Das Geheimnis von Marie Rogêts Tod

Als ich vor etwa Jahresfrist in meiner Erzählung: ›Der Doppelmord in der Rue Morgue‹, einige auffallende, merkwürdige Geisteszüge meines Freundes August Dupin zu schildern versuchte, hätte ich nicht gedacht, daß ich jemals wieder auf diesen Gegenstand zurückkommen würde. Ich wollte damals eine Charakterschilderung geben und erreichte meine Absicht vollkommen, da mir eine Reihe sehr seltsamer Begebenheiten Belege für Dupins Idiosynkrasie geliefert hatten. Ich hätte noch mehr Beispiele anführen und doch den Beweis nicht schlagender liefern können. Neuere Ereignisse haben mich aber durch ihre überraschende Entwicklung bestimmt, einige weitere Einzelheiten zu erwähnen, die vielleicht wie ein erzwungenes Geständnis aussehen werden. Es wäre jedoch sonderbar, wenn ich nach dem, was ich kürzlich hörte, Stillschweigen über das bewahren sollte, was ich vor langer Zeit schon vernahm.

Als die Tragödie des Todes der Frau L’Espanaye und ihrer Tochter zum Schluß gekommen war, widmete ihr Dupin auch nicht einen Gedanken mehr und versank wieder in seine gewohnten düsteren Träumereien. Und da auch ich schon immer sehr zu abstrakten Grübeleien neigte, teilte ich seine Stimmung bald. Wir bewohnten unsere Zimmer im Fauburg St. Germain weiter, schlugen alle Gedanken an die Zukunft in den Wind, schlummerten ruhig auf der Gegenwart, und ein Netz von Träumereien umspann die graue Alltagswelt, die uns umgab.

Doch blieben diese Träume nicht ganz ungestört. Man kann sich leicht denken, daß die Rolle, die mein Freund in der Tragödie der Rue Morgue spielte, ihren Eindruck auf die Phantasie der Pariser Polizei nicht verfehlt hatte. All ihren Mitgliedern ist Dupins Name bekannt und geläufig. Da er den einfachen Charakter der Induktionen, durch die er das Geheimnis enthüllte, außer mir niemandem, selbst nicht dem Präfekten, mitgeteilt hatte, ist es nicht erstaunlich, daß man die ganze Sache fast als ein Wunder ansah und daß man seine analytischen Fähigkeiten für reine Intuition hielt. Seine Offenheit würde ohne Zweifel veranlaßt haben, all diese Gerüchte über ihn zu dementieren, hätte ihn nicht seine Indolenz abgehalten, noch irgend etwas in einer Sache zu tun, die für ihn von keinem Interesse mehr war. So geschah es, daß er für die Augen der Polizei eine Art Leitstern wurde, und bei zahlreichen Gelegenheiten suchte sich die Polizeipräfektur seiner Dienste zu versichern. Eine der merkwürdigsten war die Ermordung jenes jungen Mädchens namens Marie Rogêt.

Dieser Mord ereignete sich etwa zwei Jahre nach den Greueltaten in der Rue Morgue. Marie, deren Tauf- und Familienname jedermann an eine unglückliche junge New Yorker Zigarrenverkäuferin erinnern wird, war die einzige Tochter der Witwe Estelle Rogêt. Als kleines Kind hatte sie ihren Vater verloren und seit seinem Tode bis zu dem achtzehnten Monate vor ihrer Ermordung, die den Gegenstand unserer Erzählung bildet, mit ihrer Mutter zusammen in der Rue Pavée Sainte Andrée gewohnt. Frau Rogêt hielt dort mit Mariens Hilfe eine Pension. So verfloß ihr Leben ziemlich gleichförmig, bis die große, außerordentliche Schönheit des nun zweiundzwanzigjährigen Mädchens die Aufmerksamkeit eines Parfümhändlers auf sich zog, der einen der im Erdgeschoß gelegenen Kaufläden im Palais Royal innehatte und dessen Kundschaft hauptsächlich aus den verwegenen Abenteurern bestand, die in jener Gegend herum wohnen. Monsieur Le Blanc war sich sehr wohl der Vorteile bewußt, welche die Anwesenheit der schönen Marie seinem Geschäfte bringen mußte; das Mädchen ging auf seine ziemlich glänzenden Vorschläge bereitwilligst ein, während die Mutter erst nach längerem Zögern ihre Zustimmung gab.

Die Erwartungen des Kaufmanns gingen durchaus in Erfüllung, und die Reize des munteren Mädels machten sein Geschäft bald sehr bekannt. Marie hatte ihre Stellung vielleicht ein Jahr inne, als ihre Bewunderer plötzlich dadurch in große Unruhe versetzt wurden, daß sie – verschwand. Monsieur Le Blanc vermochte keine Aufklärung zu geben, und Frau Rogêt geriet vor Angst und Schrecken fast außer sich. Die Zeitungen nahmen die Sache auf, und schon wollte die Polizei zu ernstlichen Nachforschungen schreiten, als nach Verlauf einer Woche Marie – gesund, nur ein klein wenig bleich und traurig – eines schönen Morgens wieder hinter dem Zahltisch der Parfümerie erschien. Natürlich wurden sofort alle weiteren, nicht privaten Nachforschungen aufgegeben. Der Parfümeur behauptete nach wie vor, nicht das geringste in der Sache zu wissen. Marie und Frau Rogêt antworteten auf alle Fragen, daß sie die letzte Woche in dem Hause einer Verwandten auf dem Lande zugebracht habe. So geriet die ganze Geschichte in Vergessenheit, zumal das junge Mädchen bald darauf, um der unverschämten Neugierde des Publikums zu entgehen, den Laden des Parfümeurs endgültig verließ und wieder unter dem Schutz der Mutter in der Rue Pavée Sainte Andrée wohnte.

Ungefähr fünf Monate nach der Rückkehr in das Haus der Mutter wurden ihre Angehörigen plötzlich durch ein neues Verschwinden in Aufregung versetzt. Es vergingen drei Tage, ohne daß man das geringste von ihr hörte. Am vierten fand man den Leichnam auf der Seine schwimmend, in der Nähe des Ufers, das dem Quartier der Rue Pavée Sainte Andrée gerade gegenüberliegt, nicht weit entfernt von der wenig besuchten Gegend an der Barrière du Roule.

Die Gräßlichkeit dieses Mordes – es stellte sich nur zu bald heraus, daß hier ein Mord vorlag -, die Jugend und Schönheit sowie vor allem die bekannte Persönlichkeit des Opfers brachten die sensiblen Pariser in gewaltige Aufregung. Ich erinnere mich keines ähnlichen Falles, der so tiefes und allgemeines Aufsehen erregt hätte. Mehrere Wochen vergaß man darüber selbst die wichtigsten politischen Tagesfragen, sprach von nichts anderem mehr als von diesem Kriminalfall. Der Polizeipräfekt machte ganz ungewöhnliche Anstrengungen, um Licht in die Sache zu bringen: die ganze Polizei, bis zum letzten Mann, wurde zu den Nachforschungen aufgeboten.

Als man den Leichnam entdeckte, glaubte man nicht, daß der Mörder den alsbald angestellten Nachforschungen entgehen könne. Erst nach Verlauf einer Woche hielt man es für nötig, eine Belohnung auszusetzen, und beschränkte sie noch auf tausend Francs. Mittlerweile wurden die Nachforschungen mit Energie, wenn auch nicht immer mit Verständnis fortgesetzt, zahlreiche Personen wurden verhört, ohne daß das geringste Ergebnis zutage getreten wäre, während die anscheinende Unerklärlichkeit des Geheimnisses die Erregung der Bevölkerung stetig steigerte. Am Ende des zehnten Tages hielt man es für angemessen, die ursprünglich ausgesetzte Belohnung zu verdoppeln; und endlich, als die zweite Woche ohne das geringste Resultat verflossen und die Bevölkerung von Paris, die stets ein Vorurteil gegen die Polizei besessen hat, zu ziemlich bedrohlichen Zusammenrottungen geschritten war, entschloß sich der Präfekt, demjenigen, ›der den Mörder zur Anzeige brächte‹, oder wenn die Tat von mehreren ausgeführt worden sei, dem, ›der einen der Mörder zur Anzeige brächte‹, eine Belohnung von zwanzigtausend Francs zu versprechen. In dem Aufruf, in welchem der Präfekt diese Belohnung verhieß, war zugleich jedem Mitschuldigen, der gegen seine Genossen aussagte, vollständige Straflosigkeit zugesichert. Dieser amtlichen Bekanntmachung war überall eine Nachschrift beigefügt, in der ein Ausschuß von Bürgern noch weitere zehntausend Francs auf die Entdeckung des Verbrechers aussetzte. Die Belohnung belief sich also insgesamt auf nicht weniger als dreißigtausend Francs – eine ganz außerordentliche Summe, wenn man die bescheidene Lebensstellung des Mädchens und die Tatsache in Betracht zieht, daß derartige Greueltaten in großen Städten häufig vorkommen.

Es zweifelte jetzt niemand mehr, daß sich das Dunkel, das diesen Mord einhüllte, bald aufhellen werde. Aber obgleich man ein oder zwei Verhaftungen vornahm, ließ sich doch nichts ermitteln, was die Schuld der Betreffenden bewiesen hätte, und man mußte sie alsbald wieder in Freiheit setzen. Vielen wird es sonderbar erscheinen, daß drei Wochen seit der Auffindung des Leichnams verstrichen – drei Wochen, die nicht den geringsten Anhalt zur Ermittlung des Täters geliefert hatten -, ehe auch nur das kleinste Gerücht des Ereignisses zu meinen und Dupins Ohren gelangte. Da wir beide mit Untersuchungen beschäftigt waren, die unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, waren wir seit fast einem Monat nicht mehr ausgegangen, hatten keinen Besucher empfangen und nur die politischen Leitartikel der Zeitungen und auch diese nur sehr flüchtig gelesen. Die erste Nachricht von dem Mord brachte uns der Präfekt G. . persönlich. Er besuchte uns früh am Nachmittage des 13. Juli 18.. und blieb bis spät in die Nacht hinein bei uns. Er schien höchst niedergeschlagen darüber, daß alle seine Bemühungen, den Mörder ausfindig zu machen, resultatlos blieben. Sein Ruf, ja, seine Ehre stehe auf dem Spiel, behauptete er mit dem echten Ton des Parisers. Aller Augen seien auf ihn gerichtet, und er würde jedes Opfer gerne bringen, um das Rätsel endlich zu lösen. Er schloß seine etwas konfuse Rede mit einem Kompliment, das er Dupin über seinen sogenannten Takt zu sagen geruhte, und machte ihm einen direkten und gewiß äußerst einträglichen Vorschlag, dessen Natur ich nicht näher bezeichnen darf und will und auch nicht brauche, da er für den eigentlichen Gegenstand meiner Erzählung von keiner Bedeutung ist.

Das Kompliment lehnte mein Freund so bestimmt wie nur möglich ab, den Vorschlag jedoch nahm er an, obgleich die mit ihm verbundenen Vorteile nur bedingte waren. Als sie sich über diesen Punkt geeinigt hatten, erging sich der Präfekt in weitläufigen Auseinandersetzungen seiner eigenen Ansichten sowie in langen Kommentaren über die Zeugenaussagen, die uns noch vollständig unbekannt waren. Er redete viel und ohne Zweifel sehr gelehrt, bis ich endlich die gelegentliche Bemerkung wagte, daß die Nacht schon vorrücke und schläfrig mache. Dupin saß ruhig in seinem gewohnten Lehnstuhl und schien die Verkörperung achtungsvollster Aufmerksamkeit zu sein. Er trug während des Gespräches eine Brille, und ein gelegentlicher Blick unter ihre grünen Gläser genügte, um mich zu überzeugen, daß er während der sieben oder acht bleiflüssigen Stunden, die dem Abschied des Präfekten vorhergingen, zwar still, doch nichtsdestoweniger fest schlief.

Am folgenden Morgen verschaffte ich mir auf der Polizeipräfektur eine vollständige Zusammenstellung der bisherigen Zeugenaussagen und auf den verschiedenen Zeitungsexpeditionen ein Exemplar jeder Nummer, in der bis jetzt irgendeine wichtige Nachricht über die traurige Angelegenheit gestanden hatte. Sah man von allem ab, was sich als unwahr herausgestellt hatte, so war das seitherige Ergebnis der Ermittlungen auf Folgendes zu beschränken:

Marie Rogêt verließ die Wohnung ihrer Mutter in der Rue Pavée Sainte Andrée am Sonntag, dem 22. Juni 18.. um neun Uhr morgens. Beim Weggehen teilte sie einem Herrn Jacques St. Eustache, und zwar diesem allein, die Absicht mit, den Tag bei ihrer Tante zuzubringen, die in der Rue des Drômes wohnte. Diese Rue des Drômes ist eine kurze, schmale, aber sehr besuchte Straße in der Nähe des Flusses und in gerader Linie etwa zwei Meilen von der Pension der Frau Rogêt entfernt. Saint Eustache war Mariens anerkannter Bewerber und wohnte und speiste in der erwähnten Pension. Er sollte seine Verlobte in der Dämmerung abholen und wieder nach Hause zurückbegleiten Im Laufe des Nachmittags jedoch stellte sich ein heftiger Regen ein, und da er annahm, sie würde die Nacht über, wie sie unter ähnlichen Umständen schon öfters getan, bei der Tante bleiben, hielt er es nicht für notwendig, sein Versprechen zu halten. Als der Abend jedoch vorschritt, hörte man Frau Rogêt, eine alte, gebrechliche, siebzigjährige Dame die Befürchtung aussprechen, sie werde Marie wohl nie wiedersehen. Diese Bemerkung wurde jedoch im Augenblick nicht beachtet.

Am Montag stellte es sich heraus, daß das Mädchen nicht in der Rue des Drômes gewesen war; und als man auch im Laufe des Tages nichts von ihm erfuhr, nahm man noch spät abends in verschiedenen Teilen der Stadt und der Umgegend eine Nachforschung vor. Doch erst am vierten Tage nach seinem Verschwinden wußte man, oder vielmehr: wußten einige, woran sie waren. An diesem Tage – es war also Mittwoch, der 25. Juni – benachrichtigte man einen Herrn Beauvais, der in Gesellschaft eines Freundes bei der Barrière du Roule am Ufer nach Marie gesucht hatte, daß eben einige Fischer einen Leichnam ans Land gezogen hätten, den sie auf dem Flusse schwimmend gefunden hatten. Beauvais erklärte nach einigem Zögern den Leichnam identisch mit der verschwundenen Parfümverkäuferin, sein Freund erkannte ihn sofort.

Das ganze Gesicht war von schwarzem Blute überronnen, das zum Teil aus dem Munde hervorgequollen zu sein schien. Man bemerkte keinen Schaum, wie bei Personen, die einfach ertrunken sind. In dem Zellengewebe ließ sich keine Entfärbung wahrnehmen. An der Kehle zeigten sich Quetschungen und Fingereindrücke. Die Arme waren über der Brust zusammengelegt und steif. Die rechte Hand war zusammengeballt, die linke halb offen. Am linken Handgelenk befanden sich zwei kreisrunde, wunde Stellen, die anscheinend von Stricken oder einem einzigen, mehrfach herumgewundenen Strick verursacht worden waren. Auch ein Teil des rechten Handgelenkes war zerschunden, ebenso der ganze Rücken, besonders aber die Schulterblätter. Die Fischer hatten den Leichnam mittels eines Strickes ans Ufer gebracht, doch rührte keine der Hautabschürfungen davon her. Das Fleisch des Halses war dick aufgeschwollen, Schnitte und die Spuren eines Schlages bemerkte man jedoch nicht. Ein Stück Spitze war fest um den Hals gebunden, ganz im Fleisch begraben und mit einem Knoten gerade unter dem linken Ohr zusammengeschlungen. Dies allein würde genügt haben, den Tod herbeizuführen.

Das Zeugnis der Ärzte betonte den tugendhaften Charakter der Verstorbenen und erklärte, daß sie roher Gewalt unterlegen sei. Der Leichnam war, als man ihn fand, in einem Zustand, daß ihn alle näheren Bekannten ohne Schwierigkeit erkennen mußten.

Die Kleider waren vielfach zerrissen und auch sonst in großer Unordnung. Aus dem obersten Gewand war ein Streifen von ungefähr einem Fuß Breite, von dem Saume nach oben hin, heraus-, jedoch nicht abgerissen worden. Dieser Streifen war dreimal um die Taille gewunden und auf dem Rücken durch eine Art Schlinge befestigt worden. Der unmittelbar unter dem Kleid liegende Rock bestand aus feinem Musselin, und aus diesem hatte man einen ungefähr achtzehn Zoll breiten Streifen vollständig, und zwar sehr gleichmäßig und sorgfältig herausgerissen. Man fand ihn lose um den Hals der Toten gewunden und in einem festen Knoten zusammengebunden. Über dem Spitzen- und dem Musselinstreifen waren noch die Hutbänder, an denen ihr Hut hing, gebunden, und zwar nicht mittels eines Damenknotens, sondern eines sogenannten verlorenen oder Schifferknotens.

Als der Leichnam erkannt war, wurde er nicht, wie gewöhnlich, nach der Morgue transportiert, sondern, da diese Förmlichkeit für überflüssig erachtet wurde, nicht weit von der Stelle, an der man ihn ans Land gebracht hatte, eilig eingescharrt. Beauvais ließ es sich angelegen sein, die Sache soviel wie möglich zu vertuschen, und mehrere Tage vergingen, ehe etwas Weiteres an die Öffentlichkeit drang. Da nahm eine Wochenschrift die Sache von neuem auf, der Leichnam wurde ausgegraben und eine neue Obduktion angeordnet, die jedoch außer dem bekannten kein weiteres Ergebnis hatte. Doch wurden die Kleider der Verstorbenen der Mutter und Bekannten vorgezeigt und von ihnen mit Gewißheit als die erkannt, welche die Unglückliche bei ihrem Weggehen von daheim getragen hatte.

