Das Glück von Roaring Camp

Im Roaring Camp war große Aufregung. Eine Prügelei konnte die Ursache nicht sein; denn im Jahre 1850 war so etwas nicht neu genug, um die ganze Ansiedlung auf die Beine zu bringen. Nicht bloß die Gräben und Goldwäschereien waren verlassen, sondern auch Tuttles Schankwirtschaft hatte ihre Spielteufel beigesteuert, die, wie man sich erinnern wird, ruhig ihr Spiel fortsetzten an dem Tage, da French Pete und Kanaka Joe sich über den Schenktisch im Vorderzimmer gegenseitig eine Kugel durch den Kopf jagten. Das ganze Lager war vor einer rohen Hütte am äußersten Saume der Rodung versammelt. Man unterhielt sich in leisem Tone; aber der Name eines Frauenzimmers ward häufig genannt. Es war ein im Lager genugsam bekannter Name – »Cherokesen-Sally«.

Je weniger wir von ihr sagen, desto besser vielleicht. Sie war ein grobgebautes und, wie wir fürchten müssen, sehr sündiges Weibsbild. Aber sie war zu dieser Zeit das einzige weibliche Wesen im Roaring Camp, und in diesem Augenblick, wo der Beistand ihres eignen Geschlechts ihr so überaus notwendig gewesen wäre, lag sie in den heftigsten Schmerzen danieder. Liederlich, verworfen und unverbesserlich, hatte sie doch ein Martyrium zu erleiden, das schon schwer genug zu ertragen ist, wenn es durch teilneh- mende Frauenhände gemildert wird, aber jetzt in ihrer Verlassenheit entsetzlich war. Jener Fluch, der gegen die Ahnfrau des Menschengeschlechts geschleudert worden, hatte sie in dieser eigentümlichen Vereinsamung getroffen, welche die Strafe der ersten Sünde so furchtbar gemacht haben muß. Vielleicht bestand ein Teil der Buße für Sallys Sünden eben darin, daß sie in dem Augenblicke, wo sie weiblicher Hilfe und Pflege am meisten bedurfte, nur den halbverächtlichen Gesichtern ihrer männlichen Gefährten begegnete. Doch empfanden, glaub‘ ich, einige von den Zuschauern eine Regung von Mitleid beim Anblick ihrer Leiden. Sandy Tipton meinte, es sei doch gar zu hart für die Sally, und in Erwägung ihres bedauernswerten Zustandes vergaß er sogar einen Augenblick die Tatsache, daß er ein As und die beiden höchsten Trümpfe in seinem Ärmel hatte.

Und in der Tat, man muß gestehen, daß die Situation neu war. Todesfälle waren gar nichts Ungewöhnliches im Roaring Camp, aber eine Geburt – das war etwas ganz Neues. Schon viele Leute waren endgültig, ein für allemal und ohne die Möglichkeit einer Rückkehr, spediert worden; aber es war das erstemal, daß ein Individuum ab initio eingeführt wurde. Daher die Aufregung.

»Geh du doch mal hinein, Stumpy«, sagte ein hervorragender Bürger des Camps, der unter dem Namen »Kentuck« bekannt war, zu einem der Herumlungernden. »Geh du mal hinein und sieh, was du tun kannst. Du hast Erfahrung in solchen Dingen.«

Vielleicht war die Wahl nicht schlecht getroffen. War doch Stumpy unter einem andern Himmelsstrich das mutmaßliche Haupt zweier Familien gewesen. In der Tat waren es einige gesetzwidrige Schritte in dieser Hinsicht, denen das Roaring Camp – eine Freistatt für Leute, die sich mit den Landesgesetzen überworfen hatten – das Vergnügen seiner Gegenwart verdankte. Die Menge genehmigte die Wahl, und Stumpy war weise genug, sich der Majorität zu unterwerfen. Die Tür schloß sich hinter der improvisierten Wickelfrau, und das Roaring Camp ließ sich draußen nieder, schmauchte seine Pfeife und erwartete den Ausgang.

