Das Haus zu den drei Giebeln

Ich glaube, keines von meinen Abenteuern mit Sherlock Holmes hat so abrupt oder so dramatisch begonnen wie jenes, das ich mit den Drei Giebeln verbinde. Einige Tage lang hatte ich Holmes nicht gesehen und keine Vorstellung davon, in welche Richtung seine Aktivitäten gerade gingen. An diesem Morgen war er allerdings in redseliger Stimmung und hatte mich gerade in einem schon ziemlich durchgesessenen Sessel am Kamin platziert und sich selbst mit der Pfeife im Mund im anderen zusammengerollt, als unser Besucher eintrat. Wenn ich sagen würde, ein verrückter Bulle wäre hereingekommen, würde das wohl einen klareren Eindruck des Auftritts vermitteln.

Die Tür war aufgeflogen und ein riesenhafter Farbiger war ins Zimmer geplatzt. Er hätte eine komische Figur abgegeben, wenn er nicht so furchteinflößend gewesen wäre, denn er trug einen schrillen Pepitaanzug und dazu eine bauschende lachsfarbene Krawatte. Sein breites Gesicht mit der platt geschlagenen Nase war vorgereckt, als seine dunklen, finsteren Augen mit einem boshaften Funkeln zwischen uns beiden hin und her gingen.

»Wer von den Herren ist Mista Holmes?« fragte er.

Mit einem matten Lächeln hob Holmes seine Pfeife.

»Oh! Sie sind das also?« sagte unser Besucher und kam mit einem unangenehm schleichenden Gang um den Tisch herum. »Sehen Sie mal, Mr. Holmes, Sie werden Ihre Finger von den Angelegenheiten bestimmter anderer Leute lassen. Lassen Sie sie ihre eigenen Angelegenheiten selber regeln. Haben Sie das kapiert, Mr. Holmes?«

»Fahren Sie fort,« sagte Holmes. »Ich höre Ihnen gerne zu.«

»Ach! Sie hören mir gerne zu, wirklich?« knurrte der Wilde. »Aber Sie werden mir nicht mehr so verdammt gerne zuhören, wenn ich Sie ein bisschen vermöbeln muss. Mit Leuten von Ihrer Sorte bin ich schon öfters umgesprungen, und sie haben gar nicht gut ausgesehen, als ich mit ihnen fertig war. Sehen Sie mal hier, Mr. Holmes!«

Er schwang den riesigen knochigen Klumpen von einer Faust vor der Nase meines Freundes. Holmes betrachtete sie eingehend mit dem Ausdruck großen Interesses.

Er erkundigte sich: »Sind Sie so auf die Welt gekommen, oder hat sich das nach und nach so entwickelt?«

Vielleicht lag es an der eisigen Gelassenheit meines Freundes oder an dem leisen Geräusch, das ich machte, als ich den Schürhaken ergriff, jedenfalls wurde unser Besucher plötzlich etwas weniger hitzig.

»Okay, ich habe Sie jedenfalls gewarnt,« sagte er. »Ein Freund von mir ist an der Harrow-Sache interessiert ist – Sie wissen schon, was ich meine – und er wünscht nicht, dass Sie sich in seine Angelegenheiten einmischen. Kapiert? Sie sind nicht das Gesetz, und ich bin es auch nicht, und wenn Sie da draußen auftauchen, werde ich zur Stelle sein. Vergessen Sie das nicht.«

»Ich wollte Sie immer schon mal treffen,« sagte Holmes. »Aber ich werde Sie nicht bitten, Platz zu nehmen, weil mir der, nun äh, strenge Geruch, den Sie verbreiten, nicht behagt. Aber sagen Sie, sind Sie denn nicht Steve Dixie, der Schläger?«

»Das ist mein Namen, Mista Holmes, und den werde ich Ihnen einbläuen, wenn Sie mir noch weiter dumm kommen.«

»Das ist sicher das Letzte, was Sie tun müssen,« sagte Holmes und starrte auf den abscheulichen Mund unseres Besuchers. »Aber es war der Mord am jungen Perkins draußen in Holborn – he! Sie wollen doch nicht schon gehen?«

Der Farbige war zurückgesprungen, und sein Gesicht hatte sich verdüstert. »So einen Blödsinn höre ich mir nicht an,« sagte er. Was habe ich denn mit diesem Perkins zu tun, Mista Holmes. Ich war in Birmingham zum Training im Bull Ring, als dieser Bursche Ärger kriegte.«

»Ja, ja, das können Sie dem Richter erzählen, Steve,« sagte Holmes. »Ich beobachte Sie und Barney Stockdale nun schon –«

»Himmel! Mista Holmes –«

»Genug. Verschwinden Sie. Ich werde auf Sie zurückkommen, wenn ich Sie brauche.«

»Guten Morgen, Mista Holmes. Ich hoffe, Sie nehmen mir meinen Besuch nicht übel.«

»Doch, wenn Sie mir nicht sagen, wer Sie hergeschickt hat.«

»Na, das ist ja kein Geheimnis, Mista Holmes. Es war derselbe Gentleman, den Sie gerade erwähnt haben.«

»Und wer hat ihn auf die Sache angesetzt?«

»Keine Ahnung, wirklich, Mista Holmes. Er sagte bloß, ‚Steve, geh zu Mr. Holmes und sag ihm, dass sein Leben nicht mehr sicher ist, wenn er weiter in der Harrow-Sache herumstochert.‘ Das ist die volle Wahrheit.« Und ohne auf weitere Fragen zu warten, schoss unser Besucher aus dem Zimmer fast ebenso überstürzt, wie er hereingeplatzt war.

Kichernd klopfte Holmes seine Pfeife aus.