Unterdessen wuchs die Aufregung von Stunde zu Stunde. Mehrere Personen wurden verhaftet, aber wieder freigelassen. Ganz besonders verdächtig erschien Saint Eustache, da er sich anfänglich nicht genügend über seinen Aufenthalt an dem Sonntag, an dem Marie das mütterliche Haus verlassen hatte, auszuweisen vermochte. Später jedoch brachte er Beweise bei, die über jede Stunde des fraglichen Tages vollständige Rechenschaft ablegten.

Da die Zeit verging, ohne daß man eine Spur von den Verbrechern entdeckte, entstanden eine Menge Gerüchte, und die Presse trug das ihrige dazu bei, dieselben zu verbreiten. Die meiste Aufmerksamkeit erregte die Vermutung, daß Marie immer noch lebe – daß der in der Seine gefundene Leichnam der Körper einer anderen Unglücklichen sei. Ich halte es für angezeigt, dem Leser einige Stellen zu unterbreiten, welche die eben angeführte Vermutung zum Ausdruck bringen. Diese Stellen sind wörtliche Übersetzungen aus der ›Etoile‹, einem im übrigen geschickt redigierten Blatte.

Es hieß da: ›Fräulein Rogêt verließ die Wohnung ihrer Mutter am Morgen des 22. Juni. Es war ein Sonntag. Sie gab an, eine Tante oder sonst eine Verwandte in der Rue des Drômes besuchen zu wollen. Von dieser Stunde an ist sie nachweislich von niemandem mehr gesehen worden. Man hat weder eine Spur noch die geringste Nachricht von ihr… Bis jetzt hat noch niemand ausgesagt, daß er sie an diesem Tage, nachdem sie das Haus der Mutter verließ, überhaupt gesehen habe. Obgleich wir nun keinen Beweis haben, daß Marie Rogêt sich nach neun Uhr an dem betreffenden Sonntag noch unter den Lebenden befand, haben wir doch Beweise, daß sie bis zu dieser Stunde noch lebte. Am Mittwoch um zwölf Uhr mittags wurde ein weiblicher Leichnam unweit des Ufers der Barrière du Roule im Wasser schwimmend gefunden. Es waren also, selbst wenn wir annehmen, daß Marie in den ersten drei Stunden nach dem Verlassen der mütterlichen Wohnung ins Wasser geworfen wurde, nur drei Tage, auf die Stunde drei Tage, verflossen. Doch wäre es töricht, anzunehmen, daß der Mord, wenn überhaupt ein Mord vorliegt, so früh hätte verübt werden können, daß es den Mördern möglich gewesen wäre, den Leichnam noch vor Mitternacht in den Fluß zu werfen. Menschen, die sich solch abscheulicher Verbrechen schuldig machen, handeln meistens unter dem Schutz der Dunkelheit… War also der im Wasser gefundene Leichnam wirklich der Marie Rogêts, so konnte er nur zwei und einen halben Tag im Wasser oder drei Tage außerhalb desselben gelegen haben. Nun lehrt uns aber alle Erfahrung, daß Ertrunkene oder Körper, die nach erfolgtem gewaltsamen Tode sofort ins Wasser geworfen wurden, sechs bis zehn Tage brauchen, ehe die Verwesung so weit vorgeschritten ist, daß sie wieder an die Oberfläche kommen. Selbst wenn eine Kanone über einen Leichnam hinweg abgefeuert wird und derselbe in die Höhe kommt, ehe er fünf bis sechs Tage im Wasser gelegen hat, sinkt er wieder, sobald er sich selbst überlassen wird. Nun müssen wir uns fragen, was denn im vorliegenden Falle für ein Grund vorhanden gewesen sein könnte, eine Abweichung von dem gewöhnlichen Lauf der Natur zu rechtfertigen? Wäre der Leichnam in seinem verstümmelten Zustande bis Dienstag nacht am Ufer versteckt gehalten worden, so hätte man dort sicherlich eine Spur von den Mördern finden müssen. Außerdem ist es zweifelhaft, daß der Körper so bald wieder an die Oberfläche gekommen wäre, selbst wenn er erst zwei Tage nach seinem Tode in den Fluß geworfen wurde. Und endlich ist es höchst unwahrscheinlich, daß die Verbrecher, die einen so schauderhaften Mord verübten, den Leichnam nicht durch ein Gewicht zum Sinken gebracht hätten, da doch dieser wichtigen Vorsichtsmaßregel nichts im Wege stand.‹

Nun suchte der Redakteur des Blattes weiter zu beweisen, daß der Körper nicht bloß drei Tage, sondern wenigstens fünfmal drei Tage im Wasser gelegen haben müsse, da er schon so weit in Verwesung übergegangen gewesen sei, daß Beauvais ihn nur mit Schwierigkeit erkannt habe. Die letzte Behauptung wurde jedoch als durchaus unrichtig erwiesen. Ich fahre mit den Worten der ›Etoile‹ fort:

›Welches sind also die Tatsachen, auf die Herr Beauvais seine Behauptung stützt, der Leichnam sei unzweifelhaft der der Marie Rogêt gewesen? Er hat ihren Kleiderärmel aufgeschnitten und will Zeichen gefunden haben, die Beweise genug waren. Das Publikum nahm allgemein an, daß er mit diesen Zeichen irgendwelche Narben oder Male gemeint habe. Er rieb den Arm und fand Haare auf ihm – also etwas, was so wenig von Bedeutung war und die Identität so wenig bewies wie etwa die Tatsache, daß man einen Arm in dem Ärmel fand. Herr Beauvais ging in jener Nacht nicht nach Hause, sondern ließ Frau Rogêt noch Mittwoch abend sagen, daß die Untersuchung betreffs ihrer Tochter immer noch fortdauere. Selbst, wenn wir zugeben, daß Frau Rogêt durch ihr hohes Alter und ihren Schmerz verhindert wurde, sich an den Ort der Untersuchung zu begeben, so würde doch wohl irgendein anderer Angehöriger es der Mühe wert gehalten haben, der Untersuchung beizuwohnen, wenn man den gefundenen Körper wirklich für den Leichnam von Marie gehalten hätte. Es kam aber niemand. Herr Saint Eustache, Mariens Bräutigam und zukünftiger Gatte, der im Hause ihrer Mutter lebte, behauptete, daß er von der Auffindung des Leichnams seiner Braut erst am folgenden Morgen Nachricht erhalten habe, und zwar durch Herrn Beauvais, der auf sein Zimmer gekommen sei und ihm davon berichtet habe. Es ist aber im höchsten Grade erstaunlich, daß eine Nachricht von solcher Wichtigkeit so kühl aufgenommen wurde.‹

Die Zeitung suchte also in dieser Weise die Nachricht zu verbreiten, als hätten die Angehörigen von Marie die Entdeckung des Leichnams mit einer Gleichgültigkeit aufgenommen, die ihren Grund nur darin haben konnte, daß sie nicht an die Identität desselben mit ihrer Tochter glaubten. Die Insinuationen des Blattes laufen darauf hinaus, daß Marie die Stadt mit Zustimmung ihrer Freunde verlassen habe, und zwar aus Gründen, die gegen ihre Ehrenhaftigkeit sprächen, und daß diese Freunde, als man auf der Seine einen Leichnam gefunden hatte, der der Vermißten ähnelte, die Gelegenheit ergriffen hätten, das Publikum glauben zu machen, sie sei tot.

Aber die ›Etoile‹ war diesmal vorschnell gewesen. Es wurde klar bewiesen, daß von einer Gleichgültigkeit seitens der Verwandten nicht die Rede sein konnte. Die alte Dame war so außerordentlich schwach und erregt, daß sie nicht der geringsten Pflicht nachkommen konnte, und Saint Eustache, weit entfernt, die Nachricht kühl aufzunehmen, geriet ganz außer sich vor Schmerz und gebärdete sich so wahnsinnig, daß Herr Beauvais einen Freund und Verwandten beauftragte, sich seiner anzunehmen und zu verhüten, daß er der Untersuchung beiwohne, die der Wiederausgrabung der Leiche folgen sollte. Obgleich die ›Etoile‹ ferner behauptete, daß der Leichnam auf Stadtkosten begraben worden sei und die Familie einen Vorschlag der Verwaltung, die Unglückliche privatim zu beerdigen, zurückgewiesen und niemand von den Angehörigen der Zeremonie beigewohnt habe – obgleich die ›Etoile‹ dies alles in der Absicht, ihrer Meinung von der Sache Verbreitung zu verschaffen, behauptete -, wurde sie doch genügend widerlegt. In einer folgenden Nummer des Blattes wurden Versuche gemacht, Beauvais selbst zu verdächtigen. Der Redakteur meinte:

›So gewinnt denn nun die Sache ein ganz anderes Aussehen. Man hat uns mitgeteilt, daß Herr Beauvais einmal, als er ausgehen wollte, zu einer Frau B., die zufällig in Frau Rogêts Hause anwesend war, gesagt habe, man erwarte einen Gendarmen, und sie – Frau B. – möge sich mit demselben in keine Unterredung einlassen, sondern alles ihm überlassen. Wie nun die Sachen jetzt liegen, scheint Herr Beauvais doch wohl die beste Auskunft über die ganze Angelegenheit geben zu können. Man kann ohne Herrn Beauvais keinen Schritt mehr weiter machen, denn welchen Weg man auch nehmen mag, man rennt immer wieder gegen ihn an… Er muß doch wohl seine Gründe haben, zu bestimmen, daß niemand in der Sache aussagen solle. Auch hat er die männlichen Verwandten der Unglücklichen, wie diese selbst sagen, in recht sonderbarer Weise mundtot zu machen versucht. Er scheint auch sehr dagegen gewesen zu sein, daß den Verwandten erlaubt wurde, den Leichnam zu sehen.‹

Dieser Verdacht gegen Beauvais wurde noch durch folgende Tatsache verstärkt. Ein paar Tage vor dem Verschwinden des Mädchens hatte ein Besucher, der Beauvais in seinem Bureau zu sprechen gewünscht, ihn jedoch nicht angetroffen hatte, in dem Schlüsselloch der Bureautür eine Rose stecken sehen und den Namen ›Marie‹ auf einer Schiefertafel gesehen, die neben der Tür hing.

Nach den Zeitungen zu urteilen, sprach sich die öffentliche Meinung dahin aus, daß Marie das Opfer einer Rotte von Bösewichtern geworden, und daß sie von ihnen über den Fluß geschleppt, mißhandelt und ermordet worden sei. Der ›Commercial‹ jedoch, ein Blatt von weittragendem Einfluß, bekämpfte diese allgemeine Annahme lebhaft. Ich zitiere ein paar Stellen aus seinen Spalten:

›Wir sind überzeugt, daß die Polizei bis jetzt bei ihren Nachforschungen auf ganz falscher Fährte gewesen ist, wenigstens soweit sich dieselben auf die Barrière du Roule erstrecken. Es ist unmöglich, daß eine so wohlbekannte Person wie Marie drei Stadtviertel hat durchschreiten können, ohne von einem einzigen Menschen erkannt zu werden; wäre sie von jemandem gesehen worden, so würde sich die betreffende Person sicher daran erinnern, denn sie interessierte alle, die sie kannten. Fernerhin ging sie zu einer Zeit aus, in der die Straßen am belebtesten sind. Es ist undenkbar, daß sie bis zur Barrière du Roule oder bis zur Rue des Drômes gegangen ist, ohne wenigstens von einem Dutzend Personen erkannt worden zu sein. Und doch ist keine Aussage gemacht worden, derzufolge sie an jenem Morgen außerhalb des Hauses ihrer Mutter gesehen wurde, man hat ja nicht einmal einen Beweis, daß sie überhaupt ausgegangen ist, wenn wir von der Aussage absehen, nach der sie selbst diese Absicht ausgesprochen haben soll. Aus ihrem Kleid war ein Streifen herausgerissen, um den Leib geschlungen und verknotet, so daß man den Leichnam wie einen Packen tragen konnte. Wenn der Mord an der Barrière du Roule stattgefunden hätte, wären doch dergleichen Maßnahmen nicht nötig gewesen. Die Tatsache, daß man den Leichnam in der Nähe der Barrière im Wasser schwimmend gefunden hat, ist kein Beweis, daß er auch dort ins Wasser geworfen wurde… Ein zwei Fuß langer und ein Fuß breiter Streifen war aus einem der Unterröcke des unglücklichen Mädchens herausgerissen, und diesen hatten die Täter ihm fest um den Hals gebunden und hinten am Kopf zusammengeknotet, was in der Hauptsache die Beweisführung des ›Commercial‹ umzustoßen schienen. Zwei kleine Knaben, die Söhne einer Frau Deluc, waren, als sie in einem Wäldchen in der Nähe der Barrière du Roule herumstreiften, zufällig in ein kleines Dickicht geraten, in welchem sie drei oder vier große Steine fanden, die eine Art Sitz mit Lehne und Fußschemel bildeten. Auf dem oberen Stein lag ein weißer Unterrock, auf dem zweiten ein seidenes Schultertuch. Außerdem fanden die Knaben noch Handschuhe, einen Sonnenschirm und ein Taschentuch, in welches der Name ›Marie Rogêt‹ eingestickt war. An den Brombeerbüschen, die das Plätzchen reichlich umgaben, entdeckten sie verschiedene Fetzen von einem Kleid. Der Boden war zusammengetreten, die Sträucher vielfach geknickt und alle Spuren eines stattgefundenen Kampfes vorhanden. Einige Zäune zwischen diesem Dickicht und dem Fluß waren durchbrochen, und das Aussehen des Bodens ließ mit Sicherheit darauf schließen, daß man eine schwere Last über ihn hingeschleift habe. Eine Wochenzeitung, ›Le Soleil‹, brachte über diese Entdeckung folgende Bemerkungen, welche die Stimmung der gesamten Pariser Presse wiedergaben:

›Die gefundenen Gegenstände lagen offenbar schon wenigstens drei oder vier Wochen an der Fundstelle, denn sie waren vom Regen ganz verschimmelt, klebten vielfach zusammen und waren vollständig verdorben. Über einige der Gegenstände war schon Gras gewachsen. Die Seide des Sonnenschirmes war stark, doch war der obere Teil, der am dichtesten zusammengefaltet war, durch und durch verschimmelt und verfault, so daß er, als man den Schirm öffnete, zerriß. – – Die Stücke Zeug, welche die Sträucher aus ihrem Kleide gerissen hatten, waren ungefähr drei Zoll breit und sechs Zoll lang. Eines der Stücke hatte den Saum des Rockes gebildet und war ausgebessert gewesen, ein anderes war mitten aus der Bahn des Rockes gerissen, sie sahen aus wie mit Gewalt losgerissene Streifen und hingen an Dornbüschen, etwa nur einen Fuß vorn Boden entfernt. —- Es steht also außer allem Zweifel, daß der Schauplatz dieses schauderhaften Verbrechens entdeckt ist.‹

Diese Entdeckung führte zu neuen Zeugenaussagen. Frau Deluc bekundet, daß sie in der Nähe des Flusses, der Barrière du Roule gerade gegenüber, ein Gasthaus halte. Die Umgegend ist einsam, ganz außerordentlich einsam. Des Sonntags geben sich dort alle Taugenichtse aus der Stadt ein Stelldichein. Sie setzen in Kähnen über den Fluß. An dem fraglichen Sonntag erschien um drei Uhr nachmittags ein junges Mädchen in Begleitung eines jungen Mannes von dunklem Teint in dem Gasthaus. Sie verweilten dort eine Zeitlang und schlugen dann den Weg in ein nahes dichtes Gehölz ein. Der Frau Deluc war das Kleid des jungen Mädchens aufgefallen, weil es Ähnlichkeit mit einem Gewand besaß, welches eine verstorbene Verwandte von ihr getragen hatte. Das Schultertuch zog ihre Aufmerksamkeit besonders auf sich. Bald nach dem Weggehen des Paares erschien eine Rotte Bösewichter, die sich unter Schreien und Lärmen Essen und Trinken wohlschmecken ließen, das Zahlen jedoch vergaßen und denselben Weg einschlugen, den der junge Mann mit dem Mädchen genommen hatte. Zur Zeit der Dämmerung erschienen sie wieder im Gasthaus, setzten dann über den Fluß und erweckten den Anschein, als seien sie in großer Eile.

An demselben Abend, bald nachdem es dunkel geworden war, vernahmen Frau Deluc sowie ihr ältester Sohn das Geschrei einer weiblichen Stimme, ganz in der Nähe ihres Wirtshauses. Es war laut, doch nicht anhaltend. Außerdem erkannte Frau Deluc nicht nur das Schultertuch wieder, sondern auch das Gewand, mit dem der gefundene Körper bekleidet war.

Ein Omnibuskutscher, Valence mit Namen, sagte nun ebenfalls aus, daß Marie Rogêt an dem betreffenden Sonntag mit einem jungen Manne von dunklem Teint in einer Fähre über die Seine gefahren sei. Er habe Marie sehr gut gekannt und könne sich über ihre Person nicht getäuscht haben. Die in dem Dickicht gefundenen Gegenstände wurden von den Angehörigen der Unglücklichen sofort als von ihr stammend erklärt.

Die ganze Menge der Aussagen und Ergebnisse, die ich mir auf Dupins Anraten aus den Zeitungen sammelte, enthielt außer dem Angeführten nur noch einen weiteren Punkt, der mir jedoch von äußerster Tragweite zu sein schien. Kurz nach der Entdeckung der eben erwähnten Kleidungsstücke fand man in der Nähe des Ortes, den man jetzt allgemein für den Schauplatz des Verbrechens hielt, den entseelten oder fast entseelten Körper Saint Eustaches, des Verlobten von Marie. Neben ihm lag ein leeres Fläschchen mit der Aufschrift ›Laudanum‹ . Sein Atem bewies, daß er das Gift genommen hatte. Er starb, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Man entdeckte einen Brief bei ihm, in welchem er kurz seiner Liebe zu Marie und der Absicht, sich das Leben zu nehmen, Ausdruck gab.

