Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Siebtes Kapitel

War meine Einbildungskraft schon bis zum äußersten erregt gewesen, um wieviel mehr war sie das jetzt. Wie konnte ich mich der einförmigen Gutsverwaltung widmen oder mich für das Schindeldach eines Kätners oder die Bootsegel eines Fischers interessieren, während ich in Gedanken vergebens nach einer Erklärung der Rätsel suchte, in deren Netze ich mich verstrickt sah. Wohin ich auch gehen mochte, überall sah ich nur den viereckigen, weißen Turm von Cloomber über die Bäume hinausragen; und unter dem Turme lebte diese unglückliche Familie und wartete und wachte, wachte und wartete – auf was?

Das war die einzige Frage, die wie eine unübersteigbare Schranke am Ende jedes Gedankenganges sich vor mir auftürmte. Schon als ein Rätsel an und für sich betrachtet, hatte das die Heatherstonesche Familie umgebende Geheimnis eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Nachdem nun gar das Mädchen, das ich vieltausendmal mehr liebte als mich selbst, so tief bei der Lösung desselben interessiert war, fühlte ich, daß es mir bis zur endlichen Aufklärung des Problems vollends unmöglich sein würde, meine Gedanken irgendwelchen anderen Gegenständen zuzuwenden. Mein guter Vater hatte einen Brief von dem Gutsherrn aus Neapel empfangen, in dem dieser uns mitteilte, daß ihm der klimatische Wechsel wohlgetan habe und daß er sobald nicht nach Schottland zurückzukehren gedenke. Dies war uns allen ganz  angenehm, denn mein Vater hatte in Branksome einen für seine Studien sehr geeigneten Platz gefunden, und es würde ihm sehr schwer geworden sein, in das geräuschvolle Treiben einer großen Stadt zurückzukehren. Was aber meine liebe Schwester und mich selbst anbelangte, so hatten wir, wie gesagt, noch stärkere Gründe, uns nach den Mooren von Wigtownshire hingezogen zu fühlen.

Trotz meines Zusammenstoßes mit dem General – oder vielleicht gerade deswegen – ging ich täglich mindestens zweimal nach dem benachbarten Cloomber hinüber, um mich zu überzeugen, ob alles in Ordnung sei. Er hatte anfangs meine Aufdringlichkeit schroff zurückgewiesen, hatte mich aber schließlich halb und halb in sein Vertrauen gezogen und mich sogar um meine Hilfe gebeten; ich fühlte infolgedessen, daß ich mit ihm auf einem anderen Fuße stand als bisher, und daß er sich durch meine Gegenwart kaum mehr belästigt fühlen würde.

In der Tat war er, als ich ihn nach einigen Tagen traf, während er die Umzäunung überschritt, sehr höflich gegen mich, obwohl er keinerlei Anspielung auf unsere frühere Unterredung machte. Er schien noch immer außerordentlich nervös zu sein. Alle Augenblicke fuhr er auf und blickte verstört um sich. Ich hoffte im stillen, daß seine Tochter recht gehabt hatte, als sie mir den fünften Oktober als den kritischen Tag bezeichnete, denn es war mir klar, als ich seine glühenden Augen und zuckenden Hände sah, daß niemand lange in einem solchen Zustande nervöser Spannung leben könne.

Ich sah, daß er die losen Latten hatte festmachen lassen, so daß unser früheres Schlupfloch jetzt verschlossen war, und obwohl ich den ganzen langen Zaun entlang schlich, war ich nicht imstande, eine andere Stelle zu finden, durch die ein Eintritt zu bewerkstelligen gewesen wäre. Durch die Spalten der Umzäunung hindurch konnte ich hier und da einen Blick auf das Schloß werfen, und eines Tages sah ich am Fenster des unteren Stockwerks einen rauh aussehenden Mann von mittlerem Alter, den ich für Israel Stakes, den Kutscher hielt. Von Gabriele oder Mordaunt war nichts zu sehen, und ihre Abwesenheit beunruhigte mich. Ich war überzeugt, daß, wenn sie nicht gewaltsam zurückgehalten würden, sie sich sicher mit meiner Schwester oder mit mir in Verbindung gesetzt hätten. Meine Befürchtungen steigerten sich, als Tag auf Tag verging, ohne daß wir das geringste von ihnen gehört oder gesehen hätten.

