Das Geheimnis von Cloomber-Hall – Nachwort

Der Verfasser des »Geheimnisses von Cloomber Hall« und des früher in der Universal-Bibliothek erschienenen Romans »Onkel Bernac«, Sir Arthur Conan Doyle, stammt aus einer künstlerisch hervorragend begabten Familie. Sein Großvater und sein Onkel waren berühmte Karikaturenzeichner; letzterer auch langjähriger Mitarbeiter des Witzblattes »Punch«, dessen Umschlagzeichnung von ihm stammt. Auch sein Vater, der am Finanzamt in Edinburg angestellt war, hatte ausgesprochen künstlerische Neigungen und Fähigkeiten.

Conan Doyle wurde am 22. Mai 1859 in Edinburg geboren, empfing die Grundlagen seiner Bildung auf dem katholischen Gymnasium Stonyhurst und in Deutschland [richtig: Österreich], studierte an der Edinburger Universität Medizin und ließ sich 1882 als praktischer Arzt in dem Badeort Southsea bei Portsmouth nieder, wo er sich 1886 verheiratete.

Nachdem er schon als Student Mitarbeiter von »Chambers Journal« gewesen war, erregte er in den Jahren 1887/88 die Aufmerksamkeit weiterer Kreise durch seine Erzählungen

»A Study in Scarlet«, »Micah Clarke«, »The Captain of the Polestar« und »The Mystery of Cloomber«. Nachdem er in den beiden nächsten Jahren noch »The Sign of Four«, »The White Company« und »The Firm of Girdlstone« veröffentlicht, auch größere Reisen nach den Polargegenden und nach der Westküste von Afrika gemacht hatte, gab er 1890 seine ärztliche Praxis auf, um sich ganz der Literatur zu widmen. Im Jahre 1891 veröffentlichte er »The Adventures of Sherlock Holmes«, denen in den folgenden Jahren »The Memoirs of Sherlock Holmes«, »The Exploits of Brigadier Gerard«, »Uncle Bernac«, »The Hound of the Baskervilles«, »The Adventures of Gerard«, »The Return of Sherlock Holmes« und zahlreiche andere Erzählungen sich anschlossen.

Den Burenkrieg machte er als Militärarzt mit; für seine Bemühungen, die Zeitgenossen in Europa und in den Vereinigten Staaten über die Ursachen des Krieges und seine Führung durch die Engländer aufzuklären, wurde er 1902 in den Ritterstand erhoben. Weniger erfolgreich war er in der Politik: seine Versuche, im Jahre 1900 als Vertreter von Edinburg ins Parlament zu gelangen, waren vergeblich.

Die in diesem Bändchen veröffentlichte Erzählung »Das Geheimnis von Cloomber Hall« gehört zu Doyles frühen Werken, zeigt aber seine Kunst, mit einfachsten Mitteln atemlose Spannung zu wecken, zu unterhalten und überraschende Lösungen herbeizuführen, schon voll ausgebildet. Der Stoff lag einem Engländer nicht so fern wie einem Deutschen der damaligen Zeit. Das Interesse für den Buddhismus war durch Edwin Arnolds acht Jahre früher erschienenes Gedicht »Die Leuchte Asiens« (Univ.-Bibl. Nr. 2941/42) in weiteste Kreise getragen und hatte durch die theosophische Werbetätigkeit der Frau Blavatzki neue Nahrung erhalten. Der Glaube an übernatürliche Kräfte, die im Menschen schlummern und durch die sogenannte Jogatechnik geweckt werden können, ist in den englisch sprechenden Ländern weit verbreitet; die in Deutschland bis in die jüngste Zeit herrschende Skepsis hat es dort nie gegeben. Die Verwendung eines Motivs, wie es das der gespenstischen Klingel ist, das man in Deutschland der achtziger Jahre nur in der Kolportageliteratur geduldet hätte, erregte daher bei englischen Lesern um so weniger Anstoß, je gebildeter sie waren.

Anerkannter und unerreichter Meister ist Conan Doyle  aber in einer Literaturgattung ganz modernen Ursprungs, in der sogenannten Detektivgeschichte.