»Ich brauche Ihnen wohl kaum zu bemerken«, sagte Dupin zu mir, nachdem er mein gesammeltes Material durchgelesen hatte, »daß dies eine weit verwickeltere Sache ist als der Fall in der Rue Morgue; sie unterscheidet sich von diesem in einem wesentlichen Punkte. Dies neue Verbrechen ist trotz seiner Scheußlichkeit doch immerhin ein gewöhnliches. Es hat nichts von dem Übermäßigen, gewaltsam Grotesken an sich, das damals die Köpfe so sehr verwirrte. Sie haben wohl schon bemerkt, daß man eben deshalb die Aufklärung des Geheimnisses für leicht gehalten hat, obwohl gerade dieser Umstand die Lösung des Rätsels erschwert.

Man hielt es anfänglich für unnötig, eine Belohnung auszusetzen. Die Beamten des Präfekten begriffen auf der Stelle, wie und warum ein solch gräßliches Verbrechen begangen werden konnte. Sie konnten sich eine Art, mehrere Arten der Ausführung, einen Beweggrund, mehrere Beweggründe denken, und da es nicht unmöglich war, daß einer dieser Beweggründe, eine dieser Arten tatsächlich vorlag, hielten sie es bald für eine ausgemachte Sache, daß einer derselben vorliegen müsse.

Die Leichtigkeit, mit der man verschiedene Vermutungen aufstellen konnte, und vor allem die Wahrscheinlichkeit, welche jede von ihnen mit Recht für sich in Anspruch nehmen durfte, hätte man eher als erschwerendes denn als erleichterndes Moment betrachten sollen. Ich habe schon bemerkt, daß die Vernunft bei ihrem Streben nach Wahrheit sich dadurch ihren Weg zu bahnen versucht, daß sie sich die Dinge, die über das Niveau des Gewohnten hinausgehen, zu Merksteinen nimmt, und daß man sich in Fällen wie der vorliegende nicht fragen sollte: ›Was ist geschehen?‹, sondern: ›Was ist geschehen, das vorher noch nie vorgekommen ist?‹

Bei den Nachforschungen im Hause der Frau L’Espanaye waren die Leute des Polizeipräfekten gerade durch die ungewöhnlichen Umstände, welche die Tat begleiteten, entmutigt und verwirrt, während sie einem guten Denker als Vorzeichen baldigen Erfolges erscheinen mußten. Derselbe Denker aber wäre über den gewöhnlichen Charakter aller Einzelheiten in der Angelegenheit der Parfümverkäuferin in Verzweiflung geraten – die Beamten des Präfekten nahmen diese Tatsache für eine Bürgschaft leichten Sieges auf.

In dem Fall der Frau L’Espanaye und ihrer Tochter hegten wir vom Beginn unserer Nachforschungen an keinen Zweifel mehr, daß es sich wirklich um einen Mord handele. Es war von vornherein ausgeschlossen, daß Selbstmord vorlag. Auch in diesem Falle brauchen wir nicht mit der Möglichkeit eines Selbstmordes zu rechnen. Der Leichnam wurde unter Umständen aufgefunden, die über diesen wesentlichen Punkt keine Zweifel entstehen lassen.

Man hat jedoch die Vermutung zu verbreiten gesucht, der aufgefundene Körper sei nicht der Leichnam der Marie Rogêt, deren Mörder man sucht, auf deren Entdeckung man die Belohnung aussetzte und wegen der allein wir mit dem Präfekten ein Abkommen getroffen haben. Wir beide kennen diesen Herrn sehr gut und wissen, daß ihm gegenüber allzugroßes Vertrauen nicht angebracht ist. Beginnen wir unsere Nachforschungen mit dem gefundenen Körper, finden die Spur des Mörders, entdecken jedoch, daß der Leichnam nicht der von Marie, sondern der irgendeiner anderen Person ist, so ist, nach dem Charakter des Präfekten zu schließen, unsere Mühe ebenso vergeblich, als wenn wir von der Voraussetzung ausgehen, Marie lebe noch, und sie auch wirklich noch am Leben auffinden. Wir müssen uns also in unserem eigenen Interesse wie um der Gerechtigkeit willen bemühen, die Identität des Leichnams mit der vermißten Marie Rogêt nachzuweisen.

Die Vermutungen der ›Etoile‹ haben im Publikum Glauben gefunden, und das Blatt selbst ist von deren Richtigkeit auch vollständig überzeugt, wie aus dem Anfang eines Artikels über diesen Gegenstand hervorgeht:

›Mehrere der heute erschienenen Morgenzeitungen‹, sagt das Blatt, ›sprechen von dem überzeugenden Artikel, der in der Montagsnummer der ›Etoile‹ erschienen ist.‹

Mich jedoch hat der Artikel von nichts anderem als von dem Eifer seines Verfassers zu überzeugen vermocht. Wir dürfen nie vergessen, daß unseren Zeitungen im allgemeinen mehr daran liegt, Sensation zu machen, Aufsehen zu erregen, als die Sache der Wahrheit zu fördern. Dies letztere tun sie nur, wenn es sich mit dem ersteren, ihrem Hauptzweck, vereinigen läßt. Die Presse, welche die allgemeine Meinung, so berechtigt diese auch immer sein mag, teilt, ist bei der Menge niemals beliebt, denn sie hält nur den für einen tiefen Denker, welcher ihr mit möglichst beißendem Widerspruch begegnet. In der Logik nicht weniger als in der Literatur findet gerade das Epigramm die schnellste und allgemeinste Anerkennung. Und doch ist es in beiden Fällen – was Verdienstlichkeit angeht – eine niedrigere Art der Ausdrucksweise.

Was ich hiermit sagen will, ist also kurz: daß eine Mischung von Epigramm und Melodrama in der Idee, Marie Rogêt könne noch leben, nicht aber die Wahrscheinlichkeit dieser Annahme die ›Etoile‹ bewogen hat, dieser Vermutung, die ihr die Gunst des Publikums gewann, Raum zu geben. Prüfen wir also die hauptsächlichen Punkte der Beweisführung dieses Blattes und hüten wir uns dabei vor dem Mangel an Zusammenhang, der den Ausführungen des genannten Blattes von Anfang an anhaftet.

Der Verfasser sucht uns zuerst durch die Kürze der Zeit zwischen dein Verschwinden von Marie und der Entdeckung des schwimmenden Leichnams zu beweisen, daß dieser Leichnam nicht der Mariens sein könne. Es liegt in seinem Interesse, diese Zwischenzeit als möglichst kurz dahinzustellen, und um dieses zu erreichen, stellt er ganz willkürlich allerlei bloße Vermutungen auf. ›Es wäre töricht, anzunehmen‹, sagt er, ›daß der Mord, wenn überhaupt ein Mord vorliegt, so früh hätte verübt werden können, daß es den Mördern möglich gewesen wäre, den Leichnam vor Mitternacht in das Wasser zu werfen.‹

Hier drängt sich uns sofort und ganz natürlich die Frage auf: Warum? Warum soll es eine Torheit sein, anzunehmen, daß der Mord schon in den ersten fünf Minuten, nachdem Marie ihr elterliches Haus verlassen hatte, verübt wurde? Warum soll es eine Torheit sein, anzunehmen, daß der Mord in einer beliebigen Straße ausgeführt wurde? Zu allen Stunden und Tageszeiten sind schon Morde vorgekommen.

Wäre der Mord in irgendeinem Augenblick zwischen neun Uhr morgens und ein Viertel vor zwölf Uhr nachts verübt worden, so hätte der Mörder noch immer Zeit gehabt, den Leichnam noch vor Mitternacht in den Fluß zu werfen.

Die ganze Vermutung will also nur besagen, daß der Mord nicht am Sonntag vollführt wurde; und lassen wir die ›Etoile‹ bei dieser Annahme, je nun, so erlauben wir ihr eben, alles anzunehmen, was ihr nur immer einfällt.

Man kann leicht erraten, daß die Stelle, welche mit den Worten beginnt: ›Es wäre töricht … ‹, im Kopfe ihres Verfassers wohl folgendermaßen gestanden hat: ›Es wäre töricht, anzunehmen, daß der Mord, wenn überhaupt ein Mord vorliegt, so früh hätte verübt werden können, daß es den Mördern möglich gewesen wäre, den Leichnam noch vor Mitternacht in den Fluß zu werfen; es ist töricht, sagen wir, alles dieses anzunehmen, und dazu noch (wie wir allerdings fest entschlossen sind), daß der Leichnam erst nach Mitternacht ins Wasser geworfen‹ – ein Satz, der, an sich noch inkonsequent genug, nicht so vollständig widersinnig ist, wie der gedruckte!«

Dupin fuhr fort: »Hätte ich nur die Absicht, diese Stelle in der Beweisführung der ›Etoile‹ zu widerlegen, so könnte ich mich ruhig mit dem eben Gesagten beschränken. Wir haben es hier jedoch nicht mit der ›Etoile‹, sondern mit der Wahrheit zu tun. Die angeführte Stelle hat nur einen Sinn, und diesen Sinn habe ich ehrlich wiedergegeben. Es ist jedoch nötig, daß wir noch hinter die Worte dringen, um den Gedanken zu erfassen, den dieselben offenbar aufdrängen wollen, ohne ihn selbst wirklich auszudrücken. Der Berichterstatter wollte sagen, es sei unwahrscheinlich, daß der Mörder, zu welcher Tages- oder Nachtzeit des fraglichen Sonntags er auch den Mord vollbrachte, den Leichnam noch vor Mitternacht an das Ufer geschleppt habe. Und hierin liegt die fälschliche Vermutung, die ich nicht zu billigen vermag. Man stellt es als bewiesen hin, daß der Mord an einem Ort und unter Umständen verübt wurde, die es nötig machten, den Leichnam an das Flußufer zu schleppen. Und doch konnte der Mord sehr wohl am Ufer oder auf dem Fluß selbst vollführt worden sein, so daß man den Leichnam zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht ins Wasser zu werfen vermochte. Dies war ja das schnellste und nächstliegende Mittel, sich seiner zu entledigen.

Sie werden einsehen, daß ich nichts als wahrscheinlich, nichts als mit meiner eigenen Ansicht übereinstimmend hinstelle. Bis jetzt habe ich auf die wirklichen Tatsachen in dieser Angelegenheit noch gar nicht eingehen wollen. Ich wollte Sie nur darauf hinweisen, von welch einseitigem Standpunkte aus die ›Etoile‹ von Anfang an ihre Behauptungen gewagt hat. Nachdem das Blatt die nach seiner vorgefaßten Meinung allein zulässigen Vermutungen scharf umgrenzt und die Annahme ausgedruckt hat, daß der Leichnam, wenn er wirklich der von Marie war, nur sehr kurze Zeit im Wasser gelegen haben könne, fährt es fort:

›Die Erfahrung lehrt uns, daß Ertrunkene oder Körper, die nach erfolgtem gewaltsamen Tode sofort ins Wasser geworfen wurden, sechs bis zehn Tage brauchen, ehe die Verwesung so weit vorgeschritten ist, daß sie wieder an die Oberfläche kommen. Selbst wenn eine Kanone über einen Leichnam hinweg abgefeuert wird, der fünf bis sechs Tage im Wasser gelegen hat, und dieser in die Höhe kommt, sinkt er wieder, sobald er sich selbst überlassen wird.‹

Diese Behauptungen haben sämtliche Pariser Blätter, mit alleiniger Ausnahme des ›Moniteur‹, stillschweigend über sich ergehen lassen. Und der ›Moniteur‹ wendet sich auch bloß gegen die Stelle, welche sich auf ›Körper, die durch Ertrinken den Tod gefunden‹, bezieht, und führt fünf bis sechs Fälle an, in denen Körper ertrunkener Personen, die nachweislich weniger als sechs Tage im Wasser lagen, schwimmend aufgefunden wurden.

Allein, es liegt etwas äußerst Unphilosophisches in dem Versuche des ›Moniteur‹, die allgemeine Behauptung der ›Etoile‹ durch Anführung einiger Fälle umstoßen zu wollen, die gegen diese Behauptung sprechen. Selbst wenn es dem ›Moniteur‹ gelungen wäre, statt der fünf fünfzig Fälle anzuführen, in denen schon nach zwei bis drei Tagen die Leichen Ertrunkener wieder an der Oberfläche schwimmend gefunden worden sind, so hätten auch diese fünfzig Beispiele immer noch als Ausnahme von der Regel der ›Etoile‹ angesehen werden können, bis die Regel einmal selbst umgestoßen werden würde. Läßt man jedoch die Regel bestehen, wie es der ›Moniteur‹ tut, indem er ihre Ausnahmen anführt, so bleibt auch der Beweis der ›Etoile‹ in voller Kraft bestehen, denn er besagt im Grunde nicht mehr, als daß es nicht wahrscheinlich ist, daß sich ein Leichnam in weniger als drei Tagen wieder an die Oberfläche des Wassers erhebt. Und diese Unwahrscheinlichkeit wird die Annahmen der ›Etoile‹ so lange bekräftigen, bis die so kindisch angeführten Beispiele an Zahl so zunehmen, daß sie eine entgegensetzte Regel begründen.

Sie sehen also, daß wir vor allen Dingen Beweise gegen die Regel selbst beibringen müssen, wenn wir sie mit Erfolg anfechten wollen. Zu diesem Zwecke wollen wir die Gesetze, auf denen die Regel basiert, prüfen.

Der menschliche Körper ist im allgemeinen weder viel leichter noch viel schwerer als das Wasser der Seine: das heißt, die spezifische Schwere des menschlichen Körpers in seinem natürlichen Zustande kommt so ziemlich der Schwere der Menge von Süßwasser gleich, die er verdrängt. Die Körper dicker, fleischiger, kleinknochiger Personen und der Frauen überhaupt sind leichter als die von mageren, grobknochigen Personen und von Männern überhaupt; auch wird die spezifische Schwere des Wassers eines Flusses durch die Ebbe und Flut des Meeres, die eventuell auf ihn wirken, beeinflußt. Aber wenn wir auch ganz von Ebbe und Flut absehen, so können wir doch behaupten, daß auch in süßem Wasser nur sehr wenige Körper von selbst sinken. Fast jeder, der in einen Fluß fällt, wird schwimmen können, wenn er nur die spezifische Schwere des Wassers mit seiner eigenen völlig ins Gleichgewicht bringt, das heißt, wenn er seinen ganzen Körper soviel wie möglich unter Wasser hält. Die beste Haltung für jemanden, der nicht schwimmen kann, ist die gerade Stellung eines Gehenden. Den Kopf muß er nach hinten überlegen und so tief unter Wasser halten, daß bloß Mund und Nasenlöcher über der Oberfläche bleiben. In einer solchen Lage wird jeder ohne Schwierigkeit und ohne Übung schwimmen können. Es liegt jedoch auf der Hand, daß sich die Schwere des Körpers und die der verdrängten Wassermenge gerade aufwiegen und daß die geringste Kleinigkeit der einen oder der anderen das Übergewicht verschaffen kann. So verursacht z. B. ein Arm, der aus dem Wasser herausgestreckt und seiner Stütze beraubt wird, ein Überwiegen des Körpers, das hinreicht, den ganzen Kopf zum Sinken zu ‚bringen, während die zufällige Hilfe eines Holzstückchens es ermöglicht, den Kopf so hoch zu halten, daß man umherzuschauen vermag.

Man kann jedoch immer beobachten, daß ein des Schwimmens Unkundiger im Wasser das Bestreben hat, die Arme in die Höhe zu strecken und den Kopf in der gewohnten aufrechten Lage zu halten. Die Folge ist, daß Mund und Nasenlöcher unter das Wasser geraten und beim Atmen Wasser in die Lunge des Untersinkenden gerät. Auch der Magen füllt sich mit Wasser und der ganze Körper wird um den Unterschied zwischen dem Gewicht der aufgenommenen Flüssigkeit und dem der die Höhlungen ursprünglich ausfüllenden Luft schwerer. In der Regel ist dieser Unterschied groß genug, um den Körper zum Sinken zu bringen; es genügt jedoch nicht bei Personen, die kleine Knochen oder ungewöhnlich fettes oder schlaffes Fleisch haben. Diese schwimmen selbst darin noch, wenn sie ertrunken sind.

Stellen wir uns jedoch vor, der Leichnam liege auf dem Boden des Flusses. Hier wird er so lange liegenbleiben, bis seine spezifische Schwere durch irgendeinen Umstand wieder geringer wird als die der Wassermenge, die er verdrängt. Dies geschieht in der Regel durch die Verwesung. Das Resultat der Verwesung ist eine Gaserzeugung, die das Zellgewebe ausdehnt und dem Leichnam das bekannte aufgedunsene Aussehen verleiht. Ist diese Ausdehnung so weit vorgeschritten, daß der Körper an Umfang wesentlich zugenommen hat, ohne jedoch seine Masse und sein Gewicht vergrößert zu haben, so wird seine spezifische Schwere geringer als die des verdrängten Wassers, und er hebt sich wieder an die Oberfläche.

Die Art der Verwesung aber wird durch unzählige Umstände bestimmt, wird durch unzählige Einflüsse beschleunigt oder verspätet; z. B. durch die Hitze oder Kälte der Jahreszeit, durch die Reinheit des Wassers oder durch etwaige mineralische Bestandteile, die es enthält, durch seine Tiefe oder Seichtheit, durch seinen raschen Lauf oder sein Stagnieren, durch die Beschaffenheit des Körpers, durch den Umstand, ob er bei seinem Tode gesund oder mit einer Krankheit behaftet gewesen war. Es ist also klar, daß man die Zeit nicht genau bestimmen kann, die ein Leichnam braucht, um infolge eingetretener Verwesung an die Oberfläche zu kommen.

Unter gewissen Umständen könnte dies schon nach einer Stunde der Fall sein, unter anderen überhaupt nie. Es gibt chemische Mischungen, welche den menschlichen Körper auf immer vor der Verwesung schützen; ich will hier nur das Quecksilberchlorid anführen. Aber abgesehen von der Verwesung kann sich – und dies ist sehr oft der Fall – im Magen infolge der sauren Gärung vegetabilischer Stoffe in genügender Menge Gas erzeugen, um eine derartige Ausdehnung des Körpers herbeizuführen, daß er an die Oberfläche kommt.