Die Gesellschaft zählte ungefähr hundert Männer. Einige von ihnen waren tatsächlich Flüchtlinge vor der Gerechtigkeit, ein paar Verbrecher, alle aber Menschen, die weder Grundsätze noch Gefahren kannten. In physischer Hinsicht deutete nichts an ihnen auf ihren Charakter und ihren frühern Lebenswandel hin. Der größte Gauner hatte ein Raphaelsgesicht mit einer Fülle blonder Locken. Oakhurst, der Spieler, zeigte die melancholische, tiefsinnig-träumerische Physiognomie eines Hamlet. Der kaltblütigste und mutigste Mann war kaum fünf Fuß hoch, hatte eine sanfte Stimme und verlegene, schüchterne Manieren. Der Ausdruck »brutale Kerle«, den man auf sie anwendete, war mehr eine Unterscheidung als eine Bezeichnung. In kleinern Einzelheiten wie Finger, Zehen, Ohren usw. Mag das Lager immerhin mangelhaft gewesen sein; aber diese geringfügigen Mängel taten der gemeinsamen Kraft keinen Abbruch. Der stärkste Mann hatte nur drei Finger an seiner rechten Hand, der beste Schütze nur ein Auge.

So war das physische Aussehen der Männer, die um die Hütte herumsaßen. Das Lager war in einem dreieckigen Tal zwischen zwei Hügeln und einem Flusse gelegen. Den einzigen Ausgang bildete ein steiler Pfad über den Kamm eines Hügels, welcher der Hütte gegenüber lag und jetzt vom aufgehenden Mond erhellt war. Das leidende Weib konnte ihn sehen von ihrem harten Lager – sehen, wie er sich gleich einem silbernen Faden hinaufwand, bis er sich zwischen den Sternen da oben verlor.

Ein Feuer von trockenen Fichtenzweigen gab der Versammlung etwas Gemütliches. Nach und nach gewann der natürliche Leichtsinn des Roaring Camps wieder die Ober- hand. Wetten in bezug auf den Ausgang der Sache wurden zahlreich angeboten und angenommen: drei gegen fünf, daß Sally durchkommen werde; gleich gegen gleich, daß das Kind am Leben bleibe. Dann Nebenwetten hinsichtlich des Geschlechts und der Farbe des erwarteten Fremdlings. Inmitten einer lebhaften Diskussion erfolgte ein Ausruf aus der Gruppe derer, die der Tür zunächst saßen, und das Lager verstummte, um zu lauschen. Über dem Wiegen und Ächzen der Fichtenbäume, dem eiligen Rauschen des Flusses und dem Prasseln des Feuers hatte man einen scharfen, klagenden Schrei vernommen – einen Schrei, wie er bisher im Lager noch nicht gehört worden.

Die Fichten hörten auf zu ächzen, der Fluß ließ nach zu rauschen, das Feuer zu prasseln, und es schien, als ob selbst die Natur ihre Tätigkeit unterbrochen hätte, um gleichfalls zu lauschen.

Das Lager sprang auf die Füße wie ein Mann! Es wurde der Vorschlag gemacht, ein Faß Pulver loszubrennen; aber in Erwägung des Zustandes der Mutter gewannen bessere Ratschläge die Oberhand, und man begnügte sich damit, ein paar Revolver abzufeuern. Denn mit der Cherokesen-Sally ging es rasch zu Ende – ob nun der improvisierte Geburtshelfer seines Amtes schlecht gewaltet hatte oder aus einem ändern Grunde. Nach einer Stunde hatte sie, um mich so auszudrücken, jenen steilen Pfad erklommen, der hinaufführt zu den Sternen, und das Roaring Camp mit seiner Sünde und Schande auf immer verlassen. Ich glaube nicht, daß diese Nachricht die Leute sonderlich beunruhigte – aber das Kind?

»Wird‘s am Leben bleiben?« wurde Stumpy gefragt.

Die Antwort fiel unbestimmt aus. Das einzige Wesen in der Ansiedlung, das von Cherokesen-Sallys Geschlecht war und sich in denselben mütterlichen Umständen be- fand, war eine Eselin. Man war einigermaßen zweifelhaft, ob sie passen werde; aber der Versuch ward gemacht. Die Sache war weniger problematisch als einst die Behandlung des Romulus und Remus und allem Anschein nach ebenso erfolgreich.

Darüber ging eine zweite Stunde hin. Als man fertig war, ward die Tür geöffnet, und die neugierige Menge, die sich bereits in einer Schlange angestellt hatte, trat im Gänsemarsch ein.

Neben der niedrigen Bank, auf der sich die Gestalt der Mutter unter den übergeworfenen Decken deutlich abzeichnete, stand ein Tisch aus Fichtenholz. Auf diesen war eine Lichterschachtel gestellt, und in ihr lag, eingewickelt in hellroten Flanell, der jüngste Ankömmling des Roaring Camps. Neben der Schachtel stand ein Hut, dessen Zweck sogleich bekanntgemacht wurde.