»Watson, ich bin froh, dass Sie nicht gezwungen waren, ihm seinen wolligen Schädel einzuschlagen. Ich habe gesehen, wie Sie nach dem Schürhaken griffen. Aber er ist wirklich ein ziemlich harmloser Bursche, ein großes, muskelbepacktes, dummes, plärrendes Baby, das sich ganz leicht einschüchtern lässt, wie Sie ja gesehen haben. Er gehört zur Spencer-John-Bande und hat in der letzten Zeit bei ein paar ziemlich krummen Sachen mitgemacht, die ich aufklären werde, wenn die Zeit es mir erlaubt. Sein Boss, Barney, ist da schon wesentlich gerissener. Sie haben sich auf Überfälle, Schutzgelderpressung usw. verlegt. Mich interessiert, wer in dieser speziellen Angelegenheit die Fäden zieht.«

»Aber warum wollen die Sie einschüchtern?«

»Es ist dieser Harrow Weald-Fall. Ich werde mich wohl einmal etwas näher damit befassen müssen, denn, wenn die Sache es irgendwem wert ist, so viel Wind zu machen, dann muss doch wohl etwas dran sein.«

»Was ist das für ein Fall?«

»Das wollte ich Ihnen gerade erzählen, als wir dieses komische Zwischenspiel hatten. Das hier ist eine Nachricht von Mrs. Maberley. Wenn Sie mich begleiten wollen, können wir ihr ein Telegramm schicken und uns gleich auf den Weg machen.«

SEHR GEEHRTER MR. SHERLOCK HOLMES, las ich:

In Verbindung mit meinem Haus habe ich eine Reihe von merkwürdigen Vorfällen erlebt, und Ihr Rat wäre mir dabei sehr wertvoll. Morgen können Sie mich jederzeit zuhause antreffen. Das Haus liegt nur einen kurzen Fußmarsch von der Bahnstation Weald entfernt. Wenn ich mich recht erinnere, war mein verstorbener Mann Mortimer Maberley einer Ihrer ersten Klienten.

Hochachtungsvoll, MARY MABERLEY

Die Adresse lautete „Die Drei Giebel, Harrow Weald“.

»So, das war das!« sagte Holmes. »Und jetzt, wenn Sie ein wenig Zeit haben, Watson, werden wir uns auf den Weg machen.«

Eine kurze Eisenbahnfahrt und eine noch kürzere Fahrt mit der Droschke brachten uns zu einem mit Backsteinen ausgefachten Fachwerkhaus, das auf einem verwilderten Grundstück stand. Drei kleine Erhebungen über den Fenstern im Obergeschoss unternahmen den schwächlichen Versuch, seinen Namen zu rechtfertigen. Hinter ihm befand sich ein melancholischer Hain von halbhohen Kiefern, und der ganze Ort bot einen ziemlich armseligen und deprimierenden Anblick. Nichtsdestotrotz fanden wir das Haus geschmackvoll eingerichtet vor, und die Lady, die uns empfing, war eine angenehme ältere Dame, die einen sehr vornehmen und kultivierten Eindruck machte.

»Ich erinnere mich noch sehr gut an Ihren Mann, Madam,« sagte Holmes, »obwohl es nun schon einige Jahre her ist, seit er meine Dienste in einer sehr verwickelte Angelegenheit in Anspruch nahm.«

»Vielleicht ist Ihnen der Namen eines Sohnes Douglas noch geläufiger.«

Holmes sah sie mit großem Interesse an.

»Du meine Güte! Sind Sie denn die Mutter von Douglas Maberley? Ich kannte ihn nur flüchtig. Aber natürlich kennt ganz London seinen Namen. Ein ganz hervorragender Mann! Wo ist er denn jetzt?«

»Tot, Mr. Holmes, tot! Er war Attaché in Rom und starb im letzten Monat an einer Lungenentzündung.«

»Das tut mir sehr leid. Einen Menschen wie ihn konnte man mit dem Tod nicht in Verbindung bringen. Ich habe nie jemanden gekannt, der so voller Leben war. Er lebte intensiv – mit jeder Faser!«

»Zu intensiv, Mr. Holmes. Das hat ihn ruiniert. Sie haben ihn noch in Erinnerung, wie er einmal gewesen ist – charmant und brillant. Aber Sie haben ihn nicht mehr erlebt als launische, vergrämte und brütende Natur, in die er sich verwandelt hat. Sein Herz war gebrochen. Es kam mir vor, als hätte sich mein netter Junge innerhalb nur eines Monats in einen verbrauchten, zynischen Mann verwandelt.«

»Eine Liebesaffäre – eine Frau?«

»Oder ein Freund. Aber ich habe Sie nicht hierher gebeten, um über meinen armen Jungen zu sprechen, Mr. Holmes.«

»Dr. Watson und ich stehen ganz zu Ihren Diensten.«

»In letzter Zeit hat es einige sehr merkwürdige Vorfälle gegeben. Ich lebe jetzt in diesem Haus seit mehr als einem Jahr, und da ich wünschte, ein zurückgezogenes Leben zu führen, hatte ich nur wenig Kontakt zu meinen Nachbarn. Vor drei Tagen nun hatte ich den Besuch eines Herrn, der sagte, er wäre ein Immobilienmakler. Er sagte, dieses Haus würde genau den Wünschen eines seiner Klienten entsprechen, und wenn ich mich zu einem Verkauf entschließen könnte, würde Geld keine Rolle spielen. Das kam mir doch etwas merkwürdig vor, zumal hier einige Häuser zum Verkauf stehen, die ebenso gut in Frage kommen könnten, aber natürlich war ich an seinem Angebot interessiert. Deshalb nannte ich einen Preis, der 500 Pfund über dem lag, was ich dafür bezahlt hatte. Er erklärte sich sofort damit einverstanden, fügte aber hinzu, dass sein Klient auch die Einrichtung zu kaufen wünsche, und dass ich auch dafür einen Preis nennen sollte. Die Möblierung stammt zum Teil noch aus meine alten Haus, und sie ist, wie Sie sehen können, sehr gut, deshalb nannte ich auch dafür noch eine ziemlich hübsche Summe. Dem stimmte er ebenfalls sofort zu. Ich habe mir immer gewünscht, auf Reisen zu gehen, und das Geschäft war so gut, dass es mich für den Rest meines Lebens aller Sorgen zu entheben schien.