Die durch die Abfeuerung einer Kanone hervorgebrachte Wirkung ist eine einfache schwingende Bewegung. Sie kann den Körper aus dem leichten Schlamme, in den er vielleicht versunken ist, loslösen und auf diese Weise, nachdem andere Einflüsse den Körper darauf vorbereitet haben, dazu beitragen, daß er an die Oberfläche emporsteigt. Oder aber, die schwingende Bewegung überwindet die Zähigkeit einiger verwesender Teile des Zellgewebes und macht es ihnen möglich, sich unter dem Einfluß des Gases auszudehnen.

Nachdem wir uns also mit allen physikalischen Lehren bekannt gemacht haben, wird es uns leicht sein, die Behauptungen der ›Etoile‹ auf ihre Richtigkeit zu prüfen. ›Die Erfahrung lehrt uns‹, sagt das Blatt, ›daß Ertrunkene oder Körper, die nach erfolgtem gewaltsamen Tode sofort ins Wasser geworfen wurden, sechs bis zehn Tage brauchen, ehe die Verwesung so weit vorgeschritten ist, daß sie wieder an die Oberfläche kommen. Selbst wenn eine Kanone über einen Leichnam hinweg abgefeuert wird, der fünf bis sechs Tage im Wasser gelegen hat, und dieser wieder in die Höhe kommt, sinkt er wieder, sobald er sich selbst überlassen wird.‹

Diese ganze Stelle muß Ihnen jetzt als ein schlechtes Gewebe von lauter Zusammenhanglosigkeiten erscheinen. – Die Erfahrung beweist nicht, daß alle Körper bis zehn Tage brauchen, ehe die Verwesung sie wieder an die Oberfläche bringt. Im Gegenteil beweisen Erfahrung und Wissenschaft, daß die Zeit, die sie zum Heraufsteigen nötig haben, unbestimmt ist. Ist ein Körper infolge der Abfeuerung einer Kanone an die Oberfläche gekommen, so wird er auch nicht wieder sinken, ›sobald er sich selbst überlassen wird‹, bis die Verwesung so weit vorgeschritten ist, daß das erzeugte Gas entweichen kann.

Ich möchte Sie auch auf den Unterschied hinweisen, den das Blatt zwischen ›Ertrunkenen‹ und ›Körpern, die nach erfolgtem gewaltsamen Tode sofort ins Wasser geworfen wurden‹, macht. Obgleich der Verfasser des Artikels hier eine Unterscheidung trifft, spricht er doch von beiden Arten der Toten als von einer Kategorie. Ich habe eben gezeigt, wie es kommt, daß der Körper eines Ertrinkenden spezifisch schwerer wird als die Wassermenge, die er verdrängt, und daß er gar nicht untersinken würde, wenn er nicht im Kampf um sein Leben die Arme emporstrecken und beim Atmen unter der Oberfläche seine Lungen mit Wasser füllen würde. Bei einem nach erfolgtem gewaltsamen Tode ins Wasser geworfenen Körper kommen diese beiden Umstände jedoch nicht in Frage. Somit würde also in letzterem Falle der Körper in der Regel gar nicht sinken – eine Tatsache, welche der ›Etoile‹ offenbar ganz unbekannt ist. Erst wenn die Verwesung so weit vorgeschritten wäre, daß sich das Fleisch von den Knochen löste, erst dann würde der Leichnam endgültig versinken.

Was ist uns nun also die Behauptung der ›Etoile‹, der gefundene Körper sei nicht der Leichnam der Marie Rogêt, weil man ihn schon drei Tage nach dem Verschwinden des Mädchens oben auf dem Wasser gefunden habe? Wir wissen jetzt, daß Marie Rogêt, falls sie ertrank, möglicherweise gar nicht untersank – denn sie war ja eine Frau -, oder, wenn sie sank, in vierundzwanzig Stunden, ja, noch früher, wieder an die Oberfläche kommen konnte. Es vermutet jedoch niemand, daß sie ertrunken sei, und wenn wir annehmen, daß ihr Tod eintrat, bevor sie ins Wasser geworfen wurde, so konnte sie zu jeder beliebigen Zeit nach ihrem Tode im Wasser schwimmend gefunden werden.

›Aber‹, meint die ›Etoile‹, ›wäre der Leichnam in seinem verstümmelten Zustande bis Dienstag nacht am Ufer verborgen gehalten worden, so hätte man dort sicherlich eine Spur von den Mördern finden müssen.‹ Es ist schwer, hier auf den ersten Blick zu sehen, worauf der Verfasser des Artikels eigentlich hinaus will. Wahrscheinlich will er von vornherein einem Einwand begegnen, der seiner Theorie einen Stoß versetzen würde, dem Einwand nämlich, daß der Leichnam zwei Tage am Ufer geblieben und rasch in Verwesung übergegangen sei, rascher, als wenn er sich im Wasser befunden hätte. Der Verfasser meint offenbar, der Leichnam hätte in diesem Falle schon am Mittwoch wieder an die Oberfläche kommen können, aber eben nur in diesem Falle. Er beeilt sich infolgedessen, zu beweisen, daß der Leichnam nicht am Ufer geblieben ist; denn in diesem Falle hätte man am Ufer ›eine Spur von den Mördern finden müssen‹. Über eine solche Logik kann man höchstens lächeln. Sie werden ebensowenig wie ich einzusehen vermögen, daß das bloße Verstecken des Leichnams am Ufer die Spuren der Mörder vermehrt hätte.

›Und weiterhin‹, fährt unser Blatt fort, ›ist es höchst unwahrscheinlich, daß die Verbrecher, die einen so schauderhaften Mord verübten, den Leichnam nicht durch ein Gewicht zum Sinken gebracht hätten, da doch dieser wichtigen Vorsichtsmaßregel nichts im Wege stand.‹

Machen Sie sich nur einmal diese lächerliche Gedankenverwirrung klar! Niemand – nicht einmal die ›Etoile‹ selbst – bestreitet, daß an dem gefundenen Körper ein Mord verübt wurde, denn er trug nur zu deutlich die Spuren einer Gewalttat an sich. Der Verfasser will bloß beweisen, daß der Körper nicht der von Marie sei, er will seine Leser davon überzeugen, daß Marie nicht ermordet wurde, nicht etwa, daß an dem gefundenen Körper kein Mord verübt wurde. Und doch beweist seine Bemerkung nur das letztere. Es wird ein Leichnam gefunden, der durch kein Gewicht zum Sinken gebracht wurde. Hätten ihn Mörder in den Fluß geworfen, so wäre diese Vorsichtsmaßregel angewandt worden. Er wurde also nicht von Mördern dem Wasser übergeben. Das ist alles, was bewiesen wird, wenn hier überhaupt von beweisen die Rede sein kann. Die Frage der Identität läßt das Blatt vollkommen unberührt und gibt sich nur noch Mühe, dem zu widersprechen, was es einen Augenblick vorher zugegeben hat. ›Wir sind vollkommen überzeugt‹, heißt es weiter, ›daß der gefundene Leichnam der einer ermordeten Frauensperson ist.‹

Und es ist nicht das einzige Mal, daß sich der Verfasser in diesem einen Artikel widerspricht. Wie ich schon erwähnte, macht er sich zur Aufgabe, die Zeit zwischen dem Verschwinden Mariens und der Auffindung des Leichnams als möglichst kurz dahinzustellen. Und doch betont er an anderer Stelle immer wieder, daß das Mädchen von dem Augenblicke an, da es das mütterliche Haus verließ, von niemandem gesehen worden ist. ›Wir haben keinen Beweis‹, sagt er, ›daß Marie Rogêt sich nach 9 Uhr an dem betreffenden Sonntage noch unter den Lebenden befand.‹ Da seine ganze Beweisführung von einer absichtlich einseitigen Anschauung der Sache diktiert ist, hätte er wenigstens diesen Punkt ganz unberücksichtigt lassen sollen; denn wäre Marie noch am Montag oder sogar am Dienstag gesehen worden, so wäre die fragliche Zwischenzeit ja noch bedeutend kürzer gewesen und hätte gemäß des Verfassers eigenen Schlüssen die Wahrscheinlichkeit, daß der Leichnam mit der Vermißten identisch sei, bedeutend vermindert. Eigentlich ist es schon erheiternd, zu sehen, wie die ›Etoile‹ auf diesem Punkte beharrt, in dem guten Glauben, derselbe unterstütze ihre allgemeine Behauptung.

Lesen Sie nun, bitte, jenen Teil des Artikels noch einmal durch, der sich auf die Erkennung des Leichnams durch Beauvais bezieht. Mit dem, was sie über die Haare auf dem Arm sagt, läßt sich die ›Etoile‹ eine offenbare Unehrlichkeit zuschulden kommen. Herr Beauvais ist nicht blödsinnig und wird nicht behauptet haben, den Leichnam bloß an den Haaren auf dem Arm erkannt zu haben. Kein Arm ist vollständig ohne Haar. Die ›Etoile‹ hat durch diese allgemeine, ungenaue Ausdrucksweise die Aussage des Zeugen verdreht, denn er muß von irgendeiner Besonderheit der Haare, von einer Eigentümlichkeit, ihrer Farbe, ihrer Menge, ihrer Länge oder ihrer Lage gesprochen haben. ›Ihr Fuß‹, sagt das Blatt, ›war klein – doch haben viele tausend Mädchen kleine Füße. Ihr Strumpfband beweist ebensowenig wie ihr Schuh, denn Schuhe und Strumpfbänder werden packweise verkauft. Das gleiche gilt von den Blumen auf ihrem Hut. Herr Beauvais betont noch den Umstand, daß die Schnalle am Strumpfband, das anscheinend zu weit gewesen, zurückversetzt worden ist. Aber auch dies will nichts besagen; denn fast alle Frauen probieren ihre neugekauften Strumpfbänder erst zu Hause an und nähen sie passend.‹

Jetzt wird es wirklich schwer, den Verfasser noch ernst zu nehmen. Hätte Herr Beauvais bei seinen Nachforschungen nach Mariens Leichnam einen Körper aufgefunden, der an Größe und Aussehen dem der Vermißten gleich war, so wäre er berechtigt gewesen, an einen Erfolg seiner Bemühungen zu glauben, ohne die Bekleidung des Leichnams zu berücksichtigen. Hätte er dazu noch an dem Arm Haare von einer besonderen Eigentümlichkeit wiedererkannt, so hätte ihn dieser Umstand in seiner Meinung noch bestärken können und zwar desto mehr, je eigentümlicher und ungewöhnlicher diese Haare gewesen wären. Waren Mariens Füße klein wie die des Leichnams, so vergrößert auch dies Zusammentreffen die Wahrscheinlichkeit. Fügt man noch hinzu, daß Marie an dem Tage, da sie verschwand, ebensolche Schuhe trug, wie man sie an dem Leichnam gefunden, so erhöht diese Tatsache, trotz des Umstandes, daß Schuhe ›packweise‹ verkauft werden, die Wahrscheinlichkeit fast bis zur Gewißheit. Was an sich die Identität noch nicht beweisen würde, wird so zu einem höheren Beweise. Finden wir nun auch noch auf dem Hut die gleichen Blumen, welche das vermißte Mädchen trug, so brauchen wir keine weiteren Beweise. Ist auch nur eine Blume vorhanden, so bekräftigt die schon genug – wie aber, wenn es zwei, drei oder noch mehr sind? Jede einzelne Blume vervielfältigt die Kraft des Beweises, und zwar nicht einmal, sondern hundert-, tausendmal. Entdecken wir nun obendrein an der Toten noch Strumpfbänder, wie sie die Lebende trug, so wäre es geradezu Torheit, noch nach weiteren Details der Übereinstimmung zu suchen. Aber diese Strumpfbänder sind obendrein noch in derselben Weise durch das Versetzen einer Schnalle enger gemacht, wie es Marie kurz vor ihrem Weggehen von Hause getan hat. Jetzt noch zu zweifeln ist Wahnsinn oder Heuchelei. Die Behauptung der ›Etoile‹, dies Versetzen von Schnallen an Strumpfbändern sei ein äußerst gewöhnliches Vorkommnis, beweist weiter nichts als nur die Hartnäckigkeit, mit welcher das Blatt auf seiner vorgefaßten Meinung beharrt. Die Elastizität eines solchen, mit einer unverrückbaren Schnalle geschlossenen Strumpfbandes beweist von selbst, daß das Verengern etwas Ungewöhnliches ist. Ein Gegenstand, der so eingerichtet worden ist, daß er sich von selbst anpaßt, wird natürlicherweise zu diesem Zweck nur sehr selten äußerer Beihilfe bedürfen. Es ist also etwas Besonderes, daß Mariens Strumpfbänder verengert worden sind, und sie allein würden ihre Identität vollkommen bewiesen haben.

Doch trug der gefundene Körper nicht die Strumpfbänder der Vermißten oder ihre Schuhe oder ihren Hut oder die Blumen des Hutes, er hatte nicht die gleichen Füße oder ihr besonderes Zeichen am Arm oder ihre Größe und allgemeine Erscheinung – man fand bei dem Leichnam alle diese Zeichen zusammen! Würde der Beweis erbracht, daß der Herausgeber der ›Etoile‹ wirklich noch zweifelte, so brauchte man nicht erst einen Irrenarzt zu fragen, ob man es mit einem Wahnsinnigen zu tun habe. Er hat es für klug gehalten, das Gerede der Advokaten nachzubeten, die sich großenteils damit begnügen, die primitiven Ansichten der Gerichte immer wieder herzusagen. Ich möchte hier noch bemerken, daß viele Umstände, die das Gericht als Beweise verwirft, dem denkenden Menschen geradezu überzeugende Argumente sind. Denn die Gerichte verfahren stets nach allgemeinen, anerkannten Prinzipien, von deren buchstäblicher Befolgung sie auch in ungewöhnlichen, eigenartigen Fällen nicht absehen wollen. Und dies starre Festhalten an Prinzipien, dies strenge Unberücksichtigtlassen jedes Ausnahmefalles, der eine andere Behandlung als die in ihrem Prinzip vorgesehene verlangt, ist ein sicheres Verfahren, nach längerer Zeit das Maximum aller erreichbaren Wahrheit zu erlangen. Im allgemeinen ist diese gerichtliche Praxis also von Wert, es läßt sich jedoch nicht leugnen, daß sie in einzelnen Fällen zu Irrtümern führt.

Den gegen Beauvais gerichteten Argwohn werden wir wohl in kürzester Zeit entkräften können. Sie haben den wahren Charakter des guten Mannes bereits erkannt. Er ist ein Mensch, der sich gern in anderer Leute Angelegenheiten mischt, dazu romantisch veranlagt und nicht gerade scharfsinnig. Bei seinem Charakter ist es nur zu natürlich, daß er in einer so aufregenden Angelegenheit bei den Allzuklugen oder Böswilligen Verdacht erregte. Aus dem Artikel der ›Etoile‹ geht hervor, daß Herr Beauvais eine persönliche Unterredung mit dem Herausgeber des Blattes hatte und diesen beleidigte, indem er die Behauptung wagte, der gefundene Körper sei trotz aller Gegenversicherungen der Zeitung der Leichnam der vermißten Marie Rogêt. ›Er bleibt dabei‹, sagt die Zeitung, ›der Leichnam ist mit der Vermißten identisch; doch kann er, Herr Beauvais, keine weiteren – als die von uns beredeten – Beweise für seine Behauptung beibringen, die vielleicht irgend jemanden von der Richtigkeit derselben überzeugen könnten.‹ – Es ist wohl nicht nötig, noch einmal darauf hinzuweisen, daß man stärkere Beweise als die von Beauvais angeführten überhaupt nicht hätte beibringen können – ich möchte hier nur noch darauf aufmerksam machen, daß in einem Fall wie dem vorliegenden ein Mensch selbst fest glauben kann, ohne auch nur einen Grund dafür angeben zu können, der auch für andere bestimmend wäre. Nichts ist schwerer zu bezeichnen als die Merkmale, die uns von der Identität einer Person überzeugen. Jedermann kennt seinen Nachbarn, und doch könnte man in den wenigsten Fällen den Grund anführen, warum man in dem Mann seinen Nachbarn erkennt. Der Herausgeber der ›Etoile‹ tat Unrecht, sich über Herrn Beauvais‘ nicht durch Worte zu begründenden Glauben zu ärgern.

Die Verdachtsmomente, die ihn belasten, beweisen viel mehr meine Hypothese von seiner Allgeschäftigkeit als seine Schuld. Geben wir seinem Betragen einmal diese gutherzige Auslegung, so können wir uns mit Leichtigkeit die Rose in dem Schlüsselloch, das Wort ›Marie‹ auf der Schiefertafel, die Beseitigung des männlichen Verwandten, seine Abneigung, die Verwandten den Leichnam sehen zu lassen, die Aufforderung an Frau B…, sie solle mit dem Gendarmen nicht sprechen, bis er, Beauvais, wieder zurückkomme, und zum Schluß auch seinen Ausspruch erklären, daß niemand außer ihm in dem Prozeß mitzusprechen habe.

