauf bedacht, den mir gewordenen Auftrag zu erfüllen. Ich nahm meinen Weg noch einmal an Bettys Haus vorüber und blickte zu dem Fenster hinauf, an dem ich sie so oft gesehen. Es war dunkel. Dann ging ich zu einer verabredeten Stelle am Rheinufer hinunter, wo ich einen Genossen fand – ich glaube, es war Ludwig Meyer – mit dem ich in einem Kahn über den Rhein setzte. Drüben empfing uns der bereits früher angekommene Kamm; er präsentierte sich in einem Reisekittel mit einem Säbel an der Seite und einer Kugelbüchse in der Hand. Wir nahmen sofort von der „fliegenden Brücke“ Besitz, ließen sie nach Bonn hinüberschwingen und brachten sie gegen Mitternacht mit Menschen bedeckt nach der rechten Rheinseite zurück. Diese war die Truppe, die nach Siegburg marschieren und dort das Zeughaus nehmen sollte. Kinkel erschien mit der Muskete auf der Schulter. Unger saß zu Pferde, mit einem Säbel bewaffnet. Ein Fuhrmann namens Bühl, der in Bonn als der Führer eines anrüchigen Elementes galt, hatte sich ebenfalls zu Pferde eingefunden. Die übrigen waren zu Fuß, die meisten bewaffnet, aber nur wenige mit Schießgewehren. Mir hatte man eine Kugelbüchse mitgebracht, aber ohne passende Munition.

Anneke ordnete die Schar und teilte sie in Sektionen ein. Eine derselben wurde unter das Kommando von Joseph Gerhardt gestellt, der später nach Amerika ging und im Rebellionskriege als Oberst eines Unionsregimentes gute Dienste tat. Anneke fand, daß seine Truppe nicht ganz 120 Mann zählte, und konnte sich nicht enthalten, seiner Enttäuschung bitteren Ausdruck zu geben. Es hatten sich eben viele, die der Versammlung im Römer beigewohnt, in der Dunkelheit stille beiseite geschlichen, als das Zeichen zum Abmarsch gegeben wurde. Es mag sein, daß mancher patriotische Impuls, der am Morgen frisch und tatkräftig war, in den langen Stunden, die zwischen dem Entschluß und dem Augenblick des Handels verstrichen, abgestumpft wurde und der Müdigkeit des Abends erlegen war.

Nachdem wir nun in Kolonne formiert worden, hielt Anneke eine kurze Ansprache, in der er die Notwendigkeit der Disziplin und des Gehorsams hervorhob, und dann wurde marsch! kommandiert. Schweigend ging es nun in der Dunkelheit vorwärts auf Siegburg zu. Wir waren vielleicht eine gute halbe Stunde marschiert, als einer unserer beiden Reiter nachgesprengt kam mit dem Bericht, daß die in Bonn stationierten Dragoner uns auf den Fersen seien, um uns anzugreifen. Eigentlich hätte diese Kunde niemand überraschen sollen, denn während des Tages und Abends waren die Vorbereitungen zu dem nächtlichen Zuge so öffentlich betrieben worden, daß es erstaunlich gewesen wäre, hätten die Behörden nicht davon Kunde erhalten und dann Maßregeln getroffen, den Zweck der Expedition zu vereiteln. Überdies hatten wir vergessen, die fliegende Brücke hinter uns dienstuntauglich zu machen. Nichtsdestoweniger brachte die Meldung von dem Herannahen der Dragoner in unserer Schar viel Aufregung hervor. Anneke befahl unserem Reiter zurückzueilen und sich zu vergewissern, wie nahe und wie stark der uns nachsetzende Trupp Dragoner sei. Unterdessen wurde unser Marsch beschleunigt, damit wir noch vor der Ankunft der Dragoner den Übergang über den Siegfluß bei Siegburg-Müldorf bewerkstelligen möchten, um dem Feinde die Passage streitig zu machen. Aber dies mißlang. Lange ehe wir den Siegfluß hätten erreichen können, erklang in geringer Entfernung hinter uns das Trabsignal der Dragoner. Anneke, der offenbar der Kampffähigkeit seiner Schar nicht traute, ließ sofort halt machen und sagte den Leuten, sie seien augenscheinlich nicht imstande, den herankommenden Truppen erfolgreichen Widerstand zu leisten; sie sollten daher auseinandergehen und, wenn sie sich der Sache des Vaterlandes weiter widmen wollten, ihren Weg nach Elberfeld finden, oder nach der Pfalz, wie er es tun werde. Dieses Zeichen zur Auflösung wurde sofort befolgt. Die meisten zerstreuten sich in den umliegenden Kornfeldern, während einige von uns, etwa zwanzig, an der Seite der Straße stehen blieben. Die Dragoner ritten ruhig im Trabe durch auf Siegburg zu. Es waren ihrer nur etliche dreißig, also nicht genug, uns zu überwältigen oder selbst auf der Straße durchzudringen, hätten diejenigen von uns, die Feuerwaffen trugen, einen geordneten Widerstand geleistet.