Gestern erschien dieser Mann wieder mit einem ausgearbeiteten Vertrag. Zum Glück zeigte ich ihn Mr. Sutro, meinem Anwalt, der in Harrow lebt. Er sagte mir, ‚Das ist wirklich ein sehr seltsamer Vertrag. Ist Ihnen klar, dass, wenn Sie ihn unterzeichnen, Sie nichts mehr aus dem Haus mitnehmen können – noch nicht einmal Ihre privaten Besitztümer?‘

Als der Mann am Abend wieder kam, wies ich ihn darauf hin und sagte, dass ich nur die Möbel verkaufen wollte.

‚Nein, nein, alles,‘ sagte er.

Aber meine Kleider? Mein Schmuck?

‚Nun gut, über Ihr ganz persönliches Eigentum wird man sich sicher einigen können. Aber nichts soll das Haus ohne genauere Überprüfung verlassen. Mein Klient ist ein sehr großzügiger Mann, aber er hat da seine ganz eigenen Vorstellungen. Für ihn gilt, alles oder nichts.‘

Dann lautet meine Antwort: nichts, sagte ich. Und dabei beließen wir es, aber die ganze Sache erschien mir so ungewöhnlich, dass ich dachte – «

Hier hatten wir eine außergewöhnliche Unterbrechung.

Holmes hatte die Hand erhoben, um Schweigen zu gebieten. Dann schoss er durchs Zimmer, riss die Tür auf und zerrte eine große, ausgemergelte Frau, die er an der Schulter ergriffen hatte, herein. Linkisch und kreischend wie ein großes Huhn, dass man aus dem Hühnerstall geholt hat, kam sie herein.

»Lassen Sie mich los! Was machen Sie?« kreischte sie.

»Aber Susan, was hat das zu bedeuten?«

»Madam, ich wollte nur fragen, ob die Herren zum Lunch bleiben, als dieser Mann herausgesprungen kam und mich hereinzerrte.«

»Ich habe sie seit fünf Minuten gehört, wollte aber Ihren höchst interessanten Bericht nicht unterbrechen. Ein bisschen kurzatmig, wie, Susan? Sie atmen ein wenig zu schwer, um an Türen lauschen zu können.«

Susan richtete einen mürrischen und doch erstaunten Blick auf Holmes. »Wer sind Sie überhaupt, und mit welchem Recht behandeln Sie mich so?«

»Ich wollte in Ihrem Beisein nur eine Frage stellen. Mrs. Maberley, haben Sie irgendjemandem etwas davon gesagt, dass Sie mich zu Rate ziehen wollten?«

»Nein, Mr. Holmes, zu niemandem.«

»Wer hat Ihren Brief besorgt?«

»Susan.«

»Richtig. Nun, Susan, wem haben Sie geschrieben oder wen haben Sie informiert, dass Ihre Herrin mich um Rat gefragt hat?«

»Sie lügen. Ich habe niemandem etwas gesagt.«

»Nun, Susan, wie Sie ja vielleicht wissen, leben kurzatmige Menschen nicht unbedingt sehr lange. Da ist es nicht gut zu flunkern. Also, wem haben Sie davon erzählt?«

»Susan!« rief ihre Herrin. »Ich glaube, Sie sind eine ganz schlechte, verräterische Person. Jetzt fällt mir wieder ein, dass ich Sie mit jemandem über die Hecke hinweg sprechen sah.«

»Das geht nur mich etwas an,« erwiderte das Weib mürrisch.

»Mal angenommen, es war Barney Stockdale, mit dem Sie da redeten,« sagte Holmes.

»Wenn Sie es schon wissen, warum fragen Sie mich dann noch danach?«

»Ich war mir nicht ganz sicher, aber jetzt weiß ich es. Nun gut, Susan, es wäre mir zehn Pfund wert, wenn Sie mir sagen würden, wer hinter Barney steckt.«

»Jemand, der für jedes Pfund von Ihnen tausend hinlegen könnte.«

»Also einer reicher Mann? Nein, Sie lächeln – also eine reiche Frau. Da wir nun schon einmal so weit gekommen sind, können Sie mir auch den Namen verraten und sich den Zehner verdienen.«

»Da werden Sie vorher in der Hölle schmoren.«

»Oh, Susan! Wie reden Sie denn mit Mr. Holmes!«

»Ich kündige. Ich habe genug von Ihnen allen. Morgen lasse ich meine Sachen abholen.« Sie stolzierte zur Tür.

»Auf Wiedersehen, Susan. Kampfertinktur könnte Ihnen vielleicht Linderung verschaffen . . . Nun,« fuhr er fort und wurde plötzlich ernst, als sich die Tür hinter der aufgescheuchten und wütenden Frau geschlossen hatte, »diese Bande bedeutet Arbeit. Sehen Sie nur, wie schnell sie reagiert haben. Ihr Brief von Sie an mich trug den Poststempel 10 Uhr abends. Und Susan musste die Nachricht noch an Barney weitergeben. Barney hatte genug Zeit, um zu seinem Boss zu gehen und sich seine Instruktionen zu holen; er oder sie – wegen Susans Grinsen, als sie dachte, ich hätte mich blamiert, neige ich zu letzterem – macht einen Plan. Unser farbiger Freund Steve wird herbeizitiert, und ich habe meine Warnung schon um elf Uhr am nächsten Morgen. Das ich wirklich schnelle Arbeit, muss ich schon sagen.«

»Aber was wollen die?«

»Ja, das ist die Frage. Wer wohnte vor Ihnen hier?«

»Ein Schiffskapitän im Ruhestand, er hieß Ferguson.«

»Ist Ihnen an ihm irgendetwas aufgefallen?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Ich frage mich, ob er hier irgendetwas versteckt haben könnte. Natürlich, wenn heute jemand einen Schatz vergraben will, dann tut er es auf der Postbank. Aber es gibt ja immer noch ein paar Verrückte. Die Welt wäre öde ohne sie. Zunächst dachte ich an irgendwelche versteckten Wertsachen. Aber warum sollten sie in diesem Fall auf Ihre Möbel scharf sein? Sie haben doch nicht etwa zufällig einen Raphael oder eine Erstausgabe von Shakespeare, von denen Sie nichts wissen?«

»Nein, ich glaube nicht, dass ich etwas Ausgefalleneres als ein Crown Derby Teeservice besitze.«

»Das würde kaum diese geheimnisvollen Vorgänge erklären. Und wenn schon, warum sollten sie dann nicht offen sagen, was sie wollen? Wenn Sie auf Ihr Teeservice aus sind, dann könnten sie Ihnen eine Summe dafür anbieten, ohne Ihnen Sack und Pack abzukaufen. Nein, meines Erachtens gibt es etwas, von dem Sie nicht wissen, dass es in Ihrem Besitz ist, und das Sie nicht hergeben würden, wenn Sie es wüssten.«

»So sehe ich das auch,« sagte ich.