»Die Herren«, sagte Stumpy mit einer eigentümlichen Mischung von Amtswürde und offizieller Selbstgefälligkeit, »die Herren wollen zur Vordertür eintreten, an dem Tische vorüberdefilieren und zur Hintertür wieder hinausgehen. Diejenigen, welche für die Waise etwas beizusteuern wünschen, werden da einen Hut zur Hand finden.«

Der erste, der eintrat, hatte seinen Hut auf. Als er sich jedoch umblickte, nahm er ihn ab und gab so unbewußt den übrigen ein Beispiel. In solchen Gemeinden wirken gute wie schlechte Handlungen ansteckend. Während die Prozession vorüberzog, wurden allerhand Bemerkungen laut – Kritiken, die vielleicht mehr an Stumpy in seiner Eigenschaft als Aussteller gerichtet waren.

»Ist‘s das?« – »Enorm kleines Exemplar!« – »Hat nicht die Farbe seiner Mutter.« – »Ist ja nicht größer als ein Revolver.«

Ebenso charakteristisch waren die Gaben: eine silberne Tabaksdose, eine Dublone, ein Schiffsrevolver mit silbernem Beschlag, ein kleiner Beutel mit Goldstaub, ein sehr schönes gesticktes Damentaschentuch (von Oakhurst dem Spieler), eine diamantne Busennadel, ein dito Ring, eine Schleuder, eine Bibel (Schenker nicht zu entdecken), ein goldner Sporn, ein silberner Teelöffel (die Initialen, muß ich zu meinem Bedauern beifügen, waren nicht die des Gebers), eine Chirurgenschere, eine Lanzette, eine Fünf- pfundnote der Bank von England, und endlich in kuranter Gold- und Silbermünze ungefähr zweihundert Dollar.

Während dieser Vorgänge bewahrte Stumpy ein Schweigen, so unverbrüchlich wie das der Verstorbenen zu seiner Linken, und einen Ernst, so unerforschlich wie der des Neugebornen zu seiner Rechten. Nur ein Zwischenfall unterbrach die Eintönigkeit dieser merkwürdigen Prozession. Als Kentuck sich halb neugierig über die Lichter- schachtel neigte, wandte das Kind sich um, ergriff in einem schmerzlichen Aufzucken seinen tappenden Finger und hielt ihn einen Augenblick fest. Kentuck machte ein einfältiges und verlegenes Gesicht, und etwas wie Röte suchte sich auf seinen wettergebräunten Wangen bemerkbar zu machen.

»Die verdammte kleine Krabbe!« sagte er, als er seinen Finger befreite, mit mehr Zärtlichkeit und Vorsicht vielleicht, als man ihn zu zeigen für fähig gehalten hätte. Er hielt den betreffenden Finger beim Hinausgehen ein wenig ab von den ändern und betrachtete ihn aufmerksam. Diese Prüfung rief dieselbe originelle Bemerkung in bezug auf das Kind hervor. Es schien ihm Vergnügen zu machen, sie zu wiederholen. »Er krabbelte an meinem Finger«, bemerkte er gegen Tipton, indem er das Glied emporhielt; »die verdammte kleine Krabbe!«

Es war vier Uhr, als das Lager endlich daran dachte, sich zur Ruhe zu begeben. Ein Licht brannte in der Hütte, wo die Wächter saßen; denn Stumpy ging diese Nacht nicht zu Bett. Auch Kentuck schlief nicht. Zur Entschädigung trank er um so mehr und erzählte mit großem Behagen sein Abenteuer, wobei er jedesmal mit der charakteristi- schen Verdammung des neuen Bürgers schloß. Dadurch glaubte er sich gegen jeden ungerechten Verdacht zu verwahren, daß er empfindsam sei; denn Kentuck hatte die Schwächen des edlern Geschlechts. Als alle anderen sich zu Bett begeben hatten, ging er, nachdenklich ein Lied pfeifend, hinunter zum Flusse; dann an der Hütte vorbei hinauf zur Schlucht, wobei er noch immer mit affektierter Gleichgültigkeit vor sich hinpfiff. Bei einem großen Rotholzbaum blieb er stehen, ging wieder zurück und passierte abermals die Hütte. Auf halbem Wege zum Flusse machte er wiederum halt, kehrte um und klopfte endlich an der Tür der Hütte an.