Das Mutterland der Detektivgeschichte ist Frankreich, und ihr Vater ein bekehrter Dieb namens Vidocq, der im Jahre 1817 in Paris das erste amtliche Detektivbureau organisierte und nach zehnjähriger Tätigkeit im Staatsdienste durch die Herausgabe seiner Erinnerungen die Detektivliteratur ins Leben rief. Diese Erinnerungen wurden sofort ins Englische übersetzt und erlebten viele Auflagen, in England sowohl wie in den Vereinigten Staaten. Die größten Meister der Erzählungskunst: Balzac, Alexander Dumas, Eugen Sue, Victor Hugo in Frankreich, Dickens in England, verdanken diesen Memoiren eines ehemaligen Verbrechers die wertvollsten Anregungen, und die Meister der Detektivgeschichte, der Amerikaner Edgar Allan Poe, der Franzose Gaboriau, der Engländer Conan Doyle wurzeln ganz und gar darin.

Der Detektiv muß Eigenschaften in sich vereinigen, die bis zu einem gewissen Grade einander ausschließen: er muß ein Dichter sein, um das Seelenleben seiner Gegner nacherleben zu können; er muß ein scharfer Denker sein, um aus den geringfügigen Einzelheiten, die seiner Beobachtung zugänglich sind, lange Ketten von Schlüssen ziehen zu können; er muß endlich ein Mann der Tat sein, um sein Opfer, nachdem er es aufgespürt hat, auch zur Strecke bringen zu können.

Dupin, der Held der Poeschen Erzählungen, verkörpert den rein intellektuellen Detektiven, den Dichter, der sich mit dem Verbrecher seelisch identifiziert und dadurch in den Stand versetzt wird, dessen Gedanken noch einmal zu denken, der aber mit dieser Fähigkeit des Einfühlens und Nacherlebens den zergliedernden Verstand des Mathematikers verbindet. Bei Poe gibt es keine atemlosen Verfolgungen über Dächer und Gasometer, wie sie Ernst Reichert  und Max Landa so gern im Film zeigen; Dupin ist nur ein Rätselrater und Problemlöser. Eine Frau und ihre Tochter werden in einem Hause der Rue Morgue in Paris ermordet aufgefunden. Nachbarn haben eine seltsame Stimme gehört: der Mörder muß übermenschliche Kraft und Gewandtheit besessen haben und kann nur am Blitzableiter in das Zimmer der Ermordeten hineingelangt sein. Jedes glaubhafte Motiv für die Tat fehlt. Die Polizei ist ratlos; nur Dupin kommt auf die Vermutung, dag nicht ein Mensch, sondern ein großer Affe der Täter gewesen sein muß, und die Bekenntnisse des Eigentümers des Affen bestätigen seine Annahme. (Siehe Poe, »Seltsame Geschichten«, Band 3. Univ.-Bibl. Nr. 2176.)

Ein Rätsel lösen, das man selbst ausgegeben hat, ist schließlich kein Kunststück: Poe zeigte aber, daß er ebenso schwierige Rätsel auch dann lösen konnte wenn sie von andern aufgegeben waren, indem er z. B. die sehr verwickelte Fabel des damals gerade erscheinenden Romans »Our Mutual Friend« (Unser gemeinsamer Freund) von Charles Dickens lange vor dem Erscheinen der letzten Lieferung richtig angab und im »Mystery of Mary Roget« einen rätselhaften Mord aufklärte, der im Jahre 1842 an einer Neuyorker Zigarrenmacherin ähnlichen Namens begangen war. Auch hier waren alle Anstrengungen der Polizei, das Geheimnis aufzuklären, vergeblich gewesen: als aber zwei an dem Morde Beteiligte später ein Geständnis ablegten, stellte es sich heraus, daß alles sich genau so zugetragen hatte, wie Poe erzählt hatte.