»Dr. Watson stimmt mir zu, damit wäre dieser Punkt geklärt.«

»Aber Mr. Holmes, was könnte das sein?«

»Lassen Sie uns mal sehen, ob wir der Sache nicht mit bloßer geistiger Analyse näherkommen können. Sie wohnen nun in diesem Haus seit einem Jahr.«

»Fast zwei.«

»Umso besser. Und in dieser Zeit wollte niemand etwas von Ihnen. Jetzt aber, innerhalb von drei oder vier Tagen, haben Sie plötzlich dringende Anfragen bekommen. Was folgern Sie daraus?«

»Das kann nur bedeuten,« sagte ich, »dass das Objekt, was immer es auch sein mag, erst kürzlich ins Haus gelangt ist.«

»Wieder ins Schwarze getroffen,« sagte Holmes. »Also, Mrs. Maberley, sind hier kürzlich irgendwelche Gegenstände eingetroffen.«

»Nein, dieses Jahr habe ich noch gar keine neuen Sachen gekauft.«

»Ach wirklich! Sehr bemerkenswert. Nun, ich glaube, am besten lassen wir die Dinge sich ein wenig weiter entwickeln, bis wir klarer sehen. Ist dieser Anwalt von Ihnen ein fähiger Mann?«

»Mr. Sutro ist außerordentlich fähig.«

»Haben Sie noch ein anderes Mädchen, oder war die charmante Susan, die gerade die Haustür hinter sich zugeschlagen hat, allein?«

»Ich habe noch ein junges Mädchen.«

»Versuchen Sie doch bitte, Sutro dazu zu bringen, ein oder zwei Nächte hier im Haus zu verbringen. Nur für den Fall, dass Sie Schutz brauchen.«

»Gegen wen?«

»Wer weiß? Die Angelegenheit ist noch ziemlich dunkel. Wenn ich nicht herausfinden kann, hinter was sie her sind, dann muss ich die Sache von der anderen Seite her anpacken und versuchen, an den Hintermann heranzukommen. Hat dieser Immobilienmakler eine Adresse hinterlassen?«

»Nur seine Karte und seine Geschäftstätigkeit. Haines-Johnson, Auktionator und Taxator.«

»Ich glaube nicht, das wir ihn im Maklerverzeichnis finden werden. Ehrbare Geschäftsleute pflegen ihren Geschäftssitz nicht zu verbergen. Lassen Sie mich bitte wissen, sobald es eine neue Entwicklung gibt. Ich kümmere um Ihren Fall, und Sie können sicher sein, dass ich ihn lösen werde.«

Als wir die Eingangshalle durchquerten, leuchteten Holmes‘ Augen, denen nichts entging, plötzlich auf, als er einige Koffer und Taschen, die in einer Ecke aufgestapelt waren, erblickte.

»’Milano‘, ‚Luzern,’« las Holmes von den Aufklebern ab. »Die kommen aus Italien.«

»Das sind die Sache des armen Douglas.«

»Sie haben sie noch nicht ausgepackt? Wie lange haben Sie sie schon?«

»Sie kamen letzte Woche.«

»Aber Sie haben doch gesagt – egal, das könnte höchstwahrscheinlich das fehlende Glied sein. Wie können wir wissen, dass sich nichts von Wert in ihnen befindet.?«

»Das kann nicht gut sein, Mr. Holmes. Der arme Douglas hatte nur sein Gehalt und eine kleine Apanage. Was konnte er schon Wertvolles haben?«

Holmes dachte nach.

»Schieben Sie es nicht länger hinaus, Mrs. Maberley,« sagte er schließlich. »Lassen Sie die Sachen nach oben in Ihr Schlafzimmer bringen. Sehen Sie sie sobald wie möglich durch und stellen Sie fest, was sie enthalten. Ich komme morgen wieder und höre mir Ihren Bericht an.«

Er war ziemlich offensichtlich, dass Die drei Giebel scharf überwacht wurden, denn als wir um die hohe Hecke am Ende der Auffahrt bogen, stand dort der farbige Preis-Boxer im Schatten. Für ihn tauchten wir etwas plötzlich auf, und er gab eine finstere, bedrohliche Gestalt ab an diesem abgeschiedenen Ort.

Holmes schlug sich auf die Brusttasche.

»Suchen Sie nach Ihrer Kanone, Mista Holmes?«

»Nein, nach meinem Riechfläschchen, Steve.«

»Sie sind wirklich spaßig, Mista Holmes.«

»Für dich wird’s ganz bestimmt nicht spaßig, Steve, wenn ich dich mir greife. Ich hab dich schon heute Morgen gewarnt.«

»Schon gut, Mista Holmes, ich hab drüber nachgedacht, was Sie mir gesagt haben, und ich will kein Gerede mehr über die Sache mit Mista Perkins. Wenn ich Ihnen helfen kann, Mista Holmes, dann will ich’s gerne tun.«

»Schön, dann sag mir, wer bei diesem Job hinter euch steht.«

»Himmel! Mista Holmes, ich hab Ihnen die Wahrheit schon gesagt. Ich weiß es wirklich nicht. Mein Boss Barney gibt mir die Befehle, und das ist alles, was ich weiß.«

»Also gut, aber denk immer daran, Steve, dass die Lady in diesem Haus und alles, was sich unter diesem Dach befindet, unter meinem Schutz stehen. Vergiss das nicht.«