Sie wurde von Stumpy geöffnet.

»Wie geht‘s?« fragte Kentuck, indem er an Stumpy vorbei nach der Lichterschachtel blickte.

»Alles ruhig«, versetzte Stumpy.

»Nichts los?«

»Nichts.«

Eine Pause – eine verlegene Pause trat ein, während welcher Stumpy noch immer die Tür festhielt. Dann nahm Kentuck seine Zuflucht zu seinem Finger, den er Stumpy unter die Nase hielt. »Krabbelte dran – die verdammte kleine Krabbe!« sagte er. Darauf zog er sich zurück.

Am folgenden Tage wurde Cherokesen-Sally bestattet – so feierlich, als die Verhältnisse des Roaring Camps es erlaubten. Nachdem ihre Leiche der Seite des Hügels anvertraut worden, trat das Lager zu einer feierlichen Besprechung zusammen, um zu beraten, was mit dem Kinde geschehen solle. Einstimmig und mit Begeisterung ward der Beschluß gefaßt, es zu adoptieren. Aber eine lebhafte Diskussion entspann sich hinsichtlich der Art und Weise und der Möglichkeit, für seine Bedürfnisse zu sorgen.

Es war merkwürdig, daß die ingrimmigen persönlichen Attacken, mit denen sonst die Debatten im Roaring Camp geführt zu werden pflegten, diesmal aus der Argumentation durchaus ferngehalten wurden. Tipton machte den Vorschlag, das Kind nach dem Roten Hunde (einer vierzig englische Meilen entfernten Niederlassung) zu schicken, wo ihm weibliche Pflege verschafft werden könnte. Aber sein unglücklicher Antrag stieß auf heftigen und einmütigen Widerspruch. Es lag auf der Hand, daß ein Plan, der eine Trennung von ihrer neuen Akquisition einschloß, auch nicht einen Augenblick Aussicht auf Billigung haben würde.

»Zudem«, meinte Tom Ryder, »könnten die Burschen da im Roten Hund es vertauschen und uns irgendein anderes dafür aufhalsen!«

Das Mißtrauen in die Ehrlichkeit anderer Siedlungen war im Roaring Camp ebenso stark wie in anderen Kolonien.

Auch der Vorschlag, eine Wärterin in das Lager zu holen, stieß auf Opposition. Es ward geltend gemacht, daß ein anständiges Frauenzimmer sich nicht werde bestimmen lassen, im Roaring Camp ihr Zelt aufzuschlagen; »und eine von der andern Sorte«, so schloß der Redner, »wollen wir nicht wieder haben.«

Diese unfreundliche Anspielung auf die verstorbene Mutter, wie hart sie auch scheinen mag, war das erste Aufzucken von Anstandsgefühl – das erste Symptom einer Wiedergeburt des Lagers. Stumpy enthielt sich aller Vorschläge. Vielleicht bewog ihn ein gewisses Zartgefühl, sich nicht in die Wahl eines Amtsnachfolgers zu mischen. Aber als man ihn fragte, behauptete er kühn, daß er und »Jenny« – das oben erwähnte Säugetier – das Kind schon aufpäppeln würden. Es lag etwas Originelles, Unabhängi- ges und Heroisches in diesem Plane, und das gefiel dem Lager. Stumpy verblieb im Amte. Man schickte wegen gewisser Gegenstände nach Sacramento.

»Und merke dir«, sagte der Schatzmeister, als er dem Expreßboten einen Beutel mit Goldstaub in die Hand drückte, »das beste, was zu kriegen ist – Spitzen, weißt du, und Filigranarbeit und Krausen – was es kostet, schiert uns den Teufel.«

Es war wundersam, aber das Kind gedieh. Vielleicht gewährte das kräftigende Klima des im Gebirge gelegenen Lagers Entschädigung für die materiellen Mängel. Die Natur nahm den Findling an ihre breite Brust. In jener seltenen Atmosphäre der Hügellandschaft der Sierras – jener mit balsamischen Düften gesättigten Luft, jener ätherischen Herzstärkung, die zugleich kräftigt und erheitert – mag er die Speise und Nahrung gefunden haben, die ihm not tat; – möglich auch, daß infolge eines feinen chemischen Prozesses die Eselsmilch sich in Kalk und Phosphor verwandelte. Stumpy neigte zu der Meinung, es sei die letztere und seine gute Pflege.