Eines Morgens – es war der zweite Oktober – ging ich dem Schlosse zu, in der Hoffnung, vielleicht etwas von meinem Liebling zu erfahren. Da sah ich einen Mann auf einem Steine neben dem Wege hocken. Als ich näher kam, konnte ich sehen, daß es ein Fremder war, und nach seinen staubigen Kleidern und seinem abgerissenen Aussehen zu urteilen, schien er von weit her gekommen zu sein. Er hatte einen großen Knust Brot auf dem Knie und ein Taschenmesser in der Hand. Aber er hatte augenscheinlich sein Frühstück gerade beendet, denn er klopfte die Brocken von seinen Kleidern und erhob sich, als er  meiner gewahr wurde. Da ich die große Statur des Kerls bemerkt hatte und sah, daß er seine Waffe noch in der Hand hielt, blieb ich auf der anderen Seite des Weges, da ich wohl wußte, daß Entbehrung Menschen desperat macht, und fürchtete, daß die glänzende Kette auf meiner Weste auf der einsamen Landstraße eine zu große Versuchung sein könnte.

Meine Befürchtungen erwiesen sich als begründet, denn der Kerl trat in die Mitte des Weges und verhinderte mich am Weitergehen.

»Na, alter Schwede,« sagte ich mit affektierter Sorglosigkeit, »was kann ich für Sie tun?«

Sein Gesicht war von Wind und Wetter mahagonibraun gegerbt, und eine tiefe Narbe, die vom Mund bis zum Ohre reichte, verschönerte sein Aussehen nicht gerade. Sein Haar war ergraut, aber seine Figur kräftig, und seine Pelzmütze saß schief über einem Ohre, was ihm ein burschikoses halb militärisches Aussehen gab. Alles in allem genommen hatte ich den Eindruck, daß er einer der gefährlichsten Typen von Landstreichern war, die ich je gesehen hatte.

Anstatt auf meine Frage zu antworten, betrachtete er mich eine Zeitlang schweigend mit seinen mürrischen, blutunterlaufenen Augen und ließ dann sein Messer zusammenklappen.

»Sie sind kein Leutefänger!« sagte er. »Zu jung, vermutlich! In Pailey haben sie mich ins Loch gesteckt, und in Wigtown haben sie mich ins Loch gesteckt, aber, zum Henker noch mal, wer jetzt wieder  Hand an mich legt, der soll zeitlebens an Korporal Rufus Smith denken! Es ist ein verdammt feines Land, wo man ’nem Menschen keine Arbeit geben will und ihn sodann noch einsperrt, weil er keinen Nahrungsausweis beibringen kann.«

»Es tut mir leid, einen alten Soldaten so heruntergekommen zu sehen,« sagte ich. »Bei welchem Regiment dienten Sie denn?«

»Batterie H., reitende Artillerie. Zum Teufel mit dem ganzen Dienst und allen, die darin sind! Jetzt bin ich fast sechzig Jahre alt, mit einer Bettelpension von achtunddreißig Pfund zehn Schilling – nicht genug, um Bier und Tabak zu kaufen!«

»Ich sollte meinen, daß achtunddreißig Pfund zehn Schilling Ihnen in Ihren alten Tagen ganz willkommen sein würden,« bemerkte ich ernst.

»Meinen Sie?« antwortete er höhnisch und streckte sein verwittertes Gesicht vor, bis es fast das meinige berührte. »Wieviel, glauben Sie wohl, ist der Schmiß mit dem Tulwar da wert? Und mein Fuß, in dem die Knochen klappern wie ein Sack voll Würfel. Was ist das wert? Und eine Leber wie ein Schwamm und Schüttelfrost bei jedem Ostwind – was kostet das unter Brüdern? Würden Sie die Bescherung für die schmutzigen vierzig Pfund jährlich nehmen – wirklich?«

»Wir sind arme Leute in dieser Gegend,« antwortete ich. »Hier würden Sie für einen reichen Mann gelten.«

»Freilich,« sagte er, indem er seine schwarze Pfeife aus der Tasche zog und mit Tabak stopfte, »das hier  sind einfache Leute mit einfachen Bedürfnissen. Aber ich weiß zu leben, und solange ich noch einen Schilling in der Tasche habe, will ich ihn ausgeben, wie ein Schilling ausgegeben werden muß. Doch da Sie gerade da vor mir stehen – was ich Sie fragen wollte: Haben Sie in dieser Gegend wohl etwas von einem gewissen Heatherstone gehört, der früher Oberst des 21. Bengalischen Regiments war? Ich hörte in Wigtown, daß er irgendwo hier in der Nähe wohnt.«