Es scheint mir außer Zweifel, daß Beauvais einer von Mariens Verehrern war, daß sie mit ihm kokettierte und daß es ihm schmeichelte, wenn andere dachten, er stehe mit ihr auf vertrautem Fuße. Ich will über diesen Punkt nicht weiter sprechen, und da die Zeugenaussagen die Behauptungen der ›Etoile‹ hinsichtlich der Apathie, welche die Mutter des Mädchens und andere Verwandte an den Tag gelegt haben sollen, die beweisen sollten, daß sie den gefundenen Leichnam nicht für den der Marie gehalten hätten – da diese Zeugenaussagen die Behauptung der ›Etoile‹ Lügen strafen, wollen wir fortfahren, als wäre die Frage der Identität in durchaus befriedigender Weise gelöst.«

»Und was sagen Sie«, fragte ich hier, »zu den Ansichten des ›Commercial‹?«

»Daß diese ihrem geistigen Gehalt nach weit beachtungswerter sind als alle, die bis jetzt über diesen Gegenstand verbreitet wurden. Die Folgerungen aus den Prämissen sind durchaus richtig und scharfsinnig, aber die Prämissen selbst beruhen in wenigstens zwei Fällen auf unvollkommener Beobachtung. Der ›Commercial‹ sucht die Ansicht zu verbreiten, daß Marie nicht weit von dem Hause ihrer Mutter von einer Rotte von Bösewichtern angefallen wurde. Er behauptet, ›es ist unmöglich, daß eine so wohlbekannte Person wie Marie drei Stadtviertel hat durchschreiten können, ohne von irgend jemandem erkannt zu werden‹. Diese Worte verraten den Gedankengang eines Mannes, der lange in Paris gelebt hat, in einem öffentlichen Amte steht, dessen hauptsächliche Gänge sich zwischen den öffentlichen Gebäuden befinden und welcher weiß, daß er aus seinem Bureau nicht hundert Schritte weit gehen kann, ohne wenigstens von einem Dutzend von Leuten erkannt und angeredet zu werden. Er vergleicht Mariens Bekanntenkreis mit dem seinen, findet, daß derselbe nicht viel kleiner ist als sein eigener, und schließt daraus, daß sie auf ihren Gängen ebensoleicht erkannt werden müsse wie er auf den seinigen. Dies würde jedoch nur der Fall sein, wenn sich ihre Ausgänge wie die seinen auf ein paar bestimmte Strecken in einem bestimmten Stadtviertel beschränkten. Er bewegt sich zu bestimmten Stunden innerhalb eines fest umgrenzten Kreises, in welchem seine Geschäfte und Ausgänge die Aufmerksamkeit zahlreichen anderer Personen auf sich ziehen müssen, weil sie mit den ihrigen in Beziehung stehen. Wir können jedoch annehmen, daß Mariens Gänge im allgemeinen weit verschiedenartiger waren, und im vorliegenden Fall ist es sogar höchst wahrscheinlich, daß sie einen Weg einschlug, der von der Richtung ihrer gewöhnlichen Ausgänge ganz besonders abwich. Die Parallele, welche der Herausgeber des ›Commercial‹ zwischen seinem und Mariens Bekanntsein gezogen hat, könnte auf Richtigkeit nur Anspruch erheben, wenn die beiden die ganze Stadt durchwanderten. Nur in diesem Falle wären bei gleich großem Bekanntenkreise auch die Chancen gleich, von einer gleich großen Anzahl von Personen erkannt zu werden.

Ich selbst halte es nicht allein für möglich, sondern sogar für sehr wahrscheinlich, daß Marie zu jeder Zeit einen der vielen Wege von der Wohnung ihrer Mutter zu der ihrer Tante hätte gehen können, ohne auch nur einer einzigen Person zu begegnen, von der sie gekannt wurde. Um überhaupt in diesem Fall richtig zu entscheiden, dürfen wir nie das große Mißverhältnis vergessen, welches zwischen der Zahl der Bekannten auch des meistgekannten Parisers und der ganzen Einwohnerzahl dieser Stadt überhaupt herrscht.

Der letzte Rest von Bedeutung, welche die diesbezügliche Ansicht des ›Commercial‹ vielleicht noch haben könnte, wird verschwinden, wenn wir uns der Stunde erinnern, zu welcher das Mädchen ausging. ›Sie ging gerade zu einer Zeit aus‹, sagte der ›Commercial‹, ›in der die Straßen am belebtesten sind.‹ Dies war nicht der Fall. Marie Rogêt verließ das Haus ihrer Mutter um neun Uhr morgens. Zu dieser Zeit sind die Straßen allerdings bevölkert, jedoch nur an Wochentagen. Sonntags um neun Uhr sind die meisten Leute zu Hause, da sie sich um diese Zeit zum Kirchgang vorbereiten. Keinem Beobachter wird es entgangen sein, wie eigentümlich verödet eine Stadt des Sonntagmorgens zwischen acht und zehn Uhr aussieht. Zwischen zehn und elf sind die Straßen wieder belebt, jedoch, wie gesagt, nicht um die oben bezeichnete Stunde.

Noch ein weiterer Punkt beweist die ungenügende Beobachtungsgabe des ›Commercial‹. An einer Stelle heißt es: ›Aus einem der Unterröcke des unglücklichen Mädchens war ein zwei Fuß langer und ein Fuß breiter Streifen herausgerissen; den hatten die Täter ihr fest um den Hals gebunden und hinten am Kopf zusammengeknotet, wahrscheinlich, um sie am Schreien zu hindern. Dies konnten nur Burschen getan haben, die keine Taschentücher bei sich hatten.‹ Ob diese Annahme begründet ist oder nicht, werden wir später sehen; jedenfalls will der Verfasser mit ›Burschen, die keine Taschentücher bei sich hatten‹, die niedrigste Klasse von Bösewichtern bezeichnen. Verbrecher dieser Sorte haben jedoch stets Taschentücher, selbst, wenn sie so heruntergekommen sind, daß sie kein Hemd mehr besitzen. Sie werden selbst Gelegenheit gehabt haben zu bemerken, daß diesem Gesindel das Taschentuch neuerdings ein unentbehrliches Handwerkszeug geworden ist.«

»Und was sollen wir von dem Artikel des ›Soleil‹ halten?« fragte ich.

»Daß es jammerschade ist, daß sein Verfasser nicht als Papagei geboren wurde, er wäre jedenfalls eine Zierde seines Geschlechts geworden. Er hat bloß die bereits bekannten Umstände und Ansichten mit einem allerdings lobenswerten Fleiß aus den übrigen Zeitungen gesammelt und in seinem Blatte wiederholt. Er bemerkt unter anderem: ›Die gefundenen Gegenstände lagen offenbar schon wenigstens drei bis vier Wochen an der Fundstelle, denn sie waren vom Regen ganz verschimmelt, klebten vielfach zusammen und waren vollständig verdorben. Es kann daher nicht mehr zweifelhaft sein, daß der Schauplatz dieses gräßlichen Verbrechens entdeckt ist.‹

Diese von dem ›Soleil‹ wiederholten Tatsachen haben meine Zweifel jedoch nicht im geringsten zerstreut, und wir werden diese mit einem anderen Teil der Angelegenheit noch eingehender Prüfung unterwerfen.

Augenblicklich müßten wir unsere Aufmerksamkeit auf einige andere Punkte richten. Es ist Ihnen ohne Zweifel aufgefallen, daß der Leichnam mit größter Nachlässigkeit untersucht worden ist. Allerdings wurde die Frage der Identität rasch erledigt oder hätte wenigstens rasch erledigt sein sollen; nur hätte man sich auch noch über einige andere Punkte Gewißheit verschaffen müssen: War der Leichnam irgendwie beraubt worden? Trug die Ermordete bei ihrem letzten Ausgang Schmucksachen, und fand man dieselben an dem Leichnam wieder? Dies sind wichtige Fragen, welche die gerichtliche Nachforschung jedoch vollständig unberücksichtigt gelassen hat. Auch über ein paar weitere Momente von Bedeutung hat sie sich nicht die geringste Aufklärung zu verschaffen gesucht. Da müssen wir versuchen, uns selbst Auskunft zu geben. Vorerst wollen wir den Verdacht gegen St. Eustache noch einmal prüfen. Ich selbst hege nicht den geringsten Argwohn gegen ihn, doch wollen wir streng methodisch verfahren und zusehen, ob sein Alibi-Beweis für den verhängnisvollen Sonntag lückenlos und richtig ist. Beweise dieser Art können zu leicht gefälscht sein. Stimmt hier jedoch alles, so können wir bei unseren weiteren Untersuchungen von St. Eustache absehen. Sein Selbstmord ist nur verdächtig, wenn sein Alibi eine Lücke oder eine falsche Angabe aufweisen sollte – im anderen Falle hat er so wenig Ungewöhnliches an sich, daß wir über ihn hinweg ruhig die Linie gewöhnlicher Analyse verfolgen dürfen.

Bei der weiteren Erforschung des Geheimnisses wollen wir für das erste von dem Kern der Tragödie absehen und unsere Aufmerksamkeit auf ihre äußeren Umrisse konzentrieren. Nur zu häufig begeht man bei dergleichen Untersuchungen den Irrtum, lediglich die unmittelbaren Ereignisse zu beachten und die begleitenden und zufälligen nicht zu berücksichtigen. Unsere Gerichte haben die schlechte Gepflogenheit, Zeugenbeweis und Diskussion auf das scheinbar Wesentliche eines Falles zu beschränken. Und doch hat alle Erfahrung gezeigt, und gewissenhafte Beobachtung wird es immer beweisen, daß sich ein großer, ja, vielleicht der größte Teil der Wahrheit in dem scheinbar Unwesentlichen verbirgt. Vom Geiste, wenn auch nicht gerade vom Buchstaben dieses Prinzips geleitet, hat sich die moderne Wissenschaft bemüht, auch das Unvorhergesehene berechnen zu lernen.

Aber Sie verstehen mich vielleicht nicht. Die Geschichte menschlicher Erkenntnis hat unaufhörlich gezeigt, daß wir begleitenden, zufälligen, beiläufigen Ereignissen zahlreiche, höchst wertvolle Entdeckungen verdanken, so daß es endlich eine Notwendigkeit geworden ist, im Interesse des Fortschritts Erfindungen, die durchaus zufällig und nicht vorherzusehen sind, in unsere Berechnungen mit aufzunehmen. Es ist nicht mehr philosophisch, die Zukunft nur nach der Vergangenheit zu berechnen. Der Zufall spielt bei jeder Entwicklung eine gewaltige Rolle, und wir haben gelernt, ihn einer genauen Berechnung zu unterziehen. Wir schließen das Unvorhergesehene – Umstände, an die wir nicht gedacht – in eine mathematische Formel ein.

Ich wiederhole noch einmal: der größte Teil aller erlangten Wahrheit ist aus der Erforschung ihrer Begleitumstände gewonnen worden. Dies ist eine Tatsache an der sich nicht rütteln läßt. In Übereinstimmung mit dem Prinzip, welches aus dieser Tatsache zu uns spricht, verlasse ich jetzt den breit getretenen und bisher unfruchtbaren Boden des Ereignisses selbst und übertrage meine Untersuchung auf die gleichzeitigen Umstände, die dasselbe begleiteten. Während Sie den Alibi-Beweis St. Eustaches einer neuen Prüfung unterziehen, werde ich die Zeitungen noch eingehender, als Sie es getan, durchlesen. Bis jetzt haben wir bloß das Feld der Untersuchung rekognosziert, aber es müßte sonderbar zugehen, wenn ein genaues Durchstudieren der Zeitungen, wie ich es vorhabe, uns nicht einige kleine Anhaltspunkte liefern, uns sagen sollte, wohin wir den Lauf unserer Untersuchungen nun eigentlich zu richten haben.«

Ich kam Dupins Aufforderung nach und untersuchte den Alibi-Beweis St. Eustaches mit der denkbar größten Sorgfalt. Er war vollkommen unanfechtbar und stellte die Unschuld des Verdächtigen außer Zweifel. Mein Freund vertiefte sich mittlerweile mit einer Beharrlichkeit, die mir völlig unnütz schien, in die Lektüre der verschiedenen Zeitungen. Nach Verlauf einer Woche legte er mir die folgenden Auszüge vor: ›Vor ungefähr drei und einem halben Jahre erregte das Verschwinden derselben Marie Rogêt aus dem Parfümerieladen des Herrn Le Blanc im Palais Royal ähnliches Aufsehen. Nach Verlauf einer Woche erschien sie jedoch wohl und munter wieder hinter ihrem gewohnten Ladentisch, nur bemerkte man an ihr eine leichte, etwas ungewöhnliche Blässe. Herr Le Blanc und ihre Mutter erklärten, daß sie die Zeit über bei einer Verwandten auf dem Lande zu Besuch gewesen sei, und bald war die ganze Sache vertuscht. Wir vermuten, daß ihr jetziges Verschwinden auch nur auf einen ähnlichen Streich zurückzuführen ist, daß wir sie nach Verlauf einer Woche oder eines Monats wieder unter uns sehen werden.‹ – ›Abendzeitung‹, Montag, den 23. Juni.

›Eine gestrige Abendzeitung weist auf ein früheres geheimnisvolles Verschwinden von Fräulein Rogêt hin. Es ist jedoch bekannt, daß sie die Zeit, während welcher sie aus dem Parfümerieladen des Herrn Le Blanc verschwunden war, bei einem jungen, wegen seiner Ausschweifungen übel berüchtigten Seeoffizier zugebracht hat. Eine gute Vorsehung führte sie jedoch, wahrscheinlich infolge eines Streites, wieder zu ihren Angehörigen zurück. Wir kennen den Namen des fraglichen Lothario, welcher sich augenblicklich in Paris aufhält, unterlassen es jedoch aus leicht begreiflichen Gründen, denselben zu nennen.‹ – Der ›Merkur‹, Dienstagmorgen, den 24. Juni.

›Vor drei Tagen wurde in der Umgegend der Stadt ein grauenhaftes Verbrechen verübt. Ein Herr, welcher in Gesellschaft seiner Frau und Tochter von einem Spaziergange zurückkehrte, ließ sich in der Dämmerung von sechs jungen Leuten, welche am Seineufer auf und ab ruderten, über den Fluß setzen. Als sie das andere Ufer erreicht hatten, stiegen die drei Passagiere aus, um ihren Heimweg fortzusetzen. Kaum hatten sie das Boot aus dem Gesicht verloren, als die Tochter bemerkte, daß sie ihren Sonnenschirm in ihm liegen gelassen hatte. Sie eilte zurück, um ihn zu holen, wurde jedoch von den Buben ergriffen, in den Strom hinausgefahren, geknebelt, auf das abscheulichste mißhandelt und endlich unweit der Stelle, an welcher sie mit den Eltern in das Boot gestiegen war, wieder ausgesetzt. Die Schurken sind entwichen, doch ist die Polizei auf ihrer Spur und wird hoffentlich bald zu ihrer Verhaftung schreiten können.‹ – ›Morgenblatt‹, Mittwoch, den 25. Juni.

›Man hat uns von mehreren Seiten angedeutet, daß Mennais (Fußnote: Mennais war einer von denen, die anfänglich als verdächtig verhaftet, aber dann mangels jeden Beweises wieder in Freiheit gesetzt wurden, E. A. P. Ende der Fußnote) der Urheber des kürzlich begangenen gräßlichen Verbrechens sei; aber da dieser Herr von dem Gericht für unschuldig erklärt worden ist, und unsere Korrespondenten zuweilen mehr Eifer als Gründlichkeit an den Tag legen, halten wir es nicht für rätlich, diese Vermutungen zu veröffentlichen. ‹ – ›Morgenblatt‹, Sonnabend, den 28. Juni.

›Aus verschiedenen Quellen haben wir mehrere überzeugend geschriebene Mitteilungen erhalten, welche es fast als gewiß erscheinen lassen, daß die unglückliche Marie Rogêt einer der zahlreichen Banden roher Bösewichter zum Opfer gefallen ist, die sonntags die Stadt unsicher machen. Wir selbst stimmen dieser Ansicht entschieden bei. Und wir werden Gelegenheit nehmen, einige der angeführten Gründe für diese Annahme in unserem Blatt abzudrucken.‹ ›Abendzeitung‹, Dienstag, den 31 Juni.

›Am Montag hat ein beim Zollamt beschäftigter Schiffer ein leeres Boot die Seine herunterschwimmen sehen. Die Segel lagen auf dem Boden des Bootes. Der Schiffer befestigte das Fahrzeug an der Anlegestelle unter den anderen, zum Zollamte gehörigen Booten. Am folgenden Morgen war es von dort verschwunden, das Ruder liegt noch auf dem Zollamt.‹ ›Diligence‹, Donnerstag, den 26. Juli.

Die verschiedenen Auszüge schienen mir nicht allein ganz bedeutungslos, es wurde mir sogar nicht einmal klar, inwiefern sie bei unseren Nachforschungen von Nutzen sein sollten. Ich wartete also auf Aufklärung von seiten Dupins.

»Augenblicklich hat es keinen Zweck für uns«, begann er, »bei dem ersten oder zweiten zu verweilen. Ich habe diese nur abgeschrieben, um Ihnen einen Begriff von der außerordentlichen Nachlässigkeit der Polizeibeamten zu geben, die, wenn ich den Präfekten recht verstand, es nicht einmal für nötig erachtet haben, den Marineoffizier, auf welchen eins der Blätter anspielt, einem Verhör zu unterziehen. Und doch wäre es der reine Blödsinn, zu behaupten, daß ein Zusammenhang zwischen dem ersten und zweiten Verschwinden der Marie Rogêt durchaus ausgeschlossen wäre.

Wir wollen annehmen, daß Mariens erster rätselhafter Aufenthalt mit einem Streit zwischen den Liebenden geendet habe und daß das junge Mädchen infolge eines solchen, sagen wir Zerwürfnisses wieder nach Hause zurückgekehrt sei. Nun können wir uns eine zweite Entfernung vom Hause, sobald wir wissen, daß eine solche abermals stattgefunden hat, viel eher als die Folge erneuter Anträge des betreffenden ersten Liebhabers erklären, als der irgendeines anderen zweiten. Mit anderen Worten: es ist bei weitem wahrscheinlicher, daß das zweite Verschwinden seinen Grund in der Wiederauffrischung eines alten Liebesverhältnisses als in dem Anfang eines neuen hat; auch ist die Annahme zehnmal vernünftiger, daß ein Mann, welcher der Marie schon einmal einen Fluchtvorschlag gemacht hat, denselben wiederholt, als daß ihr ein zweiter mit ganz demselben Antrag naht.