»In Ordnung, Mista Holmes. Werd’s mir merken.«

»Dem habe ich richtig schön Angst um seine eigene Haut eingejagt,« sagte Holmes, als wir weitergingen. »Ich glaube, er würde durchaus seinen Boss verraten, wenn er wüsste, wer wirklich hinter der ganzen Sache steckt. Zum Glück wusste ich schon ein bisschen was über die Spencer-John-Bande und dass Steve dazugehört. Aber nun, Watson, dies ist ein Fall für Langdale Pike, den werde ich jetzt mal besuchen. Und wenn ich wieder zurück bin, werde ich wohl etwas klarer in dieser Angelegenheit sehen.«

Während dieses Tages bekam ich Holmes nicht zu Gesicht, aber ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie er ihn verbrachte, denn Langdale Pike war so etwas wie ein menschliches Nachschlagewerk in allen Fragen gesellschaftlicher Skandale. Dieser merkwürdige, träge Mensch verbrachte seine wachen Stunden im Erker eines Klubs in der St. James’s Street und fungierte gleichermaßen als Empfangs- wie auch als Sendestation für den ganzen Klatsch und Tratsch der Metropole. Wie man hörte, erzielte er mit seinen Beiträgen für die Klatschblätter, die ein wissbegieriges Publikum versorgten, ein Einkommen in vierstelliger Höhe. Wenn irgendwann tief unten in den turbulenten Tiefen des Londoner Gesellschaftslebens, sich ein merkwürdiger Strudel oder Wirbel bemerkbar machte, wurde er mit automatischer Genauigkeit von diesem menschlichen Anzeiger an der Oberfläche registriert. Holmes versorgte Langdale diskret mit Informationen und konnte seinerseits bei Gelegenheit auf seine Hilfe rechnen.

Als ich meinen Freund früh am nächsten Morgen in seinem Zimmer antraf, zeigte mir seine Stimmung, dass er Erfolg gehabt hatte. Aber nichtsdestotrotz erwartete uns eine höchst unangenehme Überraschung in Gestalt des folgenden Telegramms:

Bitte kommen Sie sofort zu uns. Im Haus meiner Mandantin wurde in der Nacht eingebrochen. Die Polizei ist eingeschaltet.

SUTRO

Holmes stieß einen Pfiff aus. »Das Drama hat seine Katharsis erreicht, und schneller als ich erwartet habe. Hinter dieser Sache steht wirklich eine starke treibende Kraft, Watson, was mich allerdings nicht überrascht nach allem, was ich gehört habe. Und dieser Sutro ist natürlich bloß ihr Anwalt. Ich fürchte, ich habe da einen Fehler gemacht, weil ich nicht Sie gebeten habe, dort die Nacht als Wache zu verbringen. Dieser Bursche hat sich ganz klar als Fehlgriff erwiesen. Aber gut, es führt wohl nichts um einen weiteren Ausflug nach Harrow Weald herum.«

Die drei Giebel unterschieden sich sehr von dem ordentlichen Haushalt des Vortages. Eine kleine Gruppe von Gaffern hatte sich am Gartentor versammelt, und einige Konstabler untersuchten die Fenster und die Geranienbeete. Drinnen trafen wir auf einen grauhaarigen älteren Herrn, der sich als der Anwalt vorstellte, und einen rotgesichtigen Inspektor, der Holmes wie einen alten Freund begrüßte.

»Nun, Mr. Holmes, dieser Fall ist nichts für Sie, fürchte ich. Nur ein ganz ordinärer Einbruch, der die Fähigkeiten der armseligen alten Polizei kaum überfordern wird. Es besteht keine Notwendigkeit, Experten hinzuziehen.«

»Ich bin sicher, der Fall ist bei Ihnen in sehr guten Händen,« sagte Holmes. »Bloß ein gewöhnlicher Einbruch, sagten sie?«

»Ganz recht. Wir wissen ziemlich genau, wer die Täter sind und wo sie zu finden sind. Es ist diese Bande von Barney Stockdale, mit dem großen Farbigen – sie wurden hier in der Gegend beobachtet.«

»Ausgezeichnet! Was haben sie erbeutet?«

»Nicht allzuviel, wie es scheint. Mrs. Maberley wurde mit Chloroform betäubt und das Haus war – Ah! Hier kommt die Lady ja schon selbst.«

Unsere Freundin von gestern betrat, sehr bleich und angegriffen aussehend und von einem kleinen Dienstmädchen gestützt, den Raum

»Sie haben mir einen guten Rat gegeben, Mr. Holmes,« sagte sie mit einem kläglichen Lächeln. »Leider habe ich ihn nicht befolgt! Ich wollte Mr. Sutro nicht beunruhigen, deshalb hatte ich keinen Schutz.«

»Ich habe erst heute Morgen davon erfahren,« erklärte der Anwalt.

»Mr. Holmes riet mir, einen Freund bei mir zu haben. Ich habe seinen Rat nicht ernst genommen, und nun habe ich dafür bezahlt.«

»Sie sehen furchtbar mitgenommen aus,« sagte Holmes. »Vielleicht sind Sie jetzt gar nicht in der Lage, mir zu erzählen, was passiert ist.«

»Steht alles hier drin,« sagte der Inspektor und klopfte auf sein dickes Notizbuch.

»Einen Moment noch, wenn die Lady nicht allzusehr erschöpft ist –«

»Es gibt wirklich nur sehr wenig zu erzählen. Zweifellos hat die verschlagene Susan ihnen irgendwie Zutritt zum Haus verschafft. Sie müssen genauestens über das Haus orientiert gewesen sein. Ich war noch bei Bewusstsein bis zu dem Moment, als mir der chloroformgetränkte Lappen auf den Mund gepresst wurde, aber ich weiß nicht, wie lange ich bewusstlos war. Als ich wieder zu mir kam, stand ein Mann an meinem Bett und ein anderer erhob sich gerade mit einem Bündel Papiere in der Hand aus dem Gepäck meines Sohnes, das teilweise geöffnet und dessen Inhalt über den Boden verstreut war. Bevor er sich davonmachen konnte, sprang ich auf und hielt ihn fest.«

»Da sind Sie ein großes Risiko eingegangen,« sagte der Inspektor.