»Ich und die Eselin«, pflegte er zu sagen, »sind ihm Vater und Mutter gewesen! Und du«, setzte er dann hinzu, indem er sich an das hilflose Bündel vor ihm wendete, »daß du dich niemals gegen uns wendest!«

Als das Kind einen Monat alt war, machte sich die Notwendigkeit fühlbar, ihm einen Namen zu geben. Bisher war es bekannt gewesen als »das Zicklein«, als »Stumpys Bub«, als der »Wolf« (eine Anspielung auf seine kräftigen Lungen), und sogar unter Kentucks Kosenamen »die verdammte kleine Krabbe«. Aber man fühlte, daß diese Bezeichnungen zu allgemein und zu ungenügend waren, und so ließ man sie zuletzt unter einem ändern Einflusse wieder fallen. Spieler und Abenteurer sind gewöhnlich abergläubisch, und Oakhurst erklärte eines Tages, daß das Kind dem Roaring Camp »das Glück« gebracht habe. Allerdings hatte man in letzter Zeit gute Geschäfte gemacht. »Glück« war daher der Name, auf den man sich einigte; der größern Bequemlichkeit halber legte man ihm noch den Vornamen »Tommy« bei. Die Mutter wurde dabei nicht erwähnt, und der Vater war unbekannt.

»Es ist besser«, sagte der philosophische Oakhurst, »die Partie ganz von neuem zu beginnen. Nennt ihn Glück und gebt ihm gute Karten in die Hand.«

Demgemäß ward ein Tag für den Taufakt festgesetzt.

Was mit dieser Zeremonie gemeint war, kann der Leser, der sich bereits eine Vorstellung von der verwegenen Gottlosigkeit des Roaring Camps gemacht haben wird, sich leicht denken. Der Zeremonienmeister war ein gewisser »Boston«, ein bekannter Possenreißer, und die Gelegenheit schien ihm den prächtigsten Spaß zu versprechen.

Dieser sinnreiche Satiriker hatte zwei Tage darauf verwendet, um eine mit scharfen lokalen Anspielungen gespickte Travestie jener kirchlichen Handlung vorzubereiten. Der Chor war sorgfältig eingeübt, und Tipton sollte Gevatter stehen. Aber nachdem das Roaring Camp mit Musik und Fahnen nach dem Gehölz gezogen und das Kind auf den für die Parodie hergerichteten Altar gelegt worden war, trat Stumpy vor die erwartungsvolle Menge.

»Es ist nicht meine Art, die Rolle des Spaßverderbers zu spielen, Jungens«, sagte der kleine Mann mutig, indem er fest in die Gesichter um ihn her blickte; »aber diesmal, scheint mir, ist die Sache nicht recht in der Ordnung. Es hat ja doch gar keinen Sinn, unser Baby in eine Posse zu mischen, von der es nichts versteht. Und wenn hier jemand Gevatter stehen soll, so möchte ich den sehen, der mehr Recht darauf hätte als ich.«

Ein tiefes Schweigen folgte auf Stumpys Rede. Zur Ehre aller Humoristen muß gesagt werden, daß der erste, der Stumpy Recht gab, der Satiriker war, der auf diese Weise um seinen Spaß gebracht wurde.

»Aber«, sagte Stumpy, seinen Vorteil wahrnehmend, schnell, »wir sind hier zu einer Taufe versammelt, und die wollen wir haben. Ich gebe dir hiermit den Namen Thomas Glück, gemäß den Gesetzen der Vereinigten Staaten und des Staates Kalifornien – so wahr mir Gott helfe.«

Es war das erstemal, daß der Name der Gottheit in anderer als profanierender Weise im Lager ausgesprochen worden war. Die Form der Taufe war vielleicht noch possenhafter als die, welche der Satiriker ausgesonnen hatte – aber, merkwürdig genug, niemand ward sich dessen bewußt, und niemand lachte. »Tommy« wurde so ernsthaft getauft, wie es unter dem Dache einer christlichen Kirche hätte geschehen können, und dabei schrie er und wurde beruhigt, ganz so wie es der orthodoxe Gebrauch verlangt.