Und hier muß ich Sie auf die Tatsache aufmerksam machen, daß die Zeit zwischen der ersten nachgewiesenen und der zweiten mutmaßlichen Flucht um einige Wochen länger ist, als die, während welcher unsere Kriegsschiffe zu kreuzen pflegen. Hatte der Liebhaber seine erste Schurkerei nicht vollenden können, weil er abreisen mußte, und hat er nun den ersten Augenblick nach der Rückkehr dazu benutzt, seine unterbrochenen verbrecherischen Pläne wiederaufzunehmen und zur Ausführung zu bringen? Von alledem wissen wir nichts!

Sie werden jedoch einwenden, daß in dem zweiten Fall, um den es sich hier handelt, keine Entführung stattfand. Gewiß nicht! – Aber das schließt nicht aus, daß eine solche Absicht vorgelegen hat und nur vereitelt worden ist. Außer St. Eustache und vielleicht noch Beauvais sehen wir keine anerkannten und ehrenhaften Bewerber um Mariens Hand. Nicht das geringste Gerücht spricht von einem dritten. Wer ist nun der heimliche Liebhaber, von dem die Verwandten, die meisten wenigstens, nichts wissen, den Marie am Sonntagmorgen trifft und dem sie so weit traut, daß sie sich den ganzen Tag mit ihm in dem einsamen Wäldchen an der Barrière du Roule ergeht, bis die Abendschatten sich niedersenken? Wer ist dieser geheime Liebhaber, frage ich, von dem die meisten Verwandten nichts wissen? Und was bedeutet die sonderbare Prophezeiung der Frau Rogêt am Abend des Tages, an welchem ihre Tochter sie verlassen: ›Ich fürchte, ich sehe Marie nicht wieder!‹?

Wenn wir nun auch nicht wohl vermuten können, daß Frau Rogêt um den Fluchtplan wußte, so können wir doch annehmen, daß die Tochter einen solchen gehegt habe. Als sie das Haus verließ, sprach sie die Absicht aus, ihre Tante, die in der Rue des Drômes wohnt, zu besuchen, und bat St. Eustache, sie dort in der Dämmerung abzuholen. Auf den ersten Blick widerspricht dieser Umstand meiner Vermutung, doch wollen wir ein wenig darüber nachdenken.

Es ist bewiesen worden, daß sie in Gesellschaft eines Mannes über den Fluß setzte und erst gegen drei Uhr nachmittags an der Barrière du Roule ankam. Als sie einwilligte, diese Person zu begleiten (zu welchem Zweck und ob mit Wissen der Mutter, lassen wir dahingestellt), muß sie an ihre Verabredung mit St. Eustache gedacht haben, sowie an die Überraschung und den Argwohn, der im Herzen ihres Bräutigams entstehen mußte, wenn er zu der vereinbarten Zeit in der Rue des Drômes erschien, dort erfuhr, daß sie nicht bei ihrer Tante gewesen war, und bei seiner Rückkehr in die Pension sie auch dort nicht vorfand. An all dieses mußte sie notwendigerweise gedacht haben. Sie muß die Unruhe St. Eustaches sowie den Argwohn aller Bekannten vorausgesehen haben. Es wäre ein Wagnis gewesen, sich dem Argwohn des Bräutigams auszusetzen, aber dieser Argwohn wurde vollständig bedeutungslos, wenn sie die Absicht hatte, nicht mehr zurückzukehren.

Sie wird ungefähr folgendermaßen geschlossen haben:

›Ich muß mit einem Mann zusammentreffen, um mit ihm zu fliehen oder bei ihm sonst etwas, das nur mir bekannt ist, zu beginnen. Ich muß darauf achten, daß dieser Plan nicht durchkreuzt wird. Wir beide müssen genug Zeit, haben, um einer Verfolgung zu entgehen. Ich werde die Absicht aussprechen, den Tag bei meiner Tante in der Rue des Drômes zuzubringen, und St. Eustache bitten, mich erst bei eintretender Dunkelheit abzuholen. Auf diese Weise kann ich, ohne Verdacht zu erregen möglichst lange ausbleiben und gewinne mehr Zeit, als wenn ich die Sache irgendwie anders anfange. Wenn ich St. Eustache bitte, mich in der Dämmerung abzuholen, so kommt er sicher nicht früher, bitte ich ihn, überhaupt nicht zu kommen, so bleibt mir nicht so viel Zeit zum Handeln, denn man wird mich eher zurückerwarten und über meine Abwesenheit früher besorgt sein. Wäre es meine Absicht, überhaupt zurückzukehren und nur einen einfachen Spaziergang mit dem fraglichen Individuum zu unternehmen, so handelte ich sehr unklug, St. Eustache zum Abholen aufzufordern, denn er wird bei der Tante bestimmt erfahren, daß ich ihn hintergangen habe – eine Tatsache, die ihm immer unbekannt bleiben würde, wenn ich das Haus verließe, ohne ihm meine Absicht mitzuteilen, und bei meiner Zurückkunft am Abend sagte, ich habe meine Tante in der Rue des Drômes besucht. Aber da ich nicht zurückkehren will, oder nicht vor einigen Wochen, oder bevor es mir gelungen ist, gewisse Sachen zu verbergen, so liegt mir jetzt nur daran, möglichst viel Zeit zu gewinnen.‹

Wie Sie aus Ihren Notizen ersehen haben, nimmt und nahm das Publikum gleich anfangs an, daß die Verschwundene das Opfer einer Rotte rohen Gesindels geworden sei. Man soll unter gewissen Umständen eine öffentliche Meinung nicht außer acht lassen; wenn sie sich so ganz spontan, so ganz von selbst bildet, muß man sie vielmehr als ein Analogon jener Intuition nehmen, welche die Idiosynkrasie eines genialen Menschen ist. In hundert Fällen würde ich mich neunundneunzigmal ihrer Entscheidung unterwerfen. Es ist jedoch sehr wichtig, herauszufinden, ob sie wirklich nicht durch äußere Suggestion beeinflußt worden ist. Die öffentliche Meinung muß im strengsten Sinne des Wortes wirklich aus dem Publikum selbst hervorgegangen sein, und oft ist es äußerst schwierig, hier den Unterschied wahrnehmen und festhalten zu können. In unserem Falle nun scheint es mir, als sei die öffentliche Meinung, eine Rotte von Bösewichtern habe den Mord begangen, durch das äußerlich verwandte Ereignis, von welchem mein dritter Auszug handelt, hervorgerufen worden. Ganz Paris ist in Aufregung, weil man Marie Rogêt, die schöne und bekannte Marie Rogêt, ermordet aufgefunden hat. Der Leichnam trägt die Spuren einer Gewalttat und schwimmt auf dem Flusse. Nun wird bekannt, daß genau oder wenigstens ungefähr um dieselbe Zeit, in der das Mädchen wahrscheinlich ermordet wurde, von einer Rotte roher Gesellen an einer zweiten jungen Frauensperson ein Verbrechen verübt wurde, das seiner Natur nach dem Attentat an Marie Rogêt durchaus ähnlich, wenn auch nicht ganz so gräßlich ist. Ist es nun verwunderlich, daß diese eine bekannt gewordene Gewalttat des Publikums Urteil über die unaufgeklärt gebliebene beeinflußt?

Das öffentliche Urteil wartete nur auf einen Hinweis, und diesen schien das bekannt gewordene zweite Verbrechen gerade zur rechten Zeit zu geben. Auch Mariens Leichnam wurde auf dem Flusse schwimmend gefunden. Ein Zusammenhang bestand da – anscheinend wenigstens – so offenbar, daß es zu verwundern gewesen wäre, wenn das Publikum nicht zu dem Glauben gekommen wäre, er sei wirklich vorhanden.

In Wahrheit aber ist der Umstand, daß die eine Freveltat in der bekannt gewordenen Art und Weise verübt wurde, ein sicherer Beweis dafür, daß die andere nicht in derselben Weise geschah. Man mußte es fast ein Wunder nennen, wenn eine Rotte von Buben an einem gegebenen Orte eine unerhörte Freveltat verübt hätte, während zu gleicher Zeit, an einem ähnlichen Orte, in derselben Stadt, unter gleichen Umständen, eine zweite Rotte mit ganz gleichen Mitteln einen ganz ähnlichen Frevel begangen hat! Und doch verlangt die in solcher Weise künstlich hervorgebrachte öffentliche Meinung von uns, daß wir an ein so wunderbares Zusammentreffen glauben sollen.

Ehe wir weitergehen, wollen wir den mutmaßlichen Schauplatz des Verbrechens in dem Dickicht an der Barrière du Roule näher betrachten. Dies außerordentlich dichte Wäldchen liegt in allernächster Nähe einer Landstraße. In demselben fand man drei oder vier große Steine, die eine Art Sitz mit Rücklehne und Schemel bildeten. Auf dem obersten Stein fand man einen weißen Unterrock, auf dem zweiten ein seidenes Schultertuch. Weiter entdeckte man einen Sonnenschirm, Handschuhe und ein Taschentuch, in welches der Name ›Marie Rogêt‹ eingestickt war. An den umstellenden Sträuchern hingen Fetzen von einem Kleid. Der Boden war zusammengetreten, die Sträucher geknickt, und überall sah man die Spuren eines heftigen Kampfes.

Trotz der Freudenrufe, mit denen die Presse die Entdeckung des Dickichts begrüßte, und trotz der Einstimmigkeit, mit der das Publikum glaubte, den wahren Schauplatz des Verbrechens entdeckt zu haben, kann nicht geleugnet werden, daß noch ein triftiger Grund zu zweifeln vorliegt. Daß das Wäldchen der Schauplatz gewesen ist, kann ich glauben oder nicht, jedenfalls, sage ich, liegen Gründe vor, noch zu zweifeln. Wäre der wirkliche Schauplatz wie der ›Commercial‹ vermutete, in der Nähe der Rue Pavée Sainte Andrée zu suchen, so würden die Verbrecher .- vorausgesetzt, daß sie sich noch in Paris aufhalten – natürlich von Schreck darüber erfüllt worden sein, daß die öffentliche Aufmerksamkeit scharfsinnig auf die richtige Spur geleitet worden ist, und gewisse Leute hätten sofort die Notwendigkeit eingesehen, irgendeinen Versuch zu machen, die Aufmerksamkeit von dieser Bahn wieder abzulenken. Und so würde man, da das Dickicht an der Barrière du Roule nun doch einmal etwas Verdächtiges an sich hatte, natürlicherweise auf den Gedanken gekommen sein, die Gegenstände an den Ort zu legen, an welchem sie später dann wirklich gefunden wurden.

Es gibt trotz allem, was der ›Soleil‹ auch sagen mag, keine stichhaltigen Beweise für die Annahme, daß die Gegenstände länger als ein paar Tage dort gelegen haben; dagegen ist es nicht anzunehmen, daß sie, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, die zwanzig Tage zwischen dem verhängnisvollen Sonntag und dem Nachmittag, an dem sie von den Knaben gefunden wurden, dort hätten liegen können, ohne während dieser Zeit von mehr als einer Person bemerkt zu werden. ›Sie waren vom Regen ganz verschimmelt‹, sagt der ›Soleil‹, indem er der Ansicht der übrigen Blätter beipflichtet, ›und klebten vielfach zusammen. Über einige der Gegenstände war schon Gras gewachsen. Die Seide des Sonnenschirmes war stark, und doch war der obere Teil, der am dichtesten zusammengefaltet war, durch und durch verschimmelt und verfault, so daß er, als man den Schirm öffnete, zerriß.‹

Es liegt auf der Hand, daß man sich bezüglich der Wahrheit der Behauptung: ›Über einige der Gegenstände war schon Gras gewachsen‹ auf die Aussagen und das Gedächtnis der beiden kleinen Knaben verlassen muß, denn sie hoben die Gegenstände auf und brachten sie nach Hause, ehe eine dritte Person sie am Fundorte besichtigte. Gras wächst jedoch besonders in so warmem und feuchtem Wetter, wie es zur Zeit des Mordes herrschte, einen, ja, auch zwei und drei Zoll an einem einzigen Tag. Ein Sonnenschirm, der auf einem Boden mit neuem Rasen liegt, kann innerhalb einer Woche durch das neuwachsende Gras den Blicken ganz entzogen werden. Und was den Schimmel anbetrifft (von welchem der Herausgeber der ›Soleil‹ so hartnäckig spricht, daß er in seinem angeführten Artikel das Wort nicht weniger als dreimal gebraucht), da muß ich fragen, ob denn der betreffende Literat so vollständig im unklaren über das Wesen einer Verschimmelung ist? Muß ich ihm erst sagen, daß sie von einer jener zahlreichen Klassen von Schwämmen herrührt, deren bekannte Eigentümlichkeit es ist, daß sie in vierundzwanzig Stunden entstehen und wieder absterben?

So sehen wir also mit einem Male, daß alles das, was man zur Unterstützung der Annahme beigebracht hat, ›die Gegenstände lägen schon wenigstens drei oder vier Wochen in dem Dickicht‹, nur eine Absurdität ist, die nichts für die ganze Behauptung beweist. Andererseits ist es schwer, zu glauben, daß die Gegenstände in dem erwähnten Dickicht unbemerkt länger als von einem Sonntag zum andere hätten liegen können.

Alle Leute, die mit der Umgegend von Paris vertraut sind, wissen, wie ungemein schwer es ist, dort eine wirklich einsame Stelle zu finden, wenn man nicht weit über die Vorstädte hinausgehen will. Es gibt in den Wäldchen und Gebüschen keine Stellen, die unbekannt sind oder auch nur selten besucht werden. Es möge nur einmal ein Naturfreund, den seine Pflicht vielleicht in der staubigen, heißen Großstadt gefesselt hält, den Versuch machen, selbst an einem Werktag seinen Durst nach Einsamkeit in der unmittelbaren, anmutigen Umgebung der Stadt zu stillen. Bei jedem zweiten Schritt wird sein Entzücken über die Natur durch den Anblick irgendeines rohen Burschen oder eines Haufens betrunkener Taugenichtse gestört werden. Er will unter dem dichtesten Blätterdach Schweigen und Einsamkeit suchen – vergebens! Er findet gerade hier die Schlupfwinkel für allerlei lichtscheues Gesindel und verläßt traurig die entweihten Tempel. Angewidert flieht er in das verdorbene Paris zurück, das er weniger haßt, weil es ein weniger unnatürlicher Sammelplatz der Verderbnis ist.-,

Wenn nun die Umgebung der Stadt schon an Werktagen so sehr belebt ist – wieviel mehr erst an Sonntagen. Da suchen alle Lumpen und Bösewichter der Stadt, frei von jeder Arbeit und der gewohnten Gelegenheit beraubt, ein Verbrechen zu begehen, die Umgegend auf: nicht aus Liebe zur Natur, für die diese Menschen nicht das geringste Empfinden haben, sondern nur, um dem Zwang und den Schranken, welche die Gesellschaft ihnen auferlegt, zu entfliehen. Diese Buben suchen nicht frische Luft und den Anblick grüner Bäume, sondern nur die Ungebundenheit des Landes, um ihren wüsten Launen freien Lauf zu lassen. In den Gasthäusern an der Landstraße oder unter dem dichten Laubwerk der Bäume überlassen sie sich, froh, nur in Gesellschaft von Spießgesellen zu sein, einer maßlosen, unechten Lustigkeit, die falschem Freiheitsgefühl und der Schnapsflasche entspringt. Ich behaupte hier nicht mehr, als was jedem kühlen Beobachter klar sein dürfte, wenn ich wiederhole, daß es als ein Wunder angesehen werden müßte, wenn die fraglichen Fundgegenstände in einem Dickicht in der unmittelbaren Nähe von Paris länger als von einem Sonntag zum anderen hätten liegen können, ohne entdeckt zu werden.

Verschiedene andere Gründe sprechen dafür, daß die betreffenden Gegenstände in das Dickicht gelegt worden sind, um die öffentliche Aufmerksamkeit von dem wirklichen Schauplatz des Verbrechens abzulenken. Gestatten Sie mir vorerst, Sie auf das Datum der Entdeckung hinzuweisen. Vergleichen Sie dasselbe mit dem Datum des fünften Zeitungsauszuges, den ich Ihnen vorgelegt habe.

Sie werden finden, daß die Entdeckung fast unmittelbar auf die Mitteilungen folgte, die der Abendzeitung gemacht wurden. Alle diese Mitteilungen, obgleich ganz verschieden und anscheinend verschiedenartigen Quellen entstammend, zielten auf eins hin – nämlich darauf, daß eine Rotte von Verbrechern den Mord begangen habe und daß der Schauplatz des Mords in der Nähe der Barrière du Roule zu suchen sei. Nun kann es uns nicht mehr in Erstaunen setzen, daß die kleinen Knaben nach solchen Mitteilungen, und nachdem man die öffentliche Aufmerksamkeit auf so bestimmte Punkte gelenkt hatte, die Gegenstände in dem Dickicht fanden; aber man muß annehmen, daß die Kinder diese nur deshalb nicht eher fanden, weil sie nicht früher dorthin gebracht worden waren – weil sie zu einer späteren Zeit, die mit dem Datum der Mitteilungen übereinstimmt, von dem schuldigen Urheber dieser Mitteilungen selbst dahingelegt worden sind.

Das Dickicht war kein gewöhnliches – es hatte verschiedene auffallende Eigentümlichkeiten. Erstens war es, wie erwähnt, ganz außerordentlich dicht; dann fand man im Innern drei sonderbare Steine, die einen Sitz mit Rücklehne und Fußschemel bildeten. Und dieses von der Natur so merkwürdig ausgezeichnete Dickicht befand sich, nur ein paar Meter entfernt, in der unmittelbaren Nähe des Hauses der Frau Deluc, deren Knaben die Gewohnheit hatten, alle Gebüsche in der Umgegend zu durchsuchen, da sie mit Vorliebe Sassafrasrinde sammelten. Wäre es nun unbesonnen, zu wetten, daß kein Tag vorüberging, ohne daß wenigstens einer der Knaben in die schattige Halle eingedrungen und sich auf den natürlichen Thron gesetzt hätte? Wer zögern würde, diese Wette einzugehen, ist entweder selbst nie ein Knabe gewesen oder hat das Wesen eines Knaben vergessen. Ich wiederhole nochmals: es ist kaum zu begreifen, wie die Gegenstände länger als ein oder zwei Tage in dem Dickicht hätten bleiben können, ohne entdeckt zu werden. Man hat also, trotz der dogmatischen Unwissenheit des ›Soleil‹, triftige Gründe, anzunehmen, daß sie erst kurz vor ihrer Auffindung an den betreffenden Ort gebracht wurden.