»Ich klammerte ich an ihm fest, aber er schüttelte mich ab, und dann muss mich der andere Mann niedergeschlagen haben, denn ich kann mich an nichts weiter erinnern. Mary, das Dienstmädchen hörte den Lärm und begann aus dem Fenster um Hilfe zu rufen. Das rief die Polizei auf den Plan, aber die Strolche waren schon weg.«

»Was haben sie mitgenommen?«

»Also, ich glaube nicht, dass etwas von Wert fehlt. Ich bin mir sicher, da gab es nichts in den Sachen meines Sohnes.«

»Haben die Männer denn keinen Hinweis hinterlassen?«

»Da war ein Blatt Papier, das ich wohl dem Mann rissen habe, den ich ergriffen hatte. Es lag völlig zusammengeknüĺlt auf dem Boden. Es ist die Handschrift meines Sohnes.«

»Was bedeutet, dass es uns nicht viel nützt,« sagte der Inspektor. »Ja, wenn es in der Einbrecher –«

»Genau,« sagte Holmes. »Was für ein verrückter Unsinn! Nichtsdestoweniger würde ich es mir gerne einmal ansehen.«

Der Inspektor zog ein zusammengefaltetes Papier aus seinem Notizbuch.

»Ich lasse niemals etwas unbeachtet, wie unbedeutend es auch immer scheinen mag,« erklärte er gewichtig. »Das möchte ich auch Ihnen raten, Mr. Holmes. In fünfundzwanzig Jahren Berufserfahrung habe ich meine Lektion gelernt. Es gibt immer die Möglichkeit von Fingerabdrücken oder etwas in der Art.«

Holmes nahm das Papier in Augenschein.

»Was halten Sie davon, Inspektor?«

»Scheint das Ende eines ziemlich wirren Romans zu sein, soweit ich sehen kann.«

»Tatsächlich mag es sich als das Ende einer wirren Geschichte herausstellen,« sagte Holmes. »Sie haben sicher die Nummer oben auf der Seite bemerkt. Es ist zweihundertfünfundfünfzig. Bloß wo sind die übrigen zweihundertvierundfünfzig Seiten?«

»Ich nehme doch an, die Einbrecher haben sie. Mögen sie glücklich werden damit!«

»Es ist doch eine merkwürdige Sache, in ein Haus einzubrechen, nur um solche Papiere zu stehlen. Sagt Ihnen das irgendetwas, Inspektor?«

»Ja, Mr. Holmes, es sagt mir, dass die Strolche in der Eile sich das griffen, was sie gerade in die Hand bekamen. Ich wünsche ihnen, sie mögen damit ihre Freude haben.«

»Warum sollten sie an die Sachen meines Sohnes gehen?« fragte Mrs. Maberley.

»Als sie unten nichts Wertvolles fanden, versuchten sie ihr Glück eben hier oben. So erkläre ich mir das. Oder wie sehen Sie das, Mr. Holmes?«

»Ich muss darüber nachdenken, Inspektor. Kommen Sie mal ans Fenster, Watson.« Als wir beieinander standen, überflog es das Papier. Es begann mitten im Satz und lautete folgendermaßen:

». . . Gesicht blutete stark wegen der Schnitte und Schläge, aber das war nichts gegen das Bluten seines Herzens, als er dieses liebreizende Gesicht sah, das Gesicht, für das er sein Leben hingegeben hätte und das jetzt auf seine Qual und Erniedrigung blickte. Sie lächelte – Himmel, ja! Sie lächelte als der herzlose Feind, der sie war, als er zu ihr hinauf blickte. Das war der Augenblick, in dem seine Liebe erstarb und der Hass geboren wurde. Ein Mensch muss für etwas leben. Wenn nicht, um dich in meinen Armen zu halten, meine Lady, dann eben für dein Verderben und meine Vergeltung.«

»Sonderbare Grammatik!« sagte Holmes lächelnd, als er das Blatt dem Inspektor zurückgab.»Ist Ihnen aufgefallen, wie er plötzlich zu ‚mein‘ wechselte? Der Verfasser wurde dermaßen von seiner eigenen Geschichte fortgerissen, dass er sich im entscheidenden Moment mit dem Helden identifizierte.«

»Ein ziemlich lausiges Geschreibsel, scheint mir,« sagte der Inspektor und tat das Blatt wieder in sein Notizbuch zurück. »Was? Sie wollen schon gehen, Mr. Holmes?«

»Ich glaube, für mich gibt’s hier nichts mehr zu tun, zumal der Fall in solch fähigen Händen liegt. Übrigens, Mrs. Maberley, sagten Sie nicht, dass Sie gerne auf Reisen gehen würden?«

»Davon habe ich schon immer geträumt, Mr. Holmes.«

»Wo würden Sie denn gerne hinfahren – Kairo, Madeira, an die Riviera?«

»Oh, wenn ich das Geld dazu hätte, würde ich gerne eine Weltreise unternehmen.«

»Sehr schön. Einmal rund um die Welt. Also dann, guten Morgen. Vielleicht werde ich Ihnen noch heute Abend ein Telegramm schicken.«

Als wir draußen am Fenster vorbeigingen, erhaschte ich noch einen Blick auf das Lächeln des Inspektors und sein Kopfschütteln. »Diese cleveren Burschen sind doch alle irgendwie ein bisschen gaga.« Das war, was ich in seinem Lächeln lesen konnte.

»Nun, Watson, jetzt befinden wir uns auf der letzten Etappe unserer kleinen Reise,« sagte Holmes, als wir wieder zurück im Getriebe des Londoner Zentrums waren. »Ich denke, wir sollten die Sache am besten sofort zu Ende bringen und es wäre gut, wenn Sie mich begleiten könnten, denn es ist immer besser, einen Zeugen dabei zu haben, wenn man es mit einer Lady wie Isadora Klein zu tun hat.«

Wir hatten uns einen Cab genommen und eilten zu einer Adresse am Grosvenor Platz. Holmes war in Gedanken versunken gewesen, aber plötzlich kam er wieder zu sich.