»Er wohnt in dem großen Hause dort drüben!« sagte ich, nach dem Turm von Cloomber deutend. »Sie werden das Tor nicht weit von hier finden, aber der General hat Besucher nicht gern.«

Der letzte Teil meiner Rede war in den Wind gesprochen, denn sowie ich ihm nur das Tor gezeigt hatte, stiefelte Korporal Rufus Smith auch schon darauf los. Sein Gang war der wunderlichste, den ich je gesehen habe. Mit seinem rechten Fuße berührte er nur einmal in sechs Schritten den Boden, während er sein linkes Bein mit solcher Energie und solchem Schwunge gebrauchte, daß er mit staunenerregender Schnelligkeit vorwärts kam. Ich war so überrascht, daß ich mit offenem Munde auf dem Wege stand und seiner klotzigen Gestalt nachsah, bis mir plötzlich einfiel, daß ein Zusammentreffen zwischen diesem kurz angebundenen Manne und dem cholerischen, hitzköpfigen General ernsthafte Folgen haben könnte. Ich folgte ihm deshalb, als er wie ein großer, unbeholfener Vogel dahinhüpfte, und holte ihn beim Torwege ein, wo er durch das Gitterwerk den dunklen Fahrweg entlang spähte.

»Er ist doch ein schlauer aller Fuchs!« sagte er, sich nach mir umsehend und nach dem Schloß hinnickend. »Und das ist sein Bungalow da zwischen den Bäumen, nicht wahr?«

»Das ist sein Haus, ja!« antwortete ich. »Aber ich würde Ihnen raten, etwas höflicher zu sein, falls Sie beabsichtigen, den General zu sprechen. Er ist nicht der Mann, der sich viel bieten läßt.«

»Da haben Sie recht. Er war immer eine harte Nuß. Aber kommt er da nicht eben selbst die Allee entlang?«

Ich guckte durch die Gittertür und sah, daß es wirklich der General war, der auf uns zueilte. Er hatte uns entweder gesehen oder er hatte unsere Stimmen gehört. Als er herankam, blieb er von Zeit zu Zeit stehen und beobachtete uns durch den dunklen Schatten der Bäume hindurch, als ob er nicht wüßte, ob er kommen sollte oder nicht.

»Er mustert das Terrain!« flüsterte mein Begleiter, heiser lachend. »Er ist bange, und ich weiß weshalb. Er will sich nicht wie eine Maus in der Falle fangen lassen, solange er es vermeiden kann, der alte Fuchs!«

Dann sich plötzlich auf die Zehen stellend, streckte er die Hand durch das Gitter und fuchtelte damit hin und her.

»Hierher, mein tapferer Kommandant!« schrie er dabei aus vollem Halse. »Hierher! – Die Küste ist klar und kein Feind in Sicht!«

Dieser wohlbekannte Anruf beruhigte den General, denn er kam stracks auf uns zu, obgleich ich an seiner  hochroten Gesichtsfarbe sehen konnte, daß es gewaltig in ihm kochte.

»Was, Sie hier, Herr West?« sagte er, als sein Blick auf mich fiel. »Was wünschen Sie, und wozu haben Sie diesen Kerl mitgebracht?«

»Ich habe ihn nicht mitgebracht,« antwortete ich etwas verstimmt, da er mich für die Anwesenheit des abgerissenen Landstreichers verantwortlich zu machen schien. »Ich fand ihn auf der Landstraße dort, und da er wissen wollte, wo Sie wohnen, zeigte ich ihm den Weg. Ich weiß nichts von ihm.«

»Nun, was wünschen Sie von mir?« fragte der General finster meinen Begleiter.

»Bitte, mein Herr,« sagte der ehemalige Korporal mit weinerlicher Stimme, und die Unterwürfigkeit, mit der er seine Pelzmütze berührte, stand in merkwürdigem Kontrast zu seiner vorherigen Unverschämtheit. »Bitte, mein Herr, ich bin ein alter Artillerist im Dienste der Königin, und da ich Ihren Namen von Ostindien her kenne, dachte ich, daß Sie mich vielleicht als Stallknecht oder Gärtner oder sonstwie unterbringen könnten.«

»Es tut mir leid, daß ich nichts für Sie tun kann!« antwortete der alte Soldat kalt.