Doch habe ich noch andere, stärkere Beweise, die diese meine Behauptung begründen. Zuerst muß ich Sie darauf aufmerksam machen, in welch gekünstelter Anordnung die Gegenstände umherlagen. Auf dem oberen Stein lag ein weißer Unterrock; auf dem zweiten ein seidenes Schultertuch, und auf dem Boden, wie hingefallen, ein Sonnenschirm, Handschuhe und ein Taschentuch, in welches der Name ›Marie Rogêt‹ eingestickt war. Eine solche Anordnung konnte natürlicherweise nur ein sehr wenig scharfsinniger Kopf treffen, der sich bemühte, die fraglichen Sachen in möglichst natürlicher Lage umherzulegen. In Wirklichkeit jedoch ist eine solche Anordnung durchaus nicht natürlich. Sie wäre es weit eher, wenn die Sachen alle auf dem Boden gelegen hätten und zertreten gewesen wären. In dem engen Raum des Dickichts dürfte es wohl kaum möglich gewesen sein, daß der Unterrock und das Schultertuch auf den Steinen liegenblieben, wenn dort ein Kampf von mehreren Personen stattgefunden hätte. ›Offenbar‹, sagen die Zeitungen aber, ›fand ein Kampf statt – der Boden war zusammengetreten, die Sträucher vielfach geknickt‹ -, und doch findet man den Unterrock so säuberlich aufgehoben, als habe man ihn in einen Schrank gelegt. Die Kleiderfetzen, die an den Büschen umherhingen, waren ungefähr drei Zoll breit und sechs Zoll lang. Eines der Stücke hatte den Saum des Rockes gebildet und war ausgebessert gewesen. Die Fetzen sahen aus ›wie mit Gewalt losgerissene Streifen‹.

Hier spricht der ›Soleil‹, ohne es selbst zu bemerken, einen äußerst verdachterregenden Satz aus. Die Fetzen sehen nach seiner Beschreibung allerdings wie mit Gewalt losgerissene Streifen aus, aber wie Streifen, die absichtlich und mit der Hand losgerissen worden sind.

Es kommt höchst selten vor, daß ein Dorn aus einem Kleide wie das beschriebene ein ganzes Stück ausreißt. Es liegt in der Beschaffenheit solcher Gewebe, daß ein Dom oder ein Nagel sie rechtwinklig zerreißt, das heißt, sie in zwei längliche Risse teilt, die an der Stelle, an welcher der fragliche Gegenstand eingedrungen ist, in einem rechten Winkel zusammenlaufen. Aber es ist kaum denkbar, daß auf diese Weise ein ganzes Stück ausgerissen wird. Mir ist kein solcher Fall bekannt, und Ihnen wohl ebensowenig!

Um aus solchen Geweben ein Stück auszureißen, sind fast immer zwei verschiedene, in verschiedener Richtung wirkende Kräfte nötig. Hat das Gewebe zwei Kanten, wie zum Beispiel ein Taschentuch, dann, aber auch nur dann, wäre es möglich, daß eine einzige Kraft einen Streifen losreißen könnte. In unserem Falle jedoch handelt es sich um ein Kleid, das nur eine Kante hat. Aus dem inneren, kantenlosen Teil des Kleids kann nie ein einziger Dorn ein Stück vollständig losreißen, und auch mehrere können es nur durch ein Wunder.

Aber selbst da, wo ein Rand ist, werden zwei Dorne nötig sein, von denen der eine in zwei verschiedene Richtungen, der andere aber nur in einer einzigen wirkt, und dies in der Voraussetzung, daß der Rand ungesäumt ist. Ist dies nicht der Fall, so ist die Sache überhaupt nicht möglich. Wir sehen also, wie viele stichhaltige Gründe gegen die Annahme sprechen, daß die an den Sträuchern hängenden Kleiderfetzen wirklich von Dornen abgerissen wurden, und doch verlangt man von uns, zu glauben, daß nicht nur ein Stück, sondern viele auf diese Weise losgerissen wurden.

Und weiter: ›Eines der Stücke hatte den Saum des Rockes gebildet‹, und ›ein anderes war mitten aus der Bahn des Rockes gerissen‹, war also nicht der Saum; das heißt, es war aus dem inneren, ungesäumten Teil des Rockes vollständig ausgerissen worden!

Ich kann es niemandem übelnehmen, wenn er das nicht glauben will, und doch bieten alle diese Dinge zusammen noch nicht so viel triftigen Grund zum Verdacht wie der eine auffallende Umstand, daß die Gegenstände in dem Dickicht überhaupt zurückgelassen wurden, da die Mörder doch vorsichtig genug waren, den Leichnam selbst zu entfernen.

Sie würden mich jedoch mißverstanden haben, wenn Sie glauben, ich wolle bestreiten, daß das Verbrechen in dem Dickicht selbst begangen worden wäre. Daß da irgend etwas Unrechtes vor sich gegangen war, ist schon möglich, wahrscheinlicher aber scheint mir, daß sich im Hause der Frau Deluc ein geheimnisvolles Unglück ereignete. Dies ist jedoch im großen und ganzen ein minder wichtiger Punkt. Es ist ja weniger unsere Absicht, den Schauplatz des Verbrechens, als die Verbrecher selbst zu entdecken. Was ich gesagt habe, hatte trotz seiner Ausführlichkeit nur den Zweck, Ihnen erstens die Albernheit der vorschnellen Behauptungen des ›Soleil‹ vor Augen zu führen und zweitens und hauptsächlich den, Sie auf dem natürlichsten Wege dahin zu bringen, daß Sie der noch nicht erledigten Frage, ob das Attentat von einer Rotte von Buben ausgeführt wurde oder nicht, Ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden.

Es genügt für unseren Zweck, auf die empörenden Einzelheiten hinzuweisen, welche der mit der Untersuchung des Leichnams betraute Chirurg vor Gericht ausgesagt hat. Ich rufe Ihnen nur noch einmal ins Gedächtnis zurück, daß seine von den Zeitungen veröffentlichten Schlüsse über die Anzahl der Buben von allen namhaften Pariser Anatomen als durchaus unbegründet und unrichtig verhöhnt worden sind. Ich behaupte nicht, daß die Sache nicht so hätte sein können, wie der Chirurg sie darstellt – es liegt nur kein Grund zu einem solchen Schluß vor. Sollten aber nicht Tatsachen vorhanden sein, die uns notwendig zu anderen Folgerungen zwängen?

Denken wir nun einmal über die ›Spuren des Kampfes‹ nach und lassen Sie mich fragen, was man uns durch diese beweisen will. Daß eine Rotte das Verbrechen vollführt hat? Beweisen sie uns nicht viel eher, daß dies nicht der Fall war? Kann von einem Kampf die Rede sein zwischen einem schwachen, wehrlosen Mädchen und einer Rotte von Buben – und noch dazu von einem Kampf, der so lange und heftig geführt wurde, daß überall ›Spuren‹ , von ihm zurückblieben? Ohne daß ein Wort gesprochen worden wäre, hätten sich einige rauhe, feste Arme des Opfers bemächtigt und jeden Kampf unnötig gemacht. Sobald sie nur wollten, mußte ihnen das unglückliche Mädchen ganz und gar zu Willen sein.

Sie werden sich daran erinnern, daß unsere Gründe gegen die Annahme, das Dickicht sei der Schauplatz des Verbrechens, nur dann Geltung haben, wenn man annimmt, der Mord sei von mehr als einem einzigen Individuum ausgeführt worden. Stellen wir uns jedoch vor, daß nur eine Person das Mädchen vergewaltigt hat, so können wir uns auch den Kampf so hartnäckig und heftig denken, daß er deutliche ›Spuren‹ zurückließ.

Doch dienen uns noch weitere Umstände zur Aufklärung. Ich habe schon erwähnt, wie verdächtig es ist, daß die fraglichen Gegenstände in dem Dickicht überhaupt zurückgelassen wurden. Es ist fast unmöglich, daß diese Beweisstücke zufällig an dem Ort, an welchem man sie gefunden hat, zurückgelassen worden sind. Man hatte Geistesgegenwart genug, so wollen wir wenigstens fürs erste annehmen, den Leichnam fortzuschaffen, und doch läßt man weit belastendere Beweisstücke als den Leichnam selbst, dessen Züge die Verwesung schnell unkenntlich machen konnte, auf dem Schauplatz des Verbrechens liegen – ich meine das Taschentuch mit dem Namen der Ermordeten. Wenn dies ein Zufall war, so ist es kein Zufall, der sich hätte ereignen können, wenn eine ganze Rotte den Mord begangen hätte. Er konnte nur einem einzelnen Individuum begegnen. Sehen wir weiter! Eine einzige Person hat den Mord begangen! Der Betreffende befindet sich mit dem Leichnam der Getöteten allein. Entsetzt sieht er sie als tote, bewegungslose Masse vor sich liegen. Die Wut seiner Leidenschaft ist verraucht und Raum genug in seinem Herzen für den Schrecken, den ihm seine Tat nun einflößt. Er fühlt nichts von jener Ermutigung, welche die Gegenwart anderer Personen immerhin einflößt, er ist ja allein mit der Toten! Er zittert und gerät in namenlose Aufregung. Doch bleibt er sich bewußt, daß er den Leichnam beiseite schaffen muß. Er schleppt ihn also in den Fluß, läßt jedoch die anderen Schuldbeweise zurück, denn es ist schwer, ja, fast unmöglich, alles auf einmal fortzuschaffen, und das Zurückgelassene kann er ja leicht nachher holen. Aber auf dem mühsamen Wege zum Wasser verdoppelt sich seine Angst. Von überallher vernimmt er die Stimmen des Lebens. Wohl zehn-, wohl zwanzigmal hört er Tritte und glaubt sich entdeckt. Selbst die Lichter der Stadt erfüllen ihn mit Entsetzen. Endlich, nachdem er oftmals in Todesangst stillgestanden, erreicht er das Flußufer und entledigt sich, vielleicht mittels eines Bootes, seiner gräßlichen Bürde. Aber welche Macht der Erde, welche Drohung, welches Versprechen könnte nun den einsamen Mörder veranlassen, den mühevollen, gefährlichen Weg nach dem unheimlichen Dickicht, das ihn an seine schauderhafte Tat erinnert, zurückzugehen? Er geht nicht zurück, komme, was da wolle. Er kann nicht mehr zurück, selbst wenn er wollte. Er hat nur noch den einen Gedanken: fliehen! Und so wendet er dem unheimlichen, schreckensvollen Gebüsche den Rücken und flieht – flieht.

Wie verhält es sich nun aber, wenn wir eine ganze Rotte als Täter annehmen? Das Bewußtsein, zu so vielen zu sein, hätte sie verwegen gemacht, wenn es in der Brust eines der Erzschurken, aus denen sich solch eine Bande zusammensetzt, je an Verwegenheit fehlte. Ihre Anzahl würde sie vor dem blinden Schrecken bewahrt haben, der in einem solchen Fall ein einzelnes Individuum befällt. Wenn wir annehmen, daß einer, ja zwei oder drei bei der Wegschaffung des Leichnams etwas übersehen hätten, so würde ein vierter den Fehler wieder gutgemacht haben. Sie würden nichts zurückgelassen haben, denn es wäre ihnen möglich gewesen, alles auf einmal fortzuschaffen. Sie hätten nicht nötig gehabt, nach dem Dickicht zurückzukehren.

Erinnern Sie sich jetzt des Umstands, daß aus dem oberen Rock des gefundenen Leichnams ein etwa fußbreiter Streifen vom unteren Saume bis zur Taille aufgerissen, jedoch nicht losgerissen worden war. Dieser Streifen war dreimal um die Taille gewickelt und im Rücken zu einer Art Schlinge zusammengeknotet worden. Es geschah das offenbar, um eine Handhabe herzustellen, mittels derer der Körper fortgetragen werden konnte. Hätte jemals eine Anzahl von Männern zu einem solchen Hilfsmittel gegriffen? Waren es ihrer bloß drei oder vier, so boten die Gliedmaßen des Körpers die besten und bequemsten Handhaben – nur ein einzelner konnte auf den Gedanken kommen, den Körper auf die beschriebene Weise fortzutragen; und dies stimmt zu der Tatsache, daß zwischen dem Dickicht und dem Fluß Zäune niedergebrochen waren und daß der Boden Spuren von einer Last aufwies, die über ihn hergezogen, geschleift worden war. Würde sich eine Anzahl von Männern die Mühe gemacht haben, Zäune zu durchbrechen, um einen Körper hindurchzuziehen, den sie in einem Augenblick hinüberheben konnten? Würde überhaupt eine Anzahl Männer einen Leichnam so fortgezogen haben, daß deutliche Spuren davon auf dem Boden zurückblieben?

Hier müssen wir auf eine Bemerkung des ›Commercial‹ zurückkommen, auf die ich mich schon einmal bezogen habe. Diese Zeitung sagt: ›Aus einem der Unterröcke des unglücklichen jungen Mädchens war ein Streifen herausgerissen, und diesen hatten die Täter ihm fest um den Hals gebunden und hinten am Kopfe zusammengeknotet, wahrscheinlich, um es am Schreien zu hindern. Dies konnten nur Burschen getan haben, die kein Taschentuch besaßen.‹

Ich habe schon früher darauf hingewiesen, daß die gewohnheitsmäßigen Verbrecher nie ohne Taschentuch ausgehen. Doch wollte ich jetzt Ihre Aufmerksamkeit nicht auf diese Tatsache lenken. Daß der Streifen Zeug nicht mangels eines Taschentuches um den Hals der Unglücklichen gewunden wurde, ersieht man daraus, daß im Dickicht ein solches liegengeblieben ist, und daß es nicht in der Absicht geschah, das Opfer am Schreien zu hindern, beweist die Anwendung einer Binde statt eines Gegenstandes, der diesem Zwecke viel besser entsprochen hätte.

Die Zeugenaussagen haben jedoch ergeben, daß die fragliche Binde lose um den Hals geschlungen und durch einen starken Knoten befestigt gewesen ist. Diese Worte sind zwar ziemlich unbestimmt, doch weichen sie wesentlich von der betreffenden Behauptung des ›Commercial‹ ab. Der Streifen war achtzehn Zoll breit und konnte deshalb, selbst wenn er auch nur aus Musselin bestand, ein starkes Band bilden, sobald er der Länge nach zusammengefaltet oder zusammengenommen war, wie man ihn in der Tat an dem Leichnam gefunden hat. Ich schließe hieraus folgendes:

Nachdem der einsame Mörder den Leichnam (ob vom Dickicht oder von einem anderen Ort aus, lassen wir einstweilen dahingestellt) mittels des um den Leib gewundenen und durch eine Schlinge befestigten Bandes eine Strecke weit getragen hatte, wurde ihm die Bürde zu schwer. Er beschloß, diese auf dem Boden fortzuziehen – und daß dies wirklich geschehen ist, hat die Beweisaufnahme mit Sicherheit ergeben. Zu diesem Zweck jedoch mußte er irgend etwas Seilartiges an einer der Extremitäten festbinden. Der Hals war für diesen Zweck am besten geeignet, denn der Kopf verhinderte das Abgleiten der Schlinge. Nun hat der Mörder zweifellos zuerst daran gedacht, sich des um die Taille gewundenen Streifens zu bedienen. Die feste Schlinge jedoch nahm Zeit zum Lösen in Anspruch, und zugleich fiel ihm ein, daß der Streifen ja aus dem Rock gerissen worden sei und es leichter sein müsse, einen neuen aus den Kleidern der Toten zu reißen, als den alten zu lösen. Er riß ihn denn auch heraus, befestigte ihn um den Hals des Opfers und zog es bis an das Flußufer fort. Daß dieses Band, welches er sich nur mit Mühe und Zeitverlust verschaffen konnte und das seinem Zweck nur unvollkommen entsprach, überhaupt verwendet wurde, beweist klar, daß sich seine Notwendigkeit erst dann herausstellte, als das Taschentuch nicht mehr wiederzuerlangen war, d. h.: als der Mörder mit seiner Last das Dickicht (vorausgesetzt, daß er von dort losgegangen war) schon verlassen und eine längere Strecke nach dem Flußufer zu gegangen war.

Aber Sie werden mir entgegenhalten, daß Frau Deluc deutlich genug von einer Rotte von Bösewichtern gesprochen hat, die sich genau oder ungefähr um die Zeit der Mordtat in dem Wäldchen umhergetrieben hat. Dies gebe ich zu, halte es sogar für möglich, daß ein Dutzend solcher Banden um die Zeit, als das Verbrechen geschah, in der Nähe der Barrière du Roule ihr Unwesen getrieben haben. Aber diese Rotte, welche sich den Zorn der Frau Deluc und ihre etwas verspätete Verdächtigung zugezogen hat, ist die einzige Rotte, von der die redselige Dame bemerkt, daß sie ihre Kuchen gegessen und ihren Branntwein getrunken habe, ohne es der Mühe wert zu finden, die Zeche zu zahlen. Et hinc illae irae!

Worauf läuft im Grunde genommen die ganze Aussage der Frau Deluc hinaus? Eine Rotte von Taugenichtsen erschien in ihrem Lokal, sie vollführten einen wüsten Lärm, aßen und tranken, ohne zu zahlen, schlugen denselben Weg ein, den zuvor der junge Mann und das Mädchen genommen hatten, kehrten zur Zeit der Dämmerung noch einmal in dem Gasthaus ein und setzten dann, als seien sie in großer Eile, wieder über den Fluß.