Das Meisterstück dieser Gattung ist »The Purloined Killer« (Der entwendete Brief). Ein intriganter Minister hat einer hochgestellten Persönlichkeit einen kompromittierenden Brief stehlen lassen. Die Polizei durchsucht das Haus des Ministers, öffnet alle Schränke, Schreibtische, Kommoden, durchsägt Tisch- und Stuhlbeine, überfällt  den Minister aus der Straße und durchsucht ihn auch persönlich; alles vergebens. Der Polizeipräfekt ist eben nur ein gewandter Routinier, ein bloßer Mathematiker, kein Dichter, der fähig ist, fremdes Seelenleben wie eigenes zu erleben. Nur so kann er aber verstehen, was für Vorsichtsmaßregeln ein Verbrecher treffen wird. Dupin wird zu Rate gezogen, verspricht, den Brief bis zum nächsten Tage herbeizuschaffen und liefert ihn auch richtig zur angegebenen Zeit ab. Seine Methode ist ebenso genial wie einfach. Er sagt sich: der Minister kennt den Polizeipräfekten und die gedankenlose Gleichmäßigkeit polizeilicher Maßnahmen. Er wird den Brief daher ganz sicher nirgends versteckt haben, wo die Polizei ihn suchen würde. Die Polizei sucht aber ganz sicher das Haus und die Person des Ministers ab. Also hat er den Brief weder in seinem Hause noch an seiner Person versteckt; ja noch mehr: wahrscheinlich hat er ihn überhaupt nicht versteckt, sondern irgendwo ganz offen hingelegt, wo ihn jeder auf den ersten Blick sehen muß. Je offener der Brief nämlich daliegt, um so weniger wird ein Polizist auf den Gedanken kommen, daß dies das so lange vergeblich gesuchte Schriftstück sein könnte. Er wird den Brief zwar sofort sehen, aber gerade deswegen überhaupt nicht beachten. Dupin besucht also den Minister, sieht den Brief ganz offen in einem Kartenhalter stecken, vertauscht ihn bei einem zweiten Besuch mit einem ähnlich aussehenden und liefert den richtigen Brief an den Eigentümer ab. (Poe, »Seltsame Geschichten«, Band 5. Univ.-Bibl. Nr. 2257.)

Das Gegenstück zu diesem rein geistigen Detektiven Poes sind die Helden Gaboriaus, Vater Tabaret, der Amateur, und Lecoq, der Professional. Beide sind weder Denker noch Dichter, sondern Jäger. Sie analysieren nicht und spinnen keine Theorien, sondern Hetzen den Verbrecher wie Bluthunde, die eine Fährte verfolgen. Kombiniert man  diese beiden Typen und stattet sie mit den Kenntnissen eines modernen Chemikers, Physikers, Bakteriologen, Graphologen und Mediziners aus, so hat man Sherlock Holmes, den Helden der Conan Doyleschen Erzählungen, Dupin ist verkörperter Geist, Lecoq verkörperte Energie: Sherlock Holmes ist Energie, beherrscht von Geist und maskiert durch ruhige Gleichgültigkeit. Er verbindet die Eigenschaften Dupins und Lecoqs, aber er ist wahrscheinlicher als beide, weil er außer Geist und Energie auch exakte Kenntnisse besitzt und daher mehr seinen Fähigkeiten, weniger dem Zufall verdankt als die beiden andern. Auch in der Darstellung verbindet Conan Doyle die knappe Berichterstattung Poes mit der Art Gaboriaus, die eigentliche Erzählung zu unterbrechen, um durch die eingefügte Lebensgeschichte des Verbrechers dessen Beweggründe darzulegen.

Außer diesen literarischen Mustern scheint Doyle aber auch noch ein lebendiges Vorbild für seinen Helden gehabt zu haben. Er hatte als Student in Edinburg bei einem Professor Dr. Bell gehört, der die Fähigkeit und die Gewohnheit hatte, aus den geringfügigsten, von allen andern übersehenen Kleinigkeiten die ganze Lebensweise des Patienten, seinen Charakter und seine Vergangenheit aufzubauen. Dieser lebende Dupin scheint das Modell für Sherlock Holmes gewesen zu sein.