Und so begann das Werk der Wiedergeburt im Roaring Camp. Beinahe unmerklich vollzog sich eine Umwandlung in der Ansiedlung. Die Hütte, die »Tommy Glück« – oder »dem Glück«, wie er öfter genannt wurde – angewiesen worden, zeigte zuerst Spuren von Verbesserung. Sie wurde mit Kalk überzogen und sorgfältig rein gehalten. Dann ward sie gedielt, tapeziert und mit Fenstern versehen. Die Wiege von Rosenholz – achtzig englische Meilen hatte sie auf dem Rücken eines Maultieres zurücklegen müssen – hatte nach Stumpys Ausdrucksweise den übrigen Möbeln »den Garaus gemacht«. So ward die Restauration der Hütte eine Notwendigkeit. Die Leute, die bei Stumpy vorzusprechen pflegten, um zu sehen, »wie es dem Glück gehe«, schienen die Veränderung zu würdigen. Das rivalisierende Etablissement »Tuttles Schankwirtschaft« konnte die Konkurrenz nicht länger aushaken. Im Interesse der Selbsterhaltung sah es sich genötigt, Teppich und Spiegel anzuschaffen. Die Wirkung der letztern auf das äußere Aussehen des Roaring Camps war wieder derart, daß man sich besserer Gewohnheiten befliß im Punkte der persönlichen Sauberkeit. Ferner legte Stumpy denen, die nach der Ehre und dem Privilegium strebten, »das Glück« auf den Armen zu halten, eine Art Quarantäne auf. Es war eine grausame Strafe für Kentuck, sich von diesem Privilegium aus gewissen Gründen der Vorsicht ausgeschlossen zu sehen; denn in der Sorglosigkeit einer genial angelegten Natur und gemäß den Gewohnheiten des Grenzerlebens hatte er angefangen, jede Art Kleidung als eine zweite Haut zu betrachten, welche, gleich der der Schlange, nur abgestreift wird, wenn sie völlig verwittert ist. Indes hatte diese Neuerung die heilsame Wirkung, daß er fortan regelmäßig jeden Nachmittag in einem saubern Hemd und mit einem Gesicht erschien, das noch von den Abwaschungen glänzte.

Auch die Gesetze der sittlichen und sozialen Hygiene wurden nicht vernachlässigt. Tommy, von dem angenom men wurde, daß er sein ganzes Dasein in einem ununter- brochenen Verlangen nach Ruhe hinbringen werde, durfte durch keinerlei Lärm gestört werden. Das Schreien und Brüllen, das dem Lager seinen unglücklichen Namen eingetragen hatte, war innerhalb Gehörsweite von Stumpys Hütte nicht mehr erlaubt. Die Leute unterhielten sich jetzt flüsternd oder rauchten ihre Pfeifen mit indianischem Ernst. Ruchlose Reden waren aus diesem geheiligten Bereich stillschweigend verbannt, und im ganzen Lager wurden einige beliebte Formen der Gefühlsäußerung wie »verdammtes Glück!« oder »verdammt schlechtes Glück!« aufgegeben, weil sie von jetzt an eine persönliche Beziehung haben konnten.

Vokalmusik war nicht verpönt, da man ihr eine besänftigende und beruhigende Wirkung zuschrieb, und ein Lied, das »Jack der Seeheld«, ein Deserteur aus Ihrer Britischen Majestät australischen Matrosen-Kolonien, zu singen pflegte, war als Wiegenlied ganz besonders beliebt. Es war ein schwermütiger Bericht von den Heldentaten der »Are- thusa, vierundsiebzig Kanonen stark«, im tiefen Mollton, der bei jedem Verse mit dem hinsterbenden, langgezogenen Kehrreim schloß: »An Bo-o-ord der Arethusa.« Es war ein schöner Anblick, Jack zu sehen, wie er »das Glück« auf den Armen hielt, sich von einer Seite zur andern wiegte, als ob er das Schaukeln eines Schiffes nachahme, und dabei sein Matrosenlied brüllte. War es nun das seltsame Wiegen Jacks oder die Länge seiner Romanze – sie enthielt neunzig Stanzen und wurde mit gewissenhafter Überlegung bis zu dem traurigen Ende durchgesungen –, in der Regel hatte das Wiegenlied die gewünschte Wirkung. Zu solchen Zeiten pflegten die Goldgräber in dem sanften Sommerzwielicht in voller Länge unter den Bäumen zu liegen, ihre Pfeifen zu rauchen und die melodischen Töne einzuschlürfen. Eine unbestimmte Vorstellung von der Glückseligkeit eines arkadischen Daseins ergriff dann das ganze Lager.

»So etwas«, sagte der Cockney Simmons, indem er sich sinnend auf seinen Ellbogen stützte, »so etwas ist doch gar zu himmlisch.« Es erinnerte ihn an Greenwich.