Diese große Eile erschien der guten Frau Deluc aber wahrscheinlich größer, als sie wirklich war, denn sie jammerte in einem fort über ihren Kuchen und ihren Branntwein, für den sie noch bis zum letzten Moment Zahlung erwartet haben mochte. Warum sollte sie auch sonst gerade die Eile der Burschen so betonen, es war ja schon spät, schon um die Dämmerung, als diese wieder über den Fluß setzten! Es ist doch weiter nicht erstaunlich, daß eine Gesellschaft selbst von Bösewichtern sich eilt, nach Hause zu kommen, wenn sie in kleinen Kähnen einen breiten Fluß zu kreuzen hat, wenn ein Gewitter droht und die Nacht herankommt.

Ich sage ›herankommt‹, denn es war noch nicht Nacht, sondern erst Dämmerung, als die unziemliche Eile der Bösewichter die nüchternen Augen der Frau Deluc beleidigte. Wir haben jedoch auch erfahren, daß an demselben Abend Frau Deluc sowohl wie ihr ältester Sohn ›in der Nähe ihres Wirtshauses das Geschrei einer weiblichen Stimme‹ gehört haben. Und mit welchen Worten bezeichnet Frau Deluc die Zeit, um die sie das Schreien vernahm? Es war ›bald, nachdem es dunkel geworden‹, sagt sie. Aber ›bald, nachdem es dunkel geworden‹, ist es doch so bestimmt dunkel, wie es ›um die Dämmerung‹ noch hell ist. Es ist also klar genug, daß die Rotte die Barrière du Roule verlassen hatte, ehe Frau Deluc das Geschrei hörte. Und obgleich in den vielen Zeitungsberichten die Zeugenaussagen genau so angeführt sind, wie ich sie hier zitiert habe, so hat doch bis heute keines der öffentlichen Blätter, keiner der Polizeiagenten auf den groben Widerspruch hingewiesen, den diese beiden Aussagen enthalten.

Ich habe nur noch einen Grund gegen die Annahme, daß eine Rotte die Tat vollführte, hinzuzufügen, aber wenigstens dieser eine muß nach meinem Dafürhalten jedermann vollständig überzeugen. Da man eine große Belohnung ausgesetzt und jedem Mitschuldigen, falls er alle Täter nennt, volle Begnadigung zugesichert hat, läßt sich nicht annehmen, daß aus einer Bande roher Gesellen oder überhaupt aus einer Anzahl beteiligter Menschen nicht längst einer die anderen verraten hätte. Jeder, der zu einer solchen Rotte gehört, wird sich die Sache gut überlegen; es liegt ihm weniger daran, die Belohnung zu erhalten, als straflos auszugehen. Er muß fürchten, daß ein Verräter unter ihnen sei und um nicht selbst verraten zu werden, wird er schnell und gern zum Ankläger. Daß das Geheimnis noch nicht aufgeklärt worden ist, beweist am besten, daß hier wirklich ein Geheimnis waltet. Die schaudervollen Einzelheiten dieses gräßlichen Verbrechens sind nur einem, höchstens zwei Menschen und Gott allein bekannt.

Nun wollen wir die spärlichen, aber durchaus richtigen Ergebnisse unserer langen Analyse zusammenfassen. Wir haben festgestellt, daß der Mord entweder im Hause der Frau Deluc oder in dem Dickicht an der Barrière du Roule verübt worden ist, und zwar von einem Liebhaber oder wenigstens von einem geheimen intimen Bekannten der Ermordeten. Dieser Bekannte ist von dunkler Gesichtsfarbe. Diese sowohl wie die Schlinge an dem um die Taille gewundenen Streifen und der sogenannte Schifferknoten, mit dem die Hutbänder zusammengebunden waren, weisen auf einen Seemann hin. Daß er mit der Verstorbenen, einem lebenslustigen, aber keineswegs verworfenen jungen Geschöpfe so nahe bekannt gewesen ist, beweist, daß er mehr als ein gemeiner Matrose war. Auch unterstützen die energischen, gut geschriebenen Mitteilungen, welche er an verschiedene Zeitungen gesandt hat, unsere Annahme. Die erste Flucht von zuhause, welche der ›Merkur‹ erwähnt, legt uns den Gedanken nahe, daß dieser Seemann mit jenem Marineoffizier, welcher die Unglückliche zuerst ins Verderben gelockt hat, identisch sei.

Und hier drängt sich uns sofort die Frage auf, warum denn der Mann mit der dunklen Gesichtsfarbe nicht längst mit irgendwelchen Aussagen hervorgetreten sei. Ich muß bemerken, daß er von ganz ungewöhnlich dunklem Teint gewesen sein muß, weil dieser Umstand sowohl der Frau Deluc wie auch ihrem Sohne Valence so sehr aufgefallen ist, daß sie sich seiner sofort wieder erinnerten. Weshalb meldet sich dieser Mann nicht? Wurde auch er von der Rotte ermordet? Wenn dies der Fall ist, weshalb findet man nur Spuren von dem jungen Mädchen? Der Schauplatz beider Verbrechen wäre doch derselbe gewesen. Wo blieb sein Leichnam? Die Mörder würden ihn doch höchstwahrscheinlich auf dieselbe Weise wie den des Mädchens fortgeschafft haben.

Aber man wird sagen, dieser Mann lebt noch, und nur die Furcht, des Mordes angeklagt zu werden, bestimmt ihn, sich versteckt zu halten. Doch könnte ihn dieser Grund erst jetzt, nachdem es bekannt geworden ist, daß er mit dem Mädchen gesehen wurde, bewegen, im Verborgenen zu bleiben, zur Zeit jedoch, in welcher der Mord verübt wurde, hätte ihn diese Rücksicht noch nicht zum Stillschweigen veranlassen können. Ein Unschuldiger hätte in seinem eigenen Interesse das Verbrechen sofort angezeigt und dazu beigetragen, die Bösewichter zu entdecken. Man hatte ihn mit dem Mädchen gesehen, er war in einer offenen Fähre mit ihr über den Fluß gefahren. Selbst ein Dummkopf hätte eingesehen, daß die Denunziation der Mörder das einzigste und sicherste Mittel sei, sich selbst von jedem Verdacht zu reinigen. Wir können nicht annehmen, daß er, falls er selbst unschuldig war, von dem in der verhängnisvollen Sonntagnacht verübten Verbrechen nichts gewußt habe. Und doch könnten wir uns nur unter diesen unmöglichen Umständen erklären, daß er, falls noch am Leben, es unterlassen hat, die Mörder anzuzeigen.

Und welche Mittel haben wir, die Wahrheit festzustellen? Je weiter wir vorgehen, desto zahlreicher und deutlicher werden wir sie erkennen. Erforschen wir einmal die Umstände, unter denen die erste Flucht vor sich ging. Machen wir uns mit der ganzen Geschichte des ›Offiziers‹, mit seinen Lebensverhältnissen bekannt und suchen wir herauszubringen, wo er sich am Tage des Mordes aufgehalten hat. Vergleichen wir sorgfältig die einzelnen Mitteilungen an die ›Abendzeitung‹, welche den Verdacht auf eine ganze Rotte lenken wollen, und, wenn dies geschehen ist, die gesamten Zuschriften an die ›Abendzeitung‹ in bezug auf Stil und Handschrift mit den früher erschienenen, an das ›Morgenblatt‹ gerichteten Briefen, welche Mennais so hartnäckig der Täterschaft beschuldigten. Und ist auch dies geschehen, so wollen wir das gesamte Material wiederum mit einigen Schriftstücken des Offiziers vergleichen. Wir werden Frau Deluc und ihre Knaben sowie den Omnibuskutscher Valence wiederholt verhören lassen, um Näheres über die persönliche Erscheinung, die Haltung und das Benehmen des Mannes mit der dunklen Gesichtsfarbe zu erfahren. Geschickt gestellte Fragen werden sowohl über diesen Punkt wie auch über einige andere allerlei Neues ergeben, von dem die betreffenden Personen selbst jetzt noch nicht wissen, daß es ihnen bekannt ist. Weiterhin wollen wir die Spur des Bootes, das der Schiffer am Montag, den 29. Juni, aufgefunden hat und das von der Zollstation ohne Wissen des wachhabenden Beamten und ohne Ruder wieder weggeholt wurde, bis über die Zeit der Auffindung des Leichnams hinaus verfolgen. Wenn wir mit Vorsicht und Beharrlichkeit zu Werke gehen, wird uns dies unfehlbar gelingen, denn wir können nicht nur den Schiffer, der es herrenlos treiben sah, ausforschen, auch das Ruder soll uns Auskunft verschaffen. Ein Mensch mit reinem Gewissen hätte das Ruder eines Segelbootes sicher nicht so ohne weiteres im Stich gelassen. Hier muß ich noch eine Frage stellen. Es wurde nirgends bekannt gemacht, daß ein Boot aufgefunden worden war. Es wurde stillschweigend zur Station der Zollschiffe gebracht und verschwand so auch wieder von dort. Wie konnte nun sein Eigentümer oder sein Mieter schon Dienstag morgens den Ort kennen, an dem das Boot montags geborgen worden war, da doch dem Publikum nicht die geringste Mitteilung von seiner Auffindung zugegangen ist? Drängt sich uns da nicht die Vermutung auf, der Mann, der es heimlich von der Station wieder fortgeholt hat, stehe mit der Marine in einer beständigen persönlichen Verbindung, die es ihm ermöglicht, alles, was in ihrem Bereiche vorkommt, sofort zu erfahren?

Ich habe schon einmal darauf hingedeutet, daß der einsame Mörder, nachdem er seine Bürde ans Ufer gezogen hat, sich wahrscheinlich eines Bootes bedient habe. Ja wir müssen unbedingt zu dem Schluß kommen, daß der Leichnam aus einem Boot in den Fluß geworfen wurde, da er dem seichten Wasser am Ufer nicht anvertraut werden konnte. Die eigentümlichen Spuren, die man auf dem Rücken und den Schultern des Opfers bemerkte, weisen auf heftige Berührung mit den unteren Rippen eines Bootes hin. Auch der Umstand, daß der Körper ohne Gewicht gefunden wurde, bestärkt mich in meiner Annahme. Wäre er vom Ufer aus in das Wasser geschleudert worden, so hätte es der Mörder sicher nicht unterlassen, ihn durch irgendein Gewicht zu beschweren. Daß dies nicht geschah, können wir uns nur dann erklären, wenn wir annehmen, er habe es vergessen, einen Stein oder dergleichen mit ins Boot zu nehmen, als er vom Ufer abstieß. Als er den Leichnam nun dem Wasser übergeben wollte, bemerkte er natürlich sein Versehen, aber jetzt war es zu spät, das Versäumte nachzuholen. Lieber setzte er sich jeder kommenden Gefahr aus, als der, an das verruchte Ufer zurückzukehren. Kaum jedoch hatte er das Boot seiner grausigen Bürde entledigt, so ruderte er schnell nach der Stadt zurück wo er an irgendeiner einsamen Landungsstelle ohne Gefahr ans Land springen durfte. Aber konnte er das Boot noch anbinden? Er hatte nicht Zeit genug, an solche Nebensächlichkeiten zu denken. Auch war die Gefahr zu groß, während des Festbindens am Anlegeplatze gesehen zu werden. Das Boot konnte ihn leicht verraten, er mußte es mit allem, was zu dem Verbrechen in Beziehung stand, auf das schnellste und möglichst weit von sich entfernen. Er mußte nicht nur selbst sofort von der Landungsstelle fliehen, auch das Boot durfte dort nicht bleiben. Das einfachste und sicherste war, es der Strömung zu überlassen.

Denken wir uns nun weiter in die Lage des Mörders hinein. Am folgenden Morgen bemerkt der Elende mit unsäglichem Entsetzen, daß das Boot aufgefangen wurde und an dem Orte aufbewahrt wird, den sein Beruf ihn häufig zu besuchen zwingt. In der folgenden Nacht schafft er das Boot weg, ohne zu wagen, das Ruder zurückzuverlangen.

Wo befindet sich jetzt dies Boot, das seines Ruders beraubt ist? Bei dieser Frage muß unsere Tätigkeit einsetzen! Blinkt in dieser Nachforschung ein Schimmer von Erfolg auf, so werden wir bald das ganze Geheimnis aufhellen können. Das Boot wird uns mit einer Schnelligkeit, über die wir selbst erstaunen werden, zu dem Manne führen, der es in jener verhängnisvollen Sonntagnacht benutzt hat. Die Bestätigungen unserer Annahmen werden sich häufen und uns in Kürze den Mörder zeigen.«

Anmerkung des Herausgebers der Zeitung, in der die vorstehende Erzählung ›Das Geheimnis von Marie Rogêts Tod‹ zuerst erschien: ›Aus Gründen, die ich hier nicht auseinandersetzen will, die aber viele meiner Leser erraten werden, habe ich es für angemessen erachtet, den Teil des in meine Hand gelangten Manuskriptes nicht mitzuteilen, der die Untersuchung betrifft, die mit Hilfe der von Dupin entdeckten, anscheinend so unbedeutenden Anzeichen alsbald begonnen wurde und das gewünschte Resultat erzielte. Es bleibt mir nur noch zu bemerken übrig, daß der Präfekt pünktlich, wenn auch mit einem gewissen Widerstreben, die Bedingungen des Kontraktes erfüllte, den er mit Dupin eingegangen war. Das Manuskript des Herrn Poe schließt mit folgender allgemeinen Betrachtung‹:

Es ist wohl unnötig, ausdrücklich zu bemerken, daß ich von bloßem Zusammentreffen und von nichts weiter rede. Was ich gesagt habe, muß genügen. Ich selbst glaube nicht im geringsten an übernatürliche Dinge. Daß die Natur und Gott zwei sind, wird kein denkender Mensch ableugnen, und daß Gott die Natur nach ihrer Erschaffung gemäß seinem Willen leiten, regieren und ändern kann, ist ebenfalls unbestreitbar. Denn es handelt sich hier um eine Willens- und nicht um eine Machtfrage, wie eine absurde Logik angenommen hat. Nicht, daß die Gottheit ihre Gesetze nicht ändern könnte, aber wir beleidigen sie, wenn wir die Möglichkeit annehmen, daß jemals die Notwendigkeit einer solchen Veränderung an sie herantreten würde. Die Gesetze sind von ihrem Ursprung an so gemacht, daß sie alle Zufälligkeiten, die in der Zukunft beschlossen liegen könnten, in sich fassen. Denn für Gott ist alles gegenwärtig.

Ich wiederhole also, daß ich diese Dinge für nichts weiter als für ›bloß zusammengetroffen‹ halte. Aus meiner Erzählung wird man ersehen haben, daß zwischen dem Schicksal der unglücklichen Mary Cäcilia Rogers, soweit dieses bekannt wurde, und der Geschichte einer gewissen Marie Rogêt, soweit man Näheres über sie weiß, eine Parallele besteht, deren absolute Übereinstimmung den Verstand in Verwirrung bringen könnte. Ich bin sicher, daß jedermann darüber staunen muß. Man vermute jedoch nicht, daß ich bei meinem Bemühen, die Geschichte der Marie Rogêt von dem letztbekannten Punkte bis zur Aufklärung des Geheimnisses zu verfolgen, die Absicht gehabt habe, die Parallele noch weiter zu führen und anzudeuten, daß die in Paris angewandten Maßregeln, den Mörder eines Mädchens zu entdecken, oder überhaupt irgendwelche auf dem gleichen logischen Vorgehen begründete Maßregeln auch stets ein gleiches Resultat herbeiführen würden.

Denn bezüglich des letzten Teiles einer solchen Vermutung muß man bedenken, daß die kleinste Abweichung in den Grundtatsachen dieser beiden Fälle zu den schlimmsten Irrtümern in der Berechnung Anlaß geben könnte, indem sie die Ströme der Ereignisse von vornherein in abweichende Richtung bringt – wie denn auch in der Arithmetik ein an sich geringfügiger Irrtum durch die verschiedenen Multiplikationen zuletzt zu einem Resultat führen kann, das von dem wirklichen Ergebnis erstaunlich weit entfernt ist.

Und bezüglich des ersten Teiles dürfen wir nie vergessen, daß gerade die Wahrscheinlichkeitsrechnung, derer ich mich bedient habe, den Gedanken an eine Weiterführung der Parallele ausschließt, und zwar mit um so größerer Bestimmtheit, da diese Parallele schon von vornherein ungewöhnlich ausgedehnt und exakt gewesen ist. Diese letztere Behauptung scheint an sich einen Widerspruch zu enthalten, und bis heute haben eigentlich nur die Mathematiker begriffen, daß dem nicht so ist, obgleich sie aus einem ihnen fremden Gebiete hervorgegangen ist. Nichts ist zum Beispiel schwieriger, als einem Leser, der sich nicht viel mit dergleichen Berechnungen beschäftigt hat, zu beweisen, daß, wenn ein Würfelspieler zweimal hintereinander die Sechs geworfen hat, diese Tatsache ein genügender Grund ist, zu wetten, daß er zum drittenmal die Sechs nicht werfen wird. Auf den ersten Blick scheint sich diese Annahme nicht mit dem gesunden Menschenverstand vereinigen zu lassen. Man kann nicht einsehen, warum die zwei Würfe, die schon getan sind und nun vollständig der Vergangenheit angehören, auf einen Wurf Einfluß haben können, der noch in der Zukunft liegt. Die Wahrscheinlichkeit, nochmals sechs zu werfen, scheint genau ebenso groß zu sein wie in jedem beliebigen anderen Moment, das heißt: nur dem Einfluß der fünf anderen noch möglichen Würfe zu unterliegen. Dies scheint eine Wahrheit und so offenbar zu sein, daß jeder Versuch, sie zu widerlegen, viel eher mit spöttischem Lächeln als aufmerksamem Interesse aufge-nommen wird. Auf diesen hier angedeuteten, oft folgenschweren Irrtum kann ich – da der Raum, der mir zu Gebote steht, es nicht zuläßt – unmöglich weiter eingehen: für den Philosophen wäre es auch gar nicht nötig. Es genügt, hier zu sagen, daß dieser Irrtum zu der unendlichen Reihe von Irrtümern gehört, die sich die Vernunft in ihrem unglückseligen Hang, die Wahrheit in Einzelheiten zu suchen, selbst in den Weg geworfen hat!

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