»Dann geben Sie nur doch eine Kleinigkeit, um mir weiter zu helfen, mein Herr,« bat der Landstreicher. »Sie werden doch einen alten Kameraden wegen ein paar Rupien nicht verkommen lassen. Ich war mit der Saleschen Brigade in den Pässen, mein Herr, und auch bei der zweiten Einnahme von Kabul.«

General Heatherstone blickte den Bettler scharf an, sagte aber nichts.

»Ich war in Ghuznee, als durch das Erdbeben die Wände zusammenfielen und wir viertausend Afghanen keinen Büchsenschuß weit von uns fanden. Fragen Sie mich nur aus, und Sie werden sehen, ob ich lüge oder nicht. Als wir jung waren, haben wir dies alles zusammen durchgemacht, und jetzt wohnen Sie in einem schönen Bungalow, und ich soll in meinen alten Tagen auf der Landstraße sterben. Ist das billig?«

»Sie sind ein unverschämter Halunke!« sagte der General. »Wären Sie ein guter Soldat gewesen, so brauchten Sie jetzt nicht zu betteln. Keinen Pfennig bekommen Sie!«

»Halt, noch ein Wort, mein Herr!« rief der Vagabund, als der andere sich schon abwandte. »Ich war mit im Terada-Paß!«

Der General fuhr herum, als ob die Worte ein Pistolenschuß gewesen wären.

»Was – was sagen Sie?« stammelte er.

»Ich bin mit im Terada-Paß gewesen, mein Herr, und ich habe dort einen Mann mit Namen Ghoolab Shah gekannt!« Tiefe letzten Worte zischte er mit gedämpfter Stimme, und ein höhnisches Grinsen breitete sich über sein Gesicht aus.

Die Wirkung dieser Worte auf den General war eine ganz außerordentliche. Er stolperte vom Gitter zurück. Sein gelbes Gesicht färbte sich aschgrau. Eine Zeitlang war er zu aufgeregt, um zu sprechen. Endlich stieß er hervor: »Ghoolab Shah! … Wer sind Sie, daß Sie Ghoolab Shah kennen?«

»Sehen Sie mich doch einmal genauer an!« antwortete der Landstreicher. »Ihre Augen sind nicht mehr so scharf, wie vor vierzig Jahren!«

Der General warf einen langen prüfenden Blick auf den ungewaschenen Wanderer vor ihm.

»Gott sei bei uns!« rief er dann. »Das ist ja Korporal Rufus Smith!«

»Endlich haben Sie es erraten!« sagte der andere, vor sich hin lachend. »Das hat lange gedauert, bis Sie mich erkannten. Vor allen Dingen schließen Sie jetzt einmal das Tor auf. Ich mag mich nicht gern durch ein Gitter hindurch unterhalten. Es erinnert mich immer zu sehr an die Zehnminutenbesuche im Zellengefängnis!«

Der General, aus dessen Antlitz noch die Spuren seiner Aufregung deutlich sichtbar waren, schob die Riegel mit seinen nervösen, zitternden Fingern zurück. Es kam mir vor, als ob ihm bei seinem Zusammentreffen mit Korporal Rufus Smith ein Stein vom Herzen gefallen sei, und doch zeigte sein Benehmen, daß er dessen Anwesenheit durchaus nicht mit ungemischten Gefühlen betrachtete.

»Ich habe mich oft gefragt, Korporal,« sagte er, während er das Tor öffnete, »ob Sie tot oder lebendig seien. Ich habe gar nicht mehr gehofft, Sie noch einmal wiederzusehen. Wie ist’s Ihnen denn in all diesen Jahren ergangen?«

»Wie’s mir ergangen ist?« antwortete der Korporal grob. »Meistenteils bin ich besoffen gewesen. Sowie ich meine Pension erhalte, lege ich das Geld  in Schnaps an, und so lange wie der aushält, habe ich etwas Ruhe. Wenn’s alle ist, verlege ich mich aufs Fechten; teilweise um Geld zum Saufen zu erbetteln, teilweise – um Sie zu suchen.«

»Sie werden entschuldigen, daß wir uns über Privatangelegenheiten unterhalten, West,« sagte der General, sich nach mir umsehend, denn ich wollte gerade fortgehen. »Verweilen Sie noch ein wenig. Sie wissen sowieso schon etwas von dieser Geschichte, und es ist sehr gut möglich, daß Sie sich eines Tages mit uns in einem Netze befinden.«

Korporal Rufus Smith starrte mich mit offenem Munde an.