Das Schema der Sherlock-Holmes-Geschichten ist fast immer dasselbe. Ein Dr. Watson besucht seinen Freund Sherlock Holmes in dessen Wohnung in Baker Street, erhält dort einen neuen Beweis von dessen durchdringender Verstandeskraft oder wird von ihm in irgendein neues Geheimnis eingeweiht. Die Klingel geht und ein Klient kommt herein. Wenn Holmes seinen Freund nicht schon über die Wünsche des Klienten aufgeklärt hat, so erzählt dieser jetzt seine Geschichte; im andern Falle bringt er  neue Einzelheiten dazu. Nachdem der Detektiv sich bereit erklärt hat, den Fall aufzuklären, geht der Klient weg, und bald darauf macht sich Holmes entweder allein oder in Gesellschaft seines Freundes auf den Weg nach dem Schauplatz des Verbrechens, untersucht alles genau und verhört diese oder jene ihm verdächtig erscheinende Person. Die Lösung des Rätsels erfolgt entweder zu Hause oder an Ort und Stelle nach aufregenden Zwischenfällen. In jedem Falle liebt Holmes eine überraschende Enthüllung. Einen Bauunternehmer aus Norwood räuchert er aus seinem Versteck heraus; einem geängstigten Diplomaten zeigt er ein gestohlenes Dokument in demselben Kasten, aus dem es entwendet worden ist: er streicht ein vermißtes Rennpferd an und läßt es in einem Jagdrennen unter den Augen des ahnungslosen Eigentümers laufen, oder er serviert in einer Schüssel zum Frühstück den Vertrag, dessen Verlust den Frühstückenden zu ruinieren gedroht hat.

Obgleich Holmes in erster Linie ein Denker ist, erweist er sich doch zuweilen als genau so tätig wie ein Detektiv aus der Schule Gaboriaus. In der Erzählung »A Scandal in Bohemia« soll er kompromittierende Briefe wieder holen, die sich in den Händen einer Abenteurerin befinden. Er verfolgt die Dame zu ihrer heimlichen Trauung, tritt hervor, um dabei als Zeuge zu dienen, verkleidet sich als Geistlicher, arrangiert einen Streit vor ihrem Hause und läßt Watson »Feuer!« rufen, damit er, als die Dame ihre Papiere vor der vermeintlichen Gefahr in Sicherheit bringt, sich den Ort merken kann, wo sie diese versteckt hat. In »The Adventures of Milverton« brechen Holmes und Watson auf der Suche nach gewissen Dokumenten in das Haus eines Erpressers ein, werden Zeugen der Ermordung des Erpressers durch seine Geliebte, verbrennen den Inhalt seines Geldschranks und entkommen.

Seine eigentliche Spezialität ist aber die scharfsinnige und phantasievolle Ausdeutung von scheinbar belanglosen Kleinigkeiten. Aus der Form eines Hutes erschließt er den Charakter seines Trägers; an einem goldenen Kneifer erkennt er, daß dessen Eigentümerin eine gut angezogene Dame mit runden Schultern, gerunzelter Stirn, spähendem Gesichtsausdruck, dicker Nase und dicht zusammenstehenden Augen ist, die in der letzten Zeit zweimal beim Optiker gewesen sein muß. In seiner »Double-Barrelled Detective Story« (Eine »doppelläufige« Detektiv-Geschichte) hat Mark Twain diesen fast übermenschlichen Scharfsinn sehr lustig parodiert, indem er zeigt, daß man aus denselben Voraussetzungen mit genau derselben Folgerichtigkeit auch das Gegenteil schließen kann.

Conan Doyle hat, wie erwähnt, seine Erziehung zum Teil in Deutschland [richtig: in Österreich – an der Stella Matutina in Feldkirch] empfangen, und auf diesen Umstand ist vielleicht der recht unenglische Charakter seines Helden zurückzuführen. Holmes ist nämlich alles andere als ein Geschäftsmann: aufs Geldverdienen versteht er sich gar nicht: im Gegenteil: er zeigt in diesem Punkte die ganze Gleichgültigkeit des echten Künstlers, dem es nur um sein Werk, nicht um die Entlohnung zu tun ist. Er spürt Verbrechen auf, weil ihm die Lust an der Jagd und am Geheimnis im Blute sitzt, Geld nimmt er nur selten an und ist es ganz zufrieden, wenn seine berufsmäßigen Kollegen die Belohnung einheimsen, die er verdient hat. Das ist sehr ideal und sehr deutsch, auf keinen Fall aber englisch. Englisch waren die Methoden des berüchtigten englischen Detektiven Jonathan Wild, der erst das Verbrechen selbst veranlaßte, dann die Verbrecher zur Strecke brachte, die Belohnung dafür einsteckte und sich dann auch noch für die Wiederherbeischaffung der gestohlenen Waren bezahlen ließ.

M. Kl.

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