Als nun die Dragoner zwischen uns durchgeritten waren und sich der Unsrigen nur wenige in der Dunkelheit auf der Straße zusammenfanden, überkam mich ein Gefühl tiefer, grimmiger Beschämung. Unser Unternehmen hatte also nicht nur einen unglücklichen, sondern einen lächerlichen, schmachvollen Ausgang genommen.

Vor einer Handvoll Soldaten war unsere mehr als dreimal so starke Schar, ohne einen Schuß zu feuern, auseinander gelaufen. So bewahrheiteten sich die großen Worte derer, welche der Freiheit und Einheit des deutschen Volkes Gut und Blut, Leib und Leben zu opfern versprochen. – Ich suchte Kinkel, konnte ihn aber in der Finsternis nicht finden. Endlich stieß ich auf Kamm und Ludwig Meyer. Sie fühlten beide wie ich, und wir beschlossen sofort, vorwärts zu gehen und zu sehen, was sich noch werde tun lassen. So marschierten wir denn den Dragonern nach und trafen in der kleinen Stadt Siegburg kurz vor Tagesanbruch ein. Der dortige demokratische Verein, mit dem wir Verbindung unterhalten und dessen Führer uns in der vergangenen Nacht erwartet hatten, benutzte einen Gasthof, der Reichenstein genannt, als sein Hauptquartier. Dorthin begaben wir uns. Unsere demokratischen Freunde waren früh morgens zu Stelle, und mit ihnen berieten wir eifrig die Frage, ob nicht trotz des armseligen Fehlschlages der vergangenen Nacht und der Besetzung des Zeughauses durch die Dragoner das Zeughaus dennoch genommen und ein Aufstand organisiert werden könnte, um unseren bedrängten Gesinnungsgenossen in Düsseldorf und Elberfeld Luft zu machen. Die Stimmung unserer Siegburger Freunde klang wenig ermutigend. Ich war in einer fieberhaften Aufregung, die durch neue Nachrichten von Elberfeld noch gesteigert wurde. Obgleich todmüde, konnte ich nicht schlafen. Im Laufe des Tages sammelte sich eine große Menschenmenge, einberufene Landwehrleute und andere aus der Umgegend. Bald wurden Reden gehalten, und ich forderte direkt und wiederholt zur Stürmung des Zeughauses auf. Ein Gerücht drang zu mir, daß während des Tages in Bonn ein Kampf zwischen Bürgern und Militär ausgebrochen sei, und das Gerücht teilte ich der versammelten Menge mit, mußte aber, nachdem spätere Nachrichten angekommen, zu meiner Beschämung gestehen, daß ich übel berichtet gewesen. Ich war außer mir vor Begierde, die Schmach der letzten Nacht auszuwaschen und für unsere Sache auch unter ungünstigen Umständen noch das Äußerste zu versuchen. Meine Reden wurden immer heftiger, aber umsonst. Der Abend kam, die Menge verlief sich, und ich mußte mir endlich gestehen, daß die Leute, die wir vor uns hatten, nicht zu einer entschlossenen Tat angefeuert werden konnten. Unger, Meyer und ich beschlossen, dahin zu gehen, wo gekämpft wurde, machten uns auf den Weg nach Elberfeld und erreichten unser Ziel am nächsten Tage.