»Nanu?« sagte er. »Wie kommt denn der dazu?«

»Freiwillig, ganz freiwillig!« erklärte der General eilig, mit halblauter Stimme. »Er ist ein Nachbar von mir und hat sich erboten, uns zu helfen, wenn es nötig sein sollte.«

Diese Erklärung schien die Überraschung des herkulischen Korporals noch zu vergrößern.

»Soll mich doch der – –!« rief er bewundernd aus. »Wer hat je so was gehört!«

»Und da Sie mich jetzt gefunden haben, Korporal Smith,« sagte der General, »was wünschen Sie von mir?«

»Alles und jedes: ein Dach über meinem Haupte, Kleidung und Essen und vor allen Dingen Schnaps!«

»Ich werde Sie beherbergen,« sagte der General langsam, »und tun, was in meinen Kräften steht. Aber Disziplin muß sein, Smith, ohne das geht’s nicht. Ich bin der General und Sie der Korporal;  ich befehle, und Sie gehorchen. Lassen Sie sich das nicht zweimal sagen!«

Der Landstreicher richtete sich stramm in die Höhe und grüßte militärisch.

»Ich kann Sie als Gärtner annehmen und den Kerl, den ich jetzt habe, loswerden. Was Schnaps anbelangt, so werden Sie ein bestimmtes Quantum erhalten und nicht mehr. Wir sind hier keine starken Trinker im Schlosse.«

»Nehmen Sie selbst denn kein Opium oder sonst etwas?« fragte der Korporal.

»Nie!« sagte der General entschieden.

»Dann haben Sie mehr Courage, als ich jemals haben werde, das steht fest. Kein Wunder, daß Sie das Ehrenkreuz im Aufstande gewonnen haben. Wenn ich jede Nacht diese Spukereien anhören sollte, ohne dann und wann einen Tropfen zur Stärkung zu nehmen – wahnsinnig würde ich, verrückt!«

General Heatherstone legte einen Finger auf den Mund, als ob er fürchtete, daß sein Kamerad zu viel sagen würde.

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr West,« sagte er, »dafür, daß Sie den Mann hierher begleitet haben. Ich würde nie einen alten Kameraden verkommen lassen, und wenn ich seinen Bitten nicht eher entsprach, so war es nur, weil ich die Wahrheit seiner Aussagen bezweifelte. Gehen Sie nur nach dem Schlosse hinauf, Korporal, ich werde Ihnen gleich folgen. – Armer Teufel!« fuhr er fort, als er den alten Soldaten in der vorhin erwähnten Weise die Allee entlang stolpern sah. »Er ist von einem Vierundsechzigpfünder am  Fuß getroffen worden und die Knochen sind zermalmt; aber der eigensinnige Schafskopf wollte den Ärzten nicht erlauben, ihn zu amputieren. Ich erinnere mich seiner jetzt als eines schneidigen jungen Soldaten in Afghanistan. Wir haben zusammen ganz seltsame Abenteuer durchgemacht, von denen ich Ihnen später vielleicht einmal erzählen werde. Ich hege deshalb ein leicht erklärliches Wohlwollen für den Mann und hülfe ihm gern aus. Hat er Ihnen irgend etwas über mich erzählt, ehe ich kam?«

Angsthafte Spannung lag in der Frage.

»Kein Wort!« erwiderte ich.

»O,« meinte der General nachlässig, aber mit einer deutlichen Gebärde der Erleichterung, »ich glaubte, er hätte am Ende von den guten alten Zeiten geplaudert. Ich muß jetzt aber fort und mich nach ihm umsehen, sonst werden mir die Bedienten bange. Eine Schönheit ist er gerade nicht. Gott befohlen!«

Der alte Mann winkte mir zu, wandte sich dann ab und eilte den Fahrweg hinaus, dem unerwarteten Ankömmlinge nach, während ich um das hohe, schwarze Lattenwerk herumspazierte und durch jede Spalte hindurchlugte, ohne aber eine Spur von Mordaunt oder von seiner Schwester entdecken zu können.

War Cloomber-Hall ihnen ein Kerker geworden? Was konnte das alles nur zu bedeuten haben? Was sogar die Kinder zu Gefangenen in ihres eigenen Vaters Hause machte, was konnte das nur für ein Geheimnis sein, was für ein schier unfaßliches, unenträtselbares Geheimnis?

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