»Übrigens, Watson, ich nehme doch an, Sie sehen jetzt klar.«

»Nein, das kann ich nicht behaupten. Ich kann mir nur zusammenreimen, dass wir gerade auf dem Weg zu der Lady sind, die hinter dem ganzen Bubenstück steckt.«

»Genau! Aber sagt Ihnen denn der Name Isadora Klein gar nichts? Sie war einmal eine gefeierte Schönheit. Und es gab keine Frau, die ihr gleichkam. Sie ist von reinrassigem spanischen Konquistadorenblut, und ihre Familie zählt seit Generationen zur Oberschicht von Pernambuco. Sie heiratete einen betagten deutschen Zuckerbaron, und wenig später war sie die reichste und begehrenswerteste Witwe der Welt. Es gab dann eine abenteuerliche Periode, in der sie ganz ihren Vorlieben nachging. Sie hatte mehrere Liebhaber, und Douglas Maberley, einer der eindrucksvollsten Männer in London, war einer von ihnen. Nach allem, was man hört, war die Beziehung zu ihm mehr als nur ein Abenteuer. Er war nicht gerade ein Gesellschaftslöwe, aber ein starker, stolzer Mann, der alles gab und alles erwartete. Aber sie ist die ‚Schöne ohne Gnade‘ aus der Literatur. Und wenn ihre Laune befriedigt ist, dann ist eine Affäre für sie beendet, und wenn der andere Teil das nicht ernst nimmt, hat sie schon ihre Mittel und Wege, ihm das beizubringen.«

»Dann war das also seine eigene Geschichte –«

»Ah! Jetzt kriegen Sie es zusammen. Ich hörte, dass sie den jungen Duke of Lomond heiraten wird, der beinahe ihr Sohn sein könnte. Seiner Gnaden Mutter mag über den Altersunterschied vielleicht hinwegsehen, aber ein großer Skandal wäre da eine ganz andere Sache, deshalb ist es unumgänglich – Ah! Da sind wir ja schon.«

Es war eines der schönsten Häuser im West End. Ein maschinenhafter Lakai nahm unsere Karten entgegen und kam zurück mit der Erklärung, dass die Lady nicht zuhause wäre.

»Dann werden wir warten, bis sie es ist,« sagte Holmes fröhlich.

Das Maschinenhafte fiel von dem Lakaien ab. Er sagte eisig: »Nicht zuhause bedeutet, nicht zuhause für Sie.«

»Gut,« erwiderte Holmes. »Das bedeutet, dass wir nicht warten müssen. Bringen Sie doch bitte diese Nachricht Ihrer Herrin.«

Er kritzelte drei oder vier Worte auf ein Blatt aus seinem Notizbuch, faltete es zusammen und reichte es dem Mann.

»Was haben Sie geschrieben, Holmes?« fragte ich.

»Ich habe einfach geschrieben: ‚Wollen Sie vielleicht lieber mit der Polizei sprechen?‘ Ich glaube, das sollte uns Einlass verschaffen.«

Und das tat es auch – mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Eine Minute später befanden wir uns in einem Salon wie aus Tausendundeiner Nacht, geräumig und wunderbar, in ein Halbdunkel getaucht, in dem nur hie und da eine rosafarbene elektrische Lampe brannte. Mir schien, die Lady hatte ein Alter erreicht, in dem selbst die stolzeste Frau das Dämmerlicht vorzieht. Sie erhob sich von einem Kanapee, als wir eintraten: groß, königlich, mit einer perfekten Figur und einem bildhübschen maskenhaften Gesicht mit wunderschönen spanischen Augen, die uns Mord verhießen.

»Was hat Ihr Eindringen zu bedeuten – und diese beleidigende Botschaft?« fragte sie und hielt das Blatt hoch.

»Das brauche ich Ihnen nicht zu erklären, Madam, dazu ich habe zu viel Respekt vor Ihrer Intelligenz – obwohl ich zugeben muss, dass sie sich in letzter Zeit als überraschend lückenhaft erwiesen hat.«

»Wie das, Sir?«

»Indem Sie davon ausgingen, Ihre angeheuerten Schlägertypen könnten mich davon abhalten, meine Arbeit zu tun. Ganz bestimmt würde niemand meinen Beruf ergreifen, wenn Gewalt ihn nicht geradezu anzöge. Sie waren es also, die mich dazu veranlasste, den Fall des jungen Maberley zu untersuchen.«

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Was habe ich den mit angeheuerten Schlägertypen zu tun?«

Ermüdet wandte Holmes sich zum Gehen. »Nun, dann habe ich Ihre Intelligenz doch wohl etwas überschätzt. Also dann, guten Tag!«

»Halt! Wo wollen Sie hin?«

»Zu Scotland Yard.«

Wir waren noch nicht halbwegs bis zur Tür gelangt, da hatte sie uns schon eingeholt und hielt seinen Arm fest. Innerhalb eines Augenblicks hatte sie sich von Stahl zu Samt verwandelt.

»Aber, aber meine Herren, setzen Sie sich doch und lassen Sie uns über die Angelegenheit in aller Ruhe sprechen. Ich weiß, dass ich offen zu Ihnen sein kann, Mr. Holmes. Sie sind ein Gentleman. Wie schnell der Instinkt einer Frau das doch erfassen kann. Ich werde Sie als meinen Freund betrachten.«

»Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich Ihre Gefühle erwidern werde, Madam. Ich bin zwar nicht das Gesetz, aber ich stehe für die Gerechtigkeit ein, so weit wie meine schwachen Kräfte reichen. Ich bin bereit, Sie anzuhören, und dann werde ich Ihnen sagen, was ich zu tun gedenke.«

»Zweifellos war es sehr dumm von mir, einen unerschrockenen Mann wie Sie bedrohen zu wollen.«

»Was wirklich dumm war, Madam, war, dass Sie sich einer Bande von Strolchen ausgeliefert haben, die Sie erpressen oder verraten können.«

»Oh nein! So einfältig bin ich auch wieder nicht. Da ich Ihnen versprochen habe, offen zu sein, kann ich sagen, dass abgesehen von Barney Stockdale und Susan, seiner Frau, niemand auch nur die leiseste Ahnung hat, wer sie bezahlt. Und was die beiden betrifft, ist es nicht das erste –« Sie lächelte und nickte mit einnehmender koketter Vertrautheit.