Dort fanden wir Barrikaden auf den Straßen, viel Lärm in den Wirtshäusern, eine nur geringe Zahl von Bewaffneten, und weder systematisches Kommando noch Disziplin. Hier war offenbar kein Erfolg in Aussicht. Hier konnte es nichts geben, als einen von vornherein hoffnungslosen Kampf, oder gar eine sofortige Kapitulation. „Hier ist es nichts,“ sagte ich zu Unger, „ich gehe nach der Pfalz.“ Meyer war bereit mich zu begleiten. Wir befanden uns bald an Bord eines rheinaufwärts fahrenden Dampfers. Ich ordnete brieflich an, daß mir sofort einige Sachen zu meiner Ausrüstung an unsern schon erwähnten braven Frankonenfreund den Wirt Nathan in St. Goarshausen nachgeschickt werden sollten, und am Abend desselben Tages waren wir im Schatten des Lurleifelsens unter Nathans gastlichem Dach.

Nach den furchtbaren Aufregungen der letzten vier Tage kam ich da zum erstenmal wieder zu ruhiger Besinnung. Als ich von einem langen und tiefen Schlaf erwachte, erschien mir das Vergangene wie ein wüster Traum, und dann doch als grelle, furchtbare Wirklichkeit. Der Gedanke ging mir durch den Kopf, daß ich nun, obgleich vorläufig in Nathans Hause sicher genug, doch eigentlich jetzt ein von der Obrigkeit Verfolgter, ein Landflüchtiger sei, denn es war nicht denkbar, daß die Regierung einen Versuch zur Stürmung eines Zeughauses ungeahndet werde passieren lassen.

Dies war ein eigentümlich unbehagliches Gefühl; ein viel häßlicheres aber, daß ich auf die Handlung, der ich meine Ächtung verdankte, obgleich ich sie nach wie vor für recht und patriotisch hielt, doch nicht stolz sein konnte, da sie einen so schmählichen Ausgang genommen – schmählich genug in der Tat, um mir die Rückkehr zu meinen Freunden unmöglich zu machen, solange diese Schmach nicht ausgewaschen sei. Am tiefsten aber grämte es mich, nun zu wissen, daß alle Aufstandsversuche in Preußen fehlgeschlagen seien, und daß jetzt die preußische Regierung imstande sein werde, ihre ganze Macht gegen die Aufständischen in Baden und in der Pfalz zu wälzen. Freilich erwärmte ich mich dann an dem Glauben, daß eine so große, so gerechte, so heilige Sache wie die der deutschen Einheit und Volksfreiheit unmöglich verloren gehen könne, und daß ich doch noch Gelegenheit haben werde, zu ihrem Siege, wenn auch nur ein Geringes, beizutragen. Nie werde ich die Stunden vergessen, die ich, diese Dinge besprechend, mit Meyer und mit Wessel, einem von Bonn zu uns heraufgekommenen Frankonenfreunde, unter dem Lurleifelsen auf und ab ging – jener schönsten, traumhaftesten Nische des lieben Rheintals. Meyer sah seine Lage etwas nüchterner an als ich die meinige. Nach reiflicher Überlegung, in der Rücksichten auf seine Familie wohl eine wichtige Rolle spielten, kam er zu dem Entschluß, nach Bonn zurückzukehren und in bezug auf die Siegburger Affäre die Chance eines Prozesses auf sich zu nehmen. Viel, meinte er, werde man ihm doch nicht anhaben. Ich versuchte nicht, dem herzensguten, braven Kameraden meine Anschauung aufzudrängen, und so mußten wir denn scheiden.

Der Abschied von Meyer und Wessel wurde mir sehr schwer. Als ich ihnen zum letztenmal die Hände drückte, fühlte ich, als schiede ich nicht allein von ihnen, sondern als nähme ich noch einmal Abschied von meinen Eltern und Geschwistern, von meiner Heimat, von meinen lieben Freunden, von meiner ganzen Vergangenheit. Ade du schöne Studentenzeit mit deinen köstlichen Freundschaften, deinem idealen Streben, deinen glorreichen Jugendträumen!

Die Lehrjahre waren zu Ende, die Wanderschaft begann. Meyer und Wessel fuhren rheinabwärts nach Bonn zurück, ich allein rheinaufwärts nach Mainz.

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