Während der langen Sommertage wurde »das Glück« gewöhnlich nach der Schlucht getragen, aus der das Roaring Camp seinen Goldvorrat schöpfte. Dort pflegte es auf einer wollenen Decke, die über Fichtenzweige gebreitet war, zu liegen, während die Goldsucher unten in den Gräben arbeiteten. Später wurde ein kunstloser Versuch gemacht, seine Laube mit Blumen und süßduftenden Sträuchern zu schmücken, und von Zeit zu Zeit brachte ihm jemand einen Strauß aus wildem Geißblatt, Azaleen oder den bunten Blüten der Mariposen. Die Goldsucher waren plötzlich zu dem Bewußtsein erwacht, daß in diesen unbedeutenden Dingen, die sie so lange gleichgültig unter die Füße getreten hatten, Schönheit und Bedeutung lag.

Eine Flocke glänzender Mica, ein Stück buntfarbigen Quarzes, ein schimmernder Kieselstein aus dem Bette des Baches ward von nun an schön in ihren auf solche Weise geklärten und gestärkten Augen und regelmäßig für »das Glück« beiseite gelegt. Es war wunderbar, wieviel Schätze Wald und Hügel lieferten, die »für Tommy paßten«.

Umgeben von Spielsachen, wie sie außerhalb des Feenlandes kein Kind vor ihm jemals besessen, war Tommy hoffentlich zufrieden. Und er schien in der Tat glücklich zu sein, ungeachtet der kindlichen Ernsthaftigkeit und des beschaulichen Glanzes seiner runden grauen Augen, worüber Stumpy sich manchmal nicht wenig beunruhigt fühlte. Er war allzeit so folgsam und ruhig! Es wird erzählt, daß, als er einst über seinen »Corral« – eine Hecke von ineinandergeflochtenen Fichtenzweigen, die sein Bettchen umgab – hinausgekrochen war, er über den Damm hinab mit dem Kopfe in die weiche Erde fiel und, mit den Beinchen in der Luft, wenigstens fünf Minuten in dieser Lage verblieb, ohne seiner Ernsthaftigkeit etwas zu vergeben. Er wurde ohne zu murren wieder herausgezogen. Ich trage Bedenken, die vielen ändern Beispiele seines verständigen Naturells hier mitzuteilen, da sie leider nur auf das Zeugnis seiner für ihn eingenommenen Freunde sich stützen. Einige derselben waren nicht ganz frei von Aber- glauben.

»Da kriech‘ ich eben das Ufer hinauf«, sagte Kentuck eines Tages in einem Zustande atemloser Aufregung, »und der Teufel soll mich holen, wenn er nicht mit einem Häher redete, der ihm auf dem Schoße saß. Da waren sie – ganz so ungeniert und brüderlich, wie nur irgend etwas – und schwatzten miteinander wie zwei Kirschklappern.«

Wie dem auch sei, ob er nun über die Fichtenzweige hinauskroch oder träge auf dem Rücken lag und zu dem Laubwerk über ihm hinaufblinzelte – für ihn zwitscherten die Vögel, für ihn blühten die Blumen, für ihn raschelten im Gebüsch die Eichhörnchen. Die Natur war seine Amme und seine Gespielin. Seinetwegen ließ sie durch das dichte Blätterwerk der Baumkronen goldene Sonnenstrahlen schlüpfen und gerade in den Bereich seiner Händchen fallen; und ihn zu besuchen, sandte sie die mit den Wohlgerüchen von Lorbeerbäumen und Harzen gesättigten wandernden Brisen; ihm galt es, wenn die stattlichen Rotholzbäume so traulich und träumerisch nickten, wenn die Hummeln summten und die Krähen eine einschläfernde Begleitung dazu krächzten.

Solcher Art war der goldene Sommer des Roaring Camps. Es waren »blühende Zeiten« – und das Glück war mit ihnen. Die Goldgräben waren ungemein ergiebig gewesen. Das Lager war eifersüchtig auf seine Privilegien und sah jeden Fremden mit mißtrauischen Augen an. Die Einwanderung ward nicht ermutigt, und um die Abschließung vollkommener zu machen, ward das Land zu beiden Seiten der Berge, welche das Lager wie eine Mauer umgaben, in bester Form angekauft. Dieser Umstand sowie ihr Ruf, daß sie ausgezeichnet mit dem Revolver umzugehen wüßten, erhielt das Gebiet des Roaring Camps unverletzt. Der Expreßbote – ihr einziges Bindeglied mit der Außenwelt – erzählte manchmal wunderbare Geschichten von dem Lager.