»Verstehe. Sie haben sie schon früher auf die Probe gestellt.«

»Sie sind gute Hunde, die jagen ohne zu bellen.«

»Solche Hunde pflegen früher oder später die Hand zu beißen, die sie füttert. Sie werden für diesen Einbruch verhaftet werden. Die Polizei ist ihnen schon auf der Spur.«

»Sie werden die Dinge nehmen, wie sie kommen. Dafür werden sie bezahlt. In dieser Angelegenheit werde ich nirgendwo auftauchen.«

»Solange ich Sie nicht damit in Verbindung bringe.«

»Nein, nein, das würden Sie doch nicht tun. Sie sind ein Gentleman. Und hier geht es um das Geheimnis einer Frau.«

»Zunächst einmal müssen Sie dieses Manuskript zurückgeben.«

Sie brach in Gelächter aus und ging zum Kamin. Dort lag eine verkohlte Masse, in der sie mit dem Schürhaken herumstocherte. »Soll ich Ihnen etwa das hier zurückgeben?« fragte sie. Als sie so schelmisch und exquisit vor uns stand und uns herausfordernd anlächelte, spürte ich, dass von allen von Homes‘ Kriminellen sie derjenige war, der es ihm am schwersten machte, ihm die Stirn zu bieten. Aber er war immun gegenüber Gefühlen.

»Das besiegelt Ihr Schicksal,« sagte er kalt. »Sie sind sehr schnell in dem, was Sie tun, aber diesmal haben Sie es übertrieben.«

Klappernd warf sie den Schürhaken zu Boden.

»Wie hartherzig Sie doch sind!« rief sie. »Kann ich Ihnen vielleicht die ganze Geschichte erzählen?«

»Ich bilde mir ein, ich könnte Sie Ihnen auch erzählen.«

»Aber Sie müssen sie mit meinen Augen sehen, Mr. Holmes. Sie müssen sie vom Standpunkt einer Frau betrachten, die einsehen muss, dass alle ihre Lebenspläne im letzten Moment ruiniert werden. Kann man so eine Frau verurteilen, wenn sie sich schützt?«

»Das ganze Unheil ging von Ihnen aus.«

»Ja, ja! Das gebe ich zu. Er war ein lieber Junge, der Douglas, aber es hat sich eben ergeben, dass er nicht mehr in meine Pläne passte. Er wollte mich heiraten – heiraten, Mr. Holmes – einen gewöhnlichen Bürger ohne einen Penny. Nichts weniger kam für ihn in Frage. Dann wurde er aufdringlich. Weil ich mich ihm hingegeben hatte, schien er zu glauben, dass ich es immer noch tun müsste, und nur ihm. Das war einfach unerträglich. Schließlich musste ich es ihm unmissverständlich klarmachen.«

»Indem Sie ihn von gedungenen Schlägern unter Ihrem Fenster zusammenschlagen ließen.«

»Sie scheinen ja wirklich alles zu wissen. Aber nun gut, es stimmt. Barney und seine Jungs haben ihn vertrieben und waren, wie ich zugeben muss, ein wenig grob dabei. Aber was tat er dann? Hätte ich denn annehmen können, dass ein Gentleman so etwas tun würde. Er schrieb ein Buch, in dem er seine eigene Geschichte erzählte. Ich war darin natürlich der Wolf und er das Lamm. Alles stand drin, natürlich unter anderen Namen. Aber wer in London hätte die wahre Geschichte wohl nicht erkannt? Was sagen Sie dazu, Mr. Holmes.«

»Nun, er handelte ganz im Rahmen seiner Rechte.«

»Es war, also ob der Geist Italiens in ihn gefahren wäre und ihn dabei mit dem alten grausamen italienischen Rachedurst infiziert hätte. Er schrieb mir und schickte mir ein Exemplar seines Manuskripts, wohl um mich mit der Aussicht auf einen Skandal zu quälen. Es existierten zwei Exemplare, teilte er mir mit – eines für mich und eines für seinen Verleger.«

»Woher wussten Sie, dass das Verlegerexemplar noch nicht angekommen war?«

»Ich wusste, wer sein Verleger war. Es ist nämlich nicht sein erster Roman. Ich fand heraus, dass er noch nichts aus Italien gehört hatte. Dann kam Douglas‘ plötzlicher Tod. So lange das andere Exemplar existierte, würde es keine Sicherheit für mich geben. Natürlich musste es sich noch unter seinen Habseligkeiten befinden, und die würden ja an seine Mutter geschickt werden. Ich setzte die Bande auf die Sache an. Ein Mitglied verdingte sich im Haus als Dienstmädchen. Es war mir daran gelegen, die Sache anständig zu erledigen. Und das tat ich auch mit vollem Ernst. Ich war bereit, das ganze Haus mit dem gesamten Inventar zu kaufen. Ich bot jeden gewünschten Preis. Erst als alles gescheitert war, versuchte ich es auf die andere Art. Und jetzt Mr. Holmes, zugegeben, ich war zu hart mit Douglas – und der Himmel weiß, dass es mir sehr leid tut! – was aber hätte ich denn sonst tun können, wo meine ganze Zukunft auf dem Spiel stand?«

Sherlock Holmes zuckte die Achseln. »Nun denn,« sagte er, »ich nehme an, ich soll mal wieder eine Schurkerei wie üblich kompensieren. – Wieviel kostet es, um erster Klasse um die Welt zu reisen?«

Die Lady starrte ihn irritiert an.

»Käme man mit fünftausend Pfund hin?«

»Ähm, ja, das ich nehme doch an.«

»Sehr gut. Dann sollten Sie mir einen Scheck über diese Summe ausstellen, und ich werde dafür sorgen, dass er Mrs. Maberley erreicht. Sie schulden ihr ein wenig Luftveränderung. Und dann, meine Dame« – er hob mahnend den Zeigefinger – nehmen Sie sich in Acht! Nehmen Sie sich in Acht! Sie können nicht auf Dauer mit scharfen Werkzeugen herumspielen, ohne sich nicht irgendwann in Ihre zierlichen Hände zu schneiden.«

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