»Die Brüller«, sagte er einst, »haben da eine Straße, vor der sich alle Straßen im Roten Hunde verkriechen müssen. Um ihre Häuser haben sie Weinstöcke und Blumen, und zweimal im Tage waschen sie sich. Aber gegen Fremde sind sie schauderhaft grob, und sie beten ein indianisches Wickelkind an.«

Mit dem Gedeihen des Lagers kam der Wunsch nach weiteren Verbesserungen. Es ward der Vorschlag gemacht, im nächsten Frühjahr ein Hotel zu bauen und einige anständige Familien einzuladen, sich darin niederzulassen ! – natürlich im Interesse »des Glückes«, dem weibliche Gesellschaft vielleicht gut bekam. Das Opfer, das diese Konzession an das schwache Geschlecht diese Leute kostete, die in bezug auf dessen Tugend und Nützlichkeit sehr skeptisch waren, kann nur aus ihrer Liebe zu Tommy erklärt werden. Einige wenige opponierten freilich noch. Aber der Plan konnte erst in drei Monaten ausgeführt werden, und so gab die Minorität sanftmütig in der Hoffnung nach, daß inzwischen ein unvorhergesehenes Hindernis eintreten werde. Und ein solches trat ein!

Noch lange Zeit wird man sich in jenen Gegenden des Winters von 1851 erinnern. Hoch lag der Schnee in den Sierras, und jeder Waldbach ward ein Fluß, jeder Fluß ein See. Jede Schlucht, jedes Rinnsal verwandelte sich in einen mächtig schäumenden Wasserfall, der sich tobend die Bergwände hinabstürzte, riesige Bäume umriß und die ganze Ebene mit angeschwemmten Trümmern jeder Art bedeckte. Der Rote Hund hatte schon zweimal unter Wasser gestanden, und das Roaring Camp war gewarnt.

»Das Wasser«, sagte Stumpy, »bringt uns das Gold in die Schluchten. Es ist schon einmal hier gewesen, und es wird wiederkommen!«

Und in eben jener Nacht sprang plötzlich die Nordgabel über ihre Ufer und fegte hinauf bis in das dreieckige Tal des Roaring Camps.

In der Verwirrung des rauschenden Wassers, der zermalmenden Bäume, des krachend zusammenstürzenden Holzwerks und in der Finsternis, die zugleich mit dem Wasser zuzuströmen und das schöne Tal vom Erdboden wegzufegen schien, konnte nur wenig getan werden, um die zerstreut wohnenden Leute des Lagers zusammenzurufen.

Als der Morgen anbrach, war Stumpys Hütte, die dem Flusse zunächst stand, fortgeschwemmt. Höher hinauf in der Schlucht fand man die Leiche ihres unglücklichen Besitzers; aber der Stolz, die Hoffnung, die Freude, das Glück des Roaring Camps war verschwunden. Mit beklommenen Herzen kehrten sie wieder um, als ein Ruf vom Ufer her sie zurückrief.

Es war ein Rettungsboot, das stromaufwärts gerudert kam. Etwa zwei Meilen talabwärts, erzählten die Leute, hatten sie einen Mann mit einem Kinde, beide fast völlig erschöpft, aufgelesen. Ob jemand sie kenne, und ob sie hierhergehörten?

Es bedurfte nur eines Blickes, um ihnen zu zeigen, daß Kentuck vor ihnen lag – grausam zerquetscht und zerschlagen, aber noch immer das Glück des Roaring Camps in den Armen haltend. Als sie sich über dieses seltsam geeinte Paar niederbeugten, merkten sie, daß das Kind kalt war und sein Puls aufgehört hatte zu schlagen.

»Er ist tot«, sagte einer. Kentuck schlug die Augen auf.

»Tot?« wiederholte er mit schwacher Stimme.

»Ja, mein Junge, und auch du bist am Sterben.« Ein Lächeln erhellte die Augen des in den letzten Züge« liegenden Kentuck.

»Am Sterben«, wiederholte er, »er nimmt mich mit sich . . . sagt den Jungens, daß ich jetzt auf immer das Glück bei mir habe.«

Und der starke Mann klammerte sich an das schwache Kind, wie ein Ertrinkender, sagt man, sich anklammert an einem Strohhalm, und trieb hinaus in jenes schattige Gewässer, das ewig dem unbekannten Ozean entgegenströmt.

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